Lade Inhalt...

Schwert und Schild – Sir Morgan, der Löwenritter Band 31: Das Feuer der Hölle

2018 120 Seiten

Leseprobe

Schwert und Schild – Sir Morgan, der Löwenritter # Band 31: Das Feuer der Hölle

––––––––

image

TOMOS FORREST

––––––––

image

ZYKLUS: DIE REBELLEN von Cornwall, Band 18

––––––––

image

IMPRESSUM

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author

© Titelbild: Nach einem Motiv von J.W. Godward mit Steve Mayer, 2018

Lektorat: Kerstin Peschel

Ceated by Thomas Ostwald, Alfred Bekker und Jörg Martin Munsonius

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

image
image
image

Klappentext:

image

MORGAN BEMÜHT SICH, den Mörder des Abtes ausfindig zu machen. Dabei stößt er in dessen Bibliothek auf ein weiteres, fürchterliches Geheimnis und muss bald darauf erfahren, dass er es mit einem überaus brutalen Mörder zu tun hat, der jederzeit erneut zuschlagen kann.

Doch dann bricht plötzlich im Kloster das Inferno aus, ein wahres Höllenfeuer scheint alles zu vernichten, was sich ihm in den Weg stellt. Wasser kann es nicht löschen, sondern verbreitet es noch mit jedem Tropfen, als hätte der Teufel persönlich seine Hand im Spiel ...

***

image
image
image

1.

image

DER JÄGER HATTE SICH etwas unter dem Busch hervorgeschoben und den Pfeil bereits auf der Sehne. Es bedurfte nur noch einer kurzen Anstrengung, und lautlos würde der gefiederte Tod sein Ziel erreichen. Gebannt schaute der junge Mann im erdfarbenen Waffenrock auf das Treiben, das sich ihm hier bot.

Auf der Wiese, die hier im Halbkreis von den Bäumen eingefasst war, tummelten sich die Birkhähne. Zwei prächtige Hähne waren aufeinander getroffen und hatten ihren Kampf begonnen, während der zu erobernde Harem mit etwa zehn braunen Hennen etwas abseits scheinbar unbekümmert auf dem Boden nach Würmern pickte.

Das braune, quer gewellte Gefieder der Hennen unterschied sie deutlich von den blauschwarz gefiederten und zudem größeren Körpern der Hähne. Die beiden Gegner umsprangen sich jetzt in tollen Luftsprüngen, führten Scheinangriffe aus und umkreisten sich dabei mit weit gespreizten Flügeln. Die weißen Federstöße des Schwanzes waren steil aufgestellt, die darum angeordneten schwarzen Federn unterstützten mit ihrer leierförmigen Art die imponierende Körperhaltung. Machte einer der Hähne ein paar rasche Schritte auf den anderen zu, wich der kurz aus und erwiderte das Verhalten sofort in gleicher Weise.

Dabei gurrten die Hähne auf seltsame Weise und stießen im Wechsel ihre Rufe aus, die wie ein zischendes tschuwi in den Ohren des Jägers klangen. Dann aber flog einer der Rivalen plötzlich auf und stieß direkt auf seinen Gegner hinunter. Die großen, roten Rosen über den Augen der Hähne schienen zu glühen, aber im nächsten Augenblick stoben die Gegner plötzlich auseinander.

Ein schriller Ton hatte sie mitten im Kampfgeschehen unterbrochen, und auch die Hennen unterbrachen ihre Futtersuche, richteten den Hals steil auf und suchten nach der Ursache für diesen Laut.

Verschwinde! Stör mir meine Jagd jetzt nicht, oder du bereust es! Der Jäger sah mit einem geübten Blick zum Himmel und entdeckte sofort die kreisende Silhouette des Falken, der erneut seinen schrillen Pfiff ertönen ließ. Jetzt zog der Jäger die Sehne auf, behutsam, um das aufgescheuchte Birkhuhnvolk nicht noch zusätzlich zu beunruhigen. Aber es war zu spät, der günstige Moment verpasst.

Wie ein dunkler Schatten jagte plötzlich der Falke zwischen den Bäumen heran, stieß seinen Jagdruf aus und schoss dicht über die Köpfe der Hähne dahin.

Der Jäger folgte seinem Flug mit dem Bogen und hätte ihm liebend gern einen Pfeil nachgeschickt, aber der Falke war schon hinter den nächsten Stämmen verschwunden.

Die Bewegung, die er mit dem Bogen ausgeführt hatte, war von den großen Vögeln auf der Lichtung ebenfalls bemerkt worden, und nach einem Warnruf war der Platz vollkommen leer und verlassen.

Einen Moment zögerte der Jäger noch, dann richtete er sich fluchend auf und trat aus seinem Versteck heraus. Keine Spur von den Birkhühnern, weder am Waldrand noch zwischen den Bäumen. Sie waren wie vom Erdboden verschluckt.

Leise vor sich hin fluchend nahm der Mann seinen Weg durch den Wald auf, als er plötzlich erneut innehielt. Diesmal waren es keine Vogelstimmen, die an sein Ohr drangen. Hier unterhielten sich Menschen, zwar mit gedämpften Stimmen, aber in der Stille des Waldes deutlich zu vernehmen.

Der Mann im erdfarbenen Waffenrock presste sich dicht an den nächsten Stamm, ließ sich auf die Erde hinuntergleiten und beobachtete seine Umgebung. Etwas bewegte sich zwischen den Stämmen, aber er hatte noch keine Vorstellung, wie viele Menschen dort unterwegs waren.

In dieser Gegend war mit allem zu rechnen. Das konnten Mägde und Knechte auf dem Weg zum nächsten Marktplatz sein. Aber auch die Männer des Sheriffs, denen er besser aus dem Wege ging. Wer ihn so erblickte, musste sofort annehmen, dass er zu den Rebellen gehörte, die sich hier in den Wäldern versteckten.

Jetzt war kein Zweifel mehr möglich. Dort näherten sich Reiter, die langsam ihre Pferde durch den dichten Wald trieben, sich unbesorgt unterhielten und lachten. Das Knarren der Sättel vermischte sich mit einem gelegentlichen Klirren, wenn eine Waffe gegen etwas Metallisches am Pferd stieß. Der Jäger drückte sich unter das nächste Gebüsch, um sich den Blicken der immer näher kommenden Reiter zu entziehen.

Doch das war vergebliche Mühe, denn er war schon längst entdeckt. Gerade hatte er das Gefühl, unter dem Ginsterstrauch für jedermann unsichtbar zu liegen, als sich ein harter Gegenstand unangenehm in seinen Rücken bohrte. Genau zwischen den Schulterblättern traf er auf und machte ihm zugleich die Hilflosigkeit seiner Situation deutlich.

Was sich dort befand, ließ keinen Zweifel mehr zu. Mit einem unangenehmen Reißen hatte sich scharfes Metall durch sein Gewand gebohrt und traf jetzt kalt und unangenehm auf seine Haut. Nur eine winzige Bewegung, und die Lanzenspitze würde ihn auf dem Waldboden festnageln.

„Versuche gar nicht erst zu fliehen, Bursche. Ich durchbohre dich noch bevor du bis drei zählen kannst.“

„Was willst du von mir? Ich bin ein harmloser Jäger und wollte mir ein Birkhuhn schießen. Meine Familie hat schon seit mehreren Tagen nur noch von altem Brot gelebt.“

Der Druck schien sich noch kurz zu verstärken, während die tiefe Stimme mitleidlos antwortete: „Dann wäre dein Dorf sicher hoch erfreut, wenn es gleich einen Esser weniger gibt, was meinst du?“

Der Jäger versuchte trotz der Spitze in seinem Rücken den Kopf zu drehen, um seinen Gegner zu erkennen. Doch der hielt die Lanzenspitze unbeeindruckt von seinen Bemühungen weiter an der Stelle, und der Jäger gab auf.

„Lass mich doch in Ruhe, ich habe niemandem etwas getan.“

„So?“, lachte sein Gegner höhnisch auf. „Und erzählst mir doch gerade fröhlich von deiner Birkhuhnjagd? Was glaubst du wohl, was der Sheriff davon hält?“

„Wir haben Hunger!“, antwortete der Mann am Boden trotzig, wagte aber nicht, sich zu bewegen.

„Steh jetzt auf, aber ganz vorsichtig. Den Bogen lässt du am besten liegen, wo er sich befindet, wenn du nicht ein paar Zoll kaltes Eisen schmecken möchtest. So ist es gut, schön langsam. Jetzt kannst du dich herumdrehen.“

Der Jäger hatte angestrengt auf die Geräusche geachtet, die von den Reitern kamen. Aber offenbar war die Gruppe weitergezogen, der Mann, der ihn zufällig entdeckt hatte, war wohl ein Fußsoldat, der die Umgebung im Auge behielt.

Möglicherweise war der Sheriff von Cornwall selbst unterwegs, denn die Soldaten ritten entweder zu Pferd oder gingen zu Fuß. Eine Mischung mit Fußsoldaten, die mit einigem Abstand vor und seitlich der Reiter liefen, war zumindest ein Anzeichen für eine hohe Persönlichkeit, die es zu schützen galt.

Der bärtige Soldat, der dem Jäger noch immer die Lanze dicht vor den Körper hielt, starrte seinen Gegner erstaunt an.

„Nanu, mein Bursche, dich habe ich doch schon einmal gesehen? Du bist einer der Aufständischen, und sicher auch einer der Anführer. Na, da wird sich Sir Struan of Rosenannon aber mächtig freuen, wenn ich dich ihm ausliefere.“

„Aber du irrst dich, Soldat! Ich bin nichts als ein kleiner, hungriger Bauer!“

Mit diesen Worten trat der Jäger einen Schritt näher, und der Soldat zögerte jetzt, ihm erneut die Lanze direkt auf die Brust zu setzen. Das aber war der entscheidende Fehler, denn der Jäger nutzte die einzige Gelegenheit für einen Überraschungsangriff.

Den Bogen hatte er liegen gelassen, aber in der rechten Hand hielt er noch immer einen Pfeil. Blitzschnell schoss die Linke vor, griff die Lanze kurz hinter der scharfen Spitze und riss kräftig daran. Diese unerwartete Aktion brachte den Soldaten aus dem Gleichgewicht. Erschrocken taumelte er auf den Jäger zu, der im nächsten Moment die Spitze des Pfeiles mit der rechten Hand dicht über dem Kettenhemd in den Hals des Gegners trieb.

Der Soldat riss seine Augen weit auf, ließ die Lanze fallen und griff instinktiv an seinen Hals. Aber schon holte der Jäger zu einem harten Schlag mit der Linken aus. Seine Faust fuhr dem Soldaten an die Schläfe und trieb zugleich den Pfeil tiefer in die ohnehin tödliche Wunde. Röchelnd sackte der Mann in die Knie, während der Jäger sofort nach der Lanze und seinem Bogen griff, einen weiteren Pfeil aus dem Köcher zog und sich hastig umsah.

Während der Soldat auf dem Waldboden in konvulsiven Zuckungen sein Leben aushauchte, war der Wald längst wieder von den Vogelstimmen durchdrungen, die ihm bewiesen, dass die Reiter vorbeigezogen waren. Aufatmend warf der Mann einen letzten Blick auf den Toten, dann sprang er in großen Sätzen davon, die Lanze fest umklammernd.

Als er nach einer ganzen Weile anhielt, seinen heftigen Atem etwas durch tiefes Ein- und Ausatmen regulierte, lauschte er angestrengt in seine Umgebung. Nichts – keine Gesprächsfetzen, kein Sattelknarren, kein Klirren von Waffen. Fast war es, als hätte es die Reiter nicht gegeben. Doch dann stieß der Falke erneut seinen Jagdschrei in unmittelbarer Nähe aus, und der Jäger zuckte unwillkürlich zusammen. Rasch suchte er den Himmel zwischen den hoch aufragenden Baumstämmen ab, konnte aber von dem Greifvogel nichts erkennen.

Mit schnellen Schritten, die auf dem Waldboden durch das alte Laub gedämpft wurden, eilte er weiter und erreichte schließlich den Waldrand. Ein rascher Blick über die grünen Hügel, die sich vor ihm ausbreiteten. Nirgends war ein Reiter zu erkennen, noch nicht einmal auf der kleinen Straße, die sich in etwa einhundert Yards Entfernung durch das Tal schlängelte.

Der Jäger überquerte jetzt eine noch vom Tau feuchte Wiese, eilte in einer ganz eigenen Art von Dauerlauf, die den geübten Läufer auszeichnete, über den kleinen, sanft ansteigenden Hügel und sah sich dort noch einmal um. Nichts schien auf die Nähe von Feinden hinzudeuten, und eben fasste er den Bogen fester, als ihn ein Laut zusammenzucken ließ.

Der schrille Schrei eines Greifvogels ließ ihn nach oben starren, und er erkannte den Kreise ziehenden Vogel, der von einer Schar Krähen umringt wurde. Mit ein paar Flügelschlägen schraubte sich der Vogel höher hinauf und ließ bald darauf seine schwarzen Verfolger weit unter sich. Er bildete nur noch einen kleinen Strich am Himmel, aber der Jäger vernahm mit seinem geschulten Ohr noch immer den Jagdruf des Falken.

Unwillkürlich ballte er die linke Faust und schüttelte sie drohend in die Richtung des Vogels. Dann nahm er seinen Lauf erneut auf, durchquerte einen schmalen, natürlichen Graben und lief auf der nächsten Seite wieder einen etwas steileren Hügel hinauf. Die wellige Landschaft Cornwalls führte ihn stetig auf neue Höhen, und jedes Mal blickte er sich auf der Anhöhe aufmerksam um, bevor er seinen Lauf erneut aufnahm.

Dann hatte er den Rand eines tiefen Grabens erreicht. Hier war ein Bach fast vollkommen trocken gefallen. Nur am Boden und den Rändern klebte zäher, schwarzer Schlamm, der ein Durchqueren zur Unmöglichkeit werden ließ. Eine kurze Probe mit dem rechten Fuß bewies ihm, dass er schon nach wenigen Yards hilflos darin stecken bleiben würde. Also setzte er seinen Weg, am Grabenrand entlang, fort, bis sein Ziel in der Ferne sichtbar wurde. Der alte Römerturm ragte wie ein ausgestreckter Finger steil nach oben.

image
image
image

2.

image

SIR MORGAN OF LAUNCESTON hatte sich den Tisch an das Fenster rücken lassen, die mit einem milchigen Pergament bespannte Fassung nach außen aufgestoßen und betrachtete nun den Fetzen, der im Sonnenlicht auf dem Tisch an den Rändern von zwei kleinen Steinen niedergehalten wurde. Es war längst getrocknet, die seltsamen Zeichen jedoch teilweise verwischt. Morgan wischte sich die vor Anstrengung bereits tränenden Augen, griff zu dem Bierbecher, nahm einen Schluck und spürte, wie trocken seine Kehle bei der Untersuchung des Pergaments geworden war.

Er hatte es dem ermordeten Abt aus dem Mund gezogen (vgl. Schwert und Schild – Sir Morgan, der Löwenritter # Band 30: Die Teufelsmaschine) und seitdem gerätselt, aus welchem Grund der Abt versucht hatte, ausgerechnet dieses Pergament im Augenblick seines nahen Todes noch verschwinden zu lassen. Gewiss, da waren Buchstaben oder Zeichen zu erkennen, aber es handelte sich nicht um Latein. Seufzend schob er das Stück noch etwas weiter ins Sonnenlicht.

Sollte er einen der Benediktiner um Rat fragen? Morgan fuhr herum, als er einen frischen Luftzug im Nacken verspürte. Jemand hatte geräuschlos die Tür geöffnet, und das löste bei ihm automatisch einen Reflex aus. Er griff mit der Hand an den Dolch und sprang auf.

Im großen Saal, in dem er am Fenster saß, war niemand zu sehen, aber hinter den Säulen bemerkte er im Halbdunkel eine Gestalt, die sich rasch näherte.

Erleichtert stieß er den angehaltenen Atem aus, als sein Knappe in das Sonnenlicht trat.

„Boyd! Mit dir hatte ich nicht gerechnet!“

Der Knappe erfasste rasch die Haltung seines Herrn und deutete sie richtig.

„Sir Morgan, entschuldigt, aber ich habe die Tür ganz normal geöffnet. Ich nehme an, Ihr wart so in Eure Studien vertieft, dass Ihr mein Eintreten nicht bemerkt habt. Ich wollte mich nur erkundigen, ob Ihr zum Mittagessen kommt? Es ist schon lange nach der Terz, und die Mönche sind dabei, den aufgetischten Braten zu verzehren.“

Morgan warf noch einen Blick zurück auf das Pergamentstückchen.

„Ich verspüre keinerlei Hunger, nur Durst. Sorge bitte noch für einen Krug von dem Dünnbier, Boyd, und schick mir den Bruder Scriptor nach dem Essen hierher.“

„Ihr wollt nichts von dem köstlichen Braten probieren? Die Küche hat einen unglaublich verführerischen Duft schon seit dem frühen Vormittag verbreitet, und ich ...“

Morgan legte seinem Knappen freundschaftlich die Hand auf die Schulter.

„Lass es dir schmecken, Boyd. Und wenn der junge Fischer ebenfalls hungrig ist – ihr müsst nicht auf mich warten. Keine Sorge, mich wird der Hunger schon nicht umbringen!“, fügte er hinzu, als er das Zögern des Knappen bemerkte. Boyd war nun offenbar beruhigt und eilte zurück, um gleich darauf mit einem Krug frischen Bieres zurückzukehren.

Morgan starrte wieder auf den Pergamentfetzen, schien jetzt aber eine Eingebung zu haben. Mit einem Stück Holzkohle zeichnete er die Zeichen sorgfältig nach. Er bemühte sich, jede Einzelheit darzustellen und benutzte dafür die hölzerne Platte seines Tisches, die von den Mönchen sorgfältig mit Sand blank gescheuert war.

Das erste Zeichen kam ihm wie ein lateinisches „n“ vor, allerdings hatte es zwei schräge Abwärtsstriche. Dann folgte etwas wie ein „u“ mit einer seltsamen, kleinen Schlange darüber. Beim nächsten Zeichen war er sich dann sicher, dass es ein „p“ sein musste.

Morgan hob den Kopf, um sein Werk zu betrachten.

Was sollte das bedeuten? Vielleicht eine Abkürzung für ‚nubo‘, verheiratet? Das wäre doch bei einem Abt sinnvoll für eine Hochzeitszeremonie! Also weiter! Das nächste Zeichen ...nein!

Morgan war aufgesprungen und warf das Kohlestück wütend auf seine Zeichen.

Was sollte das sein? Eine Ziffer, eine Null? Und dann? Erst ein kleines „a“, dann ein großes? Ohne es zu bemerken, knirschte der Löwenritter vernehmlich mit den Zähnen. Dieses Rätsel war unmöglich zu lösen!

Erneut wurde die Tür geöffnet, diesmal trat jemand eiligen Laufes ein und verbeugte sich höflich vor dem Ritter.

„Sir Morgan, Ihr habt nach mir verlangt?“

Morgan musterte mit finsterer Miene die Gestalt des rundlichen, kleinen Mönchs, der abwartend in gebührender Entfernung vor ihm stehen geblieben war.

„Ah, du bist der Bruder Scriptor? Wunderbar!“

Der kugelrunde Mann verbeugte sich noch einmal mit einer Geschmeidigkeit, die man seinen Körpermaßen nicht zugetraut hätte.

„Einer der Scriptoren, Sir Morgan, nur einer von ihnen. Wir sind in diesem Kloster insgesamt drei Mönche, die des Schreibens mächtig sind. Außerdem beschäftigen wir noch fünf Laien, die ...“

Der Mönch unterbrach seinen Redefluss, als der Ritter eine ungeduldige Handbewegung machte.

„Hast du schon einmal solche Zeichen gesehen, Bruder Scriptor?“, erkundigte er sich und beobachtete gespannt, wie sich der Mönch über seine Abschrift auf der Tischplatte beugte. Aber wie von einer Natter gebissen, zuckte der Mann zurück. Sein Gesicht hatte eine aschfahle Färbung angenommen, als er sich zu Morgan umdrehte.

„Was ... in Christi Namen ...“, stotterte der Mönch und bekreuzigte sich dabei.

„Nun – was ist das?“, herrschte ihn Morgan ungeduldig an.

„Das ist ... das ist ... Sir Morgan ... wie kommt Ihr an ein solches Wort?“

„Ich habe keine Ahnung. Du scheinst es sofort lesen zu können – also, was bedeutet es?“

Behutsam trat der Mönch noch einmal an den Tisch heran, musterte die Zeichen mit einer Miene, als hätte er das Zeichen des Leibhaftigen erkannt, und trat wieder zurück. Er wagte es nicht, seinen Blick zum Ritter zu heben.

„Nun, was ist? Ich kann nicht ewig warten, bis du die Sprache wiedergefunden hast! Du starrst auf die Zeichen, als hätte der Gottseibeiuns sie selbst geschrieben. Sei aber beruhigt, ich habe ein Pergament gefunden, hier im Kloster, und die Zeichen abgeschrieben, weil ich sie nicht deuten kann.“

Der Mönch schluckte, dann presste er tonlos heraus:

„Es ist ... byzantinisch, Herr, also griechische Schrift!“

„Ja, und? Es muss doch etwas sein, das für den Gottesdienst wichtig ist. Ich hatte angenommen, es geht um eine Hochzeit, und das erste Wort bedeutet nubo, der ganze Rest dann meinetwegen in der Sprache der Sarazenen so viel wie nuptam esse cum alco ...

Jemand in eine Ehe geben? Denkt Ihr das wirklich, Herr? Oh, gebe uns Gott, dass es nichts anderes wäre als der byzantinische Text für eine Hochzeitsfeier. Aber das ... das ...“ Erneut stockte der Mönch, dann zwang er sich, dem Ritter direkt ins Gesicht zu sehen.

„Die Worte, die dort stehen, lauten pyr thalássion, übersetzt also Seefeuer.“

„Seefeuer?“ Morgan fühlte, wie das Lachen in ihm aufstieg, sich einen Weg suchte und schließlich in einem unheimlich klingenden Laut aus ihm herausbrach. Zugleich war er erleichtert, denn das seltsame Verhalten des Schreibers hatte ihm Gefahr suggeriert, wo keine vorhanden sein konnte. „Seefeuer! Ja, und, was weiter?“

Erneut platzte er laut lachend heraus, aber als er schließlich das noch immer aschfahle Gesicht des Mönches sah, zwang er sich zur Ruhe.

„So, nachdem das nun geklärt ist, möchte ich gern wissen, weshalb du vor einem so einfachen Wort Angst hast. Was bedeutet das Seefeuer, und warum finde ich dieses Wort auf einem Pergament hier in diesen Mauern?“

Morgan vermied es, den verängstigten Mönch darüber zu informieren, dass er das Pergament dem ermordeten Abt aus dem Mund gezogen hatte. Der Mann zerfloss ohnehin schon vor Angst und musste nicht noch weiter verstört werden.

„Damit meinte man in der Antike das Griechische Feuer, Sir Morgan. Ein Feuer, das eine fürchterliche Waffe war, ganze Städte vernichtete und nicht zu löschen war, bevor es nicht mangels weiterer Nahrung von allein wieder verlosch.“

Der Mönch zitterte bei seiner Schilderung am ganzen Körper, und jetzt tat er dem Ritter leid, der zu verstehen begann, was den Mann beunruhigte.

„Nur Mut, Bruder Scriptor, es ist ja nur ein Stück Pergament, von dem ich die byzantinischen Zeichen abgemalt habe. Nachdem das nun geklärt ist, benötige ich keine weitere Auskunft, denn von dem Griechischen Feuer habe ich schon im Morgenland gehört. Es ist aber nichts weiter als eine alte Sage.“ Mit diesen Worten versuchte er den Bruder zu beruhigen.

Er wollte sich wieder dem Pergament und seinen übertragenen Zeichen zuwenden, erkannte aber, dass dem Mönch noch etwas auf dem Herzen lag.

„Ja?“, ermunterte er ihn deshalb. „Möchtest du mir noch etwas mitteilen?“

Der Mönch deutete mit zitterndem Zeigefinger auf den Tisch.

„Ihr habt das wirklich und wahrhaftig hier im Kloster gefunden, Sir Morgan?“, hakte er noch einmal nach.

„Ja, so ist es. Und meine Neugierde war geweckt, weil der Fundort – nun, sagen wir einmal – recht ungewöhnlich war.“

Mit großen Augen sah ihn der Mönch aus seinem runden, speckigen Gesicht an, und für einen Moment musste sich Morgan zusammenreißen, um nicht erneut laut herauszulachen. Der Mann war aber zu komisch und erinnerte ihn gerade jetzt an ein rundes, pralles Schwein in einer Mönchskutte. Gewaltsam vertrieb er jedoch sofort den Gedanken, denn das war sicher eine Sünde, wenn auch eine lässliche.

„Sir Morgan, wenn Ihr erlaubt – ich würde mir gern das Pergament etwas näher betrachten.“

Ein rascher Blick zu dem Fetzen, dann nahm Morgan ihn zwischen zwei Finger und reichte ihn dem Mönch. Jetzt war es an dem Ritter, zu staunen, denn der Mönch zog aus einer Falte seiner Kutte einen Stein hervor, der dort offenbar an einer Schnur befestigt hing und von seinen Körpermassen verdeckt wurde. Diesen Stein hielt er sich jetzt dicht vor das Auge, ebenso mit der anderen Hand den Pergamentfetzen. Eine Weile musterte er alles schweigend, dann gab er den Fetzen zurück und ließ den Stein wieder an seine Stelle in der Kutte sinken.

„Verzeiht mir, Sir Morgan, aber durch das viele Schreiben ist mein Augenlicht nicht mehr so gut wie früher. Mit diesem geschliffenen Stein kann ich besser sehen, zumal ich das andere Auge dabei zukneife.“

„Ich habe solche geschliffenen Steine bei den Sarazenen gesehen, Bruder Scriptor, sie sind mir also nicht fremd. Aber weiter, kannst du noch mehr erkennen?“

Der Mönch schüttelte den Kopf.

„Die Zusammenhänge erschließen sich mir so nicht sofort, Sir Morgan. Es sieht danach aus, als hätte jemand eine Seite aus einem der Bücher herausgerissen, um sie zu stehlen. Ist der Fetzen vielleicht in einer Schranktür hängen geblieben, als Ihr ihn entdeckt habt?“

„Warum ist das wichtig?“

Der Mönch schaute dem Ritter direkt in die Augen.

„Sehr viele byzantinische Schriften haben wir nicht im Kloster, Sir Morgan. Wenn ich gewiss bin, dass es aus einem der in Betracht kommenden Bücher stammt, könnte ich Euch auch weiterhelfen, was es mit dieser fürchterlichen Waffe auf sich hat.“

Morgan nickte nachdenklich, bevor er ihm antwortete.

„In Ordnung. Lass uns in die Bibliothek gehen. Dort möchte ich alle Werke aus Byzanz sehen, die das Kloster besitzt.“

image
image
image

3.

image

GERADE WOLLTE SICH der Jäger in direkter Linie auf den Römerturm zubewegen, als er ein Stück daneben eine Bewegung ausmachte und sofort die Deckung eines nahen Busches suchte. Vorsichtig streckte er den Kopf hervor, um das Geschehen an der Straßenkreuzung zu erkennen. Zugleich gratulierte er sich zu seiner raschen Reaktion, denn nun kamen mehrere Reiter aus dem seitlich verlaufenden Weg um den Turm, hielten direkt davor und stiegen aus den Sätteln.

Der Jäger fluchte leise vor sich hin. Mit dieser Störung hatte er nicht gerechnet. Die Reiter gehörten zweifellos zu den Schergen des Sheriffs, wie ihre Ausrüstung bewies. Sir Struan hatte großen Wert darauf gelegt, dass seine Soldaten nach und nach alle mit den teuren Kettenhemden ausgestattet wurden. Außerdem hatten die Reiter kurze Lanzen an den Sätteln befestigt, trugen die Waffenröcke in der roten Farbe, die der Sheriff so liebte, und bewegten sich dabei so unbekümmert, als würde niemand im Lande es auch nur wagen, in ihre Nähe zu kommen.

Lachen und laute Rufe klangen zu dem versteckten Mann im Gebüsch herüber, und erneut machte sich eine ganze Reihe von Flüchen Luft, als er bemerkte, dass sich die Soldaten vor dem Turm auf ein paar der herabgestürzten Steine und Balken setzten und offenbar ihr Essen einnahmen.

Aber er hatte keine Möglichkeit, nach irgendeiner Seite ungesehen zu entkommen. Hinter dem großen Buschwerk, in dem er sich verbarg, lag ein weites Feld, ein Stück zur anderen Seite verlief die Straße. Nirgendwo gab es einen kleinen Wald oder eine Anhöhe, die er ungesehen hätte erreichen können. Also blieb ihm nichts anderes übrig, als abzuwarten.

Lauter Hufschlag drang an seine Ohren, als er sich gerade eine Weile unter dem dichten Busch ausgestreckt hatte und vor sich hin döste. Er drehte sich auf die Seite und spähte hinüber auf die Straße, die von Plymouth hier heraufführte. Eine Gruppe mit etwa zehn Reitern war eingetroffen und wurde nun lautstark von den Soldaten am Römerturm begrüßt.

Wortfetzen wehten zu ihm herüber, erneutes, lautes Lachen, dann stiegen alle Soldaten auf und waren innerhalb kürzester Zeit aus seinem Blickfeld verschwunden. Noch eine Weile lauschte er den leiser werdenden Hufschlägen, dabei das Ohr dicht auf den Boden gepresst. Offenbar hatten die Schergen hier auf eine andere Gruppe gewartet, die von Plymouth kam und nun endlich die Umgebung verlassen.

Noch immer vorsichtig Ausschau haltend, schob sich der Jäger unter dem Buschwerk heraus, richtete sich auf und warf einen raschen Blick in die Umgebung, dann lief er auf den verlassenen und halb zusammengestürzten Turm zu. Gerade hatte er ihn erreicht und umrundet, um ihn durch die dunkle Maueröffnung auf der Rückseite zu betreten, als er wie gebannt auf der Stelle stehen blieb.

Der Jagdschrei des Falken war sehr laut und durchdringend an sein Ohr gelangt. Wütend sah er hoch und entdeckte den Falken unmittelbar über sich im Gebälk des Turmes. Der Vogel legte den Kopf schräg und schien ihn aus dem einen Auge direkt zu mustern. Gebannt starrte der Jäger auf den Falken, aber der veränderte seine Körperhaltung nicht, und erst als der Mann einen weiteren Schritt machte, richtete sich der Falke aus seiner Haltung auf, schüttelte kurz sein Gefieder und strich mit einem weiteren, durchdringenden Schrei ab.

Gleich darauf betrat der Jäger den Römerturm und versuchte, seine Augen an die hier herrschende Dunkelheit zu gewöhnen.

„Hast du geglaubt, dass dich niemand beobachtet?“, vernahm er plötzlich eine halblaute, helle Stimme, die ihm das Blut in den Adern gefrieren ließ. Im Hintergrund zeichnete sich der dunkle Umriss einer Gestalt vor dem Mauerwerk ab, und instinktiv hob er die Hand mit dem Bogen.

„Das würde ich an deiner Stelle bleiben lassen, wenn du nicht sofort meinen Pfeil spüren willst. Ich habe dich direkt vor mir und muss nur mit dem Finger zucken, damit mein Pfeil trifft. Wie schnell kannst du spannen und abschießen?“

Mit einem wütenden Knurrlaut ließ der Jäger seine Bogenhand sinken.

„Lass ihn besser fallen, damit es nicht noch zu einem Unglück kommt!“, sagte die Stimme mit einem deutlich höhnischen Ton.

„Wer bist du?“

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738919714
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v424730
Schlagworte
schwert schild morgan löwenritter band feuer hölle

Autor

Zurück

Titel: Schwert und Schild – Sir Morgan, der Löwenritter Band 31: Das Feuer der Hölle