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Arztroman Sammelband: Drei Romane – Der Engel mit dem schwarzen Haar und drei andere Romane

von A. F. Morland (Autor:in) Cedric Balmore (Autor:in) Glenn Sterling (Autor:in)
2018 360 Seiten

Zusammenfassung

Arztroman Sammelband: Drei Romane – Der Engel mit dem schwarzen Haar und drei andere Romane
Von Cedric Balmore, A.F.Morland, Glenn Stirling.

Dieses Buch enthält folgende Romane:

Cedric Balmore: Der geheimnisvolle Patient

A.F.Morland: Er rettet seine große Liebe

Glenn Stirling: Der Engel mit dem schwarzen Haar





Dr. Lutz Liebau fällt es schwer zu akzeptieren, dass Brigitte Schleyer ihre Beziehung beendet. Was hat der andere, was ich nicht habe?, fragt er, lehnt aber gleichzeitig ab, den Mann kennenzulernen. Durch einen schrecklichen Unfall steht Liebau jedoch plötzlich vor der Situation, ausgerechnet diesen Mann retten zu müssen. Ist sein Ehrenkodex als Arzt größer als das gebrochene Herz? Die Operation gelingt, doch die Heilung hängt nun stark von Brigitte ab. Hat sie genug Kraft, den Mann auch dann zu lieben, wenn er nicht wieder gesund werden kann?

Leseprobe

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Arztroman Sammelband: Drei Romane – Der Engel mit dem schwarzen Haar und drei andere Romane

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Von Cedric Balmore, A.F.Morland, Glenn Stirling.

Dieses Buch enthält folgende Romane:

Cedric Balmore: Der geheimnisvolle Patient

A.F.Morland: Er rettet seine große Liebe

Glenn Stirling: Der Engel mit dem schwarzen Haar

––––––––

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DR. LUTZ LIEBAU FÄLLT es schwer zu akzeptieren, dass Brigitte Schleyer ihre Beziehung beendet. Was hat der andere, was ich nicht habe?, fragt er, lehnt aber gleichzeitig ab, den Mann kennenzulernen. Durch einen schrecklichen Unfall steht Liebau jedoch plötzlich vor der Situation, ausgerechnet diesen Mann retten zu müssen. Ist sein Ehrenkodex als Arzt größer als das gebrochene Herz? Die Operation gelingt, doch die Heilung hängt nun stark von Brigitte ab. Hat sie genug Kraft, den Mann auch dann zu lieben, wenn er nicht wieder gesund werden kann?

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de 

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Der geheimnisvolle Patient

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Arztroman von Cedric Balmore

Der Umfang dieses Buchs entspricht 106 Taschenbuchseiten.

Der bekannte Schauspieler Horst Wenzel bitte Angela Faber, ihn für einige Tage in ihrer Wohnung aufzunehmen – er müsse untertauchen, weil er verfolgt werde. Obwohl sie Zweifel an seiner Geschichte hat, stimmt sie auf sein Drängen zu. Daraufhin trennt sich ihr Verlobter Egon von ihr. Angela scheint es nichts auszumachen, denn sie hat nur Augen für Dr. Jerome Stephan, für den sie als Arzthelferin arbeitet. Dieser distanzierte Mann, der offenbar ein finsteres Geheimnis hat, lebt jedoch nur für seine Arbeit. Als Martina Grafenreuth, die Zwillingsschwester seiner verstorbenen Frau, wieder in sein Leben tritt, scheint er für Angela für immer verloren ...

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Die Hauptpersonen des Romans:

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Claudine Stephan - Bestimmt auch nach ihrem tragischen Tod die Geschicke ihres Mannes.

Jerome Stephan - Kämpft verbissen gegen die Schatten der Vergangenheit.

Martina Grafenreuth - Bringt vergeblich ihren Willen und den Trumpf ihrer Schönheit ins Spiel.

Angela Faber - Steht zwischen drei Männern und folgt der Stimme ihres Herzens.

Horst Wenzel – Ein Schauspieler, der sich mit einem Trick bei Angela Faber einschleicht.

Egon Decker – Der eifersüchtige Verlobte Angela Fabers, der einfach nicht einsieht, dass es vorbei ist.

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Bedaure, Dr. Stephan ist bereits nach Hause gefahren. Sie müssen morgen wiederkommen“, sagte Angela Faber. „Die Sprechstunde beginnt um neun.“

Der Mann, der vor ihr stand, war groß und schlank. Er hatte breite Schultern und schmale Hüften, aber Angela sah von ihm eigentlich nur das Gesicht. Diesen markanten Kopf mit den unruhigen Blauaugen und einem Mund, der einen recht verlorenen Eindruck machte, fast so, als führte er ein Eigenleben und wüsste nichts mit der Situation zu beginnen.

„Sie sind seine Assistentin, nehme ich an?“, erkundigte sich der Besucher.

Er hatte eine dunkle, sonore Stimme, die Angela bekannt vorkam. Auch das Gesicht erschien ihr seltsam vertraut, aber es war ihr nicht möglich, sich zu erinnern, wo und unter welchen Umständen sie es schon einmal gesehen hatte.

„Ich bin die Sprechstundenhilfe“, erwiderte die junge Frau.

„Mein Name ist Holzer“, sagte der Mann und griff sich ans Herz. „Mir geht es nicht gut. Könnten Sie nicht rasch mal meinen Blutdruck messen und ein EKG von mir machen? Ich zahle dafür, ich bin Privatpatient.“

„Augenblick, bitte“, sagte Angela und griff nach dem Telefonhörer. „Ich rufe den Doktor an.“

Sekunden später hatte sie ihren Chef am Apparat. Sie trug ihm vor, worum es sich handelte. „Zu blöd“, sagte Jerome Stephan. „Ich habe Besuch im Hause. Eine wichtige Sache, aber ich komme natürlich sofort. Bereiten Sie inzwischen alles vor. Mit dem Apparat haben Sie ja keine Probleme. Machen Sie inzwischen das EKG.“

Angela legte auf und bat den Besucher ins Sprechzimmer. Durch die dicken Tüllgardinen konnte man auf die Straße blicken. Es war inzwischen dunkel geworden. Die Laternen brannten. Der Mann trat ans Fenster und blickte hinaus.

Die Arzthelferin musterte ihn. Zwischen ihren graugrünen, lang bewimperten Augen bildete sich eine dünne, steile Falte. Sie hatte das Gefühl, dass mit dem Mann etwas nicht stimmte. Sein Verhalten passte nicht zu seinen Worten, der eigene Zustand schien ihm weniger Sorgen zu bereiten als das, was auf der Straße vor sich ging.

Der Besucher trug eine graue Sportkombination. Ihr war anzusehen, dass sie nicht von der Stange kam und eine Menge Geld gekostet haben musste.

„Wo spüren Sie die Schmerzen?“, fragte Angela, die den auf Rollen laufenden Apparat aus seiner Ecke hervorzog und die notwendigen Vorbereitungen traf.

Der Patient drehte sich um. „Hier oben“, sagte er und wies auf seine Brust. „Und im linken Arm.“ Er blickte erneut aus dem Fenster.

„Sie müssen den Oberkörper sowie Ihre Arme und Beine freimachen“, sagte Angela.

Der Patient verließ das Fenster und befolgte die Aufforderung. Die Arzthelferin schob ihm einen Stuhl zurecht. Er setzte sich. Dann ging sie an die Arbeit. Gewisse Reaktionen des Besuchers ließen erkennen, dass er sich dieser Prozedur zum ersten Male ausgesetzt sah.

Angela befestigte die Kontakte mit gewohnter Routine und geschickter Hand.

„Sie sind sehr schön“, sagte der Mann.

„Nicht sprechen, bitte“, wies sie ihn streng zurecht. Ihr fiel Egon ein, ihr Verlobter. Es war lange her, dass er ihr ein solches Kompliment gemacht hatte. Dabei waren ihm Worte dieser Art am Anfang ihrer Beziehungen ebenso oft über die Lippen gekommen. In letzter Zeit hatte Angela zuweilen den Eindruck, als plagte ihn ein heimlicher Groll. Sie kannte den Grund. Egon war eifersüchtig auf ihren Chef, auf Jerome Stephan. Dabei gab es für eine solche Reaktion nicht den geringsten Anlass ...

Angela presste unwillkürlich die Lippen zusammen. Nein, sie tat Egon unrecht. Er war sensibel. Er hatte längst begriffen, wie viel ihr Jerome Stephan bedeutete und wie sehr sie den Arzt verehrte – freilich eher platonisch, denn zwischen ihm und ihr ging es kollegial, aber korrekt zu. Die sinnlichen Funken, die bei einem Scherzgespräch zuweilen aufblitzten, hatten bislang keine Chance gehabt, ein loderndes Feuer zu entfachen. „Arbeiten Sie jeden Abend so lange?“, fragte der Besucher.

Angela antwortete nicht. Sie riss den langen Papierstreifen von der Walze und ließ ihre Blicke über die regelmäßigen Kurven gleiten, die der Schreiber aufgezeichnet hatte. Sie konnte nichts besonderes entdecken, aber es war Sache von Dr. Stephan, das Ergebnis zu kommentieren.

Der Mann blickte schon wieder zum Fenster.

„Was ist los mit Ihnen?“, fragte sie und löste die Kontakte. „Sie benehmen sich wie jemand, der sich verfolgt fühlt.“

Ihr entging nicht sein leichtes Zusammenzucken. „Sie beobachten gut“, erklärte er halblaut.

Angela erschrak.

Sie befand sich mit dem Mann allein in der Praxis. Bei einem Kollegen ihres Chefs hatte sich kürzlich ein 'Patient' auf ähnliche Weise Zutritt verschafft. Er hatte Übelkeit vorgetäuscht, die Sprechstundenhilfe angefallen und gefesselt, und danach den Arzneimittelschrank geplündert. Allerdings war der Täter wenig später gefasst worden – ein Drogensüchtiger.

Der Mann mit den unruhig wirkenden Blauaugen machte freilich nicht den Eindruck, als ob er süchtig sei. Doch irgendetwas quälte und beschäftigte ihn, das war deutlich zu spüren. Die Arzthelferin löste den letzten Draht und reichte dem Mann ein paar Kleenextücher. Er tupfte damit die eingefetteten Hautpartien ab, streifte seine Hosenbeine herab, schlüpfte in sein Oberhemd und knöpfte es zu. „Wann kommt der Doktor?“, fragte er.

„Er wird sofort hier sein. Sind Sie krankenversichert?“, fragte Angela und setzte sich an den Schreibtisch.

„Ich bin Privatpatient. Schicken Sie mir die Liquidation einfach zu“, bat er.

„Ihren vollen Namen und die Adresse, bitte“, sagte Angela.

„Horst Wenzel“, erwiderte er.

Angela blickte stirnrunzelnd hoch. „Vorhin nannten Sie mir einen anderen Namen. Holzer oder Holzner, glaube ich.“

„Ich habe viele Namen“, entschuldigte er sich. „Ich bin Schauspieler. Manchmal identifiziere ich mich so stark mit einer Rolle, dass ich deren Namen annehme.“

Plötzlich fiel es der jungen Frau wie Schuppen von den Augen.

Sie hatte Horst Wenzel erst kürzlich gesehen, in einem spannenden Fernsehkrimi.

Er hatte den Bösewicht gespielt. Horst Wenzel war in seiner Rolle nicht der finstere, auf Anhieb erkennbare Schuft gewesen, sondern ein Mann, der sich mit viel Charme und Geist zu tarnen wusste, der aber dennoch zutiefst verdorben gewesen war.

Horst Wenzel hatte dem Spiel Inhalt und Würze gegeben. Es war ihm gelungen, die Zuschauer mit den gezeigten Problemen und Gefahren leiden zu lassen.

„Ist Horst Wenzel ein Pseudonym?“, fragte Angela.

„Es ist mein richtiger Name“, erwiderte er und trat erneut ans Fenster. Seine Nervosität übertrug sich auf die Arzthelferin. „Straße?“, fragte sie.

„Parkstraße 13.“

Angela glaubte zu wissen, dass er log. Parkstraße 13 war der Titel eines Schauspiels. Was war bloß los mit ihm? Litt er unter Verfolgungswahn?

Er wandte sich um. „Sehen wir uns wieder?“, fragte er.

Sie brauchte Sekunden, um ihre Überraschung in den Griff zu bekommen. „Wie soll ich das verstehen?“, fragte sie schließlich verblüfft.

Horst Wenzel grinste matt. „Damit kein Irrtum entsteht – ich will nicht den Doktor sehen, sondern Sie“, meinte er.

Die Tür öffnete sich.

Dr. Jerome Stephan betrat den Raum. Die Arzthelferin lächelte erleichtert. Ihr wurde nicht bewusst, wie sehr sich ihre Augen veränderten, als sie ihren Chef musterte. Sie schienen plötzlich zu leuchten, sie erhielten einen besonderen Glanz.

Der Mediziner begrüßte den Patienten, dann schaute er sich das Ergebnis des EKG’s an. „Schmerzen?“, fragte er.

„Nicht im Augenblick.“

„Das EKG ist in Ordnung. Es könnte gar nicht besser sein“, meinte der Doktor. „Lassen Sie uns mal den Blutdruck messen, bitte.“

Angela ging hinaus.

Das Telefon klingelte. „Praxis Dr. Stephan“, meldete sie sich.

„Ich bin’s“, tönte ihr Egons Stimme entgegen. „Ich habe versucht, dich zu Hause zu erreichen ...“

„Du weißt doch, dass ich selten vor neunzehn Uhr aus der Praxis komme“, sagte sie.

„Du machst Überstunden, ohne dafür bezahlt zu werden“, meinte ihr Verlobter. Seine Stimme klang vorwurfsvoll.

„Ich fühle mich nicht unterbezahlt“, entgegnete sie, „und meine Arbeit macht mir Spaß.“

„Gehen wir zusammen essen? Ich hole dich in einer halben Stunde ab. Einverstanden?“

„Einverstanden“, sagte Angela und legte auf.

Zehn Minuten später betrat Jerome Stephan den Raum. Er lehnte sich mit verschränkten Armen gegen den Türrahmen. „Ein seltsamer Kauz“, sagte er. „Dem fehlt überhaupt nichts.“

„Haben Sie ihn erkannt? Er ist ein prominenter Schauspieler“, sagte die junge Frau.

„Sie kennen mich doch“, entgegnete der Mediziner. „Ich bin ein Kulturbanause.“

„Er tritt vor allem im Fernsehen auf.“

„Ich bin schon froh, wenn ich mal dazu komme, mir die Tagesschau oder eine aktuelle Sendung anzusehen“, meinte Jerome Stephan.

„Sie arbeiten zu viel.“

„Sie auch. Wollen Sie nicht endlich Schluss machen?“

„Ich werde abgeholt.“

„Na, prima.“ Er lächelte. „Guten Abend, Angela.“

„Gute Nacht, Herr Doktor“, erwiderte sie und sah ihm hinterher. Er hielt sich beim Gehen sehr gerade, aber dennoch war seine Haltung nicht so locker und elastisch, wie man es von einem Neununddreißigjährigen hätte erwarten können. Auch in diesem Moment hatte die junge Frau den Eindruck, dass er irgendeine Last mit sich herumschleppte und dass ihn etwas quälte, worüber er nicht zu sprechen wünschte.

Die Tür fiel hinter ihm ins Schloss. Angela fertigte rasch noch eine Patientenkarte für Horst Wenzel an, dann verließ sie die Praxis. Sie wartete vor dem Haus und hatte dabei das merkwürdige Gefühl, beobachtet zu werden, aber sie vermochte nichts und niemand zu entdecken, um dieses Empfinden zu rechtfertigen.

Egon kam mit seinem alten Porsche. Er stoppte direkt vor ihr, kletterte aus dem Wagen und hielt ihr die Wagentür auf. Sie bedankte sich und stieg ein. Ihr Verlobter nahm neben ihr Platz. Er roch wie immer nach Rasierwasser und Tabak. „Italienisch?“, fragte er. „Oder hast du Lust auf eine deftige Bratkartoffelmahlzeit?“

„Um Himmels willen“, entgegnete sie lachend. „Ich muss an meine Linie denken. Italienisch ist okay.“

„Wir fahren zu Gianni.“ Er schaute sie an und lächelte. „Du siehst blendend aus.“

„Danke“, sagte sie und bedauerte, ihm vor nur knapp einer Stunde unrecht getan zu haben. Er konnte also doch noch Komplimente äußern.

Sie fuhren los. Angela berichtete Egon von Horst Wenzels seltsamen Auftritt.

„Ich kenne ihn“, entgegnete er. „Ein Klassemann. Sehr sensibel, und genau der Richtige, wenn es darum geht, alle Facetten einer Persönlichkeit darzustellen.“

„Irgendetwas bedrückte ihn“, sagte Angela nachdenklich. „Ich frage mich, weshalb er mich angeschwindelt hat. Mit seinem Herzen war alles in Ordnung. Ich habe den Eindruck, dass er mir die angeblichen Schmerzen nur vorschwindelte, um jemand entkommen zu können. Da war jemand hinter ihm her. Sein Auftauchen in der Praxis war die Station einer Flucht.“

„Wie soll ich das verstehen?“, fragte Egon stirnrunzelnd. „Als er zu euch kam, stand er weder auf einer Bühne noch vor der Kamera.“

Egon Decker war zweiunddreißig und Besitzer eines zahntechnischen Labors. Er hatte den Betrieb mit einem Berg von Schulden eröffnet, aber dank seiner Tüchtigkeit war abzusehen, wann die florierende Firma in die Gewinnzone gelangen würde.

Egon war mittelgroß. Er trug eine Brille und hatte schütteres, rotblondes Haar. Er war gewiss keine Schönheit, aber wer ihn kannte, fand ihn intelligent und sympathisch. Wenn es aus Angelas Sicht etwas an ihm auszusetzen gab, dann war es vor allem der Umstand, dass es ihm gelegentlich an Humor mangelte. Natürlich störte sie auch seine sporadisch erkennbar werdende Eifersucht, aber damit konnte sie leben.

Sie waren seit fünf Monaten verlobt. „Sobald ich schuldenfrei dastehe, wird geheiratet“, hatte er an dem Tag des Ringtausches gesagt. Kürzlich hatte er durchblicken lassen, dass dieser Tag nicht mehr fern war.

„Wenzel fühlt sich gejagt“, fuhr Angela fort. Sie kam einfach nicht von dem Erlebnis los. „Ich stelle mir das so vor: Er hat versucht, seinen Verfolger abzuschütteln. Zufällig sah er dabei das Praxisschild an der Haustür. Er klingelte und täuschte mir gegenüber eine Übelkeit vor, die gar nicht existierte. Mit dem EKG versuchte er Zeit zu gewinnen. Das ganze Manöver diente nur dem Zweck, den oder die Verfolger abzuschütteln.“

„Du siehst Gespenster.“

„Das EKG war normal. Er behauptete, Schmerzen zu haben, aber davon war im Verlauf seines Besuches nicht mehr die Rede“, sagte die Arzthelferin.

„Was kümmert’s dich“, meinte ihr Verlobter schulterzuckend. „Schauspieler haben einen Hang zum Drama, so etwas darfst du nicht ernst nehmen.“

Angela war froh, als Egon sie zwei Stunden später vor dem Haus absetzte, in dem sie wohnte. „Kriege ich noch einen Kaffee?“, fragte er.

„Sei mir nicht böse, aber ich bin schrecklich müde ...“

„Das bist du in letzter Zeit immer häufiger“, erwiderte er grollend.

„Wir sehen uns am Sonnabend.“

„Gute Nacht“, sagte er, immer noch verletzt, und fuhr davon.

Angela betrat ihre Zweizimmerwohnung. Sie war wirklich müde, aber das hielt sie nicht davon ab, einen Blick ins Telefonbuch zu werfen, um festzustellen, ob Horst Wenzel tatsächlich im Hause Parkstraße 13 wohnte.

In diesem Punkt hatte er also nicht gelogen. Diese Erkenntnis trug dazu bei, Angelas Spannung zu mildern, dennoch blieb die Frage offen, weshalb er ihr zunächst einen Falschnamen genannt hatte und so merkwürdig aufgetreten war.

Das Telefon klingelte.

Egon, dachte sie, und griff mit einem dünnen Lächeln nach dem Hörer. Offenbar tat es ihm leid, sich so abrupt von ihr verabschiedet zu haben.

„Wenzel“, tönte es an ihr Ohr. „Ich hoffe, ich störe nicht? Ich habe schon einige Male versucht. Sie zu erreichen, aber da war niemand zu Hause.“

„Woher haben Sie meine Adresse, meine Telefonnummer?“, fragte sie überrascht.

„Sind Sie gerade nach Hause gekommen?“, wich er der Frage aus.

„Ja.“

„Sie waren mit einem Freund unterwegs, nehme ich an. Wer so hinreißend aussieht wie Sie, hat gewiss einen Verehrer. Vielleicht auch mehrere. Bei Ihnen tippe ich allerdings auf einen. Sie sind der loyale Typ. Stört es Sie, wenn ich das sage?“

„Wollen Sie nicht endlich zur Sache kommen? Was soll dieser Anruf? Wissen Sie eigentlich, wie spät es ist?“

„Ich brauche Hilfe“, sagte er.

„Ärztliche Hilfe?“

„Nein. Jemand ist hinter mir her.“

„Ein Gläubiger?“, entfuhr es Angela, die gehört hatte, dass viele Schauspieler dazu neigten, über ihre Verhältnisse zu leben.

„Nein.“

„Vor wem laufen Sie davon?“

„Ich kann Ihnen das am Telefon nicht erklären. Können wir uns nicht irgendwo treffen?“

„Was denn – jetzt?“

„Ja.“

„Ausgeschlossen. Hinter mir liegt ein anstrengender Arbeitstag und morgen muss ich um acht in der Praxis sein. Warum wollen Sie gerade mit mir sprechen?“

„Sie haben mich tief beeindruckt, Angela.“

Ihr Herz machte einen kleinen, seltsamen Sprung, als er wie selbstverständlich ihren Vornamen aussprach.

„Sie haben das gewisse Etwas“, fuhr er fort. „Wenn ich das so scheinbar glatt äußere, wird mir klar, wie dumm es sich anhört. Es klingt nach Schablone, nach Effekthascherei. Dennoch ist es genau das, was ich empfinde. Es sind vor allem Ihre Augen, die mich verzaubert haben, glaube ich. Da ist etwas darin enthalten, das mich überzeugt, das mir Hoffnung gibt. Ja, Hoffnung – und genau die brauche ich in meiner gegenwärtigen Lage.“

„Sind Sie ohne Engagement?“, fragte die junge Frau.

Er lachte kurz und unlustig. „Nein, nein, das ist nicht mein Problem“, entgegnete er. „Ich bin gut im Geschäft. Ausgebucht, wie es so schön heißt.“

„Was ist es dann?“

„Ich sage es Ihnen morgen. Wann und wo können wir uns treffen?“

„Hören Sie – ich bin verlobt ...“

„Sie müssen mich trotzdem anhören.“

„Morgen ist Mittwoch“, überlegte sie und sagte es laut. „Da habe ich meinen freien Nachmittag.“

„Sagen wir um sechzehn Uhr vor dem 'Bierhahn'?“, fragte er. „Das ist ein neues Lokal in der Altstadt.“

„Ich kenne es. Ich werde versuchen, pünktlich zu sein“, meinte sie, verabschiedete sich und legte den Hörer auf.

Ihre Müdigkeit war wie weggeblasen, zumindest für den Augenblick. Sie hatte sich mit einem Mann verabredet. Geschah es wirklich nur, weil er vorgab, Hilfe zu brauchen, oder lockte es sie, sein Geheimnis kennenzulernen? Sie wusste darauf keine Antwort.

Am nächsten Morgen erhielt sie einen Anruf von ihrem Verlobten. „Wenn du willst, nehme ich mir heute Nachmittag frei“, sagte er. „Wir könnten zusammen einen Einkaufsbummel machen.“

„Meinetwegen – aber bitte nicht vor halb sechs“, entgegnete sie. „Warum so spät?“

„Ich treffe mich mit Wenzel.“

„Soll das ein Witz sein?“

„Er hat mich angerufen. Er braucht Hilfe. Ich konnte mich seiner Bitte einfach nicht entziehen.“

„Ich bin sprachlos. Der Kerl ist ein Schlitzohr! Er wünscht dich zu erobern. Um dieses Ziel zu erreichen, ist ihm jedes Mittel recht“, sagte Egon.

„Sei nicht albern“, erwiderte sie lachend. „Er kann vermutlich fast jede haben, die ihm gefällt, denn er ist prominent und sieht gut aus, sehr gut sogar ...“

„Findest du?“, fiel Egon ihr grimmig ins Wort. „Er ist der Typ des Gentlemanverbrechers. So was kommt offenbar bei euch Frauen gut an.“

„Wollen wir uns um halb sechs treffen, ja oder nein?“, fragte Angela. „Entscheide dich bitte. Ich habe zu tun.“

„Okay, um halb sechs“, entgegnete er. „Am Bismarck-Denkmal, wie in alten Zeiten.“

Sie legte auf und seufzte. Wie in alten Zeiten!

Sie fragte sich, wo die Gefühle geblieben waren, die sie ihrem Verlobten einmal entgegengebracht hatte. Sie schätzte ihn immer noch als Freund und Gesellschafter, aber ihr wurde immer bewusster, dass er nicht der Mann war, den sie zu heiraten wünschte. Sie nahm sich vor, es ihm zu sagen.

Die junge Frau wusste, wie schwer es ihr fallen würde, dieses Gespräch zu führen, aber gerade, weil Egon ihr immer noch etwas bedeutete, hatte er ein Anrecht auf faires Spiel.

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Sie traf Horst Wenzel wie verabredet. Er trug die Sportkombination vom Vortag mit einer anderen Krawatte. Die Unruhe war aus seinen blauen Augen verschwunden, er machte einen gelassenen Eindruck. Gegenüber ihrem ersten Zusammentreffen war er kaum wiederzuerkennen.

Sie setzten sich in dem verabredeten Lokal an einen kleinen Ecktisch. Beide tranken Kaffee. Horst Wenzel erwies sich als amüsanter Plauderer, aber er unternahm keinerlei Anstrengungen, zum Thema zu kommen. Angela ließ ihm Zeit. Offenbar fiel es ihm nicht leicht, die Karten auf den Tisch zu legen.

Ein weiblicher Teenager näherte sich ihnen. Das Mädchen hatte den Mann erkannt und bat ihn um ein Autogramm. Der Vorgang blieb nicht unbeobachtet. Plötzlich standen Horst Wenzel und seine attraktive Begleiterin im Mittelpunkt des allgemeinen Interesses. Viele Gäste schauten immer wieder zu ihnen hin und lieferten mit ihrem Getuschel den Beweis für den Bekanntheitsgrad des Schauspielers.

„Ich habe nicht allzu viel Zeit“, meinte Angela schließlich verlegen. „Wollen Sie nicht endlich zur Sache kommen?“

Der Mann senkte den Blick. „Ich bin da in eine scheußliche Sache hineingeraten“, sagte er leise. „Ich werde als Agent missbraucht.“

Sie erschrak. „Wie konnte das geschehen?“

„Es begann relativ harmlos. Auf einer Auslandsreise wurde ich mit meinem Wagen von einem Polizisten gestoppt. Er warf mir vor, ich sei mit stark überhöhter Geschwindigkeit gefahren. Das traf zwar nicht zu, aber wie hätte ich ihm das Gegenteil beweisen sollen? Er nannte eine hohe Strafgeldsumme. Ich hatte nicht so viel bei mir. Er drohte mir mit dem Einzug des Wagens, aber dann änderte er plötzlich den Ton, und er schlug mir ein Geschäft vor. Er bat mich, einen harmlosen Kurierdienst zu übernehmen. Es ging ihm angeblich nur darum, einen Brief an seinen in der Bundesrepublik lebenden Bruder weiterzuleiten, von dem die Zensur nichts erfahren sollte. Ich erklärte mich bereit, den Brief abzuliefern. Naiv, nicht wahr?“

„Ziemlich“, erwiderte sie.

„Bei der Übergabe des Briefes wurde ich fotografiert. Mit der Aufnahme werde ich jetzt erpresst. Ich weiß längst, dass das Ganze nur ein Trick war, um mich für weitere Kurierdienste gefügig zu machen. Überflüssig, zu sagen, dass der Briefempfänger nicht der Bruder des Polizisten war, sondern ein Geheimagent. Ich bin kein Spion, denn ich habe nicht die geringste Lust, für diese Leute zu arbeiten, deshalb versuche ich, mich ihrem Zugriff zu entziehen!“

„Warum gehen Sie nicht zur Polizei?“

„Das habe ich natürlich erwogen, aber ich muss an die möglichen Folgen denken, an die Schlagzeilen, Verdächtigungen und Unterstellungen, die der Skandalpresse dazu einfallen würden. Es kann für mich und meinen Beruf geradezu tödliche Konsequenzen haben, wenn ich als Agent einer fremden Macht diskreditiert werde.“

„Aber Sie können doch beweisen, dass Sie keiner sind! Warum erzählen Sie den Beamten nicht genau das, was Sie gerade mir gesagt haben?“

„Mir wird man nicht glauben. Sie vergessen, dass ich für die meisten Leute, die mich kennen, der Prototyp eines Schurken bin. Das liegt an den Rollen, die ich spiele. So etwas überträgt sich nur allzu leicht auf das Bewusstsein.“

„Ich begreife noch immer nicht, welchen Nutzen sich die Gegenseite von Ihrem Wirken verspricht. Sie sind weder Militär noch Wissenschaftler ...“

„Ich habe einen Bruder“, sagte Horst Wenzel. „Ein hochkarätiger Atomtechniker. Um den geht es, fürchte ich. Sie wollen, dass ich ihn aushorche.“

„Ich sehe ja ein, dass Sie Hilfe brauchen, aber ich wüsste wirklich nicht zu sagen, wie i c h sie Ihnen bringen soll.“

„Haben Sie eine Wohnung?“

„Ja.“

„Leben Sie allein?“

„Ja.“

„Kann ich ein paar Tage bei Ihnen unterschlüpfen?“, fragte er. „Die Leute, die mich bedrohen und die mir nachstellen, werden die Geduld verlieren und aufhören, mich zu bedrängen, wenn sie nicht wissen, wie und wo sie an mich herankommen können.“ Er schaute sich um wie ein Verschwörer und senkte die Stimme. „Ich habe meine Wohnung in der Parkstraße seit einer Woche nicht mehr betreten“, fuhr er fort. „Ich bin in eine Pension gezogen, aber dort haben sie mich aufgestöbert, deshalb brauche ich einen neuen Unterschlupf. Ich muss denen beweisen, dass ich bei diesem Katz-und-Maus-Spiel den längeren Arm habe.“

„Ich bin verlobt“, sagte Angela. „Ich brauche Ihnen wohl nicht zu erklären, wie mein Verlobter reagieren würde, wenn ich es einem fremden Mann erlaubte, in meiner Wohnung zu schlafen.“

„Sie können ihm ja die Sachlage erklären. Es wäre ja nur für ein paar Tage ...“

„Was ist, wenn man Sie auch in diesem Moment beschattet und von dem Umzug Wind bekäme?“

„Ich habe inzwischen einen besonderen Spürsinn entwickelt und bilde mir ein, die Leute im entscheidenden Moment austricksen zu können.“ Angela fühlte sich höchst unbehaglich. Was der Mann vortrug, klang sehr überzeugend, dennoch blieben viele Fragen offen, ganz zu schweigen von den nagenden Zweifeln, die sich mit Horst Wenzels Situationsbericht verbanden.

„Ich kann das jetzt nicht entscheiden“, sagte sie. „Geben Sie mir etwas Zeit.“

„Okay“, sagte er. „Ich danke Ihnen.“

„Wofür?“

„Sie haben mich angehört.“

„Gibt es viele Menschen, die Ihre besondere Situation kennen?“, fragte die Frau.

Er schüttelte den Kopf. „Sie sind die Einzige, mit der ich bislang darüber zu reden wagte“, erwiderte er. „Ich muss Sie um Diskretion bitten, um Ihr Stillschweigen – aber das ist ja wohl selbstverständlich.“

„Ich muss Egon davon in Kenntnis setzen“, erinnerte sie ihn.

„Das ist Ihr Verlobter?“

„Ja.“

Horst Wenzel sah ihr tief in die Augen. „Ich weiß nicht recht“, erwiderte er zweifelnd.

„Egon ist absolut zuverlässig.“

„Aber Sie lieben ihn nicht.“

Angela erschrak. „Woher wissen Sie das?“, fragte sie überrascht.

Der Mann lächelte dünn. „Ihr Herz gehört Dr. Stephan“, sagte er.

Sie wurde rot und ärgerte sich darüber. „Was für ein Unsinn“, entgegnete sie.

„Ich habe Sie beobachtet, als er die Praxis betrat. Ihr Gesicht hellte sich auf, es schien, als würde es von einem inneren Leuchten verklärt“, sagte Horst Wenzel. „In diesem Moment wusste ich: Sie liebt ihn.“

Angela schluckte. Sie war zutiefst betroffen. War es so leicht, sie zu durchschauen?

„Komisch – aber er hat es nicht einmal bemerkt“, sprach der Mann weiter. „Ich frage mich, warum?“

„Natürlich bewundere ich ihn“, verteidigte sich die junge Frau. „Er ist ein fabelhafter Arzt, ein großartiger Mensch. Ich weiß, wovon ich rede, denn ich habe schon für mehrere Ärzte gearbeitet. Keiner war so tüchtig wie er ...“

„Ist er verheiratet?“

„Nein.“

„Gibt es einen Grund dafür?“

„Warum fragen Sie mich?“, fragte Angela leise und blickte auf ihre Uhr. „Ich fürchte, ich muss gehen.“ Sie hielt nach dem Kellner Ausschau.

„Ich übernehme das“, sagte Horst Wenzel. „Ich rufe Sie morgen an.“

Als sie zur verabredeten Zeit das Bismarck-Denkmal erreichte, saß Egon auf einer Bank und rauchte eine Zigarette. Er stand sofort auf, ließ die Zigarette fallen, trat sie aus und ging dann mit ernstem Gesicht seiner Verlobten entgegen. Sie begrüßten sich.

„Wie war es mit ihm?“, fragte er.

„Das ist eine ganz verrückte Geschichte.“

„Wirst du sie mir erzählen?“

„Aber ja. Ich habe nichts zu verheimlichen. Was würdest du davon halten, wenn er für ein paar Tage zu mir zieht, in die Wohnung. Er fühlt sich verfolgt“, sagte sie und schilderte, was Horst Wenzel ihr erzählt hatte.

„Das ist doch kompletter Nonsens“, sagte der junge Mann gereizt. „Wie kannst du diesen Quatsch nur glauben? Ich wette, das Ganze ist ein billiger Trick. Er versucht, dich damit aufs Kreuz zu legen.“

„Warum sollte sich jemand eine so haarsträubende Geschichte aus den Fingern saugen?“

„Ganz einfach! Er appelliert an dein Mitleid, er will damit rasch ans Ziel kommen. Es gehört wahrhaftig nicht viel Fantasie dazu, sich vorzustellen, was geschehen würde, wenn ihr zwei unter einem Dach lebtet – und sei es auch nur für ein paar Tage.“

„Du solltest mich wahrhaftig besser kennen“, empörte sich Angela. „Du hast keinen Grund, mir zu misstrauen.“

„Dieser Horst Wenzel ist in der Tat ein großartiger Schauspieler. Er ist es nicht nur auf der Bühne und vor der Kamera, sondern auch im Leben. So eine groteske Geschichte kann man nur einem naiven, leichtgläubigen Mädchen auftischen.“

„Ich gebe zu, dass sie fantastisch klingt und vielerlei Zweifel und Fragen aufwirft, aber ich kann mir einfach nicht denken, dass ein Mann seines Namens den Nerv haben könnte, mich so dreist zu belügen. Er ist schließlich kein Namenloser, kein Hochstapler oder Betrüger – er ist ein prominenter Schauspieler“, schloss sie.

„Er will dich erobern. Das ist die Erklärung. Wenn du ihm erlaubst, zu dir zu ziehen, sind wir geschiedene Leute“, entgegnete Egon drohend.

„Hast du kein Herz für einen, der sich in Not befindet?“, fragte sie.

„Untertauchen kann er überall, dazu braucht er nicht deine Wohnung. Er kann die Pension wechseln, er kann in ein Hotel ziehen. Wenn es stimmt, was er dir erzählt hat, hat er sich von Anbeginn wie ein Idiot aufgeführt, dann ist er auf einen saudummen Trick hereingefallen. Ich kann für eine solche selbstverschuldete Misere keine Anteilnahme aufbringen. Ich glaube nach wie vor, dass der Kerl lügt.“

„Ich hatte gehofft, dass du mich verstehen und bereit sein wirst, mir zu vertrauen, aber wie ich sehe, muss ich die Entscheidung allein verantworten.“

„Ich wäre verrückt, wenn ich sie billigte.“

„Ich werde ihm sagen, dass er zu mir ziehen kann“, erklärte Angela und hob trotzig den Kopf.

„Das tust du nur, um mich zu ärgern.“

„Egon ...“

Er fiel ihr ins Wort. „Ich bleibe bei dem, was ich sagte. Wenn du ihn aufnimmst, sind wir geschiedene Leute.“

Plötzlich kam Angela die Szene lächerlich und dumm vor. Sie standen sich gegenüber wie verzankte, gekränkte Kinder. Sie streckte die Hand aus, mit einer versöhnlichen Geste, aber er trat einen halben Schritt zurück und erklärte schroff: „Ich stehe zu meinem Wort.“

„Ich kann einen Menschen, der mich um Hilfe bittet und der erkennbar in Not ist, nicht die Tür weisen, ich bringe es einfach nicht fertig.“

„Das hat er erkannt“, höhnte Egon. „Daraus versucht er Profit zu schlagen.“

„Was ist nun – gehen wir weiter, oder legst du Wert darauf, den Streit fortzusetzen?“

„Ich fahre nach Hause“, erwiderte er. „Ich rufe dich heute Abend an. Wenn du bis dahin deine Meinung nicht geändert hast, betrachte ich mich als entlobt.“

Die junge Frau sah ihm hinterher, etwas verblüfft, und war traurig, dass sie nur einen ganz gelinden Schmerz verspürte.

Ein Taxi brachte sie nach Hause.

Egon rief sie um einundzwanzig Uhr an. „Nun?“, fragte er.

„Wir sind entlobt“, antwortete Angela.

„Du hast es gewollt“, sagte er und legte auf.

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Am nächsten Morgen war die Praxis brechend voll. Angela fand nicht einmal Zeit, Kaffee zu trinken. Erst als gegen vierzehn Uhr der letzte Patient die Praxis verlassen hatte, fiel ihr ein, dass Horst Wenzels Anruf ausgeblieben war.

Dr. Stephan betrat das Vorzimmer. Er hatte die Knöpfe seines Arztkittels geöffnet und sah leicht abgespannt aus. „Kaffee?“, fragte Angela.

Der Mediziner setzte sich. „Ja, bitte.“

Die Arzthelferin setzte die Kaffeemaschine in Gang. Sie spürte, dass Jerome Stephan etwas auf dem Herzen hatte, und war gespannt, worum es sich handelte. Er konnte durchaus gesprächig und mitteilsam sein, aber er wurde niemals persönlich, und er vermied es in geradezu auffälliger Weise, über sein eigenes Leben zu sprechen, seinen Werdegang, seine Vergangenheit, seine Pläne.

Angela schien es zuweilen so, als umgäbe ihn ein Geheimnis. Sie nahm so gut wie niemals Privatgespräche für ihn entgegen und fragte sich nicht selten, wer seine Freunde waren und wie er seine Freizeit gestaltete.

Gab es Frauen in seinem Leben, und wenn ja, welche? Was bedeuteten sie ihm, und wie erklärte es sich, dass er bis zum heutigen Tage darauf verzichtet hatte, sich zu binden?

Vieles an ihm war so seltsam wie sein Vorname. Jerome. Das klang englisch, aber Angela hatte einmal seinen Pass verlängern lassen und dem Dokument entnommen, dass Jerome Stephan in einer norddeutschen Kleinstadt geboren worden war.

„Danke“, sagte er, als sie die Tasse vor ihm hinstellte. Er trank den Kaffee schwarz.

„Haben Sie am Sonnabend etwas vor?“, fragte er.

„Vormittags? Ich wollte ein paar Einkäufe tätigen, aber falls Sie mich in der Praxis brauchen ...“

„Ich brauche Sie nicht in der Praxis. Ich wollte Sie und Ihren Verlobten bitten, mich zu besuchen. So gegen acht Uhr. Ich lade Sie zum Essen ein.“

Angela verschlug es fast die Sprache. „Aber ...“, begann sie.

Der Arzt lächelte. „Ist Ihnen das zu früh, oder haben Sie etwas anderes vor?“, fragte er.

Sie errötete. „Es geht nicht“, entgegnete sie. „Ich habe mich mit Egon verkracht.“

„Oh, das tut mir leid. Es ist hoffentlich nichts Ernstes“, meinte Jerome Stephan.

„Es wird vorübergehen“, erwiderte sie, aber sie war sich keineswegs sicher, ob diese Behauptung zutraf.

„Ich würde ja sagen, dann kommen Sie halt allein – aber ich möchte vermeiden, dass das Zerwürfnis auf diese Weise vertieft wird“, meinte der Doktor.

„Ich komme gern allein“, entgegnete die Arzthelferin.

Der Mediziner leerte seine Tasse, dann erhob er sich. „Ich freue mich auf Ihren Besuch“, sagte er dann. „Machen Sie sich nicht zu fein – und seien Sie nicht überrascht, dass Sie der einzige Gast sein werden.“

„Das macht gar nichts, Doktor“, sagte Angela.

Doktor Stephan ging zur Tür, dort blieb er stehen und wandte sich um. „Sie werden sich möglicherweise fragen, was diese Einladung soll. Ich denke, ich schulde Sie Ihnen. Wie lange arbeiten Sie jetzt schon für mich?“

Angela sagte es ihm.

Jerome nickte. „Sie sind eine perfekte Arbeitskraft“, sagte er. „Gescheit, zuverlässig, tüchtig und loyal. Ich kann diese Dinge nicht mit einem Abendessen abgelten, aber ich finde, ich sollte Ihnen zeigen, wie sehr ich Sie und Ihre Arbeit schätze.“

Als der Arzt gegangen war, klingelte das Telefon. Horst Wenzel war am Apparat. „Wie schön, dass ich Sie noch erreiche“, sagte er. „Ich konnte nicht früher anrufen. Sie waren wieder einmal hinter mir her. Jetzt habe ich sie abgeschüttelt. Haben Sie darüber nachgedacht?“, kam er unvermittelt zum Kernpunkt seines Anliegens.

„Es hat wegen dieser Geschichte Krach mit meinem Verlobten gegeben.“

„Das tut mir leid.“

„Machen Sie sich nichts daraus. Offen gestanden wäre es mir lieber, wenn Sie in ein Hotel ziehen würden. Es ist nicht wegen meines Verlobten, aber ...“

„Aber?“

„Ich habe einen Ruf zu verlieren“, machte sie ihm klar. „Und untertauchen können Sie doch praktisch überall – in jedem Hotel.“

„Schon gut“, erwiderte er. Es klang förmlich.

„Wenn ich Ihnen auf andere Weise behilflich sein kann ...“

„Danke.“

„Jetzt sind Sie böse.“

„Nur traurig. Natürlich kann ich in ein Hotel gehen. Aber dort können sich auch meine Gegner einnisten, leichter als irgendwo sonst. Es wäre doch nur für ein paar Tage“, fügte er bittend hinzu.

„Also gut, meinetwegen“, lenkte Angela ein. „Aber Sie müssen mir versprechen ...“

„Schon geschehen“, fiel der Anrufer ihr ins Wort. „Ich trete Ihnen nicht zu nahe.“

Dann fügte sie noch hinzu: „Ich werde nicht vor neunzehn Uhr zu Hause sein.“

„Das geht in Ordnung.“

Als sie etwa eine Viertelstunde vor der genannten Zeit auf ihre Wohnung zustrebte, saß Horst Wenzel vor ihrer Tür auf einem großen Koffer. Er stand sofort auf. „Die Blumen kommen später“, sagte er.

Er gab ihr lächelnd die Hand.

Angela war leicht verlegen.

Der Mann machte wahrhaftig nicht den Eindruck eines gehetzten Wildes.

Plötzlich fragte sie sich, ob Egon mit seiner Skepsis nicht recht gehabt haben mochte und ob sie nicht zu rasch und gutgläubig der Asylbitte des Schauspielers nachgekommen war.

„Haben Sie schon gegessen?“, fragte sie, als sie die Wohnungstür aufschloss.

„Eine Kleinigkeit.“

„Ich esse abends nicht sehr viel“, erklärte die junge Frau. „Ein paar Schnitten, dazu eine Tasse Tee. Leisten Sie mir beim Essen Gesellschaft?“

„Sehr gern“, meinte der Besucher. Er war mit einer grauen Flanellhose, einem Sporthemd und einem hellen Wildlederblouson bekleidet. Er stellte den Koffer in der Diele ab.

„Sie können im Wohnzimmer auf der Couch schlafen“, sagte sie. „Über ein Gästezimmer verfüge ich leider nicht.“

Horst Wenzel betrat das Wohnzimmer und schaute sich darin um. „Sehr hübsch“, meinte er. „Wirklich geschmackvoll. Zart und feminin. Man spürt in jedem Detail Ihre ordnende, stilsichere Hand.“

„Machen Sie es sich bequem“, bat Angela. „Ich kümmere mich um das Essen.

Sie hängte ihren Mantel in die Garderobe, ging ins Bad, wusch sich Hände und Gesicht und musterte sich dann prüfend im Spiegel.

An ihrem Äußeren gab es nichts auszusetzen. Das makellose Gesicht mit den großen Augen und dem schön geschwungenen Mund hatte nichts von seiner Anziehungskraft verloren, aber sie fragte sich mit plötzlicher Bitterkeit, welchen Wert diese Attraktivität hatte, wenn es ihr nicht einmal gelungen war, ihr Verlöbnis zu retten.

Das Schlimme daran war, dass sie die Entwicklung nicht zu bedauern vermochte. Dabei war Egon ein guter Junge, eifersüchtig zwar, aber treu und tüchtig. Ein Mann, der dabei war, seinen Weg zu machen und dem die Zukunft gehörte.

War es richtig gewesen, den Streit auf die Spitze zu treiben und wegen eines Horst Wenzel alles aufs Spiel zu setzen, was ihr noch bis vor Kurzem als gut und erstrebenswert erschienen war?

Die junge Frau ging in die Küche. Zehn Minuten später balancierte sie das Ergebnis ihrer Vorbereitungen auf einem Tablett ins Wohnzimmer. „Oh, das sieht ja lecker aus“, meinte der Besucher strahlend.

Nach dem Essen tranken sie eine Flasche Wein. Herr Wenzel erzählte einiges aus seinem Leben, von seiner kaufmännischen Lehre, während der er in den Abendstunden Schauspielunterricht genommen hatte, und von seiner Entdeckung durch einen bekannten Regisseur, der für einen Fernsehfilm junge, unverbrauchte Kräfte gesucht hatte. Den Durchbruch hatte er dann mit einem französischen Spielfilm erreicht. Seitdem war er auch international im Show-Geschäft.

Er war ein gewandter Plauderer, der es verstand, selbst Banales reizvoll vorzutragen. Seine Stimme war von suggestiver Kraft. Obwohl sich fast alles, was er äußerte, um die eigene Person drehte, hatte man seltsamerweise nicht den Eindruck, dass er sich in den Vordergrund zu spielen versuchte.

Es klingelte.

Angela blickte auf ihre Armbanduhr. Es war kurz vor halb neun. „Das kann nur die Nachbarin sein“, meinte sie und erhob sich.

„Du?“, entfuhr es ihr, als sie die Wohnungstür geöffnet hatte.

Egon sah blass aus. „Ich muss mit dir sprechen.“

„Gern – aber muss das gerade jetzt sein?“, fragte sie. „Ich habe Besuch.“ Ihr Verlobter sah den Koffer in der Diele stehen. „Also doch“, sagte er. „Es ist nicht zu fassen!“

„Willst du nicht hereinkommen? Ich möchte, dass du Herrn Wenzel kennenlernst ...“

„Nein, danke“, stieß Egon hervor. Er zerrte den Verlobungsring von seinem Finger und drückte ihn Angela in die Hand. „Darf ich dir dieses schöne Schmuckstück zurückgeben? Ich brauche es nicht mehr.“

Er machte auf den Absätzen kehrt und ging hoch erhobenen Hauptes davon.

Die junge Frau schloss die Tür. Herr Wenzel tauchte in der Diele auf. Er hatte mitbekommen, was geschehen war. „Es tut mir sehr leid“, sagte er. „Soll ich ihm folgen und ihm erklären, was es mit meinem Besuch für eine Bewandtnis hat?“

„Das würde die Situation nur komplizieren“, meinte Angela kopfschüttelnd. „Er würde Ihnen nicht glauben. Er hält Sie für einen Lügner.“ Sie war froh, als es heraus war.

„Ich kann ihm das wahrhaftig nicht verübeln“, entgegnete der Besucher nach kurzer Pause. „Meine Geschichte klingt ja wirklich wie ein Märchen, aber sie ist wahr.“

Sie kehrten ins Wohnzimmer zurück. Angela trug den Ring in der geschlossenen rechten Hand. Sie legte ihn schließlich auf den Tisch. „Der Wein ist wunderbar“, lobte Horst Wenzel, nachdem er wieder Platz genommen hatte. „Spendieren Sie noch eine Flasche? Morgen revanchiere ich mich dafür.“

„Sie können gern noch eine Flasche trinken, aber ich habe genug“, entgegnete die Gastgeberin. „Ich muss morgen früh fit sein.“

„Ich auch. Man erwartet mich zu Synchronisationsarbeiten im Atelier.“

„Ist das nicht gefährlich?“

„Wieso gefährlich?“

„Die Leute, vor denen Sie auf der Flucht sind, können sich dort am ehesten an Ihre Fersen heften“

„Ich weiß, wie ich sie abschütteln kann“, behauptete der Besucher.

„Ich richte Ihnen jetzt die Couch“, sagte Angela und stand auf. Sie versuchte, sich ruhig und gelassen zu geben, aber die Auseinandersetzung mit Egon wirkte ebenso in ihr nach, wie die Erkenntnis, dass eine Nacht vor ihr lag, die nicht frei von Risiken und Herausforderungen war.

Wenn er frech werden sollte, setze ich ihn vor die Tür, beschloss sie und schalt sich im gleichen Atemzug töricht, weil nichts dafür sprach, dass Horst Wenzel die Haltung verlieren könnte. Bis auf seine etwas kühne Forderung nach einer zweiten Flasche Wein hatte er jedenfalls an diesem Abend noch nichts getan, was zur Kritik Anlass bot.

„Wollen Sie schon schlafen gehen?“, fragte er verblüfft.

„Ich bin hundemüde. Hinter mir liegt ein langer, harter Arbeitstag“, entschuldigte sich die junge Frau. Sie holte das Bettzeug aus dem Schlafzimmer. Der Besucher sah ihr zu, wie sie die Schlafcouch auszog. „Kann ich Ihnen helfen?“

„Danke, es ist schon passiert“, meinte sie. „Wo das Bad ist, wissen Sie ja.“ Sie richtete sich auf und strich sich eine Haarsträhne aus der Stirn. „Ich hoffe, Sie schlafen gut. Falls Sie noch Wein wünschen – die Kiste steht in dem Abstellraum.“

„Ich trinke nicht gern allein.“

„Das ist sehr vernünftig“, meinte Angela und ging zur Tür. „Gute Nacht.“

„Gute Nacht“, sagte er.

Als sie die Schlafzimmertür hinter sich zuzog, erwog die junge Frau, den Schlüssel herumzudrehen. Schließlich verzichtete sie darauf, weil ihr das dumm und unwürdig vorkam. Herr Wenzel war ihr Gast. Er hatte ein Anrecht darauf, dass sie ihm vertraute.

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Am nächsten Morgen war sie bemüht, den Schläfer im Wohnzimmer nicht zu stören. Sie aß in der Küche und richtete dem Gast sein Frühstück her. Ihren zweiten Wohnungsschlüssel legte sie neben der Thermoskanne ab. Ein kleiner Zettel ermächtigte Horst Wenzel, sich des Schlüssels zu bedienen.

Pünktlich um halb acht war sie in der Praxis. Hier, in der gewohnten und vertrauten Umgebung, war sie auf merkwürdige Weise wie verwandelt. Hier kannte sie weder Zweifel noch Unsicherheiten, hier stimmte jeder Handgriff, den sie ausführte, hier war sie gleichsam zu Hause, ein Mädchen am richtigen Platz.

Der erste Patient kam exakt um acht. Ihm folgten rasch weitere. Halb neun war das Wartezimmer bis auf den letzten Stuhl besetzt. Dr. Stephan arbeitete mit der gewohnten Konzentration. Er nahm sich für jeden Patienten die notwendige Zeit, er fand im richtigen Moment auch das persönliche Wort, aber irgendein Mechanismus in ihm bewahrte ihn vor Übertreibungen. Er arbeitete mit geradezu vorbildlicher Wirksamkeit.

Einmal, als Angela ihm eine Karteikarte aushändigte, berührten sich ihre Hände. Sie zuckte kaum merklich zusammen. Ihr Herz schlug rascher. Sie war ärgerlich über diese Reaktion, aber sie konnte nichts dagegen ausrichten.

Jerome Stephan schien nichts davon zu merken. Er war wie immer von tiefem Ernst geprägt und von einer Konzentration, deren Disziplin die Arzthelferin bewunderte, die sie manchmal aber auch erschreckte und an den menschlichen Tugenden ihres Chefs zweifeln ließ. Woran lag es, dass er selten oder nie Gefühle zeigte? War er unfähig, welche zu entwickeln, oder hatte er sich so gut im Griff, dass er keine Mühe hatte, sie zu verbergen?

Die junge Frau blickte dem Sonnabend nicht ohne Herzklopfen entgegen. Sie machte sich Gedanken über die einfachsten Dinge. Sollte sie das kleine Schwarze tragen, oder war es für den Anlass schon zu festlich?

Natürlich würde sie zum Friseur gehen. Ob ihr Chef es wohl bemerken würde, wenn sie sich ihm mit einer neuen Kurzfrisur präsentierte?

Wusste er überhaupt, wie sie aussah? Hatte er jemals versucht, das schöne, junge Mädchen in ihr zu sehen, oder war sie für ihn nichts weiter als eine tüchtige Mitarbeiterin?

Als Angela gegen neunzehn Uhr nach Hause kam, durchzog ein würziger Oreganogeruch die Wohnung. Horst Wenzel trat ihr strahlend in der Diele entgegen. Er hatte eine ihrer Halbschürzen umgebunden und sah damit ebenso rührend wie komisch aus, wie ein richtiger Hausmann.

„Ich habe mir erlaubt, eine Pizza zu backen“, sagte er. „Das ist meine Spezialität. Ich hoffe, sie schmeckt Ihnen.“

Der Tisch im Wohnzimmer war bereits gedeckt. Zwischen zwei brennenden Kerzen stand eine Korbflasche mit Chiantiwein. Unweit vom Tisch ragte aus einem auf dem Boden stehenden Sektkühler der Hals einer Champagnerflasche.

Diese Flasche gab Angela ein ungutes Gefühl, sie war wie ein Warnsignal.

„Ich hatte Ihnen versprochen, mich für den Wein zu revanchieren“, sagte der Besucher, als er die Pizza hereingebracht hatte und die Gläser füllte. „Guten Appetit!“

„Hm, die schmeckt!“, meinte die junge Frau. Tatsächlich konnte sie sich nicht erinnern, jemals eine so schmackhafte Pizza genossen zu haben.

„Kochen, Braten und Backen sind mein Hobby“, sagte Herr Wenzel stolz und hob sein Glas. „Prost!“

„Was machen Ihre Verfolger?“, fragte sie etwas verlegen.

„Heute haben sie sich nicht sehen lassen“, erwiderte er und füllte Angelas Glas nach. „Vielleicht haben sie’s aufgegeben. Irgendwie ist mir sehr wohl zumute. Ich glaube, die haben mich von ihrer Liste gestrichen.“

„Langsam, langsam“, wehrte die Gastgeberin ab. „Nicht so voll! Ich trinke nie mehr als ein oder zwei Gläser am Abend.“

„Heute sollten Sie eine Ausnahme machen“, entgegnete der junge Schauspieler.

„Gibt es dafür einen Grund?“

„Ich habe morgen Geburtstag. Ich möchte, dass Sie mit mir hineinfeiern.“

„Daraus wird nichts. Sie kennen mein Problem. Ich kann es mir nicht leisten, unausgeschlafen zur Arbeit zu gehen“, sagte sie.

„Seien Sie kein Frosch. Wenn Sie ausnahmsweise erst mal um Mitternacht zu Bett gehen, wirft sie das doch nicht um. Sie sind jung.“ Er grinste. „Wie jung eigentlich?“, wollte er wissen.

„Sechsundzwanzig.“

„Sie könnten fast meine Tochter sein.“

„Jetzt übertreiben Sie.“

„Sie sehen jünger aus.“

„Sie übertreiben schon wieder. Ich weiß sehr genau, wie ich aussehe. Eben wie sechsundzwanzig. Um keinen Tag älter oder jünger“, meinte sie.

„Sie sind schön.“

„Lassen Sie uns lieber von der Pizza sprechen. Entstammt sie einem Geheimrezept?“

„Überhaupt nicht. Ich habe es einem ganz ordinären, billigen Kochbuch entnommen.“ Dann begann er von der Synchronisationsarbeit zu erzählen. Er reicherte den Bericht mit ein paar pikanten Einzelheiten an, die sich auf die Schwächen und Ausrutscher prominenter Kollegen bezogen. Die junge Frau musste wiederholt lachen, aber natürlich fiel ihr auf, dass er in seinen Darstellungen der Mittelpunkt blieb, und dass es immer wieder die anderen waren, die seinen Spott hinnehmen mussten. Zugegeben, er wurde dabei weder scharf noch zynisch, aber er konnte dennoch nicht vermeiden, dass Angela immer stärker in ihm einen egozentrischen, gefallsüchtigen Mann sah.

Sie nahm ihm das nicht übel. Er blieb in allem, was er zu sagen hatte, amüsant und witzig, er war gewiss kein Langweiler. Aber es musste auffallen, dass er sich weder für ihre Arbeit interessierte, noch für ihr Glück. – Jedenfalls fragte er mit keinem Wort nach ihren Tageserlebnissen, ihn schien auch nicht zu interessieren, ob sich Egon noch einmal gemeldet hatte.

„Warum trinken Sie nicht?“, fragte er immer wieder, offenbar enttäuscht von der Zurückhaltung, die Angelas Alkoholkonsum bestimmte.

„Ich brauche keinen Wein, um mich wohlzufühlen“, sagte sie wahrheitsgemäß.

„Schmeckt er Ihnen nicht?“

„Doch, er ist gerade richtig.“

Er sprang auf und schlug sich gegen die Stirn. „Zu blöd, jetzt habe ich den Salat vergessen!“ Er eilte in die Küche und kam mit einer Schüssel zurück, die randvoll mit Artischocken gefüllt war. „Die Soße ist von mir“, verriet er. „Eine eigene Kreation.“ Während er den Salat verteilte, sagte er: „Ich habe eine Überraschung für Sie. Ein Kollege hat mir sein Wochenendhaus zur Verfügung gestellt. Ich kenne es. Romantisch und gemütlich zugleich. Hätten Sie Lust, mich über das Wochenende dorthin zu begleiten?“

„Das geht leider nicht. Mein Chef hat mich zum Abendessen eingeladen.“

„Können Sie sich nicht irgendeine Ausrede einfallen lassen?“, fragte Horst Wenzel.

Angela lächelte spröde. „Ich könnte schon“, erwiderte sie, „aber ich sehe dafür nicht den geringsten Anlass.“

„Bemüht er sich sehr um Sie?“

„Überhaupt nicht.“

„Na, hören Sie mal – diese Einladung straft Ihre Behauptung Lügen.“

„Es ist eine Geste. Das hat er jedenfalls deutlich gemacht. Eine Anerkennung. Mehr nicht.“

„Wie kommt es, dass er nicht verheiratet ist?“

„Wie kommt es, dass Sie nicht verheiratet sind?“, fragte sie spitz dagegen.

Der Mann lachte. „Gut gekontert. Drücken wir es so aus: Ich habe bis jetzt noch nicht die Richtige gefunden.“

„Haben Sie sich denn jemals ernsthaft darum bemüht?“, fragte die Gastgeberin spöttisch.

Der Mann grinste. „Es ist mein Lebensinhalt“, behauptete er und fügte augenzwinkernd hinzu: „Soll ich Ihnen ein Geheimnis verraten? Im Augenblick ist mir zumute, als sei ich meinem Ziel ein gutes Stück näher gekommen. Sie bedeuten mir sehr, sehr viel, Angela“, schloss er.

Er ließ es nicht zu, dass sie nach dem Essen den Tisch abräumte und bestand darauf, das Geschirr allein in die Küche zu bringen. Angela rauchte eine Zigarette.

„Der Chianti taugt nur zum Essen“, meinte der Besucher und stellte den Sektkübel auf den Tisch. „Ich hoffe, Sie haben ein paar passende Kelche ...“

Angela holte die Sektgläser aus dem Schrank und fragte: „Ist es für die Geburtstagsfeier nicht ein bisschen zu früh?“

„Hüten Sie sich, nach dem Terminkalender zu feiern“, entgegnete er lachend und entkorkte die Flasche. „Sie verkleinern damit die Freuden des Lebens.“

Was würde wohl Dr. Stephan sagen, wenn er mich hier sitzen sähe?, ging es Angela durch den Kopf. Sie schüttelte den Gedanken ab. Ihrem Chef war es sicherlich egal, wie und mit wem sie ihr Privatleben gestaltete. Sie war niemand Rechenschaft schuldig. Egon hatte nicht wirklich um sie gekämpft, er hatte stattdessen die gekränkte Leberwurst gespielt und mit seinem Verhalten die letzten Bande zerschnitten.

„Trinken wir auf unsere Zukunft“, sagte Horst Wenzel und hob ihr das Glas entgegen.

„Prost“, erwiderte die junge Frau, obwohl seine Wortwahl ihr nicht gefiel, weil sie Gemeinsamkeiten vorzutäuschen versuchte, die nicht bestanden.

Das Telefon klingelte. „Egon“, sagte Herr Wenzel. Es sollte spöttisch klingen, aber in seiner Stimme schwang auch ein Hauch von Ärger mit.

„Faber“, meldete sie sich.

Horst Wenzel erhob sich. Er trat ans Radio und spielte daran herum.

„Stephan. Entschuldigen Sie, dass ich störe – aber ich brauche Sie.“

„Jetzt?“

„Ja. Wenn es nicht geht, kann ich das Krankenhaus anrufen und darum bitten, dass sie mir eine Schwester schicken ...“

„Ich komme sofort“, entgegnete die junge Frau und legte auf. Sie war auf dem Wege zur Tür, als ihr Besucher enttäuscht fragte: „Sie lassen mich allein?“

„Er braucht mich“, erwiderte sie und nahm in der Diele ihren Mantel vom Haken.

„Mein Gott“, sagte Horst Wenzel. „Er schnippt mit den Fingern und Sie springen!“

Angela unterdrückte die heftige Erwiderung, die ihr auf der Zunge lag und sagte geduldig: „Wenn Dr. Stephan eine solche Bitte ausspricht, hat er seine Gründe. Bis später!“

Sie hastete aus der Wohnung und holte ihren Mini aus der Tiefgarage. Normalerweise fuhr sie mit dem Bus in die Praxis, aber jetzt war sie in Eile und wünschte keine Zeit zu verlieren. Unterwegs fiel ihr ein, dass sie versäumt hatte zu fragen, wo er sie brauchte – ob in der Praxis oder in seiner Wohnung. Zum Glück lagen beide Räumlichkeiten nicht weit voneinander entfernt. Angela fuhr zuerst zur Praxis. Dort war alles dunkel. Wenige Minuten später stoppte sie vor dem modernen Appartementhaus, in dem ihr Chef die zweite Etage bewohnte.

Die Arzthelferin war bislang nur einmal in dieser Wohnung gewesen, vor einem halben Jahr, als Dr. Stephan das Opfer einer Virusgrippe geworden war und sie, Angela, ihm die Post gebracht hatte.

Die elegant möblierten Räume hatten in der jungen Frau einen seltsam zwiespältigen Eindruck hinterlassen. Obwohl sie geschmackssicher und repräsentativ waren, passten sie irgendwie nicht zu Dr. Stephan, sie machten eher den Eindruck, als lebte er darin wie ein Fremdkörper oder als habe er sich mit Dingen umgeben, die er gar nicht mochte.

Der Lift brachte Angela nach oben. Als sie klingelte, warf sie einen Blick auf ihre Uhr. Es war schon einundzwanzig Uhr durch.

Der Mediziner öffnete die Tür. Er trug einen grünen Operationskittel und sah sehr ernst aus. „Arthur Hoppe“, sagte er halblaut. „Er wohnt im Haus. Ein Magengeschwür. Ich habe versucht, ihn ins Krankenhaus bringen zu lassen, aber er ist strikt dagegen. Er will, dass ich hier etwas für ihn unternehme. Er ist ein sehr starrköpfiger, alter Mann. Ich habe ihm eine Beruhigungsspritze gegeben, aber ich fürchte, sie wird nicht lange wirken. Gehen Sie ins Badezimmer – dort finden Sie alles, was Sie brauchen“, schloss er und half seiner Angestellten aus dem Mantel.

Das Bad war groß und luxuriös. Auf schwarzen Kacheln waren goldene Armaturen befestigt. In einer Nische hingen weiße Kittel und Plastikhandschuhe. Angela streifte über, was sie brauchte, und betrat den Korridor, an dessen Ende eine Tür offen stand. Sie ging darauf zu.

An der Schwelle blieb sie überrascht stehen. Der Raum vor ihr ähnelte einem kleinen Operationssaal. In seiner Mitte ruhte auf einer Pritsche ein alter Mann mit grauem, strähnigen Haar und gelblicher Haut. Er schaute die Frau an.

Neben der Pritsche standen die üblichen Geräte und ein Tisch mit Instrumenten. Sie waren mit einem Tuch abgedeckt.

Dr. Stephan streifte die Plastikhandschuhe über. „Ich habe das Krankenhaus angerufen“, sagte er. „Sie schicken jemand mit der Blutkonserve vorbei. Gruppe A“, fügte er wie beiläufig hinzu. „Herr Hoppe hat Blut erbrochen – aber wir kriegen das schon hin.“

„Machen Sie mir bitte nichts vor, Doktor“, entgegnete der alte Mann leise. „Für mich ist es an der Zeit, abzutreten. Mir ist es egal. Ich bin vorbereitet – aber ich möchte nicht im Krankenhaus sterben.“

„Sie werden überhaupt nicht sterben“, meinte der Mediziner. „Nicht jetzt und hier. Das versichere ich Ihnen.“ Er schaute Angela an. „Sie haben doch mal als Operationsschwester gearbeitet, nicht wahr?“

„Ein Jahr lang, ja.“

Dr. Stephan nickte. Er wies auf den Instrumententisch. „Bitte eine Einernadel mit Kochsalzlösung.“

Die Arzthelferin begab sich an die Arbeit. Der alte Mann verfolgte, wie sie die Spritze aufzog. Die Injektion sollte seine Venen davor bewahren, unter einem Schock zu kollabieren. Die Salzlösung würde die Venen offen halten, bis das Blut aus dem Krankenhauslabor eintraf.

Angela reichte ihrem Chef die Spritze und rückte den Infusionsständer zurecht. Der alte Mann stöhnte, er drehte den Kopf zur Seite und schloss die Augen.

Angela beobachtete Dr. Stephan. Wie immer war sein Gesicht von starker Konzentration geprägt. Sie hatte plötzlich das Bedürfnis, es mit ihren Fingerspitzen zu berühren.

Angela wusste, was sie zu tun hatte. Sie legte die Gazestreifen zurecht.

Es klingelte.

„Gehen Sie hinaus, das sind die Männer mit den Blutkonserven“, sagte der Doktor.

Die Arzthelferin brachte die Flaschen herein und hängte sie an den Infusionsständer. Sie fühlte Dr. Stephans Blicke auf sich ruhen. Für den Bruchteil einer Sekunde überkam sie Nervosität, aber dann überwand sie diesen Moment der Schwäche und arbeitete mit der routinierten Sachlichkeit, die das Geschehen verlangte.

Der Mediziner beugte sich über den alten Mann, fasste seine Hand und schob die Nadel in die Ellenbogenvene des Patienten. Die Nadel saß und blieb sitzen, sie ruhte flach auf der Haut. Dann löste Dr. Stephan die Armpresse.

Sie arbeiteten fast eine Stunde lang, dann war es ihnen gelungen, das Blut aus dem Magen des Patienten abzupumpen. „Wir müssen noch eine Hämoglobinprobe machen“, erklärte Dr. Stephan. Er prüfte Arthur Hoppes Puls. Er schlug schwach, aber regelmäßig.

„Ist er über den Berg?“, fragte die junge Frau, als sie wenig später mit dem Doktor im Badezimmer stand und ihre Hände säuberte.

Dr. Stephan zuckte mit den Schultern. „Das ist bei einer schweren, gastrointestinalen Hämorrhagie schwer zu sagen. Für den Augenblick besteht keine Gefahr, glaube ich.“

„Soll ich die Nacht über bei ihm bleiben?“

„Ich brauche Sie morgen in der Praxis“, erwiderte der Mediziner.

„Das ist kein Problem.“

„Gehen Sie lieber nach Hause, zurück zu Ihrem Besuch“, sagte Dr. Stephan.

Sie sah ihn überrascht an. „Sie wissen ...?“, begann sie.

„Als ich mit Ihnen telefonierte, hörte ich jemand im Hintergrund des Zimmers am Radio herumspielen“, erklärte Dr. Jerome Stephan. Er schaute seine Angestellte im Badezimmerspiegel an und trocknete sich die Hände ab. „Sie sollten ihn nicht zu lange allein lassen“, fuhr er lächelnd fort „Sie haben mir sehr geholfen, Fräulein Faber. Dafür danke ich Ihnen.“

Als die Arzthelferin die Straße erreichte, fühlte sie sich seltsam benommen. Ohne Zweifel war ihr Chef jetzt der Meinung, dass ein Mann sie erwartete.

Angela bedauerte, nicht ein paar klärende Worte geäußert zu haben, aber wie hätte sie ihrem Chef die Situation darlegen sollen, ohne dabei Horst Wenzels so nachdrücklich geäußerten Wunsch nach Diskretion zu verletzen?

Plötzlich machte sie kehrt. Sie fuhr mit dem Lift erneut nach oben und klingelte. Der Mediziner öffnete die Tür. „Haben Sie etwas vergessen?“, fragte er.

„Ich ... ich hätte Sie gern gesprochen, Doktor ... in einer privaten Angelegenheit.“

Er sah ein bisschen erstaunt aus, dann sagte er: „Treten Sie ein. Gehen Sie ins Wohnzimmer und setzen Sie sich. Ich habe die Kaffeemaschine angestellt. In einer Minute bin ich bei Ihnen.“

„Aber den Kaffee kann ich doch machen ...“

„Sie setzen sich jetzt und warten brav, bis ich mit dem Kaffee aufkreuze“, erwiderte er entschieden.

Das Wohnzimmer gefiel Angela mit seiner gediegenen Eleganz. Sie schaute sich darin um und trat an den Kamin, auf dessen Sims ein silbergerahmtes Foto stand. Es zeigte das Gesicht eines jungen, blonden Mädchens.

„In Liebe. Deine Claudine“, stand darauf.

Die junge Frau war unfähig, ihre Blicke von dem Gesicht zu lösen. Sie konnte sich nicht erinnern, jemals ein so strahlendes Lächeln und eine so intensive, lebensbejahende Schönheit auf einem Bild gesehen zu haben.

Wer war Claudine? Wie kam es, dass ihr Chef sie niemals erwähnt hatte und dass er keinerlei Anrufe oder Mitteilungen von ihr erhielt?

Die Arzthelferin setzte sich. Der Mediziner balancierte ein Tablett in den Raum, auf dem eine Thermoskanne, zwei Tassen, sowie Sahne und Zucker in kleinen Töpfchen standen. „Verdammt“, sagte er. „Jetzt habe ich die Löffel vergessen.“

„Ich trinke den Kaffee schwarz, genau wie Sie“, erwiderte die junge Frau rasch.

Jerome Stephan hatte den Operationskittel ausgezogen. Er trug eine Cordjeans, ein weißes Oberhemd und einen burgunderroten Pullunder. „Wo drückt der Schuh, Angela?“, fragte er freundlich, als er sich gesetzt hatte.

Sie errötete. „Es ist eine dumme Sache“, meinte sie zögernd. „Ich bin außerstande, zu entscheiden, ob sie dramatisch ist, oder nur komisch ...“

„Sprechen Sie.“

„Der Besucher, den ich bei mir aufgenommen habe, fühlt sich verfolgt. Er ist ein prominenter Schauspieler, der von einem ausländischen Geheimdienst erpresst wird.“

„Oh“, entgegnete der Arzt. Er blieb ernst und konzentriert.

„Herr Decker, mein Verlobter, ist der Ansicht, dass der Mann lügt und nur einen Vorwand suchte, um sich bei mir einzunisten. Deshalb ist es zwischen uns zum Krach gekommen. Zwischen Egon und mir, meine ich.“

„Das wird sich doch wohl wieder ändern, oder?“

„Ich weiß es nicht. Es ist auch nicht das Problem, das mich quält. Ich wüsste gern, wie ich mich dem Schauspieler gegenüber verhalten soll und was ich von seiner Geschichte halten darf.“

„Glauben Sie sie denn?“

„Manchmal schon, aber es gibt auch Momente, wo ich sie in Zweifel ziehe.“

„Soll ich mal mit dem Mann reden?“

„Er hat mich um Diskretion gebeten. Er ist ein sehr bekannter Mann. Ich hoffe, Sie verübeln es mir nicht, wenn ich Ihnen seinen Namen vorenthalte.“

Angela fühlte sich mehr als unwohl in ihrer Haut und bedauerte, das Thema angeschnitten zu haben. Wie konnte ihr Chef sie beraten und ihr helfen, wenn sie nicht einmal bereit war, die Identität ihres Besuchers preiszugeben?

„Den Namen brauche ich nicht ..., aber den Rest der Geschichte sollten Sie mir schon erzählen“, meinte Dr. Stephan.

Die Besucherin befolgte die Aufforderung. Es erleichterte sie, dass der Arzt sie nicht auslachte. Er nahm das Ganze also ernst.

„Nun?“, fragte sie erwartungsvoll. „Wie beurteilen Sie die Sache?“

„Ich bin so skeptisch wie Ihr Verlobter“, erwiderte der Gastgeber.

„Aber warum hätte der Mann ...“

„Sie sind schön“, fiel Dr. Stephan ihr ins Wort. „Offenbar auch recht gutgläubig. Es kann sein, dass Ihr Besucher davon zu profitieren wünscht.“

Die Arzthelferin schluckte. Sie war betroffen. Die Feststellung ihres Chefs, dass sie schön sei, beglückte und erschreckte sie. Er hatte bis jetzt mit keinem Blick und keinem Wort zu erkennen gegeben, wie er sie als Frau sah. Das hatte sich mit einem Schlag geändert. Es war fast so, als redete er über das Wetter. Er sah, dass sie attraktiv war, aber ebenso offenkundig blieb, dass ihn das nicht im Geringsten berührte oder gar unter die Haut ging.

„Wie soll ich herausfinden, ob er lügt oder die Wahrheit sagt?“, fragte sie ihren Chef.

„Stellen Sie ihn auf die Probe.“

„Wie?“

„Lassen Sie sich etwas einfallen. So, jetzt trinken Sie Ihren Kaffee, sonst wird er noch kalt.“

Angela nickte. Ihr Blick ging hinüber zum Kaminsims. Claudine. Für die junge Frau gab es keinen Zweifel, dass das Mädchen im Silberrahmen schuld daran war, dass Jerome Stephan von anderen Frauen so gut wie unbeeindruckt blieb. Aber wer war diese Claudine, und wie kam es, dass sie ein Phantom blieb?

„Wie gesagt – ich bin gern bereit, mich mit ihm zu unterhalten“, sagte Dr. Stephan nun, als er seine Angestellte zur Tür brachte. „Ich kann ja mal wie zufällig bei Ihnen vorbeikommen ...“

„Das kann ich nicht von Ihnen verlangen.“

„Ich tue es gern.“

Angela fuhr nach Hause. Als sie ihre Wohnung betrat, hörte sie Musik und Stimmen. Horst Wenzel war noch wach. Er hatte das Fernsehgerät laufen.

Sie hängte den Mantel an die Garderobe und betrat das Wohnzimmer. Ihr Besucher hatte sich die Couch bereits zum Schlafen gerichtet. Er war nur mit einer Pyjamahose bekleidet. Seine Brust war breit, er hatte sehr muskulöse Arme und eine gebräunte Haut.

„Pardon“, sagte Angela. „Ich hätte anklopfen sollen.“

„Ich bitte Sie. Sie sind doch hier zu Hause“, entgegnete er lächelnd. „Alles okay?“

„Ja.“

„Sie kommen spät.“

„Ich habe den Doktor bei einem Eingriff assistiert.“

„Fantastisch. Könnten Sie auch mir helfen?“

„Ihnen? Was fehlt Ihnen denn?“ Horst Wenzel tippte grinsend auf die Stelle, wo sein Herz schlug. „Es fängt an zu schmerzen.“

„Warum?“

„Weil es Sie gibt.“

Die Gastgeberin sah erst jetzt die beiden leeren Weinflaschen auf dem Boden stehen. „Reden Sie keinen Unsinn“, sagte sie und wandte sich zur Tür. „Gute Nacht.“

„Gute Nacht.“

Als sie im Bett lag, klopfte es. „Was ist denn“, rief sie, nicht willens, ihm mit einem 'Herein' den Zutritt zu ihrem Schlafzimmer zu gestatten.

„Ich muss Sie sprechen.“

„Hat das nicht Zeit bis morgen? Ich brauche jetzt meine Ruhe.“

„Okay, bis morgen dann. Vielleicht ist es besser so. Ich will Ihnen nicht den Schlaf rauben.“

Natürlich schaffte er es mit dieser Bemerkung prompt, dass sie Mühe mit dem Einschlafen hatte.

Als frühmorgens der Wecker klingelte, fiel ihr das Aufstehen sehr schwer, aber trotzdem war sie zur gewohnten Zeit in der Praxis.

„Wie geht es Herrn Hoppe?“, fragte die Arzthelferin, als Dr. Stephan erschien.

„Er hat eine ruhige Nacht verbracht. Ich konnte ihn davon überzeugen, dass er bis zur völligen Genesung am besten im Krankenhaus aufgehoben ist. Er ist bereits abgeholt worden. Und wie geht es Ihrem unwilligen Agenten?“

„Er erfreut sich bester Laune und Gesundheit“, erwiderte die Angestellt.

Der Mediziner schaute auf seine Uhr. „Na, da wollen wir mal beginnen“, meinte er.

Die junge Frau blickte ihm hinterher, als er das Vorzimmer verließ. Sie konnte ihn nicht ansehen, ohne in ihrem Herzen ein merkwürdiges Gefühl zu verspüren. Sie hatte sich anfangs gegen diese Reaktion gewehrt, sie war ihr dumm vorgekommen, vor allem unfair, weil sie schließlich mit Egon verlobt gewesen war, aber Tatsache war nun einmal, dass es Egon Decker niemals geschafft hatte, sie auf diese Weise zu beeindrucken. Tatsache war auch, dass sie dieses Gefühl gar nicht mehr zu missen wünschte. Gewiss, es war schmerzlich, mit dieser unerwiderten Liebe leben zu müssen, es war sogar ein wenig dumm und komisch. Doch so war das wohl im Leben, man konnte nicht immer haben, was man begehrte, und musste fertigwerden mit Herausforderungen, um die man nicht gebeten hatte und die es trotzdem zu meistern galt.

Es war ein Tag wie jeder andere. Dr. Stephan hatte einen wachsenden Zulauf von Patienten. Irgendwie schien es sich immer rascher und nachhaltiger herumzusprechen, dass er ein Mann von besonderem Können und Eifer war.

Als Angela am späten Abend die letzten Karteikarten ordnete, war sie rechtschaffen müde. Ihr Chef kam herein. „Soll ich Sie nach Hause bringen?“, fragte er.

Die Arzthelferin blickte von ihrer Arbeit hoch. „Um Himmels willen, nein. Sie haben einen schweren Tag hinter sich. Und der Bus fährt praktisch von Haus zu Haus ...“

„Es ist wegen dieses Beinahe-Agenten“, erwiderte Dr. Stephan.

„Mit dem komme ich schon zurecht“, entgegnete sie.

„Wie Sie meinen. Gute Nacht.“

„Gute Nacht, Doktor.“

Sie blickte ihm hinterher. Als er gegangen war, fühlte sie sich erschöpft und seltsam allein, wie an fast jedem Abend, nachdem er gegangen war.

Nach Beendigung ihrer Arbeit verließ sie die Praxis.

Als die Arzthelferin zu Hause eintraf, war ihr Besucher nicht in der Wohnung. Die junge Frau war froh darüber, obwohl sie den Wunsch hatte, sich mit einem Gespräch Ablenkung zu verschaffen.

Sie bereitete sich das Abendbrot zu und erledigte die notwendigen Hausarbeiten, dann setzte sie sich mit einem Buch auf die Couch und versuchte sich zu entspannen. Es gelang ihr nicht.

Sie musste an Jerome Stephan denken, an Horst Wenzel, aber auch an Egon Decker, ihren Ex-Verlobten. Zu behaupten, dass sie eine Frau zwischen drei Männern war, erschien nach Lage der Dinge gewiss übertrieben, aber fraglos musste sie mit diesem Problem fertigwerden. Dumm daran war nur, dass diejenigen, die sie begehrten, keinen Weg zu ihrem Herzen fanden, während der Mann, den sie bewunderte, nicht zu merken schien, wie es um sie bestellt war.

Es klingelte.

Angela ging hinaus, um zu öffnen. Vor ihr stand Egon. „Kann ich dich sprechen?“, fragte er.

„Ja, bitte. Willst du hereinkommen?“

„Nur, wenn er nicht da ist.“

Die junge Frau ging voran. Ihr Verlobter folgte ihr ins Wohnzimmer. Er blieb neben der Tür stehen. Angela setzte sich. „Willst du nicht Platz nehmen?“

„Erst möchte ich wissen, was passiert ist – mit ihm, meine ich“, fügte Egon Decker hinzu.

Sein Gesicht war gerötet und seine Augen hatten einen merkwürdigen Glanz. Er hat getrunken, er musste sich tatsächlich für diesen Besuch Mut machen, schoss es Angela durch den Kopf. Dabei konnte er kaum etwas vertragen ...

„Horst Wenzel hat hier im Wohnzimmer geschlafen“, erwiderte sie. „Er ist mein Gast. Immer noch, aber das weißt du ja.“

„Ich wüsste nur gern, ob er bei oder m i t dir geschlafen hat?“

Angela hob den Kopf. Sie war sehr kühl, aber auch sehr wütend. „Es ist wohl besser, du gehst.“

„Ja oder nein?“

„Nein“, erwiderte sie lautstark.

„Ich bringe dir eine spektakuläre Nachricht. Es könnte freilich sein, dass sie dir nicht gefällt“, sagte er.

„Mache es nicht so spannend. Worum geht es?“

„Na, worum wohl? Um ihn!“

„Um Wenzel?“

„Ja. Du bist nicht die Erste, die er mit dieser Masche aufs Kreuz gelegt hat.“

Ihr Herz machte einen jähen, schmerzhaften Sprung. „Was sagst du da?“, fragte sie leise.

„Ich habe mich ein bisschen umgehört. Ich habe sogar einen Detektiv damit beauftragt, im Leben deines berühmten, aber leider nicht sehr honorigen Gastes herumzuschnüffeln ...“

Angela war empört. „Wie konntest du es wagen ...“ Sie unterbrach sich, weil sie nicht weiterwusste. Ihre Empörung war echt. Sie war nicht bereit, Egons Vorgehen als einen Akt der Sorge um ihre Sicherheit zu werten, sie sah darin vor allem Eifersucht, Misstrauen und einen Eingriff in ihre Persönlichkeitsrechte.

„Er ist ein Spieler“, sagte er schließlich.

„Was geht dich das an?“

„Er hat Schulden. Er versucht sie wettzumachen, indem er immer wieder an den Roulettetisch zurückkehrt, aber damit verschlimmert er nur seine Lage.“

„Was geht sie dich an – oder mich?“

„Das ist nicht alles. Seine verzweifelte finanzielle Situation zwingt ihn stets aufs Neue dazu, sich ein billiges Quartier zu suchen. Da er den Mädchen, die auf ihn hereinfallen, nicht gut die Wahrheit sagen kann, probiert er's mit faustdicken Lügen. So wie bei dir. Er tischt ihnen ein Märchen auf, das den naiven Mädchen Gelegenheit gibt, sich als selbstlose Helferinnen zu profilieren ...“

„Das glaube ich nicht.“

„Ich kann dir die Anschrift meines Informanten geben. Er ist Chef eines renommierten Detektivbüros. Wenzel hat oft genug vor seinen Kollegen damit geprahlt, wie leicht es ihm fiele, diese hübschen Gänschen herumzukriegen ...“

„Du lügst“, sagte sie leise, wusste aber im selben Moment, dass das keineswegs zutraf. Egon Decker war kein Lügner. Er hatte einfach nicht genug Fantasie, um sich eine solche Geschichte auszudenken.

„Wirf ihn auf die Straße“, sagte Egon nun. „Das ist das Mindeste, was er verdient.“

„Ich werde ihm wohl oder übel erst einmal Gelegenheit geben müssen, zu den von dir gemachten Vorwürfen Stellung zu beziehen“, meinte Angela.

„Es handelt sich dabei nicht um Vorwürfe, schon gar nicht um meine, sondern um Fakten, die ein renommierter Fachmann zusammengetragen hat“, erwiderte er ihr schroff. Plötzlich änderte er den Ton. „Es tut mir leid, Liebes. Das hätte einfach nicht passieren dürfen. Das mit uns, meine ich. Wir haben bei der ersten kleinen Prüfung versagt. Du wirst zugeben müssen, dass das vor allem an dir liegt. Hättest du meine Warnungen beachtet, wäre dir dieser Reinfall erspart geblieben.“

„Bist du jetzt fertig?“

„Nein. Ich möchte, dass wir den dummen Streit vergessen und noch einmal von vorn beginnen ...“

„Es hat keinen Sinn, Egon.“

„Was soll das heißen?“

„Es ist vorbei.“

„Du bist sauer. Du bist böse, weil du dich so blamiert hast, aber es ist nicht fair, wenn du deinen berechtigten Zorn jetzt an mir auslässt ...“

„Damit hat es nichts zu tun. Wirklich. Es ist nur einfach so, dass wir uns nichts mehr zu sagen haben. Wenn du willst, bleiben wir Freunde, aber an eine feste Verbindung ist nach Lage der Dinge nicht zu denken.“

„Du willst mir weh tun.“

„Ich sorge nur für klare Fronten.“

„Hast du dich etwa in dieses Schlitzohr verliebt?“

„Ganz gewiss nicht.“

Egon Decker biss sich auf die Unterlippe. Er dachte ein paar Sekunden nach, dann sagte er: „Ich werde mich in Geduld üben. Du musst das Gehörte erst einmal verdauen. Ich liebe dich immer noch. Ich bin bereit, alles zu vergessen ...“

Angela antwortete nicht.

„Ich melde mich morgen noch einmal“, sagte er unsicher, dann verließ er Zimmer und Wohnung. Angela saß wie erstarrt. Es fiel ihr schwer, mit der neuen Situation fertigzuwerden, aber je länger sie darüber nachdachte, umso klarer wurde ihr, dass sie sich tatsächlich wie ein Gänschen benommen und auf den Trick eines routinierten Schauspielers hereingefallen war.

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5

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Horst Wenzel kam an diesem Abend kurz nach zehn in die Wohnung. Er trug unter seinem hellen Trenchcoat einen Smoking und war ziemlich blass.

„Welche Eleganz“, spottete Angela, als er das Wohnzimmer betrat.

„Es gab im Atelier viel zu tun“, meinte der Mann. „Ich habe mal wieder einen Schuft im Smoking gespielt.“

„Darin haben Sie ja Erfahrung.“ Der Gast setzte sich. „Was soll man machen? Wenn man erst einmal auf eine bestimmte Rolle festgelegt ist, ist es beinahe unmöglich, sich von diesem Klischee zu lösen. Was soll’s? Solange der Rubel rollt, kann es mir egal sein, was ich spiele.“

„Sie sehen blass aus“, sagte sie. „Abgespannt.“

Er klopfte sich auf die Brust. „Das ist kein Wunder. Mir ist die Brieftasche geklaut worden. Jedenfalls ist sie weg. Möglicherweise habe ich sie auch verloren. Können Sie mir mit ein paar Scheinchen aushelfen? Morgen gehe ich zur Bank.“

„Jetzt brauchen Sie doch kein Geld mehr.“

„Doch, ich muss noch einmal weg.“

„Zur Bank? Zur Spielbank, meine ich?“

Er starrte ihr ins Gesicht. „Wie kommen Sie darauf?“, fragte er konsterniert.

„Mein Verlobter war hier. Er hat ein paar Erkundigungen über Sie eingezogen.“

„Wie bitte?“

„Ich habe ihn nicht darum gebeten. Er hat auf eigene Faust gehandelt“, sagte Angela.

„Das ist ja reizend. Und was ist bei dieser Aktion herausgekommen?“, wollte der Mann wissen.

„Egon will erfahren haben, dass Sie ein Spieler sind.“

„Ein Spieler? Natürlich bin ich das. Wir alle sind Spieler. Das ganze Leben ist ein Spiel, auch wenn manche so tun, als ließe es sich mit Verantwortungsbewusstsein und frommer Denkungsart in feste Bahnen lenken. Alles Quatsch! Wir sind Spieler. Die einen mehr, die anderen weniger. Wer kein Glück hat, ist auf dieser Erde ohne Chancen.“

„Sie weichen mir aus.“

„Keineswegs. Okay, ich sitze gern am Roulettetisch. Mal gewinne ich, mal verliere ich. Ich liebe die Spannung, die sich mit dem Spiel verbindet, den Nervenkitzel, die immer neue Herausforderung. Ist das schlimm oder gar verboten?“

„Es ist Ihre Sache“, meinte die Gastgeberin. „Nur hat mein Verlobter noch andere Anklagepunkte aufzuweisen gehabt. Seinem Informanten zufolge sind Sie ein Mann, der ahnungslose Mädchen mit seiner Agentenwalze becirct und skrupellos die damit ausgelöste Hilfsbereitschaft für sich in Anspruch nimmt.“

„Sagt er das?“

„Ja, das sagt er, und jetzt wüsste ich gern, was S i e dazu sagen“, meinte Angela.

„Er hat recht“, erwiderte Horst Wenzel.

„Sie bestreiten nicht ...?“ Ihr ging buchstäblich die Luft aus.

Der Schauspieler zuckte mit den Schultern. „Ich weiß, wann ich geschlagen bin. Pech gehabt!“ Er beugte sich nach vorn. „Ich lege jetzt die Karten auf den Tisch und hoffe, dass Sie mir nicht gleich die Augen auskratzen werden. Ich habe diese 'Masche' schon einmal erprobt, aber genau wie bei Ihnen war ich in die Betreffende hoffnungslos verliebt ...“

„Erzählen Sie keinen Unsinn!“

„Es ist die Wahrheit“, versicherte Horst Wenzel. „Die Idee zu der Komödie stammt nicht von mir, ich verdanke sie einem Kollegen, der damit immer wieder große Erfolge erzielt. Aber das ist nicht der Punkt, den ich zu berühren wünsche. Ich habe Sie vor vierzehn Tagen zum ersten Male gesehen, ganz zufällig, auf der Straße. Ich bin Ihnen gefolgt und habe erwogen, Sie anzusprechen, aber da war etwas an Ihnen, das mich warnte und von dieser Kontaktaufnahme Abstand nehmen ließ.“

Angela sah ihm ins Gesicht. Ihr Misstrauen war geweckt und es fiel ihr schwer, seine Worte ernst zu nehmen, aber die Art, wie er sich ziemlich stockend zu seinem Tun bekannte, ließ vermuten, dass er zumindest diesmal die Wahrheit äußerte.

„Sie waren Dame und Mädchen in einem“, sagte er. „Frisch, schön und kühl – und ziemlich abgespannt. Da war ein müder Zug um Ihren Mund und um Ihre Augen, der mir signalisierte, dass es zwecklos sei, Sie auf der Straße anzusprechen. Also folgte ich Ihnen, um festzustellen, wer Sie waren, und besuchte Sie spät abends in der Praxis, als ich wusste, dass Sie allein dort waren ...“

„Was ... was haben Sie sich von dem Ganzen eigentlich versprochen?“, fragte die Frau fassungslos.

„Dass wir uns näherkommen, was sonst? Unter einem Dach ist so etwas erfahrungsgemäß am leichtesten zu erreichen.“ Seine Mundwinkel zuckten. „Sie werden einräumen müssen, dass ich rein taktisch gesehen Vorbildliches geleistet habe.“

„Sie haben mir eine abscheuliche Komödie vorgespielt und mich lächerlich gemacht.“

„Im Gegenteil. Ich habe gezeigt, wozu Sie fähig sind. Ich habe offengelegt, dass Sie selbstlos zu helfen vermögen“, erklärte Horst Wenzel.

„Ich erwarte, dass Sie auf der Stelle Ihre Sachen packen und das Haus verlassen.“

„Sie enttäuschen mich, Angela. Haben Sie keinen Sinn für Humor?“

„Das hat mit Humor nichts zu tun. Sie haben mich schamlos belogen“, erwiderte sie.

„Ich liebe Sie. Das entschuldigt alles. In einem solchen Spiel ist beinahe alles erlaubt.“

„Sie machen mich wütend!“

„Sie sehen reizend aus, wenn Sie erregt sind“, stellte Horst Wenzel fest.

„Gehen Sie nun freiwillig, oder wollen Sie mich zwingen, die Polizei zu bemühen.

„Ich bin fertig“, entgegnete der Mann. Seine Stimme klang matt und erschöpft.

„Wollen Sie mich mit einer weiteren Kostprobe Ihres komödiantischen Talentes erfreuen? Ich bin darauf nicht versessen“, machte Angela ihm klar.

„Ich bin wirklich fertig. Ich bin pleite. Ich habe am Roulettetisch verspielt, was ich besitze, und ich schulde vielen Leuten eine Menge Geld“, sagte er. „Das ist die Wahrheit. Ich brauche nur eine Glückssträhne und alles ist okay. Pumpen Sie mir eine Kleinigkeit, Angela ...“

„Sie ekeln mich an“, erwiderte die Frau.

Horst Wenzel sah sie verwundert an. Er schien kurz vor einem wütenden Ausbruch zu stehen, aber dann hatte er sich wieder in der Gewalt. „Ich bin ein Mensch“, sagte er. „Vor Menschen ekelt man sich nicht. Ich habe Fehler gemacht, grobe Fehler, ich habe gelogen, wenn ich glaubte, dadurch einen Vorteil zu gewinnen, aber ich bin weder ein Schuft noch ein Dieb. Ich liebe Sie. Sie wissen nicht, was Sie mir antun, wenn Sie auf diese Weise von Ekel sprechen ...“

„Es tut mir leid“, entgegnete sie leise. „Es ist mir so herausgerutscht.“

„Hundert Mark sind mir genug“, sagte er und streckte die Hand aus.

Angela zögerte, dann stand sie auf und holte aus ihrer Handtasche einen Hundertmarkschein. Sie wollte Horst Wenzel loswerden, sonst nichts.

„Danke“, erwiderte er und erhob sich. „Ich schaffe es, verlassen Sie sich darauf.“

Er ging ohne ein weiteres Wort hinaus.

„Nehmen Sie Ihre Sachen mit und lassen Sie den Schlüssel hier!“, rief sie ihm hinterher.

Doch er antwortete nicht. Die Tür fiel hinter ihm ins Schloss.

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6

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Als Angela am nächsten Morgen aufstand, hing sein Trenchcoat in der Garderobe. Sie verzichtete diesmal darauf, ihm das Frühstück zu richten, aber als sie das Haus verlassen hatte, bedauerte sie, sich so kleinlich gezeigt zu haben.

Als sie die Praxis erreichte, standen die ersten Patienten schon vor der Tür.

Gegen vier Uhr nachmittags hatte der letzte Patient die Praxis verlassen.

„So geht es nicht weiter“, sagte die Arzthelferin, als Dr. Stephan am Waschbecken stand und seine Hände säuberte.

„Sie haben recht. Sie brauchen Hilfe. Ich setze am Sonnabend eine Anzeige in die Zeitung. Vielleicht meldet sich eine tüchtige Fachkraft, die Ihnen behilflich sein kann.“

„Ich spreche nicht von mir. Ich rede von Ihnen, Doktor“, sagte Angela.

Er griff nach dem Handtuch und schaute sie an. „Ich komme prima zurecht“, behauptete er.

„Sie sind blass und abgespannt. Wann haben Sie das letzte Mal Urlaub gemacht?“

„Urlaub?“ Er überlegte. „Das liegt einige Zeit zurück.“

„Wie lange?“

„Ein paar Jahre.“

„Auf diese Weise richten Sie Ihre Gesundheit zugrunde“, stellte die junge Frau fest.

Der Mediziner hängte das Handtuch an den Haken. „Ich denke darüber nach“, versprach er.

Als die Arzthelferin die Praxis verließ, war es wieder einmal neunzehn Uhr geworden. Egon Decker kam quer über die Fahrbahn auf sie zu. „Ich warte seit einer Stunde auf dich“, sagte er.

„Ich habe dich nicht darum gebeten.“

„Nun sei doch bitte nicht kindisch! Ich will nur dein Bestes. Ich will die Scherben kitten, die es gegeben hat.“

Ein älteres Ehepaar schritt an ihnen vorbei. Der Mann trug eine Brille und musterte Egon Decker verdutzt. Die Frau schüttelte nur missbilligend den Kopf.

„Was soll das“, meinte Angela ärgerlich, nachdem das Paar außer Hörweite war. „Führst du hier ein Straßentheater auf? Ich darf dich darauf hinweisen, dass d u es gewesen bist, der das Verlöbnis aufgelöst hat.“

„Es war eine Kurzschlusshandlung. Ich bedaure sie“, meinte Egon zerknirscht. Er schaute seine Ex-Verlobte an. „Hast du ihn an die frische Luft befördert?“

„Ich habe es versucht.“

„Soll das heißen, dass er immer noch bei dir wohnt?“

„Ich konnte ihn nicht gut eigenhändig auf die Straße setzen, aber er weiß jetzt, was ich von ihm halte“, meinte sie. „Ich nehme an, dass er inzwischen seine Sachen gepackt und das Weite gesucht hat.“

„Ich bringe dich nach Hause. Da drüben steht mein Wagen.“

„Danke, ich nehme den Bus.“

„Immer noch böse?“

„Es ist aus, Egon, begreif’ das doch endlich.“

Er schüttelte den Kopf. „Nein, Mädchen. So leicht mache ich dir das nicht.“

Angela wandte sich um. „Mein Bus!“, rief sie und begann zu rennen. „Auf Wiedersehen.“

Sie war erleichtert, dass Egon ihr nicht folgte.

Ihre Erleichterung machte einem heftigen Unmut Platz, als sie ihre Wohnung betrat und das Radio hörte. Horst Wenzel war offenbar ein Mann, dem so leicht nichts unter die Haut ging.

Angela ging zunächst ins Bad, um sich ein wenig frisch zu machen, dann begab sie sich ins Wohnzimmer. Ihr Besucher erhob sich bei ihrem Eintritt. Er hielt ein Magazin in der Hand und sah gutgelaunt aus.

„Sie arbeiten zu viel“, sagte er.

„Und Sie offenbar zu wenig“, erwiderte sie und sah Horst Wenzels Koffer neben der Tür stehen. Immerhin hatte er gepackt, er war wohl nur geblieben, um sich von ihr verabschieden zu können. Die junge Frau ließ sich in einen Sessel fallen. Sie wollte etwas sagen, aber der Mann hob den Arm und kam ihr zuvor.

„Ich habe auf Sie gewartet“, sagte er und holte eine Brieftasche aus seinem Sportsakko. „Sie hat sich wieder eingefunden. Darf ich mir erlauben?“ Er zog mit spitzen Fingern einen Hundertmarkschein aus dem Lederfutteral und legte ihn auf den Tisch. „Sie haben mir Glück gebracht.“

Angela schwieg.

„Raten Sie mal, wie viel ich gewonnen habe – mit Ihrem Hunderter.“ Sie sagte auch jetzt nichts.

„Ich habe alles auf eine Zahl gesetzt – und dann noch einmal“, erklärte Horst Wenzel. „Als ich die Spielbank verließ, hatte ich zwanzigtausend Mark in den Taschen. Jetzt sind es nur noch sieben.“

„Sie haben den Gewinn inzwischen wieder verspielt?“, fragte die junge Frau leise.

„Nein. Ich habe meine Schulden beglichen. Ihr Hunderter hat mir Glück gebracht. Ich bin schuldenfrei und habe noch sieben Riesen, um neu zu beginnen.“ Er lächelte. „Es ist ja nicht so, dass ich schlecht verdiene. Der Jammer war nur, dass ich das Geld nicht zusammenhalten konnte und meinte, es am Spieltisch vermehren zu müssen.“ Er machte eine kurze Pause, dann fuhr er leise fort: „Wenn Sie wollen, mache ich ab sofort Schluss mit der Spielerei. Auch mit dem Schwindeln.“

„Das ist Ihre Sache.“

„Nicht ganz. Ich neige zur Labilität. Ich brauche einen Menschen, der mich lenkt, der mich stützt. Ich brauche Sie, Angela“, sagte er dringlich.

„Schlagen Sie sich das aus dem Kopf.“

„Ich meine es verdammt ernst“, erklärte er. „Ich möchte Sie heiraten.“

Angela brauchte ein paar Sekunden, um sich von ihrer Überraschung zu erholen. Dann lachte sie. „Sie bleiben ein ewiger Komödiant.“

Horst Wenzel schüttelte den Kopf. „Der Hunderter hat mir bewiesen, dass mein Schicksal nur durch Sie eine Wendung zum Guten erfahren kann. Ich bin entschlossen, diesen Weg zu gehen und bitte Sie sehr inständig, ihn mir nicht zu verbauen.“

„Wo werden Sie jetzt wohnen?“, fragte die junge Frau, um das Thema zu wechseln.

„Im Hotel. Nachdem ich meine Rechnung bezahlt habe, genieße ich dort wieder vollen Kredit.“ „Versprechen Sie mir, sich niemals wieder an den Roulettetisch zu setzen?“

„Ich verspreche, Ihnen ein treuer und loyaler Partner sein zu wollen ...“

„Hören Sie auf damit!“

„Ich lasse nicht locker. Sie sind die Frau, die ich seit Jahren suche. Ich bedauere, mich so unvorteilhaft bei Ihnen eingeführt zu haben, aber zum Glück kann ich beweisen, dass mehr in mir steckt, als die Fähigkeit, dumme Mätzchen zu fabrizieren. Ihr Glück ist auch mein Glück. Weil das so ist, habe ich mir erlaubt, ein paar Erkundigungen über den Doktor einzuziehen.“

Angela schüttelte verwirrt den Kopf. Was war bloß mit den Männern in ihrer Umgebung los? Fiel ihnen beim Werben um ihre Gunst nichts Besseres ein, als den oder die scheinbaren Konkurrenten mit den Ergebnissen einer Schnüffelarbeit zu diffamieren?

„Sie sehen mich an, als seien Sie sauer auf mich“, meinte er. „Ich verstehe das, aber Sie wollten sich bemühen, mich zu begreifen. Ich weiß, was Sie bewegt. Ich erinnere mich an den Blick, den Sie Ihrem Chef schenkten. Seit diesem Augenblick ist mir klar, dass an ihm kein Weg vorbei führt, wenn man Ihr Herz zu erobern wünscht. Er oder ich – das ist die Formel, auf die sich das Geschehen reduzieren lässt.“

„Sie reden zu viel“, erklärte die junge Frau.

„Ich sagte nur, was ich für notwendig halte. Sie werden überrascht sein, was ich über den Gegenstand Ihrer Verehrung in Erfahrung bringen konnte.“

„Es gibt keinen Gegenstand meiner Verehrung, wie Sie es auszudrücken belieben“, sagte Angela kühl.

„Er hat seine Frau umgebracht“, erklärte Horst Wenzel.

Die Gastgeberin zuckte zusammen. „Was sagen Sie da?“

„Sie haben mich gut verstanden. Jerome Stephan hat seine Frau auf dem Gewissen.“

„Was soll das heißen?“

„Er hat sie operiert, ohne für diese Tätigkeit qualifiziert zu sein. Seinerzeit ist versucht worden, ihm den Prozess zu machen, aber offenbar hat man in Rechnung gestellt, dass er seine Frau ja nur retten wollte, wenn auch mit untauglichen Mitteln, und dass der Verlust seiner jungen Frau schon mehr als genug Strafe für ihn war. Übrigens hieß sie Claudine.“

„Claudine“, sagte Angela leise. Sie hatte Mühe, ein Zittern zu unterdrücken.

„Ja. Haben Sie sie gekannt?“

„Nein. Wer hat Ihnen das alles erzählt?“

„Ich habe es zufällig erfahren.“

„Sie behaupten, gezielte Erkundigungen über den Doktor eingezogen zu haben“, widersprach die junge Frau.

„Das ist übertrieben. Ich habe ein bisschen herumgefragt und bin dabei auf einen Mann gestoßen, der mit Claudine verwandt war. Ein Kollege. Die Ehe zwischen den beiden, zwischen Jerome und Claudine, meine ich, galt seinerzeit als Höhepunkt des Glücks – umso tragischer war ihr Ende.“

„Ich weiß nicht, worauf Sie hinauswollen. Aber wenn ich Sie recht verstehe, hat Dr. Stephan als noch sehr junger Arzt versucht, das Leben seiner Frau zu retten. Es ist ihm misslungen. Wie können Sie unter diesen Umständen behaupten, er habe sie umgebracht?“

„Er musste wissen, dass er mit seinen geringen Erfahrungen einer solchen Operation nicht gewachsen ist“, sagte Horst Wenzel. „So gesehen war es Mord.“

„Ich möchte, dass Sie jetzt gehen – und zwar sofort“, erwiderte Angela.

Der Mann blickte ihr in die Augen, er schien etwas sagen zu wollen, aber dann stand er erst einmal auf und trat an seinen Koffer. „Ich will Ihnen sagen, weshalb er momentan wie ein Verrückter arbeitet. Er will die ganze Sache vergessen. Er ist ein Opfer seines schlechten Gewissens. Ihr Chef versucht wahrscheinlich, in irgendeiner Weise wieder gutzumachen, was er angerichtet hat, aber so sehr er sich auch anstrengen mag ... Claudine kann er nicht wieder lebendig machen“, schloss Horst Wenzel.

„Wenn er seinerzeit diesen Fehler begangen haben sollte, verdient er Anteilnahme und Verständnis ... aber keine Vorwürfe“, erwiderte die junge Frau.

„Finden Sie? Er mag jung gewesen sein, aber er war kein Narr. Er war approbierter Arzt. Er verstand genug von seinem Handwerk, um die Risiken zu kennen, die sich mit der Operation verbanden. Statt sie zu respektieren und den Eingriff einem erfahrenen Operateur anzuvertrauen, begab er sich selbst an die Arbeit. Sie können es drehen und wenden wie Sie wollen – es war dumm, wenn nicht gar kriminell.“

„Gehen Sie.“

Horst Wenzel bückte sich nach seinem Koffer. „Ich lasse nicht locker, Angela“, versicherte er. „Ich kämpfe um Sie.“

Sie schloss die Augen und hörte, wie die Tür hinter dem Mann ins Schloss fiel. Sie war allein.

Angela saß ein paar Minuten reglos in ihrem Sessel. Sie hatte nicht einmal gewusst, dass Jerome Stephan verheiratet gewesen war. Zugegeben, er war nicht verpflichtet, ihr mitzuteilen, was hinter ihm lag, aber sein Verhalten, seine ganze Art, mit dem Leben fertigzuwerden, hatte im Lichte dessen, was Horst Wenzel gerade von sich gegeben hatte, fraglos den Charakter eines Schuld- und Verdrängungskomplexes.

Vielleicht hatte der junge, verzweifelte Doktor Stephan seinerzeit wirklich eine Riesendummheit begangen, aber konnte man ihn nicht verstehen, dass er den Ehrgeiz besessen hatte, seiner erkrankten Frau selbst zu helfen? War es denn ein Verbrechen, dass er nicht bereit gewesen war, das gefährdete Leben seiner Partnerin einem anderen anzuvertrauen?

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Am Freitagnachmittag sagte Doktor Stephan: „Es bleibt doch bei morgen?“

„Morgen?“, fragte die Arzthelferin leise, obwohl sie genau wusste, wovon er sprach.

„Ja. Sie kommen doch zum Abendessen?“

„Ich müsste allein kommen.“

Er lächelte spröde. „Skrupel?“

Die Frau blieb ernst. „Nein.“

„Gut. Sagen wir gegen zwanzig Uhr. Ich kann nicht kochen, aber ich kenne den Inhaber eines in der Nähe gelegenen Lokals, der mir ein Essen liefern wird.“

Angela entschloss sich dazu, das kleine Schwarze zu tragen. Sie stand ziemlich lange vor dem Spiegel, überprüfte ihr Make-up und war so aufgeregt wie vor ihrem ersten Rendezvous, obwohl doch festzustehen schien, dass die Einladung nur eine Geste war. Ein Stück Anerkennung für die Leistungen, die sie in der Praxis erbrachte. Das war alles.

Jerome Stephan empfing sie in einem nicht ganz modisch geschnittenem Anzug mit viel zu breit geratenen Revers, aber gerade seine Unfähigkeit, sich äußerlich herauszuputzen, gehörte zu den Dingen, die Angela an ihm gefielen.

Der Tisch war gedeckt und Kerzen brannten.

Ihr Blick huschte unwillkürlich zum Sims des Kamins. Sie war verblüfft, als sie entdeckte, dass das silbergerahmte Foto von Claudine verschwunden war.

„Horstmann lässt mit dem Essen auf sich warten“, entschuldigte sich der Gastgeber, blickte auf die Uhr und zerrte nervös an seiner wohl zu straff gebundenen Krawatte. „Trinken wir vorab einen Sherry? Ich hoffe, Sie mögen ihn trocken. Einen anderen habe ich nicht da.“

„Danke, gern.“

Vor diesem Besuch war sie nervös und erregt gewesen, wie eine vom Lampenfieber befallene Schauspielerin vor dem Auftritt, aber jetzt war sie gelassen, die Ruhe selbst.

Lag es daran, dass der sonst so selbstbewusst auftrumpfende Jerome wie ausgewechselt und sogar ein wenig unbeholfen wirkte? Wie jemand, der Hilfe braucht, Verständnis und Entgegenkommen? Sie wusste es nicht und beobachtete, wie ihr Chef zwei Gläser füllte. „Ich habe Hoppe besucht, im Krankenhaus“, sagte er. „Er lässt Sie grüßen.“

„Erinnert er sich überhaupt an mich?“, fragte die junge Frau erstaunt.

Jerome Stephan reichte ihr das Glas. Er lächelte. „Oh ja, sehr gut sogar. Er fragte mich, wie es mir gelungen sei, eine so schöne Assistentin aufzutreiben.“

„Und was haben Sie ihm darauf geantwortet?“

Der Mediziner wurde einer Antwort enthoben, weil es klingelte. Er stellte sein Glas ab und eilte in die Diele. Kurz darauf brachten zwei Boten das Essen herein. Die Silberplatten waren mit Hauben abgedeckt. Einer der Boten streifte seinen Mantel ab. Darunter trug er seinen Kellnerfrack. Er servierte rasch und geschickt. Es gab Chateaubriand mit Beilagen. „Danke“, sagte Jerome Stephan. „Den Rest erledigen wir selbst.“

Die Männer zogen sich zurück.

„Horstmann hat mir geraten, auf die Vorsuppe zu verzichten“, meinte der Gastgeber. „Wegen der Menge. Dafür hat er ein gutes Dessert empfohlen ...“

„Es sieht großartig aus. Und es riecht auch so“, meinte Angela.

„Trinken wir erst unseren Sherry. .. Prost!“

„Prost.“

„Eigentlich hatte ich vor einen Trinkspruch aufzusagen“, meinte Jerome Stephan mit einem Anflug von Verlegenheit.

„Weshalb so feierlich?“

„Irgendeinmal muss ich Ihnen doch sagen, wie tüchtig Sie sind und welches Glück ich hatte, Sie für die Praxis zu gewinnen“, erwiderte der Mediziner. „Dummerweise habe ich Mühe, Komplimente so zu formulieren, dass sie richtig klingen ...“

„Sie drücken sich sehr gut aus, Doktor.“

Die beiden Leute begannen zu essen. Das Essen war ausgezeichnet, aber es litt ein wenig unter dem Umstand, dass Angela und Jerome Stephan unfähig waren, ein unverbindliches Gespräch zustande zu bringen. Die Stille, die die Mahlzeit prägte, hatte etwas Lastendes. Zum Dessert gab es Birne Helene, danach eilte der Gastgeber in die Küche, um den vorbereiteten Mokka zu holen. Seine Angestellte wollte ihm behilflich sein, aber er ließ es nur zu, dass sie das Essgeschirr in die Küche brachte.

Als sie beim Mokka saßen, lächelte der Mediziner ein wenig gezwungen und sagte: „Ich bin ein miserabler Unterhalter, nicht wahr?“

Angela erwiderte das Lächeln. „Ich fürchte, ja.“

„Diese Einladung war ein Flop. Der Teufel mag wissen, weshalb ich nicht auf den Gedanken gekommen bin, Sie stattdessen in ein hübsches Lokal zu führen. Da wäre es uns sicherlich leichter gefallen, miteinander zu sprechen.“

„Mir gefällt es auch so ganz gut.“

„Danke. Es wäre mir wahnsinnig unangenehm, wenn Sie in mir jetzt Ihren Chef sähen, den Mann, dem Sie verpflichtet sind“, meinte er. „Sie kennen mich. Ich hatte niemals die Ambition, als großer Manitu aufzutreten. Für mich sind Sie Angela, eine gleichberechtigte Mitarbeiterin.“ Er hüstelte. „Ach, ehe ich's vergesse – ich wollte Ihr Gehalt aufbessern. Einverstanden?“

„Warum nicht? Ich kann das Geld brauchen“, erwiderte sie überrascht.

Jerome Stephan lächelte. „Ich bin froh, dass Sie sich nicht zieren“, entgegnete er. „Vermutlich bezahle ich Sie immer noch unter Wert. – Ich werde die Praxis schließen“, sagte er plötzlich.

Angela erschrak. „Warum denn das?“

„Ich kann eine gut eingeführte und sehr modern ausgerüstete Privatklinik kaufen und mitsamt dem erfahrenen Personal übernehmen“, erklärte er ihr.

„Wann?“

„Die Verhandlungen laufen, aber selbst bei einem Abschluss dürfte wohl noch ein halbes Jahr vergehen, ehe die Übernahme erfolgen kann.“

„Werden Sie hier in der Stadt bleiben?“

„Nein. Ich gehe dann nach Süddeutschland.“

„Oh.“

„Hätten Sie nicht Lust, mich zu begleiten?“

„Als was?“

„Als meine Assistentin, versteht sich ...“

„Ich weiß nicht recht“, erwiderte die Arzthelferin erstaunt. „Das kommt so überraschend.“

„Sagen Sie mir ganz offen, was Sie von meinen Plänen halten“, bat der Mediziner.

„Warum fragen Sie mich? Ich kann dazu nichts sagen.“

„Halten Sie meine Entscheidung für klug?“

„Das ist schon wieder so eine Frage“, erwiderte Angela beinahe ärgerlich. „Sie werden selbst wissen, was für Sie das Beste ist. Das Ganze ist ja nicht nur eine Karrierefrage, eine Zukunftsperspektive, sondern wohl auch ein Kostenproblem. Ich weiß nicht, ob ich die Reihenfolge richtig sehe und ob sie von Bedeutung ist, streng genommen weiß ich ja überhaupt nichts von Ihnen ...“

Sie unterbrach sich abrupt, denn sie war persönlich geworden. Mit dieser Frage war sie sicherlich zu weit gegangen.

Jerome Stephan sah ernst, aber nicht verletzt aus. „Ja“, entgegnete er. „Das ist gewiss richtig.“

„Verzeihung, ich hätte das nicht sagen dürfen ...“

„Warum eigentlich nicht? Ich habe vorhin von unserer Partnerschaft gesprochen, aber eigentlich so gut wie nichts getan, um sie zu untermauern. So gesehen ist diese Einladung fast schon grotesk zu nennen. Es ist der Versuch, meine Isolierung zu kaschieren. In Wahrheit macht er nur deutlich, wie die Dinge liegen.“ Er zuckte mit den Schultern. „Ich kann es nicht ändern, Angela. Jeder geht seinen Weg.“

„Sie gehen ihn allein – zumindest im privaten Bereich“, entgegnete die Besucherin. „Das ist Ihr gutes Recht.“

Der Mediziner schaute sie an und schwieg.

„Natürlich mache ich mir zuweilen Gedanken darüber, weshalb Sie nur für Ihren Beruf da sind. Selbst wenn Sie ihn als Berufung betrachten, haben Sie, glaube ich, kein Recht, auf die Freuden des Lebens zu verzichten. Ich denke, die gehören dazu und man braucht sie, um leistungsfähig zu bleiben.“

„Stimmt“, entgegnete Doktor Stephan nur und schaute ihr in die Augen. „Ich habe nur meine Arbeit. Sie gefällt mir. Nein, das ist nicht das richtige Wort. Ich betrachte sie als eine ständige Herausforderung. Ich bin beinahe süchtig. Ich kann nicht genug davon bekommen. Wussten Sie, dass ich seit einiger Zeit abends ein paar Stunden in Professor Klugs Klinik arbeite?“

Angela machte aus ihrer Verblüffung keinen Hehl. „Warum denn das?“, fragte sie schließlich.

„Ich operiere dort. Es ist harte Arbeit, aber sie befriedigt mich“, erwiderte der Mediziner.

„Sie können doch nicht ...“ begann die junge Frau, führte den Satz aber nicht zu Ende.

„Was kann ich nicht?“, unterbrach er sie.

Angela sagte erregt: „Ich versuche gerade nachzurechnen, was Sie täglich leisten und wie viele Stunden Sie arbeiten. Sie ruinieren damit Ihre Gesundheit.“

„Ich fühle mich topfit.“

„Sie sehen in letzter Zeit oft abgespannt und erschöpft aus“, widersprach die Arzthelferin.

„Natürlich gibt es Phasen der Schwäche und Ermattung, aber die gehen rasch vorüber.“

„Warum tun Sie das alles? Die Praxis bietet Ihnen mehr als genug Gelegenheit, sich zu bewähren! Es geht Ihnen doch gewiss nicht ums Geld ...“

„Damit hat es nichts zu tun“, bestätigte er. Dann erhob er sich plötzlich. „Zu blöd“, sagte er. „So ungeschickt kann nur ich sein. Ich habe vergessen, den Wein zu servieren. Dabei habe ich ihn extra kaltgestellt. Möchten Sie noch ein Glas trinken, oder lieber etwas anderes ... einen Cognac, oder einen Whisky?“

„Mir genügt der Mokka, danke.“

„Böse?“

„Dazu besteht kein Anlass. Ich müsste eher befürchten, dass Sie mir böse sind. Ich rede von Dingen, die mich nichts angehen und die Ihre persönlichsten Angelegenheiten sind ..., aber ich kann nun mal nichts dagegen tun, dass ich an dem Geschehen Anteil nehme und mir ein paar sehr verständliche Sorgen um die Art Ihrer Lebensführung mache.“

Jerome Stephan nickte. Er presste die Lippen zusammen und vermied es sekundenlang, Angelas Blick zu begegnen. „Jeder von uns ist ein Produkt von Erziehung, Umgebung und Vergangenheit“, sagte er schließlich. „Mich hat mehr als alles andere die Vergangenheit geprägt ... zumindest zwei Vorfälle daraus“, fügte er zögernd hinzu. „Was ich heute bin, oder nicht bin, lässt sich von diesen Ereignissen nicht lösen.“

„Sie waren verheiratet, nicht wahr?“

Er schaute sie an. „Das wissen Sie?“

„Ich habe kürzlich das Foto auf dem Kaminsims gesehen, außerdem hörte ich heute ...“ Sie unterbrach sich.

„Nun, was haben Sie gehört?“

„Es wäre nicht fair, es zu wiederholen“, erwiderte die junge Frau ärgerlich über ihre Worte.

„Ich möchte es aber hören.“

„Nun gut. Es handelt sich um den Mann, der mir dieses Agentenmärchen aufgetischt hat. Er hat inzwischen zugegeben, dass es nur ein Trick war, um sich bei mir einnisten zu können. Er ist ausgezogen. Vorher glaubte er jedoch, mir beweisen zu müssen, dass er nicht der Einzige ist, an dem es etwas auszusetzen gibt. Er griff Sie an. Er behauptete, gehört zu haben, dass Sie ...“

Angelas Stimme stockte. Sie brachte es nicht übers Herz, weiterzusprechen. Sie konnte unmöglich die erschreckenden und gewiss auch ungerechtfertigten Worte benutzen, deren sich Horst Wenzel bedient hatte.

„Er hat vermutlich gehört, dass ich meine Frau umgebracht haben soll“, sagte Jerome Stephan. Er sprach sehr ruhig, aber die Ruhe hatte nichts Besänftigendes, sie war eher provokativ.

„Ja, so hat er sich ausgedrückt.“

„Ist das alles?“

„Ja.“

Der Gastgeber lehnte sich zurück. Er sah müde aus, blickte ins Leere und schien ein paar Sekunden vergessen zu haben, dass die junge Frau mit klopfendem Herzen auf eine Erklärung wartete.

„Ich bin müde“, sagte er stattdessen. Sein Lächeln war so verlegen wie das eines Schuljungen. „Würde es Ihnen etwas ausmachen, wenn wir das Gespräch beendeten?“

„Nein, ich gehe schon – es ist spät geworden“, entgegnete sie mechanisch.

Er brachte sie in die Diele und half ihr in den Mantel. „Überlegen Sie sich das mit Augsburg“, bat er.

„Augsburg?“, fragte sie verblüfft.

„Die Klinik“, entgegnete er.

Angela schloss ihren Mantel. „Ich komme nicht mit“, sagte sie.

Es schien, als falle ein Schatten über Jerome Stephans Gesicht. „Wie Sie wollen“, erwiderte er und öffnete die Tür. Der Abend schien damit beendet zu sein, gründlich missraten, wie die Arzthelferin erkannte, aber noch ehe sie sich verabschieden konnte, fragte ihr Chef. „Warum?“

„Warum was?“

„Warum lehnen Sie es ab, mich zu begleiten? Weil ich nicht bereit bin, über mein Privatleben zu reden?“

„Damit hat es nichts zu tun – oder doch nur sehr wenig“, meinte sie. „Ich bin dagegen, dass Sie sich zerstören. Niemand kann auf Dauer eine solche Leistung erbringen wie Sie. Eigentlich müssten Sie als Arzt selbst wissen, wie falsch Sie sich verhalten. Trotzdem fahren Sie fort, Raubbau an Ihrer Gesundheit zu betreiben. Ich würde das nur gutheißen, wenn ich Sie nach Augsburg begleitete. Ich bin schon jetzt davon überzeugt, dass Sie dort nicht weniger, sondern eher noch mehr als hier schuften werden.“

„Gute Nacht, Angela“, sagte er.

Seine Stimme klang kühl.

Sie hatte plötzlich den Wunsch, sich zu entschuldigen, aber sie brachte nur ein ebenso kühles „Gute Nacht“ über ihre Lippen, dann ging sie.

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8

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Den Sonntag verbrachte Angela damit, ihre Wohnung gründlich zu reinigen. Während der Woche blieb ihr dazu keine Zeit. Sie putzte, schrubbte und wischte mit geradezu verbissener Gründlichkeit und wünschte sich dabei zu vergessen, was am Sonnabend geschehen war, aber die Erinnerung an die Stunden mit ihrem Chef ließen sich nicht abschütteln. Immer wieder musste sie daran denken.

Warum hatte sie das Gespräch in dieser Weise auf die Spitze getrieben und sich zu Vorwürfen hinreißen lassen, die ihr nicht zustanden, weil sie die Intimsphäre eines anderen berührten und weil der schließlich mit seinem Leben selbst tun und lassen konnte, was er für richtig hielt?

Weshalb war aus dem Abend, der so viele Möglichkeiten zu Harmonie und einem guten Gespräch geboten hatte, ein totaler Reinfall geworden?

Hatten sich damit die Gefühle, die sie Doktor Stephan entgegenbrachte, radikal verändert?

Nein, gestand sie sich ein. Eher das Gegenteil war der Fall. Sie war vor allem wütend auf sich selbst, auf ihre Unfähigkeit, das Beste aus der Situation gemacht zu haben. Der Mediziner wusste selbst am besten, was er sich zumuten durfte, und wenn er meinte, noch genügend Reserven für abendliche Operationen zu haben, hatte sie kein Recht, diesen Eifer zu verurteilen.

Als das Telefon klingelte, schlug ihr Herz schneller. Sie hoffte, Jerome Stephans Stimme zu hören, aber es war Egon.

„Hallo“, sagte er. „Ich hatte versprochen, mich zu melden.“

„Was gibt es?“

„Ich wollte dich zum Abendessen einladen.“

„Ich stecke bis über beide Ohren in der Arbeit.“

„Am Sonntag?“

„Wann sonst sollte ich denn wohl die Wohnung in Ordnung bringen?“, fragte Angela.

„Ich könnte dich abholen. Einverstanden?“

„Ich kann dir nichts versprechen, Egon.“

„Ich komme auf alle Fälle vorbei. Wohnt Wenzel noch bei dir?“

„Nein.“

„Ich liebe dich“, sagte Egon Decker und legte auf.

Sie legte den Hörer auf die Gabel zurück und setzte ihre Arbeit fort, aber plötzlich erlahmte ihr Eifer. Sie hatte einfach keine Lust, weiterzumachen und sie erledigte das restliche Pensum ebenso rasch wie unlustig. Sie verspürte keine Neigung, Egons Einladung anzunehmen, aber da sie Angst vor dem Alleinsein hatte, vor den Grübeleien und all den Fragen und Vorwürfen, die sie quälten, stand sie schließlich am Nachmittag ausgehbereit vor Egon, der ihr einen großen Rosenstrauß mitgebracht hatte.

„Du gibst nicht auf, was?“, fragte Angela und holte eine Vase mit Wasser herbei.

„Dich gibt nur ein Narr auf“, entgegnete er.

„Vergiss nicht meine Worte, bitte“, ermahnte ihn Angela, als sie sich zu ihm in den Wagen setzte. „Wir sind nur noch Freunde.“

Egon erwiderte nichts darauf.

Der Nachmittag und der Abend verliefen kurzweiliger, als Angela es sich erhofft hatte. Egon wurde nicht zudringlich, er hatte ganz offenbar ein sicheres Gespür für das, was er tun durfte und zu unterlassen hatte, jedenfalls endete der Abend durchaus harmonisch.

„Kann ich mit raufkommen?“, fragte er, als er gegen zweiundzwanzig Uhr vor Angelas Haus hielt.

„Nimm es mir nicht übel – aber ich muss jetzt ins Bett“, erwiderte sie.

Egon lächelte. „Ist schon okay. Ich rufe dich morgen an.“

Dann beugte er sich nach vorn und küsste sie. Einen Moment schien es so, als sei er enttäuscht von der spröden Kühle ihrer Lippen und als wollte er sie zwingen, ihm mit mehr Engagement zu begegnen, aber dann verzichtete er auf das Vorhaben und meinte nur mit einem schwachen Lächeln: „Es war sehr schön. Ich fühle mich jetzt viel besser. Gute Nacht, meine Liebe.“

Angela atmete auf, als sie ihre Wohnungstür hinter sich abschloss.

Der Versuch, den Vorabend zu vergessen, hatte immerhin einige Stunden angehalten, aber jetzt, wo sie wieder mit sich allein war, kehrten auch die nagenden Zweifel und Vorwürfe zurück, die Fragen nach ihrer Zukunft.

Angela war klar, dass von nun an zwischen ihrem Chef und ihr alles anders sein würde.

Würde Jerome Stephan ihr vielleicht gar kündigen, weil ihm bewusst werden musste, welche Belastungen ihr Arbeitsverhältnis erwartete und wie schwer es sein würde, sie zu überspielen?

Das Telefon klingelte.'

Angela eilte ins Wohnzimmer und griff nach dem Hörer. „Ja?“, fragte sie.

„Fräulein Faber?“, erkundigte sich eine tiefe, sachliche Frauenstimme.

„Am Apparat.“

„Ich habe schon einige Male versucht, Sie zu erreichen“, sagte die Anruferin. „Moment, ich verbinde Sie mit dem Professor.“

Es klickte in der Leitung, dann meldete sich ein Mann. „Klug“, sagte er. „Ich habe schlechte Nachrichten für Sie. Dr. Stephan hat einen Kollaps erlitten. Er liegt bei mir in der Klinik. Im Augenblick braucht er vor allem Ruhe. Er hat hier selbstverständlich die notwendige Pflege. Sie müssen für ein paar Tage die Praxis schließen – mindestens bis zum Ende der Woche. Danach sehen wir weiter.“

„Kann ich ihn sehen oder sprechen?“

„Nicht vor übermorgen, fürchte ich“, erwiderte der Professor. „Trauen Sie sich zu, mit der Situation fertigzuwerden? Schicken Sie dringende Fälle zu Dr. Hartmann – der wohnt ja in der Nähe von Dr. Stephans Praxis. Ich habe schon mit ihm gesprochen. Er ist bereit, seinen Kollegen zu vertreten.“

„Ja“, entgegnete die junge Frau.

Sie wollte fragen, wie das hatte passieren können und in welchem Zustand ihr Chef war, aber der Professor hatte bereits aufgelegt.

Ein Kollaps. Herz oder Kreislauf?

Angela holte die Cognacflasche aus dem Schrank und füllte sich ein Glas. Sie hatte mit ihren Warnungen recht behalten, aber sie empfand darüber keine Genugtuung, sie zitterte nur um den Mann, den sie liebte, und sie war verzweifelt darüber, dass sie in diesem Moment nicht bei ihm sein und seine Hand halten konnte.

In dieser Nacht schlief sie kaum.

Am nächsten Morgen war sie zur gewohnten Zeit in der Praxis. Zwei Patienten warteten schon. „Es tut mir leid, aber Sie müssen in der nächsten Woche wiederkommen, der Doktor ist leider verhindert“, sagte die Arzthelferin. „Wenn es dringend ist, können Sie zu Dr. Hartmann gehen. Er wohnt nur zwei Häuserblocks von hier entfernt, in der Schillerstraße“, fügte sie hinzu.

Es war sicherlich töricht, den Zusammenbruch des Doktors zu verschweigen, aber irgendetwas hielt sie davon ab, die Wahrheit zu sagen. Sie verschwieg sie auch auf dem Zettel, den sie wenig später an dem Praxiseingang befestigte.

Am Nachmittag rief sie die Klinik an, um zu erfahren, wie es Dr. Stephan ging.

„Bedaure, aber wir sind nicht befugt, telefonische Auskünfte zu erteilen“, sagte der Arzt, mit dem man sie verbunden hatte.

„Ich bin Angela Faber, die Sprechstundenhilfe von Dr. Stephan“, erklärte sie.

„Kommen Sie doch einmal vorbei, aber nicht vor morgen früh, bitte“, antwortete der Arzt und legte auf.

Am nächsten Morgen betrat Angela die Klinik schon kurz nach neun. „Dr. Stephan befindet sich in Behandlung“, erklärte ihr ein Mediziner. „Nach dem Eingriff benötigt er Ruhe. Kommen Sie morgen noch einmal vorbei, bitte – aber nicht vor sechzehn Uhr.“

„Kann ich den Professor sprechen, bitte?“

„Bedaure, aber der nimmt den Eingriff vor.“

Angela ging. Sie fuhr zurück in die Praxis, vertröstete Patienten und Anrufer, versuchte sich mit Zeitungslektüre abzulenken und war mit ihren Gedanken doch unentwegt bei dem Mann, der so überraschend ihr Leben verändert hatte.

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9

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Am nächsten Tag stattete Angela der Klinik erneut einen Besuch ab. „Dr. Stephan liegt in der ersten Etage, Zimmer 21“, teilte ihr eine Schwester mit. „Er hat allerdings gerade Besuch ...“

Angela sah verblüfft aus. Wer besuchte Jerome Stephan, wer hatte von seinem Missgeschick erfahren und nahm daran Anteil?

Doch sie stellte keine Fragen und stieg die Treppe zur ersten Etage empor. Schwestern kamen ihr entgegen, eine Gruppe von Ärzten, die besorgt den Worten eines älteren Kollegen lauschten. Angela strebte auf das Zimmer 21 zu.

Noch ehe sie es erreicht hatte, öffnete sich dessen Tür. Eine junge Dame betrat den Korridor.

Angela blieb abrupt stehen. Ihr war zumute, als ob sie gegen eine gläserne Wand gestoßen sei.

Claudine!

Kein Zweifel, die junge, elegante und auffallend schöne Frau, die das Krankenzimmer verlassen hatte, war identisch mit derjenigen, deren Gesicht Angela auf dem silbergerahmten Foto in Jerome Stephans Wohnzimmer gesehen hatte.

Die junge Frau trug ein dunkelblaues Flanellkostüm mit einer weißen, am Hals offenstehenden Seidenbluse. Schuhe und Umhängetasche waren aus Schlangenleder. Sie bewegte sich graziös und sehr selbstsicher. Ihre Haltung ließ erkennen, dass sie an aufmerksame oder bewundernde Blicke gewöhnt war.

Angela wartete ein paar Sekunden, dann klopfte sie an die Tür und trat ein.

Jerome Stephan lächelte ihr entgegen.

„Hallo!“, rief er überrascht.

„Guten Tag“, sagte Angela, die dicht hinter der Schwelle stehengeblieben war. Doktor Stephans Lächeln erleichterte sie, aber sie war weit davon entfernt, sich unbefangen zu fühlen. „Wie Sie sehen, komme ich ohne Blumen.“

„Die fehlten mir gerade noch“, erwiderte der Kranke. „Wollen Sie sich nicht setzen?“

„Danke.“

Sie befolgte die Aufforderung ihres Chefs. Der Stuhl stand am Kopfende des Bettes und ihr wurde bewusst, dass vor ihr die junge, schöne Frau auf ihm gesessen und mit Doktor Stephan gesprochen hatte.

„Sie sehen verwirrt aus“, sagte plötzlich der Mediziner feststellend.

„Ich bin es.“

„Sie hatten mit Ihren Mahnungen und Warnungen recht“, meinte er. „Ich habe meine Kräfte überschätzt. Dafür habe ich die Quittung bekommen.“

„Ich bin aus einem anderen Grund verwirrt“, erwiderte die Besucherin. „Die junge Dame, die ich aus Ihrem Zimmer kommen sah, hatte eine geradezu frappierende Ähnlichkeit mit ...“

„Claudine, meiner verstorbenen Frau“, ergänzte Jerome Stephan. „Das ist kein Wunder. Es handelt sich um Claudines Zwillingsschwester Martina.“

„Ah, deshalb“, erwiderte sie leise. Sie kam sich ziemlich dumm vor und bedauerte, das Thema angeschnitten zu haben.

„Wissen Sie“, sagte der Kranke und strich mit beiden Händen die Bettdecke glatt. „Zwischen Martina und mir gab es ein paar Jahre völlige Funkstille. Sie hatte Grund, mir böse zu sein, denn ihre Schwester könnte vielleicht noch leben, wenn ich damals nicht diesen verhängnisvollen Eingriff vorgenommen hätte ...“ Also doch, dachte Angela.

„Ich möchte in diesem Zusammenhang etwas richtigstellen“, sprach er weiter. „Der Eingriff erfolgte auf Claudines ausdrücklichen Wunsch. Ich selbst habe dafür plädiert, dass der Professor operiert. Meine Frau war dagegen. Ich habe mich schließlich ihrem Drängen gebeugt.“

,Ich verstehe“, entgegnete die Besucherin.

„In ein paar Tagen bin ich wieder auf den Beinen. Ich fühle mich gut.“

„Ich habe die Post mitgebracht ...“ Jerome Stephan winkte ab. „Die hat Zeit. Kommen Sie heute Abend noch einmal vorbei?“

„Heute Abend?“, fragte Angela verständnislos.

„Ja, jetzt muss ich mich Martina widmen. Sie ist nur auf einen Sprung zu ihrem Wagen gegangen, um sich Zigaretten zu holen“, erwiderte der Patient.

Angela erhob sich. „Es freut mich, dass es Ihnen wieder gut geht“, sagte sie etwas verlegen.

Er lächelte ihr zu und sah ihr dabei in die Augen. „Ich danke Ihnen für Ihren Besuch.“

Dann verabschiedete sie sich und ging.

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10

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Wer war denn das?“, fragte Martina Grafenreuth, als sie in das Krankenzimmer zurückkehrte. „Deine Freundin?“

„Meine Assistentin.“

Martina Grafenreuth setzte sich. „Lenkt sie dich nicht von der Arbeit ab?“, erkundigte sie sich spöttisch. „Sie ist auffallend attraktiv.“

„Sie ist vor allem tüchtig. Müssen wir unbedingt von ihr reden? Ich wüsste gern, wie es dir ergangen ist.“

„Ich habe mich scheiden lassen. Ich bin wieder frei. Das ist ein herrliches Gefühl.“

„Ich weiß nicht, was man in solchen Fällen zu tun und zu sagen pflegt“, meinte Jerome. „Gratuliert man?“

„Das kommt auf den Standpunkt an. Charly ist pleite. Ich habe nichts von ihm zu erwarten.“

„Pech für dich. Zum Glück bist du ja selbst nicht ohne Vermögen“, meinte der Mediziner.

Martina zündete sich eine Zigarette an. „Das war einmal“, sagte sie und blickte zum Fenster.

„Wenn ich richtig informiert bin, hat dein verstorbener Vater dir und Claudine je eine Million hinterlassen ...“

„Stimmt genau. Charly hat damit spekuliert. Eine todsichere Sache.“ Sie lachte bitter. „Ich habe ihm vertraut. Er wollte das Geld verzehnfachen. Stattdessen hat er dafür gesorgt, dass es sich verflüchtigte. Ich habe von dem, was ich bekam, allenfalls noch fünfzigtausend. Ich brauche einen Mann, der mich ernährt. Weißt du keinen?“

„Ach, du lieber Himmel“, sagte Jerome Stephan.

„Reden wir lieber von dir. Wie kommst du zurecht?“

„Die Arbeit macht mir Spaß. Aber ich habe damit Schiffbruch erlitten. Ich habe mir zu viel zugemutet.“

„Das hast du schon immer getan, in jeder Hinsicht“, sagte Martina.

„Das musst du mir schon erklären ...“

„Du hättest Claudine niemals heiraten dürfen.“

„Wieso?“

„Es ist einfach so ein Gefühl. Sie wusste, dass sie krank war, und du wusstest es auch. Woran habt ihr geglaubt ... an ein Wunder?“

Der Mann schwieg. Er konnte seiner Schwägerin nicht sagen, dass das, was zwischen Claudine und ihm bestanden hatte, tatsächlich ein Wunder gewesen war, das Wunder der Liebe. Es war einfach nicht seine Art, so große Worte in den Mund zu nehmen.

„Ich muss gestehen, dass ich dir sehr, sehr böse war“, sagte Martina nach kurzer Zeit. „Es gab eine Zeit, wo ich, vor allem unter Mamas Einfluss stehend, ganz ernsthaft glaubte, dass du an Claudines Tod die Schuld trägst.“

„Hast du diese Ansicht geändert?“

„Ich habe mit den Leuten gesprochen, die seinerzeit bei der Operation zugegen waren, aber auch mit denen, die sie im Nachhinein aus fachlicher Sicht zu beurteilen vermochten. Niemand macht dir Vorwürfe.“

„Es genügt doch wohl, dass ich mir welche mache.“

„Du hast dein Bestes gegeben.“

„Das sagst du mir reichlich spät.“

„Du musst das verstehen. Im Anfang war in mir nur die Verbitterung“, meinte Martina. „Man sucht ja immer einen Sündenbock. Hinzu kam, dass ich wohl glaubte, dir etwas heimzahlen zu müssen ...“

„Du sprichst in Rätseln.“

„Ist dir niemals aufgefallen, dass ich in dich verliebt war?“

Details

Seiten
360
Jahr
2018
ISBN (ePUB)
9783738919622
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (Juni)
Schlagworte
arztroman sammelband drei romane engel haar

Autoren

Zurück

Titel: Arztroman Sammelband: Drei Romane – Der Engel mit dem schwarzen Haar und drei andere Romane