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Reiche Kunden killt man nicht: Ein Fall für Abel

2018 200 Seiten

Zusammenfassung

Die Polizei ist hinter dem Privatdetektiv Jean Abel her. Die Großfahndung läuft. Er soll einen Klienten umgebracht haben; die Indizien sprechen gegen ihn, und er hat kein Alibi.
Vor allem aber passt ein Privatdetektiv in schmutzigen Jeans, mit abgebrochenem Jurastudium, Schulden und starkem Alkoholverbrauch als Mörder vorzüglich in das Weltbild von Hauptkommissar Schuster... Nein, Schuster ist kein mieser Bulle. Er ist eher ein Mann mit Grundsätzen, mit sehr viel Erfahrung und wenig Fantasie. Und wenn da nicht nur ein Alibi fehlt und die Indizien eindeutig sind, sondern auch ein klares Motiv erkennbar wird, da hat der alte Praktiker nicht mit Zweifeln zu kämpfen.

Aber mit Abel.

Leseprobe

Die Polizei ist hinter dem Privatdetektiv Jean Abel her. Die Großfahndung läuft. Er soll einen Klienten umgebracht haben; die Indizien sprechen gegen ihn, und er hat kein Alibi.

Vor allem aber passt ein Privatdetektiv in schmutzigen Jeans, mit abgebrochenem Jurastudium, Schulden und starkem Alkoholverbrauch als Mörder vorzüglich in das Weltbild von Hauptkommissar Schuster... Nein, Schuster ist kein mieser Bulle. Er ist eher ein Mann mit Grundsätzen, mit sehr viel Erfahrung und wenig Fantasie. Und wenn da nicht nur ein Alibi fehlt und die Indizien eindeutig sind, sondern auch ein klares Motiv erkennbar wird, da hat der alte Praktiker nicht mit Zweifeln zu kämpfen.

Aber mit Abel.

«Tach», sagte der Mann, der Paloff auf der Treppe entgegenkam.

«Grüß Gott», antwortete Paloff in reinstem Schwäbisch. Er stieg langsam die Stufen durch das alte Treppenhaus hinauf. Oben unter dem Dach gab es drei Türen. An der mittleren klebte ein Zettel.

JEAN ABEL

Privatdetektiv

telef. Voranmeldung erforderlich

Paloff klopfte. Nichts. Er klopfte noch einmal, lauter.

«Oho, Alter, das ist aber mal 'ne Überraschung.» Abel hielt die Tür mit der linken Hand, sein rechter Arm fuhr in einer weiten Geste hinauf zum Türbalken. Dann packte er Paloff mit beiden Händen an den Schultern und zog ihn zu sich herein.

«A Freid is es.» Abel lachte und imitierte Wienerisch. Die Tür bekam einen Fußtritt und schlug krachend zu. Der Detektiv zerrte Paloff den Mantel von den Schultern und schob ihn vor sich her zu einem breiten Ohrensessel. Paloff setzte sich in die zerschlissenen Polster und legte sein Pfeifenetui sorgfältig vor sich auf den Schreibtisch.

«Ich habe Arbeit für dich», sagte er beiläufig.

«Was?»

«Arbeit, einen Auftrag.»

Abel angelte nach dem Stuhl hinter dem Schreibtisch und zog ihn herüber. Er setzte sich rittlings und legte das Kinn auf die Lehne.

Paloff klappte sein Etui wie ein Buch auseinander, wählte eine Pfeife aus und begann sie sorgfältig zu stopfen.

«Worum geht's denn da?»

«Dein Klient kommt gleich, er wird dir alles genau erzählen. Es handelt sich, soviel ich weiß, um eine Erbschaftsgeschichte.» Paloff paffte dicke Qualmwölkchen vor sich hin.

«Und was ist das für ein Mann?»

«Ein Kollege aus Südamerika», sagte Paloff stolz.

«Ich werd verrückt.» Abel spielte großes Erstaunen und ließ sich rücklings fast vom Stuhl fallen. Paloff war Philologe, seine Spezialität war Althochdeutsch. Abel hatte zu dieser Wissenschaft keine Beziehung, aber ihren Vertretern traute er nichts zu. Er kannte ja Paloff.

«Kann der überhaupt ein Auto vom Rasenmäher unterscheiden?» Besorgt zog er die Augenbrauen hoch.

«Ich kann ja wieder gehen und ihm Bescheid sagen ...»

«Quatsch, man wird ja noch mal fragen dürfen.» Abel lachte. Er zwinkerte zu Paloff hinüber.

«Einen Kaffee zur Friedenspfeife?» Er schob seinen Stuhl zurück und ging in den zweiten Raum seiner Dachwohnung hinüber, um am Waschbecken einen Topf mit Wasser zu füllen und auf die elektrische Platte zu stellen.

Die beiden Männer saßen sich gegenüber unter dem Lichtkreis der Schreibtischlampe. Abel hatte einen starken, heißen Kaffee gebraut. Die Henkelbecher hinterließen kleine Kreise auf der Lederunterlage. Der Rauch von Paloffs Pfeife schwebte in dünnen Schwaden im Raum und schimmerte matt. Ein fahler Herbstabend lag draußen vor dem Fenster, wo der Sprühregen wie Nebel um die Lichter der Laternen hing. Im Zimmer knisterte das Holz im Kanonenofen.

Abels breites Gesicht glühte jetzt vor Interesse. Er kratzte sich am Bart, rieb über die borstigen Haare, wenn er nachdachte, und versuchte, einen Namen aus einer Gedächtnisschublade zu kramen. Die beiden tratschten. Paloff hatte eine frühere Freundin von Abel getroffen. Dort hatte er dies und jenes über die ehemaligen Kommilitonen erfahren, Kleinigkeiten, aber immerhin, Abel war gespannt, er schwadronierte und lästerte und hatte fast alles schon vorher gewusst.

«Das war doch klar, dass die sich blitzschnell einen sucht, einen mit Kies meine ich.» Abel war aufgestanden und kramte im Nebenzimmer nach einer Schnapsflasche. «Und dann ist nix mehr mit in die Schule gehen, anderer Leute Kinder erziehen. Jetzt gibt's nur noch Porsche fahren und auf Parties und Vernissagen rumrennen.»

«Bessere Kreise.» Paloff zuckte mit den Schultern, er gehörte selbst dazu.

«Bessere Kreise, bessere Kreise, da scheiß ich drauf», Abel kam mit einer Flasche zurück.

«Ob dein Freund noch kommt?»

«Er ist sonst immer pünktlich», Paloff schaute auf seine Uhr.

«Er kommt bestimmt.»

«Hoffentlich.»

«Bestimmt, wenn ich's sage», beharrte Paloff, «er ist aus Südamerika,er kennt hier niemanden.»

Abel trank ächzend einen Schluck hellen Schnaps aus dem Wasserglas, das vor ihm stand; die beiden schwiegen. Im Ofen fuhr krachend ein Holzscheit auseinander. Unten auf der Straße brummte der Abendverkehr.

Da knarrten die Stufen vor der Tür unter unsicheren Schritten. Abel hob den Kopf. Paloff legte die Pfeife aus der Hand. Die Schritte verharrten in der Nähe der Tür. Bevor wieder der Lärm von der Straße heraufdrang und die letzten Geräusche hier überdeckte, klopfte jemand behutsam an die Tür.

Der Mann, der den Raum betrat, war klein und untersetzt. Seine stämmige Erscheinung passte nicht zu den vorsichtigen Schritten.

Abel hatte das Deckenlicht angeschaltet, er stand hinter dem Fremden, so dass er nicht sehen konnte, wie dessen Miene sich aufhellte. Paloff und der Mann begrüßten sich freundschaftlich.

«Das ist der Mann, den ich Ihnen empfohlen habe, Herr Kollege», sagte Paloff und deutete auf Abel.

«Aha, schön», sagte der Mann und säuberte seine beschlagene Brille sorgfältig mit einem Taschentuch. Er hatte sich umgedreht.

«Abel», stellte sich der Detektiv vor.

«Sehr angenehm, Reißler.» Der Fremde drückte die Hand des Detektivs fest zusammen, «Sie wissen sicher, dass Herr Paloff und ich Kollegen sind, wir kennen uns von Kongressen, Ihr Freund ist eine wissenschaftliche Autorität, daher mein Vertrauen, seinen privaten Ratschlag zu befolgen.»

Reißlers Gesicht zeigte dennoch Skepsis. Sein Blick wanderte flüchtig durch den matt erleuchteten, kleinen Raum. Paloff lächelte entschuldigend.

«In Amerika residieren Privatdetektive sicher fürstlicher», sagte Abel.

Mit einer weiten Geste des rechten Arms wies er auf einen zweiten Stuhl, den er herangezogen hatte.

«Bitte, nehmen Sie doch Platz.»

«Danke», sagte Reißler und setzte sich zögernd auf die Stuhlkante. Abel verschwand im hinteren Zimmer und kehrte mit einem Glas zurück. Er stellte es direkt vor Reißler und zog aus der Tasche ein Päckchen Zigaretten, das er in die Mitte des Schreibtisches legte.

«Trinken Sie auch ein Glas?», fragte Abel und näherte sich mit der Flasche.

«Schnaps?», fragte Reißler.

«Ja, Obstschnaps.»

Abel hielt die Flasche kurz über das Glas.

«Ja, gerne», sagte der Mann und nickte. Abel vergaß vor Erstaunen fast das Einschenken. Ein Philologe, der Schnaps trinkt, passte nicht in sein Weltbild. Reißler kippte den Obstler hinunter und zog die Schultern hoch. Abel beobachtete den Vorgang ungläubig, dann trank er selbst.

«Noch einen?»

«Ja gerne, das wärmt.»

Die drei Männer saßen um den Tisch und sahen sich an. Hätte auch Paloff getrunken, es wäre fast gemütlich gewesen. Nachdem Reißler sich eine von Abels «Anbietzigaretten» angezündet hatte - Abel selbst rauchte nicht - fragte Abel geschäftsmäßig, wo der Schuh denn drücke. Reißler saß aufrecht und starr auf dem Stuhl und schaute Abel aufmerksam an.

«Mein Problem ist privater Natur, eine alte Geschichte. Ich selbst kann es nicht lösen. Ich bin daher auf fremde Hilfe angewiesen. Es geht um Ermittlungen, die Sie für mich durchführen sollen.»

«Das ist mein Beruf.» Abel trank ein Schlückchen.

«Ich komme aus Venezuela», fuhr Reißler fort, «und bin dort an der Universität tätig, geboren bin ich aber in Stuttgart. Nach dem Krieg - ich war Mitte Zwanzig - bin ich zusammen mit meinem Vater nach Südamerika. Es gab dafür private, na ja, sagen wir politische Gründe. Die einen sind damals geflüchtet und haben im Ausland ihren Weg gemacht, die anderen sind hier in der Heimat geblieben. Und um die - soweit sie aus meiner Familie sind - geht es.»

Abel nickte und begann auf einem Block Notizen zu machen.

«Unsere Familie ist verhältnismäßig wohlhabend. Mein Großvater hat das Vermögen zusammengebracht, wie, weiß heute keiner mehr. Weder mein Vater noch ich ahnten etwas über die Höhe, es gab nur Schätzungen. Bis zu seinem Tod hat mein Vater immer wieder davon gesprochen, dass wir ausgesorgt haben würden, wenn der Erbfall eintreten würde.“

«Hat Ihr Vater diesen Erbfall noch erlebt?», fragte Abel, ohne von seinem Block aufzusehen.

«Nein, mein Vater ist vorher gestorben.» Reißlers Miene blieb unbeweglich. «Der <Erbfall>, das war meine Großmutter. Sie hieß Haussmann und war so was wie eine Stammesfürstin. Sie war geizig, verschlagen und zäh, sie ist erst nach meinem Vater gestorben. Trotz allem war sie nicht ohne Gerechtigkeitssinn, wenn es die Familie betraf. Mein Vater hat das immer wieder betont und fest daran geglaubt, dass wir in Südamerika nicht betrogen werden würden.»

«Und hat sich Ihr Vater getäuscht?»

«Ja.» Reißler drehte das Schnapsglas zwischen seinen Fingern. «Als die Großmutter 1964 starb, hier ist der Totenschein » Reißler reichte ein verschlissenes Blatt über den Tisch - «bin ich nach Deutschland gekommen, um das Erbe anzutreten. Die Verwandten haben mich sehr distanziert behandelt, mit dem Tenor: <Du hast dich nie um deine Großmutter gekümmert, jetzt, wenn es um's Geld geht, bist du da !> Ich bin mir damals ziemlich schäbig vorgekommen, so, als wollte ich die anderen bestehlen.»

«Es war aber eher umgekehrt», warf Paloff dazwischen, der die Geschichte Reißlers schon kannte. Er zog heftig an seiner Pfeife.

«Damals habe ich mich mit dem Nachlassgericht in Verbindung gesetzt», fuhr Reißler fort, «und dort einen Erbschein erhalten, der auf ein Drittel der vorhandenen Erbmasse lautet. Das stand mir auch zu, denn mein Vater hatte zwar drei Geschwister, aber ein Bruder ist kinderlos im Krieg geblieben, so dass außer meinem Vater noch zwei bzw. deren Kinder je ein Drittel erbten; sozusagen zwei weitere Äste des Stammbaumes, außer unserem.»

Abel grinste, denn die gesetzliche Erbfolge kannte er. Immerhin hatte er sein erstes juristisches Examen, wenn auch mit unsäglichem Glück, bestanden.

«Das Merkwürdige war nur, dass mein Anteil verhältnismäßig mager ausfiel. Alles zusammen am Schluss nur knapp 10.0000, Mark. Dabei war eine Gießerei vorhanden, mit zwei Verarbeitungsbetrieben. Das Grundstück, auf dem die Gebäude der Firmen standen, soll früher uns gehört haben und dann in den fünziger Jahren verkauft worden sein. Neben einer großen Villa am Killesberg hier in Stuttgart, eine sehr gute Gegend, wie Sie wahrscheinlich wissen, muss es noch Mietshäuser in der Stadt und Grundstücke auf dem Land gegeben haben.»

«Eine ganze Menge.» Abel war beeindruckt. «Da hätte sich das Erben gelohnt.»

«Von allem war angeblich nichts mehr da.» Reißler fuhr mit einer knappen Bewegung der Hand durch die Luft. «Die Grundstücke und Häuser sollen nach dem Krieg von den Alliierten konfisziert worden sein - ohne Abfindung, hieß es. Und die Firmen waren notleidend, hieß es. Man hat mir damals ein Gutachten von zwei Wirtschaftsprüfern vorgelegt, aus denen hervorging, dass der Wert des gesamten Unternehmens praktisch gleich Null war und nur die Betriebsgrundstücke - abzüglich hoher Belastungen - noch knapp 300.000 Mark bringen würden.»

Paloff schüttelte ungläubig den Kopf, obwohl er die Vorfälle kannte. Er beobachtete, wie der Detektiv nun eifriger schrieb.

«Dreihunderttausend muss das heißen», er zeigte mit dem Finger auf das Notizpapier.

«Heißt es auch», knurrte Abel.

«Damals war ich schon skeptisch und habe mir einen Rechtsanwalt genommen», fuhr Reißler fort, «der hatte jedoch nur wenig Zeit auf die Prüfung der Unterlagen verwendet und mir schließlich geraten, aus den Firmen, deren Teilhaber ich als Erbe war, auszuscheiden und meinen Anteil zu realisieren, bevor ein Konkurs kommen würde. Ich habe diesen Rat - wenn auch mit großen Bedenken - befolgt, da die Vorgänge plausibel dargestellt waren und ich befürchten musste, schließlich noch alles zu verlieren.»

«Wie hieß der Mann?», fragte Abel dazwischen, ohne aufzublicken.

«Wer?»

«Der Anwalt, den Sie hatten.»

«Kuhlmann», antwortete Reißler. Nach einer versonnenen Pause sprach er weiter: «Später erst habe ich mich gewundert, woher die anderen Erben so schnell das Geld aufgetrieben haben, um mich auszuzahlen, wenn alles tatsächlich so marode war, wie es aussah. Ganz besonders deshalb, weil die Familie ihre Einkünfte ohne Ausnahme aus den Firmen bezog. Keiner von denen war in der Lage, durch seiner Hände Arbeit etwas zu verdienen. Keiner hatte etwas Richtiges gelernt. Ich habe in Venezuela dann immer die Wirtschaftspresse über Deutschland verfolgt. Dabei bin ich schließlich vor knapp drei Wochen auf eine Notiz gestoßen, aus der hervorging, dass die Haussmann Metallverarbeitungsgesellschaft mbH in Stuttgart  eine Dachgesellschaft für einen Preis von über 30 Millionen Mark mit einem Großunternehmen fusioniert hat und dass die bisherigen Inhaber, Kurt Haussmann und Ina Haussmann-Nasch entsprechend ausbezahlt wurden. Nebenbei bemerkt, das sind mein Vetter und meine Cousine, die armen Miterben von damals.» Reißler schob einen Zeitungsausschnitt über den Tisch.

«Eigenartig, was der deutsche Unternehmergeist aus konkursreifen Firmen alles macht.» Abel drehte den Zeitungsausschnitt mit dem spanischen Text unschlüssig in der Hand.

«Ja, da ist mir schließlich klargeworden, dass man mich damals betrogen hat», sagte Reißler bitter, «und jetzt bin ich gekommen, mein Recht zu suchen.»

Er lehnte sich zurück und drehte das leere Schnapsglas in den Händen.

«Eines ist mir nicht klar», sagte Abel langsam und fuhr mit dem Bleistiftstummel an seinen Notizen entlang. «Sie heißen Reißler, folglich hieß auch Ihr Vater so, wie sind Sie genau mit der Familie Haussmann verwandt?»

«Ganz einfach: Meine Mutter war eine geborene Haussmann und stammte aus Stuttgart.»

«Gut, aber dann hätte Ihr Vater nicht geerbt, nur Sie persönlich», Abel sah Reißler an.

«Richtig, mein Vater hätte zwar unter Umständen auch selbst erben können - das lassen wir beiseite -, er hat aber die wenigen Kontakte nach Deutschland immer aufrecht erhalten und hat quasi als Sachwalter meiner Mutter gearbeitet. Aus diesem Grund konnte er - aus einer Art Überidentifikation heraus - von <unserem> Erbe sprechen; das war für ihn nichts Ungewöhnliches. Schließlich wäre ich auf alle Fälle bedacht worden, und mein Verhältnis zu meinem Vater war ausgezeichnet.»

«Wird akzeptiert», sagte Abel trocken und schenkte nach.

Reißler schob einen kleinen Stoß Papier zu Abel hinüber und sagte: «Das sind die Unterlagen, die ich habe, vielleicht werden Sie klug daraus. Ihre Bemerkung zeigt mir, dass Sie zumindest ein guter Beobachter, oder besser, Zuhörer sind.»

Paloff sah von der Pfeife auf, die er gerade reinigte. «Was soll Herr Abel jetzt für Sie unternehmen, Herr Reißler?»

«Er soll klären, ob und - wenn ja - wie ich übers Ohr gehauen worden bin», antwortete Reißler knapp. Er sah Abel an und beobachtete, wie dieser noch einmal seine Notizen durchging. Er hatte Vertrauen gefasst. In gemächlichen Schlucken trank er Abels Schnaps.

Die Männer schwiegen. Der Detektiv hatte sich zu dem Auftrag noch nicht geäußert; er war in seine Notizen vertieft. Dann fragte er, ohne von seinen Blättern aufzusehen, wo genau die Villa am Kil lesberg liege.

Reißler nannte die Adresse und gab dann noch Auskunft über die mutmaßliche Lage der anderen Häuser und Grundstücke. Abel schrieb alles auf. Dann gingen sie zusammen die auf dem Tisch liegenden Dokumente durch.

«Ja», sagte der Detektiv schließlich und sah Reißler ins Gesicht, «eine interessante Sache, ich nehme den Auftrag an.»

Reißler nickte erleichtert. Er konnte nicht wissen, dass Abel infolge chronischer Finanzschwäche kaum etwas anderes übrigblieb.

Paloff erhob sich als erster. Er packte seine Pfeifen behutsam zusammen. Reißler war noch unschlüssig, er sah zu Abel hinüber und fragte:

«Wie stehen unsere Aussichten?»

«Eine schwierige Frage», murmelte Abel. «Für den Erfolg kann ich Ihnen nicht garantieren. Die Sache ist dafür zu kompliziert.» Er legte die Papiere auf den alten breiten Schreibtisch und kam auf Reißler zu. «Wenn Sie eine Erfolgsgarantie wollen, dann kann ich nichts für Sie tun. Ich versichere Ihnen aber, dass ich mich bemühen werde.»

«Mehr wollte ich nicht wissen», sagte Reißler zufrieden und stand auch auf; er kam auf Abel zu und gab dem Detektiv die Hand: «Sie werden es schon schaffen, davon bin ich überzeugt.»

Abel nickte. Es schien einen Augenblick, als wollte er sich wichtig tun, doch der Eindruck war nur flüchtig.

«Mein Honorar beträgt 250 Mark am Tag plus Spesen», sagte er, als Paloff und Reißler im Begriff waren, das Zimmer zu verlassen. Paloff schien nichts gehört zu haben. Seit seiner frühen Jugend waren ihm Gespräche über Geld in persönlichem Zusammenhang peinlich.

Reißler drehte sich um und lächelte. Er griff in die Tasche seines Jacketts und zog seine Brieftasche heraus.

«Sie brauchen sicher einen Vorschuss, Herr Abel», sagte er mit leiser Ironie und schaute an Abel vorbei in das hintere Zimmer, dann fuhr er versöhnlich fort: «Reichen 1.000 Mark für die ersten Tage?»

Er streckte die Hand aus und gab Abel ein paar Geldscheine. Abel antwortete nicht und nahm das Geld.

«Quittung?», fragte er dann.

«Nein, danke, ich vertraue Ihnen», sagte Reißler und winkte mit der Linken ab, während er die Brieftasche zurücksteckte.

Abel nickte und griff hinter sich. Aus einem ungeordneten Berg mit Papieren zog er einige Formulare hervor, die er umdrehte und auf den Tisch schob.

«Bitte noch die Vollmachten ...» sagte er geschäftsmäßig zu Reißler, der schon wieder fast an der Tür war.

«Wofür?» Reißler betrachtete die Papiere skeptisch. Paloff zog die Brauen hoch.

«Ich muss mich bei Behörden für Sie legimitieren können», erklärte Abel sachlich, obwohl er bemerkt hatte, dass Misstrauen aufkam. Reißler nickte und unterschrieb, nachdem er die Texte gelesen hatte.

«Damit Sie mich erreichen können ...» Abel gab dem Mann mit einer leichten Verbeugung seine Karte.

«Aha, danke.» Reißler steckte die Visitenkarte in die kleine Brusttasche außen am Jackett.

*

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DER NÄCHSTE MORGEN war aschgrau. Obwohl es schon zehn Uhr war, drang kaum ein Schimmer Tageslicht durch die Vorhänge von Abels Zimmer. Ein kalter Herbststurm klapperte mit den Dachschindeln. Abel saß auf der Kante seines Bettes und hatte die Hände zwischen die nackten Knie geklemmt. Ihm war kalt. Langsam ließ er seinen Kopf auf die Brust sinken. Als ihn ein Schauer überlief, fuhren seine Hände hinauf zur Stirn. Er spürte, wie der Puls die Schmerzen durch den Schädel trieb. Abel rieb die Augen, ohne den Kopf zu bewegen. Seine Zunge schmierte den üblen Nachtgeschmack der Zähne durch den Mund. Beim nächsten Kälteschauer zog er die Luft scharf ein. «Scheiße noch mal.»

Er stand ächzend von der Bettkante auf und faltete die Hände hinten im Nacken. Die Kopfschmerzen waren unerträglich. Er griff nach seinem Rollkragenpullover, der vor dem Bett lag, und streifte ihn vorsichtig über den Kopf. Mühsam schaffte er die fünf Schritte bis zu seinem Ohrensessel im Büro nebenan, dort verharrte er und schnaufte tief, bevor ihn die Übelkeit würgte und zum Hinsetzen zwang. Er schluckte einige Male kräftig, denn einige schnelle Schritte zum Klo hinaus hätten seinen Schädel gespalten.

Abel hockte zusammengesunken auf der Sesselkante und gähnte mit weit offenem Mund. Erst als er wieder frei atmen konnte, stand er langsam auf, um an sein Waschbecken zu gehen.

«Drei Aspirin und Zähne putzen», befahl er sich laut und betrachtete sein verkniffenes Gesicht im Spiegel. Mit schalem Leitungswasser spülte er die Tabletten hinunter und gurgelte mit der bitteren Flüssigkeit. Nach dem Zähne putzen legte er sich in Hose und Pullover zurück ins Bett. Zugedeckt bis zur Nase wartete er, bis das Schmerzmittel wirkte. Es klopfte.

«Reinkommen», sagte Abel matt.

Jetzt polterten Fausthiebe an die Tür.

«Reinkommen, zum Teufel!», schrie er und sank wieder zurück auf das Kissen.

Draußen wurde jetzt an der Tür gerüttelt, jemand rief etwas Unverständliches. Abel drückte sich mit beiden Armen vom Bett hoch und tappte zur Tür. Der Schlüssel steckte, es war von innen abgeschlossen. Abel öffnete. Durch den Spalt der Tür drängten sich zwei Männer in den Raum. Der jüngere von beiden drehte sich zu Abel um und kramte in der Tasche.

«Kriminalpolizei Stuttgart.» Er hielt seine Marke in die Richtung, in der Abel noch mit der Türklinke in der Hand stehengeblieben war. Der Mann verharrte einen kurzen Augenblick in der pathetischen Haltung eines Schiedsrichters, der die gelbe Karte zeigt, dann wandte er sich ab und ließ den Ausweis wieder in die Tasche zurückgleiten.

«Guten Morgen», sagte Abel betont höflich und ließ die Tür krachend ins Schloss fallen. Die beiden Beamten in weiten Mänteln mit Wasserflecken und triefenden Regenschirmen in den Händen fuhren zusammen. Abel machte sich steif und ging zwei Schritte auf die beiden zu.

«Was gibt's?», fragte er grimmig und presste die linke Hand an den Kopf.

«Nur ein paar Fragen.» Der Ältere wirkte wie ein pensionierter Bilanzbuchhalter, müde und alt. Ohne zu fragen, sank er in den Besuchersessel und schloss die Augen. Der Jüngere, mit Brille und roten Haaren, trat wie ein Vasall hinter den Thron seines Vorgesetzten.

«Bitte», sagte Abel knapp.

«Kennen Sie diese Karte?», fragte der ältere Mann leise und schob, ohne die Augen zu öffnen, eine verfleckte Visitenkarte über den Tisch, dahin, wo er Abel vermutete. Der Detektiv nahm die Karte und legte sie sofort wieder zurück.

«Ja, das ist eine von meinen Visitenkarten», sagte er verwundert.

«Wem haben Sie diese Karte gegeben?», fragte der Rotköpfige dazwischen.

«Weiß ich's?» Abel kniff die Augen zusammen. «Doch, ja, im letzten halben oder dreiviertel Jahr habe ich vielleicht vierhundert davon verteilt; eine Liste von den Empfängern habe ich mir nicht gemacht.» Abel wurde zornig, der Schmerz in den Schläfen pochte wieder. Er stand auf und wollte nach hinten gehen.

«Stopp, mein Freund», der Jüngere war schnell an Abels Seite, um nach dem Arm des Detektivs zu packen. Abel, der erheblich größer und schwerer als der Beamte war, fuhr zur Seite und stellte sich mit dem Rücken zur Wand, die Arme leicht nach vorne gestreckt. Er biss sich auf die Lippen, um das Ziehen im Kopf zu unterdrücken.

«Was ist hier eigentlich los, was soll der Scheiß?», schrie er. «Ich hole mir ein paar Socken, und daran lasse ich mich nicht hindern, von dir schon gar nicht.» Abel zeigte auf den Polizisten und machte einen Schritt nach vorne.

«Lass ihn», sage der Alte ruhig, und sein Kollege gehorchte zögernd.

Abel ging zu seinem Bett und zog darunter einen Karton hervor, kramte darin herum und holte ein Paar Socken hervor. In dem blinden Spiegel an der Wand konnte er sehen, dass der jüngere Kriminalbeamte vier Schritte hinter ihm stand und jede Bewegung registrierte. Abel stand auf und unterdrückte ein Ächzen. Auf einem Bein tanzend, zog er die Strümpfe an. Dann ging er wieder zurück in sein Büro. Dort saß der Alte immer noch mit geschlossenen Augen im Sessel.

«Ihr kriegt nichts», beschied Abel und räumte eine halb leere Schnapsflasche weg, «ihr seid im Dienst.»

«Was ist jetzt mit der Karte da?» Von Abels Fingern geschnickt, schwebte sie auf den Exbuchhalter zu.

«Diese Karte haben wir heute Nacht bei einem Mann gefunden.» Der Alte hielt die Hände gefaltet vor dem Gesicht.

«Und was hat der Typ ausgefressen?» Abel fühlte sich wieder stark.

«Nichts», sagte der Beamte, «er hatte nichts ausgefressen.»

«Was soll dann das ganze Theater hier?» Abel zog mit der Hand einen weiten Kreis durch den Raum.

«Der Mann ist tot, Abel, und die Karte ist das einzige gewesen, was wir bei ihm finden konnten.»

*

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DIE LUFT IN DEM KAHLEN Zimmer war stickig. Abel saß auf einem Holzstuhl und kniff die Augen zusammen. Neonlicht, zwei Schränke - davon einer mit metallenen Schubfächern , ein Schreibtisch, Stühle, Kaktus auf dem Fenstersims, als Dekoration ein Stadtplan mit Werbebanderolen. Ein wenig Kasernenmief und Pulverkaffeearoma in dem überhitzten Raum.

Abel hatte mit den Kriminalbeamten ins Präsidium fahren müssen. Zunächst war er in eine kleine Haftzelle gebracht worden, wo er über zwei Stunden warten musste. Interessiert hatte er die Wände mit den unvermeidlichen Kritzeleien inspiziert und die Zelle mit Schritten ausgemessen. Schließlich war es das erste Mal, dass Abel eine Zelle von innen ausführlich begutachten konnte. Nicht einmal zur Ausnüchterung hatte er gesessen.

Später war dann ein Wachtmeister gekommen, um ihn in dieses Zimmer zu bringen, zum Verhör, wie man ihm sagte. Nun saßen sie sich schon drei Stunden gegenüber, Schuster, der alte Beamte, der in seinem Büro dabeigewesen war, Novotny, so hieß der Rotkopf, und Abel, in dessen Kopf mittlerweile wieder ein dumpfer Schmerz Löcher hämmerte, denn die Wirkung der Tabletten hatte nachgelassen.

Abel hatte erfahren, dass gegen 0.30 Uhr eine männliche Leiche auf einem Bahndamm bei Cannstatt gefunden worden war. Im zynischen Jargon der Beamten eine «lange Leiche», da die Teile des Körpers über zweihundert Meter an den Gleisen entlang verstreut lagen.

Der Lokführer des Güterzugs, der den Mann überfahren hatte, meldete das Ereignis und hatte bei seinem ersten Verhör glaubhaft ausgesagt, dass der Mann bewegungslos mit dem Kopf auf den Schienen gelegen hatte, als der Scheinwerferkegel der Zugmaschine auf ihn traf. Trotz sofortiger Vollbremsung habe er nicht verhindern können, dass der Zug den Körper erfasste.

Die Obduktion - deshalb hatte man Abel so lange warten lassen - hatte aber ergeben, dass der Mann schon tot gewesen war, als der Zug ihn überfuhr. Der zerrissene Körper hatte nicht mehr geblutet, als ihn der Zug zerfetzte. Den Todeszeitpunkt hatte der Gerichtsmediziner vorerst mit dem Zeitraum zwischen 19.30 und 21.30 Uhr angegeben. Eine genauere Bestimmung war bei dem Zustand der Leiche kaum möglich.

«Bleibt nur ein Schluss», fuhr Schuster fort, «der Täter wollte nicht, dass wir den Mann identifizieren. Er hat auch alle Hinweise wie ein Profi beseitigt. Keine Etikette in Hose, Mantel und Jackett, die Schuhe fehlen - man hätte an ihren Sohlen Erdspuren oder was Ähnliches finden können. Natürlich auch keine Brieftasche oder Geldbörse, kein Autoschlüssel, kein Führerschein, nichts ...»

Schuster hielt inne und schloss wieder die Augen, es schien, als wolle er beten. Ohne sich zu rühren, sah er dann auf und fasste Abel ins Auge:

«Nur Ihre Visitenkarte, Herr Abel!»

Abel war wenig beeindruckt: «Wie schön von mir, gleich die Visitenkarte dazulassen. Sie lag wohl adrett genau in der Mitte Ihrer Zweihundert Meter-Leiche?»

«Nein, sie steckte noch oben in der kleinen Tasche des Jacketts.» Schuster zeigte auf seine Brust. «Der Täter scheint sie da übersehen zu haben; das passiert übrigens häufiger mal, dass wir dort die besten Spuren finden.»

«Da hab ich Schelm wohl mit euch Bütteln Ostereiersuchen gespielt?» Abel wand sich geziert in seinem Stuhl.

«Mir ist es ernst, Herr Abel, hier ist ein Mensch ermordet worden.»

«Kann er nicht vorher eines natürlichen Todes gestorben sein, Meister», baffte Abel zurück, «das soll's ja auch geben, dass einer beim Bumsen bei der Hostess die Augen zumacht und der Beschützer der Dame, um Scherereien zu vermeiden, die Leiche auf diese Weise wegschafft; das schadet doch dem Gewerbe?»

«Und wie passt dazu die professionelle Tour, die Identifikation zu erschweren? Der Mann lag zum Beispiel so genau mit dem Kiefer auf der Schiene, dass das Gebiss - unser sicherster Anhaltspunkt in aller Regel - total zerquetscht wurde.»

«Jeder Lude ist ein Profi und leistet im Zweifel pedantische Arbeit. Vielleicht ist er gelernter Beamter, der umgesattelt hat?»

An Abels Schienbein kam der Tritt des jungen Beamten nicht an. Der Schuh krachte an die verschalte Vorderseite des Schreibtischs. Dem langen, bulligen Abel traute niemand eine solche schnelle Reaktion zu. Novotny hatte sich das Sprunggelenk verstaucht, er rieb verbissen den Fuß. Sein Kopf war noch eine Spur röter, als er Abel böse anfuhr:

«Das kommt dich noch teuer zu stehen, du Schwein!»

«Ts, ts, ts.» Abel hatte Oberwasser, er grinste, obwohl ihm schier der Schädel zersprang. «Das könnte man als verbotene Verhandlungsmethode bezeichnen, da haben der Herr Kriminalmeister wohl geschlafen beim Lehrgang, als es um den 136 a StPO ging?» Dann fuhr er ruhiger fort: «Kannst froh sein, Bulle, dass du mich nicht getroffen hast.»

«Ruhe!» Schuster war aufgesprungen. Die beiden anderen schauten zu ihm auf. «Leute, wir unterhalten uns jetzt vernünftig. Und Sie, Abel, Sie sind für uns nicht der Täter  jedenfalls noch nicht. Aber dringender Tatverdacht ist fast schon gegeben. In einer solchen Situation haut man nicht so auf den Klotz.»

«Friedensangebot angenommen», sagte Abel, «aber dass <man> etwas nicht macht, kotzt mich schon seit meiner zartesten Jugend an, Schuster.»

Der alte Beamte nickte und setzte sich wieder hin.

Novotny musste Kaffee holen gehen, und der Kommissar stand noch einmal auf, um das Fenster zu öffnen. Die Pause tat allen gut. Abel bekam sogar eine Schmerztablette, die er zerbiss und ohne Wasser schluckte.

Abel war es, der das Gespräch oder besser: das Verhör wieder aufnahm.

«Wer ist denn Ihr Mann?», wollte er wissen.

«Endlich kommen wir zu einer vernünftigen Frage.» Schuster schnaufte kurz. «Das wollten wir von Ihnen wissen, schließlich sind wir nicht so naiv, dass wir meinen, Sie hätten dem Opfer Ihre Karte zugesteckt, nachdem Sie den Mann umgelegt haben.»

«Was weiß man bis jetzt?» Abels Interesse war wieder wach, denn er hatte ebenfalls einen Verdacht.

«Der Mann dürfte um die einssiebzig groß gewesen sein, bulliger Körperbau», referierte Novotny, der selbst auch einlenken wollte, «blondes Haar, Alter zwischen fünfzig und fünfundfünfzig, das ist alles, was die Gerichtsmedizin in diesem Punkt bis jetzt sagen konnte. » Er klappte einen grauen Aktendeckel zu, aus dem er seine Informationen bezogen hatte.

«Und die Klamotten?»

«Der Mann war bekleidet mit einem dunkelgrauen Anzug aus Flanell, weißes Baumwolloberhemd, blaurot gestreifte Krawatte, Mohairmantel und schwarze Strümpfe. Die Schuhe - wie gesagt - fehlen uns.» Novotny schloss wieder das Dossier.

Abel schwieg einen Augenblick und fixierte die beiden Beamten.

«Der Mann heißt Albert Reißler, ist Venezolaner deutscher Abstammung und wohnt zur Zeit im Stuttgart lntercontinental...., ja, besser wohl:wohnte.»

Abel lehnte sich zurück und schaute weiter von einem zum anderen. Er genoss es, dass die beiden Männer von der Polizei verblüfft waren. Novotny griff nach einem Block auf dem Tisch, um alles aufzuschreiben. Bevor er jedoch fragen konnte, war Schuster aufgestanden und ging auf Abel zu.

«Woher kennen Sie den Mann, und wie ist er umgekommen?»

«Reißler war mein Klient.» Abel setzte sich zurecht und trank seinen Kaffee aus, die Tablettenreste schmeckten bitter auf der Zunge. Dann begann er ruhig und detalliert zu erzählen, was sich in den letzten Tagen zugetragen hatte.

«Warum sollte ich denn einen guten Kunden umbringen?», fragte er zum Schluss.

«Da hat er auch wieder recht», sagte Schuster zu Novotny, der fleißig mitgeschrieben hatte, obwohl das Bandgerät lief.

«Da müssen wir den Herrn Paloff mal fragen, ob das stimmt», beharrte Novotny, der seine Notizen weglegte.

«Und den Herrn Haussmann.» Abel stand auf. «Herrn Paloff können Sie auch anrufen, der hat Telefon.»

«Nein, da fragt man wohl besser persönlich nach», sagte Schuster. Novotny, der sich die Adresse von Paloff notiert hatte, hinkte hinaus.

Zwei Stunden später war Abel wieder frei.

*

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ABEL WAR EIN GROßER Mann mit groben Knochen. Sein Gesicht war breit, fast zugewachsen mit einem rotblonden, kurzen Vollbart. Die Nase, früher lang und spitz, war ihm durch einen Unfall eingeschlagen worden. Sie wirkte jetzt gedrungen und schief. Graugrüne, lebhafte Augen und struppiges, halblanges Haar. Meist lief er in verwaschenen Jeans herum, dazu Schaftstiefel und Pullover.

Für Leute, die ihn nicht kannten, war es schwer, ihn einzuschätzen. Sein Lachen und seine unstreitbar vorhandene praktische Intelligenz, sein Selbstbewusstsein, alles das machte ihn für viele auf den ersten Blick sympathisch. Doch weil er immer zu unpassenden Zeiten das Maul aufriss, verdarb er oft den guten Eindruck schon nach wenigen Minuten. Es gab aber auch Menschen, denen diese spezifische Mischung imponierte.

Paloff gehörte dazu.

Die beiden waren alte Freunde. Sie waren zusammen in die Schule gegangen, hatten im gleichen Viertel gewohnt und früher alles gemeinsam unternommen.

Es war neben der gegenseitigen Bewunderung auch eine Art Symbiose, die die beiden zusammenhielt. Abel war groß und stark. Paloff feingliedrig und lang. Früher in der Schule, als Körperkraft der größte Reichtum eines Jungen war, hatte Paloff von Abel profitiert, der jedem erklärte, dass Ernie Paloff sein Freund war. Damals verehrte Paloff den Freund, strahlte ihn an - er ließ nichts auf ihn kommen. Auch wenn seine Mutter anfänglich den Umgang mit Abel verbot. Paloff fand immer wieder eine Gelegenheit, abzuhauen.

Paloff kam aus einer reichen, adeligen Familie, er hieß richtig Ernest von Paloff, hatte Klavierstunden und verfügte über Taschengeld. Zehn Mark in der Woche, ein für damalige Verhältnisse unglaublich hoher Betrag. Hiervon schenkte er Abel regelmäßig vier Mark. So kam es, dass Abel an Paloff niemand heranließ, der versuchte, ihm auch nur ein Haar zu krümmen. Aus Dankbarkeit half Paloff seinem Freund wiederum bei den Hausaufgaben.

Jean Abel dagegen stammte aus einer einfachen Familie. Der Vater war kleiner Angestellter; die Mutter hatte er im Krieg kennengelernt, sie kam aus Reims. Sie war dem Vater gefolgt, als der Krieg sich seinem Ende zuneigte; sie hatte geahnt, was mit den Kollaborateuren geschehen würde.

Die Ehe der Abels war auf der Basis der Zweckmäßigkeit gegründet.

Der Vater erhängte sich 1949, weil er in eine Unterschlagungsgeschichte verwickelt war. Die Mutter lebte fortan allein mit dem Sohn im Osten Stuttgarts in einer Arbeitersiedlung und verdiente den Lebensunterhalt als Putzfrau in den Villen weiter oben am Berg. Dort, wo auch Paloff mit seinen Eltern wohnte.

Beide kamen tatsächlich aus dem gleichen Viertel.

Dass Abel in ein Gymnasium kam, verdankte er einer alten Lehrerin, die meinte, bei ihm Talent entdeckt zu haben. Dort im Gymnasium trafen sich die Freunde zum ersten mal.

Irgendwie dauerte das Verhältnis fort bis heute. Bis dahin war es jedoch ein langer Weg gewesen. Paloff hatte sein Abitur mit Auszeichnung bestanden. Auch Abel hatte damals respektabel abgeschnitten. Danach trennten sie sich für zwei Jahre. Während Paloff das Studium der Germanistik begann, meldete sich Abel freiwillig zum Militär. Paloff war untauglich gewesen, nicht nur weil er kurzsichtig war, sondern weil ein Vetter seines Vaters ihm eine Reihe weiterer körperlicher Mängel attestierte, die sogar teilweise wirklich vorhanden waren.

Bei den Fallschirmspringern hatte Abel das Saufen gelernt, eine Eigenschaft, die ihm später auf der Universität zustatten kam, als er in Tübingen Jura studierte und von der Burschenschaft Germania als Fuchs gekeilt wurde. Nach einer kurzen, aber steilen Karriere in der Verbindung - er brachte es zum Erstchargierten - schloss er sich einer der damals aufkeimenden politischen Studentengruppen an.

Aus diesen Tagen rührte auch eine Vorstrafe wegen Landfriedensbruchs her, die jedoch später unter die Amnestie gefallen war.

In Tübingen hatten sich Abel und Paloff oft gesehen. Paloff hatte den Versuch unternommen, in der Verbindung Abels Fuß zu fassen, der Kontakt misslang jedoch wegen aufkommender Nierenkoliken bei Paloff, die eine Einschränkung des Bierkonsums erforderten.

Die später folgenden politischen Aktivitäten Abels am linken Rande der Szene hatten Paloff erschreckt. Er hielt sich für einen absolut «unpolitischen» Menschen.

Im Laufe der Jahre hatte Abel den Absprung ins Examen fast verpasst. Zwar prädestinierten ihn seine Tätigkeiten für einen erfolgreichen Juristen, wenn man den Soziologen glauben will, seine schludrigen Vorbereitungen auf das erste Examen im 16. Semester ließen ihm freilich kaum eine Chance. Abel riskierte unbekümmert einen zweiten Versuch, der zu aller Erstaunen mit einem schwachen Ausreichend einen glücklichen Ausgang fand.

Paloff dagegen war schon länger Assistent im germanischen Seminar geworden und saß an einer langwierigen Doktorarbeit über bestimmte Aspekte der althochdeutschen Sprache. In seinem Fach war er anerkannt, wenngleich er unter den Intrigen in seiner Fakultät zu leiden hatte.

Nach dem Examen zog Abel zurück nach Stuttgart, wo er eine Stelle als Volontär bei der Zeitung bekam. Nach einem halben Jahr wechselte er zum Süddeutschen Rundfunk als freier Mitarbeiter, und wiederum ein halbes Jahr später begann er von Gelegenheitsarbeiten zu leben, wie damals während des Studiums. Bis er sein Detektivbüro aufmachte, um sich «selbständig» zu machen.

Es war Paloff gewesen, der Abel in dessen neuem Beruf den ersten wichtigen Fall verschaffte - und prompt gab es Schwierigkeiten.

*

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KAUM HATTE NOVOTNY, der Kriminalbeamte, das Paloffsche Haus verlassen, ging die Litanei los.

«Seit Jahren sage ich schon, dass es soweit kommen muss mit deinem Freund. Wer eine ordentliche Ausbildung nicht nutzt, kann nichts werden.» Paloffs Mutter redete mit hochrotem Kopf auf ihren Sohn ein, der an seiner kalten Pfeife zog und in Gedanken ein Buch durchblätterte.

«Ich weiß, Mama, du hast es immer schon gesagt.»

«Das ist ja auch nicht schwer, wenn man darüber nachdenkt, nur ein bisschen nachdenken muss man.»

«Okay, kann ich jetzt arbeiten, Mama?»

«Nein, ich muss wissen, ob er etwas mit der Sache zu tun hat.»

«Ich weiß es nicht.»

«Vielleicht hat er es von seinem Vater geerbt?» Sie sank graziös in einen Sessel.

«Warum suchst du nach Erklärungen?» Paloff kramte nach einer Streichholzschachtel.

«Er ist im Grunde ein so liebenswürdiger Mensch.» Paloffs Mutter verdrehte die Augen. «Aber ein Filou, vielleicht hat er das auch von seinem Vater?» Unschlüssig schüttelte die alte Dame den Kopf.

Eigentlich konnte sie Abel nie böse sein. Seit sie ihn persönlich kannte, verzieh sie ihm alles  mehr als ihrem eigenen Sohn.

«Oh, das Telefon.» Sie war schon aufgestanden. Doch es war keine von ihren Freundinnen.

«Für dich, Ernest.» Enttäuscht brachte sie den Apparat an die Tür. Paloff klappte das Buch mit einem Schlag zu und ging hinaus auf den Flur.

«Ernie, bist du's?» Abels Stimme war kaum zu verstehen. Er telefonierte aus einer Kneipe.

«Die Polizei war hier.»

«Ja, ich weiß, ich hab sie geschickt.»

«Musste das sein?»

«Ja, sonst säße ich immer noch bei denen in der Zelle. Was haben sie denn gefragt?» Paloff spürte seine Mutter hinter sich.

«Ich kann jetzt nicht.» Er fürchtete sich vor ihrer Schwatzhaftigkeit.

«Okay, wir treffen uns!» Die beiden verabredeten sich für den Abend.

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DER TREFFPUNKT WAR ein Kompromiss. Paloff war nicht bereit, sich in einer von Abels Stammkneipen sehen zu lassen, die ihm generell zu laut waren. Eines der guten Restaurants, wie sie Paloff bevorzugte, kam wiederum für Abel nicht in Frage, weil die Getränke dort teuer und - nach Abels Meinung - schlecht waren. So trafen sich die beiden in einem Weinlokal am Rand der Altstadt, in dem erst langsam Betrieb anlief. Die Stammkunden saßen noch alle im Theater.

Als Paloff erschien, war Abel aufgestanden. Mit seinem Parka, den er noch aus Bundeswehrzeiten besaß, hatte er dabei dem Nachbarn fast das Weinglas vom Tisch gewischt, was ihm empörte Seitenblicke eintrug.

Paloff war frostig.

«Was ist gestern Nacht vorgefallen?», fragte er ohne Umschweife.

«Ehrlich, Ernie, ich weiß es nicht.» Abels Gesicht war ernst. Er trank einen langen Schluck.

«Weißt du es nicht, oder weißt du es nicht mehr?», forschte Paloff weiter.

«Ich weiß es nicht.» Abels Stimme war leise, denn er spürte, dass Paloff durch den Tod seines Kollegen getroffen war.

«Wo bist du gewesen, als es passierte?»

«Du meinst, zwischen acht und halb zehn?»

«Woher weißt du das so genau?»

«Weil's mir die Büttel gesagt haben.»

«Also, wo warst du?»

«Du wirst lachen, daheim.»

«Wohl sicher mit einer deiner Katzen?» Paloff betonte das Wort «Katzen» pikiert.

«Noch nicht mal das», Abel konnte schon wieder lachen.

«Nein, total ohne Frau, ohne Alibi, ohne Reißler, schlicht ohne alles», fuhr Abel fort, «ich habe gearbeitet und mich später aufs Ohr gelegt.» Dass er eine halbe Flasche Schnaps getrunken hatte, unterschlug er bei der Aufzählung.

«Was gearbeitet?» Paloff war skeptisch, gerade in diesem Punkt. «Was hast du schon gearbeitet?»

«An meinem Auftrag, mein lieber Ernest.» Abel war beleidigt.

«Ich denke, Privatdetektive führen ihre Ermittlungen außer Haus durch?»

«Richtig, aber nur zum Teil. Ich habe mir den ganzen Tag die Füße wund gelaufen und den Arsch über Registern wund gesessen», die Tischnachbarn schauten herüber, «dann habe ich von vielen amtlichen Unterlagen sogenannte <Abschriften> machen lassen, pro Seite eine Mark. Den ganzen Kram habe ich dann in meinem Büro durchgesehen und verglichen.»

«Was waren das für Unterlagen?» Paloffs Neugier war geweckt. Er kannte schließlich die Geschichte, die Reißler nach Stuttgart geführt hatte.

«Ganz einfach: jedermann zugängliche Grundbücher und Auszüge aus dem Handelsregister unserer verehrten Vaterstadt.» Abel war sichtlich stolz auf seine Kenntnisse. Immerhin, er hatte das ja mal studiert.

«Hast du was herausgefunden?»

«Ja, dabei kamen ein paar interessante Sachen zutage.» Abel kramte aus der Innentasche seines Parka einige zusammengefaltete Blätter mit handschriftlichen Notizen, die er vor sich auf den Tisch in die Weinflecke legte und glatt strich.

«Zunächst einmal zu den Grundstücken: da ist das Haus auf dem Killesberg in erster Lage. Eigentümer sind jeweils zur Hälfte Carl Haussmann - also der Cousin von Reißler - und die Cousine Haussmann-Nasch. Von Reißler selbst oder seiner Mutter nicht die geringste Spur im Grundbuch. Dasselbe bei drei Mietshäusern in Stuttgart. Dann war ich draußen in Nürtingen, hier gehören den beiden einige Hektar Wald und ein ganzer Bauernhof auf der Alb bei Münsingen. Carl Haussmann besitzt daneben noch ein Haus mit Eigentumsappartements, das er sich wohl selbst gebaut hat. Immerhin ist hier das Datum aufschlussreich: Sommer 1965, also ein Jahr nach dem Hinscheiden der lieben Großmutter.» Abel fuhr sich grinsend mit der Handkante um den Hals.

«Ich habe mir diesen Kasten einmal angesehen», fuhr er fort. «Ich schätze, dass das Haus schon damals über eine Million - ohne Grundstück - gekostet hat. Man muss nicht unbedingt so schlau wie Rockford sein, um daraus zu schließen, dass es mit der Finanzkrise bei Haussmanns nicht weit her war im Jahr zuvor, als Reißler in Stuttgart war.»

Paloff staunte. Die Fakten, die Abel genannt hatte, bestätigten die Vermutung seines toten Kollegen. Die Skepsis, was Abels detektivische Fähigkeiten anbetraf, war zwar noch nicht verflogen, er zeigte jedoch jetzt das unverhohlene Interesse eines Wissenschaftlers, der außerhalb seines Gebietes sein Problem mit Methode angegangen sah.

«Und weiter?» Paloff bekam nun selbst ein Viertel Rotwein.

«Einen Rechtspfleger vom Registergericht konnte ich rumkriegen, dass er mir einen der Verträge zeigte, mit denen die Haussmanns die Grundstücke erworben haben.»

«Ist das überhaupt bekannt? Jeder kann doch ein Grundstück kaufen, ohne dass es das Grundbuchamt etwas angeht, auf welche Weise der Vertrag zustande gekommen ist.»

Paloff war über die Möglichkeit der Indiskretion bei einer Behörde indigniert.

«Doch, mein Lieber», dozierte Abel, «die prüfen das Zeug sogar sehr genau, und die Verträge werden gut aufgehoben.» Abel winkte ab und fuhr fort: «Ich weiß, was du sagen willst, aber ich war ja legitimiert, denn Reißler hatte mir Vollmacht gegeben. Zudem besaß ich den Erbschein von Reißler; das hat dem Rechtspfleger genügt. Jedenfalls habe ich die Verträge zumindest einsehen können und mir Notizen gemacht.» Abel zeigte auf die Papiere: «Fest steht demnach, dass die alte Dame schon 1961 die Liegenschaften ihren Enkeln schenkungsweise vermacht hat. Das ist an sich nichts außergewöhnliches. Mit solchen <Ausstattungsverträgen> versucht man immer den Fiskus um die Erbschaftssteuer zu bescheißen.»

«Ist ja interessant.» Paloff zog das Notizblatt von Abel herüber. «Da könnte ich also auch die Erbschaftssteuer sparen, wenn mein Vater mir jetzt schon das Haus schenkt?»

«Ja, du Kapitalist», knurrte Abel, «du musst es nur schnell machen, denn wenn der alte Herr nicht noch zehn Jahre am Leben bleibt, dann musst du trotzdem blechen.»

«Aha.» Paloff nickte nachdenklich. «Und warum ist Reißlers Mutter oder er selbst nicht beschenkt worden?»

«Weil sie sie vermutlich beschissen haben, vielleicht war die Alte schon senil, oder man hat ihr vorgemacht, Reißler sei ein Scheusal, ein Mörder, ein Erbschleicher oder weiß ich was!» Abel schnaufte wütend und bestellte das zweite Viertele in einer solchen Lautstärke, dass auch zwei Tische weiter die Gespräche verstummten.

«Da muss doch einer mitgeholfen haben, ein Notar oder so?»

«Schon möglich», räumte Abel ein und malte mit dem Finger Kreise auf den Tisch.

«Was ist jetzt mit der Firma?»

«Nichts! Reißler ist 1964 ausgeschieden. Aus dieser Zeit sind keine Bilanzen mehr da. Weiß der Henker, wie es damals um die Betriebe stand. Fest steht jedenfalls, dass der Laden kürzlich verscheuert worden ist und zuletzt eine Bilanzsumme von 30 Millionen hatte. Der Preis für die Klitsche wird so um diesen Dreh gewesen sein, sagte mir der Mensch beim Handelsregister. Der hat seine Informationen aber vorerst auch nur aus der Zeitung, und dort steht drin - ich war nämlich bei denen im Archiv , dass es 32 Milliönchen gewesen sein sollen.»

«In der Tat eine furiose Entwicklung in 12 Jahren.»

«Ich wollte, ich hätte nur 10% davon», brummte Abel.

«Es sieht also so aus, als wäre mein Kollege Reißler tatsächlich furchtbar betrogen worden?» Er schüttelte entrüstet den Kopf und nahm die Brille ab. Er sah jetzt aus wie ein kurzsichtiger Frosch.

«Betrogen?» Abel lachte. «Beschissen, regelrecht beschissen. Die haben ihn aussteigen lassen wie Beckenbauer den Nationallinksaußen von Haiti.»

«Ich denke, Haiti ist eine rechte Diktatur», fragte Paloff etwas verwirrt.

«Ja, ja, mein Guter, und die Amtssprache im Fußball in Haiti ist seit vorgestern Althochdeutsch, das hat der alte Papa Duvallier so gewollt!» Abel brüllte, dass auch der letzte Schwabe im Lokal aus seiner Balettkritik aufgeschreckt wurde und verwundert den Kopf drehte.

Paloff klappte seine Brille auseinander und setzte sich wieder. Er sah streng zu Abel hinüber, der immer noch breit lachte.

«Du solltest nicht so schreien in diesem Lokal», sagte er leise, «man kennt mich hier.»

«Ja, Papa.» Abel hob sein Glas.

*

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ALS ABEL ENDLICH GEGEN halb zwölf das Lokal verließ, war Paloff schon längst gegangen. Er hatte vorher noch die Zeche bezahlt und dazu zwei weitere Viertele, weil sein Freund noch Durst hatte. Abel hatte schließlich etwas geleistet, das musste auch Paloff - trotz der Sticheleien - anerkennen.

Abel hatte mächtig getrunken und fühlte sich wohl. Er hatte eine Frau bei sich, um die er brüderlich den Arm gelegt hatte. Sie hatte ihm erzählt, dass sie Anne heiße und dass sie ihren Mann nicht mehr liebe. Abel hatte dafür Verständnis gezeigt, zumal sich diese Anne am Tisch von Paloff und Abel mit eben diesem Mann herumgezankt hatte. Er hatte ausgesehen wie ein Wäschevertreter und auch genau so geredet. Seine lahmen Erklärungen hatten sie nicht besänftigt. Da Paloff inzwischen gegangen war - ihm war diese Auseinandersetzung peinlich - hatte Abel über das Weinglas hinweg die beiden beobachtet und mitbekommen, dass Anne ihrem Mann heftig vorwarf, dass er wieder einen «Betthasen» habe.

Abel war amüsiert und hatte nach dem Theaterdonner - nicht ohne Hintergedanken - den Tröster gespielt, denn der Betthasenjäger war schließlich den Attacken seiner Frau zum Opfer gefallen und hatte wütend das Lokal verlassen.

Abel ließ sich noch die zwei Viertele, die Paloff schon bezahlt hatte, bringen und teilte redlich. Dies war auch notwendig, da die Frau des Wäschevertreters kein Geld hatte, wie sich dann herausstellte. Da es Abel genauso ging - er war ja von der Kripo von zu Hause abgeholt worden - standen die beiden jetzt mittellos auf der Straße.

Abel wusste indessen Rat. Er schlug vor, das Tröstungswerk bei sich zu Hause fortzusetzen und zu einem glücklichen Ende zu bringen.

Langsam trödelten die beiden eine der steil bergan führenden Straßen hinauf, in den Osten der Stadt. Dünner Nebel zog fadig vom Neckar her. Mit abgehackt kurzen Schritten versuchte der lange Abel im gleichen Rhythmus mit seiner neuen Freundin zu gehen. Er hatte seine rechte Hand unter den weichen Fellkragen ihres Mantels vergraben und hörte ihr scheinbar aufmerksam zu.

«Jedes mal wenn er wiederkommt, ist irgend etwas los mit dem Kerl», sagte sie gerade entrüstet - während Abel versuchte, sich ihre nackten Brüste vorzustellen. Offenbar war ihr Mann tatsächlich Vertreter, vielleicht für Damenunterwäsche, wer weiß?

«Er hat ja doch immerhin mal ewige Treue geschworen», warf er ein.

«Ach, Quatsch», sie winkte mit einer Hand ab, «darum geht's doch gar nicht. Aber der muss doch allem hinterhersteigen, was einen Rock anhat und nicht schnell genug auf die Bäume kommt.»

«Auch kein leichtes Leben», stellte Abel fest.

«Jedenfalls lass ich mir das nicht mehr bieten.» Sie blieb stehen, wodurch Abel für einen kurzen Augenblick den Körperkontakt verlor, weil er einen Schritt weiter war. Er beschloss, aufmerksamer zu sein.

«Und du», fragte er leise, «bist du treu?»

«Kommt darauf an.»

«Worauf?»

Sie schwieg und schob sich dicht an seine Seite. Wortlos gingen die beiden bis zu seiner Wohnung.

Unter dem Dach war es feucht. Die Kälte der Herbstnacht hockte in den Mauern. Abel half Anne aus dem Mantel und zündete in dem Kanonenofen ein Feuer an. Unter seinem Bett zog er eine angebrochene Weinflasche hervor und riss den Korken mit den Zähnen heraus. Sie stand noch am Ofen und rieb sich die Hände  sie schwieg. Behutsam schenkte er zwei Wassergläser halbvoll. Eines davon überreichte er ihr, als sei es ein Sektkelch.

«Cheers!», sagte er ernst.

Dann streichelte er ihre Haare, seine Fingerspitzen glitten über ihre Brauen, berührten sanft ihre vor Kälte grauen Lippen, bevor er sie langsam an sich herzog. Ihr Körper bog sich leicht über Abels Leib.

Als seine Hände ihre kleinen Brüste suchten, überlegte Abel listig, ob er selbst auch ein Betthase sei; ein männlicher in diesem Fall, versteht sich.

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NACHMITTAGS STAND DIE Kripo schon wieder bei Abel vor der Tür. Abel hatte sich gerade in seinem ungemachten Bett vergraben, um sich für ein paar Stunden abzumelden, zu schlafen, an nichts zu denken. Er war grenzenlos wütend über die Eindringlinge, beschloss aber, sich zu beherrschen. Dieses Mal hatte Novotny einen Hausdurchsuchungsbefehl und zwei Mann Verstärkung dabei. Schuster fehlte. Die ganze Aktion wurde von einem jungen Beamten - er hatte sich als Staatsanwalt Scheible vorgestellt - geleitet.

Abel war darauf nicht vorbereitet gewesen. Er hatte angenommen, dass sich der Verdacht nach seiner Aussage gestern im Präsidium auf Haussmann konzentrieren würde. Auf seine entsprechende Frage hatte Novotny geantwortet, dass Haussmann überhaupt nicht in Deutschland sei und zur mutmaßlichen Tatzeit sich ebenfalls nicht in Stuttgart aufgehalten habe - das wisse man zuverlässig vom Personal und den Nachbarn.

«Wo war er denn?» Abel hatte seine Fassung noch nicht wiedergewonnen.

«In seinem Haus am Zürichsee, in der Schweiz», sagte Novotny, während er in Abels Schreibtischschublade zwischen abgebrochenen Bleistiften, leeren Filzschreibern und aufgerissenen Kaugummipackungen kramte.

Abel stand mitten in seinem Büro und hielt den Durchsuchungsbefehl in der Hand. Keiner kümmerte sich um ihn. Jeder der Beamten wühlte irgendwo herum. Keiner ließ sich bei der Arbeit stören.

«Sucht ihr was Bestimmtes?»

«Ja», sagte der Staatsanwalt und wischte die Augen.

Scheible präsidierte schweigend, legte hier und da Hand mit an und beobachtete, wie Novotny mit spitzen Fingern einen Leinensack mit dreckiger Wäsche ausräumte.

Das alte Bettlaken, befleckt von Wein und Sperma, wurde abgezogen, die Matratzen abgefummelt und der Bettkasten untersucht.

«Man braucht eine seltsame Veranlagung für diesen Job», sagte Abel ruhig, als er die Szene beobachtete.

«Sie habe ich nicht um Ihre Meinung gebeten», schnauzte der Staatsanwalt und versuchte durch die Kontaktlinsen aus feuchten Augen zu blitzen.

Details

Seiten
200
Jahr
2018
ISBN (ePUB)
9783738919660
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Mai)
Schlagworte
reiche kunden fall abel

Autor

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Titel: Reiche Kunden killt man nicht: Ein Fall für Abel