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Eine Bombe für den Senator

2018 140 Seiten

Leseprobe

Eine Bombe für den Senator

Hans-Jürgen Raben

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POLIT-THRILLER MIT dem Geheimagenten Steve McCoy

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IMPRESSUM

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author

© Cover: Martin Kucera/123 RF mit Steve Mayer, 2018

Lektorat: Kerstin Peschel

© dieser Ausgabe 2018 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Klappentext:

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Nach einem Bombenanschlag auf Senator Joseph Clark, den dieser sehr schwer verletzt überlebt, bedeutet dies das politische Ende des Mannes. Unter Verdacht, den Anschlag verübt oder in Auftrag gegeben zu haben, steht Kevin McLaren, ein potentieller Nachfolger des Senators. Nach einem weiteren Verbrechen sprechen alle Indizien gegen ihn, und er wird verhaftet.

Wegen der politischen Brisanz, die dieser Fall mit sich bringt, bekommt Steve McCoy, der Geheimagent und Spezialist für besonders heikle Angelegenheiten, den Auftrag, Licht in die ganze Sache zu bringen und stößt dabei auf Dinge und Menschen, die auch für ihn das Ende bedeuten können. Plötzlich wird er selber vom Jäger zum Gejagten. Und für einen Moment sieht er in Augen, die nur den Tod versprechen, Augen, die nicht lächeln können. In denen die kalte Erbarmungslosigkeit eines menschlichen Raubtiers liegt, das Menschen wie Ungeziefer auslöscht und dabei keine Gnade kennt. Kann Steve McCoy diesem Monster in Menschengestalt Einhalt gebieten?

***

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1.

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New York, Upper East Side, September 1984

Der schlanke hochgewachsene Mann hatte sich seit einer halben Stunde nicht von der Stelle gerührt. Er stand am Fenster eines leeren Zimmers in einer verlassenen Wohnung im südlichen Manhattan und starrte durch ein Fernglas hinunter auf die Straße.

Vor ihm auf dem Fensterbrett stand ein kleiner schwarzer Kasten aus Metall. An dessen Oberseite befanden sich mehrere Knöpfe und eine dünne Antenne, die leicht hin und her schwankte. Neben dem Mann lehnte ein Gewehr an der kahlen Mauer.

Plötzlich ging ein Ruck durch die schlanke Gestalt. Die Hände in den schwarzen Lederhandschuhen krampften sich fester um das Fernglas.

Der Gegenstand, den der Mann so angestrengt betrachtete, war ein dunkelgrüner Lincoln, der seit geraumer Zeit auf der anderen Straßenseite parkte. Hinter den getönten Scheiben war die Gestalt des Chauffeurs zu erkennen. Die Limousine war ein Dienstwagen, und sie gehörte Senator Joseph Clark, der in diesem Augenblick aus dem Haus kam und auf den Wagen zuging.

Der Chauffeur sprang heraus, flitzte um den Wagen und riss die hintere Tür auf. Der Senator stieg schwerfällig ein, und mit einem dumpfen Geräusch schloss sich die Tür.

Der Mann am Fenster löste seine rechte Hand vom Fernglas und führte sie langsam zu dem Metallkasten, bis die ausgestreckten Finger über den Knöpfen schwebten. Dann hielt er wieder inne und wartete auf das Geräusch des anspringenden Motors.

Mit einer raschen Bewegung drückte er auf den roten Knopf.

Der Donner der Explosion erschütterte die ruhige Straße. Irgendwo klirrten Fensterscheiben. Der Lincoln wurde wie von einer Riesenfaust gepackt und fast einen halben Meter in die Luft geschleudert.

Splitterndes Glas, das ohrenbetäubende Kreischen des Metalls und ein lauter Schmerzensschrei zerrissen die Stille. Langsam kippte der Wagen zur Seite und blieb auf der Fahrbahn liegen.

Eine grelle orangerote Flamme schoss unter der Motorhaube hervor, und augenblicklich erfüllte beißender Gestank die Luft. Eine dunkle Rauchwolke wälzte sich über die Straße. Von allen Seiten liefen Leute auf den Wagen zu. Hilfreiche Hände zerrten die Insassen nach draußen.

Der Mann am Fenster musterte sein Werk mit der kühlen Sachlichkeit eines Chirurgen. Er warf einen raschen Seitenblick zu seinem Gewehr. Er würde es heute nicht mehr brauchen. Die paar Pfund Sprengstoff hatten ihren Zweck erfüllt. Der Wagen war nur noch ein Schrotthaufen, und Senator Joseph Clark würde in der nächsten Zeit nicht sehr aktiv sein können.

Er warf einen letzten Blick auf die verkrümmte blutüberströmte Gestalt. Der Senator lebte noch, aber er war mit Sicherheit schwer verletzt.

Ob der Chauffeur noch lebte, war nicht zu erkennen. Aber das war dem Mann mit den schwarzen Handschuhen völlig gleichgültig.

Er verstaute das Glas in dem eleganten Lederkoffer, der hinter ihm stand. Dann schraubte er mit sorgfältigen Bewegungen das Gewehr auseinander, nachdem er es entladen hatte. Die Objektive des Zielfernrohres versah er mit Schutzkappen. Mit seinem Handwerkszeug ging er stets pfleglich um.

Zuletzt verschwand das Gerät, mit dem er die Explosion ausgelöst hatte; in seinem Koffer. Ein letzter prüfender Blick in die Runde – er hatte nichts übersehen. Im Laufe der Zeit Er hatte sich daran gewöhnt, keine Spuren zu hinterlassen, denn das war für ihn lebenswichtig.

Als er die Treppe hinunterstieg, sah er wie ein Handelsvertreter aus. Er nickte einer älteren Frau freundlich zu, die mit schweren Paketen beladen die Treppe hinaufkeuchte.

In der Ferne klangen Sirenen auf.

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2.

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Kevin MacLaren lehnte am Kamin seiner eleganten Stadtwohnung im südlichen Manhattan an der Park Avenue. In der Hand hielt er ein großes Glas Whisky, aus dem er aber bisher kaum getrunken hatte. Mit einer mechanischen Bewegung schüttelte er die Flüssigkeit. Schließlich nahm er einen winzigen Schluck.

MacLaren war mittelgroß und hatte dunkle, schon leicht schüttere Haare und ein wenig Übergewicht. Er hielt sich mit Golf und Tennis fit, trank wenig und rauchte zu viel. Er war jetzt fünfundvierzig Jahre alt und strebte in seiner politischen Karriere einen Senatorenposten an.

Er blickte zu seiner jüngeren Schwester Barbara hinüber, die in einem tiefen Sessel saß und ihn aufmerksam musterte. Vielleicht auch ein wenig missbilligend, dachte er.

„Wo ist deine Frau?“, fragte Barbara MacLaren plötzlich.

„Joan?“ Er lachte kurz auf. „Sie sagt mir selten, wo sie ist.“

Barbara zog die Augenbrauen zusammen. Sie war unverheiratet geblieben und himmelte ihren älteren Bruder an. Joan, seine Frau, konnte sie nicht ausstehen. Das beruhte allerdings auf Gegenseitigkeit. Die beiden Frauen gingen sich aus dem Weg, wo sie nur konnten, und Kevin MacLaren stand ein wenig ratlos zwischen ihnen. Er liebte seine Frau und versuchte, großzügig über ihre Fehler hinwegzusehen. Aber er schätzte auch seine Schwester. Auf ihre Ratschläge, die ihm schon oft geholfen hatten, hätte er ungern verzichtet.

„Was passiert jetzt nach dem Unfall von Senator Clark?“, erkundigte sich Barbara.

„Es war kein Unfall“, murmelte er. „Sein Wagen wurde von einer Sprengladung zerfetzt. Glücklicherweise hat er den heimtückischen Anschlag überlebt. Sein Chauffeur war sofort tot. Clark liegt auf der Intensivstation im Krankenhaus. Er ist noch bewusstlos. Die Ärzte sagen, dass er für mindestens acht Wochen unter strengster Aufsicht liegen muss. Und danach werden sie ihn für drei Monate in ein Sanatorium einweisen. Das heißt, Clark kann seinen Abschied vom politischen Leben nehmen. Außerdem ist er zu alt.“

„Und wer wird sein Nachfolger?“ Barbara blieb bei diesem Thema hartnäckig, obwohl sie merkte, dass ihm das unangenehm war.

Kevin zuckte mit den Schultern. „Der Unfall, wie du das nennst, kam für uns alle überraschend. Natürlich arbeite ich seit Jahren darauf hin, Clarks Nachfolger zu werden. Aber ich bin nicht der einzige Kandidat. Ehrlich gesagt, ich bin mir nicht sicher, wie ich mich jetzt verhalten soll.“

Sie beugte sich vor. „Du hast doch nur einen einzigen Konkurrenten für die Nachfolge. Ist es denn so schwer, ihn abzuhängen?“

MacLaren nahm einen kräftigen Schluck von seinem Whisky. „Du meinst John Carruthers? Er kämpft seit fast fünf Jahren gegen mich. Dabei waren wir einmal Freunde! Aber seit Joan damals mich geheiratet hat, hasst er mich. Und jetzt wird er versuchen, mich bei der Bewerbung um den Posten auszuschalten. Ich kenne ihn. Er beherrscht eine Menge schmutziger Tricks, und er wird sie auch anwenden.“

„Aber du kannst doch nicht aufgeben, nur weil du einen Gegner hast, der ernst zu nehmen ist!“

„Wer spricht von aufgeben? Es ist nur die Frage, ob ich überhaupt noch will! Seit dem Attentat auf den Senator bin ich mir nicht sicher, ob diese Karriere erstrebenswert ist.“

Barbara kam auf ihn zu und legte ihm eine Hand auf den Arm. Ihre Stimme klang sanft und leise. „Seit Jahren hast du nur dieses Ziel. Und jetzt zuckst du zurück. Es gab nie eine so günstige Gelegenheit! Der Posten, den du haben willst, muss neu besetzt werden. Das ist doch eine einmalige Chance!“

MacLaren stellte sein Glas hart ab. „Es passt mir nicht, auf diese Weise mein Ziel zu erreichen. Ich wollte regulärer Nachfolger von Senator Clark werden – und er hätte mich auch dazu gemacht. Aber dieser Anschlag hat alles über den Haufen geworfen.“

„Hat man schon eine Ahnung, wer dahintersteckt?“

„Bis jetzt gibt es keine Spur. Man hat nur einige verformte Reste der Sprengladung und des Zünders gefunden. Wie ich aus dem Polizeihauptquartier erfahren habe, hat man aber noch keine Anhaltspunkte.“

Barbara ging zum Fenster hinüber.

„Ich meine, du solltest dich nicht von diesen Dingen beeinflussen lassen. Du hast jetzt deine Chance, und du musst kämpfen. Denk noch einmal darüber nach.“

MacLaren klammerte die Hand um sein Whiskyglas und starrte auf die bernsteingelbe Flüssigkeit.

„Hoffentlich habe ich den Kampf nicht schon verloren, bevor er begonnen hat.“

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3.

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Polizei-Sergeant Masters schüttelte fassungslos den Kopf. Vor ihm lag ein aufgeschlagener Aktenordner mit einem Bericht aus dem Labor.

„Lieutenant! Kommen Sie doch bitte mal herüber!“, rief er.

Sein Vorgesetzter, Lieutenant Anderson, walzte seine zweihundertzwanzig Pfund Lebendgewicht an den Schreibtisch heran.

„Was gibt’s?“, knurrte er ungnädig.

„Sehen Sie sich das an!“, sagte Masters aufgeregt. „Das Labor hat Fingerabdrücke identifizieren können. Die Funkzündung, die Senator Clarks Wagen hochgehen ließ, besteht aus Teilen einer Fernsteuerungsanlage für ein Modellflugzeug. Und daran waren deutlich Fingerabdrücke zu erkennen.“

„Na, und? Weiß man auch, wem sie gehören?“

„Das ist es ja! Sie gehören zweifelsfrei Kevin MacLaren. Das ist einer der Vertrauten des Senators. Vielleicht wird er sogar sein Nachfolger.“

„Ja, ich weiß. Ich habe ihn schließlich selbst verhört, und das ist erst ein paar Stunden her. Woher wissen die Jungs denn so genau, dass es sich um seine Abdrücke handelt? Wir haben ihm doch keine abgenommen.“

Masters fuhr mit dem Finger über den Bericht. „Er war bei der Armee. Und in den Militärakten werden alle Abdrücke gespeichert.“

Anderson nagte an seiner Unterlippe. Seine Augen waren halb geschlossen, und er machte einen schläfrigen Eindruck. Langsam schüttelte er den Kopf.

„Das passt nicht zusammen. Aber wenn sich das bestätigt, werden wir der Sache wohl nachgehen müssen. Suchen Sie alle Unterlagen heraus, die wir in unseren Archiven über diesen MacLaren haben. Erkundigen Sie sich auch beim FBI und beschaffen Sie seine Militärakte.“

Masters blickte erstaunt auf. „Wollen wir ihn nicht gleich verhaften? Die Fingerabdrücke sind doch ein klarer Beweis. Und ein Motiv hat er auch, wenn er Nachfolger des Senators werden will.“

Anderson blinzelte. „Dass man euch auf der Polizeischule das Nachdenken nicht beibringt, ist bedauerlich. Sergeant Masters, dies kann ein politischer Fall werden, und daran kann man sich verdammt leicht die Finger verbrennen. Sie können nicht einfach hingehen und MacLaren verhaften. Entweder müssen die Beweise so hieb- und stichfest sein, dass wir keine andere Wahl haben, oder wir riskieren einen Skandal ersten Ranges. Die Presse zerreißt uns in der Luft.“

„Aber Fingerabdrücke sind doch klare Beweise“, wandte Masters ein.

„Wissen Sie so genau, wo Sie Ihre Fingerabdrücke überall gelassen haben, Sergeant?“ Anderson legte die Stirn in Falten. „Das reicht mir nicht. Ich will erst alles wissen, was man über den Mann wissen kann.“

„Na gut.“ Masters zuckte mit den Schultern. Sie müssen wissen, was Sie tun. Soll ich MacLaren überwachen lassen?“

Anderson schüttelte wieder den Kopf. „Das ist nicht nötig. Er wird weder fliehen noch sich sonst verdächtig machen. Dazu wäre er viel zu schlau. Eine Überwachung können wir uns sparen.“

„Aber so schlau kann er nicht sein, wenn er seine Fingerabdrücke an Beweisstücken hinterlässt.“

Anderson lächelte. „Eben. Das ist es ja, was mich so stört. Denken Sie mal darüber nach.“

Sergeant Masters klappte den Ordner zu. Der Lieutenant hielt offenbar nicht viel vom raschen Zugreifen. Dabei wusste doch jedes Kind, dass man Verdächtige beschatten musste.

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4.

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Der schlanke, hochgewachsene Mann mit den schwarzen Handschuhen und der Sonnenbrille saß auf dem Rücksitz eines Dodge. Er hatte eine dunkle Hautfarbe und scharf geschnittene Gesichtszüge. Ein gepunkteter Schal war um seinen Hals geschlungen, und ein weicher Hut verdeckte seine Stirn.

Auf den Knien lag ein schwarzer Diplomatenkoffer mit einem Zahlenschloss. Er starrte auf die Hinterköpfe der beiden Männer, die vor ihm auf den Vordersitzen saßen. Niemand sprach ein Wort.

Harvey Atkins und Bill Ellison fühlten sich immer ein wenig unbehaglich, wenn sie ihren Auftraggeber in der Nähe wussten. Der schlanke Mann strahlte Kälte aus und sagte wenig. Sie wussten, in welchem Geschäft er tätig war, aber da er sie für ihre Handlangerdienste gut bezahlte, störte es sie nicht weiter.

Sie waren Schlägertypen, die nicht clever genug waren, selber einen Coup zu landen. Wenn sie es versuchten, ging es unweigerlich schief. Und sie hatten es schon mehrfach versucht. Nach jedem Unternehmen waren sie im Gefängnis gelandet, bevor sie einen Dollar der Beute ausgeben konnten. Daher hatten sie eines Tages beschlossen, nur noch Auftragsdienste zu erledigen. Sie brauchten jemand, der für sie dachte.

Und genau das tat ihr Boss. Sie konnten sich nicht beklagen. Noch nie war ihr Risiko so gering gewesen.

Atkins, der am Steuer saß, warf einen flüchtigen Blick in den Rückspiegel. Für Sekundenbruchteile blickte er in die kalten Augen, und er bemühte sich, seine Furcht zu unterdrücken.

Rasch wandte er den Blick ab und blickte wieder zum Eingang des modernen Appartementhauses hinüber, den sie seit einer halben Stunde beobachteten. Dort herrschte reges Kommen und Gehen, aber das Wild, das sie erwarteten, war noch nicht aufgetaucht. Sie wussten nur, dass sie auf eine Frau warteten, die sie verfolgen sollten.

Ellison reinigte sich mit einer schmalen Messerklinge die Fingernägel. Seine Einstellung zu den Dingen des Lebens war sehr unkompliziert. Er machte sich nicht viel Gedanken. Sein Boss hatte ihm gesagt, was zu tun war, und so tat er es, ohne darüber nachzudenken.

Atkins blickte leicht irritiert auf die Klinge, die gewöhnlich in Ellisons Ärmel steckte. Er konnte sehr gut mit der Waffe umgehen. Als sie sich eine Zeit lang als Zuhälter versucht hatten, hatte das Messer als Instrument der Überredung gute Dienste geleistet. Atkins erinnerte sich an manch blutiges Gesicht, das Ellison mit Schnittwunden verunziert hatte.

„Da ist sie!“

Die Stimme klang scharf wie ein Peitschenhieb, und die beiden auf den Vordersitzen zuckten zusammen. Blitzschnell verschwand das Messer in Ellisons Ärmel. Atkins schluckte und fuhr sich mit der Zunge über die Mundwinkel.

Er folgte mit seinem Blick dem ausgestreckten Arm und nickte. Sie sah genauso aus, wie sie der Boss beschrieben hatte. Vielleicht noch hübscher!

Barbara MacLaren kam aus der Wohnung ihres Bruders und wollte nach Hause fahren. Sie besaß eine eigene kleine Wohnung auf der anderen Seite des East River. Mit schnellen Schritten ging sie zu einem Taxistand, der etwa hundert Meter entfernt war.

„Sie will zum Taxistand“, stellte Harvey Atkins fest und drehte sich halb herum.

Der Mann auf dem Rücksitz antwortete nicht. Er schien nachzudenken und strich mit den Händen sanft über seinen Koffer.

Bill Ellison holte ein Päckchen Kaugummi aus seiner Tasche und schob sich gleich zwei der dünnen Streifen in den Mund. Befriedigt mahlte er darauf herum.

„Tatsächlich, sie geht zu den Taxis“, meinte er.

Atkins knurrte unwillig. „Das habe ich ja eben gesagt. Sollen wir ihr nachfahren?“, fragte er über die Schulter.

„Natürlich!“ Die Stimme klang jetzt sanft, und sie vibrierte vor innerer Spannung. „Ich will, dass die Frau in jeder Minute beschattet wird. Ich muss wissen, was sie tut und wann sie es tut. Ich treffe euch morgen zur selben Zeit am üblichen Treffpunkt.“

Der Mann drückte die Tür auf und verschwand geräuschlos aus dem Wagen. Atkins dachte an eine Katze – oder eine Schlange. Sie sahen ihm nicht nach, denn das hatte er ihnen ausdrücklich verboten. Als er ihnen den ersten Auftrag gegeben hatte, waren sie ihm nachgegangen. Aber er hatte auf sie gewartet und sie mit wenigen präzisen Schlägen, die höllisch schmerzten, zu Boden geschickt.

„Wenn ihr das noch mal versucht, bekommt ihr eine Kugel verpasst“, hatte er dann ohne jede Emotion gesagt und war gegangen.

Atkins ließ den Motor an und legte den ersten Gang ein. Im Rückspiegel beobachtete er die Straße. Als sie frei war, wendete er und hielt auf der anderen Seite wieder an. Barbara MacLaren stieg gerade in ein Yellow Cab.

„Dann wollen wir uns mal dranhängen“, meinte Atkins. Der Dodge rollte langsam vorwärts.

Ellison spuckte den Kaugummi aus dem Seitenfenster und schob sich gleich einen Neuen in den Mund.

„Sabato!“, murmelte er. „Hat er eigentlich auch einen Vornamen?“ Atkins wandte flüchtig den Kopf, während er das Taxi im Auge behielt.

„Unser Boss? Ich kenne nur diesen Namen. Und kein Mensch weiß, ob das ein Vorname oder ein Familienname ist. Und vor allen Dingen: Ich will es gar nicht wissen.“

„Aber ein merkwürdiger Name ist es doch“, sagte Ellison. „Es klingt nach Mexiko. Dabei sieht er nicht aus wie ein Mexikaner.“

„Jetzt halt mal die Luft an. Dieser Name klingt auch nach Tod. Und darüber will ich nicht reden.“

„Ist ja schon gut. Pass lieber auf, dass du das Taxi nicht verlierst!“

„Den gibt’s nicht, der mich abhängt“, murmelte Atkins und gab Gas.

Der Mann, der sich Sabato nannte, hatte dem Dodge aus schmalen Augenschlitzen noch ein paar Sekunden nachgeblickt. Nun ging er in entgegengesetzter Richtung weiter. Er trat in eine Telefonzelle und wählte eine Nummer in Manhattan. Als sich der Teilnehmer meldete, sagte er nur: „Sie wissen, dass der erste Teil erledigt ist. Die nächste Zahlung ist fällig. Ich erwarte den Betrag heute Abend an der vereinbarten Stelle.“

Er wartete nicht auf die Antwort seines Gesprächspartners, sondern legte abrupt auf und verließ die Telefonzelle. Er hielt sich nicht gerne lange an einem Ort auf.

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5.

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Joan MacLaren rauchte hastig eine Zigarette und drückte die Kippe mit einer fahrigen Bewegung im Aschenbecher aus. Der Mann, der ihr gegenübersaß, lächelte amüsiert.

„Bist du nervös? Wartet dein Mann auf dich? Es ist schon spät. Vielleicht solltest du jetzt besser gehen.“

„Behandle mich nicht immer wie ein Kind, John. Du weißt genau, weshalb ich nervös bin. Ich weiß nicht, wie es weitergehen soll.“

Sie blickte John Carruthers fragend an. Er sah gut aus und war im gleichen Alter wie ihr Mann, wirkte aber jünger. Er tat auch mehr für seine Gesundheit und war weitaus ehrgeiziger.

Joan hatte sich schon oft gefragt, warum sie damals eigentlich MacLaren geheiratet hatte. Aber sie kannte die Antwort. Damals sah es so aus, als würde Kevin schneller Karriere machen. Aber er war ein Schwächling, nicht hart genug für das Geschäft eines Politikers.

John Carruthers war ein ganz anderes Kaliber. Er hatte keine Hemmungen und beherrschte perfekt den intrigenreichen Tanz um die Macht. Wer weiß, vielleicht würde er eines Tages noch ins Weiße Haus einziehen. Deshalb hatte sie die Beziehungen zu ihm auch nie abgebrochen. Sie wusste, dass Carruthers sie nach wie vor begehrte. Es würde sein größter Triumph sein, wenn er seinem Rivalen auch noch die Frau ausspannen konnte.

Sie zündete sich eine neue Zigarette an und sagte: „Einer von euch beiden wird Clarks Nachfolger werden. Ich möchte wissen, wer es sein wird. Dann erst kann ich mich entscheiden.“

Carruthers lächelte. „Dein Mann hat keine Chance, glaube mir. Ich habe die besseren Karten. Mach Schluss mit ihm und komm zu mir. Hier liegt die Zukunft.“

Sie schüttelte den Kopf. „Das ist nicht so einfach. Gib mir noch ein paar Tage Zeit. Ich muss darüber nachdenken.“

„Aber nicht zu lange. Ich weiß nicht, was du noch bei ihm willst. Er wird den Zweikampf mit mir verlieren, das steht fest. Damit ist seine politische Karriere beendet. Über viel Kapital verfügt er auch nicht. Das Vermögen gehört seiner Schwester, und die ist geizig. Sie wird ihn finanziell nicht unterstützen. Und bis er an dieses Vermögen herankommt, bist du alt und grau.“

Joan zitterte. „Warum sagst du mir das alles? Ich weiß es ja selbst. Aber ich kann mich trotzdem nicht so schnell entscheiden.“

„Was macht Delmonte?“, wechselte er plötzlich das Thema.

„Sein Assistent? Er ist hinter dem Geld her, und ein bisschen auch hinter mir. Er wird keinen Erfolg haben. Dafür ist er nicht der richtige Typ.“

„Man kann einen Menschen nicht so schnell beurteilen“, sagte er leise und hob sein Glas. „Cheers, mein Liebling!“

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6.

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Der schlanke hochgewachsene Mann streifte sich die schwarzen Handschuhe sorgfältig über die Finger, bevor er die gläserne Schwingtür aufstieß.

Der Mann, den man Sabato nannte, sah sich aufmerksam in der Halle des Apartmenthauses um. Der Portier war nicht da. Durch einen fingierten Anruf war er für einige Minuten weggelockt worden.

Mit raschen Schritten ging Sabato auf den Lift zu. Die Tür des Mittleren stand auf. Er ging hinein und drückte auf den Knopf für das achtzehnte Stockwerk. Mit sanftem Surren setzte sich der Lift in Bewegung. Ohne Halt erreichte er sein Ziel. Sabato stieg aus und ging zwei Stockwerke zu Fuß wieder hinunter.

Auf solche Kleinigkeiten legte er großen Wert. Sollte der Portier wieder in der Halle sein, würde er nur feststellen können, dass jemand ins achtzehnte Stockwerk gefahren war.

Aber sein Ziel lag im Sechzehnten.

Sabato hätte sein Ziel auch im Dunkeln gefunden. Er warf einen Blick auf seine teure Armbanduhr. Es war zehn Minuten nach Mitternacht. Sein Zeitplan stimmte auf die Minute. Der breite Korridor wurde von indirektem Licht nur schwach erleuchtet.

Vor einer Tür blieb er stehen. Mit einer gemessenen Bewegung zog er einen Schlüssel aus der rechten Manteltasche. Er schob ihn lautlos in das Sicherheitsschloss und öffnete die Tür.

In der Wohnung war es dunkel. Er wartete einen Augenblick, bis sich seine Augen an die Lichtverhältnisse gewöhnt hatten. Sein Atem ging ruhig. Er wandte den Kopf und orientierte sich. Links lag eine kleine Küche, dahinter ein winziges Gästezimmer. So hatte man es ihm jedenfalls beschrieben.

Vorn lag ein geräumiges Wohnzimmer mit einem Balkon. Auf der rechten Seite befanden sich Bad und Schlafzimmer. Dort lag sein Ziel. Er machte noch einige Schritte und legte sein Ohr an die Tür. Schwache Geräusche verrieten, dass dort jemand schlief.

Er drückte die Tür zum Wohnzimmer lautlos auf, sodass mehr Licht in den Flur fiel. Dann zog er aus seiner linken Manteltasche einen schweren Gegenstand, der in ein Tuch gewickelt war. Vorsichtig ließ er ihn in seine Hand gleiten. Es war eine Armeepistole.

Er griff wieder in die Tasche, holte einen röhrenförmigen Gegenstand heraus und schraubte ihn auf den Lauf der Pistole. Mit einem festen Griff prüfte er den Sitz des Schalldämpfers.

Ganz langsam spannte er die Waffe, bis die erste Patrone in die Kammer glitt. Er schob den Sicherungshebel zurück, und die Pistole war schussbereit. Er nahm sie in die linke Hand und drückte mit der Rechten die Klinke der Schlafzimmertür herunter. Auch diese Tür ließ sich geräuschlos öffnen.

Deutlich hörte er die flachen Atemzüge eines schlafenden Menschen. Sacht tastete seine Hand zum Lichtschalter. Er konnte nichts sehen. Nur die Geräusche verrieten, wo sich das Bett befand.

Er schloss die Augen zu schmalen Schlitzen und drückte auf den Schalter. Eine Deckenleuchte flammte auf und tauchte das Schlafzimmer in helles Licht. Mit zwei, drei schnellen Schritten stand er vor dem breiten französischen Bett und riss die Decke zur Seite.

Er hatte keinen Blick für den halb entblößten Frauenkörper, sondern suchte nur sein Ziel. Mit einer fließenden Bewegung setzte er die Waffe genau auf das Herz der Frau, die schlaftrunken hochfuhr und nicht begriff, was mit ihr geschah.

Dreimal drückte er ab, und jedes Mal klang es wie ein dumpfer Schlag aus weiter Ferne. Der Körper der Frau bäumte sich auf und sackte haltlos zusammen. Aus ihrem Mund kam ein gurgelndes Geräusch. Dann herrschte wieder Stille. Aus Nase und Mund flossen dünne Blutfäden. Das Laken färbte sich langsam rot. Er kannte die Wirkung der Waffe aus dieser Entfernung und brauchte die Frau deshalb nicht herumzudrehen, um zu sehen, wo die Kugeln ausgetreten waren.

Barbara MacLaren war tot. Und sie hatte nicht einmal mitbekommen, dass sie sterben sollte.

Sabato schraubte den Schalldämpfer ab und ließ ihn in die Tasche gleiten. Anschließend legte er die Waffe auf den Teppich und kickte sie mit dem Fuß weit unter das Bett. Er zog die Decke über die Tote, löschte das Licht und verließ das Zimmer.

Er blickte wieder auf die Uhr. Der Zeitplan stimmte immer noch. Diesmal ging er zu Fuß drei Stockwerke tiefer und ließ einen Lift kommen. Als er in die Halle trat, nickte er befriedigt. Vom Portier war noch nichts zu sehen.

Sabato trat in die Nacht hinaus und ging mit schnellen Schritten die Straße hinunter, bis er seinen dort geparkten Wagen erreichte.

Erst als er eingestiegen war, zog er die Handschuhe aus.

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7.

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Steve McCoy war in die Betrachtung seiner neuen Schreibtischlampe versunken, die er sich am Vormittag in einem sündhaft teuren Geschäft an der Madison Avenue gekauft hatte. Schließlich nickte er befriedigt. Die Lampe passte zu der übrigen modernen Einrichtung.

Auf der Madison Avenue war es so laut gewesen, dass er nur ein paar Dinge gekauft und dann den Rückweg nach Brooklyn angetreten hatte. In seinem Haus, das er von seinen inzwischen verstorbenen Eltern geerbt hatte, fühlte er sich wohl. Wenn er paar Tage frei hatte, wie jetzt nach einem anstrengenden Job, kehrte er gern dorthin zurück.

Sein Arbeitgeber war das Department of Social Research in Washington, die Tarnbezeichnung einer geheimen Abteilung des Justizministeriums, die sich mit dem Kampf gegen das organisierte Verbrechen befasste. Dessen Feldagenten wie Steve McCoy auch arbeiteten meistens unter einer Tarnidentität, und sie besaßen zusätzlich einen größeren Handlungsspielraum als beispielsweise die Kollegen vom FBI.

Das Telefon klingelte. Er ließ es  klingeln, doch als der Anrufer nicht aufgab, nahm er seufzend den Hörer auf. Er ahnte, dass dieser Griff zum Telefon eine Menge Unannehmlichkeiten bringen würde. Aber das war nun mal sein Beruf.

„Hier McCoy“, meldete er sich.

„Greene“, kam es kurz und knapp aus dem Hörer.

Steves Aufmerksamkeit war sofort geweckt. Colonel Alec Greene war Chef des Departments und damit sein Boss. Wenn er an einem seiner freien Tage anrief, konnte es sich nur um etwas Schwerwiegendes handeln. „Ich höre!“

„Es tut mir leid, dass ich Sie ausgerechnet heute stören muss, doch ich bin in New York. Wir treffen uns in einer Stunde in dem Restaurant am Bryant Park. Wir haben uns dort schon einmal getroffen.“

Er hatte aufgelegt, bevor Steve reagieren konnte. Und Leid tut es dir ganz bestimmt nicht!, dachte Steve.

Er brauchte mit dem Taxi eine knappe Stunde bis zu ihrem Treffpunkt. Das Restaurant befand sich am Ende des Bryant Park, direkt hinter dem Prachtbau der Bibliothek. Sein Boss war schon da. Steve erkannte von Weitem die breitschultrige Gestalt mit den eisengrauen Haaren. Und er war nicht allein!

„Nehmen Sie Platz, Steve.“ Der Colonel deutete auf seinen Gast. „Das ist Dr. Highwood, ein recht bekannter Anwalt in dieser Stadt. Er vertritt Kevin MacLaren, und der wiederum hat uns über das Justizministerium gebeten, seinen Fall zu untersuchen.

„Seinen Fall?“, fragte Steve mit hochgezogenen Augenbrauen.

Alec Greene nickte. „Er gilt als Nachfolger von Senator Clark und ist gestern verhaftet worden. Warum, wird Ihnen Dr. Highwood gleich erläutern. Der Fall ist jedenfalls politisch brisant und kann hohe Wellen schlagen. Man hat uns um Hilfe gebeten, da bei uns keine Informationen an die Medien durchsickern, die schon wie die Mücken um das Licht kreisen.“

Der Colonel winkte einen Kellner heran, und sie bestellten Kaffee.

Der Anwalt räusperte sich und begann: „Mein Name ist Highwood, und ich vertrete einen Klienten, der in einer bösen Klemme steckt.“

Steve betrachtete den Anwalt aufmerksam. Für seine Größe hatte Highwood eine Spur zu viel Fett angesetzt. Er sah nicht so aus, als sei er ein Anhänger von viel Bewegung an frischer Luft. Auch sein schwarzes dichtes Haar war für einen Anwalt etwas zu lang. Sein Blick hinter der dicken Hornbrille jedoch war scharf und durchdringend. Ein Mann, den man nicht unterschätzen durfte.

Steve lehnte sich zurück. „Erzählen Sie mir ihre Geschichte – oder den Fall, wenn es überhaupt ein Fall ist.“

Dr. Highwood lächelte schwach. „Ein Fall wird es ganz bestimmt. Ein Teil davon steht schon in der Zeitung.“

Er griff in seine Brusttasche und zog eine zerdrückte Zeitung hervor. „Die ist von heute Morgen. Lesen Sie selbst!“

Steve griff nach dem Blatt, das der Anwalt ihm hinhielt. Er las die klotzige Überschrift:

„Politiker unter Mordverdacht verhaftet!“

Rasch überflog er den Text:

„Unter dem dringenden Verdacht, seine Schwester ermordet zu haben, ist gestern der Politiker Kevin MacLaren verhaftet worden. MacLaren ist einer der Anwärter auf den Posten von Senator Clark, der vor wenigen Tagen bei einem Sprengstoffanschlag schwer verletzt wurde und sich seitdem im Krankenhaus befindet. Wie die Polizei mitteilt, gibt es Hinweise darauf, dass MacLaren an diesem Attentat beteiligt war. Auf dem elektrischen Zünder wurden seine Fingerabdrücke gefunden. Gestern Morgen wurde seine Schwester Barbara MacLaren tot aufgefunden. Sie wurde durch drei Schüsse aus unmittelbarer Nähe getötet. Die Tatwaffe, eine Armeepistole, lag unter dem Bett. Sie gehört ihrem Bruder, dessen Fingerabdrücke ebenfalls auf der Waffe sichergestellt wurden.

Der Verhaftete bestreitet in beiden Fällen energisch seine Schuld. Die Ermittlungen dauern an. Es wird erwartet, dass der Beschuldigte nur gegen eine sehr hohe Kaution auf freien Fuß gesetzt wird.“

Steve ließ das Blatt sinken.

„Kevin MacLaren“, murmelte er.

„Richtig.“ Der Anwalt nickte bekräftigend. „Die Sache sieht sehr mies aus, noch schlimmer, als aus diesen paar Zeilen hervorgeht. Es gibt für beide Fälle ein handfestes Motiv, und mein Mandant hat in beiden Fällen kein Alibi.“

„Reden Sie weiter. Das scheint in der Tat ein interessanter Fall zu sein“. Steve McCoy beugte sich vor. „Ich nehme an, dass Polizei und FBI ebenfalls ermitteln. Gibt es dort schon Erkenntnisse, die nicht in der Zeitung stehen?“

Der Anwalt hob die Schultern. „Das weiß ich nicht. Mein Klient hatte nur einen erlaubten Anruf, und er bat mich, das Justizministerium einzuschalten. Das habe ich getan, und wenig später hat mich Colonel Greene angerufen. Wir haben ein Treffen verabredet, und jetzt sitzen wir gemeinsam hier. Mit der Polizei habe ich noch nicht gesprochen.“

„Zu diesem Zeitpunkt gibt es eigentlich nur eine wichtige Frage“, mischte sich der Colonel ein. „Hat MacLaren die beiden Verbrechen begangen oder nicht? Die bisher vorliegenden Beweise sprechen nicht gerade für ihn.“

Highwood blickte ihn ernst an. „Ich kenne ihn sehr gut, und ich bin der festen Überzeugung, dass er es nicht getan hat.“

„Wann kann ich mit ihm reden?“, fragte Steve.

Highwood zuckte mit den Schultern. „Wann Sie wollen. Heute noch! Ich habe im Untersuchungsgefängnis jederzeit Zutritt. Außerdem will ich versuchen, ihn gegen Kaution freizukriegen. Vielleicht gelingt es mir, den Richter davon zu überzeugen, dass bei ihm keine Fluchtgefahr besteht.“

„Wieso können Sie so sicher sein, dass MacLaren die ihm zur Last gelegten Verbrechen nicht begangen hat?“

„Finden Sie es heraus. Mir scheint, dass man eine teuflische Falle aufgebaut hat, in die er ahnungslos hineingelaufen ist. Sie werden schon dahinterkommen, was ich damit meine.“

Steve sah den Anwalt nachdenklich an. „Sie sind sich Ihrer Sache ziemlich sicher, wie?“

„Allerdings.“

„Dann werden wir Ihren Mandanten gleich besuchen.“

„Ich danke Ihnen.“

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8.

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Nicholas Delmonte saß in dem bequemen Drehsessel hinter dem Schreibtisch seines Arbeitgebers. Irgendwann, vielleicht schon sehr bald, würde er auch in so einem Sessel sitzen können. Er würde wie MacLaren mit vielen wichtigen Leuten reden und sich näher an die Schalthebel der Macht heranarbeiten können.

Delmonte kaute auf seiner Unterlippe. Dass man MacLaren verhaftet hatte, hatte ihm einen Schock versetzt. Er hätte es nie für möglich gehalten, dass ein so wichtiger Mann mit gewöhnlichen Verbrechern Verbindung aufnehmen könnte. Aber offensichtlich galten in diesem Land auch für die wichtigeren Leute keine besonderen Regeln. Wenn sie es versuchten, fielen sie sehr tief, wie der Fall Watergate bewies.

Delmonte war MacLarens Assistent. Gleich nach seinem College Abschluss hatte er beschlossen, die politische Laufbahn einzuschlagen. Er hatte sich alles viel einfacher vorgestellt, und dass seine Karriere nicht schneller verlief, machte ihm schwer zu schaffen. Nach sechs Jahren war er immer noch Assistent, und MacLaren war noch nicht Senator. Washington und das Weiße Haus waren weit. Wenn beides nicht in zu weite Ferne rücken sollte, musste bald etwas geschehen.

Eine Bewegung an der Tür riss ihn aus seinen Gedanken. Er blickte auf und erkannte Joan MacLaren. In einem bis zur Hüfte geschlitzten Kaminkleid lehnte sie an der Tür und betrachtete ihn spöttisch.

„Der Sessel ist noch viel zu groß für Sie“, sagte sie langsam.

Delmonte lief rot an, und sein pickliges Gesicht zuckte nervös. Er stand hastig auf und stolperte beinahe über die Beine des Sessels.

„Ich habe nur nachgesehen, ob etwas auf dem Schreibtisch liegt, das unbedingt erledigt werden muss.“

Sie lächelte und fixierte den schmächtigen kleinen Kerl, den sie wegen seiner kümmerlichen Figur und seines unsicheren Blicks verachtete. Sie wusste genau, dass er sie heimlich mit seinen Blicken verschlang. Es machte ihr Spaß, ihn aufzuregen, denn er würde es nie wagen, sie zu belästigen.

Mit leichten Schritten kam sie näher und beugte sich vor. Ihm fielen fast die Augen aus dem Kopf, als ihre festen Brüste vor ihm schwebten.

„Sie haben wieder geschnüffelt“, sagte sie leise. „Weder mein Mann noch ich schätzen das. Selbst wenn Kevin zurzeit nicht da ist, sollten Sie vorsichtig sein. Sie werden nie so sein wie er. Sie werden immer ein kleines Licht bleiben.“

Zusammenfassung

Nach einem Bombenanschlag auf Senator Joseph Clark, den dieser sehr schwer verletzt überlebt, bedeutet dies das politische Ende des Mannes. Unter Verdacht, den Anschlag verübt oder in Auftrag gegeben zu haben, steht Kevin McLaren, ein potentieller Nachfolger des Senators. Nach einem weiteren Verbrechen sprechen alle Indizien gegen ihn, und er wird verhaftet.
Wegen der politischen Brisanz, die dieser Fall mit sich bringt, bekommt Steve McCoy, der Geheimagent und Spezialist für besonders heikle Angelegenheiten, den Auftrag, Licht in die ganze Sache zu bringen und stößt dabei auf Dinge und Menschen, die auch für ihn das Ende bedeuten können. Plötzlich wird er selber vom Jäger zum Gejagten. Und für einen Moment sieht er in Augen, die nur den Tod versprechen, Augen, die nicht lächeln können. In denen die kalte Erbarmungslosigkeit eines menschlichen Raubtiers liegt, das Menschen wie Ungeziefer auslöscht und dabei keine Gnade kennt. Kann Steve McCoy diesem Monster in Menschengestalt Einhalt gebieten?

Details

Seiten
140
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738919523
ISBN (Buch)
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (April)
Schlagworte
eine bombe senator

Autor

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Titel: Eine Bombe für den Senator