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Tödliche Zwickmühle

©2018 200 Seiten

Zusammenfassung

Tödliche Zwickmühle
Krimi von von Thomas West

Der Umfang dieses Buchs entspricht 115 Taschenbuchseiten.

Als die Freundin des FBI-Agenten Trevellian entführt wird, muss er die Seiten wechseln, um ihr Leben zu retten. Ein Schwerverbrecher soll befreit werden, um weitere Straftaten begehen zu können. Trevellian muss bis an seine Grenzen gehen. Wird er seinen Diensteid gegenüber der Regierung brechen?

Leseprobe

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Tödliche Zwickmühle

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Krimi von von Thomas West

Der Umfang dieses Buchs entspricht 115 Taschenbuchseiten.

Als die Freundin des FBI-Agenten Trevellian entführt wird, muss er die Seiten wechseln, um ihr Leben zu retten. Ein Schwerverbrecher soll befreit werden, um weitere Straftaten begehen zu können. Trevellian muss bis an seine Grenzen gehen. Wird er seinen Diensteid gegenüber der Regierung brechen?

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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1

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Schneeflocken schwebten durch die Lichtkegel der Straßenlaternen. Weiße Decken auf den parkenden Wagen. Wie frierende Tiere kauerten sie in endloser Kolonne an den Straßenrändern. Winternacht in New York City. In Chelsea, um genauer zu sein.

Es war stiller als sonst. Als hätte sich das Nachtleben vor dem ersten Schnee verkrochen. Von Zeit zu Zeit drehte Joan den Zündschlüssel herum, bis die Armaturen aufleuchteten, und ließ dann die Scheibenwischer zwei, dreimal über die Frontscheibe schrammen.

Scheinwerfer näherten sich. Zum hundertsten Mal an diesem Abend. Joan duckte sich tiefer in den Sitz ihres schwarzen Dodges und presste das Nachtglas an die Augen. Der Wagen, der da heranrollte, verlangsamte. Joan griff nach dem Mikro des Funkgeräts.

»Ein roter Sportwagen«, sagte sie. »Halt dich bereit ...«

Ein heller werdender Lichtfleck schob sich durch den Vorhang aus tanzenden Schneeflocken.

»Er stoppt vor dem Haus.« In der Rechten das Nachtglas, in der Linken das Mikro, drückte sich Joan an die Beifahrertür.

Der Sportwagen rangierte in eine Parklücke ein. Seine Scheinwerfer erloschen.

»Das ist er«, flüsterte Joan. »Eindeutig, das ist er ...«

Sie spürte ihre Hände feucht werden. Statt zu tun, was zu tun war, starrte sie durch das Glas, obwohl nicht mehr viel zu sehen war: Die Frontseite des roten Sportwagens hinter dem Vorhang aus Schneeflocken, die Silhouetten zweier Menschen hinter der Windschutzscheibe im trüben Licht der Straßenbeleuchtung.

Die Beifahrertür öffnete sich.

»Es geht los!«, zischte Joan ...

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2

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»Armer G-man ...« Linda wand sich aus meiner Umarmung. »Bist ja halb verhungert.« Eine ziemlich stürmische Umarmung war es gewesen, ich gestehe es. »Das war die Vorspeise.« Sie drückte mich von sich weg und öffnete die Beifahrertür. »Den Hauptgang gibt’s oben.«

Im Licht der Straßenbeleuchtung sah ich das Lächeln auf ihrem hübschen Gesicht. Ein verheißungsvolles Lächeln.

»Wie sollte ich auch satt sein.« Ich zog den Zündschlüssel ab. »Sieben magere Tage liegen hinter mir!«

Wir kamen aus der East Village. Aus »McSorley’s Old Ale House«, genauer gesagt, der ältesten Kneipe Manhattans. Dort hatten wir Versöhnung gefeiert. Zum fünfzigsten oder hundertsten Mal schätzungsweise. Irgendwann hatte ich aufgehört zu zählen.

Seit einigen Monaten war ich jetzt schon mit Linda McCain zusammen. Ich hatte sie kennengelernt, als ich gegen eine rechtsradikale Gruppierung ermittelte, die sich »Elias Rangers« genannt hatte, und während dieses Falls hatte ich Linda auch das Leben gerettet.

Seither waren wir ein Paar.

Aber was für eins.

Ständig kam es zwischen uns zum Streit, und Linda trennte sich mehr oder weniger regelmäßig von mir. Schuld war mein Job. Sie selbst als Chefredakteurin des Lifestyle Magazins »Female« hatte ja schon wenig Freizeit, aber immer  oder zumindest sehr häufig, wenn wir mal einen Abend gemeinsam verbringen wollten, kam mir irgendein heißer Fall dazwischen, und ich musste aufbrechen, um mich irgendwelchen Ganoven oder Terroristen zu stellen.

Natürlich war Linda dann sauer. Und sie war eine sehr aufbrausende junge Lady, die ihre Gefühle häufig nicht unter Kontrolle hatte. Das war sowohl positiv, als auch negativ zu sehen.

Sehr häufig leider negativ, denn für meinen Job brachte sie wenig Verständnis auf.

Es hatte also mal wieder zwischen uns geknallt, und wieder hatte Linda erklärt, es wäre aus mit uns. Und wieder war ich es gewesen, der über seinen Schatten gesprungen war, und wir hatten uns ein weiteres Mal versöhnt.

»Eine Woche Fasten«, grummelte ich und grinste sie an. Beiläufig zog ich mein Handy aus der Halterung am Armaturenbrett. »Keine Umarmung, kein Kuss, kein Wort  und auch sonst nichts. Meine Hormone haben sich ganz schön angestaut ...«

»Selber schuld.« Ihr ausgestreckter Zeigefinger deutete auf mein Handy. »Das Ding bleibt im Auto, G-man!«

»Sorry, Linda.« Ich versenkte das Gerät in meinem Jackett. »Völlig ausgeschlossen.«

»Du begleitest nicht irgendeine Frau in ihr Apartment!« Jetzt schwebte ihr Zeigefinger drohend vor meinem Gesicht. Schneeflocken trieben durch die offene Beifahrertür in meinen Sportwagen. »Die Frau, die du liebst, hat dich in ihr Bett eingeladen – und sie kann dich ganz schnell wieder ausladen. Also weg mit dem Ding!« Sie öffnete das Handschuhfach. »Ich will′s nicht in meiner Wohnung sehen. Nicht mal ausgeschaltet!«

»Kommt nicht in Frage.« Ich stieg aus. »Der Mann, mit dem du dich heute Abend versöhnt hast, ist Polizist!«

Auf der Beifahrerseite sprang Linda aus dem Sportwagen.

»FBI-Agent! Staatsdiener!«, fuhr ich fort. »Ich kann nicht so tun, als wäre ich nicht erreichbar!«

Über das nasse Wagendach hinweg blitzte sie mich an. »Der Mann, mit dem ich mich heute Abend versöhnt habe, gehört in dieser Nacht weder dem FBI noch den Vereinigten Staaten, noch dem Big Apple, sondern mir!« Mit dem Zeigefinger stach sie sich gegen die Brust. »Mir ganz allein! Sonst pfeif′ ich auf ihn!«

Ich verdrehte die Augen und trommelte mit den Fingern auf das Wagendach. Ganz ruhig, Jesse, dachte ich, bleib ganz ruhig – ein Kompromiss ... Denk daran, was ihr heute Abend vereinbart habt ... Versuch, einen Kompromiss zu schließen.

»Pass auf, Linda – Fakt ist: Ich muss erreichbar sein!«

Sie knallte die Wagentür zu und stemmte die Fäuste in die Hüften. Schneeflocken senkten sich auf ihre blonde Löwenmähne. »Fakt ist auch: Ich will mit dir zusammen sein, und du willst mit mir zusammen sein.« Wie zum Schwur hob ich die Rechte. »Sollte ich heute Nacht zu irgendeinem Einsatz ausrücken müssen – ich halte das für unwahrscheinlich, aber nur mal angenommen – dann verspreche ich dir, dass ich mir übernächstes Wochenende frei nehme. Richtig Urlaub. Nur für dich.«

Ich fand mich gut. Ein besseres Versprechen wäre auch einem Kommunalpolitiker im Wahlkampf nicht eingefallen.

Doch Linda zeigte sich wenig beeindruckt. »Übernächstes Wochenende habe ich keine Zeit. Jetzt habe ich Zeit.«

Ich stieß die Fahrertür zu und drückte auf den Impulsgeber für die Zentralverriegelung. »Dann nächstes Wochenende, oder wie wäre es ...«

In der Außentasche meines Jacketts vibrierte mein Handy. Linda verschränkte die Arme vor der Brust. Das Licht der Straßenbeleuchtung reflektierte sich in ihren bernsteinfarbenen Augen. Eine Mischung aus Bitterkeit und Spott legte sich auf ihr schönes Gesicht.

Das Geräusch des Handys verlangte nach mir – aufdringlich und erbarmungslos.

Ich drehte mich um, lehnte mit dem Rücken gegen meinen Wagen, und zog das verflixte Ding aus der Tasche. »Trevellian!«

»Entschuldigen Sie die späte Störung, Mister Trevellian.« Eine Frauenstimme schnarrte mir ins Ohr. Sie klang angespannt. »Ich heiße Karen Spencer, wahrscheinlich kennen Sie mich nicht ...«

Der Name sagte mir wirklich nichts. »Worum geht’s denn, Ma’am?«

»Um den Szyszkowitz-Prozess. Ich hab eine Aussage zu machen.«

Szyszkowitz – der Name sagte mir etwas. Genug jedenfalls, um eine Batterie roter Lampen in meinen Hirnwindungen aufflammen zu lassen. Wir hatten den Waffenhändler polnischer Abstammung hinter Schloss und Riegel gebracht. Ein halbes Jahr war das her, vielleicht auch länger.

»Sie wissen doch, der Prozess gegen ihn wird morgen eröffnet ...«

»Ich weiß.« Während des morgendlichen Briefings beim Chef hatten wir über den Prozess gesprochen. Ein Team von uns sollte den Schwerverbrecher auf dem Weg von Rikers Island ins United States Courthouse eskortieren. Der Einsatz war für den Nachmittag des nächsten Tages geplant.

»Wenn Sie eine Aussage machen wollten, bin ich die falsche Adresse. Ich kann ihnen die Nummer des Staatsanwaltes geben.«

»Ich habe Angst, Mister Trevellian.« Die Stimme wurde hastiger. »Da steht ein Wagen am Straßenrand, unten vor meinem Haus. Schon seit dem frühen Abend. Ich glaube, ich werde beschattet ... O Gott diese Teufel werden mich doch nicht umbringen?«

»Ganz ruhig, Miss Spencer. Niemand wird Sie umbringen.«

Es war eine Phrase. Aus dem Umfeld der Bundesstaatsanwaltschaft wussten wir, dass die Anklage gegen Szyszkowitz nicht gerade auf stählernem Fundament stand. Monatelang hatte man händeringend nach Zeugen gesucht. Der US-Amerikaner polnischer Abstammung hatte mindestens acht Morde in Auftrag gegeben. Von den drei Zeugen, die sich schließlich bereit fanden, gegen ihn auszusagen, lebte nur noch einer. Und das trotz Polizeischutz.

Ich betätigte wieder die Zentralverriegelung. Schnee hatte sich auf meinem Jackett gesammelt, Wasser tropfte mir aus dem Haar. »Nennen Sie mir Ihre Adresse, damit ich Ihnen die Nummer des zuständigen Polizeireviers geben kann.«

Fast gleichzeitig ließen Linda und ich uns in die Sitze fallen. Mit schmollend geschürzten Lippen beäugte Linda die noch lichte Schneedecke auf der Frontscheibe.

»Zweiundfünfzig Prince Street ...« Gehetzt klang die Frauenstimme jetzt. »Bitte, Mister Trevellian – können Sie nicht persönlich bei mir vorbeikommen? Ich will meine Aussage loswerden, ich war dabei, als dieser Teufel zwei Morde in Auftrag gab. Bitte, Ihnen vertraue ich. Ich hab in der Zeitung gelesen, wie hartnäckig Sie ihn gejagt haben ...«

»Sie können die Aussage auch einem Beamten des Police Department machen. Der Richter wird ihm ...«

»Ich beschwöre Sie, Mister Trevellian! Ich bin wie gelähmt vor Angst! Wenn ich nicht Ihre Stimme aus der Sprechanlage höre, werde ich niemandem öffnen ...«

Ich gab auf. »Okay. Ich bin in fünfzehn Minuten bei Ihnen.«

Neben mir hörte ich Linda die Luft scharf durch die Nase einatmen.

»Sorry, Linda. Es wird nicht lange dauern.«

Sie stieg aus.

»Ich werde der Frau ein paar Minuten zuhören«, sagte ich beschwörend, »ihre Aussage notieren und ...«

Linda beugte sich zurück in den Wagen.

»Auf dem Weg in die Prince Street rufe ich das zuständige Polizeirevier an«, sagte ich. »Ich überlass den Cops die Frau und komm zu dir ...«

Linda blickte auf ihre Armbanduhr. »Es ist kurz vor Mitternacht.« Ihre raue Altstimme vibrierte vor Zorn und Enttäuschung. »Bis halb zwei gebe ich dir Zeit. Danach brauchst du nicht mehr bei mir klingeln. Und zwar nie wieder!«

Sie schlug die Wagentür zu und lief zum Eingang ihres Apartmenthauses.

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3

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Kein Lichtschein erhellte den Raum. Der Mann drückte sich gegen die Wand neben dem Fenster. Drei Stockwerke unter ihm die Reihen der parkenden Wagen. Schneeflocken glitzerten im Licht der Straßenbeleuchtung.

Sein kantiges Gesicht wirkte angespannt. Die Kaumuskulatur arbeitete. Das Herz in seinem breiten Brustkorb schlug schneller als sonst. Seine Hand um den Griff des schwarzen Geräts in der Tasche seines Trenchcoats schwitzte.

Wie festgewachsen stand er da. In einem Apartment, das nicht sein Apartment war. Sein konzentrierter Blick klebte an dem Sportwagen dort unter ihm. Anders als die meisten anderen Fahrzeuge bedeckte ihn noch keine geschlossene Decke.

»Nun mach schon«, murmelte der Mann. »Fahr endlich los ...«

Er sah den Sportwagen nur zur Hälfte. Die dem Bürgersteig zugewandte Seite des Wagens wurde vom Fenstersims verdeckt. Doch der Mann sah, was er sehen musste. Und er wusste, wer in dem Wagen saß. Und was der Fahrer des Sportwagens gerade tat, das wusste er auch.

Die Scheinwerfer des Sportwagens flammten auf. Er scherte aus der Parklücke.

»Endlich ...!«

Der Mann tastete sich durch den dunklen Raum. Bis seine Schuhspitze gegen etwas Festes, Hohles stießen. Er bückte sich, berührte die raue Oberfläche eines kofferartigen Behälters, glitt mit den Händen über dessen abgerundete Schmalseite und erwischte eines der Schnappschlösser.

Klack, klack! – nacheinander sprangen die Schlösser auf. Der Mann klappte den Deckel des ungewöhnlichen Behälters auf und lehnte ihn gegen eine Couch. Gegen eine Couch, die nicht seine Couch war.

Seine Hände tasteten den samtenen Stoff ab, mit dem der Behälter ausgeschlagen war. Bis sie das Bündel berührten. Zusammengerollte Lederhandschuhe. Der Mann wickelte sie auseinander. Etwas fiel klappernd in den Kasten.

Hastig streifte er sich die Handschuhe über.

In der Innentasche seines Trenchcoats vibrierte ein Handy. Er zog es heraus.

»Ja?«, flüsterte er.

»Er hat angebissen.«

»Gut. Ich verlass mich auf dich.«

Er steckte das Handy zurück in die Manteltasche. Seine Hände strichen über den Boden des Kastens, bis er das Ding tastete, das aus dem Handschuhbündel gefallen war. Lang und dünn war es, eine Spritze.

Er steckte sie in die rechte Manteltasche, holte eine kleine Stablampe aus der Innentasche und schaltete sie für eine Sekunde ein.

Umrisse von Möbeln, Bodenvasen, Zeitschriftenstapeln, Türrahmen und einem Schuhregal erschienen im Lichtstrahl. Für einen Augenblick nur, dann wieder Dunkelheit.

Behutsam setzte der Mann einen Fuß vor den anderen. Das Bild, das ihm das Licht seiner Lampe verschafft hatte, genügte zur Orientierung. Vorbei am niedrigen Holztisch, hindurch zwischen Zeitungsstapel und Vase, dann der Türrahmen, dann das Schuhregal, und daneben die Apartmenttür.

Dort blieb der Mann stehen und lauschte. Etwas summte draußen vor der Tür  der Lift. Das Summen verstummte, ein anderes Geräusch statt dessen: Die Aufzugtüren schoben sich auseinander. Schritte näherten sich ...

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4

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Das Spinnennetz war neu. Gestern jedenfalls spannte es sich noch nicht zwischen der Unterseite des schmalen, fast leeren Wandregals und der Wand des kleinen Raumes. Nicht nur das Netz, auch die Spinne konnte Herbert Cheyne deutlich erkennen, obwohl er neben der Metalltür des Raumes stand. Der Tür in den Zellentrakt. Also mindestens fünf Schritte entfernt von dem halb leeren Wandregal.

Herbert Cheyne – seine Verwandten und seine Freunde nannten ihn Herbie – hatte persönlich nichts gegen Spinnen. Aber er hatte etwas dagegen, wenn irgendwelche Leute ihre Arbeit nicht gründlich erledigten. Und ein Spinnennetz im Besucherraum war ja wohl der schlagendste Beweis dafür, dass die Leute von der Hausreinigung schlampig arbeiteten.

Herbie nahm sich vor, morgen ein ernstes Wort mit George Marshner zu sprechen. Georgie war für den Reinigungstrupp im Untersuchungstrakt von Rikers Island zuständig. Und Herbie, als einer von drei stellvertretenden Leitern der Wachmannschaft, hatte das Recht, ihn auf Fehler hinzuweisen. Weiß Gott, das hatte er.

Herbie versuchte, die Spinne und ihr Netz zu ignorieren. Über die Köpfe der beiden Männer am Besuchertisch hinweg betrachtete er das Muster des abbröckelnden Kalks neben der gegenüberliegenden Tür. Die Tür, durch die Besucher diesen Raum zu betreten pflegten.

Bald jedoch schweifte sein Blick zurück zur Spinne. Wie still sie da in ihrem Netz hing. Haben doch was Gefährliches, die Viecher, dachte Herbie. Lauern, bis irgend so ’ne arme Mücke oder ’ne Fliege kleben bleibt ...

Der Gedanke lenkte seine Aufmerksamkeit auf einen der beiden Männer am Besuchertisch. Auf den Kleinen mit dem schütteren Haarkranz. Er trug eine graue Strickjacke über blauem Hemd.

Herbie beachtete die beiden Männer kaum. Jedenfalls tat er so, als würde er sie nicht beachten. Ein guter Wachmann sollte wie Luft sein, wenn ein Gefangener sich im Besucherraum mit seinen Angehörigen traf. Oder mit seinem Anwalt, wie in diesem Fall.

Und Herbie beherrschte diese Kunst perfekt – die Kunst, nicht anwesend zu sein, obwohl er doch mit auf dem Rücken verschränkten Armen und gleichgültiger Miene neben der Tür zum Zellentrakt stand.

Natürlich bekam er jedes Wort mit, was an dem kahlen Tisch dort in der Mitte des Raums, vier Schritte von ihm entfernt, geredet wurde. Und er hatte gelernt, aus den Augenwinkeln wahrzunehmen, die Dinge zu beobachten, die sich am Rande seines Gesichtsfelds abspielten. So wie es die Indianer machten. Oder gemacht hatten. Auch diese Fähigkeit fand Herbie ziemlich gut an sich selbst.

Der Kleine mit dem schütteren Haarkranz zum Beispiel, also Szyszkowitz – der saß da, als hätte er eine Gesichtslähmung, als wäre er aus Gips: Er spielte nicht mit den Fingern, er wippte nicht mit den Füßen, er kaute nicht an der Unterlippe, er zuckte nicht mit Brauen und Mundwinkeln. Wie eine Gipsfigur, ganz im Ernst!

Nur manchmal, wenn der andere – sein Anwalt – sich über den Tisch beugte und seiner Stimme eine besonders eindringliche Färbung zu verleihen versuchte, deutete Szyszkowitz ein Nicken an. Und seine Lider schoben sich langsam über seine schmalen Augen. Und zwar ganz besonders langsam. So langsam, wie Herbie das schon bei Schildkröten oder Krokodilen gesehen hatte.

Ja, ja, solche Sachen fielen Herbie auf, während er die Muster des abgeblätterten Putzes zu studieren schien.

Oder der windige Bursche in seinem teuren Anzug – Niko Szyszkowitz’ Anwalt: Wie er sich hin und her bog, während er sprach, wie seine Arme in die Luft über seinen Kopf fuhren, als würde er die Worte dort fangen müssen, die er sagen wollte.

Außerdem hatte er mal wieder einen Schmiss im Gesicht, einen ziemlich blutigen sogar. Heute unter dem linken Nasenflügel. Herbie fragte sich, warum so ein Mann sich unbedingt nass rasieren musste. Natürlich – manche Frauen standen darauf. Aber wer es nicht konnte, sollte sich seiner Meinung nach einen anständigen Trockenrasierer zulegen.

Das waren so die Sachen, die Herbie durch den Kopf gingen, und die er beobachtete, wenn er Dienst im Besucherraum hatte. Abgesehen von Dreck, Schäden im Verputz und Spinnennetzen.

Die beiden Männer sprachen natürlich über den Prozess morgen. Über was sonst? Eigentlich sprach nur der Anwalt. Er schärfte Szyszkowitz ein, nur das Allernötigste zu sagen und alles ihm zu überlassen. Und er versicherte Szyszkowitz, dass er nichts zu befürchten hatte.

Herbie hoffte sehr, dass Szyszkowitz’ Anwalt – er hieß übrigens King, Roger King – sich in dieser Hinsicht täuschte. Der Wachmann selbst nämlich hielt den kleinen Mann mit dem Pokerface für einen gefährlichen Verbrecher. So harmlos er auch wirkte – Herbie traute ihm nicht für einen Cent über dem Weg. Und die Spinne, dort so reglos in ihrem Netz, wirkte sie nicht auch verdammt harmlos?

Vor Kurzem hatten sie hier auf Rikers Island dem Massenmörder Jon Bent die Giftspritze verpasst. Ein absolut skrupelloser Killer war das gewesen, und trotzdem hatte er in den Medien so überzeugend den geläuterten, bußwilligen Sünder gespielt, dass die Leute gegen die Vollstreckung des Todesurteils demonstriert hatten.

Hatte Bent jedoch nichts geholfen, und vielleicht würde man auch Szyszkowitz drankriegen, denn ein Unschuldslamm war der auch nicht.

Irgendwann erhob sich der Anwalt. »Bis morgen, Niko.«

Auch Szyszkowitz erhob sich. Beide reichten sich die Hände.

»Wir stehen das durch, Niko, glaub mir – wir stehen das durch.«

Szyszkowitz’ Lider rutschten über die Augäpfel, und er nickte, sonst keine Reaktion.

Herbie öffnete die Tür zum Zellentrakt, Szyszkowitz ging an ihm vorbei. Keines Blickes würdigte er den Wachmann.

Herbie fand das, gelinde gesagt, arrogant. Immerhin war das Treffen mit dem Anwalt nur durch eine Sondergenehmigung zustande gekommen. Unterredungen mit dem Anwalt kurz vor Mitternacht – wo gab′s denn so was?

Es ging durch ein Gittertor. Dahinter warteten Billy und Al, ebenfalls Vollzugsbeamte auf Rikers Island. Untergebene von Herbie.

»Gefangener Szyszkowitz nach Zelle zwo-eins-sieben.« Herbie sagte nicht »zweihundertsiebzehn«, er sagte »zwo-eins-sieben«. Die Formulierung war ihm wichtig. Irgendwie hatte er das Gefühl, dass sie Missverständnisse von vornherein ausschloss.

Die beiden Wächter flankierten den schmächtigen Szyszkowitz und fassten seine Arme. Sie führten ihn zu der vergitterten Schleuse dreißig Schritte weiter. Und durch sie hindurch in den Zellentrakt des Untersuchungsgefängnisses von Rikers Island. Und durch den Untersuchungstrakt über eine Stahltreppe hinauf in das zweite Obergeschoss zu Zelle 217.

Herbie folgte ihnen. Nicht, dass das zu seinen Pflichten gehört hätte. Aber wie gesagt: Er war einer der drei Stellvertreter des für diesen Trakt zuständigen Chefwachmanns. Und schon in seiner Zeit als Cop im Fünften Revier war er für seine Gewissenhaftigkeit bekannt gewesen. Beziehungsweise berüchtigt.

Jedenfalls verschaffte es ihm eine gewisse Befriedigung, als die Zellentür hinter Szyszkowitz ins Schloss fiel und Al den Schlüssel herumdrehte. Al Gysenbergh – ebenfalls ein ausrangierter Cop wie Herbie, nur war Al Sergeant, während Herbie als Lieutenant vom New York Police Department nach Rikers Island gewechselt hatte.

Herbie spähte durch die Klappe in die Zelle hinein. Szyszkowitz stand am Waschbecken und drückte Zahnpasta auf seine Zahnbürste.

»Mach das morgen, Szyszkowitz«, rief Herbert. »Wir drehen dir jetzt das Licht aus.«

Szyszkowitz begann sich die Zähne zu bürsten. Dabei schlenderte er langsam zur Zellentür. So nah, dass sein Gesicht schließlich Herbies Blickfeld ausfüllte. Er stocherte in seinem Mund herum und schien Herbie dabei gelangweilt anzuschauen. Herbie hatte den Eindruck, der Mann würde ihn fixieren.

Seine Augen waren von einem wässrigen Grau. Herbie hatte einen Großonkel in New Jersey drüben. Der trug ein Glasauge auf der linken Seite. Ebenfalls grau. Wesentlich lebendiger als dieses Glasauge sahen auch Szyszkowitz’ Augen nicht aus.

»Wie du meinst – dann musst du dir das Gebiss eben im Dunkeln schrubben.«

Unentwegt glotzten ihn die Glasaugen an. Herbie nahm sich vor, zu Hause im Lexikon nachzulesen, was Spinnen für Augen hatten. Er wusste es nicht.

»Und viel Glück morgen«, blaffte er gegen die Zellentür. »Hoffentlich brechen sie dir das Genick.«

Er knallte die Klappe zu.

Billy und Al sahen ihn an. Irgendwie ernst guckten die beiden.

Es war natürlich gegen die Vorschrift, zu einem Gefangenen zu sagen: »Hoffentlich brechen sie dir das Genick.« Und Herbie hatte das Gefühl, seine beiden Untergebenen würden ihn für diesen Satz insgeheim tadeln.

»Er hat die halbe Unterwelt unseres Landes mit Waffen versorgt. Killer, Mafia, Bankräuber, was weiß ich. Und er hat mindestens zehn Menschen auf dem Gewissen. Wahrscheinlich noch mehr. So einem sollte man ...« Er unterbrach sich.

»... die Giftspritze verpassen«, beendete Al den Satz. Er machte ein grimmiges Gesicht dabei.

Herbie nickte heftig. »Korrekt.«

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5

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Lustlos fummelte Linda ihren Apartmentschlüssel aus dem Lederbag. Sie war – untertrieben ausgedrückt – frustriert. Der Abend hatte gut angefangen, sehr gut sogar. Die Stunden im »McSorley’s Old Ale House« hatten mehr versprochen.

Ihre Zigarettenschachtel fiel aus dem Lederbag, als sie den Schlüsselbund herauszog. Sie bückte sich seufzend nach der Schachtel Benson & Hedges.

Was hast du erwartet?, fragte sie sich. Dass nun alles ganz anders wird? Dass er seinen Job vergisst, wenn er bei dir ist? Sie steckte die Schachtel in den Beutel und richtete sich auf. Wie naiv du manchmal bist ...

Sie steckte den Schlüssel ins Schloss und drehte ihn um. Er ist FBI-Agent, wann kapierst du das endlich? Die Tür sprang auf. Du weißt doch, was das bedeutet ... Erinnere dich an Dad. Müde schob sie sich aus dem Treppenhaus in ihr Apartment. Sie sind mit ihrem Job verheiratet – alle sind sie das! Und eines Tages stehen die Kollegen vor der Tür: »Wir haben eine schlimme Nachricht für Sie, Sie müssen jetzt ganz stark sein ...«

Lindas Hand tastete nach dem Lichtschalter. Gleichzeitig drückte sie die Tür hinter sich zu. Willst du das? Ganz ehrlich  willst du das noch einmal erleben, Linda-Mädchen? Das Licht flammte auf. Wie immer hängte sie als Erstes ihren Lederbag an die Garderobe.

Du willst Jesse, okay ... Sie knöpfte sich den Mantel auf. Du liebst ihn, okay ... Aber du kannst ihn nie ganz haben, niemals. Immer wirst du solche Abende erleben ...

Sie wollte sich den Mantel von der Schulter streifen  und stutzte. Ihr Blick fiel auf ein ungeheuer großes und fremdes Ding vor ihrer Couch – auf einen Kontrabass-Koffer. Der Deckel war aufgeklappt. Wie ein Sarg sah das Ding aus, wie ein mit grünem Samt ausgeschlagener Sarg.

Eisfinger schienen sich um Lindas Herz zu schließen und zuzudrücken.

Fünf, sechs Gedanken auf einmal schossen durch ihren Kopf: Das Telefon, Jesses Nummer, raus aus dem Apartment, schreien, sich umdrehen. Doch sie stand wie gelähmt und betrachtete das sargähnliche Ding vor ihrer Couch.

Etwas berührte sie im Nacken. Der Befehl »Sofort umdrehen!«, formte sich in ihrem Gehirn. Doch brennender Schmerz zuckte durch ihren Körper und fegte ihren Kopf völlig leer.

Sie stürzte neben das Schuhregal. Ein Gewitter tobte in ihrem Kopf, in ihren Gliedern.

Ein schwarzer Stiefel neben ihrem Gesicht. Sie krümmte sich. Der Saum eines Trenchcoats berührte sie. Sie wollte schreien. Ein Mann warf sich neben sie auf die Knie und packte ihr langes Haar.

Nur ein heiseres Röcheln drang aus ihrer Kehle. Ein schwarzes Ding tauchte in ihrem Blickfeld auf, ein Stromschocker. Der Mann bohrte ihr das Ding in die Halsbeuge.

Wieder zuckten brennende Blitze durch ihren Körper.

Sie krümmte sich zusammen, Panik überflutete ihr Bewusstsein, sie zitterte, ihre Arme und Beine zuckten unkontrolliert über den Teppichboden.

Der Mann kniete auf ihren Rücken. Er riss Mantel und Blusenärmel des rechten Armes herauf, er schnürte ihren Oberarm mit einer Krawatte ab, er schnippte den Plastikkonus von einer Spritze, er stach ihr eine Kanüle in die Armvene.

Linda stöhnte. Erbarmungslos presste der Mann ihren Kopf gegen den Boden. In Sekundenschnelle drückte er den Spritzenkolben nach unten. Eine gelbe, ölige Flüssigkeit verschwand in Lindas Vene.

Der Zipfel eines schwarzen Tuches bohrte sich aus dem Zentrum ihres Hirns in ihre Panik. Entfaltete sich und breitete sich finster und schwer über ihr Bewusstsein ...

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Die Scheibenwischer schrammten über die Frontscheibe meines Sportwagens. Der Schnee fiel dichter als noch vor einer Stunde, als wir »McSorley’s Old Ale House« verlassen hatten. Trotzdem drückte ich mächtig aufs Gas, als ich in Greenwich Village vom Washington Place auf den Broadway einbog und Richtung Downtown fuhr. Es war fünf Minuten nach Mitternacht. Ich wollte unter allen Umständen um ein Uhr, spätestens halb zwei, bei Linda klingeln.

Meine Stimmung war nicht die Beste. Es wäre sogar übertrieben zu sagen, sie sei mittelprächtig gewesen. Die Sache mit Linda setzte mir mächtig zu.

Vor einer Stunde noch hatte ich mich der Hoffnung hingegeben, wir könnten es doch noch schaffen. Wir hatten uns der Hoffnung hingegeben, und zack! Schon wieder hatte uns die Realität eingeholt.

Gegen Viertel nach zwölf passierte ich die Kreuzung West Houston Street, und kurz darauf bog ich nach rechts in die Prince Street ein.

Es war nicht unbedingt so, dass Linda weniger von ihrem Job beschlagnahmt wurde als ich, nur konnte sie sich ihre Zeit individueller einteilen. Linda McCain war Chefredakteurin eines Hochglanzmagazins für Frauen. »Female« hieß das edle Blatt – Lifestyle, Mode, Frauenthemen und Sex.

Jedes Mal, wenn der Redaktionsschluss ins Haus stand, war Linda zwei, drei Tage lang nicht für mich zu sprechen. Ansonsten konnte sie die Arbeit auch mal einen Nachmittag liegen lassen und musste dafür eben nachts ran. Wenn dagegen in der Federal Plaza die Alarmglocken schrillten, mussten wir augenblicklich ausrücken. Der Kampf gegen das Verbrechen duldet keinen Aufschub.

Es ließ sich praktisch nicht vermeiden, dass öfter mal ein Rendezvous, ein freies Wochenende oder gar ein Kurzurlaub platzte. Nichts, was eine anspruchsvolle Frau wie Linda McCain auf die Dauer tolerierte.

Hinzu kam, dass wir beide nicht gerade dazu neigten, uns einem Partner so ohne Weiteres anzupassen. Anders ausgedrückt: Jeder von uns hatte sich einen Geliebten ausgesucht, der mindestens so eigensinnig war, wie er selbst.

Das fing bei politischen Standpunkten an und hörte bei der Diskussion um die banalsten Dinge auf: In welches Kino gehen wir? Welches Theaterstück besuchen wir? Stellt man die Zahnbürste mit dem Stiel oder dem Bürstenteil nach unten in den Becher? Und so weiter, und so weiter ...

Nun gut – solche Dinge waren hinzukriegen. Man muss nun mal Kompromisse schließen. Aber mein Job? Der erlaubte keine Kompromisse. Der musste getan werden, und zwar gut getan werden.

Und dann  okay, ich geb′s zu: Ich gehöre zu den schwierigen Männern, die ihren Job mehr lieben als alles andere ...

Die Vierziger-Hausnummern schoben sich rechts an mir vorbei. Ich ging vom Gas. Dann die angegebene Adresse: 52 Prince Street. Auf beiden Straßenseiten lückenlose Parkkolonnen. Ich hielt in der zweiten Parkreihe, schaltete die Warnblinkanlage ein, und stieg aus.

Zwanzig nach zwölf verriet mir meine Armbanduhr. Ich war zuversichtlich, vor halb zwei wieder bei Linda zu sein. Viel zuversichtlicher jedenfalls als im Hinblick auf unsere gemeinsame Zukunft. Aber diese trüben Gedanken schob ich beiseite.

Ein Bewegungsmelder ließ das Licht über der Vortreppe eines alten Hauses aufflammen. Ich stieg die Stufen hinauf. Mein Finger glitt über die Namensschilder neben den Klingelknöpfen.

»K. Spencer«. Die Frau wohnte im dritten Obergeschoss. Ich klingelte und wartete.

Keine Stimme aus dem Lautsprecher der Gegensprechanlage. Noch einmal drückte ich den Knopf. Wieder nichts.

Als der Lautsprecher nach ein paar weiteren Versuchen immer noch stumm blieb, ging ich auf die Straße und sah hinauf zu den Fenstern des dritten Stockwerks. Drei auf der linken Seite des Hauses waren hell erleuchtet. Irgendjemand dort oben war also noch wach.

Zurück bei der Haustür drückte ich beide Klingelknöpfe, die ich dem dritten Obergeschoss zuordnete. Wieder musste ich warten, wieder klingelte ich mehrmals.

Bis sich eine verschlafene Stimme aus der Gegensprechanlage meldete. »Wer ist da?«

»FBI. Sind Sie Miss Spencer?«

»FBI? Miss Spencer? Sie können mich mal, Mann!«

Die sprichwörtliche Nettigkeit der Manhatties schlug mir in unerwartet heftiger Weise entgegen. Ich redete mit Engelszungen, musste mich dann aber mitten auf die Prince Street in den Schnee stellen und mit Dienstmarke und -ausweis wedeln, bevor der misstrauische Zeitgenosse dort oben endlich den Türöffner betätigte.

Ich stapfte die Treppen eines erst in jüngerer Zeit renovierten Treppenhauses hinauf. Eine ältere Lady empfing mich vor ihrer Apartmenttür im dritten Stock. Sie trug einen Morgenmantel von einem abscheulichen Grün und Lockenwickler.

Von meiner Tante in Harpers Village und aus alten Filmen wusste ich, dass reifere Damen auf diese Weise mitunter ihre Dauerwellen vor unruhigem Schlaf zu schützen pflegen.

Noch einmal wollte die Frau meine Dienstmarke sehen. »Die Spencer wohnt gegenüber.« Ihr Gesicht wurde um eine Spur freundlicher. Aber wirklich nur um eine Nuance. »Nichts für ungut, Mister FBI-Agent, aber ich dachte, Sie sind einer von den Kerlen.«

Ich ging zur Apartmenttür gegenüber. »Was für Kerle meinen Sie, Ma’am?« Auf den Knien spähte ich durch den unteren Türspalt. In dem Apartment brannte Licht. Natürlich – es war das Linke, die Lady gegenüber hatte ich aus dem Bett geworfen.

»Was für Kerle?« Sie stieß ein hämisches Lachen aus. Die Frau, die mich angerufen hatte, schien nicht besonders beliebt zu sein. »Na, die Kerle, von denen sich die Spencer ...« Sie unterbrach sich und winkte ab. »Ihre Kunden, Sie wissen schon ...«

Ich ahnte zumindest. »Wann haben Sie Miss Spencer zum letzten Mal gesehen?«

»Heute Nachmittag, glaub ich.«

Ich versuchte es noch einmal mit der Klingel. Nichts rührte sich hinter der Tür. Ich wäre überrascht gewesen, wenn es anders gewesen wäre. »Es brennt Licht im Apartment, aber Miss Spencer öffnet nicht!«

»Wahrscheinlich hat sie vergessen, es auszuschalten.«

Ich nickte langsam. Nachdenklich betrachtete ich die Tür. »Vor einer halben Stunde hat sie mich angerufen«, wandte ich mich wieder an die ältere Lady. »Ist seitdem jemand bei ihr gewesen?«

»Hören Sie mal, Mister FBI-Agent ...«

»Trevellian, Jesse Trevellian ...«

»... Mister Trevellian – ich hab Wichtigeres zu tun, als die Tür dieser ... zu beobachten. Bis um zwölf habe ich einen alten Spielfilm geguckt, dann hab ich meine Schlaftabletten genommen, und dann war ich sofort weg ...«

Ich hörte nicht mehr zu. Kann sein, dass mein Date bei Linda – spätestens zwei Uhr! – den Ausschlag gab. Jedenfalls trat ich neben die Lady im giftgrünen Gewand, um Anlauf zu nehmen. »Nicht erschrecken, Ma’am.«

Die Tür sprang schon beim ersten Versuch auf. Der Krach hallte durch das ganze Treppenhaus.

Die Frau hing auf einem Stuhl. Mit Händen und Füßen an Lehne und Stuhlbeine gefesselt. Jemand hatte ihr eine Plastiktüte über den Kopf gestülpt.

»Um Himmels willen ...!« Die Lady von nebenan stand im Türrahmen und presste sich die Handflächen gegen die Wangen. Aus großen Augen starrte sie die Tote am Esstisch an. »Um Himmels willen ... Ich hab’s immer gesagt ...« Sie versuchte, aus ihrer Fassungslosigkeit in Erklärungen zu flüchten. »Bei dem Lebenswandel ... Ich hab′s neulich erst wieder gedacht ...«

Ich zog mein Handy heraus und wählte die Nummer des Midtown-Reviers.

»Trevellian, FBI. Eine Tote in zweiundfünfzig Prince Street. Mord, wie es aussieht. Beeilt euch, und alarmiert die Kollegen vom Erkennungsdienst.«

Noch immer stand die Nachbarin an der Tür. Stimmen und Schritte hallten aus dem Treppenhaus. Mein Gewaltakt gegen die Tür hatte die Leute aus dem Schlaf gerissen.

»Nehmen Sie noch ein Schlafmittel, Ma’am.« Ich schob die Frau hinaus ins Treppenhaus. »Morgen wird die Polizei bei Ihnen klingeln, um ein paar Fragen an Sie zu stellen.« Ich drückte die Tür zu.

Um keine Spuren zu verwischen, verzichtete ich darauf, mir das Apartment 1 genauer anzusehen. Es war kurz nach halb eins. Bald hörte ich Sirenen draußen. Sie näherte sich rasch. Und kurz darauf laute Schritte im Treppenhaus.

Die Cops sperrten das Apartment ab. Dann kamen die Jungs von der Mordabteilung. Ich kannte die Detectives flüchtig. Natürlich wollten sie wissen, was ich bei der Toten zu suchen hatte, ob ich sie kannte und so weiter ...

Ich erzählte von dem Anruf, und sie waren zufrieden. Vorerst jedenfalls.

Ein halbes Dutzend Männer und Frauen vom Erkennungsdienst betraten nach und nach das Apartment. Unter ihnen Alexis Silas, Pathologe des Zentrallabors.

»Hi, Jesse!« Er schüttelte mir die Hand zur Begrüßung. »Warum treff′ ich dich immer in der Nähe von Leichen?«

»Muss irgendwie mit deinem Job zusammenhängen«, knurrte ich.

»Oder mit deinem.« Ich schielte auf meine Armbanduhr – fünf nach eins.

Alex – so nannten die meisten von uns Alexis Silas – stellte seine Arzttasche neben der Leiche ab. Er war fast zwei Meter groß und wog sicher weit über dreihundert Pfund. Ein Scherzbold in der Pathologie hatte ihm den Namen Doc Doubleman verpasst.

Blitzlicht zuckte durch den Raum. Ein Polizeifotograf schoss Bilder von der Leiche. Dann zog Alex der Toten die Tüte vom Kopf. Sie hatte langes blondes Haar und konnte nicht viel älter als dreißig sein. Ihr Gesicht war bläulich verfärbt.

»Kaum zu glauben.« Ich schüttelte den Kopf. »Vor einer Stunde noch hab ich mit ihr telefoniert ...« Ich wandte mich ab.

Die ständige Konfrontation mit dem Tod gehört zu den dunkelsten Seiten meines Jobs. Ich spreche nicht von dem Risiko, selbst dran glauben zu müssen, ich spreche von dem Tod der anderen, von unwiederbringlich ausgelöschtem Leben, dessen oft traurige Überbleibsel ich so oft zu sehen bekam.

Ich rief die Federal Plaza an. Der Chef selbst war am Apparat. Ich war nicht einmal überrascht, seine Stimme zu hören. Jonathan D. McKee nachts in der Zentrale – das war fast so selbstverständlich wie die Acht-Uhr-Nachrichten von CNN.

»Nanu, Jesse  ich dachte, Sie machen sich einen schönen Abend!«

»Hätte auch fast geklappt, Sir. Ein Anruf um Mitternacht hat mir einen Strich durch die Rechnung gemacht.« Ich berichtete, was vorgefallen war.

Wir sprachen nur das Nötigste miteinander. Danach wandte ich mich der Apartmenttür zu. »Ich geh dann mal!«, rief ich in ein erneutes Blitzlichtgewitter hinein.

Alex hob grüßend die Hand.

Auf der Treppe vor der Apartmenttür eine Nachbarschaftsversammlung. Die Leute, alle in Morgenmänteln, tuschelten miteinander. Die Lady von nebenan im Mittelpunkt.

Ich drängte mich durch die Menge. Vor dem Haus ebenfalls Gaffer aus der Nachbarschaft. Auch die Mediengeier hatten schon Stellung bezogen. Jemand fuchtelte mit einem Mikrofon vor meiner Nase herum. Ich ignorierte es. Ein Blick auf die Uhr  Viertel nach eins ...

Und dann die böse Überraschung: Mein Sportwagen war eingekesselt von Streifenwagen, Fahrzeugen der Spurensicherung, einem Leichenwagen und dem alten Volvo des Pathologen.

»Bullshit ...!«

Sage und schreibe zwanzig Minuten dauerte es, bis die Fahrer der einzelnen Autos endlich aufkreuzten und mir den Weg freimachten. Gegen Viertel vor zwei bog ich dann in den Broadway ein, und Schlag zwei hielt ich vor dem Haus in Greenwich Village, in dem Linda seit knapp einem halben Jahr wohnte.

Im Laufschritt hetzte ich die Vortreppe hinauf und klingelte. Nichts.

Ich konnte klingeln, so oft ich wollte, es blieb dabei, sie machte nicht auf.

Wohl ein Dutzend Mal versuchte ich es dann telefonisch. Sie überließ es ihrem Anrufbeantworter, mich abzuspeisen.

Fluchend stieg ich in den Sportwagen.

»Verdammter Dickschädel ...«

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7

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Undurchdringliche Finsternis. Und die Finsternis schaukelte hin und her.

Enge und Schmerzen, was sie da dich neben sich hörte.

Wo bin ich ...? Was ist mit mir ...?

Linda riss die Augen auf. Die Finsternis blieb.

Etwas glühte in Lindas Nacken und an ihrem Hals. Sie wollte die schmerzenden Stellen betasten. Ihre Hände stießen gegen eine harte Wand.

Sie wollte ihre Beine anziehen. Sie schienen in einem Schraubstock eingespannt zu sein.

Panik brandete durch ihren gepeinigten Körper und zerriss für Augenblick die Nebelwand, die dumpf und schwer in ihrem Hirn hing. Sie wollte schreien, aber ihre Kehle war wie zugeschnürt.

Nur ein krächzendes Stöhnen kam über ihre Lippen.

Warum ist es so finster ...?

Warum schwanke ich hin und her ...?

Die Luft drohte ihr wegzubleiben.

Warum ist es so eng ...?

Ich ersticke, ich ersticke ...

Ihr Bewusstsein drohte erneut in einen Abgrund zu stürzen. Sie stemmte sich mit aller verbliebenen Willenskraft dagegen.

Wie aus einem riesigen, stockdunklen Kuppelraum drangen Geräusche an ihr Ohr.

Rhythmische Schläge. Und immer dieses Schwanken ...

Details

Seiten
200
Jahr
2018
ISBN (ePUB)
9783738919400
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (Juli)
Schlagworte
tödliche zwickmühle

Autor

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Titel: Tödliche Zwickmühle