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Katharina Ledermacher - Die Schuld an meinen Händen

2018 140 Seiten

Leseprobe

Katharina Ledermacher - Die Schuld an meinen Händen

Bernd Teuber and Richard Hey

Published by Cassiopeiapress/Alfredbooks, 2018.

Die Schuld an meinen Händen

Ein Katharina Ledermacher Roman

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Bernd Teuber

nach Motiven von Richard Hey

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IMPRESSUM

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author/ Titelbild: Nach Motiven von Pixabay mit Steve Mayer, 2018

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Die siebzehnjährige Jenny Kröhmer wird beschuldigt, ihren Ex-Freund Michael Reuter niedergeschlagen und im Summter See ertränkt zu haben. Ihre Mutter glaubt jedoch nicht, dass Jenny eine Mörderin ist. Deshalb engagiert sie Katharina Ledermacher, um die Wahrheit herauszufinden. Bei ihren Nachforschungen stößt die Detektivin auf einige Ungereimtheiten.

Hat die Polizei Beweise unterschlagen?

Starb Michael vielleicht durch jemand anderen?

Katharina Ledermacher ging zügig von der Straße durch den Garten direkt auf das Haus zu. Die Rasenflächen zu beiden Seiten des kiesbestreuten Weges sahen gepflegt aus. Und auch das Haus machte einen sehr sauberen Eindruck. Vor der schweren Holztür blieb die Privatdetektivin stehen und drückte auf den Klingelknopf. Drinnen ertönte ein dreifacher Gong.

Jemand schob den Spion beiseite. Kurz darauf rasselte die Sicherheitskette. Der Schlüssel wurde herumgedreht und die Tür einen Spalt weit geöffnet. Eine Frau kam zum Vorschein. Ihre langen braunen Haare waren wirr, ihr Gesicht blass und angstverzerrt. Die dunklen Ringe unter den Augen deuteten darauf hin, dass sie in letzter Zeit kaum geschlafen hatte.

„Frau Kröhmer?“ fragte Katharina höflich.

Die Angesprochene zögerte einen Moment. „Ja“, sagte sie dann. Ihr Gesichtsausdruck entspannte sich. „Oh, Sie sind sicher Frau Ledermacher.“

Katharina nickte kurz.

„Ich habe Sie bereits erwartet. Kommen Sie bitte herein und setzten Sie sich.“

Corinna Kröhmer machte eine einladende Handbewegung und dirigierte ihre Besucherin ins Wohnzimmer. Der Raum war komfortabel eingerichtet. Es gab ein breites Sofa sowie mehrere bequeme Sessel. In der Mitte des Raums befand sich eine versenkbare Hausbar. Corinna drückte auf den dafür vorgesehenen Knopf.

Eine gläserne Plattform mit den verschiedensten Getränken wurde hydraulisch aus der Versenkung heraufbefördert. Unter den Flaschen war ein Kühlfach eingebaut. Es enthielt einen verchromten Behälter mit Eiswürfeln. Auf dem herausschwenkbaren Tablett waren Gläser und ein silberner Shaker angeordnet. Daneben stand ein Siphon mit Sodawasser.

„Darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten?“

„Nein, danke.“ Katharina machte es sich in einem Sessel bequem. „Womit kann ich Ihnen helfen?“

Corinna ließ die Bar wieder verschwinden und setzte sich aufs Sofa.

„Es geht um meine Tochter“, begann sie zögernd. „Man hat sie wegen Mordes angeklagt.“

„Mord?“ fragte Katharina erstaunt. „Wen hat sie denn getötet?“

„Michael Reuter. Einen junger Mann hier aus der Gegend.“

„Wo starb er?“

„Am Summter See. Die Polizei behauptet, meine Tochter hätte ihn erschlagen.“

„Erschlagen?“ wiederholte die Detektivin.

„Ja, mit einem Ast. Angeblich hat sie ihn unter einem Vorwand dorthin gelockt, um ihn dann zu töten.“

Katharina überlegte einen Moment. Sie sah vor sich eine tief besorgte Frau, die darum kämpfte, dass ihrer Tochter geholfen wurde.

„Bevor ich mich entscheide, brauche ich noch ein paar Informationen. Erzählen Sie mir etwas über Ihre Tochter.“

Corinna zögerte. Anscheinend überlegte sie, womit sie am besten anfangen sollte.

„Jenny ist ein intelligentes junges Mädchen“, sagte sie schließlich. „Trotz einiger ihrer ... weniger glücklichen Entscheidungen in der letzten Zeit. Und bis vor ein paar Jahren war sie auch eine hervorragende Schülerin.“

„Was geschah vor einigen Jahren?“ wollte Katharina wissen.

„Vieles. Ihr Vater starb. Die Pubertät setzte mit voller Macht ein.“

„Und wie sind ihre Zensuren jetzt?“

„Die einzigen guten Zensuren erhält sie, wenn es um Mathematik geht. Das Interesse an anderen Fächern ist immer mehr geschwunden.“

„Was ist mit außerschulischen Interessen?“

„Sie interessiert sich für Musik ... und für die neuste Mode.“

„Am Telefon sagten Sie mir, ihr Anwalt hätte mich empfohlen. Wie schätzt er denn die Sache ein?“

„Jenny wird nicht einfach zu vertreten sein. Vor allem deshalb nicht, weil sie vor der Polizei geflohen ist.“

„Geflohen?“ fragte Katharina ungläubig.

„Ja. Zwei Männer von der Mordkommission kamen hierher. Ihnen gegenüber hat Jenny schon zugegeben, dass sie Michael in der Nacht getroffen hat. Und als der Kommissar ihr sagte, dass der Junge tot sei, ist sie einfach weggelaufen. Seitdem fahndet die Polizei nach ihr.“

„Wann war das?“

„Vor drei Tagen.“

„Und seitdem ist sie auf der Flucht?“

Corinna nickte.

„Das kommt einem Schuldeingeständnis gleich“ sagte die Detektivin.

„Ich weiß. Bitte, Sie müssen mir helfen. Jenny ist gerade siebzehn geworden.“

Zum ersten Mal sah Katharina nun Verzweiflung in den Augen der Frau. Ihre Schultern und Züge waren vollkommen angespannt. Sie wirkte ausgelaugt und müde.

„Das dürfte nicht so einfach sein, denn wissen Sie, die Polizei schätzt es gar nicht, wenn sich jemand in ihre Ermittlungen einmischt. Da können die ganz schön unangenehm werden. Wer bearbeitet eigentlich den Fall?“

„Ein gewisser Kommissar Griese.“

„Tut mir leid. Der Name sagt mir nichts.“

„Werden Sie meiner Tochter helfen?“ fragte Corinna.

„Ehrlich gesagt, mir fällt die Entscheidung ziemlich schwer.“

„Ich kann Sie bezahlen.“

„Darum geht es nicht“, wehrte Katharina ab.

„Worum dann?“

„Wenn Ihre Tochter ihre Schuld eingestanden hat, gibt es nichts und niemanden, der ihr noch helfen kann. Sie würden mir ziemlich viel Geld bezahlen und nichts dafür bekommen.“

„Trotzdem muss alles unternommen werden, um Jenny zu helfen.“

Sie blickte Katharina erwartungsvoll an.

„Wie starb dieser Michael Reuter denn nun genau?“ wollte die Detektivin wissen.

„Der Rechtsmediziner sagt, er sei nach dem Schlag an die Schläfe ertrunken.“

„Der Schlag war also nicht die Todesursache?“

„Nein. Aber er scheint ihn bewusstlos gemacht zu haben. Er fiel daraufhin in den Summter See und ertrank.“

„Glauben Sie, Ihre Tochter hat Michael diesen Schlag verpasst?“

Der Schatten der Traurigkeit in Corinnas Stimme strafte ihre kontrollierte Haltung Lügen. „Ich weiß nicht, was ich denken soll.“

„Wie war Jennys Beziehung zu Michael?“ fragte Katharina.

„Vor einigen Monaten begannen sie, sich zu treffen. Damals war sie erst sechzehn. Michael zwanzig. Er war viel zu alt für sie. Ich habe versucht, es zu unterbinden.“

„Und?“

Corinna zuckte mit den Schultern. „Alles, was ich tat, war falsch.“

„Das heißt, Sie haben versucht, ihr mit Vernunftgründen zu kommen.“

Corinna blickte ihr ins Gesicht. „Es hört sich so an, als hätten Sie auch Ihre Erfahrungen mit Teenagern.“

„Ja, aber meine Tochter ist mittlerweile erwachsen und hat selbst eine Familie“, antwortete Katharina. „Wie hat Jenny reagiert, als Sie ihr in Bezug auf Michael mit Vernunftgründen kamen?“

„Sie sagte, sie sei kein Kind mehr und würde sich ihre Freunde selbst aussuchen. Außerdem fügte sie hinzu, es sei ihr Leben und sie würde es auf ihre Art leben.“

„Ja, diese Sprüche kommen mir nur allzu bekannt vor“, meinte Katharina trocken. „Ich nehme an, Sie haben darauf mit dem ebenfalls altbekannten Spruch reagiert, dass sie sich nach Ihnen zu richten habe, solange sie ihre Füße unter Ihrem Tisch hätte.“

Corinna musste beinahe lächeln. Beinahe.

„Ich habe einige Tage durchgehalten, ehe ich ihn benutzte. Zuerst habe ich versucht, ihr klarzumachen, dass es ihr nur Probleme einbringen würde, sich mit einem soviel älteren Mann zu treffen. Dazu sei sie noch nicht erwachsen genug.“

„Was die Beziehung zu Michael natürlich noch verlockender machte.“

Diesmal lächelte Corinna. „Sie scheinen Teenager zu verstehen.“

„Und was geschah dann?“ fragte Katharina.

„Ich bat sie, Michael zum Essen mit nach Hause zu bringen. Ich wollte ihn kennenlernen, ihm gegenübersitzen und ihn spüren lassen, welchen Anteil ich an Jennys Leben habe. Aber Michael wollte nicht kommen.“

„Natürlich nicht. Weil er keine besonders guten Absichten hatte.“

„Genau das habe ich Jenny gesagt, aber leider hört sie schon lange nicht mehr auf mich.“

„Hat es vorher schon Probleme gegeben?“

„Nein. Jedenfalls nicht mit der Polizei.“

„Aber?“

„Ich vermute, dass sie rauchte und Alkohol trank, wenn sie mit Michael zusammen war. Und das die beiden miteinander ... intim waren. Michael hat nicht gerade den besten Ruf.“

Katharina schoss die Frage durch den Kopf, wie sie wohl empfunden hätte, wenn ihre Tochter Kathinka mit Michael Reuter gegangen wäre. Aber sie verdrängte diesen Gedanken ganz schnell wieder,

„Erzählen Sie mir, was Sie über diesen Michael wissen.“

„Er arbeitete hier in einem Schnellimbiss. „Robbies Burger Palace“. Er wuchs in Wedding auf. Sein Aussehen könnte man als eine Mischung aus Rockstar und Gang-Mitglied beschreiben. Er gibt sich immer düster und cool. Offensichtlich eine unwiderstehliche Mischung für Mädchen im Teenageralter.“

„Wie hat er Jenny kennengelernt?“

„In dem Schnellimbiss. Er ist ein Treffpunkt für die Jugend hier in der Gegend.“

„Waren Jenny und Michael auf derselben Schule?“

„Nein.“

„Und was haben Sie getan, als Vernunft bei Jenny nicht half?“

„Als ich bemerkte, dass sie sich trotz meines Verbots weiterhin mit Michael traf, versuchte ich es mit anderen Mitteln. Ich weigerte mich, ihr Kleidung zu kaufen. Sie bekam Ausgangsverbot. Gehorchte sie nicht, gab es kein Taschengeld.“

„Und alles ohne Erfolg, nicht wahr?“

Corinna nickte.

„Wann hat sie sich mit ihm getroffen?“

„In der Nacht, wenn ich schon im Bett lag und schlief.“

„Wie haben Sie es herausgefunden?“

„Vor einigen Wochen wurde ich von jemandem geweckt, der sich verwählt hatte. Ich ging hinunter in die Küche, um mir etwas zu trinken zu holen. Dabei erwischte ich Jenny, wie sie sich gerade heimlich ins Haus schleichen wollte. Sie roch nach Tabakrauch und Alkohol. Sie wollte mir nicht sagen, woher sie kam. Aber es war nicht schwer zu erraten.“

Corinna machte eine Pause, bevor sie fortfuhr. Ihre Stimme blieb ausdruckslos, aber nicht ihre Augen.

„Ich konnte sie doch nicht einsperren. Sie muss ihren Freiraum haben, um ihre eigenen Entscheidungen zu treffen, um ihre eigenen Fehler zu begehen. Das ist der einzige Weg, um reifer und erwachsener zu werden. Aber es gibt so vieles, das sie nicht als wichtig akzeptiert. Sie versteht einfach nicht, dass eine falsche Entscheidung ihre ganze Zukunft ruinieren kann.“

Und nun hatte sie die falsche Entscheidung getroffen, dachte Katharina, sprach aber die Worte nicht aus. Corinna Kröhmer stand vor dem uralten Dilemma, das irgendwann immer auf Eltern zukommt. Was machten sie mit einem Teenager, der darauf behaarte, erwachsen zu sein, aber die weitreichenden Folgen mancher Entscheidungen nicht sah?

„Traf Jenny sich weiterhin mit Michael?“ fragte Katharina.

„Ich bat sie, mir ihr Wort zu geben, dass sie es nicht mehr tun würde. Aber sie weigerte sich. Ich behielt ihr Taschengeld ein und versteckte ihren Motorrollerschlüssel.“

„Was war mit der Nacht, als Michael starb?“

„Die Polizei ist wohl der Meinung, dass sie mit ihrem Roller losfuhr, um sich mit ihm zu treffen. Sie haben ihn zur Untersuchung beschlagnahmt.“

„Sagten Sie nicht, Sie hätten den Schlüssel versteckt?“

„An jenem Abend nicht. Ich dachte, zwischen Jenny und Michael wäre es aus.“

„Wie kommen Sie darauf?“

„Vor einigen Wochen muss etwas passiert sein. Jenny wollte ihn von sich aus nicht mehr sehen.“

„Warum nicht?“

„Sie wollte nicht darüber reden – wie üblich. Sie sagte, es ginge mich nichts an. Ich muss gestehen, ich war so froh, dass sie Sache ein Ende hatte, dass ich sie nicht weiter bedrängte.“

„Und Sie hatten keine Ahnung, dass es wieder angefangen hatte?“

„Nein.“

„Wissen Sie etwas über die Familie des Jungen?“

„Seine Mutter arbeitet in einem Supermarkt, soweit ich weiß. Sein Vater hat sich schon vor Jahren davon gemacht.“

„Wie gut kennen Sie die Familie?“

„Kaum.“

„Hatten Sie nie Kontakt mit ihnen?“

„Ich rief Michaels Mutter an, als die beiden zum ersten Mal miteinander gingen. Ich sprach zu ihr von Mutter zu Mutter, über die Gefahren, die sich aus zu großen Altersunterschieden ergeben. Aber sie teilte meine Sorgen nicht.“

„Sie tat nichts, um ihren Sohn davon abzubringen?“

„Im Gegenteil. Sie sagte, sie würde Michael eher noch ermutigen. Es schien ihr ein perverses Vergnügen zu bereiten, es mir unter die Nase zu reiben.“

„Auch welchem Grund?“

„Sie schien anzunehmen, ich hätte etwas gegen ihren Sohn, weil er kein Geld hatte und sozial unter uns stand. Vergeblich versuchte ich sie davon zu überzeugen, dass das nicht der Fall war.“

„Spielte der soziale Unterschied für Sie eine Rolle?“ fragte Katharina.

„Nein, absolut nicht. Selbst wenn der Junge ein Mitglied des europäischen Hochadels gewesen wäre, hätte das keinen Unterschied gemacht. Ich wollte nicht, dass meine sechzehnjährige Tochter sich mit einem Zwanzigjährigen trifft, der raucht und trinkt.“

Katharina schwieg einen Moment.

„Nun, Frau Ledermacher, übernehmen Sie den Fall?“

„Das lässt sich nicht so einfach sagen. Vor allem möchte ich gerne hören, wie Ihre Tochter die Sache sieht.“

„Aber ich sagte Ihnen doch, dass sie untergetaucht ist.“

„Wo?“

„Das weiß ich nicht.“

„Frau Kröhmer, lassen Sie uns mit offenen Karten spielen. Ihre Besorgnis als Mutter ist verständlich, aber Sie müssen auch mich verstehen. Ich muss die Fakten von ihr wissen, und ich muss sie jetzt wissen.“

Corinna blickte sie scharf und prüfend an. Es gefiel ihr nicht, dass diese Detektivin darauf behaarte, jetzt gleich mit Jenny zu sprechen. Doch sie wusste auch, dass es keine andere Möglichkeit gab.

„Also, wo hält sich Jenny zurzeit auf?“ fragte Katharina.

„In einer Wohnung in der Gelfertstraße.“

„Wem gehört diese Wohnung?“

Corinna zögerte einen Moment. „Mir“, sagte sie schließlich. „Ich vermiete sie manchmal an Feriengäste.“

„Haben Sie ihrer Tochter geraten, sich dort zu verstecken?“

„Nein“, entgegnete sie sofort. „Anfangs wusste ich nicht einmal, dass Jenny sich in der Wohnung aufhält. Doch dann rief sie mich gestern an und sagte, dass sie dem Druck nicht mehr lange standhalten würde.“

„Woher hatte sie den Schlüssel?“

„Wenn die Wohnung nicht vermietet ist, liegt er in meiner Schreibtischschublade. Vermutlich hat sie ihn sich geholt, als ich nicht zu Hause war.“

Katharina nickte. „Gut. Lassen Sie uns aufbrechen. Sie fahren voran und ich folge Ihnen in meinem Wagen.“

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KATHARINA BEOBACHTETE, wie Corinna auf ihre Tochter zuging, zögernd, fast als wäre sie ein wilder Vogel, der jeden Augenblick davonfliegen könnte. Jenny war ungefähr zwei Zentimeter kleiner als ihre Mutter, ihr welliges braunes Haar um einige Grade heller. Sie besaß ein rundes Gesicht mit einer kleinen Nase, aber ihre großen Augen waren von dem gleichen Braun wie ihre Haare. Sie war ein sehr schönes, junges Mädchen. Und wenn Katharina sich nicht täuschte, dann verbarg sich hinter der harten Schale ein ziemlich verängstigtes Wesen.

„Das ist Frau Ledermacher“, sagte Corinna sanft. „Sie arbeitet als Privatdetektivin und will dir helfen.“

„Mir kann niemand helfen“, entgegnete Jenny schroff. „Sieh das endlich ein. Sie können sich vom Acker machen.“

Doch Katharina schüttelte energisch den Kopf. „Nein, das werde ich nicht tun. Nach Ihnen wird gefahndet. Und wenn man Sie vor Gericht stellt und verurteilt, wandern Sie für sehr lange Zeit ins Gefängnis. Darüber müssen Sie sich im Klaren sein.“

„Wer sagt denn, dass man mich überhaupt vor Gericht stellt?“

„Sie können nicht ewig auf der Flucht bleiben. Früher oder später wird man Sie finden.“

„Und wenn ich ins Ausland abhaue?“

„Wovon wollen Sie denn dort leben?“

„Ich finde schon etwas.“

„Stellen Sie sich das nicht so leicht vor. Ihr ganzes Leben steht hier auf dem Spiel. Sie werden einige harte Entscheidungen treffen müssen, und noch härtere Erfahrungen machen. Sie werden all Ihre Kraft und Reife benötigen. Ihre Mutter und ich werden Ihnen auf diesem Weg helfen. Aber sie müssen genau verstehen, was ich für Sie tun kann, und was nicht.“

„Was für Dinge?“

Katharina entging nicht, dass Jenny sich bemühte, tapfer zu klingen.

„Ich will die Wahrheit hören. Ich werde Ihnen jetzt ein paar Fragen über die Nacht stellen, in der Michael Reuter starb. Sie sind nicht verpflichtet, auch nur ein Wort zu sagen. Es könnte sogar besser für Sie sein, wenn Sie es nicht tun. Möchten Sie darüber reden?“

„Ja“, erwiderte Jenny zögernd.

„Seien Sie dessen sicher, dass ich Ihnen diese Fragen nur stelle, damit ich Ihnen so gut wie möglich helfen kann. Wenn Sie nicht für Michaels Tod verantwortlich sind, werden die Antworten mir helfen, die Anschuldigungen gegen Sie abzuwehren. Sind Sie aber schuldig, werde ich dennoch für Sie kämpfen. Haben Sie das verstanden?“

„Ja.“

„Okay, dann sagen Sie mir, was Sie sagen möchten.“

„Ich war es. Ich habe Michael umgebracht.“

Bei Jennys Schuldeingeständnis zog sich Katharinas Herz schmerzhaft zusammen. Sie hatte gehofft, das vorherige Geständnis wäre irgendeine Art Fehler oder Missverständnis gewesen. Etwas, das sie unter Schock eingestanden hatte, als sie von Michaels Tod erfuhr. Aber nun wusste sie, dass es kein Missverständnis oder Fehler gewesen war. Gab es überhaupt noch Hoffnung?

„In Ordnung“, sagte Katharina ruhig. „Sie haben mir gesagt, dass Sie Michael getötet haben. Nun wollen wir uns über den Grund unterhalten.“

Sie stützte die Ellbogen auf dem Tisch ab und starrte die Detektivin an. Katharina konnte sehen, dass das Schuldeingeständnis ihre innere Anspannung nicht gelöst hatte. Sie kannte diese coole, trotzige Maske. Normalerweise setzten Teenager sie auf, damit sie nicht verletzt wurden. Nicht noch einmal. Sie wettete, dass hinter Jennys scheinbarer Abgebrühtheit ein Herz schlug, dem sehr weh getan worden war – und das Angst hatte.

„Lassen Sie uns mit dem Anfang beginnen“, sagte Katharina. „Erzählen Sie mir, wie Sie Michael kennengelernt haben.“

„Kennengelernt habe ich ihn in „Robbies Burger Palace“, begann sie mit ruhiger Stimme. „Er hat dort die Burger zubereitet.“

„Wann ist er Ihnen das erste Mal aufgefallen?“

„Im letzten Jahr. Manchmal, wenn wenig zu tun war, wartete er am Tresen. Einige Male hat er meine Bestellung angenommen. Dann, an einem Samstag, als er Feierabend hatte, kam er zu mir an den Tisch. Wir unterhielten uns. Er fragte mich, ob ich Lust hätte, mit ihm auszugehen.“

„Wann war das?“

„Im letzten September.“

„Warum wollten Sie mit ihm ausgehen?“

Jenny zuckte mit den Schultern. „Er mochte mich. Und er war so cool.“

„Und was habt ihr dann gemacht?“

„Wir sind ins Kino gegangen.“ Sie senkte den Kopf. „Es war ein Fehler. Meine Cousinen sahen mich mit ihm zusammen. Meine Mutter erfuhr es und flippte völlig aus.“

„Sie haben Ihrer Mutter nicht gesagt, dass Sie mit Michael Reuter in diesen Film gehen würden?“

„Dann hätte sie es mir verboten.“

„Was haben Sie ihr denn erzählt?“

„Dass ich mit einer Freundin ins Kino gehen wollte und nicht zu spät nach Hause käme. Das war ich auch nicht.“

„Sind Sie danach wieder mit Michael ausgegangen?“

„Ja.“

„Wohin?“

„Ich habe ihm gesagt, ich hätte keine Lust, dass meine Mutter einen Aufstand macht. Deswegen sollten wir uns nicht an öffentlichen Plätzen sehen lassen. Er war einverstanden. Er hatte ja sowieso nicht genug Kohle zum Ausgehen. Deshalb hingen wir meistens draußen in der Gegend herum.“

„Wo?“

„Wir saßen in seinem Wagen, rauchten eine und hörten Musik und ...na ja, all dies Zeugs.“

Katharina konnte sich denken, was sie mit Letzteren meinte.

„Waren Sie in Michael verliebt?“ fragte sie so sanft, wie sie konnte.

„Ja.“

„Hat er Sie geliebt?“

„Das hat er gesagt. Ich denke, er hat es. Zumindest die meiste Zeit. Aber manchmal ...“

Katharina sah, dass sich ihre Schultern versteiften.

„Was war manchmal?“

„Manchmal ... war er so komisch, und ich ... ich konnte nicht verstehen, dass er so etwas tat und mich gleichzeitig liebte.“

„Was war das denn?“

„Er ... hat mich geschlagen.“

Aus den Augenwinkeln sah Katharina, wie Corinna zusammenzuckte. Die Detektivin konnte es verstehen. Sie selbst verspürte auf einmal einen harten Druck im Magen.

„Wann hat er damit begonnen?“ fragte Katharina mit bewusst sachlicher Stimme.

„In den ersten Wochen war alles okay. Wir saßen herum. Unterhielten uns. Manchmal tranken wir ein oder zwei Bier, aber keiner von uns trank zu viel. Dann ...“

„Wann wurde es schlimmer?“

„Eines Abends, als ich mich wieder aus dem Haus geschlichen hatte und mich mit ihm traf, kam er angetorkelt. Vollkommen besoffen. Er wollte mit mir unbedingt zum Summter See fahren. Dort saßen wir manchmal in klaren Nächten in seinem Wagen. Es sieht so schön aus, wenn sich der Mond im Wasser spiegelt.“

„Was geschah in jener Nacht?“

„Er war so besoffen, dass er hinfiel, und ich sagte ihm, dass er nicht einmal geradeaus sehen könnte. Wie wollte er da Autofahren? Er rastete völlig aus und brüllte mich an. Ich wäre nicht seine Mutter. Dann hat er mich geschlagen. Ziemlich schlimm.“

„Was haben Sie getan?“

„Ich bin weggelaufen. Zurück ins Haus. Am nächsten Tag wartete Michael auf mich, als ich mit dem Roller aus der Schule kam. Er sagte, es würde ihm wirklich leidtun, dass er mich geschlagen hätte. Er meinte, das Bier wäre schuld gewesen. Er bat mich, ihm zu verzeihen.“

„Und das taten Sie?“

„Es klang wirklich ernst.“

„Sie haben ihm vergeben?“

Jenny zuckte nur mit den Schultern.

„Aber es passierte wieder“, vermutete Katharina.

„Für ein paar Wochen war alles in Ordnung. Dann fuhren wir eines Abends zu einer Party bei Tommy.“

„Tommy wie?“ fragte Katharina.

„Einfach nur Tommy. Er war ein Freund von Michael.“

„Wo wohnt dieser Tommy?“

„Irgendwo in Kreuzberg. Ich habe nicht auf die Adresse geachtet. Die Musik war echt cool. Einige haben sich Tattoos machen lassen. Wir haben etwas getrunken, damit wir die Nadel nicht so fühlen. Nur Michael betrank sich. Dann machte er dieses Mädchen an, direkt vor meinen Augen.“

„Welches Mädchen?“

„Eine Blonde, die von oben bis unten tätowiert war. Michael wollte sie überreden, ihre Bluse ein wenig herunterzuziehen.“

Katharina behielt ihre sachliche Stimme bei. „Und was geschah dann?“

„Die Blonde lachte und sagte, dann müsste er mit ihr kommen. Ich sagte Michael, ich würde mich vom Acker machen. Er packte mich am Arm und schleppte mich hinaus zu seinem Wagen. Er schubste mich hinein. Als ich versuchte, wieder auszusteigen, riss er mich zurück und begann mich zu schlagen. Ich ... ich konnte mich nicht wehren.“

„Was geschah dann?“ fragte Katharina. Es fiel ihr schwer, ihre Emotionen zurückzuhalten.

„Er fuhr mich nach Hause, fluchte wie bescheuert. Ich dachte, er würde uns irgendwo gegen eine Hauswand setzen. Aber wir kamen heil an. Am nächsten Tag taten mir mein Arm und meine Schulter furchtbar weh. Meine Mutter sah, wie ich mehrmals zusammenzuckte. Ich erzählte ihr, ich hätte mir den Arm ausgerenkt. Wir fuhren ins Krankenhaus. Die Schulter war verstaucht.“

„Kam Michael am nächsten Tag wieder, um sich zu entschuldigen?“

„Erst einige Tage danach. Er sagte, er wollte zu diesem Tätowierer gehen und sich meinen Namen auf den rechten Unterarm tätowieren lassen.

„Haben Sie ihm wieder vergeben?“

„Ich habe ihm gesagt, wenn er sich noch einmal vor mir volllaufen lässt oder ein anderes Mädchen anmacht, kann er sich verpissen“, antwortete Jenny mit trotziger Stimme. „Er sagte, er würde nur trinken und die anderen Mädchen anmachen, weil ...“

„Ja?“ fragte Katharina, als ihre Stimme sich verlor.

„Weil ich mich noch immer weigerte ... alles mitzumachen.“

„Sie meinen Sex, nicht wahr?“

„Er sagte, er hätte schon viel Geduld bewiesen, aber er wäre halt auch nur ein Mann mit Bedürfnissen. Er sagte, ich sollte aufhören, mich wie ein Kind zu benehmen, und endlich erwachsen werden. Er sagte, wenn ich ihn wirklich liebte, müsste ich es tun.“

Katharina verfluchte diesen Michael dafür, wie skrupellos er Jenny manipuliert hatte. Eine Sechzehnjährige auf diese miese Tour herumzukriegen, kam fast einer Vergewaltigung gleich. Aber sie nahm sich zusammen.

„Was haben Sie ihm darauf geantwortet?“

„Ich habe ihm gesagt, dass ich ihn liebe, aber ein wenig mehr Zeit brauchte. Er wollte noch etwas Geduld haben, weil er so verrückt nach mir wäre.“

„Und wie lief es danach?“

„Gut. Wir haben viel von Heirat gesprochen. Aber trotzdem wollte ich erst die Schule zu Ende bringen.“

„Du hast Michael abgewiesen?“

„Er sagte, das bräuchte ich nicht. Wenn ich erst einmal schwanger wäre, würden wir jede Menge Geld haben und könnten machen, was wir wollten. Er sagte auch, er könnte nicht mehr länger warten.“

„Wann geschah es?“

„Am Valentinstag.“

„Erzählen Sie mir davon.“

„Michael nahm mich mit in ein Hotel, damit wir es nicht im Wagen machen mussten.“

Katharina wusste, es war hart für das Mädchen, deshalb legte sie einen aufmunternden Ton in die Stimme. „Erzählen Sie bitte weiter.“

„Er kaufte mir Blumen und eine Flasche Champagner. Zuerst war es richtig romantisch.“

„Wann hörte es auf?“

„Nachdem er angefangen hatte, aus der Flasche zu trinken.“

Jenny machte eine Pause. Noch immer klang ihre Stimme trotzig, aber sie krallte die Finger ineinander. Katharina wartete, bis sie weitererzählte.

„Ich sagte Michael, ich müsste jetzt nach Hause. Aber er riss mich ins Bett zurück. Er sagte, ich wäre jetzt seine Frau, und ich könnte erst gehen, wenn er es mir erlauben würde. Aber je mehr er trank, desto mehr veränderte er sich.“

„Wurde er grob?“

„Ja, als ich versuchte zu gehen.“

„Er hat dich geschlagen?“

„Ja. Immer wieder. Ich flehte ihn an, aufzuhören. Ich sagte ihm, ich hätte nur Spaß gemacht und würde gar nicht gehen. Ich versprach, bei ihm zu bleiben, solange er wollte.“

„Hat er aufgehört?“

„Ja. Stattdessen beschimpfte er mich. Er meinte, ich hätte die Schläge verdient, weil ich mein Spielchen mit ihm spielte. Als er dann eine Stunde später schlief, habe ich meine Klamotten zusammengepackt und bin abgehauen. Von der Hotelhalle aus rief ich mir ein Taxi.“

„Wann kam er das nächste Mal vorbei, um sich zu entschuldigen?“

„Zwei Tage später. Aber ich sagte ihm, es wäre ein für allemal aus.“

„Bis?“ fragte Katharina.

„Bis letzten Sonntag.“

„Bist du zwischen dem Valentinstag und dem letzten Sonntag mit Michael ausgegangen?“

„Nein. Letzten Sonntag ging ich nur zu „Robbies Burger Palace“, weil ich wusste, dass Michael frei hatte.“

„Aber dennoch hast du ihn dort getroffen?“

„Er saß an einem der Tische und trank eine Cola. Sobald er mich sah, kam er herüber und legte den Arm um mich. Ich stieß ihn weg. Als ich gehen wollte, fragte er mich, ob ich schwanger wäre.“

„Sind Sie es?“ fragte Katharina ganz sanft.

„Nein. Ich sagte ihm, ich sei froh, dass ich nicht mit einem Balg von ihm dasitzen würde, das mich für immer an ihn gebunden hätte.“

„Und was geschah dann?“

„Er sagte mir, wie verrückt er nach mir sei. Er schwor, niemals wieder auch nur einen einzigen Schluck Alkohol zu trinken.“

„Und Sie haben ihm nochmals verziehen?“

„Nein. Er hatte gerade seinen Spruch beendet, als die Blonde von Tommys Party hereinkam. Sie ging auf Michael zu und legte ihm die Hand auf die Schulter. Sie hatte sich dort mit ihm verabredet.“

„Was geschah als Nächstes?“

„Ich sagte ihm, er solle sich zum Teufel scheren.“

„Tat er es?“

„Als ich gehen wollte, versperrte er mir den Weg und schwor, dass er nichts mit der Blonden zu tun hätte. Er hätte ihr lediglich versprochen, sie zu Tommy zu bringen.“

„Haben Sie ihm geglaubt?“

„Die Blonde meinte, es wäre die Wahrheit. Er sagte ihr, sie solle sich jemand anders suchen, der sie hinfährt. Dann ist sie abgehauen.“

„Haben Sie ihm danach vergeben?“

„Nein. Ich habe ihm nur zugesagt, mich abends mit ihm am Summter See zu treffen, um mit ihm zu reden.“

„Warum haben Sie das getan?“

„Er sagte, er hätte meinetwegen mit dem Saufen aufgehört. Er sagte, ich würde seine Frau werden. Und er versprach, dass er nicht noch einmal ausrasten würde.“

„Und das haben Sie ihm geglaubt?“

„Michael war so ... cool, wenn er nicht getrunken hatte. Ich dachte, wenn er mit dem Trinken aufhörte ... Ich wollte wohl glauben, dass es so war.“

„Aber Sie mussten erkennen, dass das nicht stimmte?“

Jenny nickte.

„Was geschah, als Sie Michael am Sonntagabend am Summter See trafen?“

„Ich kam zu spät, weil mein Roller unterwegs immer wieder ausging. Als ich oberhalb des Ufers anhielt, wo wir immer standen, war sein Wagen nirgends zu sehen. Ich dachte, er wäre nach Hause gefahren. Doch plötzlich kam er hinter den Bäumen hervor und packte mich.“

Jenny machte eine Pause, und nun bekam Katharina zum ersten Mal einen kurzen Ausblick auf die wahre Jenny. Ihr Gesicht war weiß, die Pupillen schwarze Punkte der Angst.

„Ich roch sofort, dass er getrunken hatte“, fuhr sie fort. „Ich sagte ihm, er solle mich loslassen. Doch er tat es nicht. Er lallte so sehr, dass ich nicht versehen konnte, was er sagte. Ich versuchte, ihn loszuwerden. Er riss an meiner Halskette, die mir meine Mutter geschenkt hatte. Sie schnitt mir in den Hals. Ich schrie ihn an, er täte mir weh, aber er lachte nur. Da hob ich einen Ast auf und schlug nach ihm.“

Jenny zitterte am ganzen Körper. Katharina begriff, dass sie die Schrecken dieses Abends noch einmal erlebte. Sie rang noch einmal mit dem betrunken, gewalttätigen Michael Reuter.

„Was geschah dann?“ wollte Katharina wissen.

„Er ließ mich los, taumelte zurück. Ich rannte hinüber zu den Bäumen, wollte mich dort verstecken. Den Ast hielt ich noch immer in der Hand. Ich wusste, dass ich ihn nochmals damit schlagen würde, wenn er mir zu nahekäme. Aber er tat es nicht. Ich sah, wie er in Richtung See schwankte. Ich ließ den Ast fallen, lief zurück zu meinem Roller und fuhr so schnell wie möglich davon. Fast wäre ich dabei mit einem Wagen zusammengeprallt, der auf der anderen Straßenseite fuhr.“

„Haben Sie gesehen, wer darin saß?“

„Nein, es ging alles viel zu schnell.“

„Haben Sie gesehen, wie Michael in den See fiel?“

Jenny schüttelte den Kopf. Sie starrte auf ihre Finger. „Ich wusste, dass er verletzt war, aber ich dachte, sonst wäre alles in Ordnung. Ich meine, ich sah, wie er ging und alles. Ich hätte niemals gedacht ...“

Jenny brach ab. Sie straffte die Schultern und blickte Katharina direkt an. Ihre Augen waren klar, ihre Stimme fest. Sie spielte ihr nichts vor.

„Ich habe ihn geschlagen“, sagte sie. „Ich habe ihn umgebracht.“

Katharina beugte sich vor und nahm ihre Hände. Zum ersten Mal in diesem Gespräch erlaubte sie sich, Gefühle zu zeigen. Ihr zu zeigen, dass sie sich um sie sorgte. Mitgefühl.

„Sie haben ihn nicht umgebracht. Sie haben sich nur verteidigt. Michael Reuter starb nicht durch Ihre Hand, sondern durch seine eigene. Sie dürfen nie wieder sagen, dass Sie ihn umgebracht haben. Es stimmt nicht.“

Katharina sah, wie unter ihren mitfühlenden Worten und ihrer Berührung, die Maske des Mädchens bröckelte. Sie senkte den Kopf und weinte. Ihre dichten, braunen Haare hingen wie ein Schleier vor ihrem Gesicht, markierten das Ende ihrer falschen Tapferkeit. Corinna kniete neben ihrer Tochter, legte den Arm um sie und hielt sie fest.

„Es ist gut, Jenny“, sagte sie mit ruhiger Stimme. „Ich bin bei dir. Es wird alles wieder gut.“

Katharina bewunderte Corinnas Selbstbeherrschung, aber sie entdeckte auch einen feuchten Schimmer in ihren Augen. Langsam ließ sie Jennys Hände los. Im Augenblick empfand sie nichts anderes als kalte Wut auf einen toten Mann. Ihr war absolut schleierhaft, wie Corinna es durchgehalten hatte, schweigend zuzuhören, wie Michael Reuter ihre Tochter verprügelt und missbraucht hatte. Wäre es um ihre Tochter gegangen, sie hätte keine fünf Minuten den Mund halten können. Andererseits wusste sie nun auch, woher Jenny ihre Kraft hatte. Deswegen verstand sie allerdings noch weniger, dass sie sich von Michael Reuter so mies hatte behandeln lassen.

Katharina wusste bereits, was, sie für Jenny tun würde. Aber sie fragte sich, ob Corinna wusste, wie viel mehr emotional für Jenny getan werden musste. Beide, Mutter und Tochter, hatten eine Menge mitgemacht. Aber sie würden noch mehr durchmachen müssen, ehe diese Sache vorüber war. Sie erinnerte sich daran, dass sie nur der berufliche Aspekt der Angelegenheit interessieren durfte. Nichts anderes. Sie musste emotional unbeteiligt bleiben, um wachsam und effektiv zu sein.

Aber sie war es nicht.

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JENNY, EIN PAAR DINGE muss ich noch geklärt haben“, sagte Katharina. „Vielleicht sind sie wichtig, vielleicht auch nicht. Würden Sie diese Details bitte mit mir durchgehen?“

„Ja.“ Ihr mürrischer Ton hatte sich verloren.

„Um wie viel Uhr haben Sie das Haus verlassen?“

„Ungefähr Viertel nach zehn.“

„Beschreiben Sie, was Sie taten.“

„Ich nahm mir den Schlüssel von meinem Motorroller und ...“

„Wo befand er sich?“

„Wo er immer ist. An dem Schlüsselboard neben der Haustür.“

„Hatten Sie keine Angst, dass Ihre Mutter von dem Geräusch des Motors wach werden könnte?“

„Nein, ich habe den Roller aus der Garage geholt und einige Meter die Straße entlang geschoben. Erst dann ließ ich den Motor an.“

„Und was haben Sie danach gemacht?“

„Ich bin zum See gefahren. Da gibt es eine kleine Lichtung. Dort haben wir immer geparkt – Michael und ich.“

Sie sagten, Ihr Roller sei unterwegs stehengeblieben.“

„Ja.“

„Wo?“

„Ungefähr einen Kilometer vor der Abfahrt zum See.“

„Und dann?“

„Ich versuchte mehrmals, den Motor wieder zu starten, aber es funktionierte nicht. Dann kam ein Lastwagen, hielt an und dieser Typ stieg aus.“

„Welcher Typ?“

„Irgendein Typ. Seinen Namen hat er mir nicht genannt. Er kam herüber und bot mir an, zu helfen. Ich hatte nichts dagegen. Ich verstehe nichts von Motoren.“

„Was sagte dieser Mann, während er Ihnen half?“

„Gar nichts. Er summte vor sich hin. Er war in Ordnung. Die meisten Erwachsenen hätten mir Vorwürfe gemacht oder gefragt, was ich nachts allein dort suchen würde.“

„Können Sie diesen Mann beschreiben?“

„Er war etwas größer als ich. Ein wenig untersetzt. Sein Haar war dunkel.“

„Was trug er?“

„Jeans, schwarze Jacke und Stiefel, glaube ich.“

„Alter?“

„Sehr alt. Mindestens dreißig.“

„In welcher Richtung fuhr er?“

„Westlich. Genau wie ich.“

Details

Seiten
140
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738919516
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v423668
Schlagworte
katharina ledermacher schuld händen

Autor

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Titel: Katharina Ledermacher - Die Schuld an meinen Händen