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Die Raumflotte von Axarabor #9: Phillis von den Sternen

2018 80 Seiten
Reihe: Axarabor

Leseprobe

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Phillis von den Sternen

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Die Raumflotte von Axarabor -  Band 9

von Wilfried A. Hary

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ZEHNTAUSEND JAHRE SIND seit den ersten Schritten der Menschheit ins All vergangen. In vielen aufeinanderfolgenden Expansionswellen haben die Menschen den Kosmos besiedelt. Die Erde ist inzwischen nichts weiter als eine Legende. Die neue Hauptwelt der Menschheit ist Axarabor, das Zentrum eines ausgedehnten Sternenreichs und Sitz der Regierung des Gewählten Hochadmirals. Aber von vielen Siedlern und Raumfahrern vergangener Expansionswellen hat man nie wieder etwas gehört. Sie sind in der Unendlichkeit der Raumzeit verschollen. Manche errichteten eigene Zivilisationen, andere gerieten unter die Herrschaft von Aliens oder strandeten im Nichts. Die Raumflotte von Axarabor hat die Aufgabe, diese versprengten Zweige der menschlichen Zivilisation zu finden - und die Menschheit vor den tödlichen Bedrohungen zu schützen, auf die die Verschollenen gestoßen sind.

Sie nennt sich Phillis von den Sternen und hat eine extrem bewegte Vergangenheit hinter sich gebrach. Niemand kennt diese Vergangenheit, und Phillis tut alles, um zu verschweigen, wie es zu alledem überhaupt kommen konnte.

Bis sie genau von dieser Vergangenheit gnadenlos eingeholt wird, im Hier und Heute...

Cover: 3000AD/123rf/Steve Mayer

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© Serienidee Alfred Bekker und Marten Munsonius

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Asil Tormas war kein typisches Kind, obwohl in relativ bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen. Ihre Eltern waren Farmer auf der Kolonialwelt EXFONIMA.

Natürlich hatte die Bewirtschaftung der Felder in jener Zeit ihre Besonderheiten. Die eigentliche Arbeit wurde nämlich von mehr oder weniger automatisierten Systemen erledigt, die so konstruiert waren, dass sie den Boden möglichst schonend bestellten.

Insofern war ein Farmer in erster Linie ein Mechaniker und Elektroniker, um nicht zu sagen ein Informatiker, der ständig damit beschäftigt war, die Systeme zu warten und dafür zu sorgen, dass sie repariert wurden.

Da ein Farmer nicht gerade das große Geld verdiente mit seiner Arbeit, tat er gut daran, selbst in der Lage zu sein, auch kompliziertere Reparaturen durchzuführen. Wer dafür externe Spezialisten bemühen musste, nagte ziemlich schnell am Hungertuch.

Was für ein Glück für die Familie, dass ausgerechnet ihre einzige Tochter ein technisches Genie zu sein schien, schon im Krabbelalter. Alles, was blitzte und blinkte, zog sie wie magisch an. Spielzeug benutzte sie nicht etwa zum Spielen, sondern nahm es erst einmal auseinander, um genau zu studieren, wie es eigentlich funktionierte.

Bereits nach den ersten Gehversuchen, noch bevor die kleine Asil Tormas die ersten ganzen Sätze sprechen konnte, nahm Vater Borat sie probehalber einmal mit auf Wartungstour. Ganz zum Leidwesen seiner Frau Somil, die für ihr „Baby“ gleich das Schlimmste befürchtete und einfach nicht einsehen wollte, dass ein so kleines Kind bereits eine Affinität zu kompliziertester Technik haben sollte, von der sogar sie nicht das Geringste begriff.

Deshalb war ja auch Mutter Somil für das Kaufmännische des Betriebes zuständig und Vater Borat eben für das Technische.

Eine der Erntemaschinen zeigte Fehlfunktionen. Vater Borat hatte sie ausmustern müssen, was natürlich mit Verlust verbunden war. Wenn er es nicht schaffte, sie so bald wie möglich wieder einzusetzen, kam er nicht umhin, einen Spezialisten anzufordern, der sündhaft teuer war. Zwar günstiger als eine Neuanschaffung, aber es würde das Jahresbudget der Farm erheblich belasten.

Das Experiment begann. Vater Borat zeigte seiner kleinen Tochter, die sich mit tapsigen Kleinkinderschritten aber bereits mit feucht glänzenden Augen und einem glücklichen Lächeln im Gesicht der Maschine näherte, welches Teil seiner Meinung nach für den Fehler verantwortlich war.

Asil patschte mit ihren kleinen Händchen auf dem Metall der Verkleidung herum, ganz wie man es von einem Kleinkind erwartete. Es sah eben tapsig aus. Mutter Somil hätte bei dieser Szene höchstens befürchtet, die Kleine könnte sich an irgendeiner scharfen Kante verletzen.

Vater Borat hingegen, der seine Tochter sehr genau beobachtet hatte, wenn diese Spielzeug in geradezu virtuoser Weise auseinander genommen und dann auch wieder richtig zusammengebaut hatte, wartete erst einmal geduldig ab.

Nichts weiter geschah. Vorerst. Außer dass aus dem scheinbar zufälligen Patschen mit den kleinen Händchen eine Art Streicheln wurde. Dann ging die Kleine ganz gezielt zum Werkzeugkasten und entnahm ihm einen elektrischen Schraubenzieher, der nun wirklich in keine Kinderhand gehörte.

Mit einer einzigen Ausnahme, wie Vater Borat fand: Die Kinderhände nämlich seiner kleinen Tochter!

Mutter Somil hätte ihm jetzt bittere Vorwürfe gemacht, weil sie der festen Überzeugung war, ihr Mann würde sich das alles nur einbilden, weil das doch überhaupt nicht sein könnte.

Beinahe wäre die Kleine gestolpert, aber sie konnte sich noch rechtzeitig fangen, um in der typischen tollpatschigen Art eines Kleinkindes endlich ihr Ziel zu erreichen. Während des Vorfalls hatte sie das kleine Werkzeug ganz fest in den Händchen behalten.

Nun setzte das Kind den elektrischen Schraubenzieher an und löste damit die Abdeckung.

Die Augen des Vaters weiteten sich unwillkürlich. Er hatte tatsächlich mit einigem gerechnet, aber nicht damit, dass die Kleine völlig ohne Anleitung genau wusste, wie die Abdeckung zu lösen war. Wohlgemerkt, ohne jemals zuvor eine solche Maschine überhaupt zu Gesicht bekommen zu haben. Geschweige denn, dass die Kleine wissen konnte, welche Funktion dieser Teil der Erntemaschine überhaupt hatte.

Konnte es denn wirklich sein, dass hier tatsächlich der Fehler lag? Er war davon zwar überzeugt gewesen, hatte den Fehler jedoch selbst nicht finden können. Irgendetwas mit der hochkomplizierten Elektronik halt. Soweit war er durchaus gekommen. Aber was? Jegliche Überprüfung hatte nur ergeben, alles sei in Ordnung. Was es definitiv nicht war jedoch!

Asil Tormas schaffte es nicht, die Abdeckung zu entfernen, nachdem sie geöffnet war. Sie war für das Kleinkind einfach zu groß und zu schwer. Vater Borat sprang rechtzeitig herbei und übernahm das.

Noch während er die Abdeckung vorsichtig auf dem Boden neben der Maschine ablegte, ließ er seine kleine Tochter nicht aus den Augen.

Wie, um alles in der Welt, schaffte die Kleine es, mit so tapsigen Händchen eine solche Arbeit durchzuführen?

Die Kleine behielt den elektrischen Schraubenzieher in den Händchen und begutachtete das Innere des fehlerhaften Teils.

Vater Borat warf nur einmal einen Blick beiseite, weil er sich davon überzeugen musste, dass kein Strom auf dem Gerät lag. Das hätte böse Folgen haben können für seine Tochter.

Nein, alles in Ordnung. Es würde der Kleinen nichts passieren können.

Einmal abgesehen von den vielen scharfen Kanten, die allein schon Mutter Somil in Panik gebracht hätten.

Jetzt hätte Vater Borat eigentlich die Kleine wegziehen müssen, aber er wusste schon, wie diese darauf reagieren würde. Ihr Geschrei würde wahrscheinlich bis zur Nachbarfarm zu hören sein.

Also blieb ihm nichts anderes übrig, als das Experiment weiter durchzuführen, immer bereit, einzugreifen, falls es erforderlich erschien.

Plötzlich lachte die Kleine, wie über einen besonderen Leckerbissen, die eine Oma vorbeibrachte, um dem Enkelkind eine Freude zu bereiten. Und dann schaltete sie den Schraubenzieher ein und steckte ihn mitten hinein in das Gewirr von Drähten, Verbindungen, Kondensatoren und alledem, woraus moderne Farmelektronik eben in ihrem subtilen Innern bestand.

Beinahe hätte Vater Borat erschrocken „Stopp!“ gerufen, denn das sah jetzt wirklich gefährlich aus, aber er war andererseits dermaßen entsetzt, dass er keinen Laut über die Lippen brachte. Er konnte auch nicht eingreifen, denn das Entsetzen nagelte ihn regelrecht auf die Stelle.

Denn die Kleine ließ den elektrischen Schraubenzieher dabei weiter kreisen, und dieses Ding hatte in dieser komplizierten Anordnung nun wirklich nichts zu suchen. Dachte Vater Borat zumindest. Aber kaum war das Werk vollendet, als die Kleine den Schraubenzieher wieder ausschaltete, ihn zurückzog und sich anschließend mit einem überaus glücklichen Lächeln an ihren verdatterten Vater wandte.

„Guddi, guddi!“, lallte die Kleine und reichte ihrem Vater den Schraubenzieher.

Der nahm ihn in die Hand, betrachtete ihn von allen Seiten und wagte es erst dann, einen Blick in das Innere des geöffneten Maschinenteils zu werfen. Ohne jedoch eine Veränderung erkennen zu können.

„Dad-da!“, forderte die Kleine und deutete mit ihrem rechten Ärmchen auf die Abdeckung.

Aha, er sollte diese wieder anbringen? Klar, seine Tochter schaffte das nicht. Die Abdeckung war für sie zu schwer.

Also gut!, dachte sich Vater Borat. Immerhin handelte es sich ja um ein Experiment. Selbst wenn die Kleine jetzt dem Teil gewissermaßen den Rest gegeben haben sollte, änderte das nichts. Es war dennoch richtig gewesen, das Experiment zu wagen. Dann war das Ergebnis halt dergestalt, dass die Kleine noch lange nicht so weit war, bereits Wartungsarbeiten durchführen zu können.

Also brachte Vater Borat die Verkleidung wieder an, sah zu, dass seine Tochter einen genügend großen Abstand einhielt zu der Maschine, und schaltete dann die Energie ein.

Er lauschte gebannt. Es war nichts Verdächtiges zu hören.

Er wagte einen Probelauf...

Nun, der Probelauf zeigte keinerlei Fehlfunktion. Aber das war noch lange kein Beweis dafür, dass es diese nicht mehr gab.

Mit hämmerndem Herzen programmierte er die Maschine auf Arbeit, fügte das Ziel hinzu und ließ sie dann los rollen. Sie würde jetzt selbständig das zu erntende Feld aufsuchen und sich an die Arbeit machen.

Ob das jetzt wirklich einwandfrei klappte im Gegensatz zu vorher, war leicht herauszufinden. Er musste nur einfach mitgehen und die Vorgehensweise genauestens beobachten.

Dafür nahm Vater Borat seine begeistert sich gebärende kleine Tochter auf den Arm und lief hinterher.

Immer wieder klatschte die Kleine in die Händchen und deutete auf die Maschine, um zu kreischen:

„Da! Da!“

Was wollte sie ihrem Vater damit sagen? Sollte das etwa heißen:

„Sieh mal, was ich gemacht habe! Jetzt funktioniert das Ding wieder! Bist du nicht stolz auf mich?“

Prompt traten dem wackeren Vater die Tränen in die Augen. Das rührte ihn dermaßen, dass er sie nicht mehr unterdrücken konnte.

Und jetzt zweifelte er keinen Augenblick mehr daran, dass seine Kleine die Maschine tatsächlich repariert hatte. Das war zwar eigentlich gänzlich unmöglich, genauer betrachtet, aber trotzdem war es geschehen.

Er wusste jetzt schon, dass er niemand etwas davon erzählen durfte. Weil jeder ihn für verrückt erklären würde, einschließlich seine eigene Frau.

Er legte sich schon zurecht, was er sagen würde daheim:

„Die Kleine ist einfach begeistert von Technik. Sie ist schon glücklich, wenn sie einfach nur mit dabei sein darf. Keine Sorge, ich passe natürlich auf, dass sie den Maschinen nicht zu nah kommt. Ich will ja nicht das geringste Risiko eingehen, nicht wahr?“

Eigentlich konnte eine Lüge gar nicht mehr größer sein, aber was blieb ihm anderes übrig?

Und dann war das Feld erreicht, und die Maschine machte sich ans Werk, als hätte sie noch niemals eine Fehlfunktion gehabt.

Leider war es unmöglich, seine Tochter zu fragen, was sie da überhaupt getan hatte, denn sie war noch lange nicht in der Lage, das mit ihrer arg eingeschränkten Kleinkindersprache auch nur anzudeuten.

Ihr Vater jedoch stand am Rand des Feldes und konnte sich gar nicht mehr satt sehen daran, wie einwandfrei die Erntemaschine wieder funktioniert. Dabei hielt er seine Tochter ganz fest, als wollte er sie niemals wieder los lassen.

Zwischendurch küsste er ihren Kopf mit dem noch ziemlich schütteren Haar. Irgendwie hatte die Kleine Probleme mit dem Haarwuchs. War das in diesem Alter noch normal?

Nun, man würde sehen. Sie war ja wirklich noch sehr klein, wenngleich ein technisches Genie, wie es das Universum kein weiteres mehr kannte.

Zumindest war Vater Borat davon hundertprozentig überzeugt, obwohl er der einzige war und möglichst auch bleiben sollte, der davon überhaupt wusste.

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Die Zeit verging, und die kleine Asil Tormas hielt sich viel lieber auf der Arbeit auf, gemeinsam mit ihrem Vater, als sonst irgendwo. Andere Kinder schienen ihr eher suspekt zu erscheinen.

Einmal musste Vater Borat sie mit Nachdruck davon abhalten, im kleinen Dorf einen liegengebliebenen Gleiter zu reparieren. Nicht auszudenken, was das für Folgen hätte haben können. Immerhin war sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal fünf Jahre alt gewesen.

Jetzt konnte sie zwar einwandfrei laufen, hatte endlich normal dichtes Haar auf dem Kopf, ganz in hellblond und mit leichten Löckchen, konnte natürlich auch in ganzen Sätzen sprechen, aber war nach wie vor nicht in der Lage, ihrem Vater zu erklären, wie sie das letztlich anstellte, wenn sie mal wieder eine ihrer spektakulären Reparaturen durchführte.

Vater Borat stand vor einem Rätsel. Nach wie vor. Als einziger Mensch im ganzen Universum, wie er wusste. Weil immer noch kein anderer auch nur ahnte, wozu seine kleine Tochter in der Lage war.

Nachts träumte Vater Borat schon davon, es würde heraus kommen, und die Wissenschaftler von Axarabor würden auftauchen, um seine kleine Tochter zu entführen, damit sie an ihr grausige Experimente vornehmen konnten.

Solche Träume häuften sich, und jedes Mal wachte er schweißgebadet und völlig durch den Wind neben seiner Frau Somil auf.

Immer dann, wenn seine Frau ihn dann nach seinen Alpträumen fragte, behauptete er, es hinge mit der Farm zusammen. Und seine Frau beruhigte ihn jedes Mal mit den Worten, sie würde schon in der richtigen Art und Weise die Geschäfte führen. Er könne ihr voll und ganz vertrauen.

Woraufhin er wiederum schwor, dass er nicht wirklich jemals an ihr gezweifelt hätte. Die Alpträume würden aber trotzdem kommen. Er könnte es sich ja selber nicht erklären, wovon sie rührten.

Es war ihm zwar anfangs gegen den Strich gegangen, solchermaßen seine Frau stets und ständig belügen zu müssen, aber mit der Zeit gewöhnte er sich daran. Und die Fähigkeiten seiner Tochter wurden im gleichen Maße spektakulärer, weshalb er ihr immer wieder eindringlich erklären musste, dass niemand etwas von diesen Fähigkeiten mitbekommen durfte.

Das war vor allem dann wichtig, als sie zur Schule kam. Das geschah für Farmerkinder erst mit sieben Jahren. Dann mussten sie in die nächste zentral gelegene Regionalhauptstadt.

Eine Tradition auf EXFONIMA, die schon seit Jahrtausenden bestand: Die Farmerkinder wurden zwei Jahre lang bei Gastfamilien untergebracht. Zumeist Familien, die eigene Kinder hatten, die schon größer waren und oft gar nicht mehr bei den Eltern wohnten. Aber auch Eheleute und Einzelpersonen, die sich einer speziellen Überprüfung unterziehen lassen mussten, ehe sie Farmerkinder aufnehmen durften.

In der Regel entstand in den beiden Pflichtschuljahren, in denen die Kinder dank Hypnounterstützung wirklich alles lernten, wofür man in der Vergangenheit zehn Jahre oder sogar mehr gebraucht hätte, eine enge Bindung zu den Gasteltern.

Als es dann so weit war für Asil Tormas, war das vor allem für Vater Borat ein sehr schlimmes Ereignis. Nur zu gern hätte er seine Tochter von der zentralen Regionalhauptstadt Torn Ilment fern gehalten, aber wenn er sich dermaßen gegen die gesetzlichen Vorgaben wandte, wurde alles nur noch schlimmer. Dann lief er Gefahr, dass ihnen die kleine Asil sogar entzogen wurde und in eines der Heime gesteckt wurde, bis man für sie Pflegeeltern fand. Und das auf Dauer und nicht nur für zwei Jahre, die irgendwie vorbeigehen würden.

Seine Tochter selbst freute sich allerdings auf die neue Erfahrung. Sie hatte noch nie eine Stadt gesehen, kannte lediglich das kleine Dörfchen, in dem die Farmer Besorgungen machten oder sich einfach nur untereinander austauschten.

Vater Borat wurde nicht müde, sie eindringlich davor zu warnen, anderen zu zeigen, wozu sie in der Lage war. Obwohl er seine Zweifel daran hatte, ob seine Tochter das wirklich für ganze zwei Jahre durchhalten konnte.

Die Eltern durften ihre Kinder nicht in die Stadt begleiten. Angeblich sollten die Kinder deshalb allein reisen, um Selbständigkeit zu üben. Was seine eigene Tochter betraf, hegte Vater Borat da enorme Zweifel, ob das wirklich das Richtige war. Vor allem wäre ihm sehr daran gelegen gewesen, die Gasteltern kennenzulernen, von denen er noch nicht einmal die Namen hatte in Erfahrung bringen können.

Seine Tochter sollte sich dort erst eingewöhnen die ersten Tage und durfte erst dann sich bei ihren leiblichen Eltern zurückmelden, um ihnen zu berichten, dass es ihr gut ging.

Vater Borat fühlte sich gefährlich nah an einem akuten Herzinfarkt. Er bemerkte gar nicht, dass es seiner Frau nicht besser erging, wenn auch aus anderen Gründen. Sie wusste ja gar nichts von den Fähigkeiten ihrer Tochter, was sie sowieso gar nicht hätte verstehen können, wie Vater Borat fand.

Die Kinder wurden von einer Betreuerin gesammelt. Es handelte sich nur um sieben dieses Mal.

War das ein Omen? Ja, das fragte sich Vater Borat. Sieben Kinder von sieben Jahren...

Er winkte zum Abschied, weil das jeder tat, und sah zu, wie seine Tochter mit den anderen, gefolgt von der Betreuerin für unterwegs, in die Schwebebahn stieg.

Kaum hatten sich die Zugänge geschlossen, erhob sich der Zug vom Boden, allerdings nur um einen halben Meter. Sichtbare Fenster gab es nicht. Zumindest nicht von außen sichtbar. Alle winkten weiter, obwohl sie ihre Kinder nicht mehr sehen konnten, wohl wissend, dass umgekehrt ihre Kinder sie von innen sahen.

Bis der Zug lautlos beschleunigte und gen Horizont verschwand.

Zu diesem Zeitpunkt blieb das Herz von Vater Borat stehen. Seine Rechte krallte sich in die linke Brustseite. Seine Nasenflügel zitterten, doch er war zu keinem Atemzug mehr fähig.

Eine gefühlte Ewigkeit lang ging das so, bis seine Frau aufmerksam wurde.

„Borat, um alles in der Welt...!“, entfuhr es ihr entsetzt.

Das konnte er hören, und irgendwie brachte ihn das ins Leben zurück.

Verwirrt schaute er sie an.

Er hatte in diesem Augenblick das überdeutliche Gefühl, seine kleine Tochter das letzte Mal in seinem Leben gesehen zu haben, ohne dass er sich dieses Gefühl erklären konnte.

Er nahm seine Frau fest in die Arme.

„Du – du zitterst ja wie Espenlaub!“, bemerkte sie verstört.

Seine Lippen mahlten, als wollte er etwas sagen, doch kein Laut verließ seinen Mund. Nein, er konnte das seiner Frau nicht antun. Er konnte ihr nicht sagen, dass ihre Tochter seiner Meinung nach niemals wieder zu ihnen zurückkehren würde...

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Die zentral gelegene Regionalhauptstadt war zu Ehren des größten Helden von EXFONIMA Torn Ilment benannt worden. Er hatte vor neuntausend Jahren die Welt EXFONIMA aus der größten bisherigen Krise geführt.

Hier war er damals geboren worden, zu einer Zeit, als EXFONIMA sich von Axarabor los gesagt hatte. Das hatte EXFONIMA in die größte wirtschaftliche Krise gestürzt.

Die Menschen waren regelrecht verhungert, wenn sie nicht den zahlreichen Seuchen zum Opfer gefallen waren, weil man sich keine Medikamente und erst recht keine Impfungen mehr leisten konnte. Denn diese mussten auf diesem Agrarplaneten importiert werden, aber keine der Handelswelten, die Mitglieder des Sternenreiches geblieben waren, belieferte mehr EXFONIMA. Außerdem blieben sie auf ihren Agrarprodukten sitzen, weil diese niemand mehr abnehmen wollte.

Sowieso gab es ja überall auf den Welten des Sternenreiches Nahrungsmittelfabriken, die fast jedes denkbare Nahrungsmittel künstlich herstellen konnten. Echte Agrarprodukte galten in diesem Raumsektor als Luxusgüter, die sich nur derjenige leisten konnte, der über die entsprechenden Mittel verfügte.

Und dann wuchs jener Torn Ilment heran, studierte Wirtschaftswissenschaften als Sohn einer der letzten reichen Familien von EXFONIMA und erkannte das fundamentale Problem seiner Welt: Der Planet EXFONIMA war und blieb außerstande, als freie Einzelwelt zu überleben.

Er gründete eine Partei und versuchte, seinen Mitmenschen von EXFONIMA klar zu machen, dass sie nicht nur außerstande waren, auf sich allein gestellt zu existieren, sondern vor allem, dass sie weitgehend schutzlos waren. Das, was sie als eigene Raumflotte besaßen, bestand aus einer „antiken Schrottsammlung“, so wörtlich. Selbst Raumpiraten hätten mit EXFONIMA nur allzu leichtes Spiel gehabt. Dass diese bislang noch nicht hier aufgetaucht waren, lag sicherlich nur daran, dass sich herumgesprochen hatte, wie arm sie inzwischen geworden waren.

Die Menschen sahen durch ihn einen ersten Hoffnungsschimmer, und so bekam er reichlich Zulauf. Am Ende wurde er sogar zum Präsidenten der Planetenregierung gewählt und konnte endlich das tun, was er seit Jahren schon propagiert hatte: Sich wieder der Regierung des Gewählten Hochadmirals von Axarabor anzunähern.

Nun könnte man annehmen, dass EXFONIMA inzwischen so tief gesunken war, dass man eigentlich mit allem einverstanden sein musste, was Axarabor an Bedingungen stellte. Weit gefehlt. Hier bewies Torn Ilment dermaßen großes Verhandlungsgeschick, um nicht zu sagen Verhandlungsgenie, zumal er sich ausschließlich persönlich bemühte und nicht etwa nur irgendeinen Minister vorschickte, dass er sämtliche Bedingungen mehr oder weniger aushebeln konnte.

Der Kompromiss, der nur ihm zu verdanken war, konnte sich innerhalb des Sternenreiches wahrlich sehen lassen: Seitdem wurde EXFONIMA ganz besonders geschützt von der Raumflotte von Axarabor - ohne seine Selbstständigkeit zu verlieren, wohlgemerkt!

EXFONIMA blieb eine freie Agrar- und Handelswelt innerhalb des Sternenreiches, mit einem ständigen Sitz in der Vollversammlung der Regierung von Axarabor! Niemand von außerhalb durfte jemals sich in die inneren Angelegenheiten des Planeten einmischen. Dies war und blieb ehernes Gesetz!

Etwas, was die kleine Asil Tormas bereits wusste, weil alle Eltern das ihren Kindern auf EXFONIMA beibrachten. Denn darauf waren sie ganz besonders stolz.

Dass nur die zentrale Regionalhauptstadt und nicht die Hauptstadt des Planeten selbst den Namen des größten Helden von EXFONIMA trug, war ebenso auf diesen zurückzuführen: Er hatte dies noch zu Lebzeiten ausdrücklich so verfügt. Jeder auf dieser Welt sollte wissen, wo seine eigentlichen Wurzeln gewesen waren.

So war natürlich jeder Mensch in und um der Stadt Torn Ilment ganz besonders stolz. Nicht nur Asil Tormas, die das so von ihren Eltern beigebracht bekommen hatte.

Mit frohem Gesichtsausdruck und glänzenden Augen schaute sie unterwegs aus dem Fenster und konnte sich kaum satt sehen an der vorbeihuschenden Landschaft. Es war ja ihre allererste Fahrt mit einer Schwebebahn. Dabei konnte sie es kaum erwarten, endlich die hohen Zinnen der Regionalhauptstadt zu entdecken. Obwohl dies bereits nach Minuten der Fall war.

Sie sprang unwillkürlich auf und drückte sich die Nase platt an der Sichtscheibe.

Diesen Anblick kannte sie lediglich von Bildern und von Filmen, und jetzt durfte sie die Stadt endlich in natura sehen.

Was würde sie dort alles erwarten?

Details

Seiten
80
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738919493
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (April)
Schlagworte
raumflotte axarabor phillis sternen

Autor

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Titel: Die Raumflotte von Axarabor #9: Phillis von den Sternen