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Saltillo #10: Die Texas-Herde

©2018 120 Seiten

Zusammenfassung

Saltillo, sein Freund Tortilla-Buck Mercer und die mexikanischen Vaqueros der Hazienda sind mit einer großen Texas-Herde nach Kalifornien unterwegs. Unterwegs bekommen sie jede Menge Ärger mit einer Bande zwielichtiger Halunken, die sich die Rinderherde unter den Nagel reißen wollen. Dafür ist ihnen jedes Mittel recht.
Die schöne Kitty Brennan und ihr Vater Sam schließen sich Saltillo und seinen Freunden auf dem Weg nach Kalifornien an. Aber in Wirklichkeit gehören sie zu denjenigen, die es auf die Herde abgesehen haben. Allerdings ahnen sie nicht, dass sich ein Mann wie Saltillo so schnell nicht einschüchtern lässt! Als er Brennans falsches Spiel aufdeckt, ist es fast schon zu spät. Aber Saltillo und seine Freunde wissen, wie man auch in ausweglosen Situationen kämpft!

Leseprobe

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SALTILLO

Band 10

Die Texas-Herde

Ein Western von John F. Beck

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IMPRESSUM

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Edward Borein

Redaktion und Korrektorat: Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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SALTILLO, SEIN FREUND Tortilla-Buck Mercer und die mexikanischen Vaqueros der Hazienda sind mit einer großen Texas-Herde nach Kalifornien unterwegs. Unterwegs bekommen sie jede Menge Ärger mit einer Bande zwielichtiger Halunken, die sich die Rinderherde unter den Nagel reißen wollen. Dafür ist ihnen jedes Mittel recht.

Die schöne Kitty Brennan und ihr Vater Sam schließen sich Saltillo und seinen Freunden auf dem Weg nach Kalifornien an. Aber in Wirklichkeit gehören sie zu denjenigen, die es auf die Herde abgesehen haben. Allerdings ahnen sie nicht, dass sich ein Mann wie Saltillo so schnell nicht einschüchtern lässt! Als er Brennans falsches Spiel aufdeckt, ist es fast schon zu spät. Aber Saltillo und seine Freunde wissen, wie man auch in ausweglosen Situationen kämpft!

Der Mann im Gebüsch umklammerte den langen,rasiermesserscharfen Daga, einen mexikanischen Dolch. Ahnungslos ritt der Herdenwächter heran. Er sang zu den Klängen der Gitarre, die vom feuerbeschienenen Küchenwagen herüberwehten. Dann und wann mischte sich heiseres Muhen in die Melodie.

Die Longhorns ruhten. Die Herde war eine schwarze, reglose Masse unter der Sternenkuppel. Einige Meilen entfernt schimmerten die Lichter von El Paso del Norte.

Als der Vaquero das Rascheln der Zweige hörte, war es schon zu spät. Mit einem Panthersprung landete der Angreifer hinter ihm auf dem Pferd.

Das Tier wieherte erschreckt. Das Herdenlied des Mexikaners verstummte. Eine Hand verschloss ihm den Mund. Gleichzeitig drang ihm der kalte, tödliche Stahl zwischen die Rippen. Lautlos stürzte er seitlich vom Pferd.

Ungerührt ergriff der Mörder die Zügel, kletterte in den Sattel und ließ den Daga unter seinem knielangen Umhang verschwinden. Dann stieß er einen leisen Pfiff aus. Wie auf ein geheimes Kommando tauchten schemenhafte Reitergestalten aus der Nacht auf. Die Hufe der Pferde waren mit Lappen umwickelt. Gewehr und Pistolenläufe glänzten matt.

»Es kann losgehen, Morenza«, raunte der Mörder auf dem Vaquero-Pferd. »Hast du die Sprengladung?«

»Da nimm!« Einer der Reiter drückte dem Poncho-Mann einen Gegenstand in die Hand. Silberne Zierknöpfe blinkten an seinem Charro-Anzug. »Sieh zu, dass du so nahe wie möglich ans Feuer rankommst. Wirf die Pulverflasche und dann nichts wie fort! Die Rinder laufen wie der Leibhaftige. Wir treiben sie auf kürzestem Weg nach Süden. Morgen früh sind wir schon weit auf mexikanischem Gebiet, übermorgen auf meinem Land. Sonst noch was, Ortiz?«

»Alles klar, Morenza. Saltillos Kuhtreiber werden bald in der Hölle schmoren. Vergiss nur die Pesos nicht, die du uns versprochen hast.«

Er lachte kehlig.

»Vergiss nicht zu singen, Ortiz«, riet Morenza dem Rustler.

*

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DER SCHEIN DES LAGERFEUERS zuckte auf den braunen Gesichtern der Mexikaner, mit denen Saltillo vor einer Woche die Hazienda am Rio Bravo verlassen hatte. Sie hatten die dreitausendköpfige Herde am Fluss entlang nach Norden getrieben und waren gut vorangekommen. Der eigentliche Trail sollte freilich erst hier in der Nähe von El Paso seinen Anfang nehmen.

Die alte spanische Stadt war der letzte größere Vorposten der Zivilisation auf dem Weg nach Westen. Drüben in Kalifornien war Gold gefunden worden. Städte und Camps schossen wie Pilze nach einem Gewitterregen aus dem Boden. Tausende von Menschen aus aller Welt strömten in diesem Jahr 1849 zu den Claims am Sacramento und American River.

Saltillo hatte sich entschlossen, auf seine Weise am großen Run teilzunehmen: mit dreitausend texanischen Longhorns für die Goldfelder am Sacramento.

Das bedeutete einen Trail durch Hunderte von Meilen wildes, unbesiedeltes Land. Ein Wagnis, das noch niemand eingegangen war. Doch die Reiter hatten begeistert zugestimmt. Die Rinder auf Saltillos Weiden hatten sich in den letzten Jahren rasch vermehrt, und die Digger am Sacramento würden jedes Pfund Frischfleisch in blankem Gold aufwiegen.

Für einige der Reiter würde es wohl kein Wiedersehen geben mit den Gefährten, die auf der Hazienda zurückgeblieben waren. Doch für diese Männer der Wildnis gehörte die Nähe des Todes zum Leben wie die Freiheit auf den Rücken ihrer halbwilden Pferde. Sie, die Vorläufer der späteren Cowboys, hätten dafür niemals die Sicherheit hinter Mauern und Zäunen eingetauscht.

Mit vierzehn Mann hatte Saltillo das große Treiben begonnen. Tortilla-Buck Mercer war ebenso dabei wie der kleine, mausgesichtige Koch Paco Perez. Da waren außerdem der stämmige Mateo mit dem Pockennarbengesicht, Alonso, der Einäugige, und Pedro, der Hüne, den alle nur El Toro nannten. Auch Joaquin mit dem Sichelbart und Modesto, der Mann mit dem unfehlbaren Wurfmesser, ritten mit. Und natürlich Antonio. Das jüngste Mitglied von Saltillos Crew wollte auch in der Wildnis westlich von El Paso nicht auf die geliebte Gitarre verzichten.

Sie schwieg jetzt. Die Blicke der Männer am Feuer hefteten sich auf Alonso. Der hagere Mexikaner mit der schwarzen Augenklappe hatte eine Hand erhoben und lauschte gespannt. Nur die Flammen knisterten. Das Lied des Wächters an der Südflanke der großen Herde war verstummt. Schwach drangen die Stimmen der beiden anderen, weiter entfernten Vaqueros über das nächtliche Grasland. Dann setzte auch der Gesang des dritten Reiters wieder ein. Er näherte sich. Mateo erhob und reckte sich.

»Das ist Felipe. Er kann’s wieder mal nicht erwarten, dass er abgelöst wird.«

Er strebte den Pferden zu.

»Warte, Amigo.« Die leise Stimme aus dem Schatten hielt Mateo zurück.

Saltillo schob sich am Planwagen vorbei, auf dem Pacos Kücheneinrichtung, der Proviant, Wasserfässer, Lederzeug und sonstige Ausrüstung verstaut waren. Der Haziendero war gerade aus der Stadt zurückgekommen. Buck war noch geblieben. Er wollte die letzte Nacht vor dem großen Aufbruch nach Westen in einem richtigen Bett verbringen. Nicht unbedingt allein, hatte er augenzwinkemd hinzugefügt.

Saltillos Blick war noch an die Dunkelheit gewöhnt. Er spähte dorthin, wo die verschwommenen Umrisse des vermeintlichen Herdenwächters aus der Nacht auf tauchten.

»Das ist nur Felipes Pferd«, raunte er. Seine Hand glitt zum schwerkalibrigen Whitneyville Walker Colt an der rechten Hüfte. »Die Stimme des Reiters klingt zu rau. Haltet euch bereit, Amigos. Bin gespannt, welchen neuen Dreh Morenza sich ausgedacht hat. Er will die Herde, obwohl ich sein lächerliches Angebot abgelehnt habe.«

Der Reiter war nur noch hundert Yard entfernt. Saltillo stand so, dass der Mann die Waffe nicht sah. Trotzdem hatte er bei Saltillos Auftauchen sofort den Schecken gezügelt. Geistesgegenwärtig griff Antonio wieder in die Saiten.

Da preschte die von einem Poncho umwallte Gestalt plötzlich auf sie zu. Der Sombrero rutschte nach hinten, und gleich darauf erfasste der Feuerschein ein fremdes, verkniffenes Gesicht. Der Reiter schwang einen dunklen Gegenstand. Die Vaqueros am Feuer schnellten hoch.

»Eine Sprengladung!«, schrie Alonso.

Saltillo zog. Er war noch schneller als der Einäugige, der am besten von allen Reitern der Hazienda mit dem Revolver umzugehen verstand. Die schwere Waffe lag wie hingegossen in seiner Faust. Dieses erste Modell eines Sechsschüssers war ein Geschenk von Colonel Hays, dem Kommandeur der Texas Rangers. Saltillo hatte nach der Beendigung des Krieges mit Mexiko einen gefährlichen Auftrag für ihn ausgeführt.

Im Aufbrüllen des Colts brach das Pferd auf der Vorhand ein. Der Rustler schrie auf. Er brachte noch die Füße aus den Bügeln, dann sauste er schon über den Pferdehals. Geschmeidig rollte er sich ab, war im nächsten Moment wieder auf den Beinen und holte, statt zu fliehen, abermals mit der Sprengladung aus.

Da schoss Saltillo erneut. Er stand aufrecht beim Wagen und hielt den Whitneyville Walker mit beiden ausgestreckten Händen. Die Kugel stieß den Angreifer mehrere Schritte zurück.

Dem Schuss antwortete ein vielfaches Echo von der Westflanke der Herde. Dort vermischte sich das Krachen eines Colts mit dem Peitschen mehrerer Pistolen.

Es trieb die Rinder in Panik. Das Brüllen und Stampfen verschluckte alle anderen Geräusche. Sofort geriet die gewaltige Masse der dreitausend halbwilden Texas-Longhorns in wogende Bewegung. Entsetzt schwang sich der kleine Koch auf den Bock des Küchenwagens.

»Sie brechen aus!«, schrie er. »Estam pida!«

Das war ein Schreckenswort für jeden mexikanischen Weidereiter. Jahre später übernahmen die Texascowboys es in ihren Sprachschatz. Sie machten »Stampede« daraus, ein Begriff, der seine unheilvolle Bedeutung behielt, solange es Treibherden und Rinder auf freier Weide gab.

»In die Sättel, Amigos!«, befahl Saltillo, und da ging es schon los. Die Erde bebte. Zwölftausend Hufe donnerten durch die sternenfahle Nacht.

*

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ES WAR EINE DUNKLE, alles niederwalzende Flut von Rinderleibern, die sich nur wenige Yards am Campfeuer vorbei nach Süden ergoss.

Rasch hatten die Vaqueros noch mehr Scheite und dürre Zweige in die Glut geworfen. Die hoch auflodernden Flammen lenkten die tödliche Woge am Camp und dem Küchenwagen vorbei.

Paco fuchtelte aufgeregt mit beiden Händen, als wollte er so die in Panik geratenen Longhorns aufhalten.

Diablito, der mächtige, tonnenschwere Leitstier, führte sie an. Mit tief gesenktem Schädel stürmte er der mexikanischen Grenze zu.

Tief auf den Pferdehals geduckt, preschte Saltillo an der Flanke der durchgehenden Herde entlang. Die zusammengerollte Reata lag in seiner Rechten.

Eine Pferdelänge hinter ihm galoppierte der drahtige Joaquin, der zweitbeste Mann mit dem Wurfseil auf der Hazienda. Mit dem roten Kopftuch und den funkelnden Ohrringen wirkte er wie ein Pirat.

Saltillo und die Vaqueros wussten, dass Rinder in Stampede schon achtzig Meilen weit gelaufen waren, bevor sie vor Erschöpfung zusammenbrachen. Es gab nur eine Möglichkeit, einen solchen Todeslauf zu verhindern: die Reiter mussten die Herde zum Abdrehen zwingen, bis der ganze Strom sich zum Kreis schloss, zur »Windmühle«, die schließlich langsam auslief.

Saltillo behielt auch jetzt die Übersicht.

»Joaquin, zu mir! Wir beide schnappen uns Diablito.«

Die Nacht hatte längst die Gefährten verschluckt. Die Gäule fegten dahin, als würden die Hufe den Boden nicht berühren. Die Spitze der Herde war noch mehrere hundert Yard voraus. Das Donnern der Hufe, von einzelnen Schüssen und Peitschengeknall durchdrungen, klang wie das Getöse einer Schlacht.

Saltillos sehnige, in abgewetztes Wildleder gekleidete Gestalt schien mit dem Pferd verwachsen. Das rabenschwarze Haar flatterte. Jetzt war er wieder jener Mann, der jahrelang unter den Comanchen, den besten Reitern des Kontinents, gelebt hatte. Seine Vaqueros standen ihm jedoch kaum nach. Das Lagerfeuer war nur mehr ein schwachroter Fleck weit hinter ihnen. Buschgruppen flogen vorbei. Jeder Strauch, der der Herde im Weg stand, wurde von unzähligen Hufen zu Staub zermalmt.

Plötzlich tauchten drei Reiter vor Saltillo auf.

»Bandidos, Patron!«, gellte Joaquins Warnung durch das Dröhnen, das die Nacht erfüllte. Schon blitzten Mündungsfeuer. Aber von den galoppierenden Pferden hatten die Angreifer höchstens die Chance eines Zufalltreffers.

Ihr Blei pfiff an dem Haziendero vorbei.

Saltillo jagte weiter, ohne das Tempo zu drosseln oder die Reata mit dem Colt zu vertauschen. Er dachte an Felipe, den Herdenwächter. Der hatte sein Pferd dem Kerl mit der Pulverflasche gewiss nicht freiwillig überlassen.

Joaquins Colt flammte schräg hinter ihm. Ein Angreifer warf die Arme hoch, stürzte aus dem Sattel und rollte unter die Hufe der vorbeibrausenden Herde.

Da war Saltillo schon zwischen den beiden anderen. Es waren Mexikaner. Er schlug einen von ihnen mit dem Reata-Stiel aus dem Sattel. Der zweite hob währenddem die doppelläufige Pistole. Doch Saltillos Brauner rammte das Pferd des Mannes. Reiter und Tier verschwanden in einer Staubwolke. Da galt Saltillos ganze Aufmerksamkeit schon wieder der Herde.

Nicht weit vor ihm galoppierte Diablito. Der riesige Longhombulle machte seinem Name alle Ehre: Er brauste wie ein Teufel dahin, taub für jeden Zuruf, unempfindlich gegen jeden Peitschenhieb. Ein Koloss mit mächtigen, geschwungenen Hörnern, die jedes Pferd und jeden Mann aufspießen mussten, wenn sie jetzt in seine Reichweite kamen.

Der Mond, der sich nun über die fernen Gipfel der Sierra hob, tauchte die wilde Jagd in ein gespenstisch bleiches Licht. Saltillo drehte sich halb im Sattel und winkte mit dem Wurfseil.

»Pack du ihn von dieser Seite, Joaquin. Ich versuch’s von drüben.«

Die Hauptmasse der Herde lief hinter ihnen als eine Wand von gesenkten, hörnerbewehrten Schädeln und wogenden Leibern. Wenn jetzt ein Pferd strauchelte, stürzte oder das Tempo nicht mehr mithielt, gab es keine Rettung.

Saltillo stieß dem Braunen die Fersen gegen die Flanken. Er trug mokassinähnliche Weichlederstiefel ohne Sporen. Trotzdem streckte der Braune sich willig. Saltillo ließ die Wurfschlinge kreisen, während er Diablito überholte. Auf der von Joaquin abgewandten Seite des Bullen fiel sein Pferd etwas zurück.

»Ahora, Amigo!«, brüllte Saltillo. Gleichzeitig ließen sie die Reatas fliegen. Es waren Meisterwürfe aus dem rasenden Galopp heraus.

Die Schlingen senkten sich über Diablitos ausladendes Hornpaar. Im selben Moment lenkte jeder der beiden wild dahinstiebenden Reiter das Pferd vom Bullen weg. Die Reatas strafften sich so heftig, dass es fast das Sattelhorn wegriss. Der ungeheure Schwung des Bullen drohte die Pferde umzuwerfen. Doch schon hatten Saltillo und Joaquin die Tiere wieder seinem Tempo angepasst.

Diablito brüllte zornig. Er bekam jedoch keine Gelegenheit, die Reiter anzugreifen. Die in blinder Panik befindliche Herde schob ihn vor sich her. Gut zweihundert Yard ließen die Männer ihn noch auf seinem ursprünglichen Kurs. Dann begannen sie ihn zunächst unmerklich nach Westen abzudrängen. Zwölftausend Hufe hämmerten hinterdrein. Der Boden war hier trocken. Eine dichte Staubwolke hüllte die Herde ein.

In diesem Staub tauchte nach einer Weile wieder der ferne Schimmer des Lagerfeuers auf. Die Gestalt eines Reiters schob sich davor. Saltillo, staub- und schweißverschmiert und fast völlig außer Atem, wollte schon zum Revolver greifen. Da erkannte er Mateo. Das Pockennarbengesicht des Mexikaners war ebenfalls mit einer mehligen Kruste überzogen. Keuchend lenkte er sein Pferd neben Saltillo.

»Wir haben Felipe gefunden, Patron - tot! Er war mein Freund. Wenn dieser Hundesohn Ramon Morenza hinter der Stampede steckt, reite ich keine Meile weiter nach Westen, bevor ich ihn nicht vor dem Colt hatte.«

Tortilla-Buck Mercer verließ die Cantina mit einem Brummschädel und der vagen Erinnerung an eine durchzechte Nacht, die in den Armen einer drallen Muchacha ihren Abschluss gefunden hatte. Die Sonne blendete ihn. Räder rumpelten vorbei, Maultierhufe stampften. Am liebsten hätte Buck sich die Ohren zugehalten.

Es dauerte eine Weile, bis er sich daran erinnerte, dass er den Pinto im Mietstall am Ende der Straße eingestellt hatte. Er tat vier unsichere Schritte in diese Richtung, wurde dabei von einem Passanten angerempelt und stolperte um ein Haar über die eiergefüllte Kiste neben dem Eingang einer Tienda.

Dann bemerkte er die Frau, und von dem Augenblick an war der bullige Kentuckier hellwach. Ruckartig blieb er mit seiner langläufigen Harpers Ferry-Rifle im Arm unter dem Vordach stehen.

Sie war jung und hübsch. Die Fülle ihres flammenden Haars schien weder von Bürste noch Kamm zu bändigen. Das grüne Sommerkleid betonte Rundungen, die Buck den Atem verschlagen hätten, wäre er nicht durch den Burschen abgelenkt worden, der nun der Lady den Weg vertrat und sie am Arm packte.

Das war ein knochiger Mexikaner mit einem Strohsombrero. Die buntgestreifte Serape, eine Decke, hing über der rechten Schulter. Handtellergroße Chihuahua-Sporen klirrten an den schmutzigen Stiefeln.

Er wandte Buck den Rücken zu. Ein Fetzen seines spöttischen Lachens im Holpern eines vorbeirollenden Karrens genügte, dass Bucks Fäuste zu kribbeln anfingen.

Mit einer heftigen Bewegung riss sich die rothaarige Schöne los. Die grünen Augen blitzten. Sie hielt einen Einkaufskorb zwischen sich und den aufdringlichen Kerl. Als sie an ihm vorbei wollte, bekam er erneut ihren Arm zu fassen. Keuchend wich sie an die weiß getünchte Lehmziegelwand zurück.

Da war Buck schon auf der Straße. Seine eiligen Schritte wirbelten den Staub auf. Er hatte den Hut in den Nacken geschoben. Die weizenblonde, von einzelnen Silberfäden durchzogene Mähne quoll darunter hervor.

»Scher’ dich zum Teufel, Flegel!«, fauchte die junge Frau gerade.

Der Mann mit der Serape lachte wieder. Es verging ihm, als Buck hinter ihm mit leiser, jedoch messerscharfen Stimme fragte:

»Hast du Dreck in den Ohren, du räudiger Kojote, dass du nicht hörst, wozu die Senorita dich auffordert?«

Der Kerl sauste wie von einer Hornisse gestochen herum. Wilde Augen funkelten in einem verkniffenen Gesicht.

Buck erkannte ihn sofort. Es war einer von Morenzas Männern. Er hatte ihn gestern zu Saltillos Herdencamp begleitet. Im selben Moment war Tortilla-Buck klar, dass die Begegnung kein Zufall war.

Er warf einen schnellen Blick auf die junge Frau. Sie verharrte an der Adobewand, die Augen geweitet. Leichte Blässe bedeckte ihr reizvolles Gesicht. Nein, sie hatte nichts mit den Kerlen zu tun, die nun wie Raubkatzen hinter den Gebäudeecken hervorglitten und Buck einkreisten. Diese Burschen hatten sie als ahnungslosen Köder benutzt. Niemand beachtete das Geschehen.

Der Mann mit der Serape grinste gehässig.

»Wenn du Streit suchst, Gringo, bitte - dazu ’ne kostenlose Tracht Prügel. Was meint ihr, Amigos?«

Sie waren nun zu viert. Lauernd kamen sie heran. Die Sporen rasselten. Zwei beobachtete Buck aus dem Augenwinkel. Einer war direkt hinter ihm. Ein bisschen viel für einen einzelnen Mann, fand Buck. Doch diese Burschen sollten ihn kennenlernen.

»Tut mir leid, Ma’am, dass mir keine Zeit bleibt, mich vorzustellen«, lächelte er die Frau mit blitzenden Zähnen an. »Ich hab das Gefühl, die Hombres mögen mich nicht.«

Er kam nicht mehr dazu, das Aufblitzen in ihren Augen richtig zu deuten. War es Staunen, Betroffenheit oder gar ein Anflug gespannter Erwartung? Nur diese glänzenden, meergrünen Augen würde Buck nicht so schnell vergessen.

Da sprang der Knochige ihn schon an.

Blitzschnell drehte Tortilla-Buck sich ab. Der mit Messingplättchen bedeckte Kolben seiner Rifle beschrieb gleichzeitig einen Halbkreis, der hinter dem linken Ohr des Angreifers abrupt endete. Damit war der Serape-Mann bereits außer Gefecht gesetzt. Der knöcheltiefe Staub der Seitenstraße dämpfte seine Bauchlandung.

Buck wirbelte herum, bremste den Eifer des nächsten Gegners mit der quergehaltenen Rifle und verpasste dem dritten einen Fußtritt, der ihn zwischen die an der Hauswand gestapelten Weidenkörbe warf.

Dann hing ihm der vierte Mexikaner im Genick. Buck schüttelte sich wie ein Grizzly, in dessen Fell sich ein Jagdhund festgebissen hat. Zwei der anderen stürzten nun mit geschwungenen Knütteln auf ihn los.

Buck bog sich heftig nach vom und schleuderte ihnen den eben noch auf seinem Rücken zappelnden Kumpan vor die Füße.

Einer fiel prompt, der zweite sprang zur Seite, schlug fluchend zu, erwischte jedoch statt Bucks Zottelkopf den Stahllauf von Bucks Gewehr.

Buck hielt die Rifle in der Linken. Er brauchte nur noch die geballte Rechte vorzubringen. Der Schläger rannte vom eigenen Schwung getrieben in den Schlag.

»Nun reißt euch mal zusammen, Compadres«, munterte Buck sie auf. »Ihr werdet euch doch vor der Senorita nicht blamieren?«

Sie wälzten sich am Boden wie nach einem Tornado.

Vielleicht waren es die unvergesslichen Jadeaugen der rothaarigen Schönen, vielleicht die Nachwirkung des zu reichlich genossenen Aguardiente, jedenfalls war Buck unvorsichtig genug, sich beifallheischend nach der Lady umzuwenden. Sie war tatsächlich noch da. Der Einkaufskorb lag zu ihren Füßen. Keuchend presste sie die Hände zusammen. Es war schon sehenswert, wie ihre Brüste, die sich deutlich unter dem grünen Kleid abzeichneten, heftig auf und ab wogten.

Nur entging Buck dabei der von zwei Pferden gezogene Wagen, der hinter ihm hielt.

Der Mexikaner auf der Fahrerbank, eine eben noch zusammengesunkene, in einen Poncho gehüllte Gestalt, hielt statt der Peitsche plötzlich eine langläufige Pistole.

Die Frau vor Buck öffnete den Mund zu einem Warnschrei. Da sprang der Wagenlenker schon herab und schlug mit der Pistole zu. Mit verdrehten Augen zeigte Tortilla-Buck noch sekundenlang das unverwüstliche Draufgängergrinsen. Dann brach er wie vom Blitz getroffen zusammen.

»Auf den Wagen mit ihm, ihr Tontos«, zischte der Pistolero. Gewandt schwang er sich wieder auf den Bock.

Der Staub hatte sich noch nicht völlig verzogen, als das Fuhrwerk weiterrumpelte.

Nur Bucks Gewehr lag noch im Staub.

Die rothaarige Frau stieg über den umgeworfenen Einkaufskorb und blickte nachdenklich hinter dem um die Ecke biegenden Wagen drein.

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ALS BUCK DIE STRAFFEN Stricke an seinen Gelenken spürte, reagierte er mit einer herzhaften Verwünschung. Sofort begann es in seinem Schädel wieder zu dröhnen. Vorsichtshalber wartete er eine Weile, ehe er die Augen öffnete. Schwache Helligkeit sickerte durch Ritzen im Dach.

Buck lag auf festgestampftem Lehm. Allerlei Gerümpel war um ihn verstreut, morsche Kisten, zerbrochene Fässer, ein Stapel leerer Säcke, doch nichts, womit er seine Fesseln loswerden konnte. Der Raum war fensterlos. Die Wände aus Adobeziegeln wirkten ausbruchsicher. Die Tür aus massiven Eichenbohlen war gewiss von außen verriegelt.

Buck hatte keine Ahnung, wo er sich befand - wahrscheinlich noch in der Stadt. Wenn sie ihn weiter fortgebracht hätten, wäre er bestimmt unterwegs zu sich gekommen. Es gab in El Paso genügend verwinkelte Gassen und einsame Hinterhöfe, wo ein Gringo auf Nimmerwiedersehen verschwinden konnte.

»Morenza, du Bastard«, knirschte Buck in ohnmächtigem Zorn. »Na warte, bis ich rauskomme und dich erwische!«

Doch die Aussichten dafür standen schlecht. Die Stricke an seinen Hand- und Fußgelenken hielten auch den Bärenkräften des blonden Kentuckiers stand. Alles, was Buck erzwang, waren ein Schweißausbruch und zusätzliche Kopfschmerzen. Es war heiß und stickig im Verlies. Die Sonne brannte auf das Dach. Staubteilchen tanzten in den Strahlen, die durch die Ritzen schlüpften. Buck lauschte. Ein Hüsteln und Räuspern drang herein. Er hatte ohnedies vermutet, dass sie einen Wachposten zurückgelassen hatten. Er wälzte sich auf die Seite.

»He, was ist das für ein Saftladen?«, legte er los. »Wo bleibt das Frühstück, verdammt noch mal? Bett und Lüftung lassen auch zu wünschen übrig. Schlaf nicht, du Faulpelz da draußen! Caramba, ist das eine Art, einen Gast zu behandeln?«

»Ich werde dich gleich behandeln, Großmaul, wenn du nicht die Luft anhältst«, schallte es wütend zurück. »Dann kannst du deine eigenen Zähne zum Frühstück schlucken. Hast du mich verstanden, Cabron?«

»Ich bin ja nicht taub«, antwortete Buck, während er bereits fieberhaft überlegte, wie er den Bewacher übertölpeln konnte. Zweifellos war der Kerl draußen allein.

»Morenza hat euch angestiftet. Er will die Herde, stimmt’s?«

Ein höhnisches Lachen antwortete. Wütend begann Buck erneut die Fesseln zu bearbeiten. Die Haut an seinen Handgelenken platzte auf, aber er spürte keinen Schmerz. Er dachte an Saltillo und die Männer bei der Herde, und er verwünschte sich dafür, dass er Morenzas Banditen so leicht in die Falle gegangen war.

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SALTILLO REICHTE PACO die Korbflasche zurück. Der kleine Koch hatte den kalten Tee darin mit einem Schuss Aguardiente gewürzt. Doch es war nicht allein dieser Drink, der Saltillo schlagartig die bleierne Schwere in seinen Gliedern vergessen ließ.

Aus zusammengekniffenen Augen blickte er den Reitern entgegen, denen die weiße Plane des Küchenwagens die Richtung durch den von den Rindern aufgewirbelten Staub wies. Peitschengeknall und heisere Rufe schallten von der Herde herüber. Mehrere Vaqueros trieben das letzte während der Stampede versprengte Rinderrudel heran.

Nun waren sie wieder vollzählig. Bis auf Felipe - und Tortilla-Buck. Paco hatte den Besuch ebenfalls bemerkt. Es waren drei Männer. Ihre Gestalten schälten sich jetzt deutlich aus dem davonziehenden Staub.

»Morenza!« Saltillos Koch spuckte den Namen wie ein Schimpfwort aus.

Der hochgewachsene, schlanke Mexikaner ritt mit demselben selbstgefälligen Lächeln ins Camp wie gestern, ehe er sich von Saltillo die Abfuhr geholt hatte. Die silbernen Zierknöpfe an dem dunklen Charro-Anzug funkelten. Sein Pferd war ein schneeweißes Araber-Vollblut. Allein der silberbeschlagene spanische Sattel war ein Vermögen wert.

Morenzas schlanke, ringgeschmückte Hände ruhten auf dem Sattelhorn. Es waren die Hände eines Mannes, der nie selbst Reata oder Brenneisen angefasst hatte. Er war ein Hidalgo, ein reinblütiger Nachkomme der Spanier, die einst dieses Land beherrschten. Zwei Tagesritte südlich der Grenze lag seine riesige Hazienda. Seine Leute redeten ihn mit »Don Ramon« an. In Saltillos Augen war er freilich eher ein skrupelloser Weidepirat, dessen bezahlte Killer Felipe Gutierez auf dem Gewissen hatten.

Morenza kam in Begleitung seines Leibwächters und seines Caporals Fernandez. Der Pistolero war ein sehniger, kaltäugiger Amerikaner. Einer von den neuen sechsschüssigen Whitneyville Walker Colts steckte in der Halfter seines Büffelledergurts. Sandfarbenes Haar lugte unter einem Texashut hervor. Er trug einfache Reitertracht. Das kantige Gesicht war ausdruckslos. Er hieß Greg Morrison. Morenza hatte ihn bereits gestern vorgestellt. Er selbst hatte kein Wort zur Unterhaltung beigesteuert. Saltillo spürte auch jetzt sofort wieder die Kälte und Gefährlichkeit, die dieser Mann verströmte.

Fernandez war genau das Gegenstück, ein kleiner, dicker Mexikaner mit verschlagenen Augen und Wulstlippen, zwischen denen ständig die Maisstrohzigarette klebte. Sein Gesicht spiegelte deutlich jede Empfindung. Jetzt musterte er Saltillo und die Vaqueros, die sich hinter ihm versammelten, mit einem halb bissigen, halb triumphierenden Grinsen.

Prompt griff Paco nach hinten und zog eine riesige Bratpfanne, die irgendwann mal von einer Gewehrkugel durchlöchert worden war, aus dem Wagen. Zwar war Paco für den Notfall ebenfalls mit einem Revolver ausgerüstet, aber im Nahkampf bevorzugte er seit langem dieses Monstrum von Pfanne als Schlaginstrument.

Zuletzt gesellte sich Mateo zur Gruppe der Vaqueros. Seine Rechte umkrampfte den Coltknauf. Er starrte nur Morenza an, der nun sechs Schritte vor dem Küchenwagen seinen Schimmel zügelte. Gleichzeitig setzte der Hufschlag der beiden anderen Pferde aus. Morenzas Blick war abschätzend. Das arrogante Lächeln grub sich noch deutlicher um seinen Mund, als kein Gruß ihn empfing. Ein schmales Bärtchen zierte seine Oberlippe.

»Ich hoffe, Sie haben sich nochmals alles gut überlegt, Saltillo. Mein Angebot gilt nach wie vor: Fünf Pesos pro Rind.«

Saltillo schüttelte den Kopf.

»Der Preis ist noch genauso lächerlich wie gestern. In Kalifornien bekomme ich mindestens dreißig Doppeladler für jedes Tier.«

»Kalifornien«, lächelte Morenza mit einer wegwerfenden Handbewegung, »liegt am anderen Ende der Welt. Sie schaffen Ihre Herde nie dorthin - dreißigtausend Rinder durch Wüste und Apachenland!«

»Wir werden mit der Wüste und den Apachen genauso fertig wie mit den Halunken, die vergangene Nacht einen meiner Vaqueros ermordet und die Herde in Stampede versetzt haben«, erwiderte der große, ledergekleidete Texaner hart.

Fernandez duckte sich. Morrison blickte gelangweilt in den Himmel. Theatralisch hob Morenza die ringgeschmückten Hände.

»Was sage ich! Daran sehen Sie doch, was Sie und Ihre Reiter erwartet, Saltillo. Fünf Pesos für jedes Longhorn sind doch besser ...«

Das Funkeln in Saltillos grauen Augen ließ ihn verstummen.

»Kommen Sie endlich zur Sache, Morenza. Sie sind doch nur hier, weil Sie nach dem missglückten Überfall, den ich Ihnen leider nicht beweisen kann, eine neue Schurkerei Vorhaben. Heraus damit!«

Es schien, als würde eine Maske vom glatten Gesicht des Don weggezogen. Die Augen funkelten. Ein verkniffener Zug spannte die Lippen. Er beugte sich im Sattel vor. Gleichzeitig umschloss die Rechte den silberbeschlagenen Knauf der Pistole, die in seiner Seidenschärpe steckte.

»Nun gut, Senor, ich hatte gehofft, wir kommen auch anders zum Geschäft. Doch Sie lassen mir keine Wahl: Sie werden Ihren Amigo, Buck Mercer, nur dann wiedersehen, wenn Sie mir die Herde überlassen. Der Kaufvertrag ist bereits ausgefertigt. Sie brauchen ihn nur noch zu quittieren, sobald ich die Rinder habe.«

Sein Vormann hatte ebenfalls die Waffe gepackt. Dicke Schweißtropfen perlten auf seiner Stirn. Nur Morrison trug weiter eine gleichgültige Miene zur Schau. Saltillos Vaqueros standen wie versteinert. Stille herrschte. Morenza richtete sich auf, ließ die Pistole los, und ein öliges Lächeln umspielte wieder seinen Mund.

»Ich nehme an, dass wir uns diesmal einigen, Saltillo.«

»Jetzt reicht’s!« Mateo trat mit dem Sechsschüsser in der schwieligen Faust einen Schritt vor. Er spuckte heftig aus. »Sieh dir das Grab dort drüben an. Da liegt mein Partner. Und nun fahr zur Hölle!«

Morrisons durchdringender Blick heftete sich auf ihn. Alle erkannten das Todesurteil darin. Doch der stämmige Vaquero hatte nur Augen für Morenza. Dessen Schultern waren leicht verkrampft, sonst verriet er keine Unsicherheit.

»Saltillo, erklären Sie diesem Narren, dass sein Schuss nicht nur mich, sondern auch ihn selbst tötet!«

Saltillos Fäuste waren geballt. Alles in ihm fieberte danach, sich auf diesen Schurken zu stürzen. Doch sein Bronzegesicht blieb unbewegt.

»Das weiß er selbst«, erwiderte er kehlig. »Und er kann sich außerdem darauf verlassen, dass Sie keine ruhige Stunde mehr bekommen werden, Morenza, wenn Sie auf die Erpressung nicht verzichten.«

»Drohen Sie mir nicht, wenn Ihrem blonden Gringo-Freund nichts zustoßen soll. Jeder Versuch, ihn zu befreien, ist aussichtslos.«

Er wartete, bis Mateo zähneknirschend die Waffe zurück in die Halfter schob. Nun sonnte sich auch der dicke Fernandez wieder in seinem Triumph.

Morrisons Blick blieb kalt und wachsam, als Morenza seine Forderung stellte: »Bringen Sie die Herde über die Grenze zur verlassenen Mission von Santa Barbara. Ich werde mit Ihrem Amigo dort sein. Doch ich warte nicht länger als bis morgen früh!«

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BUCK WAR IN SCHWEIß gebadet. Seine Handgelenke bluteten. Doch er rieb die auf den Rücken gefesselten Hände verbissen weiter gegen den rostigen Fassreifen, den er zwischen die Kisten geklemmt hatte. Langsam säbelte die schartige Kante eine Hanffaser nach der anderen durch. Buck keuchte. Er wusste nicht, wieviel Zeit verstrichen war, doch wenn sich Morenza schon auf dem Weg zur Herde befand, kam es auf jede Minute an. Der Posten vor der Tür war inzwischen abgelöst worden. Das bedeutete, dass sich mindestens zwei Bewacher in der Nähe seines Gefängnisses aufhielten.

Er gönnte sich eine Verschnaufpause.

Dann dauerte es nur noch Minuten, bis sich die Stricke von den wundgescheuerten Handgelenken lösten. Gleich darauf flog das Seil, mit dem seine Füße zusammengebunden waren, in eine Ecke.

Frei!

Buck erhob sich. Es wirkte schwerfällig. Doch wer ihn kannte, wusste, dass diese Schwerfälligkeit sich in Sekundenschnelle in pantherhafte Geschmeidigkeit verwandeln konnte. Bucks Augen hatten sich längst an das Zwielicht im Anbau gewöhnt. Es dauerte nicht lange, dann hatte er gefunden, was er suchte: Mit dem armlangen, zollstarken Brett, das er probeweise zum Schlag hob, baute er sich neben der versperrten Tür auf.

Räderknarren und Hufgetrappel drangen schwach herein. Irgendwo in der Nähe verlief also eine Straße. Vom Wächter war nichts zu hören. Das würde sich gleich ändern, hoffte Buck. Er holte tief Luft, damit seine Stimme auch den richtigen wütenden Löwenton besaß.

»He, du verlauster Affe da draußen. Nun langt’s mir aber. Wollt ihr Bastarde mich verschmachten lassen, he? Ich will was zu trinken, du Kojotensohn! Und wenn du jetzt nicht gleich deinen fetten Hintern hebst und deine Klauen wirfst, du fauler Pavian, dann fang ich zu schreien an, dass die halbe Stadt zusammenläuft!«

Buck grinste vor sich hin, als er das Scharren vor der Tür hörte. Etwas fiel dumpf zu Boden. Der Kentuckier war enttäuscht, als der Posten sich nicht meldete. Sein Vorgänger, der Buck die eigenen Zähne zum Frühstück versprochen hatte, wäre gewiss schon hereinspaziert. Doch so schnell warf Buck die Flinte nicht ins Korn.

»Du jämmerlicher Hundefloh!«, brüllte er. »Ich will ’nen Krug Wein, du räudige Ratte! Dazu ein paar knusprige Tortillas mit Speck und Chilis. Hast du mich verstanden, du Stinktier, oder muss ich erst ...«

Der Riegel knarrte, die Tür bewegte sich. Buck drückte sich an die Wand und hob das Brett. Doch der Posten blieb vorsichtig. Mit dem hereinflutenden Licht, das Buck zwang, die Augen halb zuzukneifen, tauchte erst einmal ein Gewehrlauf auf.

»Wenn Ihr Appetit so groß ist wie Ihr Vorrat an Schimpfworten, Mister, läuft jeder Koch vor Ihnen davon.«

Buck hatte schon alle Muskeln gespannt, um vorzuspringen und das Brett niedersausen zu lassen. Jetzt fiel es ihm beinahe aus den Händen. Es war nämlich eine Frau, die mit der Rifle die Tür nun vollends aufschob.

Und es war nicht irgendeine Frau, sondern die rothaarige Schöne von heute früh.

Buck vergaß glatt, dass er seine »Keule« noch immer drohend über dem Kopf hielt, als der Blick ihrer meergrünen Augen ihn traf. Ein Lächeln verzauberte ihr Gesicht.

»Da sind Sie ja, Mister. Keine Sorge, der Wächter schläft. Aber ich glaube fast, ich hätte mir die Mühe sparen können.« Es klang amüsiert. Dazu passte auch das Funkeln in ihren Augen.

»Nicht doch, Ma’am.« Rasch stellte Buck das Brett weg und schüttelte ein paar blonde Zotteln aus der Stirn. »Ich freu’ mich riesig, Sie wiederzusehen. Wie haben Sie das bloß geschafft?«

»Ich war neugierig. Sie hatten heute früh keine Zeit, sich vorzustellen. Doch ich wollte mich unbedingt für Ihren Beistand bedanken. Also bin ich dem Wagen, mit dem Sie abtransportiert wurden, heimlich gefolgt. Nun, da bin ich. Und das ist Ihr Gewehr.«

Sie reichte ihm die Harpers Ferry-Rifle. Bucks Herz hämmerte unwillkürlich noch einige Takte schneller, als sie dabei so nahe an ihn herankam, dass er den Duft ihres flammendroten Haares einatmete. Sie betrachtete ihn ohne Scheu. Er schätzte sie auf Mitte Zwanzig. Es gab einige feine Linien in ihrem ebenmäßigen Gesicht, die ihm verrieten, dass ihr Leben nicht stets in ruhigen Bahnen verlaufen war.

»Mein Name ist Buck Mercer, Ma’am. Meine Freunde nennen mich Tortilla-Buck.« Obwohl er es Paco, dem Koch der Hazienda, bis heute nicht verziehen hatte, dass er ihm diesen Kriegsnamen angehängt hatte, benutzte er ihn selbst längst mit größter Selbstverständlichkeit.

Das Lächeln der Rothaarigen verstärkte sich noch ein wenig.

»Kitty Brennan«, stellte sie sich vor. »Ich bin mit meinem Vater auf dem Weg nach Kalifornien. Sie wissen ja, Buck, das Gold spukt in allen Köpfen. Mein Vater hat sein halbes Leben davon geträumt, sich eines Tages als reicher Mann zur Ruhe zu setzen. Well, ich hab nichts dagegen, dass sich sein Traum erfüllt.«

Sie lachte dazu. Sie standen da, als hätten sie sich auf der Promenade zu einem Plauderstündchen getroffen. Sie trug noch dasselbe knapp sitzende grüne Kleid. Buck geriet abermals ins Grübeln, als sein Blick über den Ausschnitt glitt. Es fiel ihm nichts Besseres ein, als heiser zu murmeln: »Ihr Vater, Miss Kitty, macht sich gewiss schon Sorgen um Sie.«

Sie lachte.

»Da kennen Sie Old Sam Brennan schlecht, Buck. Er wartet draußen und passt auf, dass uns niemand stört.« Ihre Augen verdunkelten sich plötzlich. Sie waren an seinem sonnengebräunten Gesicht festgebrannt.

Sie bewegte sich nicht, als Buck seinen Arm um ihre Taille legte und sie an sich zog. Er wusste, das war die Frau, von der er sein Leben lang geträumt hatte. Ein Blick in die grünen Augen ließ die Erinnerung an alle Muchachas verblassen, für die er sich je begeistert hatte. Er, der Draufgänger, den sonst die Flittergirls umschwärmten wie die Motten das Licht, war plötzlich von einem unbekannten Aufruhr erfüllt. Mit jeder Faser spürte er die Wärme und Biegsamkeit ihres Körpers. Doch er zögerte. Jähe Unsicherheit befiel ihn, als er merkte, dass sie ihn zwar nicht wegschob, ihm aber auch nicht entgegenkam.

Hufschlag hallte plötzlich herein.

»Verdammt noch mal, Kitty, wo bleibst du mit dem Burschen?«, dröhnte eine raue Stimme.

Ein Schuss krachte. Ein Pferd wieherte schrill. Die raue Stimme fluchte. Hufe trommelten auf den Anbau zu.

Mit einem Satz war Tortilla-Buck an der Tür. Ein Reiter mit mehreren Tieren im Schlepp preschte über einen weitflächigen, von weißen Gebäuden umschlossenen Hof. Die Schmiedeeisenflügel eines bogenförmigen Tors standen weit offen. Eine zusammengesunkene Gestalt kauerte daneben; ein Mexikaner, der noch die Pistole hielt. Der Strohsombrero war ihm ins Gesicht gerutscht. Ein dunkler Fleck zeichnete sich auf seinem Leinenhemd ab.

Kitty schob sich geschmeidig neben den bulligen Kentuckier.

»Pass auf, Pa, da ist noch einer«, warnte sie und deutete auf das flache Dach eines nahen Gebäudes. Ein Mann in einem knallroten Hemd und einem Gewehr an der Schulter stand dort vor dem wolkenlosen Firmament.

Im Peitschen des Schusses riss Sam Brennan das Pferd zur Seite. Eine Sandfontäne spritzte neben ihm hoch.

Gleichzeitig flog Bucks »Betsy«, wie er seine Harpers Ferry-Rifle getauft hatte, empor. Ihr Krachen löschte den Nachhall des Gewehrs. Der Mann auf dem Dach stieß einen Schrei aus und verschwand.

»Nicht schlecht, Companero.« Brennans Lachen klang wie das Grollen eines bevorstehenden Vulkanausbruchs. »Sieh trotzdem zu, dass du in den Sattel kommst, wenn du deinen Prachtskalp behalten willst.«

Er warf Buck die Zügel seines Pintos zu. Seine Augen blitzten. Ein graumelierter Bart umrahmte sein derbliniges Gesicht. Brennan war ein Mann wie ein Baum, größer als Buck, doch mindestens ebenso massig.

Er hielt einen fünfschüssigen Paterson Colt. Die Waffe wirkte wie ein Spielzeug in seiner Pranke. Aus seiner rechten Jackentasche ragte eine Schnapsflasche. Die Staubwolke um ihn war von Whiskydunst geschwängert. Außer einem zweiten Pferd für seine hübsche Tochter führte er noch ein schwerbepacktes Maultier mit. Als er merkte, dass das lange Kleid Kitty behinderte, reichte er ihr das Bowiemesser.

»Ich kauf dir in San Franzisco zehn neue, mein Täubchen«, grölte er und jagte einen Schuss zum Tor, wo sekundenlang ein braunes Gesicht hinter dem Mauerpfosten hervorlugte.

Buck hielt den Atem an, als Kitty kurzentschlossen das Kleid bis zu den Oberschenkeln aufschlitzte und dann wie eine Indianerin in den Sattel sprang. Die schlanken, kräftigen Beine pressten sich an den Pferdeleib.

»Pass auf, Hombre, dass dir nicht die Augen aus dem Kopf fallen«, lachte Sam Brennan wild.

Seite an Seite galoppierten sie davon.

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MORENZA ZOG SEIN ARABER-Vollblut herum und erstarrte. Das siegesgewisse Lächeln erlosch.

Die drei Reiter waren noch eine halbe Meile entfernt, aber die bullige Gestalt des Kentuckiers war so unverkennbar wie die Tatsache, dass einer seiner Begleiter eine rothaarige Frau war.

Der dicke Fernandez verschluckte sich, hustete und schleuderte die halb gerauchte Zigarette fort. Morrison spannte sich unmerklich.

»Sieht fast so aus, als würde nun doch nichts aus unserem Geschäft, Morenza«, meinte Saltillo sarkastisch.

Ramon Morenza vergaß alle Manieren und fluchte böse.

»Wenn du deinem Caballo jetzt die Sporen gibt, du Lump, bist du ein toter Mann«, drohte Mateo scharf. »Ich hab noch nie ’nen Mann in den Rücken geschossen. Doch bei dir mach ich ’ne Ausnahme.«

Morenza duckte sich. Er wartete ein paar Sekunden, ehe er vorsichtig den Kopf drehte. Breitbeinig stand Mateo vor der Front der Vaqueros. Seine Rechte schwebte über dem Walnussholzgriff des schweren Sechsschüssers. Die Waffe steckte noch in der Halfter. Wie die anderen Vaqueros trug Mateo sie hoch an der Hüfte, damit sie ihn beim Reiten nicht behinderte. Saltillo schwieg. Nach den ungeschriebenen Gesetzen dieses Landes war es Mateos gutes Recht, Rechenschaft für Felipes Tod zu fordern.

Morenza blickte schnell auf Morrison. Sein Blick war nicht nur ein Signal, sondern der Befehl, gleichzeitig mit ihm zu ziehen und zu schießen. Morenza war sich seiner Sache so gewiss, dass er keine Zustimmung abwartete, herumschnellte und im selben Moment auch schon die Pistole hochschwang. Weder Saltillo noch die Mexikaner hatten ihm diese Schnelligkeit zugetraut.

Morenzas Schuss krachte, bevor der stämmige Weidereiter seinen Colt richtig aus dem Leder hatte.

Doch Morenza war eine Idee zu schnell. Der überhastete Schuss verfehlte den Vaquero und durchlöcherte El Toros Sombrero. Der Hüne, der schräg hinter Mateo stand, fluchte erschrocken. Eine zweite Chance bekam Morenza nicht. Mateos Kugel traf ihn zwischen die Augen.

Gleichzeitig mit ihm hatte Saltillo gezogen. Er hielt Morrison und den Caporal in Schach. Der Dicke zog die Hand vom Revolver, als hätte er sich am Stahl die Finger verbrannt. In seinem feisten, schweißglänzenden Gesicht zuckte es.

Morrison hatte sich nicht bewegt.

»Zum Teufel, worauf wartest du, Gringo?«, schrie Fernandez. »Schieß!«

Ein Glitzern war in Morrisons hellen Augen, als er zum ersten mal sprach. »Ich kämpfe nicht für eine verlorene Sache.«

Fernandez’ Kopf ruckte herum.

»Die Pest an deinen Hals, Gringo!«, zischte er. »Ich möchte bloß wissen, wofür Don Ramon dich bezahlte.«

»Jedenfalls nicht dafür, dass ich ihm in der Hölle Gesellschaft leiste«, erwiderte der Amerikaner kühl. Der Anflug eines Grinsens erschien auf seinen schmalen Lippen. »Aber weil du gerade von Bezahlung sprichst, Compadre: dein ehemaliger Jefe schuldet mir noch den Restlohn für diesen Monat.«

Er ignorierte Saltillos Colt, schwang sich aus dem Sattel und trat zu dem Toten.

Die Vaqueros waren harte Burschen, aber sie trauten ihren Augen nicht, als er sich bückte, Morenza umdrehte und mit flinken Händen seine Taschen durchwühlte. Gleich darauf richtete er sich mit mehreren zerknitterten Geldscheinen auf. Es waren amerikanische Dollars.

Fassungslos starrte Fernadez ihn an. Morrison ließ das Geld ungerührt in der Tasche verschwinden. Dann hefteten sich seine kalten Augen auf Saltillo.

»Du kannst die Kanone ruhig wegstecken, Mister. Für mich ist das hier ausgestanden.«

Das war ungefähr so, als wenn er behauptet hätte, dass er mit den Dollars Morenzas Begräbnis finanzieren wollte. Selten hatte Saltillo soviel Kaltschnäuzigkeit erlebt.

»Oder traust du mir nicht, Saltillo?«, fügte Morrison spöttisch hinzu. Der wusste genau, dass er damit ins Schwarze traf.

»Morenza hat dir vertraut. Dieser Fehler hat ihn das Leben gekostet, nicht wahr?«

Achselzuckend wandte sich der Pistolero seinem Pferd zu. Saltillo wies mit dem Whitneyville Walker Colt auf den Toten.

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (ePUB)
9783738919431
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (April)
Schlagworte
saltillo texas-herde
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Titel: Saltillo #10: Die Texas-Herde