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Heimat-Roman Sonder-Edition: Das blonde Gift vom Wirtshaus

2018 120 Seiten

Leseprobe

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Das blonde Gift vom Wirtshaus

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Bergroman von Alfred Bekker

Der Umfang dieses Buchs entspricht 84 Taschenbuchseiten.

Peter Krönacher hat sich Hals über Kopf in die bildhübsche Marianne Sendlinger verliebt, die seit einiger Zeit in der GOLDENEN GAMS arbeitet. Aber das junge Dirndl lässt nichts anbrennen. Ganz zum Leidwesen von Peter Krönacher, der die Marianne lieber heute als morgen vor den Altar geführt hätte...

COVER: Alfred Hofer123rf

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

Diese Ausgabe erschien in Arrangement mit der Edition Bärenklau Jörg Munsonius.

© by Author  Cover: 123rf Alfred Hofer

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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1

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Peter Krönacher atmete tief durch und blickte den Hang hinab. Die Gruppe von Bergtouristen, mit der er den ganzen Tag unterwegs gewesen war, folgte ihm.

"Mei, einen Durst hab ich nach der ganzen Kletterei!", meinte ein etwas dicklicher Geschäftsmann aus der Stadt, der mit seiner Frau diese Tour mitgemacht hatte.

Der junge Bergführer Peter Krönacher deutete mit ausgestreckter Hand ins Tal hinab. Auf halben Weg zu dem kleinen Dorf, dessen Häuser sich um um einen Kirchturm scharten, war ein schmuckes Wirtshaus zu sehen.

"Das ist das Wirtshaus zur 'GOLDENEN GAMS'", erklärte Peter. "Soweit ich das beurteilen kann, gibt es dort den besten Rotwein im weiten Umkreis!"

"Ich bin im Moment net gerade wählerisch", gestand der Geschäftsmann. "In diesem Augenblick wäre mir wohl alles recht!"

Und seine Frau ergänzte: "Eine zünftige Brotzeit, das wär's jetzt!"

Aus insgesamt zehn Personen bestand die Gruppe, mit der der Krönacher-Peter am Morgen losgezogen war.

Die Aussicht, in ein Wirtshaus einziehen zu können, beflügelte die Teilnehmer der Bergtour. Die bleierne Müdigkeit, die sich noch wenige Augenblicke zuvor über die Gruppe gelegt hatte, war von den meisten auf einmal abgefallen.

Und so brauchten sie nicht allzu lang, bis sie endlich die GOLDENE GAMS erreicht hatten.

Sie betraten gut gelaunt den Schankraum und setzten sich an die rustikalen Holztische.

An den Wänden hingen stilechte Brandmalereien von Kunsthandwerkern aus dem Tal. Und wenn man durch das Fenster blickte, so konnte man das beeindruckende Panorama der Bergwelt sehen, die hohen, vom Hochwald umkränzten Gipfel und steilen Hänge.

"Mei, das war schon ein außergewöhnliches Erlebnis", wandte sich einer der Teilnehmer mit Dankbarkeit an den jungen Bergführer.

"Schön, wenn es Ihnen gefallen hat", erwiderte Peter Krönacher freundlich.

"Mit Ihnen würde ich jederzeit wieder auf Tour gehen, Herr Krönacher!"

"Mei, ich hätte nix dagegen", meinte der Peter.

Aber er hatte kaum ein Ohr für den Mann, der sich jetzt seine Jacke auszog, sie an den Haken hängte und sich dann zu den anderen an den Tisch setzte.

Die Augen vom Peter hingen die ganze Zeit über an dem wunderschönen, blitzsauberen Madel, das hier in der GOLDENEN GAMS bediente.

Ein schickes Dirndl trug sie und das blonde Haar hatte sie zu einem Zopf nach hinten gebunden. Ihr Gesicht war feingeschnitten und das Blitzen in ihren Augen machte die gesamte männliche Bevölkerung des Tals ganz narrisch, auch wenn zumindest der verheiratete Teil das nie und nimmer zugegeben hätte.

Es war die Marianne Sendlinger. Das bildhübsche Madel arbeitete seit einiger Zeit hier in der GOLDENEN GAMS. Und seit der Niedermayer-Xaver, dem das Lokal gehörte, gesundheitlich so angeschlagen war, war sie fast so etwas wie eine Geschäftsführerin.

Der Peter seufzte still, als er die Marianne so ansah.

Mei, ich hab mich halt bis über beide Ohren in das Madel verliebt, war dem jungen Mann klar.

Aber das junge Dirndl ließ nichts anbrennen. Ganz zum Leidwesen von Peter Krönacher, der die Marianne lieber heute als morgen vor den Altar geführt hätte...

Die anderen Teilnehmer der Bergtour forderten den Peter lautstark auf, sich zu ihnen zu setzen, aber der junge Mann hatte zunächst anderes im Sinn.

Er wartete ab, bis die Marianne sich um sie gekümmert und ihre Bestellungen aufgenommen hatte.

Als sie dann an ihm vorbei kam, sprach er sie an.

"Hallo, Marianne!"

"Grüß dich, Peter! Alles gut gegangen auf deiner Bergtour?"

"Gewiss!"

Das Madel lachte und dabei blitzten ihre strahlend weißen Zähne. Ihr Lächeln war bezaubernd.

"Die Leut', mit denen du aus den Bergen zurückkommst, sind immer besonders hungrig!", stellte sie dann fest. "Aber das ist nur gut fürs Geschäft!Und ein stattliches Trinkgeld wird sicher auch diesmal herausspringen. Da bin ich mir eigentlich ziemlich sicher!"

Der Peter erwiderte ihr Lächeln.

"Da siehst, wie ich zu bin, Marianne! Ich bringe die ganzen hungrigen Bergsteiger zu dir!"

Die Marianne lachte.

"Mei, ein Kunststück ist das! Wo es doch nur ein einziges Wirtshaus in weitem Umkreis gibt - und das ist eben die GOLDENE GAMS!"

Jetzt wollte die Marianne weiter, aber der Peter hielt sie am Arm. "Marianne...", kam es in gedämpftem Tonfall über seine Lippen.

Er musste schlucken.

Und plötzlich wusste er auch gar nicht mehr so recht, was er ihr eigentlich hatte sagen wollen. Sein Kopf schien mit einem mal völlig leer.

Marianne sah ihn auf eine Art und Weise an, die ihm nicht gefiel. Etwas mitleidig eben.

"Mei, wa ist denn Peter?", fragte sie, während die Bergtouristen am Tisch schon zu gucken anfingen, was denn da vor sich ging.

"Ich dachte, du hättest es dir vielleicht noch einmal überlegt. Ich wäre keine schlechte Partie, Marianne! Du weißt, dass ich einmal die Sägemühle meines Vaters übernehmen werde..."

"Gewiss...", unterbrach das Madel, dad diese Unterhaltung eigentlich nicht weiter fortsetzen wollte. Sie konnte sich nämlich schon denken, was jetzt kam. "Du bist sicher ein netter, rechtschaffener Bursche, Peter. Und ich hab dich auch sehr gern. Aber will einfach noch net soweit denken, in nächster Zeit mit jemanden vor den Altar zu treten."

"Ist das dein letztes Wörtl?"

"Im Moment schon, Peter. Und jetzt muss ich wirklich weiter. Man schaut schon zu uns herüber..."

Der Peter ließ sie los. Er erkannte, dass er sich hier und jetzt nur lächerlich machen würde.

Mei, eigentlich hast doch nix anderes erwarten können, ging es ihm ärgerlich durch den Kopf. Das ganze Tal ist schließlich in das Dirndl verliebt! Warum sollte sie gerade mich nehmen?

Der junge Bergführer sah der Marianne nach, die inzwischen in der Küche verschwand.

Dann setzte Peter Krönacher sich zu den Bergtouristen an den Tisch.

Ein Glas Rotwein, das würde auch ihm guttun. Und dazu eine zünftige Brotzeit. Schließlich war die Bergtour - so sehr er auch daran gewöhnt war - auch an ihm nicht spurlos vorbeigegangen.

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2

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Es war schon nach Mitternacht, als die letzten Gäste die GOLDENE GAMS verlassen hatten. Marianne Sendlinger bewohnte eine Kammer im Dachgeschoss des Hauses. Ihre Eltern waren früh verstorben und so war das Dirndl ganz auf sich allein gestellt.

Nachdem die letzten Gäste gegangen waren und die Marianne ihre Abrechnung in Ordnung gebracht hatte, ging sie dann die Treppe hinauf. Die Füße taten ihr weh und sie war hundemüde.

Es war ein anstrengender Tag gewesen. Das Geschäft ging zwar gut und die Trinkgelder waren in Strömen geflossen, aber jetzt fühlte Marianne sich völlig zerschlagen. Sie gähnte in der Gewissheit, von niemandem beobachtet zu werden.

"Marianne", wisperte eine Stimme, als sie den ersten Treppenabsatz erreicht hatte.

Es war die alte Sepha, die der Xaver Niedermayer als seine Pflegerin in die GOLDENE GAMS geholt hatte, seit es ihm so schlecht ging und er krank darnieder lag.

Früher war die Sepha Magd auf einem der großen Höfe in der Umgebung gewesen. Mit dem Niedermayer war sie sehr weitläufig verwandt.

"Mei, du hast mich aber erschreckt", sagte Marianne und atmete dann erst einmal tief durch. "Was ist denn los? Du bist so spät noch auf?"

Das Gesicht der alten Sepha war sehr ernst.

So ernst, dass die Marianne unwillkürlich zusammenzuckte.

Das Madel spürte, dass irgend etwas nicht in Ordnung war...

"Etwas Furchtbares ist geschehen, Marianne", brachte die alte Sepha dann stockend heraus.

Sie fasste Marianne bei der Schulter.

"Was?", flüsterte das Madel, obgleich sie es bereits ahnte

"Der Xaver..."

"Soll ich den Arzt rufen?"

Die Sepha schüttelte traurig den Kopf.

"Na, das hat keinen Sinn mehr. Der Xaver ist tot, Marianne."

Marianne fühlte sich wie vor den Kopf geschlagen. "Na, das darf doch net wahr sein...", kam es flüsternd über ihre Lippen. Sie hatte sich dem Niedermayer sehr verbunden gefühlt, denn schließlich hatte der ihr hier eine Stelle gegeben, als sie dringend darauf angewiesen war.

Ein gütiger Mensch mit einem freundlichen Gemüt, so war der Wirt der GOLDENEN GAMS immer gewesen. Und jetzt lebte er nicht mehr...

Marianne mochte es noch gar nicht so recht glauben.

"Wir müssen uns mit den Tatsachen abfinden", hörte das Madel indessen die alte Sepha sagen. "So schwer das auch fallen mag..."

"Ach, Sepha!"

"Für dich wird sich erstmal nix ändern Kind."

Die Marianne sah die alte Frau erstaunt an. "Heißt das auch, dass..."

"Dass die GOLDENE GAMS morgen wie an jedem anderen Tag geöffnet haben wird, ja. Das war sein ausdrücklicher Wille."

Marianne zuckte die Schultern.

"Gut, wenn du es sagst!" Nach kurzer Pause setzte Marianne dann noch hinzu: "Es muss trotzdem ein Arzt gerufen werden. Selbst, wenn er nur noch den Tod feststellen kann!"

Der Blick der alten Sepha war auf einmal etwas abweisend.

Ihre funkelnden Augen blickten das junge Madel ein paar Augenblicke lang durchdringend an. Dann, nachdem die alte Frau eine Zeitlang überlegt zu haben schien, nickte sie schließlich.

"Mei, du hast vielleicht recht", murmelte sie. "Ja, früher in den alten Zeiten, ist das alles halt ein bisserl anders gewesen...."

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3

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Es war ein sonniger Tag, aber trotz allem hatte der Krönacher-Peter heute keine Touristengruppe, die er in die Berge führen musste. Und so half er seinem Vater, dem Sägemüller in der Säügemühle.

Bis zum Mittag war das laute Kreischen der Säge weithin über das Tal zu hören. Dann kam die Frau des Sägemüllers, um die beiden Männer zu einer Brotzeit zu rufen.

"Ich hab keinen Hunger", brummte der Peter.

"Mei, was ist denn los mit dir? Was machst so ein missmutiges Gesicht?" Die Krönacherin runzelte die Stirn. So kannte sie ihren Jungen gar nicht.

"Es ist nix", behauptete der Peter. Aber das Gesicht, das er machte strafte ihn lügen.

"Komm schon", sagte sein Vater. "Etwas essen musst du schon! Schließlich kann man net mit leerem Magen schwere Arbeit verrichten!"

Auch dem Sägemüller war nicht entgangen, dass sein Sohn an diesem Morgen ungewöhnlich wortkarg gewesen war. Irgendein Kummer schien ihn zu bedrücken.

Aber der Krönacher kannte seinen Sohn gut genug, um zu wissen, dass er nicht versuchen durfte, weiter in ihn zu dringen. Sonst würde er sich nur noch mehr verschließen.

"Er wird uns schon sagen, was los ist, wenn er meint, dass es an der Zeit ist", war der Krönacher überzeugt und blickte seine Frau zuversichtlich an.

Die Frau des Sägemüllers wollte etwas erwidern, aber dann ließen ein paar schnelle Schritte alle drei in Richtung des Wohnhauses blicken, das von der Sägemühle nur ein paar Dutzend Meter entfernt war.

Es war Claudia, die Tochter des Dörfner-Bauern, dessen Besitz ganz in der Nähe lag und einer der größten in der Gegend war.

Ein hübsches Madel war die Claudia.

Das braune Haar fiel ihr lang über die Schultern und ihr feingeschnittenes Gesicht strahlte viel Freundlichkeit und Heiterkeit aus.

Freundlich begrüßte Claudia die Krönachers. Sie war gekommen, um die Rechnung ihres Vaters zu bezahlen, für den der Krönacher eine Fuhre Holz zersägt hatte. Der Sägemüller nahm da Geld, das Claudia ihm reichte und steckte es in die Tasche.

"Mei, wenn nur alle so pünktlich ihre Rechnungen zahlen würden wie ihr das tut", meinte der Krönacher.

Und dann hatte das Madel auch noch eine Neuigkeit zu berichten.

"Habt ihr schon gehört, was passiert ist?", fragte sie.

"Na, nix haben wir gehört", erwiderte die Krönacherin, die unwillkürlich etwas den Hals reckte.

"Der Niedermayer-Xaver ist tot!"

"Der Wirt der GOLDENEN GAMS?", fragte Krönacherin überflüssigerweise und ihrem Mann entfuhr ein unwillkürliches: "Jesses, das hat ja kommen müssen..."

Die Claudia seufzte indessen. "Mei, lang ist er ja schon krank gewesen. Und auf seinen Arzt hat er wohl auch nie gehört..."

"Und wie geht es jetzt mit dem Wirtshaus weiter?", meldete sich plötzlich der Peter zu Wort. Denn seine Gedanken waren nicht nur bei dem Toten, den er gut gekannt hatte. Er dachte auch an die Marianne.

Die Claudia, die insgeheim immer für den Peter geschwärmt und ihre Hoffnungen nie ganz aufgegeben hatte, wusste sofort, weshalb Peter sich danach erkundigte. Ihre Stirn umwölkte sich.

"Das ist noch net raus", sagte sie. Und dann setzte sie noch mit einem etwas bitteren Unterton hinzu: "Aber du kannst ja die Marianne fragen. Die wird sicher mehr wissen!"

"Das werde ich auch", murmelte Peter und ging sogleich davon.

Die Krönacherin seufzte. "Ob das was mit der Marianne zu tun hat, dass unser Junge so schlechte Laune hat?"

"Mei, mir gefällt das net, dass der Peter dem Madel noch immer hinterherläuft, obwohl sie doch ganz offensichtlich nix Ernsthaftes mit ihm anfangen wollte." Der Sägemüller zuckte die breiten Schultern. "Kruzifix nochmal, ich hab gedacht, dass diese Sach längst vorbei wäre! Aber da habe ich mich wohl getäuscht!" Dann wandte sich die Frau des Sägemüllers an Claudia Dörfner. "Mei, wir wollten gerade eine Brotzeit nehmen! Hast net auch ein bisserl Hunger?"

Aber das Madel, das auf einmal ziemlich traurig wirkte, schüttelte den Kopf.

"Na, vielen Dank, aber ich muss gleich wieder zurück. Ich hab noch viel zu besorgen."

Als sie davonging, sahen der alte Krönacher und seine Frau ihr nach und der Sägemüller raunte: "Ich versteh den Jungen net! Läuft dieser Marianne nach, anstatt einmal die Augen aufzumachen! Die Claudia, das wär' schon eine Schwiegertochter nach meinem Geschmack!"

"Mei, der Junge wird schon noch zur Besinnung kommen", war indessen die Krönacherin zuversichtlich.

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In der GOLDENEN GAMS war um diese Zeit kein Mensch. Nur die Marianne stand am Fenster und sah nachdenklich hinaus. Sie drehte sich herum, als sie hinter sich jemanden durch die Tür kommen hörte.

"Mei, Peter!", stieß sie hervor.

"Marianne!"

Das Madel hob die Schultern. "Heut ist net gerade viel Betrieb in der GOLDENEN GAMS", meinte sie.

Der Peter trat auf sie zu und sah sie an. Aber der Blick ihrer hellblauen Augen wich dem seinen aus.

"Ich hab gehört, was mit dem Wirt passiert ist", brachte er dann heraus. "Und ich wollte dir eigentlich nur nochmal sagen, dass mein Angebot immer noch gilt! Du kannst zu uns auf die Sägemühle kommen..."

"...und mit dir vor den Altar treten!", vollendete die Marianne und schüttelte dann energisch den Kopf.

Nein, das kam für sie nicht in Frage! Schon gar nicht mit einem Mann, den sie zwar ganz nett fand, für den sie aber keine Liebe oder gar Leidenschaft empfinden konnte.

Der Peter schluckte.

"Kruzifix nochmal, es ist doch das Beste!"

"Geh, Peter! Wann wirst es endlich begreifen? Ich hab's dir doch schon so oft erklärt..."

"Wer wird denn hier alles erben?"

Die Marianne zuckte die Achseln. Das Unbehagen stand ihr im Gesicht geschrieben.

"Das ist noch net heraus", meinte sie, froh, das Gespräch vielleicht auf ein anderes Gebiet lenken zu können. "Die Sepha hofft, dass der Wirt sie bedacht hat. Schließlich stand sie ihm in der letzten Zeit am nächsten und hat ihn gepflegt. Außerdem meint sie, der Niedermayer habe weiter keine Verwandtschaft mehr gehabt..."

"Und wie sieht es mit deiner Zukunft aus?"

"Sie Sepha meint, es solle erst einmal alles so weiterlaufen wie bisher", berichtete das bildhübsche Madel wahrheitsgemäß. "Es wird schon alles gut werden", setzte sie dann noch hinzu.

"Das sagt sich so einfach!"

"Hör mal, Peter! Ach du dir mal um mich keine Sorgen! Ich werd' schon zurechtkommen!"

Der Peter nickte etwas niedergeschlagen. Aber er fühlte sich einfach so sehr zur Marianne hingezogen, dass er nicht anders konnte, als sie immer und immer wieder zu fragen. Auch wenn er die Antwort längst im Vorhinein gewusst hatte.

"Vielleicht überlegst es dir ja noch einmal", meinte er dann.

"Geh, Peter!"

"Bitte, Marianne!"

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Die Tage gingen einer wie der andere ins Land. Der Wirt der GOLDENEN GAMS wurde zu Grabe getragen und da ganze Tal trauerte um den Xaver Niedermayer, der Zeit seines Lebens immer viele Freunde in der Gegend gehabt hatte.

Wer das Lokal indessen erben sollte, blieb nach wie vor offen. So sehr die Sepha auch herumgesucht hatte, ein Testament oder dergleichen war nicht aufgetaucht.

"Es muss eines geben", hörte die Marianne sie einmal zu sich selbst sagen. "Es muss einfach! Es kann doch net sein, dass ich mich hier ganz umsonst geplagt hab!"

Das ließ das junge Madel aufhorchen.

Bisher hatte Marianne immer gedacht, dass die alte Sepha das aus reiner Menschenfreundlichkeit getan hatte. Und zu ihrem Nachteil war es ja auch nicht gewesen, schließlich hatte sie in der GOLDENEN GAMS wohnen können, denn in ihrer vorherigen Bleibe hatte sie nicht länger sein können.

Mei, wie man sich doch täuschen kann, dachte die Marianne, als die alte Sepha in den nächsten Tagen ihr hartes Gesicht zeigte.

Sie scheuchte die Marianne umher, meckerte an allem herum, redete ihr in alles herein und war mit nichts von dem zufrieden, was das Madel tat.

Und wenn die Marianne dann etwas erwiderte, bekam sie nur zu hören: "Mei, wenn es dir hier halt net mehr passt, dann such dir halt eine andere Stelle!"

Gereizt und bösartig wurde die Sepha. Die Ungewissheit darüber, was mit dem Erbe des Niedermayers nun geschehen würde, schien die alte Frau ganz narrisch zu machen.

Vielleicht liegt es daran, dass sie mit der neuen Lage einfach nicht fertig wird, versuchte die Marianne das ungewohnte Verhalten zu entschuldigen.

Aber es fiel dem Dirndl immer schwerer, Verständnis für das Verhalten der Älteren aufzubringen.

Insgeheim überlegte sie schon, ob es nicht vielleicht wirklich das Beste war, sich etwas anderes zu suchen.

Ein paar Tage später tauchte dann ein junger Mann in der GOLDENEN GAMS auf, der sich unter dem Namen Raimund Wiesner in das Gästebuch eintrug.

Er hatte helles Haar und ein freundliches Lächeln um die Lippen.

Mei, dachte die Marianne. Ein Stadtbursche halt. Keiner nach ihrem Geschmack, so hatte sie schon auf den ersten Blick für sich entschieden.

"Wollen Sie für länger hier Urlaub machen?", fragte das Madel den Wiesner-Raimund, um etwas Konversation zu machen.

Raimund nickte.

"Ja, ich denke schon."

"Es gibt hier in der Nähe einen guten Bergführer, den ich Ihnen nur empfehlen kann - falls Sie ein Kletterer sind!"

Der Wiesner-Raimund lächelte.

"Ich bin ein Kletterer", gab er zu. Das war allerdings für die Marianne auch nicht schwer zu erraten gewesen, schließlich hatte das Madel einen Blick auf das Gepäck geworfen, das der junge Mann mit sich führte.

Und die Kletterschuhe, die er am Griff seiner Tasche festgebunden hatte, ließen kaum einen Zweifel zu.

"Dann gehen Sie am besten zum Krönacher-Peter. Das ist wirklich ein guter Bergführer. Auch für fortgeschrittene Ansprüche..."

"Danke", sagte der Fremde. "Aber sei doch net so förmlich, Madel! Wir sind doch in einem Alter! Ich bin der Raimund!"

Aber das ging der Marianne dann doch zu weit. Wenn sie ihm jetzt den kleinen Finger gab, wollte er am Ende gleich die ganze Hand.

"Hier sind Ihre Zimmerschlüssel, Herr Wiesner", sagte Marianne also und gab dem Fremden die Schlüssel.

"Danke", nickte der Fremde. "Mei, wie läuft denn das Geschäft so?"

"Ich weiß net, was das eigentlich Sie interessiert, Her Wiesner", erwiderte die Marianne kühl.

Raimund Wiesner zuckte die Schultern.

"Es interessiert mich halt..."

"Ob Sie es nun glauben oder net, aber ich lass mich net so gerne ausfragen", versetzte das Madel und ließ den etwas verdutzten Wiesner damit einfach stehen.

Dieser zuckte anschließend nur mit den Achseln und schickte sich an, die Treppe hinaufzusteigen, um zu seinem Zimmer zu gelangen.

Ein einfaches Zimmer war es, aber nett hergerichtet. Der Wiesner war zufrieden.

Er setzte sich auf das Bett und atmete tief durch. Der Xaver Niedermayer, dem die GOLDENE GAMS gehört hatte, war sein Onkel gewesen. Allerdings hatte der junge Mann erst recht spät von dem Tod seines Onkels erfahren. Daraufhin war er gleich hier geeilt.

Schließlich war er wohl der einzige Verwandte, den der Niedermayer gehabt hatte, auch wenn der Kontakt zwischen den beiden schon vor Jahren abgerissen war.

Also würde die GOLDENE GAMS wohl an ihn fallen.

Er hatte nicht die geringste Ahnung, wie man ein Wirtshaus mit Hotelbetrieb zu führen hatte. Für ein paar Jahre war er in der Welt herumgezogen und hatte dabei auch in Hotels gearbeitet. Als Tellerwäscher oder Gepäckträger zumeist. Nie hätte er auch nur zu träumen gewagt, dass ihm eines Tages mal ein solcher Betrieb gehören sollte. Und er wusste auch noch nicht so recht, was er mit der GOLDENEN GAMS am Ende wirklich anfangen sollte.

Vielleicht war es das beste, das Wirtshaus einfach meistbietend an jemanden zu verkaufen, der Ahnung von diesem Gewerbe hatte!, dachte der Wiesner bei sich.

Zumindest wollte der junge Mann sich erst einmal etwas umschauen, bevor er sich als der Erbe des Niedermayers zu erkennen gab. Denn sobald das jemand im Tal mitbekam, da war der Raimund sich sicher, würde niemand ihm noch unbefangen gegenübertreten.

Mei, ich werde es der Zeit überlassen, was geschieht, entschied Raimund. Ob er nun hier sesshaft werden und der Wirt von der GOLDENEN GAMS werden oder mit einem Batzen Geld, den ein Verkauf bringen konnte, weiterziehen würde...

Ein schönes Wirtshaus ist es ja, ging es dem jungen Mann durch den Kopf. Er stand auf und ging zum Fenster. Sein Blick ging verträumt über das imponierende Bergpanorama. Sie waren schon beeindruckend, die schneebedeckten Gipfel und schroffen Felswände...

Und darüber ein klarer blauer Himmel, von dem die Sonne herabschien.

Aber es war beileibe nicht nur das Wirtshaus, was ihm hier gefiel.

Nein, da war noch etwas anderes, das er nicht vergessen konnte und ihm immer wieder vor dem inneren Auge stand. Und das war die Marianne. Ein bisschen kratzbürstig vielleicht, dachte er. Aber das würde sich mit der Zeit sicher noch ändern.

Sicher, sie hatte dem Raimund erst einmal einen regelrechten Korb gegeben. Aber der junge Mann dachte nicht im Traum daran, so schnell aufzustecken und das Spiel verloren zu geben.

Ein Madel, in das man sich richtig verlieben könnte..., so ging es ihm durch die Gedanken. Das Madel war allerdings auch ein weiterer Grund dafür, sich nicht allzu bald als Erbe des Niedermayer-Xavers zu erkennen zu geben. Nein, dachte Raimund.

Wenn, dann will ich ihr Herz auf ehrliche Weise erringen, ohne damit locken zu müssen, dass ich der Besitzer der GOLDENEN GAMS bin!

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6

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Am nächsten Tag wunderte sich die Marianne, dass der neue Gast nicht zum Frühstück erschienen war. Sie klopfte mehrfach an die Zimmertür, aber Raimund Wiesner gab keine Antwort.

Soll er doch den Tag verschlafen!, dachte die Mariaqnne schließlich. Aber er sollte nicht denken, vielleicht zur Mittagszeit noch Frühstück zu bekommen!

Der Gast war zwar König in der GOLDENEN GAMS, aber das ging dann doch zu weit.

Merkwürdig war, dass auch die Sepha nirgends aufzufinden war. Und so blieb der Sendlinger-Marianne nichts anderes übrig, als alle anfallenden Arbeiten allein zu verrichten.

Seltsam war das schon. Wenn die Sepha ansonsten etwas zu erledigen gehabt hatte, dann hatte sie immer zuvor Bescheid gesagt.

"Hat sie dir net wenigstens ein Wörtel gesagt?", wandte sich das Madel an Jakob Bergener, der schon seit ewigen Zeiten der Koch in der GOLDENEN GAMS war und gerade seine Frühstückspause machte.

Der Bergener-Jakob war ein mittelalter, rundlicher Mann, der wohl so rund geworden war, weil er seine eigenen Mahlzeiten so gerne ausgiebig abschmeckte.

Er wischte sich mit der Hand über die Stirn und schüttelte dann den Kopf.

"Mei, gesagt hat mir die Sepha nix, aber..."

"Aber was?"

Der Bergener seufzte und sah die Marianne einen Moment lang nachdenklich an. "Mei, ich weiß net, ob ich dir das sagen soll!"

"Meinst vielleicht, dass ich net vertrauenswürdig bin?", empörte sich das Madel und stemmte dabei die schlanken Arme wütend in die Hüften.

Der Koch hob abwehrend die Hände.

"Geh, Marianne, wie kannst nur so etwas denken!"

"Dann heraus mit der Sprache, was ist los? Du weißt doch etwas!"

Der Koch druckste noch etwas herum. "Du weißt, dass ich eigentlich nix davon halte, Gespräche zu belauschen. Und ich hab ja auch nur ganz zufällig mitangehört, wie die Sepha telefoniert hat..."

"Worum ging es?", hakte das Dirndl nach. Sie wollte jetzt einfach nicht locker lassen. Hier ging es um irgend etwas Wichtiges, das hatte sie instinktiv im Gespür.

"Mei..."

"Na komm schon, Jakob! Lass mich net so im Regen dastehen!"

"Aber zu niemandem auch nur ein einziges Sterbenswörtl, hast gehört?"

Marianne hob die Hand und deutete einen Schwur an.

"Zu niemandem!", erklärte sie feierlich.

Der Koch atmete tief durch und kratzte sich nachdenklich am Kinn. Dann berichtete er: "Also, alles hab ich auch net mitbekommen, aber sie hat wohl mit dem Anwalt telefoniert, der immer die Interessen des Niedermayers vertreten hat..."

Marianne runzelte die Stirn. Sie ahnte, dass das nur etwas damit zu tun haben konnte, er die GOLDENE GAMS nun erben würde...

"Ist vielleicht doch noch ein Testament aufgetaucht? Dann kommt dieser Anwalt aber ziemlich spät damit heraus, sollte der Niedermayer es bei ihm zur Aufbewahrung gegeben haben..."

Doch der Koch schüttelte den Kopf.

"Na, das glaube ich weniger. Es ging um einen Verwandten des Niedermayers..."

"Ich dachte, er hatte niemanden mehr..."

"Mei, das hat die Sepha wohl auch gedacht und dem Anwalt dann erklärt, über wie viele Ecken sie selbst mit dem Niedermayer verwandt gewesen sei. Aber dieser andere ist wohl enger verwandt gewesen. Ich hab nur gehört, wie die Sepha dann noch schreckensbleich ausrief, dass dieser Mann dann ja jeden Augenblick hier auftauchen könnte, um sein Erbe in Besitz zu nehmen..."

Marianne wirkte auf einmal sehr nachdenklich.

Wenn das der Wahrheit entsprach, veränderte das natürlich alles.

Der Koch zuckte seine breiten Schultern und meinte mit einem aufmunternden Lächeln: "Mei, wir sollte einfach abwarten, was kommt!"

"Ja", nickte Marianne in sich gekehrt. "Etwas anderes wird uns wohl auch gar net übrig bleiben!"

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Es war am frühen Nachmittag, als der Wiesner-Raimund plötzlich im Schankraum der GOLDENEN GAMS auftauchte.

Marianne wunderte sich schon ein bisschen. Schließlich hatte sie den jungen Mann nicht das Haus verlassen sehen.

Und dass er vielleicht schon ganz früh aufgestanden war und auf das Frühstück verzichtet hatte, konnte sie sich nur schwer vorstellen.

Raimund ging auf sie zu und jetzt bemerkte sie den Strauß roter Rosen, den er im Arm hielt. Das ließ das junge Madel einen Augenblick stutzen.

"Guten Morgen!", grüßte der der junge Mann augenzwinkernd.

"Mei, ist es dafür net ein bisserl zu spät?", fragte die Marianne Sendlinger zurück.

"Da hast du sicher recht, Madel! Aber ich bin heute Morgen in aller Herrgottsfrühe aufgestanden, als hier noch niemand auf war, um..."

"Kruzifix nochmal", unterbrach ihn die Marianne. "Wenn Ihnen das Frühstück hier net fein genug ist, mein guter Herr Wiesner..."

"Raimund! Bitte lass doch den Herrn Wiesner endlich weg!"

"...und Sie außerhalb etwas zu sich nehmen wollen, dann sagen Sie das nur!"

Raimund Wiesner zuckte die Achseln.

"Mei, bei dir hat man's wirklich net leicht, Marianne!", seufzte der junge Mann,

Sie hatte gerade noch erwidern wollen, daß sie ihm nicht erlaubt hätte, sie mit ihrem Vornamen zu rufen, aber sie schluckte diese spitze Entgegnung hinunter, als Raimund ihr die Blumen entgegenhielt.

"Die sind für dich!", sagte er ruhig und das freundliche, offene Lächeln um seine Lippen war so entwaffnend, dass das Madel einen Moment lang nichts zu sagen wusste.

Sie schluckte, während ihre Hände die Stile der Rosen umfassten. In diesem Moment schien es ihr, als würde in ihrem Kopf alles durcheinanderwirbeln.

Das Madel blickte auf und bemerkte, wie Raimund ihr direkt ins Gesicht sah. Sein Blick war freundlich und ein wohliges Gefühl erfasste sie.

Marianne wollte etwas sagen, aber sie kam nicht mehr dazu, denn in diesem Moment ging die Tür auf. Lärmendes Stimmengewirr erfüllte auf einmal den Schankraum der GOLDENEN GAMS.

Im nächsten Augenblick war die Marianne mit ihren Gedanken wieder im Hier und Jetzt und sie begriff, dass es niemand anderes als Krönacher-Peter war, der da zusammen mit einer Gruppe von Bergtouristen hereingekommen war.

Der Peter blieb für einen Augenblick in der Tür stehen.

Sein Blick war starr auf die Marianne gerichtet, die dicht neben dem Wiesner stand - den Blumenstrauß noch in den Händen.

Peter atmete tief durch. Er schluckte und seine Stirn umwölkte sich. Eine dunkle Röte überzog langsam sein Gesicht und die Marianne konnte ihm förmlich ansehen, was in ihm vorging.

Er ging an ihr vorbei und knurrte dabei nur etwas Unverständliches vor sich hin.

"Mei, hat der schlechte Laune", meinte Raimund dazu. "Ist das der Bergführer, den du mir empfehlen wolltest?"

"Ja, gewiss!" beeilte sich Marianne zu antworten, schien aber mit den Gedanken woanders zu sein.

"Wie heißt er?", fragte Raimund.

"Das ist der Krönacher-Peter, der Sohn des Sägemüllers", murmelte sie wie automatisch, während sich die Ankömmlinge an den Tisch setzten.

Raimund studierte aufmerksam das Gesicht des jungen Dirndls und meinte dann: "Ich nehme an, du wirst jetzt alle Hände voll zu tun haben, net wahr?"

Und damit ging er dann davon in Richtung der Treppe, die hinauf zu den Fremdenzimmern führte.

"Vielen Dank für die Blumen!", konnte ihm die Marianne gerade noch hinterherrufen.

Sie stellte die Blumen in eine Vase und kümmerte sich dann um die Gäste. Als alle etwas zu Essen und zu Trinken hatten, kam der Krönacher-Peter zu ihr und fasste sie ziemlich grob am Arm.

"Du tust mir weh!", schimpfte sie und versuchte sich seinem Griff zu entwinden.

"Ich bin dir net gut genug, aber von einem Fremden lässt du dir Blumen schenken!"

"Mei, Peter!"

"Was hat dieser Stadtmensch nur, was ich net hab!", schnauzte der Peter mit hochrotem Kopf. Er war ziemlich aufgebracht und sprach so laut, dass alle im Raum es verstehen konnten.

"Ich bin dir kleine Rechenschaft schuldig!", erklärte die Marinanne fest. "Was fällt dir überhaupt ein, hier solch einen Zirkus aufzuführen?"

Auf einmal war es totenstill im Schankraum.

Alle Augen waren auf Marianne und Peter gerichtet, der sicher noch etwas Wütendes auf den Lippen gehabt hatte, was er jetzt allerdings notgedrungen hinunterschluckte.

Es war dem jungen Bergführer anzusehen, wie schwer ihm das fiel.

"Mei, mach doch, was du willst!", schimpfte er und ließ das Handgelenk des Madels los.

Wutentbrannt stapfte er zur Tür hinaus und ließ diese mit einem lauten Krachen ins Schloss fallen.

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Erst am frühen Abend kam die Sepha aus der Stadt zurück.

Sie sagte kein Wort, gab auch keinerlei Erklärungen ab. Aber ihr Gesicht war noch zerfurchter als sonst schon. Wortlos ging sie die Treppe hinauf zu ihrer Kammer.

"Scheint net gerad so, als hätte sie gute Neuigkeiten mitgebracht", raunte Jakob Bergener, der Koch, nachdem die Sepha verschwunden war. Er sah der Alten nach. Die Marianne zwinkerte ihm derweil vielsagend zu.

"Mei, ich denk, sie wird uns schon noch sagen, was los ist...", war sie überzeugt.

"Ich platze vor Neugier", bekannte indessen der Koch.

Die Marianne band sich indessen die Schürze ab, die sie immer trug, wenn sie in der GOLDENEN GAMS bediente.

Jakob Bergener machte ein erstauntes Gesicht. "Sag bloß, du hast schon Feierabend!"

Die Marianne lächelte. "Freilich! Ich habe heute Abend frei!"

Und so drückte sie dem Koch die Schürze in die Hand und ging zur Tür hinaus.

Draußen war die Sonne schon milchig geworden und stand tief über den schneebedeckten Gipfeln des Hochgebirges.

Die Marianne ließ ihren Blick dort ein paar Augenblicke verweilen und sog die frische, klare Bergluft ein.

Dann sah sie den Wiesner-Raimund in einiger Entfernung auf einer Holzbank sitzen.

Er hatte sie längst bemerkt.

Mei, ein so übler Kerl ist er vielleicht gar net, dachte die Marianne, als sie ihn so ansah. Sie musste an die Rosen denken. Er war ziemlich gerade heraus, aber auf der anderen Seite gefiel dem Madel das. Wie auch immer, sie konnte jetzt nicht einfach an ihm vorbeigehen und so tun, als wäre er gar nicht da.

So ging sie auf ihn zu.

"Ich habe mich sehr über die Rosen gefreut", sagte sie dann, weil ihr nichts besseres einfiel.

"Du bist schon ein außergewöhnliches Madel, Marianne", lachte daraufhin Raimund. "Aber ich denke, das hat dir sicher schon so mancher gesagt..."

"Mei..."

Sie setzte sich zu ihm.

"Es ist ein wunderschöner Abend, net wahr?", hörte sie ihn sagen.

"Freilich", murmelte sie. Und nach einer kurzen Pause setzte sie dann noch mit blitzenden Augen hinzu: "Raimund..."

Dann standen sie gleichzeitig auf.

Raimund nahm vorsichtig ihre Hand und sie widerstrebte nicht. Sie spürte, wie ihr das Herz wie wild schlug. Mei, dachte sie. Ich werd mich doch wohl net bis über beide Ohren verliebt haben!

Dann gingen sie gemeinsam ein Stück in Richtung der hohen Gipfel.

"Was hast eigentlich den ganzen Tag über gemacht?", fragte Marianne schließlich.

Raimund zuckte die Achseln.

"'Ausfragen lass ich mich net'", erwiderte er heiter. "Weißt noch, wer das zu mir gesagt hat?"

Natürlich erinnerte sich die Marianne nur zu gut daran und die Schamröte überzog ihr Gesicht.

"Mei, ich war ein bisserl kratzbürstig, das gab ich ja freimütig zu..."

Raimund zog die Augenbrauen hoch. "Nur ein bisserl?", echote er lächelnd.

Das Madel zuckte die Achseln. "Musst halt net jedes Wort auf die Goldwaage legen!"

"Das tu ich auch net."

"Mei, da bin ich aber froh!"

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Es war Abend und während so gut wie alle Einwohner des Tals hatten ihr Tagwerk getan.

Jetzt begaben sie sie sich zum Essen in ihre Häuser oder wa ren auf dem Weg ins Wirtshaus.

nur einer war noch weithin zu hören.

Das war der Krönacher-Peter.

Er hatte seine Hände um den Stiel einer Axt gekrallt und hackte Holz. Sein Gesicht war rot angelaufen und wutverzerrt. Seine heftigen Schläge waren über das ganze Tal zu hören und hallten von den Bergwänden mehrfach wider.

Immer wieder ließ er die scharfe Axt herniedersausen und jedem dieser Schläge war der Gram anzuspüren, der sich in das Herz des jungen Bergführers gefressen hatte.

"Geh, Peter, wir haben mehr als genug Feuerholz für die nächsten Winter", drang eine ruhige Stimme durch den Krach hindurch, den der Peter mit seiner Axt verursachte.

Es war des Sägemüllers, der sich vorgenommen hatte, mit seinem Sohn ein paar Worte zu reden. Er kam nicht ganz aus eigenem Antrieb heraus zu seinem Sohn, sondern war von seiner Frau so lange bekniet worden, bis er schließlich nachgegeben hatte.

Aber vielleicht war es wirklich besser, mal von Mann zu Mann ein wörtl mit ihm zu reden. Denn so, wie es war, konnte es unmöglich weitergehen.

Erneut sauste die Axt hernieder und die scharfe Klinge ließ ein Stück Holz entzwei spalten. Der Peter ächzte. Schweiß stand dem jungen Mann auf der Stirn.

"Bub, nun mal raus mit der Sprach", versuchte es der alte Krönacher noch einmal. Er trat nahe an seinen Sohn heran und legte ihm eine Hand auf die Schulter.

Der Peter ließ die Axt sinken.

"Das verstehst du net, Vater", behauptete er.

"Warum sollte ich das net verstehen", wunderte sich der alte Krönacher. "Kannst dir net vorstellen, dass ich auch einmal jung gewesen bin. Die Madeln können einen schon ganz schön um den Verstand bringen... Das ist es doch, was im Moment in deinem Kopf herumspukt, net wahr?"

Der Peter ließ sich auf einem der Holzscheite nieder.

"Kruzifix nochmal, schimpfte er dann und ballte dabei die Fäuste. Ich versteh net, was die Marianne an diesem Herumtreiber aus der Stadt findet! Mei, das will einfach net in meinen Kopf hinein..."

Der alte Krönacher atmete tief durch. Am liebsten hätte er seinem Sohn gesagt, was seine Überzeugung war, dass nämlich die Marianne nichts taugte.

Davon war der Sägemüller felsenfest überzeugt. Gern hatte er es nie gesehen, dass sein Bub so in die Bedienung der GOLDENEN GAMS vernarrt war.

Aber der Sägemüller verkniff sich die Bemerkung, die er auf den Lippen hatte.

"Du musst es einfach hinnehmen, Bub", meinte er dann versöhnlich und setzte sich neben den Peter.

"Hinnehmen? Mei, aufgeben? Meinst das? Nur weil da so ein hergelaufener..."

"Peter, wach doch auf!", versuchte der alte Krönascher seinen Sohn aufzurütteln. "Mei, es ist doch offensichtlich!"

Peter runzelte die Stirn.

"Was ist offensichtlich, Vater?"

"Geh, Peter! Das Madel will nix von dir wissen!"

Peters Gesicht wurde düster.

"Das ist alles nur wegen diesem Raimund Wiesner!"

"Das red'st dir nur ein!", erwiderte der Vater, aber jetzt biss er bei seinem Sohn auf Granit.

Dieser ballte die Fäuste und verzog grimmig das Gesicht, bevor hervorstieß: "Umbringen könnt' ich ihn, diesen..."

"Peter!", unterbrach ihn der Vater. "Mei, jetzt ist aber Schluss! Du versündigst dich!"

Dann schwiegen sie eine ganze Weile lang, während die Sonne indessen mehr und mehr hinter den schneebedeckten Gipfeln versank.

"Mei, es gibt noch andere Dirndln im Tal", meinte der Vater dann schließlich. "Die Marianne spielt nur mit allen Burschen und macht ihnen schöne Augen. Wahrscheinlich ist das mit diesem Fremden auch nur so ein Strohfeuer!"

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An einem der nächsten Tage fuhr der Krönacher Peter in die Stadt. Er hatte ein paar Besorgungen für seinen Vater, den Sägemüller zu machen. Aber das war nicht der Hauptgrund für seine Reise.

Er wollte sich vor allem nach dem Fremden etwas umhören.

Schließlich konnte dieser Raimund Wiesner ja nicht so einfach aus dem Nichts heraus aufgetaucht sein. Er musste eine Vergangenheit haben, jemand musste ihn kennen.

Mei, es würd mich net wundern, wenn er nix als ein nichtsnutziger Herumtreiber ist!, ging es dem Peter durch den Kopf. Und wenn er das schwarz auf weiß beweisen konnte, dann würde er zur Marianne gehen und dem Madel die Augen öffnen.

Dann wird sie diesen Wiesner schon vergessen, war er überzeugt.

Aber so sehr er sich auch bemühte, er konnte über den Wiesner kaum etwas in Erfahrung bringen.

Erst spät am Abend kehrte er zurück zur Sägemühle.

"Mei, spät kommst, Bub", stellte die Mutter fest.

Er zuckte nur mit den Schultern.

"Es ist halt net so schnell vorangegangen", gab er zur Entschuldigung an. Das klang jedoch nicht sehr überzeugend.

"Mei, ich war heut im Dorf", erzählte dann die Krönacherin.

Ihr Sohn hatte dafür jedoch kaum ein Ohr.

"Mutter, nimms mir net übel, aber ich bin hundemüde."

Aber die Krönacherin fuhr dennoch fort. "Ich hab die Claudia Dörfner getroffen. Sie hat sich nach dir erkundigt. Mei, das ist wirklich ein bitzsauberes Dirndl. Net so ein flatterhaftes, unstetes Wesen wie die Marianne aus dem Wirtshaus."

Da schlug der Peter wütend mit der Faust den Tisch.

"Kruzifix nochmal", schimpfte er mit hochrotem Kopf. "Mutter, jetzt hast den Bogen aber entschieden überspannt."

Und damit stampfte er aus der Stube.

Die Krönacherin seufzte. Sie meinte es doch nur gut mit dem Peter, aber der wollte sich in dieser Sache nichts von ihr sagen lassen.

"Du musst endlich dieses vermaledeite Wirtshausmadel vergessen, Peter", rief sie ihm hinterher. "Im ganzen Tal erzählt man sich schon, dass sie mit einem Hotelgast aus der Stadt angebandelt hat. Was willst ihr da noch immer hinterherlaufen."

Aber Peter gab ihr keinerlei Antwort.

Die Krönacherin hörte nur noch, wie ihr Sohn die Treppe hinauf zu seiner Kammer stapfte und dabei etwas Unverständliches vor sich hin murmelte.

Der Peter verkroch sich missgelaunt in seiner Kammer. Er seufzte und blickte hinaus aus dem Dachfenster, von dem aus er auf das beeindruckende Bergpanorama blicken konnte.

Dann klopfte es an der Tür.

"Mei, was ist?"

"Ich bin's, der Vater!"

Die Tür ging auf und der Sägemüller trat ein.

"Es gibt nix mehr zu sagen!", empfing ihn der Peter sogleich. "Du willst mir nur die Marianne ausreden und das schafft niemand."

Aber der Sägemüller schüttelte den Kopf.

"Na", meinte er. "Es geht um etwas anderes."

"Um was?"

"Die Sepha von der GOLDENEN GAMS hat angerufen."

"Und? Was hat sie gewollt?"

Der Sägemüller hob die Schultern. "Einen Bergführer hat sie gewollt! Für einen ihrer Gäste! Morgen früh sollst dich mit ihm bei der GOLDENEN GAMS treffen."

Peter runzelte die Stirn. "Nur einer?", fragte er verwundert.

Sein Vater nickte. "Ja, so hat's die Sepha gesagt. Ein Kletterer mit höheren Ansprüchen."

"Sag ihr, dass sie sich einen anderen suchen soll!", knurrte der Peter.

Der Vater packte ihn daraufhin bei den Schultern. "Ich habe der Sepha bereits zugesagt!"

"Aber...", wollte Peter gerade zum Widerspruch ansetzen, aber der alte Krönacher kam ihm zuvor.

"Erstens kannst das Geld net einfach in den Wind schlagen, denn reich geborene Grafen sind wir net - und zweitens wird dich die klare Bergluft vielleicht von dem Schmarrn ablenken, der da zur Zeit in deinem Kopf herumspukt! Mal davon abgesehen, dass dein guter Ruf als Bergführer auf dem Spiel steht! Schließlich versetzt man seine Kundschaft net ohne Not!"

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Am nächsten Morgen traf Peter Krönacher pünktlich bei der GOLDENEN GAMS ein. Schon von Ferne sah er einen Mann in Bergsteiger-Ausrüstung. Kein Zweifel, dass das das jener Tourist war, den er beim Klettern begleiten sollte.

Als der Peter näherkam, verschlug es ihm fast die Sprache.

Der Tourist war niemand anderes als Raimund Wiesner.

"Mei, das darf doch net wahr sein...", murmelte er düster vor sich hin, während sich seine Hände unwillkürlich zu Fäusten ballten.

Der Wiesner kam ihm ein paar Schritte entgegen.

Er lächelte freundlich.

"Du bist der Krönacher-Peter, net wahr? Ich habe dich kurz schon mal gesehen und schon viel von dir gehört!"

Raimund reichte dem Peter die Hand.

Sehr zögernd nahm der Sohn des Sägemüllers sie, während sein Gesicht zu einer steinernen Maske geworden war.

Jetzt umwölkte sich auch das Gesicht des Wiesners. Er runzelte die Stirn und fragte: "Ist irgendetwas net in Ordnung?"

Doch der Peter winkte ab.

"Es ist nix", sagte er. Dann musterte er die Ausrüstung des Wiesners. "Mei, kannst denn auch so gut klettern, wie deine Sachen vermuten lassen?"

Raimund zuckte die Achseln.

"Mei, ich denk schon, dass ich ein ganz passabler Kletterer bin. Allerdings kenn ich mich hier in der Gegend so gut wie gar net aus - und ein bisserl Ortskenntnis ist sicher net schlecht..."

Peter hob die Augenbrauen und nickte. "Da muss ich dir recht geben."

"Also, wo geht's her?"

Peter verzog das Gesicht.

"Kommt ganz drauf an, wie sehr du dich anstrengen willst, Wiesner!"

Raimund lachte. "Mei, ein kleiner Bub bin ich net mehr!"

"Um so besser", flüsterte der Peter.

Seine Augen funkelten dabei wie kaltes Eis.

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Den ersten Teil ihres Weges gingen sie schweigend. Raimund folgte einfach dem Bergführer, der immer zwei, drei Meter vor ihm herlief.

Dann kamen die ersten Hänge und Felswände, an denen sie sich emporseilen mussten.

Und obwohl sie kaum miteinander sprachen, schienen sie, was die Kletterei betraf, ein immer besseres Team zu werden.

Und doch - die menschliche Distanz zwischen den beiden war unübersehbar. Für den Raimund war sie kaum erklärlich.

Immer höher ging es hinauf. Und dem Peter war bald schon klar, dass er es bei diesem Raimund Wiesner gewiss nicht mit einem Anfänger oder Möchtegern-Kletterer zu tun hatte.

Schließlich, als sie gegen Mittag ein Hochplateau erreicht hatten, machte Raimund den Vorschlag, eine Pause zu machen.

"Mei, mir knurrt einfach der Magen zu sehr", meinte der Fremde aus der Stadt.

Peter Krönacher zuckte nur mit den Schultern.

"Ganz wie du willst, Wiesner!", meinte er.

Er ließ sich auf einem Felsbrocken nieder, während Raimund seinen Rucksack absetzte und die Zutaten für eine zünftige Brotzeit herausholte.

"Willst auch etwas?", fragte der Raimund seinen Bergführer, aber über Peters Lippen kam kaum mehr als ein unverständliches Knurren.

Peter blickte in die Ferne, zum Horizont hin.

Die Sonne stand hoch am Himmel, aber hinter den schneebedeckten Berggipfeln hatten sich bereits einige Wolkengebirge aufgeschichtet, die für die Zukunft nichts Gutes verhießen.

"Was ist eigentlich los mit dir, Krönacher?", erkundigte sich der Raimund. "Seit wir aufgebrochen sind, versuche ich schon ein paar Wörtl mit dir zu wechseln, aber irgendwie scheinst mich net besonders zu mögen..."

Peters Gesicht wurde von leichter Röte überzogen.

"Das hast schon ganz richtig bemerkt, Wiesner", brummte er zurück.

"Und warum? Hab ich dir vielleicht etwas getan? Passt es dir net, mit mir hier hier in den Bergwänden herumzuklettern? Mei, du bist dich Bergführer und dies ist ja wohl nix weiter als dein tägliches Brot..."

Peter wandte den Blick zu Raimund herum. Seine Augen blitzten ärgerlich. In ihm kochte es nur so. Und ein bisserl von dem Dampf, der sich angesammelt hatte, musste er nun einfach loswerden.

"Was du mir getan hast?", schnaubte er. "Mei, kommst hier hier, ein Stadtmensch, der glaubt, dass ihm die Welt gehört! Ein Herumtreiber bist du, wenn du mich fragst! Ein Herumtreiber und Maulheld!"

"Geh, Krönacher! Jetzt versteigst dich aber!"

"So? Mich kannst net täuschen, Wiesner! Mich nicht! Auch wenn dein Gerede vielleicht auf die Marianne großen Eindruck gemacht hat..."

Jetzt begriff der Raimund.

Mit einem Schlag wurde es ihm klar.

"Du hast ein Auge auf die Marianne geworfen!", stellte er fest.

Der Peter sprang daraufhin wie von der Tarantel gestochen auf, trat mit energischen, stampfenden Schritten zum Wiesner-Raimund hin und baute sich vor ihm auf.

Raimund erhob sich, so dass sich die beiden Männer nun direkt in die Augen sahen.

Etwa gleich groß waren sie.

"Ich sag nur eins", zischte der Peter wütend zwischen den Lippen hindurch. "Lass die Martianne in Ruhe! Hast mich verstanden?"

"Glaubst net, dass das Madel alt genug ist, dass es selber weiß, was es tut und was net?", erwiderte der Raimund sachlich.

"Net, nachdem du ihr mit deinem Gerede den Kopf verdreht hast!"

"Geh, Krönacher! Die Marianne hat ihren eigenen Kopf. Die lässt sich net so einfach beeinflussen - weder von mir noch von dir."

Peter schluckte.

"Ich hab dich gewarnt!", knurrte er.

Und dabei griffen seine Hände um den Kragen des Wiesners.

Ganz weiß wurden die Knöchel, als das Blut aus ihnen wich so fest packte der Peter zu.

"Lass mich, Kruzifix nochmal!", rief der Raimund, riss sich los und stieß den Peter ein paar Schritte zurück. "Mei, was ist denn in dich gefahren! Hat dir das Madel denn vollständig den Verstand geraubt!"

Peter atmete tief durch.

"Die Marianne und ich - wir gehören zusammen", erklärte er dann. "Schon seit langem."

"Das scheint das Madel aber net so zu sehen", erwiderte Raimund gelassen. "Mei, du musst die Entscheidung des Dirndls akzeptieren, da geht kein Weg dran vorbei!"

"Wer sagt, dass die Entscheidung schon endgültig gefallen ist!", zischte Peter. "Wenn du net dahergekommen wärst..."

Raimund packte indessen die Zutaten seiner Brotzeit wieder zusammen. Ihm war gründlich der Appetit vergangen.

"Es war keine gute Idee, mit dir auf Bergtour zu gehen", erklärte er dann. "Aber ich hatte keine Ahnung, dass du so narrisch bist wegen der Marianne..."

Er nahm den Rucksack und setzte ihn sich wieder auf den Rücken.

Peter stand indessen wie versteinert da und musterte sein Gegenüber. Aber immerhin schien er sich wieder etwas beruhigt zu haben. "Ich war etwas unbeherrscht", erklärte er dann. "Aber was ich in Bezug auf die Marianne gesagt habe, davon nehme ich kein Wörtl zurück!"

In seinen Worten klang unverhohlen so etwas wie eine Drohung mit.

"Besser wir gehen heim", erklärte Raimund dann. "Unter diesen Umständen hat es wenig Sinn, die Bergtour fortzusetzen."

"Wie du willst, Wiesner! Du bist der Tourist!" Und dann, als von ferne ein Grollen zu hören war, setzte der Bergführer noch hinzu: "Aber vielleicht ist es aus einem anderen Grund ebenfalls angezeigt, umzukehren..."

"Du meinst das Wetter?"

Der Peter blickte zu den herannahenden Wolken, die sich zu immer gewaltigeren Gebirgen aufgetürmt hatten. "Das sieht net gut aus", meinte er düster. "Eigentlich war damit gar net zu rechnen, aber plötzliche Wetterumstürze sind in den Bergen nichts Ungewöhnliches..."

Der Peter ließ den Blick umherschweifen, dann deutete er in eine bestimmte Richtung.

"Dort hin!", erklärte er.

Raimund runzelte die Stirn.

"Gehen wir net den Weg, den wir gekommen sind?"

"Na, ich glaube es ist besser wir nehmen eine Abkürzung. Sonst holt uns das Wetter unterwegs ein. Der Weg ist zwar nix für Anfänger, aber kürzer. Und ganz gleich, was ich sonst über dich gesagt habe, Wiesner: Ein schlechter Bergsteiger bist net!"

Und so brachen sie auf.

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Die Abkürzung, die Peter vorgeschlagen hatte ging über steile Felsenhänge und an gefährlichen Spalten vorbei.

Das Unwetter, das sich über ihnen zusammenbraute, kam schneller heran, als selbst der bergerfahrene Krönacher erwartet hatte.

Die ersten Blitze begannen über den Himmel zu zucken. Das Donnergrollen blieb noch verhalten im Hintergrund.

"Unserer Tour stand net gerad unter einem guten Stern", erklärte der Peter missmutig. Er ahnte, was ein solches Wetter bedeuten konnte. Schließlich war es nicht das erste Mal, dass er so etwas mitmachte, wenngleich es ihm ansonsten meistens gelungen war, rechtzeitig zurück zu sein.

Als ob die düsteren, schwerer werden Wolken dem Bergführer antworten wollten, krachte es plötzlich und ein ohrenbetäubender Donner grollte über sie hinweg.

Dann setzte der Regen ein.

Erst nur ein paar Tropfen, dann begann es wie aus Eimern zu gießen.

Nicht lange und die beiden Männer waren bis auf die Haut durchnässt. Dazu wurden die Hänge jetzt glitschig.

Dann erreichten sie einen Felsvorsprung, unter dm sich eine Art Kanzel befand, auf der es verhältnismäßig trocken war.

"Vielleicht warten wir hier das Schlimmste erst einmal ab, bevor wir weitergehen!", schlug Raimund vor.

Peter schien das zu widerstreben.

Seinem Gesicht war deutlich anzusehen, dass ihm dieser Gedanke nicht gefiel. Aber nach einem kurzen Blick um Himmel schien er einzusehen, dass der andere recht hatte.

"Gut", rief Peter.

Sie lagerten so dicht wie möglich an der Felswand. Der Vorsprung über ihnen wirkte wie ein Dach.

"Mei, wer hätte gedacht, dass sich das Wetter heute noch derart ändern würde!", meinte der Raimund respektvoll, während das Unwetter nur so toste.

Ein heftiger Wind zerrte an ihren Kleidern und Ausrüstungsgegenständen. Und den Hut mit dem Gamsbart, den der Peter auf dem Kopf getragen hatte, riss es hinab in die Tiefe. Nur wenige Augenblicke war er noch zu sehen.

"Vielleicht willst jetzt etwas von der Brotzeit", meinte der Raimund.

"Von dir nehm ich nix!"

"Aber mein Geld, das nimmst! Schließlich hast mich als Tourist hier heraufgeführt!"

"Pah! Das war nur, weil mein Vater die Tour mit der alten Sepha festgemacht hatte. Aber wenn ich gewusst hätt', wen ich da in die Berge führen soll... Mei!"

Raimund Wiesner begann indessen zu essen. Mochte dem Peter nun der Magen knurren oder nicht! Wenn er derart stur war, hatte er es nicht anders verdient.

Peter Krönacher sah Raimund indessen aufmerksam zu.

Und dann meinte er plötzlich: "Ich hab mich über dich erkundigt!"

"So?"

"Ein Herumtreiber bist! In der Welt bist herumgezogen, aber nix gelernt hast!"

Raimund hörte auf zu kauen.

"Das mag sein oder auch net! Dich geht's auf jeden Fall nix an, Kruzifix nochmal!"

"Die Marianne..."

"Wenn die Marianne dich net will, Krönacher, dann ist das net meine Sache! Damit hab ich nix zu tun!"

Aber da war der Peter anderer Ansicht. "Mit allem hast was zu tun! Wenn du dich net zwischen mich und die Marianne gedrängt hättest..."

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738919318
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (Juni)
Schlagworte
heimat-roman sonder-edition gift wirtshaus

Autor

Zurück

Titel: Heimat-Roman Sonder-Edition: Das blonde Gift vom Wirtshaus