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Zwei Franc Helgath Krimis: Drei Tage Frist/Ein Yuppie läuft Amok

2018 300 Seiten

Leseprobe

Zwei Franc Helgath Krimis: Drei Tage Frist/Ein Yuppie läuft Amok

Franc Helgath

Published by Cassiopeiapress/Alfredbooks, 2018.

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Drei Tage Frist: N. Y. D. - New York Detectives

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Krimi von Franc Helgath

Der Umfang dieses Buchs entspricht 88 Taschenbuchseiten.

Der Vater von Graham und Jeanny Denver stürzt aus dem Fenster und stirbt. Da liegt es nahe, dass der missratene Sohn des Hauses der Mörder ist, denn der braucht stets Geld für das Glücksspiel und steht auch gerade bei einem zwielichtigen Herrn, der dem Captain vom Morddezernat Manhattan South ein Dorn im Auge ist, in der Kreide. Doch die attraktive Schwester ist überzeugt, dass ihr Bruder unschuldig ist und wendet sich an den Privatdetektiv Bount Reiniger, der im ersten Moment mehr ihre körperliche Reize zu schätzen weiß, als ihr Anliegen. Er übernimmt nach einigem Zögern  diesen Fall, und schon kurze Zeit später wird das Objekt seiner Begierde angeschossen ...

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Die Hauptpersonen:

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Jeremias Denver - soll sich in den Patio zu Tode gestürzt haben, dabei ist er mit Schlaftabletten vollgestopft bis zur Halskrause.

Graham Denver - verjubelt das Erbe beim Zocken und ist als Tatverdächtiger erste Wahl.

Jeanny - verfügt nicht nur über eine wohlgefüllte Bluse, sondern auch ein weites Herz.

Malcolm Jaggedy - schlägt seine gierigen Beißerchen bevorzugt in betuchte Opfer - für einen Kredithai wohl die lohnendste Masche.

Philipa Madrigan - beichtet ihre Sünden täglich.

Steve Caution - weiß solche Offenheit zu schätzen.

June March – ist Bounts Assistentin und hilft ihm bei seinen Fällen.

Bount Reiniger – ist Privatdetektiv.

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1

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Graham Denver hetzte durch die dunkle Seitengasse in der Bowery. Er war auf der Flucht.

Doch zwischen den verfallenden Häusern würde er auch keine Lösung seiner Finanzprobleme finden - nicht mal ein brauchbares Versteck. Und wegen der Dollars waren sie hinter ihm her. Graham hatte nämlich wieder mal einen Termin verstreichen lassen.

Graham keuchte, dennoch hörte er jetzt das Röhren des Motors. Der gehörte von der Klangqualität her gewiss nicht in diese Umgebung, er brummte nämlich satt. Im Fond des Wagens saßen die beiden Kredithaie.

Denver rannte. Seine Lunge brannte. Der Gaumen war vom Hecheln trocken geworden. Er. spürte, den bitteren Geschmack im Mund. Den Geschmack der Angst.

Warum hatte er sich bloß nochmals in diesem Viertel sehen lassen? Aus der Lust am Morbiden? Oder weil er tatsächlich schon so abgebrannt war, dass er sich den Besuch eines anständigen Spielclubs nicht mehr leisten konnte?

Jedenfalls hatten sie ihn aufgetan, und jetzt jagten sie ihn offenbar mit Genuss. Sie schlugen nicht sofort zu, trieben erst ihre makabren Scherze mit ihm, wohl wissend vermutlich, dass ein Teil angewandter Psychologie hinter diesem Handeln steckte. Der dunkelbraune Dodge hätte ihn längst überholen können.

Plötzlich sah der Dreißigjährige wieder Licht vor sich. Die Gasse mündete auf einen vergammelten Platz mit smoggeschädigten Bäumen. Drüben auf der anderen Seite des East River tutete eine Schiffssirene. Doch die kümmerlichen Bäume waren es, die Graham Denver magisch anzogen. Sie standen zu dicht nebeneinander, als dass eine breite Kutsche wie der Dodge ihm zwischen ihnen hindurch hätte folgen können.

Denver mobilisierte letzte Kraftreserven und trommelte ein letztes Stakkato auf das Pflaster.

Irgendwann am Abend musste es geregnet haben. Die Katzenkopfsteine glänzten nass. Die Gasse stammte wahrscheinlich noch aus den Zwanzigern und die Häuser, die sie säumten, sahen auch nicht danach aus, als ob sie seither je wieder verputzt worden wären.

Denver hörte ein paar aufgeschreckte Ratten pfeifen. Und noch etwas nahm er wahr! Das satte Motorbrummen wurde gieriger.

Graham Denvers Herz jedoch begann zu rasen.

Kurz vor der ersten Baumreihe holten sie ihn ein. Die Scheinwerfer verloschen, doch die Armaturenbeleuchtung schimmerte noch in einem geisterhaften Rot. Graham hätte die Verfolger auch bei völliger Dunkelheit erkannt. Natürlich saßen ihm Stormy Warden und Jeff Rust im Nacken. Malcolm Jaggedys Leute.

Und sie würden es bitter für ihn machen.

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2

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Der Alte schlummerte in einem blauen Himmelbett. Die Glatze leuchtete fahl im Nachtlicht, das er stets brennen ließ - nicht aus Angst, denn er hatte keine mehr, sondern aus Gewohnheit. Für seine Jahre war sein Schlaf sehr tief.

Sein Atem rasselte und übertönte das winzige Geräusch, als die Tür zu seinem Zimmer aufschwang und der Vorhang am offenen Fenster sich in der Zugluft bauschte. Nur ein sanftes Zucken lief durch seine weißen, fast durchsichtig erscheinenden Greisenhände. Sie lagen brav vor ihm auf der Decke. Lediglich der hagere Kopf glitt ein kleines Stück zur Seite.

Irgendwo im Haus sperrte ein Schloss, doch auch das störte den 67jährigen nicht. Seit er sich zur Ruhe gesetzt hatte und die Finger von den Geschäften und Spekulationen ließ, ging es ihm gesundheitlich wieder viel besser. Der kleine Infarkt vom vergangenen Winter war fast vergessen. Nur manchmal spürte er noch ein leichtes Ziehen in der Brust, das ihn gemahnte, den eher betulichen Lebenswandel beizubehalten.

Jeremias Denver wollte mindestens hundert werden. Vielleicht träumte er gerade davon. Zehn Minuten später war er tot.

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3

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»Graham hat unseren Pa nicht umgebracht! Dafür leg ich meine Hand ins Feuer!« Die junge Frau saß Bount Reiniger blass und zornig zugleich gegenüber.

Bount Reiniger sann darüber nach, welches ihrer rotlackierten Pfötchen sie sich dabei wohl verbrennen würde. Er hatte in den Frühnachrichten von diesem Fall gehört.

Und ein Fall war es ja nun wirklich, wenn ein rüstiger Endsechziger vier Stockwerke tief in den Patio seines Stadthauses stürzte und sich dabei neben dem Genick noch jede Menge anderer Knochen bricht.

»Was macht Sie so sicher?« Bount spielte mit seinem Kugelschreiber auf der Schreibtischplatte.

June hätte Jeanny Denver nicht vorlassen dürfen. Was die Lady brauchte, war kein Detektiv, sondern eine glatte Dosis Valium. Bount Reiniger hielt den Auftrag für aussichtslos. Und wenn er etwas noch mehr verabscheute als Immobilienmakler, dann waren es aussichtslose Fälle.

»Dass ich meinen Bruder kenne!«, zischte sie. »Er mag ein Schwerenöter sein, aber er ist kein Mörder.«

Bount wechselte den Kuli in die andere Hand. Allmählich machte ihn die Lady nervöser, als es ihm für diese morgendliche Stunde zuträglich erschien. Das lag nur zum Teil an ihrem zweifelsfrei attraktiven Äußeren.

Graham Denvers jüngere Schwester war dunkelhaarig.

Bount sah ihr an, dass sie sich in aller Eile geschminkt haben musste. Make-up war unnötig, denn sie gehört mit Sicherheit zu jenen Mädchen, die selbst nach einer ausgiebigen Orgie noch taufrisch wirkten.

Unter der grünen Seidenbluse wogte ein strammer Busen. Den Büstenhalter hätte sie im Schrank lassen können. Seit wann steckt man Grapefruits in Körbchen?

Bount bemerkte, dass seine Gedanken abglitten. Er rief sich zur Ordnung, so schwer ihm das auch fiel.

»... Prämie von zwanzigtausend Dollar«?, sagte sie da gerade.

Sofort war Reiniger wieder voll da,

Nicht einmal auf die sanfte Wölbung ihres Bauches achtete er mehr, die Nabelgrube und die Hüften, die mindestens ebenso griffig waren wie das Steuerrad seines stratosilbernen 450er SEL.

»Wie, bitte?«, gab er sich begriffsstutzig.

Sie lehnte sich zurück.

Nun schlug sie auch noch die ellenlangen Beine übereinander. Sie trug schwarze Strapse!

»Well«, meinte sie, »es ist bekannt, dass Sie ein geldgieriger Bursche sind, freilich auch einer der besten Privat Eyes an der Ostküste.«

»Ich bin eher bescheiden«, wehrte sich Bount Reiniger entrüstet »Wie war das eben mit der Prämie?«

Jeanny Denver seufzte. Die Grapefruits seufzten mit.

»Sie bekommen von mir zehntausend Dollar, wenn Sie sich nur drei Tage in diese Geschichte reinknien. Und dazu zwanzigtausend Dollar Prämie, wenn Sie den Mörder unseres Vaters finden.«

Er schluckte andächtig; denn inzwischen weniger wegen Miss Denvers respekteinflößender Oberweite. Manchen Argumenten konnte er sich eben nicht widersetzen.

Alsbald redete er sich ein, dass doch etwas dran sein müsste an diesem beharrlichen Glauben an die Unschuld eines missratenen Brüderchens. Niemand wirft dreißig Riesen zum Fenster raus; auch verwöhnte Millionärstöchter nicht. Die am allerwenigsten, denn bekanntlich stärkt ein dickes Konto häufig den Sparwillen.

Soweit waren Reinigers Überlegungen schließlich gediehen. Er warf den Kugelschreiber beiseite und griff nach einer Zigarette.

»Sie auch?«

Jeanny Denver ließ sich nicht lange bitten. Sie rauchte hastig.

»Heißt das, Sie nehmen an?«

»Das heißt nur, dass ich Ihnen zuhören werde. Vielleicht halten Sie das nicht für möglich, aber ich lasse mir ungern was schenken. Wenn Sie alle meine Fragen beantworten und mich dann immer noch nicht überzeugt haben, schicke ich Sie nach Hause und begnüge mich mit einem Beratungshonorar von fünfhundert Dollar.«

Nun war es Miss Jeanny Denver, die schluckte; allerdings nicht besonders andächtig.

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Wie immer, musste sich Bount erst einen Weg durch die Qualmwolken bahnen, als er Toby Rogers Büro betrat. Eine alte Dampflok schmauchte vergleichsweise bescheiden gegen ihn. Und vor allem stank ihr Bauch nicht so brutal wie die Stumpen des bärbeißigen Captains vom Morddezernat Manhattan South.

»Hi, Toby.«

Rogers antwortete mit einem mittleren Donnergrollen. Das hieß, er war leicht indisponiert. Doch Bount Reiniger kannte den Freund und gelegentlichen Widersacher kaum anders.

»Ich wollte nur mal kurz reinschauen. Hatte zufällig in der Gegend zu tun.«

Nun schaute der »Schrecken der Centre Street« doch auf. Er hob dazu das rechte Lid und zeigte Bount ein blutunterlaufenes Auge.

»Du warst noch nie zufällig hier«, knurrte er und schlug die Akte zu, in der er gerade studiert hatte. »Wenn du glaubst, du könntest dir vom Vermögen der Denvers ’ne Scheibe abschneiden, hast du dich geirrt.«

Reiniger setzte sich unaufgefordert. »Warum bist du nicht Hellseher geworden, sondern bloß ein mies bezahlter Bulle?«

Was danach kam, war schon kein Donnergrollen mehr, sondern das Grummeln einer Bisonherde in Stampede. Bount ließ sich nicht einschüchtern. Er kannte Rogers besser.

Unter der rauen Schale verbarg sich ein Kern aus tiefgefrorener Butter. Doch die ließ sich verflüssigen.

»Die Akte da auf deinem Tisch - das ist doch die Denver Sache?«

»Als ob du das nicht längst wüsstest. Du hast wieder mal June missbraucht, du Ausbeuter. Keiner in meiner Squad kann ihr ernsthaft widerstehen, wenn sie Informationen braucht«.

»Du auch nicht, mein Lieber?«, sagte Reiniger. »Sind wir nicht dicke Freunde?«

Automatisch zog Rogers den Bauch ein. Er konnte paffen, so viel er wollte, er wurde einfach nicht schlanker. Vermutlich, weil zu seinen vierzig Stumpen am Tag um die sechs Mittagessen kamen, hübsch über vierundzwanzig Stunden verteilt.

»Ich bin nur ein bisschen vollschlank«, brummte er.

»Warum machst du die Tür nicht von außen zu? Der Fall Denver ist tote Hose; nichts dran zu deuteln.«

»Mit anderen Worten, Graham Denver hat gestanden.«

»Noch nicht, aber das kriegen wir hin.«

Bount ballte die Fäuste. »Damit?«

»Du weißt verdammt genau, dass ich solche Methoden nicht dulde.«

»Und du wirst nie ein Geständnis von ihm kriegen, Alter.«

»Hä?«

»Ich glaube nicht, dass er seinen Daddy über die Brüstung stieß.«

Rogers gab sich nicht länger biestig. Sie hatten nur die ganz normalen Höflichkeiten ausgetauscht, doch der Captain wusste natürlich auch, dass Bount Reiniger sich nicht mit hoffnungslosen Sachen abgab. So öffnete Rogers nun auch das zweite Auge.

»Du verschweigst mir etwas?«

»Wie könnte ich«, meinte Reiniger. »Die Geschichte geschah heute Nacht um zwei. Du warst am Tatort. Da hab ich noch selig geschlummert Doch ich machte heute früh eine interessante Bekanntschaft.«

»Kann mir schon denken, wer das war«, knurrte Rogers. »Jeanny Denver. Du hast dich wieder mal von einem hübschen Girl um den Finger wickeln lassen. Vergiss es! Für mich ist der Fall abgeschlossen.« Er patschte mit seinen massigen Fingern - sie glichen Currywürsten - so entschieden auf die Schreibtischplatte, als wolle er einen Geier erschlagen.

»Das geht noch heute zum General Attorney.«

»Mit der Angabe eines Motivs?«

»Streit um Geld«, blaffte Rogers. »Dieser Playboy war ständig pleite. Er hat‘s geschafft, das ererbte Vermögen mütterlicherseits innerhalb von zwei Jahren durchzubringen.«

»Hm«, machte Bount. »Eine reife Leistung. Es waren immerhin knapp vier Millionen. Er hat sie verhurt und verzockt«

»Na also. Da hast du dein Motiv. Er wollte den Alten anpumpen. Der spurte nicht. Es kam zu einem Handgemenge. Den Rest kennst du ja.«

»Aber du kennst ihn nicht. Seine Schwester hat ihren Erbteil erheblich besser zusammengehalten, ihn sogar noch vermehrt. Sie ist bereit, eine Kaution bis zur Höhe ihres gesamten Vermögens für Grahams Freilassung zu stellen. Und du glaubst immer noch, der Bursche hätte sich wegen ein paar läppischen Piepen mit seinem Dad streiten müssen, wenn sein Schwesterchen bereit ist, jetzt sogar eine derartige Summe auszuspucken?«

Toby Rogers legte den Kopf leicht schräg.

»Worauf willst du hinaus?«

»Dass an dieser Angelegenheit irgendetwas ganz gewaltig stinkt, mein Lieber. Die Kleine wäre schließlich Alleinerbin auch noch des Vermögens ihres Vaters, wenn sie das Brüderchen auf dem Stuhl brutzeln. Noch mal um die zwanzig Millionen, wenn ich recht informiert bin. Sie muss also schon verdammt von der Unschuld des Bruders überzeugt sein. Und das macht mich stutzig.«

»Das ist alles?«

Captain Toby klang nicht mehr so sicher wie am Anfang.

Bount setzte sein gewinnendstes Lächeln auf.

»Nein. Akteneinsicht möchte ich noch ...«

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Bount Reiniger traf Dr. Jus Brumer in einer kleinen Bar am Union Square. Sie hätten beide nicht behauptet, dass sie einander besonders grün wären. Doch manchmal brauchte Reiniger eben auch die Hilfe eines ausgefuchsten Winkeladvokaten.

Brumer war trotz seines grauen Mausgesichts der ausgefuchsteste Wolf in der New Yorker Rechtsbeugungsbranche.

Der Anwalt strich durch das schüttere Haar und ließ sein rosa Zünglein über die fleischlose Unterlippe huschen. Er witterte eine satte Provision.

»In der Tat, eine schwierige Angelegenheit«, murmelte er. Beim Näseln zeigte er zwei leicht vorspringende Schneidezähne. Er war kein Mann des Wortes und der grandiosen Plädoyers, doch wenn’s darum ging, bestehende Gesetze zu durchlöchern wie ein Nadelkissen, dann kannte Reiniger keinen besseren Mann.

»Aber nicht unmöglich durchzuziehen«, fügte der famose Dr. Jus Brumer hinzu. »Darf ich noch mal rekapitulieren?«

Bount nickte.

Der Anwalt trank schon zur späten Vormittagsstunde Champagner, selbstverständlich auf Reinigers Kosten. Zudem standen ein paar Kaviarbrötchen vor ihm.

»Das Alibi von Miss Denver ist also bombensicher?«

»Bumssicher, würde ich sagen«, bestätigte Bount Reiniger. »Sie lag um die fragliche Zeit mit zwei Männern gleichzeitig im Bett Sie lebt schon seit Jahren nicht mehr zu Hause.«

Dr. Jus Brumer schnüffelte interessiert.

»Eine Nymphomanin oder nur ein besonders geselliges Wesen?«

»So nymphoman kann eine Frau gar nicht sein, dass Sie Chancen bei ihr hätten.«

Der Anwalt kicherte. Kränkungen prallten von ihm ab, wenn sie sich nicht zu Geld machen ließen. Und hier verhandelten sie ohne Zeugen.

»Könnten wir unsere persönlichen Animositäten nicht für eine Weile hinten anstellen?«, schlug er vor. »Ich hab Sie auch noch nie gemocht, Reiniger.«

»Danke für das Kompliment«, konterte Bount. »Doch Sie haben recht. Gehen wir endlich zur Tagesordnung über. Sie sehen also eine Chance, Graham Denver aus der Untersuchungshaft zu kriegen?«

»Die gibt’s immer. Alte Männer machen sich oft unbeliebt. Alte reiche Männer noch viel mehr. Nach dem, was Sie mir schilderten, wurde die Vernehmung des Personals sträflich vernachlässigt.«

Bount musste an den armen Toby denken. In diesem Punkt hatte er tatsächlich ein bisschen geschlampt und sich nur auf Sohn Graham konzentriert, der sofort nach dem gellenden Todesschrei des Greises sowohl von der Köchin als auch vom Butler oben auf der Balustrade beobachtet worden war, wie er in die Tiefe starrte. Eine Krankenpflegerin bezeichnete ihn zudem als einen chronischen Schürzenjäger, vor dessen Nachstellungen sie nie sicher gewesen sei. Der Sohn des Hauses habe sie sogar mehrfach um kleinere Beträge angepumpt.

Letzteres glaubte ihr Reiniger gern, die Angriffe auf ihre Tugend weniger. Da war wohl mehr der Wunsch die Mutter des Gedankens gewesen. Die Lady im weißen Kittel hatte erst nach mehrmaligen Appellen an ihre Wahrheitsliebe züchtig errötend die Zahl ihrer Jahre eingestanden.

Sie war fünfzig und als Betreuerin der Rollstuhlfahrerin Philipa Madrigan angestellt, einer Schwester der verstorbenen Frau des alten Jeremias. Dank eines Legates knabberte jene im Haus ihr Gnadenbrot, ging im Übrigen ihrem religiösen Tick nach und beichtete täglich imaginäre Sünden.

Der Doktor der Rechte gab sich ab sofort noch optimistischer. Beim Trinken tropfte etwas Pommery auf den Seidenschlips.

»Wie konnte man diesen armen jungen Mann nur festnehmen«, jammerte er genüsslich und schaute dabei schon auf die Uhr.

»Der Sachlage nach haben wir es hier mit mindestens drei weiteren Tatverdächtigen zu tun, wenn ich Missis Philipa wohl oder übel ausklammern muss. Doch für alle anderen werde ich die möglichen Mordmotive aus dem Ärmel schütteln, dass es nur so prasselt. Holen Sie Mister Denver junior in zwei Stunden in meinem Büro ab.«

»Ich werde mitkommen.«

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Dr. Jus Brumer brauchte dann zwar drei Stunden, auch belief sich der Blankoscheck für die Kaution - Bount hatte ihn vorsorglich mitgebracht - nur auf hunderttausend Dollar, doch das war schon happig genug. Und Captain Toby Rogers wusste noch gar nichts davon. Er war nach seiner unfreiwilligen Nachtschicht zu Bett gegangen. Es würde ein böses Erwachen für ihn werden, wenn er erfuhr, dass ausgerechnet sein Freund Bount Reiniger ihm den Haupttatverdächtigen aus dem Knast geholt hatte.

Bount nahm sich ganz fest vor, die nächsten Wochen nicht zufällig bei Toby im Büro aufzutauchen und ihn zu einer Akteneinsicht zu nötigen.

Graham Denver stieg zu ihm in den Wagen. Er wirkte übernächtigt und abgerissen. Im Normalzustand sah er vermutlich besser aus. Bisher hatte er noch kein Wort des Dankes verloren.

Das Mercedes Coupé rollte an. Reiniger reihte es in den Verkehr ein.

»Sie sind ziemlich stumm«, meinte er mit einem Seitenblick auf den Fahrgast.

Im Gegensatz zu seiner Schwester war Graham Denver blondgelockt, an der Brust ähnlich breit und trotzdem entschieden anders gebaut, maskulin athletisch nämlich.

Wenn labile Menschen sich überdies durch ein fliehendes Kinn auszeichnen, dann spottete das von Denver junior jeder einschlägigen Beschreibung Hohn. Denn das seine war durchaus männlich markant. Und wenn er zu viel soff, hatte zumindest seine Figur noch nicht darunter gelitten.

Männer wie ihn konnte man auf Tennisplätzen und den Sprungtürmen der öffentlichen Schwimmbäder begegnen.

»Ich habe meine Gründe«, meinte Denver düster und stierte durch die Windschutzscheibe. »Wo bringen Sie mich eigentlich hin?«

»Trautes Heim, Glück allein«, tönte Bount.

Der Blonde zuckte zusammen, schaute Reiniger erschrocken an.

»Himmel! Doch nicht in diese alte Burg an der Fifth Avenue!«

»Warum nicht?«

Da schwieg der Fahrgast wieder und verfiel in dumpfes Brüten zurück. Erst nach einer Weile bequemte er sich zu einer Antwort.

»Ich kann da nicht hin. Alle glauben sie, ich sei’s gewesen.«

»Waren Sie’s denn nicht?«

»Nein.«

»Sie stecken in Geldschwierigkeiten.«

»Was geht Sie das an?«

Bount Reiniger bog auf den Broadway ab.

»Einiges, würde ich meinen«, sagte er. »Ich will einem Kerl wie Ihnen nicht mit Fremdwörtern wie Ehre und so weiter daherkommen, aber etwas seltsam finde ich Ihr Verhalten schon. Ihnen ist doch bekannt, dass Ihre Schwester mich beauftragt hat, den wirklichen Mörder aufzustöbern.«

»Wir durften kurz miteinander telefonieren.«

»Wieso sind Sie dann nicht kooperativer?«

Graham Denver atmete tief durch. Sein Brustkorb dehnte sich, und Bount bemerkte, wie er dabei plötzlich schmerzhaft das Gesicht verzog.

Ob der gute Toby wirklich wusste, was da in seinen Verhörkellern so alles vor sich ging?

»Ich kann Ihnen nicht helfen«, behauptete Jeannys Bruder schließlich lahm.

»Beim Tütenblasen haben Sie gut abgeschnitten. Sie waren vergangene Nacht nicht betrunken.«

»Zum Teufel! Warum quält mich hier jeder mit Fragen, die ich schon x-mal beantwortet habe? Ich kam nach Hause, verhielt mich leise, um das Personal nicht zu wecken und wollte gerade in mein Zimmer, als ich den Schrei hörte.«

»Sie wohnen in derselben Etage wie Ihr Vater?«

Denver machte eine wegwerfende Geste.

»Wohnen nennen Sie das? Der alte Herr hat mir eine bessere Besenkammer zugewiesen.«

»Alle erzählen, wie schlecht Sie mit ihm standen.«

»Wir gingen uns aus dem Weg.«

»Trotzdem er wollte nicht, dass Sie in der Gosse enden.«

Der Blonde lächelte bitter. Die Bartstoppeln passten nicht zum zerrissenen Dinnerjackett.

»Dem alten Herrn ging’s einzig und allein um seine Ruhe. Ein Skandal in der Familie hätte die nachhaltig gestört«

»Er finanzierte Sie also auch, als Sie das eigene Vermögen so phänomenal verjubelt hatten?«

Zum erstem Mal schaute Denver Bount Reiniger richtig an. In seinem Blick schwamm Erstaunen.

»Hey, Mann! Das klingt ja ganz so, als seien Sie der Erste, der mir diese kleine Jugendsünde nicht verübelt.«

Bount hätte ihm jetzt sagen können, dass er ihn zum Kotzen fand. Doch ein bisschen Schauspielerei gehörte zu seinem Handwerk.

»Jeder hat seine Macken. Ich hab auch ein paar. Nur sind die meinen nicht so kostenintensiv.«

Jetzt grinste Denver.

»Es war eine feine Zeit« .

»Sie haben sich Ihren Leichtsinn in der Tat etwas kosten lassen«, warf Reiniger leichthin ein. »Zum Schluss sogar eine Mordanklage. Ihnen ist doch klar, dass die noch lange nicht vom Tisch ist.«

Das Grinsen gefror ihm auf den Lippen, doch der harte Zug in seinen Mundwinkeln verlor sich schon an der nächsten Kreuzung wieder.

Bount hatte die Abzweigung Zur 5th. Avenue erreicht. Er bog ein, doch Denver schien das gar nicht zu bemerken. Nach wie vor wirkte er geistesabwesend. Fast so, als interessiere ihn die Mordanklage erst in zweiter Linie.

Bount Reiniger blieb hartnäckig.

»Gearbeitet haben Sie mit Sicherheit noch keine Sekunde in Ihrem Leben. Werden Sie jetzt von Ihrer Schwester ausgehalten?«

»Von Jeanny?« Sein Lachen war womöglich noch galliger als vorher.

»Sie sind ein Scherzbold, Mister Reiniger. Von meinem Schwesterherz hab ich nie auch nur einen lausigen Cent bekommen. Sie sitzt auf ihrem Mammon wie die Glucke auf den Küken.«

Bount verbarg seine Überraschung nicht.

»Und wie erklären Sie sich dann, dass sie die Kaution spendierte?«

»Vorstreckte«, verbesserte Graham Denver. »Sie bekommt das Geld ja wieder zurück, wenn ich zur Verhandlung erscheine. Doch um Ihre Frage zu beantworten: Ich nehme an, sie tat das aus denselben Gründen, aus denen mir Dad ab und zu ein paar Scheine zusteckte. Sie will keinen Skandal.«

»Den haben wir doch schon.«

Der Blonde überlegte ein paar Sekunden.

»Sie befürchtet vermutlich einen noch größeren, wenn ich richtig auspacke. So mit allen Schikanen, wissen Sie?« Dann wieder dieses verhärmte Grinsen. »Sie will als die liebe Schwester dastehen, damit ich den Mund über gewisse Dinge halte, die wirklich Sache sind.«

»Und was ist Sache?«

»Sie sind zum Schweigen verpflichtet?«

»Nur soweit ich damit kein Offizialdelikt decke.«

»Hm. Von Mord und Totschlag aufwärts, meinen Sie.«

Er schüttelte den Kopf. »Das ist es nicht. In Ihrem Polizeijargon würden Sie unser früheres Verhältnis wahrscheinlich als ein inzestuöses bezeichnen. Brüderlein und Schwesterlein treiben es miteinander. Das ist zwar lange her, aber ich denke, dass auch das ein bisschen verbindet. Mit anderen Worten, wir kennen uns in und auswendig. Und wenn sie sagt, ich habe meinen Vater nicht ermordet, dann stimmt das. Auf ihre Art mag sie mich immer noch, wie ich sie übrigens auch. Sie hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass auch aus mir mal ein tüchtiger Mensch wird, ein Geschäftsmann. Sie würde mir unter Umständen sogar einen Kredit gewähren, doch leider weiß sie ganz genau, dass ich mit der Penunze nur bis ins nächste Spielkasino käme. Hab ich Ihre Fragen erschöpfend beantwortet, Boss?«

Bount kaute noch am Gehörten. Doch so verrückt sich Graham Denvers Argumentation auch anhörte, sie klang inzwischen durchaus plausibel in seinen Ohren.

Die Schnauze des SEL bohrte sich der Ecke 5th. Avenue / 68th. East entgegen.

Jeremias Denvers bescheidenes Stadtpalais hatte einen unverbauten Blick auf den Central Park. Allein das Grundstück war unter Brüdern schon seine acht Millionen Dollar wert.

»Fahren Sie weiter!«, drängte der Blonde.

»Ich bin eigentlich kein Taxi, und auch mit mir kommen Sie über Manhattan nicht hinaus. Ihr Bild hängt mittlerweile in jedem Revier und in jeder Mautkabine. Anders hätte selbst Brumer Sie nicht aus der Zelle geholt. Sie wissen doch hoffentlich, dass schon allein der Gedanke an Flucht zwecklos ist.«

»Leider«, brummte Graham Denver. »Andererseits bin ich vollkommen blank. Können Sie mir nicht ein paar Hunderter vorschießen, Reiniger?«

Bount fixierte seinen seltsamen Fahrgast. Jetzt hielt er ihn ebenfalls für keinen Mörder mehr.

»Ich setze sie Ihrer Schwester auf die Spesenrechnung.«

»Sie sind ein wahrhaft guter Mensch, Mister Reiniger.«

Bruderherzchen Graham Denver sagte das offenbar bar jeder Ironie.

Bount Reiniger setzte den Blonden schließlich vor einer kleinen Pension drüben an der Second Ave ab. Weil der East River besonders im Sommer bestialisch stank, waren die Zimmerpreise rigoros gepurzelt. Und kein Einwand kam von Denver.

Auf Bount wirkte er irgendwie fatalistisch. Fast wie einer, der gerade dabei ist, mit dem Leben abzuschließen. Doch nun konzentrierte er sich voll auf sein Büro und June.

Die March war schließlich eine Frau. Und Frauen wollten dann und wann gehätschelt werden.

Jeanny Denvers Strapse hätte er darüber fast vergessen, aber eben nur fast.

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June trug wieder einen ihrer Gürtel, von denen sie beharrlich behauptete, es seien Miniröcke.

Als Bount eintrat, sah sie von der Schreibmaschine auf, wo sie eben dem ehrbaren Gewerbe des Rechnungsteilens nachgegangen war. Ihr Schmollmündchen verformte sich dabei zu einem katzenhaften Lächeln. Wie Katzen halt so lächeln, wenn eine besonders appetitliche Maus vor ihnen auf dem Teller liegt.

»Toby hat gerade angerufen«, schnurrte sie heiter. »Ich soll dir bestellen ...«

»Danke«, wehrte Reiniger ab. »Brehms Tierleben hab ich schon mit zehn gelesen. Du brauchst mir den Text nicht herunterzubeten.«

Danach sah die March ein wenig enttäuscht aus, allerdings nicht lange.

»Er hat höflich darum nachgesucht, dass du dich in seinem Office meldest.«

»Bin ich ein Selbstmörder? Ist denn wirklich nichts Wichtigeres angefallen? Immerhin war ich fünf Stunden unterwegs.«

»Und vorher eine volle Stunde allein mit dieser schwarzen Schnalle in deinem Büro!«

Bount pfiff durch die Zähne.

»Ist der Scheck etwa nicht gedeckt?«

June dagegen biss die Zähne zusammen. In der letzten Zeit ließ sich der Chef immer seltener ärgern, und das brachte sie manchmal in Harnisch. Sicher, er durfte schon sein eigenes Sexualleben führen. Sie hielt sich da ja auch nicht zurück. Doch wahrscheinlich wurde ihr in diesen Tagen wieder einmal die Pause zu lang, und das machte sie dann unleidlich.

»Wollen wir nicht besser Frieden schließen?«, schlug Reiniger vor. »Ein Feind wie Toby Rogers reicht mir völlig.«

Danach berichtete er haarklein, was sich an diesem Vormittag ereignet hatte, denn erfahrungsgemäß beruhigte sich June dabei. Sie fühlte sich nicht länger übergangen. Obendrein steuerte sie anschließend nicht selten wertvolle Ideen bei.

So auch jetzt.

Den rechten Zeigefinger grüblerisch an das Stupsnäschen gelehnt, sagte sie: »Warum bist du eigentlich noch nicht auf den Gedanken gekommen, dass dieser Graham Denver ganz einfach in die Pfanne gehauen werden soll. Schau dir doch seinen Hintergrund mal an! Vielleicht findest du dort einen Ansatzpunkt.«

Bount beugte sich spontan vor und drückte June einen dicken Kuss auf die Stirn.

»Du bist ein Schatz, Mädchen. Klemm dich bitte sofort ans Telefon und finde über unseren Freund heraus, was nur herauszukriegen ist. Klappere deine Journalistenclique ab, zapf deine Quellen bei der City Police und dem FBI ah und sei überhaupt sehr rege!«

Sie sah ihn aus großen himmelblauen Augen an.

»Und was machst du inzwischen?«

»Ich lege mich ein Stündchen aufs Ohr. Vorschlafen. Ich hab da heute Abend noch ein kleines Date. Rate mal mit wem?«

»Mit dieser Schnalle etwa ...?«

Bount Reiniger sah zu, dass er aus dem Zimmer kam. Er schätzte es nicht, wenn ihm Schreibmaschinen ins Kreuz geworfen wurden.

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Später spulte die March den Bericht dann mit eisiger Miene ab. Hätte Bount es nicht besser gewusst, würde er sie für einen Import aus der Antarktis gehalten haben.

»Sonst noch irgendetwas? Anrufe? Aber nicht die von Toby Rogers.«

»Hoffentlich schickt er ein Rollkommando.«

»Sei nicht so genusssüchtig, meine Liebe! Also?«

Sie schaute auf den Stenoblock.

»Dieser Graham meldete sich auch selbst. Er sagte, er habe die Pension gewechselt, weil es entlang der ganzen verdammten Second keinen einzigen Spielsalon gäbe.«

»Dieser Narr!«

Hatte sich’s was mit Fatalismus.

Graham Denver betrat die Verliererstraße mit neuem Elan. Der Katzenjammer war nur von kurzer Dauer gewesen. Reiniger tat’s um jeden Cent leid, den er dem Blonden zugesteckt hatte.

»Er ruft wieder an«, flötete June mitten in Reinigers Wut hinein.

Auf einmal konnte sie auch wieder lächeln.

»Du sollst dir keine Sorgen machen. Er habe seine Lektion gelernt.«

»Miststück«, grüßte Bount und verließ das Büro, um die vierzehn Stockwerke in die Tiefgarage zu fahren.

Bount Reiniger steuerte seinen Schlitten nach Uptown Manhattan hinauf, wo Miss Jeanny Denver in einem vermutlich recht armseligen Penthäuschen in der Nähe des Fort Tryon Park residierte. Die Familie schien es überhaupt mit der schönen Aussicht zu haben, denn genau gegenüber befand sich »The Cloisters«, ein typisch amerikanisch mittelalterliches Bauwerk, zusammengestoppelt aus Originalteilen, die aus fünf verschiedenen europäischen Ländern stammten.

Ein wenig merkwürdig sieht es ja schon aus.

Bount ließ die Sehenswürdigkeit links liegen, denn die Denver wohnte rechts davon in einem neugotischen Apartmentsilo mit vielen verspielten Türmchen und Erkerchen und einem Portal aus Panzerglas. In dieser Gegend fand er sogar sofort einen Parkplatz.

Bount Reiniger blieb genau vor der Marmortreppe stehen. Und hinter dem Portal lauerte die unvermeidliche Sicherheitskraft, diesmal ein Bursche im Ranger Look.

Als Reiniger behände die Stufen erklomm, legte sich eine behaarte Pranke auf den glatten Stahl eines 45er Colts. Ein ausgesprochen finsterer Blick gloste ihm entgegen.

Dabei musste der Kerl doch bemerkt haben, dass Bount Reiniger auch nicht gerade in einer Sardinenbüchse eingetrudelt war. Bount versuchte es deshalb wenigstens mit einem entwaffnenden Lächeln, doch leider ohne jeden Erfolg. Die Pranke blieb, wo sie war, bis er in einer Mauernische einen Sensorknopf entdeckte. Herzlich drückte er den Daumen drauf, und nun endlich war auch der soziale Kontakt hergestellt.

»Wer sind Sie? Was wollen Sie?«, ertönte es im teueren Stereospund, doch die Mimik dieses Rangerimitats sagte ganz laut und deutlich: Hau schon wieder ab!

Reiniger blieb und sagte brav sein Sprüchlein auf, worauf der Bursche etwas zugänglicher wurde und ein paar unsichtbare Knöpfe bediente. Indessen konnte sich Bount schon mal überlegen, ob er für diese Lady als Einzelperson nicht zu wenig war, sonst blies er das Rendezvous besser wieder ab. Er verabscheute Zeugen beim Zeugen.

Bount Reiniger hatte Jeanny gleich nach Grahams Freilassung angerufen: »Soll ich ihn zu Ihnen bringen?«

»Alles andere! Nur das nicht!«, war ihre Antwort gewesen. Und dann weitaus freundlicher: »Aber Sie können gern vorbeikommen. Wie wär’s mit heute Abend?«

Fürwahr ein seltsames Geschwisterpaar, selbst für New Yorker Verhältnisse.

Und so stand er nun auf kaltem Marmor mit wärmen Gedanken.

»Warten Sie hier!«, schnarrte da die Stereostimme.

»Miss Denver kommt runter. Unter diesen Umständen können Sie Ihr Gangsterauto meinetwegen noch ’ne halbe Stunde stehenlassen.«

Bount war nicht überrascht. Im heimischen Fernsehen wurden Gesetzesbrecher der Güteklasse. A vorwiegend mit Luxusgefährten aus Good old Germany ausgerüstet.

Doch enttäuscht war er. Er hatte sich den weiteren Verlauf dieses Besuchs etwas anders vorgestellt.

Was musste dieses Weib auch in Strapsen zu ihm kommen! Dazu in schwarzen!

Er tröstete sich mit dem Gedanken, dass ja noch nicht aller Abende Morgen war, während der Zerberus hinter Glas weiterhin unsichtbare Knöpfe drückte.

Als nächstes legte Bount seine Züge wieder in die gewohnten Falten. Er stoppte sein einfältiges Grinsen samt der übrigen Vorfreude. Allmählich kam er wieder zu sich.

Danach machte er auf dem Absatz kehrt, ging zu seinem Stratosilbernen zurück und setzte sich hinters Steuer. Schließlich konnte er locker im Wagen warten.

Außerdem nahm er sich vor, dieser arroganten Lady höchstens fünf Minuten zu geben.

Wer war er denn? Ihr Lakai etwa?

Miss Jeanny Denver kam nach drei Minuten, und Reiniger fühlte, wie all seine guten Vorsätze, sich ab sofort cool und distanziert zu geben, über den Haufen purzelten.

Der Rückfall war ein totaler.

Plötzlich bekam er erneut Knopfaugen wie ein Teddybär. Sein Mund quetschte sich in die Breite, die Nasenflügel tremolierten, die Lider flatterten. Dazu engte ihn sein offenes, weites Hemd ein. Der Platz hinter dem Steuer wurde knapp und knapper, je näher sie seinem SEL kam.

Miss Jeanny Denver sah einfach umwerfend aus.

Das Geschoss, das dann ihren Oberschenkel traf, störte den Auftritt aber erheblich.

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Bounts Adrenalinproduktion kam nicht mehr zur Ruhe. Er sah Jeanny stürzen. Rote Lippen öffneten sich zu einem Schrei. Die Handtasche entfiel ihr. Sie griff sich ans Bein, während sie zusammensackte.

Knapp neben ihr spritzten Marmorsplitter durch die laue Nachtluft.

Irgendwann musste Reiniger den Motor angelassen haben. Jedenfalls lief er, und Bount trat aufs Gas. Zwei Tonnen Blech setzten sich ruckartig in Bewegung, kurvten mit beleidigt wimmernden Reifen auf den Bürgersteig und von dort weiter halb die Treppe hinauf.

Danach lag Jeanny wenigstens in Deckung.

Nun schien auch der Ranger in Aspik endlich mitgekriegt zu haben«, dass hier nicht alles mit rechten Dingen zuging. Eine Tonne Panzerglas surrte zur Seite.

Doch was machte dieser Volltrottel?

Auf Bount Reiniger zielte er!

Die Frontscheibe bekam ein hübsches Spinnwebenmuster, der Rückspiegel zersplitterte und gleichzeitig tat der Schütze aus dem Hinterhalt ausnahmsweise auch mal ein gutes Werk.

Der Uniformierte griff sich an die Schulter, die 45er schepperte zu Boden. Sein gestärktes Hemd mit den hübschen Klappen hatte jetzt einen Fleck. Der Mann torkelte ins Innere des Hauses zurück und verstand, seinem Gesichtsausdruck nach, die Welt nicht mehr.

Bount Reiniger verstand sie auch nur halb.

Tatsache blieb, dass hier soeben ein Anschlag auf seine Klientin verübt worden war und es somit nichts mehr würde aus einem netten Clinch. Sie waren immer gleich so pingelig in den Krankenhäusern und duldeten kein Duett im Einzelbett.

Ernsthaft schien Jeanny jedenfalls nicht verletzt, denn inzwischen quiekte sie wie zehn Ferkel.

Reiniger ließ sich seitlich aus dem Wagen kippen. Er rollte über die Schulter ab. Die Automatic klebte in seiner Rechten, der Finger lag am Abzug, der Daumen legte den Sicherungshebel um.

Dann sah Bount den Schützen. Einen blonden Mann mit athletisch breiten Schultern. Doch Bount sah ihn nur von hinten, denn der gestörte Meuchler begann gerade Fersengeld zu geben.

Seine Absätze klapperten über den Asphalt, doch Echo gab es hier keines. Es standen zu viele Bäume rum.

Der Mann flüchtete in Richtung Fort Tryon Park und Importkloster.

Bount Reiniger kam auf die Knie. Er streckte die Arme aus, legte an.

Zwei Feuerlanzen verließen den Lauf. Der Fliehende stockte kurz, humpelte dann weiter. Den linken Huf schleppte er nach, dieser arme Teufel. Und dann war die Entfernung für einen weiteren gezielten Schuss zu groß geworden.

Bount sprang auf.

Was tun?

Sich um Jeanny Denver und den nachgemachten Ranger kümmern, oder sich im dunklen Park verirren und womöglich selbst noch eine Kugel einfangen?

Reiniger entschied sich für ersteres und dachte kurz daran, dass er sich trotz allem noch glücklich schätzen durfte.

Captain Toby Rogers hatte hier oben in Uptown Manhattan nichts zu suchen. Deshalb störte ihn auch das Sirenengeheul im Moment nicht weiter. Er begrüßte es sogar.

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Zwei volle Stunden war Bount aufgehalten worden, zwei Stunden voller Behördenkram und Frust.

Bei Jeanny Denver reichte eine ambulante Behandlung. Sie hatte lediglich einen Streifschuss abbekommen.

Bount fuhr jetzt einen Leihwagen. Er tat es verwegen, weil er eine Wut im Bauch fühlte, eine fürchterliche.

Was mochte diesen Hundling von Graham Denver nur dazu gebracht haben, auf seine Schwester zu ballern? Die Sitten in diesem, seinem Lande verrohten von Tag zu Tag mehr.

Dank Junes fleißiger Recherchen wusste Bount einigermaßen, wo er diesen blonden Bastard suchen musste. Er bevorzugte Rothaarige und bestimmte Lokale, in deren Kellern und Hinterzimmern die Kugel rollte und mit Poker mehr Umsatz gemacht wurde, als in manchem Warenhaus der City.

Im »Babaloo« bekam er einen Tipp, und im »Target« sollte er schließlich fündig werden.

Die von außen unscheinbare Kneipe befand sich an der Peter Cooper Road in der Stuyvesant Town, einem verschachtelten Baukomplex aus den 50er Jahren.

Ein dreister Hund, dieser Graham Denver. Gleich um die Ecke war die Wasserschutzpolizei stationiert. Das Viertel galt als sicher und weitgehend frei von Mugglers und anderem Gesocks, mit dem die Sensationspresse der Stadt die meisten Schlagzeilen machte.

Im »Target« wurde offiziell gespielt. Der Stadtrat, dem der Club gehörte, besaß, welch ein Zufall, eine Konzession.

Dem Türsteher zeigte Bount diesmal die Lizenz, denn der Mann erinnerte ihn an den Kollegen aus dem Gotenblockhaus.

Schon aus diesem Grund wollte Reiniger sich das »Tip« ersparen, das Trinkgeld, ohne das in New York sonst überhaupt nichts geht.

»Schnüffler sind hier nicht erwünscht«, raunzte ihn der Knabe an.

»Wie lange glauben Sie, dass Sie noch erwünscht sind, wenn ich Councelor Cavendish erzähle, wie Sie Pfeife mit seinen Freunden umspringen?«

Dieser Tipp, es war schon mehr ein Wink mit einem Telegrafenmasten, half ungleich rascher als Bounts Ausweis. Die Tür sprang auf, als wäre dahinter eine starke Spiralfeder ausgelöst worden.

»Entschuldigen Sie, Sir. Ich ...«

»Geschenkt«, wehrte Reiniger gütig ab. Es konnte ja auch nicht jeder wissen, wer hinter dem Strohmann stand, der dem »Target« als Geschäftsführer diente.

»Ist Denver noch im Haus?«

»Sie wollen ihn sprechen, Sir?«

»Seh ich etwa schwul aus?«, fragte Bount Reiniger zurück. »Was denn sonst. Und am liebsten würde ich das in einem Raum tun, in dem wir ungestört sind.«

»Kennen Sie Mister Cavendish tatsächlich?«

»Wollen Sie wissen, wo seine junge Gattin ihre Muttermale versteckt? Oder reicht es, wenn ich Ihnen nur seine Schuhnummer sage.«

Damit hatte sich Bount als Insider wohl genügend ausgewiesen, denn von jetzt an gebärdete sich der Portier sehr devot.

Er übte sich sogar im Kotau.

Bei seiner tiefen Verbeugung musste er aufpassen, dass er mit der Stirn nicht die Kniescheibe lädierte.

»Wenn Sie mir bitte folgen würden, Sir?«

Er machte den zweiten Partner bei ihrem einsamen Gänsemarsch hinein in die ungeweihten Hallen. Sein Leithammel lotste ihn korrekt an den Untiefen der Würfel- und Black Jack-Tische vorbei. In einem Flur blieb er schließlich vor einer Tür stehen und wandte sich fragend um.

»Und wen soll ich Mister Denver meiden?«

»Erzählen Sie ihm eine aufgetakelte Rothaarige, die ihren Namen nicht nennen will. wartet auf ihn. Sie hat in den Abendblättern von seiner Freilassung gelesen und verspürt nun gewisse Sehnsüchte.«

Bount war zwar brünett, doch diesen kleinen Unterschied würde Denver jun. schon noch merken.

»Sie machen auch bestimmt keine Schwierigkeiten, Sir?«

»Ich habe ihnen doch die Lizenz gezeigt. Mein Job ist es, Schwierigkeiten aus dem Weg zu räumen. Ich will nur nicht, dass das halbe »Target« erfährt, dass ein Graham Denver einen Privatschnüffler bezahlt. Sie haben doch auch schon davon gehört, dass der gute Junge in finanziellen Schwierigkeiten steckt.«

Da nickte der Portier verständnisvoll, obwohl er bestimmt überhaupt nichts kapiert hatte, aber wer gibt sich schon gern eine Blöße.

Und als dann Bount doch noch mit einem Schein wedelte, hatte der Gute sämtliche Hemmungen erfolgreich überwunden. Er würde sich sputen und seinen Auftrag wortgetreu erfüllen.

Bount Reiniger sah sich im Zimmer um. Es roch leicht nach Parfüm, die passende Couch gab es in einer Ecke. Gegenüber stand ein Wägelchen mit Flaschen.

Bount verkürzte die Wartezeit mit einem Scotch.

Er nahm an, dass dieser Raum der Entspannung diente, wenn ein besonders heißes Spiel gelaufen und dem gestressten Zocker nach einer mit Weiblichkeit garnierten Pause war.

»Nein, den Namen nannte sie nicht«, klang es dumpf durch die Tür. Und dann recht vertraulich: »Aber Sie werden sie schon kennen, Sir ...«

»Worauf du Zyankali nehmen kannst«, knurrte Bount.

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Er stellte sich in den toten Winkel des Haupteingangs zu diesem Separee, denn es gab noch eine zweite Tür. Das Holz schwang auf und ein neugierig sich umblickender, frisch eingekleideter Blonder tat den ersten Schritt.

Das Holz schwang per Fußtritt wieder zu, und schon hatte Bount Reiniger Denver jun. hart am Kragen gepackt. Und weil sein Zorn über das verpatzte Rendezvous immer noch nicht ganz verraucht war, setzte er dem Jüngling die freie Faust gezielt auf die Nase.

Aus Denvers Augen rannen wahre Sturzbäche.

»Warden?«, brabbelte er zerquetscht. »Rust? Aber ...«

Reiniger drückte den Burschen an die Wand. Und weil es so schön gewesen war, transplantierte er seinen nächsten Hieb direkt in die Magengrube. Der Rothaarfetischist knickte in der Hüfte ein und rutschte mit einem gequälten Stöhnen auf die Knie. Sein Würgen dauerte Reiniger schließlich, und er ließ von seinem Attentäter ab. Mit gegrätschten Beinen und schwer atmend stand er über ihm.

»Na, du Lump? Hab ich dir etwa die Sprache verschlagen? Warum wünscht du mir nicht einen schönen Abend, wie sich das gehört? Also, Manieren sind das!«

Denvers Würgen hörte auf. Geknickt, wie er war, rollte er zur Seite und mit angezogenen Beinen auf den Rücken. Die Augen hörten auf zu tränen. Nur die Nase hatte sich noch nicht beruhigt. Sie sonderte weiterhin Flüssigkeit ab.

»W ... W... Reiniger ...?«, ächzte er da ungläubig von unten herauf, und auf einmal war es Bount, als habe er selbst einen Schwinger auf den Solarplexus bekommen. Schon wieder stimmte da was nicht.

»Hast du die heilige Jungfrau von Fatima erwartet?«, fragte er, doch seine Stimme klang bereits reichlich unsicher.

»O Lord!«

»Das ist ihr Onkel«, meinte Reiniger vage. »Wen hattest du denn erwartet?«

»O Lord!«

Bount schaute an sich hinunter.

»In meinem Pass steht was anderes.«

Ein dumpfes Gefühl, sinnigerweise ebenfalls in der Magengrube, beschied ihm, dass er wohl irgendwas falsch angepackt haben musste. Er streckte die Hand aus, ergriff die Rechte Denvers und half ihm zur Couch hinüber.

»Du warst heute Abend gar nicht am Fort Tryon Park ...«

»Nicht mal in meinen Alpträumen würde mir das einfallen.«

Graham Denver war weder an der Hüfte noch an irgendeinem seiner Beine verletzt. Eben hatte er noch prima damit zappeln können.

»Verdammich!«, entfuhr es Reiniger.

June Marchs Ratschläge fielen ihm wieder ein. Dazu gesellten sich noch die Notizen in seinem Gedächtnis, die er sich während des Abtransports aus der U-Haft gemacht hatte.

»Wer ist Warden?«, fragte Bount. »Und wer ist Rust?«

»Kann ich ’nen Drink haben?«

Bount Reiniger reichte ihm ein Kleenex. »Putz dir erst mal die Nase, du Ferkel!«

Dann schenkte er Graham einen Dreistöckigen ein, goss sich auch reichlich nach, zog einen Sessel zurecht und setzte sich dem Blonden gegenüber.

»Wie wär’s, wenn du mir endlich erzählen würdest, was bei dir persönlich eigentlich Sache ist?«

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Denver schnäuzte sich kräftig. Er war in einer blendenden Verfassung, denn das rote Tropfen hörte danach auf. Dann kippte er den Dreistöckigen, als habe ihm Bount Reiniger einen Fingerhut kredenzt.

»Noch mal, bitte.«

Weil Bount sich schuldig fühlte, gehorchte er.

»Und jetzt?«

»Ich will wissen, warum du mich Warden und Rust genannt hast.«

»Das ist eine längere Geschichte.«

Bount Reiniger verschränkte die Arme vor der Brust, lehnte sich zurück.

»Nur zu. Ich hab Zeit.«

»Ich reite mich nur noch tiefer rein, wenn ich Ihnen das erzähle.«

»Na gut. Dann betrachte dich ab sofort ebenfalls als mein Klient. Ich unterliege der Schweigepflicht. Schulden machen ist immer noch kein Offizialdelikt. Weht der Wind aus dieser Richtung?«

Der Blonde nickte bekümmert.

»Stormy Warden und Jeff Rust sind meine Schutzteufel, wenn Sie so wollen. Sie schlägern im Auftrag des Oberteufels Malcolm Jaggedy.«

Bei Bount klickten ein paar Relais. Dieser Name war ihm nicht unbekannt, natürlich nicht.

Wenn einer ständig mit der Unterwelt New Yorks auf Tuchfühlung bleiben musste, konnte ihm der Name nicht entgangen sein. Er war ein Begriff in gewissen Kreisen.

»Malcolm Jaggedy«, rekapitulierte Reiniger. »Achtunddreißig Jahre alt, weiß, Vater Engländer, Mutter Kanadierin, beide tot, vor zehn Jahren als kleine Made im Big Apple aufgetaucht, vorher noch in Ontario ein Studium der Wirtschaftswissenschaften abgebrochen. Keine Buchmachergeschäfte, kein illegales Lotto, kein Garnichts, mit dem einer ihm an den Karren fahren könnte. Er begann hier als kleiner Finanzmakler, machte sich bald selbständig und gilt inzwischen als der Kredit-Mörderhai von Manhattan. Alles richtig?«

Denvers Augen waren größer geworden.

»O verdammt!«

»Ich hab lediglich die Hausaufgaben gemacht.«

»Sie kennen ihn?«

»Irgendwie verkehren wir zwar in denselben Kreisen«, meinte Reiniger, »doch die Hände geschüttelt haben wir uns noch nie. Seine Flossen wären mir auch viel zu glitschig. Er hat dich also in der Mangel?«

Der Blonde schielte nach der Flasche. Bount ignorierte es.

»In der Mangel? In den Fängen hat er mich!«

»Zu welchen Konditionen leiht er aus?«

»Fünfzig Prozent die Woche.«

»Wow! Von dem könnten sogar die Banker noch was lernen. Ein schriftlicher Vertrag, mit dem Sie ihn festnageln könnten, existiert natürlich nicht?«

Die Frage war müßig, Bount sah es ein.

»Nein. Er arbeitet nach seinem eigenen System. Ich zum Beispiel lieh mir fünfundsiebzig Riesen von ihm und unterschrieb einen Schuldschein über hundertfünfzig. Fälligkeitstermin zwei Wochen darauf. Naja. Ich hatte ’ne Pechsträhne und konnte den Zaster nicht zurückzahlen. Da kreuzten seine beiden Zerstörer auf, schleppten mich zu ihm und zwangen mich, einen weiteren Schein zu zeichnen. Diesmal allerdings schon über dreihunderttausend Dollar.«

»Und deine Pechsträhne hielt an«, ergänzte Reiniger.

»So ist es. Gestern Abend hatte ich den Termin wieder mal überschritten, da tauchten Rust und Warden plötzlich auf und drehten mich durch den Wolf.«

»Ausgesprochen schwächlich siehst du nicht gerade aus. Hast du dich denn nicht gewehrt?«

»Wehren Sie sich mal, wenn Ihnen einer ’ne MPi vor den Nabel hält, der andere Sie an einen Baum fesselt und danach beide los dengeln.«

Bount leistete Toby Rogers im stillen Abbitte für seinen Verdacht. In den Kellern der Centre Street wurde wirklich nicht gefoltert.

»Sie gaben mir drei Tage Frist«, fuhr Graham Denver fort. »Die Schuldscheine sind formal betrachtet wohl in Ordnung. Nicht mal Ihr Brumer könnte daran rütteln. Und wer will diesem Bastard Jaggedy jemals nachweisen, dass ich den letzten und größten nur unter Zwang gegengezeichnet habe? Niemand schafft das!«

Denver jun. barg den Kopf in den Händen, die Ellbogen auf die Knie gestützt.

»Nun fang mal nicht gleich zu weinen an, Junge«, sagte Reiniger. »Als Kronzeuge gegen Jaggedy taugst du im Moment freilich nicht mehr als ein Softeis zum Dauerlutschen. Doch ich kann dir versichern, dass das Betrugsdezernat hinter dem Mann her ist, wie ein Ratterich hinter einer besonders geilen Rättin.«

Bount zog plötzlich die Stirn kraus.

»Haben die beiden dir während der Abwicklung ihrer Schocktherapie eine Möglichkeit aufgezeigt, wie du eventuell schnell an die dreihunderttausend Bucks kommst?«

Der Blonde schaute auf, blinzelte konsterniert, dann grub sich wieder dieses verhärmte Grinsen in seine Mundwinkel.

»Geben Sie’s auf, Reiniger! Ich habe meinen Dad nicht umgebracht. Eher wäre ich selbst gesprungen. Gründe dafür hätte ich schließlich genug. Dreihunderttausend sogar. Sie haben es offenbar immer noch nicht kapiert. Ist ja auch gar nicht so leicht zu begreifen für einen Außenstehenden. Aber so verquer die Familienverhältnisse zwischen uns auch sind, wir haben uns gemocht!«

»Ich fange gleich an zu heulen.«

»Sie sind ein Zyniker, Reiniger!«

»Ach was, steh auf! Die Konferenz ist beendet.«

Wie wahr.

Draußen vor der Tür dröhnte Captain Rogers elefantöses Organ.

»Aufbrechen, Leute! Aufbrechen! Dort drinnen müssen sie stecken!«

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Bount sah sich noch hektisch nach der zweiten Tür um, fragte sich nicht, wohin sie führen würde, da war es schon zu spät. Das Türblatt krachte ins Zimmer.

Zwei als kugelfeste Marsmenschen verkleidete Cops von der Razzia Squad zeigten die Läufe ihrer Maschinenpistolen.

Als sich nichts tat, zeigte sich auch ein hervorragender Bauch plus Hosenträger, kurz darauf ein qualmender Stumpen und nur wenig später ein Gesichtsausdruck, den Bount Reiniger nie vergessen würde. So ungefähr musste Hannibal ausgesehen haben, nachdem er seine Prozession über die Alpen absolviert hatte und vor Roms Toren stand. Vorausgesetzt natürlich, der punische Feldherr hätte zweieinhalb Zentner gewogen, wäre bei den New Yorker City Cops beschäftigt gewesen und auch sonst ein bisschen aus der Art geschlagen.

»Ha!«, trompetete Captain Toby triumphal hoch drei. »Dachtet ihr beiden Ganoven, ihr könnt mich verscheißern?«

Graham Denver sandte einen sprachlosen Blick hinüber zu Bount Reiniger. Bount wechselte einen verständnisinnigen zurück.

»Nimm die Hände auf den Rücken und lass dir die Handschellen anlegen, Old Boy! Bei diesem fetten Monster weiß man nie, wann es platzt.«

Hinter Rogers stürmten so viele weitere Einzelkämpfer ins Zimmer, dass ihm nicht einmal mehr Raum zum empörten Japsen blieb.

Gewehr- und MPi-Läufe klirrten unmelodisch gegeneinander.

»Reiniger!«

Ein Ruf wie Donnerhall.

Sämtliche beamteten Stadtguerilleros zuckten zusammen, nur Bount bewahrte Fassung.

»Ja?«, fragte er unschuldig in die plötzliche Stille hinein.

»Was liegt an?«

Rogers schnappte erneut nach Luft, bekam jedoch Rauch in die Speiseröhre und lief violett an.

Rotgesichtig war er schon hereingeplatzt.

Bount Reiniger klopfte ihm freundschaftlich auf den Rücken. Niemand hinderte ihn daran.

Schließlich gab’s kaum einen in der Mannschaft, der über ihrer beider konfuses Verhältnis nicht Bescheid gewusst hätte.

Manchmal vertrug sich dieses Pack, manchmal schlug es sich.

Warum also, zum Teufel, sollte dieser legendäre Bount Reiniger ihrem Boss nicht die Schulter tätscheln dürfen?

Selbst wenn Rogers dabei fast zu Boden ging.

Immerhin, das Husten hörte auf.

»Besser?«, fragte Reiniger fürsorglich. »Du siehst etwas unwohl aus. Vielleicht sollte ich den Gerichtsmediziner rufen. Was meinst du?«

»Chrrrchz.«

»Ich erzähl dir schon seit Ewigkeiten, du rauchst zu viel. Aber hast du jemals auf mich gehört?«

Bount und Rogers hatten ein verblüfft schweigendes Auditorium von fast einem Dutzend bis an die Zähne bewaffneter Cops. Vermutlich waren ihre bisherigen Razzias anders verlaufen.

»Du bist festgenommen!«, krächzte Rogers endlich.

»Weshalb? Wegen Vereitelung einer Straftat?«

»Chrrrchz?«

»Naja. Vor ein paar Sekunden wolltest du mich noch ermorden.«

»Das will ich immer noch!«

»Ein christlicher Tag ist das wieder«, meinte Bount und nickte den Razziosi zu. Die meisten erkannte er trotz der martialischen Maskerade.

»Bedient euch, Boys! Da drüben steht Schnaps. Der Massenmord ist abgesagt.«

Die ersten Visiere klappten schon zurück. Bald folgten weitere. Statt Waffen klirrten Flaschen.

Graham Denver hockte vergessen in seinem Winkel.

Die Frechheit hatte wieder mal gesiegt, wie sich das nach der Meinung Reinigers auch so gehörte.

»Reiniger, ich ...«

»Du darfst ab sofort wieder Bount zu mir sagen, alter Freund. Lässt sich in Frieden nicht alles besser besprechen?«

»Irgendwann bring ich dich tatsächlich um.«

Rogers jüngstes Gericht war vertagt. Er beugte sich der intellektuelleren Gewalt, und das konnte nur für ihn sprechen.

»Lass es mich früh genug wissen«, meinte Reiniger lapidar. »Damit ich einen Kranz bestelle. Und jetzt sollten wir Tacheles miteinander reden. Ich verbürge mich dafür, dass Mister Denver nicht abhaut und auch nicht mehr per Gerichtsbeschluss freigezwungen wird. Du kannst ihn haben. Sperr ihn ein in deine Zelle und pass gut auf ihn auf! Er könnte das Sprungbrett für deine nächste Besoldungsstufe sein. Oder hast du noch nie was von Malcolm Jaggedy gehört?«

Die Droge wirkte.

Rogers Teint wechselte von Lila auf Rosa zurück.

»Der Kredithai?«

»Aha. Es hat eingerastet, Mister Graham wird als Kronzeuge gegen ihn aussagen.«

»Dieser Mörder?«

»Gemach, gemach. Er ist keiner. Ich leg meine Hand dafür ins Feuer ...«

Reiniger stockte. Irgendwie kam ihm der Satz bekannt vor.

Als vor sein geistiges Auge plötzlich schwarze Strapse rückten, wusste er auch sofort wieder von woher.

Es geht eben nichts über ein gutes Personengedächtnis.

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»Wie viel hast du ihm gegeben?«

»Fünfhundert«, antwortete Stormy Warden wahrheitsgemäß. »Und zwanzig fürs Taxi.«

»Bist du übergeschnappt?«

Malcolm Jaggedy federte aus dem Drehstuhl hoch.

»Die Information war es wert, Boss. Sie betrifft uns unmittelbar. Außerdem steht der Portier vom ,Target‘ schon seit zwei Jahren auf der regulären Informantenliste.«

»Wir hängen da nicht drin, eh?«

»Gefährliches Gebiet. Der Schuppen gehört einem Bonzen aus der Stadtverwaltung. Unbestechlich. Er wird schon von der Mafia bezahlt.«

»Shit. Aber erzähl weiter!«

Malcolm Jaggedy setzte sich wieder.

»Dieser Denver war dort.«

»Welcher Denver?«

»Der bei Ihnen mit dreihunderttausend in der Kreide steht und den Jeff und ich uns gestern zur Brust genommen haben. Drei Tage Frist.«

»Ach der!«

»Eben.«

»Und? Was ist mit ihm? Vor ’ner knappen Stunde bin ich aus Vegas zurückgekommen. Wie sollte ich wissen, was hier inzwischen alles gelaufen ist? Du und Jeff seid für die normale Abwicklung verantwortlich. Die Termine standen fest. Also?«

Stormy Warden referierte eine halbe Stunde, immer wieder dadurch unterbrochen, dass Malcolm Jaggedy plötzlich eine immense Lust überkam, Zeitungsartikel zu überfliegen, statt einen Kontinent. Die Lektüre gefiel ihm nicht. Und noch weitaus weniger gefiel ihm, was der spitzohrige Portier des »Target« mitgeteilt hatte. Der Bericht endete ein paar Minuten vor dem Auftauchen jenes von June March so sehnlich erwünschten »Rollkommandos«.

»Dieser komische Bount Reiniger kennt jetzt Ihren und unsere Namen«, meinte Stormy Warden abschließend.

»Ja, ja. Ich kenne den seinen auch. Ein lästiger Kerl. Mit Denver komm ich klar, aber dieser Reiniger stört mich schon. Kein Spieler, keine Schulden, etwas vermögend sogar, einen Bungalow in Kings Point, einen kleinen Kajütkreuzer in der Manhasset Bay, dann noch hundert Quadratmeter Etageneigentum nahe dem Central Park.« Der smarte Malcolm Jaggedy schüttelte unwillig den Kopf. »No. Dieser Reiniger stört mich wirklich. Auf dem normalen finanztechnischen Weg lässt er sich nicht aus dem Verkehr ziehen.«

»Es gibt noch einen zweiten, Boss.«

»Ich weiß, ich weiß. Nur entspricht das nicht ganz meinem Stil.«

»Jeff und ich haben schon diesen oder jenen säumigen Gläubiger eliminiert.«

Jaggedy winkte ab.

»Um die Zahlungsmoral der übrigen Klienten zu festigen, natürlich. Aber wie soll ich das vorzeitige Ableben dieses Bount Reiniger verbuchen?«

»Mit einer hübschen Prämie für Jeff und mich«, schlug Stormy Warden vor. »Und einem sanften Gewissen unter Ihrem Ruhekissen.«

Malcolm Jaggedy legte die Finger an die heißen Schläfen. Die kalten Kuppen taten gut.

»Dein Vorschlag hat Hand und Fuß, Warden. Er gefällt mir trotzdem nicht.«

»Wieso?«

»Aus einem unguten Gefühl heraus. Ich möchte euch beide nur ungern verlieren bei dieser Transaktion.«

»Dürfen wir auch auf eigene Faust vorgehen, Boss?«

»Nein.«

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Bount verschmähte den Expresslift hinauf zu seiner Etage. Er wollte es gemächlicher angehen lassen. Langsam ausziehen, langsam unter die Dusche, einen langen, langen Drink hinterher und danach nichts als ab in die Heia.

Um Jaggedy wollte er sich morgen kümmern. Oder vielleicht auch erst übermorgen.

Nichts eilte mehr.

Die drei Tage Frist hielt er für entschärft, solange Graham Denver in Toby Rogers sicherer Obhut war.

Dann war da eben noch die Sache mit dem wahren Mörder.

»Eine Scheißgeschichte, das«, murmelte Reiniger.

Ungeniert gähnend trat Bount dem Korridor eins auf dem Teppich. Links das Büro, rechts sein Apartment, dahinter die Dusche, der Scotch und das Bett Es war drei Uhr früh geworden, Bount Reiniger rechtschaffen müde.

Schon beim zweiten Fummeln traf er das Schlüsselloch. Doch warum geisterte Lichtschein in der Diele? Reiniger zuckte zusammen, hellwach auf einmal wieder.

Seine Nebennierenrinde machte Überstunden. Das arme Luder musste heute ständig dieses Adrenalin in den Kreislauf pumpen. Er pflückte die 38er aus der Holster und fühlte sich danach auch nicht viel besser.

Machten ungebetene Besucher eigentlich Licht, wenn sie sich in fremden Wohnungen aufhielten? Oder hatte er es heute Abend nur brennen lassen? Und was roch da so fremd? Reiniger schnupperte.

Dior, stellte er sachkundig fest - Dior Promesse. Das Versprechen.

Das Parfüm kam ihm bekannt vor. Er fragte sich nur, was es in seinem Apartment zu suchen hatte. June benutzte in letzter Zeit nur »Happy Sin«. Ganz schön frech für ein Girl aus Minnesota. Ganz schön frech auch von Miss Jeanny Denver, einfach ungefragt bei ihm hereinzuschneien.

Und: Wann hatte diese Lady eigentlich ihren Kurs im Knacken von Türschlössern absolviert?

Nach dem Geruchs- und Gesichtssinn wurde nun auch noch jener aktiv, der fürs Hören zuständig ist. Aus seinem ureigensten Schlafzimmer schwebten Sphärenklänge a la Deuter herüber.

Und schon bekamen die Augen wieder etwas zu tun.

Auf dem Perser seines Wohnraums lagen zuerst ein paar hochhackige Pumps, dann ein Rock aus Goldlamee, schließlich noch ein Zobelcape, ein Nichts an schwarzer Bluse, zum krönenden Abschluss ein Seidenspitzenhöschen.

Bounts Gaumen wurde trockener noch als sein Humor. Das Wasser lief ihm erst wieder im Mund zusammen, als er einen vorsichtigen Blick auf seine Junggesellenwiese tat.

»Wozu brauchst du ’ne Kanone aus Metall?«, gurrte es aus seiner Heia. »Hast du nichts Besseres zu bieten?«

Sie lag mit weit gespreizten Beinen auf dem Rücken, rauchte aus einer langen Zigarettenspitze.

Auf dem Nachttisch stand ein Silberkübel mit kalifornischem Brut Royale. Und welch eine Freude! Sie hatte die hauchzarten Strümpfe und vor allem auch die Strapse anbehalten.

Dass sie auch noch einen Verband um einen Oberschenkel trug, bemerkte Reiniger erst rund zwei Stunden später. Da war er dann schon wieder müde, und die Strapse waren auch hinüber.

Trotzdem durfte Bount noch nicht ans Schlafen denken.

»Deine Dankbarkeit für die Lebensrettung hast du ja nun aufs Erfreulichste gezeigt«, meinte er.

»Eigentlich könntest du mich viel öfter retten«, sagte sie und rekelte sich schlangengleich.

Bount Reiniger hielt sich schnell an einer Zigarette fest, damit seine Hand nicht schon wieder auf Abwege geriet. Er war schließlich nicht aus Gusseisen.

»Reden wir ein andermal darüber«, schlug er vor. »Ich wollte dich zwar morgen ohnehin aufsuchen, aber so ist es mir auch ganz recht. Ich hab inzwischen über einiges nachgedacht.«

Miss Jeanny Denver setzte sich auf und bekam Kulleraugen.

»Was? Das auch noch? Erstaunlich!«

»Vorher, vorher«, wiegelte Bount Reiniger ab. »Du brauchst also keineswegs zu denken, du hättest kein volles Programm geboten.«

Zufrieden schnurrend legte sie sich wieder zurück und verschränkte die Arme unter dem Hinterkopf.

»Das klingt schon besser. Und noch eins. Deine Verhörmethode hat einen ausgezeichneten Eindruck auf mich gemacht. Verfährst du eigentlich immer so?«

»Nur bei den weiblichen Denvers«, zog sich Reiniger elegant aus der Affäre. Sollte sie doch denken, was sie wollte. »Einige Fragen hätte ich tatsächlich an dich.«

»Kann ich mir denken. Du hast vermutlich angenommen, Graham ist wieder mal der böse Bube. Doch der hat mit Sicherheit nicht auf mich geschossen.«

»Das ist mir mittlerweile auch klar.«

Bount Reiniger gab einen kurzen Abriss jener Ereignisse, die der Schießerei am Tryon Park folgten.

»Graham sitzt also wieder im Knast«, moserte die Schwarzhaarige.

»Diesmal zu seinem Besten«, wusste Bount. »Jaggedy hat einen schauderhaften Ruf. Du hättest deinem Bruder wirklich nicht aus der Patsche geholfen?«

»Wenn’s auf Leben und Tod gegangen wäre, meinst du?«

»Bei Jaggedy geht’s immer darum.«

»Ich weiß es wirklich nicht. Wahrscheinlich hätte ich ihm die Story gar nicht abgenommen. Er erfindet die haarsträubendsten Geschichten, nur um an anderer Leute Geld zu kommen.«

»Zum Beispiel?«

Sie grinste belustigt.

»Wenn er keinen einzigen Cent mehr in der Tasche hat, wendet er sich an den nächstbesten Narren und macht ihm beiläufig weis, er hätte mit seiner Schwester, also mit mir, früher mal ein inzestuöses Verhältnis gehabt. Die Leute sind dann meist so geschockt, dass sie’s gar nicht mehr bemerken, wie sie zur Brieftasche greifen. Aber Bount! Du wirst ja plötzlich rot ...!«

Sie lachte glucksend. In Gedanken, und real mit den Zähnen knirschend, reduzierte der sonst so clevere Bount Reiniger Jeanny Denvers Spesenrechnung um 1000 Dollar.

Dabei stand er auf, schlüpfte in seinen Bademantel und brannte sich zu seiner ersten Zigarette versehentlich noch eine zweite an.

»Solche Burschen morden nicht, du hast recht. Fragt sich nur, was die Geschworenen über die Sache denken. Solche Tricks lassen ihn nicht eben sympathischer erscheinen.«

Da wurde auch sie wieder ernst. Sie zeigte es damit, dass sie nach dem Bettlaken griff.

Sie musste es vom Boden aufklauben.

»Also bleibt’s dabei: Du suchst weiter nach dem Mörder unseres Vaters.«

»Yeah.«

»Gut. Dann ist wenigstens dein Honorar gut angelegt. Ich hasse Fehlinvestitionen.«

»Ich auch, meine Liebe. Dieser ganze verflossene Tag war schon eine.«

»Würdest du so freundlich sein und die letzten zwei Stunden davon ausklammern?«

»Dein Wunsch sei erfüllt«, erklärte Reiniger großmütig. »Wann bist du zu Hause ausgezogen?«

»Ach! Jetzt geht’s weiter mit dem Verhör?«

Bount schenkte einen Bourbon ein. Der kalifornische Brut Royale war nicht seine Marke. Jeanny hatte die Flasche angeschleppt.

»Das hat schon begonnen, als ich zu dir ins Bett stieg«, behauptete Reiniger dreist. »Ich muss mich in euer Familienleben einfühlen. Und dieser Weg erschien mir nicht als der schlechteste. Tatsache ist nun mal, dass du inzwischen auch Angst bekommen hast, sonst wärst du nämlich nicht hier. Wie du hier hereingekommen bist, darüber sprechen wir noch.«

»Das war einfach«, unterbrach sie ihn. »Ich ging in das Büro des Hausmeisters, habe nach jemandem gefragt. Dabei ging mir die Bluse auf. Ich behauptete, da müsse wohl eine Brosche abgesprungen sein, aber ich glaube, er hörte gar nicht richtig zu. Immerhin könnte ich den guten Mann überreden, nach der Brosche zu suchen. Dann klaute ich den Schlüssel vom Brett. Es hingen zwei Stück von der Sorte dort. Wahrscheinlich sucht er immer noch nach meiner Brosche.«

Es gelang Reiniger, Jeanny aus dem Haus zu bringen, ohne dass die March etwas davon merkte.

Er machte das jetzt schon zum zweiten Mal in den letzten vierundzwanzig Stunden. Das war keine Glanzleistung von ihm, das konnte er nun wirklich nicht viel auf der Habenseite buchen.

Die Lady saß jetzt neben ihm im Wagen.

Die Ahnung von gestern hatte Reiniger nicht getrogen. Sie sah weitaus frischer aus als er.

»Muss ich denn da wirklich hin? «

»Du hast deinen Vater doch hin und wieder aufgesucht.«

»Selten.«

»Aber es macht mehr her, wenn ich dich dabei habe, solange Graham eingebuchtet ist, bist du doch der Boss.«

Sie schürzte sehenswert die Lippen.

»Wird wohl so sein. Trotzdem ist mir nicht wohl dabei.«

»Das verlangt ja auch niemand«, meinte Reiniger und steuerte wieder einmal die Ecke 5th Avenue / 68th. an. Doch diesmal wollte er nicht vorbeifahren.

Die Tatortbesichtigung war angesagt.

Und die Leute wollte er sich anschauen, die mit ihren Aussagen den Graham so mächtig eingetaucht hätten.

Den Butler, die Köchin, die Krankenschwester.

Vielleicht lohnte es sich auch, ein paar Worte mit der alten Philipa Madrigan zu wechseln.

Bount stellte den Wagen auf dem Bürgersteig ab, obwohl Jeanny ihm gedeutet hatte, er könne in den Innenhof fahren. Doch die Prozedur war ihm zu kompliziert.

Er ließ die junge Frau vorausgehen. Ihre Strümpfe rutschten ein Bisschen, aber Bount Reiniger hätte June March aus naheliegenden Gründen nicht um einen Ersatzstraps bitten wollen.

Jeanny läutete.

Von außen machte das Haus nicht viel her. Es glich vielen anderen in dieser Straßenzeile.

Bemerkenswert war der Mangel an jedweden Geschäften und Bars, obwohl die berühmte Madison Ave nur rund hundert Yard entfernt lag.

Die Herren und Damen Millionärs wollten hier wie anderswo unter sich bleiben.

Nach dem dritten Klingeln wurde geöffnet.

Bount Reiniger staunte schon nicht mehr darüber, dass er sich plötzlich einem waschechten Butler gegenübersah. Nur hieß er nicht James.

»Hallo, Henry«, grüßte Jeanny das Faktotum in schwarzen langen Hosen und schwarzweiß längsgestreifter Weste. Ein grauer Backenbart wuchs vor den Ohren vorbei von der Glatze herunter und war in Kinnhöhe fesch nach außen gezwirbelt. Die blasierte Mimik, die vom ständigen Rümpfen deformierte Nase und ein imposantes Doppelkinn unter einem winzigen richtigen passten perfekt dazu.

Die buschigen Brauen hoben sich unmerklich.

»Sehr erfreut, Madam«, näselte er, trat dann zurück und behandelte Bount Reiniger wie schlechte Luft. Dabei verzog der befrackte Gent in den mittleren Fünfzigern keine Miene.

Er sah vermutlich immer so aus. Well, er musste mit diesem Gesicht leben.

Reiniger beneidete ihn nicht darum. Der Hutständer in seinem Büro gefiel ihm besser.

Als hätte sie seine Gedanken erraten, drehte Jeanny sich um und sagte grinsend: »Nein, nein, Bount. Hier wird nicht gerade ein Film gedreht. Ich denke, dass Henry schon in diesem Affenjäckchen zur Welt gekommen ist.«

Wenn Graham dem Personal gegenüber dieselben Sprüche am Leib gehabt hatte, war’s kein Wunder, dass die Leute ihn nicht mochten.

Butler Backenbart behielt die stoische Miene eisern bei. Kein einziger Muskel zuckte.

Vermutlich war er eine in sich gefestigte Insulanerpersönlichkeit, den diese kulturlosen amerikanischen Kolonisten höchstens eines konnten, doch das gleich kreuzweise.

»Wenn Sie mir bitte zu folgen belieben, Madam.«

»Hab ich denn gesagt, wo ich hin will?«

Nun stellte Bount das erste Mal eine gewisse Reaktion bei dem Mann fest. Ihm war, als würde kurz ein Ausdruck der Hilflosigkeit, ja des Schmerzes über seinen ansonsten glattrasierten Teint huschen.

Sofort revidierte Reiniger den ersten Eindruck.

Er hatte es nicht mit einem lebenden Denkmal des britischen Empire zu tun, sondern mit einem lebendigen Wesen, das auch Gefühle kannte. Jeanny jedoch schien immun gegen derartige Eindrücke zu sein. Doch war sie andererseits auch ehrlich gewesen: »Ich hab mit meinem Alten noch nie viel am Hut gehabt. Als Kind sah ich ihn seltener als ’nen Onkel. Wie sollte sich da Zuneigung entwickeln?«

Das erklärte dem Amateurpsychologen Reiniger freilich manches, auch die vergangene Nacht.

»... arbeitet in meinem Auftrag, Henry«, sagte die junge Frau gerade. »Er kann sich überall frei bewegen. Beantworten Sie bitte auch seine Fragen. Letzteres gilt auch für Lizzy und Miss Krugenheim.«

Henry deutete eine Verbeugung an.

»Sehr wohl, Madam.«

»Mylady«, hätte besser zu ihm gepasst, doch das war Ansichtssache.

Auch hielt er Jeanny vermutlich für alles andere, nur nicht für eine Lady.

Nach seinen allerletzten Erfahrungen konnte ihm Bount in diesem Punkt nur beipflichten.

Myladys legten sich in der Regel Zurückhaltung auf, doch seine Klientin war weit entfernt davon. Sie kümmerte sich um Konventionen eben so viel wie um das Wetter vom vergangenen Jahr.

»Ich schaue inzwischen mal auf einen Sprung zu Tante Phil hinein«, sagte sie und fügte hinzu: »Sie brauchen mir den Weg nicht zu zeigen. Auch wenn Sie ein Fossil sind, alter Knabe, gewiss haben Sie noch nicht vergessen, dass ich in diesem Kasten aufgewachsen bin.«

Damit verschwand sie mit wirbelndem Rock und wehenden Zobelcapeschößen und ließ Bount Reiniger mit dem Butler allein in der Empfangshalle.

Bount Reiniger war peinlich berührt.

»Sie muss früher ein sehr lebhaftes Kind gewesen sein«, meinte er, doch Henry schwieg.

Bount verfiel nun nicht in den landestypischen Fehler und haute dem angejahrten Knaben auf die Schulter oder machte auf jovial. Er wusste etwas Besseres.

»Sie haben den alten Herrn gemocht, nicht wahr ...?«

Ein Ruck ging durch das Faktotum. Wie an Fäden gezogen, wandte er sich Bount zu. Die Überraschung in seinem wasserhellen Blick war echt. Er zog die Unterlippe unter die oberen Schneidezähne, die Mundwinkel senkten sich noch mehr. Auf der Stirn formierten sich die Falten zu zerknüllter Wellpappe.

Bount Reiniger hob die Schultern, ließ sie wieder fallen. In einer Geste der mitfühlenden Hilflosigkeit kehrte die Handinnenflächen bei gestreckten Armen nach außen.

»Ist doch so, hm? Und seien Sie bitte versichert, dass ich das absolut nicht lächerlich finde. Im Gegenteil, die Trauer ehrt Sie.« Bount hatte den richtigen Ton getroffen, um den Panzer des Butlers zu knacken.

Der Mann räusperte sich. Er war verlegen und hatte sichtlich Probleme damit, wie er diesen primitiven Ami im hellbeigen Sommeranzug nun einordnen sollte.

Bount Reiniger gab ihm keine Hilfestellung. Butler Henry musste schon allein damit fertig werden, dass es auf diesem exotischen Kontinent ebenfalls Leute gab, die sich noch den Luxus menschlicher Empfindungen erlaubten.

Reiniger lächelte schmal. Es sollte aufmunternd wirken.

Aus der Reserve musste dieser wackere Diener seines Herrn nun schon von allein kommen. Bount hatte genug gelockt. Und das richtige Mittel gewählt.

Ein weiteres Räuspern. Ein neuer Ausdruck in den Augen.

»Reiniger heißen Sie? Mister Reiniger?«

»Wenn es beliebt, Sir?«

»Bitte, nennen Sie mich nicht Sir.«

»Ich wollte Sie nicht in der Berufsehre kränken, glauben Sie mir. Doch für mich sind Sie nun mal einer.«

Butler Henry machte alle Anstalten, Bount Reiniger künftig aus der Hand zu fressen.

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16

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Der dunkelbraune Dodge stand nicht weit von Bounts Leih-Chrysler entfernt. Stormy Warden saß am Steuer, Jeff Rust neben ihm. Die Bazooka lag im Kofferraum, ein paar Handgranaten tummelten sich in einer Plastiktüte von Macy’s. Versteckt unter einer Wolldecke warteten im Fond eine israelische Uzi und eine tschechische Skorpion auf den Einsatz. In den Schulterholstern der Killer steckten eine Luger Parabellum und eine Walther PPK.

»Aber der Boss hat’s doch verboten«, meinte Rust.

»Mir geht's nur um meinen Hals«, beschied ihm Warden. »Er zieht im Fall der Fälle den seinen sowieso aus der Schlinge, unser Mister Malcolm Jaggedy.« Die Bitterkeit in Wardens Stimme war unüberhörbar.

Seit acht Uhr früh hatten sie vor dem Bürotower in der 54th. West gewartet. Um neun war dieser Rabe namens Reiniger schließlich aufgetaucht, und das auch noch mit einer Superkatze im Schlepp. Warden würde nie so ein Weib an Land ziehen, das wusste er.

Sein anfangs lediglich auf Grund der Logik erfolgter Entscheid, diesen gefährlichen Mann auszuschalten, hatte damit auch noch die emotionale Unterstützung erfahren.

Jeff Rust fand sich noch nicht mit dem Alleingang ab.

»Ich weiß nicht«, wandte er ein. »Nur weil der unsere Namen jetzt kennt, müssen wir ihn deshalb gleich umnieten? Was will der uns schon nachweisen?«

»Du weißt wirklich nichts, Amigo. Der Bursche da, dieser Reiniger, ist eine ganz große Nummer. Er ist schon diversen Leuten auf die Zehen getreten. Wenn der mal das Ende eines Fadens findet, dann nimmt er ihn, stößt auf ’nen Knoten und dröselt ihn auf, bis er Leute wie unsereins am Wickel hat. Er schaffte es schließlich auch, Denver aus dem Knast zu holen.«

»Hm«, brummte Jeff Rust, nicht vollkommen ohne alle Entrüstung. »Dieser Vatermörder!«

Stormy Warden schaute zur Seite.

»Spinnst du?«, sagte er schließlich. »Dem Kerl blieb doch gar nichts anderes übrig, so wie wir ihm unten in der Bowery die Daumenschrauben angesetzt haben. Hat eben keinen anderen Ausweg mehr gesehen. Doch lassen wir das. Ist das Geschäft vom Boss.« Da kicherte er auf einmal rissig, »Die dreihunderttausend kriegt er nie.«

»Was kümmert uns das? Wir tun nur das, was er sagt«

»Da sind wir schon beim zweiten Punkt.« Stormy Wardens Studentengesicht wurde wieder ernst. Erst fünfundzwanzig Jahre war er alt, der Dodge Driver.'

Unter den Fittichen einer Streetgang groß geworden, beherrschte er seinen jetzigen Job aus dem Effeff, doch unterschied ihn etwas Wesentliches von seinen früheren Kameraden. Er hatte statt zu Drogen zu Büchern gegriffen und sich dadurch eine Halbbildung angeeignet, auf die er nicht wenig stolz war und mit der er auch immer wieder seinem Partner gegenüber glänzte.

Jeff Rust Blond. Ein einfaches Gemüt mit dem Gehirn in den Fäusten. Der dreißigjährige, untersetzte Ex-Dockarbeiter fügte sich dem Jüngeren. Bisher hatte auch immer alles prächtig geklappt. Doch jetzt kratzte er sich am viereckigen Kinn.

Details

Seiten
300
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738919592
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v424163
Schlagworte
zwei franc helgath krimis drei tage frist/ein yuppie amok

Autor

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Titel: Zwei Franc Helgath Krimis: Drei Tage Frist/Ein Yuppie läuft Amok