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Heimat-Roman Sonder Edition: Keine Rettung für den Hof

2018 130 Seiten

Leseprobe

Heimat-Roman Sonder Edition: Keine Rettung für den Hof

Alfred Bekker

Published by Alfred Bekker, 2018.

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Keine Rettung für den Hof?

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von Alfred Bekker

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EIN EINFACHER JÄGER, das ist nicht die rechte Partie für Lisa, die Tochter des Stadler-Bauern. Doch als der Bauer überraschend stirbt, steht die Zukunft des Hofs und somit der ganzen Familie auf dem Spiel. Muss die Stadler-Lisa nun einen anderen heiraten, um den Hof zu retten?

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COVER ALFRED HOFER/123rf

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

Diese Ausgabe erschien in Arrangement mit der Edition Bärenklau, Jörg Martin Munsonius

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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"Mei, net so wild!", lachte das junge Madel. Es war die Lisa vom Stadler-Bauern, der es sicher nicht so gern gesehen hätte, hätte er gewusst, dass seine Tochter zu dieser späten Stunde noch mit einem jungen Mann durch den Hochwald tollte.

Sie war ganz außer Atem und der Brandner-Thomas hatte sie jetzt eingeholt.

"Ich kann net mehr...", rief sie und fiel dem Burschen in die Arme.

Und obgleich der Thomas von Beruf ein Jäger und recht ausdauernd war, rang auch er nach Luft.

"Wir sind ein schönes Stückl gelaufen", meinte der Thomas, "Aber ich hab dich am End doch noch gekriegt..."

"Freilich. Aber du hättest mich net gekriegt, wenn ich es net gewollt hätte!", behauptete die Stadler-Lisa mit einem koketten Lächeln, das ihrem hübschen Gesicht etwas Schelmisches gab.

"Ja, das lässt sich hinterher immer behaupten, Madel!"

"Es ist die Wahrheit, Thomas!" Sie gab ihm einen Kuss und setzte hinzu: "Nix, als die reine Wahrheit!"

Die Stadler-Lisa seufzte.

Ja, der Thomas, das war schon ein fescher Bursche. Und so recht nach ihrem Geschmack war er auch.

Groß gewachsen mit hellblondem Haar und braungebrannt von der Sonne. Er war halt viel draußen in der Natur. In den Hochwäldern und auf den Hochwiesen, wo er sich um das Wild zu kümmern hatte.

Alle anderen Dirndln im Dorf hätten liebend gern mit dem Brandner-Thomas angebandelt, aber der junge Jäger hatte nur Augen für die Lisa.

Einmal hatte er ihr sogar schon einen Antrag gemacht, aber sie war ausgewichen.

"Ein bisserl Zeit musst mir noch geben", hatte sie ihm gesagt und er hatte versprochen, zu warten. Das musste sie ihm hoch anrechnen.

Die Lisa spürte, wie der Brandner-Thomas sie näher an sich zog. Die Mondlicht schien auf die beiden herab und es war eigentlich ein Augenblick, um glücklich zu sein.

"Mei", begann der Thomas und die Lisa konnte sich bereits denken, womit er jetzt beginnen würde. Er strich ihr sanft über das lange, etwas gelockte Haar und meinte: "Ich weiß, dass ich versprochen hab', geduldig auf dich zu warten, aber ich weiß eigentlich net, was unserer Hochzeit noch im Wege steht!"

"Thomas..."

"Ist es denn net die wahre Liebe zwischen uns beiden?"

"Sicher ist es das."

"Mei, dann versteh ich dich net, Madel. Ist das denn net das einzige, was wirklich zählt?"

Lisa seufzte. Wie sollte sie es dem Thomas nur klarmachen, ohne ihn dabei zu verletzen? Es schien einfach nicht möglich zu sein.

"Schau, Thomas", begann sie. "Der Vater, der..."

"Mei, ich weiß, was dein Vater von mir denkt!", rief der Thomas aufgebracht. "Er meint, dass einer wie ich, ein einfacher Jäger, nicht die rechte Partie ist für die Tochter des Stadler-Bauern - net wahr?"

"Thomas..." Die Stadler-Lisa schüttelte energisch den Kopf. Sie hielt den jungen Mann bei den Schultern, aber dieser wandte sich von ihr ab. Er war verärgert.

"Madel, ich sag's doch nur so, wie es ist!"

Die Lisa seufzte. Ein bisserl konnte sie den Thomas ja verstehen. Und wenn es nach ihr gegangen wäre, dann hätte es schon längst eine Hochzeit gegeben.

Aber der Stadler-Bauer lag seit einiger Zeit sehr schwer krank darnieder.

So schwer krank, das die Ärzte nicht viel Hoffnung gemacht hatten, dass er je wieder auf die Beine kam. Und da Lisa wusste, dass der Stadler sich weiß Gott einen anderen Bräutigam für sie wünschte, als ausgerechnet einen Jäger, wollte sie ihm jetzt nicht unnötig Kummer machen.

Dem Brandner-Thomas wollte sie allerdings auch keinen Kummer machen, aber wie es schien war beides einfach nicht zu schaffen.

"Mei, Thomas, können wir net alles noch eine Weile so lassen, wie es ist?"

"Denkst vielleicht, das noch ein besserer daherkommt als ich?", versetzte der Thomas. Es war halb im Scherz gesagt, aber ein bisschen Ernst schwang auch mit. Die Lisa spürte, dass er wirklich verärgert war.

Lisa seufzte.

"Mei, es wird jetzt aber wirklich Zeit für mich. Die anderen werden sich schon fragen, wo ich wohl bleib."

Thomas zuckte die Schultern. "Hast was dagegen, wenn ich dich nach Hause bring, Madel?"

"Du Depp! Natürlich net!"

Und damit küsste sie ihn auf die Wange.

Mei, ein fesches Madel ist sie schon!, dachte der Thomas bei sich. Zu gern hätte er sie vor den Altar geführt. Aber im Moment, so schien es, konnte er nicht mehr erreichen.

Hand in Hand stiegen sie vom Hochwald herab in Richtung des Stadler-Hofs. Der helle Vollmond war dabei ihr allgegenwärtiger Begleiter.

Den Weg über sprachen die beiden jungen Leute nicht viel.

Und dann tauchten auch schon die Lichter des Stadler-Hofes in der Dunkelheit auf.

"Was ist, Thomas? Warum bleibst stehen?"

"Besser ich komme net weiter mit", erklärte er. "Wenn ich einen von den Stadlern treffe, dann gibt's doch nur neuen Hader. Und das will ich net."

"Geh, komm schon!"

Eine Gestalt kam als Schattenriss durch die Dunkelheit und ließ die beiden jungen Leute herumfahren. "Lisa?", fragte eine Männerstimme.

Lisa atmete auf.

Es war Corbinian, der Großknecht auf dem Stadlerhof, der praktisch die Stelle des Bauers eingenommen hatte, seit dieser so schwer krank darniederlag.

"Ja, ich bin's, Corbinian", erwiderte die Lisa.

Der Corbinian war ein großer, hagerer Mann. Er kam noch etwas näher und sagte: "Lisa, dein Vater, der Stadler Bauer..."

"Mei, was ist mit ihm?"

"Er ist heute Abend gestorben!"

Einen Augenblick lang sagte niemand ein Wort. Die Lisa schlug die Hände vor das Gesicht, ein dicker Kloß steckte ihr im Hals und schnürte dem Madel die Kehle zu.

Corbinians Blick fiel jetzt auf das Gesicht des Brandner-Thomas, das im Mondlicht gut sichtbar war.

"Ah, du bist also auch da... Hätt' ich mir ja denken können, Kruzifix nochmal!" Der Ärger in der Stimme des Großknechts war unüberhörbar.

"Wenn ich jetzt irgendwas für dich tun kann...", begann der Brandner-Thomas.

Aber Corbinian fuhr grob dazwischen.

"Nix kannst jetzt tun, Brandner! Am besten, du ziehst jetzt deines Weges."

Brauchst dich net gerad' so aufzuspielen!, ging es dem Thomas ärgerlich durch den Kopf.

Aber er sagte nichts. Um der Lisa willen.

"Ist schon recht, Thomas", sagte das Madel. "Ich muss jetzt rein, zur Mutter."

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Drinnen saß die Stadler-Bäuerin ganz verheult in der Stube.

Lisa setzte sich zu ihrer Mutter und hielt ihr tröstend die Hand.

Die Stadlerin blickte auf und sah ihre Tochter einen Moment lang nachdenklich an.

Dann sagte sie: "Es wird net leicht werden, Madel!"

"Wir werden es schon schaffen, Mutter!", war die Tochter zuversichtlich. "Wenn wir nur alle zusammenhalten!"

"Schon recht, Lisa..." Die Mutter seufzte und schüttelte stumm den Kopf. "Dass der Herrgott meinen Maxl schon so früh hat von uns nehmen müssen", murmelte sie und die ganze Verzweiflung, die sie empfand, schwang in ihrem Tonfall mit.

"Im Grunde war's doch eine Erlösung für ihn", meinte der Corbinian.

"Mei, wie kannst nur so herzlos daherreden!", hielt ihm da die Lisa entgegen.

Corbinian zuckte nur die Schultern.

"Es war ja net böse gemeint", raunte er.

"Es ist schon gut", murmelte die Stadlerin mit gesenktem Kopf. Es war der armen Frau anzusehen, dass sie mit den Gedanken ganz woanders war.

Der Corbinian seufzte indessen gut hörbar und sagte dann: "Trotzdem, auch wenn es vielleicht net der rechte Zeitpunkt ist, aber irgendwann muss ich darauf zu sprechen kommen."

"Was red'st denn nun schon wieder, Corbinian?", rief die Lisa. "Mei, was ist bloß in dich gefahren!"

"Nix is in mich gefahren! Ich sorge mich nur um die Zukunft des Stadler-Hofes, das ist alles. Kruzifix nochmal, aber es scheint, als wäre ich der einzige hier, der sich solche Sorgen macht!"

"Net jetzt!", fuhr die Stadlerin auf. "Der Bauer liegt noch net unter der Erde und da kommst du daher und red'st so etwas!"

"Auch wenn's keiner hören will: Aber auf dem Stadler-Hof ist schon seit langem net so gewirtschaftet worden, wie es hätte sein sollen! Und wenn jetzt net aufgepasst wird, dann geht alles den Bach runter!"

"Was?", fuhr die Lisa auf.

Es war das erste Mal, dass sie davon hörte. Sicher, seit der Bauer krank gewesen war, war vieles liegengeblieben und manches nicht so gemacht worden, wie es hätte sein sollen.

Aber das es so schlimm stand, davon hatte das Madel keine Ahnung gehabt.

"Kein Wort mehr!", sagte jetzt die Stadlerin und kam ihrer Tochter damit zuvor, die nachfragen wollte. "Es ist jetzt net die Zeit..."

"Die rechte Zeit ist nie!", schimpfte der Corbinian, atmete tief durch und lief dann wütend aus dem Raum. Lisa hörte, wie er hinaus ins Freie ging und dabei etwas Unverständliches vor sich hin murmelte.

"Wovon hat der Corbinian gesprochen?", erkundigte sich das Madel bei seiner Mutter. Aber die wich dem Blick der Lisa aus und schüttelte den Kopf.

"Ich will jetzt net darüber reden", sagte sie.

"Steht es wirklich so schlimm um den Hof?"

Die Stadlerin nahm den Arm der Lisa und drückte ihn fest.

Und dann sagte sie: "Wir werden es schon schaffen, Lisa. Mei, irgendwie werden wir es schon schaffen!"

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Der Brandner-Thomas bewohnte ein kleines Haus, dass dem zuständigen Revierjäger zur Verfügung gestellt wurde. Es war früh am Morgen und der junge Jäger hatte gerade gefrühstückt.

Jetzt stand er vor dem Haus und ließ den Blick über das gewaltige Bergpanorama gleiten, dass sich vor ihm erstreckte.

Steile Hänge, Hochwälder, Felswände und schneebedeckte Gipfel. Und aus den Tälern stieg der Frühnebel auf und tauchte Teile dieser bezaubernden Bergwelt in ein milchiges Licht.

Aber am diesem Morgen konnte der Thomas sich kaum über diesen Anblick freuen, den er eigentlich so sehr liebte.

Er dachte an den vergangen Abend.

Wie würde es nun weitergehen mit der Lisa und ihm? Er schwärmte schon lange für das blitzsaubere Dirndl vom Stadler-Hof.

Bislang hatte ihr Vater zwischen ihm und einer Hochzeit mit dem Madel gestanden. Aber war das am Ende nicht vielleicht nur vorgeschoben gewesen?

Der junge Mann schalt sich einen Narren.

Mei, was hast du nur für Gedanken!, ging es ihm durch den Kopf. So etwas war der Lisa nicht zuzutrauen.

Aus der Ferne sah der Thomas eine Gestalt den Hang hinaufkommen. Es dauerte ein wenig, bis die Gestalt größer wurde, aber Thomas erkannte ihn schon vorher. Es war der Franz Eder, der ihm als Forstgehilfe zugeteilt war und dem Jäger bei der Arbeit half.

Der Eder-Franz kam recht schnell daher und hatte den Thomas bald erreicht.

"Mei, was läufst du denn daher, als ob der Teufel hinter dir her wäre!", begrüßte der Jäger den Forstgehilfen, der seinerseits erst einmal nach Luft schnappen musste, bevor er etwas sagen konnte.

"Puh!", brachte er dann heraus. "Ich bin ganz außer Atem!"

Und dann hob der Franz etwas in die Höhe, was er in der Rechten mit sich getragen hatte.

Das Gesicht des Brandner-Thomas veränderte sich.

Er sah sofort, worum es sich handelte.

"Eine Falle!", stellte er mit grimmigem Unterton fest.

Immer wieder gab es Unverbesserliche, die in den Bergen Fallen aufstellten, in der die Tiere dann qualvoll verendeten. Den Fallenstellern ging es dabei vor allem um Trophäen und Felle.

"Wo hast das her, Franz?", erkundigte sich der Thomas.

"Das habe ich in der Nähe des Teufelsgrats gefunden. Und es würde mich net wundern, wenn wir im Hochwald noch mehr davon finden würden, Thomas!"

Der Thomas nickte düster. Dann sagte er: "Wart einen Moment! Ich hole nur noch meine Sachen, dann machen wir uns auf den Weg."

Wenig später gingen sie los.

"Mei, es gibt wirklich Arbeit genug für uns", meinte der Franz, während sie so dahergingen. "Und dann kommt auch noch so etwas dazu!"

"Vielleicht haben wir Glück und ertappen den Übeltäter!", erwiderte der Brandner-Thomas.

Der Franz zuckte die Schultern.

"Das wird net gerad' einfach!", war er überzeugt und zuckte dabei die breiten Schultern.

"Wer hat gesagt, dass es einfach wird!", brauste der Thomas auf. "Aber so einem Waldfrevler muss das Handwerk gelegt werden!"

"Dagegen will ich doch gar nix sagen!", kam es vom Franz zurück. "Aber wenn ich der Fallensteller wäre, dann würde ich mich kaum am helllichten Tage bei meinem Handwerk erwischen lassen! Wahrscheinlich werden wir uns ein paar Nächte um die Ohren schlagen müssen!"

Das Gesicht des Brandner-Thomas entspannte sich ein wenig.

"Na, begeistert scheinst du davon ja net gerad!"

"Ist das ein Wunder?"

Es dauerte eine Weile, bis die beiden Männer den Ort erreicht hatten, an dem der Franz die Falle gefunden hatte.

Es war auf einer Hochwaldlichtung.

In der Nähe sprudelte ein Wildbach den steilen Hang hinunter und überdeckte mit seinem Rauschen das Gezwitscher der Vögel.

"Ich schlag vor, dass wir uns ein bisserl umsehen", schlug Thomas vor und Franz war damit einverstanden.

"Ich hab schon ein bisserl herumgeguckt, aber nix gefunden, das uns einen Hinweis geben könnte."

"Jede Kleinigkeit kann wichtig sein!"

"Kruzifix nochmal, das weiß ich!"

Sie suchten im Unterholz herum, fanden aber nichts, was irgend einen Hinweis geben konnte.

Inzwischen war es recht warm geworden und den beiden Männern stand vor Anstrengung der Schweiß auf der Stirn.

Angestrengt ließen sie den Blick schweifen.

"Mei, es hat keinen Sinn!", meinte der Franz schließlich, aber der Brandner-Thomas war nicht gewillt so einfach aufzugeben.

Sie suchten weiter und trennten sich. Der Brandner-Thomas arbeitete sich in Richtung des Wildbachs vor, während der Franz im Unterholz blieb.

Thomas hatte kaum die helle Lichtung erreicht, die sich in der Nähe des Baches befand, da hörte er seinen Forstgehilfen plötzlich laut aufschreien.

Der junge Jäger wirbelte herum.

"Was ist los?"

Aber der Franz schien nicht in der Lage zu sein, etwas zu sagen. Ein unterdrückter Schmerzensschrei ging durch den Wald und scheuchte die Vögel auf.

Der Thomas rannte schnell zurück, dorthin, wo er seinen Gehilfen zuletzt gesehen hatte.

Doch den Franz konnte er nirgends entdecken.

Er schien wie vom Erdboden verschluckt zu sein. Nur sein Stöhnen war zu hören. Es musste ihm etwas passiert sein.

"Mei, wo bist du denn, Franz!", rief der Jäger.

"Hier!", stöhnte der Franz.

Thomas kämpfte sich durch das Unterholz und hatte den Forstgehilfen wenig später gefunden.

"Kruzifix nochmal, was ist denn passiert?", rief der Jäger, als er den Franz am Boden liegen sah.

Aber schon im nächsten Moment sah er es selber.

Der Franz war in eine Falle getreten, die der Unbekannte aufgestellt haben musste.

"Hilf mir, Thomas!", stöhnte der Franz und dann kam noch ein Schwall wilder Flüche aus seinem Mund. Kein Wunder, dass er ziemlich wütend auf den unbekannten Fallensteller war.

Der Brandner-Thomas beugte sich über den Forstgehilfen und befreite dessen Fuß mit einiger Mühe aus der Falle.

Der Franz musste dabei die Zähne aufeinanderbeißen, um nicht laut loszuschreien.

"Mei, tut das weh!", meinte er, als es vorbei war.

Der Thomas machte ein sorgenvolles Gesicht, als er sich den Fuß ansah. Um den Knöchel herum hatte der Franz eine böse Verletzung.

"Das sieht net gut aus, Franz! Du musst auf schnellstem Weg ins Spital!"

Thomas hatte für die erste Hilfe Verbandszeug und etwas zur Desinfektion in seiner Jagdtasche. Aber damit würde es vermutlich längst nicht getan sein... Möglicherweise war der Knöchel sogar gebrochen. Von außen konnte man das gar nicht sehen.

Der Franz ballte wütend die Faust.

"Wenn ich den Kerl erwische, der hier auf die wahnsinnige Idee gekommen ist, Fallen aufzustellen, dann..."

"Mei, halt keine Volksreden! Lass uns erstmal sehen, ob du aufstehen kannst!"

Und damit fasste er seinem Forstgehilfen kräftig unter die Arme, um ihm aufzuhelfen.

Der Franz versuchte aufzutreten, zuckte jedoch sofort wieder zurück. Sein Gesicht verzog sich dabei vor Schmerz.

"Es geht net, Thomas!"

"Ich werde dir helfen", versprach der Jäger. "Allzuweit ist es net bis zur Sägemühle vom Hinzmayer. Und von dort kann dich jemand mit dem Wagen ins Spital bringen!"

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Der Weg, den die beiden Männer zurücklegen mussten, war recht beschwerlich. Zumindest für den verletzten Franz. Thomas tat zwar, was er konnte, aber dennoch kamen sie nur langsam voran.

So waren sie recht erleichtert, als endlich die Sägemühle vom Xaver Hinzmayer vor ihnen auftauchte.

"Das Schlimmste haben wir jetzt geschafft", meinte der Brandner-Thomas zuversichtlich, um seinen Forstgehilfen etwas aufzumuntern.

Franz sagte nichts. Er holte nur kräftig Luft und dann sahen sie zu, dass sie auch noch die letzten Meter hinter sich brachten.

Der Hinzmayer-Xaver und sein Sohn Ludwig hatten die beiden Männer offenbar schon von weitem gesehen, denn sie kamen ihnen entgegen.

"Mei, was ist denn passiert?", fragte der Sägemüller, woraufhin Thomas ihm in knappen Worten erläuterte, was sich zugetragen hatte.

"Ein Fallensteller bei uns in der Gegend? Kruzifix, ich hoffe nur, dass du den zu fassen kriegst, der dafür verantwortlich ist", meinte der Sägemüller daraufhin mit deutlichem Ärger in der Stimme. "Und das alles nur wegen ein paar Jagdtrophäen!"

"Die aber viel Geld wert sein können", gab der Brandner-Thomas zu bedenken.

Sie brachten den Franz ins Haus des Sägemüllers und legten ihn in der Stube auf eine Bank.

"Jemand müsste ihn zum Spital fahren", meinte der Thomas.

"Mein Ludwig wird das übernehmen", erwiderte der Sägemüller. "Das ist doch eine Selbstverständlichkeit!"

Und der Hinzmayer-Ludwig nickte sogleich.

"Ja, freilich!", sagte er bereitwillig. "Der Niederberger-Bauer wird zwar net begeistert sein, wenn ich ihm seine Holzfuhre erst etwas später bringe, aber dafür wird er schon Verständnis aufbringen müssen. Schließlich ist das ja ein Notfall!"

Der Sägemüller schüttelte indessen den Kopf und meinte: "Ich versteh net, wie jemand so etwas Verantwortungsloses tun kann! Diese Fallen sind schließlich net allein für die Tiere gefährlich!"

"Da sagst etwas Wahres, Hinzmayer!", erwiderte der Brandner-Thomas seufzend.

Ein breites Lächeln ging über das wettergegerbte Gesicht des Sägemüllers, als er dem Thomas auf die Schulter schlug.

"Mei, aber du wirst dem Kerl, dem vermaledeiten, schon auf die Schliche kommen, so wie ich dich kenne!"

Thomas zuckte die Achseln.

"Das ist leichter gesagt als getan!"

"Ah, geh! So ein Jäger wie du wird doch net gleich mutlos werden, oder?" Dann kam der Sägemüller etwas näher an den jungen Mann heran und fragte mit gedämpftem Tonfall: "Du wirst es sicher schon gehört haben, dass der Stadler-Bauer das Zeitliche gesegnet hat, net wahr?"

"Freilich", sagte der Thomas und dabei verdüsterte sich sein Gesicht deutlich.

"Lang hat er leiden müssen, bis der Herrgott ihn endlich erlöst hat", meinte der Sägemüller nachdenklich. Und dann raunte er noch hinzu: "Man munkelt ja so einiges über den Stadler-Hof, Thomas!"

Der Thomas runzelte die Stirn.

"So, was denn?"

"Dass bald alles unter den Hammer kommt, wenn so weitergewirtschaftet wird!"

Der Thomas zuckte die Achseln.

"Geh, das ist doch wohl alles nix als Gerede!"

"Also die Holzrechnung bei mir ist noch net beglichen. Und wie ich so von anderen höre, bin ich net der einzige, bei dem noch was aussteht, Thomas!"

Der Brandner-Thomas schüttelte energisch den Kopf.

"Mei, das kann ich kaum glauben!"

"Es wäre bitter für die Stadlerin und ihre Tochter, die Lisa, wenn jetzt alles den Bach hinunterginge, wo sie doch gerad erst diesen Schicksalsschlag haben verwinden müssen! Aber es wird so kommen. Bist du dir denn inzwischen mit der Lisa einig?"

"Naja..."

"Also, wenn ihr auf dem Stadler-Hof noch eine zünftige Hochzeit feiern wollt, müsst ihr euch wohl beeilen!"

Der Thomas zuckte die Schultern und machte ein ziemlich mutloses Gesicht. "Mei, ich weiß net, ob das überhaupt noch was wird mit der Lisa und mir!"

"Mei, da redet doch schon das ganze Tal davon, dass ihr dereinst ein Paar werdet!", meinte Hinzmayer stirnrunzelnd.

"Inzwischen bin ich mir da net mehr so sicher!", erwiderte Thomas.

Er sah den Hinzmayer nachdenklich an.

Thomas trug die Sache jetzt schon ziemlich lange mit sich herum und vielleicht wurde es Zeit, dass er sich einmal mit jemandem darüber aussprach. Und warum nicht mit dem Sägemüller? Der Thomas hatte ihn schon gekannt, als er selbst noch ein kleiner Bub gewesen war. Ein väterlicher Freund, das war der Ludwig Hinzmayer für ihn. Jemand,dem man sich anvertrauen konnte.

"Nun sag schon, was los ist", forderte der Sägemüller.

"Ich weiß es auch net!" Der Brandner-Thomas zuckte die Schultern und schüttelte den Kopf.

Auf den Sägemüller machte er alles andere als einen glücklichen Eindruck.

Nach kurzer Pause fragte Xaver Hinzmayer daher: "Seid ihr euch net mehr gut, du und die Lisa?"

"Doch, das schon...", begann der Thomas zögernd.

Der Sägemüller hob verständnislos die breiten Schultern und legte die Stirn in Falten.

"Mei, was ist es denn dann?", wollte er wissen. Er konnte sich auf die Sache keinen rechten Reim machen. Aber der Brandner-Thomas selbst im Augenblick wohl auch nicht.

"Ich würd' das Madel lieber heut als morgen vor den Altar führen, aber immer, wenn ich darauf zu sprechen komm, dann weicht die Lisa mir aus und vertröstet mich!"

"Mei, kannst dir net vorstellen, was in dem Madel vorgegangen ist, Thomas? Die Sache mit ihrem Vater..."

"Ja, das sag ich mir auch immer!", unterbrach der Thomas den Sägemüller. "Aber langsam weiß ich auch net mehr, was ich glauben soll!"

"Du musst ihr halt ein bisserl Zeit geben, Thomas. Dann regelt sich alles wie von selbst."

"Und wenn sie mich gar net mehr so recht liebt?"

Der Sägemüller machte eine wegwerfende Handbewegung und meinte: "Die Dirndln aus dem Dorf sind doch ganz wild auf einen so feschen Burschen wie dich! Da wirst schon net lang allein bleiben, Thomas!"

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An einem der folgenden Tage wurde der Stadler-Bauer zu Grabe getragen.

Fast das ganze Tal war zugegen und folgte dem Sarg auf den Friedhof. Auch der Brandner-Thomas ließ es sich nicht nehmen, dem Stadler die letzte Ehre zu erweisen.

Die Stadlerin stand verheult neben dem Grab und nahm die Beileidsbekundungen entgegen. Daneben die Lisa mit in sich gekehrtem Gesicht. Beiden war die Sorge darüber, was kommen würde, deutlich anzusehen.

Als der Thomas der Stadlerin die Hand reichte, nickte diese dem jungen Jäger nur stumm zu.

Sie schien durch ihn hindurchzublicken und ihn gar nicht zu erkennen. Es war wohl einfach zuviel auf einmal auf die arme Frau eingestürzt.

Dann stand Thomas vor der Lisa, die ihn mit traurigen Augen ansah. Tränen glitzerten auf ihren Wagen.

"Mei, ich weiß gar net, was ich sagen soll", begann der Brandner-Thomas etwas unbeholfen und nahm dabei ihre Hand.

Sie war ganz kalt.

"Ach, du brauchst auch nix zu sagen, Thomas! Das du hier bist ist schon genug!"

Sie versuchte zu lächeln.

Einen Augenblick noch hielt er ihre Hand, dann ging er weiter. Als er den Kopf wandte, blickte er direkt in ein paar eisgraue Augen, die den Jäger schon die ganze Zeit über gemustert hatten.

Der Brandner-Thomas zuckte fast etwas zusammen unter diesem Blick.

Es war die hoch aufgeschossene, hagere Gestalt vom Corbinian, die da vor ihm stand. Das Gesicht des Großknechts vom Stadler-Hof wirkte in diesem Augenblick wie aus Stein gemeißelt.

"Glaubst vielleicht, dass du jetzt bei dem Madel freie Bahn hast, net wahr?", raunte der Corbinian ihm zu. Dabei blieb gerade noch leise genug, dass es niemandem aus der Trauergemeinde auffiel.

Der Thomas staunte nicht schlecht.

In der Stimme des Großknechts schwang Feindseligkeit mit.

"Wenn du mir was zu sagen hast, kannst du es jederzeit tun. Aber net jetzt. Jetzt ist net die rechte Zeit dazu, Corbinian!"

"Ich rate dir nur, dir das Madel aus dem Kopf zu schlagen, Thomas."

"Kruzifix, ich wüsst net, was dich das angeht, Corbinian!"

Der Thomas hätte gerne noch das eine oder andere Wort hinzugefügt. Aber einige der umstehenden Leute hatten sich schon nach ihnen umgedreht und so schwieg er.

"Servus, Corbinian", murmelte Thomas daher und ging an ihm vorbei.

Und dabei dachte er: Was fällt dem Corbinian eigentlich ein? Ist auf dem Stadler-Hof gerade mal der Großknecht und führt sich auf, als wäre er net nur der Bauer, sondern auch so etwas wie Lisas Vater!

Da war er entschieden zu weit gegangen!, fand der Brandner-Thomas und er nahm sich vor, Corbinian das bei nächster Gelegenheit auch zu sagen.

Aber nicht an einem Tag wie diesem.

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Der Regen prasselte gegen die Fensterscheiben und Lisa Stadler erwachte aus dem unruhigen Schlaf, in den sie gefallen war.

Sie war früh am Abend zu Bett gegangen, aber in der Zwischenzeit musste dieses Unwetter heraufgezogen sein. In der Ferne hörte sie es donnern.

Und als das Madel ans Fenster trat, sah sie zwischen den Bergmassiven die Blitze leuchten.

Ein Gewitter in der Bergwelt, das war ein grandioses Naturschauspiel, das das Madel normalerweise immer ganz gefangen genommen hatte.

Aber heute konnte sie dem nichts abgewinnen.

Und dann hörte sie von unten, aus der Stube Stimmen.

Es war schon sehr spät und Lisa wunderte sich, dass überhaupt noch jemand auf war. Sie machte Licht und trat hinaus auf den Flur. Die Tür zur Stube stand halb offen.

Die eine Stimme, das war die ihrer Mutter. Die andere gehörte dem Corbinian.

Ziemlich heftig schien es zwischen ihnen hin und her zu gehen. Es war kein Streit, aber sie redeten ziemlich erregt.

Vor allem der Corbinian.

"Es wird alles den Bach hinunter gehen!", sagt er. "Alles kommt unter den Hammer, wenn net ein Wunder geschieht!"

"Und was meinst du, was wir tun sollen, Corbinian?", fragte die Stadlerin. "Ich weiß, dass manches versäumt worden ist in der letzten Zeit. Aber das ist doch jetzt net mehr gutzumachen!"

"Wenn man nur auf das Madel zählen könnt", meinte der Corbinian.

Die Stadlerin war erstaunt.

"Die Lisa?"

Der Corbinian nickte und erklärte dann, was ihm im Kopf herumspukte. "Solange das Madel nur Augen für diesen Jäger hat, besteht ja wohl kaum die Chance, dass sie mal eine gute Partie macht! Mei, warum muss sich das Dirndl auch ausgerechnet in diesen Habenichts vergucken?"

"Der Vater war ja auch immer dagegen, aber sie hat sich halt net davon abhalten lassen. Was soll man da machen?", erwiderte die Stadlerin seufzend.

Und der Corbinian fuhr fort: "Wenn sich die Lisa doch nur für einen der Bauernsöhne erwärmen könnt! Mei, dann wäre der Stadler-Hof vielleicht noch zu retten!"

"Der Hinzmayer-Ludwig, der Sohn vom Sägemüller, der hat ja mal für das Madel geschwärmt. Aber dann hat die Lisa den Brandner-Thomas kennengelernt und seitdem hat sie nur noch Augen für den!" Die Stimme der Stadlerin klang sehr traurig.

"Mei, nur gut, dass mein armer Mann net mehr miterleben muss, wie jetzt alles kommt..."

Die Lisa, die noch immer im Flur stand, schämte sich ein wenig dafür, dass sie gelauscht hatte.

Aber schließlich wurde da drinnen ja über ihre Zukunft gesprochen. Und da hatte sie ja wohl auch noch ein Wörtl mitzureden...

So ging Lisa also die Treppe hinab und trat in die Stube.

"Mei, Corbinian, wenn ich dich in dieser schweren Stunde net hätt!", hörte das Madel ihre Mutter gerade noch sagen, dann verstummten beide und wandten erstaunt den Blick zu Lisa.

"Wir konnten net schlafen", sagte die Stadlerin zu ihrer Tochter. "Die Sorgen drücken uns zu schwer. Es steht sehr schlimm um den Stadler-Hof. Und wenn net ein Wunder geschieht, dann wird es ihn schon bald gar net mehr geben."

"Mei, wenn ich etwas daran ändern könnte, würde ich es sofort tun!", erklärte die Lisa. "Aber ich kann auch kein Geld herbeihexen, das den Hof über Wasser hält!"

"Eine Hochzeit zwischen dir und einem anderen Hoferben könnte da schon etwas bewegen!", sprach jetzt der Corbinian offen aus, was er zuvor nur zur Stadlerin gesagt hatte.

Diese sah den Großknecht dafür mit einem strafenden Blick an.

"Geh, Corbinian!", empörte sich die Bäuerin, aber im Grunde ihres Herzens schien sie genauso zu denken.

Der Corbinian hob die breiten Schultern.

Er fühlte sich völlig zu Unrecht angegriffen.

"Es ist doch wahr, Stadlerin!", erwiderte er. "Warum um den heißen Brei herumreden! Ich wüsst net, woher sonst eine Lösung kommen sollte. Auf deine alten Tage wirst dich noch auf einem anderen Hof als Magd verdingen müssen, Stadlerin! So sieht's aus!"

Die Stadlerin war erstaunt.

"Mei, wie red'st du denn?"

"Ich sag nix als die Wahrheit", gab der Großknecht darauf hin zurück Corbinian zuckte die Achseln. "Ich bin nie etwas anderes gewesen und ich würde auch wieder eine Stellung finden, wenn es sein müsste. Obwohl ich den Stadler-Hof net gern verlassen würde, das kannst mir glauben."

"Corbinian!", versuchte die Stadlerin ihren Großknecht zu unterbrechen. Aber der fuhr einfach fort, ohne auf sie zu achten.

"...aber dich, wer wird dich nehmen - als ehemalige Hofherrin? Und außer der Landwirtschaft hast doch nix gelernt!"

Lisa spürte, wie es ihr förmlich den Hals zuschnürte.

Sollte nun alles an ihr liegen? Hing von ihr ab, wie es mit dem Hof weiterging und ob ihre Mutter auf ihre alten Tage sich noch als Magd verdingen musste?

Nein, dafür wollte sie nicht verantwortlich sein.

Aber sie wollte auch nicht irgendeinen reichen Hoferben heiraten, nur damit aus zwei großen Höfen ein noch Größerer werden konnte.

"Das Madel kann heiraten, wen immer sie will!", meinte die Stadlerin jetzt entschieden und fasste dabei die Hand ihrer Tochter. "Und wenn das zwischen dem Brandner-Thomas und ihr die wahre Liebe ist, dann bin ich auch damit einverstanden. Schließlich gibt es wichtigere Dinge als Geld, Corbinian. Daran solltest vielleicht auch einmal denken!"

Der hagere Großknecht zuckte nur die Schultern und erwiderte: "Das wäre aber net im Sinne des Stadler-Bauern gewesen, was du da jetzt gesagt hast!"

"Geh, Corbinian!"

"Ich weiß noch genau, was seine letzten Worte waren, an dem Abend, als er starb...", fuhr der Großknecht mit belegter Stimme fort "Ich erinnere mich, als wäre es erst eben geschehen. Und du weißt es auch, Stadlerin!"

"Was hat er denn gesagt?", fragte jetzt die Lisa. Davon hatte ihr die Mutter noch nichts gesagt.

Aber die Stadlerin winkte nur ab und schüttelte den Kopf.

"Mei, wir sind jetzt alle müde und sollten zu Bett gehen. Morgen ist wieder ein anstrengender Tag."

"Dann werde ich es dir sagen", meinte der Corbinian. "Dein Vater hat gesagt, dass er sich so gewünscht hätte, dass du damals den Ludwig Hinzmayer vor den Altar geführt hättest.

Eine Sägemühle und ein Hof zusammen - das sei doch etwas Feines! Außerdem ist der Ludwig ein netter Bursche."

"Der hat inzwischen doch sicher längst eine andere im Kopf!", gab die Stadlerin zu bedenken. "So hübsch unsere Lisa ist - das einzige Dirndl im Tal ist sie nun weiß Gott net!"

"Das net - aber es gibt net allzuviele, die einmal einen Hof erben werden!", versetzte der Corbinian. "Und da wird der eine oder andere junge Mann wohl ein zweites Mal nachdenken!"

Lisa atmete tief durch.

Jetzt stemmte das Madel die schlanken Arme in die Hüften und stellte klar: "Also, wen ich mal heirat', das bestimme ganz allein ich! Und dich geht das schon gar nix an, Corbinian!"

Und damit drehte Lisa sich um und ging aus der Stube.

Sie war innerlich ziemlich aufgebracht und auch als sie ihre Kammer betrat, pochte das Herz noch wie wild in ihrer Brust. Wenn es wirklich so war, dass sie es mit ihrer Entscheidung in der Hand hatte, ob der Stadler-Hof überlebte oder nicht...

Mei, ich mag gar net daran denken!, ging es ihr durch den Kopf. Sie liebte den Thomas, aber konnte sie zulassen, dass der Stadler-Hof unter den Hammer und ihre Mutter in Armut kam?

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Am Nachmittag des folgenden Tages ging die Lisa ins Dorf, um Besorgungen zu machen. Auf dem Rückweg nahm sie eine Abkürzung.

Es war ein heißer Tag.

Die Sonne stand hoch am Himmel und so stand dem Dirndl der Schweiß bald auf der Stirn. Die Abkürzung, die sie gewählt hatte, führte über unwegsame Hänge, die zwar nicht gerade einen Bergführer erforderten, aber doch schon recht anstrengend waren.

Als sie auf den steil in die Tiefe stürzenden Wildbach kam, machte sie eine Pause. Die Lisa beugte sich nieder, benetzte etwas die Stirn, zog dann die Schuhe und Strümpfe aus und ließ die Beine in das Wasser hinabbaumeln.

Es war angenehm kühl.

Lisa strich sich das Haar aus dem Gesicht. Sie atmete die klare, frische Bergluft ein und war froh darüber, etwas nachdenken zu können.

Hier war sie ganz allein und niemand lenkte sie von ihren Gedanken ab.

Was würde nur werden, wenn der Stadler-Hof wirklich in fremde Hände kam? Die Stadler-Lisa mochte gar nicht daran denken. Nein, das durfte einfach nicht geschehen! Sie musste das verhindern...

Ein Geräusch riss das Madel plötzlich aus ihren Gedanken heraus. Sie fuhr herum und sah eine Gestalt den Hang hinabkommen. Der Bach rauschte so laut ins Tal, dass sie den Ankömmling zuvor nicht gehört hatte.

"Grüß dich, Lisa!", hörte das Madel eine wohlvertraute Stimme. Sie gehörte niemand anderem als dem Hinzmayer-Ludwig.

Der Sohn des Sägemüllers war ein hochgewachsener, gutaussehender Bursche.

"Ludwig!", rief die Lisa aus.

"Mei, wir haben uns schon eine ganze Weile net mehr gesehen."

"Ja, das stimmt."

Die Stadler-Lisa war dem Ludwig immer ein bisschen aus dem Weg gegangen. Der Sohn des Sägemüllers hatte nämlich nie wirklich aufgehört, für die junge Stadler-Tochter zu schwärmen. Und die Lisa hatte das gespürt.

Was die Lisa nicht wusste, war, dass Ludwig Hinzmayer in Bezug auf sie neue Hoffnung geschöpft hatte. Das Gespräch zwischen seinem Vater und dem Brandner-Thomas, das er mit angehört hatte, hatte ihn auf diese Gedanken gebracht.

Und nun traf er das Madel hier zufällig am Wildbach...

Mei, wenn das net eine glückliche Fügung ist!, ging es dem Ludwig durch den Kopf.

Der Sohn des Sägemüllers lächelte etwas verlegen. Die Röte in seinem Gesicht kam wohl nicht nur von der Sonne, vermutete Lisa.

"Ich war gerad' auf dem Weg ins Dorf", berichtete der Franz und zuckte dabei die Schultern. "Für heute ist Schluss mit der Arbeit..."

"Mei, so früh schon?"

"An einem so herrlichen Tag wie diesem überhaupt zu arbeiten ist schon eine regelrechte Strafe!" ,lachte der Ludwig.

Und auch Lisas sorgenvolles Gesicht wurde für einen Augenblick etwas heiterer.

"Mei, da sagst was Wahres!", meinte sie.

Der Ludwig setzte sich neben sie. Er kam ihr dabei ziemlich nahe, was ihr eigentlich nicht recht wahr.

"Ich hab gehört, dass der Brandner-Thomas und du..." Ludwig sprach nicht weiter. Seine hellblauen Augen hingen wie gebannt an der jungen Frau an seiner Seite.

Lisa runzelte die Stirn.

"Mei, nun red' schon! Was hast gehört, Ludwig?"

"Das ihr net heiraten werdet!"

"Wer sagt so etwas?", fuhr die Stadler-Lisa auf. Jetzt schlug's aber dreizehn! Was war das für ein Gerede, das da im Umlauf war?

Der Ludwig druckste etwas herum.

"Gehört hab ich's halt!", versuchte der Sohn des Sägemüllers auszuweichen.

"Nun sag schon!", forderte Lisa.

"Mei, das kann ich net sagen!", erwiderte der Sohn des Sägemüllers und senkte dabei den Blick.

Lisa bedachte den jungen Mann mit einem strengen Blick.

"Du kannst schon, Ludwig!", war das Madel überzeugt. "Nun sei net narrisch und sag mir's schon! Ich will die Wahrheit wissen!"

Die Stadler-Lisa hatte eine recht energische Art, wenn es galt, etwas durchzusetzen. Und so gab sich auch der Ludwig letztendlich geschlagen.

Er seufzte hörbar und meinte anschließend: "Vom Thomas selbst hab ich's gehört!"

"Was?"

Das Madel war wie entgeistert.

"Mei...", zuckte Ludwig die Schultern, aber da war die Lisa schon aufgesprungen. Das war allerdings überhaupt nicht in Ludwig' Sinn.

Er hatte gehofft, dass das Madel noch ein bisschen mit ihm plaudern würde.

Vielleicht würde ja sogar mehr daraus werden...

So fasste der Ludwig die junge Frau am Arm. "Geh, Lisa! Was ist denn nur so plötzlich in dich gefahren!"

"Ich muss los!", sagte das Madel knapp.

Dann geschah es.

Die Lisa rutschte auf dem glatten Fels aus und der Ludwig versuchte, sie festzuhalten. Sie stöhnte auf hielt sich den Knöchel.

"Was ist?", fragte der Sohn des Sägemüllers.

"Mei, ich hab mir wohl den Fuß verstaucht!", brachte das Madel heraus. Sie setzte sich wieder hin und der Franz sah, dass ihr Knöchel ganz geschwollen war. Außerdem hatte sie eine Schnittwunde. An irgendeinem der scharfen Felsen hatte sie sich verletzt.

"Willst net mal versuchen, ob du auftreten kannst?", schlug Ludwig vor.

Lisa biss die Zähne aufeinander, nahm ihre Schuhe in die Hand und versuchte aufzustehen. Ludwig stützte sie dabei.

Aber als das Madel ihr Gewicht auf den gestauchten Fuß verlagerte, ging ein kurzer Aufschrei über ihre Lippen.

"Mei, tut das weh!"

"Bis zu eurem Hof ist es net allzu weit", meinte der Ludwig dann. "Ich bring dich gern nach Hause." Der Sohn des Sägemüllers zuckte die Achseln und setzte dann noch hinzu: "Ins Wirtshaus komme ich immer noch früh genug!"

Doch der Lisa war das gar nicht so recht.

"Ich werde den Weg schon allein schaffen", war sie überzeugt und versuchte ein zweites Mal aufzutreten. Diesmal schien es etwas besser zu gehen.

Aber der Ludwig schüttelte energisch den Kopf.

"Na, das kommt gar net in Frage!"

"Geh, Ludwig, du tust gerade so, als wäre ich eine Schwerverletzte, die ins Spital muss! Aber ich werd doch wegen dem kleinen Kratzer net so ein Aufhebens machen!"

"Lass nur! Es macht mir wirklich nix aus!"

"Danke, aber es ist net nötig!"

Und damit zog die Lisa ihre Schuhe wieder an und wandte sich zum Gehen.

"Mei, was hast es denn auf einmal so eilig?", wunderte sich der Ludwig und schüttelte den Kopf.

"Servus, Ludwig!"

Und damit hatte das Madel auch schon einige Meter hinter sich gebracht. Der Fuß tat noch ein bisschen weh, aber es ging schon ganz gut. Besser als sie eigentlich erwartet hatte.

Einen Augenblick lang stand der Ludwig bewegungslos da, aber er dann besann er sich und folgte ihr.

Mei, der lässt sich wohl überhaupt net abschütteln!, dachte das Madel bei sich.

Aber zu grob konnte sie jetzt auch nicht zu ihm sein, schließlich hatte er ihr sehr freundlich geholfen. Und eigentlich war er ja auch ein netter Bursche. Recht nett sogar, wenn sie es so bedachte.

Nur mit Liebe hat's halt nix zu tun!, ging es dem Madel durch den Kopf. Da war sie sich sicher.

Sie seufzte, als der Ludwig Hinzmayer sie einholte.

"Nun sag mir genau, was der Thomas gesagt hat, Ludwig! Und wann! Ich will alles wissen!"

"Mei, er hat mit meinem Vater gesprochen. Du weißt, die verstehen sich sehr gut, seit der Thomas ein Junge war."

"Ja, das weiß ich", nickte das Madel.

"Mei, ich hätt gar net davon anfangen sollen. Es ist net recht, das Gerede anderer nachzuplappern!"

Die Stadler-Lisa versuchte noch ein paar mal, nachzubohren, aber der Ludwig druckste nur herum, deutete mal hier und mal da etwas an, aber sagte nichts weiter.

Das Herz der Lisa wurde schwer.

Sollte es sein, dass sie den Brandner-Thomas zu lang hingehalten hatte und dass er nun nichts mehr von ihr wissen wollte?

"Was ist denn nun, seid ihr noch ein Paar oder net!"

"Was weiß ich!", schimpfte die Lisa und dachte: Wenn der Thomas mir jetzt, in dieser schweren Stunde von der Fahne geht, dann wär er ohnehin net der rechte gewesen...

Der Ludwig spürte, dass es jetzt besser war, nichts mehr zu sagen. Und so schwiegen sie den Rest des Weges zum Stadler-Hof.

Ich muss den Thomas wohl mal zur Rede stellen!, ging es Lisa währenddessen durch den Kopf.

Aber noch ein anderer Gedanke spukte da unentwegt herum und ließ das Madel einfach nicht zur Ruhe kommen. Sie dachte an den Stadler-Hof und dass sie es vielleicht in der Hand hatte, ihn zu retten.

Ein Kloß saß ihr dabei im Hals und raubte ihr fast den Atem.

Dann tauchte der Stadler-Hof vor ihnen auf. Ein schöner, großer Hof - der zweitgrößte im ganzen Tal. Unter normalen Umständen hätte er eine Familie gut ernähren können. Aber jetzt stand alles in Frage...

Die Stadlerin kam gerade aus dem Stall und winkte den beiden zu.

Die Bäuerin kam etwas näher und rief dann: "Grüß dich, Ludwig! Willst net mit hereinkommen? Es gibt gleich eine Brotzeit! Kommst also gerade richtig!"

"Der Ludwig hat noch etwas Dringendes vor!", mischte sich die Lisa ein, aber der Sohn des Sägemüllers machte eine wegwerfende Handbewegung.

"Mei, das kann alles warten. Ich komme gerne!"

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Der Brandner-Thomas sah nach seinem Dienst noch beim Wirtshaus im Dorf vorbei.

Einerseits wollte er eine Brotzeit nehmen und eine Maß trinken, aber das war nicht der einzige Grund, aus dem er hier her gekommen war.

Thomas war immer noch auf der Suche nach dem Fallensteller und wollte sich unter den Männern im Dorf ein wenig umhören.

Schließlich war es gut möglich, dass irgend jemand von ihnen etwas gehört hatte und dem jungen Jäger einen Hinweis geben konnte.

Den ganzen Tag hatte er nach Spuren Ausschau gehalten, aber nichts gefunden. Nur auf ein paar Fallen war er gestoßen.

Aber es wäre auch wohl zu schön gewesen, um wahr zu sein, wenn er den Fallensteller womöglich auf frischer Tat ertappt hätte.

"Grüß dich, Luis!", wandte er sich an den rotbäckigen Wirt, der das Wirtshaus führte.

"Grüß dich, Jäger! Was kann ich dir geben? Ein Glasl von meinem Roten?"

"Ja, das wär' schön. Und eine zünftige Brotzeit dazu. Mei, ich hab einen richtigen Bärenhunger!"

Um diese Zeit waren bereits einige der Männer aus der Umgebung im Wirtshaus. Der junge Jäger setzte sich zu ihnen an den Tisch.

"Na, wie geht's?", fragte einer von ihnen vegnügt. Es war der Hans Lederer, der im Dorf einen kleinen Laden betrieb. "Bist dem Kerl schon auf die Spur gekommen, der mit seinen vermaledeiten Fallen den Eder-Franz ins Spital gebracht hat!"

Der Thomas schüttelte den Kopf.

"Ich hab leider noch net die geringste Ahnung, wer dahinterstecken könnt", musste der Jäger leider bekennen. "Ein paar Fallen hab ich zwar noch gefunden, aber sonst nix."

Der Lederer-Hans schlug dem Thomas freundschaftlich auf die Schulter und meinte. "Mei, wie ich dich kenne, wirst den Waldfrevler wohl früher oder später erwischen! Ich möcht jedenfalls net in seiner Haut stecken!"

Der Thomas seufzte und blickte sich in der munteren Runde um. "Ich hatte eigentlich gehofft, dass einer von euch irgend etwas gehört hat... Und sei es, dass einem von euch die Trophäen angeboten worden sind! Schließlich kann das alles ja net vom Erdboden verschluckt worden sein!"

"Schon recht", nickte Hans Lederer. "Aber der Waldfrevler wird kaum so ein Depp sein, seine Trophäen und Felle hier in der Gegend herumzuzeigen!"

Thomas zuckte die Achseln.

"Hätte ja sein können."

"Wenn wir etwas hören, wirst du es erfahren!", versprach der Lederer-Hans.

"Das ist ein Wort!"

"Aber da ist etwas anderes, das du vielleicht wissen solltest, Thomas!", meldete sich jetzt einer der anderen Männer zu Wort. Es war Gustl Koberer, der einen kleinen Hof sein Eigen nannte.

Der Thomas runzelte die Stirn.

"So, was gibt es denn, Gustl?"

"Die Stadler-Lisa, das ist doch dein Madel, net wahr"

"Mei..."

"Und da dacht ich, dass du vielleicht wissen solltest, was ich heute gesehen hab, Thomas!"

Der Thomas sah den Bergbauern erstaunt an.

Was mochte das zu bedeuten haben? Dass irgend etwas net stimmte, was die Stadler Lisa betraf, das vermutete er ja schon lange, auch wenn er sich immer wieder gesagt hatte, dass es keinen Grund gab, misstrauisch zu sein.

"Nun aber heraus mit der Sprache! Was willst gesehen haben, Gustl?"

Gustl hob die Schultern und begann: "Mei, ich war halt droben bei meinem alten Heustadel, um ihn endlich zu reparieren. Und da sah ich die Stadler-Lisa zusammen mit dem Ludwig Hinzmayer am Wildbach... Sie saßen da ganz einträglich zusammen und wenn du mich fragst... Mei,wie ein Stelldichein sah 's halt aus!"

Für den Thomas war das wie ein Schlag vor den Kopf.

"Hast sonst noch was gesehen?", knirschte der junge Jäger grimmig hervor.

Gustl schüttelte den Kopf.

"Na, nix mehr. Und ich will ja auch gar nix gesagt haben. Vielleicht war ja alles ganz harmlos."

Jetzt mischte sich Hans Lederer ein.

"Es heißt, dass der Stadler-Hof kurz vor dem Abgrund steht. Auch bei mir hat die Stadlerin Schulden. Und ich bin da wohl net der einzige." Der Ladenbesitzer zuckte die Achseln. "Wenn die Lisa jetzt einen wie den Hinzmayer-Ludwig heiraten würde, dann könnte das vielleicht doch noch die Rettung für den Stadler-Hof sein!"

"Mei, das macht Sinn!", war auch der Gustl überzeugt.

Der Brandner-Thomas ließ die flache Hand wütend auf den Tisch sausen, so dass es krachte. "So ein Schmarrn!", schimpfte er.

Er konnte es einfach nicht glauben.

"Am besten, du redest mal mit dem Madel", meinte der Lederer. "Sonst geht dir das blitzsaubere Dirndl am Ende gar noch von der Fahne!"

Jetzt kam der Wirt an den Tisch, um dem Jäger das Essen hinzustellen. Aber diesem war der Appetit inzwischen ziemlich vergangen.

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Der Brandner-Thomas schlang hastig ein paar Bissen hinunter, dann brach er zum Stadler-Hof auf. Es hielt ihn einfach nicht länger im Wirtshaus. Er wollte der Sache auf den Grund gehen.

Als der Thomas schließlich den Stadler-Hof erreichte, blieb der Jäger kurz stehen und blinzelte gegen die Sonne. Er glaubte seinen Augen nicht zu trauen. Der Mann, der sich da gerade vom Stadler-Hof aus auf den Weg machte, war niemand anderes, als der Ludwig Hinzmayer.

Mit weiten Schritten ging er davon und schien recht vergnügt zu sein.

Einen kurzen Moment drehte er sich zum Thomas um, aber dann tat er, als hätte er den Jäger nicht gesehen und ging einfach weiter.

Dem Thomas pochte das Herz bis zum Hals. Seine Fäuste ballten sich unwillkürlich zu Fäusten. Es schien also tatsächlich etwas dran zu sein an dem, was der Gustl gesagt hatte...

Mit energischen Schritten ging der Thomas dann auf den Hinzmayer-Ludwig zu.

"Heh, Ludwig! Was ist? Kennst mich net mehr, oder warum drehst dich zur Seite?"

Die Feindseligkeit in der Stimme des Jägers war unüberhörbar. Ludwig blieb stehen und drehte sich zu dem aufgebrachten Thomas herum.

"Mei, Thomas! Ich hab dich ja gar net gesehen!", erklärte er wenig glaubwürdig.

"Geh, Ludwig, red' net so einen Schmarrn! Du hast mich net sehen wollen!", versetzte Thomas.

Ludwig wich einen Schritt zurück.

"Mei, wie redest du denn mit mir?", fragte der Sohn des Sägemüllers kopfschüttelnd.

Er wollte noch etwas hinzufügen, aber der Thomas ließ ihn nicht zu Wort kommen.

"Was führt dich eigentlich zum Stadler-Hof, Ludwig? Siehst net gerad aus, als hättest du eine Fuhre Holz dabei!"

"Mei, warum so feindselig?"

"Es ist wegen der Lisa, net war?"

"Du hattest deine Gelegenheit, Thomas!", versetzte Ludwig. "Aber wenn das Madel doch nix mehr von dir wissen will, dann ist es doch wohl nix Verwerfliches, wenn ich mein Glück noch mal bei ihr versuche!"

"Einen Schmarrn redest du!", schleuderte ihm daraufhin der Jäger zornentbrannt entgegen.

Jetzt reichte es dem Ludwig aber. Sein Kopf war hochrot geworden und er konnte seinem Ärger nun auch nicht länger zügeln.

"Kruzifix nochmal, du hast kein Recht, so mit mir zu reden! Und was ich hier auf dem Stadler-Hof mache, das geht dich nix an, hast mich verstanden?"

Wie zwei Kampfhähne standen sich die beiden gegenüber. Es fehlte nicht viel, dass sie sich gegenseitig an den Kragen gingen.

Aber da ließ eine tiefe Stimme sie beide gleichzeitig herumwirbeln.

"Mei, was ist denn in euch gefahren?"

Es war die hoch aufgeschossene Gestalt vom Corbinian, die auf sie zuging.

Ein paar Schritte entfernt blieb der Großknecht vom Stadler-Hof stehen und stützte sich auf die Mistgabel, die er mit sich trug.

"Es ist nix", sagte der Ludwig.

"Nix nennst du das!", ereiferte sich daraufhin der Thomas.

Doch da schritt der Corbinian energisch ein.

"Ich will keinen Streit hier auf dem Stadler-Hof!", erklärte er auf eine Art und Weise, als ob es sein eigener Hof gewesen wäre.

Einen Augenblick lang herrschte Schweigen. Keiner der Männer sagte ein Wort. Dann war es der Sohn des Sägemüllers, der sich als Erster wieder zu Wort meldete.

"Ich wollt ja sowieso gehen", meinte er. Er wandte sich an den Corbinian und meinte: "Richte der Bäuerin aus, dass ich ihr für die Brotzeit danke!" Und damit wandte er sich ab und zog seines Weges, ohne sich noch einmal in Richtung des Stadler-Hofs umzudrehen.

Nicht lange und er war hinter der nächsten Anhöhe verschwunden.

Der Brandner-Thomas aber rührte sich nicht einen Fuß vom Fleck.

"Was ist mit dir? Was willst du hier noch, Thomas?", fragte der Corbinian düster. "Es war doch wohl deutlich genug, was ich gerade gesagt habe! So einen Streithansel will ich hier net sehen!"

"Ich will mit der Lisa sprechen!"

"Die Lisa ist net da!"

"Das stimmt doch net!"

Der Corbinian kam etwas näher an den jungen Jäger heran und atmete tief durch. Das hagere Gesicht wirkte jetzt sehr grimmig und hart. "Willst etwa behaupten, dass ich ein Lügner bin, Thomas?"

"Was weiß ich!", murmelte der Jäger.

"Sieh zu, dass du nach Haus kommst, Thomas! Und das Madel schlag dir aus dem Kopf."

"Was?"

Die Worte des Großknechts waren für den Brandner-Thomas wie Faustschläge.

Er konnte kaum glauben, was er da hörte.

"Du hast richtig gehört. Und wenn das Madel nix von dir wissen will, dann musst du das schon so hinnehmen, Thomas! Auch wenn's net gleich in deinen Schädel rein will!"

Thomas wollte etwas erwidern, aber er hielt inne. Er spürte, dass dieser Streit zu nichts führte als zu neuem Hader.

Der Corbinan wirkte ziemlich entschlossen und so entschied Thomas, dass es im Moment das Beste war, alles auf sich beruhen zu lassen.

Es würde schon noch die Gelegenheit kommen, um mit der Lisa zu reden. Und dann würde sie vieles zu erklären haben!

"Servus, Corbinian!", grollte der Thomas und ging dann ebenfalls davon.

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Als Corbinian dann wenig später zurück zum Haus ging, stellte er die Mistgabel gegen die Hauswand, bevor er in die Stube trat.

Drinnen waren die Stadlerin und ihre Tochter.

"Wer war denn da draußen?", fragte die Lisa.

"Was?", tat der Corbinian scheinheilig.

"Mei, ich hab dich doch mit jemandem reden hören!"

"Das war der Ludwig." Der Großknecht seufzte. "Ein feiner Bursche ist das!"

Und die Mutter ergänzte: "Mei und immer noch ganz narrisch nach dir!"

Lisa machte eine wegwerfende Handbewegung.

"Geh, Mutter!", sagte es. Es war ihr nicht recht, das jetzt vom Ludwig gesprochen wurde.

"Madel, ich hab doch Augen im Kopf!", erwiderte die Stadlerin.

Innerlich kochte die Lisa jetzt. Am liebsten hätte sie es laut hinausgerufen, dass sie nichts vom Hinzmayer-Ludwig wissen wollte und dass sie einzig und allein den Thomas liebte.

Aber sie beherrschte sich. Schließlich war da ja noch immer die Sache mit dem Hof.

Und wenn es wahr sein sollte, dass der Thomas ohnehin nichts mehr von ihr wissen wollte - warum sollte sie dann nicht vielleicht doch den Ludwig nehmen?

Sie mochte ihn ja, wenn es auch nicht die wahre Liebe war, so wie beim Thomas.

Aber der konnte ihr nicht helfen, den Stadler-Hof zu retten, selbst wenn er ihr doch noch gut war. Der innere Zwiespalt schien sie förmlich zu zerreißen...

"Ich werde heut' Abend noch einmal hinausgehen", kündigte die Lisa dann an.

"So?", fragte die Mutter. "Wo soll's denn hingehen?"

"Hinauf, zur Hütte vom Brandner-Thomas!" Sie musste einfach mit ihm reden. Es konnte doch nicht wahr sein, dass alles aus war zwischen ihnen.

Corbinians Gesicht verzog sich, so dass man deutlich sehen konnte, was er von der Absicht der Stadler-Lisa hielt. Aber der Großknecht hütete sich, ein Wort zu sagen. Sein Blick ging zur Stadler-Bäuerin hin, aber die lächelte nur müde und nickte ihrer Tochter zu.

"Mei, ich hoffe nur, dass du auch wirklich weißt, was du tust!"

"Ganz gewiss, Mutter!"

Die Stadlerin strich ihrer Tochter zärtlich über das lange Haar.

"Dann wart net länger, Madel!", sagte die Bäuerin. "Es wird bald dunkel."

Lisa lächelte kurz.

"Es wird net allzu lang dauern!", versprach das Dirndl und wandte sich schon zum Gehen.

"Und was ist mit deinem Fuß, Lisa?", mischte sich der Corbinian ein, dem das ganze entschieden gegen den Strich ging.

Die Lisa blickte an ihrem Bein hinab.

Um den Knöchel herum trug sie einen Verband, der die Wunde schützte. "Mei, das wird schon gehen!", war sie sich ziemlich sicher. "So schlimm ist es net. Der Ludwig hat das doch nur etwas dramatisiert, weil er mich unbedingt nach Hause bringen wollte!"

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Ein bisschen machte der Fuß dem Madel dann allerdings doch zu schaffen und so nahm sie nicht den kürzesten Weg zum Försterhaus des Brandner-Thomas, sondern den, der am wenigsten beschwerlich war.

Schließlich wollte sie nicht ein zweites Mal ausrutschen und dann womöglich einen steilen Hang hinabgleiten.

Merkwürdig, dass der Thomas gar net bei mir vorbeigeschaut hat!m ging es der Stadler-Lisa durch den Kopf, während sie ihres Weges ging.

Und wenn der Thomas sie wirklich nicht mehr liebte, dann konnte er doch zumindest den Anstand haben, ihr das auch zu sagen!

Alles schien wie verhext zu sein und sich gegen sie verschworen zu haben. Innerlich spürte das Madel eine Mischung aus Groll und Traurigkeit.

Endlich erreichte sie das Haus des Brandner-Thomas.

Traumhaft war es gelegen mit einem wunderbaren Blick über die bezaubernde Bergwelt. Die Sonne begann langsam hinter den schroffen, majestätischen Gipfeln zu versinken.

Aber für all das hatte die Lisa im Moment überhaupt kein Auge.

Sie ging zur Haustür und klopfte.

"Thomas! Ich bin's, die Lisa! Mach schon auf, wir zwei müssen miteinander reden!", rief das Madel ziemlich aufgeregt.

Aber von drinnen meldete sich niemand.

"Nun sag doch ein Wörtl!", setzte die Lisa noch hinzu, dann öffnete sie die Tür. Der Thomas schloss meistens seine Haustür nicht ab. "Wer soll in dieser Einsamkeit hier droben mir schon etwas stehlen wollen?", pflegte er dazu zu sagen.

Lisa trat ein und sah sich um. Aber von ihrem Thomas konnte sie nirgends etwas entdecken.

Sie sah aus dem Fenster.

Net mehr lang und es wird dunkel werden!, ging es ihr durch den Kopf. Aber ein bisserl kann ich ja noch warten!

Das Madel setzte sich an den Tisch und seufzte. Vielleicht stellte sich ja alles als ganz harmlos heraus und es kam wieder ins Lot mit ihr und dem Brandner-Thomas. Schließlich hing ihr Herz nach wie vor an dem Burschen. Da ließ sich einfach nix machen.

Dann fiel Lisas Blick auf einen Brief, der offen auf dem Tisch lag.

Eigentlich war es ja nicht ihre Art, in fremder Leute Post herumzuschnüffeln, aber als sie die geschwungene Frauenhandschrift sah, wagte sie doch einen Blick.

'Liebster Thomas!' stand in der ersten Zeile und das machte die Stadler-Lisa dann doch stutzig. Sie nahm den Brief und überflog ihn kurz. 'Wie freue ich mich, dass wir uns endlich wiedersehen! Wie besprochen komme ich mit dem Zug aus der Stadt. Ich kann es gar nicht erwarten, dich wiederzusehen. Deine Moni'

Wütend warf die Lisa den Brief zurück auf den Tisch. Das war es also! Der Brandner-Thomas hatte allem Anschein nach wohl noch ein zweites Eisen im Feuer!

Mei, das hätt ich ihm net zugetraut!, ging es ihr bitter durch den Kopf.

Tränen glitzerten in ihren blauen Augen, die sie sich hastig abwischte.

Eilig raffte sie dann ihr Kleid zusammen und ging aus dem Forsthaus. Im Freien atmete sie tief durch und schluchzte leise einmal auf.

Mei, es scheint, als hätt' er mich nie geliebt!, ging es ihr durch den Kopf. Aber sie konnte es kaum glauben. Sie hatte so fest an die Aufrichtigkeit des Brandner-Thomas geglaubt.

Und nun das!

So stimmte also das, was der Ludwig Hinzmayer an Gerede aufgeschnappt hatte wohl.

Jetzt gab alles einen Sinn!

Ohne sich noch einmal zum Forsthaus zurückzuwenden lief das Madel zurück in Richtung des Stadler-Hofes.

In ihrem Innern tobte es. Aber als sie sich dann etwas beruhigt hatte, da kam sie zu dem Schluss, dass sie selbst vielleicht auch nicht ganz unschuldig daran war, wie alles gekommen war.

Vielleicht hätt' ich ihn net so lang hinhalten sollen!, überlegte sie. Aber wenn man sich wirklich liebte - konnte man da net ein bisserl warten?

Als das Madel den Stadler-Hof erreichte, war es schon fast ganz dunkel geworden. Drinnen brannten die Lichter.

Aber nicht nur dort. Auch in der Scheune war noch etwas los.

Jemand kramte darin herum und die Stadler-Lisa blieb einen Augenblick stehen und hörte zu.

Mei, wer mag das sein?

Dann kam der Corbinian heraus.

Er schien sehr überrascht zu sein, das Madel vor sich stehen zu sehen. Jedenfalls zuckte der hagere, großgewachsene Mann sichtbar zusammen. Fast so, als hätte man ihn bei etwas Verbotenem ertappt.

Die Lisa hatte sich indessen die letzten Tränen aus dem Gesicht gewischt und sagte verwundert: "Mei, Corbinian! Sehe ich denn aus wie ein Gespenst, dass du dich so erschrecken musst?"

Der Corbinian lächelte flüchtig.

"Na, das nun net gerad, Madel!"

"Willst noch ausgehen, Corbinian?"

Der Großknecht runzelte die Stirn. "Ein bisserl frische Luft schnappen will ich noch. Es wird eine schöne, sternklare Nacht."

"Und was machst mit deiner großen Tasche, die du da um die Schultern gehängt hast?"

Der Corbinian zögerte mit der Antwort. Es war die Stadler-Bäuerin, die ihren Großknecht dann erlöste. Die Stadlerin war nämlich gerade aus der Haustür getreten und rief: "Lisa! Mei, da bist du ja! Hast den Thomas angetroffen?"

Lisa drehte sich herum und ging auf ihre Mutter zu. Das Madel machte ein sehr trauriges Gesicht.

"Es ist aus, mit dem Thomas und mir!"

"Geh!"

"Endgültig, wie es scheint. Er hat ein anderes Madel in der Stadt!"

Die Stadlerin schüttelte den Kopf und nahm ihre Tochter dann in den Arm. "Mei, das hätt' ich von dem Burschen net gedacht! Ich hätte immer geglaubt, dass der Thomas ein anständiger Buben ist - ganz gleich, was der Vater immer über ihn gesagt hat!"

Lisa hob die Schultern und seufzte.

"Vielleicht hat er Vater doch recht gehabt. Auch wenn ich es damals net hab wahrhaben wollen!" Dann blickte sie ihre Mutter mit ihren großen blauen Augen an und versuchte zu lächeln. "Geh, sprechen wir von etwas anderem, Mutter! Ich werd' schon drüber wegkommen!"

"Sicher, Madel!"

Zusammen gingen sie in die Stube.

Plötzlich sagte die Lisa: "Im Moment meint es das Schicksal aber wirklich net besonders gut mit uns!"

"Net verzweifeln, Lisa! Es kommen für uns alle auch wieder bessere Tage... Wenn ich nur wüsst, wie wir den Hof retten könnten! Darüber zermartere ich mir schon tagelang das Hirn." Die Stadlerin hob die Schulten und schüttelte anschließend voller Ratlosigkeit den Kopf. "Aber ich weiß einfach keine Lösung. Wie man die Sache auch dreht und wendet, es zeichnet sich einfach kein Ausweg ab..."

Während dessen blickte die Lisa aus dem Fenster.

Draußen sah sie den Corbinian, wie er mit seiner prall gefüllten Tasche um die Schultern den Hang hinaufging und sich dabei immer wieder umdrehte.

Fast so, als fürchtete er, dass ihn jemand beobachtete.

"Mei, weißt du, wohin der Corbinian heute Nacht noch hinaus will? Für eine Bergtour ist es doch jetzt net mehr die rechte Zeit."

"Na, ich weiß net", erklärte die Bäuerin. "Vielleicht ins Wirtshaus! Wir haben net darüber gesprochen!"

"Aber der Arzt hat dem Corbinian doch verboten, Wein und Bier zu trinken!", gab da das Dirndl zu bedenken. "Und seitdem hat er sich auch net mehr im Wirtshaus blicken lassen!"

Die Stadler-Bäuerin blickte ihre Tochter tadelnd an.

"Lisa, der Corbinian ist ja nun wirklich ein erwachsenes Mannsbild. Und wir haben ihm net dreinzureden, wenn er des nachts noch rausgeht!"

Lisa nickte.

"Hast ja recht, Mutter."

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Der Brandner-Thomas war in dieser Nacht auf der Jagd nach dem Fallensteller.

Mit dem Gewehr über der Schulter schlich er durch den Hochwald und sah sich nach Verdächtigem um.

Wenn der junge Jäger Glück hatte, dann gelang es ihm vielleicht den Waldfrevler auf frischer Tat zu ertappen, damit dieser Spuk endlich ein Ende hatte.

Es war eine mondhelle Nacht, was bedeutete, dass man trotz der Dunkelheit noch einigermaßen gut sehen konnte.

Für einen wie den Brandner-Thomas reichte das jedenfalls vollkommen. Schließlich kannte er sein Revier wie seine Westentasche.

Und eine Lampe konnte er nicht mit sich führen.

Man hätte ihn dadurch sehr weit sehen können, was natürlich nicht in seinem Sinne war.

Der Fallensteller würde sich dann augenblicklich aus dem Staub machen.

Der Thomas stieg weit hinauf und erreichte schließlich einen Platz, von dem aus er das ganze Tal überblicken konnte. Dunkel hoben sich die schroffen Gipfel gegen das Mondlicht ab.

Es wurde kälter und der Thomas rieb sich die Hände. Wenn nötig würde er die ganze Nacht hier verbringen und auf der Lauer liegen.

Und die nachfolgenden Nächte auch.

Aber während er so da saß und hinab ins Tal blickte, gingen seine Gedanken immer wieder zur Lisa.

Er konnte es noch immer nicht verwinden, dass sie offenbar nichts mehr von ihm wissen wollte und mit dem Ludwig Hinzmayer angebandelt hatte.

Mei, da kann man wohl nix machen!, ging es ihm durch den Kopf. Einer wie ich kann halt nix bieten und dem Stadler-Hof auch net aus der Misere helfen - so gerne ich das auch tun würde!

So ein blitzsauberes Madel war die Lisa. Genau die Richtige für ihn, so hatte der Thomas immer gedacht.

Aber da habe ich mich wohl getäuscht!, überlegte er.

Thomas Brandner hatte keine Ahnung, wie viel Zeit er inzwischen mit seinen düsteren Grübeleien verbracht hatte.

Aber plötzlich ließ ihn etwas aus seinen Gedanken auffahren.

Es war ein Licht, das sich einen der Hänge hinaufbewegte.

Das Licht blieb stehen, bewegte sich dann weiter und blieb wieder stehen.

Mei, das muss er sein, der Halunke! war es dem Brandner-Thomas sofort klar. Er nahm sein Gewehr und stand auf.

Sofort war er wieder hellwach und bei der Sache.

Thomas wusste, dass es jetzt schnell gehen musste, wenn er den Fallensteller noch erwischen wollte. Und so machte sich der junge Jäger an die Verfolgung.

Schnell und behände trugen ihn seine Füße vorwärts.

Der Jäger folgte dem Licht durch den Hochwald.

Zwischendurch verlor er es sogar, aber dann tauchte es zum Glück wieder auf.

Schließlich sah Thomas auf einer Lichtung einen Schatten davoneilen. Das war er also, der Waldfrevler. Leider konnte Thomas ihn nicht erkennen.

Es war einfach zu dunkel und auch das helle Mondlicht half da nicht weiter.

Der Schatten mit der Lampe war ziemlich in Eile, aber Thomas holte ihn ein. Und schließlich rief der Jäger: "Halt! Stehenbleiben!"

Und dazu gab der Thomas einen Schuss in die Luft ab, der im ganzen Tal zu hören sein musste.

Der Flüchtende hielt kurz an, schien sich umzublicken und rannte dann weiter. Er dachte gar nicht daran, sich dem Jäger zu stellen.

Ein Bündel ließ er fallen und der Thomas stolperte fast darüber. Der Jäger hob es auf. Es war ein kleiner Stoffsack mit etwas Metallenem darin.

Fallen!

Mei, ich hab mich also net getäuscht!, ging es dem Brandner-Thomas wütend durch den Kopf. Er folgte dem Flüchtling, aber der schien ein recht guter Läufer zu sein.

Jedenfalls wurde der Abstand zwischen ihm und dem Jäger immer größer und bald sah Thomas nur noch das Licht vor sich.

Der Thomas war bald ziemlich außer Atem, aber er wusste, dass er kaum so bald wieder eine Gelegenheit bekommen würde, den Übeltäter zu stellen. Der würde sich in Zukunft nämlich mehr in Acht zu nehmen wissen.

Thomas folgte dem Flüchtenden in die Nähe des Stadler-Hofes. Zuerst hatte der junge Jäger es gar nicht bemerkt, aber dann war ihm aufgefallen, dass der Waldfrevler sich immer weiter auf den Stadler-Hof zuzubewegen schien.

Und dann glaubte Thomas seinen Augen nicht zu trauen.

Er befand sich auf einer Anhöhe, von der er den Stadler-Hof bereits sehen konnte. Auf dem Hof war kein Licht mehr. Es war ja auch schon sehr spät und normalerweise war um diese Zeit dort niemand mehr auf den Beinen.

Der Thomas beobachtete, wie der Flüchtende geradewegs auf den Hof zulief. Ganz deutlich war die Lampe zu sehen, die er in der Hand hielt. Und dann war er auf einmal verschwunden.

Der Thomas lief jetzt nicht mehr, sondern atmete erst einmal tief durch. Er brauchte jetzt nicht mehr hinter dem Kerl herzurennen. Schließlich wusste er ja, wo er ihn finden konnte.

Auf dem Stadler-Hof!

Da konnte eigentlich nur der Corbinian in Frage kommen.

Thomas hatte den Corbinian nie so recht leiden gemocht. Vor allem nicht, seit er sich so zwischen den jungen Jäger und die Stadler-Lisa gestellt hatte.

Mei, aber das ist ja jetzt ohnehin vorbei!, ging es Thomas bitter durch den Kopf.

Vielleicht wollte der Großknecht vom Stadler-Hof sich ein paar Groschen dazuverdienen und hatte deshalb die Fallen gelegt. Aber eine Entschuldigung ist das noch lange net!, dachte Thomas.

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Es dauerte nicht lange und der Jäger hatte den Stadler-Hof erreicht.

Thomas blickte sich um, aber nirgends rührte sich etwas.

Scheint sich verkrochen zu haben, der Fallensteller!, dachte er und blickte kurz zu jenem Fenster hinauf, von dem er wusste, dass sich dahinter das Zimmer der Stadler-Lisa befand.

Es versetzte ihm einen Stich ins Herz. Mei, was muss das Madel nur von mir denken, wenn ich jetzt hier her komme und den Corbinian wegen dieser Sache beschuldigen muss?, fragte er sich.

Aber das eine hatte mit dem anderen nichts zu tun.

Er konnte diese Sache schließlich nicht auf sich beruhen lassen.

Aber der Brandner-Thomas ging nicht zur Haustür, sondern zu dem Nebengebäude, in dem der Corbinian seine Unterkunft hatte.

Thomas klopfte an die Tür. Es dauerte ein Weilchen, bis sie endlich geöffnet wurde.

Es war der Corbinian. Er hatte Licht gemacht und starrte den jungen Jäger jetzt fragend an.

"Kruzifix nochmal, was hast du denn hier zu suchen, Thomas - so mitten in der Nacht! Musst auch noch zu dieser nachtschlafenden Zeit dem armen Madel nachstellen, das doch gar nix mehr von dir wissen will?"

Der Thomas spürte, wie die Wut in ihm hochstieg, aber er beherrschte sich einigermaßen.

"Es geht net um das Madel, Corbinian!", versetzte er und versuchte dabei, so ruhig wie möglich zu sprechen.

"Geh, Thomas! Was erzählst du denn da!"

"Ich bin deinetwegen hier, Corbinian!"

"Schleich dich, Thomas! Ich habe keine Lust, mich mit dir zu unterhalten. Morgen ist wieder ein harter, arbeitsreicher Tag und da kann mir net leisten, die Nacht mit solchem Geschwätz zu verbringen!"

Corbinian wollte dem Thomas schon die Tür vor der Nase zuschlagen, aber der junge Jäger stellte seinen Fuß dazwischen.

Corbinian atmete tief durch. Seine Hände ballten sich zu Fäusten und er bedachte den Brandner-Thomas mit einem grimmigen Blick.

"Du hast hier auf dem Hof nix verloren, Thomas! Ich glaub, dass ich mich klar und deutlich ausgedrückt habe, wenn ich mich net irre!"

Doch Thomas Brandner hatte nicht die Absicht, sich davonjagen zu lassen. Er hob den Beutel mit den Fallen hoch.

Das metallische Geräusch war nicht zu überhören.

"Weißt, was da drin ist? Fallen, Corbinian! Deswegen bin ich hier!"

Auf Corbinians Stirn erschienen ein paar Falten. Er schluckte und schien überrascht.

"Mei..."

"Ich bin dir gefolgt, Corbinian! Bis hier her zum Stadler-Hof! Geh, gib's doch endlich zu, du bist überführt, Waldfrevler!"

Der Corbinian schüttelte den Kopf, nachdem er sich vom ersten Schrecken erholt hatte.

"Na, du irrst dich!", stammelte er, sichtlich verunsichert.

Auf einmal war die selbstsichere, abweisende Art von ihm abgefallen. Er schien sich in seiner Haut nicht so recht wohlzufühlen und machte auf den jungen Jäger den Eindruck eines armen Sünders.

"Ich, mich irren?", rief der Brandner-Thomas. "Mei, ich kann meinen Augen wohl noch trauen..."

"Geh, Thomas!"

"Ich habe dich doch gesehen!"

Details

Seiten
130
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738919332
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v420431
Schlagworte
heimat-roman sonder edition keine rettung

Autor

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Titel: Heimat-Roman Sonder Edition: Keine Rettung für den Hof