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Schwert und Schild – Sir Morgan, der Löwenritter Band 6: Die spanische Braut

von Joachim Honnef (Autor) Tomos Forrest (Autor)

2018 120 Seiten

Leseprobe

Schwert und Schild – Sir Morgan, der Löwenritter Band 6: Die spanische Braut

Joachim Honnef and Tomos Forrest

Published by Cassiopeiapress/Alfredbooks, 2018.

Schwert und Schild – Sir Morgan, der Löwenritter  Band 6: Die spanische Braut

von Joachim Honnef / Tomos Forrest

Zyklus: Wilde Jugendjahre in Cornwall, Band 3

––––––––

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IMPRESSUM

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author

© Titelbild: Nach einem Motiv von N.C.Wyeth, 2018

Mitwirkung: Ines Schweighöfer

Lektorat: Kerstin Peschel

Ceated by Thomas Ostwald, Alfred Bekker und Jörg Martin Munsonius

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Klappentext:

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Sir Morgan und seine Kriegsknechte Cynan und Rhodri erhalten einen Sonderauftrag, gilt es doch, eine spanische Delegation sicher durch das Land zu geleiten. Die schöne Isabella von Cordoba reist mit ihren Eltern und Gefolge zu Sir Arn of Corlstone, dessen Sohn die Spanierin heiraten will. Es hätte ein einfacher Auftrag werden können. Doch der Weg ist gefahrvoll, denn eine Räuberbande lauert den Reisenden auf, und plötzlich ist Sir Arn auf seltsame Weise verändert. Warum versteht er auf einmal kein Wort Spanisch mehr?

***

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1.

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Mir kommt das alles spanisch vor“, seufzte Kynn. Der Kutscher war mit spanischen Passagieren auf dem Weg nach Castle Corlstone. Er schwitzte, und das lag nicht am Wetter. Es war ein milder Spätsommertag, und die Sonne blinzelte nur gelegentlich hinter Schäfchenwolken hervor, als wollte sie sich vergewissern, dass auf Mutter Erde noch alles in Ordnung war. Kynn schwitzte wegen der Tracht, die für einen Kutscher recht ungewöhnlich war. Er trug Waffenrock, Kettenhemd und einen Helm, der wie ein umgestülpter Blechtopf mit Rand aussah.

Eryn, der Mann neben ihm auf dem Kutschbock, war ebenso gewandet und hielt es gleichfalls für unsinnig. Doch er murrte nicht. Er war glücklich, dass er von den Spaniern Arbeit bekommen hatte. Seine Frau lag im Wochenbett, und nach seiner Rückkehr von dieser ungewöhnlichen Fahrt würde Lyarn ihm einen weiteren Beweis ihrer Liebe schenken – den siebenten.

Seit sieben Jahren waren sie verheiratet, der Kutscher und die mit Fruchtbarkeit gesegnete ehemalige Magd. Alle ihre Kinder waren im September geboren worden, neun Monate nach der Silvesternacht, die Eryn und Lyarn stets mit Wein und Gesang zu feiern pflegten. Wenn alles gutging, war nach dem Mädchen im letzten Jahr diesmal wieder ein strammer Knabe an der Reihe, denn Lyarn hatte bisher immer abwechselnd Mädchen und Jungen zur Welt gebracht. In dieser Beziehung war sie zuverlässig und pünktlich.

Eryn lächelte vor sich hin. Dann dachte er daran, dass der Segen zugleich einen Esser mehr bedeutete, und sein Lächeln wurde ein wenig gequält. Nun, sie würden halt die Suppe mit ein wenig mehr Quellwasser verlängern und statt des teuren Salzes etwas mehr Kräuter hineingeben, die Lyarn auf den Wiesen sammelte, wo der Herrgott sie für seine noch wesentlich größere Familie kostenlos sprießen ließ. Oder sie mussten sich etwas anderes einfallen lassen. Kurz überlegte Eryn, ob sie vielleicht den Wein zu Silvester etwas einschränken sollten, doch rasch verdrängte er den Gedanken und erinnerte sich an den Lohn, den ihm die Spanier für diese Fahrt zahlten.

Kynn riss ihn aus seinen Gedanken. Er jammerte und klagte mal wieder. Kynn war ein Nörgler. Seit fünfzehn Jahren fuhren sie zusammen für den reichen Herrn, der die Kutschen vermietete, und es war noch keine Fahrt vergangen, ohne dass Kynn über irgendetwas gemeckert hätte.

Kynn trank weder Wein noch Starkbier. Er hatte auch kein Weib, mit dem er Silvester feiern konnte, und folglich keine Kinder. Einmal hatten sie den eingefleischten Hagestolz zu ihrer Feier eingeladen, doch Kynn hatte wohl gespürt, dass er ein wenig fehl am Platze war und sich noch vor Mitternacht zurückgezogen. Mit einem schelmischen Grinsen hatte er versprochen, im nächsten September wieder Taufpate zu werden. Manchmal konnte dieser Griesgram doch ein richtiger Scherzbold sein.

„Diese verdammte Rüstung“, maulte Kynn. „Ich komme mir vor wie in einem spanischen Schwitzbad.“

Eryn lachte. „Und wie ist ein spanisches Schwitzbad?“

Kynn wandte ihm sein runzliges Gesicht zu, und Eryn fragte sich wie so oft, weshalb Kynns Knollennase so rot war, wenn er doch höchstens ein verdünntes Bier, wie für die Kinder üblich, den berauschenden Getränken vorzog.

„Na spanisch“, erklärte Kynn mit einem genießerischen, nahezu frivolen Grinsen. „Natürlich ohne Kleidung. Nackig wie es sich beim Baden gehört. Aber es ist kein normales Bad, wie unsereiner es kennt. Es ist eine gar pikante Zeremonie mit einer eifrigen Señorita, die dir zu sanftem Gitarrenklang ganz zart den Rücken schrubbt und außerdem ...“

Eryn sollte nie erfahren, wie sich denn nun ein spanisches Schwitzbad genau abspielte. Es blieb bei der Andeutung jener Wonnen, die Kynn mit verklärter Miene zum Besten gegeben hatte.

Kynn verstummte schlagartig, zuckte zusammen, und mitten aus seinem lächelnden Gesicht ragte von einem Augenblick zum anderen ein Pfeil.

Es war ein Anblick, der Eryn bis ins Mark erschütterte. Fassungslos und vor Entsetzen wie gelähmt starrte er seinen alten Freund Kynn an. In diesem schrecklichen Augenblick nahm er gar nicht wahr, was ringsum geschah. Er sah nicht, wie einer der Eskortenreiter, von einer Lanze getroffen, im Sattel schwankte, und wie finstere Gesellen zwischen den Bäumen und Büschen am Rande des Hohlweges auftauchten, als hätte die Hölle sie ausgespuckt.

Eryn sah nur diesen schaurigen Anblick, das verzerrte Lächeln seines Freundes, aus dessen Gesicht der Pfeilschaft ragte, und alles in ihm weigerte sich, das Schreckliche zu begreifen. Dann kippte Kynn, unendlich langsam, wie es Eryn schien, vom Kutschbock und verschwand im Staub, der von scheuenden Pferden und kämpfenden Männern aufgewirbelt wurde.

Erst in diesem Moment erkannte Eryn, dass alles kein Albtraum, sondern grauenvolle Wirklichkeit war, und er schrie gellend sein Entsetzen hinaus. Den bärtigen Gesellen, der sich vom Ast einer mächtigen Blutbuche fast neben dem Kutschbock herabschwang und mit einem Morgenstern ausholte, sah er nicht ...

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2.

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Ich hätte nie gedacht, dass ich mal Amme für eine spanische Kuh nebst Anhang spielen müsste“, sagte Cynan und zügelte sein Pferd neben Ritter Morgan, der auf der Kuppe eines sanft gewölbten Hügels angehalten hatte.

Der etwas füllige Rhodri strich sich eine dunkelblonde Haarsträhne aus der Stirn und bedachte Cynan mit einem etwas säuerlichen Grinsen.

„Welche Kuh meinst du, Cynan? Die langhaarige Pralle mit den Glutaugen oder ...?“

Cynan lachte, und seine kräftigen Zähne blitzten im schwarzen Bart. „Wie kannst du die schöne Señorita als Kuh bezeichnen? Rhodri, Rhodri! Ich sprach natürlich von dem Viech, das die Spanier in diesem komischen Wagen da mitnehmen.“

Er nickte zu der Reisegesellschaft jenseits einer Birkengruppe.

Vier – gewappnete Reiter ritten einer schwarzen Kutsche voraus, die von prächtigen Schimmeln gezogen wurde. Danach folgten zwei Wagen, der Verpflegungswagen und ein schwerer Kastenwagen, der keinerlei Fenster sondern nur Belüftungsschlitze hatte.

Seit sie der Gesellschaft folgten, wussten sie, dass sich in dem letzten Wagen eine oder mehrere Kühe befanden, was das gelegentliche Brüllen und Stampfen verriet. Den Schluss der Kolonne bildeten wiederum zwei Männer der Eskorte. Einer trug eine Standarte wie der rechte Reiter an der Spitze, damit jeder sah, welch noble Herrschaft er eskortierte. Der andere hielt eine Lanze. Ihre breiten Helme schimmerten im rötlichen Schein der Abendsonne, die im Begriff war, sich hinter den majestätischen Fichten auf den Hügeln im Westen zurückzuziehen.

Cynan warf einen Blick zu Ritter Morgan, der die Augen mit einer Hand vor der tiefstehenden Sonne beschattete und zu der Reisekolonne hin spähte.

„Was meinst du, weshalb die Spanier die Kühe mit auf die Reise genommen haben?“, erkundigte er sich.

„Vermutlich ein Gastgeschenk für Sir Arn of Corlstone“, antwortete Morgan in Gedanken.

Cynan kraulte seinen schwarzen Bart. „Aber Kühe hat Sir Arn auf seinem großen Land ringsum die Burg doch genug“, brummte er.

„Vielleicht melken sie ihre spanischen Kühe unterwegs, weil sie unsere Milch nicht mögen“, warf Rhodri ein. Er bewegte sich unbehaglich im Sattel. Sie waren seit Tagen unterwegs, und trotz der ausgedehnten Pausen, welche die Spanier einlegten, hatte Rhodri sich wundgeritten. Zuerst eine kleine Pustel, dann eine Schwiele, und wenn ihn nicht alles täuschte, dann zierte jetzt ein pflaumengroßes Furunkel seinen Hintern. Aber Auftrag war Auftrag, und der lautete nun einmal, die spanische Gesellschaft unauffällig zu begleiten und Schutzengel zu spielen, wenn es nötig sein sollte. Sir Ronan of Launceston, dem Sheriff von Cornwall, war es gewiss recht gleichgültig, wie es um den Hintern eines Soldaten bestellt war. Rhodri seufzte bei diesem Gedanken.

„Papperlapapp“, sagte Cynan. „Als ob spanische Kühe andere Milch geben als unsere!“ Er lachte dröhnend.

„Ich hörte, sie füttern ihr Vieh mit Pfefferbohnen und geben ihnen anschließend ein paar Eimer Rotwein zum Durstlöschen“, sagte Rhodri und verscheuchte eine Fliege, die sich auf seiner Nase niedergelassen hatte.

Morgan lächelte, als seine Begleiter zu einer heftigen Diskussion über spanische Sitten und Gebräuche ansetzten.

„Ich sage dir ...“, begann Cynan, doch er hielt sein Versprechen nicht.

Der leichte Wind trieb den Schrei heran. Ein langgezogener, gellender Schrei voller Entsetzen. Die Köpfe der Männer flogen herum.

Von der Reisegesellschaft waren nur noch der letzte Wagen und die beiden Schlussreiter der Eskorte zu sehen. Ein mit Büschen und Bäumen bewachsener Hang verdeckte die Sicht auf den Rest der Kolonne. Nur hier und da schimmerte etwas durch eine Lücke im Blattwerk.

Morgans Augen verengten sich, als er Gestalten auf dem Hang und auch auf dem gegenüberliegenden Hügel auftauchen sah, zwischen denen der Fahrweg hindurch führte.

„Ein Überfall“, rief er. „Vorwärts!“

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3.

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Eine Gestalt sprang von einem der Bäume herab. Eryns Blick zuckte nach rechts, und erst jetzt nahm er den bärtigen Kerl wahr, der den Morgenstern schwang. Die todbringenden Stahlzacken funkelten rötlich im Schein der Sonne.

Eryn schickte ein Stoßgebet zum Himmel und duckte sich in seiner Verzweiflung zur Seite. Das half vermutlich beides. Der Morgenstern streifte ihn nur mit einem knirschenden Geräusch am Kettenhemd auf der Brust und fegte ihn vom Kutschbock. Eryn stürzte in den Sand des Fahrwegs hinab und blieb benommen liegen. Er schmeckte Staub und sah alles wie durch einen wallenden, rötlichen Schleier. Männer schrien. Schwerter klirrten. Ein Pferd brach, von einem Pfeil getroffen, zusammen und wieherte gepeinigt.

Ein anderes Pferd ging in Panik durch. Sein Reiter war von einer Lanze aus dem Sattel gestoßen worden. Jetzt versuchte er sich schwerfällig aufzurappeln und zückte das Schwert. Ein Keulenhieb schmetterte ihm das Schwert aus der Hand. Der Mann mit dem Morgenstern sprang auf ihn zu und schwang seine furchtbare Waffe. Da preschte zwischen den Büschen ein Reiter hervor.

Mit einem gewaltigen Satz sprang sein prächtiges Pferd in den Hohlweg hinein, und sein Reiter holte mit dem Schwert aus. Der Mann mit dem Morgenstern sah ihn aus dem Augenwinkel heranfliegen, und sein Kopf zuckte herum. Das rettete den Mann der Eskorte. Der Morgenstern knallte keine Handbreit neben seinem Kopf in den Sand und hieb einen kleinen Krater.

Der Räuber riss die Waffe hoch, wollte sie gegen den Reiter schleudern.

Unbewusst schrie Eryn auf. Doch da stieß der Reiter, ein großer, kühn aussehender Mann mit einem Kettenhemd, dem wilden Gesellen das Schwert in die Brust. Der Morgenstern verfehlte Pferd und Reiter und klatschte gegen den Stamm einer Buche am Rande des Wegs. Röchelnd sank der Räuber in den Staub.

Der Reiter – es war Morgan, der mit seinen Soldaten zur Stelle war – zog sein Schwert aus der Brust des Räubers und parierte sein Pferd. Er jagte auf zwei der wilden Gesellen zu, die gegen einen der Spanier kämpften. Der Mann der Eskorte führte eine vortreffliche Klinge. Er trieb einen der Angreifer mit wuchtigen Schlägen zurück und fuhr zu dem zweiten herum, dessen Schwert ihn an der Schulter traf. Der Spanier wankte unter der Wucht des Hiebes, stolperte über eine Furche des Wagenwegs und stürzte.

Mit einem triumphierenden Schrei sprang der Räuber auf ihn zu und holte mit dem Schwert aus.

Da war Ritter Morgan heran.

Er schmetterte dem Räuber das Schwert aus der Hand. Entsetzt starrte der Mann zu dem Reiter auf, und Todesfurcht flackerte in seinem Blick. Er wusste nicht, dass Morgan ein Ritter war, der niemals einen Wehrlosen schlug. Er starrte auf das blutige Schwert und rechnete mit dem tödlichen Stoß.

„Gnade!“, stöhnte der Mann und hob wie abwehrend die Hände hoch, obwohl ihm das nicht viel genutzt hätte.

Morgan hatte ihn schon gar nicht mehr beachtet.

„Dreh dich um!“, schrie er einem der Schurken zu, der ihm halb den Rücken zuwandte und auf einen Mann der Eskorte lossprang, der sein Schwert verloren hatte und hilflos am Boden lag.

Der Bursche zuckte herum, riss das Schwert hoch, doch er kam nicht mehr dazu, es einzusetzen. Morgan trieb sein Pferd gegen ihn und warf ihn zu Boden.

Der Mann stieß einen markerschütternden Schrei aus, der dann wie abgeschnitten verstummte. Morgan glaubte schon, das Tier hätte den Räuber zu Tode getrampelt, doch dann sah er, dass ein Pfeil aus der Brust des Mannes ragte. Er hatte beide Hände um den Pfeilschaft gekrallt, als wollte er noch im Sterben den Pfeil aus seinem Körper reißen.

Der Räuber war von einem seiner Kumpane getroffen worden!

Morgan fuhr im Sattel herum. Irgendwo zur Rechten auf einem der Bäume musste der heimtückische Schütze stecken, und er hatte sicherlich nicht seinen Kumpan töten, sondern den Reiter treffen wollen.

Morgan warf sich vom Pferd. Im letzten Augenblick. Ein Pfeil zischte über den leeren Sattel hinweg. Dann rollte er sich ab und sprang auf. Staub hüllte ihn ein.

In der Kutsche gellte ein Schrei. Der Schrei einer Frau!

Morgan hetzte los. Mit einem schnellen Blick sah er, dass auch die beiden Gefährten von den Pferden gesprungen waren. Beide kämpften mit dem Schwert, und der Kampflärm hallte über den Hohlweg.

Der Schrei war verstummt, und Morgan befürchtete Schlimmes. Er erreichte die Kutsche.

Dort waren jetzt Kampfgeräusche zu hören. Ein Aufprall. Ein unterdrücktes Stöhnen und ein seltsam gedämpfter Schrei. Auf der anderen Seite der Kutsche.

Morgan lief um das Heck der Kutsche herum.

Mit einem Blick erfasste er die Situation. Am Boden lag die reglose Gestalt eines Mannes. Alfons von Cordoba, wie Morgan wusste. Und dessen Tochter Isabella bäumte sich im Griff eines bärtigen Gesellen auf. Mit einer Hand hielt er ihre Taille umklammert, die andere presste er auf ihren Mund. Der Kerl war offenbar nur mit einer Keule bewaffnet gewesen, die jetzt neben dem bewusstlosen spanischen Grande am Boden lag.

Isabella wehrte sich nach Leibeskräften. Sie versuchte den Räuber zu treten und zu beißen.

Morgan war mit zwei langen Sätzen heran. Er packte den Kerl an der Schulter, riss ihn herum und schlug ihm die geballte Linke ans Kinn. Der Kopf des Räubers ruckte zurück, und sein Griff lockerte sich. Isabella riss sich los. Sie rief etwas auf Spanisch, lief zu ihrem Vater und fiel neben ihm auf die Knie.

Morgan hielt das Schwert, das er fallen gelassen hatte, weil der Räuber unbewaffnet war, schon wieder in der Hand. Er wollte den zurücktaumelnden Räuber mit der Linken am Kragen packen und ihm mit der Rechten die Klinge an die Kehle setzen, um ihn gefangen zu nehmen. Doch in einem Reflex riss der Kerl noch im Fallen einen Fuß hoch, seine Stiefelspitze traf Morgan am Handgelenk und prellte ihm dadurch das Schwert aus der Hand.

Der Räuber sprang auf und trat ein weiteres Mal zu. Er traf Morgan wuchtig an der Hüfte. Der Ritter strauchelte und stürzte. Doch anstatt seinen Vorteil zu nutzen und nachzusetzen, warf sich der Räuber herum und hetzte davon.

Morgan riss sein Schwert aus dem Staub und war mit einem Satz auf den Beinen.

Dann ließ er das Schwert sinken und wischte sich mit der Linken Staub aus dem Gesicht. Der Flüchtende wandte ihm den Rücken zu, und es verstieß gegen die Ritterehre, einen Wehrlosen zu töten, selbst wenn es ein verruchter Mordgesell war.

Morgan blickte zu Isabella. Sie hatte sich aufgerichtet und wandte ihm ihr Gesicht zu. Ein rassiges Gesicht, mit großen, glutvollen schwarzen Augen und schwellenden roten Lippen.

„Weshalb lasst Ihr ihn entkommen?“, fragte sie und nickte zu dem Räuber hin, der gerade zwischen den Bäumen verschwand.

„Er war waffenlos und meines Schwertes nicht würdig“, sagte Morgan, der trotz seiner Anspannung die Schönheit der Spanierin bewunderte.

Sie las wohl die Bewunderung in seinem Blick. Das Funkeln ihrer Augen schien sich noch zu verstärken, und die Andeutung eines Lächelns spielte um ihre Lippen.

„Ihr sprecht fast wie ein Hidalgo. Ritter sagt man wohl in Eurem Lande.“

Morgan nickte und erwiderte ihr Lächeln, das sein Herz schneller pochen ließ. Es war das erste Mal, dass er Isabella aus der Nähe sah und mit ihr redete. Er war überrascht, dass sie so gut Englisch sprach, mit einem süßen Akzent. Gern hätte er ihr deswegen ein Kompliment gemacht, doch dazu war im Augenblick keine Zeit. Immer noch wurde gekämpft.

„Geht in die Kutsche“, mahnte er besorgt, während er nähertrat, um sie mit seinem Körper zu schützen, und zu den Büschen und Bäumen am Wegesrand spähte. Irgendwo dort musste noch der Bogenschütze stecken.

„Vater ist ohnmächtig“, sagte Isabella. „Helft mir, ihn in die Kutsche zu tragen.“

„Erst müsst Ihr aus der Gefahr“, sagte Morgan hastig. Er zog die Tür auf. Drei Gestalten kauerten in der Kutsche  Die ältere Frau musste Isabellas Mutter sein. Die Ähnlichkeit war unverkennbar. Die junge Señorita war die Dienerin. Beide starrten ihn schreckensbleich an.

Der Mann, der zwischen den Sitzen auf dem Boden lag und offenbar betete, war der Diener. Es sah aus, als wollte er durch den Wagenboden kriechen. Er hob den Kopf. Sein Gesicht hätte zu einem kühnen Edelmann gepasst, was die stolzen, markanten Züge anbetraf. Doch der Bursche zitterte vor Angst, und Morgan hätte geschworen, dass die spanischen Worte, die er jetzt hervorstammelte, ein Flehen um Gnade waren.

Morgan nickte ihm aufmunternd zu und wandte sich an Isabella. „Sagt ihm, dass ich kein Feind bin und dass er Platz für seinen Herrn schaffen soll.“

„Ja, der gute Pedro ist kein Held“, sagte Isabella mit einem wissenden Lächeln, und sie fügte einen spanischen Wortschwall hinzu. So süß ihr Akzent auch war, in ihrer Muttersprache kam ihre melodische Stimme noch besser zur Geltung.

Pedro fiel offensichtlich ein ganzer Berg von Steinen vom Herzen ob Isabellas tröstlichen Worten. Er schielte noch einmal zu Morgans blutigem Schwert und erhob sich dann unbeholfen.

Morgan war voller Ungeduld und Anspannung. Von dem Bogenschützen war nichts zu sehen, und von dem Baum aus, der gut zwei Dutzend Schritte entfernt war, konnte er kaum jemand auf dieser Seite der Kutsche treffen. Doch es war möglich, dass es weitere Bogenschützen gab oder dass der Kerl inzwischen die Position gewechselt hatte.

„Schnell“, drängte er und legte einen Arm um Isabellas Hüfte, um sie in die Kutsche zu schieben.

Doch die Eile war nicht mehr nötig. Hufschlag entfernte sich jenseits der beiden Hügel, und dann tauchte auch schon Cynan auf.

Isabellas Augen weiteten sich, als sie den schwarzbärtigen Hünen mit dem blutigen Schwert erblickte, und sie klammerte sich schutzsuchend an Morgan. Sie kannte ja die Soldaten des Sheriffs nicht, und sie hielt Cynan anscheinend für einen der Räuber. Nun, Cynan bot schon einen schauerlichen Anblick, und Morgan konnte Isabellas Erschauern in dieser Situation nur zu gut verstehen.

Cynans Stiefel, Beinlinge und Kettenhemd waren staubig und wiesen Blutflecke auf, und das blutige Schwert in seiner Hand wirkte nach allem, was über die Reisenden hereingebrochen war, auch alles andere als vertrauenerweckend.

Cynan lachte mit blitzenden Zähnen.

„Alles erledigt“, sagte er mit dröhnender Stimme. „Diese Bande ist besiegt, und die Überlebenden haben ihre dreckigen Ärsche auf ihre Pferde geschwungen und sind abgehauen, diese verdammten Schufte und ...“

Er verstummte verwundert ob Morgans mahnenden Blickes, den er nicht zu deuten wusste. Er ahnte nur, dass er offenbar zu viel gesagt hatte.

„Sie sind abgehauen!“, seufzte Isabella erleichtert, und sie sank gegen Morgan. Der Ritter nahm ihren betörenden Duft wahr, die Berührung der schönen Frau verwirrte ihn und ließ sein Herz schneller schlagen.

„Sie spricht Englisch?“, fragte Cynan entgeistert.

Isabella hatte sich schnell wieder unter Kontrolle. Sehr zu Morgans Bedauern löste sie sich von ihm, strich eine Strähne ihres pechschwarzen, langen Haares aus der Stirn und lächelte Cynan an. Äußerst amüsiert, wie Morgan fand.

„Mein Vater ist ein halber Engländer, und ich hatte einen englischen Lehrer.“

Rhodri tauchte auf, bevor Cynan sich von seiner Verblüffung erholt hatte. Sein rundes Gesicht war gerötet und mit Schweiß bedeckt. Seine Beinlinge waren seitlich aufgerissen, und er musste unsanft aufs Gesäß gefallen sein, denn er hielt sich eine Hand darauf. Es sah ganz so aus, als wollte der Soldat eine Reihe deftiger Flüche von sich geben, und damit Rhodri nicht das gleiche Missgeschick wie Cynan wiederfuhr, sagte Morgan schnell: „Kein Gerede! Wie viele sind entkommen?“

„Drei, vier“, sagte Rhodri mit einem Schulterzucken.

„Ihnen nach!“, antwortete Morgan. „Schnappt sie euch!“

Rhodri nahm die Hand vom Hintern und verneigte sich galant vor Isabella. Nun, Manieren hat er gelernt, dachte Morgan.

Die beiden Gewappneten eilten davon, um ihre Pferde zu suchen, die von der Kampfstätte fortgelaufen waren. In diesem Augenblick tauchte ein Mann der Eskorte bei der Kutsche auf. Es war der Spanier, der im Kampf gegen zwei der Räuber bewiesen hatte, dass er zu kämpfen verstand.

Er war klein, schlank und schwarzäugig, und er redete mit Händen und Füßen, wobei er immer wieder mal ein Caramba! einflocht und sich von Zeit zu Zeit bekreuzigte.

„Carlo meint, dass wir zwei Kutscher und drei Pferde verloren haben“, sagte Isabella, als sie Morgans fragenden Blick auffing. Dann sah er Rhodri, der sein Pferd ein Stück weiter im Hohlweg gefunden hatte und zurückkehrte. „Besorgt auf dem Weg drei Pferde“, rief er ihm zu.

Rhodri nickte. „In Ordnung. Wo finden wir Euch?“

Du kennst doch die Reiseroute! hatte Morgan auf der Zunge, doch er besann sich noch rechtzeitig. Die Spanier sollten nicht wissen, dass er und seine Männer über alles Bescheid wussten.

„Wir warten bei der Quelle des Saylerriver!“, rief Morgan und wies nach Norden.

„In Ordnung“, rief Rhodri zurück und trieb seinen Hengst an. Cynan preschte kurz darauf hinter ihm her, auf den Spuren der Räuber.

Der Spanier Carlo redete immer noch temperamentvoll und gestenreich. Isabella übersetzte unaufgefordert.

„Carlo ist untröstlich. Er sagt, der Überfall kam zu plötzlich.“

Das haben Überfälle meistens so an sich, dachte Morgan, doch er schwieg aus Höflichkeit.

Carlo redete jetzt mit heftigen Gebärden auf Morgan ein, und obwohl Morgan des Spanischen nicht mächtig war, sah er an der Mimik und den Gesten, dass Carlo sämtliche Räuber zum Mond oder in den tiefsten Winkel der Hölle wünschte.

„Er flucht genauso wie Euer Freund“, sagte Isabella lächelnd. „Er sagt, dass er die Situation fest im Griff hatte, aber er dankt Euch trotzdem für Eure tapfere Hilfe.“ Ihre Lippen wölbten sich leicht spöttisch.

„Ich glaube nicht, dass es so glimpflich ohne Euer beherztes Eingreifen ausgegangen wäre. Aber Carlo ist sehr eitel und stolz, und er würde jeden zum Duell fordern, der es wagte, seine Fähigkeiten als Meister der Schutztruppe infrage zu stellen. Er hat sogar angedroht, sich einen Dolch ins Herz zu stoßen, wenn wir den Schutz annehmen würden, den uns Sir Arn of Corlstone, auf dessen Einladung hin wir unterwegs sind, angeboten hat.“

Morgan fasste den Spanier ins Auge. Carlo war zu den anderen geeilt, die sich um Alfons von Cordoba scharten, der aus seiner Ohnmacht erwacht war und sich aufgesetzt hatte. Gestenreich redete Carlo auf den Grande ein.

Dieser Carlo hatte sich also gegen Unterstützung auf der Reise verwahrt. Ihm hatten sie diesen Auftrag von Sir Ronan zu verdanken, die Spanier unauffällig zu begleiten und ihnen gegebenenfalls gegen Wegelagerer zu helfen, damit sie sicher nach Castle Corlstone gelangten. Sir Arn of Corlstone war um drei Ecken mit Alfons von Cordoba verwandt, und er wollte, dass Isabella seinen Sohn Ayan heiratete. Die Spanier erwiderten jetzt den Besuch derer von Corlstone. Sir Arn hätte ihnen so viele Männer zum Schutz zur Verfügung gestellt, wie sie nur wollten, doch die Spanier hatten strikt abgelehnt. Vermutlich wollten sie nicht, dass sich ihr Carlo aus gekränktem Stolz tatsächlich das Leben nahm.

Isabella sah Morgan immer noch mit diesen großen, seelenvollen Augen an, und es wurde Morgan heiß unter dem glutvollen Blick.

„Nein, ohne Euch und Eure ebenfalls tapferen Freunde wären wir wohl verloren gewesen“, sagte sie. „Ich danke Euch aus tiefstem Herzen. Dabei weiß ich nicht mal Euren Namen!“

Morgan stellte sich galant vor, und sie war nicht sehr überrascht, dass er ein Ritter war. Sie sagte ihm dann, was Morgan schon wusste: Ihren Namen und den Zweck der Reise.

„Ihr zukünftiger Gemahl kann sich glücklich preisen“, entgegnete Morgan und blickte ihr bewundernd tief in die Augen.

Die langen Wimpern flatterten leicht. Es war, als fiele ein Schatten auf ihr Gesicht.

„Nun, so weit wird es vielleicht gar nicht kommen. Doch die Höflichkeit gebietet es uns, den Besuch zu erwidern“, sagte sie plötzlich kühler. Danach lächelte sie ihn wieder an, und Morgan fragte sich verwirrt, ob er ihre Worte richtig verstanden hatte. Das klang ja so, als hätte sich Isabella noch gar nicht zur Heirat entschlossen! Er überlegte, wie er eine diesbezügliche Frage stellen konnte, ohne unschicklich zu sein, doch es war, als hätte Isabella seine Gedanken erraten.

„Mein Herz hat sich noch nicht entschieden“, sagte sie leise, und ihr Blick tauchte tief in seinen. Dann nahmen ihre sanft gebräunten Wangen einen leicht rötlichen Schimmer an, und sie senkte den Kopf. Sie wandte sich ab und schritt zu ihrem Vater. Sie war recht groß und schlank, und ihr Gang war anmutig, beschwingt und doch irgendwie hoheitsvoll, und ihre Hüften schwangen leicht unter der Surcotte aus dunkelroter Seide.

Sie sprach mit ihrem Vater.

Morgan kam sich im Augenblick überflüssig vor. Er lauschte dem melodischen Klang von Isabellas Stimme, und er glaubte noch einen Hauch ihres Duftes wahrzunehmen. Er hörte ein paarmal das Wort Hidalgo und einmal auch seinen Namen, und er sah, wie die anderen jedes Mal die Köpfe wandten und ihn anstarrten, als sei er aus einer anderen Welt.

Schließlich erhob sich Alfons von Cordoba. Er war ein kleiner, schlanker Mann Anfang fünfzig. Er trug einen schwarzen Waffenrock mit kostbarer Bortenweberei. Sein markantes Gesicht war gebräunt, doch jetzt wirkte es leicht fahl. Seine Züge hatten etwas Hochmütiges, doch dieser Eindruck verlor sich, als er herzlich lächelte und Morgan die Hand hinstreckte.

„Danke“, sagte er schlicht und sah Morgan fest in die Augen. Nur dieses eine Wort, doch Morgan wusste, dass es aus vollem Herzen kam.

„Ich bitte Euch, mein Gast zu sein“, sagte Alfons von Cordoba mit festem Händedruck.

Diese Einladung nahm Morgan nur zu gerne an.

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4.

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Ich werd’ verrückt“, sagte Cynan und zügelte sein Pferd. „Hui, diese Spanier werden mir immer sympathischer.“

Auch Rhodri blickte fasziniert zu der Lichtung hin. Er vergaß sogar sein schmerzendes Hinterteil und seinen Groll darüber, dass ihnen die Räuber entkommen waren.

Sie waren ihnen nahe auf den Fersen gewesen, doch die hereinbrechende Dunkelheit war zum Verbündeten dieser Lumpen geworden. Cynan hatte ganz recht: Die Mächte der Finsternis halten eben immer zusammen. Und dieser Hundsfott von Bogenschütze!, dachte Rhodri. Er und Cynan hatten gerade überlegt, ob sie die Verfolgung fortsetzen oder aufgeben sollten, denn die Räuber waren in einen Wald geritten, und wo hätten sie da im Dunkeln suchen sollen? Da war ein Pfeil vom Waldrand herangezischt und hatte Rhodri nur ganz knapp verfehlt.

„Ist das aufregend!“, sagte Rhodri beinahe andächtig und blickte zu dem Mädchen hin, das zum Klang einer Gitarre und irgendeinem rhythmischen Klappern im Schein des Lagerfeuers tanzte.

„Ist die aufregend“, korrigierte Cynan grinsend und beobachtete den feurigen Tanz der Spanierin.

„Das muss die Dienerin sein“, murmelte Rhodri. „Die ist ja fast noch schöner als ihre Herrin.“

„Lass das nicht den Ritter hören“, brummte Cynan. „Das könnte ihn ärgern.“

„Was?“ Rhodri löste kurz den Blick von der Spanierin, die in ihrer grünen Surcotte tanzte, voller Anmut und stolzer Grazie. „Sag nur, Morgan hätte was mit Isabella im Sinn?“

Cynan zuckte mit den breiten Schultern. „Natürlich nicht. Sie ist schließlich einem anderen versprochen. Immerhin sah ich, wie er sie im Arme hielt, und wenn du mich fragst, so weiß ich nicht, wer wen mehr angeschmachtet hat – er sie oder sie ihn.“

„Deshalb war er so schroff zu mir!“, murmelte Rhodri. „Ich wunderte mich schon, weshalb er mich so anfuhr und sofort wegscheuchte, bevor ich mir die Spanier mal richtig aus der Nähe ansehen konnte! Er wollte nicht gestört werden!“

Cynan grinste. Er kannte den wahren Grund, verriet Rhodri aber nichts davon.

„Wenn du mich fragst“, sagte er, „so hätte der mickrige Ayan gegen Morgan bei Isabella keine Chance. Aber so ist das nun mal, wo die Liebe hinfällt.“

„Die von deren Stande heiraten doch meistens nur wegen des Geldes“, murmelte Rhodri. „Ich würde die Dienerin da ohne einen einzigen Silberling nehmen.“ Gebannt schaute er wieder zu der Tänzerin.

„Sag nur, du willst heiraten?“, brummte Cynan überrascht.

„Das nicht gerade“, schwächte Rhodri versonnen ab.

„Mann, hat die ein Feuer“, murmelte Rhodri begeistert.

„Möchte wissen, wie sie dieses Klappern zustande bringt, wenn sie so graziös mit den Händen wirbelt“, antwortete Cynan.

„Das sind Kastagnetten“, sagte Rhodri.

„Was – Kastanien?“, fragte Cynan verblüfft. Er wusste nicht viel über Spanien, genauer gesagt, diese Spanier waren die Ersten, die er leibhaftig gesehen hatte.

„Kastagnetten“, wiederholte Rhodri. „Das sind zwei hölzerne Klappern, die beim Tanz gegeneinander geschlagen werden. Die soll es auch in Italien geben.“

„Du kennst dich aber aus“, sagte sein Kamerad mit einer Spur von Anerkennung. „Lass uns diesen Anblick noch etwas genießen!“

„Manchmal hast du gute Ideen“, stimmte Rhodri zu und stieg vom Pferd. „Oh, tut mir der Hintern weh“, stöhnte er dabei.

Auch Cynan saß ab. Sie banden die Zügel an Baumstämme.

Doch die beiden hatten nicht auf ihre unmittelbare Umgebung geachtet.

Das erkannte Rhodri einen Augenblick später, als sich etwas in seinen Rücken bohrte, was unzweifelhaft eine Schwert- oder Messerklinge war, und eine scharfe Stimme etwas in seinen Nacken zischte, was Rhodri nicht verstand, was aber äußerst drohend klang.

Rhodri erstarrte.

Im nächsten Augenblick zuckte er zusammen, denn etwas ratschte über sein Kettenhemd hinauf und streifte ihn am Hals und am Ohr. Eine Schwertklinge! Rhodri erschrak bis ins Mark. Der Kerl will mir die Kehle durchschneiden! durchfuhr es ihn.

Gleich darauf hörte er einen dumpfen Aufprall und einen überraschten Schrei und Rhodri erkannte, dass sein Kopf noch auf den Schultern war und dass auch die Kehle nicht fehlte.

Er wirbelte herum und sah den Umriss einer Gestalt im Dunkel. Die Gestalt schwankte, und im nächsten Augenblick zischte etwas dicht an Rhodri vorbei und knallte gegen die Gestalt. Der Schrei verstummte, und die Gestalt fiel auf den Waldboden und blieb steif liegen.

Rhodri atmete auf. Cynan hatte den Burschen mit einem Fausthieb niedergestreckt.

Jetzt rieb sich Cynan die Handknöchel. „Alles klar, Rhodri? Hab’ den Kerl gerade noch rechtzeitig gesehen, als er sich mit gezücktem Schwert an dich heranschlich. Er konnte mich nicht sehen, weil mich mein Gaul und der Baumstamm verdeckten. Musste nur noch mal nachfassen, um ihn richtig zu erwischen.“

Rhodri wischte sich über den Hals und spürte etwas Feuchtes, Klebriges. Die Schwertklinge musste seine Haut aufgerissen haben, als der Kerl, von Cynans erstem Hieb getroffen, zur Seite getaumelt war und dabei das Schwert unfreiwillig hochgerissen hatte. Rhodri tastete mit bösen Ahnungen zu seinem Ohr. Es war noch da.

„Danke“, sagte Rhodri. „Alle Wetter, hat mich der Kerl überrascht! Und ich wusste gar nicht, was er mir da auf Spanisch zu zischte.“

„Spanisch?“, fragte Cynan verblüfft.

„Ja.“

„Oh Gott, da schwant mir Unheil“, murmelte Cynan und warf einen Blick zum Feuer auf der Lichtung.

Erst jetzt fiel ihm auf, dass die Musik verstummt war. Die Spanierin hatte mit ihrem Tanz abrupt aufgehört. Wie eine schöne Statue stand sie dort, hatte eine Hand noch erhoben, und der Schein der Flammen zuckte über ihre Gestalt.

Alle anderen am Feuer hatten die Köpfe gewandt und blickten zum Waldrand. Sie hatten den Schrei vernommen.

„Wieso?“, fragte Rhodri. Dann kapierte er. „Du meinst, es könnte einer von den Spaniern sein?“

Cynan nickte grimmig. Er sah, wie zwei Männer beim Feuer aufsprangen und ihre Schwerter zückten.

„Morgan, wir sind’s!“, brüllte Cynan.

Er sah, wie Morgan sich zu Isabella neigte, die neben ihm saß, und kurz mit ihr sprach. Isabella rief etwas auf Spanisch, und die Männer der Eskorte kehrten zum Feuer zurück. Sie hatten alle die unbequemen Kettenhemden abgelegt, was die Soldaten für dumm hielten, denn gerade des Nachts war die Gefahr, von Räubern überfallen zu werden, am größten. Vielleicht waren die Spanier so naiv, anzunehmen, in Cornwall gebe es nur diese eine Bande.

Cynan schritt zu dem Bewusstlosen und warf ihn sich über die Schulter. Dann ging er mit Rhodri zum Lager.

Betroffen schauten ihnen die Spanier entgegen.

„Sag du dem Ritter, was passiert ist“, flüsterte Cynan seinem Freund zu. „Und denk daran, Angriff ist die beste Verteidigung. Du brauchst kein Blatt vor den Mund zu nehmen, denn die Spanier verstehen deine Flüche nicht.“ Er hoffte, Rhodri genügend angestachelt zu haben und verbarg ein Grinsen.

Ritter Morgan erhob sich am Feuer und trat ihnen entgegen.

„Was ist passiert?“, fragte er.

Rhodri sagte es ihm. Und er beherzigte Cynans schlitzohrigen Rat und zog vom Leder, dass mancher Schweinehirt errötet wäre. Nach einigen saftigen Flüchen sagte er: „Dieses dreimal verdammte Warzenschwein“, er nickte zu dem Spanier hin, den Cynan ablegte, „hat mich hinterrücks mit dem Schwerte bedroht, und deshalb hatte Cynan keine andere Wahl, als ihm auszuschalten.“ Er fügte hinzu, das müsse der Ritter doch verstehen und Cynan verzeihen.

Morgan verstand und verzieh. Er konnte sich ein Lächeln nicht ganz verkneifen.

„Wir konnten wirklich nicht wissen, dass der Kacker zu unseren Leuten gehört“, fügte Rhodri hinzu, ohne Cynans breites Grinsen zu bemerken.

Isabella erhob sich geschmeidig am Feuer. „Nein, das konntet Ihr nicht wissen“, sagte sie mit leichtem Dialekt, „dass dieses dreimal verdammte Warzenschwein unser Hofmeister und Chef des Schutztrupps Carlo Hernandez ist, der auf Wache um das Lager streifte.“

Sie lächelte amüsiert, als Rhodri den Mund aufsperrte und sie entgeistert anstarrte.

„Verzeiht dem Armen“, fügte sie mit einem Blick zu Carlo Hernandez hinzu, der sich gerade regte und sein Kinn betastete. „Der Kacker hätte Euch wirklich nicht mit dem Schwerte bedrohen sollen.“

„Verzeihung – ich wusste nicht ...“, stammelte Rhodri und blickte wütend zu Cynan hin und dann hilfesuchend zu Morgan. Morgan lächelte, und Cynan grinste breit. Er streckte dem Spanier hilfreich die Hand hin und zog ihn auf die Füße.

„Komm schon, mein Junge. Wenn ich gewusst hätte, dass du zu ihnen gehörst, hätte ich bestimmt nicht so fest zugeschlagen.“

Der Spanier verstand nicht. Er stieß eine Serie spanischer Worte aus, die verdächtig nach Flüchen klangen, und dabei rollte er wild mit den Augen, und seine Gesten deuteten an, was er mit dem Hombre anstellen würde, der ihn im Wald niedergeschlagen hatte.

Isabella unterbrach ihn. Sie klärte ihn kurz auf. Da wurde Carlo stumm. Er fasste den Soldaten des Sheriffs ins Auge und starrte ihn finster an. Cynan lächelte versöhnlich, doch das wirkte nicht so sehr. Wenn Blicke töten könnten, wäre er auf der Stelle tot umgefallen. Wahre Giftflammen loderten ihm aus den schwarzen Augen des Spaniers entgegen.

Isabella versuchte, die Wogen zu glätten. Sie sprach offenbar besänftigend auf den Spanier ein. Daraufhin schickte Carlo zwei seiner Männer auf Wache aus und ging zum Feuer, um einen Schluck Rotwein aus dem bauchigen Krug einzuschenken, der dort im Gras stand.

Morgan zog seine Begleiter zur Seite. Kein Wort des Tadels kam über seine Lippen, wie der beschämte Rhodri erwartet hatte. Cynan berichtete, dass ihnen die Räuber entkommen waren.

Isabella hatte derweil ihrem Diener einige Anweisungen gegeben. Doch es war die Dienerin, die dann den beiden Soldaten Wein brachte.

Morgan stellte die beiden Waffenknechte vor, und Isabella übersetzte.

Aus der Nähe betrachtet, wurde für Cynan und Rhodri der Unterschied zwischen den beiden Frauen deutlicher; Morgan hatte sie ja schon genau ansehen können. Die Dienerin war jünger, vielleicht zwanzig, während Isabella um vier, fünf Jahre reifer war. Beide Frauen waren schön, doch von unterschiedlichem Reiz. Die Dienerin hatte etwas graziös Puppenhaftes, dabei wirkte sie scheu und sanft. Isabella dagegen war von stolzer Anmut und Selbstsicherheit.

Die Dienerin hieß Calvina, wie Morgan und die Knappen erfuhren. Calvina war einen Kopf kleiner als Isabella.

Dann gab es plötzlich einen Zwischenfall. Es ging alles ziemlich schnell, sodass hinterher niemand genau zu sagen wusste, wie es eigentlich geschehen war. Vermutlich lag es an Sprachschwierigkeiten. Jedenfalls tauchte vor dem auf Wein wartenden Cynan der zornige kleine Spanier auf. Er überschwappte den Soldat förmlich mit einer Woge von gefährlich klingenden Worten, stieß ihm vor die Brust, tippte sich genauso hektisch, doch etwas leichter selbst gegen die Brust und zückte sein Schwert. Cynan fühlte sich bedroht und machte sich ebenfalls kampfbereit.

Isabella erklärte jetzt Morgan und den Soldaten das Missverständnis. Carlo hatte Cynan keineswegs angreifen, sondern ihn – wenn auch vor Zorn kochend – in aller Form zum Duell auffordern wollen. Sein Stolz war nach der Niederlage im Wald verletzt, und er wollte Genugtuung, als plötzlich aus dem geschlossenen Kastenwagen ein langgezogenes Brüllen erklang.

„Was ist das?“, wandte Rhodri sich in der allgemeinen Aufregung an Calvina und wies zum Wagen. Die Dienerin stand auf und machte ihm ein Zeichen, mit zu dem Wagen zu kommen.

Diese Ablenkung nutzte Isabella, um die Wogen etwas zu glätten. Als alles geklärt war, verlangte sie, dass Carlo und Cynan sich die Hände reichen und einen Versöhnungsschluck trinken sollten. Carlo reichte ihm zwar die Hand, und er trank mit Cynan. Doch er bestand auf einem Duell.

Morgan und Isabella vermittelten, doch sie erreichten nur einen Aufschub. Beide waren finster entschlossen, das Duell auszutragen. Alle Verhandlungen und auch die vielen Becher Wein, die dabei geleert wurden, nutzten nichts.

So ging es nur noch um die Frage des Termins. Indessen stand Rhodri mit Calvina im Schatten bei der unförmigen Kastenkutsche, und sie erklärte ihm sehr lebhaft das Geschehen, und schloss schließlich:

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738919325
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v419704
Schlagworte
schwert schild morgan löwenritter band braut

Autoren

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Titel: Schwert und Schild – Sir Morgan, der Löwenritter Band 6: Die spanische Braut