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Zwei Alfred Bekker Krimis - Das Drachen-Tattoo/ Der Brooklyn-Killer

2018 300 Seiten

Leseprobe

Zwei Alfred Bekker Krimis - Das Drachentattoo/ Der Brooklyn-Killer

Alfred Bekker

Published by Cassiopeiapress/Alfredbooks, 2018.

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Das Drachen-Tattoo

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Thriller von Alfred Bekker

Der Umfang dieses Buchs entspricht 140 Taschenbuchseiten.

Mitten in der Stadt wird ein Geldtransporter von maskierten und stark bewaffneten Gangstern überfallen. Nicht der erste Überfall in dieser Art. Doch diesmal werden die Fahrer ermordet, obwohl sie keinerlei Gegenwehr zeigten.

Die Ermittler versuchen herauszufinden, wer hinter den Überfällen steckt und erleben eine große Überraschung... Der Schlüssel zur Auflösung des Falls ist ein Drachen-Tatoo...

Alfred Bekker ist ein bekannter Autor von Fantasy-Romanen, Krimis und Jugendbüchern. Neben seinen großen Bucherfolgen schrieb er zahlreiche Romane für Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton reloaded, Kommissar X, John Sinclair und Jessica Bannister. Er veröffentlichte auch unter den Namen Neal Chadwick, Henry Rohmer, Conny Walden und Janet Farell.

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress E-Book

© by Author

© 2015 der Digitalausgabe by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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1

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Was ist das denn hier? Die rote Welle?“, knurrte Jack Dimaglia, einer der beiden Wachleute in dem gepanzerten Geldtransporter der Firma Telso Security Ltd., als sein Kollege Donald Wrexler an der Kreuzung Amsterdam Avenue/ 57th Street East auf die Bremse trat.

Die Ampel war soeben auf rot gesprungen. Jack Dimaglia blickte auf die Uhr an seinem Handgelenk.

„Meinst du, wir schaffen es noch, unsere Tour bis zur Football-Übertragung zu Ende zu bringen, Don?“

In diesem Augenblick gingen bei dem vor ihnen wartenden Van die Türen auf und mehrere Maskierte sprangen heraus. Sie trugen Kampfanzüge der Army. Die Gesichter waren mit Sturmhauben bedeckt, die nur die Augen freiließen.

Auch aus einer auf der rechten Spur positionierten Limousine sprangen jetzt vier Männer heraus und gingen in Stellung. Ein Dutzend Mündungen waren auf den Telso-Transporter gerichtet.

„Ich glaube, wir werden es nicht mehr schaffen, Jack“, murmelte Donald Wrexler grimmig zwischen den Zähnen hindurch.

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Per Knopfdruck betätigte er ein Alarmsignal, das über Funk an das nächste Revier des New York Police Department übermittelt wurde.

Einer der Gangster bedeutete den Insassen des Telso-Transporters mit einer eindeutigen Geste, dass sie den Wagen zu verlassen hätten.

„Diese Idioten! Darauf können die solange warten, bis die Cops kommen!“, knurrte Jack Dimaglia, während sein Kollege mit einem Police Lieutenant sprach.

Ein paar Minuten maximal. Dann würden die Cops in Mannschaftsstärke hier auftauchen, eventuell sogar unterstützt durch Spezialeinheiten wie die Bank Robbery Squad. Wrexler gab durch, um wie viele Täter es sich handelte und wie sie bewaffnet waren.

Hundertmal hatten sie das geübt – und jetzt war der Ernstfall.

„Der Wagen ist gepanzert“, berichtete Dimaglia außerdem.

„Dann brauche ich Ihnen ja wohl nicht zu sagen, dass Sie unter allen Umständen im Transporter bleiben sollten“, wies der Police Lieutenant sie an. Sein Name war Dave Kranz. Er versprach, dass sämtliche in Reichweite befindliche Kräfte sich sofort zum Tatort begeben würden - inklusive eines Polizei-Helikopters.

„Ich hatte es heute Morgen schon im Gefühl, dass irgendetwas schief gehen würde!“, meinte Jack Dimaglia. Der Klang seiner Stimme vibrierte leicht und verriet damit, wie es in ihm aussah.

Dimaglia und Wrexler waren mit kurzläufigen Revolvern vom Kaliber .38 der Firma Smith & Wesson ausgerüstet, die vor einigen Jahren noch die Standardwaffe der New Yorker Polizei und des FBI gewesen war, ehe sie durch moderne Pistolen mit größerer Feuerkraft abgelöst wurde. Aber gerade bei privaten Security Services war dieser Revolver aufgrund seiner einfachen Bedienbarkeit und der großen Zuverlässigkeit immer noch hoch im Kurs. Schließlich handelte es sich bei den eingesetzten Wachleuten zumeist nicht um Männer und Frauen, die über eine ähnlich lange und intensive Ausbildung verfügten, wie dies beim DFBI oder der City Police der Fall war.

Dimaglia zog seinen 38er aus dem Holster und überprüfte die Ladung. Er hatte in den fünf Jahren, die er nun schon als Wachmann für Telso Security arbeitete, die Waffe noch nie benutzt – und diesmal sprach eigentlich auch nichts dafür, dass es dazu kommen würde. Der Transporter war gepanzert. Auch wenn die Bande einfach das Feuer eröffnete und einen wahren Kugelhagel auf die Frontseite mit der Fahrerkabine eröffnete, blieben die Insassen unversehrt.

Das Panzerglas der Frontscheibe war so beschaffen, dass es auch großkalibrige Projektile sicher auffing.

Sechs Überfälle hatte es in letzter Zeit auf die Wagen von Telso Security unternommen. Den Wachmännern war dabei nur in  zwei Fälle etwas passiert. Diese Überfälle waren begangen worden, als der Wagen be- oder entladen wurde und die Kollegen dementsprechend schutzlos gewesen waren.

Aber solange sie in der Kabine blieben, waren sie sicher.

Zumindest sagte sich das Jack Dimaglia immer wieder. Er hatte eine Frau und zwei kleine Kinder, Zwillinge. Die beiden waren erst vor wenigen Monaten geboren worden und Jack war heil froh gewesen, endlich den Job bei Telso bekommen zu haben.

Gut bezahlt wurden die Security Guards dort zwar nicht und es war sicher auch ein gewisses Risiko dabei. Aber für Jack Dimaglia war es die erste feste Anstellung seit längerer Zeit und so war er froh gewesen, überhaupt etwas gefunden zu haben, was ihm einigermaßen krisensicher erschien.

Die Gedanken rasten nur so durch seinen Kopf. Er dachte an seine Frau und seine Kinder und das Football-Spiel, das er jetzt wohl mit Sicherheit versäumte, gleichgültig was noch geschehen würde. Das alles vermischte sich in diesen Sekunden zu einem Strudel aus unzusammenhängende Eindrücken – bis ein Schock diesen Zustand abrupt beendete.

Jack Dimaglia erbleichte, als er in die Mündung der Bazooka blickte, die einer der Maskierten in Stellung gebracht und auf die Frontscheibe ausgerichtet hatte.

Gegen so ein Geschoss gab es keine Panzerung.

Einen kurzen Moment lang fragte sich Jack Dimaglia, wieso die Täter nicht einfach eine Sprengladung an der Hintertür des Transporters angebracht hatten. Mehrere der letzten Überfälle waren so verlaufen. Die Wachmänner hatten unterdessen in ihrer Kabine ausgeharrt, während es hinter ihnen geknallt hatte.

Davon, dass die Hintertüren der Telso Security-Transporter jetzt gegen Sprengstoff besonders geschützt werden, konnten die Gangster eigentlich nichts wissen...

Eigentlich...

Wieder erfolgte eine eindeutige Geste.

Jack Dimaglia und Donald Wrexler hatten überhaupt keine andere Wahl – wollten sie nicht riskieren, von der abgefeuerten Bazooka in Stücke gerissen zu werden.

Panzerglas schützte in diesem Fall nicht.

Zögernd öffnete Donald Wrexler die Tür.

Einer der Bewaffneten zog ihn aus der Kabine. Dann war Dimaglia an der Reihe. Auch er wurde grob ins Freie gezerrt und sofort entwaffnet.

Aber mit einem 38er Special war man, was die Feuerkraft anging, ohnehin der moderneren Bewaffnung dieser fast militärisch organisierten Bande hoffnungslos unterlegen.

„Aufmachen!“, rief einer an Dimaglia gewandt.

„Mach schon, Jack, wir haben keine andere Wahl“, raunte Wrexler ihm zu.

In der Ferne heulten die Polizeisirenen.

Jack Dimaglia spürte eine Pistole an der Schläfe. Der Kerl atmete schwer und schien ziemlich nervös zu sein. „Aufmachen!“, zischte er.

Jack Dimaglia ließ sich das nicht zweimal sagen. Der Maskierte schob ihn mit der Waffe im Anschlag vor sich her. Ein anderer Gangster führte Wrexler mit sich und stieß ihn voran.

Dimaglia nahm seinen Schlüsselbund vom Gürtel und öffnete die besonders gesicherte Hecktür des Transporters.

Zwei Maskierte sprangen ins Innere des Wagens. Eine kleine Sprengladung öffnete ein weiteres, weniger stabiles Schloss.

Der Kerl, der Jack Dimaglia die Waffe an die Schläfe gesetzt hatte, hielt seine Automatik die ganze Zeit über auf den Wachmann gerichtet. Die Arme waren dabei ausgestreckt. Der Ärmel der Army-Jacke im Tarnfarben-Look waren dabei ein paar Zentimeter hoch gerutscht.

Eine Tätowierung wurde am Unterarm sichtbar.

Es handelte sich um einen zweiköpfigen Drachen.

Das Maskierte bemerkte Jack Dimaglias stieren Blick. Dimaglia schluckte. Der Maskierte drückte plötzlich ab. Getroffen sank Dimaglia zu Boden. Regungslos blieb er liegen.

„Hey, bist du verrückt!“, schrie einer der anderen Maskierten.

In heller Panik versuchte sich Wrexler im selben Moment loszureißen. Der Maskierte, der schon Dimaglia erschossen hatte, streckte auch ihn mit einem gezielten Schuss nieder.

Ein Maskierter mit einer Uzi im Anschlag ging auf den Mörder zu und stieß ihn grob an. „Was soll das, du Idiot?“

„Der Kerl hatte mich erkannt!“

„Wie denn? Du tickst doch nicht mehr richtig!“ Er deutete auf den offen stehenden Transporter. „Alles, was wir an Geldbomben-Kassetten und so weiter greifen können, wird mitgenommen und dann nichts wie weg!“

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Milo und ich waren unterwegs, um einen Zeugen zu vernehmen, der sich bei uns gemeldet hatte, um in einem Drogenfall auszusagen. Er hieß Mendell Johnson, war selbstständiger Finanzberater und konnte uns wichtige Hinweise zu den dunklen Kanälen gegeben, auf dem einige Drogensyndikate ihr Schwarzgeld blütenweiß machten.

Mendell Johnson wohnte in den Majestic Apartments am Central Park West. Ganz in der Nähe befand sich das berühmte Dakota Building, das einem Renaissance-Schloss nachgebildet war und Roman Polanskis Film „Rosemaries Baby“ als Kulisse gedient hatte.

Aber Johnson versetzte uns.

Er hatte es vorgezogen, für drei Wochen zu verreisen, wie wir vom Security Service der Majestic Apartments erfuhren. Dort hatte er sich nämlich für diese Zeit abgemeldet. Am frühen Morgen hatte er das Majestic verlassen. Wie wir telefonisch ermittelten war er zum John F. Kennedy Airport gefahren und hatte dort einen Flug auf die Cayman-Islands genommen. Vielleicht hatte ihm jemand sehr nachdrücklich geraten, New York zu verlassen und auf seine Aussage zu verzichten. Uns waren die Hände gebunden. Es war immer dasselbe. Das Gesetz des Schweigens sorgte dafür, dass das organisierte Verbrechen gedeihen konnte. Nur wenn es gebrochen wurde, hatten wir vom FBI eine Chance.

Der Security Service der Majestic Apartments – eine Firma namens Telso Security, wie man an der kleinen, in Brusthöhe angebrachten Aufschrift auf den Uniformen sehen konnte, war so freundlich, uns mit einem General-Schlüssel in Mendell Johnsons Wohnung zu lassen.

Einen Durchsuchungsbefehl hätten wir dafür niemals bekommen. Schließlich lag gegen Johnson nichts vor und allein die Tatsache, dass er uns vage ein paar Hinweise auf dubiose Finanzgeschäfte von ein paar altbekannten Drogenbaronen offeriert hatte, die wir schon seit langem gerne hinter Gitter gesehen hätten, reichte dazu einfach nicht aus.

Unsere Begründung dafür, die Wohnung in Augenschein nehmen zu können, war der Verdacht, dass Mendell Johnson vielleicht einem Verbrechen zum Opfer gefallen sein konnte. Wenn es schließlich zutraf, was er uns so vollmundig am Telefon angeboten hatte und er tatsächlich über die Geldwäschekanäle der Drogensyndikate ein paar relevante Aussagen machen konnte, stand er mit Sicherheit auf der Abschussliste irgendeines Lohnkillers.

„Ein Verbrechen?“, echote Jeff Tanner, der Chef der Tagesschicht bei den Telso Security Guards, die im Majestic ihren Dienst versahen. „Er hat das Majestic verlassen und sich bei meinem Kollegen persönlich abgemeldet. Johnson wollte, dass jemand gefunden wird, der für die Fische in seinem Aquarium sorgt. Er selbst könnte jetzt auf die Schnelle niemanden mehr damit beauftragen!“

„Sagen Sie bloß, so etwas machen Sie auch!“, staunte ich.

Jeff Tanner zuckte die Schultern.

„Man tut, was man kann. Wir sind zuvorkommend und leisten gute Arbeit. Die Bewohner dieses Hause sollen sich bei uns so sicher wie in Abrahams Schoß fühlen!“

„Hat jemand wirklich gesehen, wie Johnson das Majestic verlassen hat oder nehmen Sie das nur an, weil er sich bei Ihnen abmeldete?“, fragte mein Kollege Milo Tucker.

Jeff Tanner verdrehte genervt die Augen. „So kann man natürlich sich auch etwas zusammen konstruieren...“ Er seufzte hörbar und setzte dann hinzu: „Wir haben natürlich Videoaufzeichnungen in den Fluren. Wenn Sie sich die Mühe machen wollen, sich die alle anzusehen...“

„Das machen wir!“, kündigte ich an. „Aber viel einfacher ist es, Sie lassen uns in der Wohnung nachsehen...“

Er rang einen Augenblick mit sich, dann führte er uns zu Johnsons Apartment. „Wenn ich deswegen meinen Job verliere, dann...“

„Weil Sie uns geholfen haben, Mister Tanner?“, schnitt ich ihm das Wort ab. „Wohl kaum.“

„Ich verdiene hier einen Hungerlohn – und das obwohl ich Schichtleiter bin. Aber verdammt noch mal, ich bin auf das Geld angewiesen.“

„Das macht Ihnen auch niemand streitig.“

Tanner wirkte ziemlich gereizt. Ich fragte mich, warum eigentlich.

Endlich öffnete er uns Johnsons Wohnung. Wir traten ein. Die Quadratmeterzahl musste sich irgendwo um die hundert bewegen – was bedeutete, dass Johnsons Wohnung erheblich größere Ausmaße hatte als es in New York durchschnittlich der Fall war. Seine Geschäfte schienen gut genug zu gehen, um ihm diesen Luxus zu erlauben.

An den Wänden hingen ein paar moderne Gemälde.

„Ich frage mich, Johnson die als Wertanlage gekauft oder sich wirklich für Kunst interessierte“, sagte Milo.

„Kunst eignet sich hervorragend zur Geldwäsche“, gab ich zu bedenken.

Die Wohnung wirkte wie abgeleckt. Jemand schien alles glänzend gewienert zu haben. Die Möbel in der Küche glänzten ebenfalls so, dass man sich darin spiegeln konnte.

Im Schlafzimmer fanden wir das mit Folie eingeschlagene Bündel. Ein starres Gesicht mit aufgerissenen Augen starrte uns durch die milchig-trübe Plastikplane entgegen.

In der Schläfengegend befand sich ein Einschussloch.

„Mendell Johnson!“, stieß ich hervor.

Milo hatte bereits das Handy aus der Innentasche seines Jacketts hervorgeholt und war im Begriff, per Kurzwahl eine Verbindung zu unserem Field Office an der Federal Plaza herzustellen.

Jeff Tanner wandte den Kopf ab.

Der Telso Security Wachmann war bleich wie die Wand geworden. So etwas war er nicht offenbar nicht gewöhnt.

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Nach und nach trafen unsere Kollegen ein. Zuerst waren die Kollegen des zuständigen Reviers der City Police am Ort des Geschehens. Etwas später trafen unsere FBI-Kollegen ein. Federführend in der Geldwäsche-Sache war unser Kollege Clive Caravaggio. Er hatte den Rang eines Special Agent in Charge inne und war der stellvertretende Chef des FBI Field Office New York. Der flachsblonde Italoamerikaner kam in Begleitung von unserem indianischen Kollegen Orry Medina und Special Agent Fred LaRocca in Mendell Johnsons Wohnung und begrüßte uns freundlich.

Dr. Brent Claus, ein Gerichtsmediziner im Auftrag des Coroners traf mit einer halbstündigen Verspätung ein, da der Verkehr rund um den Central Park West ihn aufgehalten hatte. Auf der Höhe von Strawberry Fields gab es eine Baustelle, die es zu einer wahren Qual machte, am Central Park entlang Richtung Süden zu fahren. Leider waren sämtliche Ausweichstraßen wohl ebenfalls hoch frequentiert, sodass man im Moment einfach eine halbe Stunde mehr einplanen musste, als normalerweise üblich.

So dauerte es geschlagene anderthalb Stunden, ehe endlich die Spurensicherer der Scientific Research Division den Tatort untersuchen konnten. Dieser zentrale Erkennungsdienst war in der Bronx angesiedelt und wurde von sämtlichen New Yorker Polizeieinheiten für ihre Ermittlungen genutzt.

Zwischendurch rief ich noch einmal in unserem Field Office an, das in einem Bundesgebäude mit der Hausnummer 26 an der Federal Plaza lag.

Ich ließ mich mit Agent Max Carter verbinden, einem Innendienstler aus unserer Fahndungsabteilung. Max hatte in der Zwischenzeit noch einmal Kontakt mit dem Flughafen aufgenommen. Ein Mann namens Mendell Johnson stand dort tatsächlich auf der Passagierliste eines Flugzeugs, das fahrplangemäß zu den Cayman-Islands gestartet war.

„Niemand kann an zwei Orten zugleich sein“, stellte ich fest. „Und Mister Johnson ist definitiv hier! Also hat sich jemand für Johnson ausgegeben, um den Anschein zu erwecken, dass dieser für Wochen oder Monate nicht im Lande und damit für uns unerreichbar ist!“

„Du bringst es auf den Punkt, Jesse!“, glaubte Max. „Wir haben ein paar Kollegen zum Airport geschickt und sehen zu, was wir darüber herausfinden können.“

„Okay, Max. Dann bin ich gespannt darauf, wieder von dir zu hören, falls sich etwas Neue ergibt!“

Max Carter unterbrach die Verbindung und ich ließ mein Handy wieder in der Jackettinnentasche verschwinden.

Wir sprachen mit Saul Gaunt, dem Security Guard, bei dem Johnson sich abgemeldet hatte. Er empfing uns in der Video-Überwachungszentrale des Majestic. Auf mehreren Dutzend Bildschirmen waren die weiteren Korridore und die Eingangshalle zu sehen. Machten die diensthabenden Security Guards eine Beobachtung, die ihnen in irgendeiner Form verdächtig vorkam, so konnten sie sofort Alarm schlagen und ihre Kollegen an den Ort des Geschehens schicken.

Während Jeff Tanner dafür sorgte, dass sämtliche relevanten Videodateien auf Datenträger kopiert wurden, sodass wir sie unseren Laborkollegen zur Verfügung stellen konnten, sprachen wir mit Saul Gaunt.

„Mendell Johnson hat also angekündigt, dass er für drei Wochen verreisen wolle und Sie gebeten, jemanden zu suchen, der seine Fische füttert“, fasste ich die Aussage des Wachmanns zusammen.

„Und – haben Sie den zweiten Teil Ihres Auftrags bereits erfüllt, Mister Gaunt?“, fragte ich.

„Nein, dazu ist es noch nicht gekommen“, erklärte Gaunt. „Ich hätte aber bestimmt noch rechtzeitig jemanden gefunden, der das mit den Fischen übernimmt. Schließlich war das ja nicht die erste Reise, die Mister Johnson unternahm, seit er bei uns im Majestic lebt!“

Mitten in der Vernehmung klingelte plötzlich mein Handy.

Es war Mister McKee, der Chef des Field Office New York persönlich.

„Jesse, wir brauchen Sie und Milo im Moment an der Ecke Amsterdam Avenue/57. Straße!“, erklärte er in einem Tonfall knapper Befehle und Anweisungen. „Wir erhielten einen Notruf. Es hat ein Überfall auf einen Geldtransporter stattgefunden.“

Während mich Mister McKee noch mit weiteren Informationen über die Begleitumstände versorgte, waren Milo und ich bereits auf dem Weg ins unterirdische Parkhaus der Majestic Apartments, wo wir den Sportwagen geparkt hatten, den uns die Fahrbereitschaft des FBI zur Verfügung stellte.

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Die Vernehmung von Mister Gaunt musste von einem der anderen Agenten übernommen werden, die sich am Tatort befanden. Angesichts des akuten Überfalls war klar, dass alle Kräfte, die sich in der Nähe des Tatorts befanden und irgendwie entbehrlich waren, sofort abgezogen wurden.

Und auf Milo und mich traf das zu.

Der Fall Mendell Johnson gehörte ja ohnehin zu einem Komplex, den Clive und Orry bearbeiteten.

Vom Tatort an einer Ampel in der Amsterdam Avenue waren wir nur wenige Blocks entfernt. Wir fuhren mit Rotlicht auf dem Dach den Central Park West entlang, vorbei am San Remo House, das neben dem Dakota und dem Majestic eine weiteres Luxus-Apartmenthaus mit unverbaubarem Blick auf den Central Park war. Eine Eigentumswohnung konnte hier gut gerne schon mal ein paar Millionen Dollar kosten.

Ich trat das Gaspedal voll durch und musste doch wenig später wieder in die Eisen gehen. Die Gangster hatten sich genau den richtigen Zeitpunkt ausgesucht, um dafür zu sorgen, dass wir den Tatort nicht schnell erreichen konnten. Die Rush Hour am späten Nachmittag setzte ein und wir quälten uns im Schneckentempo in Richtung der Straßenecke, wo der Überfall stattgefunden hatte.

Erst in einer der Seitenstraßen zwischen Central Park West und Amsterdam Avenue wurde es etwas besser. Mit Sirenen und Rotlicht fuhr ich drauflos. Weitere Sirenen heulten hinter den Häuserzeilen auf. Wir waren nicht die einzigen, die gerufen worden waren.

Rings um die besagte Kreuzung stand der Verkehr.

Ein Hupkonzert erfüllte die Luft. Es gab kein Weiterkommen mehr.

Das vollkommene Chaos war ausgebrochen. Wir stiegen aus dem Wagen und ließen den Sportwagen kurzerhand stehen, um die letzten zweihundert Meter, die uns noch vom Tatort trennten im Dauerlauf hinter uns zu bringen. Zahllose Passanten standen uns im Weg.

Wir zogen unsere ID-Card und hielten sie hoch.

Als wir den Transporter erreichten, war bereits ein gutes Dutzend Beamten des NYPD dort.

Die Türen des Transporters standen offen. Von mehreren Fahrzeugen war der Wagen zugestellt worden.

Wir zeigten einem der Uniformierten unsere ID-Cards und steckten sie dann ein.

„Die beiden Wachmänner, die den Wagen gefahren haben, hat es erwischt!“, berichtete uns der Cop, dem wir die Ausweise gezeigt hatten. Auf seiner Uniformbrust war sein Name mit „J. Thompson“ angegeben.

Wir umrundeten den Transporter.

Mir fiel der Firmenaufdruck auf: Telso Security Service Inc. konnte man dort lesen. Außerdem gab es eine Telefonnummer und einen Verweis auf die Internetseite dieses Sicherheitsdienstes.

„Kommt dir auch irgendwie bekannt vor, was?“, meinte Milo.

„Manchmal gibt es Zufälle...“

Erst viel später sollten wir begreifen, dass das alles mit vielem zu tun hatte – nur nicht mit Zufällen.

Wir erreichten die Rückfront und drängten uns zwischen Uniformierten hindurch.

„Jesse Trevellian, FBI. Dies ist mein Kollege Milo Tucker!“, stellte ich uns vor.

Zwei Männer lagen auf dem Boden. Einer war unzweifelhaft tot. Aber der Zweite lebte noch. Zwei Polizisten hatten Erste Hilfe bei ihm geleistet. Er blutete schrecklich. Offenbar hatte er schwere Schussverletzungen.

Der Einsatzleiter, ein gewisser Lieutenant Garrison, wandte sich an uns. 

„Übernimmt das FBI den Fall?", fragte er.

„Das fällt in unser Gebiet - zumal die Firma, der der Transporter gehört, ihren Hauptsitz in New Jersey hat", sagte ich. „Aber definitiv kann ich dazu nichts sagen. Im Moment sind wir zu Ihrer Unterstützung hier!"

„Verzeihen Sie, aber der Emergency Service wäre uns im Augenblick lieber gewesen, Agent Trevellian!", erwiderte Lieutenant Garrison.

„Wissen Sie schon, was passiert ist?", hakte Milo nach.

„Ich habe alles gesehen!", mischte sich ein Taxifahrer ein, der mit seinem Wagen jetzt feststeckte. Ich wandte mich dem untersetzten Mann mit schütterem Haar zu. Meiner Schätzung nach war er in den 50ern. Er trug ein Sweatshirt mit der Aufschrift I AM THE GREATEST...

Die Fortsetzung war auf der Rückseite zu lesen, wie ich später sah: ...ASSHOLE IN TOWN.

„Die haben die Wachleute zum aussteigen gezwungen! Mit einer Bazooka."

„Wo sind die Täter jetzt?", hakte ich nach.

„Zur Subway-Station. Sie haben alles aus dem Wagen geholt und sind dann auf und davon." Er steckte die Hand aus. Die nächste Subway-Station war keine 30 Yards entfernt.

Milo nahm das Handy, um sich mit der Subway Police in Verbindung zu setzen.

„Die waren wie Soldaten gekleidet!", berichtete der Taxifahrer weiter. „Sturmhauben, Tarnanzüge, kugelsichere Westen und so weiter! Erst habe ich gedacht, dass hier vielleicht eine Polizeioperation oder so etwas läuft. Ein SWAT-Team, das einen gekaperten Geldtransporter stellt oder was weiß ich. Aber Beamte eines SWAT-Teams hätten wohl kaum jemanden kaltblütig erschossen."

„Sie sind in die Linie Richtung Harlem eingestiegen", meldete Milo unterdessen. „Am nächsten Bahnhof erwartet sie ein großes NYPD-Aufgebot."

„Würde mich wundern, wenn die nicht noch irgendetwas anderes in petto hätten!", meinte ich daraufhin und wandte mich wieder dem Taxifahrer zu. „Wie kam es zu den Schüssen?", fragte ich.

Er zuckte die Schultern. „Keine Ahnung", bekannte er. „Plötzlich hat einer der Typen einfach losgeballert und einen der beiden Wachmänner abgeknallt."

„Wo befanden Sie sich, Mister..."

„Stratton. Peter Stratton. Ich war hinter dem Steuer meines Wagens und habe mich weitgehend in Deckung gehalten, um nichts abzubekommen. Über Funk habe ich den Überfall gemeldet, als mir klar war, dass das nicht die Operation eines SWAT-Teams ist."

„Wir brauchen noch Ihre Personalien", mischte sich Milo ein. „Außerdem bekommen Sie unsere Karte. Es könnte ja schließlich sein, dass wir noch Fragen an Sie haben oder Ihnen noch irgendetwas Wichtiges einfällt!"

In diesem Moment kam der Notarzt des Emergency Service mit seinem Team. Der Einsatzwagen war im Verkehrschaos stecken geblieben, sodass die Männer die letzten hundert Yards zu Fuß hinter sich bringen mussten.

Sie nahmen sich sofort des Schwerverletzten an und transportierten ihn ab. Eine unübersehbare Blutlache blieb auf dem Asphalt.

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Das Verkehrschaos rund um den Tatort löste sich in den nächsten Stunden nur zögernd auf. Wir blieben am Ort, um die Ermittlungen zu leiten. Anstelle der Erkennungsdienstler der Scientific Research Division griffen wir in diesem Fall auf unsere eigenen Spurensicherer zurück, die es schließlich ebenso wie der Gerichtsmediziner schafften, zu uns vorzudringen. Dass die Fahrzeuge, mit denen die Täter den Überfall begangen und die sie dann am Tatort zurückgelassen hatten, vor wenigen Tagen als gestohlen gemeldet worden waren, ließ sich durch eine einfache Abfrage der Kennzeichen herausfinden, die wir telefonisch vornahmen.

Unsere Kollegen Jay Kronburg und Leslie Morell trafen am Tatort ein, um uns zu unterstützen - ebenso wie zusätzliche Einsatzkräfte des NYPD. Es mussten schließlich Dutzende von Zeugenaussagen aufgenommen werden. Jetzt, unter dem Eindruck des Geschehenen waren viele Zeugen bereit, auch eine Aussage zu machen. In einem späteren Stadium der Ermittlungen noch glaubwürdige Zeugen zu finden, war dagegen ungleich schwieriger.

Unsere Erkennungsdienstler Sam Folder und Mell Horster nahmen sich neben dem Blut und anderen Spuren, die sich auf dem Asphalt fanden auch den Transporter vor.

„Das waren absolute Profis", lautete Mell Horsters Ansicht. „Offenbar wussten sie auch sehr gut über die in diesem Wagen vorhandenen Sicherheitsmerkmale Bescheid. Sie müssen gewusst haben, dass die Hecktür nicht mit einer einfachen Sprengladung zu öffnen war."

„Wieso nicht?", hakte ich nach.

Mell deutete auf die Innenseiten der Hecktüren. „Hier wurde vor kurzem eine erhebliche Verstärkung angebracht.“

„Die hätten mit ihrer Bazooka draufhalten können!"

„Wohl kaum", meinte Mell. „Die dabei im Innenraum entstehenden Temperaturen hätten das Bargeld selbst in einem Safe zum verglühen gebracht. Aus ihrer Sicht gesehen haben sie es genau richtig gemacht. Und was ihre Flucht angeht, so wären Sie mit den Wagen hier in New York auch nicht weit gekommen. Die Subway war da schon eine vernünftige Alternative..."

Wenig später erhielten wir die Nachricht, dass unsere Kollegen an der nächsten Subway Station vergeblich auf den Zug mit den Gangstern gewartet hatten.

Die hatten mitten auf der Strecke die Notbremse gezogen und waren mitsamt ihrer Beute ausgestiegen.

New York war gut zehn Stockwerke tief mit einem Labyrinth aus U-Bahnschächten und Abwasserkanälen untertunnelt. Zwischen beiden Tunnelsystemen gab es zahllose Verbindungen und ein großer Teil dieser Schächte war stillgelegt.

Es war so gut wie unmöglich, die Täter dort zu finden. Und jeder Gullydeckel konnte ein potentieller Ausstieg sein.

„Die haben genau gewusst, was sie taten", kommentierte Milo diese Nachricht.

Bis zum Abend wurden noch Dutzende von Zeugenaussage aufgenommen. Es würde Tage dauern, bis unsere Innendienstler daraus die Spreu vom Weizen getrennt hatten.

Aber es gab ein paar elektronische Zeugen, deren Erinnerungsvermögen unbestechlicher war. Da waren auf der einen Seite die Aufzeichnungen der Video-Kameras in der Subway Station. Die entsprechenden Aufnahmen würden zusammen mit den Tatfahrzeugen und dem Transporter ins Labor wandern und genauestens untersucht werden.

Zwar waren die Täter vermummt und uniformiert gewesen, aber möglicherweise gab es dennoch irgendwelche Merkmale, die uns Hinweise auf die Täter gaben.

Ein Glücksfall für unsere Ermittlungen war jedoch die Überwachungsanlage eines Juweliergeschäfts an der Ecke Amsterdam Avenue/57th Street East.

Milo und ich sahen uns im Geschäft die Aufzeichnungen des Nachmittags an.

Wie die Täter es geschafft hatten, die Insassen des Transporters zum Aussteigen zu bewegen, war auf der Aufnahme auf Grund des Kamerawinkels nicht zu sehen. Dafür war alles aufgenommen worden, was sich im Heckbereich des Transporters abgespielt hatte.

Die Aufnahme zeigte, wie die Gangster die beiden Wachmänner dazu zwangen, die Hecktür zu öffnen. Von innen war eine kleinere Explosion zu hören. Dann geschah der Mord an dem ersten Wachmann, dessen Name Jack Dimaglia war, wie wir inzwischen wussten.

„Es ist überhaupt kein Grund dafür zu erkennen, weshalb der Typ mit der Automatik plötzlich ausrastet und Dimaglia umbringt“, kommentierte Milo die schrecklichen Bilder.

Ich musste ihm Recht geben.

Der Wachmann hatte sich weder unvorsichtig bewegt, noch sich zu wehren versucht.

Ich atmete tief durch und wandte mich Alex M. Dittrik zu, dem Besitzer des Juwelierladens, dessen Überwachungselektronik wir diese Bilder verdankten. „Wir  werden die Aufnahmen ins Labor mitnehmen müssen“, eröffnete ich ihm.

„Kein Problem“, meinte Dittrik. „Ich brenne Ihnen eine DVD davon, dann können Ihre Leute im Labor damit anstellen, was sie wollen. Dauert aber ein paar Minuten.“

„In Ordnung. Haben Sie ansonsten noch irgendwelche Beobachtungen gemacht, die vielleicht sachdienlich sein könnten?“

Er schüttelte den Kopf. „Ich habe nur schnell zugesehen, dass ich meine Ladentür abgeschlossen habe. Schließlich wusste ich ja nicht, ob den Typen vielleicht noch einfällt, ein paar Sachen aus meinen Auslagen mitzunehmen!“

„Da hatten sie offenbar kein Interesse dran.“

„Wissen Sie, ich vertraue diesen Sicherheitsdiensten nicht.“

„Wieso nicht?“, fragte ich.

„Diese Geldtransporter fahren ihre Tour durch die Stadt, nehmen bei jedem Supermarkt, Juwelier oder was sie ansonsten noch für Geschäfte unter Vertrag haben, die Tageseinnahmen mit und bringen sie zur Bank. Meiner Meinung nach ist das doch eine regelrechte Einladung für Gangster, sich so einen Transport mal vorzunehmen!“

„Diese Wagen sind sehr gut sichert“, gab ich zu bedenken. „Die Wachleute tragen Waffen und die Transporter sind so gepanzert, dass man sie normalerweise auch durch Schusswaffengebrauch nicht so einfach stoppen kann!“

„Sie haben es ja gleich auf einer DVD wie leicht das geht. Nein, ich bringe meine Einnahmen lieber selbst zur Bank. Das ist sicherer. Das mache ich nun schon seit fünfzehn Jahren so und werde auch in Zukunft nichts an dieser Praxis ändern!“

Ich machte ihn darauf aufmerksam, dass statistisch gesehen, Geldtransporte relativ selten überfallen wurden – und die Täter dabei auf Grund diverser Sicherheitsmerkmale der Fahrzeuge noch seltener erfolgreich waren.

Aber der Juwelier ließ sich davon nicht überzeugen.

Milo stieß mir in die Seite und raunte: „Ich glaube, es ist heute ein schlechter Tag, um Werbung für private Sicherheitsfirmen zu machen!“

Wahrscheinlich hatte er Recht.

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Der Mann hatte einen Lotussitz eingenommen und die Augen geschlossen. Aber selbst die ausgefeilteste asiatische Entspannungstechnik hätte ihn jetzt nicht entkrampfen können. Es juckte ihn am Arm, knapp oberhalb des doppelköpfigen Drachens, den er sich dort hatte stechen lassen.

Er atmete tief durch.

Der aufdringliche Klingelton seines Handys machte dem Versuch, sich innerlich zu versenken, ein jähes Ende.

Er griff nach dem Apparat.

„Ja?“

„Bist du eigentlich verrückt geworden?“

„Major!“

„Ich habe gehört, du willst abtauchen.“

„Ist wohl das Beste, oder?“

„Vielleicht...“

„Du hilfst mir doch, oder?“

„Sicher. Aber du musst dich noch etwas gedulden.“

„Aber...“

„Und verfall nicht in Panik, klar? Kämpfe ein paar Sandsäcke nieder, wenn dir das gut tut! Aber behalte verdammt noch mal die Nerven.“

„Ja.“

„Ich melde mich morgen wieder.“

Die Verbindung wurde unterbrochen.

Schweißperlen glänzten auf der Stirn des Mannes mit den doppelköpfigen Drachen.

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Am nächsten Morgen trafen wir uns im Büro von Mister Jonathan D. McKee, dem Chef des FBI Field Office New York zur Besprechung.

Unser Chef machte ein sehr ernstes Gesicht, hatte die Ärmel seines Hemdes hochgekrempelt, die Krawatte gelockert und die Hände in den weiten Taschen seiner Flanellhose vergraben.

Es kam oft vor, dass Mister McKee morgens der Erste war, der im Büro an seinem Platz und es abends als Letzter verließ. Seit seine Familie einem Verbrechen zum Opfer gefallen war, hatte er sein Leben ganz dem Kampf für das Recht verschrieben und erfüllte seinen Beruf mit besonderer Hingabe, die weit über das normaler Maß hinausging.

Diesmal hatte ich allerdings den Eindruck, dass er das Büro überhaupt nicht verlassen, sondern einfach durchgearbeitet hatte. Dunkle Ringe hatten sich unter seinen Augen gebildet.

Als seine Sekretärin Mandy uns ihren hervorragenden Kaffee servierte, nahm er sich sofort einen Becher und nippte daran. Dann wischte er sich mit einer fahrigen Geste über das Gesicht und blickte anschließend auf die Uhr. „Ich frage mich, wo Sam bleibt“, knurrte er. „Dann werden wir wohl ohne ihn anfangen müssen.“

Mit ‚Sam’ war unser Erkennungsdienstler Sam Folder gemeint. Abgesehen von Milo und mir waren noch Leslie Morell und Jay Kronburg anwesend, die beiden Kollegen, die uns am Tatort an der Amsterdam Avenue unterstützt hatten. Außerdem noch unser Innendienstler Max Carter sowie der Chefballistiker Dave Oaktree.

„Der Überfall auf den Geldtransporter, der sich an der Amsterdam Avenue ereignet hat, ist Teil einer Serie ähnlicher Überfälle, die sich im gesamten Großraum New York sowie in New Jersey, Connecticut und Massachusetts ereignet haben. Alles, was es an Akten dazu gibt, ist bereits in ihren E-Mail-Postfächern. Max war so freundlich, darüber hinaus noch ein aussagekräftiges Dossier zusammenzustellen, dass zunächst einmal eine Grundlage für den Beginn Ihrer Arbeit sein könnte.“

„Wie viele Überfälle gehören denn bereits zu dieser so genannten Serie?“, fragte ich.

„Insgesamt sechs“, gab Mister McKee Auskunft. „Aber ich gehe davon aus, dass dieses Blutbad an der Amsterdam Avenue der letzte war, denn von nun an übernehmen wir vom FBI Field Office New York den Fall.“

„Wieso ist das nicht schon längst bei uns gelandet?“, fragte Milo.

Mister McKee hob die Augenbrauen. „Bislang war das FBI District hier federführend. Aber erstens sind die derzeit mit anderen Fällen überlastet und zweitens hat dieser Fall eine immer stärkere New Yorker Schlagseite bekommen, wenn Sie verstehen, was ich meine. Die letzten drei Überfälle, die wir bislang zu dieser Serie zählen, sind auf dem Gebiet des Big Apple begangen worden und die in allen Fällen betroffene Grand National Bank hat hier auch ihren Hauptsitz. Das betroffene Sicherheitsunternehmen ist allerdings in Union City New Jersey angesiedelt. Wie auch immer, Sie werden sich beide Adressen gründlich vornehmen müssen. Bei einer von beiden muss mindestens der Wurm drin sein, wenn Sie mich nach meiner spontanen Einschätzung fragen. Am besten Sie fangen mit der Bank an. Vor ein paar Monaten erhielt die Grand National erstmals Drohungen, dass kein Geldtransporter mehr ihre Filialen erreichen würde und sich bald alle Geschäftsleute an der Ostküste eine andere Bank suchen würden. Leider hat die Grand National diese Drohungen unter der Decke gehalten und ist erst jetzt damit herausgekommen.“ Mister McKee seufzte hörbar. „Das kommt davon, wenn man sich von solchen Erpressern einschüchtern lässt.“

Max Carter ergriff nun das Wort.

„Auffällig ist jedenfalls, diese Taten ausschließlich Geldtransporte betreffen, die für die Grand National Bank und ihre Filiale bestimmt waren und die Täter jedes Mal außerordentlich gut informiert waren. Sie wussten genau über die Route Bescheid und kannten offenbar auch die täglich wechselnde Reihenfolge, in der einzelne Stationen der Route angefahren wurden.“

„Das bedeutet, die Bande hat Helfer“, stellte Mister McKee fest.

„Es könnte jemand in der Bank sein  - oder aber bei dem beauftragten Sicherheitsdienst“, vermutete ich. „Beim Überfall an der Amsterdam Avenue war dies Telso Security. Wie war das bei den anderen?“

„Telso ist eine der größten privaten Sicherheitsfirmen an der Ostküste“, erläuterte Mister McKee. „Natürlich ist es möglich, dass dort ein Mitarbeiter falsch spielt – aber dann ist nicht erklärlich, warum nicht auch andere Auftraggeber, für die Telso Security Transporte organisiert, von der Serie betroffen sind.“

„Aber ausschließen können wir diese Spur nicht!“, meinte ich.

Mister McKee stimmte zu. „Da haben Sie natürlich Recht, Jesse.“

Ich wandte mich an Max, unseren Innendienstler. „Siehst du irgendwelche Zusammenhänge zu dem Mordfall Mendell Johnson?“, erkundigte ich mich.

Max Carter verengte die Augen und kratzte sich am Kinn. „Du meinst diesen Zeugen in der Geldwäsche-Angelegenheit, der sich gemeldet hatte und angeblich ein paar Mafia-Riesen in den Abgrund reißen wollte!“

„Genau den!“

„Mir ist jetzt keine Parallele bewusst, Jesse“, gestand Max. „Aber wahrscheinlich ist es das Beste, du sprichst den Fall mal mit Clive und Orry durch. Die sind schließlich an der Sache dran.“

„Wie kommen Sie darauf, dass da ein Zusammenhang bestehen könnte, Jesse?“, fragte Mister McKee.

Ich zuckte die Schultern. „Das war nur so ein Gedanke, weil auch das Majestic, in dem Mendell Johnson wohnte, von Telso Security bewacht wird!“

„Ihr Spürsinn in allen Ehren, Jesse – aber ich glaube da sind Sie in einer Sackgasse“, erklärte Mister McKee im Brustton der Überzeugung und dem ganzen Gewicht seiner jahrzehntelangen Erfahrung.

Ich nippte an meinem Kaffee.

Jetzt kam Dave Oaktree unser Chefballistiker zu Wort. Er erläuterte uns, welche Erkenntnisse es, seinem vorläufigen ballistischen Bericht nach, gab.

„Jack Dimaglia und Donald Wrexler wurden mit einer Automatik vom Kaliber 45 niedergeschossen“, berichtete Dave. „Die Waffe ist registriert. Es wurde vor fünf Jahren damit eine Straftat begangen. Beim Überfall auf ein Lebensmittelgeschäft in der Elizabeth Street machte der Besitzer den Fehler, seinen Besitz verteidigen zu wollen und wurde mit genau der Automatik erschossen, die auch in diesem Fall zum Einsatz kam.“

„Wir brauchen sämtliche Akten zu dem Fall!“, forderte Mister McKee.

„Alles, was nicht über unser Datenverbundsystem NYSIS zu bekommen war, habe ich angefordert, Sir!“

„Gut.“

„Es wäre ja gut möglich, dass sich da jemand quasi hochgearbeitet hat“, meinte Milo. „Vom Ladendieb bis zu jemandem, der Banken ausnimmt.“

„Bevor Sie an die Arbeit gehen, darf ich Ihnen noch sagen, dass Medien und Bevölkerung außerordentlich großen Anteil an dem Fall nehmen“, erklärte Mister McKee zum Abschluss der Besprechung. „Wir stehen also unter erheblichem Erfolgsdruck. Heute Morgen äußerte sich ein Sprecher der hiesigen Geschäftsleute, dass das Business zum Erliegen käme, wenn es nicht mehr möglich wäre, sein Geld unbehelligt zur Bank schaffen zu lassen und die Aktien der Grand National sind im freien Fall!“

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Später, als Milo und ich uns in unserem gemeinsamen Dienstzimmer befanden, sah ich mir immer wieder die Videoaufzeichnung an, die mit der Kamera des Juweliergeschäfts in der Amsterdam Avenue aus aufgenommen worden war.

Die Szene, in der Jack Dimaglia erschossen worden war, interessierte ich.

Die Schüsse auf Wrexler schienen mir eher eine Folge des Chaos zu sein, dass durch den Mord an Dimaglia entstanden war.

Ich deutete auf den Computerbildschirm, auf dem ich die DVD immer wieder ablaufen ließ und mir verschiedene Standbilder herauspickte, um sie genauer unter die Lupe zu nehmen.

Milo schüttelte nur den Kopf darüber.

„Was suchst du auf diesen Bildern?“, fragte er.

„Den Grund für Dimaglias Tod!“, erklärte ich. „Die Gangster hatten die Situation vollkommen unter Kontrolle. Es bestand überhaupt kein Grund für den Kerl, seine Waffe abzudrücken!“

Milo runzelte die Stirn und sah mir über die Schultern.

Zum x-ten Mal ließ ich die Szene ablaufen.

Ich hatte das Gefühl, irgendetwas Entscheidendes übersehen zu haben, konnte aber nicht sagen, was es war.

„Wie ein Unfall, bei dem die Waffe aus Versehen losgegangen ist, sieht mir das auch nicht aus“, meinte Milo.

„Ich denke, diese Möglichkeit können wir getrost ausschließen.“

„Sehe ich auch so.“

Milo deutete auf eine Mappe mit Computerausdrucken, die er in der Hand hielt. „Das habe ich mir gerade aus Max' Fahndungsabteilung abgeholt.“

„Was ist das, Milo?“

„Alles, was es noch über den Überfall in der Elizabeth Street vor fünf Jahren zu wissen gibt. Die Tat konnte nie aufgeklärt werden. Es gab drei verdächtige Jugendliche zwischen sechzehn und neunzehn Jahre, die damals vorübergehend fest genommen wurden: Joel McCrenna, David Montalban und Larry Kroszak. Aber das Trio hatte ein Alibi und man konnte weder die Tatwaffe noch die Beute bei ihnen finden.“

„Dann hätten wir doch schon mal drei Leute, denen wir mal einen Besuch abstatten könnten, Milo.“

„Joel McCrenna starb zwei Jahre später bei einer anderen Schießerei. David Montalban war vor einem halben Jahr in eine Schlägerei in eine Diskothek verwickelt und stach einen Mann mit einem Springmesser nieder. Er sitzt wegen schwerer Körperverletzung auf Rikers Island.“

„Das klingt ja alles andere als viel versprechend!“

„Einer bleibt uns noch, Jesse! Und das ist Larry Kroszak. Er war damals mit sechzehn der Jüngste in dem Trio, das verdächtigt wurde, den Laden überfallen zu haben. Allerdings ist er auch der Einzige, von dem man strafrechtlich gesehen später nichts gehört hat!“

„Entweder er war clever genug, sich nicht erwischen zu lasen oder er hat wirklich sein Leben geändert!“, kommentierte ich Milos Worte.

„Jedenfalls wissen wir nicht, wo er zurzeit steckt. Das letzte, was wir von ihm wissen, ist, dass er sich mit achtzehn bei der Army gemeldet hat, aber den Eingangstest nicht bestand.“

„Das bedeutet, wir haben immerhin seine Fingerabdrücke.“

Milo seufzte hörbar. „Damit die uns etwas nützen könnten, müssten wir irgendwelche Vergleichsspuren am Tatort oder in den gestohlenen Fahrzeugen haben. Der Fingerprint-Abgleich der Fahrzeuge kann noch ein bisschen dauern, da natürlich auch die Abdrücke aller Personen ausgeschlossen werden müssen, denen die Fahrzeuge gehörten oder die rechtmäßig damit gefahren sind. Aber wenn Kroszaks Abdrücke dabei gewesen wären, hätte der Computer jetzt schon Alarm geschlagen.“

Milo hatte Recht.

Über AIDS, das so genannte Automated Identification System standen uns mehr als zweihundert Millionen Fingerabdrücke zum Abgleich zur Verfügung – und das waren beileibe nicht nur Abdrücke von Kriminellen. Auch jeder, der sich irgendwann für den Staatsdienst als Beamter, in Army, Navy und Air Force sowie bei der Polizei, dem FBI und anderen staatlichen Stellen beworben hatte, musste Fingerabdrücke abgeben, die dann dieser Datei hinzugefügt wurden. Da die Kollegen aus dem Labor vor dem Ausschluss der nicht-relevanten Abdrücke in den gestohlenen Fahrzeugen alle Spuren einer Überprüfung unterzogen, um zu sehen ob irgendein Treffer dabei war, konnten wir schon zum jetzigen Zeitpunkt sicher sein, dass Kroszak dort keine Spur hinterlassen hatte.

Ich blickte auf die Uhr.

Mister McKee hatte für uns einen Termin mit Vertretern der Grand National Bank arrangiert und so, wie es aussah, machten wir uns jetzt besser auf den Weg, um pünktlich zu erscheinen.

Unsere Kollegen Leslie Morell und Jay Kronburg kümmerten sich zur gleichen Zeit um den Telso Security Service und waren schon gleich nach der Besprechung bei Mister McKee nach Union City zur Firmenzentrale aufgebrochen.

„Wir müssen los, Milo! Vielleicht können uns die Banker ja noch ein paar Details liefern.“

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Die Zentrale der Grand National Bank war ein weißgelber Sandsteinbau an der Ecke Broadway/Cedar Street im so genannten Financial District. Wall Street und die Börse waren nur ein paar Ecken entfernt. Mit zwanzig Stockwerken war das Gebäude der Grand National in dieser Gegend eher ein Zwerg.

Schon am Eingang waren Security Guards der Firma Telso Security Service Inc. postiert, wie an den Uniformen unschwer zu erkennen war. Ich wandte mich an einen der Posten und zeigte ihm meine ID-Card. „Wir werden hier von Director Kenneth Duggan erwartet“, erklärte ich.

Der Security Guard nahm über Funk Kontakt mit seinen Vorgesetzten auf. Dann sagte er: „Warten Sie hier einen Moment. Sie werden gleich abgeholt.“

Wenig später trat eine junge, attraktive Frau mit dunklen, zu einem strengen Knoten zusammengefassten Haaren und einem konservativ wirkenden Kostüm auf uns zu und begrüßte uns.

„Guten Tag, mein Name ist Kate Lamont.“

„Jesse Trevellian, FBI. Dies ist mein Kollege Special Agent Milo Tucker.“

„Angenehm. Ich werde Sie dann zu Direktor Duggan bringen.“

„Danke.“

Wir folgten ihr zu den Aufzügen.

Es ging ganz nach oben. Direktor Duggan war ein großer, korpulenter Mann, der allein durch seine körperliche Erscheinung schon Respekt einflößend wirkte. Sein dunkles Haar war bereits mit grau durchwirkt. Der dunkelgraue, dreiteilige Anzug war eine edle Maßanfertigung. Am Handgelenk blitzte eine Rolex und das Wappen auf seiner Krawattennadel legte nahe, dass er Mitglied im Lions Club war.

Kate Lamont stellte uns auf gleichermaßen charmante und geschäftsmäßig-freundliche Art und Weise einander vor.

Direktor Duggan führte uns zu einer Sitzecke. An der Wand hing ein modernes Gemälde. Auf einem Hinweisschild war zu sehen, dass es sich um einen Basquiat handelte. Ich nahm an, dass die Bank das Gemälde als Wertanlage gekauft hatte.

Wir setzen uns und bekamen Kaffee angeboten, was wir dankend ablehnten.

„Miss Lamont ist meine rechte Hand“, sagte Duggan und ein versonnenes Lächeln spielte plötzlich um die Lippen des knallharten Bankers. „Sie ist zwar noch nicht lange hier in der Zentrale, hat sich aber in meinem Büro schon vollkommen unentbehrlich gemacht!“ Duggan seufzte. „Gute Mitarbeiter sind rar, müssen Sie wissen.“

„Wo waren Sie vorher?“, fragte ich an Kate Lamont gewandt, die gerade ihre Beine sehr grazil übereinander geschlagen hatte.

„Bis vor sechs Wochen war ich noch im Büro der Filialleitung unserer Niederlassung in New Jersey“, sagte sie.

„Ja, der Job verlangt von guten Leuten heute, dass sie mobil sind“, meinte Duggan. „Das ist der Preis des Erfolgs...“

„Mister Duggan, seit kurzem ist das FBI Field Office New York federführend bei den Ermittlungen in Bezug auf die Serie von Überfällen auf Geldtransporter, von denen Ihre Bank in letzter Zeit heimgesucht wird. Die bisherigen Ermittlungen der Kollegen aus New Jersey haben nach wie vor keinen zwingenden Ermittlungsansatz gefunden. Und abgesehen davon, dass alle Taten von sehr gut über die Sicherheitsmaßnahmen informierten Tätern auf ähnliche Weise begangen wurden, liegt für uns den Schluss nahe, dass entweder bei Ihnen oder in der beauftragten Transportfirma jemand sitzt, der mit den Gangstern zusammenarbeitet“, sagte Milo sachlich.

Duggan runzelte die Stirn. Eine tiefe Furche erschien mitten auf seiner Stirn und sein Gesicht bekam einen dunkelroten Farbton.

„Glauben Sie, darüber hätten wir nicht auch schon nachgedacht?“

„Bevor diese Serie begann, haben Sie Drohungen erhalten...“, gab Milo ein weiteres Stichwort.

Duggan nickte. „Ja, das ist richtig und Ihre Kollegen aus New Jersey haben uns oft genug vor Augen gehalten, wie dumm es von uns gewesen ist, die Sache unter der Decke zu halten. Aber Sie müssen auch unsere Seite verstehen!“

„Dafür sind wir hier“, sagte ich.

Duggan atmete tief durch und beruhigte sich wieder etwas. Ich fragte mich, weshalb sich so viel Dampf in diesem Kessel angestaut hatte... War das wirklich nur der Druck, den ihm wahrscheinlich der Vorstand auf Grund der Serie von Überfällen machte? Schwierigkeiten mit Kunden, die vielleicht der Grand National schon ihr Vertrauen entzogen hatten? Oder steckte noch etwas anderes dahinter?

Ich beobachtete Duggan genau.

Er griff in die Seitentasche seines Jacketts und holte ein silbernes Pillendöschen hervor, nahm daraus ein Dragee und steckte es sich in den Mund. Ohne Wasser schluckte er es hinunter.

Wenig später schien es ihm schon wieder besser zu gehen.

„Wir stehen hier alle ziemlich unter Druck, Agent Trevellian“, entschuldigte er sich.

„Ich denke, angesichts dessen, was geschehen ist, wundert das niemanden“, sagte ich.

„Glauben Sie mir, wir haben unser Personal durchforstet und nach Zusammenhängen gesucht. Wir haben alle überprüft, die möglicherweise die Gelegenheit hatten, Informationen an die Täter weiter zu leiten. Trotzdem hat es weitere Überfälle gegeben.“

„Was ist mit Telso Security?“, fragte ich. „Haben Sie mal darüber nachgedacht, den Security Service zu wechseln?“

„Ja, natürlich. Das Problem ist, dass Telso gegenwärtig Marktführer an der Ostküste in diesem Bereich ist. Wir brauchen einen Security Partner, der in der Lage ist, sämtliche Transporte und Sicherungsaufgaben in den Filialen zu übernehmen. Wenn ein Sicherheitskonzept nicht aus einem Guss ist, dann weiß sehr schnell die eine Hand nicht, was die andere tut.“

„Jetzt sagen Sie mir bloß nicht, dass es keine andere Security Firma gibt, die in der Lage wäre, diese Aufgabe zu übernehmen.“

„Wir sind durch langfristige Verträge gebunden. Außerdem scheint das Problem, wie ich leider zugeben muss, eher bei uns zu liegen. Schließlich gibt es auch andere Banken, deren Sicherheit von Telso Security gewährleistet wird und deren Transporte nicht überfallen werden.“

„Im Übrigen gibt es im Moment tatsächlich einen Engpass auf dem Geldtransporter-Markt“, mischte sich nun Kate Lamont ein. „Ich weiß nicht, ob Sie von dem SecureTransit-Skandal in Philadelphia gehört haben...“

Das hatten wir natürlich. Die Sache war groß durch die Medien gegangen. SecureTransit war die Nummer zwei an der Ostküste auf diesem Markt gewesen, bis sich herausgestellt hatte, dass in dieser Firma Gelder unterschlagen worden waren. Beträge aus den Tages- und Wocheneinnahmen großer Geschäfte und Warenhäuser waren nicht bei der entsprechenden Bank angekommen. Anschließend hatte man die Fehlbeträge durch die in der Folgezeit eintreffenden Summen ausgeglichen, so dass zunächst der Eindruck entstand, dass es nur zu Einzahlungsverzögerungen gekommen war. Da einige Mitarbeiter, die von der Sache Wind bekamen, die Beteiligten erpressten, um selbst von dem Geschäft etwas abzubekommen, wurden immer größere Beträge entnommen.

Das Ganze brach irgendwann zusammen, als die Fehlbeträge zu stak anwuchsen und die ersten Kunden aufmerksam wurden. Wie bei jedem Schneeballsystem wurden am Ende die letzten von den Hunden gebissen. SecureTransit hatte Konkurs angemeldet, mehrere tausend Mitarbeiter – hauptsächlich Wachleute – verloren ihren Job und einige Supermarktketten und andere Geschäftsleute blieben auf den fehlenden Summen sitzen. Dass die Schuldigen inzwischen im Gefängnis saßen, nutzte den Geschädigten natürlich kaum etwas.

„Ich habe davon gehört“, sagte ich.

„Dann verstehen Sie sicher, dass man den Security Service nicht leichtfertig wechselt, zumal wenn man jahrelang ohne Beanstandung gut zusammengearbeitet hat“, fuhr Kate Lamont fort. „Das ist auch eine Frage des Vertrauens. Diese Überfälle mögen schlimm sein, zumal sie jetzt erstmalig ein Menschenleben gefordert haben. Aber für unsere Bank wäre ein Fall wie SecureTransit weitaus schlimmer. Und Sie können mir glauben, dass sich gerade in dieser Branche einige schwarze Schafe tummeln. Unternehmen, die Leute mit zweifelhafter Vergangenheit einstellen, weil sie das Personal nicht richtig überprüfen und dergleichen...“

„Ich verstehe“, sagte ich.

„Sehen Sie, Agent Trevellian, wir machen unseren Kunden ein ungewöhnlich günstiges Komplett-Angebot. Wenn Sie Geschäftsmann wären und einen Laden hätten, dessen Einnahmen Sie täglich zur Bank bringen wollten, damit sie sicher aufgehoben sind, dann übernehmen wir alles für Sie. Unser Transporter kommt bei Ihnen vorbei nimmt das Geld mit. Sie gehen keinerlei Risiko ein, weil die Bank beziehungsweise die Versicherung dafür einsteht! Im Endeffekt ist das alles viel billiger, als wenn Sie selbst einen Geldtransporter mieten. Und mit Ihrer Geldbombe privat zur Bank zu gehen, kann ich  Ihnen angesichts der Kriminalität heutzutage auch nicht empfehlen. Aber da brauche ich Ihnen ja wohl nichts erzählen...“

„Davon abgesehen wird die Frage, ob wir den Security Partner wechseln sollen auf der nächsten Vorstandssitzung erörtert werden“, erklärte Duggan. „Ich persönlich habe meine Meinung dazu, aber es steht durchaus zur Disposition, dass wir uns trotz all der damit verbundenen Schwierigkeiten mittelfristig einen anderen Partner im Sicherheitsbereich suchen.“

Mir fiel das überraschte Gesicht von Kater Lamont bei dieser Bemerkung auf. Anscheinend war sie über diese Entwicklung der Dinge noch nicht in Kenntnis gesetzt worden. Allerdings hatte sie ihre Gesichtszüge lediglich für wenige Augenblicke nicht vollständig unter Kontrolle. Danach umspielte wieder das gewohnte geschäftsmäßig freundliche Lächeln um ihren volllippigen Mund.

„Wir brauchen eine aktuelle Liste ihrer Mitarbeiter“, erklärte ich.

„Die müssten Ihre Kollegen in New Jersey bereits haben!“, sagte Duggan. „Wird so etwas dann bei Ihnen nicht weitergeleitet?“

„Doch, aber die Listen, die uns vorliegen sind bereits mehr als zwei Monate alt. Wir brauchen aktuelle Daten.“

„Natürlich. Miss Lamont wird das für Sie übernehmen.“

„Reicht es, wenn ich Ihnen das Datenmaterial im Laufe des Tages per E-Mail zuschicke?“, fragte Kate Lamont.

Ich nickte und gab ihr meine Karte. „Das reicht. Kennzeichnen Sie bitte alle Personen, die Zugang zu den sicherheitsrelevanten Daten hatten. Von denen brauchen wir sämtliche gespeicherten Personaldaten, Bewerbungsunterlagen und was Ihnen sonst noch vorliegt.“

„Natürlich.“

Milo mischte sich jetzt in das Gespräch ein. „Wer legt eigentlich die Routen fest, die die Transporter nehmen?“

„Diese Routen wechseln ständig“, erklärte Duggan. „Dafür ist Mister Terry Matthews von Telso SECURITY zuständig. Er achtet sehr darauf, dass keine Route zweimal hintereinander gefahren wird.“

„Haben Sie Zugang zu diesen Daten?“

„Ja, schließlich gibt es ja nicht nur Transporte, die Geld zu uns bringen, sondern auch solche, die Bargeld von unseren Hauptniederlassungen zu den einzelnen Zweigstellen bringen. Das muss alles koordiniert werden. Daher gibt es eine ständige Online-Verbindung, deren Sicherheit regelmäßig überprüft wird. Das letzte Mal übrigens von Ihren Kollegen aus New Jersey.“

„Wer ist in Ihrem Haus für die Koordination der Transporte und die Absprachen mit Telso Security verantwortlich?“, hakte ich nach.

„Für die New Yorker Filialen ist das Mister Ryan Davis, aber...“

„Dann müssten wir dringend mit Mister Davis sprechen.“

„Er ist leider seit drei Tagen schwer erkrankt“, gab Duggan Auskunft.

„Ich nehme an, er wurde vertreten“, schloss Milo.

Duggan nickte. „Miss Lamont war so freundlich, das zu übernehmen. Ich sagte ja, dass sie inzwischen ziemlich unentbehrlich geworden ist.“

„Dann schlage ich vor, setzen wir beide die Unterhaltung im Büro von Mister Ryan Davis fort“, sagte ich an Kate Lamont gerichtet. „Während mein Kollege sich noch etwas mit Direktor Duggan unterhält, könnten Sie mir ein Bild davon vermitteln, wie die Koordination mit Telso Security im Einzelnen so abläuft.“

Irgendwie hatte ich den Eindruck, dass Kate Lamont die Aussicht auf ein Gespräch unter vier Augen mit mir nicht gefiel. Über den Grund dafür dachte ich intensiv nach, fand allerdings keine Lösung.

Ihr Lächeln wirkte sehr kontrolliert und berechnend.

„Dann folgen Sie mir bitte, Agent Trevellian.“

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Sie können mich ruhig Jesse nennen“, sagte ich, als wir das Büro von Ryan Davis betraten.

„Das hört sich so an, als gingen Sie davon aus, dass wir in Zukunft öfter miteinander zu tun haben?“

„So ist es.“

„Hören Sie, ich glaube Ihnen gerne, dass die Aufklärung einer Serie von Überfällen, wie die, von der unser Bankhaus heimgesucht wird, etwas knifflig ist – nur glaube ich nicht, dass dieses Büro dafür der richtige Ansatzpunkt wäre!“

„Das überlassen getrost mir.“

„Das klingt selbstbewusst, Agent Trevellian...“

„Jesse!“

„Um ehrlich zu sein, wäre es mir lieber, wir würden unseren Kontakt auf einer geschäftsmäßigen Ebene halten.“

Ich zuckte die Schultern. „Ganz wie Sie wünschen“, sagte ich nach dieser überraschend kalten Dusche. Ich fragte mich, aus welchem Grund ich ihr offensichtlich unsympathisch war. War ihr meine Anwesenheit vielleicht deswegen unangenehm, weil sie glaubte, dass ich bei unseren Ermittlungen irgendetwas über sie herausfand, das aus ihrer Sicht besser unentdeckt blieb?

Oder konnte sie einfach meine Nase nicht leiden?

Sie zeigte mir Ryan Davis’ Arbeitsplatz und aktivierte den Online-Zugang zu den Daten über die aktuellen und geplanten Geldtransporte. „Die Daten befinden sich auf einem auswärtigen Server, zu dem sowohl Telso Security als auch die Grand National Bank Zugriff haben müssen“, erläuterte Kate. „Ich telefoniere außerdem mehrmals täglich mit Mister Terry Matthews von Telso, um alles optimal abzustimmen.“

Ich betrachtete den Bildschirm, sah mir die Liste der Transporte an und war beeindruckt. Die Routen mussten einerseits unter Sicherheitsgesichtspunkten ständig – am besten täglich – verändert werden, damit potentielle Täter nicht durch genaue Beobachtung herausfinden konnten, wohin der jeweilige Transporter an einem bestimmten Tag als nächstes fahren und wie viel Geld er voraussichtlich aufnahm. Schließlich war es ein kleiner Unterschied, ob die Tageseinnahmen des Kaufhauses Macy’s  eingeladen wurden oder stattdessen der Umsatz eines Blumenladens an der Ecke.

„Telso vertritt die Ansicht, dass es am abschreckendsten auf potentielle Täter wirkt, wenn die Aussicht, einen großen Gewinn zu machen, von vorn herein schon zweifelhaft ist“, meinte Kate.

„Das heißt, niemand soll wissen, wie viel Geld jeweils in den Wagen ist.“

„Ja. Das können im Extremfall mal nur 5000 Dollar für einen Geldautomaten in der Elizabeth Street sein, dessen Bargeldbestand außer der Reihe ausgegangen ist und schnell nachgefüllt werden muss, um die Kunden nicht zu verärgern oder...

„...gut eine Million Dollar wie bei dem letzten Überfall an der Amsterdam Avenue“, vollendete ich ihren Satz.

Sie sah mich mit ihren großen dunklen Augen an.

Irgendein Gedanke schien ihr durch den Kopf zu gehen und sie für einen kurzen Moment von unserem Gespräch abzulenken. Dann ging ein Ruck durch ihren grazilen, wohlproportionierten Körper. Sie strich sich eine verirrte Strähne aus dem Gesicht und war wieder ganz im Hier und Jetzt.

„Ja, genau, Agent Trevellian“, murmelte sie.

„Wie in der Lotterie – Niete oder Jackpot. Nur, dass diese Bande schon sechsmal hintereinander den Jackpot geholt hat.“

„Und jetzt denken Sie, dass jemand wie ich dazu prädestiniert wäre mit den Tätern zusammenzuarbeiten!“

„Wenn ich an deren Stelle wäre, würde ich mich an Sie wenden. Oder an Terry Matthews bei Telso.“

„Was mich angeht, so können Sie mich gerne auf Herz und Nieren durchleuchten, Agent Trevellian. Aber das werden Sie ja ohnehin tun, nicht wahr?“

„Ich tue nur meine Pflicht, Miss Lamont.“

„Bevor Sie mir dann aber Handschellen anlegen, sollten Sie mal über eine Kleinigkeit nachdenken!“

„Und die wäre?“

„Ich vertrete Mister Davis seit drei Tagen. Ob diese drei Tage ausreichen, um so ein Verbrechen vorzubereiten, müssen Sie beurteilen. Es wäre also tatsächlich theoretisch möglich, dass ich vertrauliche Informationen weitergeleitet habe. Aber was ist mit den anderen fünf Überfällen? Die lagen überhaupt nicht im Zuständigkeitsbereich unserer New Yorker Zentrale, sondern wurden von Newark aus koordiniert, weswegen es ja wohl auch sehr sinnvoll war, dass sich Ihre Kollegen aus New Jersey zunächst um den Fall, gekümmert haben!“

Ich versuchte einigermaßen entspannt zu lächeln und etwas die Schärfe aus unserem Dialog zu nehmen. „Eins zu null für Sie“, sagte ich. „Nehmen Sie das nicht persönlich, aber ich muss einfach an jede Möglichkeit denken.“

„Dafür habe ich Verständnis.“

„Woran ist übrigens Mister Davis erkrankt?“

„Er hat irgendetwas mit dem Magen und liegt derzeit im Bethesda Hospital. Was genau mit ihm los ist, konnten die Ärzte noch nicht sagen, jedenfalls fällt er für eine Weile aus.“

„Ich verstehe.“ Mit dem ausgestreckten Arm deutete ich auf den Computer. „Wir haben ein paar Spezialisten im Field Office, die in den nächsten Tagen das gesamte Computersystem Ihrer Bank mal unter die Lupe nehmen werden.“

„Vertrauen Sie den Ermittlungsergebnissen Ihrer Kollegen denn nicht? Das Computernetzwerk war sauber.“

„Hacker sind schon unbemerkt in die Zentralrechner des Pentagon hineingekommen, warum nicht auch in Ihr System? Eine zweite Überprüfung kann nicht schaden.“

„Dann sprechen Sie mit Direktor Duggan.“

„Ich bin überzeugt davon, dass mein Kollege Agent Tucker genau das im Moment mit ihm erörtert.“

Es entstand eine Pause. Kate Lamont rieb die Innenflächen ihrer Hände aneinander und ich hatte den Eindruck, dass sie mir noch irgendetwas sagen wollte.

Schließlich brachte sie heraus: „Sie haben vorhin Direktor Duggan danach gefragt, warum bis jetzt nicht der Security Service gewechselt wurde.“

„Ja, und um ehrlich zu sein hatte mich seine Argumentation nicht wirklich überzeugt.“

„Sie haben Recht. Selbst wenn man niemanden findet, der in der Lage wäre, den kompletten Sicherheitsbereich bei der Grand National zu übernehmen, so spräche doch eigentlich nichts dagegen, wenigstens bei den Geldtransporten einen Wechsel vorzunehmen.“

„Und warum tut die Grand National das nicht?“

„Ganz einfach. Wenn wir die Verträge vorzeitig kündigen, zahlen wir eine Konventionalstrafe. Schließlich hat Telso im Hinblick auf eine langfristige Zusammenarbeit mit uns erhebliche Investitionen getätigt. Das geht von der Anschaffung zusätzlicher Wagen bis hin zur Harmonisierung der Organisationssoftware.“

„Ihre Bank müsste also zahlen. Aber die Überfälle...“

„Sind versichert. Zumindest, bis die Versicherung unser Institut vor die Tür setzt. Mit der Grand National macht man das nicht so einfach, irgendwann ist aber auch beim Versicherer die Hutschnur erreicht und wir sind draußen.“

Ich atmete tief durch, warf zwischendurch einen Blick aus dem Fenster. Von Ryan Davis’ Büro hatte man einen guten Blick den Broadway hinauf.

„Sie identifizieren sich stark mit Ihrer Bank“, sagte ich.

„War das eine Frage oder Feststellung, Agent Trevellian?“

„Sie sprechen immer von wir, wenn Sie Ihr Unternehmen meinen.“

„Aber Sie trauen mir trotzdem zu, dass ich uns berauben wollte!“

Ich lächelte. „Schlagfertig sind Sie, dass muss der Neid Ihnen lassen, Kate.“

Ihr Lächeln wirkte kühl. In ihren Augen glitzerte es auf eine eigenartige Weise. „Tun Sie mir einen Gefallen und nennen Sie mich nicht so.“

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Nachdem wir die Grand National verlassen hatten, kauften wir in einer Snack Bar am Broadway einen Hot Dog.

„Irgendetwas stimmt mit dieser Kate Lamont nicht“, meinte ich nachdem ich Milo von dem Gespräch berichtet hatte.

Mein Kollege grinste breit.

„Nur weil die Lady dich nicht leiden kann? Vielleicht hätte ich besser den Part übernommen, mit ihr im Büro zu verschwinden.“

„Ganz im Ernst, Milo. Die Frau machte mir einen sehr eigenartigen Eindruck, so als würde sie dauernd fürchten, dass ich etwas entdecken könnte, was...“

„Ja, und?“

„Milo, sie saß an der Quelle! Sie hatte alle Daten zur Verfügung.“

„Warten wir einfach mal ab, was der Personenabgleich erbringt.“

„Sicher.“

„Außerdem sollen wir in der Zentrale anrufen. Vielleicht hat Max inzwischen herausgefunden, wie wir die Spur von Larry Kroszak aufnehmen können. Wenn du mich fragst, die Pistole ist im Augenblick die heißeste Spur, die wir haben. Alles andere ist nichts weiter als Kaffeesatzleserei!“

Ich starrte nachdenklich aus dem Fenster. Draußen auf dem Broadway staute sich mal wieder der Verkehr, weil eine Meile weiter nördlich eine Baustelle war. Irgendein undichtes Gasrohr versetzte alle in Aufregung. Die Sache machte schon seit Tagen in lokalen Medien New Yorks Schlagzeilen, weil man befürchtete, dass dies nicht die einzige Gasleitung im Big Apple war, bei der die Renovierung viel zu lange auf sich warten ließ.

„Hey, bist du noch auf dieser Welt, Jesse?“, drang Milos Stimme in meine Gedanken.

„Mir geht die Szene nicht aus dem Kopf, wie Jack Dimaglia ermordet wurde.“

„Versuch das aus dem Kopf zu bekommen, Jesse, sonst bist du schneller ein Fall für den Psychiater, als du denkst.“

„Red keinen Unsinn!“

„Es ist erwiesen, dass man auch durch das Anschauen von Bildern – etwa in den Nachrichtensendungen des Fernsehens – traumatisiert werden kann. Sekundärtrauma heißt das.“

„Milo, red keinen Unsinn! Die Szene war schrecklich, aber das ist ja nicht der Punkt, auf den ich ‚raus will!“

„Sondern?“

„Ich versuche die ganze Zeit schon, einen Sinn in das zu bekommen, was ich gesehen. Verstehst du? Und ich habe das Gefühl, dass mir noch irgendeine wesentliche Information fehlt, um zu begreifen, was da geschah. Wie bei einem Standbild, an dem ein paar Buchstaben fehlen und man dann herauszufinden versucht, was da mal gestanden hat!“

Milo atmete tief durch.

„Ich glaube, wir kommen in dieser Sache am weitesten mit ganz normaler, penibler Polizeiarbeit. Abgleich der Personaldaten der Grand National Bank und von Telso Security anhand eines Rasters, das alle wichtigen Merkmale enthält. Zum Beispiel ob jemand Zugang zu den Daten hatte, ob derjenige wusste, wie viel Geld im Wagen sein würde und so weiter.“

Aber ich ließ mich nicht von meiner Idee abbringen, dass diese Mordszene der Schlüssel zu allem war. „Milo, die Gangster haben zuvor nie jemanden umgebracht. Bei keinem der vorangegangenen Überfälle ist es dazu gekommen. Aber diesmal hat einer der Täter durchgedreht! Dafür muss es einen Grund geben und dieser Grund liegt in dem, was da passiert ist.“

„Was du sagst wäre logisch, wenn wir annehmen könnten, dass Jack Dimaglia sich gewehrt hätte...“

„Hat er aber nicht!“

„...oder einen der Täter erkannte!“

„Das konnte er auf Grund der Maskierung wohl kaum. Die trugen alle Militärsachen. Keiner hat irgendetwas getragen, das sich als individuelles Kennzeichen geeignet hätte. Jedenfalls nicht, soweit es mir auf der Aufnahme aufgefallen ist.“

„Na, wenn dir eine vernünftige Lösung einfällt, dann lass es mich wissen!“

„Milo, ich möchte, dass wir Dimaglias Angehörigen einen Besuch abstatten. Das müsste zwischendurch irgendwie drinsitzen.“

Milo nahm den letzten Happen seines Hot Dog und meinte dann mit vollem Mund: „Eigentlich reicht es doch, wenn ein Kollege der City Police sein Beileid ausgedrückt hat.“

„Natürlich. Aber ich möchte mehr über Dimaglia wissen.“

„Und was genau?“

„Keine Ahnung. Alles, was uns helfen könnte zu erklären, wieso plötzlich einer der Täter ihn ausgewählt und erschossen hat.“

„Okay, Jesse. Wie du meinst. Aber ich hätte eine ganz einfache Erklärung für dich, die am besten erstmal akzeptieren solltest, bis du wirklich schwerwiegende Argumente dafür findest, dass es auch anders gewesen sein könnte.“

„Und was für eine Erklärung wäre das?“

„Der Täter ist einfach durchgedreht. Die nervliche Belastung war zu groß. Im Hintergrund hörte er schon die Sirenen der Polizei. Er weiß genau, dass alles auf die Sekunde geplant ist und jede Verzögerung das Aus bedeuten kann. Vielleicht hat Dimaglia auch noch eine dumme Bemerkung gemacht und da hat der Kerl einfach abgedrückt. Der berühmte Tropfen, der das Fass...“

„Dimaglia hat seine Lippen nicht bewegt!“, stellte ich fest. „An die Möglichkeit irgendeines unbedachten Kommentars habe ich nämlich auch schon gedacht!“

„Jesse, leg das gedanklich zu den Akten. Konzentriere dich auf die nächsten Schritte, die vor uns liegen.

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Wir gingen zurück zum Sportwagen, den wir in einer Seitenstraße abgestellt hatten. Zirka fünf Minuten mussten wir bis dahin laufen.

Auf dem Weg hatten wir telefonischen Kontakt zum Field Office. Max Carter und seiner Fahndungsabteilung war es gelungen, die Adresse von Larry Kroszaks Mutter ausfindig zu machen. Sie wohnte jetzt in der Jefferson Lane in Union City, hatte geheiratet und hieß jetzt nicht mit mehr Kroszak sondern Black.

„Die Adresse von Dimaglias Angehörigen liegt dann doch fast auf dem Weg!“, meinte ich.

„Wo wohnen die denn?“, hakte Milo nach.

„In West New York.“

Milo seufzte. „Du hast dir das vorher gut überlegt, was?“

„Sicher.“

Wir fuhren also über den Lincoln-Tunnel hinüber nach New Jersey. Milo drängte darauf, zuerst der Kroszak/Black-Spur nachzugehen.

Alexandra Black – wie sich Kroszaks Mutter jetzt nannte, lebte in einer schmucklosen Siedlung von mehrgeschossigen Häusern am Rande von Union City. Hier wohnten die Leute, denen der Big Apple einfach zu teuer war.

Wir parkten den Sportwagen vor dem Eingang.

Es gab keinerlei Sicherheitselektronik. Die Haustür stand offen. Ein paar junge Männer mit Baseballkappen und weiten, tief hängenden Cargo-Hosen lungerten an einer Ecke herum und beobachteten uns misstrauisch.

Der Flur des Hauses war mit Graffiti besprüht.

Wir gingen zum Lift, mussten allerdings feststellen, dass er defekt war. Das entsprechende Schild hatte schon Staub angesetzt und es sah nicht so aus, als würde jemand in nächster Zeit auch nur daran denken, diesen Schaden zu beheben.

Also machten wir uns zu Fuß in den achten Stock auf, wo Alexandra Black lebte.

Ein Hüne von einem Mann öffnete uns. Er war mindestens zwei Meter zehn groß, war Mitte fünfzig und wirkte für sein Alter recht durchtrainiert.

„Wer stört?“, knurrte er uns an, als wir gerade zum dritten Mal die Klingel betätigten.

„Trevellian, FBI. Wir müssen mit Mrs. Alexandra Black sprechen.“

„Was wollen Sie von meiner Frau?“

„Das müssen wir schon selbst mit ihr besprechen.“

Mister Black trat etwas vor. Die Arme waren verschränkt. Er trug einen farbigen Jogging-Anzug und ein eng anliegendes  T-Shirt, das seinen kugelrunden Bauch genauso betonte, wie die beeindruckenden Bizeps an den Oberarmen.

„Ausweis!“, brummte er.

Wir hielten ihm unsere ID-Cards unter die Nase. Von da an wurde er etwas kooperativer. Ich fragte mich, ob er schon mal Ärger mit der Polizei gehabt hatte. Der Schluss lag nahe. Andernfalls hätte er uns wahrscheinlich etwas freundlicher empfangen.

Wir folgten ihm ins Wohnzimmer.

„Mrs. Alexandra Black?“, fragte ich.

Eine etwa fünfzigjährige Frau mit braunen Haaren und einem ziemlich erstaunten Gesicht starrte uns ungläubig an.

„Die bin ich. Was wollen Sie von mir?“ Wir zeigten auch ihr unsere Ausweise. Sie warf einen skeptischen Blick darauf. „Ich nehme nicht an, dass Sie gekommen sind um irgendeine übertretene Geschwindigkeitsbegrenzung zu ahnden!“

„Wir sind überhaupt nicht Ihretwegen hier, Mrs. Black.“

Sie hob die Augenbrauen.

„Ach, nein?“

„Es geht um Ihren Sohn Larry Kroszak.“

„Der ist nicht hier.“

„Aber Sie wissen vermutlich, wo er sich befindet. Wir müssen dringend mit ihm sprechen.“

Mrs Blacks Gesichtszüge versteinerten. Sie erhob sich von ihrem Platz. „Sie werden doch wohl nicht im Ernst erwarten, dass ich meinen Sohn an Sie verraten würde!“

„Ich dachte, Sie wollten ihm als Mutter vielleicht  helfen.“

„Das tue ich ja!“, verteidigte sie sich.

Jetzt mischte sich Mister Black, der Hüne, in das Gespräch ein. „Siehst du, habe ich es dir doch gesagt, dass wir von deinem nichtsnutzigen Sohn eines Tages wieder was hören würden.“

„Dan!“, rief sie fast flehend an ihren Mann gewandt.

„Ist doch war“, schimpfte er. „Mit Larry hatte man doch immer nur Ärger! Gut, dass er hier nicht mehr wohnt und auch seine Freunde nicht mit hier her bringt!“

„Sie haben sich mit Larry nicht besonders gut verstanden?“, wandte ich mich an Black.

Er machte eine wegwerfende Handbewegung und deutete dann auf seine Ohren. „Spreche ich so undeutlich oder haben die ehrenwerten G-men was mit den Ohren.“

„Das war eine einfache Frage, Mister Black“, versuchte ich die Situation im Zaum zu halten.

„Die ich als beantwortet betrachte!“ knurrte der Kerl. „Und jetzt gehen Sie am besten wieder.“

„Wir können das Ganze auch im Bundesgebäude an der Federal Plaza in New York erledigen“, sagte ich ruhig. „Das macht für alle Beteiligten etwas mehr Aufwand, aber wenn Sie es darauf anlegen...“

In diesem Moment trat der Kerl auf mich zu, packte mich am Kragen meiner Jacke und funkelte mich wütend an.

„Lassen Sie das besser“, sagte Milo. „Angriffe auf FBI-Beamten finden meistens bei den Jurys kaum Verständnis – wenn Sie verstehen, was ich meine.“

Black atmete tief durch und ließ mich dann schließlich los – nicht ohne mir vorher noch das Revers meiner Jacke glatt zu streichen. „Nichts für ungut, G-man“, maulte er.

Dann drehte er sich um, ging ein paar Schritte zum nächsten Sessel und ließ sich hinein fallen während seine Frau sich nun erhob und mit vor der Brust verschränkten Armen dastand und die Situation abwartete.

„Ihr Sohn wurde vor fünf Jahren verdächtigt, einen Laden in der Elizabeth Street überfallen und den Besitzer erschossen zu haben“, begann ich.

„Die Anklage wurde schon in der Anhörung vor der Grand Jury abgeschmettert!“, verteidigte sich Mrs Black. „Es ist nicht einmal zu einem Prozess gekommen. Mal abgesehen davon, dass mein Sohn damals noch minderjährig war und...“

Ich unterbrach sie.

„Mit derselben Waffe, die damals benutzt und nie aufgefunden wurde, ist der Wachmann eines Geldtransporters erschossen worden.“

„Und da denken Sie gleich an meinen Sohn Larry, ja? Der hat nie jemandem etwas zu leide getan. Aber nachdem die Sache damals so hoch gekocht wurde, blieb uns nichts anderes übrig, als aus unserer alten Wohnung in New York City wegzuziehen. Die Nachbarn haben mit Fingern auf uns gezeigt. Die Ladenbesitzer wollten uns nichts mehr verkaufen! Und jetzt, nachdem die Sache juristisch längst niedergeschlagen ist, kommen Sie und wollen ihm doch noch einen Strick daraus drehen.“

„Niemand will das“, sagte ich. „Wir wollen Larry nur befragen, das ist alles. Aber wenn Sie mir nicht helfen, bin ich dazu gezwungen, ihn zur Fahndung auszuschreiben – und ob das für alle Beteiligten wirklich so gut wäre, wage ich zu bezweifeln.“

„Am besten, du sagst denen keinen Ton“, sagte Mister Black. „Ist doch immer dasselbe. Wenn du etwas sagst, dann drehen Sie dir das Wort im Mund herum und am Ende sitzt du ein paar Jahre auf Rikers.“

„Ist Ihnen das passiert?“, hakte ich nach.

„Ja“, murmelte er düster, wandte sich ab.

Mir fiel auf, dass Alexandra Black inzwischen in der Nähe des Telefons herumkramte und irgendetwas auf einen Zettel schrieb, während ihr Mann davon nichts mitbekam. Der schwadronierte etwas von Polizeigewalt und zunehmender Brutalität daher und beschimpfte uns dabei ziemlich übel.

Plötzlich mischte sich Mrs Black wieder in das Gespräch ein und meinte: „Bleib ruhig sitzen! Ich werde die G-men jetzt zur Tür bringen.“

Ihr Mann knurrte etwas, das für mich vollkommen unverständlich war.

Er wirkte ziemlich überrascht. Milo wollte erst protestieren, aber ich verhinderte dies gerade noch rechtzeitig, dadurch, dass ich den Kopf schüttelte.

Wir hatten gerade die Tür erreicht, als Mrs Black mir den Zettel, den sie geschrieben hatte, in die Hand drückte.

„Auf Wiedersehen, Agent...“

„Trevellian“, vollendete ich. Meine ID-Card hatte sie sich offenbar nicht genau genug angesehen, um dieses Detail zu behalten.

Die Tür fiel hinter uns ins Schloss. Wir standen auf dem Flur und hörten noch einige Augenblicke dem sehr lautstarken Gespräch zu, das die beiden dahinter miteinander führten.

Ich öffnete den zusammengefalteten Zettel.

Milo warf ebenfalls einen Blick auf diese Botschaft, die uns Alexandra Black zweifellos hatte zukommen lassen wollen.

Es war nichts weiter als eine Adresse. Sie lag glücklicherweise ganz in der Nähe.

„Die Frau hat offenbar begriffen, dass es besser ist, wenn wir Ihren Sohn zu einem Gespräch bitten, als wenn das ein  Sondereinsatzkommando übernehmen muss“, kommentierte ich die Entwicklung. „Wenn das hier nicht Larry Kroszaks Adresse ist, fresse ich einen Besen.“

„Mit diesem Stiefvater hätte ich es auch nicht lange ausgehalten!“, bekannte Milo ganz freimütig.

„Dann nichts wie hin“, lautete meine Antwort.

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Wir fuhren zu der Adresse, die Alexandra Black uns angegeben hatte. Sie lag in der Retlow Avenue, Union City und gehörte überraschenderweise nicht zu einem Apartmenthaus, wie wir eigentlich erwartet hatten, sondern zu einer Kfz-Werkstatt, die einem gewissen Rick Aarons gehörte.

Auf dem dazugehörigen Hof standen so viele Wagen, dass  dort kaum Platz zwischen den Stoßstangen war.

Wir betraten die Werkstatt.

„Wir nehmen vor übernächster Woche keine Reparaturen mehr an“, sprach uns ein Mann in den Fünfzigern mit Halbglatze und sehr kräftigen Oberarmen an. Dem Namensschild an seinem blauen Overall nach handelte es sich um den Chef persönlich.

„Mister Rick Aarons?“

„Schön, dass Sie lesen können“, knurrte Aarons und deutete auf seinen Namenszug.

Wir hielten ihm unsere Dienstausweise unter die Nase und stellten uns vor.

„Wir suchen einen Mister Larry Kroszak“, sagte ich.

„Der arbeitet hier seit anderthalb Jahren. Was hat er denn angestellt?“

„Wir möchten ihn als Zeugen vernehmen“, erklärte ich.

„Dann tun Sie mir einen Gefallen und stehlen Sie mir nicht allzu viel von der Arbeitszeit, die ich bezahle. Oder Sie treffen sich dann mit ihm, wenn Larry Freizeit hat!“

„Hören Sie, wir wollen nicht viele Umstände machen, aber  es ist ziemlich dringend, dass wir mit Mister Kroszak treffen“ ergänzte Milo. „Also sagen Sie bitte, wo wir ihn finden können!“

Aarons atmete tief durch und brüllte einmal „Larry!“ durch den Raum.

Unter einem der Wagen kroch ein junger Mann hervor. Ich erkannte ihn sofort von den Fotos wieder, die noch immer in dem Datensatz über den Überfall auf das Lebensmittelgeschäft in der Elizabeth Street gespeichert waren.

Zögernd kam er auf uns zu. In der Rechten hielt er noch einen Zehner-Schlüssel. Gesicht, Hände und Overall waren Öl verschmiert.

Wir gingen auf ihn zu. Kroszak erstarrte, als wir ihm unsere ID-Cards zeigten.

„Jesse Trevellian, FBI. Dies ist mein Kollege Special Agent Milo Tucker. Wir haben ein paar Fragen an Sie.“

„Ich habe nichts getan!“, zeterte Kroszak. „Nicht mal falsch geparkt! Und wenn Sie mir irgendeinen Strick drehen wollen, habe ich genug Kumpels, die mir jedes Alibi geben, das ich brauche. Also verschwenden Sie besser nicht Ihre Zeit mit mir!“

Die Blicke aller anderen in der Werkstatt waren auf Kroszak gerichtet. In diesem Moment waren wohl sämtliche Werkzeuge hingelegt worden. Man hörte fast keinen Laut.

„Vielleicht gehen wir besser vor die Tür, um uns ungestört unterhalten zu können“, schlug Milo vor.

Kroszak folgte uns ins Freie. Mit einem Absatzkick trat er die kleine Seitentür der Werkstatt ins Schloss, dass es schepperte.

„Das haben Sie ja großartig hingekriegt!“, schimpfte er. „Ich habe endlich mein Leben auf die Reihe gekriegt, habe seit anderthalb Jahren einen Job und bin vor ein paar Wochen sogar 21 geworden, sodass ich jetzt Bier trinken darf – da tauchen Sie mit Ihren Marken auf und wollen mir wieder etwas anhängen.“

„Zunächst mal brauchen wir Ihre aktuelle Adresse.“

„Ich wohne bei einem Kumpel zur Untermiete in der Secklow Street, Hausnummer 112.“

„Hier in Union City?“

„Ja. Wieso? Haben Sie vor, mich mehrfach zu belästigen?“

„Es könnte ja sein, dass wir später noch Rückfragen haben.“

„Diesen Spruch kenne ich. Das ist für euch G-men der Freifahrtschein, um harmlose Bürger zu belästigen!“

Ich notierte mir die Adresse. Außerdem erkundigte ich mich danach, ob er telefonisch zu erreichen sei.

„Nur über Mobilfunk. Ich habe ein Prepaid-Handy. Wenn Sie die Nummer haben wollen...“

„Ich bitte darum!“

Widerwillig gab er mir seine Nummer und murmelte dann:  „Zum Teufel mit euch G-men.“

„So weit ich weiß, hatten Sie doch noch nie etwas mit dem FBI zu tun“, wandte ich ein. „Ich verstehe daher nicht ganz, weshalb Sie uns gegenüber so negativ eingestellt sind!“

„FBI, NYPD, State Police oder die Arschlöcher von der Highway Patrol – ist doch alles dasselbe!“

Er machte eine wegwerfende Handbewegung und schleuderte dabei den Zehner, den er noch in der Rechten hielt von sich. Klirrend fiel der Schraubenschlüssel auf den Asphalt.

„Außerdem sind wir weit davon entfernt Ihnen etwas anzuhängen“, erklärte Milo. „Vor etwa fünf Jahren wurden Sie im Verlauf der Ermittlungen zu einem Raubmord in der Elizabeth Street vernommen.“

„Ach, das ist es wieder!“, knurrte er. „Ich scheine bei euch Cops auf einer Liste zu stehen. Mir ist damals keine Schuld nachzuweisen gewesen, aber wissen Sie, wie oft man mich in der Zwischenzeit schon vernommen hat, wenn irgendwo ein Spinner so bekloppt war, einen Ladenbesitzer umzunieten? Ich kann dann immer nur hoffen, dass die Tat während meiner Arbeitszeit passiert ist und es ein Dutzend Kollegen gibt, die gesehen haben, wie ich an irgendeiner Karosserie herum schraubte oder Reifen wechselte. Wenn ich mal sagen müsste: Tut mir leid, ich war einfach nur zu Hause und habe ferngesehen, dann sähe es wohl ziemlich düster für mich aus.“

„Mit der Waffe, die damals benutzt wurde, ist erneut geschossen worden“, erklärte ich so ruhig und sachlich wie möglich. Schließlich war dieser junge Mann schon geladen genug und es hatte keinen Sinn, an dieses wandelnde Pulverfass nun auch noch eine Lunte zu halten. Ich fuhr fort: „Bei einem Überfall auf einen Geldtransporter kam ein Wachmann durch diese Waffe ums Leben. Ein weiterer wurde schwer verletzt. Darum kommen wir jetzt auf die alte Geschichte zurück.“

„Ich habe nichts damit zu tun!“

„Wo waren Sie gestern Nachmittag gegen vier Uhr?“

„Na wo wohl? Der Laden hier brummt. Um vier Uhr Feierabend zu machen, können wir uns nicht erlauben.“

„Das heißt, Sie haben hier gearbeitet?“

„Ja.“

„Dann werden Sie auch nichts dagegen haben, wenn wir Ihr Alibi von Mister Aarons bestätigen lassen.“

„Schauen Sie einfach auf den Dienstplan der vorne links in der Werkstatt hängt. Kann ich jetzt wieder gehen?“

„Einen Augenblick!“ stoppte Milo ihn.

„Was ist den noch?“, maulte er. „Wenn Sie keine Beweise haben, dann fälschen Sie welche, ja? Sind Sie solche Cops? Ich will einen Anwalt!“

Milo platzte der Kragen. „Hören Sie zu, wir können diese Unterhaltung gerne in einer Gewahrsamszelle unseres Field Office an der Federal Plaza durchführen, wenn Sie das lieber so wollen! Und dann wird selbstverständlich ein Anwalt dabei sein – nämlich ein Staatsanwalt, der sich eifrig Notizen über Ihre Beleidigungen machen und daraus noch heute eine Anklageschrift machen wird!“

Kroszak hob die Hände und starrte Milo ziemlich entgeistert an. „Schon gut, Mann! Immer cool bleiben! Was wollen Sie?“

„Die Waffe“, sagte ich.

„Sie gehen einfach davon aus, dass wir drei damals die Tat begangen haben! Was Gerichte sagen, scheint Sie nicht zu interessieren, G-man! Was soll das eigentlich? Wollen Sie Polizist, Richter und Henker in einer Person spielen? Ich dachte immer, Dirty Harry wäre nur ein mieser Film und nicht...!“

„Am besten, Sie hören mir jetzt einfach mal einen Augenblick zu, dann sparen wir eine Menge Zeit und für Sie springt ein Vorteil dabei heraus.“

Er sah mich verblüfft an. Dann schluckte er.

„Ich höre“, sagte er kleinlaut, aber mäßig interessiert.

„Sie können sicher sein, dass der Fall des ermordeten Ladenbesitzers in der Elizabeth Street jetzt noch einmal haarklein aufgerollt wird. Damals fielen Sie durch irgendwelche Umstände durch das Raster der Ermittlungen, aber was glauben Sie wie groß der Fortschritt ist, den die Ermittlungstechnik seitdem gemacht hat! Wir können heute aus Spuren DNA-Proben gewinnen, die wir vor wenigen Jahren noch nicht einmal gefunden hätten, geschweige denn, dass sich daraus im Labor etwas hätte anfangen lassen....“

„Jetzt machen Sie mir aber viel Angst!“, meinte Kroszak spöttisch.

„Wenn Sie damals doch irgendetwas mit der Sache zu tun hatten, sollten Sie die auch haben. Denn Sie können sicher sein, dass Sie uns dann früher oder später ins Netz laufen. Aber Sie können etwas für sich tun!“

„Was?“

Mit dieser Frage hatte er sich für meine Begriffe verraten. Warum hätte er sich für meinen Vorschlag interessieren sollen, wenn er damals wirklich völlig unschuldig gewesen war?

„Mal angenommen, Sie und Ihre beiden Komplizen haben damals den Überall begangen. Irgendetwas ist schief gegangen, einer der Täter zieht eine Waffe und knallt den Besitzer ab. Wer sagt, dass wir davon ausgehen, dass Sie das waren? Einer der beiden ist tot, er könnte ihnen nicht einmal mehr widersprechen, wenn Sie ihm die Hauptschuld anlasten. Der andere Komplize von damals sitzt auf Rikers Island, denn er war in der Zwischenzeit wiederholt kriminell. Sie hätten keine schlechten Chancen, dass man Ihnen glaubt.“

„Warum sollte mir das wichtig sein? Damals konnte mir niemand etwas beweisen und heute auch nicht. Also – alles für die Katz, oder?“

„Uns geht es um den Verbleib der Waffe“, sagte ich. „Wenn Sie uns da weiterhelfen können, wird das jeder Staatsanwalt honorieren. Sie müssten Ihre Beteiligung an dem Überfall zugeben, aber erstens waren Sie damals noch Jugendlicher und man wird Ihnen die Mitläuferrolle abnehmen. Zweitens könnte man Ihnen die Tatbeteiligung ohne Ihre eigene Aussage im Moment noch nicht beweisen und drittens würden Sie helfen, ein anderes Kapitalverbrechen aufzuklären. Daher würden Sie wohl glimpflich davonkommen.“

„Aber wenn Sie warten, bis man Ihnen vielleicht durch eine erneute Aufnahme der Ermittlungen auf die Spur kommt, ist diese Chance dahin!“, warf Milo ein.

Kroszak schien tatsächlich ins Grübeln zu geraten. Er verschränkte die Arme vor der Brust. Mir fiel eine Tätowierung am Unterarm auf, die einen doppelköpfigen Drachen zum Motiv hatte.

„Hören Sie, ich weiß nicht... “

Ich steckte eine meiner Karten in die Brusttasche seines Overalls. „Sie wollten vorhin einen Anwalt haben. Vielleicht sollten Sie sich tatsächlich von einem beraten lassen. Er wird Ihnen die Vorteile meines Vorschlags schon deutlich machen.“

„Sie bluffen doch nur!“, knurrte er.

Ich lächelte dünn. „Ich erwarte Ihren Anruf bis morgen Mittag, Mister Kroszak. Und vergessen Sie nicht – jeden Augenblick können sich neue Ermittlungsergebnisse ergeben, die Ihre Aussage vielleicht gar nicht mehr nötig machen...“

Wir ließen ihn stehen.

Ich wandte mich in Richtung der Werkstatt, um den Dienstplan der Angestellten zu überprüfen. Milo folgte mir etwas widerwillig. Ich glaube, er hätte Kroszak gerne noch etwas länger in die Mangel genommen, aber mein Instinkt sagte mir, dass nichts dabei herausgekommen wäre.

Die Überprüfung des Dienstplans ergab dann, dass er zum Zeitpunkt des Überfalls auf den Geldtransporter der Firma Telso Security tatsächlich in der Werkstatt gewesen war und gearbeitet hatte. Einige der Kollegen glaubten auch, sich an den Tag genau erinnern zu können und machten das an verschiedene Reparaturen oder unfreundlichen Kunden fest, mit denen sie es am Vortag zu tun gehabt hatten.

Wir gingen zurück zum Sportwagen.

„Du weißt wie unzuverlässig solche Zeugenaussagen sind!“, meinte Milo. „Es steht auf dem Plan, dass Kroszak hätte anwesend sein sollen, einer sagt: Ich erinnere mich und dann erinnern sich plötzlich alle.“

Ich nickte. Es war tatsächlich schon vorgekommen, dass sich unter Umständen Zeugen vor Gericht an das Auftauchen von Personen erinnerten, die nachweislich nicht am selben Ort hatten sein können. So etwas geschah häufig ohne irgendeine böse Absicht. Die zuverlässigeren Zeugen waren in jedem Fall die Sachbeweise. Ein Grund dafür, dass wir mir dieser Energie jeder Kleinigkeit hinterher jagten. Einer Waffe ebenso wie einer Patronenhülse oder der DNA-Spur in einem winzigen Speicheltropfen.

Ich seufzte hörbar. Irgendwie machten sich inzwischen nämlich durchaus auch Zweifel in mir breit. „Vielleicht war diese Aktion ja tatsächlich ein Schuss in den Ofen und Larry Kroszak ist ein Unschuldslamm par excellence!“

„Jetzt hör aber auf, Jesse! Du warst genau auf der richtigen Spur, wenn du mich fragst!“

Ich zuckte die Schultern.

„Warten wir es ab.“

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Zur gleichen Zeit ermittelten unsere Kollegen Jay Kronburg und Leslie Morell beim Hauptsitz von Telso Security. Die führende Adresse im Sicherheitsbereich, wie sich Telso in der Werbung selbst nannte, lag in einem Gewerbegebiet am Rande von Union City. Das Gelände war großzügig angelegt und umfasste ein achtstöckiges Bürogebäude sowie mehrere Garagen mit Fahrzeugen aller Art, deren Einsatz von hier aus koordiniert wurde.

Die Geldtransporter spielten dabei natürlich eine wichtige Rolle.

Jay und Leslie wurden in einem schmucklos wirkenden Konferenzraum empfangen. Unter anderem nahm sich der Unternehmensgründer Adam J. Telso persönlich Zeit, um mit den FBI–Agenten zu sprechen. Telso war um die siebzig und hatte sich inzwischen weitgehend aus dem operativen Geschäft zurückgezogen. Nur bei wichtigen strategischen Entscheidungen wurde er noch zu Rate gezogen. Angefangen hatte er als Streifenpolizist in Hoboken, war dann auf eigenen Wunsch aus dem Polizeidienst ausgeschieden und hatte sich nächst als Privatermittler und Kopfgeldjäger selbstständig gemacht. Dreißig Jahre hatte es gedauert, Telso Security aus kleinsten Anfängen zu dem zu machen, was es heute war – die Nummer eins in der Branche. An seiner Seite nahm Bud Colane, der Geschäftsführer Platz.

Colane war höchstens halb so alt wie Adam J. Telso. Ein kleiner, dürrer Mann mit kurz geschorenen Haaren und sehr wachen hellbraunen Augen.

„Sie können sich vorstellen, dass wir sehr an der Aufklärung dieses Falls interessiert sind und Sie in jeder nur denkbaren Weise unterstützen werden“, erklärte Telso an Leslie und Jay gewandt. „Ihnen brauche ich jawohl nicht zu erzählen, wie sensibel die Sicherheitsbranche ist. Wenn nur der kleinste Fleck an unserer weißen Weste bleibt, dann können wir den Laden über kurz oder lang dicht machen. Ein Image-Schaden kann verheerende Folgen haben. Sehen Sie, unsere Kunden vertrauen uns schließlich ihr Geld an – und Sie würden doch Ihre Brieftasche auch niemandem geben, der schon mal wegen Diebstahls gesessen hat, oder?“

„Nun“, meinte Jay Kronburg etwas gedehnt.

So ganz schien ihm der Vergleich nicht zu passen, aber er wusste natürlich, worauf sein Gegenüber hinauswollte. „Wir sind davon überzeugt, dass die Täter sehr genaue Informationen über die Route des Geldtransporters hatten. Das legt den Schluss nahe, dass es entweder bei der Grand National Bank oder bei Ihnen jemanden gibt, der diese Informationen weitergegeben hat!“

„Dann sollten Sie mal intensiv bei der Grand National ermitteln!“, meinte Telso. „Schließlich sind von dieser Serie, von der man ja wohl sprechen muss, ausschließlich Transporter betroffen, die Gelder zu Filialen dieser Bank gebracht oder von dort abgeholt haben. Das ist doch sehr augenfällig.“

„Sie können sicher sein, dass wir in alle Richtungen ermitteln“, erklärte Jay etwas gereizt.

„Ja, das haben Ihre Kollegen vom FBI Field Office New Jersey auch gesagt, als sie noch in diesem Fall federführend waren“, murmelte Telso. „Und soweit ich informiert sind, hat es gegenüber dieser Bank auch entsprechende Drohungen gegeben...“

„Wir möchten gerne mit Mister Terry Matthews sprechen“, sagte Leslie Morell. „Er soll für die Koordination der Routen und die Zusammenarbeit mit der Grand National zuständig sein.“

Telso räusperte sich. „Ehrlich gesagt, bin ich nicht mehr im Einzelnen so auf dem Laufenden, wer gerade für mich arbeitet.“ Er deutete auf Bud Colane. „Mein Geschäftsführer und sein hervorragendes Team sind dafür zuständig, ständig neue und gute Köpfe für unsere Firma zu gewinnen.“

Leslie wandte sich an Colane. „Wo finden wir Mister Matthews?“

„Sie werden gleich Gelegenheit bekommen, mit ihm zu sprechen.“

„Außerdem benötigen wir einen Zugang zu sämtlichen Personaldaten des Unternehmens“, erklärte Jay.

„Ich weiß nicht, ob sich das wirklich noch von im Rahmen der üblichen Ermittlungsmaßnahmen bewegt!“, meinte Telso gedehnt.

„Da Sie Cop waren, wissen Sie genau, dass nichts dagegen einzuwenden ist“, widersprach Jay.

Der ehemalige NYPD-Cop pflegte kein Blatt vor den Mund zu nehmen.

„Außerdem ist es auch in Ihrem Interesse, dass wir keine Schwachstellen übersehen – und die könnten sich durchaus auch in Ihrem Unternehmen befinden.“

Telso wirkte nachdenklich und in sich gekehrt. Schließlich nickte er. „Wahrscheinlich haben Sie Recht.“

„Außerdem brauche ich eine Aufstellung von Subunternehmern, die Sie beschäftigen. Angefangen von dem Reinigungsservice bis zur Wartung Ihrer Fahrzeuge. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das alles Ihre eigenen Leute machen.“

„Nun, natürlich nicht“, meinte Bud Colane. „Outsourcing heißt ja heute das Zauberwort.“

Wenig später wurden Leslie und Jay dann in das Büro von Terry Matthews geführt.

Matthews war ein nervös wirkender, fast zwei Meter großer Mann. Der dunkle Anzug, den er trug, war ihm an den Armen zu kurz.

Er begrüßte Leslie und Jay sehr reserviert.

Auf einem der Bildschirme in seinem Büro war auch der Tourenplan für die Geldtransporter zu sehen, die für die Grand National Bank fuhren.

„Sie können hier gerne alles überprüfen“, sagte Matthews. „Aber hier gibt es kein Leck. Dafür lege ich meine Hand ins Feuer!“

„Ich hoffe, Sie verbrennen sich nicht, Mister Matthews“, gab Jay Kronburg auf seine offene, aber wenig diplomatische Art und Weise zurück.

„Ich bin dafür, dass wir das alles ganz von vorne durchgehen“, schlug Leslie vor. „Unter welchen Gesichtspunkten haben Sie die Route des Geldtransporters geplant – und vor allem wann?“

„Wenn das so wichtig ist – einer der Vorteile eines Computers ist, dass er alles protokolliert, was er tut.“

Matthews ging an seinen Arbeitsplatz. Seine Finger tanzten für ein paar Augenblicke über die Tastatur.

„Sehen Sie hier: Man kann es bis auf die Minute verfolgen! Der Geldtransporter ist um 11.20 Uhr nach New York aufgebrochen. Die Route wurde erst eine halbe Stunde zuvor eingegeben. Ein Hacker oder sonst wer, der hier im Büro herumgeschnüffelt haben könnte, müsste diese halbe Stunde genutzt haben, um an die Daten zu gelangen und sie dann weitergegeben haben.“

„Etwas knapp zur Vorbereitung eines derart generalstabsmäßig geplanten Überfalls!“, meinte auch Leslie.

„Na, wenigstens begreift das mal jemand!“, stieß Matthews hervor.

Jay Kronburg runzelte etwas irritiert die Stirn. „Wieso, hatten Sie in dieser Hinsicht schon mal Ärger?“

„Ja, mit ihre Kollegen aus New Jersey. Das betraf ebenfalls einen Geldtransport im Auftrag der Grand National, der in Paterson überfallen wurde. Die Sachlage war – zumindest was unserer Koordinationszentrum angeht - fast genauso, aber die haben trotzdem immer weiter gebohrt, obwohl doch ein Blinder gesehen hat, dass sie auf dem Holzweg waren.“

„Manchmal ist man das, Mister Matthews“, versuchte Jay Kronburg seine Kollegen zu entschuldigen. „Und so manches, was erst wie ein Holzweg ausgesehen hat, wurde später zur entscheidenden Spur!“

Matthews griff in die Innentasche seines Jacketts und nahm ein Dragee aus einer Tablettendose. Er schluckte es unzerkaut und ohne Wasser herunter. Danach schien er wieder etwas ruhiger zu werden.

Das Telefon klingelte.

Matthews ging an den Apparat, nahm ab und sagte zweimal kurz hintereinander „Ja.“. Dann beendete er das Gespräch. „Gentlemen, ich muss mich bei Ihnen entschuldigen, aber ich kann Ihnen im Moment nicht länger zur Verfügung stehen. Ich habe einen dringenden – privaten – Termin, den ich nicht schleifen lassen kann...“

„Ihre Frau“, fragte Jay.

Matthews lächelte dünn. „Meine Mutter.“ Er machte eine ausholende Geste und fuhr fort: „Meine Mitarbeiter werden Ihnen in allen Fragen die nötige Unterstützung gewähren.“

„Danke, Mister Matthews“, sagte Jay – noch immer noch leicht irritiert.

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Matthews stieg in seinen Mercedes, der auf dem Firmenparkplatz von Telso Security abgestellt war. Der Motor heulte auf. Die Reifen drehten kurz durch, als er losfuhr. Schweißperlen glänzten auf Matthews Stirn.

Er passierte das Tor am Ausgang des Firmengeländes, musste sich einen bissigen Kommentar des Wachhabenden anhören und fädelte sich auf ziemlich grobe Weise in den Verkehr der Hauptstraße ein.

Matthews brauchte eine Viertelstunde, um das Gewerbegebiet am Westrand von Union City zu verlassen. Schließlich erreichte er die Interstate 95 Richtung Bergen County.  Seine Finger tickten immer wieder nervös gegen das Lenkrad. Der Mund war ein dünner Strich.

Wenn du jetzt keine Fehler machst, dann hast du ausgesorgt, ging es ihm durch den Kopf.

Er sah kurz auf die Uhr an seinem Handgelenk und drosselte etwas die Geschwindigkeit. Jetzt einer Highway-Patrouille auffallen – das wäre wirklich der größte Fehler, den du machen könntest, dachte er.

Matthews fuhr an der Abfahrt auf die Interstate 46 vorbei, die nach Fort Lee führte – eine auf der Höhe von Harlem gelegene Kleinstadt am New Jersey-Ufer des Hudson.

Zur linken tauchten die Grünflächen des Overpeck Parks auf.

Matthews bog auf einen Parkplatz ab, von dem man eine fantastische Sicht hatte. Denn die gesamte Parklandschaft war von diesem erhöhten Punkt aus zu überblicken. Bei gutem Wetter konnte man sogar einige der Wolkenkratzer New Yorks sehen.

Eine dunkle Limousine wartete hier bereits.

Es handelte sich um einen Chevrolet. Allerdings kein serienmäßiges Modell. Es hatte einige Extras und dazu gehörten auch die sehr dunkel getönten Scheiben, die keinerlei Einblick nach innen gewährten.

Matthews hielt seinen Mercedes an, ließ aber den Motor laufen.

Der dunkle Chevy startete jetzt.

Die Limousine fuhr langsam und hielt dann, als die Fahrertüren beider Wagen sich ziemlich exakt in einem Abstand von nur ein paar Inches gegenüber stand.

Matthews ließ sein Fenster herunter.

Dasselbe geschah auf Seiten des Chevys.

Matthews atmete tief durch. „Wie steht’s? Können Sie die Abmachung einhalten?“, fragte der für den Einsatz der Geldtransporter zuständige Koordinator bei Telso Security Inc.

Das Gesicht seines Gegenübers lag zum größten Teil im Schatten. Lediglich das hervorspringende Kinn war sehr gut sichtbar.

Dicht neben dem Kinngrübchen war eine herzförmige Narbe zu sehen.

„Wieso hatten Sie jemals Zweifel daran, dass ich zu meinem Wort stehe?“, fragte der Mann mit der Narbe.

Die Mündung eines Schalldämpfers wurde plötzlich aus dem Fenster heraus gesteckt. Der Mann mit der Narbe drückte sofort ab. Drei Mal kurz hintereinander war ein Geräusch zu hören, das an den Schlag mit einer zusammengerollten Zeitung erinnerte.

Die Kugeln durchschlugen Matthews Körper und blieben dann irgendwo in den Polstern stecken.

Er sackte in sich zusammen. Seine Augen wurden starr und Blut rann ihm aus dem Mund.

Der Chevy brauste mit quietschenden Reifen davon.

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Wir machten wie geplant einen kleinen Abstecher zur Familie von Jack Dimaglia, einem der ermordeten Wachmänner.

Die Digmalias lebten in einer sehr bescheidenen Wohnung im Erdgeschoss eines Brownstonehauses in der Jesper Lane. Die Hausnummer lautete 555. Immerhin gab es in der Nähe einen Parkplatz, dafür aber abgesehen von einer Videokamera im Eingangsbereich keinerlei Sicherheitsmaßnahmen.

Als wir an der Wohnungstür klingelten, machte uns eine Frau Ende zwanzig auf. Sie hatte dunkles, leicht gelocktes Haar, das ihr bis über die Schultern hing.

„Mrs Ann Dimaglia?“, fragte ich und zeigte ihr dabei meinen Ausweis.

„Die bin ich“, bestätigte sie.

„Jesse Trevellian, Assistant Special Agent in Charge. Mein Kollege Milo Tucker und ich hätten noch ein paar Fragen an Sie, die den Tod Ihres Mannes betreffen.“

Ann Dimaglia schluckte. Sie atmete tief durch, so als müsste sie nach Luft ringen und nickte schließlich. „Kommen Sie herein.“

„Danke.“

Sie führte uns ins Wohnzimmer. „Nebenan schlafen die Zwillinge. Es wäre nett, wenn Sie die beiden nicht aufwecken würden!“, sagte sie.

„Ich möchte Ihnen unser aufrichtiges Beileid übermitteln, Miss Dimaglia“, sagte ich.

„Ich danke Ihnen für Ihre Anteilnahme.“ Sie wich meinem Blick aus. „Ich weiß, dass Sie gewiss Ihr Bestes tun, Agent Trevellian. So wie alle Polizeibeamten, die in irgendeiner Weise mit der Aufklärung des Falls betraut sind. Aber mir geht es jetzt erst einmal darum, dass ich mein Leben neu ordne. Jack und ich hatten Pläne, verstehen Sie? Das alles ist jetzt mit einem Schlag zertrümmert worden, weil es irgend so einem Irren nicht reichte, sich das Geld, für das sich andere krumm gelegt haben, unter den Nagel zu reißen, sondern auch noch zwei Männer kaltblütig niederzuschießen. Unsere Zwillinge werden jetzt ihren Vater nie bewusst kennen lernen. Von den finanziellen Sorgen, die wir jetzt haben, mal ganz abgesehen.“ Sie schluckte. Irgendwie schien sie das Bedürfnis zu haben, sich etwas von der Seele zu reden und ich ließ sie gewähren. Erstens ging es auch für uns darum, mehr über den Mann zu erfahren, der Jack Dimaglia gewesen war, denn ich hatte nach wie vor das Gefühl, dass er nicht nur deshalb gestorben war, weil er die Uniform von Telso Security trug. Und zweitens war diese Frau wahrscheinlich ohnehin am Rand des psychischen Zusammenbruchs. Ich hoffte, dass die Polizei ihr bereits einen Psychologen vermittelt hatte. Andernfalls würden wir das tun.

Dann blickte sie plötzlich auf und hielt inne. „Was ist mit dem Kollegen meines Mannes, der bei dem Überfall schwer verletzt wurde?“

„Donald Wrexler? Er ist noch immer nicht vernehmungsfähig“, erwiderte ich.

„Wird er je wieder... der Alte werden?“

„So wie es aussieht, kann er froh sein, nicht bereits tot zu sein“, sagte ich. „Kannten Sie Wrexler?“

„Ja“, bestätigte Ann Dimaglia. „Er war des Öfteren bei uns zu Besuch. Wenn sie frei hatten, gingen sie schon mal zusammen zu einem Baseball-Spiel. Ich habe mich nie dafür interessiert.“

Ein Tränenkrampf schüttelte wenig später die junge Witwe.

Milo versuchte mir bereits durch ein leichtes Kopfschütteln deutlich zu machen, dass er die Vernehmung für sinnlos hielt.

Ich legte ihr kurzerhand Fotos von Larry Kroszak, Joel McCrenna und David Montalban vor. Die Bilder waren zwar vor allem bei Kroszak ziemlich alt, aber sie reichten aus, um die Männer zu identifizieren.

Mrs Dimaglia sah sich die Fotos sorgfältig an, aber sie schüttelte jedes Mal energisch den Kopf. „Nein, tut mir leid, diese Männer habe ich noch nie gesehen. Einer von ihnen scheint mir ziemlich jung zu sein!“

Ich nickte. „Das Foto stammt aus einer Zeit, in der er erst sechzehn war.“ Aber Sie erkannte keinen der Drei. 

„Wieso sollte ich sie auch kennen?“, fragte sie verwundert zurück.

„Ich möchte Ihnen ungern zumuten, sich die Aufzeichnung der Videokamera eines Juweliergeschäfts anzusehen, die den Überfall aufgenommen hat“, erwiderte ich.

„Es gibt eine Aufzeichnung?“, unterbrach sie mich. „Davon wusste ich nichts.“

„Ihr Mann ist mit einer Waffe erschossen worden, die bei einem Raubüberfall verwendet wurde, bei dem diese drei jungen Männer als verdächtig galten. Gleichzeitig lässt sich die Szene auf dem Videoband so interpretieren, dass er seinen Mörder erkannt hat.“

Ich hatte versucht, mich bewusst diplomatisch auszudrücken. Offenbar ohne Erfolg, denn Mrs Dimaglia lief jetzt hochrot an. „Sie wollen doch wohl nicht sagen, dass Jack mit den Tätern unter einer Decke steckte?“

„Nein, ich...“

„Hören Sie! Jack hat eine sehr gefährliche, verantwortungsvolle Tätigkeit ausgeübt! Und das für einen Lohn, für den Sie nicht einmal Ihr Büro betreten würden, Agent Trevellian! Er wurde von einem Gangster eiskalt erschossen und jetzt, da er sich noch nicht einmal mehr dagegen wehren kann, werfen Sie ihm vor, dass er mit der Bande gemeinsame Sache gemacht hätte! Ich glaube, es ist besser, Sie...“

Sie brach ab.

Die Zwillinge begannen jetzt zu schreien. Ann Dimaglia hatte sich so sehr in Rage geredet, dass sie wach geworden waren.

„Mrs. Dimaglia, ich dachte eigentlich in erster Linie an eine ganz andere Möglichkeit. Es könnte doch sein, dass die Täter ihren Mann ausspioniert haben, dass sie versucht haben, Kontakt mit ihm aufzunehmen oder vielleicht sogar zu erpressen.“

„Damit er die Tourenplanung verrät?“, begriff sie sofort und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Es ist nur eine Möglichkeit, die wir aber auch bedenken müssen.“

„Er hätte mir gesagt, wenn man versucht hätte, ihn unter Druck zu setzen. Wir hatten keine Geheimnisse voreinander.“

„Vielleicht wollte er Sie nur schützen!“

„Das ist doch Unsinn!“

„Tatsache ist aber, dass Ihr Mann erschossen wurde, ohne dass er den Tätern dafür einen Anlass lieferte. Er hat keinen Widerstand geleistet, ihnen ermöglicht die Heck-Tür zu öffnen... Trotzdem wurde er getötet!“

Ann Dimaglia wich meinem Blick aus. Sie starrte zur Wand. Die Zwillinge begannen lauter zu schreien.

„Sie hören ja, dass ich mich jetzt um die Kleinen kümmern muss“, murmelte sie tonlos.

„Wir möchten uns gerne die persönlichen Sachen ihres Mannes ansehen“, sagte ich. „Und zwar auch Kontoauszüge und dergleichen...“

„Sehen Sie sich ruhig um und nehmen Sie meinetwegen auch mit, was Sie brauchen, Agent Trevellian. Sie sollen nicht denken, dass ich irgendetwas vor Ihnen zu verbergen versuche.“

Ihr Tonfall klang jetzt sehr scharf und verbittert.

Ihren Schmerz konnte ich gut verstehen.

Details

Seiten
300
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738919561
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v424154
Schlagworte
zwei alfred bekker krimis drachen-tattoo/ brooklyn-killer

Autor

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Titel: Zwei Alfred Bekker Krimis - Das Drachen-Tattoo/ Der Brooklyn-Killer