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Callahan #13 - Söhne des Feuers

2018 120 Seiten

Leseprobe

Nach der Niederlage am Little Bighorn River kannte die US Army nur noch eines: die Sioux und Cheyennes sollten sich bedingungslos unterwerfen, oder man würde sie ausrotten. Ich versuchte, was ich konnte, die absolute Unterwerfung von den Cheyennes abzuhalten.

Es gelang mir, den besonnenen Häuptling Sitzender Bär zu überreden, der Forderung der Armee nachzugeben, in die Reservation zu gehen und Frieden zu halten. Als ich mit seinem Stamm bei Fort Crawford ankam, dachte ich, es geschafft zu haben. Sitzender Bär wollte nie mehr Krieg gegen die Weißen führen.

Aber plötzlich war der Krieg über Nacht wieder da. Grausam, hart, tödlich ... und ich steckte wieder mitten drin in einer Menge Ärger ...

Der blonde bärtige Master Sergeant grinste mich mitleidig an und schob mir wortlos einen Becher mit kohlrabenschwarzem Kaffee zu.

Kaffee! Das war genau das, was ich jetzt gebrauchen konnte. In meinem Kopf tobte ein mittlerer Tornado, und ich hatte das Gefühl, mein Schädel hätte sich mittlerweile zu einem gutgeratenen Kürbis ausgeweitet.

Mann, war das eine Nacht gewesen!

Der Kaffee war kochend heiß. Ich schlürfte ihn vorsichtig und blickte über den Becherrand hinweg auf Clooney. Der grinste immer noch. Ich setzte den Becher ab und sah in seine leichtblauen Augen. „Hast du die Mücken abgezählt?“, wollte ich wissen.

Er nickte nur, wippte mit dem Stuhl zurück, zog die Schublade seines Tisches auf und nahm eine Papiertüte heraus. Er warf sie auf den Tisch, und es tat einen harten Schlag.

„Zähl nach, damit du nicht sagen kannst, wir hätten dich beschissen.“ Er lachte wieder.

Ich öffnete die Tüte, nahm zwei Scheine und drei Geldstücke heraus. Ein Betrag, dessen Summe ich mit einem Blick feststellen konnte. Während ich das Geld einsteckte, fragte ich: „War Mike schon da?“

„Der ist ein Problem für sich. Ich habe ihn vorsichtshalber in den Knast getan.“

„Was hast du?“ Ich sprang vom Stuhl auf. Um ein Haar hätte ich den noch halb mit Kaffee gefüllten Becher umgerissen. „Du hast ihn in den Knast gesperrt? Was zum Teufel hast du dir dabei gedacht?“

Er machte eine beschwichtigende Handbewegung und sagte: „Setz dich wieder auf deinen Hintern und werde ruhig. Ich mein’s ja nur gut mit ihm. Er war so voll und hat einen solchen Spektakel gemacht, dass mir gar keine Wahl blieb. Und im übrigen, Callahan, wollte ich ihn vor noch mehr Dummheiten bewahren, als er sowieso schon in seinem Suff begangen hat.“

„Dummheiten?“, fragte ich gereizt. „Ein Mann, der wochenlang unterwegs gewesen ist, hat ein Anrecht darauf, einmal einen über den Durst zu trinken. Und er hat wochenlang nichts bekommen, keinen einzigen Tropfen.“

„Das ist ja das Problem“, erwiderte Clooney. „Deswegen verträgt er nichts, weil er nichts mehr gewohnt ist. Aber das meine ich nicht mit den Dummheiten. Er hat gespielt. Einer der Spieler war Tex Hovey. Ich will dir etwas sagen, Callahan. Tex Hovey mag ein guter Scout sein; aber ich kann den Burschen nicht leiden. In meinem Job kann ich mir es allerdings nicht leisten, jemanden nicht leiden zu können. Ich muss mit allen auskommen. Und die Armee braucht Pfadfinder wie Tex Hovey, wie Mike Hotchkiss und wie dich, Jed Callahan. Ohne euch kämen wir hier in der Wildnis gar nicht zurecht. Aber Hovey ist trotzdem ein Windhund. Und ich sage auch, dass er ein Falschspieler ist. Ein verdammter Trickser, der Mike die letzten Cents aus der Tasche gezogen hätte, wäre Mike schon ausgezahlt gewesen. Aber zum Glück habe ich ihm nur ein Handgeld gegeben, damit er etwas trinken kann. Der Wirt der Kantine, dieser verdammte Hundesohn, hat angeschrieben. Bei ihm hat Mike Schulden gemacht, so dass er sich volllaufen lassen konnte, was ich verhindern wollte.“

„Du weißt nicht, was hinter ihm liegt. Es war ein verdammt harter Job, die Cheyennes dazu zu bewegen, in diese Reservationen im Süden zu ziehen. Nun gut, bis hierher haben wir sie gebracht. Von jetzt an kann die Armee sie begleiten.“

„Da ist noch etwas.“ Der Master Sergeant stieß seinen knochigen Zeigefinger in meine Richtung. „Er hat bei diesem Händler Chunters Grundstücke gekauft.“

Ich verstand immer nur Bahnhof. „Grundstücke?“, fragte ich. „Was denn für Grundstücke?“

Clooney lehnte sich zurück, wippte wieder mit dem Stuhl und grinste schief. Dann sagte er: „Da ist ein Bursche namens Chunters, der sich ausgedacht hat, dass auch das Land, das keiner Menschenseele gehört und wo kein Schwein leben möchte, irgendwie zu verkaufen sein müsste. Er hat also Gebiete, die nur aus Wald und Steppe bestehen, im nördlichen Montana von der Regierung gekauft. Regierungsland ist für einen Apfel und ein Ei zu bekommen, wenn es in solchen Gebieten liegt, wo er sich eingekauft hat. Aber schlau, wie er ist, hat er auch eine Militärkarte, und auf die hat er lauter Parzellen von diesem Gebiet gemacht. Land, das kein Aas bis heute vermessen hat. Aber er hat eine Karte, und auf ihr gibt es Parzellen. Er hat sie schön säuberlich nummeriert und behauptet, es sei das beste Land der Welt. Ein Boden, auf dem drei Ernten gedeihen. Alles Märchen, die ihm nur ein Bescheuerter oder einer, der so besoffen wie Mike ist, abnehmen wird. Und Mike, das sagte ich eben, war so besoffen.“

Dieser Narr, dachte ich. Jetzt macht er es wieder wie beim letzten Mal. Nach wochenlanger Schinderei lässt er sich vollaufen und schmeißt in einer Nacht all das so sauer verdiente Geld unter die Leute. Land! Was will dieser Idiot mit Land? Dazu noch im nördlichen Montana. Der perfekte Schwachsinn. Ich müsste wissen, was er bezahlt hat.

„Was hat er dafür ausgegeben? Zehn Dollar, zwanzig?“

Clooney sah mich an wie einen Geistesgestörten. „Zehn Dollar oder zwanzig? Du hast diesen Chunters noch nicht gesehen. Der hat eine eigene Kutsche, zwei Mädchen, die sich den Jungs auf den Schoß setzen, wenn das nachhelfen soll.“ Er lachte. „Die eine ist in unserem Hospital mit einem gebrochenen Fuß. Trotzdem, er ist ein ganz cleverer Bursche. Nein, Callahan, für zehn oder zwanzig Dollar hätte dieser Chunters noch nicht einmal die Lippen bewegt. Zweitausend!“

Ich musste schlucken. Ich hatte das Gefühl, einen Kloß in der Kehle zu haben. Zweitausend? dachte ich.

„Du machst Augen wie Spiegeleier. Aber es stimmt.“ Er lachte. Es war ein böses Lachen, ohne ein Zeichen von Fröhlichkeit. „Er hat auf zweitausend Dollar unterschrieben. Die zweihundertfünfzig, die er für seine Arbeit bei mir zu bekommen hatte, muss ich diesem Strolch Chunters noch auszahlen. Mike hat sie ihm überschrieben.“

„Aber das geht doch nicht!“, rief ich empört. „Das kann doch keiner mit ihm machen!“

Der Master Sergeant zuckte die Schultern. „Wieso nicht? Mike ist ein Mann von vierundfünfzig Jahren und weiß, was er tut.“

„Er weiß es nicht“, widersprach ich. „Er war stinkvoll!“

„Das ist so eine Frage. Wie voll ist er gewesen, als er unterschrieben hat?“ Clooney beugte sich vor. „Hör zu, Callahan. Ich bin vorhin bei Colonel Mathew gewesen. Ich habe mit ihm gesprochen; ihm die Geschichte vorgetragen. Und weißt du, was er sagt?“

Ich schüttelte den Kopf.

„Er meint“, fuhr Clooney fort, „dass ein Mann wie Mike nach zwölf Schnäpsen nicht voll sein kann. Und ich habe ihm gesagt, dass er sie hintereinander getrunken hat und nichts gewöhnt war.“

„So ist es auch. Wir haben in diesen Wochen keinen Tropfen angerührt. Wir hatten nicht einmal einen Tropfen bei uns.“

„Sag ich doch! Und ein Bursche, der so lange abstinent war, verträgt einfach nichts.“

„Richtig. Vor allen Dingen hat Mike so gut wie nichts gegessen. Jedenfalls nicht, bevor er anfing zu saufen.“

„Genauso ist es“ bestätigte Clooney. „Aber der Colonel meint, da wäre nichts drin. Er wird sie zahlen müssen, die zweitausend Mücken, da hilft kein Gott.“

„Ich weiß nicht, ob da kein Gott hilft. Ich halte mich ja nicht für Gott, aber ich bilde mir ein, dass ich schon etwas helfen könnte“, widersprach ich ihm und stand auf. „Wo, zum Teufel, finde ich diesen Chunters?“

Clooney lehnte sich zurück, rieb sich zufrieden die Hände und strahlte mich an. „O Junge“, rief er begeistert, „wäre ich doch nicht in dieser verdammten Armee, sondern ein gottverlassener Zivilist wie du. Nichts wünsch’ ich mir im Augenblick mehr, als nicht zur Armee zu gehören, damit ich mit dir gehen könnte. Ich habe schon davon geträumt, diesem Strolch mitten ins Gesicht zu schlagen. Diesem Schweinehund all das Geld wieder abzunehmen, dass er bei vielen unserer Jungs ergaunert hat. Verstehst du, es ist nicht nur Mike, dem er Geld abnehmen konnte. Er hat auch andere geschröpft. Männer der Fortbesatzung. Zwei Offiziere sind dabei. Ich möchte dir die Namen nicht nennen, weil ich mich dafür schäme. Denn die sind nicht betrunken gewesen. Und weißt du was, Callahan, ich habe mit dem Colonel alles durchgesprochen. Er ist genauso empört wie ich. Aber man kann nichts tun. Was dieser Chunters da treibt, ist völlig legal. Er verstößt nicht gegen das Gesetz. Die Leute, die unterschreiben, müssen erwachsen sein, und sie sind es bis jetzt allesamt gewesen. Und wenn der eine oder andere betrunken gewesen sein sollte, so ist es schwer nachzuweisen, wie weit der Grad der Betrunkenheit reichte, denn das Gesetz verurteilt nur die Verträge, die mit einem sinnlos Betrunkenen abgeschlossen wurden.“

„Ich habe die Medizin für ihn. Ich werde mit diesem Chunters sprechen. Und lass Mike ruhig in deiner Zehe. Es war wahrhaftig eine gute Idee von dir, erst mal bis zur Ausnüchterung einzusperren.“

„Oh“, rief Clooney, „der schläft nicht mehr. Der ist so wach wie du. Und er möchte liebend gerne heraus. Aber ich habe mir gedacht, dass ich erst mit dir rede.“

„Deswegen hast du mich vorhin so hinterhältig angegrinst, was?“ Ich musste lachen. „Aber die Idee war nicht schlecht. Ich werde mich sofort um diesen Mr. Chunters kümmern. Wo finde ich ihn?“

„Du musst aufpassen, Callahan.“ Clooneys Stimme klang warnend und mahnend zugleich. „Der Kerl hat ein richtiges Gefolge; er ist nicht allein. Er hat eine Kutsche, wie ich schon sagte, und zwei Wagen. In einem dieser Wagen schläft er ganz allein. Es soll ein Prachtexemplar von einem Wagen sein. Mit einem Bett drin. So etwas hast du noch nie gesehen. In dem anderen Wagen schlafen die drei Mädchen. Aber wie ich schon sagte, hat er noch mehr Leute. Einen Kerl, der zu ihm gehört, konnte ich wegen eines Vergehens festnehmen und einsperren lassen. Aber er hat sich Nachwuchs besorgt. Du wirst es nicht glauben, wer seit gestern Abend in seine Mannschaft eingetreten ist.“

Ich hatte schon eine dumpfe Ahnung. Merkwürdig eigentlich, dass ich sofort an Tex Hovey denken musste. Genauso war es.

Clooney erzählte mir, dass außer Tex ein gewisser Bill Womack bei diesem Chunters war. Und dieser Womack sollte ein gefährlicher Revolvermann sein. Allerdings gab ich da nicht allzuviel auf Clooneys Meinung. Ich wusste, dass er von wirklichen Revolvermännern und solchen, die es gerne sein wollten, nicht viel verstand.

„Ach, das macht nichts“, sagte ich, „ich seh’ mir diesen Burschen trotzdem einmal an.“

„Wir können dir nicht helfen, Callahan. Er befindet sich außerhalb des Forts, und Auseinandersetzungen zwischen Weißen, wenn sie Zivilisten sind, gehen uns nichts an.“

„Mach dir keine Sorgen“, beruhigte ich ihn. „Ich glaube, da gibt es überhaupt nichts zu überlegen.“

Er grinste wieder. „Nein, Callahan. Ich hatte, wenn du es genau wissen willst, von dir nichts anderes erwartet. Ich drück’ dir die Daumen. Schade, dass ich nicht von hier weg kann, um es mir anzusehen.“

„Du wirst nicht viel verpassen“, behauptete ich.

Aber er verpasste einiges. Denn von dem „Gespräch“ sprachen sie in Fort Crawford noch Jahre.

*

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AUF DEM WEG ZU DEN Wagen von diesem Chunters kam ich so richtig in Wut. Ich musste daran denken, wie oft mich schon Mike aus der Patsche geholt hatte, und wieviel Meilen ich mit dem alten Pfadfinder gemeinsam durch den Westen geritten war. Ich kannte keinen besseren Fährtensucher als ihn, aber solchen hinterhältigen Geschäftemachern war er nicht gewachsen, und schon gar nicht mit betrunkenem Kopf.

Ich fand die drei Wagen sofort. Man konnte sie gar nicht übersehen. Zwischen den beiden „Schlafwagen“ war eine Plane aufgespannt worden, in deren Schatten ein Mann auf einem Klappstuhl saß. Er hatte ein Gewehr quer über den Oberschenkeln liegen, und neben ihm lag ein großer, gefährlich aussehender Hund.

Es war Mittagszeit. Die Augustsonne brannte auf Fort Crawford und das Flusstal des White River herab. Wie Quecksilber wälzte sich das Wasser des White River nach Nordosten. Oberhalb der Felsen, die das Flusstal einrahmten, begannen die Badlands. Ein Gebiet, aus denen ich die Cheyennes hergeführt hatte.

Die Indianer lagerten weiter flussabwärts und hatten ihre Zelte in einer Talverbreiterung in Richtung der Siedlung Chadron aufgeschlagen. Über zweihundert Familien, die nicht die Flucht nach Kanada antreten wollten, waren schon hierher geführt worden. Für sie blieb nur der Weg in die Reservation. Eine neue Reservation übrigens, die in einem Gebiet lag, das sich weit südlich von hier befand, im Gebiet der Indianer-Territorien. Später würde man dieses Land einmal Oklahoma nennen. Aber davon wusste zu jener Zeit kein Mensch etwas.

Ich ging auf den Burschen zu, der da auf dem Klappstuhl saß und mir entgegenblinzelte. Auch der Hund riskierte ein Auge. Tat aber so, als wäre ich für ihn die nebensächlichste Sache der Welt.

Der Bursche auf dem Stuhl mochte etwa Ende Dreißig sein. Äußerlich ein zäher Bursche. Mich warnten seine Hände. Die waren gepflegt, schmal und feingliedrig. Eigentlich Spielerhände. Aber der Typ eines Stutzers und Spielers war er nicht.

Blieb also, dass ich es mit jenem Bill Womack zu tun hatte. Er trug zwei Revolver. Den einen am langen Holster, nur den zweiten kurzgeschnallt, ziemlich weit vorn am Gürtel. Die Art, wie er ihn trug, verriet mir, dass es die Waffe sein würde, nach der er zuerst griff. Er hätte es mit der linken Hand tun müssen. War er womöglich ein Linkshänder?

Es gibt manchmal lebensrettende Überlegungen, die auf Erfahrung beruhen. Und ich stellte jetzt eine solche Überlegung an und beobachtete ihn. Er hatte das Gewehr mit der Mündung nach rechts auf dem Schoß liegen. Auch das tat nur ein Linkshänder. Er schien wirklich ein Linkshänder zu sein, und ich beobachtete ihn weiter, während ich mich dem Überdach näherte.

Der Hund begann zu knurren. Es war ein schwarz-weißer langhaariger Bursche, bei dem man Mühe hatte, vorne und hinten zu unterscheiden.

„Du bist weit genug“, sagte der Kerl auf dem Klappstuhl mit einer seltsam hohen Stimme. Sie passte überhaupt nicht zu ihm.

Ich wollte ihn nicht unnötig provozieren und zu übereilten Handlungen verleiten. Also tat ich nur noch zwei Schritte, bevor ich stehenblieb.

Auf Verdacht fragte ich: „Bist du Womack?“

Seine Augen wurden noch eine Spur schmaler, und das Knurren des Hundes noch grimmiger.

„Was willst du von mir?“, fragte der Mann.

Also ist es Womack, dachte ich. Er sieht krank aus. Tränensäcke, rote Augen. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass eine Krankheit in ihm steckte. Aber meine Erfahrung sagte mir, dass Burschen in einem solchen Zustand doppelt gefährlich waren.

„Ich wollte zu Chunters. Wo steckt er?“

„Du meinst wohl Mister Chunters! Etwas mehr Respekt kannst du dir ruhig angewöhnen, Cowpuncher.“

Ich spürte, dass er mich unterschätzte. Es ist ein beruhigendes Gefühl. Kein Fehler kann schlimmer sein, als seinen Gegner zu unterschätzen. Und er tat es ganz sicherlich im Moment. Aber mein Frohlocken kam zu früh. Denn gerade in dem Augenblick, als ich den nächsten Zug starten wollte, tauchte Tex Hovey auf.

Tex war ein kleiner drahtiger Bursche und hatte etwas von einer Sprungfeder. Ich kann mich nicht erinnern, ihn jemals in wachem Zustand wirklich still und ruhig erlebt zu haben.

Er kam aus dem einen dieser beiden merkwürdigen Kastenwagen geklettert, von denen ich wusste, dass es Schlafwagen waren. Im ersten Augenblick war er nur überrascht, dann grinste er und rief begeistert und freudig aus: „Hallo, Callahan!“

„Hallo, Tex!“, erwiderte ich. Zwischen ihm und mir hatte es nie Streit gegeben, obgleich ich ihn nicht übermäßig sympathisch fand und er mich sicherlich auch nicht. Ein paar mal hatten wir gemeinsam Soldaten durch die Wildnis geführt, und einmal waren wir auch zusammen auf Bärenjagd gewesen. Wie gesagt, er war nicht unbedingt mein Fall, aber auch absolut nicht mein Feind.

Womack blickte zu Tex empor und fragte missbilligend: „Du kennst den Kerl?“

Tex lachte. „Schob ein paar Jahre – das ist Jed Callahan.“ Er lachte laut und sah mich weiter an. „Und ich wette, ich weiß, warum du hergekommen bist.“

Womack sah jetzt erst auf mich, dann auf ihn und dann wieder auf mich.

„Und warum bin ich hergekommen?“, fragte ich.

Tex lachte erneut. Dann sagte er zu Womack: „Weißt du, Bill, Mike Hotchkiss ist sein Partner. Mike hat erst sinnlos hoch gespielt und verloren, dann wurden von ihm die Mädchen beglückt, aber er war schon viel zu besoffen, um mit ihnen aufs Zimmer zu gehen. Und dann kam der Boss und hat ihm das Land verkauft. Na, hab’ ich mir gedacht, warten wir mal ab, bis es Tag wird. Wenn Callahan davon erfährt, kommt er und will den Kauf rückgängig machen.“ Er sah mich wieder an. „Und deshalb bist du da, nicht wahr?“

„Genauso ist es“, bestätigte ich. „Deshalb bin ich da. Und jetzt möchte ich diesen Chunters kennenlernen.“

„Verschwinde!“, zischte Womack und schwenkte das Gewehr in meine Richtung. Der große schwarz-weiße Hund sprang jetzt voll auf die Beine und begnügte sich nicht mehr zu knurren, sondern bellte.

Womack zischte einen Befehl, und das Gebell hörte auf der Stelle auf. Dieser Gehorsam bewies mir die Gefährlichkeit dieses Hundes. Er war gut dressiert, und auf einen weiteren Befehl würde er sich ganz sicher gnadenlos auf mich stürzen.

„Ich würde dir vorschlagen“, sagte ich zu Womack, „das Gewehr ein wenig zu senken. Ich kann es für den Tod nicht ausstehen, wenn mir jemand die Mündung seiner Waffe zeigt.“

Das war der Augenblick, wo ein Mann aus dem rechten Schlafwagen heraustrat, auf der obersten Stufe der Trittleiter stehenblieb, die von der Tür nach unten führte, und mich dann ansah.

Er war von kleiner Gestalt, glatzköpfig, und sein bartloses Gesicht wirkte glatt und kahl wie ein Kinderpopo. Aus schmalen Augen sah er mich an.

In diesem Augenblick hätte ich mir gewünscht, einen großen, kräftigen Mann vor mir zu haben und nicht so einen kleinen, schmalbrüstigen. Nicht, dass ich ihn für harmlos hielt. Ganz und gar nicht. Im Gegenteil. Eine Schlange ist ja auch relativ klein und doch so unheimlich gefährlich.

„Und ich sagte, dass du verschwinden sollst“, raunte mir Womack drohend zu.

Tex Hovey lehnte am anderen Wagen und tat, als sei er bei all dem nur Zuschauer.

Ich dachte nicht im Traum daran zu verschwinden; die drohende Gewehrmündung schreckte mich nicht. Kein Mensch konnte es wagen, einen anderen hier, direkt vor dem Fort, über den Haufen zu schießen.

Ich ging weiter und hielt direkt auf Womack zu.

Womack hob das Gewehr. „Noch einen Schritt und es kracht!“, drohte er.

Der Hund konnte sich kaum noch bezwingen. Er wollte sich am liebsten auf mich stürzen.

Der Mann auf der Treppe war meines Erachtens Chunters. Und er riss jetzt das Kommando an sich.

„Das Gewehr weg!“, befahl er Womack.

Womack wandte sich irritiert um und senkte gehorsam die Waffe. Aber der Befehl schien absolut nicht nach seinem Geschmack zu sein.

„Machen Sie, dass Sie wegkommen! Ich habe alles gehört und weiß, was Sie hier wollen. Scheren Sie sich zum Teufel!“, rief mir Chunters zu. „Ein Wort von mir, und der Hund wird Sie zerfleischen.“

Ich war kaum gerührt. Links von mir lag ein Stapel Brennholz. Es waren Knüppel, so lang und dick wie Männerarme.

„Sind Sie schwerhörig?“, rief Chunters. Und Womack, der offenbar sein Selbstbewusstsein wiedergefunden hatte, krähte mit seiner hohen Stimme:

„Ich brenne dir ein Loch in den Pelz, wenn du nicht verschwindest.“

„Halt die Klappe“, fuhr ihn Chunters an. „Das Gewehr weg!“

Mürrisch senkte Womack abermals die Waffe.

Jetzt erst meldete sich Tex zu Wort. Fast kameradschaftlich rief er mir zu: „Mach keinen Quatsch, Callahan. Der Hund ist scharf. Der geht auf den Mann!“

„Ja, er geht auf den Mann“, bestätigte Chunters. „Los, scheren Sie sich zum Teufel! Weg von meinem Zelt!“

Ich trat einen Schritt nach links näher an den Brennholzstapel heran. Und das war auch der Augenblick, wo Chunters dem Hund befahl: „Mach ihm Beine, Tob!“

In diesem Augenblick schrie eine helle Frauenstimme: „Mr. Chunters, das können Sie doch nicht tun! Er wird den Mann töten! Das ist doch Mord!“

Ich hatte keine Zeit in die Richtung zu sehen, aus der diese Stimme kam. Denn Tob kam, sprang. Er hatte ja so sehr nach diesem Befehl gelechzt, mich angreifen zu dürfen. Und nun flog er auf mich zu.

Ich warf mich nach links, packte zwei der Brennholzknüppel, und da landete Tob schon vor mir.

Als er mir entgegenfuhr, streckte ich ihm mit der Linken den einen Knüppel entgegen, und Tob reagierte sofort, indem er in das Holz biss.

„Pack ihn! Pack ihn! Du sollst packen, Tob!“, keifte Chunters.

Tob packte nur das Holz. Er riss daran und bildete sich vielleicht ein, meinen Arm erwischt zu haben. Viele Hunde reagieren so. Und ich hatte noch den zweiten Stock. Damit brauchte ich ihm nur auf den Kopf zu schlagen. Aber ich tat es nicht. Der Hund konnte nichts dafür, dass man ihn so erzogen hatte.

„Nehmen Sie das Tier zurück, oder ich schlage zu!“, brüllte ich.

Chunters zögerte. Er konnte sich wohl nicht vorstellen, was ich meinte, aber Womack begriff schneller. Er hielt wieder das Gewehr in der Hand, riss es hoch und schrie mir mit überschnappender Stimme zu: „Wenn du das tust, erwischt es dich.“

Mittlerweile hatte auch Tob begriffen. Mit einem Mal ließ er das Holz los und schoss direkt auf mich zu.

Ich hatte gar keine Wahl, anders als mit einem Schlag den Angriff abzuwehren. Ich traf den Hund auf den Rücken. Er wirbelte sofort herum, jaulte auf und griff abermals an. Diesmal sprang er hoch.

Ich wich ihm aus, flog ihm gegen die Brust, und es warf ihn zurück.

Es war ein wirklicher Kampfhund. Er war so erbost über meinen Widerstand, dass er jetzt zu einem weiten Sprung abhob. Er flog regelrecht durch die Luft.

Ich hielt den linken Arm mitsamt dem Knüppel vorgestreckt und holte mit der Rechten zum Schlag aus.

Da sah ich es plötzlich bei Womack aufblitzen. Dann erst hörte ich das Krachen des Schusses.

Es ging alles so schnell, dass ich gar nicht voll erfassen konnte, was sich im einzelnen tat. Ich hörte nur das Aufheulen des Hundes und sah ihn vor mir zu Boden stürzen und zusammenbrechen.

Ich ließ die Knüppel los, und meine Hand fuhr zum Revolver.

Aber die Mühe hätte ich mir sparen können. Denn als ich in Womacks Richtung blickte, stand dort Tex Hovey, hatte seinen Revolver am Lauf gepackt und vor ihm brach gerade Womack zusammen.

Oben auf der Treppe des Wagens stand noch immer Chunters und starrte entgeistert auf Tex Hovey.

Auf dem anderen Wagen links sah ich eine Frau. Sie war dunkelblond, hatte ein schmales langes Gesicht und war von großer schlanker Gestalt. Sie trug ein langes, graues Kleid mit einem weißen Spitzenkragen. Eine hübsche Frau war sie, und wie ein leichtes Mädchen sah sie absolut nicht aus.

Die Frau war blass vor Schreck. Sie sah mich mit großen Augen an, doch jäh rötete sich ihr Gesicht, sie wandte sich Chunters zu und rief voller Empörung: „Sie sind ein Mörder! Was haben Sie getan? Wie konnten Sie den Hund auf einen Menschen hetzen! Er hätte diesen Mann umbringen können. Und der da“, sie deutete auf Womack, „ist genauso gefährlich wie ein Tier.“

„Halten Sie Ihren Mund, Mrs. Parrison! Ihr Urteil ist hier überhaupt nicht gefragt. Machen Sie, dass Sie im Wagen verschwinden. Niemand hat nach Ihnen verlangt.“

„Was fällt Ihnen ein? Ich tue, was ich will. Sie haben mir überhaupt nichts zu befehlen“, widersprach sie ihm scharf.

Wer, fragte ich mich, ist diese Frau? Wenn sie eins von seinen Mädchen wäre, würde er sie sicherlich mit dem Vornamen anreden und duzen.

Chunters hatte sich mir wieder zugewendet und schrie jetzt zornentbrannt. „Der Hund ist tot! Sie werden mir Tob bezahlen müssen! Sie werden ...“

„Den hat nicht er, den hat Bill erschossen“, wandte Tex Hovey ein.

„Und was fällt Ihnen ein, Bill niederzuschlagen?“, fauchte Chunters jetzt Tex an.

„Wir haben abgemacht“, erwiderte Tex, „dass ich niemals gegen Männer stehen muss, die einmal meine Partner gewesen sind. Callahan gehört dazu.“

„Und wieviel Kompanien werden Sie mir noch anbringen, die einmal Ihre Partner waren?“, schrie Chunters. „Wehe Ihnen, wenn Bill wieder aufwacht!“

„Er wird daran nichts ändern können.“

„Er wird Sie erschießen“, prophezeite Chunters.

„Sie können diese Debatte ein andermal fortsetzen“, sagte ich gelassen und ging auf ihn zu. „Zwei Dinge erledigen Sie sofort. Zuerst entschuldigen Sie sich bei der Lady.“ Ich machte eine Kopfbewegung auf Mrs. Parrison zu, die noch immer drüben auf der Leiter des anderen Wagens stand, und fuhr dann fort: „Und zum zweiten bekomme ich die Anzahlung und den Wisch von Mike Hotchkiss zurück. Es war kein legales Geschäft. Tex weiß so gut wie Sie selbst, dass Mike voll bis zum Stehkragen gewesen ist, als Sie ihm diesen Unsinn aufgeschwatzt haben.“

„Unsinn! Das ist eine Verleumdung!“, schrie Chunters. „Es ist bestes Land, das ich da verkaufe!“

„Daran hege ich aber jetzt ernsthafte Zweifel!“, rief Mrs. Parrison.

Ich machte nicht den Fehler, in ihre Richtung zu blicken. Denn dieser Chunters kam mir wirklich wie eine Klapperschlange vor. Wer weiß, was er sich aushecken würde, wenn ich jetzt einen Fehler machte. Es genügte, wenn Tex Hovey den Kopf von ihm wegwandte.

Chunters schien eine Sekunde lang tatsächlich überlegt zu haben, ob es nicht doch noch eine Möglichkeit für ihn gab, das Blatt zu wenden. Aber dann besann er sich eines Besseren.

„Also gut. Es ist wirklich erstklassiges Land. Doch wer es nicht haben will, der braucht es nicht zu nehmen. In Ordnung, der Vertrag ist ungültig. Ich gebe Ihnen das Zertifikat zurück. Aber er hat eine Urkunde. Bringen Sie mir diese Urkunde, und Sie bekommen das Geld zurück.“

„Reden Sie keinen Unsinn. Diese verdammte Urkunde werde ich Ihnen nachher herschicken. Darauf haben Sie mein Wort und das muss Ihnen genügen. Jetzt das Geld von der Anzahlung und den Vertrag. Chunters, machen Sie voran. Ich hab’ meine Zeit nicht im Poker gewonnen.“

Es ging überraschend schnell. Er verschwand im Wagen, und wenn ich mit einem Trick gerechnet hatte, so wartete ich vergeblich. Er brachte den Vertrag und auch das Geld der Anzahlung.

„Vergessen Sie nur die Urkunde nicht“, schnarrte er, als er mir schweren Herzens das Geld von Mike zurückzahlte. Zweihundertfünfzig Dollar. Er hatte sie wohl direkt von Master Sergeant Clooney bekommen. Es waren neue Scheine. Genau solche, wie ich sie auch in meiner Tasche stecken hatte.

Er verlangte nicht einmal eine Quittung. Ich nahm das Geld, steckte es ein und zerfetzte die Urkunde bis zur Unkenntlichkeit.

Tex Hovey zog dem erwachenden Womack den Revolver aus dem rechten Holster.

Ich begriff sofort, dass er einen Fehler beging. Er hatte Womack unterschätzt. Und vor allen Dingen offenbar noch nicht erfasst, dass Womack Linkshänder war und diesen rechten Revolver am Ende niemals benutzte. Er sah auch tatsächlich noch unerhört neu aus.

„Tex“, sagte ich leise, „er ist Linkshänder. An seinem Gürtel ist noch ein kurzgeschnalltes Holster.“

Bevor Womack so richtig da war, hatte Tex Hovey den Revolver gefunden und aus dem anderen Holster gezogen. Er betrachtete ihn verblüfft, sah mich an und fragte: „Kennst du ihn? Woher hast du das gewusst?“

„Ich habe mir zwei und zwei zusammengezählt“, erwiderte ich.

Womack war noch immer trunken. Er hockte am Boden, wischte sich über die Augen, schien noch nicht begriffen zu haben, was ihm widerfahren war.

Als ich aufsah und nach der Frau schaute, war sie verschwunden. Offenbar befand sie sich wieder im Wagen. Man hörte es drinnen rumoren, und auch Chunters blickte in diese Richtung. Ich sah, wie sich seine Stirn in Falten zog und der Zorn sein Gesicht dunkel färbte.

Kurz darauf tauchte Mrs. Parrison wieder auf. Sie hatte ein Bündel Kleider über der Schulter liegen, hielt in der linken Hand einen Koffer, in der rechten einen Reisekorb. Etwas umständlich wollte sie gerade die Stiege vom Wagen heruntergehen.

Tex war mit einem Sprung bei ihr, und ich ging auch auf sie zu, um ihr zu helfen.

In diesem Augenblick hatte Bill Womack sein Erinnerungsvermögen voll wiedererlangt. Er erhob sich und wollte sich dann voller Zorn auf mich stürzen.

Das wäre ihm auch gelungen, hätte Mrs. Parrison nicht einen Schrei ausgestoßen. Denn sie sah den losstürzenden Womack früher als Tex und ich. Und von Chunters war eine Warnung vor diesem hinterhältigen Angriff nun wirklich nicht zu erwarten.

Tex hatte gerade den Koffer und den Korb gepackt, und ich streckte noch die Arme nach Mrs. Parrison aus, um ihr hinunterzuhelfen, als sie aufschrie.

Ich dachte sofort an Womack, ging blitzschnell in die Hocke, drehte mich um, und er fiel voll auf mich. Mit dieser Reaktion hatte er überhaupt nicht gerechnet.

Und wieder war es Tex, der die Sache endgültig machte.

Ich wollte mich gerade von Womack befreien, da hörte ich über mir einen dumpfen Schlag und dann ein Stöhnen. Womack wurde auf einmal schwer. Ich hatte Mühe, ihn zu halten, weil ich selbst ein wenig aus dem Gleichgewicht geraten war. Er kollerte an mir herunter; ich richtete mich auf und sah, dass er abermals bewusstlos war. Als ich Tex ansah, hielt er in der Rechten den Koffer leicht angehoben. Er schien damit zugeschlagen zu haben.

Ich dachte schon, Womack sei von diesem Schlag getötet worden, aber dem war nicht so.

Entsetzt blickte die Frau auf den Reglosen, der da zu ihren Füßen lag.

Chunters schrie: „Sie sind entlassen! Hol Sie der Teufel! Scheren Sie sich weg von hier, Hovey! Ich will Sie nie mehr sehen hier! Weg mit Ihnen!“

„Ich hatte sowieso vor, zu gehen.“ Mrs. Parrison legte Tex die Hand auf die Schulter. Mit dunkler Stimme sagte sie:

„Sie sind von mir angestellt, Mr. Hovey, und Sie auch, wenn Sie wollen.“ Jetzt sah sie mich an. „Ja, Sie können in meinen Dienst treten. Dann kann ich auf die Hilfe von diesem Mr. Chunters dankend verzichten.“

Sie hätte ebensogut sagen können, sie sei die englische Königin oder die russische Zarin und schenkte mir halb Kanada oder Sibirien. Es hätte mich keinesfalls mehr erstaunt.

Tex Hovey schien sofort zu wissen, was sie damit meinte, denn er schien kein bisschen verblüfft zu sein. Ich beschloss in diesem Augenblick, ihm nachher ein paar gezielte Fragen zu stellen. Im Moment war dafür keine Zeit.

„Also gut. Ich glaube, es ist alles gesagt, was zu sagen ist“, erklärte ich und grinste Tex zu. „Bringen wir also die Sachen der Lady weg. Und wohin?“ Ich wandte mich Mrs. Parrison zu.

In diesem Augenblick wirkte sie sehr selbstbewusst. Ganz eine Frau, die gewohnt war, Befehle zu erteilen. „Am besten zunächst einmal ins Fort. Ich bin sicher, dass mir Ihr Colonel Mathew eine Unterkunft zuweisen kann, jedenfalls so lange, wie wir noch hier sind.“

„Ich nehme Ihr Angebot gerne an“, sagte Tex zu Mrs. Parrison.

„Oh, sehr schön“, erwiderte sie und blickte mich fragend an. Ich wollte ihr schon sagen, dass ich erst einmal wissen musste, um was es überhaupt ging, als Chunters rief:

„Das ist alles nicht vergessen. Ein niedergeschlagener Mann und ein toter Hund. Und Sie, Mrs. Parrison, werden noch viel lernen müssen in diesem Land. Denken Sie nur nicht, dass Sie hier machen können, was Sie wollen. Sie werden sich wundern. Diese zwei Banditen stehen auf meiner Liste. Das haben die nicht ungestraft getan. Das versichere ich Ihnen. Und Sie gehen am besten so schnell wieder dahin zurück, woher Sie gekommen sind. Tun Sie es nicht, werden Sie ebenso umkommen wie diese beiden.“

Ich wandte mich langsam um, sah Chunters an und sagte: „Ich weiß ja nicht, Chunters, was Sie damit erklären möchten. Aber eines habe ich sehr gut verstanden, und das war die Drohung. Ich hab’ es nicht gerne, wenn mir jemand droht. Seien Sie nur vorsichtig, Chunters. Ich bin ein leicht reizbarer Mensch.“

Er sah mich aus weit aufgerissenen Augen an, und ich hatte das Gefühl, dass er mir noch hundert Dinge und Drohungen an den Kopf werfen wollte, aber er schwieg. Er kniff die Lippen zusammen, wandte sich um und ging in den Wagen hinein.

Die ganze Geschichte sah aus, als hätten Tex und ich über Chunters und über Womack einen Sieg errungen. Aber ich hatte kein gutes Gefühl in der Magengegend bei all dem. Irgendwie kam mir diese Drohung von Chunters ganz und gar nicht so hohl vor, wie sie vielleicht geklungen hatte.

Doch ein Gedanke schob sich vor alle anderen: Das war die Frage, wer diese Mrs. Parrison war, und was sie wollte. Wozu suchte sie Männer, die sie begleiten sollten?

*

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DER SCHUSS AUF DEN Hund hatte eine ganze Reihe von Männern aus dem Fort vor die Palisaden gelockt. Als wir dann mit Mrs. Parrison auf das Tor zugingen, sahen wir zwei Dutzend Zuschauer, die uns jetzt jubelnd empfingen. Offenbar hatten sie den wesentlichen Teil dieser Vorstellung voll mitbekommen.

Drinnen, im Exerzierhof des Forts, kam uns dann auch noch Master Sergeant Clooney entgegen, der uns begeistert anstrahlte.

Er lüftete den Hut vor Mrs. Parrison, als wäre er der Frau des amerikanischen Präsidenten begegnet. Auch die Soldaten hatten Mrs. Parrison ausgesucht höflich begrüßt. Offenbar kannten sie alle hier diese Frau. lch schien der einzige zu sein, der nicht den blassen Schimmer einer Ahnung hatte, wer sie sein konnte.

Einer von Colonel Mathews Offizieren tauchte auf. Ein junger schlaksiger Leutnant, der ebenfalls um Mrs. Parrison herumwieselte wie ein Gigolo.

Völlig unbeeindruckt davon sagte sie von oben herab: „Führen Sie mich zum Colonel. Ich muss auf der Stelle mit ihm sprechen.“

Ich beobachtete in diesem Augenblick Clooney, den ich nun schon so lange kannte. Ich erwartete, dass er in lautes Gelächter ausbrechen würde, als sie einfach so zum Colonel wollte, bei dem sich jeder Mann anmelden musste wie beim Gouverneur von Texas.

Aber Clooney machte ein Gesicht, als sei es die selbstverständlichste Sache der Welt, dass Mrs. Parrison zum Colonel gebracht zu werden wünschte.

Verdammt noch mal, dachte ich, wer ist sie denn?

Der junge Leutnant erbot sich auf der Stelle, Mrs. Parrison zum Colonel zu bringen. Und auch Clooney tat auf einmal, als hätte er eine Spritze bekommen und könnte sich gar nicht mehr normal bewegen. Wie ein aufgescheuchter Truthahn flatterte er um Mrs. Parrison herum.

Dass sie hübsch war, konnte ja keinem normal veranlagten Mann entgehen, aber wie sie auf die anderen wirkte, dass die alle so taten, als hätten sie auf der Stelle den Verstand verloren, das beeindruckte doch sehr.

Ich blickte ihr nach, wie sie mit dem Leutnant auf die Offiziersbaracke zuging, und ich merkte gar nicht, wie mich Tex von der Seite ansah.

Schließlich hörte ich Clooney lachen. Das schreckte mich aus meinen Gedanken.

Ich sah ihn überrascht an, und er sagte grinsend: „Es geht dir wie uns allen. Sie ist schon eine tolle Frau.“

„Wer, zum Teufel, ist sie?“, fragte ich.

Clooney lachte nur, und Tex erwiderte: „Sie kommt von einer Zeitung.“

„Was? Von einer Zeitung?“

Tex nickte. „Ich glaube, Philadelphia Herald heißt die.“ Er wandte sich Hilfe suchend Clooney zu, und als der nickte, fuhr Tex fort: „Sie schreibt für diese Zeitung.“

„Das ist doch nicht alles. Eine Frau, die für eine Zeitung schreibt. Ich hab’ noch nie gehört, dass eine Frau für eine Zeitung schreibt. Rezepte vielleicht für eine Suppe.“

„Sie schreibt keine Rezepte für eine Suppe“, berichtigte mich Clooney, „sie schreibt über Indianer. Und sie schreibt mit einer verdammt spitzen Feder. Sie greift mit ihren Artikeln, die sie schreibt, die Regierung an, und sie tut es unerhört scharf.“

„Sie greift die Regierung an?“

Clooney nickte. „Genauso ist es. Sie schreibt auch gegen die Armee, obgleich ihr Mann ein hoher Offizier gewesen ist.“

Aha, dachte ich, jetzt ist es soweit. Ein hoher Offizier also, ein General. Kenne ich einen General Parrison? fragte ich mich.

„Mach nicht so ein dämliches Gesicht“, rief Clooney und lachte. „Er war Colonel oder so etwas. Er ist bei der Armee ausgeschieden. Aus freien Stücken und völlig ehrenhaft. Er gehörte zum Stab von General Casement und hat sich ihm auch angeschlossen, als der die Transcontinental-Bahn für die Union Pacific Railroad gebaut hat.“

„Und weiter?“, fragte ich ungeduldig.

„Nicht mehr viel weiter“, meinte Clooney. „Als die Bahn fertig war, hatte er die Nase voll davon. Er hat sich hingesetzt und ein Buch geschrieben.“

„Ein Buch?“, fragte ich fassungslos. Ich kannte keinen einzigen Offizier, der jemals ein Buch geschrieben hätte.

„Er hat ein Buch geschrieben“, sagte Clooney, „und ich hab’ es gelesen. Es ist ein langes Buch, und es steht eine Menge drin. Ich hab’ es von Anfang bis Ende gelesen, obgleich es mir manchmal schwergefallen ist, weil er die Armee für so viele Dinge verantwortlich macht, die hier im Westen nicht in Ordnung sind. Und immer wieder nimmt er die Indianer in Schutz. Wenn die Indianer lesen könnten, was er geschrieben hat, müssten sie ihm ein Denkmal setzen. Einen größeren Freund als ihn können die sich gar nicht vorstellen. Aber sie wissen nichts von ihm, sie haben gar keine Ahnung. Er ist auch auf die Regierung losgegangen, auf den Kongress, den Senat, die Politiker in Washington und auf die Verwaltung der Eisenbahnen. Er verdammt die Siedlungspolitik, das Heimstättengesetz und so vieles andere mehr. General Custer hat ihn zum Duell gefordert, empört darüber, dass er von Parrison in dessen Buch erwähnt worden war.“ Clooney lachte. „Parrison ist mit Custer nicht sehr zimperlich umgegangen. Die Expedition in die Black Hills hat Parrison einen kriminellen Akt genannt. Aber das Duell hat nicht stattgefunden. Custer ist, wie ihr alle wisst, am Little Bighorn River umgekommen. Im Winter darauf erwischte es auch Parrison.“

„Schuss in den Rücken?“, fragte ich.

Clooney schüttelte den Kopf. „Nicht so, wie du dir das vorstellst. Er ist im Bett gestorben, auf ganz natürliche Weise. Schwindsucht. Er hatte gehofft, recht viele Bücher zu verkaufen. Von dem Geld wollte er nach Europa, in die Schweiz, fahren. Dort soll es unheimlich gute Ärzte geben, die solche Lungengeschichten heilen können. Aber es sind nicht so viele Bücher verkauft worden, wie er wohl gedacht hat. Vielleicht lag es daran, dass die Leute in den Staaten seit dem Massaker vom Little Bighorn River viel zu empört über die Indianer waren, dass sie sie hassen und richts von solchen Tönen hören wollen, wie sie Parrison von sich gab. Für sie war er ein Verräter, und die Armee hat ihn auch als einen Verräter angesehen. Jedenfalls noch vor einiger Zeit. Bis dann General Crook zu dem Buch und der Person von Parrison Stellung nahm. Als er sagte, im Prinzip habe Parrison völlig recht, aber nun sei die Sache so verfahren, dass Parrisons Erkenntnisse zu spät kämen. Zu spät, um noch etwas zu ändern. Die Sache müsste einfach bis zum Ende durchgestanden werden.“

„Bis zum Ende?“, fragte ich überrascht. „Was wollte Crook damit sagen?“

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738919530
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (April)
Schlagworte
callahan söhne feuers

Autor

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Titel: Callahan #13 - Söhne des Feuers