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Schwert und Schild – Sir Morgan, der Löwenritter Band 30: Die Teufelsmaschine

2018 120 Seiten

Leseprobe

Schwert und Schild – Sir Morgan, der Löwenritter # Band 30: Die Teufelsmaschine

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TOMOS FORREST

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ZYKLUS: DIE REBELLEN von Cornwall, Band 17

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IMPRESSUM

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author

© Titelbild: Nach einem Motiv von N.C. Wyeth mit Steve Mayer, 2018

Lektorat: Kerstin Peschel

Ceated by Thomas Ostwald, Alfred Bekker und Jörg Martin Munsonius

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Klappentext:

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Was in Sizilien konstruiert wurde, kann man nur als eine Erfindung des Teufels bezeichnen. Die Wurfmaschine, die Trebouchet genannt wird, ist die Verbesserung aller bisherigen Konstruktionen, die Steingeschosse auf Burgen und Stadtmauern werfen können. Diese Teufelsmaschine ist in der Lage, mit nur geringen Abweichungen stets die gleiche Stelle zu treffen und damit auch die dickste Stadtmauer zum Einsturz zu bringen. Sir Struan of Rosenannon hat jedoch mit der starken und weit tragenden Konstruktion etwas ganz anderes vor. Er hat erfahren, dass man auch Brandsätze auf eine unglaubliche Entfernung versenden kann und fasst einen teuflischen Plan ...

***

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1.

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Es wurde an diesem Tag nicht richtig hell an der Küste. Blauschwarze Wolken trieben von der Keltischen See hinüber in den Kanal und peitschten die Wellen hoch hinauf an die Küste der Grafschaft Devon.

Die schroffe Küste, mit den nur schmalen Stränden davor, bot ihnen zwar Widerstand, aber die Gischt wurde weit hinauf in die Felsen geschleudert, während die zurücklaufende Flut große Mengen Sand und kleinen Steine mit sich zog.

Die kleinen Fischerboote wirkten wie Nussschalen, die ein Spielball der Elemente wurden. Nicht alle hatten die Netze rechtzeitig hereingezogen, zu verlockend war der riesige Schwarm Makrelen, der vor dem Sturm herschwamm und offenbar die Nähe der Küste suchte. Die Netze drohten zu reißen, unter den zahlreichen, zuckenden Fischkörpern, die aus dem Wasser gezogen wurden.

Obwohl die Küstenbewohner seit Generationen erfahrene Fischer stellten, geschahen an diesem Tag zahlreiche Unglücksfälle. So auch mit einem Boot, in dem sich drei kräftige Männer bemühten, die schweren Netze über die Bordwand zu holen. Das Fischerboot hatte bei Kingsand den Schwarm ausgemacht, und obwohl sie bereits am frühen Morgen etwas weiter die Küste hinab, bei Cawsand, schon erfolgreich waren, konnte der Besitzer des Bootes nicht widerstehen, als die silbrig glänzenden Fischkörper dicht unter der aufgewühlten Wasseroberfläche erkennbar waren.

„Raus mit den Netzen, das wird der Fang unseres Lebens!“, kommandierte der alte Fischer und schrie gleich darauf seine beiden Söhne an: „Glotzt mich nicht so dumm an, raus mit den Netzen – da schwimmt ein Vermögen an uns vorüber! Könnt ihr nicht hören, verdammte Brut?“

Mit diesen Worten griff er schon selbst zu den Netzen und warf die Seite mit den Gewichten über Bord. Wortlos griffen die beiden Söhne zu, die sich mit einem raschen Blickwechsel verständigt hatten.

Diese Menschen waren ein hartes, entbehrungsreiches Leben gewohnt, und ihre Eltern und Großeltern hatten es nicht anders erlebt. Das Leben an der Küste war hart, aber es ernährte eine Familie. Wenn nicht die Bedrohung durch immer wieder auftauchende Piratenboote wären, könnte man das einfache Leben in den niedrigen Steinhäusern, um die im Winter der Sturm pfiff, als erträglich bezeichnen.

Die jungen Fischer dachten nicht weiter darüber nach, was hier geschah. Sie erkannten, wie ihr Vater, den Segen des Meeres, der sich ihnen hier zeigte, und hatten nur kurz, nach einem besorgten Blick zum dunklen Himmel, gezögert. Jetzt, wo ihr Vater den Anfang gemacht hatte, gab es kein Zögern mehr. Das Netz versank zwischen den Fischleibern, und die Strömung trieb sie weiter in den Plymouth Sound hinein und würde sie damit weiter dem tobenden Meer entziehen.

Dann gab ihr Vater das Zeichen, und Hand über Hand holten die drei von Wind und Wetter gegerbten Männer das Netz wieder ein. Trotz des drohenden Unwetters trugen die Fischer nur eine einfache Bruche, darüber ein hüftlanges Hemd, weiter nichts. Weder Schuhe noch Beinlinge waren bei dieser Tätigkeit nützlich, sondern wurden im Haus aufbewahrt für die sonntäglichen Kirchgänge.

Die nackten Füße stemmten sich gegen das Holz ihres Bootes, als sie die schwere Fracht aus der Tiefe hievten. Eine sehnige, von Sonne und Salzwasser gegerbte Hand griff in das geknüpfte Netz, silbrig und zappelnd kam die Fischladung höher, aber zugleich neigte sich das Schiffsbord der Wasseroberfläche entgegen. Schon spritze das aufgewühlte Wasser über die Männer, als aber der Älteste seinem Vater einen Warnruf zuschickte, reagierte der noch nicht einmal mit einem Seitenblick. Seine Augen, in dem von zahlreichen, tiefen Furchen durchzogenen, sonnengebräunten Gesicht, waren weit aufgerissen. Die nassen Haare hingen ihm wirr um den Kopf und bis auf die Schulter, sein ebenfalls nasser und wirrer Bart wurde vom Wind fest an die breite Brust gepresst. Die Muskeln und Sehnen der drei Männer waren bis zum Zerreißen angespannt, als sie sich um ihre kostbare Ladung bemühten, aber trotzdem sollte alle Arbeit vergeblich sein.

Mehrere Dinge traten nahezu gleichzeitig ein. Ein Teil des Netzes bei dem alten Fischer riss plötzlich unter der Last ein und gab etwas von seiner Fischladung frei. Durch die heftige Bewegung wurde der Fischer mit auf die Wasseroberfläche gezogen. Er musste seinen festen Halt aufgeben, die nackten Füße rutschten plötzlich auf den Planken ab und im nächsten Augenblick schlug der Mann auf das Wasser.

Ein Schrei des Ältesten ertönte, der sofort das Netz losgelassen hatte und nach dem Vater griff. Zwar erwischte er mit der Linken noch die Schulter, bevor sein Vater versank, aber nun bemühte sich auch der im Wasser Versinkende, sich durch Strampeln und Wassertreten an die Oberfläche zu bringen. Dabei verhedderten sich seine Arme und Beine im Netz, und bevor die anderen die Gefahr richtig einschätzen konnten, vollendete sich das Unglück. Das Boot hatte zu viel Wasser aufgenommen und kenterte. Im nächsten Augenblick folgten die beiden Fischer ihrem Vater in das kalte Wasser und versuchten beim Herabsinken, aus dem sie umschlingenden Netz herauszukommen.

Alle Mühe war vergeblich, jetzt sank das Netz mit seiner Last immer tiefer dem Grund entgegen, und die Bemühungen der drei Fischer wurden immer langsamer. Einzige Zeugen dieser Tragödie waren die Seeleute an Bord einer behäbigen Kogge, die eben vor dem Sturm auf die Bucht von Cawsand zuhielt. Der Schiffsführer hatte Sorge, nicht mehr in den Hafen von Plymouth zu gelangen, denn sein Schiff war hier zu langsam und zu schwer zu steuern, um den anschwellenden Naturgewalten ausweichen zu können.

Als das Fischerboot umschlug, waren sie nur ein paar Taulängen davon entfernt. Einer der Seeleute hatte das Unglück sofort erkannt und dem Schiffsführer auf dem Decksaufbau etwas zugerufen. Aber seine Worte wurden im Pfeifen des Windes unverständlich. Als der Mann auf die Stelle deutete, an der gerade dicke, aufsteigende Luftblasen erschienen, die aber sofort vom Schaum des Meeres verwischt wurden, war keiner der Fischer mehr zu sehen.

Die Kogge rauschte schwer und dick heran, nur getrieben durch ein winziges Stück Leinwand, das gerefft am einzigen Masten sich dennoch unter dem auffrischenden Wind blähte.

Der Seemann griff sich ein Tauende, das für die Sicherheit der Mannschaft am Mast befestigt war, schlang es sich um die Hüfte, stieg auf die Schanz und griff einen der dort befestigten Bootshaken. Während das dickbauchige Schiff seine Geschwindigkeit nicht verringern konnte, fuhr der Seemann mit dem Haken durch das aufgewühlte Meer. Tatsächlich spürte er Widerstand, riss mit aller Kraft an der Holzstange und wäre um ein Haar über Bord gegangen. Dann aber erkannten seine Kameraden, was er tat, sprangen ihm zu Hilfe und zogen wenig später einen Körper aus dem Wasser. Als der Mann auf das nasse Deck gelegt wurde, war nicht erkennen, ob noch Leben in ihm war. Sein Retter jedenfalls gab nicht auf, drehte ihn auf die Seite und schlug ihm mehrfach die geballte Faust in den Rücken.

Nach dem dritten Schlag kam plötzlich ein Wasserschwall aus dem Mund des Fischers, gefolgt von einem tiefen Röcheln und anschließendem Würgen.

„Na, da bist du ja wieder!“, sagte der Seemann mit einem seltsamen Akzent, als der Fischer erstaunt die Augen aufriss und versuchte, seine Umgebung zu erkennen.

Gleich darauf krümmte er sich unter einem erneuten Hustenanfall zusammen und blieb schließlich keuchend und zusammengekrümmt auf dem Deck liegen, als die Kogge den Strand erreichte und der Schiffsführer sie kurzerhand auflaufen ließ.

Wie es sich gleich erweisen sollte, geschah das keinen Moment zu früh. Der bislang blauschwarze Himmel hatte auch den letzten Sonnenstrahl verschluckt, der Wind wandelte sich innerhalb kurzer Zeit zu einem gewaltigen Sturm, die Wellen schlugen weit hinauf an die Felsen von Cawsand und trieben zugleich die Kogge mit einem unangenehmen Knirschen noch weiter den Strand hinauf.

Jetzt waren die Elemente entfesselt, und einer der gefürchteten Frühjahrsstürme zog über die Küste hinauf nach Cornwall, begleitet von einem Regen, der die Menschen fürchten ließ, dass eine neue Sintflut nahe war.

Viele flüchteten sich aus ihren dürftigen Häusern in die festeren Kirchen, knieten vor dem Altar und flehten Gott und alle Heiligen um ihren Schutz an.

Die Küste, um die wichtige Handelsstadt Plymouth, war dem Sturm und dem Regen schutzlos ausgesetzt, einige Dächer der einfachen Fischerhäuser waren schon bei den ersten Böen abgedeckt, Stroh und Reet davongetragen und die Menschen schutzlos dem Wasser ausgesetzt.

An diesem Tag schien die Welt unterzugehen.

Für Bryke, den jungen Fischer, war zumindest ein Teil seiner Welt zerstört.

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2.

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Was wirst du jetzt machen?“

Der Seemann hatte dem jungen Fischer eine Decke gegeben und später dafür gesorgt, dass der Schiffsführer ihm etwas aus seiner Kleiderkiste überließ. Dafür war Bryke sehr dankbar, auch wenn er das Gefühl hatte, seinen Lebensmut verloren zu haben. Wozu sollte er auch noch leben? Sein Vater und sein Bruder waren ertrunken, das Boot untergegangen – damit war seine Existenz zerstört, niemand würde sich weiter um ihn kümmern. Er konnte sich entweder an die Kirchenmauer von Plymouth zu den Bettlern setzen oder sich vielleicht bei den Soldaten melden. Aber eigentlich war er schon zu alt dafür, das Waffenhandwerk zu erlernen.

Niedergeschlagen und frierend hockte er am Strand, dicht neben dem dicken, hölzernen Bootsleib der Kogge. Noch immer regnete und stürmte es, aber das war ihm egal. Als Fischer kannte er das Wetter an der Küste in allen Varianten, und in dieser Lage machte es ihm nichts aus.

„Ich weiß es nicht. Am besten wäre es, ich würde auf dem Grund des Meeres neben meinem Vater und meinem Bruder liegen“, antwortete er deshalb dem freundlichen Seemann mit dem seltsamen Akzent. Wenn er zu ihm in seiner Sprache etwas sagte, hörte es sich seltsam an. Fast war es, als wolle er die Worte singen. Wenn der Seemann mit seinen Kameraden sprach, war es tatsächlich eine Art von Singsang, dazu sehr schnell und mit zahlreichen Gesten unterstrichen.

Er hatte so etwas noch nie gehört und keine Ahnung, woher die Kogge kam. Nur eines wusste er – Nordmänner waren das gewiss nicht mit ihrem kleinen, aber muskulösen Körperbau, den schwarzen Haaren und den dunklen Augen. Obwohl ihm der Seemann, als er so teilnahmslos und nass auf dem Deck der Kogge saß, etwas von den Nordmännern erzählt hatte, die seine Heimat erobert hatten. Aber das war lange her, und inzwischen waren sie längst wieder verschwunden.

Der Seemann hatte noch etwas von seiner Heimat erwähnt. Sicilia nannte er sie und erzählte dazu, dass es sich um eine große, wunderschöne Insel im Mare Mediterraneum gelegen und mit einem großen, gelegentlich Feuer speienden Berg handelte.

Das schien Bryke zu sehr ein Märchen zu sein, wusste man doch längst an der Küste, dass die Seefahrer gern von den unglaublichsten Dingen erzählten, die sie gesehen haben wollten. Die Fischer hatte dafür kaum Augen und Ohren, denn die tägliche Arbeit war hart genug, der Kampf mit den Elementen aufreibend, und wenn da diese Burschen in den Hafen kamen und damit prahlten, wie weit sie auf ihren großen Schiffen gefahren waren, dann hatte ein britannischer Fischer dafür kaum ein Achselzucken.

Höflichkeitshalber hatte sich Bryke auch nach dem Namen seines Retters erkundigt und erfahren, dass er sich Giovanni nannte. Naja, auch damit konnte er nicht so recht etwas anfangen, aber er wollte zumindest freundlich zu dem Mann sein. Er hatte ja nur nach bestem Gewissen gehandelt, als er ihn aus dem Wasser zog. Schließlich konnte er nicht wissen, dass da noch zwei Fischer waren ...

Der Schiffsführer hatte den Männern freigegeben, als die weit auf den Strand hinauf gespülte Kogge sicher und fest an einigen kräftigen Bäumen vertäut lag und damit sicher war, dass sie nicht die nächste Sturmflut wegspülen konnte. Dann wurde Proviant in Fässern und Kisten an Land geschaffen und mehrere Leinwände gegen den Regen aufgestellt und mit Seilen abgespannt. Staunend beobachtete der Fischer, wie hier trotz des noch immer fallenden Regens innerhalb kurzer Zeit eine kleine Zeltstadt entstand, in der sich ein Teil der Mannschaft einrichtete.

„Mein Name ist in deiner Sprache Johann“, sagte Giovanni gerade, um den Fischer aus seinem dumpfen Brüten zu reißen. „Verstehst du? Johann oder Johannes. Oder wie man bei euch meistens sagt: ‚John‘.“

„John ohne Land!“, entfuhr es dem Fischer unwillkürlich, und er starrte den Seemann mit finsterem Blick an.

„Ohne Land?“, lachte der aber fröhlich auf. „Ja, das passt, ich bin John ohne Land. Wozu brauche ich Land? Ich bin ein Seemann, und werde immer ein Seemann bleiben. John ohne Land!“ Er lachte fröhlich ein zweites Mal.

„Nein, das hast du falsch verstanden!“, brummte aber der Fischer ärgerlich. „Das ist kein Seemann, verstehst du? So nennen wir den Prinzen. Verstehst du, Prinz? Den Bruder unseres Königs Richard Löwenherz’.“

„Prinz Johann?“

„Ja. Hast du von ihm gehört? Er hat die Regierung übernommen, weil sein Bruder gefangen genommen wurde. Das muss ganz in der Nähe deiner Heimat gewesen sein.“

Bryke lehnte sich gegen ein Fass und betrachtete das noch immer aufgewühlte Meer. Der Himmel hatte sich etwas verändert, die dunkelblauen Wolken wanderten langsam weiter, der Sturm blies sie in das Landesinnere und ab und zu kam schon mal ein Sonnenstrahl hindurch.

Aber in seinem Kopf war eine große Leere, wenn er an seinen Vater und seinen Bruder dachte. Was sollte er jetzt beginnen? Ihre Mutter war schon vor vielen Jahren gestorben, er hatte keine weiteren Verwandten mehr. Nein, das stimmte nicht. Irgendwo ganz oben in Cornwall lebte sein Cousin, der Sohn des Bruders seines Vaters.

Diese Familie war vor sehr langer Zeit von der Küste fortgezogen und hatte ein ehrbares Handwerk ergriffen, das sie bald zu einigem Wohlstand bringen sollte. Als Schmied kam man in dieser Zeit überall gut an. Wenn es nichts für die Bauern zu arbeiten gab, war es immer ein Schwert oder eine Axt, die geschärft oder neu geschmiedet werden mussten. Denn der Krieg zog durch das Land und kam auch manchmal bis an die Küste zu ihnen.

Wenn er diesen Schmied aufsuchen könnte, war es vielleicht möglich, mit ihm ein Geschäft abzuschließen. Er wollte jedenfalls nichts unversucht lassen, seinen einzigen Verwandten davon zu überzeugen, gemeinsam ein neues Fischerboot zu kaufen. Die Fischgründe vor Britanniens Küste waren reich, es würde ihm gelingen, seine Schulden innerhalb kurzer Zeit zurückzuzahlen.

Andächtig lauschend hatte er vor ein paar Monaten die Geschichte seines Vaters gehört, der eine seltsame Begegnung mit einem Schiff hatte, das für einen Tag in Plymouth angelegt hatte. Er selbst hatte es nicht gesehen, denn er musste Netze flicken und war nicht mit hinüber in die reiche Stadt gefahren, um die Fische auf dem Markt zu verkaufen. Sein Vater berichtete, dass die Aufregung sehr groß in der gesamten Stadt war, denn das Schiff trug das Banner ihres Königs. Man jubelte schon über seine Rückkehr, aber dann sollte es sich herausstellen, dass Richard Löwenherz nicht mit an Bord war. (vgl. Schwert und Schild – Sir Morgan, der Löwenritter # Band 27: Das Schwert des Löwenritters)

„Davon habe ich nichts gehört“, antwortete Giovanni, „aber die zurückkehrenden Kreuzfahrer sind auch nicht nach Sicilia gekommen, sondern in eine der Hafenstädte auf dem Festland, um von dort in ihre Heimatorte zurückzukehren.“

Bryke schien plötzlich einen Entschluss zu fassen, als sein Blick in Richtung Plymouth über die unruhige See gewandert war. Dort lag St. Michael’s Island, eine kleine Insel, die der Familie Valletort gehört. Beim vertrauten Anblick dieser Insel vor der großen Handelsstadt wurde er etwas zuversichtlicher. Vor vielen Jahren hatte ihm sein Vater von der mächtigen Familie Valletort erzählt. Er hatte einst Roger de Valletort auf ähnliche Weise das Leben gerettet wie es Giovanni heute bei ihm getan hat. Die reiche Familie war mit ihrem Gefolge in Plymouth und hatte die Einkäufe auf die Kaianlage der Stadt schaffen lassen. Bryke selbst mochte vielleicht fünf oder sechs Jahre alt gewesen sein und hatte den jungen Roger bewundert, der etwa in seinem Alter gewesen sein mochte. Er war so unglaublich kostbar gewandet und stolzierte auf der Kaimauer entlang wie eine Möwe, dabei hin und her tänzelnd – bis er plötzlich verschwunden war.

Der Junge sprang von seinem Sitz auf und stieß einen Schrei aus. Im gleichen Moment sprang sein Vater über die Kaimauer und tauchte in die Fluten ein, die sich wieder über ihn geschlossen hatten, als Bryke endlich auf der Mauer angekommen war, um etwas zu sehen. Doch da tauchte in einiger Entfernung bereits sein Vater wieder auf und hatte den Jungen an sich gepresst. Strampelnd wie ein Hund trat er Wasser und näherte sich mühsam dem sicheren Ufer.

Hier kamen die ersten Diener laut schreiend herbeigelaufen, um den jungen Roger in Empfang zu nehmen. Dann folgte eine besondere Geschichte, an die sich der Fischerjunge sehr genau erinnerte. Nachdem die adligen Herrschaften erkannt hatten, dass sie ohne das sofortige Eingreifen des Fischers ihr Kind nie wieder gesehen hätten, wurde die Familie auf das Anwesen der Valletort eingeladen.

Damals hatten sie noch ihr herrschaftliches Haus auf der Insel, das nach dem Tod des alten Valletort jedoch aufgegeben wurde und immer mehr verfiel. Zum Schluss war auf der Insel nur noch das Kloster St. Michael, das die Familie gestiftet hatte.

Bryke hatte eine wundervolle Woche zusammen mit seiner Familie auf St. Michael’s Island verlebt. Seine Eltern waren dort glücklich, und zusammen mit seinem Bruder erkundete der Junge die ganze Insel, entdeckte die Brutplätze der Möwen und zog mit einem der Mönche durch die dunklen, geheimnisvollen Gänge des Klosters, die weit in den Felsen hinein getrieben wurden, um bei einem Piratenangriff die Mönche zu schützen.

Das alles hatte Bryke plötzlich wieder vor Augen, und jetzt hatte er auch ein Ziel. Er würde die Familie aufsuchen, mit dem damals geretteten Roger, dem jetzigen Lord of Valletort, sprechen, und dann sicher einen Weg finden, der ihm eine Zukunft sicherte.

„Wie bitte, ich habe nicht aufgepasst, entschuldige bitte!“, sagte er verwirrt, als ihn der Seemann Giovanni plötzlich an der Schulter fasste und ihn schüttelte.

Der gutmütige Mann lachte laut auf.

„Das habe ich wohl gemerkt, Bryke. Willst du mir erzählen, an was du gerade gedacht hast?“

Unwillkürlich ging der Blick des jungen Fischers wieder hinüber zu der kleinen Insel, die im Plymouth Sound lag und mit dem kaum erkennbaren Hügel und dem Kloster für ihn eine Verheißung bildete.

„Ach, ich möchte nur dort auf diese Insel!“, antwortete er deshalb wahrheitsgemäß. „Glaubst du, der Schiffsführer lässt mich mit einem eurer Boote dorthin bringen?“

Giovanni lachte herzhaft auf.

„Du liebe Güte – das ist doch nur ein Katzensprung von hier aus! Ich würde mich fast trauen, dorthin zu schwimmen! Warum willst du auf diese Insel, dort scheint nicht viel Leben zu sein!“

Der Seemann sah ihn verwundert und zugleich belustigt an.

„Ich glaube, man hilft mir dort weiter, wenn ich vom Tod meines Vaters und meines Bruders berichte. Die Insel gehört der Familie Valletort, und mein Vater hat ihnen einst einen besonderen Dienst erwiesen.“ Bryke starrte noch immer hinüber zu dem deutlich erkennbaren, dunklen Streifen, der wohl kaum dreißig Yards hoch über dem Meeresspiegel lag. Giovanni erkannte an den aufbrandenden Wellen die Linie der Insel und lachte erneut.

„Das ist doch nur ein Felsen mit etwas Land drum herum. Warum sollte dort jemand außer den Mönchen leben? Und wieso hat dein Vater der Familie einen Dienst erwiesen?“

„Das ist eine lange Geschichte, Giovanni. Ich verdanke dir mein Leben, aber das nutzt mir überhaupt nichts, weil ich nicht weiß, wie ich mein Leben künftig fristen soll. Verstehst du? Meine Familie liegt auf dem Grund dieser Bucht, unser Boot ebenfalls, und meine einzige Hoffnung ist die Insel St. Michael.“

Giovanni starrte jetzt ebenfalls in diese Richtung, dann nickte er nur und erhob sich neben seinem neuen Freund.

„In Ordnung, Bryke. Ich habe dir nicht das Leben gerettet, damit du hier an Land zu Grunde gehst. Wenn du nicht bei uns anheuern willst, kann ich es auch nicht ändern. Aber ich rede mit dem Schiffsführer. Es dürfte keine großen Umstände machen, dich dort auf die Insel zu bringen!“

Mit diesen Worten stapfte er schon hinüber zu dem untersetzten Schiffsführer, der etwas abseits stand und mit wichtiger Miene das Geschehen an Land überwachte. Eben wurde ein sehr großer Balken aus dem Laderaum gezogen und anschließend an dicken Tauen über die Schanz heruntergelassen. Dabei achtete der oberste Patron der Schiffsleute darauf, dass er sofort weit nach oben auf das sichere Land gebracht wurde und dann der nächste, grob zugeschlagene Balken aus dem Inneren der Kogge gezogen wurde.

Bryke sah seinen Lebensretter mit dem Schiffsführer reden. Dann blickte der Mann zu ihm herüber und nickte schließlich zustimmend. Dem jungen Fischer fiel eine zentnerschwere Last vom Herzen. In kurzer Zeit würde er dem Mann gegenüberstehen, dem sein Vater das Leben gerettet hatte.

Roger de Valletort, der junge Lord, würde ihm helfen.

Während sie zu Dritt das kleine Boot über das aufgewühlte Wasser ruderten, erzählte ihm Giovanni, dass er auch für die nächsten Monate Arbeit bei den Zimmerleuten finden könnte, die mit der Kogge von seiner Insel herübergekommen waren, um eine neue Maschine aufzubauen. Bryke hörte ihm nur mit halbem Ohr zu, denn der Beruf des Zimmermannes war ihm so fremd wie jeder andere an Land, und er konnte sich nicht vorstellen, dort längere Zeit am Ufer zu arbeiten.

„Das alles wird sehr gut bezahlt, jeder Arbeiter erhält mehr Lohn für eine Woche als bei einer ähnlichen Arbeit sonst in einem Monat bezahlt wird“, erklärte Giovanni gerade und stemmte sich in das Ruder. „Die Maschine hat der Sheriff von Cornwall bestellt, und sie wird hier am Ufer zusammengebaut und ausprobiert, bevor sie in das Landesinnere transportiert wird. Das ist ein unglaublich großes Projekt, und eine solche Maschine hat es noch nie in ganz Britannien gegeben.“

Bryke nickte nur abwesend und starrte weiter auf das Ufer der Insel. Deutlich zeichneten sich dort bereits die Mauern ab, aber der Fischer war verblüfft, dass die Anlage offenbar wesentlich kleiner war als er sie in Erinnerung hatte.

„Wenn du also keine Gelegenheit hast, dir etwas Geld zu verdienen, um vielleicht ein eigenes Fischerboot zu kaufen, dann verdinge dich doch als Arbeiter beim Bau der Maschine!“

Der Fischer tauchte das Ruder ein und führte es kraftvoll durch das Wasser, bevor er seinen Lebensretter ansah.

„Giovanni, ich verdanke dir mein Leben und ich danke dir für diesen guten Rat. Aber ich glaube nicht, dass ich an einer Maschine arbeiten möchte, was auch immer das für ein Gerät wird. Ich versuche, im Kloster etwas Geld zu erhalten, um meinen Verwandten in Cornwall aufzusuchen. Er ist Schmied, und ich habe noch nie einen armen Schmied getroffen. Vielleicht hilft er mir, ein neues Boot zu kaufen.“

Der Seemann warf dem neben ihm auf der Ruderbank sitzenden Fischer einen raschen Seitenblick zu, bevor er sich wieder seinem Ruder widmete. Über sein Gesicht war ein Lächeln geflogen, als er zustimmend antwortete:

„Ja, das kann ich verstehen. Wer einmal auf dem Meer sein Brot verdient hat, wird nicht davon loskommen. Ich wünsche dir jedenfalls Glück dazu!“

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3.

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Wenige Stunden später betrat Bryke tatsächlich den Boden der Insel und machte sich auf den Weg zum Kloster. Nur kurze Zeit hatte er am Ufer verharrt, bis das Boot wieder abgelegt hatte. Sein Lebensretter stand am Heck und hob grüßend die Hand, und der junge Fischer grüßte auf gleiche Weise zurück. Dann machte er sich auf den schmalen, gewundenen Pfad, der vom kleinen Holzsteg direkt zu den mächtigen Klostermauern hinaufführte.

Das Wetter hatte sich in der Zwischenzeit immer weiter beruhigt, der Wind eine normale Stärke erreicht und zwischen den dunklen Wolken brach sich die Sonne ihre Bahn. Noch ein Blick zurück auf die noch immer hoch gehenden Wellen, die auch an das Ufer von St. Michael ihre weißen Kronen weit hinaufschickten. Dann stapfte der junge Fischer entschlossen bis zur fest verschlossenen Klosterpforte.

Ein seltsames Gefühl überkam ihn, als er an die verwitterte, aber noch sehr stabile Tür aus Eichenholz klopfte. Schon meinte er, dass ihn niemand gehört hatte und wollte seine Bemühungen mit einem aufgelesenen Feldstein verstärken, als er hörte, wie ein Riegel zurückgeschoben und gleich darauf die kleine Fensterluke in der Pforte geöffnet wurde. Ein bartloses, weißes Gesicht erschien dort, und helle Augen musterten ihn kritisch, bis endlich eine ziemlich hohe Stimme sagte:

„Was willst du?“

„Ich ... bin der Fischer Bryke ... mein Vater und ... mein Bruder sind ... ertrunken!“

Nur stockend konnte er diese Worte vorbringen, und bei dem Gedanken an das Geschehene überkam ihn erneut eine Schwäche, die ihn wanken ließen. Automatisch griff er an den Balken, in dem die mächtige Pforte befestigt war.

„Ist dir nicht gut?“, erklang die helle Stimme, und Bryke antwortete nur mit einem Stöhnen.

Dann spürte er, wie jemand unter seinen Arm griff und versuchte, ihn vorwärtszuschieben. Ohne Nachzudenken setzte er seine Schritte langsam und schlurfend und folgte so dem Mönch durch die aufgestoßene Pforte, bis er in dem ummauerten Hof des Klosters stand.

„Warte hier kurz, ich verschließe das Tor wieder und bringe dich in die Küche, wo man dir etwas Warmes geben wird. Der Herr behüte und schütze dich, Bryke, du siehst aus, als hättest du an der Pforte des Todes gestanden, so bleich bist du!“

Damit verschwand der Mönch rasch von seiner Seite, und Bryke spürte, wie sich seine Umgebung um ihn immer schneller drehte. Doch im letzten Moment umfing ihn der Arm des Mönches und verhinderte, dass er auf den harten Boden des Klosters stürzte.

Wie er die Bank in der warmen Küche erreicht hatte, konnte er später nicht mehr sagen. Aber er nahm den köstlichen Geruch einer Suppe wahr, die vor ihm aus einer Schale dampfte. Daneben lag ein grob geschnitzter Holzlöffel, den er dankbar ergriff und dann vorsichtig mit den Lippen kostete. Die Suppe war heiß, aber genießbar, hatte einen wunderbaren Geschmack und belebte seine Lebensgeister erneut.

„Wenn du dich gestärkt hast, werde ich dich zum Prior geleiten“, sagte der Mönch, der hier das Amt des Cellerar innehatte. Der Mann hatte ein unbestimmbares Alter, denn seine Leibesfülle und das dicke, gutmütig lächelnde Gesicht erschwerten das. Aber der Cellerar war offenbar ein lebenserfahrener und weit gereister Mönch, denn als ihm Bryke während des Essens von seinem Unglück erzählte und seiner bevorstehenden Reise zu einem Verwandten, da gab ihm der Mönch ein paar Hinweise, an welche Orte er sich während des langen Weges wenden sollte, um für wenig Geld Essen und Unterkunft zu bekommen.

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738919721
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Mai)
Schlagworte
schwert schild morgan löwenritter band teufelsmaschine

Autor

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Titel: Schwert und Schild – Sir Morgan, der Löwenritter Band 30: Die Teufelsmaschine