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Arztroman Sammelband: Drei Romane - Liebe auf der Intensivstation und andere Romane

von A. F. Morland (Autor) Glenn Stirling (Autor)
2018 400 Seiten

Leseprobe

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Arztroman Sammelband: Drei Romane - Liebe auf der Intensivstation und andere Romane

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Arztromane von Glenn Stirling und A.F.Morland

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DIESES BUCH ENTHÄLT folgende Arztromane:

A.F.Morland: Wenn du Schreckliches erfährst

A.F.Morland: Der Traum der Krankenschwester

Glenn Stirling: Liebe auf der Intensivstation

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DIE EHE VON KARIN UND Lutz von Haunstein ist ein einziger Scherbenhaufen. Zehn Jahre hat Karin die Lieblosigkeit ihres Mannes, eines Düsseldorfer Staranwalts, ertragen und tapfer über seine Seitensprünge hinweggesehen – hatte seinetwegen ihren Beruf aufgegeben und sogar auf Kinder verzichtet. Doch nun ist das Maß voll. Karin verlässt den Treulosen und geht nach Bonn, um in der Paul-Ehrlich-Klinik wieder als Ärztin zu arbeiten. Kaum hat sie Fuß gefasst und sich Hals über Kopf in einen Mann verliebt, da fordert Lutz seine Frau auf, zu ihm zurückzukommen, weil er seiner Geliebten den Laufpass gegeben hat. Und der erfolgreiche Anwalt hat noch immer bekommen, was er wollte ...

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Wenn du Schreckliches erfährst

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Arzt-Roman von A. F. Morland

Der Umfang dieses Buchs entspricht 116 Taschenbuchseiten.

Allen in der Seeberg-Klinik fällt es auf: Dr. Yvonne Wismath wird von Tag zu Tag schöner! Ihr strahlendes Lächeln ist ansteckend, ihr Optimismus zusätzliche Medizin für die ihr anvertrauten Patienten. Dr. Kayser weiß, was seine ehemalige Studienkollegin so verändert hat: die Liebe! Nach einer Beziehung, die keine Erfüllung fand, hat Yvonne jetzt endlich den richtigen Partner gefunden! Walter Schmidt ist ein Mann, wie ihn sich jede Frau erträumt: liebevoll, zärtlich, ritterlich. Yvonne ist glücklich wie nie zuvor. Doch dann kommt der Tag, an dem sie über Walter Schmidt Schreckliches erfährt . . .

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

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Alle Rechte vorbehalten.

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Icke, Sie werden immer hübscher, wie machen Sie das bloß?“, fragte Dr. Sven Kayser gut gelaunt, als seine tüchtige Sprechstundenhilfe Gudrun Giesecke aus Berlin, man hörte es noch immer ganz deutlich, obwohl sie seit einer Ewigkeit in München lebte, zur Tür hereinkam.

Vierundsechzig war sie, aber so robust wie eine Dreißigjährige und angenehm zuverlässig. Dr. Kayser wollte gar nicht daran denken, was sein würde, wenn die Perle von der Spree eines Tages zu ihm sagte: „Herr Doktor, ick höre uff.“

Jetzt sah sie ihn mit einem langen, prüfenden Blick an. „Woher die jute Laune, Chef?“

,,Es ist ein wunderschöner Tag, ich bin mit dem richtigen Fuß zuerst aufgestanden“, und habe eine wundervolle Nacht mit Solveig Abel hinter mir, fügte er in Gedanken hinzu, „da kommt die jute Laune ganz von selbst.“

„Und deshalb machen Se mia jleich ’nen Heiratsantrag?“

„Moment, Icke, wir wollen die Kirche doch schön im Dorf lassen, ja? Ich habe lediglich gesagt ...“

„Tut mir leid, wenn ick Se falsch vastanden habe, Chef“, schmunzelte die füllige Sprechstundenhilfe schelmisch.

„Augenblick mal, wer nimmt hier eigentlich wen auf den Arm?“

Schwester Gudrun ging nicht darauf ein. „Wenn Se seelisch so toll in Form sind, sind Se heute bestimmt ooch außerjewöhnlich belastbar“, meinte sie. „Det trifft sich ausjesprochen jut, denn ick habe det Wartezimmer voller Patienten.“

Sven Kayser rieb sich die Hände und sagte: „Nun, dann wollen wir uns gleich tüchtig in die Riemen legen, nicht wahr?“

So begann an diesem herrlichen Maitag die Vormittagssprechstunde des Grünwalder Arztes. Die erste Patientin hatte – sie schämte sich deswegen unsinnigerweise – Hämorrhoiden. Es war bei Berta Fallenberg, so hieß die Frau, eine Berufskrankheit. Sie war Sekretärin in einem Münchner Brauereibetrieb und saß von morgens bis abends am Schreibtisch.

„Dieses ewige Sitzen bringt mich noch um“, klagte Frau Fallenberg, die für ihre Größe viel zu schwer war.

Sven Kayser konnte ihr die Empfehlung, abzunehmen, nicht ersparen.

Berta Fallenberg seufzte gequält. „Was glauben Sie, wie oft ich in den vierzig Jahren, die ich auf der Welt bin, schon abgenommen habe, Herr Doktor. Ich nehme ab und zu und ab und zu ... Ich übertreibe bestimmt nicht, wenn ich behaupte, dass ich insgesamt schon an die fünfhundert Kilo abgenommen und leider auch wieder zugenommen habe. Die Versuchungen im Büro sind einfach zu groß. Mal hat die Kollegin Geburtstag, mal hat der Kollege etwas zu feiern. Kunden überhäufen mich mit köstlichen Pralinen, und ich kann so schrecklich schwer widerstehen. Wenn der Geist auch willig ist, das Fleisch ist furchtbar schwach, und wenn ich mich hinterher auf die Waage stelle, würde ich mich am liebsten ohrfeigen.“

Sven Kayser untersuchte die Patientin kurz, dann durfte sie sich wieder anziehen. Wichtig war für Frau Fallenberg eine dauerhafte Stuhlhygiene, deshalb empfahl Dr. Kayser der Patientin, morgens und abends eine Tasse Abführtee zu trinken, damit stärkere Stauungszustände vermieden wurden. Außerdem riet Sven Kayser der Frau zu vegetarischer Rohkost.

„Eine Umstellung der Ernährung wird raschen Erfolg bringen“, sagte der Grünwalder Arzt. „Häufige, aber kleine Mahlzeiten“, fuhr er fort. „Verboten sind Salz und salzhaltige Speisen wie Käse, Wurst und Fischkonserven, und natürlich sollten Sie auch keinen Alkohol trinken, Frau Fallenberg.“

„Tu ich sowieso nicht.“

„Dann ist es gut. Radfahren und Reiten ist verboten. Machen Sie jeden Tag einen Spaziergang von dreißig Minuten, und nehmen Sie hiervon dreimal täglich dreißig Tropfen.“ Dr. Kayser reichte der Patientin ein Rezept. „Ein Rosskastanienextrakt“, erklärte er dabei. „Hat sich seit Langem bewährt und ist garantiert unschädlich.“

„Deshalb komme ich so gern zu Ihnen“, sagte Berta Fallenberg lächelnd. „Sie pumpen Ihre Patienten nicht immer gleich mit Chemie voll.“

„Es wäre wenig sinnvoll, mit Kanonen auf Spatzen zu schießen.“

„Leider denken nicht alle Ärzte so“, sagte Berta Fallenberg und schob das Rezept in ihre Handtasche. Dann verabschiedete sie sich.

Der nächste Patient war schlimmer dran: Ihm war ein Magengeschwür aufgebrochen. Er klagte über heftige Schmerzen im Oberbauch, und sein Stuhl war seit gestern schwarz. An Magengeschwüren erkranken vorwiegend Menschen mit schmächtigem Körperbau, sogenannte Leptosomen. Walter Schmidt war ein Paradebeispiel dafür.

Er war mittelgroß und so schmal wie ein Windhund. Dr. Kayser behandelte seit Wochen mit mäßigem Erfolg seinen chronischen Magenkatarrh.

Er hatte befürchtet, dass es zum Aufbruch des Geschwürs kommen würde, denn er wusste, dass der Patient weiter seine Ernährungsfehler machte und die empfohlene Diät nicht einhielt. Zudem war Walter Schmidt ein sehr starker Raucher und nicht fähig, seinen Nikotinkonsum – was sehr wichtig gewesen wäre – drastisch einzuschränken.

Und er trank weiter seine Schnäpse, als hätte es ihm Dr. Kayser niemals verboten. Es war nicht leicht, so einem unvernünftigen Patienten zu helfen.

Magengeschwür-Kranke befinden sich nahezu immer in einer unbefriedigenden Lebenssituation, welche ihrem Ehrgeiz nicht gerecht wird, sie sind „Vagotoniker“, das heißt, bei ihnen überwiegen Eingeweide erregende Reize.

Sven Kayser wusste von Walter Schmidt, dass er mal ein ziemlich erfolgreicher Grafiker in einer großen Werbeagentur gewesen war. Eines Tages hatte man ihm einen neuen Chef vor die Nase gesetzt, dem hatte diese Nase nicht gefallen, und so hatte es nur zwei Monate gedauert, bis man sich in beiderseitigem Einvernehmen getrennt hatte.

Seither arbeitete Walter Schmidt nur noch gelegentlich und lebte mit Gleichgesinnten immer in Geldschwierigkeiten – in einer Wohngemeinschaft.

„Tja, Herr Schmidt“, sagte Sven ernst. „Ich hab’ das kommen sehen.“

„Sieht nicht gut für mich aus, was?“ Der Patient fuhr sich mit den nikotinbraunen Fingern durch das dunkle Haar.

„Sie haben trotz meiner ausdrücklichen Verbote weiter gesündigt.“

„Ich bin ein Idiot. Ich weiß, Herr Doktor. Aber wer kann schon raus aus seiner Haut? Jeder ist, wie er ist.“

„An einem dermaßen unvernünftigen Menschen kann ich natürlich kein Wunder vollbringen.“

„Das ist mir klar“, erwiderte Walter Schmidt nüchtern. „Sagen Sie mir nur eines, Herr Doktor: Muss ich operiert werden?“

„Möglicherweise kommen Sie darum herum.“

Schmidt grinste. „Das höre ich nicht ungern. Wem macht es schon Spaß, sich den Bauch aufschneiden zu lassen, nicht wahr?’’

„Aber eine Einweisung in die Seeberg-Klinik kann ich Ihnen leider nicht ersparen“, sagte Sven Kayser.

„Einverstanden“, nickte Walter Schmidt. „Vielleicht kriegt man mich da mit Medikamenten und ’ner strengen Diät wieder hin. Ich schlucke alles, die größten Kapseln kriege ich runter wie nichts. Darin bin ich Weltmeister.“

„Magengeschwüre können immer wiederkommen, Herr Schmidt. Sie sollten Ihre Lebensgewohnheiten ändern, sollten wieder einer geregelten Arbeit nachgehen und sich bemühen, glücklich und zufrieden zu werden.“

„Ich bin glücklich und zufrieden“, behauptete der Patient.

„Wenn Sie das glauben, belügen Sie sich selbst, Herr Schmidt“, konterte Sven ungerührt. „Weniger Zigaretten, kein Alkohol ...“

„Ich werde darüber nachdenken, Herr Doktor.“

Sven Kayser griff nach einem Einweisungsformular und begann zu schreiben.

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Die große Wohnung befand sich in Schwabing, in der Leopoldstraße. Sechs Zimmer, alle mit zwei Personen belegt. Nur Walter Schmidt wohnte zur Zeit allein.

Bis vor Kurzem hatte Olivia mit ihm Zimmer und Bett geteilt. Olivia Hammersfeldt, eine hysterische, überspannte Ziege. Nicht auszuhalten war sie manchmal gewesen!

Walter Schmidt war froh, dass es vorbei war. Olivia trug mit Sicherheit ein gerüttelt Maß Schuld daran, dass er ein Magengeschwür bekommen hatte.

Glück für sie, dass sie freiwillig gegangen war, sonst hätte er sie nämlich eigenhändig hinausgeworfen. Sie hatte sich eingebildet, Tänzerin zu sein, dabei war ihr Herumgehopse, das sie für einen Ausdruck höchster Kunst gehalten hatte, nur lächerlich und peinlich gewesen.

Alle in der Wohngemeinschaft hatten sich – mehr oder weniger offen – gewundert, dass Olivia ein Engagement bekommen hatte. Als Tänzerin! Um die Welt der Musen musste es schlecht bestellt sein, wenn man auf „Künstler“ wie Olivia Hammersfeldt, die nur unwesentlich gelenkiger war als ein Spazierstock, zurückgreifen musste.

Auf Tournee war sie gegangen, und man war in der Wohngemeinschaft der einhelligen Meinung, dass Olivia mit dem Tourneeleiter geschlafen haben musste, um von ihm berücksichtigt zu werden. Denn das konnte sie. Das musste ihr Walter Schmidt ohne Wenn und Aber zugestehen.

Als Schmidt die Wohnung, betrat, sprang ihn eine brütende Stille an. Niemand war da. Alle waren weg, waren lange vor ihm zur Arbeit gegangen.

Er war diese Leere gewöhnt, denn er war der einzige, der nicht zur Arbeit ging. Wenn er arbeitete, dann tat er es hier, in seinem Zimmer.

Er ging in die Gemeinschaftsküche und nahm eine Flasche Weißbier aus dem Kühlschrank. Das Geld dafür warf er in einen offenen Schuhkarton, der daneben stand.

So wurde es hier gehandhabt. Es lagen bereits einige Münzen und Banknoten im Karton. Niemandem wäre es eingefallen, sein Bier nicht zu bezahlen. So unterschiedlich die Leute auch waren, die in dieser Wohnung lebten, man konnte einander vertrauen, und das war eminent wichtig. Man konnte getrost seine Geldbörse irgendwo liegen lassen, tagelang – niemand hätte sich daran heimlich bedient.

Walter Schmidt ging mit der Bierflasche in sein spartanisch eingerichtetes Zimmer. Ein Schrank, ein Bett, ein Tisch, ein Stuhl, das war alles. Mehr brauchte er nicht. Alles andere war Luxus, und den konnte er sich bei den Einkünften, die noch magerer waren als er, nicht leisten. Er zündete sich gedankenverloren eine Zigarette an und setzte die Flasche an die gespitzten Lippen. Aber schon der erste Schluck bekam ihm nicht.

„Verdammt!“, entfuhr es ihm mit schmerzverzerrtem Gesicht. Hart stellte er die Bierflasche auf den Tisch. Wütend stieß er die Zigarette in den Aschenbecher. „Verdammt!“

Er setzte sich aufs breite Bett und massierte stöhnend seinen Magen. Wie konnte er nur so blöd sein? Wurde er denn nie gescheiter?

Draußen fiel die Eingangstür krachend ins Schloss. Walter Schmidt hörte Schritte. Er kannte dieses Stampfen. So ging nur einer: Felix Lehmann, der lange Blonde mit den unwahrscheinlichen X-Beinen. Er war Pizzabäcker in einem schmuddeligen Schwabinger Lokal.

Walter Schmidt stand auf und ging zur Tür. Die Schmerzen hatten nachgelassen. Er öffnete die Tür. Felix Lehmann fuhr erschrocken herum.

„Ach, du bist es“, stieß er heiser hervor und entspannte sich.

Walter Schmidt grinste. „Was dachtest du denn? Der Geist von ’ner vermoderten Ahnfrau?“

Felix Lehmann zuckte die Schultern. „Na ja, ich nahm an, die Wohnung wäre leer, und ich war in Gedanken.“

„Wieso bist du hier und nicht in der Pizzeria? Hat dich dein Chef hinaus geschmissen? Ist er endlich dahintergekommen, dass du es bist, der alle seine Gäste vergiftet?“

„Blödmann. Meine Pizza kann jeder gefahrlos essen.“

„Mir wurde schon mal schlecht davon“, behauptete Walter Schmidt.

„Ist ja gar nicht wahr. Du hattest zu viele Schnäpse getrunken. Die sind dir nicht bekommen.“ Felix eilte in sein Zimmer. Die Tür ließ er auf. „Einer der Gäste möchte die Fotos vom Tegernsee sehen.“

Walter staunte. „Und die zeigst du ihm?“

„Warum denn nicht? Es sind herrliche Aufnahmen. Die brauche ich nicht zu verstecken.“

„Auf der Hälfte davon ist deine Freundin Julia doch splitterfasernackt“, wandte Walter ein.

„Die sortiere ich natürlich aus.“ Felix verließ mit den herzeigbaren Bildern das Zimmer. Er stutzte. „Sag mal, wolltest du nicht heute zum Arzt gehen?“

„Da war ich schon.“

„Und was sagt der Doktor?“, erkundigte sich Felix.

„Ich muss ins Krankenhaus“, brummte Walter.

„Wirklich? Operieren?“

Walter hob die schmalen Schultern. „Das steht noch nicht fest.“

„Ich drück’ dir die Daumen, dass du nicht unters Messer musst. Julia und ich kommen dich selbstverständlich besuchen, und alle anderen Mitglieder unserer Wohngemeinschaft auch. Wir sind ja so etwas wie eine große Familie.“

Walter grinste wieder. „Ja, eine große, glückliche Familie sind wir.“

„Ich muss gehen.“

„Ciao. Lass keine Pizza anbrennen.“

„Wir sehen uns heute Abend“, sagte Felix.

„Ja, zum letzten Mal bis auf Weiteres, denn ab morgen residiere ich in der Seeberg-Klinik.“

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Man konnte das Magengeschwür zwar ausheilen, aber Dr. Ulrich Seeberg, der

Chef der Klinik, erklärte, damit sei nicht viel gewonnen.

„Sie meinen, ich werde bald wieder ein Geschwür haben“, sagte Walter Schmidt. „Ich bin der Typ dafür, nicht wahr?“

„Das ist eine bedauerliche Tatsache, Herr Schmidt.“

Der Patient nickte mit gefurchter Stirn. „Das hat mir Dr. Kayser auch schon gesagt.“

„Manche Menschen neigen ein Leben lang zum Ulcus ventriculi.“

„Kann man dagegen denn gar nichts tun?“, fragte der Patient.

„Doch. Um der erneuten Bildung eines Magengeschwürs vorzubeugen, kann man den Vagusnerv durchtrennen, um die Eingeweide erregenden Reize zu unterbinden.“

„Wollen Sie mir eine solche Operation vorschlagen?“

„Der Eingriff ist relativ harmlos“, sagte Dr. Ulrich Seeberg.

„Und ich werde danach nie wieder ein Magengeschwür haben?“, fragte Walter Schmidt.

„Das kann ich Ihnen nicht versprechen, denn es gibt auch noch andere auslösende Faktoren für ein Ulcus ventriculi, aber die Wahrscheinlichkeit einer erneuten Erkrankung wird nach der Vagusnerv-Operation sehr gering sein.“

Der Patient musterte den Klinikchef nachdenklich. „Wäre nicht klug, wenn ich mich nicht operieren ließe, wie?“

„Die Entscheidung liegt bei Ihnen.“

„Wenn Sie an meiner Stelle wären, würden Sie sich operieren lassen?“

„Auf jeden Fall“, antwortete Dr. Seeberg sofort.

„Tja, dann bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als zuzustimmen“, meinte Walter Schmidt schweren Herzens. „Aber begeistert bin ich von Ihrem Vorschlag nicht, das möchte ich Ihnen nicht vorenthalten, Dr. Seeberg.“

Die Operation verlief ohne Komplikationen. Walter Schmidt bekam jeden Tag Besuch. Von Felix Lehmann und Julia Krantz, von Oliver Hellnwein und Saskia Fröhlich, von Roman Stolze und Grete Straak, und sogar von Dr. Sven Kayser.

„Ich hab’ hier keine Langeweile“, grinste der Grafiker, als Sven bei ihm war. „Meine Freunde geben sich die Türklinke in die Hand. Sie müsste schon fast so abgenutzt sein wie die von der christlichen Wohlfahrt. Ehrlich, zu Hause kriege ich die ganze Bande nicht so oft zu sehen. Tut gut, zu wissen, dass sie einen mögen.“ Er senkte den Blick. „Man fürchtet sich vor so ’ner Operation eigentlich mehr, als es nötig ist.“

„Wie fühlen sie sich?“, fragte Dr. Kayser, der Belegarzt an der Seeberg-Klinik war.

„Schon recht gut.“

„Ich würde es begrüßen, wenn Sie sich nach Ihrer Entlassung wieder in meiner Praxis blicken ließen“, sagte Sven Kayser. „Zur Kontrolle.“

Walter Schmidt grinste. „Ich werde Ihnen Gelegenheit geben, sich davon zu überzeugen, dass mich Ihr Freund Dr. Seeberg wieder prima hingekriegt hat.“

„Werden Sie wieder einer geregelten Arbeit nachgehen?“

„Weiß ich noch nicht“, antwortete der Patient. „Mir gefällt es, zu Hause zu arbeiten, unabhängig zu sein, mich von niemandem blöd anquatschen lassen zu müssen. Aber ich werde kaum noch Alkohol trinken und meinen Zigarettenkonsum drastisch einschränken. Ist das ein Wort?“

„Wäre schön, wenn Sie sich daran hielten.“

„Der gute Vorsatz ist da. Alles andere wird sich ergeben.“

„Bis bald“, sagte Sven Kayser, wünschte dem Patienten alles Gute und verließ das Krankenzimmer.

Aber er verließ noch nicht die Klinik, sondern schaute auf einen Sprung bei Ulrich Seeberg rein. „Ist er da?“, fragte er Ute Morell, die attraktive Chefarztsekretärin.

„Oh, hallo, Herr Dr. Kayser“, strahlte ihn die vierundzwanzigjährige Frau an. „Schön, Sie zu sehen!“

„Schön, Sie zu sehen“, entgegnete Sven schmunzelnd. „Sie sind heute mal wieder eine wahre Augenweide.“

„Mh, tut richtig gut, das zu hören. Aber um auf Ihre Frage zurückzukommen: Ja, der Chef ist da.“

„Hat er Zeit?“, erkundigte sich Sven.

„Für Sie doch immer. Gehen Sie nur hinein. Möchten Sie eine Tasse Kaffee?“

Sven nickte zustimmend. „Eine großartige Idee. Falls Sie hier mal weg wollen, lassen Sie es mich wissen.“

Ute Morell lachte „Okay, Sie sind der erste, der es erfährt.“

„Der was erfährt?“, fragte plötzlich jemand hinter Dr. Kayser.

Sven drehte sich um, grinste Dr. Seeberg an und sagte: „Das, mein Lieber, wird nicht verraten. Tag, Ulrich, wie ist das werte Befinden?“

„Wenn du versuchst, meine Sekretärin abzuwerben, waren wir die längste Zeit Freunde, das sag’ ich dir.“

Sven Kayser zeigte auf den Freund. „Du hast gelauscht. Das tut man nicht. Was hast denn du für eine Kinderstube?“

„Ich hab nicht gelauscht.“

„Hast du doch!“, blieb Sven Kayser bei seiner Behauptung.

„Ich habe deine Stimme gehört, bin raus gekommen, um dich zu begrüßen, und dabei wurde ich zwangsläufig Ohrenzeuge eures Gesprächs.“

Sven winkte amüsiert ab. „Ja, ja, schon gut. Wie soll man denn sonst was erfahren, wenn man nicht hin und wieder lange Ohren macht?“

Dr. Ulrich Seeberg verdrehte die Augen. „Wie konnte ich mir nur so einen Freund aussuchen?“

In Dr. Seebergs Allerheiligstem meinte Sven wenig später, während er sich setzte: „Du hast Herrn Schmidt sehr gut hingekriegt, gratuliere.“

„Eine Vagusnerv-Operation ist keine Hexerei“, erwiderte Dr. Ulrich Seeberg bescheiden.

„Nicht für einen Könner“, sagte Dr. Sven Kayser. „Aber es ist noch nicht lange her, da haben Ärzte bei einem solchen Eingriff die Speiseröhre des Patienten verletzt. Der Mann wäre beinahe gestorben. Er schwebte tagelang zwischen Leben und Tod.“

Ulrich Seeberg hatte davon gehört. Er nickte ernst. „Das waren Stümper. Das hätte nicht passieren dürfen.“

Ute Morell brachte zwei Tassen Kaffee und ging wieder hinaus.

„Ich werde auch weiterhin meine Patienten nur in die Seeberg-Klinik schicken“, sagte der Grünwalder Arzt.

„Und wir werden weiterhin bestrebt sein, uns deines Vertrauens würdig zu erweisen“, gab Ulrich Seeberg lächelnd zurück.

„Und wie geht’s zu Hause?“, erkundigte sich Sven. „Alles in bester Ordnung?“

„Wie man’s nimmt.“

„Was gibt es für Probleme?“, hakte Sven sofort nach.

„Ruth will mal wieder die ganze Wohnung umkrempeln.“ Es klang nicht eben begeistert.

„Lass sie doch“, sagte Sven und süßte seinen Kaffee.

„Sie hat hin und wieder solche Anwandlungen“, seufzte Ulrich Seeberg. „Dann muss der Schrank von da nach dort, das Sofa von dort nach da, Anrichte, Hausbar, HiFi-Turm ... alles bekommt einen neuen Platz zugewiesen, so dass man sich in seinen eigenen vier Wänden nicht mehr zurechtfindet, von Wohlfühlen ganz zu schweigen, und wenn die Familie dann lautstark und einmütig Beschwerde einlegt, wird – natürlich unter Protest – der ursprüngliche Zustand wieder hergestellt.“

„Darf ich einen Vorschlag machen?“

„Nur, wenn er gut ist.“

Sven nahm einen Schluck vom Kaffee. „Wie wäre es, wenn wir kommenden Samstag ins Theater und anschließend essen gingen? Du, Ruth, Solveig und ich. Bei der Gelegenheit könnte ich versuchen, deiner lieben Frau die Absicht, eure Wohnung auf den Kopf zu stellen, auszureden.“

„Mach das mal. Aber erwecke um Himmels Willen nicht den Eindruck, ich hätte dich darum gebeten, sonst hängt bei uns der Haussegen schief.“

„Ich werde die Sache ganz diplomatisch anpacken“, versprach Sven Kayser, doch er sah an der Miene des Freundes, dass dieser erhebliche Bedenken hatte, ob ihm das auch gelingen würde.

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Walter Schmidts Heimkehr wurde groß gefeiert. Die Tür seines Zimmers war mit Blumen geschmückt. Überall hingen Papierschlangen, Lampions und Girlanden. Die überschwängliche Dekoration war so richtig schön kitschig. Auf Transparenten stand: Willkommen daheim!“ „Wir lieben Dich, Walter!“ „Ein dreifach Hoch dem Wiedergenesenen!“

Man feierte mit Sekt aus dem Supermarkt, und obwohl Walter eigentlich nicht vorgehabt hatte, mitzutrinken, war er zwei Stunden später so blau, dass seine Freunde ihn zu Bett bringen mussten.

Als er am nächsten Morgen aufwachte, lag Saskia Fröhlich neben ihm. Saskia war eigentlich Oliver Hellnweins Freundin; jedenfalls war sie die meiste Zeit mit ihm zusammen.

Man konnte aber auch sagen, dass sie jedermanns Freundin war, und der großzügige Oliver hatte absolut nichts dagegen einzuwenden.

Wenn Saskia ihre Freiheit brauchte, sollte sie sie haben. Es wäre Oliver niemals in den Sinn gekommen, sie in irgendeiner Weise mit Vorschriften, Grundsätzen oder Richtlinien, die das Zusammenleben mit ihm betrafen, einzuschränken. Die gleichen Rechte beanspruchte er aber auch für sich. Wenn ihm mal nach einer anderen Frau war, brachte er sie einfach mit, und Saskia musste vorübergehend Platz machen.

Es war eine sehr einfache, sehr lockere Beziehung, die die beiden unterhielten, doch in der Wohngemeinschaft stieß sich niemand daran.

Wenn Saskia und Oliver so leben wollten, war das in Ordnung. Die beiden waren das friedfertigste Paar in dieser Wohnung. Sie hatten niemals Streit, konnten sich gut anpassen und in die Gemeinschaft einfügen, leisteten pünktlich ihre finanziellen Beiträge und machten ihren Freunden ab und zu großzügige Geschenke.

Als Walter Schmidt die Augen aufschlug, lächelte Saskia ihn an. Sie war rothaarig, und ihr niedliches Gesicht war von Sommersprossen übersät.

„Hallo“, sagte sie freundlich. „Wie geht’s?“

„Das tut man nicht“, brummelte er.

„Was tut man nicht?“, wollte sie wissen.

„Man beobachtet einen Menschen nicht, wenn er schläft.“

„Und wieso nicht?“, fragte Saskia amüsiert.

„Weil das unfair ist“, antwortete Walter.

,,Wieso ist das unfair? “

„Weil ein Schlafender sich nicht wehren kann.“

Saskia kicherte. „Warum willst du dich wehren, wenn ich dich ansehe?“

Er gähnte und rieb sich die Nase. „Hast du die ganze Nacht neben mir geschlafen?“

Sie nickte. „Ja.“

Seine Miene verdüsterte sich. „Ich bin ein Idiot.“

„Wieso?“, fragte Saskia.

„Ich wollte mich nicht besaufen.“

Saskia strich sich eine Strähne ihres schulterlangen roten Haares aus dem Gesicht. „Das tut man nicht immer mit Vorsatz. Das passiert hin und wieder mal. Ich finde das nicht so schlimm.“

„Du hattest ja auch noch nie ein Magengeschwür“, entgegnete Walter.

„Zum Glück nicht.“

Er sah sie unsicher an. „Haben wir ...“

Sie schmunzelte. „Haben wir ... was?“

„Du weißt schon.“ Er wollte es nicht so offen aussprechen.

Sie hatte ihn natürlich schon längst verstanden. „Nein, wir haben nicht“, antwortete sie belustigt. „Ich habe mich nur zu dir gelegt, für den Fall, dass du was brauchst.“

„Bist ein echter Kumpel, Saskia. Danke.“

Ihre Hand glitt zu ihm herüber. „Wir könnten aber jetzt, wenn du dich dafür wieder in Form fühlst ...“

Er fand ihr Angebot so verlockend, dass er es grinsend annahm.

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Petra Praetorius gehörte seit langem zu Dr. Sven Kaysers Patientinnen. Die attraktive junge Frau kam regelmäßig zu Kontrolluntersuchungen, weil sie fand, dass man nicht einfach sorglos in den Tag hineinleben sollte. Vor unliebsamen Überraschungen blieb man ihrer Meinung nach nur weitgehend verschont, wenn man zweimal im Jahr auch dann den Arzt aufsuchte, wenn einem nichts weh tat.

„Alles in bester Ordnung“, sagte Dr. Kayser nach der Untersuchung.

Die schöne dunkelhaarige Patientin lächelte zaghaft. „Dennoch habe ich ein Problem, Herr Doktor.“

Sven Kayser musterte die junge Frau abwartend. Sie war die Tochter des reichen Bankiers Horst Bachmann und seit zwei Jahren mit einem überaus sympathischen jungen Mann namens Claus Praetorius verheiratet.

„Nun, Frau Praetorius, was haben Sie auf dem Herzen?“, erkundigte sich der Grünwalder Arzt, der auch den Vater und den Ehemann der Patientin medizinisch betreute.

„Wie Sie wissen“, begann Petra Praetorius zögernd, „ist meine Regelblutung nicht nur sehr stark, sondern ich fühle mich dann auch ziemlich abgeschlagen und müde.“

„Beunruhigt Sie das?“, fragte Sven Kayser.

Die Patientin schüttelte den Kopf. „Nein, das nicht, und auch nicht die typischen Unterleibsschmerzen. Damit habe ich mich abgefunden, damit kann ich leben. Was mir Sorgen macht, ist meine Gemütsverfassung in dieser Zeit. Ich bin leicht reizbar, bin wegen jeder Kleinigkeit sofort auf Hundert, bin unbeherrscht und unberechenbar. Meine Umwelt leidet darunter, und das bedaure ich sehr, aber ich kann es nicht abstellen. Wenn ich meinen Zyklus habe, macht es mich verrückt, in einen Verkehrsstau zu geraten; oder wenn ich in einem Kaufhaus nicht sofort bedient werde, explodiere ich. Ich kann mich in diesen lägen selbst nicht ausstehen, und das finde ich doch sehr bedenklich.“

„Manche Frauen neigen vor und während der Regelblutung zu seelischen Verstimmungen“, erklärte Dr. Kayser. „Bei den einen kann sich das in Aggressionen äußern, andere dagegen bekommen Depressionen.“

„Kann man das denn nicht abstellen, Herr Doktor?“, fragte Petra Praetorius.

„Ich werde Ihnen eine Antibabypille mit einer anderen Hormonzusammenstellung verschreiben“, antwortete Sven Kayser.

„Sie meinen, das hilft mir?“

„Leider stellt sich nicht immer der gewünschte Erfolg ein“, musste Dr. Kayser zugeben. „Doch selbst das braucht Sie noch nicht zu entmutigen.“ Der Grünwalder Arzt riet seiner Patientin, an der Volkshochschule einen Kurs für autogenes Training zu belegen. „Dort lernen Sie, Aggressionen abzubauen und sich in kritischen Situationen zu entspannen und innerlich zur Ruhe zu kommen. Allerdings geht so etwas nicht von heute auf morgen. Sie müssen schon etwas Geduld aufbringen.“

„Autogenes Training.“ Petra Praetorius nickte zustimmend. „Das interessiert mich, schon lange. Ich denke, das versuche ich mal. Vielen Dank für den Tipp, Herr Doktor.“

„Damit jene, die unter Ihren seelischen Spannungen leiden, Verständnis für Ihre schlechte Gemütsverfassung aufbringen, sollten Sie mit ihnen ein intensives Gespräch führen“, meinte Dr. Sven Kayser. „Wenn sie nämlich wissen, dass Ihr sensibles Hormonsystem für Ihre innere Verstimmungen verantwortlich ist, werden sie leichter darüber hinwegsehen können.“

Sven stellte das Rezept für eine andere Pille aus und gab es der Patientin. Sie bedankte sich dafür, verabschiedete sich und verließ die Grünwalder Arztpraxis. Sie war keine glückliche Frau – war es nicht mehr. Und schuld daran waren ihr Mann und ihr Vater. Petra Praetorius wäre so furchtbar gerne Mutter geworden, doch Claus, ihr Mann, weigerte sich strikt, ihr diesen sehnlichsten Wunsch zu erfüllen, obwohl er immer wieder beteuerte, dass er sie abgöttisch liebe.

Sie lebte in einem goldenen Käfig, war umgeben von Luxus und konnte sich nahezu jeden Wunsch erfüllen. Claus trug sie auf Händen.

Nur, wenn sie von einem Kind sprach, blockte er ab, machte er sofort alle Schotten dicht und wollte nichts hören. Verantwortlich dafür war Petras Vater. Er hatte Claus in der Bank schon vor der Hochzeit zu seiner rechten Hand gemacht und ließ dem tüchtigen jungen Mann, dem er bedingungslos vertraute, einen beachtlich großen Spielraum.

Die beiden verstanden sich blendend. Claus schaute zu seinem erfolgreichen Schwiegervater wie zu einem Gott auf und eiferte ihm in allem nach. Sie waren ein Herz und eine Seele, und Claus Praetorius konnte jederzeit mit allen Problemen zu Horst Bachmann kommen, konnte mit ihm stets über alles reden. Nur in einem Punkt ließ Horst Bachmann niemals eine Diskussion zu: Petra, seine einzige Tochter, durfte auf keinen Fall schwanger werden!

Der Bankier hatte, wie er meinte, einen sehr triftigen Grund, seinem Schwiegersohn das Versprechen abzuringen, seine Frau unter keinen Umständen zu schwängern: Petras Urgroßmutter, die Großmutter und die Mutter waren bei der Geburt ihres ersten Kindes gestorben, und Horst Bachmann wollte nicht, dass es seiner Tochter genauso erging. In seinen Augen wäre es vorsätzlicher Mord gewesen, wenn Claus mit Petra ein Kind gezeugt hätte. Bachmann hätte das seinem Schwiegersohn niemals verziehen. Er hätte seine ganze Energie und seinen großen Einfluss eingesetzt, Claus Praetorius beruflich und gesellschaftlich zu vernichten.

Selbstverständlich wollte auch Claus seine geliebte Frau nicht verlieren, deshalb lehnte er es beharrlich ab, ihr ihren größten Wunsch zu erfüllen.

Und Petra Praetorius wurde immer unglücklicher. Sie kam sich so nutzlos vor, ihr Leben war so leer, so unausgefüllt ohne ein Kind, deshalb klammerte sie sich immer verzweifelter an die Hoffnung, eines Tages doch noch den heißersehnten Mutterfreuden entgegensehen zu dürfen.

Sie fuhr nach dem Besuch in der Grünwalder Praxis ohne Umweg nach Hause. Theresia, das Mädchen, brachte ihr einen Eistee auf die Terrasse, auf der sie es sich in einem Liegestuhl bequem gemacht hatte.

„Kann ich sonst noch etwas für Sie tun, Frau Praetorius?“, erkundigte sich das Mädchen aufmerksam.

„Nein. Danke, Theresia.“

Das Mädchen deutete einen Knicks an und entfernte sich.

„Theresia!“

„Ja, Frau Praetorius?“

„Bringen Sie mir das Telefon.“

„Sofort, Frau Praetorius.“

Das Mädchen brachte ein weißes Funktelefon, und Petra Praetorius rief ihren Mann in der Bank an. Er freute sich, ihre Stimme zu hören.

„Hallo, Liebling, wie geht es dir?“

Petra seufzte. „Ich habe Langeweile.“

„Oh, das tut mir leid.“

„Kannst du heute etwas früher nach Hause kommen, Claus?“

„Ich denke schon, dass sich das einrichten lässt.“

Petra nahm einen Schluck vom Eistee. „Danke.“

„Warst du bei Dr. Kayser?“

„Ja“, antwortete Petra einsilbig.

„Kann er dir helfen?“

„Wir reden darüber, wenn du heimkommst.“

„In Ordnung. Vielleicht schaffe ich es in einer Stunde. Glaubst du, dass du es so lange ohne mich aushältst?“

Sie lachte leise. „Ich werde es versuchen.“

Eine Stunde später nahm Claus Praetorius seine Frau in die Arme und küsste sie zärtlich. „Du siehst wundervoll aus, mein Schatz. Ich liebe dich.“

Sie erzählte ihrem elegant gekleideten, blonden Mann von ihrem Besuch in der Grünwalder Arztpraxis und von dem Rat, den ihr Dr. Kayser gegeben hatte.

„Autogenes Training“, sagte Claus begeistert. „Ich finde, das ist eine fabelhafte Idee. Darauf hätten wir aber auch selbst kommen können. Liegt doch auf der Hand, dass einem das bei seelischen Verspannungen hilft, nicht wahr?“

„Ich würde mit dir gerne wegfahren, Claus.“

„Wegfahren? Wann?“

„Nur mal so übers Wochenende“, sagte Petra.

„Warum eigentlich nicht? Und wohin?“

„An die Ostsee“, schlug die junge Frau vor.

Claus kräuselte die Nase. „Ist ein bisschen weit für ein Wochenende, meinst du nicht auch?“

„Dann in die österreichischen Alpen“, schwenkte Petra sofort um.

Claus nickte. „Bin schon überredet. Ein Kunde von uns besitzt in der Nähe von Zell am See eine hübsche Berghütte. Da könnten wir wohnen. Wenn du willst, rufe ich ihn gleich mal an.“

Petra war einverstanden.

Claus ging telefonieren und kam fünf Minuten später händereibend wieder. „Alles geritzt. Ein Bote bringt mir morgen die Hüttenschlüssel ins Büro. Zwei wundervollen, unvergesslichen Tagen in den Bergen steht somit nichts mehr im Wege.“

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6

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Das Theaterstück schleppte sich träge dahin, das Publikum musste sich jeden Beifall höflich abquälen. Die Schauspieler bemühten sich zwar redlich, aber aus der matten Komödie war einfach nicht mehr zu machen.

Sie saßen in der vierten Reihe: Dr. Sven Kayser, Solveig Abel, Dr. Ruth Seeberg und Dr. Ulrich Seeberg. Als Ulrich Seeberg sich vorbeugte und den Blick an seiner Frau und an Solveig Abel vorbei auf Sven Kayser richtete, hob dieser bedauernd die Schultern.

„Tut mir leid“, sagte Sven. „Das Stück wurde mir von einem Patienten empfohlen. Er sagte, er habe sich köstlich amüsiert.“

„Einen seltsamen Humor muss der Mann haben.“

„Seine nächste Empfehlung werde ich ignorieren.“

Ulrich Seeberg winkte ab. „Mach dir nichts draus, Sven. Ruth und ich hatten für heute Abend sowieso nichts Besseres vor.“

„Vielleicht erholt sich das Stück noch“, meinte Solveig Abel, die attraktive Hotelbesitzerin, die seit Jahren mit Dr. Kayser verbandelt war, optimistisch.

„Ich glaub’s nicht“, gab Dr. Seeberg zurück.

Die Frau, die vor ihm saß, drehte sich ärgerlich um und zischte: „Möchten Sie nicht endlich still sein?“

„Entschuldigung“, murmelte der Klinikchef und konzentrierte sich wieder auf die Aufführung, obwohl sie es nicht wert war.

„Wollen wir gehen?“, fragte Dr. Kayser in der Pause im Theaterfoyer. „Niemand zwingt uns, bis zum Schluss zu bleiben.“

Ruth wollte nicht gehen. „Wenn ich mir einen Film ansehe, möchte ich wissen, wie er ausgeht“, sagte sie. „Und genauso verhält es sich mit einem Theaterstück.“

„Ist ein Standpunkt, den man akzeptieren muss“, nickte Sven.

„Ich habe Durst“, sagte Solveig. Sie trug ein dunkelblaues Kaschmirkleid und eine mehrreihige Perlenkette.

„Wie wär’s mit Sekt-Orange für die Damen?“, fragte Sven.

„Klingt verlockend“, lächelte Ruth Seeberg.

Sven sah Dr. Seeberg fragend an. „Du auch etwas?“

„Wir gehen anschließend doch noch essen, hm?“

„Selbstverständlich. Der Tisch ist bereits bestellt.“

„Da zisch’ ich dann ein, zwei Bierchen“, sagte Ulrich Seeberg.

Sven nickte und entfernte sich. Er wühlte sich durch die Menge. Der Rückweg mit den vollen Gläsern würde unvergleichlich schwieriger sein.

„Vorsicht! Achtung! Darf ich bitte durch? Sehr liebenswürdig. Danke“, sagte Sven ununterbrochen.

„Sven!“, rief plötzlich jemand freudig überrascht aus. „Sven Kayser!“ Eine sympathische Frauenstimme, Sven blickte sich suchend um – und einen Moment später strahlte er

„Yvonne! Meine Güte, bist du’s wirklich?“ Yvonne Wismath war eine Studienkollegin von ihm gewesen. Eine sehr gute. Sie hatte summa cum laude promoviert und damit die idiotische Behauptung, schöne Blondinen seien dumm, ad absurdum geführt.

Yvonne strahlte genauso wie Sven. Sie hatten sich nach der Uni aus den Augen verloren. Yvonne war mit einem bekannten Herzchirurgen nach Brasilien gegangen, und Sven hatte eigentlich nicht damit gerechnet, sie jemals wiederzusehen. Um so mehr freute es ihn, dass sie jetzt so unverhofft vor ihm stand. Man sah ihr ihre fünfundvierzig Jahre nicht an. Sie war schlank, vollbusig und immer noch bildschön.

Die blonde Fülle ihres seidigen Haares umrahmte in weichen Wellen ein sonnengebräuntes Gesicht mit himmelblauen Augen. Sven war einst – wie wohl jeder Student – in sie verliebt gewesen, aber es hatte nie zwischen ihnen gefunkt, obwohl die Bereitschaft auf beiden Seiten vorhanden gewesen wäre. Doch wenn Sven frei gewesen war, hatte Yvonne gerade einen Freund gehabt, und wenn sie allein gewesen war, hatte er eben erst eine vielversprechende Beziehung begonnen.

Sie hatte sich kaum verändert. Die Reife tat ihrem Aussehen gut. Eine bemerkenswerte Frau mit den allerbesten Chancen beim starken Geschlecht.

„Machst du Urlaub zu Hause?“, erkundigte sich Sven.

„Nein, ich lebe wieder in München.“

Sven staunte. „Seit wann?“

„Seit einem Jahr.“

Sven bedachte die schöne Kollegin mit einem vorwurfsvollen Blick. „Und da hast du dich noch nicht bei mir gemeldet? Ich glaube nicht, dass ich dir das verzeihen kann. Wieso lebst du jetzt wieder in Deutschland? Hast du das Heimweh nicht mehr ausgehalten?“

Yvonne schlug die himmelblauen Augen nieder. „Ich hatte nach Thorstens Tod keinen Halt mehr. Thorsten Klenke, du erinnerst dich?“

„Dr. Thorsten Klenke, der Herzspezialist, natürlich. Heißt du noch Wismath?“

Yvonne nickte. „Ja, Thorsten und ich haben nicht geheiratet. Wir wussten auch so, dass wir zusammengehören.“

„Tut mir leid für dich, dass er gestorben ist“, sagte Sven ernst. Er wusste, dass Dr. Klenke zwanzig Jahre älter als Yvonne gewesen war. „Woran ist er ...“

„Die Überfälle räuberischer Jugendbanden nehmen in Brasilien erschreckend zu. Man hat Thorsten in einen Hinterhalt gelockt und brutal zusammengeschlagen.“

„Schrecklich.“ Sven war ehrlich erschüttert.

„Yvonne! Hier steckst du“, sagte plötzlich eine dunkelhaarige Frau in Yvonnes Alter.

„Das ist meine Freundin Renate Fürstenberg“, erklärte Yvonne. „Renate, darf ich dir Dr. Sven Kayser, meinen allerliebsten Kommilitonen, vorstellen?“

„Ich bilde mir ein, Ihren Namen schon mal gehört zu haben, Dr. Kayser“, sagte Renate Fürstenberg. „Wo haben Sie Ihre Praxis?“

„In Grünwald, Gartenstraße sechsundzwanzig“, antwortete Sven. Jetzt erst fiel ihm ein, dass Solveig Abel Durst hatte.

„Sagen Sie, Dr. Kayser, wie gefällt Ihnen das Stück?“, fragte Renate Fürstenberg, die sich offensichtlich für ihn interessierte.

Sven lächelte. „Ich habe meinen Freunden vorgeschlagen, in der Pause das Theater zu verlassen, bin damit aber nicht durchgekommen.“

„Ach, du bist mit Freunden hier“, sagte Yvonne Wismath.

Sven forderte sie und ihre Freundin auf, ihm zu folgen, und wenig später erlebte er die nächste Überraschung.

Er hatte kaum die Drinks abgeliefert, da sagte Dr. Ulrich Seeberg: „Frau Dr. Wismath, Sie sind auch hier?“

„Du kennst meine Studienkollegin Yvonne?“, staunte Sven.

„Aber sicher! Schließlich wird sie ab nächsten Monat das Ärzteteam der Seeberg-Klinik verstärken.“

Sven kam aus dem Staunen nicht mehr raus. Er sah Yvonne verblüfft an. „Du wirst in der Seeberg-Klinik arbeiten? Das finde ich großartig.“

Solveig Abel schmunzelte. „Ein Glück, dass ich nicht eifersüchtig bin, sonst würde ich dir jetzt eine Szene machen.“

Renate Fürstenberg war sichtlich enttäuscht, als sie begriff, dass Solveig und Sven ein Paar waren.

„Frau Dr. Wismath wird an die Freiburger Universitätsklinik gehen“, erklärte Dr. Ulrich Seeberg. „Da die Steile aber erst in einem halben Jahr frei wird, wird sie zwischenzeitlich bei uns arbeiten.“

Die Pause ging zu Ende.

„Geben wir dem schlappen Stück noch eine Chance“, lächelte Sven.

Ulrich Seeberg sagte, dass sie hinterher noch essen gehen würden, und er forderte Yvonne und ihre Freundin auf, mitzukommen. Die beiden sahen sich kurz an und sagten dann zu. Die schwache Komödie wurde nach der Pause nur unwesentlich besser. Das tolerante Publikum war für jeden müden Gag dankbar, und man applaudierte zum Schluss wohl nur deshalb so laut, weil man froh war, dass es aus war.

Das hervorragende Essen rettete glücklicherweise den Abend. Sven Kayser saß zwischen Solveig Abel und Yvonne Wismath, und Solveig sah es ihm großzügig und verständnisvoll nach, dass er sich mehr mit Yvonne als mit ihr unterhielt. Sie spürte, dass sie keine Angst um Sven zu haben brauchte. Seine jugendliche Schwärmerei für Yvonne war vorbei. Er sah in ihr nur noch eine sehr gute Studienkollegin, mit der er lebhaft Erinnerungen austauschte.

Sie hatte auch nichts dagegen, dass Sven die einstige Kommilitonin schon bald allein wiedersehen wollte, schließlich war nicht alles, worüber sie sprachen, von allgemeinem Interesse.

„Wie wär’s mit morgen?“, schlug Sven vor. „Morgen ist Sonntag.“

„Ich hab’ noch nichts vor“, antwortete Yvonne.

„Wo wohnst du?“

Yvonne nannte ihre Adresse.

„Darf ich dich abholen?“, fragte Sven. „Sagen wir um fünfzehn Uhr?“

Yvonne nickte. Sie sah Solveig an. „Aber nur, wenn Sie nichts dagegen haben.“

„Mein Programm ist morgen so voll, dass ich ohnedies keine Zeit für Sven hätte“, erwiderte die Besitzerin des Waldhotels Abel lächelnd.

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7

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Claus Praetorius kam am Freitag zu Mittig nach Hause. Petra hatte inzwischen gepackt, so dass sie sofort, nachdem Claus sich umgezogen hatte, losfahren konnten. Der Tag war strahlend schön, und die Wettervorhersage hörte sich großartig an: Für die nächsten drei, vier Tage war mit keiner gravierenden Wetterveränderung zu rechnen.

In den Bergen konnte es zu vereinzelter Quellwolkenbildung kommen, aber das war nicht weiter schlimm. Petra freute sich sehr auf das Wochenende mit ihrem Mann.

Sie kamen ohne nennenswerten Aufenthalt über die Grenze, und wenig später fuhr ihr Wagen eine ausgewaschene Bergstraße hoch.

Auf einer kleinen Alm mit saftigem Gras und fernem Kuhglockengebimmel stand die kleine Holzhütte.

„Von außen wirkt sie sehr unscheinbar“, meinte Claus, „aber drinnen soll sie unheimlich gemütlich sein.“

Petra sah sich begeistert um. „Wunderschön ist es hier.“

„Wir können die Hütte benutzen, so oft wir wollen. Sie steht fast das ganze Jahr leer.“ Claus hielt den Wagen an und stieg aus.

Sie hatten unterwegs reichlich Proviant eingekauft, er befand sich im Kofferraum. Claus klappte den Deckel hoch, während Petra den Wagen verließ und die würzige Luft tief einatmete. Irgendwo plätscherte eine Quelle, und das leise Summen von Insekten war zu hören. Hinter der Hütte ragte eine kahle graue Felswand auf, rissig und zerklüftet.

„Hier ist die Natur noch in Ordnung“, meinte Petra fasziniert.

„Hilfst du mir mit den Lebensmitteln, Liebes?“

„Natürlich.“

Sie trugen den Proviant in die Hütte. Petra wunderte sich, dass alles so sauber war.

„Einmal in der Woche kommt eine Bäuerin hier rauf und hält alles in Schuss“, erklärte Claus.

Es gab eine urgemütliche Wohnküche, drei Schlafzimmer sowie Nebenräume. Alles war geschmackvoll eingerichtet, dicke Teppiche lagen auf dem Holzboden, und vor den Fenstern hingen hübsche Vorhänge mit rustikalen Seitenteilen. Radio, Fernsehapparat, Telefon – es war alles da. Man war hier zwar allein, aber nicht völlig von der Welt abgeschnitten.

„Wir sollten wirklich öfter hierherkommen“, sagte Petra begeistert.

„Kein Problem.“

„Wieso benutzt der Besitzer die Hütte so selten?“, wollte Petra wissen.

„Er ist nicht mehr der Jüngste und hat erst vor Kurzem seine Frau verloren. Zuviel Schönes erinnert ihn hier an sie. Der Schmerz sitzt noch zu tief. Er muss erst darüber hinwegkommen.“

„Wenn er die Hütte verkaufen mochte, sollten wir ...“

Claus schüttelte den Kopf. „Er will nicht verkaufen. Er hat die Hütte vor zwanzig Jahren seiner Frau geschenkt und wird sie nun, nach ihrem Tod, als liebes Andenken an sie behalten.“

Sie legten ihren Proviant in den Kühlturm und unternahmen vor dem Abendessen eine kleine Wanderung.

„Gottes Welt ist so wunderschön“, sagte Petra beeindruckt, „und was macht der Mensch aus ihr? Er tritt diese Schönheit blind mit Füßen.“ Ihr Blick verdüsterte sich. „Der Treibhauseffekt wird die Welttemperatur um zwei bis drei Grad ansteigen lassen. Das bedeutet, dass wir in München bald Temperaturen haben werden, wie sie früher in Italien geherrscht haben. Bis zum Jahr zweitausenddreißig werden hier auf dieser Alm Bäume wachsen, denn die Baumgrenze wird sich um zwei- bis dreihundert Meter nach oben verschieben, aber was wird dann aus den Pflanzen, die heute noch oberhalb der Baumgrenze wachsen? Sie werden, da sie nicht nach oben ausweichen können, aussterben.“

Claus blieb stehen und küsste Petras gefurchte Stirn. „Keine so düsteren Gedanken, Liebling.“

„Ich muss traurig sein, wenn ich an die Zukunft unserer Welt denke.“

„Der Mensch ist ein intelligentes Wesen“, bemerkte Claus.

„Wenn man sieht, wie er mit seiner Umwelt umgeht, muss man das stark bezweifeln.“

„Er wird seine Welt wieder in Ordnung bringen, davon bin ich überzeugt“, sagte Claus bestimmt.

„Und was passiert, wenn er es nicht schafft?“

„Er wird es schaffen, verlass dich drauf!“

Peter blieb betrübt. „Was erwartet unsere Kinder und Kindeskinder, Claus?“

„Mit Sicherheit eine noch viel schönere Welt und ein noch angenehmeres Leben“, erwiderte Claus lächelnd. „Kehren wir um, ich kriege langsam Hunger.“

In der Hütte tranken sie zum deftigen Abendessen spritzigen Weißwein und hinterher zur Unterstützung der Verdauung zwei Obstler, weil man bekanntlich auf einem Bein nicht so gut steht. Danach hatten sie die richtige Bettschwere und zogen sich ins Schlafzimmer zurück. Sie liebten sich leidenschaftlich, doch Claus vergaß trotz des verzehrenden Feuers, das in ihm tobte, nicht, sich zu schützen.

Obwohl es in Claus’ Armen wunderschön und erfüllend für Petra gewesen war, weinte sie hinterher leise. Ihr Mann bekam es zunächst gar nicht mit.

Doch plötzlich fragte er unsicher in die Dunkelheit: „Weinst du, Liebes?“

Petra sagte nichts. Er hörte, wie sie sich die Nase putzte.

„Liebling, was hast du denn?“, fragte Claus völlig verwirrt. „Ich dachte, ich hätte dich glücklich gemacht.“

„Ach, Claus, ich liebe dich so sehr.“

Er lachte leise. „Das ist doch kein Grund, zu weinen.“

„Ich liebe dich und bin trotzdem unglücklich.“

Er streichelte sie sanft. Ihre Schultern zuckten. Claus zog sie in seine Arme. „Komm her“, flüsterte er. „Nicht weinen. Es ist doch so wunderschön hier oben.“

„Wenn du mit mir schläfst, schützt du dich, als wärst du mit einer fremden Frau zusammen ...“

Er küsste ihre heißen Lippen. „Du weißt doch, warum.“

„Als hättest du Angst, dich bei mir zu infizieren“, fügte sie hinzu.

„Das ist doch Unsinn, Petra. Ich weiß, dass du nicht krank bist, und dass ich mich blind auf dich verlassen kann.“

„Warum verwendest du dann dieses ... Ding?“

Wieder küsste er sie. „Wir dürfen nichts riskieren, Liebling. Du nimmst zwar die Pille, aber du könntest mal darauf vergessen, und ich habe deinem Vater versprochen ...“

Ihr Körper versteifte sich. „Wie weit darf sich mein Vater in unser Eheleben einmischen?“

„Es geschieht zu deinem Besten.“

„Ich bin eine gesunde Frau“, behauptete Petra leidenschaftlich.

„Mag sein, dass du dich gesund fühlst, Liebes, aber eine Schwangerschaft ist eine Belastung, der ich dich nicht aussetzen darf.“

„Weil mein Vater es dir verboten hat. Ist das nicht lächerlich? Du bist mit mir verheiratet, aber mein Vater verbietet dir, im Ehebett einen eigenen Willen zu haben. Wie weit willst du diesen idiotischen Gehorsam eigentlich noch treiben? Mein Vater ist mein Vater, und ich liebe ihn sehr, aber wir dürfen ihm nicht gestatten, unsere intimsten Angelegenheiten selbstherrlich mitzubestimmen. Wir müssen eine Grenze ziehen, Claus, und die muss auf jeden Fall vor unserer Schlafzimmertür liegen. Ich ertrage die Einmischung meines Vaters einfach nicht mehr.“

„Er will dir doch nichts Böses“, verteidigte Claus seinen Schwiegervater.

„Er bestimmt über mein Leben, als wäre ich noch ein Kind, aber ich bin kein Kind mehr. Ich bin eine erwachsene Frau. Ich habe von diesem Leben meine eigenen Vorstellungen, habe Wünsche und gewisse Erwartungen ...“

Claus sagte sanft und eindringlich: „Bitte, Petra, müssen wir jetzt darüber reden?“

„Wann denn sonst? Zu Hause sind wir ja so gut wie nie allein. Warum ziehen wir nicht in ein eigenes Haus?“

„Aber Kind, das Haus deines Vaters ist doch riesengroß.“

„Aber es ist das Haus meines Vaters, wird es immer bleiben“, sagte Petra.

„Wir haben darin doch alle Freiheiten. Wir können Freunde einladen, wann immer wir wollen, können die ausgelassensten Partys feiern – dein Vater wird nie ein Wort dagegen sagen. Er ist ein guter Mensch, dem nichts so sehr am Herzen liegt als unser Wohl. Ich sehe keinen Grund, ihn allein zu lassen. Er behandelt mich wie einen Sohn. Ich verstehe mich mit ihm privat und beruflich blendend, achte und liebe ihn.“

„Und was ist mit mir?“, fragte Petra mit weinerlicher Stimme.

„Warum bist du nur so unzufrieden, Schatz? Du hast doch alles.“

„Wie kannst du das behaupten? Was habe ich denn schon? O ja, ich habe eine Menge Schmuck und teure Kleider, einen eigenen Wagen ...“

„Und einen Ehemann, der dich sehr, sehr lieb hat“, fiel ihr Claus ins Wort.

„Aber doch nicht so sehr, um den Mut aufzubringen, sich dem Willen meines Vaters zu widersetzen“, sagte Petra frostig.

„Liebling, es sollte auch dir zu denken geben, dass deine Urgroßmutter, deine Großmutter und deine Mutter bei der Geburt ihres ersten Kindes gestorben sind. Kannst du denn nicht verstehen, dass dein Vater deshalb meint, berechtigt Angst um dich haben zu müssen? Ich gebe zu, er hat mich mit dieser Angst angesteckt. Er möchte dich nicht verlieren, Und ich möchte das auch nicht. Ich bin so glücklich mit dir ...“

„Wir könnten noch viel glücklicher sein, wenn wir eine richtige Familie wären – mit einem oder zwei eigenen Kindern. Ich möchte ein Baby von dir, Claus, möchte es in meinem Bauch wachsen spüren und es nach neun Monaten zur Welt bringen.“

Er seufzte schwer. „Ich hätte ja auch wahnsinnig gern ein Kind mit dir, Petra, aber – nein, es darf nicht sein. Wir müssen vernünftig bleiben, dürfen nichts riskieren.“

„Dr. Kayser sagt, dass ich mit keinen Komplikationen rechnen muss, wenn ich schwanger werde. Ich bin jung, bin im richtigen Alter, um Mutter zu werden, und mit mir ist alles in bester Ordnung. Ich bin geradezu dafür geschaffen, ein Baby zu empfangen und auszutragen. Wie oft muss ich dir das noch sagen? Warum glaubst du mir nicht?“

„Wir dürfen nicht mit einem Schulterzucken abtun, was dein Vater gegen eine Schwangerschaft vorzubringen hat, Petra. Er hat dadurch immerhin seine geliebte Frau, deine Mutter, verloren. Du weißt, wie sehr er darunter gelitten hat. Er hat es dir schon oft erzählt.“

Petra rückte von ihrem Mann ab. „Wenn du es von mir Schwarz auf Weiß bekommst, dass auf medizinischer Seite gegen eine Mutterschaft meinerseits keinerlei Bedanken bestehen – werden wir dann ein Kind miteinander haben, Claus?“

„Willst du Dr. Kayser um ein ärztliches Attest bitten?“, fragte Claus Praetorius.

„Ich gehe sogar noch einen Schritt weiter: Ich lasse mich von ihm in die Seeberg-Klinik einweisen, damit man mich da auf Herz und Nieren untersucht, und wenn ich es dann schriftlich habe, dass eine Mutterschaft für mich absolut ungefährlich ist, möchte ich, dass du mir endlich meinen größten und sehnlichsten Wunsch erfüllst.“

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8

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Sie gingen im Englischen Garten spazieren. Yvonne Wismath trug einen weißen Pulli, dessen buntes Motiv aufmunternd wirkte, und dazu passende Streifenbermudas.

„Du warst viele Jahre in Brasilien“, sagte Sven Kayser zu seiner einstigen Kommilitonin. „Ist dir die Umstellung nach der Rückkehr nicht furchtbar schwergefallen?“

„Doch“, gab Yvonne zu, „und dieser Prozess ist noch immer nicht abgeschlossen.“

„Das kann ich mir vorstellen.“

„Wird wohl noch eine Weile dauern, bis ich hier wieder ganz zu Hause bin.“

„Wenn ich dir irgendwie helfen kann – meine Nummer steht im Telefonbuch.“

Yvonne nickte dankbar. „Ich habe mich gestern über unser Wiedersehen riesig gefreut.“

„Ich mich auch“, gestand Dr. Kayser.

„Auf einmal wurden so viele schöne Erinnerungen wach.“

Sven nickte versonnen. „Mir erging es genauso.“

„Wenn ich an Solveig Abels Stelle gewesen wäre – ich hätte ziemlich sauer reagiert. Sie scheint dich sehr gern zu haben.“

Sven Kayser lächelte. „Wir lieben uns beide sehr – und wir vertrauen einander.“

„Sie ist eine wunderbare Frau.“

Sven nickte wieder. „Finde ich auch.“

„Wenn ich das gestern richtig mitbekommen habe, war sie schon mal verheiratet. Ist sie geschieden?“

„Verwitwet“, sagte Sven Kayser.

„Oh, das tut mir leid.“

„Sie ist darüber hinweg“, bemerkte der Grünwalder Arzt.

„Und nun? Wirst du sie heiraten?“

Sven lächelte. „Trotz aller Liebe und Zuneigung würde das nicht gutgehen.“

„Wieso nicht?“

„Weil wir beide viel zu sehr mit unserem Beruf verheiratet sind“, erklärte Sven Kayser. „Wir sind mit unserer Beziehung, so, wie sie ist, zufrieden.“

„Es ist unbeschreiblich schön, einen Menschen zu haben, den man lieben kann.“

„Du wirst einen solchen Menschen ganz bestimmt wieder finden“, tröstete Sven die einstige Studienkollegin.

„Ich habe ihn bereits gefunden.“

Sven war überrascht. „Ja? Das freut mich für dich.“

„Er ist Computerspezialist, musste ganz dringend nach Bremen, deshalb ist meine Freundin Renate Fürstenberg kurzfristig für ihn eingesprungen.“ Yvonne schmunzelte. „Du hättest übrigens einen riesigen Stein bei Renate im Brett gehabt.“

„Ist mir aufgefallen“, lächelte Sven.

„Sie war sehr enttäuscht darüber, dass du gebunden bist“, sagte Yvonne.

Sven nickte. „Hab’ ich auch gemerkt.“

„Sie hat das große Pech, sich immer in die falschen Männer zu verlieben.“

Ein junges Elternpaar kam ihnen entgegen. Der stolze Vater schob mit einer Hand den Kinderwagen, mit der anderen hielt er die Hand seiner Frau.

„Wenn Renate sich in Geduld fasst, wird auch für sie eines Tages der Richtige kommen“, meinte Dr. Kayser. „Es gibt zu jedem Topf den passenden Deckel.“

„So? Und wieso leben dann so viele Frauen und Männer allein?“, fragte Yvonne.

„Weil sie es wollen. Es ist Mode geworden, als Single zu leben, und wenn man den Zukunftsforschern glauben darf, wird dieser Trend noch eine Weile anhalten.“

Sie setzten sich auf eine Bank und plauderten über ihre Studienzeit. Immer wieder lachten sie herzlich auf. Es tat gut, mit Yvonne Wismath zusammen zu sein.

Die Stunden vergingen wie im Fluge. Sven aß mit Yvonne in einem kleinen französischen Bistro zu Abend, und schließlich war es Zeit, sie nach Hause zu bringen.

„Möchtest du noch auf einen Kaffee mit raufkommen?“, fragte Yvonne vor dem Haus, in dem sie wohnte.

„Lieber nicht“, antwortete Sven lächelnd.

Sie schmunzelte. „Hast du Angst vor mir? Ich tu’ dir nichts.“

„Ich nehme deinetwegen Rücksicht. Die Nachbarn könnten sich ein falsches Bild von dieser harmlosen Situation machen und deinem Freund etwas erzählen, das überhaupt nicht den Tatsachen entspricht.“

Yvonne lachte leise. „Die Leute haben ja so eine schmutzige Phantasie, nicht wahr?“

„Manchmal.“

„Tja, dann ....“ Yvonne reichte Sven die Hand. „Gute Nacht, Herr Kollege. War ein wunderschöner Tag mit Ihnen. Ich hoffe, man sieht sich bald wieder.“

„Auf jeden Fall in der Seeberg-Klinik, Frau Kollegin.“

„Vielleicht unternehmen wir mal etwas zu viert, du, Solveig Abel, mein neuer Freund und ich.“

„Das sollten wir auf jeden Fall im Auge behalten“, nickte Sven und kehrte zu seinem Wagen zurück.

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Zur selben Zeit kamen Petra und Claus Praetorius aus dem Wochenende in den österreichischen Bergen zurück. Horst Bachmann, ein mittelgroßer, 49jähriger, fülliger Mann, saß mit einem Kognakschwenker in der Hand allein im großen Wohnzimmer. Er litt an Angina pectoris, deshalb sah es Petra nicht gern, wenn er trank. Alkohol tat seinem Herzen nicht gut. Sie sah ihn vorwurfsvoll an.

„Kaum sind wir nicht daheim, bist du schon unvernünftig und greifst zur Flasche“, sagte sie.

„Greifst zur Flasche“, wiederholte der Bankier. „Wie das klingt! Ich habe mir diesen einen Kognak gegönnt. Dagegen hat nicht einmal Dr. Kayser etwas einzuwenden, also sei bitte nicht päpstlicher als der Papst, mein Kind.“ Er forderte seinen Schwiegersohn auf, sich auch einen Drink zu nehmen. „Nun, erzählt mal, wie war es in den Bergen?“, wollte er wissen.

„Wir hatten ein Traumwetter.“ Claus Praetorius füllte sein Glas.

„Und wie war die Hütte?“, erkundigte sich Horst Bachmann.

„Phantastisch. Gemütlich, komfortabel, in einer unwahrscheinlich schönen Gegend gelegen.“ Claus wandte sich an seine hübsche Frau. „Was möchtest du haben, Schatz?“

„Nichts“, antwortete Petra. „Ich bin müde, ich werde gleich zu Bett gehen. Ihr müsst mich entschuldigen.“

„Aber sicher doch, Liebes“, sagte der Bankier freundlich.

Petra gab ihrem Mann einen Kuss. „Gute Nacht, Claus.“

„Gute Nacht, Liebling.“

Sie küsste auch ihren Vater. „Gute Nacht, Papa.“

„Gute Nacht, mein Kind.“ Sein Kind – das war sie, würde sie immer bleiben. Sie hätte nichts dagegen gehabt, wenn er sich nicht überall einmischte, wenn er wenigstens vor ihrem Eheleben haltgemacht hätte. Während sie sich nach oben begab, sagte Horst Bachmann zu seinem Schwiegersohn: „Komm her, mein Junge. Setz dich zu mir und leiste mir noch ein wenig Gesellschaft. Das Haus war sehr leer ohne euch.“

Claus Praetorius nahm seinem Schwiegervater gegenüber Platz und nippte an seinem Drink. In der Bank war einiges unerledigt geblieben, weil Claus am Freitag schon so früh sein Büro verlassen hatte. Horst Bachmann machte ihm deswegen keine Vorhaltungen, schließlich hatte Claus die gewonnene Zeit ja Petra gewidmet, und es war gewiss, dass er das Liegengebliebene gleich morgen früh aufarbeiten würde.

„Auch müde?“, fragte der Bankier und lächelte verständnisvoll.

„Ein bisschen“, antwortete Claus, ein Gähnen unterdrückend.

„War die Fahrt anstrengend?“

„Nicht besonders. Der Heimreiseverkehr hielt sich in erträglichen Grenzen.“

„Die ungewohnte Landluft haut einen ganz schön zusammen, nicht wahr?“

„Das allerdings“, gab Claus zu. „So gut wie dieses Wochenende haben Petra und ich schon lange nicht mehr geschlafen.“

„Wie heißt der Besitzer doch gleich?“, fragte Horst Bachmann.

„Lichtner. Albert Lichtner.“

„Ach ja. Frag ihn doch mal, ob er uns die Hütte nicht verkaufen möchte.“

Claus schüttelte den Kopf. „Aussichtslos. Er gibt sie nicht her. Sie ist so etwas wie ein Denkmal für ihn. Erinnert ihn an seine verstorbene Frau. Er wird sie niemals hergeben, wird sie behalten, solange er lebt.“

„Schade. Wenn es da so schön gemütlich ist, wäre es nicht schlecht gewesen, wenn die Hütte uns gehört hätte.“

„Wir können sie jederzeit benutzen“, sagte Claus.

„Ja, aber wenn sie uns gehören würde, wäre mir das lieber. Dann brauchtet ihr Herrn Lichtner nicht erst immer um die Schlüssel zu bitten, wenn ihr Lust habt, in die Berge zu fahren.“

„Das finde ich nicht schlimm.“

Sie schwiegen eine Weile, und Horst Bachmann sah seinen Schwiegersohn immer wieder prüfend an. Claus Praetorius wusste, welche Frage den Bankier beschäftigte. Bachmann hätte zu gern gewusst, ob in den Bergen alles „glatt gegangen“ war. Dem Banker war der sehnlichste Wunsch seiner Töchter bekannt.

Solange Petra und ihr Mann die Nächte in seinem Haus verbrachten, befanden sie sich irgendwie in seinem Einflussbereich, und Claus würde es nicht wagen, schwach zu werden und dem beharrlichen Drängen seiner Frau nachzugeben.

Aber wenn sie außer Haus schliefen, wurde Horst Bachmann stets unruhig, denn je mehr Kilometer sie von daheim entfernt waren, desto dünner wurde der Einfluss, den Bachmann auf seinen Schwiegersohn hatte.

Wenn Petra ihren Mann ganz für sich allein hatte, konnte sie ihn besser präparieren, und das konnte zur Folge haben, dass es ihr eines Nachts gelang, seinen Widerstand zu brechen. Sie war ja so schrecklich unvernünftig!

„Mein Junge“, sagte Horst Bachmann schließlich mit leiser, belegter Stimme, „es ist dort in den Bergen doch hoffentlich nichts geschehen, dessentwegen ich mir große Sorgen machen müsste?“

„Nein, Papa“, antwortete Claus und schaute seinem Schwiegervater dabei offen und ehrlich in die Augen.

Der Bankier atmete erleichterte auf. „Bist ein guter Junge. Ich bin sehr froh, dass ich mich auf dich verlassen kann. Komm, trink aus. Es wird langsam auch für uns Zeit, zu Bett zu gehen.“

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Marie-Luise Flanitzer, die jüngere Helferin Dr. Kaysers, war zwar verheiratet, aber kinderlos. Die sehr feminine junge Frau stellte ein echtes Gegenstück zu ihrer Kollegin Gudrun Giesecke dar.

„Also, ick weeß nich’, Chef“, beschwerte sich die korpulente Sprechstundenhilfe bei Dr. Kayser über ihre Kollegin. „Irjendwie steht die jute Marie-Luise heute völlig neben sich. Herr Wejener soll de Schulter bestrahlt kriejen, sie will ihm dat Kreuz bestrahlen. Frau Sawatzkis Verband soll erneuert werden, sie will se strecken. Frau Kalvoda is’ wejen ’ner jalvanischen Behandlung da, sie will ihr ’n Blutdruck messen. Det Mädchen is total von die Rolle, und wenn ick wat sage, heult se jleich los. Können Sie nich’ mal mit ihr – so unter vier Aujen – palavern?“

„Natürlich“, sagte Sven Kayser. „Wo ist sie denn?“

„Nebenan.“ Gudrun Giesecke zeigte auf die Verbindungstür.

„Ist sie allein?“

„Im Momente ja.“

Dr. Kayser stand auf und suchte den benachbarten Raum auf. Als er die Tür schloss, zuckte die junge Frau unwillkürlich zusammen, so, als hätte er sie bei etwas Verbotenem ertappt. Sie senkte den Blick und wollte an Sven vorbeieilen, um den nächsten Patienten hereinzurufen, doch der Grünwalder Arzt sagte: „Einen Augenblick, Marie-Luise.“

Sie blieb stehen, als wäre sie gegen eine unsichtbare Wand gelaufen. „Ja, Chef?“

„Ist Ihnen nicht gut, Marie-Luise?“

„Wieso?“ Sie sah ihn kurz an, schaute aber gleich wieder weg.

„Haben Sie Kummer?“

Zorn blitzte in Marie-Luises Augen. „Hat Schwester Gudrun sich über mich beschwert?“

„Sie macht sich Sorgen um Sie.“

„Das braucht sie nicht. Mit mir ist alles in Ordnung“, behauptete Marie-Luise,

„Sie waren bisher stets eine sehr zuverlässige Kraft, und plötzlich machen Sie an einem Tag mehr Fehler als all die Jahre, die Sie schon bei mir sind. Da stimmt doch irgend etwas nicht“, sagte Sven Kayser.

Da platzte es aus der jungen Arzthelferin heraus: „Es ist wegen meinem Mann, Herr Doktor. Er – ist da in so gewisse Kreise geraten ... Sie fahren von Fußballmatch zu Fußballmatch ... Karlsruhe, Hannover, Kiel, Rostock, Leipzig, Dresden! Jedes Wochenende sind sie woanders. Freitags geht es weg, und Sonntagabend kommen sie grölend und mit schwerer Schlagseite nach Hause. Und wenn ich meinen Mann bitte, diese – Ausflüge doch ein wenig einzuschränken und nicht so viel zu trinken, brüllt er mich an, ich hätte kein Recht, ihn einzusperren und dürfe ihm dieses harmlose Vergnügen nicht verbieten. Er hat sich völlig verändert, und das macht mir Angst.“

„Möchten Sie, dass ich mal mit ihm rede?“, fragte Sven Kayser. „Wenn durch seine Schuld der Praxisbetrieb nicht mehr richtig läuft, handle ich im Sinne unserer Patienten, wenn ich ihn mir vornehme.“

„Ich hätte nichts dagegen“, antwortete Marie-Luise Flanitzer, „aber es ist nicht möglich, mit ihm zu reden.“

„Wieso nicht?“

„Er ist vom letzten Wochenendtrip noch nicht nach Hause gekommen.“

„Es ist Montag“, wandte Sven Kayser ein.

„Mein Mann wird festgehalten.“

„Wo?“, fragte Dr. Kayser überrascht.

„In Hamburg.“

„Von wem?

„Von der Polizei“, antwortete Schwester Marie-Luise mit dünner Stimme. Sie schämte sich für ihren Mann.

„Hat er etwas angestellt?“, fragte Sven.

„Er sagt Nein. Ich habe kurz mit ihm telefoniert. Er hat mich heute morgen angerufen.“

„Warum hält man ihn fest, wenn er nichts angestellt hat?“, fragte der Grünwalder Arzt.

„Der Sachverhalt ist noch nicht restlos geklärt. Irgend jemand hat im Stadion einigen Schaden angerichtet, und die Schuldigen sind noch nicht gefunden.“

„Wann wird Ihr Mann voraussichtlich heimkommen?“, wollte Sven wissen.

„In ein paar Stunden – wenn er Glück hat.“

„Gehen Sie nach Hause, Marie-Luise“, sagte Sven Kayser. „Das wird am Besten sein.“

Die Arzthelferin sah ihn erschrocken an. „Aber – aber ich kann doch nicht ... Ich werde hier doch gebraucht ...“

Sven schüttelte den Kopf. „Nicht in Ihrer Verfassung. Gehen Sie heim, und warten Sie da auf Ihren Mann. Wir kommen hier auch ohne Sie zurecht. Sagen Sie Ihrem Mann, dass ich ihn sprechen möchte. Er soll mich anrufen.“

„Mit ist das alles so schrecklich peinlich, Herr Doktor.“

„In ein paar Tagen haben Sie’s vergessen“, tröstete Sven Kayser seine Mitarbeiterin.

Marie-Luise Flanitzer zog sich um und verließ die Grünwalder Arztpraxis.

Und Dr. Kayser sagte zu Gudrun Giesecke: „Icke, wir müssen die Schlagzahl etwas erhöhen.“

„Kein Problem, Chef. Wat hat Marie-Luise denn nu eigentlich?“

Sven erzählte es, weil er wusste, dass Gudrun nicht aus Neugier, sondern aus echter Anteilnahme heraus gefragt hatte

Sie kräuselte die Nase. „Wenn ick so wat höre, bin ick immer froh, dat ick nie jeheiratet habe“

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Es war später Nachmittag, als Marie-Luise Flanitzers Mann nach Hause kam. Wie ein geprügelter Hund schlich er zur Tür herein, das personifizierte schlechte Gewissen.

Marie-Luise sagte kein Wort. Sie sah ihn nur an und weinte. Das traf ihn am schmerzhaftesten. Er liebte seine Frau und konnte es nicht sehen, wenn sie weinte.

Zähneknirschend bat er sie um Verzeihung. „Ich bin ein Idiot“, sagte er schuldbeladen. „Bitte, vergib mir, Marie-Luise. Ich werde dir nie mehr solchen Kummer machen, das verspreche ich dir. Ich schwöre es sogar, wenn du möchtest. Ich bin mit diesen Rabauken fertig. Von nun an sehe ich mir die Fußballspiele nur noch im Fernsehen an. Ich habe ja nicht gewusst, in was man da hineinschlittern kann ... Die Stimmung war immer so toll ... Es gab so ein prima Zusammengehörigkeitsgefühl, verstehst du? Man hatte dieselben Interessen ... Es war mit diesen Kumpels stets so lustig! Lange Zeit war’s ein völlig harmloses Vergnügen, aber es muss immer welche geben, die nicht wissen, wann es genug ist. Und ehe man begreift, was läuft, sitzt man schon auf ’ner Polizeistation, und es heißt: Mitgegangen, mitgefangen, mitgehangen! Ich habe daraus meine Lehre gezogen, Marie-Luise. Ich tu dir so etwas ganz bestimmt nie wieder an. Es war nicht richtig, dich all die vielen Wochenenden allein zu lassen. Ich werde das wiedergutmachen, weil ich dich nämlich sehr, sehr lieb habe.“ Er trat näher und wischte ihr mit seinem Taschentuch die Tränen ab. „Ich wäre sehr glücklich, wenn du mir meine Fehler, die ich aus tiefstem Herzen bereue, verzeihen könntest, Liebling.“

Sie fiel ihm um den Hals und weinte laut. Es war ein befreiendes Weinen, und sie fühlte sich hinterher viel, viel besser.

Als Dr. Kayser sie wiedersah, war sie wie verwandelt. „Es ist nicht mehr nötig, dass Sie mit meinem Mann reden, Chef“, sagte die junge Arzthelferin. „Wir haben uns gestern ausgesprochen. Ich habe meinem Mann verziehen. Wir haben uns ausgesöhnt. Es ist wieder alles in Ordnung. Mein Mann wird so etwas nie wieder tun, das hat er mir versprochen, und ich weiß, dass ich mich darauf verlassen kann. Er hat noch nie sein Wort gebrochen.“

„Ick bin richtig froh, dat bei Schwester Marie-Luise wieder allet im Lot is’, Chef“, sagte einige Minuten später Gudrun Giesecke zu ihrem Arbeitgeber. „Allet hat sich in Wohljefallen uffjelöst, und unsere Patienten brauchen sich keene Sorjen mehr zu machen, von Frau Flanitzer falsch behandelt zu werden. Ist ’ne ziemlich erfreuliche Entwicklung, würde ick sajen.“

„Wer ist denn heute unsere erste Patientin?“, erkundigte sich Dr. Kayser, während er in seinen weißen Arbeitsmantel schlüpfte.

„Frau Praetorius“, antwortete Schwester Gudrun.

„Schon wieder?“, wunderte sich der Grünwalder Arzt.

„Sie möchte een Problem mit Ihnen besprechen“, erklärte Gudrun Giesecke.

„Ist gut“, nickte Sven Kayser. „Schicken Sie sie herein, Schwester Gudrun.“

„Mach’ ick jlatt, Chef.“

Augenblicke später saß ihm die attraktive Patientin gegenüber und klagte ihm ihr Leid. Ihm war bekannt, wie sehr sie sich ein eigenes Kind wünschte, aber er hatte nicht gemerkt, wie sehr diese Sehnsucht sie innerlich schon zerfressen hatte.

Petra Praetorius erwähnte zwischendurch, dass sie bereits auf der Volkshochschule gewesen war, um sich für den Kurs, den er ihr empfohlen hatte, anzumelden. Bedauerlicherweise musste sie sechs Wochen warten. Erst dann würde ein neuer Kurs für autogenes Training beginnen. Petra Praetorius hoffte, dass die neue Pille inzwischen ihren Seelenzustand während des Zyklus etwas weniger in Unordnung brachte.

Dann kam sie wieder auf den eigentlichen Grund ihres Hierseins zu sprechen. „Ich stehe diesen immerwährenden Kampf nicht mehr lange durch, Herr Doktor. Es muss endlich eine Entscheidung fallen – und zwar die einzig richtige.“

„Ich habe Ihnen bereits mehrmals angeboten, Ihren Mann über Ihren absolut intakten Gesundheitszustand aufzuklären“, erwiderte der Grünwalder Arzt.

„Es nützte nichts, wenn Sie mit meinem Mann reden, Herr Doktor.“

„Ich bin auch jederzeit bereit, mit Ihrem Vater ...“

Petra Praetorius schüttelte den Kopf. „Auch das hätte keinen Sinn. Papa ist dermaßen überzeugt davon, mit seiner Behauptung Recht zu haben, dass man ihm meiner Meinung nach nur auf eine Weise beikommen kann: Man muss ihm Schwarz auf Weiß beweisen, dass er sich irrt – mit einem umfassenden ärztlichen Attest. Deshalb möchte ich Sie bitten, mich in die Seeberg-Klinik einzuweisen. Man soll mich da von Kopf bis Fuß untersuchen. Blut, Leberwerte, Nierenfunktion, Leistung des Herzens, Belastbarkeit des gesamten Organismus, Unterleibs-Check, meinetwegen auch Sehtest ... Einfach alles. Ich brauche vor dem Untersuchungsergebnis keine Angst zu haben. Ich weiß, dass ich eine gesunde Frau bin, und ich will auch endlich meinen Vater davon überzeugen. Wenn ich ihm einen Berg zufriedenstellender Befunde auf den Tisch knalle, kann er nicht länger dagegen sein, dass ich ein Kind bekomme. Mit Hilfe der medizinischen Tests aus der Seeberg-Klinik kann ich ihn klein kriegen.“

„Vielleicht haben Sie Recht, und es geht so“, sagte Dr. Kayser, stellte die Einweisung aus und wünschte der Patientin viel Glück.

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Der Zufall wollte es, dass in München nicht nur jener Walter Schmidt lebte, der sich, nach der Ausheilung eines Magengeschwürs in der Seeberg-Klinik einer Vagusnerv-Operation unterzogen hatte. Es gab auch noch einen anderen, und der war mit Dr. Yvonne Wismath befreundet.

Die Namensvettern wussten nichts voneinander. München ist schließlich kein Dorf, sondern eine Großstadt. Hier kennt man schon die Leute nicht mehr namentlich, die auf der gegenüberliegenden Straßenseite wohnen.

Der andere Walter Schmidt – nicht der Grafiker, sondern der Computerexperte – war groß und stattlich, hatte ein sympathisches Gesicht und war zwei Jahre älter als Yvonne Wismath.

Gleich nachdem er von Bremen zurückgekommen war, hatte sie ihm von ihrer Begegnung mit Sven Kayser erzählt. Sie hatte nichts zu verbergen, konnte offen reden.

Dennoch störte Walter Schmidt ihre Begeisterung ein wenig. Er war davon etwas unangenehm berührt, schließlich war er in Yvonne sehr verliebt und wollte sie nicht an einen ihrer ehemaligen Kommilitonen verlieren. Er wurde vorübergehend etwas ruhiger, als Yvonne Solveig Abel erwähnte, aber seine Nackenhärchen stellten sich gleich wieder quer, als er hörte, dass seine Yvonne am Sonntag ziemlich lange mit Dr. Sven Kayser zusammen gewesen war. Allein!

,,Er war, als er mich abends heimbrachte, so rücksichtsvoll, meine Einladung zum Kaffee abzulehnen“, berichtete ihm Yvonne ziemlich unbedarft.

Walter Schmidt sah sie groß an. Sie befanden sich in ihrer Wohnung. „Was, du wolltest ihn noch mit zu dir nehmen?“

„Wäre doch nichts dabei gewesen.“

Walter konnte Yvonnes Einstellung nicht verstehen. „Du hättest das wirklich schicklich gefunden?“

„Warum denn nicht?“, erwiderte sie, als brauchte sie deswegen überhaupt kein schlechtes Gewissen zu haben. Brauchte sie auch nicht. „So, wie wir früher mal zueinander gestanden hatten.“

Walter musterte sie befremdet. „Na eben!“

Yvonne lachte. „Aber Walter, das ist doch schon so lange her!“

„Ich finde das überhaupt nicht komisch“, sagte er rau. „Sven Kayser war mal in dich verliebt, hab’ ich recht?“

„Ja, und ich war in ihn verliebt.“

„Noch schlimmer“, stöhnte Walter Schmidt.

„Aber wir haben nie zueinandergefunden. Das Schicksal wollte es nicht“, sagte Yvonne Wismath.

„Vielleicht will es das Schicksal jetzt?“

Yvonne schüttelte langsam den Kopf und sah ihm dabei tief in die Augen. Mit dunkler Stimme sagte sie: „Nein, jetzt will es das Schicksal, dass ich mit dir zusammen bin, du dummer Kerl. Sven und ich werden nie ein Paar. Der Zug ist schon lange abgefahren. Aber wir mögen einander noch immer sehr, und daran wird sich nie etwas ändern.“

Walter nahm sie in die Arme und drückte sie fest an sich. „Ich möchte dich nicht verlieren, Yvonne.“

Sie lächelte belustigt. „Keine Sorge, Liebster, du wirst mich nicht mehr los. Du hast meine Liebe geweckt, und nun will ich dich mit Haut und Haaren.“

„Du hast mich.“ Er küsste sie.

„Mit Haut und Haaren?“, fragte sie.

„Mit Haut und Haaren.“

„Du gehörst mir?“, fragte Yvonne. „Nur mir allein?“

„Nur dir allein“, versicherte er ihr und streichelte zärtlich ihre Wange.

Dann grinste er ein wenig schief. „Ich muss dir sagen, dieser Dr. Kayser lag mir vorhin wie ein Stein im Magen.“

„Und nun?“

„Er löst sich allmählich auf.“

„Ich hoffe, du wirst ihn bald kennenlernen.“

„Muss das sein?“

„Ja, das muss sein. Wir haben beschlossen, etwas zu viert zu unternehmen. Du wirst von Sven Kayser und Solveig Abel begeistert sein. Solveig ist eine richtige Dame.“

„Die kann man sich ja mal aus der Nähe ansehen.“

Yvonne hob drohend den Finger. „Du, pass auf, was du redest.“

Walter lachte „Aber mein Schätzchen, ich bin treu wie Gold, das weißt du doch.“

„Weiß ich eben nicht. Du bist häufig unterwegs – Bremen, Frankfurt, Dresden, Baden-Baden ...“

Walter feixte „Ja, und überall hab’ ich ’ne Braut.“

„Und jeder sagst du, du bist treu wie Gold.“

Walter amüsierte sich köstlich. „Klar doch. Und alle glauben es, weil ich so ein ehrliches Gesicht habe.“

„Wie viele Bräute hast du wirklich?“

„Keine einzige“, antwortete er nun ernst. „Ich habe nur dich, aber du bist nicht meine Braut, denn das würde ja bedeuten, dass du dich bereits einverstanden erklärt hättest, mich zu heiraten.“

„Heiraten ...“

Er nickte und strich ihr sanft übers blonde Haar. „Ich weiß, für dich hat dieses Wort keine allzu große Bedeutung.“

„Es gibt auch Ehen, die ohne Trauschein sehr gut funktionieren.“

„Du denkst an deine Verbindung mit Thorsten Klenke“, sagte Walter Schmidt.

„Zum Beispiel – ja.“

Er hauchte ihr einen Kuss auf die Stirn. „Aber wenn ich dich gern zu meiner Frau machen würde – so mit Brief und Siegel und allem Drum und Dran ... Würdest du mir dann die Freude machen und Ja sagen?“

„Ich weiß es nicht, Walter.“

Er sah sie enttäuscht an. „Wieso nicht?“

„Wir kennen uns noch nicht lange genug“, antwortete Yvonne Wismath.

„Zeit ist für die Liebe kein Thema“, entgegnete Walter. „Worauf willst du warten?“

„Ich möchte dich erst noch ein bisschen besser kennenlernen, mehr über dich wissen.“

„Drum prüfe ewig, wer sich bindet, wie?“, bemerkte er ironisch.

„Bitte, sei ernst, Walter.“

„Okay, was möchtest du wissen? Ich habe dir nicht verschwiegen, dass ich schon mal verheiratet war. Obwohl dieses erste Mal schiefgegangen ist, möchte ich es mit dir noch einmal wagen. Es wäre mir ein großes Vergnügen und eine unbeschreibliche Freude, dich zu ehelichen, denn du bist ganz anders als meine Exfrau.“

„Wie – anders?“, fragte Yvonne. „Seriöser. Auf dich kann ich mich verlassen. Deiner kann ich mir sicher sein.“

Yvonne schmunzelte. „So hast du vorhin aber nicht geklungen, als ich dir von Sven Kayser erzählt habe.“

„Ich hab’ bloß Spaß gemacht“, behauptete Walter.

„Das kaufe ich dir nicht ab.“

Er wand sich kurz und gab dann zu: „Na ja, ein bisschen eifersüchtig bin ich immer, das liegt mir im Blut, dagegen kann ich nichts machen.“ Er strich ihr eine blonde Haarsträhne aus dem Gesicht und sah sie verliebt an. „Was möchtest du noch über mich wissen? Meine Ehe mit Jutta war vor sieben Jahren – nach sieben Jahren – geschieden, nachdem ich mein liebes Weib in flagranti mit dem Reitlehrer erwischt hatte. Die wenigen zwischenmenschlichen Beziehungen, die ich danach aufzubauen versuchte, hatten alle nur eine deprimierend kurze Lebensdauer. Ich weiß nicht, ich hatte irgendwie das Vertrauen in die Menschheit – genauer gesagt: in die Frauen – verloren. Ich hatte Angst, noch mal so bitter enttäuscht zu werden, und diese Angst machte es mir unmöglich, eine neue ordentliche Beziehung aufzubauen. Ich machte einen Reifungsprozess durch, und dann begegnete ich dir.“

Yvonne sagte nichts, sah ihn nur an.

„Ich sah dich und wusste: Mit dieser Frau kann es klappen, mit dieser Frau kannst du so glücklich werden, wie du es noch niemals warst“, fuhr Walter mit belegter Stimme fort.

Yvonne küsste ihn sanft auf den Mund. „Lass mir bitte noch ein wenig Zeit, Liebster.“

„Ich werde dich nicht drängen.“

„Zu heiraten ist für mich eine völlig neue Erfahrung. Ich hatte bisher geglaubt, ich würde es nie tun, aber wenn, dir so viel daran liegt, muss ich mich damit auseinandersetzen, Für und Wider abzuwägen.“

„Das Für wird überwiegen“, behauptete Walter.

„Ich werde sehr gründlich über uns nachdenken, das verspreche ich“, sagte Yvonne. „Ich habe eine schwere Zeit hinter mir. Ich hätte nicht gedacht, dass ich mich noch einmal verlieben würde, aber es ist passiert, und ich bin darüber sehr glücklich. Der Mensch ist nicht fürs Alleinsein geschaffen, und ich bin dem Schicksal unendlich dankbar, dass es uns zusammengeführt hat. Eine Ehe mit dir ... Warum eigentlich nicht? Was spricht dagegen? Nichts. Je länger ich mich mit diesem Gedanken befasse, desto mehr finde ich Gefallen an ihm. Trotzdem kann ich mich heute noch nicht entscheiden, aber wenn du dich ein wenig in Geduld fasst, könnte meine Antwort sehr positiv ausfallen – denke ich.“

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Als Dr. Yvonne Wismath in der Seeberg-Klinik ihren Dienst antrat, lernte sie die Patientin Petra Praetorius kennen und hörte deren seltsame Geschichte.

Verrückt, dass eine Frau, die ein Kind haben wollte, erst ihren Vater mit einem klinischen Attest überzeugen musste, dass sie dazu auch imstande war.

Yvonne verstand sich mit Petra Praetorius auf Anhieb sehr gut. Die beiden Frauen hatte sofort den besten Kontakt zueinander, so dass Dr. Wismath die Patientin aufsuchte, wann immer sie Zeit dazu hatte.

Drei Tage waren für die gründliche Untersuchung anberaumt. In dieser Zeit tauchte auch Dr. Sven Kayser bei Petra auf und fragte: „Ist alles in Ordnung? Sind Sie gut untergebracht? Haben Sie irgendwelche Wünsche?“

Petra schüttelte den Kopf. „Nein, Herr Doktor. Ich bin ...“ Sie lächelte. „Beinahe hätte ich gesagt: Ich bin wunschlos glücklich. Aber das werde ich erst sein, wenn Sie mir bestätigt haben, dass ich schwanger bin.“

„Das wird nun wohl nicht mehr allzu lange auf sich warten lassen.“

„Man ist hier sehr nett zu mir“, berichtete Petra Praetorius. „Wer in der Seeberg-Klinik was zu meckern hat, kann selber nicht ganz dicht sein. Schwester, Pfleger und Ärzte sind um ein angenehmes Klima bemüht, das Essen ist sehr gut. Ich muss sagen, die Seeberg-Klinik wird geradezu mustergültig geführt, da gibt es einfach nichts zu bemängeln.“

„Das wird meinen Freund Ulrich aber sehr freuen, wenn ich ihm Ihr Lob übermittle. Sie haben doch nichts dagegen, dass ich das tue?“

„Selbstverständlich nicht“, erwiderte die Patientin. „Wer mir besonders ans Herz gewachsen ist, ist die neue Internistin.“

„Frau Dr. Wismath?“

Petra Praetorius nickte. „Genau die.“

„Mit der habe ich zusammen studiert“, sagte Sven Kayser.

„Sie strahlt so viel Güte und Herzenswärme aus, ist eine so verständnisvolle Frau – man hat sofort Vertrauen zu ihr, und man muss sie einfach mögen.“

Sven lächelte. „Auch da bin ich ganz Ihrer Meinung, Frau Praetorius.“ Er verabschiedete sich von der Patientin. Auf dem Flur traf er gleich darauf Dr. Yvonne Wismath. „Hallo, schöne Kollegin“, begrüßte er sie lächelnd. „Wie geht’s? Hast du dich hier schon ein bisschen eingelebt?“

„Alle im Haus machen es mir so leicht wie möglich. Ich bin von meinen Kollegen restlos begeistert.“

„Und Frau Praetorius schwärmt von dir in den höchsten Tönen“, sagte Sven.

„Warst du bei ihr?“

Sven Kayser nickte und meinte schmunzelnd: „Verwöhnt die Frau nicht zu sehr, sonst will sie nach der Untersuchung nicht mehr nach Hause gehen.“

„Es gibt Menschen, bei denen hat man gleich in der ersten Minute das Gefühl, sie schon ewig zu kennen. Auf Petra Praetorius trifft das zu. Vielleicht meinst du, ich übertreibe, aber ich habe den Eindruck, dass wir auf dem besten Wege sind, Freundinnen zu werden. Ihr Problem berührt bei mir einen ganz bestimmten Nerv. Wie kann ihr Vater sich anmaßen, so sehr über ihr Leben zu bestimmen? Okay, er meint es nicht schlecht mit ihr, aber ich finde, dass er es mit seiner Sorge um seine Tochter doch ziemlich übertreibt.“

„Hast du Zeit, mit mir einen Kaffee zu trinken?“, erkundigte sich Sven Kayser.

„Du, nein, aber ich muss mich um zwei Neuzugänge kümmern“, erwiderte Yvonne bedauernd.

„Dann vielleicht ein andermal“, sagte Sven.

Yvonne lächelte. „Ich habe meinem Freund von unserer zufälligen Begegnung erzählt.“

Sven hob die linke Augenbraue. „Und?“

Yvonne wiegte den Kopf. „Er war zunächst nicht sonderlich begeistert, aber nun brennt er darauf, deine Bekanntschaft zu machen.“

„Ich werde mal bei Solveig nachfragen, wann sie Zeit hat.“

„Tu das, und lass es mich wissen“, sagte Yvonne.

„Liebt dein Freund gute klassische Musik?“, erkundigte sich Sven.

„Sehr sogar.“

„Ich könnte Karten für ein Konzert der Warschauer Symphoniker in vierzehn Tagen besorgen. Sie spielen unter der Leitung von Justus Frantz.“

„Großartig“, sagte Yvonne Wismath begeistert.

„Wenn Solveig verfügbar ist ...“

„Steht einem gemeinsamen Abend nichts im Wege“, nickte die Internistin.

Sven hob lächelnd die Hand. „Vorausgesetzt, dein Freund muss nicht wieder ganz dringend nach Bremen oder sonst wohin.“

Yvonne seufzte. „Oder ich werde in der Klinik gebraucht, was ja auch nie völlig auszuschließen ist.“

„Oder ich werde ganz dringend zu einem Patienten gerufen“, sagte Sven Kayser.

„Es ist immer riskant, sich mit einem Arzt zu verabreden“, lachte Yvonne. Sie schaute auf ihre Armbanduhr. „Ich will nicht unhöflich sein, aber ich kann nun wirklich nicht länger bleiben.“

„Du hörst von mir.“

„Würde mich freuen, wenn es mit dem Abend zu viert klappen würde“, sagte die schöne Kollegin.

„Also – ich rechne bereits fix damit.“ Yvonne setzte ein bezauberndes Lächeln auf. „Ja, warum eigentlich nicht? Dem Optimisten gehört die Welt.“

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Die Generaluntersuchung führte zu einem höchst erfreulichen Ergebnis: Petra Praetorius war eine kerngesunde Frau, es bestanden nicht die geringsten Zweifel, dass sie eine Schwangerschaft problemlos durchstehen würde.

Triumphierend kam sie mit ihren phantastischen Befunden nach Hause.

„Theresia!“

Das Mädchen deutete, wie stets, einen Knicks an. „Ja, Frau Praetorius?“

„Stellen Sie eine Flasche Champagner kalt, es gibt etwas zu feiern.“

„In Ordnung, Frau Praetorius.“ Theresia eilte aus dem Wohnzimmer.

Petra konnte es kaum erwarten, bis ihre Männer nach Hause kamen. Ruhelos lief sie auf und ab. Endlich konnte sie die Bedenken ihres Vaters zerstreuen.

Er konnte nicht länger dagegen sein, dass sie ein Baby bekam. Er durfte es Claus nicht länger verbieten, mit ihr ein Kind zu zeugen.

Endlich, endlich würde sie Mutter werden. Oh, sie stellte sich das so wunderbar vor. Ohne zu klagen wollte sie alle Beschwerden der Schwangerschaft ertragen – und die Schmerzen der Geburt, denn sie würde dafür reich belohnt werden. Mit einem süßen kleinen Baby, das sie lieben und pflegen durfte, das sie wachsen sehen und die ersten Worte plappern hören würde – Mama, Papa! Dann die ersten Schritte ... Sie würde ihrem Kind unendlich viel Liebe geben, ohne darüber zu vergessen, auch Claus, den Vater des Kindes, über alle Maßen zu lieben und ihm dankbar zu sein für seine Teilnahme am göttlichen Schöpfungsakt, der dieses niedliche Menschlein hervorgebracht hatte. Junge, Mädchen – das war nicht so wichtig. Hauptsache ein Kind, ein gesundes, fröhlich, glückliches Kind ...

Petra dachte an ihren Abschied von Dr. Yvonne Wismath. „Ich wünsche Ihnen alles erdenklich Gute, Frau Praetorius“, hatte die Internistin gesagt.

„Danke, Frau Doktor“, hatte Petra erwidert.

Die Ärztin hatte ihr die Hand gereicht. „Nennen Sie mich Yvonne.“

„Aber nur, wenn Sie mich Petra nennen.“

„Einverstanden“, hatte Yvonne gesagt. „Ich würde zu gern wissen, wie Ihre Geschichte weitergeht.“

„Ich halte Sie auf dem Laufenden“, hatte Petra versprochen. „Würden Sie und Ihr Freund uns die Freude machen, uns mal zu besuchen?“

„Sehr gem.“

„Ich rufe Sie an, und wir verabreden uns, ja?“

Yvonne hatte lächelnd genickt. „In Ordnung. Und nun sehen Sie zu, dass Sie mit Ihrer freudigen Botschaft nach Hause kommen.“

Und nun war Petra daheim – und allein. Ameisen schienen unter ihrer Haut zu krabbeln. Sie war noch nie so ruhelos gewesen. Sie wollte sich so wahnsinnig gern jemandem mitteilen. Wo nur Claus und Papa so lange blieben? Endlich hielt ein Wagen vor dem Haus. Petra eilte zum Fenster. Claus stieg aus seinem Mercedes. Papa war nicht bei ihm, er war wahrscheinlich wieder einmal in der Bank aufgehalten worden.

Das traf sich ganz gut so. Claus würde die erfreuliche Nachricht als erster erfahren.

Als ihr Mann das Wohnzimmer betrat, eilte Petra auf ihn zu. „Claus!“

Er strahlte. „Liebling!“ Er umarmte sie „Ich bin ja so froh, dass du wieder zu Hause bist.“

„Oh, es war sehr angenehm in der Seeberg-Klinik.“

„Aber schöner ist es doch zu Hause.“ Er küsste seine Frau zärtlich.

„Ja“, gab sie zu. „Bei dir. Wo ist Papa?“ Er seufzte. „Ein wichtiger Kunde platzte kurz vor dem Heimgehen in sein Büro, aber ich denke, Papa wird ihn in wenigen Minuten abgefertigt haben. Er macht das sehr geschickt.“

„Er ist dein großes Vorbild, nicht wahr?“

„Ich hätte als Kind gern so einen erfolgreichen Vater gehabt. Einen, auf den ich hätte stolz sein können. Der meine war – ich sag’s nicht gern, aber es ist leider eine unbestreitbare Tatsache – ein Versager.“

„Unser Kind wird auf seinen erfolgreichen Vater stolz sein können“, flüsterte Petra und kraulte seine Nackenhärchen.

„Unser Kind?“

„Möchtest du wissen, was die Untersuchung ergeben hat?“, fragte Petra. „Ich platze gleich, wenn ich es dir nicht sage.“ Sie lachte hell. „Keine Frau auf der ganzen Welt ist mehr als ich fürs Kinderkriegen geschaffen, das war die einhellige Meinung aller Ärzte, und das kann ich auch belegen.“ Sie zeigte auf die Mappe, in der sich ihre Befunde befanden.

„Mir brauchst du sie nicht zu zeigen“, wehrte Claus ab.

„Du bist mein Mann.“

„Deinen Vater musst du überzeugen, dass das Kinderkriegen für dich ungefährlich ist, nicht mich.“

„Er wird nicht länger dagegen sein, dass wir ein Kind bekommen, Liebster. Wir werden endlich eine richtige Familie sein: Vater, Mutter, ein Kind – oder auch zwei. Wir werden die glücklichste Familie unter der Sonne sein.“

Claus lachte. „Im Übertreiben bist du nicht zu schlagen.“

„Ich übertreibe nicht. So wird es sein, du wirst schon sehen.“ Petra schlang die Arme um seinen Nacken. „Theresia hat bereits eine Flasche Champagner kalt gestellt. Die werden wir köpfen, sobald Papa nach Hause kommt.“

Sie wechselte das Thema, sprach von Dr. Yvonne Wismath, mit der sie sich angefreundet hatte. „Sie wird uns demnächst mal zusammen mit ihrem Freund besuchen“, sagte Petra. „Sie ist reizend. Man kann sich wunderbar mit ihr unterhalten. Wir haben uns auf Anhieb blendend verstanden.“

„Und was ist ihr Freund von Beruf?“, erkundigte sich Claus.

„Er hat mit Computern zu tun, ist ein richtiges Ass auf seinem Gebiet, ein Spezialist.“

„Da kann er mir bestimmt ein paar knifflige Fragen beantworten, die mich schon lange beschäftigen.“

„Sicher.“

„Her mit dem Mann“, sagte Claus grinsend. „Und wenn man sich mit einer Ärztin gut stellt, kann es auch kein Fehler sein.“

Petra bohrte ihrem Mann kichernd den Finger in die Rippen. „Ich wusste ja gar nicht, dass du so berechnend bist.“

„Wie du siehst, hat mir dein Vater schon so manches beigebracht.“

„Nimm bitte nicht alles von Papa ab, ja?“

„Nur das Gute“, versprach Claus.

Eine halbe Stunde später kam Horst Bachmann heim. Das Gespräch mit dem wichtigen Kunden schien sehr gut verlaufen zu sein, er hatte gute Laune, und er freute sich, dass seine Tochter wieder zu Hause war.

Petra bat Theresia, den Champagner zu servieren. Sie stieß mit ihrem Mann und mit ihrem Vater an und verkündete glückstrahlend, dass ihrer Schwangerschaft nun nichts mehr im Wege stehen könne, und sie zeigte stolz die vielen ausgezeichneten Befunde, deren phantastische Werte sich nach Ansicht der Ärzte sehen lassen konnten.

Horst Bachmann sagte nichts. Petra drängte ihn vorerst zu keiner Äußerung, sondern überließ ihm die Befunde, damit er sie sich in Ruhe ansehen konnte

Er blätterte schweigend darin. Petra ließ ihm Zeit. Es war bestimmt nicht einfach für ihn, seine Meinung zu revidieren, aber wenn er die Befunde objektiv betrachtete, konnte er unmöglich bei seiner alten, falschen Meinung bleiben. Er las, blätterte weiter, las, blätterte zurück, las wieder ...

Die Spannung wuchs. Es war sehr still im Raum, nur das gelegentliche Rascheln von Papier war zu hören.

Endlich klappte Horst Bachmann die Mappe zu und legte sie auf den Couchtisch. Petra sah ihn erwartungsvoll an, doch er äußerte sich noch immer nicht. Petra trank nervös ein zweites Glas Champagner. Sie hatte ein heftiges Prickeln in der Nase und hätte beinahe geniest. Sie holte schon tief Luft, aber dann verging der Niesreiz, und sie wartete weiter voller Spannung auf ein Wort ihres Vaters.

Da er so lange nichts sagte und sie mit stummem Ernst auf die Folter spannte, platzte sie mit ihrer Frage in die Stille hinein: „Nun, was sagst du dazu, Papa?“

Er sah sie an. „Ich weiß, wie viel dir an einem eigenen Kind liegt, mein Herz, und ich kann deine Sehnsucht nach Mutterfreuden sehr gut verstehen. Ich bin kein Unmensch: Ich habe mich nicht aus purem Egoismus dagegen ausgesprochen, dass du schwanger wirst. Es geschah lediglich zu deinem Schutz, um dir dein Leben zu erhalten.“

„Aber jetzt ... Die Befunde, Papa! Ich bin gesund, gesünder kann eine Frau überhaupt nicht sein!“

„O ja, die Befunde sehen bestechend aus“, gab der Bankier zu.

,,Nun kannst du doch nicht länger dagegen sein, dass ich mit Claus ein Kind habe. Es wird nichts passieren.“

„Eine hundertprozentige Sicherheit kann man nie haben“, entgegnete Horst Bachmann. „Auch Dr. Seeberg und seine Kollegen, vor denen ich größte Hochachtung und Respekt habe, können nicht garantieren, dass bei dir Schwangerschaft und Geburt völlig komplikationslos verlaufen werden. Sie können es annehmen, auf Grund der erstellten Befunde hoffen, aber ...“

Petra sah ihren Vater entsetzt an. Ihr Herz raste. „Aber?“

„Hast du dir schon mal klargemacht, dass Ärzte auch nur Menschen sind?“

„Was willst du damit sagen?“, fragte Petra spröde.

„Menschen machen Fehler, irren sich hin und wieder. Aus diesem Grund kann ich das Untersuchungsergebnis nicht anerkennen, tut mir Leid. Ich bleibe dabei, dass eine Schwangerschaft zu riskant für dich ist, und ich kann meinen Appell an deinen Mann, vernünftig zu sein, also den Intellekt und nicht das Herz sprechen zu lassen, nur mit Nachdruck erneuern.“

Petra konnte nicht glauben, was sie hörte. „Das – das ist nicht wahr, das kann nicht sein, das kann sich doch nur um einen furchtbaren Alptraum handeln!“ Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Sie starrte ihren Mann an. „Warum sagst du nichts, Claus? So sag doch was! Auf wessen Seite stehst du? Das will ich endlich wissen!“

Claus hasste es, zwischen den Fronten zu stehen, er wollte nicht Partei ergreifen. „Wie mir scheint, reicht dieser eine Abend zur Klärung der unterschiedlichen Standpunkte nicht.“ Mit dieser dünnen Bemerkung versuchte er sich aus der Affäre zu ziehen.

„Du möchtest Kinder – genau wie ich!“, stieß Petra leidenschaftlich hervor. „Das hast du selbst gesagt.“

„Niemand hat etwas dagegen, dass ihr Kinder habt“, sagte Horst Bachmann mit fester Stimme. „Aber müssen es denn unbedingt eigene Kinder sein? Ihr könnte doch jederzeit welche adoptieren. Dabei würde ich euch sogar gern helfen.“

„Ich brauche keine Kinder zu adoptieren, wenn ich jederzeit eigene Kinder haben kann, Papa!“, schrie Petra außer sich vor Wut und Enttäuschung. „Ich habe Dr. Kayser gefragt – ich war in der Seeberg-Klinik! Alle Ärzte sind der einhelligen Meinung, dass ich geradezu dafür geschaffen bin, Mutter zu werden. Ich habe das gebärfreudigste Becken von der Welt. Wie kannst du dich dieser von fähigen Medizinern bestätigten Tatsache so störrisch verschließen? So viele Ärzte können sich unmöglich irren. Begreifst du das denn nicht? Was soll ich denn noch beibringen? Ein Mutterschaftszertifikat vom Papst?“

„Werde nicht unsachlich, Petra!“, wies der Bankier seine Tochter scharf zurecht. Sein Blick richtete sich auf Claus. Er sagte nichts, aber seine Augen sprachen Bände.

Sie sagten: Ich verlasse mich wie bisher auf dich, mein Junge. Wenn du weiterhin nicht nur mein Schwiegersohn, sondern auch mein Freund und meine rechte Hand in der Bank bleiben willst, erfüllst du deiner Frau ihren gefährlichen Wunsch nicht. Es wäre nicht klug von dir, dich meinem Willen zu widersetzen. Du kennst meine Einstellung: Wer nicht für mich ist, ist gegen mich, und wer gegen mich ist, muss aus einem verdammt harten Holz geschnitzt sein, um beruflich zu überleben. Du kennst meine Methoden, weißt, wie ich meine Feinde fertigmache. Erlaube dir ja nicht, dich gegen mich zu stellen, denn du bist nicht hart genug, um das zu überstehen. Kein Kind für Petra! Hast du mich verstanden? Kein Kind für Petra!

Claus verstand ihn. Er schlug die Augen nieder und wusste, dass er den Mut nicht aufbringen würde, sich dem Willen des Schwiegervaters zu widersetzen.

Ein Kind mit Petra wäre etwas Wunderschönes gewesen, aber Claus Praetorius hatte auch noch andere Interessen, die er nicht außer Acht lassen durfte.

Ein Kind mit Petra war nicht alles. Ein Mann hat auch noch einen Beruf und eine Karriere, an die er denken muss. Horst Bachmann hatte ihn in der Hand.

Er konnte nicht einfach tun, was Petra wollte, wenn ihr Vater dagegen war. Sie hätte das einsehen sollen, aber sie war genauso uneinsichtig wie ihr Vater. Da prallten zwei harte Dickschädel aufeinander, und zwar so kräftig, dass die Funken sprühten. Jetzt brauchte nur noch ein Pulverfass in der Nähe zu sein, dann war die Katastrophe perfekt.

„Kind!“, sagte der Bankier eindringlich, um einen versöhnlichen Ton bemüht. „Deine Urgroßmutter, deine Großmutter und deine Mutter ...“

„Ach, fang doch nicht wieder damit an!“, stieß Petra unbeherrscht hervor.

„Sie sind tot.“

„Wer weiß, woran sie gestorben sind!“

„Ich will nicht, dass du dich schuldig fühlst, Petra, aber – ihre Kinder haben sie umgebracht. Warum bist du so versessen darauf, zu sterben?“

„Ich werde nicht sterben. Jedenfalls nicht an einem Kind.“

Eine unangenehme Situation für Claus Praetorius. Er stand zwischen den Fronten. Wie auch immer er sich entschied, es war eine Entscheidung entweder gegen seine Frau oder gegen seinen Schwiegervater.

Er wollte das eine so wenig wie das andere, aber eine andere praktikable Alternative gab es nicht. Claus fühlte sich innerlich zerrissen.

Sein Herz wollte sich für Petra entscheiden, sein Verstand für ihren Vater. Sein Innerstes war in Aufruhr. Er hätte am Liebsten die Augen geschlossen, sich an einen anderen Ort gedacht und all die schwierigen Probleme vergessen.

Petra forderte ihn aggressiv auf, keine Memme zu sein, sondern sich offen zu ihr zu bekennen und sich über den unsinnigen Willen ihres Vaters hinwegzusetzen.

Er sah sie hilflos und verzweifelt an. Bitte, lass mich aus dem Spiel, flehten seine Blicke. Petra liebte ihn, aber in diesem furchtbaren Moment war sie nahe daran, ihn zu verachten.

„Ich habe alles, wirklich alles getan, um dich zu überzeugen, Papa“, wandte sie sich noch einmal an ihren Vater. „Nie im Leben hätte ich gedacht, dass du so verbohrt bist.“

„Wir sollten dieses Thema heute ein für allemal beenden“, erwiderte der Bankier kühl.

Petra starrte ihn zornig an. „Du kannst Claus verbieten, mir ein Kind zu machen, Papa, aber du kannst mir nicht verbieten, ein Kind zu haben!“, fauchte sie trotzig.

Horst Bachmann zog die Augenbrauen zusammen. „Was soll das heißen? Was willst du damit sagen, Petra?“

Sie blieb ihm die Antwort schuldig, wirbelte auf den Absätzen herum und rannte aus dem Zimmer.

An diesem Abend sperrte Petra ihren Ehemann aus dem gemeinsamen Schlafgemach aus. Er musste die Nacht in einem der Gästezimmer verbringen, und die Luft war am darauffolgenden Morgen noch immer nicht rein. Es herrschte eine ungute Atmosphäre, die prall gefüllt war mit mühsam unterdrücktem Zorn, grimmigem Trotz, aggressiver Gereiztheit und kaum verdeckter Feindseligkeit.

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15

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Kaum wusste Dr. Yvonne Wismath, dass ein dienstfreies Wochenende vor ihr lag, da war es von ihrem Freund Walter Schmidt auch schon verplant.

„Wir machen eine Fahrt ins Blaue“, sagte er. „Einverstanden?“

„Was heißt ins Blaue?“, fragte die schöne Internistin.

„Das heißt, dass wir unser Ziel nicht kennen. Wir fahren einfach drauflos und sehen, wohin wir kommen.“

„Wenn es der Zufall will, dass du hier in München viermal rechts abbiegen musst, sind wir wieder zu Hause, das finde ich albern.“

Nun gab Walter lächelnd zu, dass er das Ziel sehr wohl kannte, es ihr aber nicht verraten würde.

„Worauf soll ich mich denn dann freuen?“, fragte Yvonne.

Walter zuckte die Schultern. „Einfach auf zwei wunderschöne Tage mit mir.“ Sie fuhren nach Trier und wohnten in einem Hotel direkt an der Mosel, machten einen Bummel durch die Stadt und

besichtigten deren Wahrzeichen, ein imposantes altes Bauwerk aus der Römerzeit, die Porta Nigra.

Selbstverständlich tranken sie golden funkelnden und köstlich schmeckenden Moselwein, und später liebten sie sich dann mit glühender Leidenschaft bis weit nach Mitternacht, immer und immer wieder.

Sie konnten einfach nicht genug voneinander bekommen. Es war himmlisch, in Walters Armen zu liegen und sich völlig zu vergessen. Walter machte Yvonne so glücklich, dass sie weinte.

„Tränen?“, fragte er überrascht.

„Lass mich“, flüsterte Yvonne. „Ich bin dumm.“

„Du bist nicht dumm“, widersprach Walter.

„Aber natürlich bin ich es.“

Walter küsste ihre Nasenspitze. Sein Herz schlug noch immer schneller als normalerweise. „Ich könnte keine dumme Frau lieben.“

Yvonne kicherte. „Was ist denn das für eine seltsame Logik?“

„Außerdem bist du Ärztin, eine sehr gute sogar.“

„Die weint, wenn sie glücklich ist – und das ist eben dumm“, untermauerte Yvonne ihre Behauptung.

Er küsste ihren Hals. Ein angenehmes Prickeln durchlief sie. „Wie gefällt dir Trier?“

„Eine Stadt, die man gesehen haben muss.“

„Bist du mit meiner Routenwahl zufrieden?“, erkundigte sich Walter.

„Absolut. Und wie geht es morgen weiter? Fahren wir nach Luxemburg?“

„Nein“, antwortete Walter.

„Frankreich?“, fragte Yvonne.

„Auch nicht.“

Sie gab noch nicht auf. „Holland?“, fragte sie.

Walter schüttelte schmunzelnd den Kopf. „Wir bleiben im wunderschönen Deutschland. Mehr wird nicht verraten.“ Er gab ihr einen langen, innigen Kuss. „Gute Nacht, Liebes.“

„Gute Nacht, Liebster.“

Er drehte sich auf den Rücken. Es war dunkel und still im Raum.

„Walter.“

„Ja, Yvonne?“

„Ich habe Angst“, flüsterte Yvonne.

Er drehte sich wieder zu ihr. „Angst wovor?“

„Ich bin so unbeschreiblich glücklich mit dir.“

„Und wovor fürchtest du dich?“, wollte Walter wissen.

„Dass dieses Glück eines Tages zerplatzt wie eine Seifenblase“, sagte sie gepresst.

Er griff nach ihrer Hand und drückte sie fest. „Das wird es nicht. Du weißt doch, wie sehr ich dich liebe.“

„Manchmal beschert das Leben den Menschen sehr hässliche Dinge – vor allem dann, wenn sie am Gipfel des Glücks stehen –, als mache es ihm Freude, die Glücklichsten unter ihnen fallen zu sehen.“

Walter lachte leise. „He, hat die Porta Nigra auf dich abgefärbt?“

„Wieso?“, fragte sie verwirrt.

„Weil du so grauenvoll schwarzsiehst.“

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16

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An diesem Abend war es für Dr. Kayser sehr spät geworden. Ein Anruf hatte ihn in der Praxis erreicht. Ja, er war am Samstagabend in seiner Praxis gewesen, weil Solveig Abel ihn versetzt hatte.

„Ein Bus voller Touristen aus Japan hat sich kurzfristig bei uns angemeldet“, hatte sie ihm am Telefon bedauernd erklärt. „In dem Hotel, das ursprünglich für sie vorgesehen gewesen war, hat es kürzlich gebrannt, und die Reparaturarbeiten sind nicht rechtzeitig fertig geworden. Ich weiß noch nicht, wie wir die vielen Leute unterbringen sollen, aber irgendwie wird es schon gehen. Es muss einfach gehen. Es tut mir unendlich leid, dass wir uns nicht sehen können, Sven ...“

„Lass dir deswegen keine grauen Haare wachsen.“

„Ach, mir raucht bereits der Kopf“, hatte Solveig gestöhnt.

„Nimm ein paar Tropfen Baldrian und dreh nicht durch, mein Schatz“, hatte Dr. Kayser seiner Liebsten empfohlen.

„Wie wirst du den Abend nun verbringen?“

„Es gibt so vieles in der Praxis aufzuarbeiten ...“

„Ich habe ein ganz schlechtes Gewissen, Sven.“

„Brauchst du nicht zu haben“, hatte der Grünwalder Arzt erwidert. „Wir sehen uns eben, wenn die Japaner wieder weg sind. Sie haben wohl kaum vor, sich fix bei dir einzunisten und bei der Regierung um Asyl anzusuchen.“

„Nein, morgen fahren sie nach Österreich weiter.“

„Na also, dann verschieben wir unser Rendezvous eben auf morgen.“

„Du bist der liebste, netteste und verständnisvollste Mann, den ich kenne.“

Sven hatte gelacht. „Deshalb bist du auch so rasend in mich verliebt.“

„O ja, das bin ich, das bin ich wirklich.“

„Viel Spaß mit den Japanern. Sayonara“, hatte Sven schmunzelnd gesagt und aufgelegt. Dann hatte er sich von der Wohnung in die Praxis begeben, sich an seinen Schreibtisch gesetzt und mit den Aufräumarbeiten begonnen, die auch einmal erledigt werden mussten.

Irgendwann hatte ihn dann dieser Anruf erreicht. „Herr Doktor!“ Eine schrille Frauenstimme. „Dem Himmel sei Dank, dass ich Sie erreiche ...“

„Frau Kramreiter?“, hatte Dr. Kayser auf gut Glück gefragt.

„Ja“, hatte Herta Kramreiter aufgeregt gesagt. „Können Sie sofort kommen?“

„Was ist passiert?“

„Mein Mann, mein Albert ... Er hat auf einmal so furchtbare Schmerzen ... Er sagt, erhält das nicht aus!“

„Was hat er zu Abend gegessen?“, hatte Sven Kayser wissen wollen.

„Reibekuchen mit Apfelmus.“

„Wo hat er die Schmerzen? In der Brust?“, hatte sich der Grünwalder Arzt erkundigt.

„Nein, im Unterleib. Albert geht die Wände hoch, Herr Doktor, bitte, kommen Sie ganz schnell.“

„Bin schon unterwegs, Frau Kramreiter.“ Sven hatte seine Bereitschaftstasche geholt und das Haus verlassen.

Albert Kramreiter hatte sich im Bett stöhnend hin und her gewälzt. Das Gesicht seiner Frau war wächsern gewesen. „Sehen Sie nur, wie schlecht es ihm geht, Herr Doktor“, hatte sie gejammert. „Und ich kann nichts für ihn tun, das macht mich verrückt.“

„Beruhigen Sie sich, Frau Kramreiter, nun bin ja ich hier“, hatte Sven Kayser erwidert und die Arzttasche abgestellt.

„Diese Schmerzen, diese verfluchten Schmerzen, Herr Doktor“, hatte Albert Kramreiter gehechelt und dabei die Hände gegen seinen Unterleib gepresst. „Nicht auszuhalten sind sie. Woher kommen diese furchtbaren Schmerzen? Bitte, helfen Sie mir, Herr Doktor.“

„Wo befindet sich das Zentrum des Schmerzes, Herr Kramreiter?“

„Ich ... weiß ... nicht ... Es tut alles weh, so weh ... Der ganze Unterleib ... Ein Bohren und Ziehen ... Ganz schrecklich, Herr Doktor ... Bis runter in die Hoden ... Was ist das bloß? Muss ich sterben, Herr Doktor?“

„O mein Gott!“, hatte Herta Kramreiter verzweifelt aufgeschluchzt. „Sag doch nicht so etwas Furchtbares, Albert! Der Herr Doktor wird dir ganz bestimmt helfen! Nicht wahr, Herr Doktor,

das werden Sie!“

Sven hatte den Patienten untersucht.

„Ich kann nicht stehen, nicht liegen, nicht knien“, hatte Albert Kramreiter geröchelt. „Diese grässlichen Schmerzen lassen in keiner Lage nach.“

„Scheint sich um einen Nierenstein zu handeln“, hatte Sven gesagt. „Oder um Sand im Harnleiter.“

„Muss mein Mann operiert werden?“, hatte Herta Kramreiter ängstlich gefragt.

„Wenn es Nierensand ist, lässt er sich ausschwemmen.“

„Und wenn es ein Stein ist?“

„Muss auch nicht gleich operiert werden“, hatte Sven erwidert. „Es gibt eine ganze Menge von Methoden, einen Nierenstein zu entfernen, ohne zu operieren.“

Er hatte dem Patienten eine intravenöse Spritze gegeben, und mit dem nächsten Herzschlag waren die Schmerzen wie weggeblasen gewesen.

Über das eben noch schmerzverzerrte Gesicht des Mannes hatte sich ein verblüffter Ausdruck gebreitet. „Liebe Güte, wie haben Sie das gemacht, Herr Doktor? Mir tut auf einmal nichts mehr weh. Sie sind ein Zauberer.“

Herta Kramreiter hatte unendlich erleichtert die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen. „Ich ... ich weiß nicht, wie ich Ihnen danken soll, Herr Doktor. Der Himmel möge es Ihnen vergelten, und bitte verzeihen Sie, dass ich Sie angerufen und Ihnen den Abend verdorben habe, aber ...“

„Schon gut, Frau Kramreiter“, hatte Sven Kayser erwidert. „Sie haben mir den Abend nicht verdorben.“ Er hatte dem Patienten empfohlen, viel zu trinken. „Wenn Sie Glück haben, geht der Stein oder der Sand – was immer es ist – von alleine weg. Auf jeden Fall aber lassen Sie sich am Montag in der Seeberg-Klinik ansehen. Sobald man Sie geröntgt hat, wird man wissen, was los ist, und, falls erforderlich, die entsprechende Therapie einleiten.“

„Danke, Herr Doktor“, hatte Herta Kramreiter selig gesagt. „Tausend Dank.“

„Wo kann ich mir die Hände waschen?“, hatte Sven gefragt.

„Ich zeig’s Ihnen.“ Frau Kramreiter hatte ihm ein sauberes Handtuch gebracht. Wenig später hatte er sich verabschiedet.

Und nun trat Sven Kayser aus dem Haus, in dem die Kramreiters wohnten, und ging zu seinem Wagen. Er hatte Durst und überlegte, ob er irgendwo ein Bier trinken gehen solle.

Da sprach ihn plötzlich jemand an: „So spät noch unterwegs, Herr Doktor? Ein Hausbesuch? Sie haben wohl nie frei, wie?“

Sven drehte sich um. „Ah, guten Abend, Herr Schmidt.“

Walter Schmidt, der Patient mit dem ausgeheilten Magengeschwür, kam näher. „’n Abend, Herr Doktor.’’

„Wie geht es Ihnen?“, erkundigte sich Sven Kayser. „Was macht Ihr Magen?“

Schmidt grinste. „Der erfreut sich wieder bester Gesundheit.“

„Freut mich zu hören“, sagte Sven. ,,Wohin sind Sie unterwegs?“

Walter Schmidt zog die Mundwinkel nach unten und hob die Schultern. „Ich hab’ eigentlich kein bestimmtes Ziel. Ich zieh’ einfach so um die Häuser. Zu Hause sterben die Leute, sagt man.“ Eine Idee blitzte in den Augen des mittelgroßen, mageren Grafikers auf. „Was halten Sie davon, wenn ich Sie zu irgend etwas einlade, Herr Doktor? Oder haben Sie noch etwas Wichtiges vor?“

„Ich hab’ nichts mehr vor. Ich wäre nach Hause gefahren.“

Schmidt winkte ab. „Das können Sie später immer noch.“ Er kannte eine  Kneipe, die sich gleich um die Ecke befand. Dort löschte Sven Kayser mit Bier seinen Durst.

„Hat sich in Ihrem Leben irgend etwas geändert?“, erkundigte sich Sven.

Walter Schmidt schüttelte verlegen lächelnd den Kopf. „Noch nicht“, sagte er. „Aber ich arbeite dran“, fügte er rasch hinzu, als wollte er dem Grünwalder Arzt eine Freude machen.

„Die Umstände, die dazu geführt haben, dass Sie dieses Magengeschwür bekamen, existieren also noch immer.“ Sven wiegte den Kopf. „Sie sind sehr unvernünftig, Herr Schmidt.“

„Ich werde mir schon noch den nötigen Ruck geben, Herr Doktor. Warten Sie’s ab. Ich schaff’ das bloß nicht von heute auf morgen. Die Latte liegt hoch, da komme ich nicht aus dem Stand drüber, verstehen Sie? Da muss ich schon einen kleinen Anlauf nehmen.“

Sven hatte nicht den Eindruck, dass Walter Schmidt den festen Willen hatte, sein Leben besser in den Griff zu bekommen. Dieser Mann würde sich wohl ewig treiben lassen, weil das bequemer für ihn war. Und er würde weiterhin unzufrieden sein und all jene beneiden, die mehr erreicht hatten als er. Dass die, es aber mit ernsthaftem Fleiß, zäher Disziplin und eiserner Energie geschafft hatten, ließ er dabei selbstverständlich außer acht, um sich selbst keine wie immer gearteten Vorwürfe machen zu müssen. Er baute wohl auf die Vagusnerv-Operation, die der erneuten Bildung eines Magengeschwürs sowieso vorbeugte.

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Am nächsten Morgen sah Dr. Yvonne Wismath nicht mehr schwarz. Über Trier spannte sich ein stahlblauer Himmel, und die Sonne schien angenehm warm. Yvonne ließ sich das späte Frühstück im Hotel gut schmecken. Sie saßen am Fenster, unter ihnen zog die Mosel vorbei, Schiffe fuhren schwer beladen stromaufwärts.

„Donnerwetter, du verdrückst aber eine ganze Menge“, staunte Walter Schmidt.

Yvonne blinzelte schelmisch. „Wir haben uns letzte Nacht so oft geliebt, ich habe dabei eine Menge Kalorien verbraucht. Die muss ich meinem Körper nun wieder zuführen.“

Walter grinste. „Um fit zu sein fürs nächste Mal?“

„Vielleicht“, gab sie verschmitzt zurück. „Verrätst du mir heute, wohin du mit mir fährst?“

„Ganz sicher nicht. Du wirst es sehen, wenn wir da sind.“

Sie verließen Trier und fuhren gemächlich nach Norden, und es stellte sich bald heraus, dass Walters Ziel in der Eifel lag. Sie kamen an einigen dunklen Maaren vorbei und erreichten schließlich einen Ort namens Gerolstein. Nach dem Mittagessen besichtigten sie den bekannten Adler- und Wolfspark Kasselburg, sahen Wildschweinrotten, Mufflons, Schafe, Zwergziegen und Wildpferde nahmen an der Fütterung des größten in Westeuropa lebenden Wolfsrudels teil und ließen sich bei einer freien Flugvorführung vom Falkner das unterschiedliche Flugverhalten und die besonderen Fähigkeiten der einzelnen Greifvögel erklären.

„Beeindruckt?“, fragte Walter Schmidt, als die Greifvogelschau zu Ende war.

„Mächtig“, nickte Yvonne.

Die rasanten Jagdflüge der Falken und der mächtige Flügelschlag des Steinadlers direkt über ihrem Kopf würden für sie ein unvergessliches Erlebnis bleiben.

„Hat die Fahrt ins Blaue sich gelohnt?“

„Absolut“, antwortete Yvonne und sah Walter dabei glücklich an.

Hinter ihm befand sich die Kasselburg, eine der schönsten Stauffenburgen des Landes, deren markanter Doppelturm urige Felsschluchten und weite Laubwälder eindrucksvoll überragt.

Hand in Hand verließen sie den großen Park und kehrten zu ihrem Wagen zurück. Die Heimfahrt war weit. Sie kamen spät nach Hause, aber das reute Yvonne Wismath nicht.

„Danke für dieses wunderschöne Wochenende, Liebster“, sagte sie, als sie sich von Walter verabschiedete.

„Ich lass mir bald wieder so etwas Nettes einfallen.“

„Dagegen hätte ich absolut nichts einzuwenden“, erwiderte Yvonne, beugte sich vor und gab ihm einen letzten Kuss. Er wollte sie sogleich in seine Arme ziehen, doch sie ließ es nicht zu. „Nein, Liebster, für heute muss es genug sein. Ich bin sehr müde, sehr glücklich, aber auch sehr müde. Ich muss ins Bett. Mich erwartet morgen ein anstrengender Tag in der Seeberg-Klinik. Den überstehe ich nur, wenn ich wenigstens einigermaßen ausgeruht bin.“

„Versprich, dass du von mir träumen wirst.“

„Das werde ich – ganz bestimmt.“

Daheim trachtete Yvonne dann, so rasch wie möglich ins Bett zu kommen. Sie hatte das unbeschreiblich schöne Gefühl, auf Wolken zu schweben, und für diesen himmlischen Zustand war Walter Schmidt verantwortlich.

Oh, ich liebe dich, Walter Schmidt, dachte Yvonne überschwänglich während sie unter die Bettdecke kroch, liebe dich so sehr, ganz irrsinnig liebe ich dich. Wenn das nur gutgeht!

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18

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Petra Praetorius war nicht so glücklich. Sie weinte. Es war nun schon die dritte Nacht, die sie allein – und ihr Ehemann im Gästezimmer – verbrachte.

Ihrem Vater konnte das nur recht sein, denn wenn sie nicht mit ihrem Mann zusammen war, konnten sie kein Kind zeugen. Aber dieser Zustand war verrückt und ließ sich bestimmt nicht lange halten.

Und was dann? Sollte sie klein beigeben, kapitulieren, sich mit ihrem Schicksal abfinden?

Niemals, dachte sie trotzig. Ich will endlich ein Baby haben, und wenn Claus nicht Manns genug ist, mir diesen langersehnten Wunsch zu erfüllen, muss es eben jemand anders tun!

Sie erschrak über diesen verwerflichen Gedanken. Sie war eine anständige Frau, verliebt in ihren Mann. Andere Männer interessierten sie nicht.

Aber wenn sie um jeden Preis ein Kind haben wollte, brauchte sie einen. Mann! Die Biologie hatte ihre ehernen Gesetze.

Details

Seiten
400
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738919356
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (November)
Schlagworte
arztroman sammelband drei romane liebe intensivstation

Autoren

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Titel: Arztroman Sammelband: Drei Romane - Liebe auf der Intensivstation und andere Romane