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Ein Fall für Bount Reiniger - Die Tote ohne Namen

2018 140 Seiten

Leseprobe

Bount Reiniger - Die Tote ohne Namen

Alfred Bekker

Published by Alfred Bekker, 2018.

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DIE TOTE OHNE NAMEN

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von Alfred Bekker

Der Umfang dieses Buchs entspricht 105 Taschenbuchseiten.

Im Kampf gegen das Verbrechen setzt der smarte Ermittler Bount Reiniger auf ungewöhnliche Methoden - hin und wieder aber auch auf die Schusskraft seiner Automatik.

Alfred Bekker ist ein bekannter Autor von Fantasy-Romanen, Krimis und Jugendbüchern. Neben seinen großen Bucherfolgen schrieb er zahlreiche Romane für Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton reloaded, Kommissar X, John Sinclair und Jessica Bannister. Er veröffentlichte auch unter den Namen Neal Chadwick, Henry Rohmer, Conny Walden, Sidney Gardner, Jonas Herlin, Adrian Leschek, John Devlin, Brian Carisi, Robert Gruber und Janet Farell.

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de 

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Ein heller Schrei durchschnitt die Stille.

Bount Reiniger sog die kalte Morgenluft in gleichmäßigen Zügen in sich hinein, während er in gemäßigtem Tempo seine morgendliche Jogging-Tour durch den New Yorker Central Park machte. Zur Rechten hatte er den sogenannten Pond, einen Teich, an dessen Ufern sich ein Vogelreservat befand. Das Gezwitscher bildete einen angenehmen Kontrast zu den Geräuschen, die den Moloch New York sonst beherrschten.

Eine friedliche, stille Oase in der pulsierenden Stadt - aber nicht an diesem Morgen...

Aus einiger Entfernung sah Reiniger drei Menschen auf sich zu laufen, zwei Männer und eine Frau. Aber das waren keineswegs Jogger, die zum Vergnügen oder wegen der Gesundheit liefen.

Die drei kamen sehr schnell näher. Die Frau schien auf der Flucht vor den beiden Männern zu sein, die ihr im Abstand weniger Meter auf den Fersen waren. Aber dieser Abstand wurde immer kleiner.

"Nein!"

Die Frau keuchte und sah sich verzweifelt um. Sie trug sportliche Kleidung. Ihr langes, schwarzes Haar flog wirr durch das feingeschnittene, bräunliche Gesicht, während ihre Verfolger sie fast erreicht hatten.

Dann stolperte sie, strauchelte und ging zu Boden. Die beiden Kerle beugten sich über sie und packten sie roh. Sie schnappte nach Luft und hatte nicht einmal mehr genug davon, um zu schreien. Die junge Frau war völlig ausgepowert. Ihre Versuche, sich doch noch loszureißen, wirkten kraftlos.

Dem eisernen Griff ihrer beiden Kontrahenten hätte sie wohl ohnehin auch nicht allzu viel entgegenzusetzen vermocht.

Indessen hatte Bount mit einen kleinen Spurt den Ort des Geschehens erreicht. Er wollte wissen, was hier gespielt wurde.

"Was machen Sie da?", fragte Bount an die beiden Männer gerichtet, die ihr Opfer inzwischen an den Armen empor gerissen und auf die Füße gestellt hatten. Sie zitterte und in ihren Augen stand nackte Angst. Als sie Bount sah, schien so etwas wie ein Hoffnungsfunke in ihnen aufzuglimmen.

Die beiden Männer trugen elegante Kleidung und machten einen gut trainierten Eindruck. Der eine hatte dunkle Haare und einen Oberlippenbart. Der andere war blond und blauäugig. Sein Gesicht wirkte grobschlächtig und brutal.

"Joggen Sie einfach weiter!", zischte der Dunkelhaarige. "Na los, verschwinden Sie schon."

"Nein!", rief die Frau, aber der Blonde verschloss ihr mit seiner großen Pranke den Mund.

"Dies ist eine Polizeiaktion und kein Schauspiel, Mister", behauptete der Dunkelhaarige frech. Aber das erschien Bount nicht besonders glaubwürdig.

"Das sieht eher nach etwas anderem aus", erwiderte er kühl.

"Glauben Sie, was Sie wollen!"

"Sie werden doch sicher Dienstausweise haben!"

Bount trat nahe an das Trio heran. Die beiden wechselten einen kurzen Blick miteinander. Es schien ihnen nicht zu gefallen, mit Bount an jemanden geraten zu sein, der sich nicht so leicht abwimmeln ließ.

Der Dunkelhaarige entblößte seine Zähne und knurrte: "Klar, haben wir Ausweise!" Er griff in die Innentasche und hatte in der nächsten Sekunde eine 8-Millimeter-Pistole in der Hand.

Bount hatte etwas in der Art erwartet. Sein Handkantenschlag kam daher blitzschnell und schleuderte dem Kerl die Waffe aus der Hand. Die nachfolgende Linke traf ihn mitten im ungedeckten Gesicht, ließ ihn rückwärts taumeln und zu Boden gehen. Er schien etwas benommen zu sein.

Die junge Frau nutzte ihre Chance und riss sich los. Sie hatte kaum noch Kraft, aber sie versuchte dennoch davonzulaufen. Sie strauchelte und fiel beinahe vor Schwäche hin. Wer mochte wissen, wie lange sie schon auf der Flucht war...

Ihre Bewegungen wirkten kraftlos und erschöpft, aber Ihr Widerstandswille war ungebrochen. Sie war fest entschlossen, alles auf eine Karte zu setzen.

Der Blonde legte Bount indessen mit einem gekonnten Judogriff auf die Matte und griff dann zum Schulterholster. Es verging nur der Bruchteil eines Augenblicks und Bount blickte in eine Pistolen-Mündung, die grell aufblitzte. Bount hatte sich jedoch bereits herumgerollt, als der Schuss in den Boden krachte. Ehe der Kerl zum zweiten Mal feuern konnte, schnellte Bount mit dem Fuß vor und fuhr seinem Gegner in die Kniekehle. Der Blonde verlor augenblicklich das Gleichgewicht.

Sein Schuss ging in die Wolken. Ehe er sich versah, war Bount dann über ihm, bog ihm den Waffenarm herum und entwand ihm die Pistole. Der Kerl atmete tief durch und erstarrte dann. Er war alles andere als begeistert davon, dass er nun in die Mündung seiner eigenen Waffe blicken musste.

"Mistkerl!", knurrte der Blonde, während Bount sich erhob.

Der Dunkelhaarige hatte sich nicht weiter um seinen Komplizen gekümmert, sondern seine Waffe aufgehoben und unverdrossen die Verfolgung der jungen Frau wieder aufgenommen.

Bount sah, dass er sie bald einholen würde.

Er wandte sich an den am Boden liegenden Blonden, der eine höllische Angst zu haben schien.

Bount machte mit dem Pistolenlauf eine eindeutige Bewegung.

"Verschwinde!", zischte er, während der Kerl ihn ungläubig anstierte. "Na los, hörst du schwer?"

Bount wich einen Schritt zurück, während der Blonde wieder auf die Beine kam.

Er schien Bount nicht zu trauen, vielleicht rechnete er damit, eine Kugel in den Rücken zu bekommen. Bount brannte ihm stattdessen eins vor die Füße. Jetzt spurtete der Blonde los, wobei er sich immer wieder umdrehte.

Doch Bount hielt sich nicht länger mit ihm auf, sondern setzte dem Dunkelhaarigen nach.

Bount war gut in Form und holte schnell auf. Der Dunkelhaarige hielt seine Waffe in der Hand und hatte die Frau fast erreicht. Ihr Vorsprung schmolz von Sekunde zu Sekunde. Sie schluchzte und stolperte nur noch mehr oder weniger vorwärts.

Als etwas Bount näher heran war, stoppte er und brachte die Pistole in Anschlag.

"Waffe fallen lassen!", rief er.

Der Dunkelhaarige antwortete auf seine Weise.

Er drehte sich blitzartig um und feuerte sofort. Aber der Schuss war schlecht gezielt und ging einen halben Meter über Bount hinweg. Der hatte eine solche Reaktion insgeheim einkalkuliert und so krachte sein Schuss nur einen Sekundenbruchteil später.

Die Kugel fuhr dem Dunkelhaarigen in den Arm. Er fluchte lauthals, versuchte, noch einmal die Waffe hochzureißen, aber der Arm gehorchte ihm nicht so richtig.

Die Waffe fiel zu Boden, während Blut durch seinen edlen Zwirn sickerte.

Mit verkniffenem Gesicht sah er sich kurz nach der jungen Frau um, die in einiger Entfernung einer Parkbank haltgemacht hatte und nach Luft schnappte. Als Bount näher kam, ergriff der Verletzte die heillose Flucht.

"Stehenbleiben!", rief Bount und ballerte einmal über den Kopf des Flüchtenden hinweg. Aber der Kerl blieb nicht stehen. Er lief einfach weiter und Bount dachte sich, dass es jetzt vielleicht Wichtigeres gab, als eine wilde Verfolgungsjagd.

Er wandte sich der Frau zu, die auf der Bank niedergesunken war. Als er sich ihr näherte, blickte sie auf.

Ihre Augen waren dunkel und voller Furcht.

Sie schien etwas sagen zu wollen, aber es kam kein Ton über ihre Lippen. Mit der Hand strich sie sich die Haare aus dem Gesicht.

"Haben Sie keine Angst", sagte Bount ruhig. "Es ist vorbei."

Sie seufzte, versuchte so etwas wie die Ahnung eines Lächelns und nickte. Sie hatte Ringe unter den Augen, wie jemand, der tagelang nicht geschlafen hat. Sie musste Teil irgendeines Dramas sein, von dessen Hintergründen Bount nicht den Hauch einer Ahnung hatte.

"Ich danke Ihnen", sagte sie. Ihr Englisch hatte einen minimalen Akzent.

Südamerika oder Südeuropa, schätzte Bount. "Wer weiß, was die Kerle mit mir angestellt hätten, wenn Sie nicht gewesen wären!"

Bount nickte.

"Ja, das war knapp."

"Ich dachte immer, der südliche Central Park wäre relativ sicher, zumindest für New Yorker Verhältnisse."

"Ist er auch."

Sie zuckte mit den Achseln. "Na ja, wie es scheint gibt es auch hier Gesindel..."

Bount wog die Pistole in seiner Hand, die er dem Blonden abgenommen hatte. Es war eine Beretta. "Es wäre vernünftig, zur Polizei zu gehen", meinte er.

Aber sie schüttelte entschieden den Kopf. Dann versuchte sie zu lächeln, diesmal schon etwas erfolgreicher.

"Das bringt doch nichts", meinte sie mit einer wegwerfenden Geste.

Bount zog die Augenbrauen hoch.

"Warum denn nicht?"

"Das kennt man doch! So etwas verläuft im Sand!"

"Aber Sie haben das, was die meisten nicht haben, Miss..." Bount erwartete, dass die dunkeläugige Schönheit ihm vielleicht jetzt ihren Namen sagte, aber das tat sie nicht.

"Trotzdem", sagte sie "Es ist ja nichts passiert."

"Was wollten die Kerle eigentlich von Ihnen?"

Sie zögerte eine Sekunde, ehe sie die Antwort parat hatte. "Ich nehme an, mein Geld! Was denn auch sonst?"

Bount hatte den Eindruck, dass sie selbst nicht so recht von dieser Version überzeugt war. "Das sah mir nicht so aus", stellte der Privatdetektiv daher im Brustton der Überzeugung fest.

Die junge Frau zuckte mit den Achseln.

"Was weiß ich, wie es aussah oder was sie wollten!" Sie wirkte ein wenig genervt, stand auf und musterte Bount. "Warum fragen Sie mich eigentlich so aus?"

"Sorry, ist wohl eine Berufskrankheit. Ich bin Privatdetektiv. Mein Office ist übrigens ganz in der Nähe. Sie sehen aus, als könnten Sie eine Tasse Kaffee und ein Frühstück gut vertragen..."

Sie schien ein wenig irritiert. Ihre dunklen Augen sahen Bount an, als versuchte sie, dessen Gedanken zu lesen. "Warum machen Sie das?", fragte sie schließlich. "Schließlich war das ja alles andere als ungefährlich. Sie haben Ihr Leben riskiert."

"Ich hatte den Eindruck habe, dass Sie Hilfe brauchen. Und an diesem Eindruck hat sich auch nichts dadurch geändert, dass die beiden Kerle sich davongemacht haben!"

"Der Eindruck täuscht."

"Tut mir leid, es war nur ein Angebot."

"Es war nicht so gemeint, Mister..."

"Reiniger. Bount Reiniger." Bount sah sie offen an. "Ich hoffe nur, dass Sie wissen, mit wem Sie sich da eingelassen haben... Die beiden Angreifer waren sicher keine Straßendiebe. Das waren Fische, die ein paar Nummern größer waren."

Sie wandte ein wenig den Kopf und blickte an Bount vorbei. Er folgte ihrem Blick, um zu sehen, was die Aufmerksamkeit der jungen Frau erregt hatte.

In einiger Entfernung stand da ein untersetzter, aber sehr kräftig wirkender Mann mit gelocktem Haar. Als Reiniger zu ihm hinblickte, drehte der Lockenkopf sich zur Seite und ging mit immer schnelleren Schritten davon.

"Kannten Sie den Mann?"'

"Nein. Wie kommen Sie darauf?"

"Es sah so aus."

Sie versuchte zu lächeln. "Sehen Sie, das ist nicht der erste Mann, der mir hintersieht. Finden Sie das wirklich so ungewöhnlich?" Sie machte eine Pause und schien einen Moment lang nachzudenken. Dann sagte sie plötzlich: "Vielleicht nehme ich das Frühstück doch."

Bount lächelte. "Zu gütig, Lady! Was hat den Stimmungsumschwung bewirkt?"

"Ich glaube, dass man Ihnen trauen kann!"

"Oder glauben Sie, dass die Kerle an der Straßenecke wieder auf Sie warten, um Sie in Empfang zu nehmen?"

"Glauben Sie, was Sie wollen! Gilt Ihr Angebot nun noch oder nicht?"

"Gehen wir!"

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Wenig später befanden sie sich in Bounts Residenz, die gleichzeitig als Wohnung und Office fungierte und sich in einer Traumetage am nördlichen Ende der 7th Avenue befand.

"Nanu", wurde der bekannte Privatdetektiv von seiner attraktiven Assistentin June March begrüßt. "Bringst du deine Klienten jetzt schon vom Joggen mit?"

Bount grinste der blonden June schelmisch ins Gesicht.

"Was glaubst du, wen ich morgens alles im Central Park treffe! Wenn ich Kaufmann wäre, würde ich dort meine Kontakte pflegen! Da hat man das ganze Business auf einem Haufen!"

June lachte.

"Und alle im Jogging-Anzug..."

"...und ohne Vorzimmerdrachen, die einen mit Terminen nach der Jahrtausendwende vertrösten!"

Sie wandten sich zu der jungen Frau um, die den Raum eingehend musterte.

"Könnte ich mich erst ein bisschen bei Ihnen frischmachen?"

Bount nickte.

"Natürlich." Er wies ihr den Weg zum Bad und als er zurückkam, fragte June: "Wer ist die Kleine?"

"Sie hat es mir noch nicht gesagt."

"Ihre Frisur hat ja wirklich etwas gelitten. Was ist passiert?"

"Ein paar Kerle waren hinter ihr her und ich bin dazwischen gegangen!" Er legte die Beretta auf den Tisch.

"Die scheinen ja gut ausgerüstet gewesen zu sein", meinte June beim Anblick der Waffe und Bount nickte.

"Kann man wohl sagen! Mit wem auch immer sich diese junge Frau angelegt hat - einfache Straßenräuber waren das nicht!"

"Steht sie unter Schock?"

"Glaube ich nicht. Sie wirkt auf mich außerordentlich cool, wenn man bedenkt, in welcher Lage sie gerade noch gewesen ist."

Als die Fremde wenig später aus dem Bad kam, saßen Bount und June schon beim Frühstück. Sie setzte sich dazu. Im Gesicht hatte sie eine kleine Schramme und ihre Kleider wiesen ein paar Flecken auf. Aber sonst schien alles in Ordnung mit ihr zu sein.

"Wollen Sie uns nicht Ihren Namen sagen?", hakte June nach, die vor Neugier platzte. Die junge Frau hob den Kopf, als müsse sie überlegen und sagte dann: "Es ist besser für Sie und besser für mich, wenn Sie ihn nicht wissen."

June runzelte verwundert die Stirn. Sie schien mit dieser Antwort kaum etwas anfangen zu können. Indessen wandte sich die junge Frau an Reiniger und versuchte so schnell wie möglich das Gespräch auf irgendein unverfängliches Terrain zu lenken. Sie musste große Angst haben und dazu ein schier grenzenloses Misstrauen.

"Sie sind also Privatdetektiv", murmelte sie gedehnt und schien dabei über irgendetwas nachzudenken.

"Ja", nickte Bount.

"Ihr Geschäft scheint ja nicht schlecht zu gehen! Wenn ich mir Ihre Residenz hier so ansehe..."

"Ich kann nicht klagen."

"Was sind das so für Leute, die Sie hier aufsuchen?"

"Leute wie Sie."

"Nehmen Sie mich nicht auf den Arm!"

"Es ist so, wie ich sage. Es sind Leute mit Problemen, Leute, die kein Vertrauen zur Polizei haben und solche, denen die Polizei nicht helfen kann..."

"Einer wie Sie arbeitet doch sicher nur für Millionäre und große Versicherungskonzerne!"

"Ich habe nichts gegen Geld", erwiderte Bount. "Aber ich habe auch schon für kleine Leute gearbeitet. Ich bin in der glücklichen Lage, mir meine Aufträge aussuchen zu können."

Sie aß das Frühstück mit großem Appetit. Vor allem vom Kaffee konnte sie kaum genug bekommen. Sie war übernächtigt, schien sich aber unbedingt wach halten zu wollen.

"Ich fahre gleich zu Captain Rogers von der City Police", meinte der Privatdetektiv wie beiläufig. "Rogers ist mein Freund. Ich könnte Sie mitnehmen. Das wäre kein Problem..."

"Was soll ich dort?"

"Sie schauen sich paar Fotos an. Vielleicht sind die Kerle ja schon einmal aufgefallen. Dann könnten Sie sie identifizieren... Das kostet Sie nicht mehr als ein bisschen Zeit, Miss."

"Ich sagte schon einmal nein, Mister Reiniger."

"Nennen Sie mich Bount."

"Bount."

Sie wollte keine Polizei und ihr 'Nein' klang ziemlich endgültig. Wahrscheinlich hatte sie ihre Gründe dafür.

"Haben Sie Angst, dass sich jemand an Ihnen rächen könnte, wenn Sie die zwei in die Pfanne hauen?"

Sie seufzte und strich sich dabei das blauschwarze Haar zurück. Eine schöne Frau, dachte Bount. Eine sehr schöne Frau sogar. Und dann ertappte er sich dabei, dass sein Blick wie magnetisch von ihr angezogen wurde.

"Ich habe es Ihnen doch schon einmal klarzumachen versucht, Bount..." sagte sie jetzt in einem etwas milderen Tonfall.

"Versuchen Sie es ruhig noch einmal", lächelte Bount.

Sie hob beschwörend die Arme. "Ich bin Ihnen sehr dankbar für das, was Sie für mich getan haben, aber der Rest ist meine Sache. Ganz allein meine Sache, verstehen Sie?"

"Um ehrlich zu sein: nein. Denn mir scheint, dass Ihnen da etwas über den Kopf gewachsen ist. Die Kerle, die ihnen aufgelauert haben, sind sicher keine Idioten. Die werden Sie überall wieder auftreiben. Glauben Sie mir!"

Bount merkte, dass er gegen eine Wand rannte. Je mehr er in sie zu dringen versuchte, desto mehr verschloss sie sich - aus welchem Grund auch immer.

Plötzlich sagte sie: "Ich glaube, ich muss jetzt los. Vielen Dank für alles. Ich werde es irgendwann wieder gutmachen, wenn ich kann."

"Warum ein so plötzlicher Aufbruch?", fragte June.

Die junge Frau versuchte ein Lächeln. "Es ist nicht plötzlich", erklärte sie wenig überzeugend. "Ich muss jetzt einfach los, das ist alles." Sie erhob sich und Bount folgte ihrem Beispiel.

"Soll ich Sie nach Hause bringen?", fragte der Privatdetektiv.

"Nein, danke."

"Wie gesagt, ich bin gleich sowieso unterwegs!"

"Dann nehmen Sie mich ein Stückchen mit!"

"Okay", nickte Bount. Sein Blick versank in ihren dunklen Augen und er dachte: Was mag in diesem hübschen Kopf wohl vor sich gehen? Man konnte es drehen und wenden, wie man wollte: Er wurde aus dieser Frau einfach nicht schlau. Sie machte es einem aber auch nicht gerade leicht!

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"Sie müssen mir schon sagen, wo es hingehen soll!", meinte Bount, als er zehn Minuten später am Steuer seines champagnerfarbenen Mercedes 500 SL saß.

Die dunkeläugige Schönheit saß auf dem Beifahrersitz und meinte knapp: "Fahren Sie nur. Ich werde Ihnen schon sagen, wann ich aussteigen möchte."

"Wie gesagt, am besten Sie steigen überhaupt nicht aus, sondern kommen mit mir zu Polizei."

"Lassen wir das."

"Manchen ist nicht zu helfen."

"Schon möglich..." Sie seufzte. "Und was machen Sie jetzt bei der Polizei?"

"Ach, es geht um eine Gegenüberstellung. Ich möchte gerne dabei sein. Mein Freund Rogers und ich sind an einen Drogenring herangekommen. Jetzt kommt die Kleinarbeit. Aber die muss auch gemacht werden. Am Ende kann davon nämlich abhängen, ob es auch zu Verurteilungen kommt."

"Was haben Sie mit Drogen zu tun, Bount? Sind Leute Ihrer Sorte nicht eher für den raffinierten Mord oder den spektakulären Diamantenraub zuständig?"

Bount blickte kurz zu ihr hin.

"Sie irren sich", erklärte er. "Obwohl... Es war eigentlich auch eine Art Mord."

"Das müssen Sie mir erklären."

"Ein ziemlich verzweifelter Mann kam zu mir. Sein siebzehnjähriger Sohn hatte sich den goldenen Schuss gesetzt. Das war der Auslöser des Ganzen, deshalb bin ich in der Sache drin."

"Aber das ist doch kein Mord", meinte sie. "Der Junge wusste doch wohl, was er tat. Er wollte es so."

"Glauben Sie das wirklich?"

"Ja, so sehe ich das!"

"In diesem Fall war es mit Sicherheit anders. Der Junge war von seinem Dealer plötzlich mit Stoff einer Qualitätsstufe beliefert worden, die er nicht gewohnt gewesen war. Er hatte nicht mehr als seine normale Ration genommen und war nun tot. Und das war ganz eindeutig Mord, auch in juristischem Sinn." Aber Bount hatte keine Lust, weiter darüber zu diskutieren. "Das Thema scheint Sie zu interessieren", stellte er fest.

"Mich interessiert vieles."

Bount Reiniger gab dem Gespräch einen abrupten Schwenk. "Seit wann sind Sie auf der Flucht?"

Sie lächelte. "Sie können es nicht lassen, was?"

"Wie gesagt: Berufskrankheit."

"Ich habe die Kerle heute zum ersten Mal getroffen."

"Mich brauchen Sie nicht anzulügen."

"Sie wissen alles am besten, was?"

"Ich gebe mir Mühe", lächelte Bount. "Wissen Sie, was ich glaube? Ich glaube, dass Sie schon tagelang vor ihnen davonlaufen."

Sie versuchte sich in aufgesetzter, künstlich wirkender Heiterkeit. "Haben Sie Beweise?"

"Bin ich der Staatsanwalt?"

Sie deutete plötzlich mit ihrem schlanken Arm nach rechts und fragte: "Sehen Sie die Ecke dort hinten?"

"Ja."

"Lassen Sie mich dort aussteigen."

"Und dann? Wo wollen Sie hin?"

"Eine Straße weiter ist die U-Bahn."

Bount fuhr an den Straßenrand. Die junge Frau wollte schon aussteigen, aber Bount hielt sie noch zurück.

"Was ist noch?"

"Nehmen Sie das hier." Sie nahm es und schaute stirnrunzelnd darauf. Es war eine von Reinigers Visitenkarten. "Vielleicht überlegen Sie es sich ja noch einmal, ob Sie sich helfen lassen wollen..."

Sie steckte die Karte ein.

"Leben Sie wohl, Bount."

Und dann war sie auch schon weg. Bount sah sie zwischen den Passanten verschwinden. Sie blickte sich ständig um, so als fühlte sie sich beobachtet. Man konnte nur hoffen, dass sie nicht eines Tages als Wasserleiche aus dem East River gefischt wurde...

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Captain Toby Rogers vom Morddezernat Manhattan C/II war ein massiger Koloss, der von seiner Figur her hervorragend dazu geeignet gewesen wäre, als Double von Bud Spencer zu fungieren.

"Du bist ein bisschen zu früh, Bount! Wir müssen noch auf ein paar Leute warten! Aber ich kann dir einen frischgebrühten Kaffee anbieten!"

"Danke, aber ich habe gerade gefrühstückt."

"Wenn die Sache heute glatt geht, dann sind wir schon ein ganzes Stück weiter", meinte Rogers. "Ich bin ganz zuversichtlich..."

Bount nahm die Beretta hervor, die er einem der beiden Kerle im Park abgenommen hatte. Er hatte die Waffe in eine Plastik-Tüte getan, obwohl es dazu wohl längst zu spät gewesen war. Bount hatte die Pistole schließlich in die Hand genommen und benutzt - und damit vermutlich fast alles an Spuren vernichtet, was irgendetwas aussagen konnte.

"Was ist das?", fragte Rogers.

"Heute Morgen hatte ich beim Joggen Gelegenheit, mein Nahkampftraining etwas aufzufrischen", meinte Bount sarkastisch und erzählte Rogers in knappen Sätzen, was geschehen war.

"Und wo ist die Frau jetzt?", erkundigte sich der dicke Captain.

"Auf und davon." Bount zuckte mit den Schultern. "Was sollte ich machen, sie zwangsweise zur Polizei schleppen?"

"Sich überfallen zu lassen ist ja nicht strafbar!"

"Du sagst es!"

"Und was soll ich jetzt mit der Beretta?"

"Einfach mal ins Labor geben. Vielleicht kommt ja etwas dabei heraus!"

Toby Rogers holte tief Luft und blies sich dabei auf wie ein Walross. "Glaubst du eigentlich, das Labor hat nicht genügend zu tun, Bount? Mit dieser Waffe ist niemand umgebracht worden und wenn sie aus dem Verkehr gezogen wird, wird das auch niemals geschehen." Er hob die Beretta hoch und sah sie sich von allen Seien an. "Die Nummer ist abgefeilt...", murmelte er.

"Eine Hand wäscht die andere, Toby. Also, was ist mit dem Labor? Wenn ich die Waffe dir überlasse, sind meine Chancen größer, sie untersucht zu bekommen, als wenn ich es allein versuche."

Rogers seufzte und fixierte Bount mit seinem Blick.

"Okay, Bount."

"Danke."

"Dann beantworte mir aber bitte eine Frage: Warum hängst du dich in diese Sache hinein?"

"Reine Neugier", grinste Bount.

Ein Lieutenant kam herein und wandte sich an Rogers. "Es sind alle versammelt, Captain!"

Rogers schlug sich klatschend auf die Schenkel und stand auf. "Dann kann es ja losgehen!"

Bount steckte sich eine Zigarette in den Mund und zündete sie an.

"Drücken wir uns selbst die Daumen dafür, dass Jim Lacroix heute ins Loch geschickt wird!"

Sie gingen gemeinsam in einen schmucklos eingerichteten Raum, von dem aus man durch eine Scheibe in ein Nebenzimmer sehen konnte.

Rogers begrüßte eine vierzig- bis fünfzigjährige Schwarze von untersetzter Statur, die einen ziemlich verschüchterten Eindruck machte.

"Sie brauchen keine Angst zu haben, Mrs. Grogan", behauptete Rogers. Die Schwarze nickte, schien dem Police-Captain allerdings nicht so recht zu glauben.

"Das sagen Sie so einfach, Captain!"

"Man kann Sie durch diese Scheibe nicht sehen", ergänzte Reiniger.

Sie nickte und wandte den Blick zur Seite.

Martha Grogan war die Vermieterin von Ron Bogdanovich gewesen - jenem Jungen, dem jemand beim goldenen Schuss etwas nachgeholfen hatte, indem er ihn mit reinem, statt wie sonst üblich, mit großzügig verlängertem Heroin belieferte.

Indessen hatte sich auf der anderen Seite der Glasscheibe eine Riege hochgewachsener, aschblonder Männer aufgebaut. Einer von ihnen war Jim Lacroix, Bogdanovichs Dealer. Martha Grogan hatte bei ihrer ersten Vernehmung am Tatort ausgesagt, dass ein Mann Bogdanovich regelmäßig besucht hätte und auch kurz vor dessen Tod noch dort gewesen sei. Ihre Beschreibung passte auf Lacroix wie die Faust aufs Auge, aber jetzt musste sie ihn noch identifizieren, ihn als den Mann bezeichnen, der kurz vor Bogdanovichs Tod noch bei ihm gewesen war und ihn vermutlich beliefert hatte.

Diesmal eine tödliche Lieferung.

"Was ist?", fragte Rogers vielleicht eine Spur zu ungeduldig. "Ist der Mann dabei?"

Martha Grogan schluckte.

"Ich bin mir nicht sicher!"

"Aber das gibt es doch nicht! Sie konnten Ihn doch ganz genau beschreiben!", schimpfte Rogers.

Sie hatte Angst, das lag deutlich auf der Hand. Wovor auch immer.

Vielleicht hatte Lacroix jemanden bei ihr vorgeschickt, der ihr unmissverständlich klargemacht hatte, wie sie sich verhalten musste, wenn sie bei guter Gesundheit bleiben wollte. Vielleicht war sie auch einfach gekauft worden.

"Ich bin mir nicht sicher, ob er dabei ist", sagte sie wenig überzeugend. "Vielleicht der dort ganz rechts. Oder doch der in der Mitte? Sie sehen sich alle so ähnlich!"

"Hören Sie!", wurde sie dann von Rogers beschworen. "Sie brauchen wirklich keine Angst zu haben! Wenn Sie nur einen Ton sagen, dann können wir diesen Kerl ins Loch stecken!"

"Für wie lange?"

"Für sehr lange, denn dann geht es um Mord!"

"Können Sie mir das garantieren? Oder läuft am Ende nicht so, dass ein geschickter Anwalt ihn doch rauspaukt?"

"Ich bin weder Richter noch Geschworener, aber wenn Sie ihn wiedererkennen, dann hätten wir eine Chance!"

"Und wenn ich ihn nicht identifizieren kann?"

Rogers schwieg und atmete tief durch. Er ging zwei, drei Schritte hin und her und murmelte dann: "Ich fürchte, dass er uns dann durch die Lappen geht!"

Sie schien noch einmal zu überlegen. Man konnte ihrem Gesicht förmlich ansehen, wie der Kampf in ihr tobte. Dann war er entschieden - und zwar endgültig, wenn man nach dem Klang ihrer Stimme ging.

"Tut mir Leid, von diesen Männern hier war es keiner!", sagte sie sehr bestimmt.

Sie kniff ihre Lippen zusammen. Ihr Gesicht war eine Maske geworden.

Rogers machte einen letzten Versuch. "Einer dieser Männer ist ein Mörder und Sie wissen, welcher. Ron Bogdanovich hätte vom Alter her Ihr Sohn sein können. Denken Sie an Rons Eltern, was es für sie bedeutet, wenn sein Mörder davonkommt!"

Sie wandte den Blick an Rogers und seufzte. "Ich wünschte, ich könnte Ihnen helfen, Captain. Aber ich kann doch nur sagen, was der Wahrheit entspricht, oder?"

Der dicke Captain sah ein, dass die Sache verloren war.

"Natürlich", sagte er.

"Kann ich jetzt gehen?"

Rogers nickte. "Gehen Sie nur!" Als sie weg war, schlug er wütend mit der flachen Hand gegen die Wand.

"Der Tag fängt wirklich schlecht an, was?", meinte Bount.

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Es war zwei Tage später, als Bount Reiniger die dunkeläugige Schöne zum zweiten Mal sah - diesmal allerdings nur als Schwarz-weiß-Foto in der Zeitung. June hatte ihn darauf aufmerksam gemacht und ihm die entsprechende Seite unter die Nase gehalten.

WER KENNT DIESE FRAU?, stand dort in großen Lettern.

Das Foto war nicht besonders gut, ein Zeitungsfoto eben, aber Bount hatte so etwas schon oft genug vor Augen gehabt, um auf den ersten Blick zu sehen, dass es sich um das Bild einer Toten handelte.

"Ich habe es geahnt", murmelte Bount tonlos, als er den dazugehörigen Text las. In Yonkers war eine junge Frau umgebracht worden. Man hatte sie mit einer Kugel in der Herzgegend in einer Seitenstraße aufgefunden. Der Toten fehlte leider alles, was sie hätte identifizieren können. Sie hatte keinen Pass, keine Etiketten in der Kleidung, keine Brieftasche, keine Kreditkarte.

"Scheint, als hätten die beiden Kerle sie doch noch erwischt", meinte June. "In der Zeitung steht, dass sie vorgestern ermordet wurde..."

"Nichts Näheres?"

"Nein."

"Ich habe sie in der Nähe einer Subway-Station abgesetzt", sagte Bount. "Sie muss sich auf ziemlich direktem Weg nach Yonkers aufgemacht haben." Er zuckte mit den Schultern. "Sie hätte auf mich hören sollen..."

"Das hätte sie." June machte eine kurze Pause und fuhr dann fort: "Ich weiß, dass dir das näher geht, als du zugeben willst. Ich habe gesehen, wie du sie angesehen hast..."

Bount stand auf und ging zum Fenster und blickte hinaus. Es war ein trüber Tag.

New York war heute eine Waschküche. Der letzte Schauer war gerade zwei Minuten vorbei, aber der nächste kam bereits über den Central Park.

"Die Polizei in Yonkers sucht Zeugen, die die Tote kennen", murmelte Bount. "Ich werde mal auf einen Sprung vorbeifahren." Er machte eine unbestimmte Geste und ließ seine Hände dann in den Hosentaschen verschwinden. "Mehr kann ich wohl nicht mehr für sie tun..."

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Der Mann, dem Bount Reiniger in dem miefigen, engen Büro gegenübersaß hieß Clarke und er war Lieutenant der Mordkommission von Yonkers. Clarke war klein und drahtig und in seinen tiefen Augenhöhlen lauerten zwei giftige Augen. Ein kleiner Terrier, so wirkte er auf Bount. Einer, der zubiss und dann nie wieder losließ.

Naja, dachte Bount. Jeder hat eben seinen Weg.

"Ihr Name ist also Reiniger", raunte der Giftzwerg mit einem Unterton, der nichts Gutes ahnen ließ. "Kann es sein, dass ich diesen Namen schon mal gehört habe?"

"Durchaus."

Clarke schlug urplötzlich mit der flachen Hand auf den Tisch und schnellte mit dem Kopf wütend nach vorne. Seine Augen waren aus ihren Höhlen hervorgetreten und funkelten angriffslustig.

"Ich will Ihnen gleich zu Anfang etwas klarmachen, Mister Reiniger! Ganz gleich, ob Sie Ihr Büro in einer Nobel-Etage oder in einem Hinterzimmer haben, ob Sie ein Star ihrer Branche oder nur so ein Schmalspur-Schnüffler sind: Ich mag keine Privatdetektive."

Bount zuckte die Achseln.

"Das tut mir Leid!"

"Und ich mag es auch nicht, wenn Ihr Schnüffler uns Profis ins Handwerk pfuscht!"

Bount atmete tief durch. "Erstens sind wir Privaten genau so Profis in diesem Geschäft wie Ihresgleichen und zweitens habe ich nicht die Absicht, Ihnen dazwischen zu funken, Clarke. Ich ermittle in diesem Fall gar nicht, sondern bin als Zeuge hier!"

"Okay", sagte Clark und grinste sarkastisch. "Ich will Ihnen das mal für eine Minute glauben. Erzählen Sie, was Sie zu der Sache beizusteuern haben! Sagen Sie bloß, Sie kennen die Tote!"

"Ich habe sie am Montagmorgen im Central Park gesehen, als ich meine tägliche Jogging-Runde machte. Zwei Kerle waren ihr auf den Fersen und ich bin dazwischen gegangen."

"Wie nobel, Mister Reiniger. Findet man heute selten so etwas. Die meisten schauen einfach weg. Wer ist die Lady?"

"Sie hat mir ihren Namen nicht gesagt."

"Zu schade! Wann war das genau am Montagmorgen?"

"So gegen sieben. Einem der Kerle konnte ich die Beretta abnehmen. Sie befindet sich noch im Labor. Erkundigen Sie sich bei Captain Rogers, wenn Sie an dem Befund interessiert sind."

"Bin ich nicht."

Bount runzelte die Stirn. Fast glaubte er, sich verhört zu haben.

"Habe ich das richtig verstanden?"

"Ja, das haben Sie", nickte Clarke. "Sehen Sie, die Sache ist ganz einfach: Zu dem Zeitpunkt, an dem Sie die namenlose Lady im Central Park von New York City gesehen haben wollen, war sie schon mindestens eine halbe Stunde tot."

Für Bount war das wie ein Schlag vor den Kopf. "Ich bin mir aber völlig sicher..."

"Tut mir Leid, Mister Reiniger, aber wie es scheint, haben Sie den Weg hierher nach Yonkers umsonst gemacht." Es stand Clarke im Gesicht geschrieben, dass es ihm nicht ein bisschen leid tat. Aber das war Bount ohnehin ziemlich gleichgültig.

Seine Gedanken waren bei der namenlosen Toten, deren Bild er in der Zeitung gesehen hatte. "Sie war es", sagte er. "Ich bin mir da hundertprozentig sicher. So ein Gesicht vergisst man nicht."

"Sie muss sehr hübsch gewesen sein, bevor man aus ihr eine Leiche gemacht hat!"

Clarke zuckte mit den Schultern. "Wahrscheinlich haben Sie eine andere Frau gesehen, Reiniger. Vielleicht eine, die der Toten sehr ähnlich sah und die Sie dann auf dem Foto wiederzuerkennen glaubten!"

Aber Bount schüttelte entschieden mit dem Kopf.

"Das glaube ich nicht."

"Dann gehen Sie ins Leichenschauhaus und sehen Sie sie sich im Original an! Vielleicht geht es dann in Ihren Schädel!"

Bount ließ nicht locker. Er hatte ein Paar gut funktionierender Augen im Kopf und es gab keinen Grund, ihnen nicht zu trauen. Also bohrte er weiter.

"Es gibt Mittel und Wege, Todeszeiten zu manipulieren. Ist eine Obduktion durchgeführt worden?"

"Die Todesursache liegt auf der Hand. Sie starb durch eine Kugel aus einer 8-mm-Pistole. Ein Schuss aus nächster Nähe. Und da hat sich niemand die Mühe gemacht, irgendetwas zu manipulieren. Es war ein ganz simpler, brutaler Mord. Fast wie eine Hinrichtung."

"Wer hat sie gefunden?"

"Wissen Sie was, Reiniger: Es ist genau so, wie ich befürchtet habe! Sie versuchen mir Fragen zu stellen anstatt umgekehrt. Und genau das kann ich nicht leiden. Sie sagten, dass Sie in dieser Sache nicht ermitteln, also sehe ich auch nicht ein, weshalb ich Ihnen irgendetwas sagen soll."

Bount verzog das Gesicht.

"Und wenn ich nun doch an der Sache arbeiten würde?"

"Dann würde ich Ihnen vielleicht erst recht nichts sagen, damit Sie mir nicht dauernd in die Quere kommen!"

"Na, dann ich ja froh sein, dass ich mein Büro in Manhattan und nicht in Yonkers habe!"

"Allerdings. Bei mir hätten Sie nicht viel zu lachen! Und ich gebe Ihnen auch jetzt den Rat, sich den Kopf über Ihre eigenen Sachen zu zerbrechen."

Bount wandte sich zum Gehen. Aus diesem Terrier würde er kaum mehr herausbekommen. Und er fragte sich, ob er das überhaupt versuchen sollte.

Schließlich war es Clarkes Aufgabe, den Mörder der jungen Frau zu finden, nicht Reinigers. Es hatte ihn niemand beauftragt.

Bevor Reiniger sich auf den Rückweg nach Manhattan machte, wollte er sich die Tote aber doch noch einmal ansehen. Er wollte sichergehen, sich nicht geirrt zu haben.

Der Arzt, der Bount durch die Katakomben des Leichenschauhauses führte, war fast so bleich wie die Körper, die er zerschnitt. Kein Wunder, dachte Bount.

Schließlich kam der Kerl wohl ziemlich selten mal ans Tageslicht.

"Kannten Sie die Tote?", fragte der Arzt und Bount nickte zögernd.

"Könnte man so sagen."

"Sie sind der erste, der sie zu kennen glaubt", meinte der Arzt. "Und dabei steht es doch jetzt sogar in der Zeitung!"

"Vielleicht kam sie nicht von hier."

"Alles möglich, Mister."

Dann wurde eine Leiche aus dem Kühlfach gezogen. Der Arzt deckte das Gesicht ab und gähnte dabei ungeniert. Ihr Gesicht hatte fast jegliche Farbe verloren.

Jemand war so pietätvoll gewesen, ihr die Augen zu schließen.

Aber sie war es.

Für Bount gab es keinen Zweifel mehr.

"Todeszeit?", fragte Bount.

Der Arzt schaute in seine Unterlagen. "Montagmorgen, cirka halb sieben. Wahrscheinlich früher."

"Und wann wurde sie gefunden?"

"Steht auch hier: Kurz nach halb acht."

"Kein Irrtum möglich?"

"Wovon sprechen Sie?"

"Von der Todeszeit."

Der bleiche Arzt runzelte die Stirn. "Was wollen Sie eigentlich? Glauben Sie, wir machen hier Pfusch?"

"Nein, es ist nur so, dass ich die Tote noch quicklebendig gesehen habe, als sie nach Ihren Angaben schon auf dem Weg hierher war. Deshalb frage ich, ob es da nicht sein könnte, dass Sie sich bei der Todeszeit geirrt haben."

Er blickte auf seinen Boden. "Mein Kollege Snyder war um halb acht am Tatort und hat den Tod festgestellt", murmelte er. "Und wann bitte wollen Sie sie noch gesehen haben?"

"Schon gut", meinte Bount. "Vergessen Sie's!" Um halb acht hatte die Tote in Reinigers Residenz noch an ihrem Kaffee geschlürft.

Irgendetwas stimmte hier nicht.

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Als Bount Reiniger zurück in die 7th Avenue kam, war es Nachmittag und es regnete wieder. Diesmal war es kein Schauer, sondern eher eine Art Dauerregen, die Bount den ganzen Weg von Yonkers bis hierher begleitet hatte. Ein scheußlicher Tag - und das in mehrfacher Hinsicht.

Aber die Unannehmlichkeiten hatten sich mit der Feuchtigkeit, die da unablässig von dem grauen Himmel herabrieselte, noch lange nicht erschöpft. Das merkte Bount ziemlich bald, nachdem er sich wieder in seiner Residenz befand.

Er ließ die Türen auseinander fliegen und warf den nassen Mantel in eine Ecke.

"Was neues, June?", fragte er seine Assistentin.

"Im Büro sitzen zwei Klienten."

Bount pfiff durch die Zähne.

"Gleich zwei? Haben sie gesagt, was sie wollen?"

"Nein", schüttelte June den Kopf und warf dabei ihre blonde Mähne in den Nacken. "Sie wollen nur mit dir persönlich sprechen. Von mir wollten Sie nicht einmal eine Tasse Kaffee!"

Das Erste, was Bount missfiel, als er sein Büro betrat war, dass jemand hinter seinem Schreibtisch saß und die Füße hochgelegt hatte. Der zweite Besucher lehnte am Fenster und hatte die Hände in den Hosentaschen.

Bount erstarrte.

Das waren die beiden Gorillas, vor denen die junge Frau davongelaufen war, deren Foto jetzt in den Zeitungen bewundert werden konnte. Der Dunkelhaarige hatte seinen rechten Arm bandagiert und trug ihn in einer Schlinge.

Wenigstens fiel er dadurch als Schütze erst einmal aus. Anders der Blonde, dessen Hand in der Manteltasche ruhte und wahrscheinlich einen Pistolengriff umfasste.

Das Gesicht des Dunkelhaarigen blieb sehr ernst und war fast eine Leichenbittermiene. Der Blonde hingegen grinste frech und kaute dabei auf irgendetwas herum.

"So sieht man sich wieder", murmelte Bount.

"Schließen Sie die Tür!", befahl der Dunkelhaarige und ließ seine Worte durch seinen Komplizen dadurch unterstreichen, dass dieser jetzt seine Waffe aus der Manteltasche hervorholte und sie auf Bount richtete. "Ich hoffe, Sie machen keine Dummheiten, Mister Reiniger!"

"Das hoffe ich umgekehrt auch", erwiderte Bount, nachdem er die Tür geschlossen hatte. "Was wollen Sie von mir?"

Auf dem Schreibtisch lag noch die Zeitung, die Bount am Morgen gelesen hatte.

Der Dunkelhaarige schlug die Seite auf, auf der das Bild der namenlosen Toten war. "Sie haben das hier sicher gelesen, nicht wahr?"

"Ja." Reiniger trat näher an den Schreibtisch heran. Bevor er sich in den davor stehenden Sessel fallen ließ, deutete er auf das Foto. "Das ist eure Arbeit, nicht wahr?"

"Sie werden nicht im Ernst erwarten, dass wir dazu etwas sagen, Mister Reiniger."

"Nein, allerdings nicht."

"Ich werde unter anderem dafür bezahlt, dass ich zwei und zwei zusammenrechne und meine Schlüsse ziehe." Bount zeigte auf die Waffe des Blonden. "Acht Millimeter?"

"Die Fragen stellen wir hier, auch wenn Ihnen das nicht paßt!"

"Bitte! Sie sind wahrscheinlich nicht hier, um mir einen Auftrag zu geben!"

"Nein, das sicherlich nicht. Es geht um etwas anderes."

"Da bin ich aber gespannt!"

"Sie erinnern sich an die junge Frau, Montagmorgen im Central Park... Sie haben uns leider dazwischen gefunkt!" Er hob ein wenig den bandagierten Arm an.

"Diese Frau hatte etwas in ihren Besitz gebracht, das ihr nicht gehörte. Wir hatten die Aufgabe, es ihr wieder abzunehmen..."

"Und wie kann ich Ihnen da helfen?"

"Indem Sie es uns jetzt aushändigen."

"Warum nehmen Sie an, dass ich es habe?"

"Weil sie es bei Ihnen deponiert haben wird, wenn sie einen Funken Verstand gehabt hat. Es kann auch sein, dass Sie es ihr abgenommen haben. Der Phantasie sind da keine Grenzen gesetzt."

"Das wird ja immer interessanter" meinte Bount sarkastisch.

"Jedenfalls glaube ich nicht, dass diese Begegnung im Park reiner Zufall war."

Bount zuckte die Achseln.

"Bedaure, ich weiß noch nicht einmal, worum es geht."

Das Gesicht des Dunkelhaarigen blieb regungslos. Mit der Linken machte er eine unbestimmte Geste. Unterdessen bewegte sich der Blonde seitwärts. Er öffnete einen der Büroschränke und begann damit, den Inhalt auf den Boden zu streuen.

"Scheint, als würde Ihre Antwort meinen Freund hier nicht sehr überzeugen, Mister Reiniger."

Der Blonde grinste unverschämt. Es machte ihm Spaß, was er tat - besonders als seine Hand dann über ein Regal strich und ein paar recht wertvolle Vasen auf dem Boden zerscheppern ließ.

Jetzt wurde es Bount zu bunt.

Er gab dem Schreibtisch einen kräftigen Tritt, so dass er dem Dunkelhaarigen entgegenkam und dieser mitsamt Sessel nach hinten kippte. Er fluchte unterdrückt, während der Blonde die Waffe hob.

Bount warf sich zu Boden, bevor der Kerl schoss.

Genau diesem Augenblick flog die Tür auf und June kam herein. Der Krach hatte sie angelockt. Auf jeden Fall tauchte sie genau im richtigen Moment auf, denn der Blonde wirbelte mit der Waffe in der Hand herum in ihre Richtung.

Bount rollte sich am Boden herum und riss die Automatic heraus. Blitzschnell ging das. Der Blonde zögerte nur den Bruchteil einer Sekunde, und doch war es jetzt bereits zu spät für ihn. Er blickte direkt in den Lauf von Reinigers Automatic und konnte sich seine Chancen an zwei Fingern ausrechnen, schneller zu schießen als der Privatdetektiv.

"Der Gedanke taugt nichts, der Ihnen da im Kopf herumspukt", zischte Bount. "Werfen Sie Ihr Schießeisen lieber weg, wenn Sie kein Loch in den Kopf wollen!"

Der Blonde zögerte noch einen Moment und atmete dann tief durch. Er sah ein, dass er auch diese Runde verloren hatte, so sehr er sich darüber auch ärgern mochte. Er warf seine Pistole zu Boden. Sein dunkelhaariger Komplize arbeitete sich indessen unter Schreibtisch und Sessel hervor. Er schien Schmerzen zu haben, wenn man nach dem verzerrten Gesicht ging. Vielleicht hatte es seinen verletzten Arm erneut erwischt. Bounts Mitleid hielt sich allerdings in Grenzen.

"Jetzt drehen wir den Spieß mal um!", meinte Bount. "Wer schickt Sie?"

Der Blonde schielte zu seinem Komplizen hinüber und schien abzuwarten, wie dieser reagieren würde. Der Dunkelhaarige schien bei den beiden für das Denken zuständig zu sein.

"Sie können mich mal, Reiniger!", zischte dieser.

Bount wandte sich an June. "Du kannst schon mal die Polizei rufen!"

Der Blonde wurde unruhig. Ihm schien die harte Linie des Dunkelhaarigen nicht zu gefallen, er sagte aber nichts.

June hob indessen die Waffe des Blonden vom Boden auf und ging ins Vorzimmer.

Bount befahl inzwischen dem Dunkelhaarigen, sich zu seinem Komplizen an die Wand zu stellen.

"Sie bluffen, Reiniger!"

"Glauben Sie?"

Inzwischen hörte man June aus dem Nebenzimmer die Polizei anrufen. Der Blonde bekam einen panischen Zug im Gesicht. "Der Kerl ist verrückt!", knurrte er. "Der bringt es fertig und liefert sich selbst mit ans Messer!"

"Halt's Maul!", zischte der Dunkelhaarige.

"Vielleicht können wir uns so mit ihm einigen!"

"Ich sagte: Halt's Maul!"

Jetzt mischte sich Bount ein: "Das mit der Frau in Yonkers - wart ihr das?"

"Kein Kommentar", zischte der Dunkelhaarige.

"Wir haben damit nichts zu tun", schnatterte der Blonde, der es langsam mit der Angst zu tun bekam.

Bount hielt sich daher an ihn. "Die Frau wurde mit einer 8-mm-Pistole erschossen. Wenn ich mich nicht irre, dann ist Ihre Waffe von demselben Kaliber."

"Es gibt viele 8-mm-Pistolen."

"Im Labor wird sich herausstellen, ob es diese hier war."

"Willst du mir was anhängen?"

"Warum nicht? Meine Beziehungen zur Polizei sind hervorragend!"

"Ich sage dir, der Kerl blufft!", knurrte der Dunkelhaarige dazwischen. Bount hielt sich länger mit dem Katz und Maus-Spiel auf. Bis die Polizei kam, hatte er noch ein bisschen Zeit und die nutzte er, indem er die Taschen der beiden Kerle durchsuchte. Er fand ihre Brieftaschen.

Der Blonde hieß Glenn Peters, der Dunkelhaarige Miles McCarthy - jedenfalls wenn man nach dem ging, was in den Führerscheinen stand. Aber die beiden waren natürlich nur Handlanger. Bount hoffte, durch sie vielleicht eine Etage höher zu gelangen. Er wollte wissen, wer dahinter steckte - und das jetzt nicht mehr nur deshalb, weil er diesen Hintermännern den Mord in Yonkers nicht verzeihen konnte, sondern weil er jetzt selbst in der Sache mit drinsteckte. Ob es ihm passte oder nicht.

In der Brieftasche des dunkelhaarigen McCarthy steckte ein kleiner Zettel, auf dem eine Adresse stand. Bount hob die Augenbrauen. Es stand kein Name dabei, aber das machte nichts.

Es war eine Adresse, die er kannte.

Jim Lacroix. Wenn das keine Überraschung war!

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Zwei Detectives kamen wenig später vorbei und nahmen Peters und McCarthy mit. Vielleicht ergab die Untersuchung der 8-mm-Waffe ja etwas.

Bount machte sich indessen an die Verfolgung einer anderen Spur. Wer immer letztlich diese beiden Gorillas in sein Büro gehetzt hatte - er würde kaum lockerlassen. Und wenn Jim Lacroix in der Sache mit drinsteckte, dann war es auch nicht allzu schwer, sich auszumalen, worum es hier eigentlich ging: Entweder Drogen oder Schwarzgeld. Oder beides.

Jim Lacroix bewohnte ein elegantes Penthouse, aber dort suchte Bount ihn gar nicht erst, weil er aus Erfahrung wusste, dass man ihn dort nur in Ausnahmefällen um diese Zeit antreffen konnte. Lacroix war ständig unterwegs. Ein umtriebiger Mann, der die Unterwelt-Hierarchie schon ein paar Stufen nach oben gefallen war.

Er dealte. Kokain und Heroin, vielleicht auch noch andere Sachen.

Vor einiger Zeit hatte er versucht, auch in der Prostitution Fuß zu fassen, hatte sich da aber ganz gehörig die Finger verbrannt. Seitdem hatte er eine Narbe am Hals, trug daher meistens Rollkragen- Pullover und kümmerte sich nur noch um Geschäfte, von denen er etwas verstand.

Reiniger klapperte einige Lokale an der Bowery ab, von denen er wusste, dass Lacroix sich dort bevorzugt aufhielt. Schließlich ermittelte er ja schon eine ganze Weile in Lacroix' Dunstkreis und kannte die Gewohnheiten des Dealers ganz gut.

Bount traf ihn schließlich in einer Bar vor einem Martini sitzend. Sein Outfit war vom Feinsten. Allein das Sakko kostete sicher mehr, als der Barmixer im ganzen Monat verdiente. Maßgeschneidert.

Ein breites Grinsen ging über Lacroix' Gesicht, wobei er ein paar Jacket-Kronen entblößte.

"So sieht man sich wieder, Reiniger!", gurgelte er vergnügt. "War wohl ein Schlag ins Wasser, die Show von heute morgen!"

Bount setzte sich zu ihm.

"Irgendwann erwischt dich jemand, verlass dich drauf. Wenn ich es nicht bin, dann vielleicht mein Freund Rogers. Oder einer deiner sauberen Freunde." Bount zuckte mit den Schultern.

Lacroix ließ das kalt.

"Ich wusste gar nicht, dass du ein so schlechter Verlierer bist, Schnüffler!"

Bount zuckte die Achseln. "Bin ich eigentlich gar nicht. Vielleicht liegt es daran, dass ich Leute wie dich nicht leiden kann!"

Lacroix lachte heiser und verzog das Gesicht. "Das Kompliment kann ich ohne Umschweife zurückgeben!"

"Irgendetwas hast du mit der Frau angestellt, um sie umzudrehen", stellte Bount fest. "Vielleicht eine Art Pension, um ihr den Mund zu stopfen - oder eine handfeste Drohung. Ich schätze, es war eine Kombination aus beidem. Zuckerbrot und Peitsche, so sagt man doch dazu, oder?"

Lacroix hob die Augenbrauen hoch. Bis jetzt hatte ihm Reinigers Auftreten offenbar noch nicht die Laune verdorben, was nur heißen konnte, dass er sich sehr sicher fühlte.

"Was willst du jetzt unternehmen, Reiniger?"

"Mal sehen."

"Mich die ganze Zeit über beschatten, bis du glaubst, dass die Gelegenheit da ist, um zuzuschlagen?" Er lachte trocken. "Da kannst du lange warten."

"Wart's ab, Lacroix. Vielleicht kommt das früher, als du es für möglich hältst!"

"Wie wär's, wenn du und dein Freund Rogers mal einsehen würdet, dass ihr euch schlicht und ergreifend geirrt habt! Ich bin kein Mörder. Und ich habe auch nichts mit dem puren Heroin zu tun, das dem Jungen über den Jordan geholfen hat." Er zuckte mit den Schultern. Um seinen Mund spielte ein zynischer Zug.

"Allerdings...", murmelte er gedehnt, "ich muss schon sagen: Wer das Zeug nimmt, sollte es auch dosieren können! Oder die Finger davon lassen!"

"Wenn ich dich reden höre, wird mir schlecht", gestand Bount.

"Es zwingt dich ja niemand."

"Leider doch. Ich bin nicht wegen dem Jungen hier."

Lacroix runzelte die Stirn. "Weswegen dann? Willst du mir irgendeine andere Sauerei anhängen? Dir traue ich alles zu, Reiniger!"

Bount hatte sich die Zeitungsseite mit der Toten aus Yonkers herausgerissen und hielt sie Jim Lacroix jetzt unter die Nase. Dieser warf nur einen beifälligen Blick auf das Bild und die Überschrift und meinte dann: "WER KENNT DIESE FRAU? - Ich kenne Sie jedenfalls nicht!"

"Merkwürdig", meinte Bount. "Da wird jemand umgebracht und die Spur führt geradewegs zu dir! Erklär mir das, wenn du es kannst!"

"Ich weiß von nichts!

"Und was mit Glenn Peters und Miles McCarthy? Sagen die dir etwas?"

"Jetzt begreife ich gar nichts! Was haben die mit der Frau in Yonkers zu tun?"

"Sie waren hinter ihr her. Und jetzt ist sie tot. Zufällig hatte einer der beiden deine Adresse dabei. Hast du die Nobel-Gorillas angeheuert?"

"Nein."

"Ich hoffe, die Polizei glaubt dir das auch."

"Warum sollten sie nicht?"

"Peters hatte eine 8-mm-Pistole bei sich. Und mit genau so einer Waffe ist die junge Frau in Yonkers erschossen worden... Aber es weiß doch jeder, dass die beiden kaum aus eigenem Antrieb gehandelt haben! Das sind doch Lakaien. Man wird also nach einem Auftraggeber Ausschau halten..."

"...und auf mich kommen. Willst du mir das sagen?"

Bount nickte. "Du hast es erfasst."

"Warum sollte ich die Frau umbringen wollen?"

"Was weiß ich? Bei dem Jungen hattest du ja auch einen Grund." Bount rollte die Zeitung wieder zusammen und steckte sie in die Manteltasche, während das Gesicht von Jim Lacroix zu einer eisigen Maske geworden war.

"Du willst mir Ärger machen, nicht wahr, Reiniger?"

"Ja, und du kannst dich darauf verlassen, dass ich es auch schaffen werde!"

Lacroix tickte nervös mit den Fingern auf dem Tisch herum. "Also gut, ich kenne Peters und McCarthy."

"Sie stehen auf deiner Gehaltsliste, stimmt's?"

"Nein. Sie haben mal für mich gearbeitet, als es darum ging, ein paar säumige Schuldner daran zu erinnern, dass man Jim Lacroix nicht so einfach vergisst."

Bount konnte sich lebhaft vorstellen, wie dieser 'Erinnerung' in der Praxis aussah.

Zu den Schulden kam in solchen Fällen noch eine saftige Krankenhausrechnung...

"Für wen arbeiten die beiden jetzt?"

"Keine Ahnung!"

Bount erhob sich, packte Jim Lacroix am Revers seines edlen Jacketts und zog ihn zu sich heran. "Du willst mich für dumm verkaufen, Lacroix. Aber dazu musste du schon entschieden früher aufstehen!"

Der Dealer ruderte mit den Armen.

"Ich weiß es wirklich nicht, Reiniger! Aber du kannst ja mal bei Tony Willis nachfragen."

Bount ließ Lacroix los, während der Barmann fragte: "Probleme, Jimmy?"

"Nein!", knurrte dieser und zog sich sein Jackett wieder glatt.

"Tony Willis? Der Geschäftsführer vom Round Midnight?", erkundigte sich Bount.

"Genau der. Ich habe Peters und McCarthy als Rausschmeißer dort empfohlen. Kann sein, dass sie bei Willis gelandet sind."

"Ich hoffe für dich, dass das stimmt!"

"Und ich hoffe, dass ich dich nun fürs Erste los bin, Reiniger!"

Bount zuckte mit den Schultern und wandte sich zum Gehen. Lacroix hatte etwas von einem schleimigen Aal. Immer wenn man schon glaubte, ihn gepackt zu haben, glitt er einem durch die Finger.

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Als Bount wieder in seinem champagnerfarbenen 500 SL saß, erreichte ihn ein Telefonanruf von June.

"Was gibt es?"

"Bount, hier hat sich gerade jemand am Telefon gemeldet, der seinen Namen nicht nennen wollte. Aber er kannte offenbar die Frau, der du im Central Park geholfen hast."

"Hat er sonst noch was gesagt? Den Namen der Lady vielleicht?"

"Nein, er sprach nur von 'der Kleinen' aus dem Central Park. Es ging ziemlich schnell, Bount. Er wollte dich persönlich sprechen, aber damit konnte ich leider nicht dienen."

"Will er sich wieder melden?"

"Hat er nicht gesagt."

"Hat er wenigstens gesagt, was er von mir will und warum er sich nicht bei diesem Polizei-Terrier in Yonkers meldet? Die ist doch ganz wild auf jemanden, der die Frau identifizieren kann!"

"Keine Ahnung, Bount. Ich habe das Gespräch aufgenommen - wenn man es denn überhaupt so nennen will. Wenn du nachher zurückkommst, kannst du dir die Stimme ja mal anhören. Vielleicht ist es ein alter Bekannter... Was ist übrigens mit der Lacroix-Spur? Ist sie heiß?"

"Eher lauwarm."

Bount wollte schon auflegen, aber da hörte er June sagen: "Ehe ich es vergessen, Bount! Unser Freund Toby Rogers hat sich übrigens ebenfalls gemeldet."

"Wegen den beiden Kerlen, die mir einen unfreundlichen Besuch abstatten wollten?"

"Nein, Bount. wegen der Beretta."

"Und?"

"Vor drei Jahren wurde ein Mann aus dem East River gefischt, der mit dieser Waffe erschossen wurde."

Bount pfiff durch die Zähne.

"Weißt du noch mehr darüber?"

"Rogers geht der Sache nach!"

"Okay. Wer weiß? Vielleicht ist das ja ein Punkt, an dem man ansetzen kann, um das Knäuel zu entwirren."

Ein paar Minuten später hatte Bount Reiniger das Round Midnight erreicht.

Es war schon mehr als ein Jahr, seit er hier zum letzten Mal ermittelt hatte, aber in der Zwischenzeit hatte sich der Laden in erstaunlicher Weise verändert. Aus einem billigen Strip-Lokal war so etwas wie eine Nobel-Disco mit Laser-Show und allen nur denkbaren Schikanen geworden.

Bount staunte.

Um diese Zeit war natürlich an einem Ort wie diesem noch nichts los und so ging er schnurstracks dorthin, wo er Tony Willis' Büro vermutete. Es war immer noch am selben Platz und war eines der wenigen Dinge hier, die sich kaum verändert hatten.

Ja, dachte Bount, von ihrem Outfit her hätten Peters und McCarthy in einen Laden wie diesen hineingepasst.

Tony Willis war alles andere als erfreut, als er Bount hereinplatzen sah. Er erhob sich hinter seinem Schreibtisch. Der Mann, der sich in einen der protzigen Ledersessel geflezt hatte, war wie ein Kleiderschrank gebaut und war vermutlich nicht für die Buchführung angeheuert worden.

Als er Bount eintreten sah, bildeten sich auf seinem konturlosen Gesicht tiefe Furchen, die Schlimmes ahnen ließen. Aber Bount wusste, dass dieser Wachhund nur beißen würde, wenn sein Herr es ihm befahl.

"Was willst du?", fragte Tony Willis. "An deinen letzten Besuch habe keine guten Erinnerungen. Im Endeffekt läuft es doch immer darauf hinaus, dass du mir meine Gäste verscheuchst!"

Bount grinste. "Das könnte auch an den Gästen liegen", meinte er. "Aber wie auch immer . Im Moment ist dein Laden ja leer."

"So etwas spricht sich leider herum."

"Dann machen wir es kurz. Ich will mich mit dir unter vier Augen unterhalten."

Tony Willis atmete tief durch und nutzte diesen Augenblick zum Nachdenken.

Dann wandte er sich an den Gorilla. "Geh ein bisschen frische Luft schnappen", wies er diesen an.

Der Gorilla baute sich zu voller Größe auf, unterzog Bount einer kritischen Musterung und gehorchte dann - mit sichtlichem Widerwillen.

"Scheint sich viel verändert zu haben, was das Round Midnight betrifft."

"Ja. Es ist ganz anderer Laden geworden mit völlig verändertem Publikum!"

"Publikum mit mehr Geld, wie ich annehme."

"Da nimmst du richtig an."

"Ich frage mich, woher das Geld für solche Investitionen kommt..."

Willis verzog das Gesicht. "Wer weiß, vielleicht drucke ich es einfach!"

"Jedenfalls muss jemand viel Geld hier 'reingesteckt haben. Wem gehört das Round Midnight jetzt?"

Willis ließ die Frage unbeantwortet und meinte: "Was willst du hier?"

"Glenn Peters und Miles McCarthy - arbeiten die für dich?"

"Seit ein paar Wochen, ja. Sechs Tage die Woche ab acht Uhr abends. Warum?"

"Dann hast du mir die Kerle auf den Hals geschickt!"

"Für wen hältst du mich!"

Reiniger kramte das Bild von der Yonkers-Toten heraus und hielt es Willis hin.

"Kennst du sie?"

"Nein."

"Sie hat nicht zufällig für dich gearbeitet?"

"Nein, bestimmt nicht. Und ich habe sie auch noch nie hier gesehen. Sie wäre mir aufgefallen, so hübsch wie sie ist." Willis hob die Augenbrauen. "Sonst noch was - oder war es das?"

"Peters und McCarthy, haben die vielleicht noch eine Art 'Nebenjob'?", hakte Bount nach.

Willis zuckte betont gleichgültig die Achseln. "Das geht mich nichts an!", meinte er. "Ich kümmere mich nur um meine Angelegenheiten."

Bount lächelte dünn.

"Diese Sache könnte schneller deine Angelegenheit werden, als dir lieb ist!"

"Was meinst du damit?" Und dann fiel sein Blick erneut auf das Bild der Toten.

Jetzt begriff er. "Ich vergebe keine Mordaufträge, wenn es das ist, was du meinst."

"Wer dann?"

"Kein Kommentar."

"Kennst du jemanden, dem in letzter Zeit vielleicht etwas abhanden gekommen ist? Schwarzgeld, Stoff, irgendetwas in der Art."

Willis kniff die Augen zu engen Schlitzen zusammen und lehnte sich etwas zurück.

Er fühlte sich jetzt sichtlich unwohl in seiner Haut. Bount hatte irgendeine Saite in Willis zum Klingen gebracht. Aber nach dessen Gesicht zu urteilen, musste es wohl ein Misston sein.

"Ich kann mich ja umhören", grunzte Willis.

"Tu das", nickte Bount in der Gewissheit, von diesem Kerl nicht mehr zu hören zu bekommen. Es musste seinen Grund haben, dass Willis auf einmal solche Manschetten bekommen hatte.

Vielleicht lag es daran, dass er besonders nah am Vulkan saß und keine Lust hatte, etwas abzubekommen, wenn er zum Ausbruch kam...

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Der Mann war klein, aber sehr kräftig. Aber das Auffallendste an ihm waren nicht seine breiten Schultern, die ihn noch etwas kleiner wirken ließen, als er in Wirklichkeit war, sondern sein gelocktes, dunkles Haar.

Der Lockenkopf saß in einem Schnellrestaurant mit Blick auf die Straße und kleckerte Hamburgersoße auf die Zeitung, die er vor sich ausgebreitet hatte. WER KENNT DIESE FRAU?, stand dort und er dachte mit einem Anflug von Zynismus: Das hat sie nun davon!

Es war viel schneller zu Ende gewesen, als er gedacht hatte. Er hatte sie eigentlich für etwas cleverer gehalten. Aber die Leute, die sie gejagt hatten, waren mindestens so clever und der Lockenkopf wusste ganz genau, dass er sehr auf der Hut sein musste, wenn er verhindern wollte, dass es ihm genau so erging wie ihr.

Er schlug die Zeitungsseite um. Er konnte dieses Gesicht einfach nicht mehr sehen.

Vielleicht sollte ich einfach verschwinden!, kam es ihm zum ersten Mal in den Sinn. Einfach alles vergessen und sich irgendwo verkriechen.

Aber insgeheim wusste er, dass das keine Möglichkeit war.

Und alles wegen einem kleinen Päckchen!, ging es ihm schmerzhaft durch den Kopf. Aber es gab kein Zurück. Augen zu und durch. Er musste das Päckchen wieder in seine Hände bekommen, und zwar um jeden Preis.

Wenigsten hatte er einen Anhaltspunkt dafür, wo sich das Päckchen befand. Der Lockenkopf grinste. Bount Reiniger, Privatdetektiv...

Ich möchte wissen, wie sie an den gekommen ist!, ging es ihm durch den Kopf.

Der Lockenkopf hatte den Hamburger zu drei Vierteln aufgegessen, da sah er vorne bei der Tür einen Schwarzen hereinkommen, der in seinem edlen Zwirn einfach lächerlich hier wirkte. Der Lockenkopf kannte den Kerl flüchtig. Er war nicht zum Essen gekommen, das lag auf der Hand.

Der Blick des Schwarzen wanderte im Raum umher und hatte den Lockenkopf zwei Sekunden später gefunden.

Er ließ den Rest vom Hamburger fallen und sprang auf. Er musste weg hier. Es war schon beinahe zu spät, aber vielleicht hatte er ja noch eine Chance. Seine beschmierte Hand wanderte unter das Jackett und zauberte eine Pistole hervor.

Wahrscheinlich hätte er sofort abgedrückt und vermutlich auch getroffen, denn er war kein schlechter Schütze.

Doch es kam anders.

Er hatte die Pistole gerade entsichert, da fühlte er, wie etwas sehr Hartes in seinen Rücken gestoßen wurde.

Wahrscheinlich eine Revolvermündung.

"Schön ruhig und nicht umdrehen!", zischte es in seinem Rücken. Eine Hand griff von hinten um ihn herum und langte nach der Pistole des Lockenkopfs. "Haben wir dich endlich, du Ratte!", kam es von hinten. Der Schwarze kam indessen näher, während Gäste und Personal in dem Schnellrestaurant wie erstarrt dastanden.

Der Lockenkopf ahnte, dass er jetzt alles versuchen musste.

Bevor der Hintermann seine Waffe genommen hatte, wirbelte der Lockenkopf herum und ließ die Linke mitten in das Gesicht seines Gegners krachen. Einen Sekundenbruchteil war dieser unfähig, etwas zu tun und das nutzte der Lockenkopf blitzschnell. Er packte den Kerl im Würgegriff und setzte ihm die Pistole an die Schläfe.

"Waffe fallen lassen!" Der Kerl gehorchte. Die Waffe plumpste mit einem unüberhörbaren Geräusch auf die Fliesen.

Der Schwarze hatte indessen ebenfalls unter die Jacke gegriffen und seine Waffe herausgeholt, aber jetzt stand er wie zur Salzsäule erstarrt da.

"Wenn du dich auch nur einen Schritt bewegst, dann ist dein Freund hier erledigt!"

Der Schwarze warf einen unschlüssigen Blick zu seinem Komplizen.

"Tu, was er sagt!", röchelte dieser. Das Blut war ihm aus der Nase geschossen und über das Gesicht gelaufen. Es sah allerdings viel schlimmer aus, als es in Wirklichkeit war.

"Okay, okay", murmelte der Schwarze.

"Die Waffe ganz vorsichtig auf den Tisch!"

"Ich mache alles, was du sagst!"

Irgendjemand wird längst die Polizei gerufen haben!, durchfuhr es den Lockenkopf.

Es wurde Zeit für ihn, zu verschwinden. Das was er jetzt am wenigsten gebrauchen konnte, waren stundenlange Verhöre und dergleichen. Außerdem war er selbst nicht so ganz koscher und würde wohl kaum ungeschoren aus der Sache herauskommen.

"Keine falsche Bewegung!", zischte er den Schwarzen an, als dieser seine Waffe auf den Tisch legen wollte. Der Lockenkopf hatte das kaum merkliche Zucken sehr wohl registriert. Für den Bruchteil einer Sekunde hing alles in der Schwebe.

Und dann machte der Schwarze doch noch eine falsche Bewegung.

Der Lockenkopf hatte das kommen sehen und schoss zuerst. Zweimal. Die erste Kugel ging in die Schulter und riss ihn herum. Die Zweite traf in Bauchnabelhöhe und ließ den Schwarzen wie ein Taschenmesser zusammenklappen.

Der Lockenkopf ließ den Lauf seiner Waffe in der Gegend umherzeigen, aber es drohte von niemandem Gefahr. Keiner wagte es, da einzuschreiten. Er zog den Kerl, den er noch immer im Schwitzkasten hatte, mit sich durch die Hintertür. Das war eine Vorsichtsmaßnahme, die ihm schon seit langem mehr oder weniger in Fleisch und Blut übergegangen war: Nie ein Lokal besuchen, in dem man den Hinterausgang nicht kannte.

Es ging ein paar Stufen hinab durch einen engen Korridor.

Aus der Ferne war eine Polizeisirene zu hören.

Der Lockenkopf stoppte und überlegte eine Sekunde, während sein Gefangener ächzte. Sie tauschten einen Blick. Der Kerl ahnt langsam, dass ich ihn nicht am Leben lassen kann!, ging es dem Lockenkopf durch den Kopf.

"Du bist ein toter Mann!", zischte der Kerl mit der zerschlagenen Nase. "Verlass dich drauf! Du wirst nicht davonkommen."

"Wart's ab!"

"Das hat noch keiner geschafft!"

Blitzschnell steckte der Lockenkopf die Pistole in die Jackentasche, packte dann mit beiden Händen zu und drehte dem Kerl den Kopf herum. Es dauert nur einen Augenaufschlag lang. Bevor der Mann schreien konnte, brach sein Genick.

Der Lockenkopf ließ ihn die Wand hinuntersacken und rannte dann den Korridor entlang. Dann erreichte er den Hintereingang, riss die Tür auf und lief hinaus.

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Bount Reiniger hatte sich die Stimme auf dem Band jetzt zum dritten Mal angehört, aber er war nicht schlauer, als nach dem ersten Mal.

Er schüttelte entschieden den Kopf.

"Nein, diese Stimme habe ich noch nie gehört."

"Er wird sich ja vielleicht wieder melden", erwiderte June. "Was kann das sein, worum es hier geht? Dieser Anrufer glaubt, dass du dir etwas unter den Nagel gerissen hast, das dir nicht gehört - und Peters und McCarthy hatten wohl ähnliche Gedanken. Also, wenn du mich fragst, dann hast du am Montagmorgen einer Diebin geholfen."

Bount zuckte mit den Schultern.

"Ja, sieht so aus. Ich habe versucht, von Tony Willis zu erfahren, wem Rauschgift oder Schwarzgeld abgenommen wurde. So etwas kommt ja immer wieder mal vor."

"...obwohl es doch so etwas wie ein sicheres Todesurteil ist!", gab June zu bedenken.

"Daran denken die wenigsten. Sie sehen nur den schnellen Profit. Stell dir vor, da liegt eine Million und du brauchst nur zuzugreifen."

June lächelte. "So etwas stelle ich mir lieber nicht vor."

Etwas später kam dann der zweite Anruf des Unbekannten.

Reiniger nahm ab. Er erkannte die Stimme sofort wieder.

"Sie sind am Montag im Central Park einer jungen Frau begegnet, Mister Reiniger...", begann der Unbekannte. "Und ich nehme, dass sie etwas Bestimmtes bei Ihnen deponiert hat."

"Wer sind Sie?", fragte Bount.

"Das tut nichts zur Sache."

"Haben Sie Peters und McCarthy hinter der jungen Frau hergeschickt?"

"Die beiden Gorillas? Nein. Da liegen Sie völlig falsch. Aber ich habe beobachtet, wie Sie die beiden abgefertigt haben. Alle Achtung! Aber auf die Dauer werden Sie so nicht durchkommen..."

Bount seufzte. "Etwas genauer hätte ich es schon ganz gerne..."

"Ich kann Ihnen aber sagen, dass Sie auf der Todesliste einiger sehr einflussreicher Leute stehen, Reiniger."

"Weshalb?"

"Können Sie sich das nicht denken?"

"Und wer steckt dahinter?"

"Ich dachte mir, Sie dass interessiert sind, das zu erfahren, Reiniger. Aber meine Auskunft ist nicht umsonst."

"Sie wollen das Päckchen?"

"Ihr Leben sollte Ihnen schon soviel wert sein, Reiniger."

Bount überlegte kurz. Dann sagte er: "Okay." Er hatte nichts, was er dem Kerl anbieten konnte. Aber vielleicht kam er ja trotzdem ein Stück weiter, wenn er sich mit dem Anrufer traf.

Der Unbekannte gab in knappen Worten Ort und Zeit an und legte dann auf. Bount blickte auf die Uhr an seinem Handgelenk. Er hatte eine gute halbe Stunde.

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Bount setzte sich sofort in seinen 500 SL, um zum Treffpunkt zu fahren. Der Ort, den der Anrufer angegeben hatte, war ein Hinterhof und da war es ratsam, ein bisschen früher dort zu sein. Schließlich konnte es sich ja auch um eine Falle handeln.

Ein paar Minuten erst hatte sich Bount in den Verkehr eingefädelt, da war er sich bereits ziemlich sicher, verfolgt zu werden. Bount hatte das einfach zu oft erlebt.

Da entwickelte man für solche Dinge eine Art sechsten Sinn.

Es war ein schwarzer Mitsubishi mit getönten Gläsern.

Bount machte an einer Ampel die Probe aufs Exempel. Nachdem er sich bereits die Geradeaus-Spur eingeordnet hatte, zog abrupt nach rechts herüber, als es dort grün wurde. Jemand hupte und zeigte ihm einen Vogel. Bount hatte Glück, seinen Mercedes ohne Kratzer auf die Abzweigung zu bringen.

Es vergingen kaum ein paar Minuten, da hatte Bount den Mitsubishi wieder hinter sich. Der Fahrer war nur als Schemen erkennbar.

Der Privatdetektiv blickte in den Rückspiegel und versuchte, sich das Nummernschild zu merken.

Bount beschleunigte plötzlich, zog mit quietschenden Reifen an einem Müllwagen vorbei und bog in eine Nebenstraße, in der kaum Verkehr herrschte. Die Gerade nutzte Bount, um etwas Abstand zwischen sich und seinen Schatten zu legen.

Durchschlagenden Erfolg brachte das allerdings auch nicht.

Der Mitsubishi ließ sich nicht abhängen und solange Bount ihn auf den Fersen hatte, konnte er nicht zu dem Treffpunkt mit dem Unbekannten.

Vielleicht will der Kerl gar nicht mich!, ging es Reiniger durch den Kopf. Es konnte ja genau so gut sein, dass der Verfolger im Mitsubishi hoffte, über Bount an den Unbekannten heranzukommen - jemanden, der vielleicht eine viel wichtigere Rolle in diesem undurchsichtigen Schachspiel innehatte.

Die ganze Sache artete zu einem immer undurchsichtiger werdenden Spiel aus.

Wird Zeit, dass ich den Spieß mal umdrehe!, dachte Bount.

Nachdem der Mitsubishi ihm um eine weitere Ecke gefolgt war, jagten sie eine Einbahnstraße entlang.

Plötzlich schwenkte Bount in eine Parklücke am Straßenrand ein. Es war die einzige Lücke auf mehr als zweihundert Meter und so blieb dem Verfolger nichts anderes übrig, als an Bount vorbeizuziehen, zumal er noch einen ungeduldigen Lkw im Nacken hatte.

Bount grinste, als er den Kerl fluchen und wütend gegen das Lenkrad schlagen sah.

Für einen kurzen Augenblick sah er auch sein Gesicht - oder besser gesagt das, was die übergroße Sonnenbrille und der hochgeschlagene Mantelkragen davon übrig ließen.

Reiniger sah eine Zahnkrone blinken, aber alles in allem würde das, was er zu Gesicht bekommen hatte, kaum reichen, den Kerl je zu identifizieren.

Als der Mitsubishi gezwungenermaßen an Reinigers Mercedes vorbeigezogen und der Müllwagen mit seinen zischenden Bremsen die Straße freigegeben hatte, riss Bount das Lenkrad ganz herum, trat auf das Gaspedal und ließ den 500 SL die Einbahnstraße in umgekehrter Richtung entlang brausen. Ein VW und ein Buick wichen in letzter Sekunde zu den Seiten aus. Bount erntete böse Blicke und ein mittleres Hupkonzert. Ein Lieferwagen stoppte direkt vor ihm, so dass Bount auf den Bürgersteig ausweichen musste.

Als er die nächste Ecke erreicht hatte, war er gerettet. Der Privatdetektiv blickte sich kurz um. Bount erblickte noch die Rückfront des Müllwagens. Von dem Mitsubishi war nichts zu sehen.

Bount fädelte sich wieder in den Verkehr ein und warf einen kurzen Blick auf die Uhr. Es würde knapp werden, wenn er noch pünktlich am Treffpunkt sein wollte.

Bount fuhr noch einen kleinen Umweg. Ein paar Schnörkel konnten nicht schaden.

Er wollte sichergehen, den Verfolger auch wirklich abgehängt zu haben.

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Die Farbe blätterte von der Hausfassade, aber niemand schien Interesse daran zu haben, hier mal für einen neuen Anstrich zu sorgen. Diese Straße hatte in ferner Vergangenheit sicher einmal bessere Zeiten erlebt, aber davon war kaum noch etwas zu sehen.

Einige uralte Leuchtreklamen, die längst nicht mehr in Betrieb waren, zeugten noch davon, dass es hier sogar einmal Geschäfte gegeben hatte. Aber die waren alle verschwunden. Jetzt war hier Slum.

Bount stellte den Mercedes am Straßenrand ab und hoffte, ihn noch vorzufinden, wenn er zurückkam.

Er stieg aus.

Leichter Nieselregen fiel aus dem grauen Himmel und der Privatdetektiv schlug sich den Kragen hoch. Seine Rechte war in der Manteltasche und umfasste den Griff seiner Automatic.

Er musste auf der Hut sein. Vielleicht suchte nur irgendjemand eine passende Gelegenheit, um ihn an unauffälliger Stelle vom Leben zum Tod zu befördern.

Bount musste mit allem rechnen.

Er warf einen Blick auf die Hausnummern. Hier war er richtig. Bount gelangte durch eine enge Schlucht zwischen zwei schmuck- und fensterlosen Hauswänden in einen tristen Hinterhof. Er sah einen fast völlig ausgeschlachteten Ford, der an allen Vieren aufgebockt war.

Dahinter bewegte sich etwas.

Bount kam etwas näher heran, und dann sah er, was los war.

Zwei Kerle beugten sich über einen Mann, der reglos am Boden lag.

Die beiden wirbelten herum, als sie Bount bemerkten. Die beiden waren sicher noch unter zwanzig und trugen Blousons, die mit martialischen Emblemen bedruckt waren.

Der Mann am Boden war mit Sicherheit nicht mehr am Leben. Eine Kugel hatte ihm die Schläfe so zerschmettert, dass da nicht die leiseste Chance eines Irrtums bestand.

Die Kerle blickten Bount abwartend an. Einer von ihnen hatte noch die Brieftasche des Toten in der Hand.

Einen Augenblick lang geschah gar nichts. Aber Bount bemerkte die Anspannung bei seinen Gegenübern. In ihren Augen blitzte es. Dann griff der Rechte von ihnen unter seine Jacke. Bount hatte es instinktiv erwartet, riss die Automatic heraus und kam dem Kerl zuvor, unter dessen Blouson sich eine Pistole befand.

Der junge Mann erstarrte zur Salzsäule, bevor er die Waffe richtig in Anschlag gebracht hatte. Er kniff die Augen zu engen Schlitzen zusammen und blickte direkt in die Mündung der Automatic.

"Schön ruhig!", befahl Bount.

"Ein Bulle", meinte der andere, den die Panik erfasst zu haben schien, aber auch er wagte keine Bewegung. "So ein verdammter Mist!", knurrte er missmutig vor sich hin.

"Waffe auf den Boden", knurrte Bount.

Der Kerl zögerte noch eine Sekunde, tat dann so, als wollte er die Pistole tatsächlich zu Boden fallen lassen und riss sie dann urplötzlich in die Höhe.

Kurz hintereinander bellten zwei Schüsse auf.

Der erste kam von Bount und erwischte den Kerl am Arm, dessen Kugel ins Nichts abgelenkt wurde. Jetzt erst fiel die Pistole zu Boden. Der Kerl hielt sich den Arm und fluchte vor sich hin.

"Das wäre nicht nötig gewesen", stellte Bount kühl fest und kam etwas näher, bis die Pistole direkt zu seinen Füßen lag. Bount blickte kurz abwärts. Kaliber acht Millimeter, genau wie bei der Toten in Yonkers.

Bount deutete mit dem Lauf der Automatic auf den Toten.

"Wart ihr das?"

"Nein, er war schon tot! Ich schwör's!", rief der, der sich die Brieftasche genommen hatte. Der andere kämpfte im Augenblick so sehr mit seinen Schmerzen, dass er ohnehin nicht viel hätte sagen können.

"Wenn der Kerl mit der Waffe deines Freundes umgebracht wurde, wird sich das herausstellen!", meinte Bount.

"Die Waffe? Die kommt doch von ihm!" Dabei deutete er auf den Toten. "Schauen Sie ruhig nach! Er trägt unter dem Jackett ein Schulterholster. Die Pistole paßt haargenau hinein!"

Bount streckte die Hand aus.

"Die Brieftasche, wenn ich bitten dürfte!"

Der Kerl warf sie herüber und Bount schnappte sie aus der Luft. Der Inhalt war nicht weiter ungewöhnlich. Führerschein, Kreditkarten, etwas Bargeld. Der Tote hieß Dick Fowler - ein Name, der Bount im Moment noch nichts sagte.

Aber er hätte seinen 500 SL dafür verwettet, dass es sich um den Mann handelte, der ihn unbedingt hatte sprechen wollen. Bount ging zu der Leiche. So ein Schuss in die Schläfe war kein schöner Anblick. Das Gesicht hatte nur noch entfernte Ähnlichkeit mit dem, das in dem Führerschein abgebildet war.

Es war ein kleiner, drahtiger Mann mit einem Lockenkopf.

Bount schlug Mantel und Jackett des Toten zur Seite. Da war tatsächlich ein leeres Holster.

Aller Wahrscheinlichkeit nach waren die beiden Kerle tatsächlich nur Leichenfledderer und nicht die Mörder.

"Was habt ihr gesehen?", fragte Bount.

"Nichts!", knurrte der Verletzte. Und der andere meinte: "Ich sagte doch, als wir kamen, war schon alles passiert."

"Habt ihr keinen Schuss gehört?"

"Nein."

"Und sonst irgendetwas?"

"Jemand lief weg, jemand der ziemlich elegant gekleidet war und in einen tollen Schlitten stieg."

"Was für ein Schlitten?"

"Ein BMW."

"Nach der Autonummer brauche ich wohl nicht zu fragen..."

"Was denken Sie sich eigentlich! Glauben Sie, wir haben nichts Besseres zu tun, als uns Autonummern zu merken?"

"Na, das würde jedenfalls niemandem schaden!"

Der Verletzte verzog das Gesicht. "Ha, ha, sehr witzig!", knurrte er gallig. Der andere hob ein wenig die Hände und meinte: "Vielleicht können wir uns irgendwie einigen... Ich meine, es ist doch nicht unbedingt nötig, dass Sie uns aufs Revier schleppen und so. Wir könnten..."

"Was war mit der Mann, der davonrannte?", schnitt Bount ihm das Wort ab.

"Wie sah er aus?"

"Er hatte Schlitzaugen. An mehr kann ich mich nicht erinnern. Ich dachte mir noch: Der gehört doch eigentlich nicht in diese Straße!"

"Schlitzaugen?"

"Wie ein Chinese!"

Bount bewegte den Lauf seiner Automatic hin und her. "Verschwindet!", meinte er.

Es dauerte eine volle Sekunde, ehe sie begriffen hatten und sich in Marsch setzten.

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"Dick Fowler...", murmelte Toby Rogers, als er mit seinen Leuten am Tatort war.

"Irgendwie kommt mir der Name bekannt vor", meinte der dicke Captain nachdenklich. "Verdammt! Ich weiß nur noch nicht, wo ich ihn einordnen soll!"

Bount lächelte dünn.

"Es fällt dir bestimmt wieder ein, Toby!"

Rogers blickte auf. "Wollen es hoffen!"

"Wie wär's, wenn sich deine Leute mal ein bisschen umhören, wem in der Unterwelt etwas Wertvolles abhanden gekommen ist, Toby! Stoff, Schwarzgeld, irgendetwas in der Art."

"Du glaubst, darum geht es?"

"Worum sollte es sonst gehen? Jemand hat die Hand ausgestreckt und konnte nicht nein sagen."

"Du sprichst von der Lady in Yonkers?"

"Vielleicht." Bount deutete auf die Leiche, die gerade hinter einem Spurensicherer verborgen war. "Vielleicht aber auch dieser Dick Fowler."

Rogers nickte. "So könnte es sein."

"Hast du übrigens eine Ahnung, wessen Geld das Round Midnight derartig aufgemöbelt hat?"

"Meinst du diese Kaschemme an der Bowery?"

"Jetzt ist es ein Luxusladen."

"Ich werde mich bei den Kollegen von der Sitte umhören", versprach Rogers. "Ich habe da einige Gerüchte gehört."

Reiniger zog die Augenbrauen hoch. "Was für Gerüchte?"

"Harry Dominguez soll einige alte Schuppen aufgekauft und auf Vordermann gebracht haben. Natürlich über Strohmänner, damit es nicht so auffällt."

Bount pfiff durch die Zähne. "Der Harry Dominguez?"

"Ja, ganz recht", nickte der dicke Captain. Dominguez hatte seine Finger in allem, was profitabel war. Um Gesetze und Menschenleben pflegte er sich dabei weniger zu kümmern. Angeblich war er ein ganz großer Hecht im Drogen-Teich. "Du weißt", fuhr Rogers fort, "Leute wie Dominguez brauchen Orte, an denen sie ihr Geld waschen können... Das Round Midnight kann er dazu so gut wie jeden anderen Laden gebrauchen. Und bei der Richtigen Aufmachung zieht es auch zahlungskräftiges Publikum an. Leute, die Koks nehmen, um 24 Stunden am Tag Geld verdienen zu können, sind eine einträglichere Kundschaft, als arme Junkies vom Straßenstrich."

"Kann ich mir denken."

Details

Seiten
140
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738919394
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v420926
Schlagworte
fall bount reiniger tote namen

Autor

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Titel: Ein Fall für Bount Reiniger - Die Tote ohne Namen