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Milton Sharp #24 - Die Rache der Dämonischen

2018 120 Seiten

Leseprobe

Mitten während der Hochzeitsfeier mit seiner Jenny wird Milton Sharp nach Berlin gerufen, um Licht in einen mysteriösen Amoklauf an einer Schule zu bringen. Angeblich waren Monster am Werk, doch davon will die Polizei nichts wissen. Mysteriöse Zwischenfälle häufen sich: Der Polizeibeamte, der den Schattenjäger nach Berlin gebeten hatte, lebt nicht mehr. Eine erste Auseinandersetzung mit den Dämonischen verläuft allzu einfach. Nach und nach kristallisiert sich ein diabolisches Komplott heraus, das einen einzigen Zweck verfolgt: den ärgsten Feind der Schattenwesen ein für allemal zu vernichten. Und Milton ist ganz auf sich alleine gestellt, denn seine Freunde, die ihm zur Seite stehen könnten, befinden sich auf der anderen Seite des Erdballs ...

Milton Sharp

Der Schattenjäger wird ausgerechnet in seiner glücklichsten Stunde an einen grausigen Tatort gerufen. Doch vor Ort will niemand etwas von Monstern und Dämonen wissen.

George Brown

Die Zufallsbekanntschaft findet Miltons Erlebnisse äußerst spannend und würde sich gerne daran beteiligen.

Kit Jeffers

Miltons frühere Arbeitskollegin war sehr verliebt in ihn, ist inzwischen aber verheiratet.

Yon-Dar

Der ‚gute‘ Dämon soll durch eine gewagte Operation den Menschen ähnlicher und vor allem von Milton weggeholt werden.

Schreie, Hilferufe, verzweifelte Versuche, sich in Sicherheit zu bringen, überall Glassplitter und Chaos.

Und Blut. Viel Blut. Blut von jungen Menschen. Von Kindern. Von Kindern, die um ihr Leben rannten und doch keine Chance hatten.

Dazwischen eine vermummte Gestalt, die erbarmungslos Jagd machte auf alles, was sich bewegte.

Sie sah grausig aus. Eine abscheuliche Kreatur mit unförmigem, gehörntem Schädel, in dem vor allem das enorme Gebiss ins Auge stach. Schlimmer als bei einem Mörderhai.

Und dann die Klauen, mit denen es seine Opfer zu greifen suchte. Krallenbewehrt und messerscharf. Ein Alptraum auf zwei klobigen Beinen, die sich aber mit beängstigendem Tempo fortbewegten.

Das Wesen war schneller als die Schüler des Heinz-Herzig-Gymnasiums, die zum Teil durch den Schock wie gelähmt waren.

„Sabine, Sebastian!“, rief Studienrat Grüber, „Hier her! Um Himmels willen, ihr lauft ihm ja direkt in die Arme.“

Der Lehrer hatte beim Betreten des Pausenhofs die Situation sofort überblickt, auch wenn er sie noch nicht begreifen konnte. Zuerst hatte er geglaubt, bei dem garstigen Wesen handle es sich um einen maskierten Akteur des für den Winter geplanten Theaterstücks, das seine Kollegin Barbara Steller inszenierte. Doch dann erinnerte er sich, dass es hierbei keinesfalls um eine Horrorgeschichte, sondern um ein romantisches Märchen ging, in dem eine derart grausige Gestalt völlig fehl am Platze gewesen wäre.

Während er noch in Erwägung zog, ob sich da Peter Zunk aus der 10a wieder einmal einen makabren Scherz erlaubte, hatte er genau diesen Jungen entdeckt, wie er bewegungslos auf dem Boden lag.

Blutend. Offensichtlich verletzt. Oder gar tot?

Da war ihm klar geworden, dass hier kein harmloser Spaß ablief. Es war Ernst. Bitterer, mörderischer Ernst.

Ein Amoklauf offenbar. Davon hatte man in letzter Zeit ja schon häufiger gehört. Da ballerten irgendwelche frustrierte Typen in eine Menge völlig unschuldiger Menschen, rissen viele davon in den Tod, um sich schließlich meistens selbst die Kugel zu geben. Aber ihm fiel sofort auf, dass das hier anders war. Der Kerl hatte weder ein Gewehr noch eine andere Feuerwaffe dabei. Er schoss nicht. Er hieb mit seinen fürchterlichen Klauen auf seine Opfer ein.

Handelte es sich bei den Krallen um gebogene Messer? All diese Überlegungen liefen in Grübers Gehirn blitzschnell ab. Er wusste, was er zu tun hatte. Er musste diesen Wahnsinn stoppen .

Er entdeckte zwar einige Kollegen, doch die hatten sich ausnahmslos hinter dem um diese Zeit verwaisten Verkaufskiosk verschanzt und brachten nicht den Mut auf, sich dem Killer entgegenzustellen.

Der Berserker wies zwar keine menschliche Ähnlichkeit auf, aber natürlich verbarg sich unter der scheußlichen Verkleidung ein Mann. Was sonst? Monster wie in Horrorfilmen gab es in Wahrheit schließlich nicht. Grüber zögerte nicht länger. Da Sabine und Sebastian nicht auf sein Rufen hörten und wie paralysiert das Ungeheuer anstarrten, das sie nun entdeckt hatte, sprintete er los.

Er war sicher, wenn es ihm gelang, dem Amokläufer die Maskierung vom Kopf zu reißen, würde dieser aufgeben und zu fliehen versuchen.

Jetzt hatte der Unhold das Mädchen erreicht. Laut brüllend schlug er zu. Blut spritzte. Sabine stürzte röchelnd zu Boden.

Der Maskierte holte erneut mit seiner fürchterlichen Krallenfaust aus.

Da war Grüber bei ihm und zerrte ihm die Maske vom Schädel. Jedenfalls wollte er es, aber das struppige, übel riechende Fell hielt bombenfest. Es war wie festgewachsen.

Das gab es doch nicht.

Zu weiteren Überlegungen kam der Studienrat nicht. Ein mörderischer Hieb fegte ihn quer über den halben Pausenhof. Unweit des Kiosks blieb er mit schmerzverzerrter Miene liegen.

Als er die Benommenheit abschüttelte und nach den bedrohten Schülern Ausschau hielt, sah er gerade noch, wie der Mörder auf das Schulgebäude zu stampfte und hinter dem Tor verschwand.

Zurück blieben all die Schüler, die es nicht mehr geschafft hatten, zu entkommen. Verletzte Kinder. Tote Kinder.

Ein Bild des Grauens.

***

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ES WURDEN INSGESAMT elf Opfer gezählt, für die jede Hilfe zu spät gekommen war. Dazu ungefähr die doppelte Anzahl verletzter Schüler. Keiner älter als 16 Jahre. Ein wenig beschämt mussten die Lehrer gegenüber der Polizei eingestehen, dass sie keinen Versuch unternommen hatten, das Verbrechen zu verhindern.

„Wir wurden von der Brutalität ja völlig überrascht“, verteidigte Direktor Fredersdorf sich und seine Kollegen. „Es kam wie ein Spuk über uns, und irgendwie war ich absolut bewegungsunfähig. So etwas habe ich noch nie erlebt. Das Ganze dauerte auch nur wenige Minuten. Dann war der Kerl verschwunden. Dabei haben wir sämtliche Gebäude abgesucht.“

Er verschwieg, dass es fast eine Stunde gedauert hatte, ehe sich einige Mutige fanden, die gemeinsam – mit allen möglichen Schlagwaffen ausgerüstet – zögernd von Klassenraum zu Klassenraum gegangen waren, ohne auch nur die kleinste Spur des Mörders zu finden.

Die Polizeibeamten unter der Leitung von Kriminalhauptkommissar Bregewecht waren, nachdem Fredersdorf sie verständigt hatte, professioneller vorgegangen, konnten aber ebenfalls vom Täter nichts aufspüren.

„Es war ja bekannt, dass Fritz Habermann äußerst aggressiv sein kann“, erklärte der Schulleiter, „aber eine solche Brutalität hätte ihm wohl niemand von uns zugetraut.“

„Ein Schüler?“, wollte Bregewecht wissen.

„Ein ehemaliger Schüler“, betonte Fredersdorf. „Wegen verschiedener Schlägereien und anderer Unregelmäßigkeiten mussten wir ihn vor vier Monaten von der Schule verweisen. So sieht also seine Rache aus.“

Die übrigen Lehrer nickten erschüttert. Nur Arno Grüber meldete Zweifel an.

„Habermann kann es nicht gewesen sein“, widersprach er. „Der Junge ist doch mindestens einen Kopf kleiner. Und dann diese Kraft. Ich spüre jetzt noch jeden Knochen nach meinem unfreiwilligen Flug. Ich kenne keinen Menschen, der derart zuschlagen kann.“

„Kollege Grüber ist der Auffassung, dass es sich um ein übersinnliches Wesen gehandelt haben muss“, erklärte Fredersdorf süffisant. „Grüber ist ziemlich phantasiebegabt. Er unterrichtet bei uns die musischen Fächer.“

„Aber immerhin ist er ein Mann“, ließ sich Barbara Steller hören und errötete ein wenig. „Von euch hatte ja keiner den Mut gefunden, Habermann zu überwältigen.“

„Was Grüber ja glänzend gelungen ist“, spottete der Direktor. „Nun ja, die ganze Angelegenheit ist jedenfalls äußerst tragisch. Ich kann nur hoffen, dass Habermann nicht schon außer Landes geflohen ist. Sie sollten ihn unverzüglich festnehmen.“

Diese Aufforderung war an den Hauptkommissar gerichtet, der aber den Auftrag schon längst veranlasst hatte.

Fritz Habermann wurde zu Hause angetroffen und leugnete erwartungsgemäß die Tat ganz entschieden. Er zeigte sich im Gegenteil äußerst betroffen über das Verbrechen und konnte sogar sein Alibi angeben. Demzufolge war er zur Tatzeit mit einem Kumpel zusammen gewesen, was dieser prompt bestätigte. Allerdings hätte dieser Kumpel mit Sicherheit für eine Schachtel Glimmstängel alles bestätigt, was man von ihm hören wollte.

Daher wurde Fritz Habermann in Untersuchungshaft genommen. Alle waren sicher, den Amokläufer vom Heinz-Herzig-Gymnasium dingfest gemacht zu haben.

Alle – außer Arno Grüber.

***

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ES WAR NUR EINE SCHLICHTE Feier, obwohl für diesen Anlass durchaus ein größerer Rahmen angemessen gewesen wäre. Aber Jenny Sharp wollte es genau so. Nur die engsten Freunde sollten Zeuge sein, wenn sie ihrem Milton endlich das Jawort gab.

Lange genug hatte es gedauert.

Zunächst hatte sie sich in Miltons Bruder Glyn verliebt und diesen sogar geheiratet, nachdem Milton beide aus den Klauen eines fürchterlichen Dämons befreit hatte. Aber Glyn wurde schließlich doch ein Opfer der Unseligen. (siehe Milton Sharp Nr. 20: Die Rache des Untoten)

Milton stand der verzweifelten Witwe in dieser schweren Zeit zur Seite. Längst hatte er tiefe Gefühle für sie entwickelt, die er sich aber bisher verboten hatte. Aber auch Jenny fühlte sich unwiderstehlich zu Glyns Bruder hingezogen, was kein Wunder war. Schließlich handelte es sich um Zwillinge, die sich zu Lebzeiten zum Verwechseln ähnlich gesehen hatten.

„Wie sieht’s aus, Milton?“, erkundigte sich Strother Brooks. „Jetzt wirst du doch wohl dein unstetes Leben aufgeben und in den Schoß der ‚Seaford Post‘ zurückkehren. Du kannst doch nicht dein Leben lang hinter Dämonen und anderen Schattenwesen her hetzen. Jetzt hast du dich gefälligst deiner zauberhaften Frau zu widmen. Sonst spanne ich sie dir nämlich aus.“

Alle mussten lachen, denn Brooks war nicht gerade ein Adonis.

Milton Sharp schüttelte amüsiert den Kopf. „Tut mir leid, Strother, aber Jenny hat ja heute hinlänglich ihren guten Geschmack bewiesen. Ich fürchte, da hast du keine Chance. Außerdem kommt dein Provinzblättchen ganz gut ohne mich aus.“

„Hoho!“, protestierte der Herausgeber der ‚Seaford Post‘, für die Milton Sharp jahrelang als Reporter gearbeitet hatte, bevor ein schwerer Schicksalsschlag ihn zwang, seine ganze Kraft dem Kampf gegen die Schrecklichen dieser Welt zu widmen. (siehe Milton Sharp Nr. 1: Das Ungeheuer von Seaford)

„Das Provinzblättchen hat nach wie vor einen ausgezeichneten Ruf. Für die ‚Seaford Post‘ arbeiten nur die Besten. Du gehörst einfach dazu und hast dir wahrlich endlich ein ruhigeres Leben verdient.“

„Strother hat recht“, ließ sich die Frau an Miltons Seite hören. „Die schrecklichen Zeiten voller Angst und Gefahren sind vorbei. Jetzt machen wir erst einmal unsere Hochzeitsreise, und dann kannst du dir ja überlegen, ob dich dein früherer Beruf noch reizt, oder ob du etwas völlig anderes anfangen möchtest.“

Milton erwiderte Jennys verliebten Blick. Es gelang ihm, sich nichts anmerken zu lassen. Sie musste nichts von der Glückwunschkarte wissen, die er heute zwischen der übrigen Post gefunden hatte.

„Tod und Hölle für euch beide“, stand dort in krakeliger Schrift geschrieben. „Auf ewig sollt ihr verdammt sein.“

Ein geschmackloser Scherz? Wohl kaum. Denn als er die Botschaft Rod Palmer zeigen wollte, hielt er nur noch ein blütenweißes Stück Karton in der Hand. Die Schrift war wie durch Zauberei verschwunden.

Rod Palmer war einer ihrer Hochzeitsgäste. Genau wie seine karibische Partnerin Bo Verezco. Beide, die sich wie er dem Kampf gegen alle dämonischen Unholde verschworen hatten, hatte Milton während einer dieser schier aussichtslosen Schlachten kennen gelernt und ihre Freundschaft gewonnen. (siehe Milton Sharp Nr. 15: Im Bann der Dämoneninsel)

Er war fast sicher, dass er sich schon bald wieder den Höllischen würde stellen müssen.

„Das wird Milton sicher nicht heute oder morgen entscheiden“, ließ sich Hoster O’Neil hören. Er war der Verleger mehrerer auflagenstarker Zeitschriften, und ohne seine finanzielle Unterstützung wäre es Milton Sharp gar nicht möglich gewesen, überall hin zu reisen, wo Schattenwesen für Panik sorgten.

O’Neil hatte ein persönliches Interesse an deren Vernichtung, war doch sein Schwager einem dieser Furchtbaren zum Opfer gefallen. Zweifellos war es nicht in seinem Sinne, wenn sich der Schattenjäger nun aus diesem Kampf zurückzog.

„Schade, dass Yon-Dar heute nicht mit uns feiern kann“, wechselte Milton das Thema. „Aber ich bin froh, dass wir einen Chirurgen gefunden haben, der versuchen will, ihm einen künstlichen Rumpf einzupflanzen, der nicht von seinen existierenden Gliedmaßen abgestoßen wird.“

„Ich bin sicher, dass er in Gedanken jetzt bei uns ist“, meinte Jenny. Ihr war dieser Dämon noch immer nicht ganz geheuer, der ursprünglich für das Böse gedacht war, dann aber doch für die Seite des Guten gewonnen werden konnte. (siehe Milton Sharp Nr. 14: Das Gasthaus zur Blutbuche)

Yon-Dar besaß zwar Arme und Beine, doch bevor er mit einem Körper und der bösartigen Gesinnung komplettiert werden konnte, hatte Milton dazwischen gefunkt.

„Leider scheint es die zu erwartenden Komplikationen zu geben“, wusste Milton Sharp. „Die letzte Nachricht aus Sulawesi klang nicht sehr zuversichtlich.“

„Deshalb habt ihr euch wohl auch für Indonesien für eure Hochzeitsreise entschieden“, vermutete Bo Verezco.

Milton schmunzelte. „Ertappt! Ich möchte mich vergewissern, dass unser Freund nicht zum Versuchsobjekt missbraucht wird. Notfalls nehmen wir ...“ Er wandte seinen Kopf zur Seite. „Entschuldigt! Schon wieder das Telefon. Dabei haben wir uns doch so sehr bemüht, unseren Hochzeitstermin geheimzuhalten. Jenny mag diesen ganzen Trubel einfach nicht.“

Er ging in den Nebenraum, in dem der Telefonapparat rasselte, und nahm den Hörer ab. Als er zu den Anderen zurück kam, war sein Gesicht ernst.

„Da wollte niemand gratulieren“, ahnte Jenny.

„Nein“, bestätigte Milton dumpf. „Es war ein Hilferuf. In Deutschland scheint die Hölle los zu sein. Hauptkommissar Westermeier erwartet mich unverzüglich.“

„Westermeier?“, vergewisserte sich Rod Palmer. „Hast du ihm nicht schon einmal geholfen, als die Granithexen in Hamburg ihr Unwesen trieben?“

„Stimmt. Inzwischen arbeitet er in Berlin, und wenn er um Hilfe bittet, scheint es wirklich ernst zu sein.“

„Na, ein paar Tage wird es ja wohl Zeit haben“, meinte Strother Brooks und griff nach seinem Champagnerglas.

Milton Sharp schüttelte den Kopf. Dabei blickte er Jenny um Verständnis heischend an. „Sie morden Kinder“, stieß er zornig hervor. „An drei Orten haben sie schon zugeschlagen.“

„Wer?“, wollte Hoster O’Neil wissen.

„Wie meistens widersprechen sich die Zeugenaussagen. Aber Westermeier schwört, dass er mit eigenen Augen ein grauenvolles Monstrum mit glühenden Augen, dreizackigen Hörnern und fürchterlichen Pranken an einem der Tatorte gesehen hat. Er bittet mich verzweifelt, umgehend die nächste Maschine zu nehmen, und hat mir auch gleich die Flugdaten durchgegeben. Wenn ich mich beeile, könnte ich es gerade noch nach Heathrow schaffen.“

Er war sicher, dass Jenny lautstark protestieren würde, aber sie sagte nur leise: „Es geht um unschuldige Kinder. Versprich mir, dass du gesund zurück kommst, Liebster.“

Er nahm sie stürmisch in die Arme. „Womit habe ich dich verdient?“, murmelte er, bevor er nach einem Blick auf seine Armbanduhr aus dem Raum hastete, um das Nötigste einzupacken und ein Taxi zu bestellen.

Minutenlang hingen die Zurückbleibenden ihren Gedanken nach.

„Vielleicht sollten wir auch gleich morgen früh die nächste Maschine nach Berlin nehmen“, überlegte Rod Palmer. „Milton kann bestimmt unsere Hilfe brauchen.“

Bo Verezco war sofort einverstanden. Da wusste sie noch nicht, dass sie bereits in dieser Nacht nach Guatemala gerufen wurden, wo an einer Ausgrabungsstelle Mumien zum grausigen Leben erwacht waren.

„Jetzt habe ich ihm gar nicht meine Überraschung gezeigt“, meinte Jenny versonnen und zeigte ein schmales Päckchen, das in Goldpapier eingewickelt war.

„Ein Füllfederhalter für seinen Job bei der ,Seaford Post‘“, hoffte Strother Brooks.

„Mach’ es auf!“, drängte Bo Verezco.

Jenny entfernte zögernd das Papier.

„Was soll denn das sein?“, brummte Hoster O’Neil und griff nach dem bleistiftdünnen Stäbchen.

Bo kapierte sofort. „Na, ein Schwangerschaftstest“, jubelte die Karibin und fiel Jenny um den Hals. „Du erwartest ein Baby. Und er ahnt es noch nicht?“

Jenny schüttelte den Kopf. „Das erfährt er erst, wenn er wieder bei mir ist.“

***

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MILTON ÜBERLEGTE, OB er in der Eile auch nichts Wichtiges vergessen hatte. Sprühampullen mit Weihwasser, geweihte Silberkreuze, vor allem aber das Heptagon, das, so unscheinbar der siebenseitige Kristall auch war, ihm schon in manchen Auseinandersetzungen mit den Wesen der Schwarzwelt zum Sieg verholfen hatte. Okay, auch er hatte seinetwegen schon einige schmerzhafte Blessuren einstecken müssen, denn das ‚Herz des Abtrünnigen‘, das er vor einiger Zeit erbeutet hatte, besaß die unangenehme Eigenschaft, sich gelegentlich auch gegen ihn selbst zu wenden. Fast immer jedoch bekamen die Unseligen seine vernichtende Macht zu spüren. Es war im Grunde die einzige wirkliche Waffe des Schattenjägers. (siehe Milton Sharp Nr. 15: Im Bann der Dämoneninsel)

Sein Blick fiel auf die Zeitung, in der sein Sitznachbar las, und war schlagartig elektrisiert.

„Entschuldigung, dürfte ich wohl einmal einen kurzen Blick in Ihre Zeitung werfen?“

Der Mann schob sie ihm bereitwillig herüber. „Mich interessiert sowieso nur der Sportteil.“ Verwundert schaute er Milton von der Seite an. „Aber Sie scheinen ja ziemlich von der Rolle zu sein. Hat vielleicht Ihr Lieblingsverein verloren?“

Milton antwortete nicht sofort. Entgeistert las er den kurzen Artikel auf der letzten Seite:

„Englischer Tourist vom Blitz erschlagen? Der 30-jährige Brite Milton S. kam gestern unter noch ungeklärten Umständen ums Leben ...“ In die Meldung eingebettet war das Foto, das sich auch in seinem Pass befand.

„Von wann ist die Zeitung?“, murmelte er verstört und drehte das Blatt um. „Von übermorgen?“

„Alles okay mit Ihnen?“, erkundigte sich der Mann neben ihm besorgt. „Sie sehen gar nicht gut aus. Soll ich die Stewardess ...?“ Er stutzte. „Aber sind das nicht Sie?“ Sein Zeigefinger bohrte sich auf das Bild.

Milton nickte. „Nicht besonders lustig, seine eigene Todesmeldung zu lesen.“

„Kann ich mir vorstellen.“ Er betrachtete Milton genauer. „Irgendwie kommen Sie mir bekannt vor. Kann es sein, dass Sie schon öfter in der Zeitung abgebildet waren? Politik? Film? Oder etwa Sport?“

„Das erraten Sie sowieso nicht“, entgegnete Milton abwesend. „Und wenn, dann würden Sie sich nur darüber lustig machen.“

„Jetzt haben Sie mich neugierig gemacht. Hm. Milton S. Da war doch kürzlich ein Bericht ...“ Er zögerte, bevor er herausplatzte: „Doch nicht etwa Milton Sharp, dieser ...“

„... dieser Schattenjäger“, ergänzte Milton. „Sparen Sie sich getrost Ihre amüsierten Kommentare. Ich kenne sie alle. Aber wenn Sie wüssten, was es alles für Kreaturen gibt, die sich dem menschlichen Begreifen entziehen ...“

„Mich müssen Sie nicht überzeugen, Mr. Sharp“, wurde er unterbrochen. „Ich bin schon seit langem sicher, dass dieses Dämonenpack existiert, und hoffe nur, dass ich niemals einem von denen begegne. Mein Name ist übrigens Brown. George Brown. Scheidungsanwalt. Also wenn Sie mal Hilfe benötigen ...“ Er zwinkerte Milton Sharp zu.

„Kein Bedarf, Mr. Brown. Ich komme gerade direkt von meiner eigenen Hochzeitsfeier. Die Ereignisse an drei Schulen führen mich nach Berlin.“

„Die Amokläufe. Ich verstehe. Entsetzliche Geschichte. Habe davon gehört. Und Sie glauben, dass es da nicht mit rechten Dingen zugegangen ist?“

„Das sowieso nicht. Wer bringt denn reihenweise unschuldige Kinder um? Ob allerdings wirklich Unirdische die Hände im Spiel haben, muss erst noch geklärt werden. Und dann gibt es Arbeit für mich.“

„Na, da sind Sie nicht zu beneiden. Ich fliege wegen der Internationalen Funkausstellung nach Berlin. Dort soll es hochinteressante Neuigkeiten geben. Unter anderem ein Telefon ohne Kabel, mit dem man von jedem Ort der Welt jedes andere Telefon erreichen kann. Wohlgemerkt, ohne an eine Steckdose gebunden zu sein.“

„Sie meinen, ich könnte zum Beispiel hier vom Flugzeug aus meine Frau in Seaford anrufen?“

„So wird behauptet. Das wäre für meine Kanzlei von großem Vorteil. Es gibt ja Funkgeräte, aber die können eben nur Verbindung zu anderen Funkgeräten aufnehmen. Aber so ein Telefon, das man einfach in der Hosentasche überall hin mitnehmen könnte, das wäre schon ein Ding.“

Milton erkannte diese Bedeutung ebenfalls. Wenn er Zeit fand, würde er vielleicht ebenfalls die Messe besuchen. Unvorstellbar, wenn er sich jetzt mit so einem Apparat bei Jenny für seinen überstürzten Aufbruch entschuldigen konnte.

Das Gespräch geriet ins Stocken, bis George Brown fragte: „Haben Sie überhaupt schon ein Hotel? Das könnte während der Messe nämlich schwierig werden.“

Milton verneinte. „Dafür war überhaupt keine Zeit. Ich hatte ja kaum Gelegenheit, das Nötigste einzupacken. Aber ich kenne einen Polizeibeamten in Berlin. Der holt mich vom Flughafen ab und wird mir sicher behilflich sein.“

„Nun, wenn Sie nicht zu hohe Ansprüche stellen, könnten Sie gerne ein paar Tage bei mir wohnen. Ich besitze eine kleine Ferienwohnung in Zehlendorf. Nichts Besonderes, aber für zwei Personen völlig ausreichend. Ich würde mich freuen. Wann habe ich schon mal Gelegenheit, mich mit einem richtigen Schattenjäger zu unterhalten. Da gibt es bestimmt viel Spannendes zu erzählen.“

„Das wird nicht nötig sein. Aber trotzdem vielen Dank für das freundliche Angebot. Doch zum Erzählen würde ich ohnehin kaum Zeit haben. Meine Erfahrung aus der Vergangenheit hat mich gelehrt, dass ich jede Minute nutzen muss, wenn die Höllischen im Spiel sind.“

„Ach, wissen Sie“, meinte George Brown. „Ich glaube, das Ganze klärt sich als ziemlich harmlos auf. Wenn man bei solch scheußlichen Verbrechen überhaupt von harmlos sprechen kann Angeblich wurde doch schon der Tatverdächtige verhaftet. Ein gewalttätiger Halbwüchsiger. In diesem Fall wären sie völlig umsonst nach Berlin geflogen.“

„Da klang Hauptkommissar Westermeier am Telefon leider ganz anders. Aber okay. Sollten Sie wider Erwarten Recht behalten, können wir uns gerne mal auf ein Bier zusammensetzen, und ich erzähle Ihnen dann, was ich in den letzten Monaten so erlebt habe. Dann aber will ich schnellstens wieder zu meiner Frau zurück.“ Er griff in seine Sakkotasche und zog ein Foto heraus. „Das ist meine Jenny“, erklärte er mit unüberhörbarem Stolz.

Brown betrachte das Bild bewundernd. „Recht haben Sie, Sharp. So ein Schmuckstück würde ich auch nicht gerne ohne triftigen Grund allein lassen. Da kann ja so viel passieren. Die Männer sind schlecht und ständig auf der Jagd nach Beute.“ Er lachte kehlig.

Dass er Jenny an einen anderen Mann verlieren könnte, befürchtete Milton nicht. Die eventuelle Gefahr ging nur von den Schattenwesen aus.

Damit behielt er Recht, allerdings anders, als er geglaubt hatte.

***

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MERKWÜRDIG“, FAND Milton ein wenig ungehalten. „Ich habe fest damit gerechnet, dass Westermeier mich abholt. „Er hat auch keine Vertretung geschickt, falls er verhindert ist. Am besten, ich fahre sofort zum Landeskriminalamt. Die Adresse werde ich wohl im Telefonbuch finden.“

„Sieht so aus, als müssten Sie doch noch mein Angebot annehmen“, ließ sich George Brown hören, der gerade in ein Taxi einsteigen wollte. „Kommen Sie mit, Sharp. Dann fahren wir zuerst zur Polizei und anschließend zu mir nach Zehlendorf, falls sich nicht doch noch etwas Anderes ergibt.“

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738919547
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (April)
Schlagworte
milton sharp rache dämonischen

Autor

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Titel: Milton Sharp #24 - Die Rache der Dämonischen