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Schwert und Schild – Sir Morgan, der Löwenritter Band 33: Merlins Rückkehr

2018 120 Seiten

Leseprobe

Schwert und Schild – Sir Morgan, der Löwenritter Band 33: Merlins Rückkehr

Tomos Forrest

Published by Uksak Sonder-Edition, 2018.

Schwert und Schild – Sir Morgan, der Löwenritter # Band 33: Merlins Rückkehr

Tomos Forrest

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ZYKLUS: DIE REBELLEN von Cornwall, Band 20

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IMPRESSUM

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author

© Titelbild: Nach einem Motiv von N.C. Wyeth mit Steve Mayer, 2018

Lektorat: Kerstin Peschel

Ceated by Thomas Ostwald, Alfred Bekker und Jörg Martin Munsonius

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Klappentext:

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Geschehen die unglaublichen Dinge wirklich, oder sind sie nur Auswüchse ihrer Fantasie?

Die alten Sagen berichten aus den Tagen, in denen König Artus in England regierte und die edlen Ritter sich um seine Tafelrunde scharten. Erste Kunde erhielten wir von Nennius in seiner Historia Britonum von Merlin. Ein anderes Bild erhalten wir von Geoffrey von Monmouth in seiner Historia Regum Britanniae gezeichnet.

Der Zauberer Merlin (Myrddin) war zu damaliger Zeit ein mächtiger Mann und stand dem König gegen die gefährliche Morgue zur Seite – aber ist es wirklich möglich, dass dieser sagenhafte Zauberer in Cornwall Jahrhunderte später erneut auftaucht und seine verworrenen Fäden spinnt wie einst zu Zeiten König Artus’?

***

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1.

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Morgan betrachtete mit Wohlgefallen seinen edlen Rappen Blane, der langsam über die große Weide ging, dabei an den jungen Grashalmen zupfte, die im lauen Frühlingswind leicht hin- und herwogten. Sein brüniertes Kettenhemd glänzte matt an den vom Waffenrock freien Stellen. Das Wappen auf seiner Brust mit dem roten, steigenden Löwen, der dunkle Nasalhelm und die schwarzen Beinlinge zeigten jedem zufälligen Besucher, wer hier unterwegs war. Aber Sir Morgan of Launceston fürchtete weder seinen schärfsten Gegner, den Sheriff von Cornwall, noch dessen Schergen. Heute genoss er seinen Ausritt.

Ein strahlend blauer Himmel spannte sich wieder über Cornwall, und das Zwitschern einer aufgeregten Vogelschar brachte den Löwenritter dazu, einen Blick in den Himmel zu werfen. Ganz oben kreiste ein Vogel, so weit entfernt, dass man mit bloßem Auge nicht ausmachen konnte, um was es sich dabei handelte. Aber das war auch nicht erforderlich, denn Morgan hatte schon zweimal den durchdringenden Jagdschrei des Falken vernommen und wusste, wer dort oben seine Kreise zog.

Am frühen Morgen hatten sie das Rebellenlager im Sumpf von Dartmoor gemeinsam verlassen, Sir Baldwin und Meraud, die Falkenfrau, Blejan, die junge Kriegerin, Sir Ainsley Urquhart, schließlich Knappe Boyd und er selbst. Sie waren inzwischen alle gut miteinander befreundet, jeder kannte die Stärken und Schwächen des anderen und wusste, dass er sich jederzeit in einer Gefahr auf den anderen verlassen konnte.

Der Ausritt der beiden Rebellenführer in gemeinsamer Weise war jedoch sehr selten, denn die Gefahren, die in der wunderschönen, hügeligen Landschaft von Cornwall lauerten, konnten nicht hoch genug eingestuft werden.

Während der Sheriff, Sir Struan of Rosenannon, seine Aktivitäten während der harten Wintermonate weitgehend einstellte und nur gelegentlich Patrouillen durch das Land schickte, begannen die Probleme im Land immer mit dem Frühling aufs Neue. Die Soldaten des Sheriffs von Cornwall ritten durch die Dörfer und trieben gnadenlos die Abgaben bei den Kleinbauern ein, ohne Rücksicht auf schlechte Ernten und lange Winter.

Doch der Anlass für ihren heutigen, gemeinsamen Ritt, war ein ganz besonderer. Sir Morgan of Launceston hatte eine Nachricht von Abt Dhorie erhalten, der von seinem Rom-Besuch zurückgekehrt war.

Der alte Abt, einst der Beichtvater des Sheriffs, hatte in der Vergangenheit deutlich Stellung gegen Sir Struan bezogen und ihn einige Male gedemütigt. Das allein machte ihn schon, in den Augen der beiden Waffenbrüder Morgan und Baldwin, zu einem Freund. Aber die Tatsache, dass er nun um ein gemeinsames Gespräch bat, war ein Grund, sofort aufzubrechen und diese Möglichkeit zu suchen.

Jetzt war die Mittagszeit gekommen, die Reisegruppe lagerte auf einer grünen Wiese, die sich neben der Landstraße von South Brent nach Exeter entlang zog. Schon seit einer Stunde waren sie keinem Menschen mehr begegnet, und Meraud sah sich ständig im Sattel um. Als sie sich auf den Lagerplatz geeinigt hatten, ließ sie den Falken aufsteigen und war erst zufrieden, als sie ihn in weitem Bogen seine Kreise ziehen sah.

„Du bist nicht sehr aufmerksam“, neckte Sir Baldwin sie plötzlich, als er ihr etwas von dem kalten Fleisch anbot, das als Vorrat für die Gruppe mitgeführt wurde.

„Was – entschuldige, Baldwin, ich fühle mich hier absolut nicht sicher!“

Meraud, die wie ihre gute Freundin Blejan stets bei solchen Ritten Männerkleidung trug, sah sich wieder einmal um und musterte besonders lange den Waldrand.

„Wer von dort kommt, muss ein freies Feld überqueren. Der Waldrand ist noch fast eine Meile von unserem Lagerplatz entfernt. Glaubst du nicht auch, dass wir jeden Feind auf diese Entfernung ausmachen würden?“

Meraud antwortete ihrem Verlobten nicht sofort, nahm aber jetzt das angebotene Stück Fleisch von der Messerspitze und biss vorsichtig davon ab. Lächelnd betrachtete sie Sir Baldwin, während der Schotte sich nun ebenfalls erhob und einen Blick auf die Landstraße warf.

„Ainsley, du bitte nicht auch noch! Was ist denn heute mit euch allen los? Die Sonne scheint prächtig über Cornwall, weit und breit ist kein Mensch zu sehen, und wir haben gutes Fleisch und einen wohlschmeckenden Wein dabei. Könnt ihr nicht einfach mal ruhig sitzen und das alles genießen?“

Sir Baldwin musterte die Gefährten mit einem spöttischen Blick.

Aber der breitschultrige Schotte hob plötzlich die Hand, als wolle er lauschen und die Freunde bitten, zu schweigen. Dann drehte er sich zu Baldwin um und sagte mit seiner tiefen, dunklen Stimme:

„Das ist es ja gerade, Baldwin, was mir Sorge bereitet. Ich kann den Falken hören und die Vögel des Waldes und auf dem Feld. Aber wo sind die Menschen geblieben?“

Jetzt war auch Morgan aufgestanden und trat ein paar Schritte näher.

„Ainsley hat vollkommen recht. Das ist merkwürdig. Wir haben die erste Mittagsstunde, wie uns die Glocke im letzten Dorf, das wir auf der Landstraße passierten, bewiesen hat. Achtung – dort drüben!“

Damit unterbrach er sich selbst und deutete auf den Horizont.

Fassungslos starrten die Gefährten in die angegebene Richtung. Was sich da näherte, war nicht sofort zu erkennen. Eine schwarze Wolke schien es zu sein, aber eine, die sich ständig veränderte und auf- und abstieg.

Der Schotte zog als Erster sein Schwert und hob es mit beiden Händen hoch über den Kopf.

„Das ist die Apokalypse, Freunde! Bereitet euch auf das Ende der Welt vor!“

Doch Morgan legte dem Schotten die Hand auf den rechten Arm und sagte leicht dahin: „Wenn das der erste von sieben Engeln sein soll, dann muss er sich auch zeigen, Ainsley. Was dort kommt, ist eine Wolke von Vögeln. Zugegeben, es sind sehr viele. Aber das ist noch nicht das Ende der Welt!“

Nun hatten auch die anderen ihre Schwerter gezogen, denn die Wolke hatte sich über das Land gelegt und begann bereits, die Sonne darüber zu verdunkeln. Egal, ob es sich dabei um Tausende von Singvögeln, Möwen oder Raben handelte – diese dicht an dicht fliegenden Vogelleiber boten schon einen unheimlichen Anblick.

Meraud rief nach dem Falken, erhielt auch eine Antwort, aber sie konnte ihn nicht entdecken.

Dann jagte die schwarze Wolke heran, und nun waren deutlich die einzelnen Körper der dunklen Vögel zu unterscheiden. Die von ihnen gebildete Wolke stieg immer wieder einmal leicht an, dann sank sie herunter. Es war wie eine Welle aus kleinen, dunklen Körpern, und plötzlich ertönte dicht über ihnen der Jagdschrei des Falken.

„Zurück! Nein – tu das nicht! Komm zu mir, Falke, hierher!“, schrie Meraud mit einer sich fast überschlagenen Stimme.

„Das sind nur Stare, mit denen wird er fertig!“, versuchte Sir Baldwin, sie zu beruhigen. Aber Meraud schrie sich vergeblich die Seele aus dem Hals. Wie ein Geschoss jagte der Falke heran und verschwand gleich darauf in der Wolke, die jetzt unmittelbar über ihren Köpfen schwebte.

Es gab Turbulenzen wie bei einer Wasserfläche, die von einem Stein zerteilt wurde. Plötzlich schien es zu regnen, aber dann erkannten die Freunde, dass es Stare waren, die zu Boden stürzten. Nicht zehn, zwanzig oder fünfzig, nein, die Stare stürzten zu Hunderten aus der gemeinsamen Wolke herunter und blieben entweder betäubt oder tot auf dem Feld rings um die Gruppe liegen.

Dann löste sich ein größerer Körper aus der Wolke, und man erkannte den Falken, der wie ein Stein nach unten stürzte. Meraud schrie auf, aber jetzt war der Falke außerhalb der Wolke und konnte seine Flügel wieder ausbreiten. Er stieß seinen Jagdschrei aus, und Meraud antwortete ihm. In einem eleganten Bogen flog er dicht über ihre Köpfe, machte noch einen Bogen und landete auf der ausgestreckten Handschuhfaust der jungen Kriegerin.

„Falke! Du lebst!“, jubilierte sie laut und strich über die etwas zerzausten Federn des Greifs, der aber vollkommen unverletzt schien.

„Sie ziehen weiter, schaut nur!“, rief Blejan laut und deutete auf die dunkle Wolke, die sich erneut wellenartig hob und senkte und dann mit großer Geschwindigkeit weiterflog. Morgan war zu einer Stelle gegangen, an der sich ein richtiger Haufen von Vogelkörpern gebildet hatte. Behutsam nahm er einen der Stare auf und legte ihn sich auf die flache Hand.

Plötzlich schlug der Vogel mit den Flügeln, hob den Kopf und flog, zunächst noch etwas taumelnd, den anderen Staren nach. Morgan griff nach dem nächsten und übernächsten und musste erkennen, das alle noch lebten, nur benommen auf- und nebeneinander lagen und jetzt die Köpfe ruckten, die Schnäbel aufrissen und vor allem mit den Flügeln schlugen. Einer nach dem anderen erhob sich wieder und schloss sich dem davoneilenden Zug an.

„Puh – ein Spuk, aber so schnell vorbei, wie er gekommen ist“, rief Morgan erleichtert aus, und die Freunde steckten ihre Schwerter zurück.

„Ainsley, wenn das der erste Teil der Apokalypse war, was kommt danach?“, rief ihm mit spöttischer Miene Sir Baldwin zu, als der hünenhafte Schotte noch immer der dunklen Wolke am Horizont nachstarrte.

„Aye, Freunde, ihr solltet nicht spotten. Der erste Reiter der Apokalypse sitzt auf einem Schimmel, und er hält den Bogen schussbereit in der Hand, daran erinnere ich mich noch, weil mir meine Großmutter davon in frühester Kindheit erzählte. Das Erscheinen des weißen Reiters bedeutet den Kriegsausbruch, die Mächte kämpfen miteinander, die Erde wird vernichtet.“

„Wir haben Glück, dass es keinen solchen Reiter gibt, der hinter den Staren herjagt, oder?“, fiel nun auch Morgan in den Scherz ein, aber dann erstarrte er erneut in der Bewegung und sah zum Horizont, wie gerade eben, als die dunkle Wolke auftauchte.

„Narrt mich ein Spuk oder sehe ich wirklich dort drüben einen Reiter auf einem Schimmel herankommen?“

Die Freunde traten erneut an seine Seite und strengten ihre Augen an. Es bestand kein Zweifel, dass aus der gleichen Richtung, aus der eben erst die Wolke mit den Staren gekommen war, nun ein einzelner Reiter auf einem großen Schimmel in ihre Richtung ritt.

Jetzt war die gerade noch heitere Stimmung schlagartig gekippt. Niemand konnte sich von diesem Anblick losreißen, und nachdem gerade das seltsame Naturereignis mit den Vögeln sie überrascht hatte, war der Anblick des sich rasch nähernden Reiters ein seltsames Zusammentreffen.

Die Gefährten zogen zwar nicht die Schwerter, nahmen aber eine Körperhaltung ein, die deutlich signalisierte, dass jeder von ihnen sofort kampfbereit war, sollte es erforderlich werden. Der Reiter flog indessen geradezu über die noch immer menschenleere Straße, sodass die Hufe des Schimmels die Erdbrocken und Steine hinter sich schleuderten.

„Reiten kann der Bursche aber!“, sagte Sir Baldwin anerkennend. „Und offenbar hat er auch einen Bogen in der Hand. Also, Freunde, was ist nun – Apokalypse, Freund oder Feind?“

„Gott sei Dank!“, jubelte Morgan als Antwort, denn er hatte als Erster den Reiter erkannt. „Das ist Marven of Coleford, so wahr ich hier stehe! Marven! Hier herüber!“

Der Reiter schien selbst auf die große Entfernung den Ruf des Löwenritters gehört zu haben, denn er lenkte sein Pferd sofort von der Straße in gerader Richtung über das Feld und die anschließend mit dichtem Gras bewachsene Fläche zu den Freunden. Hier sprang er aus dem Sattel, noch bevor sein Schimmel mit allen vier Beinen stand.

Herzliches Gelächter empfing den jungen Ritter, der allen glücklich die Hände drückte, die sich ihm rasch entgegenstreckten. Dann blickte er jedoch verwundert von einem zum anderen, weil das Lachen gar nicht aufhören wollte.

„Was ist mit euch geschehen, Freunde? Die Freude über unser Wiedersehen hat euch ja schier übermannt! Lasst mich mitlachen!“

„Ach, Sir Marven, entschuldigt uns bitte“, antwortete Meraud, die sich als Erste gefangen hatte und wieder ernst wurde. „Aber wir haben zuerst eine riesige Wolke von unzähligen Staren erlebt und fürchteten schon, das Ende der Welt sei gekommen. Gerade erklärt uns Sir Ainsley mit vollem Ernst, dass der erste Reiter der Apokalypse auf einem Schimmel daherkommt und einen Bogen führt – und da kommt Ihr über den Hügel direkt auf uns zugeritten!“

„Das nenne ich ein seltsames Zusammentreffen! Aber die Vögel habe ich auch gesehen, wenn auch nur aus der Ferne. Es waren unglaublich viele, und ich erinnerte mich, so etwas schon einmal in Cornwall vor vielen Jahren erlebt zu haben. Das ist also keineswegs das Zeichen für das nahende Ende. Eher schon die schlechten Nachrichten, die ich euch überbringen muss.“

„Schlechte Nachrichten? Lass sie uns lieber gleich hören, Marven, dann haben wir auch den nächsten Schrecken überwunden!“, sagte Morgan und griff den Krug mit dem Wein wieder auf, um dem Freund einen Trank anbieten zu können.

„Ich komme direkt aus Plymouth und habe dort erlebt, wie eine gigantische Steinschleuder aus einer Kogge geladen und am Ufer montiert wurde. Ich befürchte, dass diese Maschine die letzten Burgen zerschießen soll, die dem Sheriff noch Widerstand leisten.“

Morgan griff erschrocken den Unterarm des Freundes.

„Eine gigantische Maschine? Schon wieder? Vielleicht ein Trebuchet mit zwei großen Rollen, in denen Männer den Seilzug bedienen müssen?“, erkundigte er sich.

Marven warf ihm einen verblüfften Blick zu.

„Ja, genau, woher weißt du das?“

„Erst vor wenigen Wochen habe ich selbst eine solche Maschine gesehen, die in der Bucht von Cawsand vor Plymouth zusammengebaut und probiert wurde. Jetzt geht das alles noch einmal von vorn los, was ich beseitigt hoffte, nachdem die erste Maschine verbrannt ist.“ (vgl. Schwert und Schild – Sir Morgan, der Löwenritter # Band 30: Die Teufelsmaschine und Band 31: Das Feuer der Hölle)

„Dann ist die Gefahr also wirklich nahe, wie ich es befürchtet habe. Wir müssen endlich die Tafelrunde zusammenrufen und dafür sorgen, dass diese Maschine niemals in das Landesinnere gebracht werden kann. Es war meine Hoffnung, von euch Hilfe bei diesem Unternehmen zu erhalten!“

„Marven, du kannst dich auf uns verlassen! Wir stehen auf derselben Seite, und ja, die Tafelrunde muss jetzt einberufen werden!“, antwortete ihm Morgan und drückte dabei seine Hand.

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2.

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Die Freunde waren gemeinsam mit Marven nach Exeter geritten, um Abt Dhorie zu treffen. Etwa eine Wegstunde vor der Hauptstadt Cornwalls lag eine kleine Herberge, die von einer noch jungen Witwe und ihren halbwüchsigen Söhnen betrieben wurde. Dort wollte man auf den Abt warten, und die Zeit bis zu seinem Eintreffen konnte hier bei einem guten Essen und einem akzeptablen Wein abgewartet werden.

Sir Baldwin ging als Erster in die Gaststube, warf einen prüfenden Blick hinein und hielt dann für Meraud und Blejan die schwere Tür auf. Morgan, Boyd, Marven und Ainsley brachten die Pferde im Stall unter, warfen ihnen ein paar Hände Körner in die Raufen und folgten den anderen.

Baldwin saß mit den beiden Frauen bereits an einer langen Tafel, als sich die anderen dazugesellten. Sie waren die einzigen Gäste und wurden von der jungen Witwe freundlich begrüßt. Die beiden Söhne mochten vielleicht sechs und acht Jahre alt sein, gaben sich aber schon sehr geschäftstüchtig, schleppten Becher und Platten heran und erkundigten sich höflich, ob die Gäste lieber Wein oder Bier zu ihrem Essen genießen wollten.

„Woher bezieht ihr denn euren Wein, mein Freund?“, erkundigte sich Morgan bei dem älteren Jungen, der eben die Becher auf dem Tisch verteilt hatte.

„Wir bekommen ihn aus Burgund, Herr!“, antwortete der sofort und lächelte dazu. „Er ist von rubinroter Farbe und hat ein wunderbares Bouquet!“

„Oh, das hört sich ja verlockend an, dann bring mir doch einmal einen Krug davon!“, antwortete der Löwenritter lächelnd. „Du scheinst ja ein echter Kenner zu sein!“

Der Junge verneigte sich tief und war verschwunden, noch ehe einer der anderen sein Lachen nicht mehr verbergen konnte.

„Der gefällt mir!“, fügte Meraud an, und alle stimmten ihr zu. Nach ganz kurzer Zeit war der Junge wieder zurück und schleppte einen großen Krug herbei, den er schwer atmend auf den Tisch stellte. Wenn er ihn eben erst aus der Vorratskammer geholt und durch den Schankraum bis zu den Gästen geschleppt hatte, dann war das schon eine Leistung für sein Alter, denn besonders kräftig sah der Junge nicht aus. Morgan wollte zum Krug greifen, aber eilfertig hatte Boyd zugegriffen und schenkte nun allen ein.

„Der junge Kellermeister hat nicht übertrieben!“, bestätigte dann Baldwin, als er den Wein gekostet hatte. „Wenn auch das übrige Mahl dazu passt, ist mir vor dem Abend nicht bange!“

Das einzige kleine Fenster des Schankraumes war weit geöffnet, denn es wurde hier drin bereits sehr warm. Alle waren sich darüber einig, dass der Frühling in diesem Jahr außerordentlich früh in Cornwall begann und die Natur überall viel rascher als sonst ihre Schönheit entfaltete.

Neben den endlosen Reihen mit gelben Narzissen, die überall an den Wegrändern wuchsen, blühten auch bereits die ersten Obstbäume und gaben dem Land überall zwischen den grünen Hügeln, seinen zahlreichen Wäldern und dem satten Braun der frisch bestellten Felder bunte Farbflecken, die das Auge erfreuten.

Gerade kam eine Platte mit gekochtem Fisch herein, von den beiden Jungen behutsam getragen und auf den Tisch gehoben, als plötzlich ein Vogel durch das offene Fenster kam, aufgeregt flatternd eine Runde durch das Zimmer machte und sich dann auf der Fensterbank niederließ. Bevor noch einer der Gäste eine Handbewegung machen konnte, um den Vogel wieder hinauszuscheuchen, kamen vier, fünf, acht weitere herein, flogen eine Runde und verteilten sich dann auf allen möglichen Plätzen.

„Geht das schon wieder los?“, knurrte Sir Ainsley und schlug mit einer seiner großen Hände klatschend auf die Tischplatte, sodass die Becher hochhüpften. Auch die Vögel erhoben sich und flogen eine gemeinsame Runde durch den Schankraum, zweimal dicht über die Köpfe der Gäste, dann ließen sie sich wieder auf dem Schanktisch, den Kannen und Krügen nieder, pickten aufgeregt daran herum oder schüttelten ihr Gefieder auf.

Der Schotte hob erneut seine Pranke, aber ein aufgeregtes Zwitschern ließ ihn in der Bewegung innehalten. Als wäre das ein Signal für die anderen Stare, folgte jetzt rasch eine Gruppe nach der anderen. Im Nu waren gut und gern fünfzig oder sechzig Vögel in der Schankstube, und jetzt sprangen die Gefährten auf und schlugen in die Luft, um sie zu vertreiben.

„Das nutzt nichts!“, erklang plötzlich eine Stimme von der Tür zu ihnen.

Erstaunt drehten sich die Köpfe in die Richtung, während die Vögel so schnell, wie sie gerade gekommen waren, hintereinander, in einer langen Reihe durch das kleine Fenster das Weite suchten.

In der Tür stand eine große, hagere Gestalt. Das lange, schneeweiße Kopfhaar fiel in lockiger, erstaunlich dichter Menge bis auf die Schultern herunter und umrahmte das von unendlich vielen Falten durchzogene Gesicht. Der lange weiße Bart, der bis auf die Brust herunterreichte, verstärkte noch den Eindruck, dass hier ein uralter, aber offenbar noch sehr agiler Greis stand.

Lange Zeit herrschte beklommenes Schweigen, denn dieser Auftritt des Alten war zu seltsam. Gerade noch füllten die Stare den Raum, die man vergeblich versuchte, nach draußen zu scheuchen. Dann der Auftritt des Weißhaarigen, der wie aus dem Nichts plötzlich in der Tür stand, und die Vögel suchten blitzschnell das Weite.

Keiner der Anwesenden rührte sich, aber Meraud, die Falkenfrau, schien zur Salzsäule erstarrt zu sein. Sie spürte, wie ihr Mund plötzlich ausgetrocknet war und ihr zugleich der Schweiß ausbrach und in Rinnsalen den Rücken hinunterlief. Sie wollte schreien, irgendetwas sagen, und war doch nicht in der Lage, auch nur den kleinen Finger zu rühren.

Meraud hatte die Präsenz einer unheimlich starken Macht gespürt, genau in dem Augenblick, in dem der alte Mann in der Tür erschien. Sie kannte dieses Gefühl, denn sie hatte es schon mehrfach erlebt. Ganz besonders, als es um das Schwert Morgans ging (vgl. Schwert und Schild – Sir Morgan, der Löwenritter # Band 27: Das Schwert des Löwenritters). Sie ahnte, dass sie sich alle in diesem Moment in Lebensgefahr befanden, konnte aber nichts dagegen unternehmen. In Gedanken konzentrierte sie sich auf ihren Falken, konnte ihn sich vorstellen, wie er hoch über dieser einfachen Schenke seine Kreise zog und glaubte endlich, seinen Jagdschrei zu vernehmen.

Dann war es Marven, der mit einem gekünstelt klingenden Auflachen die Stille brach, und plötzlich schwand der Druck von Meraud, fiel von ihr ab wie ein böser Traum und ließ sie leicht schwanken. Sie konnte sich wieder bewegen und hörte jetzt die Stimme des jungen Marven of Coleford, die auf seltsame Weise ebenfalls beruhigend auf sie wirkte.

„Aber Myrddin, ist es denn möglich, dass Ihr hier wirklich stehst?“

Der alte Ratgeber des Ritters Arwin of Spreyton bewegte sich erst jetzt, trat blinzelnd in den Raum und sah sich rasch um. Dann schritt er mit einer Geschwindigkeit auf Marven zu, die man dem alten, ausgemergelten Körper nicht zugetraut hätte.

„Dem Himmel sei Dank, dass ich Euch endlich gefunden habe.“

Alle waren aufgesprungen, um den würdigen Greis zu empfangen, ihm die Hand zu schütteln und ihm einen Platz an ihrer Tafel anzubieten. Lächelnd setzte Myrddin sich und trank vorsichtig einen Schluck aus dem gereichten Becher, bevor er einen ernsten Blick in die Runde warf.

„Sir Morgan, Sir Baldwin, Sir Ainsley, die Damen – schön, dass ich Euch hier alle beisammen sehe. Marven of Coleford wird es schon erahnt haben, als er mich erblickte. Sir Arwin of Spreyton hat mich ausgeschickt, Ihr seid seine letzte Rettung.“

„Was ist geschehen, Myrddin, so sprecht doch! Ist Sir Arwin in Gefahr?“

Der alte Ratgeber schüttelte nur den Kopf und wehrte mit der Hand alle weiteren Fragen ab.

„Lasst mich nur erst wieder zu Atem kommen, dann berichte ich Euch.“

Ungeduldig setzten sich alle wieder, die Blicke fest auf den Alten gerichtet, der sich jetzt, noch schwer atmend, von dem langen Weg zu erholen schien. Obwohl er von seinem Wein nur nippte, schien er innerhalb kurzer Zeit neue Kräfte zu sammeln. Sein faltenreiches Gesicht wirkte plötzlich wieder jünger und straffer, die ganze Gestalt richtete sich hoch auf und gleich darauf schoss ein Blick aus schwarzen Pupillen hinüber zu der Falkenfrau, die dabei unwillkürlich die Hand auf Sir Baldwins Arm legte. Aber das war nur ein kurzer Moment, und niemand außer Meraud hatte ihn wahrgenommen.

„Euer Treffen mit Abt Dhorie ist verraten worden!“, setzte Myrddin schließlich seine Rede fort.

Morgan hielt es nicht mehr auf seinem Sitz.

„Wie ist das möglich?“

Der Weißhaarige zuckte die Schultern.

„Wir haben seit einiger Zeit ein paar gute Zuträger am Hof von Sir Struan of Rosenannon, Der Mann, der diese Nachrichten überbrachte, ist sehr zuverlässig. Sir Arwin hat deshalb versucht, Euch mit den ausgesandten Boten zu finden und zu warnen. Offenbar ist es nur mir gelungen, Euch rechtzeitig aufzufinden.“

Morgan sank langsam wieder auf seinen Platz zurück und sah dem Alten direkt ins Gesicht.

„Warum habt Ihr Euch diese Mühe gemacht, Myrddin, wenn es doch die anderen Boten vielleicht ebenso schaffen konnten? Mit Verlaub, aber ich frage nur deshalb nach, weil Ihr nicht mehr der Jüngste seid!“

Das faltenreiche Gesicht wandte sich dem Schwarzen Ritter zu. Bei seiner Antwort, die mit seltsam tonlos klingender Stimme gegeben wurde, verzog der Alte keine Miene. Aber er deutete mit einem langen Finger auf Meraud. Dieser Zeigefinger war so knöchern und knotig, dass er wie ein alter Ast aussah, und er zitterte nicht, als er während der folgenden Worte ausgestreckt blieb.

„Sie ist mein Wegweiser gewesen.“

Meraud schnappte hörbar nach Luft, Sir Baldwin griff ihre Hand, die noch immer auf seinem Unterarm ruhte, und sagte mit scharfer Stimme:

„Was soll das bedeuten, Myrddin? Erklärt Euch!“

Jetzt ließ der Alte langsam die Hand mit dem ausgestreckten Zeigefinger sinken.

„Das ist nicht zu erklären. Aber die Falkenfrau verfügt über Fähigkeiten, die nur wenige Menschen besitzen. Auch ich gehöre zu diesen Menschen und konnte sie deshalb aufspüren.“

Sir Baldwin warf seiner Verlobten einen beunruhigten Blick zu, aber der Alte hob erneut die Hand, diesmal jedoch in einer beschwichtigenden Geste.

„Niemand kann das verstehen, wenn er diese Gabe nicht besitzt. Meraud wird wissen, was ich meine, auch wenn sie diese Gabe noch nicht vollständig ausgebildet hat. Für jetzt mag es genügen, ich habe Euch gefunden und Euch gewarnt.“

„Gut, und was ist nun Euer Ratschlag, Myrddin?“, erkundigte sich Morgan.

Der alte Mann zuckte mit einer müden Geste die Schultern.

„Ich kann Euch nicht raten, Sir Morgan, ich bin kein Krieger. Ihr müsst entscheiden, ob Ihr der Gefahr aus dem Weg gehen wollt oder Euch ihr hier vor Ort stellt. Beides kann für Euch neue Gefahren bringen, es kann zum Kampf kommen, Ihr könnt getötet oder gefangen werden. Das kann ich nicht voraussehen.“

Morgan warf einen raschen Blick in die Runde und antwortete dann für alle, weil er die Zustimmung in ihren Mienen erkannt hatte.

„Wir werden uns der Gefahr hier stellen, anstatt vor ihr davonzulaufen. Was gibt es für konkrete Hinweise, die uns Nutzen bringen können, Myrddin? Denkt nach, alles ist wichtig, wollen wir die Sache schadlos überstehen!“

Der alte Mann richtete sich erneut hoch auf und schaute mit seinen dunklen Pupillen auf Morgan. Doch der Löwenritter ließ sich von dem Blick nicht beeindrucken, sondern hielt ihm stand. Fast schien es ihm, als brenne hinter den schwarzen Pupillen ein helles Feuer, aber er konnte sich getäuscht haben. Vielleicht spiegelte sich das Herdfeuer in ihnen, denn auf dem großen, gemauerten Herd wurde noch immer für sie gekocht.

„Ich kann nur folgendes hinzufügen, Sir Morgan, denn mehr habe ich nicht erfahren, und auch der Bote wusste keine Einzelheiten. In der Nacht wird hier ein Kurier eintreffen und Euch aufsuchen, um zu berichten, dass der Abt erkrankt sei und Euch direkt im Kloster bei der Stadt Exeter erwarten wird. Alles andere ist mir verborgen geblieben.“

„Dann werden wir geeignete Maßnahmen treffen müssen. Jedenfalls danken wir Euch für die Mühe, die Ihr mit dem Weg auf Euch genommen habt. Der Fisch ist inzwischen kalt geworden, Boyd, lass ihn noch einmal aufwärmen, und dann beginnen wir endlich mit unserer Mahlzeit.“

Als Boyd sich mit der großen Holzplatte erhob, auf der ein köstlich riechender Fisch lag, traf ihn ein Blick des alten Mannes, der ihn erschauern ließ. Rasch drehte er sich zu dem Jungen zu, der eilig herbeigekommen war, um ihm die Platte abzunehmen. Boyd hatte das Gefühl, dass ihn für einen Moment ein Eiszapfen berührt hatte, aber dann schüttelte er es wieder von sich ab und schalt sich heimlich einen Narren. Der alte Myrddin war mit Sicherheit ein Zauberer, das war ihm schon lange klar geworden. Die Frage war nur, welcher Art von Zauberer er war und ob er es ehrlich mit ihnen meinte. Dann aber erinnerte er sich daran, dass er schließlich der langjährige Ratgeber von Sir Arwin of Spreyton war, und das beruhigte ihn wieder.

Hätte er geahnt, was ihm noch mit dem weisen Mann bevorstand, wäre sein Schlaf in dieser Nacht wohl nicht so ruhig und friedlich gewesen. So aber bemerkte er nichts von dem Treiben vor dem Gasthaus.

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3.

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Der Mann hatte sein Pferd an einen der ersten Baumstämme angebunden und sah sich jetzt um. Mondlicht lag hell über den Hügeln der Umgebung, deutlich war das dunkle Band der Fernstraße nach Exeter erkennbar. Kaum zweihundert Yards entfernt hob sich in der Dunkelheit der Umriss des Gebäudes ab, das in dieser Nacht sein Ziel war. Weit und breit war kein Licht in der Nachbarschaft zu erkennen, und auch in der Herberge schien bereits alles zu schlafen. Nur eine kleine Laterne schaukelte im leichten Nachtwind, der sanft über den nächsten Hügel strich. Der Kurier zog seinen Waffenrock gerade, rückte das Schwert griffbereit im Wehrgehänge zurecht und ging dann mit raschen Schritten auf die Herberge zu.

Erst als er in der Dunkelheit unmittelbar vor dem Gebäude stand, bemerkte er ein weiteres, mattes Licht im benachbarten Stall. Das war nichts Außergewöhnliches und beunruhigte ihn auch nicht. Entweder war man an dieser stark benutzten Fernstraße darauf eingestellt, zu jeder Stunde auch noch Durchreisende aufzunehmen, oder einer der Knechte schlief dort im Stroh.

Der Fremde lehnte sich in den Schatten des Gasthauses an die Wand und lauschte. Gelegentliches Schnauben aus dem Stall, einmal ein Knarren, ansonsten herrschte Stille ringsherum. Gerade stieß er sich von der Wand ab und huschte hinüber zum Stalltor, um sich mit einem raschen Blick zu vergewissern, dass ihm von hier keine Gefahr drohte, als er in seiner Bewegung verharrte.

Etwas war im Dunkeln über ihn geflogen, hatte fast seinen Kopf berührt. Erschrocken schaute er nach oben und dachte an einen Nachtvogel, der ihn vielleicht auf der Suche nach Beute angeflogen hatte, bevor er sich auf eine Maus stürzen konnte, die sich hinter ihm bewegt hatte. Aber da war nichts, und der Mann zögerte, einen Schritt weiterzugehen. Irgendetwas hatte seine Aufmerksamkeit geweckt und seine Sinne gefesselt. Er atmete langsam ein und strengte sein Gehör an.

Ein leises Kratzen schien sich von der Seite zu nähern, aber dort entdeckte er nur den dunklen Schatten des Gebäudes. Sollte sich dort jemand verborgen halten? Noch einen Moment zögerte er, dann war er an der nur angelehnten Stalltür und sah durch den Spalt hinein. Offenbar waren nur die Pferde der Gäste hier untergebracht, einen Knecht konnte er nicht ausmachen. Also war sein nächstes Ziel die Herberge. Behutsam zog er sich zurück und war gleich darauf an der Tür des Schankraumes, streckte die Hand langsam aus und probierte, ob die Tür von innen verriegelt war.

Eisiger Schreck durchzuckte ihn, als sie bei seiner Berührung plötzlich leicht und völlig geräuschlos nach innen aufschwang.

Er blieb auf der Schwelle stehen, zog mit der Rechten langsam das Schwert aus der Scheide und wartete ab. Die abgestandene Luft, die ihm entgegenschlug, verkündete von den Resten einer Mahlzeit, den Ausdünstungen der Menschen und dem getrunkenen Wein. Unwillkürlich musste der Mann grinsen. Alles ging sehr leicht, und wenn er seinen Auftrag erfüllt hatte, würde ihn eine prächtige Belohnung endlich in den Stand setzen, sich den kleinen Hof zu kaufen. Viele ähnliche Aufträge hatte er schon für den Sheriff von Cornwall erledigt, aber dieser hier war der heikelste und lockte ihn aufgrund der Höhe seiner Bezahlung.

Nun setzte er den Fuß über die Schwelle, spürte die starke Anspannung, die ihn befiel, als er erneut ein knarrendes Geräusch hörte und sofort seine Bewegung verlangsamte.

Wieder eine Pause zum konzentrierten Lauschen, und er spürte, wie sein Herz schneller schlug. Ein seltsames Ahnen stieg in ihm auf, irgendetwas war hier nicht in Ordnung, ohne dass er den Grund für seine Unsicherheit benennen konnte. Es handelte sich nur um einen einfachen Schankraum, im Hintergrund war an der hell gekalkten Wand die Treppe erkennbar, die zu den Schlafräumen führte. Gleich würde er eine von ihnen öffnen, dem Ersten das Messer in den Hals stoßen und seine Botschaft hinterlassen. Alles war nur eine Sache seiner Geschicklichkeit, erforderte keine besonderen Dinge von ihm und wäre rasch abzumachen, wenn – ja, wenn nicht schon wieder ein Geräusch an sein Ohr gedrungen wäre.

Doch diesmal konnte er es überhaupt nicht zuordnen, verharrte aber wie festgenagelt auf der Stelle und erhielt dadurch die ganze Stärke des Schlages, die in dem Arm des Gegners lag. Etwas traf ihn hart auf den Schädel, seine Augen sahen helle Sterne und Kreise, der dunkle Fußboden raste auf ihn zu, und mit einem dumpfen Aufschlag fiel er der Länge nach hin, das Schwert noch immer fest umklammernd.

Als er wieder erwachte, probierte er, ohne die Augen zu öffnen, zunächst die Finger und testete dann seine Füße. Er war an Händen und Armen stark gebunden, im Raum war es hell. Wahrscheinlich hatte schon das Zucken seiner Augenlider verraten, dass er zu sich gekommen war, denn gleich darauf traf ihn ein harter Tritt in die Seite.

„Du bist wach und hast keine Ahnung, wie du in diese Lage gekommen bist. Vermutlich glaubst du, es war alles nur ein Versehen, das sich aufklären wird, und dann lassen wir dich laufen. Falsch. Dies ist der letzte Morgen in deinem erbärmlichen Leben.“

Die Stimme klang kräftig und mitleidlos. Der Gefesselte schlug die Augen auf und sah dicht vor sich das bärtige Gesicht eines Mannes, der ihn mit vor Zorn funkelnden Augen betrachtete.

„Aye, mein Freund, du kannst schweigen oder mit mir reden, viel ändert das nämlich nicht mehr. Wir haben das Dokument bei dir gefunden, das du so unglaublich schlau in deinem Stiefel versteckt hast.“

Bei diesen Worten konnte der Gefesselte ein unwillkürliches Zusammenzucken nicht verhindern. Er wusste, dass damit seine wahre Absicht aufgeflogen war, denn die Anweisung des Sheriffs war eindeutig. Einer der Ritter sollte unter allen Umständen getötet werden, am besten natürlich dieser Morgan of Launceston. Für die anderen war die Warnung dann deutlich und würde sie umso rascher nach Exeter treiben – direkt in die Arme ihres Todfeindes.

„Aber weshalb ...“

„Ach, du möchtest wissen, weshalb du noch lebst? Glaube mir, ich habe nicht dafür gestimmt. Aber jetzt ist genug geredet. Möchtest du noch etwas erzählen, was wir noch nicht wissen?“

„Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Offenbar bin ich hinterrücks niedergeschlagen und ausgeraubt worden.“

Der Mann wurde plötzlich von zwei riesigen Händen gepackt und vom Boden gerissen. Hilflos schwebte er vor dem breitschultrigen Schotten, der ihm verächtlich entgegnete: „Mein unschuldiges Lämmchen – das Dokument hat deinen Auftrag deutlich gemacht. Der Sheriff wünscht die Überbringung der Nachricht, dass man in zwei Tagen mit der Folterung des alten Abtes beginnt, wenn wir bis dahin nicht in Exeter vor dem Sheriff erscheinen. Nun gut, dieser Einladung werden wir natürlich folgen. Vor allem, wenn der Sheriff wünscht, dass der Überbringer, also Ihr, diese Nachricht einem toten Freund von uns an die Brust heftet, damit kein Zweifel über seine Absichten besteht. Aye, wir haben verstanden.“

Damit warf sich der Schotte den Gefesselten wie ein lästiges Bündel über die Schulter und stapfte aus dem Raum, in dem der Mann jetzt ein Stallgebäude erkannte.

„Was ... was hast du vor?“, rief er ängstlich, als er bemerkte, dass der Mann auf eine Linde zuschritt, die von der frühen Morgensonne auf dem Hof der Herberge beschienen wurde.

„Du wirst es gleich erfahren. Die Linde hat kräftige Äste, das reicht für meinen Zweck.“

Mit großen Schritten ging der Mann mit dem ausgeprägten schottischen Dialekt über den Hof und legte den Gefesselten direkt an den Stamm der prächtigen Linde, die hier ihre breite Krone über eine kleine Bank ausstreckte. Bestimmt war das im Sommer ein idyllischer Platz zum Ausruhen. Der Blick fiel direkt auf die Fernstraße, und mit einem kühlen Becher Bier oder Wein musste das ein kleines Paradies sein. Doch weder der Schotte noch sein Gefangener hatten dafür einen Blick.

Der Schotte wickelte sich gerade einen kräftigen Strick von der Hüfte. Er trug ihn wie einen Gürtel mehrfach um den Leib geschlungen, und der Gefangene bekam eine Ahnung, was ihm nun bevorstand. Er kämpfte gegen die Angst, die in ihm aufstieg und wie mit einer eiskalten Hand sein Herz gefasst hielt. Sein Kopf flog nach rechts und links, als sich der Schotte mit einer fertig geknüpften Schlinge näherte. Aber niemand ließ sich hier blicken, von keiner Seite schien er Hilfe erwarten zu können.

Der Mann stieß einen geradezu schrillen Schrei aus, als der Schotte ihm die Schlinge um den Hals legte und etwas zusammenzog.

„Warte, warte, warte!“, schrie er mit sich überschlagener Stimme. „Das kannst du doch nicht machen! Ich kann dir noch eine Menge erzählen, das dich interessieren wird, Schotte! Der Sheriff von Cornwall ist euch auf den Fersen und hat geschworen, die Rebellen noch in diesem Monat auszurotten!“

„Ach so, hat er?“, antwortete der Breitschultrige, indem er in aller Seelenruhe den Strick über einen kräftigen Ast warf und zu diesem Zweck auf die kleine Bank geklettert war. „Na, dann muss er sich wohl beeilen, denn viel Zeit bleibt ihm dafür nicht mehr!“

Nun sprang er von der Bank, griff den Strick wieder auf, dessen Ende lose vom Ast herunterhing, und zog wie zur Probe daran. Der Gefesselte sprang vom Stamm der Linde auf ihn zu, um den gerade gestrafften Strick wieder zu lockern.

„Tu das nicht, Schotte, ich kann dir noch vieles verraten, was du noch nicht weißt! Der Sheriff hat etwas vor, das euer Versteck vernichten wird.“

„Aye, das hat er schon lange vor. Mach dich bereit, du trittst gleich deinem Schöpfer gegenüber. Möchtest du noch beten oder hört der Teufel nicht auf deine Jammerei?“

Ungerührt von dem kreidebleichen Gesicht des verhinderten Meuchelmörders zog Sir Ainsley erneut an dem Strick, sodass der Gefesselte keine Luft mehr bekam und mit weit aufgerissenen Augen auf Zehenspitzen stand, um den Druck auf seinen Hals zu lockern.

„Warte, ich ... ich will dir alles ... verraten, nur zieh mich nicht weiter hoch!“

Aber der Schotte schien ihn nicht verstanden zu haben, denn noch einmal riss er kräftig an dem Strick, sodass der Delinquent ein Stück nach oben gezogen wurde. Ein Röcheln entrann sich seiner zusammengeschnürten Kehle, er strampelte wie wild mit den Beinen und musste feststellen, dass sich dabei seine Blase entleert hatte. Im gleichen Augenblick hatte er wieder festen Boden unter den Füßen, aber der Druck auf seinen Hals war noch immer unerträglich.

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738919691
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v424728
Schlagworte
schwert schild morgan löwenritter band merlins rückkehr

Autor

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Titel: Schwert und Schild – Sir Morgan, der Löwenritter Band 33: Merlins Rückkehr