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Der Krimi Koffer - Acht Top Thriller

von Alfred Bekker (Autor) Cedric Balmore (Autor) Franc Helgath (Autor) Horst Bosetzky (Autor)

2018 1300 Seiten

Leseprobe

Der Krimi Koffer März 2017: Acht Top Thriller

Alfred Bekker et al.

Published by Alfred Bekker, 2018.

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Der Krimi-Koffer März 2017: Acht Top Thriller

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von Alfred Bekker & Cedric Balmore & Horst Bosetzky alias „-ky“ & Franc Helgath

Der Umfang dieses Buchs entspricht  1100 Taschenbuchseiten.

Kriminalromane der Sonderklasse - hart, actionreich und überraschend in der Auflösung. Ermittler auf den Spuren skrupelloser Verbrecher. Spannende Romane in einem Buch: Ideal als Urlaubslektüre.

Dieses Buch enthält folgende  Krimis:

Franc Helgath: Ein Grab nach Art des Hauses

Franc Helgath: Schiff ins Jenseits

Alfred Bekker: Die Tour des Mörders

Horst Bosetzky alias „-ky“: Älteres Ehepaar jagt Oberregierungsrat K.

Cedric Balmore: Kommissar Morry und der Teufel ohne Gnade

Alfred Bekker: Bube, Dame, Killer

Cedric Balmore: Kommissar Morry – streng vertraulich!

Alfred Bekker: Kinder des Satans

––––––––

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ALFRED BEKKER IST EIN bekannter Autor von Fantasy-Romanen, Krimis und Jugendbüchern. Neben seinen großen Bucherfolgen schrieb er zahlreiche Romane für Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton reloaded, Kommissar X, John Sinclair und Jessica Bannister. Er veröffentlichte auch unter den Namen Neal Chadwick, Henry Rohmer, Conny Walden und Janet Farell.

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Authors

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Ein Grab nach Art des Hauses: N. Y. D. - New York Detectives

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Krimi von Franc Helgath

Der Umfang dieses Buchs entspricht 107 Taschenbuchseiten.

Malcolm Murphy, ein unscheinbarer Buchhalter bei der Fleischerei S & M Incorporated, verschwindet spurlos. Seinem Bruder Will hat er neben einem Schließfachschlüssel einem Brief hinterlassen, in dem er verfügt, sich im Falle seines Verschwindens an Bount Reiniger, den besten Privatdetektiv New Yorks, zu wenden. Als der Detektiv den Auftrag annimmt, ahnt er nicht, auf welche gefährliche Sache er sich einlässt; mehr als einmal ist er dem Tod näher als dem Leben - und was er schließlich aufdeckt, wäre ihm lieber verborgen geblieben ...

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Die Hauptpersonen:

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Dennis Hooperman hat nichts dagegen, wenn Cowboys aus Manhattan mit Darts nach Frauenbusen werfen.

Will Murphy vermisst einen Bruder.

Abe Scrooger ist Fleischer. Doch er erlaubt sich Ausflüge. Blutige allemal.

David Milestone ist ein äußerst wacher Knabe. Seine zwei Zentner hindern ihn nicht, über Leichen zu tänzeln.

June March - ist Bounts Assistentin und hilft ihm bei seinen Fällen.

Bount Reiniger - ist Privatdetektiv.

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1

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Der Mann trat ans Fenster, von dem aus er in den Laden hinunterschauen konnte. Tagsüber lösten dort Männer am Fließband, acht Puerto Ricaner und sechs Schwarze, in einem gleichmäßigen Tempo das Fleisch aus, mit bloßen, bluttriefenden Händen. Dahinter Kartons auf einem Tisch aus rostfreiem Stahl, der an die Rückwand des Raumes gestellt war.

Doch jetzt stand das Fließband still. Es war Nacht. Nur in einer Ecke rumorte eine Maschine, die ähnlich wie der Teigmischer in einer kleineren Bäckerei aussah.

Ihr Deckel aus glänzend poliertem gehämmerten Weißblech war geschlossen. Hätte der Mann ihn aufgemacht, hätte er ab und zu auf eine gerade noch intakte menschliche Hand mit Altersflecken, die an Sommersprossen erinnerten, ausmachen können.

Er ließ es bleiben, rauchte seine Zigarette zu Ende und trat die Kippe mit der rechten Schuhspitze aus. Dann sah er auf die Uhr.

Zwanzig Minuten dauerte die Prozedur nun schon. Das sollte reichen. Doch gewöhnen würde er sich wohl nie daran.

Endlich löschte er die Neonstäbe an der Decke des kleinen Büros und stieg seufzend, wie unter einer schweren Last, die Treppe aus Gitterrost hinunter.

Der Fliesenboden war peinlich sauber. Darauf achtete er. Die Lebensmittelkontrolleure waren ständige Gäste in der Minifabrik zwischen der 8. und 9. Straße in Downtown Manhattan.

Als brave Beamte kamen sie allerdings nie nachts. Da schliefen sie, wie es sich gehörte.

Nun schob Scrooger den Deckel doch auf, vermied es aber sogar jetzt noch, einen Blick hineinzuwerfen.

Drei mächtige Mahlschaufeln an einer festen Mittelachse schlugen den Brei cremig.

Abe Scrooger griff hinauf zu einem Bord oberhalb der surrenden und wie ein Schwein manschenden Maschine. Dort standen Plastikdosen mit Majoran, feinem rosa Papayapulver und geschrotetem schwarzem Pfeffer neben kleineren Behältern mit Thymian, Basilikum und Rosmarin sowie arabischem Kümmel und Feigenkernmehl. Genügend Salz, Glutamin und Wasser in den richtigen Anteilen hatte er der Masse schon vorher beigefügt.

Weitere fünf Minuten später betätigte er einen Kippschalter. Danach rotierte der Stahlkessel in die gegenläufige Richtung. Gleichzeitig hob er sich hydraulisch aus seiner bisherigen Verankerung und entließ die Fleischmixtur in eine leicht abfallende, innen ausgeölte Rinne aus Hart-PVC. Auch hier ging alles sehr hygienisch zu.

Schließlich landete der mittlerweile hellgraue, krümelige Brei in einer weiteren Maschine. Ihre Aufgabe war es, ihn in kleine Dosen abzufüllen, die Deckel mit zischenden und funkensprühenden Punktschweißern luftdicht zu schließen und die Packung zusätzlich noch zu etikettieren.

Es dauerte eine weitere Stunde und ein halbes Dutzend Zigaretten der Marke Lucky Strike, bis der Inhalt aus dem großen Mischer auf rund dreihundert Konserven verteilt war. Abe Scrooger verstaute sie, immer achtzehn Stück auf einmal, in vorbereitete Kartons und schleppte diese dann hinüber zu den anderen auf dem Tisch aus rostfreiem Stahl.

Feinste Fleischpastete, stand ebenso wie auf den Etiketten auch auf den Kartons. Die Spezialität des Hauses. Nach streng geheimem Rezept.

Das Produkt war sehr beliebt bei den Delikatessenverbrauchern New Yorks, und sündteuer. Ein reines Schickimicki Futter.

Der Bürger Normalverbraucher konnte es sich nicht leisten.

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2

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Ein Glücksmontag! Die March erschien blendend aufgelegt im Büro. Sie strahlte nur so vor Vitalität.

»Hast du die Nacht durchgemacht?«, fragte Reiniger griesgrämig. Ihm ging es nicht einmal halb so gut. Er hatte die Zeit bis in die frühen Morgenstunden damit verbracht, an der Rohfassung seiner Steuererklärung herumzubasteln. Es würde noch viele Fassungen brauchen, bis sie endgültig fertig und dennoch nicht zu seiner Zufriedenheit ausgefallen war. Das tat sie nie.

«Brummbärchen« beschied sie ihm fröhlich, warf ihre Handtasche in eine Ecke und schlüpfte aus dem Mantel.

Gleich wurde es auch Bount wieder ein bisschen besser. Der Anblick von Junes Figur konnte anregender sein als ein Liter türkischer Mokka.

Heute trug sie zum gewohnten Gürtel, den sie beharrlich einen Minirock nannte, hohe, über die Knie reichende Schaftstiefel aus schwarzem Lackleder und eine Netzstrumpfhose. Sie hatte noch keine Strapse gefunden, die kürzer als ihre Röcke gewesen wären. Nicht einmal bei Bloomingdale’s, oder auch bei »Bloomys«, wie die New Yorker das Warenhaus an der Upper Fifth Avenue liebevoll bezeichneten und sich damit selbst den einzigen Konsumtempel dieser Welt beschert hatten, der einen Kosenamen besaß.

Bount stand auf der Schwelle zwischen dem Vorzimmer, June Marchs eifersüchtig verteidigter Domäne, und seinem «Allerheiligsten«, in dem der Schreibtisch zurzeit allerdings aussah, als wäre eine Bombe in eine Sakristei gefallen, um beim einmal gewählten Vergleich zu bleiben. Eine halbe Tonne Papier bedeckte auch Spannteppich und Perser. Alles vollgekritzelt mit seiner Fiskus-in-die-Schranken-weisen-Arithmetik. Eine Sisyphusarbeit. Die Leute wurden von Jahr zu Jahr gieriger.

»Lachsäcklein«, antwortete Bount mit leicht gelifteter Leichenbittermiene. In der Rechten hielt er ein Glas frisch gepressten Orangensaft. Ohne auch nur ein Tropfen Scotch oder Bourbon als Beigabe. Vielleicht erhellte auch dieser Umstand die Qualität seiner trotzdem noch etwas düsteren Laune. Doch selbst die wurde »geliftet«, als dieses reizende Geschöpf mit den eigentlich waffenscheinpflichtigen Reizen hinter ihrem eigenen, penibel aufgeräumten Schreibtisch Platz nahm und die endlos langen Beine übereinanderschlug.

Danach ging die March sofort zur Tagesordnung über. Die Detektiv-Volontärin und Vorzimmeraugenweide war überdies ein fleißiges Persönchen, das sich ständig darüber beschwerte, ihr Chef würde sie zu sehr schonen. Womit sie meinte, dass er sie nicht gern zu Einsätzen mitnahm, auf denen es unter Umständen hart auf hart zugehen könnte. In Wirklichkeit jedoch war es ihm vermutlich nur um ihre makellose Figur zu schade.

Sie hatte die Tageszeitungen mitgebracht, Reinigers tägliche Pflichtlektüre. Und die »Village Voice«, die »Pflichtlektüre« der March selbst, ein übles Klatschblatt von hohem Informationswert, wenn man den Prominenten der Stadt unter die Bettdecke schauen wollte.

»Einen Kaffee, Chef?«, fragte sie. »Bevor ich den Computer einschalte, um deine horrenden Rechnungen auszudrucken.« Sie wies mit dem kleinen, aber energischen Kinn an Bount vorbei. »Wie ich sehe, hast du die Nacht wieder mal damit verbracht, dich zum Betrüger weiterzubilden.«

Bount zog eine säuerliche Grimasse.

»Sie fressen mir noch die Haare vom Kopf«, behauptete er kläglich.

»Da haben sie noch lange zu grasen«, entgegnete die March schnippisch, und das stimmte sowohl im direkten als auch im übertragenen Sinn. Reiniger war ein ziemlich reicher Mann und sein dunkelbraunes Haupthaar von dichter Fülle ohne jeden Grauschleier. Dabei hätte Bount gegen ein Silberfädchen da und dort, am liebsten gleich an den Schläfen, gar nichts einzuwenden gehabt.

Sie gingen die Woche immer ein wenig locker an, die beiden, und das wirkte sich dann positiv auf das Betriebsklima aus. Bount Reiniger hatte seine Denk- und Konferenzkammer eben halbwegs wieder in Ordnung gebracht, als die Nebensprechanlage fordernd summte.

»Besuch für dich, Chef. Ein Mister Will Murphy. Aber er ist nicht angemeldet.«

Bount dachte an seine Nachtarbeit und an den Fiskus. Ein neuer Kunde würde ihn auf bessere Gedanken bringen.

»Bring ihn ruhig rein, June. Aber nimm vorher die Personalien auf. Das Übliche eben.«

»Der Kleinkram wie immer an die Azubis«, moserte sie, bevor sie den Kontakt unterbrach.

Mit dem möglicherweise neuen Klienten brachte sie wenig später eine Karteikarte herein. Mr. Will Murphy wies sie einen der Besucherstühle an, die Karte landete auf Bounts mittlerweile wieder in Ordnung gebrachter Tischplatte. Dem Raum war von der aufreibenden Nachtarbeit nichts mehr anzusehen. Nur die Papierkörbe quollen über, was dem »Allerheiligsten« trotzdem noch den Anschein hektischer Betriebsamkeit verlieh. Ein durchaus erwünschter Eindruck. Die wirkliche Arbeit Bount Reinigers konnte man ohnehin schlecht sehen. Außer man besichtigte die »Ergebnisse« in Krankenhäusern und Leichenhallen, was auch hin und wieder vorkam, oder las sie auf seinen Kontoauszügen nach.

»Mister Murphy?«

Bount erhob sich halb aus seinem Drehsessel und streckte dem frühen Besucher die Hand entgegen. Die des Mannes fühlte sich schlaff, kalt und feucht an wie ein toter Fisch. Auch der Ausdruck seiner grauen Augen hatte etwas Totes an sich. Und zugleich Feuchtes. Die schlecht rasierten Wangen und die buschigen Brauen hingen ebenso wie die Augenlider auf halbmast.

Bount warf einen schnellen Blick auf die Karteikarte.

Willifred Murphy, 56, geboren in Illinois, wohnhaft in Englewood, New Jersey. Sylvan Avenue 832, ledig. Beruf: Hasenführer.

Bount zog die Brauen hoch.

»Hasenführer?«

Will Murphy räusperte sich. Beinahe kam wieder so eine Art Leben in ihn, als er sich hochsetzte auf seinem Stuhl und seinen Hut, einen speckigen, grauen Bowler, zwischen den faltigen Händen auf seinen eng zusammengepressten Knien drehte.

»Ich arbeite schon seit zehn Jahren auf der Hunderennbahn draußen auf dem Meadowlands Raceway. Wissen Sie, Mister, da steht in der Mitte so’n Häuschen, und von dort aus lenke ich den Hasen, eigentlich ist’s nur ein Stück blutiges Stück Pferdefleisch mit einem Kaninchenfell überzogen. Und diesen Hasen muss ich immer so führen, dass die Hounds bei der Stange bleiben und nicht plötzlich mitten im Rennen die Lust an der Verfolgung verlieren. Und ...«

Bount unterbrach. »Bestimmt ein sehr verantwortungsvoller Job, Mister Murphy.«

»O ja, Sir«, entgegnete der Besucher ernsthaft. »Von mir hängt es oft genug ab, ob ein Lauf ordnungsgemäß abgewickelt wird, oder nicht.«

»Aber um mir das zu erzählen, sind Sie doch nicht gekommen«, meinte Reiniger, bevor der alte Hasenführer noch mehr ins Fachsimpeln geriet. Bount interessierte es herzlich wenig, wie man Hounds bei der Stange hielt. »Also, wo drückt der Schuh?«

Will Murphy fiel wieder in sich zusammen zum Häufchen Elend, das er ja auch war. Ihn drückten Sorgen. Sein Teint leuchtete fahl wie Schimmelkäse, die knochigen Finger mit den Altersflecken zitterten trotz ihrer Beschäftigung leicht. Der schüttere Haarkranz stand ab wie ein ausgefranster Heiligenschein aus Stahlspänen. Sein dunkler Anzug mochte vor zwanzig Jahren neu gewesen sein, und trotzdem war es wohl sein bester. So, wie er die Schultern hängen ließ und traurig in die Welt schaute, war an seinem schmächtigen Körper der überdimensionierte Adamsapfel am faltigen Schildkrötenhals noch der stärkste Muskel.

»Mein Bruder ist vermisst«, platzte er plötzlich heraus. »Malcolm heißt er. Ich weiß nicht mehr, was ich tun soll.«

»Waren Sie schon bei der Polizei?«

Bount Reiniger mochte die Vermisstensachen nicht sonderlich. Obgleich natürlich auch sie zu seinem täglichen Brot gehörten.

Wortlos hängte der Hasenführer seinen Bowler über die beinahe schon skelettierten Knie, fingerte dann in der Innentasche seines Sakkos herum. Er hatte die Passform des textilen Outfits einer Vogelscheuche.

»Hier«, sagte er. »Das ist Malcolms letzte Nachricht. Sie kam vor vierzehn Tagen mit der Post.«

Bount öffnete das Kuvert. Zwischen Zeigefinger und Daumen fühlte er etwas Hartes. Der Inhalt entpuppte sich als kurze Mitteilung, mit überraschend kalligrafischer Qualität hingeworfen:

Lieber Willy!

Bewahre diesen Brief bitte für mich auf. Sollte ich mich innerhalb einer Woche nicht bei dir melden, dann habe ich Pech gehabt. Aber ich konnte einfach nicht widerstehen. Solltest Du kein Lebenszeichen von mir erhalten, dann gehe keinesfalls zur Polizei. Suche Mr. Bount Reiniger auf, Manhattan, 54. Straße West. Er ist Privatdetektiv und wird Dir helfen.

Dein Bruder Malcolm

Der Schlüssel war mit einem Tesastreifen quer über dem linken unteren Rand dieser Botschaft befestigt. Bount erkannte ihn sofort als einen aus der Riege für die Schließfächer an der Grand Central Station. Sie hatten einen roten Punkt unter der eingestanzten Nummer. Auch war der Brief vom Postamt im Grand Central abgestempelt. Der Stempel enthielt die Kennungsziffer 17. Wusste ja auch nicht jeder.

»Er ist Ihr richtiger Bruder?«, fragte Bount. »Ich meine, er heißt ebenfalls Murphy?«

Der Alte nickte.

»Ja. Aber wir hatten nicht viel Kontakt miteinander. Jeder führte sein eigenes Leben.«

»Sie haben ein Foto von ihm?«

Erneut ein Griff in die Sakkotasche. Das Bild war zerknittert.

»Leider kein sehr gutes. Und schon über zehn Jahre alt.«

Einer der Fotografen, die ihre Kunden auf Ellis Island aufrissen, hatte es geschossen. Ein Halbportrait mit der Freiheitsstatue im Hintergrund.

Das Bild zeigte deutliche Verwandtschaftsmerkmale wie die buschigen Brauen, die Hamsterbacken und eine sich damals noch im Anfangsstadium befindliche Halbglatze. Nur war Malcolm Murphy offenbar wesentlich besser genährt gewesen. Die sorgsam gemästete Ausgabe des Hasenführers.

Der Mann war Reiniger völlig unbekannt.

»Sie haben keine Ahnung, warum er Ihnen ausgerechnet mich empfahl?«

Will Murphy schüttelte den grauen Schädel. »Nicht die geringste.«

Nun, das musste nicht viel bedeuten. In diversen Kreisen war Bount Reiniger bekannt wie ein bunter Hund.

»Was macht Ihr Bruder? Ich meine, welchem Beruf geht er nach.«

»Er hat Buchhalter gelernt.«

»Und er arbeitete auch in diesem Beruf?«

»Selbstverständlich. Zeitlebens. Er war es ja auch, der mir den Posten draußen in Meadowlands verschaffte.«

Bount horchte auf. Hunderennen standen, wie die meisten anderen sportlichen Veranstaltungen mit Tieren auch, in dem Ruch, von gewissen Kreisen manipuliert zu werden. Kürzlich hatte er in der Newsweek sogar von gedopten Schnecken gelesen.

Doch das ließ er mal dahingestellt bleiben.

»Wo arbeitete Ihr Bruder?«

Sein Klient, wenn es denn einer wurde, schreckte hoch. Seine toten grauen Augen wurden noch größer und möglicherweise auch noch feuchter. Der Mann trauerte.

»Arbeitete?«, fragte er rau. Sein Adamsapfel übte vergeblich den Salto mortale.

Bount zuckte die Schultern.

»Muss ich doch annehmen, nicht wahr? Schließlich ist er vermisst.«

»Ach ja. Ja. Natürlich. Entschuldigen Sie bitte, Sir.«

»Da gibt es nichts zu entschuldigen. Also, wo arbeitete er?«

»Bei einer S & M Incorporated. Aber fragen Sie mich nicht, was für eine Firma das ist. Ich kenne nur die Telefonnummer. Wie schon gesagt, unser Kontakt ist nicht so eng.«

Bount fiel auf, dass Murphy sich verzweifelt an die Gegenwartsform klammerte. Vielleicht hatten sich die beiden Brüder nähergestanden, als sie selber ahnten.

»Schreiben Sie sie bitte auf.«

Bount reichte Notizblatt und Kugelschreiber nach.

»Aha. 9251603.« Das war eine Nummer in der tiefsten Downtown. »Und seine Wohnung?«

»Ein Apartment in der Fletcher Street. Fletcher Street fünfundzwanzig - Strich - zwölf.«

Auch so etwa am Südzipfel Manhattans.

»Sie waren nie dort?«

»Nein. Nie.«

»Aber bei seiner Arbeitsstelle haben Sie angerufen.«

»Ja. Doch die sagten mir nur, er sei von einem Tag auf den anderen nicht mehr dort aufgetaucht.«

»Well. Das war’s dann wohl im Wesentlichen, Mister Murphy. Aber da gibt es noch ein kleines Problem ...«

Denn jetzt kam etwas, was Bount Reiniger angesichts dieses kümmerlichen und dennoch in seiner naiven Hilflosigkeit anrührenden Menschen gern vermieden hätte.

Die Honorarfrage.

Will Murphy lächelte schmal und verzagt.

»Ich weiß schon, Mister Reiniger. Ihre Sekretärin hat bereits angedeutet, dass Sie sehr teuer sind. Aber ich hab so etwas schon geahnt.«

Er schaute sich um. Teakholzgetäfelte Wände. Antiker Nippes in einer Glasvitrine. Die Nappaledercouch in der anderen Ecke. All die geballte Elektronik. Wertvolle Gemälde.

»Deshalb hab ich auch mein Sparbuch geplündert, Sir.« Unüberhörbar schwang jubelnder Stolz auf in seiner Stimme. »Hier haben Sie eintausendzweihundertundelf Dollar und sechsundzwanzig Cent! Meine gesamten Ersparnisse!«

Bount schluckte auch. Nur tanzte bei ihm der Adamsapfel im Verborgenen.

»Das ist sehr großzügig von Ihnen, Mister Murphy. Überaus großzügig. Ich werde mich ab sofort Ihrer Sache annehmen.«

Bount Reinigers Tagessatz lag derzeit bei 500 Dollar. Ohne Spesen.

Aber warum, zum Teufel, sollte er seine Arbeitskraft und sein Geld immer nur dem Fiskus in den Rachen schmeißen! Dieser Mann hier hatte seine Hilfe nötiger als der nimmersatte Staat.

Und als Dreingabe durfte er in diesem Fall sogar noch Dankbarkeit erwarten.

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Die Unterredung hatte doch etwas länger gedauert. Es ging auf Mittag zu, als Bount June zu sich hereinsummte. In groben Zügen war sie bereits eingeweiht. Sie hatte ja auch allerhand recherchieren müssen, in der Zwischenzeit.

»Ja, Chef?«

»Was hältst du von einer Einladung zu einem fantastischen Mittagessen in einem fantastischen Hamburger-Restaurant in der Grand Central Station?«

Das weizenblonde Minnesota-Kind schniefte. Vielleicht war sie doch nicht so völlig unbedarft.

Natürlich war sie’s nicht!

»Gibt es dort nicht auch die >Oyster Bar<?«

Wie immer zeigte sich die March auch hinsichtlich der kulinarischen Absonderlichkeiten New Yorks bestens informiert. Es gab sie tatsächlich, diese »Austern-Bar«. Sie wurde vorwiegend von Yuppies aufgesucht und von jungen Leuten, die gern welche geworden wären. Fangfrisches Getier aus dem strandnahen Ozean und der Tiefsee wurde dort zu astronomisch hohen Preisen angeboten.

Dem Vernehmen nach sollte das Zeugs auch noch schmecken. Beileibe keine Selbstverständlichkeit in den chromblitzenden Garküchen Manhattans.

Sie fuhren mit dem Taxi zur 42. Straße hinunter.

Den Grand Central Terminal mit einem Bahnhof zu vergleichen, käme einer Blasphemie gleich. Hier kreuzten sich die vier Haupt-U-Bahnlinien New Yorks, hier hatten die Interstate Railway Linien der AMTRACK ihren Kopfbahnhof. Allein die Ebenen für den Güterumschlag machten vier von acht unterirdischen Etagen aus. Die dortigen Geschäfte und Behörden hielten rund 20000 Menschen in Brot und Arbeit. Und die Million Pendler aus den anderen »Boroughs«, den Stadtteilen wie Queens und Brooklyn oder auch der Bronx, sorgten für zusätzliche Auslastung.

Die hier tätigen mehr als 6000 Bordsteinschwalben versorgten wiederum bei fliegendem Schichtwechsel nicht nur ihre Zuhälter in dieser abgezirkelten Gegend. Sondern auch all die vielen Pendler. Und die Angestellten im Grand Central sowieso.

Hier war New York, wie es leibte und sexelte.

Oyster Bar & Restaurant. Lower Level. 42nd Street und Park Avenue.

Auch an diesem Montag war dieses Schlemmerbeisel so gut wie überfüllt. Ganz New York, ob im Overall oder im feinen Zwirn, schlürfte Austern an der geschwungenen Holztheke im - künstlichen - Gewölbe, das sich offenbar nicht so recht entscheiden konnte, ob es nun gotisch oder romanisch daherkommen sollte.

Bount und June fanden noch einen der kleinen Tische mit den karierten Decken an dem einen Ende der riesigen gekachelten Halle frei. Die March signalisierte mit ihrer Bestellung einen Appetit, der Reinigers gelb-weiße Kreditkarte vor lauter Angst erröten ließ.

»Was hast du inzwischen über die S & M Incorporated herausgefunden?«, suchte er die Situation zu überbrücken.

June genoss die Vorspeise. Einen Shrimps-Cocktail, den sie wenig todesmutig mit französischem Champagner hinunterspülte. Eine Edelmarke, Jahrgang 62.

»Abe Scrooger und Dave Milestone, mon coeur«, antwortete die March tres charmant. »Sie sind Fleischer an der Lower Eastside. Vor wenigen Jahren waren sie noch besser im Geschäft. Ihre Belegschaft bestand aus achtzehn Italienern, acht Iren und zwölf Juden. Heute sind es nur mehr acht Puerto Ricaner und sechs Schwarze. Die jungen Männer jener früheren Volksgruppen nehmen heutzutage keinen Job mehr an, der es mit sich bringt, jeden Morgen um drei Uhr dreißig die Stechuhr zu betätigen und dann siebeneinhalb Stunden in einem kalten Kühlraum zu stehen und ein Messer zu handhaben, bei dem sich jeder Moment der Unachtsamkeit rächt.«

Nach den Shrimps kamen erst mal in Weinsoße gesottene Long Island Garnelen mit einem sanft getrüffelten Nizza-Salat unter Junes Gabel.

»Köstlich«, beschied die March und fuhr dann fort:

»Für zwölf Dollar in der Stunde zuzüglich Sozialleistungen, und zusammen mit den höchsten Elektrizitätskosten im ganzen Land, um die Kühl- und Gefrierräume in der richtigen Temperatur zu halten, führte das allmählich in den Ruin. Der letzte Nagel, der in ihren Sarg geschlagen wurde, war das Fleisch des Rindfleischgroßhandels von Iowa, das von Arbeitskräften mit niedrigen Löhnen in Texas, Utah oder Nebraska zerlegt und tiefgefroren nach New York gebracht und hier nur mehr abgefertigt wurde, ehe man es an die Supermärkte weiterleitete. Der Markt wurde immer schlechter.«

»Und der Herr ernähret sie doch ...« zitierte Bount ergriffen aus der Bibel. Die zu erwartende Zeche tat ihm nur mehr halb so leid. »Wie ging das?«

»Der Herr ernährt sie seit vier Jahren augenscheinlich sogar noch besser«, setzte die March obendrauf. »Die Bosse zumindest. Vor vier Jahren waren Scrooger und Milestone knapp davor, Konkurs anzumelden. Da fuhren sie nach ihren eigenen Angaben mit ihren letzten Kröten mal kurz nach Atlantic City und hatten eine Gewinnsträhne beim Craps, dem Würfelspiel. Sie kamen zurück, beglichen sämtliche Außenstände und reorganisierten ihre Firma. Sie zahlen immer noch die Löhne wie vor fünf Jahren. Eine gottverdammte Schande ist allein schon das!«

Bount kannte Junes soziales Gewissen zur Genüge. Sie konnte es sich leisten. Sie bezog ein horrendes Gehalt von ihm. Deshalb wiegelte er auch ab.

»Woher hast du das alles erfahren?«

»Handelskammer, Gewerkschaft, Fleischerinnung, Sektion New York.« Triumph blitzte plötzlich auf in ihren himmelblauen Augen. »Ich rief auch noch das Liegenschaftsamt an, Großmeister. Scrooger und Milestone wurden während der vergangenen vier Jahre reich und reicher! Sie kaufen Immobilien an. Jeder besitzt inzwischen ein eigenes Penthouse. - Und sie bezahlen ihre Steuern pünktlich!«

Was für ein Schlag!

Das konnte doch nicht mit rechten Dingen zugehen. Vor allem dann nicht, wenn ein Buchhalter vermisst wurde, der ja von den finanziellen Gepflogenheiten innerhalb der S & M Incorporated nicht unbehaucht geblieben sein konnte. Wenn er kein vollständiger Trottel war. Was Reiniger vehement bezweifelte.

»Bist du fertig, June?«

»Oh, ich bin satt wie eine Katze am Ladenschluss des Fischmarkts«, gestand sie ehrlich ein.

Ihr »Gürtel« spannte dementsprechend, und mit leicht glasigem Blick sah sie dankbar Bount Reiniger an. Sie hatten ihren Shrimps, Garnelen, Austern, und weiß noch was allem, einen würdigen Abgang bereitet.

Jetzt schwamm all das Meergetier, gezeugt und gelaicht vor den Küsten der USA, in französischem Champagner.

June war tatsächlich von einer Karnevalsparty direkt ins Büro gekommen. Inzwischen hatte sie ein umfassendes »Geständnis« abgelegt.

Carneval in New York.

Auch so eine europäische Erfindung, die sich noch ein kleines bisschen schwer tat, auf diesem Kontinent endgültig Fuß zu fassen.

Aber immerhin - die Idee befand sich unaufhaltsam auf dem Vormarsch.

Der rheinische Karneval wurde zu einem sprachlichen Importartikel wie weiland »Sauerkraut« und »Kindergarten. Für beide gab es im Amerikanischen noch heute keine Entsprechung im Wortschatz.

»Fasking« sagten sie neuerdings zwischen Atlantik, Pazifik und Hawaii, wenn sie »Fasching« meinten.

Auch kein Wunder.

Der Freistaat Bayern hatte seit Kriegsende schließlich mehr als acht Millionen Gastsoldaten als Durchgangslager gedient.

Bount Reiniger versuchte, June March aus ihrer Sattheit in die karge Wirklichkeit zurückzuholen. Schließlich war er ja nicht nur hierhergekommen, um weizenblonde Minnesota-Girls abzufüttern. Doch sie hatte diesen kulinarischen Liebesdienst mehr als verdient!

June war schlicht einzigartig.

Trotzdem juckte ihn der Schlüssel in der Hosentasche. Der Schlüssel zu einem Schließfach mit einer Nummer und einem roten Punkt.

»Auf geht’s, Mädchen.«

»Wie?«

»Vielleicht gehen wir jetzt auf Schatzsuche. Ich habe da so meine Ahnungen. Jedenfalls bin ich sicher, dass wir bislang nicht beobachtet wurden. Ausgeschlossen. Niemand scheint etwas von einem Bruder Hasenführer in Englewood zu wissen. Und von uns auch nichts. Wir bewegen uns auf neutralem Territorium, wie es scheint.«

June schaltete schlagartig um.

Als könne sich Champagner im Bauch plötzlich in Wasser verwandeln.

Wohin führte dieser Schlüssel aus Malcolm Murphys Brief nun wirklich?

Bount fuhr die Rolltreppen bis ins dritte Untergeschoss hinunter. June folgte ihm auf den Fersen. Dieses Essen, zu zweit in dieser überaus übersichtlichen »Oyster-Bar«, diese Ausgaben dafür - ihr Chef hatte lediglich total sicher sein wollen, dass sie nicht beschattet wurden. Alles schnöde Berechnung.

Nun. Sie ging auf, diese Rechnung, diese Be-Rechnung. Sie wurden mit Sicherheit nicht observiert. Keine irgendwelchen Feinde weder vor noch hinter ihnen.

In langen Reihen und vierstöckig übereinander, erstreckten sich die ölfarbengrauen Regale, für die der rote Punkt als Hinweis und Wegweiser galt.

Bis Bount Reiniger stoppte.

»Hier«, sagte er. »Hier sind wir richtig.«

Er schloss auf, der Schlüssel passte. Eine Anzeige verriet, dass das Fach für vierzehn Tage gemietet war. Sie waren gerade noch rechtzeitig gekommen.

Im Fach befand sich ein schlichter, abgewetzter Lederkoffer.

Bount bog die Lasche hoch, pfiff durch die Zähne, wühlte dann ein bisschen in den Scheinen, denn sie hatten nach wie vor keine Zeugen.

»Alles gebrauchte Lappen«, sagte er. »Bunt gemischt. Und Hundert-Dollar-Noten sind die größten im Verein. So um die fünfzigtausend Dollar ungefähr. Das habe ich im Griff. Ich fürchte, unser Malcolm Murphy lebt nicht mehr.«

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Bount sah durch die Scheibenwischer, die sich langsam bewegten, auf die Ampel und fuhr zum dritten Mal ein paar Zentimeter vor, weil er es nicht abwarten konnte, weiterzukommen. Und das, obwohl er es gar nicht so eilig hatte, die Fabrik zu erreichen.

Die vordere Hälfte seines champagnerfarbenen Mercedes 500 SL ragte jetzt in die 8. Avenue. Als er ein paar Kreuzungen weiter keine Wagen sah, missachtete er die rote Ampel und fuhr schnell durch die 14. Straße auf den um fünf Uhr morgens üblichen Verkehrsstau am Beginn des Fleischmarktes zu, der sich bis zur nächsten Straßenkreuzung zog.

50000 Dollar.

Wo kamen die her?

Die Kreuzung, an der die 9. Avenue und die Hudson Street auf die 14. Straße stießen, war vollgestopft mit Sattelschleppern und Pickups, deren Seitenwände mit Graffitis beschmiert waren und an den Laderampen des Markts vorbeifahren wollten. Dutzende von Lastwagen hatten sich in alle erdenklichen Winkel verkeilt und waren zum Stillstand gekommen; die Scheibenwischer bewegten sich von einer Seite auf die andere, die flachen Chromkappen der vertikalen Auspuffrohre wankten über den Fahrerhäusern, und die Fahrer stützten sich geduldig auf die Lenkräder.

Warum hatte Malcolm Murphy sterben müssen?

Die über die Lenkräder geduldig gebückten Fahrer warteten auf den einzigen Sattelschlepper, der sich von der Stelle rührte, um den Weg freizumachen. Und anschließend würden alle neun bis zehn Meter vorfahren und dann erneut festsitzen.

Bount hielt an und wartete. Er war jetzt nicht mehr ungeduldig. Der Truck, der sich zentimeterweise vorwärtsbewegte, war ein verchromtes und blinkendes Fahrzeug, auf dem in dicken braunen Lettern auf orangefarbenen Türen des Fahrerhauses Provo, Utah, stand.

Der Trucker schlug ein, um in weitem Bogen mitten auf die Kreuzung zu fahren, und dabei verfehlte seine Stoßstange andere Fahrzeuge nur um wenige Zentimeter. Ein New Yorker Linienbus, der kurz vor seiner Endstation leer war, stieß ein Stück zurück, um den Laster aus Utah vorbeizulassen. Und hätte dabei fast einen Fleischhändler in einem weißen Kittel umgefahren, der ein Wägelchen mit Fleischkisten durch die schmale Gasse schob, die hinter dem Bus und vor dem Lastwagen frei war.

Was würde Bount Reiniger bei Abe Scrooger und Dave Milestone erwarten?

Etliche Fahrer hupten, und in der frühmorgendlichen Luft vor dem Einsetzen der Dämmerung klang es wie die Nebelsignale von Schleppern auf dem East River. Der Busfahrer stieg auf die Bremse. Der Fleischhändler, von dem Bount vermutete, dass er längst einen Joint geraucht hatte und high war, ignorierte die Todesnähe, aus der er entkommen war, und bewegte sich im Zickzack nach einem lateinamerikanischem Rhythmus voran, den nur er allein hören konnte, während sein Haar im Sprühregen glitzerte. Er hatte sich den Kopfhörer eines Walkman über die Ohren gestülpt.

Bount Reiniger mogelte sich durch. Samt der 326 PS, die sein Wagen unter der Haube hatte. Hier halfen sie ihm gar nichts. Er kam trotzdem ohne jede Karambolage ab. Der Mercedes war überraschend wendig.

Ein paar Minuten später parkte er auf dem Bürgersteig der 9. Avenue und bahnte sich einen Weg durch das Lastwagenlabyrinth. Der Beton, der von einem dünnen Film aus tierischem Blut glitschig war, verlangte nach schweren Gummistiefeln und nicht nach den lederbesohlten Gucci-Tretern, die Bount Reiniger trug.

Er tastete sich behutsam durch die endlosen Rinderhälften und Gliedmaßen von Schlachtvieh voran, die an den eingleisigen Förderbändern herunterhingen. Von den stählernen Vordächern über dem Bürgersteig hingen nackte Glühbirnen, die zu schwach und zu hoch oben angebracht waren, als dass sie viel genutzt hätten. Männer, deren Kittel noch vor einer halben Stunde weiß gewesen waren, waren jetzt von Blut nahezu rubinrot eingefärbt.

Hunderte von Lämmern, die an den Hinterfüßen über einem Förderband aufgehängt waren, wurden von einem Sattelschlepper aus über den Bürgersteig transportiert; ganze Kadaver, die noch nicht gehäutet waren, vollständig bis auf die Eingeweide, und ihre Augen blickten starr auf den Bürgersteig herunter.

Bount war beinahe froh, als er eine ähnliche Anlage für Rind- und Kalbfleisch entdeckte. Die Tiere wurden ohne Kopf und bereits halbiert oder gevierteilt angeliefert. Das erleichterte es einem, zu vergessen, dass sie noch am Vortag glücklich gemuht und sich zärtlich schmusend aneinander gerieben hatten.

Dann fand er das Geschäft von Abe Scrooger und Dave Milestone, die S & M Incorporated. Die Tür stand offen. Bount blieb stehen, um die Fließbandarbeiter bei ihren Tätigkeiten zu beobachten. Sie ließen kleine Dampfwolken in die süßlich riechende Luft aufsteigen, wenn sie ausatmeten. Es war schrecklich kalt. Höchstens zwei Celsiusgrade über Null. Im Hintergrund ein Gerät, das wie die Mischmaschine in einer Bäckerei aussah. Daneben eine automatische Konservenabfüllstation. Ein Stahlrohrtisch in der Ecke war leer.

»Was wollen Sie hier?«

Ein bulliger Schwarzer hatte ihn angesprochen. Seine muskulösen Unterarme waren bis zu den Ellenbogen in Blut getaucht.

»Ich möchte entweder Mister Abe Scrooger oder Mister Milestone sprechen. - Ich bin Rechtsanwalt«, fügte er geistesgegenwärtig hinzu. Er sah ja nun wirklich nicht aus, als ob er in diese Gegend gehörte. »Es geht um eine Erbschaftsangelegenheit.«

»So? Na, dann folgen Sie mir mal.«

Sie gingen auf eine schmale Treppe aus Gitterrost zu. Sie führte neben einem Durchgang zu den Kühlräumen steil nach oben. An ihrem Ende befand sich eine Art Glaskäfig, von dem aus man das Fließband durch eine durchgehende Fensterscheibe überwachen konnte. Vier Neonstäbe an der Decke verbreiteten bläuliches Licht. Je höher Reiniger kam, umso wärmer wurde es. Der Schwarze war unten stehen geblieben.

Das Büro war nicht besonders groß. Von den drei Schreibtischen war einer verwaist. Auf den anderen stapelten sich Türme von Papier und Akten und einige Telefonapparate. Der süßliche Geruch nach Blut überlagerte die Atmosphäre auch hier, nur wirkte er wegen der Wärme noch unangenehmer. Die Herren Milestone und Scrooger stanken mit ihren herb männlichen Rasierwässerchen vergeblich dagegen an. Weil Namensschilder aus graviertem Messing vor ihnen aufgestellt waren, hatte Reiniger keine Schwierigkeiten mit ihrer Identifizierung.

Beide waren sie um die Fünfzig, und beide standen sie gut im Fleisch und trugen Maßanzüge. Doch da hörten die Gemeinsamkeiten auch schon auf.

Während Abe Scrooger die Figur eines gedrungenen Bullen in seinen Sessel gepflanzt hatte, erinnerte Milestone eher an einen rosa Pingpongball. Alles an ihm war rund und quirlig. Sogar die blassblauen Äuglein, mit denen er den frühen Besucher jetzt musterte. Konnten Mastspanferkel eigentlich blassblaue Augen haben? Die patschigen Kinderhändchen waren ständig in Bewegung wie bei einem Baby, das in verfrühten Alpträumen lag. An der Linken fehlte der kleine Finger. Ein Zeichen wohl dafür, dass er seine Karriere einst ebenfalls am Fließband begonnen hatte.

Doch es war Scrooger, der Bount Reiniger ansprach. Seine Stimme dröhnte dem mächtigen Brustkorb entsprechend. Er hatte das Resonanzvermögen einer Bassgeige. Die durchgehende Fensterscheibe klirrte. Von unten klangen die Geräusche nur gedämpft herauf.

»Womit können wir Ihnen dienen?«

Er fläzte breit und wuchtig, Pranken wie Maurerschaufeln auf die Tischplatte gestützt. Der Beringung seiner Finger nach stammte er aus dem Zuhältermilieu, denn da glitzerte eine Menge Gold und Edelstein. Ebenso wie an seinen blütenweißen Manschetten, aus denen die behaarten Fäuste wie die eines Gorillas hervorragten. Am linken Ohr baumelte ein mit Diamantsplittern besetzter Platinring. Die fettigen Haare fielen ihm in wilden Locken auf die mit Schuppen übersäten Schultern. Wenn er seinen Kopf schüttelte, musste das aussehen, als sei gerade Frau Holle am Werk.

Bount räusperte sich. Für einen Moment hatte ihm dieser Anblick die Sprache verschlagen. Gleichzeitig zog er mit geübtem Griff eine Visitenkarte aus seinem Jackett. Er hatte viele von diesen nützlichen Kärtchen, und auf keinem stand sein wirklicher Beruf. Er griff die Richtige wie ein geschickter Salonzauberer.

»Helm Reuter«, sagte er. »Dr. Helm Reuter, Rechtsanwalt von Reuter & Sons. Könnte ich bitte Mister Malcolm Murphy sprechen?«

Die Karte war nach elegantem Flug zwischen Scroogers Ellbogen gelandet. Der hob sie dicht an die Augen. Entweder er hatte Schwierigkeiten mit der Orthographie, oder er war extrem kurzsichtig.

»Rechtsanwalt?«, vergewisserte er sich. Aus seinem Mund klang das wie eine Beschimpfung. »Warum rufen Sie nicht einfach an, wenn Sie was von uns wollen? Dann hätten sie sich den Weg sparen können.« Er zog die aufgeworfenen Lippen in die Breite. Denn Mr. Scrooger war obendrein auch noch Mulatte. »Mister Murphy, dieses Aas, ist vor zwei Wochen von uns gegangen.«

Reiniger hob in gespieltem Erstaunen die Brauen.

»Was? Er ist verstorben?«

»Unsinn!«, mischte Dave Milestone sich nun ein. Er kläffte schrill wie ein aufgebrachter Spitz. Bount hatte diese Hunderasse noch nie ausstehen können. »Mein Partner meint, dass er uns von einem Tag auf den anderen im Stich gelassen hat. Ohne uns vorher auch nur einen einzigen Ton zu sagen.«

»Er war doch als Buchhalter bei Ihnen beschäftigt, nicht wahr? Ist Mister Murphy etwa gar mit der Portokasse durchgegangen? «

Die beiden Männer wechselten einen kurzen Blick, der versteckt gewesen sein sollte. Bount bemerkte ihn trotzdem. Milestones rosige Gesichtsfarbe war sogar ein bisschen ins Leichenhafte gewechselt.

»Nein, nein«, wehrte er dann viel zu hastig ab. »Nichts dergleichen. Er hat einseitig fristlos gekündigt. Das ist alles.«

Einen Teufel ist das!, dachte Reiniger. Doch er sagte: »Und Sie haben nicht zufällig eine Vermisstenanzeige aufgegeben?«

Der runde Milestone zuckte die kaum vorhandenen Schultern. Offenbar hatte er hier das Sagen, während sein bulliger Partner wohl mehr für das Gröbere zuständig war. Leute seiner Statur setzten Wucherer bei ihren Kunden gern als Geldeintreiber ein.

Milestone verzog seinen Mund zu einem gequetschten »O«. Bount erkannte erst später, dass das ein spöttisches Lächeln sein sollte.

»Dazu bestand kein Anlass, Mister Reuter.«

»Ach ja. Ich verstehe schon«, murmelte Bount. »Bin ich der Hüter meines Bruders ...?«

»Was sagten Sie?«

Bount winkte ab.

»Schon gut. Nichts von Bedeutung. Aber seine Adresse werden Sie mir doch verraten können.«

»Was wollen Sie eigentlich von ihm?« Abe Scrooger hatte sich eingemischt mit seinem dröhnenden Bass.

»Eine Erbschaftsangelegenheit«, wiederholte Reiniger schnell. »Nichts, was Sie direkt berühren würde.«

Scrooger hatte die Visitenkarte immer noch in seinen Pranken. Er fixierte Bount aus blutunterlaufenen Augen.

»Ein Rechtsanwalt wollen Sie also sein, eh?« Anschließend wandte er sich an Milestone. »Hat sich so ein Rechtsverdreher schon jemals früh um fünf bei uns im Fleischerviertel sehen lassen? Ich sag dir, Dave: Dieser Kerl ist ein Betrüger!«

Oha. In Reinigers Kopf klingelten die Alarmsirenen. Abe Scrooger hatte also entgegen allem Anschein nicht nur Muskeln zwischen den Ohren!

»Ich sag dir eins, Dave!«, fuhr er ebenso gnadenlos wie vollmundig fort. »Das ist irgendein Schnüffler von unserer Konkurrenz. Wenn ich nicht recht hab’, fress ich 'ne komplette tiefgefrorene Rinderhälfte samt den Knochen.«

Reiniger traute ihm dieses unappetitliche Kunststück durchaus zu. Scrooger sah nicht nur aus wie ein Gorilla. Er hatte auch denselben Zahnarzt wie King Kong. Deswegen zog Bount sich ein wenig in Richtung Tür zurück.

Aber da hatte der Mann bereits einen Fleischerhaken aus dem Papierwust auf seinem Schreibtisch gezogen. Benutzte er ihn als Briefbeschwerer? Das anmutig gebogene Stück Metall blinkte nagelneu im blauen Schein der Neonröhren.

»Und jetzt will ich wissen, wer du wirklich bist!« Drohend hatte er sich zu seiner vollen Lebensgröße erhoben, und selbst wenn er noch halb gebückt dastand, wie jetzt, überragte er Bount Reiniger noch um einen halben Kopf. Allmählich begann Bount der Schweiß auszubrechen.

Seine 38er Smith & Wesson Automatic lag hervorragend aufbewahrt im Handschuhfach seines Mercedes.

Unter diesen Umständen bestand er nicht länger auf der Fortsetzung dieses Gesprächs, das ohnehin nur dazu dienen sollte, die Inhaber der S & M Incorporated etwas näher kennenzulernen. Nun, der Zweck seines Besuchs hatte sich damit erfüllt. Er konnte wieder gehen.

Wahrscheinlich im Tempo eines 100-Meter-Sprinters. Er hätte in diesen Sekunden gern Jesse Owens geheißen. Doch die Treppe aus Gitterrost hätte er damit vermutlich auch nicht schneller genommen. Die Türklinke hielt er schon in der Linken hinter seinem Rücken.

»Wir wollen doch nichts überstürzen, meine Herren«, versuchte er noch zu warnen, die sichtbare Rechte zum beschwichtigenden indianischen Friedensgruß erhoben.

Aber wahrscheinlich kannte Scrooger die Sitten und Gebräuche der amerikanischen Ureinwohner nicht einmal aus den Fenimore-Cooper-Märchen vom Wildtöter und dem Letzten Mohikaner. Kein Verlass auf das heimische Bildungssystem für wild gewordene, Fleischerhaken schwingende und vermutlich in bösen Streetgangs aufgewachsene Mulatten.

Bount entschloss sich endgültig zum Rückzug.

Er wollte nicht als wüst ruinierte Leiche im weltweiten Fernsehen herumgezeigt werden. Sein Popularitätsgrad war ihm jetzt schon fast zu hoch. Deshalb riss er die Tür ganz, ganz schnell auf und verfügte sich auf die kleine Plattform, ehe die Stufen begannen, das urweltliche Brüllen Scroogers hinter sich.

»Lasst ihn nicht laufen, Leute! Haltet ihn fest!«

Die Fließbandarbeiter sahen auf, obwohl es laut war in der eisgekühlten Halle. Acht Puerto Ricaner und sechs Schwarze. Alle mit riesigen, blitzscharfen Messern und Äxten gerüstet. Motorsägen gab es auch. Besonders die Schwarzen sahen zudem aus, als würden sie sich nach Feierabend die Zeit mit Catchen vertreiben.

Bount flankte gleich über den Handlauf. Gut gemeint, aber töricht gehandelt. Er hatte die glitschige Landefläche nicht bedacht. Prompt rutschte er aus und durfte einen weiteren Anzug aus seiner Kollektion für immer abschreiben. Keine Reinigung würde diese Sauerei jemals wieder beseitigen wollen. Er schlitterte über den Fliesenboden hinüber zu jener seltsamen Teigmaschine und stoppte erst, als er mit den Füßen von einer Wand aufgehalten wurde.

Er federte sich ab und rutschte rückwärts. Beim Sturz hatte er sich offenbar keinen Knochen gebrochen. Doch was noch nicht war, konnte ja noch werden.

Bount kam auf dieser schmierigen Masse so gut in Fahrt, dass er den ersten Angreifer, einen vergleichsweise schmächtigen Latino von nur knapp zwei Zentnern, umfegte wie eine Bowling-Kugel den Königskegel. Der Mann torkelte über ihn, Bount entriss ihm das Schlachtmesser, damit der Bursche sich nicht versehentlich verletzte. Jetzt war er wenigstens ein bisschen bewaffnet.

Bount war genau unter das Förderband zu liegen gekommen. Dort rutschte es sich fast noch besser. Wie auf Schmierseife glitt er dahin, in der sicheren Deckung des breiten Lederbandes über ihm, auf den Ausgang zu.

Links und rechts von ihm ziellos herumstapfende Gummistiefel, heisere Schreie und scheußlicher Abfall. Er war schon bequemer und vor allem nicht gar so mit Blut um sich spritzend geflohen. Damit der rote Saft besser zum nächsten Gulli fließen konnte, war die mannbreite Rinne unter dem Fließband leicht abschüssig. Er kam recht gut voran.

Es war ein Horrortrip. Draußen begann der Tag. Vor ihm ein graues Quadrat.

Reiniger kam schneller auf die Beine, als seine Verfolger denken konnten. Das lag ihnen vermutlich ohnehin nicht sehr, wenn sie diesen Job ausübten. Er setzte abgestumpfte Gehirne voraus.

Schon war er draußen auf dem Bürgersteig und auf der überfüllten Straße. Der Verkehr hatte an Betriebsamkeit noch zugenommen. Er sah auch einen guten alten Bekannten wieder, den Sattelschlepper aus Provo, Utah. Der Container lag hoch genug auf, dass er unten durchkraxeln konnte, ohne sonderlich an Geschwindigkeit zu verlieren. Auf der anderen Seite Sägespäne. Frische, saubere Sägespäne. Eine wahre Wohltat.

Bount suhlte sich versehentlich darin und rannte dann holzgepudert weiter.

Er kam sich wie ein paniertes Wiener Schnitzel vor.

Den Schinkendolch hatte er in der Hetze auch noch verloren. Er brauchte ihn nicht mehr. In diesem Menschen- und Kadavergewusel gerann jeder Gedanke an eine weitere Verfolgung zur nackten Illusion.

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»Verflucht!«, donnerte Abe Scrooger aus vollem Herzen.

»So ein gottverdammter Mist!«, fügte Dave Milestone im schrillsten Falsett dazu.

Eben hatten sie erfahren, dass ihnen der Kerl entwischt war. Die meisten ihrer Arbeiter hatten sich bereits wieder unten in der kalten Halle versammelt und starrten zum Bürofenster hoch.

»Wieder an die Arbeit, ihr Versager!«, brüllte Scrooger hinunter. »Glaubt ihr, wir bezahlen euch fürs Maulaffen feilhalten?«

Wütend wandte er sich ab, während die Männer mit gesenkten Köpfen wieder ans Fließband gingen.

»Was machen wir jetzt, Dave?«

»Reg dich wieder ab. Es ist schlimm genug, dass uns die letzte Monatsprämie durch die Lappen ging. Aber daran sind wir letztendlich selbst schuld. Wir sind zu sorglos geworden, Abe. Zu weich.«

Scrooger musterte sein schwammiges Gegenüber unter einer gerunzelten Stirn.

»Und das sagst ausgerechnet du?«

»Du weißt haargenau, wie’s gemeint war. Den Koffer einfach im Büro stehen zu lassen wie einen leeren Schuhkarton. Wir hatten einfach Murphys Neugier unterschätzt und seinen Sklavengehorsam.«

Scrooger schniefte.

»Sie ist ihm nicht bekommen, diese Neugier. Aber das Geld ist trotzdem weg.«

»Was musstest auch auskeilen wie ein Ochse.«

»Kann ich was dafür, wenn der Hund ’nen Schädel wie ’ne Bierschale hat?«

»Komm, lassen wir das. Wir können den Verlust verschmerzen. Schreiben wir ihn auf das Konto Leichtsinn ab. So eine Unachtsamkeit wird nicht mehr vorkommen.«

»Und dieser Fremde eben? Der war doch nie ein Anwalt.«

»Das weiß ich inzwischen auch«, antwortete Dave Milestone mürrisch. »Anwälte können nicht so flitzen.«

»Außer sie sind hinter Geld her«, schränkte Scrooger ein.

In diesem Moment wurden auf der Treppe Schritte laut. Es klopfte. Draußen steckte Torry Cerano den hageren Kopf mit den schwarz gekrausten Haaren hoch. Er war der Letzte, der zurückkam. Eigentlich war er immer der Letzte. Auch beim Drücken der Stechuhr.

»Ja?«, blaffte Scrooger. »Hast du blindes Huhn etwa ein Korn gefunden?«

Ein schüchternes Nicken.

»Na, dann komm doch endlich rein, du Pflaume.«

Der Puerto Ricaner folgte der Aufforderung nur zögernd. Zu oft schon war er mit dem cholerischen Temperament Abe Scroogers konfrontiert worden. Wenn er wollte, schlug er jeden von ihnen zu Brei. Auch den körperlich stärksten ihrer Crew.

»Ich blieb ihm auf den Fersen, Sir«, erklärte er. »Er lief vor zur neunten Avenue. Und dort stand ein dicker Wagen. Die Marke kenne ich nicht. Ein Europäer oder Japaner. Es ging zu schnell. Er warf sich einen alten Trenchcoat über, und schon brauste er los.«

Abe Scrooger bebte. An den Schläfen schwollen Zornesadern an.

»Und das ist alles, du Trottel? - Du bist entlassen!«

»Stopp, Abe!« Dave Milestone hatte sich erhoben, wenn auch sehr mühsam. »Mit dieser Nachricht allein hätte er sich doch nie heraufgetraut. - Also. Was ist, Junge?«

»Ich hab das Kennzeichen«, platzte Torry Cerano befreit heraus und wies auf seine Schürze.

Er hatte mit dem Finger einen frischen Blutfleck auseinandergeschmiert. Buchstaben und Zahlen waren gerade noch zu erkennen.

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6

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Bis die March erschien, war Bount Reiniger geduscht und umgezogen, hatte ausgiebig gefrühstückt, und sein teurer Anzug lag im Müllschlucker. Der alte Mantel auch. Hoffentlich versaute er den Abfall nicht damit.

Während June den obligaten Morgenkaffee braute, erstattete Bount Bericht. Nicht, weil das notwendig gewesen wäre oder er unter ihrem Pantoffel stand, sondern weil diese blonde kleine Maus auch eine Menge Köpfchen hatte und aus ihm manchmal blendende Ideen gebar. Auch hörte sie zu, ohne ein einziges Mal zu unterbrechen. Angeblich auch keine Selbstverständlichkeit bei einer Frau.

»Fertig?«, fragte sie anschließend.

»Danke. Reicht dir das noch nicht?«

»Armes Chefchen. Du hättest beim Betrügen bleiben sollen.«

»Das ist alles, was dir dazu einfällt?«

»Natürlich nicht. Du hast die beiden also jetzt am Haken.« Sie grinste. »Rein sinnbildlich gesprochen. Realiter scheint sich die Sachlage ja eher umgekehrt zu verhalten.«

»Sie haben mich nicht erkannt«, meinte Reiniger in einem Anflug von Trotz.

»Und wenn schon«, konterte die March. »Sie haben deine Personenbeschreibung. So weit ich weiß, bist du schließlich nicht maskiert bei ihnen aufgetaucht.«

»Ich hasse falsche Bärte!«

»Eben. Und wenn sie solche Leute sind, für die du sie hältst, dann werden sie mit dieser Personenbeschreibung auch Mittel und Wege finden, deinen Namen festzustellen. An deiner Stelle würde ich in den nächsten Tagen nicht mehr ohne Panzerbegleitung durch Manhattan fahren. Hin und wieder hat das Prominentsein auch seine Schattenseiten. Vielleicht solltest du anfangen, kleinere Honorarforderungen zu stellen.«

»Na gut«, erwiderte Reiniger grimmig. »Dann mache ich den ersten Schritt in eine neue Zukunft und kürze dein Gehalt um die Hälfte.«

»Uh.« Die March bewegte sich um keinen Millimeter. Sie zuckte nicht mal mit der Wimper. »Du musst nicht alles gleich so ernst nehmen. Du hast ja auch noch Mama June, die auf dich aufpasst.«

»Und wenn das Rollkommando heute Nacht in meine keusche Bude bricht?«

Nun blinzelte sie doch.

»Ich werde darüber nachdenken. Aber vorher habe ich noch einen besseren Einfall. - Wie wär’s, wenn du mich heute Abend ausführst?«

»In die Metropolitan oder in den Madison Square Garden«, meinte Reiniger gallig. »Oder gibt es inzwischen irgendwo noch höhere Eintrittspreise?«

»Werd’ nicht kindisch, Bount. Du hasst Bärte, und ich hasse unnötige Ausgaben.«

»Ja. Von deinem Geld!«

Auch über diesen Einwand setzte sich das kapriziöse Minnesota-Girl souverän hinweg. Stattdessen hockte sie sich hinter ihren Schreibtisch, kramte in einer labberigen Damentasche, so groß wie ein Reisekoffer von Etienne Aigner und gewiss nicht billiger, und zog eine Zeitung heraus.

»Hier«, sagte sie triumphierend. »Hier gehen wir hin!«

Reiniger schauderte zusammen. Ausgerechnet die »Village Voice« von gestern hatte sie auf den Tisch gelegt. Aber sie ignorierte auch diese Reaktion und fing an zu blättern.

Ein violett lackierter langer Fingernagel suchte die Spalten rauf und runter wie der Cursor auf einem Computerbildschirm. Dabei lugte ein rosa Zünglein eifrig zwischen ihren vollen Lippen heraus, als wollte es mitlesen.

»Ach, da haben wir’s ja«, meinte sie, schon fast auf der vorletzten Seite angelangt, und drehte das Käse- und Veranstaltungsblatt für Bount zurecht. »Da. Lies selbst.«

Die Notiz war nur kurz, und sie besagte, dass Mr. David Nathaniel Milestone am heutigen Abend eine der immer beliebter werdenden Maskenpartys in seinem Penthouse abhielt. Geladen waren nur engste Geschäftsfreunde.

Und ein gutes Dutzend Callgirls, fügte Bount in Gedanken hinzu.

Die Redakteure der »Village Voice« hatten es sich sowieso nicht nehmen lassen, an diese Stelle ein paar Punkte zu setzen ...

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Während Reiniger seinen Mercedes nun schon zum zweiten Mal an diesem Tag zur Downtown hinuntersteuerte, ging es in seinem Gehirn zu wie in einem Bienenstock.

Aber nicht, dass er noch länger an Callgirls gedacht hätte. Nein, etwas anderes beschäftigte ihn viel mehr.

Der Blick, den die beiden sich zugeworfen hatten, zum Beispiel als er die Portokasse erwähnte.

»Hübsche Portokasse«, murmelte er im Selbstgespräch. »Mit fünfzigtausend Dollar drinnen.« Sie hatten das Geld noch gestern Nachmittag gezählt. Die Summe stimmte auf den Cent genau. Keine durchlaufenden Nummern, gemischte Sortierung, alles gebrauchte Scheine.

Doch wie war Malcolm Murphy da rangekommen? Als Buchhalter!

Blieben eigentlich nur zwei Möglichkeiten. Entweder er war seinen beiden Chefs auf irgendwelche finanztechnischen Schliche gekommen und hatte sie in einem Anflug falschen Heldenmuts erpresst, dieser dumme Tropf, oder er hatte die Penunze schlicht geklaut.

Bount hatte auch noch die Herkunft dieses Mitteldings aus schäbigem Koffer und aus dem Leim gehender Aktentasche herauszufinden gesucht. Nichts zu machen. Niemand benützte mehr so etwas. Im Zeitalter der praktischen Plastiktaschen und der Umweltverhunzung hätten sogar die Penner in der Bronx bei ihrem Anblick nur beleidigt die rotzigen roten Alkoholikernasen gerümpft. Also Fehlanzeige.

Aber rangekommen war er. Und mit Sicherheit auch ertappt worden. Irgendwelche weitere schriftliche Mitteilung hatte es ebenfalls nicht gegeben in diesem Koffer. Es existierte nur dieser eine Brief an Bruder Willy. Das Geld lag inzwischen in Reinigers Safe. Schwarzes Geld mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit.

Bount hob die Schultern und ließ sie wieder fallen. Wenn er so weitermachte, handelte er sich nur satanische Kopfschmerzen ein. Der Schädel brannte ihm jetzt schon wie eine Fackel.

Nachfragen bei seinen New York Police-Freunden über irgendwelche mysteriöse Leichenfunde in den letzten vierzehn Tagen hatten zwar eine Fülle von Material ergeben. Doch Malcolm Murphy war nicht dabei gewesen. Er hatte während der McCarthy Ära seinen Wehrdienst abgeleistet, und damals sammelte das FBI die Fingerabdrücke wie die Stasi inoffizielle Informanten. Gegen ihr Archiv war das der Staatssicherheit allein schon von der räumlichen Ausdehnung her nur eine bessere Besenkammer.

Bount bog von der Park Row in die Fulton Street. Er war schon fast am Ziel, und sein Ziel hieß Fletcher Street 25/12.

Hier waren die Straßen keine Schluchten mehr. Die edlen Wolkenkratzer rückten von der Lower Eastside ab, als wollten sie sich nicht schmutzig machen. Besonders viel konnte die S & M Incorporated ihrem Buchhalter nicht bezahlt haben, wenn er in einem dieser Hunger-Flats gehaust hatte. Die Häuser in der Fletcher Street sahen alle aus wie kariöse Rattenzähne. Brandruinen dazwischen zeugten davon, dass auch hier schon rührige Immobilien und Grundstücksmakler munter zugange waren.

Bount stellte seinen Wagen in einer Seitengasse zur Wall Street ab. Gigantisches Elend und gigantischer Reichtum lagen hier nur einen Steinwurf auseinander. Von seinem Stellplatz aus zu seinem Ziel waren es gerade dreihundert Yards. Bount legte sie im Spaziergängertempo zurück und hielt die Augen offen.

Diesmal war er in ausgebleichten Jeans, rotgrün kariertem Flanellhemd und einer abgewetzten Lederjacke aus seinem champagnerfarbenen Cabrio gestiegen. Es ging auf Mittag zu, und eine bleiche Märzsonne hing im Smog. Von Frühling und Touristen keine Spur.

Er hatte die Hände flach in die engen Hosentaschen gesteckt. Die 38er Automatic steckte, von der Jacke verdeckt, hinten im Hosenbund. Das Magazin war bis zur letzten Kammer voll. Eine Patrone befand sich im Lauf. So eine Rutschpartie wie heute früh wollte er nicht noch einmal erleben.

Bount entdeckte den Schwarzen, wie er sich gerade in einen Billardsalon auf der anderen Straßenseite verdrückte. Es war derselbe Mann, der ihn am Eingang zu Milestones und Scroogers Akkordfleischerei abgefangen hatte. Bestimmt wussten die beiden nichts davon. Sonst hätten sie einen anderen geschickt. So dumm waren sie nicht, ihm einen Bekannten aufs Auge zu drücken. Aber immerhin stand fest, dass June sich nicht getäuscht hatte. Mittlerweile wussten sie, dass er Privatschnüffler war. Doch andererseits konnten sie ihre Information nicht von einem der wirklich Eingeweihten haben. Niemals hätten sie in diesem Fall einen ihrer eigenen Leute, sondern einen Spezialisten herbeordert, damit er Malcolm Murphys Haus überwachte. Vermutlich nur, um für alle Eventualitäten gewappnet zu sein.

Telefonierte dieser Kerl gerade in diesem Augenblick? Holte er Verstärkung herbei? Oder sah Reiniger inzwischen schon Gespenster.

Doch. Das war der Schlachter aus der 9. Avenue gewesen. Ihre Blicke hatten sich kurz gekreuzt, und Bount spürte es, wenn ein Mann ihn wiedererkannte. Trotzdem ging er weiter. Der Druck neben seiner Wirbelsäule übte eine enorm beruhigende Wirkung auf ihn aus.

Er betrat das Gebäude mit der verblassten aufgemalten Nummer 25. Die römische Zwei dahinter bedeutete nicht etwa den zweiten Stock, sondern das Hinterhaus. Deshalb durchquerte Bount den langgestreckten dunklen Flur an einer Treppe vorbei, bis er die Rückfront erreichte und es wieder heller wurde. Nach einer Biegung eine halb verglaste Tür. Das Glas war durch Pergamentpapier ersetzt worden. Die Klinke fühlte sich klebrig an, die Angel quietschte wie eine auf Hygiene bedachte anständige amerikanische Hausfrau aus dem Mittleren Westen beim Anblick einer Maus.

Danach stand er in etwas, was früher wohl mal als Garten oder Wäscheplatz gedacht gewesen war. Jetzt glich das gras- und strauchlose schmale Rechteck einer Müllkippe. An den Rändern lag der Dreck dichter und höher. Dort hatten die Leute ihren Abfall aus dem Fenster geworfen. Es stank nach verfaulten Lebensmittelresten und seltsamerweise auch nach verbranntem Gummi. Ein Trampelpfad führte durch all diesen Unrat auf die andere Seite. Die Geräusche der Straße erreichten diesen Hof nicht mehr. Das Summen von Schmeißfliegen lag in der Luft. Kein Mensch zeigte sich.

Derselbe Grundriss, nur spiegelbildlich, auch hier. Bount stieg eine knarzende Treppe hinauf. Schon als das Gebäude vor der Jahrhundertwende errichtet worden war, war es für die Armen der Arbeiterklasse gedacht gewesen. Für die Tagelöhner von den nahen Piers. Manchmal führte Reinigers Job ihn auch in solche Buden. Deshalb fand er sich sofort zurecht.

In diesem Haus waren die Wohnungen Schläuche, die im Lauf der Jahre nicht umgebaut worden waren; zwei lange, schmale Wohnungen auf jeder Etage, die sich jeweils über die gesamte Breite des Gebäudes zogen und pro Stockwerk nur eine Toilette mit einer Kette zum Ziehen hatte, die sich zwei Familien teilten und deren schmale Tür ins Treppenhaus führte.

Malcolm Murphy hatte laut seinem Bruder eine Wohnung im dritten Stock des fünfstöckigen Hauses ohne Aufzug bewohnt. Bount sah, dass es die linke war. Das Türschild war mit der selben kalligraphischen Sorgfalt gemalt worden wie der Brief nach Englewood.

Am Schloss hatte sich sichtlich jemand zu schaffen gemacht. Ein Stümper. Denn um es sauber zu öffnen, hätte schon der Schlüssel einer Büchse Ölsardinen gereicht. Bount nahm trotzdem sein Dietrichbesteck aus der Jackentasche, nachdem er ein paar Sekunden hinüber zur anderen Wohnung gelauscht und keinen Laut gehört hatte.

Die Tür sprang beinahe wie von selbst auf. Bount hatte den Dietrich gegen seine 38er vertauscht, doch außer muffiger Stille bemerkte er nichts. Keinesfalls jedoch war hier eine Leiche aufbewahrt. Verwesungsgeruch war ihm nur zu gut vertraut. Leider.

In einem Lichtstrahl vom Fenster her tanzten Staubpartikel und hüllten den übrigen Raum in Dunkel. Reinigers Augen brauchten eine Weile, bis er etwas anderes sah. Danach stand eines fest: Eine Putzfrau hatte sich keinesfalls vor ihm als letzte Person hier aufgehalten. Hier schien ein Orkan gewütet zu haben.

Bount war vom Treppenhaus direkt in ein ehemaliges Wohnzimmer gelangt, etwa vier Meter im Quadrat. Nicht einmal den Fernseher und den Radioapparat hatten diese Vandalen verschont, die die Einrichtung förmlich in ihre Einzelteile zerlegt hatten. Sogar das Spülbecken war zertrümmert. Nein. Hier würde er nichts mehr finden.

Wie erwartet, ein ähnlicher Anblick in den beiden angrenzenden Schlafzimmern, wobei eines jedoch als eine Art Studier- und Lesestube eingerichtet gewesen war. Bücher bedeckten den Boden. Bount Reiniger entdeckte Titel von Aristoteles bis zu Nietzsches Zarathustra. Kein einziges belletristisches Werk. Dieser Malcolm Murphy musste ein sehr einsamer Mensch gewesen sein, wenn er sich so in die Vergangenheit vergrub. Allmählich bekam Bount ein immer deutlicheres Bild von diesem Mann. Und mit derselben Geschwindigkeit stieg auch seine Wut auf dessen Mörder.

Denn für ihn war es seit seinem Besuch bei der S & M Inc. keine Frage mehr, dass Malcolm Murphy nicht mehr lebte. Der naive Willy machte sich seine Hoffnungen umsonst.

Wie gab er ihm diese bittere Pille nur zu schlucken?

Hier hatte jemand zweifellos nach etwas gesucht. Und nicht gefunden, natürlich nicht. Die 50000 Dollar lagen sicher in Bount Reinigers Tresor. Es hatte keinen Zweck, sich noch länger hier aufzuhalten.

Und Nachbarn befragen? Das Ganze konnte schließlich nicht ohne Lärm abgelaufen sein.

Doch dann verzichtete er darauf. Aus gutem Grund. In Gegenden wie dieser verhielten sich die Leute wie die berühmten drei Affen: Sie hörten, sahen und sagten nichts.

Hier gab es keinen Ausgang zu irgendeiner Straße oder Gasse. Vermutlich begann gleich hinter der Brandmauer ein weiteres Abziehbild dieses angeblichen Wohnkomplexes. Ihm blieb nur der Weg zurück. Bount schlug ihn mit größerer Vorsicht ein, als er ihn gekommen war. Vielleicht hatte der Kerl ja tatsächlich nur die Aufgabe gehabt, zu melden, ob und wann er hier auftauchte. Vielleicht aber hatte der Schwarze auch Verstärkung herbeigerufen.

Und dann blieb natürlich auch noch eine dritte Möglichkeit: Der Bursche war so strohblöd, dass er glaubte, es allein gegen einen Bount Reiniger aufnehmen zu können, bei seinem Catchertraining.

Na gut. Draußen auf der Straße würde er ihn bestimmt nicht erwarten. Und ebenso gewiss war, dass er die Örtlichkeiten hier bereits schon von vorher kannte. Also würde er jetzt vermutlich im dunklen Flur auf ihn warten. So halb oben auf der Treppe oder gleich hinter der Biegung zum Hinterausgang waren die besten Positionen.

Bount pfiff ihm was.

Ein Fenster zur rechten Parterrewohnung, von ihm aus gesehen, war nur angelehnt. Behutsam stieß er es ganz auf. Niemand kreischte Protest. Wieder lauschte und schnupperte er. Keine Küchendünste, kein Musiklärm. Nichts.

Bount wagte einen Klimmzug und brachte seinen Kopf über das Fensterbrett. Die Automatic hatte er zwischen die Zähne geklemmt. Sie schmeckte nach Waffenöl.

Er konnte nur den halben Raum überblicken. Wieder war es das Wohnzimmer, dessen eine Ecke gleichzeitig als Küche diente. Geheizt wurde mit alten Kohleöfen aus Gusseisen. Die Spüle war angefüllt mit schmutzigem Geschirr, auf dem Tisch standen und lagen die Dosen von zwei Sechserpacks Bier, sowie eine erste halb geleerte Schnapsflasche, einem weißen Korn, dem billigen Etikett nach. Nichts, was Reiniger freiwillig in sich hineingeschüttet hätte. Hier hatte jemand schon am Vormittag ganz elend gezecht.

Jetzt hörte er auch die Schnarchlaute. Sie kamen von der Seite, wo die kleinen Schlafzimmer lagen.

Bount riskierte es.

Eine weitere kurze Kraftanstrengung, und er hatte ein Knie auf dem Sims. Eine Sekunde später stand er auf einem übel angejahrten, schmutzigen Sisalteppich. Die Farben waren verblasst. Er musste noch älter sein als die gemalte Nummer 25 vorn am Eingang.

Die Tür zu dem einen Schlafzimmer stand offen. Bount sah ausgestreckte Beine mit zerrissenen Socken an den Füßen auf einer zerschlissenen Couch. Der Mieter dieses Flat schlief hart am Rande des Delirium tremens entlang. Von ihm hatte er nichts zu befürchten.

Der Schlüssel steckte innen. Die Sicherheitskette war eingehängt. Eine vollkommen überflüssige Ausgabe. Wer wollte in solch einer Kakerlakenbude schon etwas klauen. Bount hängte die Kette geräuschlos aus. Es ging ihm nicht um den Mann auf dem Kanapee. Es ging ihm um den Schwarzen draußen im Flur. Schon längst war die Smith & Wesson wieder in seiner Faust gelandet. Hoffentlich waren die Türangeln hier wenigstens ähnlich gut geölt wie die Kehle des Wohnungsinhabers. Jetzt wäre Reiniger etwas Lärm ganz recht gewesen.

Doch sie machte keinen Pieps, als er sie einen winzigen Spaltbreit aufdrückte und sein rechtes Auge nah an den Schlitz legte. Der Zeigefinger saß am Abzug. Die Waffe war entsichert.

Bount Reiniger hatte unwillkürlich den Atem angehalten.

Dann sah er ihn auch schon. Der schwarze Metzger hatte sich an der Ecke des Flurs links von ihm postiert und stand gegen die Wand gepresst. Auch hatte er offenbar geglaubt, ohne Waffe auskommen zu können. Nicht mal eines seiner netten Messer hielt er in den gesenkten und geballten Fäusten. Da steckte auch Bount die Knarre weg. Er schoss nie auf Unbewaffnete.

Stattdessen räusperte er sich. Was sollte er dem Mann schon anhaben können? Schließlich war es nicht direkt verboten, in fremden Hausfluren herumzulungern, wenn die Bewohner es einem so einfach machten. Wenn man nicht gerade in den Korridor pinkelte. Doch selbst dafür traf der Schwarze keinerlei Anstalten. Er stand nur da wie sein eigenes Denkmal aus glänzendem Basalt.

Jetzt allerdings nicht mehr. Das Räuspern hatte ihn aus seiner Starre gelöst. Er fuhr herum. Bount sah das Weiß in seinen Augen, den weit klaffenden Mund mit den starken Zähnen. Mochte der liebe Gott seine dunklen Kinder hinsichtlich ihrer Aufstiegschancen in dieser Welt auch mit mancherlei Nachteilen belastet haben - jedenfalls hatte er ihnen hervorragende Gebisse besorgt. Und wenn Reiniger an die amerikanischen Zahnarztrechnungen dachte, dann war das gewiss ein nicht zu verachtendes Stück Ausgleich.

»Hi«, sagte Bount mitten in die Verblüffung des Fließbandfleischers hinein. »Wartest du auf jemand?«

Die Schrecksekunde des Schwarzen war nur kurz. Er riss die geballten Fäuste hoch und ging in Kampfstellung.

Lustig seine perfekte Beinarbeit. Also doch kein Catcher. Ein Schwergewichtsboxer. Der Mann war höchstens fünfundzwanzig Jahre alt und dem bestimmt auch nicht schmächtigen Bount Reiniger körperlich weit überlegen.

Aber konnte er auch Karate? Taekwondo? Kung Fu oder das etwas aus der Mode geratene Jiu Jitsu?

Bount beherrschte all diese Arten fernöstlicher Sport- und Tötungsarten mehr oder weniger, hatte sie noch ergänzt durch einen reichen Schatz eigener Erfahrungen, als er es anlässlich einiger Kneipenschlägereien öfter Mal mit ein paar Iren zu tun bekommen hatte. Vor deren kämpferischen Qualitäten hatte er auch heute noch den höchsten Respekt.

Ihre eherne Grundregel lautete: Hau immer als Erster zu, auch wenn es vielleicht gar nicht nötig ist.

Bount hielt sich jetzt daran. Noch bevor sich der Schwarze ganz von seiner Verblüffung befreit hatte und noch naiv darauf wartete, dass Bount nun ebenfalls die Fäuste hoch vor die Brust nahm und diesen komischen Stelztanz aufführte, der sogar den Besten im Ring zu eigen war, war er schon blitzschnell einen Schritt näher getreten und hatte dem dunklen Gent eine gesemmelt, dass er zu schielen begann. Mit der flachen Hand. Seine schwarze Haut bekam purpurne Flecken.

Ein dumpfes Grollen aus einer muskelbepackten Brust. Trotz der noch kühlen Temperaturen draußen trug er nur ein offenes Hemd. Er war genügend abgehärtet. In den blutigen Hallen der S & M Incorporated herrschte ja auch kein Klima wie auf den Bahamas.

»Take ist easy, but take it«, riet ihm Reiniger noch, während er bereits das Knie hochrammte, weil er schon mal so günstig stand. Und auf gezielte Tiefschläge mit den unteren Extremitäten wurde man in den klassischen Boxerschulen wohl nicht genügend vorbereitet.

Hatte dieser Bursche tatsächlich einen fairen Fight erwartet? Und das auch noch in einem der übelsten Viertel Manhattans?

In diesem Moment entschloss sich Bount heroisch, Milde vor Zorn walten zu lassen.

Dass er sich über die eigene Güte bebauchpinseln durfte, dauerte nur Sekundenbruchteile. Weil sich der Boxer augenblicklich zum Raufbold umstellte. Hatte er ihm anfangs etwa eine Chance lassen wollen?

Nicht zu glauben!

Reiniger hatte entweder nicht richtig getroffen, oder der Schwarze besaß zu seinen etwaigen sonstigen körperlichen Vorzügen auch noch ein Skrotum aus Kruppstahlkugeln. Er war nicht einmal merklich zusammengezuckt.

Plötzlich fühlte Reiniger sich an den Hüften gepackt und hochgehoben wie die Primaballerina von ihrem Partner. Doch selbst solche schleuderten ihre Mädchen nicht gegen die nächstbeste Wand. Vor Bounts Augen tanzten rote und schwarze Sterne den »Feuervogel« von Strawinsky. Im Schädel dröhnten die Pauken der Schicksalssymphonie.

Reiniger hatte für diese Art von Musik aus verständlichen Gründen nur äußerst wenig übrig, wenn sie ihm auf diese Weise dargeboten wurde. Als er zu Boden rutschte, riss er gleichzeitig beide Beine hoch, nicht nur die Knie.

Mit den Knien hatte das Ganze allerdings schon zu tun. Mit jenen des Angreifers nämlich. Sein Stoß dengelte ihnen halb den Meniskus kaputt. Offenbar war er an dieser Stelle empfindlicher. Der Schwarze fiel. Und fiel genau auf Bounts ebenfalls hochschießende Fäuste. Notfalls konnte er auch im Liegen boxen.

Und das war ein Notfall!

Er traf den starken, pulsierenden Hals von beiden Seiten, womit er erfolgreich verhinderte, dass der Fleischer ihn küsste. Nun nahm der mit seinem Schädel Kontakt auf mit der Wand. Der kärgliche Rest an Verputz staubte ihn und Reiniger ein. Der Gegner hatte wegen seines höheren Gewichts mehr Aufprallwucht mitgebracht. An der Wand verblieb ein schmieriger roter Fleck aus Schweiß und Blut. Der arme Hund hatte sich eine kleine Platzwunde eingehandelt. Sie war mit weniger als fünf Stichen wieder zu reparieren.

Bount wälzte sich zur Seite und rappelte sich hoch. Er war noch etwas schlapp auf den Beinen. Doch für einen gezielten Fußtritt gegen die Nieren reichte seine Kondition gerade noch.

Der Mann stöhnte verhalten auf und sabberte. Doch endgültig geschlagen war er anscheinend noch lange nicht.

Den nächsten müden Tritt parierte er mit einem Fausthieb gegen Bounts Knöchel. Beinahe hätte der Private Eye das Gleichgewicht erneut verloren. Dabei brauchte er es gerade jetzt so dringend. Er konnte sich noch an der gegenüberliegenden Wand abfangen. Genau an der Stelle, an der der Schwarze noch vor wenigen Sekunden so standhaft auf ihn gewartet hatte.

An den selbst aufgestellten Ehrenkodex hielt er sich immer noch. Trotz aller Widrigkeiten. Die Pistole blieb im Hosenbund.

»Na?«, keuchte er wider besseres Wissen. »Schon genug?«

Aber er wollte und musste Zeit gewinnen. Seine Bronchien streikten. Sie wollten im Moment keinen Sauerstoff mehr an die Blutbahn liefern. Reinigers Atem rasselte. Jede Klapperschlange hätte sich vor lauter Neid spontan gehäutet.

Der Schwarze schob sich hoch auf die Ellbogen, schüttelte den krausen Schädel.

»Bist ’n guter Fighter, Whity.»

»Thanks.«

Bounts Lungen rasselten schon ein wenig leiser. Er setzte auf Zeitgewinn. Denn dass er Scroogers und Milestones Abgesandten auf seine Seite ziehen konnte, glaubte er keine Sekunde lang. Diese Leute hatten ebenfalls ihre schrägen Ehrbegriffe. Bestimmt war der Schwarze kein schlechter Kerl. Er hatte das bereits bewiesen, indem er ihm eine Chance hatte einräumen wollen. Wenn auch nur eine minimale.

»Das haben sie mir im Büro nicht gesagt.«

»Deine Chefs sind Schweine.«

»Alle Chefs in unserer Straße sind Schweine«, belehrte ihn der Schwarze. »Aber wenn ich dich jetzt zusammenbügle, krieg ich ’ne Sonderprämie.«

»Wie heißt du?«

»Tim.«

»Kann man diese Prämie eventuell verdoppeln, und du sagst, du hättest mich nie hier gesehen?«

»Hast du auch ’nen Job für mich, Whity? Ich hab’ ’ne Frau und drei kleine Kinder zu versorgen.« Bount sah, wie Tim zur Eingangstür vorschielte.

Verdammt!

Er wollte ebenfalls Zeit schinden! Er hatte angerufen aus diesem Billardsaloon! Er konnte gar nicht mehr auf Reinigers generöses Angebot eingehen!

Bount schaltete schlagartig um. Ein Griff wie ein Wischer, und er hatte die 38er Smith & Wesson in seine Rechte gezaubert. Ein Glück, dass er sich dabei nicht die Hälfte seines Hinterns abrasierte, denn die Waffe war nach wie vor entsichert gewesen.

»Steh auf! Steh sofort auf!«

Der schwarze Tim sah ihn erstaunt an.

»Hey, Whity! Was ist denn jetzt auf einmal? Ich dachte, wir bringen unsere kleine Auseinandersetzung auf die ehrliche Art hinter uns.«

»Was ist schon ehrlich daran, wenn du jeden Moment Verstärkung erwartest, während wir hier unsere kleine Talkshow veranstalten ...»

Das Flackern in seinem Blick verriet Bount, dass er verstanden hatte. Und Bount verstand, dass Tim der eigene Rock näher stand als der seine.

»O, Scheiße!«

»Du sprichst ein großes Wort gelassen aus«, belehrte ihn nun wiederum Bount. »Steh endlich auf.«

»Aber Sie schießen doch nicht, Mister Reiniger! Ich habe eine Frau und drei kleine ...«

»Hände in den Nacken!«

Tim gehorchte. Er schob sich an der Wand hoch. Das Weiße in seinen Augen hatte sich umfangsmäßig möglicherweise verdoppelt. Dafür waren die Pupillen auf Stecknadelgröße zusammengeschrumpft. Und das alles ganz ohne Heroin. Von Bount Reiniger ging eben auch eine gewisse Wirkung aus.

»Vorwärts! Zum Hinterhof!«

Tim befolgte Reinigers Rat. Als sie draußen im Unrat standen, hämmerte ihm Bount den Griff seiner Automatic auf die Schläfe. Er hatte sie vorher wieder gesichert. Und als der Nackengriff sich löste, noch zwei Schläge genau an die Stelle, wo Halswirbelsäule und Gehirnschale sich trafen.

Das tötete ihn nicht. Doch er würde zwei Tage böse Kopfschmerzen haben und mindestens zwei Stunden bewusstlos sein.

Bount fand, er hatte seine Sache den Umständen entsprechend gut gemacht.

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Nun nichts wie weg!

Zu spät. Er hörte sie, bevor er sie sah. Er glaubte das Getrappel von drei oder vier Männern unterscheiden zu können. Dann sahen sie jetzt auch den Blutschweißfleck an der Wand. Tatsächlich unterbrachen sie ihren Lauf für zwei, drei Sekunden. Dann ein paar heisere Kommandorufe. Ob Scrooger diesmal wieder nur die zweite Garnitur geschickt hatte?

Bount bezweifelte das. Er stand wieder einmal vor dem offenen Fenster, in das er vor ein paar Minuten schon einmal in die fremde Wohnung eingedrungen war. Ohne zu überlegen, ging er den Weg noch einmal. Sollte der Säufer doch wach werden. Er konnte ja später weitersaufen. Eine halbe Flasche Korn hatte er schließlich noch.

Sie waren zu viert. Alles Farbige. Doch diesmal befanden sich keine Bekannten darunter. Auch waren sie bunt und modisch gekleidet wie die Dressmen im »Ebony«, dem größten Magazin für den mittelständischen schwarzen Amerikaner. Ihre Kanonen passten weniger dazu. Es waren 32er Brownings mit aufgesetzten Schalldämpfern. Ein Schuss tönte nicht lauter als ein leises Händeklatschen.

Also Profis.

Sie sahen den Bewusstlosen liegen, kümmerten sich nicht um ihn, und wenn ausgerechnet in diesem Moment der Betrunkene nicht im Schlaf zu husten und rülpsen angefangen hätte, als er sich vom Rücken auf die Seite drehte, wäre Bount vermutlich unentdeckt geblieben. So aber wurde auch die bunte Ganovenschar auf das offene Fenster aufmerksam.

Und fackelte nicht lange.

»Joey! Mach los! Wir geben dir Feuerschutz!«

Der Dialekt stammte aus der Südbronx, die Bullets aus Brownings Munitionsfabrik in Enfield, Kansas. Sie schlugen rund ums Fenster ein. Ein paar schlugen in die Decke. Ihre Dezibels waren wirklich nicht der Rede wert.

Bount fand sich auf dem Sisalteppich wieder. Er hatte sich instinktiv niedergeworfen und war von June gut beraten gewesen, sich doch diesmal ein paar Jeans und eine alte Jacke anzuziehen. Der Teppich war nur unwesentlich sauberer als der Hof. Eine Staubwolke qualmte auf. Smog nun auch in dieser Säuferkemenate.

Ein schwarzes, schlankes Gesicht, ein grellgelbes, eng tailliertes Sakko, das bestimmt auch seine dreihundert Dollar gekostet hatte. Und dem Mann war dasselbe eingefallen wie Bount Reiniger. Er trug seine Knarre zwischen den Zähnen.

Bount schoss sofort. Er wollte es mit der Menschlichkeit nicht übertreiben. Nicht bei vier auf ihn angesetzten Killern auf einmal.

Die Kugel traf den Kerl dort, wo sie treffen sollte - hoch an der rechten Schulter. Schon wieder ein ruiniertes Jackett, ein Schrei. Die 32er Browning fiel herein, der Farbige hinaus. Für Augenblicke schwieg das Ploppen.

»Da ist er drin, der Bastard!«, kreischte einer klug. Er musste wohl eine besonders gute Beobachtungsgabe haben. »Schnappt ihn euch!«

»Du bist meschugge, Sammy. Der pustet uns doch die Schädel runter wie auf ’nem Schießstand.«

»Dann nehmen wir ihn von zwei Seiten. Von hier und durch die Tür. Haltet euch nicht mit aufbrechen auf. Gebt ihm Saures.«

Aha. Ein Showdown ohne Rücksicht auf Verluste. Sie wollten die Tür zuerst in Stücke schießen und dann erst kommen. Bount dachte an den Alki im Nebenzimmer. Der mochte ja seine Fehler haben, doch solange er seinen Schnaps und sein Bier bezahlte? - Nein. Das durfte er ihm nicht antun.

»Ihr steht auf dem Schlauch, ihr Idioten!«, rief Reiniger deshalb, rollte quer durch den Raum bis zum Fenster gegenüber, das auf die Straße führte. Dort sprang er auf und vertrödelte keine Zeit damit, erst nach dem Riegel zu suchen, der in diesem Flat ohnedies vergammelt war. Durch die Scheibe war kaum etwas zu sehen. Generationen und aber Generationen von Stubenfliegen hatten ihre Eier dort hinterlassen.

Er trat sie ein, die Scheibe. Ein Zeichen auch für die Gangster, dass sie sich die Mühe sparen konnten, erst die Wohnung zu zerschießen.

Bount sprang hinaus. Es waren nur zwei Meter bis zur Straßenebene. Direkt vor dem Haus parkte ein nagelneuer, mitternachtsblauer BMW aus der 7er Reihe. Dieser Wagen passte in die Fletcher Street wie ein McDonald's Drive-in-Restaurant ins Meer der Stille.

Das lag auf dem Mond.

Soeben rückten vier eifrige jugendliche Puerto Ricaner mit einem Wagenheber an. Sie hatten es auf die Breitwandreifen abgesehen. So schnell ging das. Nun stoppten sie erschreckt, als Reiniger kurz vor ihnen in einem Regen von Glassplittern federnd aufkam.

»Sorry, Boys!«, rief er ihnen zu. »Aber ich muss euch das Geschäft vermasseln.«

Und schoss die zwei Reifen auf seiner Seite kaputt. Sie waren gar nicht zu verfehlen.

Drei Kugeln war er jetzt los. Hatte er noch sechs, denn neun fasste das Magazin. Das sollte für drei Ganoven eigentlich reichen.

»Bleibt im Haus!«, brüllte er vorsichtshalber. »Sonst puste ich euch tatsächlich die Köpfe runter!«

Bount wollte keine Schießerei auf der Straße. Zu viele unbeteiligte und somit unschuldige Menschen waren unterwegs.

Damit die Ganoven sahen, dass er es ernst meinte mit seiner Drohung, zerschoss er auch noch die Windschutzscheibe des BMW. Danach erst gab er Fersengeld. In der Nähe jaulte bereits eine Polizeisirene. Doch das hatte nicht viel zu bedeuten. Die heulten immer in Manhattan. Tag und Nacht. Und so eine nutzlose Plauderei mit den Cops hielt ja doch nur auf.

Fünf Minuten später war er bei seinem eigenen Wagen und pflückte das Strafmandat unter dem Scheibenwischer hervor. Als er hinter dem Steuer saß, legte er es zu seinem Stapel von über einem Dutzend «Kollegen«.

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Erwartungsgemäß hatte eine vorsichtige Nachfrage der March bei den Cops nichts ergeben. Aus der Fletcher Street war an diesem Tag keine Schießerei gemeldet worden. Wieder mal das Drei-Affen-Syndrom.

«Wo hast du nur diese Einladung her?«, fragte Bount am Abend so gegen zehn. June räkelte sich im Beifahrersitz und zeigte Bein und Bauch und auf dem Nabel einen nachgemachten Smaragden. Mit Mastix festgeklebt. Doch unterhalb der Nase trug sie einen duftigen Schleier. Die Klimaanlage surrte Wärme in den Innenraum. »Das ist ein typisch persisches Kostüm«, hatte sie allen Ernstes behauptet, als Bount sie von ihrem schnuckeligen, kleinen Apartment in der 176. Straße Ost abholte. »Der olle Khomeini - wenigstens Allah habe ihn selig - würde sich im Grab umdrehen, wenn er das hörte«, hatte Bount darauf gesagt.

»Also, Mädchen. Woher?«

Bount lenkte den Wagen gerade über die Verazzano Bridge hinüber nach Staten Island, ins Land der Reichen und der Schönen, wo David Nathaniel Milestone ausgerechnet in der »Kill Road« sein Penthäuschen betrieb.

»Beziehungen«, antwortete die March einsilbig.

»Eine Pressekarte?«

Sie antwortete nicht gleich, und Bount hakte nicht nach. Hin und wieder zog er sie wegen ihrer »Journalistenfreunde« auf. Weil June sich in ihrer Freizeit offenbar zur schreibenden Zunft hingezogen fühlte. Schwamm drüber. Bount sah das pragmatisch. Er war nicht eifersüchtig. Und diese Kontakte waren für seine Firma unbezahlbar.

»Ja«, meinte sie endlich. Dann grinste sie spöttisch bis infam. »Eine von der »Village Voice«. Ich hoffe, es dreht dir jetzt den Magen um.«

»Nicht vor dem Essen«, entgegnete Reiniger, scheinbar gefühllos. »Und als was fungiere ich?«

»Als einer meiner Journalistenfreunde ...«

Bount schluckte. June schaffte es immer wieder, ihm einen Dämpfer zu versetzen. Verbal waren sie sich fast ebenbürtig. Nur war die March natürlich unendlich hübscher. In Männeraugen zumindest. Frauen dagegen blickten energisch gelangweilt zur Seite, wenn Bount sie mal groß ausführte und June ihre Kriegsbemalung aufgelegt hatte. Auch so eine Marotte von ihr. Kaum einer der Männer schaute ihr zuerst ins Gesicht. Sie konnten der Macht der Gene eben nicht entrinnen.

Auf dem Clove Lakes Expressway kam Reiniger gut voran. Aus den Quadrolautsprechern dudelten Oldies. Tender Love, sang Percy Sledge gerade, und unvermutet rieselte Bount eine Gänsehaut über den Rücken. Er war ja schließlich nicht aus Stein. So ein zartes Lied und so ein grober Job. Am liebsten wäre er umgekehrt.

Er bog nach Bulls Head in den West Shore Expressway ab, der sie direkt hinunter zur Kill Road führte.

Der Connaught Tower bestand eigentlich aus drei Türmen. Aus der Vogelperspektive betrachtet, sah das Ganze aus wie diese Dinger in der Mitte einer Single-Schallplatte. Drei Schenkel ragten in drei Richtungen, in der Mitte dann die Türme. Jeder stand für sich allein, doch der Abstand zwischen ihnen betrug nur etwas mehr als fünf Meter. Ein wirklich schmuckes Gebäude. Ein Eigentumsapartment mit zwei Schlafzimmern und zwei Bädern war nicht unter 300000 Dollar zu haben. Teurer waren entsprechende Wohnungen nur in Tokio, Frankfurt und München.

Milestone bewohnte das Penthouse auf dem höchsten dieser Türme, auf dem Gipfel, dem achtzehnten Stock. Höher durfte nicht gebaut werden auf Staten Island. Wegen der drei Einflugschneisen für drei Flugplätze, die es dort gab. Reiniger schätzte den Preis dieser Wolkenkratzeralm mal auf zwei Millionen Dollar und war sicher, mit seiner Vermutung nicht zu hoch gegriffen zu haben.

Und was sagte der Fiskus dazu? - Ach ja. Der Hauptgewinn beim Würfelspiel. Und noch ’ne fette Hypothek dazu, dann ging das schon.

Die zentrale Eingangshalle entsprach dem Äußeren des Bauwerks.

Nobel, nobel und viel Grünzeug in Töpfen. Einer von zehn Lifts brachte sie hinauf in die 18. Etage.

June hatte ihr »persisches« Kostüm und damit ihre Blößen unter einem Blaufuchsmantel versteckt. Ihr weizenblondes Haar war ausnahmsweise mal kunstvoll hochgesteckt, am Hinterkopf von einer güldenen Spange gehalten, und es glitzerte von aufgestreuten Strassbröseln. Ohne diesen Mantel hatte sie Bount besser gefallen.

Ihr »Kleid«: Weiße, schillernde Seide, die sich an einen Körper schmiegte - wow! - und an was für einen Körper! Hätten die dafür zuständigen Seidenraupen gewusst, was da aus ihren Kokons einst entstehen würde - sie hätten nicht erst getötet werden müssen.

Sie hätten mit Lust Selbstmord begangen.

Allerdings nur vielleicht.

Jedenfalls war die Zahl der toten Seidenraupen in Grenzen geblieben, soweit sie Junes Kostüm anbetraf. Es begann unten mit bis zur halben Wadenhöhe geschnürten Silbersandalen. Und dann kam lange nichts, lange nichts, lange nichts. Nur Bein, nur Bein, nur Bein.

Nach Junes Auffassung mussten die Perserinnen samt und sonders Exhibitionistinnen gewesen sein.

Ein fabelhaftes Kostüm.

Bount dagegen ging hochgeschlossen. Unten schwarze Stiefel, schwarze Hosen, ein scharlachroter Kaftan, an der Hüfte eng gegürtet. Vorn auf der Brust ein stilisiertes Beil, auf dem Rücken eine Schlinge mit dem berühmten Knoten, der Delinquenten beim Sturz durch die Klappe das Genick brechen sollte. Damit der Hinzurichtende nicht gar so lange zappelte. So ein Strangulieren zog sich maximal bis zu fünf Minuten hin, bis endlich der Tod eintrat.

Kurz bevor der Lift anhielt, stülpte sich Bount die wiederum schwarze Kapuze über. Und sah seine Umgebung, sehr beengt, nur mehr durch schmale Augenschlitze.

Das war Junes Idee gewesen. Er durfte keinesfalls erkannt werden.

Echt funktionable Tarnkappen, wie sie dem blonden Sigi aus der Nibelungensaga so trefflich zur Verfügung gestanden hatte, um Brunhilden aufs Kreuz zu legen, gab es noch nicht bei den Trödlern von TreBeCa, Manhattans Flohmarkt-Center an der Lower Westside.

Die Schiebetür schwang zur Seite, gab den Ausgang frei. Doch da stand ein »Zerberus«, ein Höllenwächter in Gestalt eines smokingbehangenen Orang-Utans.

»Sie sind eingeladen?«

»Was dachten Sie denn?«

June ließ wie zufällig ihren Blaufuchs auseinanderklaffen. Danach hatte der Kontrolleur absolut keinen Blick mehr für die Karte, die sie ihm hinhielt, geschweige denn für den »Henker« an ihrer Seite.

»In Ordnung«, sagte er rau und hörte sich an, als bräuchte er urplötzlich dringend einen Drink. »Sie wissen ja, wo’s langgeht.«

»Selbstverständlich«, flötete die March, als hätte sie eine »Ney«, diese persische Rohrflöte aus den Kreuzworträtseln, zwischen ihre Stimmbänder geschmuggelt.

Die Richtung war gar nicht zu verfehlen. Eine Band spielte Swing aus den 40er Jahren. Eben war In The Mood von Benny Goodman an der Reihe. Die Diele war für diesen Abend zur Garderobe umfunktioniert. Eine dickliche Latina nahm Junes Mantel in Empfang und seufzte, als sie mit ihren kurzen Fingern drüberstrich; liebkosend.

Auch sie hatte keinen Blick für Bount Reiniger. Was war so ein läppischer Henker schon gegen einen Pelz wie diesen.

Ein wirklich imposantes Penthouse. Noch am späten Nachmittag hatten Bount und June einen Blick auf den Grundriss geworfen. Beim Liegenschaftsamt hinterlegte Blaupausen - Junes umwerfender Charme im Verein mit den neuen Kommunikationsmitteln hatten das möglich gemacht. Fernkopieren durchs Telefon. Kein Problem.

Aus dem »Wohnzimmer« hätte genauso gut ein Ballsaal werden können. Heute war es ja auch einer. Auf der Größe des Viertels eines Fußballfelds tummelten sich überraschend viele Piraten, überraschend viele Cowboys und kein einziger Indianer. Obwohl ein Lendenschurz recht praktisch gewesen wäre, wenn Bount sich so die anwesenden »Damen« und ihre Antimaskierung betrachtete. June würde höchstens dadurch auffallen, dass sie zusätzlich noch ihren persischen Gesichtsschleier trug, die absolut minimalste Ausgabe eines Shador.

Aber nicht einmal die Farbe stimmte.

June war ja ganz in Weiß.

Ganz?

Das wäre nun doch penetrant übertrieben gewesen.

Bount und die March mischten sich unters Volk. Einige Paare tanzten. Bisher schien noch niemand Notiz von ihnen genommen zu haben. Bis auf den Herrn vom Aufzug und der illegal eingewanderten Garderobiere aus Yucatan.

Deshalb waren sie ja auch so spät aufgekreuzt. Sie hatten sich reinmogeln wollen in diese Gesellschaft. Die Party hatte schon um acht begonnen. Die ersten hundert Champagnerflaschen waren geleert. Wer achtete da noch auf Neuankömmlinge.

So um die fünfzig Leute befanden sich in dieser Wohnhalle. Knapp vierzig davon waren Männer, und von diesen Männern wiederum identifizierte Reiniger etwa fünf Stück als Lustknaben. Die Geschmäcker waren nun mal verschieden.

Bount schwitzte unter seiner Kapuze. Er hätte gern eine Zigarette geraucht. Doch ausgerechnet dafür hatte sein Trödler keinen Schlitz vorgesehen gehabt. Er trug eine Nichtraucher-Tarnhaube.

Und er war der einzige Henker weit und breit.

Nicht alle hatten sich bis zur Unkenntlichkeit maskiert. Einen Großteil der Gäste kannte er. Sie entstammten der New Yorker Unter- und Halbwelt. Die große Mafia war allenfalls durch einen Consigliere vertreten, den Bount nicht kannte. Es gab zu viele davon. Meist hochangesehene Anwälte oder Politiker.

Dennis Hooperman war auch zugegen. Und das gab Bount zu denken. Als Sheriff war er verkleidet. Wie konnte es auch anders sein. Er stammte aus Dallas, Texas. Ein schwerreicher Mann. Besitzer einer Kette von Restaurants. Er war vielen Dezernaten ein Dorn im Auge; angefangen von denen der Rauschgiftbehörde, der Sitte. Und nahtlos übergehend zur NAS, die zuständig war für den Menschenhandel zwischen Mexiko und den USA.

Und nichts dagegen ausrichtete.

Bis auf ein paar Festnahmen von Menschen-Dealern aus dem dritten oder vierten Glied.

Und dann kam's!

Zappenduster.

»Sehr originell. Wirklich sehr originell, Mister Reiniger. Ausgerechnet als Henker hier reinzuplatzen. Und das, was Sie im Rücken spüren, ist eine Luger. Sie gehört einem Leibwächter. Und all die Patronen, die er in seiner Waffe hat, gehören Ihnen, denke ich. Ich bin mir sogar sicher. Ja. Das ist wohl das Ende unserer Bekanntschaft. Gehaben Sie sich wohl, Mister Reiniger.«

David Nathaniel Milestones überdimensionierter Turban wackelte längst nicht mehr so lächerlich wie anfangs.

Bounts Atem stockte. Allmählich gewöhnte er sich offenbar daran. Ans Stocken. Noch nicht einmal sechsunddreißig Stunden waren vergangen, seit Willifred Murphy in sein Büro gestolpert war.

Bount Reiniger sagte: »Hoffentlich hat er sie nicht gestohlen. Die Luger. Sonst käme er in Kalamitäten, wissen Sie? - Good evening, Mister Milestone. Ich glaube, ich brauche mich nicht mehr vorzustellen. Sie kennen meinen Namen. Haben ihn ja schon genannt.«

»Geschenkt, Mister Reiniger. Sie gelten als der beste Privatdetektiv New Yorks.«

»Woran haben Sie mich erkannt?«

David Nathaniel Milestone, schon vom Namen her hebräischer Abstammung, war als der rundeste und lächerlichste Sultan verkleidet, den Bount je gesehen hatte. Nicht mal das Fernsehen lieferte solche Bilder. Mit diesem voluminösen, bei jeder Bewegung wackelnden Turban auf seinem Billardkugelschädel wirkte er wie eine Karikatur seiner selbst. Sie standen in einer Nische. Uneinsehbar vom übrigen Getriebe.

»An Ihrem Auto, Mister Reiniger. Und ihre Kapuze hatten Sie da auch noch nicht auf. Ich hab’ da unten einen Posten, wissen Sie? Und dieser Posten hat ein Walkie-Talkie.«

»Soll ich jetzt in Jubelrufe ausbrechen und Ihnen zu Ihrem Erfolg gratulieren?«

»Sie werden nicht mehr viel Zeit dafür haben, Mister Reiniger. Schon gar nicht fürs Jubeln. In einer Minute sind Sie tot.«

»Interessant«, sagte Bount.

Hielten sie ihn immer noch für einen Amateur? Oder hielten sie sich dummerweise für Götter, denen nichts passieren konnte?

Ein weitverbreiteter Trugschluss bei den meisten Verbrechern, mit denen Bount Reiniger bisher in Tuchfühlung geraten war. Sie überschätzten sich alle. Ausnahmslos.

Bount rechnete sich seine Chancen eiskalt aus.

Und dann handelte er.

Kaum einer rechnete damit, dass sich jemand noch zur Wehr setzte, wenn er die Mündung eines Revolvers in seinem Rücken spürte.

Blödsinn.

Da saß der Finger nicht mehr so hart am Abzug, ging eine Idee weg vom Druckpunkt. Aus rein psychologischen Gründen. Und schon gar nicht inmitten einer solchen Menschenmenge würde einer losballern, dessen Auftraggeber offenbar so auf Diskretion bedacht war wie Dave Milestone.

Deshalb wirbelte Reiniger herum um die eigene Achse, ging auf dem rechten Bein halb in die Knie, streckte das linke zu seiner vollen Länge aus, während er sich wie ein Korkenzieher zu Boden schraubte. Nur viel schneller. Mit dem Auge kaum verfolgbar. Fachleute sagten zu dieser Kampffiguration quai nol.

Wirksam war sie allemal.

Bount kam mit der Schulter auf, rollte ab und stand sofort wieder auf den Beinen. Geduckt wie eine sprungbereite Katze. Doch neben und hinter ihm war inzwischen Erstaunliches passiert: Der Leibwächter, ein hagerer, blasser Typ, hatte sich an Reinigers hochschießendem Bein den Unterkiefer zerbrochen. Bis die Ärzte den wieder reparierten, würde er genau so dümmlich grinsen wie jetzt, oder zumindest diesen Eindruck erwecken. Denn höchstwahrscheinlich war ihm überhaupt nicht nach Lachen zumute. So ein Bruch schmerzte höllisch.

»Ab, June! Du weißt, wohin!«

»Ja.«

Sie verschwand aus Reinigers Blickfeld. Dave Milestone tat das nicht.

In sein aufgerissenes, ansonsten winziges Maul hätte man in dieser Sekunde eine ausgewachsene Navel-Orange mit zwanzig »Kindern« stecken können, ohne auf nennenswerten Widerstand zu stoßen.

Der Hagere war zu Boden gegangen, seine Luger hatte er verloren. Bount grapschte sie sich geistesgegenwärtig. Zu weiterem Nachdenken kam er nicht. Null Chance. Denn schon kam die Nachhut in Gestalt von drei Weißen angerückt. Rausschmeißertypen, als Diener verkleidet. Doch anstelle ihrer Sekttabletts trugen sie nun zu ihren texanischen Hängekravattinen auch noch Waffen.

32er Brownings. Mit Schalldämpfern. Wie gehabt.

Was sollte Reiniger da schon tun? Sich abknallen lassen? Mit einem leisen Plopp versterben?

Sein Plan, die Maskenparty als stiller Beobachter so am Rande zu verfolgen, war ohnehin im Eimer. Er war geplatzt wie ein Luftballon, an den man eine Zigarette hielt. Deshalb schoss er.

Er hatte auf die Hände gezielt. Auf die mit den rasant schlanken Pistolen. Dreimal schoss er. Wie Billy the Kid in seinen besten Zeiten.

Drei Treffer.

Drei Hände und drei Brownings wurden außer Gefecht gesetzt. Bount hatte wieder Luft.

Die drei Figuren wollten plötzlich nicht mehr mitspielen. Die Band übertönte ihr Gejaule. Von ihren Pfoten tropfte Blut auf einen blütenweißen Berberteppich. Ihr ohnehin schon ungesunder Teint war noch käsiger geworden. Sie drehten ab, und Bount Reiniger hinderte sie nicht daran. Sie würden ihre Kanonen so schnell nicht wieder auf Menschen richten.

Und abgetaucht war auch die March, als habe sie sich in Nichts aufgelöst. Braves Mädchen. Die Verletzten brüllten nur mehr im OFF und entfernten sich rasch. Die Band war gerade mit Only Sunshine an der Reihe.

Verschwunden war auch David Milestone. Ebenfalls wie vom Parkett verschluckt. Aber das machte Reiniger die Sache auch nicht leichter.

Die Mündung der Luger rauchte noch, als er die Nische verließ. War denn wirklich keinem dieses kleine Intermezzo aufgefallen? Die Luger hatte keinen Schalldämpfer und war auch von ihren Schussgeräuschen her kaum mit einem Trommelwirbel zu vergleichen. Auch kam im My Only Sunshine keiner vor. Er hatte die Kugeln in rasender Folge aus dem Lauf gejagt und sich selbst über seine fantastische Treffsicherheit gewundert. Er hatte es sonst nicht mit diesen 9-Millimeter-Krachern. Sie rissen viel zu große Wunden.

Lediglich ihr Erstbesitzer saß noch am Boden, lächelte mit seinem gebrochenen Kiefer und fand sich sichtlich noch nicht ganz wieder in der Wirklichkeit zurecht. Er würde es schwer haben, sich verständlich zu machen. Doch das war ja auch gar nicht nötig. Das besorgte schon Dave Milestone für ihn. Wo war er nur abgeblieben, dieser runde, schwabbelige Teufel mit dem Zwerg-Nase-Kopfschmuck!

Jedenfalls musste Bount annehmen, dass inzwischen auch der Türsteher informiert war. Und der hatte auf ihn bislang noch den massivsten Eindruck gemacht. Bestimmt war er jetzt schon nicht mehr allein. Und sich den Weg freizuschießen, kam auch nicht infrage. Bount war zwar im Kostüm eines Henkers hier aufgetaucht, aber deshalb gleich ein Blutbad anrichten?

Kam überhaupt nicht in die Tüte!

Deshalb orientierte Bount sich nach vorn, wieder zurück ins Ballgetümmel. Keinem noch so verrückten und schießwütigen Leibwächter würde es einfallen, ausgerechnet dort auf ihn zu schießen. Wertvolle Gäste könnten in Mitleidenschaft gezogen werden.

Dennis Hooperman zum Beispiel. Bount fragte sich, was dieser hochkarätige Kriminelle auf der Party eines Fleischers aus dem Lower Westside zu suchen hatte. Eine wirklich interessante Frage.

Hooperman residierte eigentlich auf dem Upper Broadway. Und zwar dort, wo diese frühere Prachtstraße mit ihren weltberühmten Musical- und Revuetheatern am verkommensten war, wo sich die Pornoschuppen und Massagesalons wie Krebsgeschwüre festgefressen hatten. Und illegale Spielclubs, die auch als Umschlagplätze hauptsächlich für Kokain aus Kolumbien galten.

Die frühere Modedroge hatte das Heroin, gemessen am Umsatz, schon längst überflügelt. Spritzen war out. Schnupfen in. Nur ein paar Tausend unverbesserliche Junkies hingen noch an der Nadel. Doch die Wall Street und die teuersten Wohnungen zwischen Atlantik und Pazifikküste hatte sich das bläulich-weiße Pulver aus der südlichen Hemisphäre erobert. Um es aus dem Sud der Koka Pflanze herzustellen, brauchte es keinen ausgebildeten Chemiker. Jeder angelernte Hilfsarbeiter schaffte das auch.

Die Fete war noch im Gange, als sei nichts geschehen. Allmählich begann die Pärchenbildung. Von den Grundrisskopien her wusste Bount, dass es in dieser Edelbleibe mindestens acht Schlafzimmer gab oder zumindest Räume, die als solche genutzt werden konnten.

Schon wieder so etwas, das Reiniger störte.

Was fing ein Junggeselle wie Milestone mit acht Schlafzimmern an? Der Mann kam doch mit Sicherheit nicht einmal mit einer einzigen Frau zurecht. Er hatte das Schlemmen schon längst allen anderen Genüssen vorgezogen.

Oder diente das Penthouse gar als Absteige für diverse Besucher? Für Besucher aus Kolumbien vielleicht und als Treff für die örtlichen Dealer?

Dann hätte Dennis Hoopermans Anwesenheit hier allerdings sehr wohl einen Sinn gehabt.

Bount schwitzte unter seiner Kapuze. Der Zugereiste aus Texas stand soeben neben Abe Scrooger ins Gespräch vertieft. Abe Scrooger ging als Pirat. Zwischen seinen groben, beringten Fingern drehte er eine zierliche Champagnerschale. Als er einmal den Kopf schüttelte, staubte es aus seinen Haaren wie früher mal bei Madame Pompadour im Schüttelfrost. Eine weiße Wolke umschwebte sein Haupt, nur bestand sie bei ihm nicht aus Puder.

Bount bereute es nun, der Planskizze nicht mehr Aufmerksamkeit gewidmet zu haben. Doch wusste er auch so, dass es keinen zweiten Ausgang gab bis auf die vorgeschriebene Feuertreppe. Und an die konnte er auch nicht ran, wenn Dave Milestone nur ein bisschen Grips in seiner Billardkugel hatte. Bount zweifelte nicht daran. Dumme und zugleich erfolgreiche Verbrecher gab es nicht. Das war in keiner Branche anders. Außer vielleicht in der Politik, nach Bount Reinigers Meinung. In seiner Weltanschauung hatten heilige Kühe keine Existenzberechtigung.

Doch seine Weltanschauung war in diesem Kreis wohl ebenso wenig gefragt wie er selbst als Person. Trotzdem drängte er sich durch die am dichtest zusammenstehenden Gruppen, nach allen Seiten ein artiges «Verzeihen Sie. Pardon« verteilend. So erreichte er den Ausgang zur Dachterrasse ungeschoren. Ein paar Infrarotstrahler standen auf Stahlrohrgestellen herum, um lufthungrigen Gästen den Aufenthalt auch im Freien zu ermöglichen.

Ein Kichern und Schnauben hinter einem Gebüsch. Da hatte sich einer der Piraten oder Cowboys seine eigene Heizanlage aus der reichen Auswahl mitgebracht. Vier nackte Beine zuckten ungeniert auf dem künstlichen Rasen. Freilich die glückbringendste Möglichkeit, auf einer langweiligen Party die Zeit rumzubringen.

Aus Plastik waren auch die Büsche und die Koniferen und die Blumen auf den Beeten. Bount hätte sich sehr gewundert, bei Metzger David Nathaniel Milestone einen «grünen Daumen« zu entdecken. Der «Garten« war L-förmig um die Süd- und Westecke angelegt und wurde von einer hüfthohen Umrandung aus Waschbeton begrenzt.

Bount warf einen Blick drüber. Ganz schön tief ging’s hier hinunter. Achtzehn Stockwerke eben.

Doch eine Dachterrasse hatte auch das Penthouse auf dem nächstliegen den Drillingsturm. Er war nur sechzehn Etagen hoch, dafür jedoch um die sechs Meter entfernt. Unmöglich, aus dem Stand springend dort hinüberzukommen.

Die kürzeste Linie zwischen beiden Punkten war leicht errechnet. Sie betrug ziemlich genau achteinhalb Meter, wenn man eine Stockwerkhöhe mit knapp drei Metern annahm. Bount hatte seinen Pythagoras noch von der Schule her im Kopf.

Hier half er ihm jedoch nur wenig bis überhaupt nicht. Er war schließlich kein Olympiasieger im kombinierten Weit und Tiefsprung.

Das Penthouse drüben war im Übrigen unbeleuchtet, vor den Mond hatten sich ein paar faserige Wolken geschoben. Kaum etwas auszumachen sonst.

Bount riss sich endlich die Kapuze vom Kopf, steckte sie in den Gürtel und atmete tief durch.

Die kühle Nachtluft trocknete den Schweiß auf seiner Stirn und im Nacken im Nu. Jetzt fror er, doch das war nicht allein eine Sache der Temperatur. Er hatte schon Abgestürzte genug gesehen. Die Selbstmörder vom Empire State Building waren nach ihrer Ankunft in der 34. Straße oder auf der Fifth Avenue flach wie Pfannkuchen.

Er wandte sich wieder zurück. Das Pärchen hinter den Büschen beendete soeben seine Bodenakrobatik, doch das war es nicht, was Reinigers Blick fesselte.

Sie kamen!

Bount hatte von Anfang an nicht angenommen, dass sich die Zahl der Bodyguards bei den rund viertausend Jahren Zuchthaus, die sich zu dieser Feier versammelt hatten, auf nur fünf oder sechs Mann beschränkte, von denen allerdings vier inzwischen außer Gefecht gesetzt waren. Drei weitere folgten jetzt nach; Männer in Stetsons.

Dennis Hoopermans Eingreifreserve?

Breitbeinig und mit ausgespreizten Händen standen sie da wie John Wayne zu seinen besten Zeiten. Ihre Hände schwebten über den Griffschalen der Colts. Und dann standen sie auch noch wie Scherenschnitte gegen das Licht. Bount war schon versucht, die Luger erneut einzusetzen.

Da tauchte auch die Silhouette des Mulatten hinter ihnen auf. Sie war unverkennbar. Abe Scrooger bellte ihnen etwas zu, worauf sie schlagartig auseinanderspritzten und eins wurden mit der Schwärze der Backsteinmauer. Reiniger hatte seine Chance verpasst.

Aber andererseits: Was half es ihm schon, wenn er diese Salon-Banditen auch noch aus den Stiefeln holte. Er musste ja wieder zurück und durch den Ballsaal und zudem davon ausgehen, dass auch die »normalen« Gäste keine Attrappen bei sich trugen. Es war schon eine rechte Schande. Einen Drachen hätte er jetzt dabeihaben sollen. Dummerweise waren diese Dinger so sperrig.

Voriges Jahr war ein sportlicher Student der Columbia University mit so einem Flugdings vom Südturm des World Trade Center gestartet und über Hoboken und Union City hinweg bis nach North Bergen geflogen. Ein unsportlicher Richter hatte ihn danach wegen groben Unfugs zu einer Geldstrafe von 5000 Dollar verdonnert. Und der Daily Mirror hatte daraufhin einen Spendenaufruf auf der Titelseite seiner Samstagsausgabe gebracht.

Es kamen etwas mehr als 20000 Dollar zusammen. Die New Yorker hatte eben ein Herz für ihre Verrückten.

Und Bount hätte in diesen Sekunden gern auf jede Gage verzichtet. Es wurde knapp für ihn. Verdammt knapp.

Eigentlich aussichtslos.

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In diesem Moment verschwand die Wolke vor dem Mond. Und auch der Smog war auf Staten Island nicht so dicht wie über den anderen Stadtteilen. Silberlicht floss über die Dachterrasse. Über die von David Milestones Penthouse und die seines »Nachbarn«.

Bounts Herz setzte einen Schlag aus.

Aber das war freilich besser, als hätte es für immer seinen Dienst quittiert. Doch genau das würde seiner Pumpe blühen, wenn er blieb. Er hatte jetzt schon mehr Glück als Verstand gehabt, und Göttin Fortuna war bekanntlich ein launisches Luder.

Nur einmal brauchte er sie noch! Ein einziges Mal! Dann konnte sie sich seinetwegen in ihre Heia zurückziehen, war ja auch schon spät genug.

Der Nachbar hielt es nicht mit Kunstrasen und Plastikblumen. Er hatte sein Geld vernünftiger angelegt und einen kleinen Swimmingpool installiert, platzsparend genau in einer Ecke und zwar an der Ecke, an der Reiniger gerade stand. Wunderschön und herzergreifend kitschig spiegelte sich Frau Luna eitel, wie die Damen nun mal sind, auf seiner keuschen Fläche.

Nichts Berühmtes, das nicht. Aber ein Pool. Und vor allem war er schon im März gefüllt.

Ging der liebe, gute Kerl mit einem Tauchsieder baden? Oder gehörte er zu jenen Unverdrossenen, die dem Pond, dem südlichsten der sieben Seen im Central Park, allwinterlich die Eishaut aufpickelten, um sich und der Mitwelt die eigene Stärke und ihre Fälligkeit zur Selbstüberwindung zu beweisen?

Bount war das wurscht.

Nun sah seine Rechnung etwas anders aus. Pythagoras hin, Pythagoras her. Es war ein Unterschied, ob man aus dem Stand mindestens sechs Meter weit und ebenerdig sprang, oder dabei auch noch ein kleines Gefälle von weiteren sechs Metern zur Verfügung hatte.

Ja, es konnte klappen.

Es musste klappen!

Anders kam er nie mehr aus dieser Falle.

Er ballerte links und rechts neben den Ausgang zur Terrasse. Am liebsten hätte er mitten hineingehalten, es hätte bestimmt keinen Falschen getroffen. So oder so. Aber da waren leider auch noch all die süßen Callgirls und ihre wichtige soziale Funktion als Blitzableiter für überschüssige Kräfte, was schließlich sehr leicht zur Aggressivität ausarten konnte.

Bount ballerte die Luger leer. Bis zur letzten Patrone.

Endlich hatte offenbar auch der Bandleader kapiert, dass die Party während der letzten drei, vier Minuten etwas aus den Fugen geraten war. Der Chattanooga Choo Choo verlor von einem Takt auf den anderen allen Dampf und blieb abrupt mitten auf halber Strecke stehen.

Nun konnte Reiniger nur mehr hoffen, dass er einen Swimmingpool nicht mit einem Goldfischteich verwechselt hatte. So gut waren die Sichtverhältnisse schließlich auch wieder nicht. Doch nun stand er schon auf der Mauerbrüstung aus Waschbeton. Es gab kein Zurück mehr.

Die Anne weit ausgebreitet, ein Schrei, der ihm selbst Mut machen sollte, in die Knie gegangen, alle Muskeln bis zum Zerreißen gespannt - und dann ab!

Sollte noch mal einer mit jenem dämlichen Werbeslogan daherkommen, nur fliegen sei schöner. Bount Reiniger würde ihn auf der Stelle skalpieren.

Scheußlich war’s!

Absolut scheußlich!

Scheinbar endlos sauste er dahin, den sicheren Tod unter und eine vage Hoffnung auf Rettung vor sich. Die Augen hatte er fest geschlossen. Ändern ließ sich sowieso nichts mehr. Nicht einmal per Stoßgebet. Er hätte nie gedacht, dass es so lange dauern konnte, läppische achteinhalb Meter zurückzulegen. Die Einsamkeit des Langstreckenspringers vor seinem Auftritt als Omelett.

Dann plötzlich Kälte. Eiseskälte. Zu atmen hatte er ohnedies schon vor Sekunden aufgehört. Wozu noch solche Anstrengungen wie das Aufblasen von Lungenflügeln. Obwohl er sonst überhaupt keine hatte. Flügel. Ein harter Schlag gegen seine vorgestreckten Fäuste. Beinahe wäre der Schädel diesem ersten Aufprall nachgefolgt, doch der Auftrieb half ihm rührend und physikalisch verlässlich vom ersten Sekundenbruchteil des Eintauchens an. Der Rest war dasselbe wie damals, als er sich in einem Freibad auf den Zehnmeterturm des Springerbeckens verirrt hatte, eigentlich nur, um mal einen Blick hinabzuwerfen und nachzuprüfen, ob es stimmte, dass so ein Becken überraschend klein wirkte aus einer solchen Höhe. Und dann gleich drei junge Adonisse in prallen Badehosen hinter ihm standen und ihn hämisch angrinsten.

»Na, Alterchen? Die Traute verloren?«

Und da war er eben gesprungen. Und hatte das Becken wider Erwarten getroffen. Genauso wie eben jetzt. Sein Kopf kam über die Wasseroberfläche. Er glaubte sich schockgefrostet, doch er hatte sich nie wohler gefühlt als ausgerechnet in diesem Augenblick. Routiniert kletterte er aus dem Pool. Damit hatte er nicht die geringste Mühe.

Im Hasengalopp und nasse Patscher auf dem Keramikpflaster hinterlassend, rannte er auf die Terrassentür zu. Noch nie vorher war ein »Henker« auf ähnlich dramatische Weise von seinem eigenen Schafott gehüpft. Da war Bount sich mörderisch sicher.

Wenn er dieses Erlebnis jemals zu Papier brachte - kein Schwein würde ihm glauben.

Er tastete im Dunkeln herum. Nachdem er so weit gekommen war, wollte er sich zu guter Letzt nicht mehr die Pulsadern aufschneiden, er hatte ja schon einige Sensationen hinter sich. Seine Finger ertasteten etwas Hartes. Einen Stock, den Griff einer Schaufel oder einer Harke vielleicht, denn hier war das Kunststoffzeitalter noch nicht so vehement ausgebrochen wie drüben bei David Nathaniel Milestone. Doch Beete gab es auch hier. Er war durch einige hindurchgehoppelt. Dicke Lehmbatzen hingen ihm an den Schuhen bis hoch zu den Knöcheln.

Bount zerdepperte die Doppelscheibe mit einem Rundumschlag. Augenblicklich wimmerte eine Sirene durchdringend auf. Lichter und Scheinwerfer flammten grell. Nur in New York konnte jemand auf die Idee kommen, auch noch die Scheibe der Dachterrassentür eines Penthouses mit einer Alarmanlage gegen Einbruch zu sichern.

Jedenfalls würden jetzt in Minutenschnelle die Cops anrücken. Ob sie sich jemals einen Reim darauf machen konnten, wie dieser Alarm ausgelöst wurde?

Höchste Zeit für Bount, endgültig das Weite zu suchen. In der fremden Wohnung fand er sich zurecht. Er fand auch die Diele und den Lift. Die Kabine musste er allerdings erst kommen lassen. Doch dann ging es express abwärts. Es war ein nagelneuer Wohnturm. Der Glaskäfig der Pförtners war leer. Wahrscheinlich fuhr er eben in einem zweiten Lift nach oben. Schon kurz darauf stand Reiniger auf dem Vorplatz.

Und unweit von ihm stand sein champagnerfarbener Mercedes 500 SL samt all seinen 326 PS.

Nur selten war ihm dieser Wagen schöner und vor allem praktischer vorgekommen. In der Aufregung wunderte es ihn nicht, dass er die Tür auf seiner Seite offen fand. Kam schon mal vor, dass er abzuschließen vergaß. Es erging ihm da nicht anders als achtzig Prozent seiner Landsleute auch.

Das Zündschloss akzeptierte ohne Murren auch einen feuchten Schlüssel. Bount ließ den Motor an. Er kam mit einem satten Brummen.

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Er bog zurück auf den West Shore Expressway. Auf dem South Shore Golf Course rechter Hand brannte im pompösen Clubheim noch Licht. Auf der Gegengerade der fast leeren Rennstrecke entlang des Staten Island Sound kamen ihm zwei Patrol Cars der New York Police mit eingeschalteten roten und blauen Flackerlichtern auf dem Dach entgegen. Obwohl das gar nicht nötig gewesen wäre, ließen sie auch ihre Sirenen heulen.

Entweder aus Gewohnheit oder aus Muffensausen. Weil sie die Einbrecher verjagen wollten, noch ehe sie in der Kill Road ankamen. Erfolgreich verjagte Einbrecher machten nun mal keinen Rabatz mehr. Das sicherte einem die hochverdiente Pension. Beileibe nicht alle New Yorker Cops waren Helden. Nicht mal in den einschlägigen Fernsehserien.

Bount hielt sich streng an das vorgeschriebene Tempolimit. Eine gebührenpflichtige Verwarnung am Tag war genug. Er konnte außer für den Fiskus nicht auch noch für das Stadtsäckel rund um die Uhr malochen.

Es war in der Höhe des Staten Island Airport, als er den Druck in seinem Nacken spürte. Den Druck einer Revolvermündung. Einer großkalibrigen.

»Mach jetzt bloß keinen Scheiß, Mann!«

Eine äußerst nervöse Stimme. Und sie gehörte vermutlich zu einem äußerst nervösen Zeigefinger, wenn der Kerl sich so lange schon ruhig verhalten hatte, hinten auf der äußerst knapp bemessenen Rückbank. Denn von Rücksitzen konnte man hier nicht reden.

Ein normaler Erwachsener, der eine Strecke von mehr als 100 Meilen dort verbrachte, konnte am Ziel direkt in einen Rollstuhl umsteigen. Er hatte sich die Wirbelsäule mehrmals verstaucht.

Trotz der Überraschung war Reinigers Adrenalinausstoß nur mäßig. Er hatte seine Nebennierenrinden, die diesen körpereigenen Muntermacher produzierten, heute bereits hoffnungslos überfordert.

Null. Sense. Sie spuckten nichts mehr aus.

Eigentlich hätte er sich’s denken können. Wenn da nur ein bisschen Zeit gewesen wäre, während seines Besuchs von Dave Milestones Maskenball. Er hatte seinen Wagen ja erwähnt.

Nur zu natürlich, dass er oder Hooperman einen ihrer Mitarbeiter hinuntergeschickt hatten. Wenn auch nur, um nichts zu versäumen und allen Eventualitäten vorzubeugen. Vielleicht hatte der junge Mann auch schon den Wagen zur Seite schaffen sollen. Weil sie nie und nimmer damit gerechnet hatten, dass Reiniger ihnen entkommen würde.

Und ein junger Mann war es. Dem breiten Dialekt und den verschluckten Silben nach stammte er aus dem Süden. Aus Texas vermutlich. In keinem anderen Staat konnten die Eingeborenen ihre Sprache besser knödeln.

Bount sah ihn jetzt schemenhaft im Rückspiegel. Der Bursche hatte weitaus mehr Angst als er.

»Welchen Scheiß, Mann?«, fragte er ganz ruhig.

Und trat das Gaspedal bis zum Bodenblech durch. Der schwere Wagen machte einen Panthersatz nach vorn. Nicht umsonst beschleunigte dieser flotte Eineinhalbtonnenflitzer von 0 auf 100 in 5,4 Sekunden.

Der Druck im Nacken war weg. Die Fliehkraft hatte den Kopf des Bürschleins gegen das stabile Wagendach gedrückt. Was bei dieser Enge bedeutete, dass er jetzt gerade sein Brustbein küsste. Oder sich das Genick brach.

Gleichzeitig war Reiniger an den rechten Straßenrand gejagt. Nun trat er mit derselben Wucht auf die Bremse, die er vorher auf die Beschleunigung verwendet hatte. Klar, dass das Bürschlein nun mit der Nase gegen die in den Sitz integrierte Kopfstütze krachte. Der Gedanke ans Schießen war ihm ebenso entfallen wie sein Revolver. Bount Reiniger hatte die Waffe auf den Veloursteppich poltern gehört. So ein Achtzylinder mit 4973 Kubik wurde ja nicht so laut.

Und schon stand der Wagen. Dank ABS auch nur ohne den geringsten Versuch, bei dieser Gewalttour aus der Spur zu brechen.

Bürschlein regte sich nicht mehr. Bount stieg aus. Die Innenbeleuchtung zeigte ihm, dass er mit seiner Vermutung recht behalten hatte.

Er zerrte den Bewusstlosen heraus wie einen nassen Sack. Und einen 44er Colt Remington. Ganz stilecht westernlike. Kein vernünftiger Ostküstengangster würde sich jemals mit so einem klobigen, wenn auch - zugegeben - bildschönen Zweikiloschießeisen abschleppen.

Wirklich noch sehr jung war sie, Bount Reinigers versehentliche Fundsache.

Unter zwanzig. Er hatte ein Sattelhemd an und auf Hochglanz polierte, mit Steppmustern bestickte Cowboystiefel; braune Cordjeans.

Wahrscheinlich seine tapfere, beinahe schon an Selbstverleugnung grenzende Konzession an die Stadt New York, diese Cordjeans. Die einzige Konzession, die den Yankees zu machen er bereit gewesen war.

Stolzer Süden.

Stolzes Texas.

Stolzer Lone Star.

Alles Idioten.

Und immer noch kein Verkehr.

Der Kofferraum des 500 SL fasste 430 Liter. Er fasste mühelos auch das Bürschlein.

Bount brauchte nicht mal nachzutreten.

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Die weitere Route war vorgegeben. Wieder zurück über die Verrazano Bridge hinüber nach Brooklyn, und von dort aus hinauf nach Queens zum Long Island Expressway, Bount Reinigers Heimatkurs bei immer seltener werdenden Gelegenheiten.

Draußen in Kingspoint besaß er einen Bungalow, den er viel zu wenig nutzte. Doch als er diesmal ankam, waren ein paar Fenster beleuchtet und die Heizung angeworfen. Der Kamin rauchte.

Es war ein Stück nach Mitternacht. Arg lange hatte sein Aufenthalt auf David Milestones »Fasking-Party« nun wirklich nicht gedauert.

Das Einfahrtstor zum Grundstück stand offen, und die geräumige Garage ebenfalls. Licht brannte auch hier. Wie von Geisterhand bewegt, senkte sich die Garagentür, kaum dass Reiniger die Handbremse gezogen hatte. Bounts Auto war gefangen. Vor allem jedoch war es keinen fremden Blicken mehr ausgesetzt.

Nur seine allerintimsten Feinde und eine Handvoll Freunde wussten, dass er - viel zu selten - auch hier heraußen anzutreffen war.

Die Clique um Dave Milestone, Abe Scrooger und Dennis Hooperman gehörte zu keiner dieser beiden Gruppen. Sie waren nur stinknormale Feinde.

Und trotzdem etwas ganz Besonderes, wie es Reiniger mittlerweile schien. Er hätte dennoch nicht sagen können, worin diese ihre Besonderheit bestand. Sein flaues Gefühl im Magen taugte in diesem Punkt um keinen Deut mehr als das Orakel von Delphi. Und es war genauso vieldeutig.

Ein Gefühl ohne rechte Basis und mithin auch ohne jedes Ziel.

Doch unangenehm war es, dieses Gefühl, dieses Nicht-Wissen, dieses Ins-Blinde-Ahnen. Dieses Hineinahnen in einen Abgrund unbekannter Dimension.

Äußerst unangenehm war das.

Es kamen ein paar fürchterliche Enthüllungen auf ihn zu. Und das wiederum wusste er genau. Normalerweise konnte er sich auf seinen Instinkt verlassen.

Ob er allerdings sein Wissen, wenn er es denn je erlebte, überlebte, stand auf einem anderen Blatt.

Bount schüttelte diese trüben Gedanken vorerst ab, wie Abe Scrooger seine Schuppen. Nur tat er sich ungleich schwerer damit.

»Hi, Chef?«

Er sah June nicht. Er hörte sie nur. Hier hatten sie sich verabredet, falls sie sich bei Dave Milestones Penthouse-Karneval trennen mussten. Aus welchen Gründen auch immer.

Sie hatte ihn über die hausinterne Fernsehüberwachung erspäht und von dort aus auch Einfahrt- und Garagentor bedient. In einem Anflug gezielten Größenwahns hatte Bount sich diese Anlage mal einbauen lassen.

Vor allem wegen ihrer hundertprozentigen Absetzbarkeit von der Steuer. Nun. Damit konnte er leben, mit dieser überkandidelten Überwachungsanlage, die er im Prinzip so nötig hatte wie einen Kropf. Der Bungalow in Kingspoint war sein Freizeitdomizil, zumindest war er mal als ein solches gedacht gewesen.

Die Grenzen waren fließend. Der Job holte einen überall ein. Dann und wann auch an der Manhasset Bay im Süden des Long Island Sounds.

Dafür sprach schon der Inhalt seines Kofferraums. Mit ihm hatte es jedoch noch keine Eile. Auf Dave Milestones Party hatte er nicht ein einziges Getränk ergattert. Eine bodenlose Schande.

Bount stieg durch den Korridor. In den Schuhen quietschte immer noch das Wasser. Eigentlich hätte er eine heiße Dusche jetzt viel dringender gebraucht als einen Drink. Er konnte nicht mehr unterscheiden, wo er stärker fror - innen oder außen. Er war überhaupt durcheinander wie ein Puzzle-Spiel noch in der Schachtel, fabrikfrisch verpackt. In zu kurzer Zeit war zu viel auf ihn eingestürzt.

Wie lange saß er nun schon am Fall des vermissten Mister Malcolm Murphy?

Drei Tage?

Vier Tage?

Shit.

Erst 38 Stunden!

»Himmel! Wie siehst du denn aus!«

»Nass«, sagte Reiniger.

Die March saß in seinem Livingroom und hatte einen Bademantel von ihm an. Ihre Haare waren frisch geföhnt. Eine Ruhe hatte dieses Mädchen weg!

»Ich fing schon an, mir Sorgen um dich zu machen«, sagte sie tatsächlich in aller Unschuld und verzog keine Miene dabei.

»Wie lieb von dir«, entgegnete Bount sarkastisch. Vor einer heißen Dusche hatte er sich für einen doppelten Scotch entschieden. Mehr für einen dreifachen. Er kippte ihn in einem Zug.

Lord! Tat das gut!

»Ich hätte mir noch viel mehr Sorgen gemacht«, meinte sie dann, »wenn nicht tatsächlich einer meiner sogenannten Journalistenfreunde ebenfalls auf der Party gewesen wäre. Ein wacher Typ, dem normalerweise nichts entgeht. Aber selbst für ihn warst du schnell.«

Bount runzelte die Stirn. Was kam denn nun schon wieder?

»Du weißt doch, dass ich schleunigst abgehauen bin nach dieser Schießerei. Genau wie vereinbart. Ich kam gerade noch raus, bevor sie dichtmachten, fuhr hinunter und ließ mir vom Portier ein Taxi rufen. Bis das ankam, war etwas Zeit. Ich telefonierte nach oben, bekam nach ein paar Minuten meinen Bekannten an die Strippe, und der erzählte mir eine ziemlich konfuse Story von feierlichen Böllern auf der Dachterrasse und einem Todesspringer, der jederzeit auch in Acapulco auftreten könnte. Er jumpte von einer Dachterrasse zu der anderen in einen Swimmingpool.« June zuckte adrett die Schultern. »War doch sonnenklar, dass nur du das gewesen sein konntest. Ich wusste, du bist durch. Und seit ich hier bin, hörte ich über deine Anlage ein bisschen im Polizeifunk herum. - Muss ich noch weiterreden?«

»Nein.«

Bount stellte sich den aalglatten David Nathaniel Milestone vor, auch wenn es ihm bei dieser Vorstellung grauste.

»Der Gastgeber hat behauptet, einer seiner Gäste, leider unkenntlich wegen seines Henkerkostüms mit einer stilechten Kapuze, sei ausgeflippt, habe möglicherweise von ihm selbst mitgebrachte Drogen geschluckt - vermutlich LSD - und sich dann eingebildet, fliegen zu können ...«

June schniefte. Jedoch nur ganz kurz.

»Kann man dir denn überhaupt keine Neuigkeiten mehr erzählen?«

»Doch. Sag mir was über Wahlversprechen, die jemals eingehalten wurden. Das wär’ ’ne echte Neuigkeit.«

»Scheusal!«

»Ach, Mädchen«, seufzte Reiniger müde. »Sei mir bitte nicht böse. Ich fürchte, ich hatte in letzter Zeit etwas viel um die Ohren.«

Die March sattelte auf der Stelle um. Ihre Stimme wurde zu einem werbenden Gurren. Süß. Wirklich süß. Sie wollte ihm etwas Gutes tun. Ihn wärmen in seiner Kälte. Ihn ablenken vom Stress.

Junes Vertrauen in Bounts Nehmerqualitäten schien grenzenlos zu sein.

Das in seine Geberqualitäten auch.

»Weißt du, was ich unter deinem Bademantel habe ...?« Sie nestelte am Gürtel.

»Einen falschen Smaragd am Nabel? Und sonst nichts?«

Vier Sekunden verstrichen. Fünf.

»Spielverderber!«, stieß sie schließlich aus.

Bount winkte ab.

Jener ganz gewisse Glanz in ihren himmelblauen Minnesota-Augen erlosch im Zeitlupentempo. Ein neuer Ausdruck breitete sich über Junes Züge.

Reiniger räusperte sich verlegen.

»Weißt du, was im Kofferraum meines Wagens liegt?«

Die March brauchte nicht lange zu überlegen.

»Arbeit?«, sagte sie.

»Spielverderber«, sagte Bount.

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Sie holten das Bürschlein gemeinsam aus dem Auto. Es war zwar nicht mehr bewusstlos, aber doch noch reichlich abgetreten.

Wie gut, dass June irgendwann mal ein paar Kleidungstücke von sich in Bounts Bungalow hatte hängen lassen. Sie war wieder angezogen.

Bount war nur in trockene Hosen, frische Unterwäsche, frische Socken und in einen dicken Pullover geschlüpft und hatte sich das Haar endgültig trockengerubbelt.

»Kannst du gehen?«, fragte Reiniger.

»Wo bin ich?«

»Ob du geh’n kannst, hab’ ich dich gefragt.«

»Ja, ja.«

Sie mussten ihn trotzdem zu zweit stützen. Sie lagerten ihn in einen Sessel. Das Nasenbluten hatte schon vor einer Stunde aufgehört. Es war ein weiter Weg von Staten Island bis zum Long Island Sound. June kam aus der Küche, mit einem nassen Lappen und einem Fläschchen Jodtinktur in der Hand. Bount glaubte nicht, dass es ihr um die Unversehrtheit seiner Möbel ging.

June March hatte Mitleid.

Er ja auch.

Reiniger kramte die Taschen seines »Gastes« durch. Bisher hatte noch kein zwingender Anlass dazu bestanden. Die »Beute« breitete er vor sich auf dem Tisch aus.

Unter anderem eine Sozialversicherungskarte.

Howard Lefton hieß der Knabe. Gebürtig in Laredo. Erst im nächsten Monat wurde er zwanzig. Sein letzter Arbeitsplatz war in Dallas gewesen, wie aus einem Zeugnis hervorging. Als Rippchengriller in einer Imbissstube hatte er zuletzt dort unten im Süden gejobbt.

Schon im zarten Alter von vierzehn hatte er einen Schießwettbewerb gewonnen. Eine zerknitterte Urkunde lag vor. Von 200 möglichen Punkten 180 erreicht. Aus der Hüfte abgefeuert. Auf eine Distanz von 25 Yard.

Bount pfiff unwillkürlich durch die Zähne. Nicht einmal er konnte das so gut.

Der Junge war ein Talent!

Und vermutlich war eben dieses Talent jemandem, einem Talentsucher der ganz besonderen Art, aufgefallen, und der hatte Howard Lefton letztendlich nach New York geschleust. Als Nachwuchskraft für düstere Geschäfte.

Fachkräfte waren rar. In jedem Job. Auch im Job eines Bodyguards und Killers.

Bount blickte durch. An diesen Punkten konnte er seine Fragen einhaken.

Die March war soeben fertig mit ihrem Samariterdienst. Lefton sah wieder einigermaßen manierlich aus. Blond war er und schlaksig. Meergrüne Augen zwischen blondbewimperten Lidern. Eingefallene Wangen, übergroße Ohren. Der Knick in seinem Nasenbein verlieh ihm sogar etwas Profil. Ein neues. Ein objektiv besseres, markanteres.

Ob der Junge ihm dafür auf ewig dankbar war, bezweifelte Bount Reiniger dennoch.

»Wer bezahlt dich?«, schoss er seine erste Frage ab. »Und bilde dir um Himmels willen nicht ein, du kämst hier lebend wieder raus, nur weil meine Freundin dich ein bisschen verarztet hat. Wär’ ein böser Denkfehler, Junge. - Und lass dir mit der Antwort Zeit. Denn jede falsche Antwort müsstest du bitter bereuen. Mein Wort drauf!«

So pflegte Bount Reiniger seine »Verhöre 3. Grades« einzuleiten.

Geballte Drohung.

Und wenn’s drauf ankam, nichts dahinter.

Die March kannte diese Taktik.

Ihr Gesicht verhärtete sich von einer Sekunde auf die andere.

Nur, dass sie es eben nicht ernst meinte mit ihrer aufgesetzten Brutalität. Bei ihr und bei Bount diente dieser Druck einem guten Zweck, einem humanen Zweck.

Oder war es etwa nicht human, einen Verbrecher seiner verdienten Straße zuzuführen? Es zumindest zu versuchen? Damit der Hauptschuldige nicht noch mehr Leben kaputt machte?

O no. Da kannten sie beide keinen Pardon.

Und Howard Lefton war das krasse Gegenteil eines Märtyrers. Nicht für eine schlechte Sache. Das machte Reiniger und der March die Sache relativ leicht. Offene Türen brauchte man nicht einzurennen.

Lefton würde jetzt schon alles ausplaudern, was er wusste. Er hatte das Gewissen seiner Kindheit in Laredo bis herauf nach New York gerettet. Eine beachtliche Leistung und der Beweis für ein enormes Ausmaß von Naivität.

Bount wünschte jetzt schon im Stillen Abbitte dafür, dass er diesem Jugendlichen den Nasenrücken gebrochen hatte. Wenn auch nur billigend in Kauf genommen während eines Bremsvorgangs auf dem West Shore Expressway.

Aber kurz davor hatte ihm dasselbe Häufchen Elend, dem er nun gegenübersaß, noch die Mündung eines 34er Remington ans Genick gedrückt. Es war nicht Leftons Verdienst gewesen, dass Bount jetzt noch lebte.

Musste ja auch mal gesagt werden. Abrutschen ging eben schneller als aufsteigen.

»Was wollt ihr wissen?«, fragte Howard Lefton in diesem Augenblick. »Aber ich sag's euch gleich - sehr ergiebig bin ich nicht. Hab nur ein bisschen aufgeschnappt. So ganz am Rand. Ich war ja nichts für die. Nur ein Möbelstück. Gekauft und in die Ecke gestellt. Sie haben mich überhaupt nicht beachtet. So, als wär’ ich gar nicht da.«

Bount unterdrückte einen Jubelruf. Diese Andeutung war mehr wert als Ostern und Weihnachten zusammen. Nun musste sie nur noch Früchte bringen.

»Aufgeschnappt? Du hast manches aufgeschnappt? - June! Schnell! Gib unserem Freund einen Drink. Das Beste, was du findest.«

Und Howard Lefton plauderte. Und plauderte wie ein VW-Käfer vor Jahren einmal fuhr und fuhr. Der Mann entpuppte sich als ein wahres Lexikon.

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Sicher. Er hatte einigen Dreck am Stecken angesammelt in der kurzen Zeit, die er sich in New York aufhielt und im Auftrag von Dennis Hooperman unterwegs gewesen war. Bei diesem Mann fing jeder klein an. Prinzipiell. Auch wenn Lefton noch so ein Ass im Schießen war. Dennis Hooperman ging die Tradition über alles. Von unten musste man anfangen. Von ganz unten.

Als Leichentransporteur beispielsweise. Wie in Howard Leftons Fall.

Bei den alten Ägyptern hatten sie es nicht anders gehalten, und die gesellschaftliche Ächtung der Bestattungsindustrie lebte fort bis in die Jetztzeit. Da konnten die Sarg-Grossisten Millionäre sein und werden wie sie wollten, und die meisten waren ja welche. Das Sterben kam verteufelt teuer in Europa und in den USA. Unter 3000 Dollar wurde kaum eine Leiche mehr eingebuddelt.

Bount hatte Howard Lefton zum Abschied noch 2000 Dollar in die Hand gedrückt.

»Verschwinde, Junge. Verschwinde ganz, ganz schnell. Und für immer! Zurück nach Laredo. Denn nur dort ist dein Zuhause.«

Wozu den jungen Kerl festhalten. Ihm seine ganze Zukunft vermasseln. Er hatte jetzt schon Grauenhaftes genug erlebt als Dennis Hoopermans Leichenkutscher.

Im Umfeld dessen Gewerbes kam es eben immer wieder mal zu »Unfällen«, zu Toten männlichen und weiblichen Geschlechts. Das brauchte nichts mit Mord zu tun zu haben. Aber die Cops wollte man unbedingt aus dem Spiel haben und mit ihnen die Bürokratie. Da spritzte sich beispielsweise eine Kinderprostituierte zu Tode, und dann stellten die Bullen ungemütliche Fragen nach dem Background.

Musste ja nicht sein, oder? Wo gehobelt wird, fielen nun mal Späne.

Aber wo keine Leichen, da auch keine Neugier. Und Howard Lefton hatte dabei mitgeholfen, beim »Entsorgen« dieser toten Körper.

Inzwischen saß er schon im Flugzeug nach Austin. Denn Bount Reiniger hasste dieses Grundtheorem der gängigen Rechtsprechung: Die Kleinen hängen wir, und die Großen lassen wir laufen.

Er hielt es lieber umgekehrt.

Deshalb saß Howard Lefton jetzt in diesem Flugzeug nach Texas.

Bount wälzte sich von der einen Seite auf die andere. Doch die Pflicht rief, und müde und ziemlich ausgelaugt war er auch. Eine späte Vormittagssonne schien ins Zimmer und malte durch die Stores Kringel auf den Teppich. Das Wetter war heute besser als gestern. Bount stand auf.

In der Küche schaltete er die Kaffeemaschine ein, im Kühlschrank fanden sich tiefgefrorene Croissants. Der Mikrowellenherd taute sie auf. Zusammen mit Papaya-Juice und den übrigen Zutaten für ein opulentes, kräftigendes Frühstück stellte er alles auf ein Tablett und ging zurück ins Schlafzimmer.

Lieber doch nichts übertreiben.

June schien derselben Anschauung gewesen zu sein, denn als Reiniger zusammen mit ihr am Upper Broadway auftauchte, war es schon fast vier.

Nachmittag.

Reiniger fuhr auf einen kleinen Parkplatz, der für eine Bar, eine chemische Reinigung und einen Taco-Stand bestimmt war. Als sie auf die Seitentür der Bar zugingen, kamen sie dicht an einem schlaksigen Fünfundvierzigjährigen in echter Cowboy-Kleidung vorbei. Er lehnte an einem großen, überquellenden Abfallcontainer und hatte ein Bein angewinkelt, sein Fuß war in der klassischen Western-Pose gegen den Container gestemmt. Er sah so verdreckt aus wie jemand, der wochenlang auf Parkbänken geschlafen hat. Sein Hut war reichlich schmutzig, und seine Stiefel waren aus dem Leim gegangen. Bount rechnete damit, um Geld angeschnorrt zu werden, doch der Cowboy sah ihnen nur nach, als sie an ihm vorbeikamen.

Sie betraten die Lucky Star Beer-Bar, und June sagte leise: »Herr im Himmel.«

»Denk immer daran«, sagte Bount, »dass man Menschen so nehmen muss, wie sie sind. Wir sind hier, um unseren Horizont auszuweiten. Das ist Hoopermans Hauptquartier. Seine Zentrale. Er hält nicht viel vom Repräsentieren. Er hat es gern eine Nummer kleiner. Wahrscheinlich sitzt auch ihm das Finanzamt im Nacken.«

In der Bar verkehrten entwurzelte Existenzen aus dem Südwesten: frühere Angestellte von Erdölfirmen und Ranch-Hilfskräfte, die eher Pickups gefahren als Pferde geritten hatten, aber immer noch mit dem Bild von sich selbst herumliefen, sie seien die letzten auf sich selbst gestellten Amerikaner, obwohl jeder von ihnen eine Sozialversicherungskarte in der Brieftasche hatte.

Es gab einen Billardtisch, der minimal von der Normalgröße abwich, und eine Jukebox mit ausschließlich Country und Western Songs. Der Billardtisch war von zwei Kerlen mit Beschlag belegt.

Die Bar war lang und gerade, der ideale Tresen für ernsthaftes Trinken. Und am hinteren Ende saßen still drei dieser Cowboy-Typen, jeweils mit ein paar leeren Barhockern zwischen sich, und sie machten sich langsam über die Biere her, die vor sie hingestellt worden waren. Sie wirkten alle so wie der Cowboy, der draußen am Müllcontainer lehnte.

Bount und June nahmen am anderen Ende Platz.

»Lucky vom Fass, Lone Star in Flaschen«, sagte der Barkeeper. Es war die erste Kneipe in New York, die Bount je gefunden hatte, in der ausschließlich texanische Biere ausgeschenkt wurden.

Sie bestellten Flaschen, die ihnen ohne Gläser hingestellt wurden. Der Barkeeper, der so müde und runtergekommen war wie die drei schweigenden Gäste, stützte sich auf die Registrierkasse und sah aus, als hätte er lieber auf der anderen Seite des Tresens gestanden. Nur die beiden Billardspieler brachten etwas Leben in die Bar. Der, der dran war, stieß jedes Mal einen schrillen Freudenschrei aus, wenn er etwas Schwierigeres als einen Hänger ins Loch bekam.

Bount wollte nichts überstürzen. Er wusste ja nicht einmal, ob sich Dennis Hooperman zur Stunde tatsächlich hier aufhielt. In einem der Hinterzimmer.

Hinter dem Tresen hing eine große Bleistift und Tintenzeichnung, die jemand mit einem Gefühl für Plakatkunst gemalt hatte. Es war eine stehende Frau mit Beinen, die zu lang, und Brüsten, die zu hoch angesetzt und zu prall für ihre Größe waren. Sie stellte ihre Reize klischeehaft zur Schau und war nur mit einem Cowboy-Hut und Stiefeln, Netzstrümpfen und einem Straps und einem Revolverholster bekleidet. Ein Handballen lag so auf dem Colt, als würde sie jeden Moment ziehen.

June bestellte sich ein zweites Bier. Und einen Whisky. Sie wusste schon warum. Zur Stärkung höchstwahrscheinlich.

Neben dem Poster hing ein gerahmtes Ölgemälde von einer Nackten, die in einer ungewöhnlichen Pose auf der Kante eines ungemachten Bettes saß und die Beine von sich gestreckt, aber die Knie züchtig zusammengepresst hatte. Das Bett war von roten Samtvorhängen eingerahmt. Die Lady schien als ein mexikanischer Mischling gedacht zu sein und hatte dunkelbraune Haut, hohe Wangenknochen in einem pausbäckigen Gesicht, und Lippen, deren Form die Unschuld eines schmollenden Cupido ausdrückten. Ein breiter, goldener Armreifen, der unangenehm eng wirkte, schlang sich um ihren Bizeps. Der Künstler hatte in ihren Augen den Groll eines Häftlings eingefangen, der schon zu lange saß. Sie sah aus, als wäre sie etwa fünfzehn, und ihre Brüste waren kleiner als die des Cowgirls mit dem Strumpfgürtel, aber auch sie waren zu prall.

Bount rätselte daran herum, dass auf den Brüsten der Frauen Hunderte von winzigen Einstichen zu sein schienen, die nicht Bestandteil der Bilder waren und immer dichter wurden, je näher es zu den Brustwarzen hinging.

Kurz darauf fiel ihm ein einziger Dartpfeil auf der Ablage unter dem Gemälde auf, der anscheinend für jeden Trinker verfügbar war, den der Billardtisch langweilte.

June hatte ihre Aufmerksamkeit offenbar auch auf die winzigen Einstiche gerichtet, und als sie den Dartpfeil sah, riss sie die Augen entgeistert auf.

»Ist das zu glauben?«, keuchte sie mit bebendem Busen. »Ist das wirklich zu glauben?«

Und eine verkappte Emanze im besten Sinn war sie auch.

»Erkundige dich bitte nicht beim Management nach diesem Dartpfeil«, forderte Bount Reiniger dringlich.

June hatte vor Sekunden ihr drittes Bier bestellt. Und eine Kämpfernatur war sie auch. Und das war der Punkt, der Reiniger die größten Sorgen machte.

»Lass uns austrinken und hier verschwinden«, sagte Bount. »Wenn Hooperman hier wäre, hätte er sich schon gemeldet. Er kennt die Regeln. Man muss dem Feind ins Weiße seiner Augen sehen. Er ist bestimmt derselben Meinung. Er wird versuchen, sich mit mir zu arrangieren. Ist doch so üblich in diesen Kreisen.«

»Aber das ist so verdammt w i d e r 1 i c h«, sagte June, jede Silbe einzeln betonend.

»Ich bin deiner Meinung. Aber wir sind hier fast schon in der Bronx. Und es ist nicht deine Lebensaufgabe, die Welt auf den rechten Weg zu bringen. Wenn du auch nur ein einziges Wort sagst, sind wir unten durch.«

June hatte soeben ihr drittes Bier geleert und winkte nach einem vierten. Sie konnte sich noch aufregen über die Ungerechtigkeiten auf dieser Welt.

Maßlos. Allmählich rutschte sie über die 1,5 Promille-Grenze.

Normalerweise soff sie nicht. Nur wenn sie etwas maßlos aufregte. Männer, die mit Darts auf Frauenbusen warfen, beispielsweise. Dann war sie nicht mehr zu bremsen. Bount ließ dem Schicksal seinen Lauf. Konnte ja amüsant werden, und es schadete nicht, wenn die March im Training blieb. Das Minnesota-Girl konnte sich wehren.

Und wie!

Hooperman war sowieso nicht da. Er hätte sich schon längst bemerkbar gemacht.

»Jemand muss anfangen«, fuhr die March kriegslüstern fort, »sich die Jugendlichen in Turnschuhen vorzunehmen, die den Leuten in der U-Bahn Goldketten runterreißen, und man müsste ihnen gleich auf dem Bahnsteig die Zähne eintreten, ehe die verdammten Bullen kommen. - Noch ein Bier, Keeper!«

Nun wurde es allerdings knapp. Bount wusste, wie gut die March war. Sie hatte die bestmögliche Ausbildung in sämtlichen Nahkampfarten erhalten.

Doch konnte es schaden, einen Gegner aus seiner Deckung zu locken? Wenn man nichts hatte als einen vagen Verdacht und die nie durch Fakten belegbaren Aussagen eines Bürschleins namens Howard Lefton?

Bount ließ es darauf ankommen.

Die Billardspieler beendeten ihr Spiel und kamen an ihren Platz an der Theke zurück. Doch vorher blieben sie vor der Jukebox stehen. Reiniger zuckte zusammen, als er sie aus der Nähe sah. Sie waren genau das, was ein Arzt mit Hang zum Skurrilen der March in deren momentanen Stimmung verschrieben hätte.

Einer, ein stämmiger Gelegenheitsarbeiter, sein Partner ein kräftiger Cowboy, beide Mitte dreißig, beide mit einem Ansatz zu einem Bierbauch, mit mehreren verfaulten Zähnen und Tätowierungen an den Unterarmen. So, wie sie sich darüber stritten, welche Songtitel sie wählen sollten, war Bount klar, dass sie auch am Tresen laut sein würden. Und das würde der March in ihrer jetzigen Stimmung außerordentlich gelegen kommen.

Schon seit Wochen fühlte sie sich unterfordert. Und Bounts Erlebnisse der letzten zwei Tage hatten sie wohl noch zusätzlich animiert. June brauchte ein Ventil, und Bount gönnte es ihr. Vielleicht war sie danach im Alltag wieder etwas handsamer. Und dann natürlich der mögliche Wirbel, der sich sofort herumsprechen würde. Auch bis zum leider zurzeit abwesenden Mr. Dennis Hooperman. Er sollte wissen, dass sie nun auch ihn im Visier hatten. Zu keinem anderen Zweck hatte der Besuch dieser Bar gedient.

Das Lied, das sie dann drückten, war Mist, wie nicht anders erwartet. Ein singender Cowboy knödelte trauernd einer Liebe hinterher. Er hatte seine Frau vergewaltigt, und nun wunderte er sich, dass sie ihn nicht mehr mochte.

Die Billardspieler kamen von der Jukebox zum Tresen.

»Ins Schwarze oder daneben«, sagte der eine zum anderen. »Der Sieger muss eine Brustwarze treffen.« Er rief dem Barkeeper zu: »Tommy, reich mir den Dartpfeil.«

Das genügte.

Bount wusste es.

Er hörte Junes Zähne knirschen.

Sie sammelte sich, war gleichzeitig hinter den Werfer getreten, als der Gelegenheitsarbeiter sich vorbeugte, sorgsam zielte und den Pfeil auf die linke Brust des Cowgirls warf. Er traf sie unten auf dem Brustkorb.

»Wie, zum Teufel, kann es einem Spaß machen, einen Dart auf Brüste zu werfen?«, fragte die March.

Die beiden drehten sich lächelnd um und merkten nicht, dass June innerlich siedete.

»Wo liegt das Problem, Nuttchen?«, fragte der, der den Pfeil geworfen hatte.

Äußerlich blieb die March noch kühl, als sie antwortete. »Mich interessiert nur, wie das jemandem Spaß machen kann. Was seid ihr beide denn? Zwei Massenmörder, die die Autobahnen hier in der Gegend unsicher machen und zwölfjährige Mädchen vergewaltigen?«

Das Lächeln verging ihnen, doch Junes Geschlecht hielt sie davon ab, sich auf sie zu stürzen. Der, der den Pfeil geworfen hatte, wurde rot.

»Hör mal, Nuttchen ...«

»Du nennst mich jetzt schon zum zweiten Mal eine Nutte, du Texake. Bist du etwa jener Freier, von dem meine Freundinnen erzählten, dass er nie einen hochkriegt? Auch unter Einsatz der raffiniertesten Mittel nicht?«

Es dauerte einen Moment lang, bis es bei ihm ankam, aber dann holte der, der den Pfeil geworfen hatte, endlich zu einem Schwinger aus, den June geduldig erwartete. Sie wich mühelos aus und stürzte sich unverhofft auf den zweiten Gegner.

Wie Bount es vorausgeahnt hatte. Die irische Schlägerschule. Die beste der Welt. Die March kannte sie nicht nur aus der Theorie. Schließlich wurde sie von ihm ausgebildet, und in ihrem Ausweis stand »Detektiv-Volontärin«.

»Wenn sie zu zweit sind«, hatte Bounts Lehrmeister ihm beigebracht, und Bount hatte das an die March weitergegeben, »haut man zuerst dem Partner eine rein. Der steht nur dämlich rum und wartet, dass er eingreifen darf.«

Genau das tat die March jetzt, mondweit entfernt von Schreibmaschine und Elektronik. Hier war sie in ihrem eigentlichen Element, von dem sie immer dachte, Bount würde es ihr vorenthalten.

Sie nutzte den Schwung, den sie hatte, um mit der rechten Hand auszuholen, und gleichzeitig hob sie beide Füße vom Boden, als teilte sie im Training einen Hieb auf einen schweren Sandsack aus. Er landete mitten im Bierbauch des Cowboys. Der Mann knickte ein. Der, der den Pfeil geworfen hatte, hatte das Gleichgewicht wiedergefunden und wollte einen linken Haken landen, dem June auf professionelle Art mit einer halben Drehung ihres Kopfes auswich, die dem Schlag jede Wucht raubte, und dann holte sie selbst mit der Linken zu einem Karatehieb aus und drehte sich in den Knien, um wie immer ihr volles, doch eher zartes Körpergewicht einzusetzen.

Die Handkante traf genau auf das Ohr des Gelegenheitsarbeiters, der zwar noch stand, aber das Gleichgewicht wieder verloren hatte.

Da brachte die zierliche June eine gewaltige gerade Rechte, bei der Kopf und Schulter wenige Zentimeter der Faust folgten. Eigentlich war’s gar keine Faust. Sie schlug mit den Fingerknöcheln zu, die oberen beiden Glieder angeballt. Ein Hieb, den sie besonders gern landete, wenn es denn schon mal eine Gelegenheit dazu gab. Weil sie damit den größtmöglichen Schaden anrichten konnte.

Der Gelegenheitsarbeiter taumelte rückwärts und machte kleine, schnelle Schritte auf den Fersen, weil er versuchte, auf den Beinen zu bleiben. Und er kam fünf Meter weit, ehe er gegen die Jukebox prallte. Er bemühte sich stehen zu bleiben, aber seine Knie schlotterten und wurden dann weich. Er saß benommen auf dem Fußboden, als June - ganz Domina - auf ihn zuging. Der Cowboy hatte sich neben Reiniger an der Bar auf alle viere gezogen und ächzte und wollte sich übergeben, während die drei Landstreicher am anderen Ende des langen Tresens teilnahmslos zusahen. Bount machte nur der Barkeeper Sorgen, der mit Sicherheit wenigstens einen Knüppel zur Hand hatte.

»Wenn Sie sich rühren«, drohte Reiniger«, ziehe ich Ihnen diese Flasche über den Schädel.«

Der Barkeeper zuckte die Achseln.

»He, Mister, mich interessiert das Ganze einen Scheißdreck. Wenn sich Ihre Freundin in dieses Cowgirl verliebt hat, dann kann sie von mir aus das verfluchte Bild nach Hause mitnehmen. Ich habe es ohnehin satt, den ganzen Tag lang diesen verdammten Pfeil über den Tresen zu reichen.«

June war wirklich gut in Form heute. Sie stand über dem Gelegenheitsarbeiter und bedeutete ihm, aufzustehen.

»Steh auf, und lass dich schlagen wie ein Mann«, sagte sie. Bount ging auf, dass es June wirklich gefreut hätte, in die Enge getrieben zu werden. Sie hatte diese Konfrontation gesucht. Sie hatte sich beweisen wollen. Zu lange war es schon her, dass Bount sie zu einem beinharten Einsatz mitgenommen hatte.

Okay.

Den hier hatte sie mehr oder weniger selbst provoziert. Um ebenfalls im Training zu bleiben. Der Gelegenheitsarbeiter tastete seinen Nasenrücken ab, der anscheinend seit Junes gerader Rechten nicht mehr ganz in Ordnung war, und stand dann auf und hob die Hände. Die March bedeutete ihm, mit ausgestreckten Armen und den Handflächen nach oben, vorzutreten.

Im nächsten Moment versuchte der Kerl, sich auf June zu stürzen, aber er ging zu behutsam vor.

Die March wich mit der linken Schulter aus, und durch diese Finte kamen die Hände des Gegners fast dreißig Zentimeter zu tief an, und das weizenblonde, niedliche Minnesota-Girl, das Mädchen vom Land, konnte noch eine zweite gerade Rechte platzieren, die diesmal genau auf den Mund traf.

Der Gelegenheitsarbeiter rutschte wieder an der Jukebox runter und blieb ohne jede Absicht, wieder aufzustehen, sitzen.

Die March war glücklich, Reiniger zahlte.

»Ich habe schon oft Kneipenschlägereien wegen Frauen mitgekriegt«, hörte Bount einen der Landstreicher am anderen Ende des Tresens sagen, »aber das ist die erste um ein verdammtes Bild von einer Frau.«

»Und ’ne Amazone hat sie ausgefochten und gewonnen«, fügte ein zweiter Landstreicher hinzu. In seiner kratzigen Säuferstimme schwang Respekt.

Ihr Ziel hatten sie erreicht.

Sie waren ein bisschen aufgefallen in der Szene.

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Aber nichts tat sich. Gar nichts. Sie saßen im Büro an der 54. Straße. Kein einziger Anruf in dieser Sache. Der Abend verstrich.

Unruhig waren sie beide. Bount Reiniger und June March.

»Worauf warten wir eigentlich?«, fragte Bount.

June March süffelte einen White Lady, Bount einen Scotch. Die March war wieder stocknüchtern. Etwas Bewegung tat ihr wahrscheinlich gut. Vor einer halben Stunde war die Sonne untergegangen. Es wurde Nacht über Manhattan. Sämtliche Großfleischereien schlossen spätestens um vier. Auch die am unteren Ende der 9th. Avenue.«

»Weiß nicht«, antwortete die March einsilbig. »Wir haben ja wirklich alles getan, um den Gegner aus der Hölle zu locken.«

»Wie wahr. Und du warst besonders prächtig. Also, wie du diese Cowboys niedergebügelt hast ...?«

»Lag doch voll in deiner Absicht, Bount. Mir brauchst du nichts vorzumachen. Ein hysterisches Weibsbild war ich noch nie.«

Bount stimmte zu.

»Nicht mal Gott dürfte das behaupten«, sagte er. »Du würdest ihm den weißen Bart ausreißen.«

Die March ging nicht darauf ein. Sie starrte auf ihr Glas. »Wann bist du eigentlich das letzte Mal eingebrochen?«

»Gestern«, sagte Bount. »Im sechzehnten Stock. Drüben in Staten Island. In einem Penthouse.«

»Ach, das meine ich nicht. Ich meine richtig!«

»Worauf willst du hinaus?«

»Auf die S & M Incorporated, natürlich«, sagte sie. »Sogar Malcolm Murphy hat dort was gefunden.«

»Ja«, antwortete Reiniger lapidar. »Fünfzigtausend Dollar vermutlich.«

»Eben. Da sollte doch auch für dich ein bisschen was abfallen. Da liegt doch jede Menge Papierkram rum.«

Bount seufzte.

»Und 'ne Minox hab ich auch.«

»Eben« wiederholte die March resolut. »Wie immer mit einem frischen Film drin. Du brichst ein, und ich steh’ Schmiere.«

Damit war auch schon alles entschieden. Bount musste etwas unternehmen. Sonst trat er auf der Stelle. So ging’s ja nun wirklich nicht weiter.

Fünf Minuten später saß Bount wieder mal in seinem Mercedes, und die March war neben ihm. Und wieder mal ging's hinunter zur Downtown, an die Westside. Noch waren die Straßen leer. Die Digitaluhr am Armaturenbrett zeigte halb zwei. Vor vier Uhr würde keiner in diesem Viertel aufkreuzen und steckte seine Karte in die Stechuhr. Nirgendwo war Licht. Er befand sich hier in einem Viertel, das die Routen der Sightseeing-Busse gezielt ausließen. Einen Parkplatz zu finden, war noch kein Problem. Er stellte seinen Wagen gegenüber des Eingangs zur S & M Incorporated ab. Nach dem Aussteigen tastete er zum Schulterholster.

Ja. Diesmal hatte er sie dabei, seine 38er Smith & Wesson - ein beruhigendes Gefühl.

Der Haupteingang war zusätzlich mit einem Vorhängeschloss gesichert. Bount knackte es innerhalb weniger Sekunden. Gelernt war gelernt. Er rollte die Schiebetür einen Spaltbreit zur Seite. Hinter ihm quetschte sich die March in die Schlächterei. Bount stellte sich vor, wie sich ihr Näschen krauste. Es roch hier auch dann nicht gut, wenn keine Tierkörper an den Schienen von der Decke hingen und das Fließband außer Betrieb war.

Reiniger hatte eine starke Taschenlampe dabei. Den Wärmesensor oben an der Bürotür nach der Treppe sah er nicht.

Wie auch? Diese Art einer Alarmanlage kam sehr diskret daher. Und war trotzdem ziemlich simpel zu knacken; wenn man sie bemerkte und das entsprechende Werkzeug dabei hatte.

Bount bemerkte sie nicht. Er und die March befanden sich ja auch noch im Erdgeschoss.

Eigentlich wusste er nicht einmal, wonach genau er suchen sollte. Der reine Instinkt hatte ihn hergetrieben. Vielleicht stieß er auf irgendwelche verräterische Akten, irgendwelche Aufzeichnungen. Doch er glaubte selbst nicht richtig daran. Weder Milestone noch Scrooger waren dumm genug, sich derartige Blößen zu geben. Nicht nach der Sache mit ihrem Buchhalter.

Und wie Malcolm Murphy an die 50000 Dollar gekommen war, würde wohl für immer ein Rätsel bleiben, und in eben diesem Rätsel sah Reiniger den einzigen Lichtblick in diesem Fall.

Denn rein rechtlich gesehen gehörte das Geld tatsächlich dem Vermissten oder Will Murphy, seinem einzigen Erben. Wieso sollte das geschriebene Recht nicht auch mal zu etwas Gutem taugen. Ausnahmen bestätigten schließlich die Regel.

Und musste Bount deswegen überhaupt die Behörden bemühen? Dort jammerte man ja ohnehin ständig, wie hoffnungslos überlastet man sei.

Bount Reiniger sah das alles ein bisschen lockerer. Besonders dann, wenn er einem armen Hund wie dem Naivling Willifred ganz unbürokratisch und allein schon deswegen effizient helfen konnte ...

Bount traute sich kein Deckenlicht anzumachen. Das der starken Stablampe musste genügen. Die Akkubatterien waren frisch aufgeladen. Die March krallte sich an seinem Unterarm fest. Er spürte ihre Fingernägel bis tief ins Fleisch. Ihr heißer Atem strich ihm übers Ohr. Reiniger verzieh dem Minnesota-Girl großzügig. Ihm war ebenfalls nicht wohl in seiner Haut.

Irgendwas lag in der Luft. Etwas Namenloses, Drohendes. Bount konnte sich auf sein Gefühl verlassen. Vorsichtig tastete er sich weiter, die March schmerzhaft im Schlepp. Sie hatte Krallen wie ein Geierweibchen.

So erreichten sie, an jener seltsamen Mischmaschine vorbei, deren Funktion sich Bount hier immer noch nicht erklären konnte, die rückwärtige Wand mit dem großen Gefrierraum dahinter.

Es konnte nicht schaden, einen Blick hineinzuwerfen. Howard Leftons Angaben waren, soweit es das Zwischenlager der jeweils angefallenen Leichen betraf, sehr vage gewesen. Doch Bounts Fantasie reichte aus, dass in diesen Sekunden sein Magen revoltierte.

Von seinen Befürchtungen und schlimmsten Ängsten teilte er der March lieber nichts mit. Sie konnte aus dem Stand losheulen wie eine Luftschutzsirene und brauchte noch nicht einmal Strom dazu.

»Halt mal«, sagte er stattdessen und drückte ihr die Lampe in die Hand. Der Schmerz an seinem Unterarm war unerträglich geworden.

Sie nahm den Strahler. Ihre Zähne klapperten aufeinander und hörten sich an wie das Schwanzende einer gereizten Klapperschlange.

Bount dagegen nahm wieder mal sein Besteck aus raffiniert gebogenen Haken und Spezialschlüsseln mit den durch Feinschrauben verstellbaren Bärten. Das gab es auch noch nicht bei Woolworth.

Ein Problem mit dem Schloss gab es hier ebenfalls nicht, obwohl es von einer weitaus besseren Qualität war als das vom Eingang. Eine Schiebetür auch hier. Sie bewegte sich geräuschlos auf ihren schwarzen Gummirollen.

Diesmal riskierte es Reiniger, die Deckenbeleuchtung einzuschalten. Kühlräume hatten keine Fenster. An den Wänden und Regalwänden aus Aluminiumrohr klebte weiß eine dicke Schicht Reif. Eiskristalle glitzerten. Die Temperatur musste hier weit unter dem Gefrierpunkt liegen.

»Muss das sein?«, klapperte die March. Kein Storch konnte das besser.

Selbstverständlich hatte sie wieder nur einen ihrer Miniröcke an. Ihre Oberschenkel waren unter der Strumpfhose von einer großporigen Gänsehaut überzogen. Bei ihr sah sogar das noch gut aus, obwohl Bount Reiniger sonst nicht für nacktes Geflügel schwärmte, solange es sich noch nicht in eine Pekingente oder ein kross gebratenes Bruststeak verwandelt hatte.

Bount nickte nur, schaute sich suchend um. Doch die besseren, weil im Moment vielleicht vor lauter Kälte und Grauen weiter aufgerissenen Augen hatte die March.

»Da hinten, Bount. Da haben sie ein Regal verrückt.«

Nun sah es auch Reiniger. Eines dieser Rohrgestelle war nicht wieder exakt an seinen Platz gerückt worden. Ein paar raumgreifende Schritte brachten ihn an die Stelle. Bei etwas weniger Vorsichtswaltung wäre ihm die Tür dahinter nie aufgefallen. Sein Puls pochte plötzlich schneller. War er nun doch darauf gestoßen? Auf Dave Milestones und Abe Scroogers katastrophalen Fehler?

Für dieses Schloss brauchte er allerdings fast eine Viertelstunde, ehe er es offen hatte. June war ihm trotz ihres Bibberns keine Sekunde von der Stelle gewichen.

Nun bereute sie das. Sie schlug sich den rechten Handrücken vor den Mund und biss hinein, um einen Schrei zu unterdrücken.

Auch hier stand ein Regal, doch auf diesem Regal standen aufgereiht ein paar Dutzend etikettierter Konservenbüchsen.

Feinste Fleischpastete, entzifferte er darauf. Die Spezialität des Hauses. - Nach streng geheimem Rezept.

Schnell nahm Bount Junes Kopf zwischen die Hände und presste ihr Gesicht gegen seine Brust. Denn er hatte noch mehr gesehen. Die Schlachtbank aus Stein und Holz in der Mitte, ähnlich den »Operationstischen« eines Gerichtsmediziners in der Leichenhalle des Bellevue, und daneben ein Holzverschlag, aus dem blasse, dünne Beinchen ragten, die Beine eines Kindes. Allem Anschein nach war das Mädchen während einer unsachgemäß durchgeführten Abtreibung verstorben. Niemand hatte sich die Mühe gemacht, die entsprechenden Spuren zu beseitigen.

An diesem Moment hatten Reinigers Nehmerqualitäten ein Ende. Der Magen stülpte sich ihm um.

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Bount nahm die March nicht mit nach oben ins Büro. Er drückte ihr nur ein paar der Büchsen sowie seinen Autoschlüssel in die Hand, weil ihm ein scheußlicher Verdacht gekommen war und er nun den Zweck der Teigmischmaschine und der Abfüllstation zu kennen glaubte. Der Magen wurde ihm davon nicht besser.

Außerdem wollte er June aus der Schussbahn haben. In ihrem jetzigen Zustand war sie ihm keine Hilfe mehr.

»Fahr sofort! Hinüber in die Centre Street!«, forderte er in abgehackten Sätzen. Ebenso wie die March war er totenbleich geworden. »Ins Präsidium Manhattan South. Einen unserer Freunde müsstest du dort auftreiben. Entweder Toby Rogers oder Ron Myers. Jetzt brauchen wir Verstärkung. Nicht, dass sie mir wegen Fundunterschlagung die Lizenz entziehen. Das hier wird eine verdammte Nummer zu groß für einen Privatschnüffler. Ich bleib’ inzwischen hier und halt’ die Stellung. Und ruf zusätzlich an.«

Die March verlor keine Zeit an unnütze Fragen oder auch nur an Hysterie. Sie war sogar zum Schreien zu geschockt. In Orkanstärke wirbelte sie hinaus auf die nächtliche Straße. Allmählich ging es doch schon auf vier zu.

Und was Reiniger nicht wusste: Als er die Scheibe zum Büro im ersten Stock einschlug, setzte er zusätzlich auch noch die Alarmanlage in Betrieb. Nur meldete der Wärmesensor nicht direkt in den Räumen der S & M Incorporated, sondern eine weitere Etage drüber in einer kleinen Wohnung.

Sie wurde vom Schwarzen bewohnt, dem Reiniger nun schon ein paarmal über den Weg gelaufen war. Zum ersten Mal draußen auf dem blutbesudelten Bürgersteig bei seinem ersten Besuch.

Doch er hatte oben im Büro die Neonröhren natürlich nicht angeknipst. Er brauchte keine schriftlichen Beweise mehr. Er hatte andere genug, um David Nathaniel Milestone, Abraham Scrooger und vermutlich auch noch Dennis Hooperman für den Rest ihres Lebens hinter Gitter zu bringen. In Sekunden wie diesen bedauerte er es, dass die Todesstrafe im Staat New York seit einigen Jahren außer Kraft gesetzt war und die Elektrischen Stühle im Staatsgefängnis von Albany nutzlos vor sich hin staubten.

Er versuchte im Dunkeln zu wählen.

911 und gebührenfrei war der polizeiliche Notruf in Manhattan. Keiner, der in der Bredouille saß, brauchte erst lange nach den passenden Groschen zu kramen, um sie dann doch nicht zu finden.

Auf diesem Gebiet waren die größte und die zweitgrößte Industriemacht der Welt der dritten ebenfalls noch um Längen voraus. Aber da wurden die Telefonnetze ja auch privat betrieben und nicht von hochdotierten Scheuklappenträgern, tüchtig eingestrickt in einen gigantischen Wust oft saudummer Verordnungen.

Bount hatte gerade die ersten beiden Ziffern gewählt, als er unten schon den Schwarzen hereinstürmen sah.

Bount Reiniger warf den Hörer zurück auf die Gabel.

Der Schwarze zumindest hatte ein anderes Modell an Waffe bei sich, als das bisher beinahe schon gewohnte. Keine drollige 32er Automatic, sondern einen ausgewachsenen Bull Shooter mit einem Lauf so dick wie der Mädchenunterschenkel in der Kiste neben dem Hacktisch.

Und zwanzig Granaten im Magazin, denn als Kugeln konnte man die 67er Patronen ja nun wirklich nicht mehr bezeichnen. Mit so einem Ding konnte ein entschlossener Fighter vom Rambo-Format ein Einfamilienhaus dem Erdboden gleichmachen. Inklusive dessen Bewohner selbstverständlich.

Die amerikanische Rüstungsindustrie liebte im Gegensatz zur amerikanischen Regierung keine halben Sachen.

Aber Bount zielte sorgfältig aus der Sicherheit des dunklen Büros heraus, noch bevor der Schwarze zu einem ersten, verheerenden Schuss kam.

Der Mann trug sonst nur eine weite Hose. Der kräftige Oberkörper war frei.

Und als Bount abgedrückt hatte, trug er auch noch ein Loch in der rechten Brusthälfte.

Der Schwarze würde den Lungensteckschuss überleben. Doch das stand erst nach drei Tagen endgültig fest.

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Bis dahin hatte Bount Reiniger auch den üblichen Papierkram erledigt, zahllose Protokolle unterschrieben und in gewissen Punkten gelogen, dass sich die Balken bogen.

Er bekannte sich lediglich »schuldig«, dem Auftrag eines Klienten namens Willifred Murphy, der seinen Bruder vermisste, nachgegangen zu sein.

War es denn sein Verdienst, dabei ausgerechnet in dieses Wespennest gestochen zu haben?

Doch nie und nimmer!

Freund Toby Rogers, Captain beim Morddezernat C/II, Manhattan Süd, hatte Bounts Aussagen - wie immer - akzeptieren müssen. Weil Reiniger ihm - ebenfalls wie immer - gar keine andere Wahl gelassen hatte.

Schon allein aus dem Grund, dass Captain Toby Rogers in der Presse seit drei Tagen ununterbrochen als ein Held dastand, neben dem noch Superman sang- und klanglos zur schnöden Comic-Figur absank, die er ja auch war, hatte Bount ihm jeden Wind aus den Segeln genommen.

Jene spektakuläre Polizeiaktion im Schlächterviertel unten an den Neunten Avenue an jenem frühen Morgen vor drei Tagen, hatte ja tatsächlich unter seiner Leitung gestanden.

Und er hatte sie perfekt durchgezogen, das musste man ihm lassen.

Dave Milestone und Abe Scrooger waren noch während der Fahrt festgenommen worden. Scrooger erst nach heftiger Gegenwehr. Ein Schuss aus dem Gewehr eines des Einsatzkommandos hatte ihm den Kiefer zerschmettert.

Herrgott, musste das gestaubt haben, bei seinen Schuppen!

Milestone hatte erwartungsgemäß »gesungen« und damit Dennis Hooperman reingeritten, weil er sich Strafmilderung davon versprach.

Mit Sicherheit vergeblich.

Seine Spezialität des Hauses brach auch ihm unvermeidlich das feiste Genick. Der Daily Mirror hatte die Konserven der S & M Incorporated schon längst in »Ein Grab nach Art des Hauses« umgetauft.

Und beinahe stündlich wurden weitere makabre Enthüllungen bekannt.

Bis ins Knochenmark geschockte Millionäre und andere Leckermäuler der oberen Einkommensklassen bevölkerten die Wartezimmer der Mediziner und ließen sich auf eine mögliche Lebensmittelvergiftung hin untersuchen. In der Wall Street fiel auf, dass die Börsengeschäfte zwei Tage lang vor einem halbleeren Saal abgewickelt wurden.

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»Ist er endlich da?«, fragte Reiniger ungeduldig.

»Du regst dich zwei Minuten zu früh auf, Chef«, mokierte sich die March. »Noch ist es nicht zehn. Er wird pünktlich sein. Das hab’ ich im Gefühl. Buchhalter und Hasenführer auf Rennbahnen sind verlässlich, könnte ich mir denken.«

»Bis auf klauende Buchhalter«, schränkte Reiniger ein.

»Na? Ist das etwa was Besonderes?« June rümpfte die Nase. Sie hatte sich blendend erholt und sah auch wieder so aus. »Die Buchhaltung meiner Bank beklaut mich monatlich um mindestens vierzig Dollar. Nur nennt man sie bei diesen Raffzähnen Kontoführungsgebühren.«

Bount seufzte.

Immer das neue alte Lied: Die Starken nahmen es von den Schwachen.

Er war da wohl ein bisschen anders gepolt. Er holte gern von den Starken.

Aber er war ja auch keine Bank.

Punkt zehn klingelte es an der Tür.

June führte Willifred Murphy direkt ins Allerheiligste. Der Mann sah aus wie seine eigene Leiche. Schon wieder mal. Ihm ging jeder Optimismus ab. Er saß da mit nach vorn hängenden Schultern und eingefallenen, ins Gelbe verfärbten Wangen, als Bount ihn genötigt hatte, auf einem der Besucherstühle Platz zu nehmen.

Er saß auf der allervordersten Kante. Hoffentlich hatte er zu seinen übrigen Leiden nicht auch noch Hämorrhoiden. Denn dann saß er auch noch schmerzhaft.

»Ich habe die Zeitungen gelesen«, sagte er tonlos, blickte endlich auf. »Dann besteht wohl keine Chance mehr, meinen Bruder jemals wiederzufinden ...?«

»Nicht die geringste«, bestätigte Bount und würgte am Kloß in seiner Kehle. »Nach Lage der Dinge ...«

»Bitte, Mister Reiniger! Seit den ersten Berichten über diese Geschichte kann ich nicht mehr schlafen. - Es waren doch Sie, der die ganze Sache erst ins Rollen gebracht hat. Und nicht dieser aufgeblasene Captain des Morddezernats, der jetzt wie ein Teddybär in jede Kamera grinst. Ich weiß das einfach.«

Bount widersprach nicht. Stattdessen stand er auf und ging hinüber zum Tresor.

»Alles steht nicht in den Zeitungen«, sagte er, während er die Kombination einstellte. »Zum Beispiel, dass Ihr Bruder diesen Gangstern fünfzigtausend Dollar abgezweigt hat. Höchstwahrscheinlich war das der Anlass für seinen Tod. Doch vorher brachte er das Geld noch in Sicherheit. Nach meiner Einschätzung der Dinge gehört es nun Ihnen ... Nehmen Sie’s einfach als Schmerzensgeld für den erlittenen Verlust. Ich muss Ihnen jedoch versichern, dass die Cops nichts von dieser Erbschaft wissen und sowohl weder Scrooger als auch Milestone jemals ein Wort darüber verlieren werden. Denn beim Tod Ihres Bruders dürfte es sich aller Wahrscheinlichkeit um Mord gehandelt haben.«

Schlagartig wurde Will Murphys Gesicht straffer.

»Fünfzigtausend Dollar?«

»Und Sie gehören Ihnen, Mister Murphy. Vorausgesetzt, Sie hängen die Umstände dieser Übergabe nicht an die große Glocke. Ich werde auch keine Quittung von Ihnen verlangen. Ich meine nur, dass Sie dieses Geschenk des Schicksals nicht ausschlagen sollten. Es gibt nämlich manchmal Ansätze von ausgleichender Gerechtigkeit, wissen Sie? Wenn Sie mit dem Geld zum nächsten Revier rennen und es dort abliefern, bringen Sie Ihren Bruder nicht wieder ins Leben zurück.«

Will Murphy überlegte danach fast eine Minute lang.

»Sie beanspruchen Finderlohn?«, fragte er dann.

»Nein«, antwortete Reiniger fest.

»Hm. Ich bin nicht mehr so unbedarft wie noch vor einer Woche«, gestand der Hasenführer schließlich ein. »Inzwischen weiß ich sogar, wie teuer Sie wirklich sind. - Sie haben meinen Auftrag nur aus Mitleid angenommen. Stimmt’s?«

Bount antwortete nicht darauf.

Doch die 5000 Dollar »Finderlohn« nahm er.

Das war zwar schwarzes Geld.

Aber wenigstens ehrlich verdient.

ENDE

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Schiff ins Jenseits: N. Y. D. - New York Detectives

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Krimi von Franc Helgath

Der Umfang dieses Buchs entspricht 107 Taschenbuchseiten.

Der reichen Erbin Adelaide Screwbottom werden auf einer Kreuzfahrt Juwelen im Wert von drei Millionen Dollar gestohlen. Obwohl das Schiff durchsucht wird und unterwegs nirgendwo anlegte, ist der Schmuck unauffindbar. Die zuständige Versicherungsgesellschaft schickt den bekannten Privatdetektiv Bount Reiniger auf den Luxusliner, um den Raub aufzuklären und die Juwelen wiederzubeschaffen. Der Fall scheint klar: Denn der berühmt-berüchtigte Meisterdieb Devon Randers, der noch nie gefasst wurde, ist ebenfalls an Bord. Doch nach und nach zweifelt der Detektiv an Randers Schuld - will man dem Meisterdieb etwas in die Schuhe schieben ...?

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Die Hauptpersonen:

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Devon Randers - fristet ein Dasein als Meisterdieb.

Adelaide Screwbottom - fühlt sich nackt ohne ihren millionenschweren Schmuck.

Sergio Brione - stolpert über eine schmucke Krankenschwester.

Enrico Casarella - hat Heimweh nach New York.

Rhet Bown - liebt ein Krokodil namens Gloria Scerpone.

June March - ist Bounts Assistentin und hilft ihm bei seinen Fällen.

Bount Reiniger - ist Privatdetektiv.

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1

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»Ich bring' dich um! Ich bring' dich um!«, versprach Evelyn in schrillstem Damenfalsett und wenig heilig. »Du Bastard! Du Sohn einer Hündin!»

Evelyn, das konstant ledige, verwöhnte Millionärsgeschöpf, das schon seit fünf Jahren konstant immer nur ihren 29. Geburtstag feierte, trommelte auf die breite Smokingbrust ein. Ihre spitzen, roten Krallen schlugen Fetzen aus dem Seidenhemd. Für den Meisterdieb und Weltbürger Devon Randers war die Situation gar nicht so ungefährlich.

Er stand mit dem Rücken zur Reling des Sonnendecks: Dieses knochige, unansehnliche Wesen entwickelte in seiner Wut und Verletztheit ungeahnte Kräfte. Mord war ihm in die Augen gestempelt, funkelte, glitzerte in einem Hass, den nur eine abgewiesene Frau entwickeln konnte, in deren Schoß ein Feuer nun ganz vergeblich brannte.

Heiß, heiß, heiß! Wie in einem Hochofen.

»Ich bring' dich um! Ich bring' dich um!«, kreischte sie.

Sie ließ nicht ab von ihm. Das hagere Gesicht, bei dieser Beleuchtung ähnelte es einem Totenschädel mit einer blonden Perücke darauf, näherte sich dem seinen.

Immer mehr.

Wollte sie ihn in die Kehle beißen wie ein Vampir?

Devon Randers drohte die Balance zu verlieren. Zwischen der obersten von nur zwei Streben weißlackierter Reling des Sonnendecks und dem Atlantik auf der anderen Seite lagen etwa sechs Stockwerke. Höhe genug, um sich beim Aufprall aufs schwarze Nachtwasser im schlimmsten Fall das Genick zu brechen.

Meisterdieb Devon Randers hatte in diesem Moment diese Farce endgültig satt. Ein Schwächling war er schließlich nicht, war nie einer gewesen.

Ganz im Gegenteil. Nicht einmal seine schlimmsten Feinde, wie beispielsweise die Inspektoren und Kommissare von INTERPOL, wagten ihm das nachzusagen. Weil sie es allein schon wegen ihres permanenten Frusts besser wussten. Sie kannten ihn und konnten ihn nicht schnappen.

Die Auszeit war jetzt angesagt für sein Kavaliersgehabe. Kurz vorher hatte er noch diplomatisch zu erklären versucht, dass heute nun mal sein keuscher Tag und er nicht an Sex mit ihr interessiert sei.

Es bedurfte nur einer kleinen Geste, selbst aus seiner derzeit ungünstigen Position heraus, um Miss Evelyn Screwbottom eine zu semmeln, dass sie, wie von einem Katapult geschleudert, von ihm wegflog und über das auf Hochglanz polierte Holzdeck schlitterte. Aus einem viel zu kurzen Faltenrock zappelten viel zu dürre Beine, an denen die großen Schuhe aussahen wie die rosa Pumps von Minnie Maus.

Devon Randers zupfte an einem etwas derangierten Dinnerjackett. Selbst einem Abenteurer wie ihm passierte es nicht alle Tage, dass er auf dem Hochdeck eines Luxusliners wie der »Angel Queen« von einer mannstollen Göre von deutlich mehr als dreißig Jahren vergewaltigt werden sollte.

»Das wirst du mir büßen!«, gellte sie. Das mit dem Umbringen hatte ja nicht geklappt.

»Schon recht«, sagte Devon Randers und zupfte weiter an seinem schneeweißen Jackett. Jetzt brauchte er einen Drink. Am besten einen starken.

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2

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Die Abreise war äußerst überstürzt erfolgt. Ungeduldig inspizierte Bount Reiniger seinen Cartier-Armwecker. Neben ihm saß June March und schlummerte in ihrem Sitz, die Beine leicht angezogen in die Andeutung einer Embryonalhaltung. Die Turboprop-Motoren der alten Bo 432 brummten satt. Nur wenige Linien flogen noch diese Maschine. Die Lisboa Air gehörte dazu. Sechsmal in der Woche bediente sie die Azoren. Wenn sie ihren Fahrplan einhielt, erreichten Bount Reiniger plus Begleiterin die »Angel Queen« gerade noch eine Stunde vor ihrem endgültigen Abdampfen in Richtung New York.

Von dort kam er her. Begonnen hatte alles vor einem Tag.

»Mister Reiniger! Sie müssen unbedingt kommen!«

Und »Mister Reiniger« ging. Bei der Mutual Life Insurance, nur drei Wolkenkratzer weiter von seinem Büroapartment, hatte seine Karriere als Privatdetektiv einst begonnen. Er fühlte sich der Firma heute noch verpflichtet.

Außerdem zahlte die Versicherungsgesellschaft an der Ecke 56. Straße/Broadway blendend.

Mr. Emanuel Millers Gesicht war cholerisch fast ins Violette verfärbt. Immer wenn ein größerer Versicherungsfall eintrat, bekam er unvermeidlich seinen Asthmaanfall, und sein Arzt sorgte sich sehr um ihn.

»Tod und Verdammnis!«, begann Mr. Miller drastisch. »Der Schmuck ist mit drei Millionen versichert!«

Bount zündete sich eine Zigarette an, strahlte Ruhe aus.

»Welcher Schmuck?«

»Na, der von der alten Screwbottom natürlich!«

»Aha.« Bount blies gelassen Rauch aus. Der Name sagte ihm nichts. Emmy Miller, wie seine Freunde ihn zu seinem Leidwesen nannten, würde ihn schon noch mit weiteren Auskünften bedienen.

Doch anstelle eines einzigen Fotos schob er gleich einen ganzen Packen über den Schreibtisch aus schwarzem Kunststoff mit verchromten Stahlrohren als Beinen. Es waren ausnahmslos Farbaufnahmen, und ausnahmslos zeigten sie gestochen scharfe Abbildungen von Schmuckstücken. Bount blätterte sie kurz durch.

»Mrs. Screwbottom muss eine sehr starke Persönlichkeit sein«, meinte er schließlich.

Der Versicherungsdirektor starrte ihn verständnislos an. Er hatte seine letzten Haare über die Glatze von hinten nach vorn gekämmt. Sein Dreifachkinn war mit erstarrt.

»Na ja«, bequemte sich Bount zu einer Erklärung, »wenn sich diese Dame auf einmal mit diesem Zeugs behängt, muss sie die Kondition eines im Training stehenden Catchers haben.«

Miller schniefte.

»Die hat sie. Darauf können Sie sich verlassen. Und jetzt ist dieser Schmuck gestohlen!«

»Hatte ich beinahe schon angenommen«, antwortete Reiniger kühl. Sie klangen schon am Telefon ziemlich aufgeregt. Ist auch dieser Mrs. Screwbottom etwas zugestoßen dabei? Könnte ja sein, dass auch ihre Gesundheit bei der Mutual Life versichert ist.«

Emanuel Miller wehrte großzügig ab. »Sie ist gesund wie ein Pferd. Das sind meine Sorgen nicht. Können Sie sofort losfliegen? Und wenn ich sofort sage, dann meine ich in spätestens vier Stunden.«

»Das kommt auf Ihr Angebot an«, bekannte Bount offen.

»Sie werden zufrieden sein.«

»Zahlen und Verträge machen mich zufrieden.«

Mr. »Emmy« Miller zögerte ein paar Sekunden, bis er die Katze aus dem Sack ließ:

»Zehn Prozent der Versicherungssumme für die Wiederbeschaffung des Schmucks ...»

Bount pfiff durch die Zähne. »Kann ich bitte die Fotos nochmals haben?«

»Sie gehören Ihnen als Souvenir, wenn Sie den Auftrag annehmen.»

»Und wo ist der Haken bei der ganzen Sache?»

»Die Mutual Life ersetzt Ihnen keinen Cent Ihrer Spesen. Egal, ob Sie nun erfolgreich sind oder nicht.«

Bount stand auf und ordnete die Bügelfalten seiner Armani-Hose. »Und für so einen Quatsch schrecken Sie mich aus meinem gemütlichen Büro? Sie wissen doch, dass ich es schon längst nicht mehr nötig habe, Kunden nachzurennen.«

Da seufzte Mr. Miller dann ergriffen und sagte: »Nun setzen Sie sich schon wieder, Bount. Man wird es doch wenigstens probieren dürfen ...«

Bount hatte ihm dann ein Spesenfixum von 50000 Dollar aus den Rippen geleiert. Nicht zurückzahlbar, ob erfolgreich oder nicht.

Aber Haken und Ösen hatte diese Sache tatsächlich. Jede Menge sogar.

Neben ihm wachte gerade June March auf, klimperte mit den langen Wimpern und strahlte Reiniger mit ihrem unschuldsvollen blauen Minnesota-Blick an, auf den schon so viele Männer so herb hereingefallen waren.

»Habe ich geschlafen?«

»Als Detektiv-Volontärin solltest du das eigentlich inzwischen selber wissen.«

Sie setzte sich ganz auf und zupfte an ihrem Rock herum, als ob es da überhaupt etwas zu Zupfen gäbe. Sie gehorchte damit wohl einem Atavismus aus ihrer frühen Kindheit inmitten endloser Weizenfelder und bigotter Kirchenläufer, die am Sonntagmorgen laut und offen den Herrn lobten und am Abend klammheimlich in den Puff verschwanden.

»Du bist schlecht gelaunt?«

»Ja und nein«, gab Reiniger zu. »Aber der Fall macht mir natürlich zu schaffen.«

»Das verstehe ich«, meinte die March einfühlsam. »Da verschwinden auf einem Kahn mit zweihundertachtzig Besatzungsmitgliedern und knapp vierhundertfünfzig Passagieren auf der Fahrt zwischen Afrika und den Azoren drei Millionen Dollar in Schmuck. Und keiner will’s gewesen sein. Der Kahn wird auf den Kopf gestellt und nichts gefunden. Kein Wunder eigentlich. Da muss es doch Zigtausende von Verstecken geben.«

»Milliarden«, verbesserte Bount Reiniger düster. »Milliarden, mein Herz.«

»Die Nadel im Heuhaufen?«

»Und weit und breit kein Magnet.«

»Dafür aber ein Devon Randers.«

Bount schluckte. Er hatte das erste Mal schon geschluckt, als ihm noch Emmy Miller in seinem Wolkenkratzerbüro diesen Namen mitteilte. Und dann June angewiesen, noch vor ihrer Abfahrt zum Kennedy Airport alle verfügbaren Daten über diesen Mann zusammenzustellen.

Es war ein halber Roman dabei herausgekommen, und eine zweite Hälfte wurde ihnen während ihres Transits auf dem Magellan International durch einen Kurier ausgehändigt. Bount hatte Verbindungen nicht nur innerhalb der Staaten.

Wenn nicht alle Stricke rissen, mussten sie die »Angel Queen« in Ponta Delgada auf Sao Miguel noch erreichen. Von New York aus gab es keine Direktflüge nach dieser Insel. Zumindest nicht für Zivilisten. Denn die US Navy und die Air Force unterhielten auf den Azoren gleich drei Stützpunkte. Notfalls verteidigten diese Leute ihr Vaterland auch noch auf dem Mond.

»Yeah«, wiederholte Bount gallig. »Einen Devon Randers. Den haben wir allerdings.«

Die March war inzwischen vollkommen wach geworden. Unter ihnen immer noch nichts als die Weite des Atlantiks und über ihnen ein paar Zirruswolken.

»Ein hübscher Bengel«, meinte das blonde Minnesota-Girl versonnen. In ihrem Reisegepäck befanden sich auch ein paar Funkbilder des weltweit berüchtigten Meisterdiebs. »Glaubst du, dass er’s war?«

»Wenn ja, wird ihm das verteufelt schwer nachzuweisen sein«, befürchtete Bount Reiniger. »Dieser Mann ist kein Dummkopf.«

»Und du? Bist du etwa einer?«

Bount reagierte unwirsch.

»Randers wäre auf jeden Fall im Vorteil. Wir stehen nicht im direkten Vergleich. Dem Kerl trau ich’s zu, dass er sich ’nen Briefstorch gezüchtet hat, der seine Beute schon längst zurück aufs Festland flog.«

»Hm.« Die March zog einen entzückenden Schmollmund. »Du scheinst ja wirklich Respekt vor ihm zu haben.«

»Intelligenz nötigt mir immer Respekt ab. Und vor allem ist er kein Gewaltverbrecher.«

»Sonst wäre er ja auch nicht intelligent«, schloss June messerscharf.

»Eben.«

Das Brummen der Turboprop-Motoren wurde dunkler. Der Pilot oder der Flugingenieur hatte das Benzin-Ölgemisch verändert. Unter den Tragflächen qualmte dunkler Rauch hervor. Als diese Maschine gebaut worden war, hatte noch nie ein Mensch das Wort Umweltschutz vernommen. Die Maschine legte sich in eine leichte Rechtskurve. Alle vierundsechzig Plätze waren bis zum letzten Quadratzentimeter besetzt. Noch in den 50er Jahren hatte die Boeing 432 neben dem Hochdecker Fokker Friendship zu den viel bestaunten Großraumflugzeugen gezählt. Die Landeklappen fuhren zu 15 Grad aus. Der träge Vogel schien seine Nase ins Meer tauchen zu wollen. Weiße Gischtkronen tanzten auf dem Blau. Sie setzten bereits zum Landeanflug an.

Zehn Minuten später war auch dieses Manöver überstanden. Die Maschine rollte vor einem in blendendem Weiß gekalkten flachen Gebäude aus, in dem der Duty-Free-Shop den größten Raum einnahm. Die Azoren waren Freihandelszone.

Weil sie die Zollabfertigung schon im Mutterland hinter sich gebracht hatten, gab es hier keine Zoll- oder Passkontrollen mehr. Ein klappriges Fiat-Taxi brachte sie zum Hafen. Sein Auspuff produzierte kaum weniger Qualm als die Turboprop-Motoren.

Das Städtchen Ponta Delgada, Verwaltungszentrum der Inseln, hatte keinen Hafen. Zumindest keinen richtigen, ausgebaggerten. Die Schiffe lagen weit draußen auf Reede, und ihre Güter mussten dort auch gelöscht werden. Dafür stand eine Vielzahl breitbäuchiger Barkassen zur Verfügung. Unverkennbar die schneeweiße Silhouette der »Angel Queen« im leichten Dunst unter den schwarzen und grauen Konturen von etwa einem Dutzend Frachtern, von denen sie jeden um mindestens drei Stockwerke überragte. Zwischen diesen Frachtern und den Kai-Anlagen mit den Spielzeugkränen flitzten die Barkassen hin und her wie die Weberschiffchen.

Auch die Gebäude der Hafenbürokratie waren nicht beeindruckend. Etwas vergammelt präsentierten sie sich in einer nach wie vor grellen Nachmittagssonne. Der ehemals hellblaue Verputz schälte sich in der Salzluft ab wie die Pelle überkochter Kartoffeln.

Im Büro des Hafenkommandanten wurde Bount bereits erwartet. Nicht nur Bount Reiniger verfügte über weitreichende Verbindungen. Die Mutual Life Insurance natürlich auch.

Der etwa vierzigjährige Mann mit einer schwarzen Lockenpracht unter dem martialischen Käppi stellte sich als Capitan Raol Brendhor vor. Und hatte keine Augen für Bount Reiniger. Seine Blicke hingen gebannt an June March. Auf den früheren Weltumseglern der Portugiesen soll es ja öfter mal zu Fällen von Menschenfresserei gekommen sein, wenn die als nächste für die Krone und die heilige Kirche in Besitz zu nehmende Insel samt heidnischer Bevölkerung wieder mal gar zu lange auf sich warten ließ.

Bount räusperte sich vernehmlich.

»Si? Si?«

»Senhor Capitan!« Damit hatte es sich's auch schon so ziemlich mit Reinigers Portugiesischkenntnissen. Das Gespräch wurde auf Englisch fortgeführt. Der Hafenkommandant beherrschte es leidlich.

Ja. Es war ein Fernschreiben von der Amerikanischen Botschaft vom Festland eingetroffen, in dem darum gebeten wurde, einem Mister Reiniger aus den USA jede nur erdenkliche Unterstützung zu gewähren.

Nein. Niemand von der »Angel Queen« habe bisher das Schiff verlassen. Sehr zum Leidwesen des örtlichen Handels, wie Senhor Raol treuherzig hinzufügte. Doch sei ein Aufenthalt auf den Azoren ohnehin nicht geplant gewesen. Der Käpt'n habe diesen außerplanmäßigen Stopp vor Besatzung und Passagieren damit begründet, ein paar Ersatzteile sowie einen Passagier, der in Marseille das Schiff versäumte, an Bord nehmen zu wollen. Für einen Landausflug reiche die Zeit also gar nicht. Schon in spätestens einer Stunde solle es weitergehen.

Jetzt war es vier Uhr nachmittags.

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Die zwei Kisten enthielten nichts als Schrott, wie Bount vermutete. Luxusliner wie die »Angel Queen« führten ihr eigenes, gut sortiertes Ersatzteillager mit sich.

Wenn es sich nicht gerade um eine neue Schiffsschraube oder um eine Antriebswelle handelte, konnten die Bordmechaniker sich in der Regel selbst behelfen.

Doch was Bount überhaupt nicht gefiel, war die Tatsache, dass die Relings sämtlicher Decks vor Menschen beinahe überquollen. Das alte Gaffer Syndrom.

Dabei hieß es immer, diese modernen Kreuzfahrer böten so viel Abwechslung, dass Langeweile niemals aufkommen könne.

Scheibenkleister.

Die Ankunft dieser schäbigen, halb verrosteten Barkasse mit den beiden Kisten, den beiden New Yorkern und drei Matrosen drauf schien interessanter zu sein als alle anderen Freizeitangebote zusammen. Bount und June fühlten sich von neugierigen Blicken förmlich durchlöchert, als sie das schwankende Fallreep hinaufstiegen. Zum Glück wurden sie gleich von Käpt'n Mike Ferrer und seinem Zahlmeister Heff Connan in Empfang genommen und in den Bauch der »Angel Queen« geführt. Die Zuschauer mussten sich danach mit der »Sensation« begnügen, wie zwei Kisten Schrott mittels einer Seilwinde an Bord gehievt wurden.

Die Kapitänskajüte, wie sie immer noch hieß, war geräumig wie ein Luxusapartment am Central Park West und auch ähnlich eingerichtet. Nur, dass hier natürlich ein paar maritime Gegenstände wie Schiffsmodelle unter Glas und so weiter nicht fehlen durften. Auch hing in der Luft der Duft von süßlichem englischen Shag Tabak. Käpt'n Ferrer rauchte den Stoff aus einer langstieligen Pfeife mit kleinem Kopf. Am Finger seiner linken Hand machte Reiniger zwei Eheringe aus. Also war Michael Ferrer Witwer.

Bount wusste jetzt schon mehr über diesen Mann, als jener je über ihn erfahren würde. Dieser Emmy Miller arbeitete im Bedarfsfall effizienter als sämtliche amerikanischen Geheimdienste zusammen.

»Bitte, nehmen Sie Platz, Mister Reiniger. Und Sie natürlich auch, Miss March.«

Sie kamen der Aufforderung nach. Die Lederfauteuils waren tief. June hatte wieder mal Schwierigkeiten mit ihrem so streng nach oben verschobenen Rocksaum.

Mike Ferrer entsprach durchaus der Klischeevorstellung eines Kapitäns auf einem Luxusdampfer dieser Größenordnung und Sonderklasse. Er hätte jederzeit die entsprechende Rolle auch in einer jener gängigen Fernsehserien übernehmen können: silberweiß und gepflegt das leicht gewellte Haar, und die ebenfalls schneeweiße Uniform mit den vier Goldlitzen an den Ärmeln und den Epauletten auf den Schultern stammte sichtlich aus der Werkstatt eines Maßschneiders. Trotz der Bordküche hatte der Mann sich schlank gehalten, und das sprach für eine eiserne Selbstdisziplin. Sein Teint hatte die Farbe eines Golfprofis, der sein halbes Leben im Freien verbrachte.

Ganz anders Heff Connan. So wie er jetzt dasaß, wirkte er noch gedrungener als im Stehen. Die stummeligen Oberschenkel hatte er weit abgespreizt. Die Nähte spannten und zogen Falten. Zwischen den Knien hielt er eine Kladde aus Plastikmaterial, mit den Emblemen der »Angel Queen« in Goldprägedruck versehen. Seine dicken Finger hinterließen feuchte Streifen auf der Mappe. Er schwitzte an den Händen. Ein wenig wirkte Heff Connan trotz seiner Fülle immer noch wie ein College-Student, der es irgendwann in seinem Leben mal aufgegeben hatte, völlig erwachsen zu werden. Er blinzelte nervös, doch bei ihm war wohl nicht die Gegenwart der March schuld. Der Zahlmeister sah nicht danach aus, als ob er mit Frauen sehr viel anfangen könnte.

Die beiden ungleichen Männer wechselten sich in ihrer Berichterstattung ab. Ein paarmal wurden sie durch Telefonate mit der Brücke unterbrochen. Das Schiff machte sich bereit, die Reise fortzusetzen. Mike Ferrers Anwesenheit auf dem Kommandostand war dazu nicht unbedingt erforderlich. Er habe in seinem 1. Offizier Sean McCluster, einem Schotten und Seefahrer in der zehnten Generation, einen würdigen Vertreter, sagte er.

Die Klunker waren in der Nacht von vorgestern auf gestern aus dem Safe in Mrs. Adelaide Screwbottoms Suite verschwunden. »Zwischen dem zwölften und fünfzehnten Grad westlicher Länge«, wusste Heff Connan, »und in etwa auf dem fünfunddreißigsten nördlicher Breite.« Dieser Mann war ein Umstandskrämer und penibel bis in die Knochen. Musste er vermutlich auch sein in diesem Beruf.

»Der Safe wurde aufgebrochen?«, fragte Bount.

Der Zahlmeister schüttelte bedauernd das runde Haupt. »Keine Spur von Gewaltanwendung, Sir.«

»Einfach zu knacken?«

Heff Connan wand sich eine Weile. Dann nannte er die Herstellerfirma und das Modell. »Natürlich ist das kein Spitzenprodukt«, fügte er dann noch hinzu. »Mein eigener Safe dagegen ...«, Bount winkte ab. Natürlich hatte die Schifffahrtslinie bei den Kabinensafes gespart. Sie dienten mehr der Beruhigung jener Passagiere, die für eine Kreuzfahrt ein kleines bis mittleres Vermögen hinblätterten, als dass sie tatsächlich etwas getaugt hätten.

Bount Reiniger kannte das genannte Modell. Ein Wandtresor. Mit einem Zahnstocher war er ja nicht gerade zu öffnen, aber mit einem Stethoskop und einem empfindlichen Gehör bei geschickten Fingern schon.

Beides durfte er bei Devon Randers im Übermaß voraussetzen.

»Keine Prints?«

»Der Täter muss Handschuhe benützt haben.«

»Oder er hat den Tresor anschließend abgewischt.«

Heff Connan nickte traurig. Offenbar fühlte er sich persönlich bestohlen.

Das Gespräch zog sich insgesamt über zwei Stunden hin. Als Bount und June die Kapitänskajüte verließen, war die Dunkelheit bereits hereingebrochen und die Insel Sao Miguel unter den Horizont getaucht.

Die »Angel Queen« erwachte zu ihrem nächtlichen Leben.

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Zwei Speisesäle, fünf Bars, ein Varieté-Restaurant nach Las-Vegas-Muster, nur natürlich nicht so riesig, zwei Kinos und drei Swimmingpools standen neben einer gut bestückten Bibliothek für die Kurzweil der Gäste in diesem schwimmenden Hotel zur Verfügung, ohne dass diese Aufzählung vollständig gewesen wäre.

Bount und June nützten nichts von allem. Sie suchten vielmehr ihre nebeneinanderliegenden Kabinen auf dem Promenaden-Deck auf. Dazwischen lag nur das für beide Parteien gedachte Bad.

Auch in der in den Boden eingelassenen Wanne hätten leicht zwei Personen gleichzeitig Platz gehabt. Bount enthielt sich dieses Vergnügens, er war ja vorrangig zum Arbeiten hier.

Ihr Gepäck, wenig genug, befand sich schon in ihren Kabinen, Anzüge und Kleider hingen bereits im Schrank. Von den dienstbaren Geistern unangetastet geblieben waren nur das Handgepäck und Junes Beauty-Case.

Als Erstes fischte Bount seine 38er Smith & Wesson Automatic aus seiner Segeltuchtasche und eine 6,35er Beretta für June March. Eine von Emanuel Miller eilends beschaffte Sondergenehmigung hatte diesen Waffentransfer durch sämtliche Kontrollen hindurch möglich gemacht, doch Reiniger wäre auch ohne sie nicht in Verlegenheit gekommen. Er beherrschte das Schmuggeln aus dem Effeff.

Zusätzlich war er neuerdings mit einem Packen Pläne und der auf den aktuellsten Stand gebrachten Passagierliste bewaffnet, als er sich auf eine weiß bezogene Couch warf, während nebenan das Wasser rauschte. Wie selbstverständlich belegte die March das Bad zuerst mit Beschlag.

Das konnte sich noch eine halbe Stunde hinziehen. Sie hatte ihren Schönheitskoffer noch auf dem John F. Kennedy Airport in New York bis zum letzten Kubikzentimeter vollgestopft.

Auf Reinigers Kosten, versteht sich.

Bount steckte sich eine Zigarette an und prägte sich den Plan ein. Es war jenes Exemplar, das auch dem Chefsteward auf jedem der Decks zur Verfügung stand. Die einzelnen Kabinen hatten Namen. Devon Randers wohnte acht Zimmer weiter auf der anderen Seite des Flurs.

Und Mrs. Screwbottoms mit Tochter Evelyn siedelten in einem ähnlichen Doppelapartment wie Bount und June ebenfalls auf Backbord, also auf der linken Seite in Fahrtrichtung der »Angel Queen«.

Noch ein paar mehr Namen fielen Reiniger auf.

Am schockierendsten der von Enrico Casarella. Denn wenn Reiniger ein Fachgebiet perfekt beherrschte, dann war es das Who's Who in New Yorks Gangsterkreisen.

Enrico Casarella musste jetzt schon über siebzig sein und hatte die Staaten vor etwas mehr als zwanzig Jahren reichlich überstürzt und vor allem bei Nacht und Nebel auf äußerst verschlungenen Pfaden verlassen. Rechtskräftig, wenn auch während Abwesenheit verurteilt als Steuerbetrüger und wegen fortgesetzter Anstiftung zum Raub.

Beide Strafen waren jetzt nach zwanzig Jahren verjährt. Der Ex-Mafioso ging mit seiner Rückkehr kein Risiko mehr ein. So wollten es nun mal die Gesetze.

Casarella umgab sich mit zwei Gestalten, die mit Vornamen Clivio und Claudio hießen. Beide reisten mit italienischen Pässen, ausgestellt in der Presidentura im schönen Palermo auf Sizilien. Als vermutliche Nachwuchsgangster und Bürger der EG waren auch sie vom früheren Visum-Zwang für die USA befreit.

Der vormals so rührige Enrico dagegen hatte seine amerikanische Staatsbürgerschaft niemals aufgegeben. Er war in Brooklyn als fünfter Spross einer Einwandererfamilie aus Bella Napoli geboren und schon im zarten Kindesalter straffällig geworden.

Die übrigen Namen sagten Bount nichts. Es gab einfach zu viele reiche Leute in den Staaten, die sich so eine Überfahrt auf der »Angel Queen« leisten konnten. Auch in der obersten Luxuskategorie. Sie mussten nicht einmal den versierten Redakteuren der Financial Times auffallen.

Bount räumte seine fliegenden Blätter zusammen und verstaute sie in der Schublade einer Kommode aus Kirschholz. Der Innenarchitekt hatte allem Anschein nach versucht, das Interieur der Kabine nach den Maßgaben einer Art Amerikanischen Barocks zu gestalten. Sogar das verschnörkelte Gehäuse des Farbfernsehers stand noch auf kunstvoll gedrechselten Beinen. Über dem Bett schwebte ein vollkommen unnützer Baldachin über vier massive Säulen gespannt.

Möglich, dass in der Madison Avenue die besten Werbeleute der Welt zu Hause waren. Aber mit Sicherheit auch die geschmacklosesten Designer. Das Hollywood der 30er Jahre ließ noch grüßen und schämte sich kein bisschen.

Im Bad hörte endlich das Planschen auf. Bount sah erst vier Zigarettenkippen in seinem Aschenbecher liegen. June musste sich beeilt haben wie noch nie.

Doch als sie auf nackten Sohlen zu ihm hereinkam, trug sie nur ein Handtuch.

«Ich wollte dich nicht zu lange warten lassen«, sagte sie. «Du kannst jetzt duschen.«

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Bount stand im Smoking und schrieb auf einen Zettel, wo er zu erreichen war. Zum Abendessen würden sie ohnehin nicht mehr zurechtkommen, doch ihm konnte das nur recht sein. Die Speisekarte, die ebenfalls im Apartment auslag, offerierte für diesen Tag sieben verschiedene Mahlzeiten. Als achte kam noch ein Mitternachtsimbiss, bestehend aus einem Kalten Buffet hinzu, und das konnte er erwarten.

Die March nicht. Die konnte er nicht erwarten. Weil die Pflicht rief.

Und seine erste Pflicht an diesem ersten Abend bestand darin, zu sehen und sich sehen zu lassen. Zu frisch waren noch die Gaffer vom späten Nachmittag in seiner Erinnerung.

Bount hatte nicht vor, ein Geheimnis aus dem Zweck seines Aufenthalts auf dem Schiff zu machen, hatte den Zahlmeister Heff Connan sogar gebeten, ein paar gezielte Indiskretionen zu verbreiten. Denn von Offenheit versprach er sich mehr als von Geheimniskrämerei.

Manchmal lockte es einen Täter aus der Reserve, wenn man sich betont als sein Gegner zu erkennen gab. Manchmal war der Täter eiskalt und überheblich, wie Devon Randers beispielsweise.

Solche Leute musste man dann in deren eigene Falle locken. Eine andere Möglichkeit gab es nicht. Alles nur eine Sache angewandter Psychologie.

Mit Speck fing man Mäuse. Also spielte Bount Reiniger eben zur Abwechslung mal den Speck.

Außerdem durfte er auf diese Weise neugierig sein, wie er lustig war. Detektive stellten dumme Fragen, es wurde nichts anderes von ihnen erwartet. Und von diesem Millionencoup wusste mittlerweile schließlich jeder an Bord, ein paar mitreisende Kleinkinder unter zwei Jahren vielleicht ausgenommen.

Es war schon elf vorbei, als Bount die Diamond-Bar im Oberdeck betrat, eine Etage unter den Luxuskabinen, den Penthouses dieses Dampfers sozusagen. Sie wurden nur noch von der Kommandobrücke und den drei Schornsteinen überragt. Die Schornsteine dienten allein der Dekoration.

Sicher. Man hätte den Entlüftungsschächten und der Verkleidung von Versorgungsleitungen auch ein funktionelleres Gesicht geben können. Aber wo wäre da die Romantik einer Seereise geblieben, wenn sich schon keine Segel mehr im Winde blähten?

In der Diamond-Bar spielte eine Vier-Mann-Combo so laut, dass am hufeisenförmigen Tresen und in den dick ausgepolsterten Ledernischen gerade noch Gespräche möglich waren, ohne sich über die Tische hinweg anschreien zu müssen. Und diese Gespräche verstummten nach und nach, kaum hatte Reiniger seinen Fuß auf den knöcheltiefen Teppichboden gesetzt. Es war beinahe, wie wenn in einem Theater der Vorhang aufging. Doch dann gingen jene Gespräche als Getuschel weiter. Lediglich die Combo spielte unverdrossen fort.

Nur ein einziger, athletisch breiter Smoking-Rücken blieb ihm eisern zugewandt. Er ruhte auf einem Hocker an der Bar. Die dunklen Haare des Mannes reichten modisch gerade noch über den Hemdkragen. Das konnte nur Devon Randers sein. Reiniger spürte es, noch bevor er das inzwischen wohlbekannte Gesicht des Mannes sah.

Diesen Rücken steuerte er an. Auf der einen Seite war noch ein Hocker frei, auf dem anderen räkelte sich eine Rothaarige der Marke Raubtier. Ihr Hosenanzug aus glänzend grünem Lurex wirkte bei ihr wie auf die Haut gepinselt. Sie war noch jung, und das bedeutete auf einem Kreuzfahrtschiff dieser Preis und Güteklasse, dass sie die Dreißig noch nicht überschritten hatte. Entfernt kam sie Bount bekannt vor.

Reiniger fragte nicht, ob noch frei sei, sondern erklomm seinen Säuferhochsitz ohne verbales Vorgeplänkel. Eine Unterhaltung mit Randers würde noch früh genug zustande kommen. Auch das wusste er schon im Voraus. Es ging nichts über ein sorgsam antrainiertes Ahnungsvermögen. Für seinen Job war es lebenswichtig.

Schon stand auch ein Keeper vor ihm, ein zierlicher Filipino mit alterslosen, glatten Zügen.

Bount bestellte einen Scotch. >Mit viel Soda«, fügte er hinzu. Hinter ihm wurden die unterbrochenen Gespräche wieder aufgenommen, die Musiker intonierten ein neues Lied. Insgesamt mochten sich um die zwei Dutzend Leute in der Bar aufhalten. Von allen fünfen war die Diamond-Bar die kleinste und intimste. Nur Passagiere vom Promenaden und vom A-Deck hatten hier Zutritt. Hier wollten die >Promis< unter sich sein, und sie waren es auch.

Normalerweise hasste Reiniger solch elitäre Bunker, doch hier musste er ausnahmsweise mal mit den Wölfen heulen.

Im Nu stand das Getränk vor ihm. Nach edlem Whisky und ein bisschen sogar nach Leder duftete auch Devon Randers. Allerdings nicht aus dem Mund. Bei ihm war es das Rasierwasser.

»Sie haben aber lange auf sich warten lassen, Mister Reiniger«, sagte Randers, ohne sich ihm zuzuwenden, das eigene Glas, einen bunten Cocktail mit vielen Eiswürfeln drinnen, zwischen den nervigen Fingern drehend. Auffallend beim Meisterdieb: Er trug keinerlei Schmuck.

Die grüne Schlange an seiner Seite fuhr urplötzlich hoch.

»Was?«, sagte sie mit einer unerwartet tiefen Reibeisenstimme. Unverkennbar ihr harter, italienischer Akzent. »Das ist dieser berühmte Detektiv, von dem wir gerade redeten? Der Mann, der schon mehr als hundert Menschen erschossen hat?«

Sie war wie flüssiges Wachs von ihrem Hocker geglitten und stellte sich nun ungeniert vor Reiniger in Positur; eine schillernd grüne Splitternackte. Eine Exhibitionistin wie aus dem Bilderbuch für Lustgreise. Selbst Bount fiel es schwer, den Blick von ihr zu wenden.

»Entschuldigen Sie, Mister Reiniger. Ich bin unhöflich heute. Das ist Signorina Gloria Scerpone. Filmschauspielerin aus Rom, unterwegs, um Hollywood zu erobern.«

Jetzt erinnerte sich Bount plötzlich genauer. Miss Scerpone hatte überaus tüchtig und aufnahmefähig in einem Pornostreifen mitgewerkelt, wie sie in den Sexkinos am Upper Broadway zu sehen waren.

Ihre Augen waren rehbraun. Aber bis auf Bount hatte das bisher wohl noch niemand mitgekriegt. Nicht einmal Devon Randers.

»Sehr erfreut«, murmelte Bount schnell, bevor die Lady auf den Gedanken verfiel, ihm in ihrer mordlüsternen Begeisterung um den Hals zu fallen und ihm bei dieser Gelegenheit die Kehle zu durchbeißen. Das Rüstzeug hatte sie dazu.

Nein.

Das waren nicht nur zweiunddreißig Zähne. Unmöglich! Es mussten mindestens hundert sein, und alle blitzten sie gefährlich.

Bount reichte ihr geistesgegenwärtig nur die Hand.

»Mister Randers beliebt zu übertreiben«, sagte er. »Nur neunundneunzig Leichen pflastern meinen Weg. Mister Randers ist ein Schelm.«

Jetzt erst fiel Reiniger zusätzlich auch noch ein Diamantgehänge auf. Es baumelte an ihren Ohrläppchen und musste mindestens 20000 Dollar wert sein. Das Geschäft mit dem abgefilmten Sex schien seine Frau wenn schon nicht redlich, so aber auch nicht schlecht zu ernähren.

»Na gut, Mädchen«, sagte der Meisterdieb da. »Du wirst noch oft genug Gelegenheit haben, diesen Killer zu bewundern. Wir erreichen New York erst in vier Tagen. Und bestimmt wirst du inzwischen auch wieder mal von Bown gesucht, deinem neuen Produzenten. Du willst unseren neuen Freund doch nicht in Verlegenheit bringen? Du weißt doch, wie eifersüchtig Bowny ist!«

Bount zuckte innerlich zusammen.

Bown?

Es gab einen Rhet Bown auf der Passagierliste. Er bewohnte Kabine 201 auf dem A-Deck. Auf der »Angel Queen« zählten sie die Stockwerke von oben nach unten.

Ein abgekartetes Spiel?

War das etwa das Stichwort gewesen?

Denn in diesem Moment sprang die Flügeltür auf. Und herein wirbelte ein drahtiger Mitfünfziger in Cowboystiefeln und Texas-Hut. Der ovale Kopf unter dem Stetson leuchtete wie eine frisch gepflückte Tomate. Wilde Blitze schleuderten aus seinen Augen. Der schmale Mund zwischen Hängebacken war wutverzerrt.

Immer diese Südländer mit ihrem überkochenden Temperament!

In vielen Texaneradern floss auch noch mexikanisches Blut. Weil es sich die Eroberer aus dem Norden während des texanisch-mexikanischen Kriegs anno 1849 zur lieben Gewohnheit gemacht hatten, die Frauen der aus dem Land zu Jagenden zu vergewaltigen und einige davon versehentlich auch noch zu behalten.

In den Geschichtsbüchern bis hoch zur Secondary School findet man derlei Zeitvertreib freilich nicht erwähnt. Die sind heute noch genauso falsch, wie die in der Sowjetunion oder in der »DDR« einst waren.

Jedenfalls glühte Mr. Rhet Bown förmlich! Dummerweise begnügte er sich nicht damit.

»Schlampe!«, stieß er aus und nestelte an seinem Gürtel. Weder für Devon Randers noch für Bount hatte er einen Blick.

Und was er von seinem Gürtel zog, war eine ausgewachsene Bullpeitsche. Die brachte man auch gut durch jeden Zoll. Auch wenn sie in der richtigen Hand ein ebenso mörderisches Instrument wie jede Faustfeuerwaffe war.

Bount bemerkte aus den Augenwinkeln, wie Randers sich blitzschnell verzog. Die grüne Schlange war zur grünen Salzsäule erstarrt und totenblass geworden. Sie stand unmittelbar zwischen ihm und ihrem Produzenten, der ihre Reize offenbar nicht teilen wollte. Zumindest dann nicht, wenn keine Kameras dazu surrten und ihm Geld einscheffelten.

Berufs- und Privatleben gehörte - wie allgemein bekannt - getrennt.

Trotzdem fand Bount sich genötigt, der sogenannten Signorina zu helfen. Teils aus Ritterlichkeit, teils weil er befürchtete, versehentlich selbst einen Schlag abzukriegen.

Denn entgegen der landläufigen Meinung ist eine »Bullpeitsche« nicht dazu da, um Bullen Mores zu lehren. Sie haben ihren Namen vielleicht daher, dass sie aus den Überbleibseln einer Totalkastration von Stieren gefertigt werden. Eine Bullpeitsche war ein mittels eines aufwendigen Fertigungsprozesses aus einem Bullenpenis gewonnenes Produkt.

Und in seiner tödlichen Qualität von einem Kunststofferzeugnis bislang noch nicht übertroffen worden.

Bount blieb nicht die Zeit, kulturhistorische oder gar semantische Betrachtungen bezüglich Peitschen anzustellen. Rhet Bown raste viel zu schnell heran.

Gloria Scerpone dankte ihm mit einem rostig gequietschten Aufschrei dafür, dass er ihr die Beine unterm Hintern wegfegte. Sogar die vier fleißigen Musiker der Combo hatten bemerkt, dass ihre Musik im Moment nicht mehr gefragt war. Sie brachen ihren derzeitigen Sirup-Lovesong mit einer schrillen Dissonanz ab. Der erste Peitschenhieb schnappte kurz vor Reinigers Nase ins Leere.

Er war verdammt gut gezielt gewesen. Nicht Bount hatte »gestreichelt« werden sollen. Und das Schnappen war nur ein leises Schnappen gewesen. Es hätte bei einem Treffer nur einen schmerzhaften Striemen hinterlassen.

Bount sah ganz deutlich, wie Bown in dieser Sekunde seine Meinung änderte, wie er von einer Sekunde auf die andere die Beherrschung verlor, hatte er denn je über eine derart exotische Eigenart verfügt.

Was musste ihm dieser Schnösel im Smoking auch dazwischenfunken bei seinen Erziehungsmaßnahmen! Die offensichtlich ja auch tatsächlich nur seinem neuen Star und privaten Bettwärmer gegolten hatten!

»Bastard!«, stieß er aus. Und als das Nonplusultra aller Steigerungen fügte er hinzu: »Goddamned Yankee!«

Damit war praktisch alles gesagt. Jetzt nahm Bown die Sache persönlich. Nichts mehr mit »Streicheleinheiten«. Die waren jetzt vergessen. Wütend holte er erneut aus.

Für alle Fälle hatte Reiniger die 38er Automatic mitgenommen. Er ließ sie in dem perfekt in den tadellosen Sitz des Smokings eingearbeiteten Schulterholster stecken.

Die meisten Richter waren noch nicht gebildet genug, diese Situation als Notwehrsituation anzuerkennen. Die allermeisten Richter waren auch noch nie der Bearbeitung mit einer Bullpeitsche ausgesetzt gewesen. Obwohl ihnen das vielleicht gar nicht so geschadet hätte auf ihren manchmal doch etwas labyrinthischen Wegen zu ihrer Rechtsfindung.

Warum, dachte Reiniger manchmal, billigt man Angeklagten regelmäßig Milieuschäden zu und nimmt sie in die Urteilsbegründungen auf. Wenn es dem Richter oder dem Attorney gefällt.

Er hatte noch nie davon gehört, dass Milieuschäden von Richtern oder Staatsanwälten jemals in Berufungsverhandlungen geltend gemacht worden wären ...

Vielleicht hätte er doch besser Rechtsanwalt werden sollen?

Eine äußerst müßige Betrachtung in dieser Sekunde zwischen dem ersten Schlag nach Gloria Scerpone und diesem zweiten, unbeherrschteren, der nun zweifellos ihm gelten sollte. Bei voller Wucht.

Bount griff hinter sich. Als exzellenter Beobachter hatte er da bei einem Nebenmann eine leere Champagnerflasche erspäht.

Pommery Brut.

So eine Flasche wog knapp zwei Kilo.

Er bekam sie am Hals zu fassen und schleuderte sie aus dem Handgelenk wie ein Jongleur seine glitzernden Kegel aus Balsaholz.

Bount traf prächtig.

Zwei Kilo Leergut landeten mit dem Flaschenboden voraus auf Rhet Bowns rechter Schulter, von der Physik und ihren Kräften in der Aufprallwucht noch mal maximiert. Der vorschnellende ehemalige Bullenpenis glich sich den veränderten Verhältnissen exakt an.

Sein Ende schnalzte nicht mehr in Bount Reinigers Richtung, sondern zurück.

Ihm gefiel es, haargenau zwischen den Beinen Rhet Bowns aufzutreffen.

Ein Schrei wie von einem Bullen beim Kastrieren. Bown sank so silberhell kreischend auf die Knie, als singe er schon jetzt im Knabenchor.

Kurz darauf verlor er das Bewusstsein.

Die Bar stand greifbar nah für Bount Reiniger. Ein Toast auf die Naturgesetze war überfällig.

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6

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Es war Mitternacht und aufgeräumt, und Rhet Bown auf die Krankenstation gebracht. Miss Gloria Scerpone hatte sich in ihre eigenen Gemächer zurückgezogen, die Bar sich nach diesem Zwischenfall deutlich geleert. Vielleicht zog es die Gäste auch zum letzten Imbiss. Er wurde im größten der Restaurants auf dem B-Deck serviert. Die Musiker packten ihre Instrumente zusammen.

»Eine beeindruckende Vorstellung, Mister Reiniger. Cheers.« Devon Randers hob sein Cocktailglas. Die Eiswürfel waren etwa zur Hälfte zusammengeschmolzen.

Bount antwortete nicht darauf. Er nippte an seinem zwölf Jahre alten Dimple.

»Sie dürfen jetzt bitte nicht glauben, dieses Intermezzo sei von mir initiiert worden. Ich bin ein äußerst friedliebender Mensch. Deshalb ja auch meine rasche Verabschiedung. Aber es ist nun mal so: Miss Gloria verbringt die Hälfte des Abends damit, vor Rhet Bown davonzulaufen, und er hetzt ihr quer durch das ganze Schiff hinterher. Kurz nach Casablanca soll er Miss Gloria sogar in der ökumenischen Bordkapelle aufgetrieben haben. Ein lauschiges und mit Sicherheit kaum frequentiertes Plätzchen. Zusammen mit einem der Offiziere. Ich denke, die Dame will fit und deshalb ständig im Training bleiben.«

Bount antwortete auch jetzt noch nicht. Er orderte einen dritten Scotch. June ließ auch noch auf sich warten. Vermutlich hatte sie Schwierigkeiten damit, zu ihrem Kleid die passenden Schuhe zu finden. Schließlich hatte sie die Qual der Wahl unter gleich drei Paaren.

»Anfangs waren Sie gesprächiger«, stellte Randers nun fest.

June hatte recht gehabt. Er war tatsächlich ein hübscher Bengel. Mit fünfunddreißig Jahren etwa so alt wie Reiniger, war er noch ein kleines Stück größer. Und auch er hatte kein Gramm Fett am Leib, dafür aber ein Grübchen am Kinn, immer wenn er lächelte. Und er lächelte fast ständig.

Er lächelte auch jetzt. Bount fand den Mann in keiner Weise abstoßend. Weil er die größten Diebe der Welt ohnehin in den Reihen der Politiker und der Großfinanz vermutete, und nichts anderes belegten auch die zahllosen Schlagzeilen über jenes Thema.

Gegen jene Leute war auch ein Devon Randers nur ein kleines Licht.

Bount fiel mit der Tür ins Haus.

»Sie haben also nichts mit dem Juwelenraub zu tun«, sagte er.

»Pst! Zerstören Sie nicht meinen Ruf. Wenigstens nicht hier auf dem Schiff. Sie glauben nur zu wissen, womit ich meinen Unterhalt verdiene. Beweisen können Sie das nicht. Also setzen wir uns doch ein bisschen ins Abseits. Der Fili hinter dem Tresen hat Ohren wie ein Serengeti-Elefant. Auch wenn man es ihm nicht ansieht. Setzen wir uns doch in eine der Nischen dort drüben.«

Bount nahm sein Glas, Randers die Flasche Dimple, die der Keeper nicht wieder zurückgestellt hatte. Gleichzeitig orderte er auch noch einen Tumbler für sich sowie eine Schüssel mit frischem Eis.

»Sie waren es nicht?«, wiederholte Bount seine Frage, als sie saßen, und kam sich ziemlich dumm dabei vor.

Überraschend wurde Randers ernst. Das Grübchen verschwand wie wegradiert.

»Nein«, sagte er. »Vielleicht hätte der Coup mich gereizt. Aber es ist mir jemand zuvorgekommen.« Er zuckte die Schultern. »Künstlerpech.«

Bount Reiniger wunderte sich nicht einmal. Die wahrhaften Gauner lebten nach einem seltsamen Ehrenkodex. In der Regel waren sie nicht einmal die schlechtesten Kerle. Männer wie Devon Randers fühlten sich als moderne Robin Hoods. Sie nahmen von denen, die nach ihrer Meinung ohnehin schon zu viel besaßen. Nur dass sie ihre Beute eben nicht an die Armen verteilten, was übrigens auch der »echte«, der historische Robin Hood nie getan hatte.

»Sie bieten mir Ihre Hilfe an?«

»Hm. In gewisser Weise.»

»Wie soll ich das verstehen?«

»Sie können mich als möglichen Täter schon mal ausgrenzen. Und Ihre Kräfte somit auf Wichtigeres konzentrieren. Ist das etwa nichts?«

Bount bemühte sich erst gar nicht, sein Grinsen zu unterbinden.

»Sie sind mir vielleicht 'ne Marke«, meinte er. »Aber behalten Sie das Copyright für diesen Einfall. Köstlich ist er ja. Das gebe ich gern zu.«

»Und vor allem ist er nicht so lächerlich, wie er sich möglicherweise anhört. Als ich Sie heute Nachmittag durch mein Fernglas erkannte, wusste ich schließlich, was die Stunde geschlagen hatte. Der berühmte Bount Reiniger aus New York tuckert durch die Gewässer der Azoren. - Wo haben Sie übrigens Ihre reizende Begleiterin gelassen? Miss June heißt sie, glaube ich.«

»Miss March badet.«

Nun grinste auch Devon Randers wieder. Wissend, wie Bount Reiniger schien. Eigentlich waren sie beide verwandte Seelchen. Bount hätte ihn nur ungern festgenommen. So was gab es auch in seinem Job.

»Es wundert Sie gar nicht, dass ich Sie erkannte?«

»Nicht die Bohne«, antwortete Bount. »Sie sind vom Fach. So steht es in Ihren Akten zwischen Afghanistan und Zaire.«

»Ich war noch nie in Kabul.«

»Klar doch. Weil es dort nichts zu klauen gibt.«

»Nicht einmal genügend zu beißen.«

Zum ersten Mal stießen die beiden Männer miteinander an. Die Whisky-Tumbler und die Eiswürfel klirrten. Danach fiel Bount auf, dass sie auch noch dieselbe Zigarettenmarke rauchten. Auch solche Kleinigkeiten konnten recht verbindend wirken. Bount hatte diesen sympathischen Mistkerl auf Anhieb gut leiden können.

Bount inhalierte, lehnte sich weit zurück und schaute gegen die Decke. »Sie haben sich natürlich Gedanken darüber gemacht, wer es gewesen sein könnte.«

»Natürlich«, bestätigte Devon Randers in der selben Haltung, im selben Tonfall. »Und der Teufel soll mich holen, wenn sich mein Verdacht nicht bestätigt.«

Ruckartig fuhr Bount zurück in die Senkrechte. Glotzte. Aber nicht mehr zur Decke.

Randers schenkte nach.

»Ich gehe jede Wette ein, dass es die Tochter war«, sagte er. »Evelyn Screwbottom.«

Reiniger kramte in seinem Gedächtnis und fand nichts. Von einer Evelyn Screwbottom war bisher noch kaum die Rede gewesen. Er wusste nur, sie war die unverehelichte Tochter der gewaltigen Adelaide.

»Sie sehen mich so fragend an«, meinte Randers schließlich. »Ich denke, ich bin Ihnen eine Erklärung schuldig. Darf ich offen sprechen?«

»Ja.«

»Ich meine, ganz offen.«

»Aus dem Nähkästchen geplaudert?«

»So ungefähr.«

»Gebongt. Schießen Sie los, Devon.«

Randers zuckte kaum merklich, als Bount ihn mit seinem Vornamen anredete. Dann begann er.

Er schilderte Evelyns verunglückten Annäherungsversuch auf dem nächtlichen Hochdeck der »Angel Queen« wahrheitsgetreu. Und ebenso wahrheitsgetreu fügte er hinzu: »Ich bändele nie mit Frauen an, die ich unter Umständen als Opfer etwaiger Eigentumstransaktionen in Betracht ziehe. Von denen halte ich mich fern. Man hat sonst später nichts als Verdruss.«

»Aha. Die Initiative ging also von ihr aus.«

Randers seufzte.

»Das kann man wohl sagen. Sie wollte mich mehr oder weniger vergewaltigen.«

»Okay, okay. Ist mir auch schon passiert. Und meine nächste Frage stelle ich nicht, weil ich Ihre Qualifikation als Playboy anzweifle. Aber was ist das für ein Mädchen? Eine Nymphomanin?«

Devon Randers überlegte ein paar Sekunden.

»So weit würde ich nicht gehen«, meinte er schließlich, sich mit dem Finger an der Nase reibend. »Affengeil ist sie zweifellos, wenn Sie verstehen, was ich meine. Aber gleichzeitig tut sie mir auch leid. Mir kam sie vor wie eines jener Insektenweibchen, die ihr Männchen während der Begattung oder kurz danach verschlingen, um ihren Proteinhaushalt für das kommende kräfteraubende Eierlegen wieder auf Vordermann zu bringen. Nur - bei der Gottesanbeterin Evelyn, um im Vergleich zu bleiben, hat eine misslaunige Natur die tödlichen Fangarme amputiert. Mit anderen Worten: Sie ist potthässlich.«

Bount legte den Kopf leicht schräg und warf die Zigarette weg, weil ihm die Glut gerade die Fingernägel verbrannte.

»Erstreckt sich dieser ... Vergleich auch auf ihre psychische Verfassung?«

»Hauptsächlich sogar«, betonte Randers. »Sie will, aber kann nicht immer. Und wenn sie schon nicht kann, versucht sie diesen >Proteinhaushalt< eben auf andere Weise auszugleichen.«

»Per Rache?«

»Sie haben es erfasst, Bount. Evelyns Drohungen verstand ich erst, nachdem ich von diesem Diebstahl erfuhr. Armes Äffchen. Sie konnte ja nicht ahnen, ausgerechnet an einen Profi geraten zu sein mit ihrem kindischen Revancheversuch.«

»Der ihre Mutter immerhin drei Millionen Dollar kostete.«

»Das glauben Sie doch nicht im Ernst, Bount. Den Schmuck hat sie freilich in Sicherheit gebracht. Sie wissen ja selbst, wie leicht das auf einem Schiff wie diesem möglich ist.«

»Sie wissen es besser.«

Devon Randers schmunzelte.

»Möglich«, sagte er. »Aber auch ein Amateur hat alle Chancen.«

»Und wenn sie den Schmuck trotzdem einfach über Bord gekippt hat?«

Im selben Augenblick bereute Bount diese naive Frage. Der Meisterdieb und Salonlöwe, beheimatet auf den Beautiful-People-Treffs dieser Welt wie kaum ein zweiter, beantwortete sie ihm trotzdem. Ein bisschen von oben herab.

»Ach, wissen Sie, Bount. Ich habe noch keine reiche Frau erlebt, die nicht geldgierig gewesen wäre. Sie brauchen in ihrem ganzen Leben noch keine Sekunde materielle Not gelitten zu haben, doch das ändert nichts daran. Sie bleiben gierig. Und niemals schmeißen sie Schmuck ins Meer.«

»Außer es ist an dieser Stelle nicht tiefer als drei Meter«, bestätigte Bount. »Und mir tun sie auch leid, diese jungen und alten Mädchen mit den Millionenkonten. Wegen ihrer ständigen Angst.«

»Hä?«

»Sie leben in der ständigen Angst, einmal so arm zu werden wie ihre Umgebung, vor der sie ihre Augen so fest verschließen.«

Randers runzelte die Stirn.

»Hey! Sie sind ja ein kleiner Philosoph!«

»Vergessen Sie’s, Devon. Und wo ist nun das Kuckucksei, das Ihnen Ihre liebe, rachsüchtige Evelyn ins Nest gelegt hat?«

Randers kriegte große Augen. Die größten vielleicht, die er je in seinem Leben produziert hatte. Sie fielen ihm fast aus den Höhlen, und in diesem Moment hätte der Playboy mit dem Kinngrübchen keiner Frau mehr gefallen.

»Sie ... Sie sind ein Satan, Mister Reiniger!«

»Warum denn? Nur weil ich es noch nicht verlernt habe, zwei und zwei zusammenzuzählen? Bleiben wir besser bei Bount. Einverstanden?«

»Einverstanden«, keuchte Devon Randers. Doch er keuchte nicht lange. Denn er grinste bald wieder. »Und ich hab die ganze Zeit geglaubt, ich sei Ihnen ein Quäntchen über. - Kommen Sie, Bount.«

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7

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Sie gingen danach in Devons Suite. Sie war etwas kleiner als die von Bount und hatte auch kein »Wechselbad«, nur eine Dusche. Das Apartment lag gleich am Anfang des Flurs und war nicht so überladen ausgestattet wie das von Reiniger. Natürlich fehlte es auch hier an nichts, was Luxus ausmachte, doch der falsche Pomp ging wohltuend ab. Es war ein Zimmer wie jedes andere der Sheraton-Klasse auch.

Ein breites Bett in der Ecke, Einbauschränke aus Palisander, ein Eisschrank, eine Musik- und Fernsehtruhe. Die Satellitenantenne der »Angel Queen« bot rund um die Uhr 40 Programme an. Sowohl europäische als auch amerikanische. Auf der anderen Seite des großen Fensters dann noch eine Couchgarnitur mit zwei Sesseln und einem Marmortisch dazwischen. Ein Rollschranksekretär vervollständigte die Einrichtung. An den Wänden hingen Bilder von Miró und ein früher Chagall.

Hier hätte Bount sich wohler gefühlt, als in seinem Barockbunker. Wahrscheinlich war jedes der Apartments anders eingerichtet.

Randers bemerkte Reinigers Reaktion.

»Fühlen Sie sich ganz wie zu Hause«, sagte er. Noch ein Schlummertrunk gefällig?«

»Nein, danke. Es ist genug. Kommen wir zur Sache.«

»Wie Sie wollen.«

Der Meisterdieb deutete auf eine Wandlampe zwischen zwei Bildern. Der Lichtdeckel war aus Bleikristall und nur aufgesteckt und von Federn gehalten. Mit der anderen Hand griff er in die Hosentasche und zog einen Ring heraus. So wie er ihn hielt, wog er schwer. Und schweres Geld hatte er auch gekostet, dieser Sechskaräter, von sechs Einkarätern und zahlreichen anderen Diamantsplittern umringt. Bount kannte den Ring von den Fotos her. Sein Wert war mit 120000 Dollar angegeben.

»In dieser Lampe hatte sie ihn versteckt, diese dumme Kuh«, sagte Randers. »Es war einer der ersten Plätze, an denen ich nachschaute, nachdem ich erraten hatte, wie der Hase laufen sollte. Sie hätten Evelyns Gesicht sehen sollen, als ein Offizier und der Zahlmeister mein Apartment durchsuchten und auch den Deckel abnahmen. Zum Schießen! Ich befürchtete schon, sie würde einen Schreikrampf oder wenigstens einen Herzinfarkt kriegen.«

Bount fand sich mit den Tatsachen ab.

»Also ist sie hier eingebrochen.«

»Musste sie gar nicht. Ich sperre nie ab. Na ja. Außer, ich habe Damenbesuch oder so.« Er schmunzelte wieder. »Schließlich habe ich ja nichts zu verbergen.«

»Keine Leibesvisitation?«

»Evelyn hatte sie verlangt. Ihr Wunsch wurde abgelehnt. Aber auch die hätte zu jenem Zeitpunkt nichts gebracht.«

»Und jetzt laufen Sie schon den ganzen Abend mit hundertzwanzigtausend Dollar in der Hosentasche herum?«

Randers runzelte die Stirn.

»Auf hundertzwanzig Riesen ist das Ding versichert? - Ein glatter Betrug! Der Ring ist diesen Betrag nicht einmal dann wert, wenn ich ihn bei Tiffany’s kaufe und dabei noch die halbe Ladenmiete für einen Monat mitbezahle!«

Da horchte auch Reiniger auf. Doch seine Gedanken liefen plötzlich auf anderen Geleisen.

Er musste mal darüber schlafen und das dann eventuell mal mit June durchdiskutieren. Jetzt jedoch konzentrierte er sich wieder auf die Gegenwart.

»Sie haben mir noch nicht geantwortet«, lenkte er schnell ab.

»Was? Ach ja. Mir ging nur so durch den Kopf, ob nicht mehr dahinterstecken könnte, als ich bisher vermutete. Ich hatte Evelyn für eine Traumtänzerin gehalten. Auf einmal bin ich mir nicht mehr ganz so sicher.«

Bounts Respekt vor diesem Gauner wuchs. Doch Randers fuhr schon fort: »Nein. Ich laufe nicht ständig mit diesem Ring in der Hosentasche herum. Ich hatte ihn heute Abend extra für Sie eingesteckt. Ich dachte schon, dass wir noch einen Plausch über dieses Thema haben würden, und wollte gewappnet sein.«

»Doch in der Zwischenzeit hatten Sie ihn woanders deponiert. Im Wandtresor vielleicht?«

»Bin ich verrückt?«, entfuhr es dem Meisterdieb. Wenn sie einem hier ein Sparschwein auf die Kommode stellen würden und ...« Da stockte er. Dann grinste er.

»Sie sind ein übler Schlingel, Bount. Doch dass Sie mir zutrauen, so einen billigen Safe zu knacken, muss ich wohl annehmen. Wozu also diese läppischen Fangfragen? Wo dieser Ring tatsächlich war, verrate ich Ihnen natürlich nicht. - Betriebsgeheimnis«, fügte er in verschwörerischem Flüsterton hinzu.

»Kommen wir doch auf das ursprüngliche Programm zurück«, schlug Reiniger vor. »Auf das mit der Traumtänzerin.«

»Na ja. Sagte ich doch schon. Sie wollte mich gedemütigt sehen. Sie ist der Typ. Und kurz vor New York wäre der Schmuck dann plötzlich wieder aufgetaucht. Friede, Freude, Eierkuchen und ein hämischer Blick zum Abschied.«

»Aber vor einer Minute haben Sie eine neue Theorie entwickelt. Es ließ sich nicht überhören.«

»Und im selben Moment wieder verworfen.«

»Weshalb?«

»Weil ich einen Moment lang an einen tatsächlichen Versicherungsbetrug glaubte. Doch das ist auszuschließen.«

»Sie haben der Screwbottom-Suite einen heimlichen Besuch abgestattet?«

»Vor Ihnen lässt sich schwer etwas verbergen, Bount. Bin ich froh, Sie nicht zum Gegner zu haben. Aber Sie haben schon wieder recht. Ich sah mich dort ein bisschen um. Rein prophylaktisch, verstehen Sie? Niemals in Einbruchsabsicht. Nur zum Selbstschutz.«

»Und Sie haben nichts gefunden.«

»Nein.«

Und nun wurde Devon Randers schon wieder einmal nachdenklich. Er lächelte schwach.

»Wirklich keinen Drink?«

»Gut. Einen letzten für auf den Weg.«

Randers brauchte offenbar etwas Zeit. Bount gab sie ihm. Randers brachte zwei Miniflaschen Black Label aus dem Kühlschrank. Und keine Gläser. So sehr war er mit seinen Gedanken beschäftigt. Schwer ließ er sich in seinen Sessel sinken. Bount brauchte nicht weiter in ihn zu dringen. Er begann von selbst.

»Der Umgang mit Ihnen scheint abzufärben«, sagte er. »Jetzt werde ich auch schon misstrauisch. Aber ein paar Aspekte dieser Angelegenheit sind wirklich seltsam.«

Reiniger schwieg. Randers redete weiter wie im Selbstgespräch.

»In ihren Kabinen war nichts. Aber trennt sich eine Frau von ihrem Schmuck-Depot auf eine größere Entfernung als zehn Meter? Versteckt sie ihn, vorausgesetzt, sie hat ihn selbst gestohlen, irgendwo auf einem fremden Schiff und geht dabei das Risiko ein, dass irgendein dummer Trottel aus purem Zufall darüber stolpert und sich den ganzen Plunder unter den Nagel reißt? - Niemals! - Evelyns Alte kommt sowieso nicht infrage. Mrs. Screwbottom ist zwar ebenfalls hässlich wie die Nacht, fett wie eine Nilpferdkuh nach einer Mastkur, aber nie und nimmer kann sie schauspielern. Sie hat das ganze Schiff zusammengeschrien, als sie den Diebstahl entdeckte. Doch wenn es Evelyn war - und alles spricht dafür - dann hatte sie doch nichts davon! Versichert ist die Sore doch schließlich auf die Mutter!«

Jetzt mischte Bount sich doch ein.

»Sie denken immer noch an die Möglichkeit eines Versicherungsbetrugs?«

Randers klatschte mit den Händen auf die Oberschenkel. »Ich weiß, offen gestanden, nicht mehr, was ich denken soll. Der Klunker, den ich Ihnen zeigte, ist jedenfalls keine hundertzwanzig Riesen wert.«

»Sie verstehen viel von Diamanten?«

»Alles.«

Bount stand auf.

»Es ist spät geworden, Devon. Überschlafen Sie das Ganze noch mal. Wir sehen uns dann irgendwann nach dem Frühstück, okay?«

Auch der so nachdenklich gewordene Meisterdieb erhob sich. »Okay. Doch irgendwas ist faul. Viel fauler, als ich bisher dachte.«

Er begleitete Bount noch bis zur Tür.

Bount hatte nur ein paar Schritte zu gehen. Auf dem Schiff war es ruhig geworden. Es pflügte mit 35 Knoten durch die Nacht. Das Stampfen der Dieselaggregate war hier oben kaum mehr zu spüren. Die bunten Lichtgirlanden, die sich über zwei Masten vom Bug bis zum Heck der »Angel Queen« spannten, waren erloschen.

Die Tür zum Bad stand offen. Die vom Bad zu Junes Kemenate ebenfalls.

Bei ihr drüben brannte noch Licht.

June lag mit toller Frisur, tollem Lidschatten und überhaupt perfektem Make-up in ihrem Abendkleid, das bei ihr freilich auch nur ein halbes war, denn es hörte schon weit über den Knien auf, quer über ihr Bett gebreitet wie ein versehentlich gekreuzigtes Minnesota-Girl.

Den Kussmund halb geöffnet, schnorchelte sie leise vor sich hin. Der Time-Lag war wohl schuld. Die Zeitverschiebung von Kontinent zu Kontinent. Vor dem Bett lagen drei verschiedene Paar Schuhe. Die Anstrengung musste zu groß für sie gewesen sein.

June March schlief.

Bount Reiniger deckte sie zärtlich zu.

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Die Nacht war klar und kalt. Am samtschwarzen Himmel funkelten die Sterne. Die Mondsichel war bereits wieder untergegangen. Die »Angel Queen« passierte den 31. Längengrad. Noch mehr als 2000 Seemeilen bis New York.

Enrico Casarella schlummerte friedlich und träumte von der Heimat, die für ihn nicht Sizilien war. Er hatte die Insel als ungeliebtes Exil betrachtet.

Diese Hitze. Diese Trockenheit. Diese Frauen in ihren muffigen schwarzen Kutten. Diese Langeweile in dem alten Palazzo nahe bei Centiaggio, den er sich dort gekauft hatte. Ein ödes Nest in den Bergen, das alte Haus und sein Grundstück streng bewacht und umzäunt wie ein Konzentrationslager zu Mussolinis Zeiten.

Ja, er hatte sich viele Feinde geschaffen in seinem Leben. Doch diese Angst war geschwunden im Lauf der vielen Jahre, im unaufhaltsamen Lauf des fortschreitenden Alters.

Enrico Casarella träumte von einem Häuschen an der Sheepshead Bay in Süd Brooklyn, wo auch all die anderen Mafiosi bevorzugt wohnten, und wo es keine Verbrechen gab und keine Kriminalität, weil die Paten ihre Ruhe haben wollten in ihrem Privat- und Familienleben.

Und trotzdem war es nicht weit ins quirlige, lebendige, ja lebenssprühende Manhattan. Dort wollte der Siebzigjährige noch einmal die Puppen tanzen lassen, keine alten Weiber mehr sehen, die herumliefen wie die Krähen und mit ihren schrillen Stimmen keiften. Nicht mehr untätig in der Hitze brüten.

Auspuffgase wollte er wieder schnuppern, sich das Parfüm der Großstadt um die Nase wehen lassen!

Enrico Casarella hatte ein Herz voller Sehnsucht ...

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Rhet Bown war um die Selbstverstümmelung herumgekommen. Er bumste schon wieder hingebungsvoll und soweit seine Kondition das zuließ, mit Gloria Scerpone.

Der texanische Produzent, der sein Geld nicht mit Öl, sondern mit eimerweise Sperma machte, war zwar schnell auf Hundert, aber ebenso schnell verzieh er auch. Wer wusste schon, dass ausgerechnet das ansonsten ziemlich verschlafene Austin, die Hauptstadt des Lone Star Country, das amerikanische Mekka aller Pornographen war.

Hier waren all die Underground-Kino-Hits der letzten zwanzig Jahre entstanden. Wie Deep Throat. Wie Black and White. Wie Fuckin! Preacherman. Und noch zahllose andere mehr. All diese Filme hatten bei Produktionskosten unter 100000 Dollar mehr als 50, 60 Millionen eingespielt. Ein zehnmal besseres Investitions-Gewinnverhältnis als Streifen wie Terminator oder Star War je erreichen würden.

Trotzdem schlief Rhet Bown schlecht. Er hatte wieder Schmerzen zwischen den Beinen und schob das in Anbetracht der eben überstandenen Turnübungen wider aller Vernunft auf jenen Yankee-Schnösel in der Diamond-Bar, der mit einer Champagnerflasche nach ihm geworfen hatte.

Durfte er das auf sich sitzen lassen?

Als Texaner?

Niemals!

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Evelyn Screwbottom schlief auch. Tief und traumlos.

Denn sie hatte sich wieder einmal volllaufen lassen.

Adelaide Screwbottom schlief nicht. Wuchtig und aufrecht saß sie in ihrem Bett und kam sich nackt vor trotz der wollenen Unterhosen, die sie anhatte, und ihrem wollenen Nachtmantel. Aus Gesundheitsgründen. Adelaide Screwbottom grollte. Seit dem Diebstahl grollte sie pausenlos und hatte sich auch bei keinem Essen mehr sehen lassen.

Der Juwelier Shop an Bord bot nur einen lächerlichen Ersatz für ihre wertvollen Stücke.

Nein.

Sooo konnte sie nicht mehr unter die Leute gehen!

... und ein blinder Passagier sann auf Mord.

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June machte einen etwas geknickten Eindruck an diesem Morgen. Sie glaubte, etwas versäumt zu haben, und das nahm sie keineswegs sich selber übel, sondern Bount. Auch wenn sie nicht mehr auf ihre Bade- und Schminkorgie vom letzten Abend einging.

Doch durch die gestrigen Erfahrungen gewitzt, war sie damit einverstanden, sich das Frühstück in der Suite servieren zu lassen.

»Warum hast du mich überhaupt mitgenommen?«, schmollte sie.

»Weil die Mutual Life das bezahlte«, antwortete Bount. »Ich will mich nicht an Spesen bereichern. Aber Spaß beiseite. Natürlich brauche ich dich. Anfangs wollte ich dich ja als wandelnden Schmuckständer mitnehmen. Doch davon kam ich wieder ab. Echte Juwelen waren auf die Schnelle nicht als Leihgabe zu besorgen, und Imitationen hätte jeder versierte Dieb sofort als solche erkannt.«

Danach wiederholte er seine Unterhaltung mit Devon Randers ziemlich wörtlich. Nur jenes unwesentliche Detail mit Gloria Scerpone und Rhet Bowns missglücktem Versuch, sich selbst zu entmannen, ließ er aus. Anschließend saß er einer sehr nachdenklich gewordenen June gegenüber. Sie hatte sogar vergessen weiterzuessen, obwohl ofenfrische Croissants vor ihr standen und herrlich dufteten.

»Das klingt, als würdest du ihm vertrauen«, meinte sie mit einem versteckten Fragezeichen hinter ihrer Feststellung.

»Seine Theorie hat etwas für sich. Doch dass hier Verschiedenes nicht zusammenpasst, ebenfalls. Aber gesetzt den Fall, dass diese Evelyn gar nicht so unbedarft ist, wie sie offenbar tut, und sehr wohl wusste, mit wem sie es bei Randers zu tun hat: Könnte sie dann nicht die Chance für einen raffinierten Versicherungsbetrug gewittert und den Rest nur provoziert haben?«

»Wie viel, sagtest du, ist dieser Ring wert?«

»Einhundertzwanzigtausend Dollar.«

June erhob sich graziös. Schick sah sie aus in ihrem Morgenmantel aus der Kinderabteilung von Macy's. Um die Brust spannte er enorm. Sie stakste hinüber in ihre Abteilung und kam mit den Fotos aus Emmy Millers Büro zurück. Auf dem Tisch war gerade noch ein Plätzchen frei.

»Da«, sagte sie in einem beinahe schon verächtlichen Tonfall. »Du hast eben kein Gedächtnis und kein Gefühl für die wahren Werte des Lebens. Schau dir diesen Ring noch mal auf dem Foto an, und dreh es dann um.«

Bount folgte der Aufforderung zögernd. Die Aufnahme fand er auf Anhieb. Die Augenbrauen zogen sich zu einem schmalen Strich zusammen.

»Wow«, sagte er, nachdem er die wenigen Zeilen auf der Rückseite überflogen hatte. »Ich muss mich getäuscht haben. Hier steht tatsächlich, dieser aufgesplitterte Zwölfkaräter sei nur mit achtzigtausend versichert.«

»Ist!«, verbesserte die March. »Ist, mein Guter. Damit kannst du dir deinen Versicherungsbetrug abschminken. Zumindest insofern, als du dir eingebildet hast, es könnten so etwas wie falsche Wertangaben und so weiter mit im Spiel sein. Mir kam da eben eine ganz andere Idee.«

Bount saß baff.

»Und welche?«

»Dass Randers dich aufs Perfekteste verschaukelt hat.«

Plötzlich fühlte Bount sich nicht mehr wohl in seiner Haut. Zwar glich die March vom Äußeren her dem Prototyp des blonden Dummchens, doch ihr Verstand arbeitete, von gelegentlichen Ausnahmen abgesehen, messerscharf.

»Was hast du nun schon wieder auf der Pfanne?«

»Ein chinesisches Stinkei, fürchte ich.« June sah sehr, sehr überheblich und naserümpfend aus in diesem Augenblick. «Kennst du denn diese olle Kammelle nicht, von der schon Generationen von Kurzkrimiautoren sich ihren Teil abgesäbelt haben? Ich selbst habe schon mindestens fünfzig Storys gelesen, in denen der Schreiberling mit der Tatsache herumspielt, dass man Leichen transportieren kann und das sicherste endgültige Versteck jenes ist, das vom jeweiligen Detektiv schon einmal vergeblich praktisch unters Elektronenmikroskop gelegt wurde. Es gibt diese Grundidee in x Variationen.«

Bount schluckte. Dann hüstelte er.

»Du meinst ...?«

»Genau.« Nun schwang in ihrem Mezzosopran ein Crescendo von Schadenfreude mit. »Randers hat all diesen Variationen noch eine weitere Variante hinzugefügt. Sie heißt: Gib dem Schnüffler was zu schnüffeln, dann wird er sich schon beruhigen.«

Einer von Rhet Bowns Peitschenhieben hätte Bount nicht schlimmer treffen können.

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Auf Reinigers Klopfen hin öffnete eine völlig verkaterte Evelyn Screwbottom. Doch ihr Blick erhellte sich, als sie sich Bount gegenübersah.

Denn ein hübscher Bengel war zweifellos auch er.

»Oh!«, machte sie geziert. »Sie sind ja gar nicht der Steward.«

»Leider nein, Madam.« Bount stellte sich vor. »Ich hatte es schon bei Ihrer Frau Mutter versucht, doch es antwortete niemand.«

»Mom ist unpässlich. Aber so kommen Sie doch herein!«

Evelyn Screwbottoms Selbstbewusstsein musste eines der grenzenlosesten sein, auf die Bount jemals gestoßen war. Sie wackelte ihm mit ihrem dürren Po, strähnigen Haaren auf spindeldünnen Storchenbeinen voraus, als käme sie soeben generalüberholt von einer Schönheitsfarm und nicht aus ihrem zerwühlten Bett.

Die Zähne hatte sie sich auch noch nicht geputzt. Im Zimmer stank es nach Mief, kaltem Rauch und teurem Fusel. Fünf Aschenbecher quollen über. Auf dem Teppich lagen drei leere Flaschen herum. Eine von Apollinaris war nicht dabei.

»Es gab eine kleine Fete gestern«, behauptete sie, albern kichernd. »Und die Putzfrau war noch nicht da.«

Bat Evelyn Screwbottom jeden Mann zu sich herein? Zu jeder Tages- und Nachtzeit?

Bount wurde es eng unterm Kragen.

Plötzlich blieb sie abrupt stehen. Ihr Morgenmantel aus bunter Seide klaffte auseinander, und ihr dürrlippiger Mund auf. Der Mund zeigte kleine spitze Mäusezähne, der Spalt im Mantel knochige Knie, ein knochiges Becken, einen flachen Bauch und null Brust. Wenn Evelyn jemals einen Schönheitspreis gewann, dann den der Vogelscheuchen. Bount verstand, warum Devon ihrem Werben so heftig und am Schluss auch so handgreiflich widerstanden hatte. Aber nicht nur das: ihm gruselte.

»Reiniger, sagten Sie? Bount Reiniger?«

Bount nickte und sah sich schon mal nach einer geeigneten Deckung um. Doch zum Glück machte sie keine Anstalten, sich ihm an den Hals zu werfen vor lauter Freude.

»Der Privatdetektiv aus New York?«

Bount nickte abermals.

»Der nämliche. Doch meines Wissens wurde das Telegramm der Mutual Life an Ihre Mutter persönlich gesandt. Mit der Bitte um äußerste Diskretion.«

Eine Bewegung, als wolle Evelyn Screwbottom eine Fliege verscheuchen.

»Pah. Mom ist blind wie ein Maulwurf und zu eitel, eine Brille zu tragen. Kontaktlinsen verträgt sie nicht. Und so bearbeite eben ich ihre Post.«

»Aber ich kann Ihre Frau Mutter sprechen?«

»Auf keinen Fall.« Evelyn kicherte erneut. »Sie ist nackt.«

»Den ganzen Tag?«

»Bis nach New York. Sie müssen schon mit mir vorliebnehmen. Warten Sie. Ich zieh mir nur schnell was anderes über.« Sie schaute an sich herunter. »Huch! Ich bin ja auch fast nackt!«

Reiniger verbiss sich ein laut und deutliches »leider« und wollte auch das andere Thema nicht vertiefen. Evelyn wirbelte ins Bad und kam nach drei Minuten in einem weiteren Morgenmantel, diesmal einem ohne Schnapsflecken, und anderen Pantoffeln wieder.

»Ich kann Ihnen alles sagen, was Sie wissen müssen. Wie kamen Sie überhaupt an Bord? Mit einem Helikopter?«

»Mit einer Barkasse von Sao Miguel. Gestern am Spätnachmittag.« Evelyns »kleine Fete« musste schon sehr früh begonnen haben.

»Aha. Aber warum nehmen Sie nicht Platz? Wenn Sie dabei auf ein paar Spitzenhöschen stoßen, nehmen Sie keine Rücksicht darauf.

Auf Spitzenhöschen stieß Reiniger aus gutem Grund nicht. Er kannte ihn bereits von Devon Randers. Dafür aber auf herumgestreute Asche, aufgeschlagene und zerknitterte Magazine der seichtesten Art, ein Hochglanzheft mit nackten Männern und auf einen gigantischen Vibrator. Der Deckel war auf »On« gedreht. Doch da ratterte nichts mehr, die Batterien waren leer.

Bount setzte sich auf die Lehne der Couch. Dann ließ er sich geduldig nochmals erzählen, was er ohnehin schon wusste. Anfangs war Mrs. Adelaide Screwbottom, Erbin von Beruf, noch sehr mitteilsam gewesen.

»Dann will ich Ihnen jetzt erzählen«, nutzte Reiniger Evelyns erste nennenswerte Atempause, »was ich in der Zwischenzeit unternommen habe.«

Er berichtete in Auszügen, was nun wiederum das arme Millionenflittchen bereits wusste, und bereitete dann seine erste gezielte Frage vor:

»Mir ist bekannt, dass Sie einen der Herren, einen Mister Devon Randers, vor allen anderen im Verdacht hatten, der Dieb zu sein.«

Ihr ohnehin schon unschönes Gesicht verzerrte sich zur Karikatur. Auf einmal loderte Bount Reiniger blanker Hass entgegen.

»Scheißkerl!«, stieß sie aus. Mit zehn Ausrufezeichen. Bount tat erstaunt.

»Sie kannten natürlich seinen Ruf in gewissen Kreisen. Ihr Verdacht war also durchaus gerechtfertigt.«

»Äh?«

Bei ihr war das Staunen nicht gespielt. Dafür legte Reiniger die Hand ins Feuer.

»Ja, verkehren Sie denn nicht in den sogenannten Jet-Set-Kreisen?«, machte er vorsichtig weiter.

»Nicht in Europa«, sagte sie. »Mom hält alle Europäer für dekadent. Und seit ihr Schmuck weg ist, hält sie sie für dekadente Mörder und Verbrecher. Das wird wohl unsere erste und letzte Europareise gewesen sein.«

»Sie sollten das nicht so eng sehen. Seit Neuestem gibt es auch bei Paris ein Disneyland und McDonald’s schon an jeder zweiten Straßenecke. Unser Kulturexport macht Fortschritte! Nun sitzen auch schon Kentucky Fried Chicken und die Burger Kings in den Startlöchern.«

»Ich verstehe nicht viel von Kultur«, antwortete die kesse Schamlose allen Ernstes. »Aber was ist nun mit Devon? - Ah - Mit diesem Scheißkerl, meine ich.«

»Er ist ein international gesuchter Juwelendieb ...«

»Nein!«

Mindestens zwanzig Ausrufezeichen waren fällig. Evelyn Screwbottom gehörte mit Sicherheit zu jener Gruppe Frauen, die sich während einer Boxveranstaltung die Handknöchel zerbissen, weil das Blut gar so schön spritzte.

»Doch!«, sagte Reiniger. »Sie haben schon richtig gehört. Nur war ihm noch nie etwas nachzuweisen. - Leider«, fügte er hinzu. Diesmal durfte er sich das erlauben.

Und seine Theorie vom Versicherungsbetrug war zerronnen wie ein Eiswürfel in einer Gallone zu warmen Whiskys. Devon Randers stand wieder ganz oben auf Bounts Hitliste der Verdächtigen.

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»Ist dir etwas aufgefallen?«, fragte er wenig später.

»Er sieht tatsächlich blendend aus«, antwortete June. Sie hatte die halblangen Haare hochgesteckt. Im hellen Sonnenlicht hatten sie die Farbe eines Weizenfeldes kurz vor der Ernte. Auch das Minnesota-Girl zeigte Knie und Schenkel en masse. Doch bei ihrem Anblick gruselte es Reiniger nicht. In diesem Fall war das Prickeln über den Rücken sogar angenehm.

»Das wollte ich eigentlich nicht wissen.«

Sie standen eng zusammen draußen auf dem Promenadendeck neben dem linken Niedergang hinunter zur Diamond-Bar. Junes giftgrüner Kaschmirschal flatterte wie ein Banner im Fahrtwind. Man merkte der »Angel Queen« ihre Reisegeschwindigkeit nicht an.

35 Knoten. Das entsprach immerhin knapp 60 km/h.

»Nun, er hat sich ausgiebig am Frühstücksbuffet im >Möwen Restaurant< - das ist das vordere, das kleinere für die Gäste von den teuren Decks - bedient und treibt sich irgendwo auf dem Schiff herum. - Mein Gott! Das ist ja riesig!«

»Hm«, bestätigte Bount. »Etwa drei Kilometer Wanderwege, wenn man nur all jene Trampelpfade zusammenzählt, die den Passagieren zugänglich sind.«

Dann erzählte er von seinem zerronnenen Verdacht, den Versicherungsbetrug und Evelyn Screwbottoms Wissensstand über die wahre Profession Devon Randers’ betreffend.

June grinste ebenso stolz wie infam. Sie hatte ihrem Chef wieder mal gezeigt, was ’ne Harke ist. Und das machte sie offensichtlich glücklich.

»Jetzt wirst du Randers’ Apartment einen heimlichen Besuch abstatten, stimmt’s?«

»Stimmt. Und du stehst Schmiere.«

Der Meisterdieb hatte gelogen. Es war abgesperrt. Doch jeder, der schon mal einen Fernsehkrimi mit einem Detektiv als Hauptfigur gesehen hatte, wusste, wie man hineinkam. Das Türschloss war von derselben Gediegenheit wie die Wandtresore. Um es zu knacken, genügte eine Plastikkarte. Schon stand Reiniger drinnen.

Den winzigen, batteriegespeisten Infrarotsensor übersah er. Er gehörte ja auch nicht zur Grundausstattung der Apartments.

Der Zimmerdienst war bereits tätig gewesen, das Bett gemacht und die Tagesdecke darübergebreitet. Bount schaute sich um.

Randers hatte vielleicht eines vergessen: Es trennten sich nicht nur Frauen äußerst ungern von ihrem Schmuck, sondern auch Meisterdiebe von ihrer Beute.

Darauf baute Bount seine Hoffnung.

Randers war schließlich nicht der einzige Mann mit ausgefallenen Einfällen. Bount Reiniger glaubte ihm in dieser Hinsicht durchaus das Wasser reichen zu können.

Im kleinen Duschbad sah er erst gar nicht nach. Unterm Bett auch nicht. Viel zu primitiv. Es kam nur ein Versteck infrage, das so offenbar keines war, dass man es nicht entdecken konnte, wenn man nicht gerade Bount Reiniger oder wenigstens Agatha Christie hieß.

Überlegen tat not. Ein weiteres Mal schweiften Reinigers Blicke durch den Raum. Schon gestern Nacht hatte er sich diesen Betrachtungen gewidmet. Das war ihm bereits zur zweiten Natur geworden.

Die Wandlampe? Es gab insgesamt vier Stück davon. Bount knipste sie alle an.

Keine verdächtigen Schatten in den Kristalldeckeln. Doch das bedeutete gar nichts. Bount nahm sie alle ab. Es war ganz leicht.

Dann klopfte er die Wand dahinter ab. Erwartungsgemäß klang sie bei den ersten dreien hohl. Zwischenwände bestanden selbst auf Luxuslinern nicht aus Bruchsteinquadern. Er suchte in diesem Fall vielmehr nach einem satteren Sound.

Auch die vierte Lampe brachte nichts.

Doch einmal von seiner Idee fasziniert, zog sich Reiniger den Stuhl vom Rollensekretär heran und rückte ihn unter die Deckenbeleuchtung. Hier brauchte er allerdings einen Schraubenzieher. Es fand sich einer bei seinem Einbruchsbesteck, das er ständig mit sich führte wie andere Leute ihre Armbanduhren.

Reiniger klopfte erst. Nicht so hohl wie an den Wänden.

Dann schraubte er. Er schraubte, bis er plötzlich keinen Boden mehr unter sich hatte und unsanft auf den Podex knallte. Über ihm stand Devon Randers. Ein Devon Randers ohne Grübchen am Kinn. Die Augen glänzten schwarz und wütend.

»Belohnen Sie so mein Vertrauen?«

Bount fiel nichts Besseres ein als ein Auszug aus dem marxistisch leninistischen Evangelium:

»Vertrauen ist gut - Kontrolle ist besser.«

Das war wohl der falsche Satz gewesen, und Randers liebte offenbar Einmischungen in seine Privatsphäre nicht besonders. Dazu konnte er Reiniger unter den herrschenden Umständen schlecht den Behörden, sprich: dem Käpt’n, ausliefern. Denn bei dem hatte Bount die besseren Karten.

Also kam, was kommen musste. Randers reagierte seinen verständlichen Zorn an Ort und Stelle ab. Noch dazu, weil Bount gerade so trittgünstig vor ihm auf seinen vier Buchstaben saß.

Er holte aus, halb von hinten her. Reiniger konnte sich nicht dagegen wehren. Randers’ Schuhspitze bohrte sich in seine linke Niere. Ein brennender Schmerz, der bis unter die Gehirnrinde zuckte, ihm den Atem raubte und rote und schwarze Spiralen vor seinen Augen tanzen ließ. Der ziemlich gemeinste und wirkungsvollste Tritt, den ein Mann überhaupt austeilen konnte. Bount japste nach Luft, war gelähmt.

Es sprach für Devon Randers, dass er es bei diesem einen Tritt bewenden ließ. Jetzt trat er nur mehr vor Bount, breitbeinig, stemmte beide Fäuste an die Hüften und schaute kalt auf ihn hinunter. Der Zorn erlosch in seinen Augen. Seine Stimme klang gefährlich sanft.

»So haben wir nicht gewettet, Bount. Ts, ts, ts. Du hättest mich doch nur zu fragen brauchen.« Er verzog die Lippen zu einem freudlosen Lächeln. Das Grübchen am Kinn wollte sich immer noch nicht zeigen. Es hätte etwa so viel wie die Entwarnung nach einem Luftangriff bedeutet.

Reiniger japste. Reiniger japste vergeblich. Schweiß rann ihm in die Augen und brannte salzig. Wenigstens sah er wieder ein bisschen, wenn auch nur undeutlich.

»Mein Betriebsgeheimnis, wie?«, schloss Randers an ihr letztes Gespräch an. »Das wolltest du lüften, nicht wahr? Scheißehrgeiz. Findest du nicht auch?«

Bount verzichtete nach wie vor auf eine Antwort. Teils, weil er immer noch nach Luft rang, teils weil dieser Mistkerl recht hatte.

»Ja, ja. Ich verstehe schon«, meinte der Meisterdieb, nun wieder völlig zivilisiert. Das Grübchen tauchte aus der markanten Kinnpartie. Langsam nur. Aber immerhin. »Jetzt bist du sprachlos, hm? Aber warte nur ein Weilchen. Das vergeht schon wieder. Bald wirst du wieder singen wie ein Zeisig. Vorausgesetzt natürlich, du konntest es schon vorher. Kein bleibender Schaden jedenfalls.«

Der Mann redete zu viel. Und er stand mit dem Rücken zur offenen Tür. Bount sah die March. Randers sah sie nicht. Ausgesprochen hübsch, wie sie barfuß hinter Devon schlich, einen ihrer Pumps in der Hand.

Und ihm den Absatz akkurat mit Vehemenz gegen jene empfindliche Stelle knallte, an dem Rückenmark und Kleinhirn sich verbündeten. Neben dem Solarplexus der wichtigste Nervenknoten überhaupt in der menschlichen Anatomie.

Devon Randers ging stehend k.o.

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Enrico Casarella stand vorn am Bug. Unter ihm sprühte die Gischt, verursacht von einem stählernen Pflug von 263 Metern Länge und einer Breite von knapp 35 Metern, der da »Angel Queen« hieß und 42000 PS hatte.

Der Alt-Räuber und vermutlich auch mehrfache Mörder schaute nach vorn, dorthin, wo sich in drei Tagen sein geliebtes New York, die Skyline von Manhattan, majestätisch über den Horizont heben würde und die Statue of Liberty, das steinerne Versprechen von Freiheit und Weite. Und ein Versprechen von Altersruhesitz, wie Casarella ihn sich vorstellte. Eigentlich mehr ein Alters-Schleudersitz. Er wollte den Rest seines Lebens in vollen Zügen genießen.

Und als den schönsten Tod stellte er sich jenen vor, dem auch schon mal ein schwedischer König in einem Hamburger Bordell erlegen war - mitten im Orgasmus, von einer wohlfeilen germanischen Walküre forsch geritten.

So hatte eben jeder seine Träume. Enrico Casarella hatte sie auch am Tag.

Er sah noch rüstig aus, trotz seiner 70 Jahre. Schlohweiß, jedoch noch voll das Haar. Die Frisur hatte er einem Herrn Albert Einstein abgeguckt. Auch bedeckte ein zauseliger Bart seine Oberlippe. Seine Haltung war straff und entschlossen, sonnenverbrannt, und mangels eines Ozonlochs über Sizilien gesund seine Haut.

Jeden Vormittag stand er an derselben Stelle. Seit sie Marseille verlassen hatten. Manchmal schaute er dabei auch in die falsche Richtung. Einem gläubigen Moslem wäre das nie passiert.

Aber Enrico Casarella betete bei jenen Gelegenheiten ja auch nicht im eigentlichen Sinne. Er lebte nur sein Heimweh aus, doch eine Art Ritual war dieser allmorgendliche Spaziergang zum Bug auch ihm geworden.

Hinter ihm standen wie festgemauert in der Erden Clivio und Claudio. Beide waren sie noch keine dreißig, jedoch fest entschlossen, im Land der unbegrenzten Möglichkeiten und der unbegrenzten Kriminalität ihr Glück zu machen. Ihr «Patron« verfügte schon noch über die notwendigen Kontakte. Sie waren auch in seinem sizilianischen Exil niemals abgerissen.

Wie ihre eigenen Denkmäler standen sie da, die Arme vor der Brust gekreuzt: Clivio, der glutäugige Messerstecher und Heißsporn. Claudio, der stämmige Rausschmeißertyp, dessen Nasenbein nur deshalb geknickt war, weil er als Kind mal von einem liebeshungrigen Ziegenbock umgerannt worden und er dabei mit seinem breiten Gesicht hart gegen eine Begrenzungsmauer zwischen zwei Steinquadern gestoßen war.

Der Ziegenbock hatte sich damals beide Vorderläufe gebrochen und musste notgeschlachtet werden.

Seither hatte dem Fels Claudio niemand mehr ernsthaft etwas anhaben können. Sogar innerhalb seines Schädels strotzte alles nur so von Muskeln. Entsprechend furchtlos schaute er seiner Zukunft entgegen.

Casarella wandte sich zu den Leibwächtern um. Seine Augen schimmerten feucht. Entweder aus Rührung oder wegen der Seeluft.

»Gehen wir«, sagte er.

Als er, flankiert von seinem robusten und dem drahtig schlanken Gorilla, von der Bugspitze über die paar Stahltreppen zum Vorderdeck mit dem zweitgrößten der drei Swimmingpools zurückstieg, stand ihnen dort ein schmächtiger alter Mann im Weg. Er stand mit gebeugtem Rücken auf einen weißen Stock gestützt. Er sah diese herrliche Welt nicht mehr mit seinen blinden Augen hinter der schwarzen, schmucklosen Nickelbrille.

»Attenzione!«, rief Enrico Casarella jovial noch seinen Leuten zu. »Passt auf.«

Sie teilten sich und ließen den Alten in ihrer Mitte.

»Buongiorno«, grüßte der heimwehselige Ex-Mafioso.

»Buongiorno«, grüßte der Blinde dankbar zurück.

Lupenrein sizilianisch.

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Bount hatte die Lampe wieder angeschraubt und die Styroporplatte, aus denen die Decke hier bestand, in ihren angestammten Platz gezwängt.

Fehlanzeige.

Ein dicker Kabelstrang, der darunter zum Vorschein gekommen war, hatte die Andersartigkeit des Klopfgeräuschs verursacht.

Devon Randers war immer noch bewusstlos. Noch nie hatte jemand June March im Fight mit Stöckelschuhen besiegt.

Schon gar nicht, wenn sie heimtückisch von hinten kam und ohne jede Vorwarnung überaus fachkundig zuschlug.

»Armer Kerl«, sagte sie bedauernd. »So ein schöner Mann.«

»Vielleicht solltest du deinen Heiratsantrag das nächste Mal etwas weniger drastisch formulieren«, schlug Reiniger vor. Die linke Niere tat immer noch weh. Als habe jemand mit einem Stilett darin herumgestochert.

Zusammen schafften sie ihn hinüber aufs Bett. June hatte inzwischen die Tür geschlossen.

»Nichts?«, fragte sie nach vollbrachter Tat. Auf Bounts Sticheleien reagierte sie nur, wenn sie ihr in den Kram passten. Im Moment war das wohl nicht der Fall.

»Überhaupt nichts«, bestätigte Reiniger lustlos. Randers’ Taschen hatte er bereits durchsucht.

Und den Zwölfkaräter nicht gefunden. Folglich musste es hier irgendwo ein Versteck geben, wenn er nicht all seine Theorien über Bord werfen wollte. Es hätte ihm verdammt leid um sie getan. So subtile Gefühle wie Berufsstolz und Ähnliches waren ihm schließlich nicht fremd. Keinem »Künstler« waren sie das. Und Bount Reiniger betrachtete seinen Job sehr wohl als kreativ.

Unter anderem »kreierte« er Gerechtigkeit in Situationen, in denen das geschriebene Gesetz sie nicht zuließ, und wenn ihm nicht gerade ein paar ideenlose Rohlinge an die Wolle wollten und er sich wehren musste.

Zu dieser Fakultät zählte Bount den Meisterdieb auch jetzt noch nicht.

»Das Problem ist: Wo versteckt einer wie Randers was. Der Bursche ist clever hoch drei. Und er hätte nicht so überspitzt sauer reagiert, wenn es hier nicht doch etwas zu finden gäbe. - Übrigens, June: Warum bist du eigentlich erst so spät aufgekreuzt? Um mich auch mal am Boden zu sehen?«

»Quatsch. Das ist das erste Apartment im Korridor. Es gibt nur diesen einen Zugang. Als ich Randers kommen sah, hab ich mich zuerst natürlich mal verdünnisiert. Bis zu unserer Suite hätte ich’s nicht mehr geschafft.«

»Gebongt, gebongt. War ja auch nicht so gemeint, ’tschuldige.«

»Entschuldigung akzeptiert, Chefchen.« June trug zu ihrem Mini und ihrem Kaschmirschal nur ein hellblaues Top. »Aber findest du nicht auch, dass es saukalt ist hier drinnen? Ich machte gestern Abend die Heizung an. Du brauchst mich doch nicht mehr, oder? Letztendlich ist das doch eine Sache zwischen euch zweien. Ich will einem Gespräch von Mann zu Mann nicht im Wege stehn.«

Da schlug ein Blitz in Reinigers Hirn!

Das war's!

Da schaute niemand nach!

Nicht in einem Heizkörper, der so natürlich zu einer Wohnung gehörte wie der Boden, die Wände und die Decke. Hier auf der »Angel Queen« hatten sie flache Vektoren installiert, flache, weiße Dinger, angeschlossen an die Heißwasserheizung und gespeist von der Abwärme der Dieselmotoren.

Bount stürzte sich wie ein Habicht auf den einzigen im Raum. Schon wieder musste sein Universalbesteck her. Die paar Muttern waren schnell gelöst. Dann konnte er den Heizkörper abheben aus seiner Verankerung.

Er schüttelte ihn, es klapperte, er hielt ihn schräg.

Aus der unteren Zuleitungsmuffe fiel ein einzelner Ring. Ein aufgesplitteter Zwölfkaräter.

Bount schüttelte weiter. Vergeblich. Das war auch schon alles gewesen.

»O du gottverfluchter Scheißkerl!«, stöhnte Devon Randers. »Du hast es gefunden!«

Am Kopfende des Betts stand amazonisch June March, einen ihrer Pumps zum Schlag erhoben.

»Soll ich noch mal, Chefchen?«

»Nein danke, Schätzchen. Gegen mündliche Beleidigungen habe ich nichts.«

Devon Randers erhob sich ächzend.

»Zufrieden?«, fragte er.

»Nein«, gestand Reiniger. »Denn nun muss ich dir deine Geschichte glauben. Ich war bei der Screwbottom. Bei der Junior. Ein seltsames Geschöpf.«

Randers rieb sich den Nacken.

»Das kannst du laut sagen. Aber deine Assistentin ist auch nicht ohne.«

»Sie hat ihre Schuhe schon wieder angezogen«, sagte Bount, und das stimmte auch. June blieb hinter Devon Randers. »Aber wieso hast du bemerkt, dass deine Kabine - ähem - Besuch bekam?«

Eine kleine, tragbare Lichtschranke«, meinte der Meisterdieb. »Mit Sender. Plötzlich summte meine Sonnenbrille. Im Bügel sitzt der Empfänger, und ich kam nachschauen, was da los ist. Funktioniert ganz ähnlich wie diese Piepser, die die Ärzte in ihren Kitteln haben. Die Infrarotsensoren sind innen neben der Tür. Wenn sie aufgeht, dann ...«

»Lustig«, kommentierte Reiniger trocken. Ein Dieb, der sich gegen Diebstahl sichert.«

»Man kann heutzutage gar nicht mehr vorsichtig genug sein.«

»Da hast du wohl recht. Aber was machen wir jetzt mit diesem Ring?«

»Schmerzensgeld?«, schlug Randers vor. Er meinte es nicht so.

»Da wird dir der Schnabel schön sauber bleiben, mein Junge.«

»Spielverderber.«

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Bount war noch keinen Schritt weitergekommen. Also vielleicht doch die Screwbottom junior.

June hatte sich von Devon Randers zu einem Drink einladen lassen. Zur Versöhnung quasi. Sie hatte Pumps mit Absätzen aus exotischem Eisenholz. Keine Gefahr, dass jemals einer brach.

Reiniger hatte einen Scotch mitgetrunken und sich dann verabschiedet. Er wollte eine Weile allein sein. Nochmals alles überdenken. Auf dem Weg zu seiner Kabine stieß er beinahe mit einem Blinden zusammen. Der Mann hinkte leicht mit dem linken Fuß. Bount wich ihm höflich aus. Gerade noch rechtzeitig.

Es war wirklich verteufelt einfach, in so eine Kabine einzubrechen. Luxuskategorie hin oder her. Wahrscheinlich hatte auch schon Evelyn Screwbottom einige Fernsehkrimis mit der entsprechenden Anleitung reingezogen. Scheckkarten passten nicht nur in Geldautomaten. Sie passten auch in Türschlitze.

Denn als Reiniger eintrat, lag sie ungeniert auf seinem Bett. Ungeniert auch insofern, als sie auch diesmal auf Dessous verzichtet hatte. Jetzt streifte sie ihren Rock schnell hinunter und setzte sich auf. Den Lippenstift musste sie sich auf die Schnelle ins Gesicht geschmiert haben, denn die Konturen waren verfehlt. Auf dem hageren Kopf saß jetzt eine Perücke, die verzweifelt einer Badehaube ähnelte.

»Sie haben sich viel zu rasch verabschiedet, Mister Reiniger«, flötete sie. Evelyn Screwbottom flötete so süß wie eine zerbeulte Kindertröte. Bestimmt gäbe es noch einiges zu bereden.«

Bount reagierte sauer.

»Ja. Vor allem: Wie sind Sie hier hereingekommen?«

»Der Deck-Steward war so freundlich.«

Bount entsann sich des Herrn, eines krötenäugigen Manns mit teigigem Teint und pomadisiertem Lackhaar. Er hatte noch das Frühstück serviert. Gegen ein entsprechendes Trinkgeld machte er vermutlich alles. Außerdem musste es sich inzwischen vollends herumgesprochen haben, was den Privatdetektiv aus New York mit der Familie Screwbottom verband. Also konnte man dem Kerl nicht mal einen Strick aus seiner >Zuvorkommenheit< drehen. Der Anlass wäre im Grunde genommen auch zu läppisch gewesen.

»Geht es Ihrer Frau Mutter besser?«

Das Millionenflittchen blinzelte irritiert. Möglicherweise konnte sie es nicht fassen, dass sich ein männliches Wesen nach Mom erkundigte, wenn sie doch schon so offenkundig ihre Bereitschaft zu einem »Gespräch« signalisiert hatte. Aus ihrer Attacke auf Devon Randers schien sie nicht allzu viel gelernt zu haben. Eigentlich gar nichts. Eine Miss Evelyn Screwbottom war wohl unverbesserlich.

Und es hatte da vor wenigen Minuten noch etwas informativen Smalltalk an der Bar gegeben. Evelyn fühlte sich von ihrer Mutter kurz gehalten. »Nur zwanzigtausend gibt sie mir im Monat, diese geizige alte Schachtel!»

Auch ein mögliches Motiv für einen Juwelenraub?

»Mom? Ach ja. Unverändert. Aber wie wäre es, wenn Sie mir ein Tässchen Champagner anbieten würden. Ich bin durstig.«

»Sorry«, meinte Bount galant. »Aber ich habe keine Mom, die mir monatlich zwanzig Riesen nur zum Verplempern zusteckt. Ich bin nur ein Prolet. Ein arbeitender Teil dieser Bevölkerung, verstehen sie? Champagner am Morgen ist nicht.«

Sie zog die Stirn kraus. Dabei bildete sich eine Falte auf ihrer Nasenwurzel, und die inneren Enden ihrer Brauen stiegen in die Höhe. So sah sie aus wie ein trauriger Clown. Die Technik ihres hastigen Lippenstiftauftrags leistete ihr Übriges.

»Haben Sie schon mit Mister Randers gesprochen?«

Bount tastete nach seiner linken Niere.

»Allerdings«, sagte er.

In ihre Augen von einem undefinierbaren grauen Beige trat ein lauernder Ausdruck.

»Hat er Ihnen auch gesagt, dass er mir Gewalt an tun wollte ...?«

»Das ist mir neu», bekannte Reiniger wahrheitsgemäß.

»Aber es stimmt!«, trumpfte sie auf und wies auf einen Bluterguss auf ihrem Knie. Sie hatte ihn sich vermutlich geholt, als sie übers Deck schlitterte. »Und weil er nicht zum Ziel kam, hat er ...«

»... hat er aus Rache und weil er doch so ein berühmter Juwelendieb ist, wie Sie erst von mir wissen, Moms Safe einen Besuch abgestattet«, ergänzte Bount Reiniger. »Ich weiß.« Und er improvisierte forsch weiter: »Nur kann das so leider nicht stimmen, Madam. Denn nachdem er sich vergeblich bemüht hatte, Ihnen Gewalt anzutun, vergewaltigte er sofort anschließend Signorina Gloria Scerpone. Sie kennen die Dame? Gar nicht so unhübsch, wie? Sie hat es mir bestätigt. Er vergewaltigte sie den ganzen Rest der Nacht und hat damit ein Alibi. Der Diebstahl wurde doch bereits am frühen Morgen entdeckt, nicht wahr?«

Evelyn Screwbottoms Gesicht hatte während Bounts Stegreiferzählung die ungesunde Farbe von erbrochenem Waldmeisterpudding angenommen.

»Sie lügen!«

Bount zuckte die Schultern.

»Fragen Sie die Signorina doch selbst. Sie hält nicht hinterm Berg mit ihren Neigungen. Der Offizier in der Bordkapelle, die Jagd jeden Abend quer durch alle Salons und Bars, Rhet Bown mit seinem Peitschentick - das kann Ihnen doch nicht verborgen geblieben sein. Schließlich sind Sie schon seit Marseille auf diesem Dampfer. Und solch kleine Skandale sprechen sich natürlich schnell herum.«

Sie kannte die Sache mit dem Offizier und der Bordkapelle. Bount sah es ihr an. Aus dem hässlichen Geschöpf wurde ein wütendes hässliches Geschöpf. Er hatte mit einer ähnlichen Reaktion gerechnet. Und weil Evelyn wütend war, würde sie ihre Wut nun natürlich an ihm auslassen wollen. Es war ja niemand anderer in der Nähe.

Da schoss sie auch schon von der Bettkante. Unbeherrscht, mit ausgefahrenen Krallen, einen unartikulierten Laut auf den verschmierten Lippen. Sie schoss auf Reiniger zu.

Bount stand noch an der Tür. Er trat höflich zur Seite. Und riss die Tür dabei auf, kam sich vor wie ein Torero in der Arena.

Stier-Frau Evelyn Screwbottom stürmte deshalb an ihm vorbei, und es gab einen großen Bums, als sie mit dem Kopf gegen die Wand auf der anderen Seite des Korridors knallte.

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Er hatte seine alltägliche Runde gedreht. Und Bount Reiniger natürlich ebenfalls erkannt. Sergio Brione grinste schwach. Bount Reiniger, der Gangsterschreck. Ihm würde er nichts anhaben können.

Die größeren Sorgen bereiteten ihm der Kleiderschrank Claudio und der zigeunerhafte Clivio. Mit beiden war nicht zu spaßen. Sie waren Enrico Casarella ergeben wie Hunde ihrem Herrchen. Der Teufel mochte wissen, was der alte Fuchs ihnen alles versprochen hatte.

In der Kabine 207 im A-Deck setzte sich Brione aufseufzend an den Frisiertisch. Es war anstrengend, den blinden Tattergreis zu mimen, wenn man gerade erst seinen fünfundzwanzigsten Geburtstag gefeiert hatte.

Doch die Vendetta war Ehrenpflicht. In diesem Fall war die Erfüllung der Blutrache auf einen Enkel übergegangen. Per Losentscheid. Sergio Brione hatte keine Sekunde lang dagegen aufbegehrt. In seiner Familie hielt man noch sehr viel auf Tradition. Anders als dieser americano Enrico Casarella, der seine angestammte Heimat so schnöde verleugnete und damit verriet.

Ein Grund mehr, den Mann zu töten. In seinem Palazzo bei Centiaggio war das leider nicht möglich gewesen, ohne ein größeres Kommando aus den Staaten einzufliegen. Ganz abgesehen davon: Das Vollbringen der Vendetta war immer noch Sache eines Einzelnen. Eines Auserwählten. Sergio Brione war stolz auf seinen Auftrag!

Außerdem konnte dessen prompte Erfüllung seinem Aufstieg innerhalb der Familienhierarchie nur förderlich sein. Denn von der Uni hatte er nicht die besten Abschlüsse mit nach Hause gebracht. Schon längst galt ein schneller Zeigefinger nicht mehr notwendigerweise als Qualifikation für eine Karriere. Und schon gar nicht verdiente man damit das wirklich große Geld.

Köpfchen und Chuzpe waren gefragt.

Beides glaubte der smarte Sergio Brione zu haben. Glänzende Zeugnisse waren schließlich nicht alles.

Und dann - welch ein Glücksfall, diese Sache mit dem Juwelendiebstahl! Bot sich diese Konstellation nicht geradezu an, zusätzlich noch einen persönlichen Profit daraus zu schlagen? Er musste nur noch überlegen, wie. Doch er hatte ja Zeit.

Bis morgen früh.

Brione stellte den weißen Stock an die Frisierkommode, legte seine dunkle Brille ab. Ganz undurchsichtig war sie nicht. Zumindest nicht draußen im Licht der hellen Sonne. Schwierigkeiten gab es nur bei künstlicher Beleuchtung.

Er stand noch mal auf und stellte einen Stuhl unter den Türknauf. Nur zur Sicherheit. Selbstverständlich hatte er an Bord keinerlei Bekanntschaften geschlossen. Seine Stimme ließ sich nicht so einfach verändern wie sein Äußeres und seine Gestik. Er hatte lange an diesem schlurfenden Gang und an seinem Hinken geprobt. Und wie ein richtiger Behinderter hasste er mittlerweile all jene, die ihn unbedingt als solchen behandeln wollten und vor Mitleid überflossen. Als ob sich ein Blinder sein Piccata Milanese nicht selbst schneiden könnte!

Aber weil er ja keiner war, nahm Sergio Brione die Mahlzeiten ausschließlich in seiner Kabine ein. Sie lag genau unter der von Devon Randers, diesem Dieb.

Natürlich hatte auch er schon von ihm gehört. Alle Unterwelt kannte Devon Randers. Und sprach ebenfalls nur mit Achtung von ihm, wenngleich aus etwas anderen Gründen als die Fahnder von Interpol.

Brione schloss die oberste Schublade auf. Sie enthielt Flakons mit Feuerzeugbenzin und Mastix, Tuben und Cremes und Massen von Kleenextüchern. Einen Schnellkurs im Maskenbilden hatte er bei einem Mädchen vom Theater gemacht.

Er liebte die Mädchen vom Theater. Besonders jene vom Off-Broadway. Die Erfolglosen. Jene, die er mit einem schicken Wagen, einem kostbaren Abendessen und ein paar hingeworfenen Lügen über seine angeblichen Beziehungen zum Showbiz noch so beeindrucken konnte, dass sie hinterher mit ihm ins Bett stiegen.

Das Leben war schon schön. Doch noch schöner würde es werden, wenn Enrico Casarella erst tot war.

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Die Lagerarbeiter Hank und Powers gehörten zu den am wenigsten geschätzten Kräften an Bord eines Schiffes. Sowohl auf der Lohntabelle als auch in ihrem Ansehen rangierten ihre Jobs kaum über jenem eines Stubenmädchens aus Vietnam oder der Elfenbeinküste. Den Bauch der »Angel Queen« verließen sie praktisch nur beim Landgang. Das Meer an sich hatte für sie keinerlei Reiz. In ihrer Freizeit würfelten oder pokerten sie. An Deck kamen sie so gut wie nie.

Sie wären beide auch kein besonders erfreulicher Anblick gewesen.

Das Gesicht Powers’ war von Blatternnarben entstellt, Hank schielte wie ein Chamäleon und hatte fast keinen Zahn mehr im Mund. Und die wenigen, die er noch hatte, begannen alle schwarz zu werden. Schwarz wie Powers, doch der war schon so geboren worden.

Den Mundgeruch bekämpfte Hank mit dem für die Mannschaft in der christlichen Seefahrt streng rationierten Schnaps. Er saß ja an der Quelle, und Schwund gab es nicht nur bei den Care-Paketen für die ehemalige Sowjetunion. Mit den Passagieren saufen durften ausschließlich diejenigen, deren Beschäftigungen in den Augen der beiden Lagerarbeiter ohnehin nicht schweißtreibend waren - die Offiziere und die Stewards und die Leute aus den zahllosen Shops an Bord.

Hank und Powers hausten zusammen mit noch zwei anderen in einer engen, stickigen Kabine, weit unter der Wasserlinie. Erträglich war der Aufenthalt dort drinnen nur, weil die beiden Mitbewohner jeweils in der anderen Schicht und im selben Metier arbeiteten. Ihnen allen zusammen oblag es, den Küchenaufzug mit all den tiefgefrorenen Delikatessen vollzustopfen, die der Chef du Cuisine jeweils per Computerliste anforderte. Zu Gesicht bekommen hatten sie diesen Mann noch nie.

Der kochte auch nicht für sie. Zu ihrem Undergroundleben gehörte auch eine Undergroundküche, und deren Speisekarten sahen wesentlich bescheidener aus als jene in den Restaurants ein paar Etagen über ihnen, dort oben in Licht und Sonne und frischer Luft.

Aber trotz des Stampfens der Aggregate, eingestellt auf die Abgabe ihrer vollen Leistung, des vibrierenden Bodens, der vibrierenden Wände, hörten sie das ungewohnte Tackern von Stöckelschuhen. Immer wieder verhielten die Schritte auf dem Metallrost vor dem wasserdichten Schott, denn auch von regulären Türen konnte man hier unten nicht mehr sprechen. Sicherheitsbestimmung.

Hank und Powers sahen sich an, wobei der schmuddeligere Weiße wegen seines Schielens auch noch die niedrige Decke einer näheren Betrachtung unterzog.

»Dort draußen ist doch ein Weib!«, staunte Hank.

»Hört sich glatt so an, Mann.«

»Da muss sich jemand verlaufen haben.«

»Quatsch. Zu uns ist Zutritt verboten.«

»Yeah. Wie in San Quentin.«

»Du musst es ja wissen«, meinte Powers.

Hank war bereits aufgestanden und schwenkte den Hebel des schweren, rot gestrichenen Stahlschotts herum. No, zur Besatzung gehörte diese Dame nicht. Auch war sie dazu, wenn auch geschmacklos, so doch zu teuer angezogen. Ihr Faltenrock wippte. Stockdürr die Beine.

»Kann ich Ihnen helfen, Lady?«

Evelyn Screwbottom war stehen geblieben und musterte ihn von Kopf bis Fuß. Bis auf seinen Bauchansatz machte der Lagerist einen durchaus kräftigen Eindruck. Sein Oberkörper steckte in einem ausgefransten Ringelhemd und ließ den mächtigen Bizeps frei. Und noch stärker war Powers, der sein ruiniertes Gesicht ebenfalls neugierig durch die Luke steckte. Seine Kohleaugen glänzten lüstern auf.

Er hatte das schon einmal erlebt. Es gab Frauen, die für ihn schon so »abgefuckt« waren, dass sie ihren Vergnügungen unbedingt eine perverse Komponente geben wollten. Keine Seltenheit auf der Welt. Sie fühlten sich vom Abstoßenden angezogen.

O ja. Er kannte diesen Typ. Man begegnete ihm normalerweise nur in den größeren Hafenstädten.

Automatisch fuhr er sich mit der rosa Zungenspitze über die negroid aufgeworfenen Lippen. Er spürte mit dem Instinkt des Urwaldtiers, dass die dürre Lady sich keineswegs verlaufen hatte. Er nahm förmlich ihre Ausdünstung wahr. Und die versprach unversehens jede Menge unerwarteten Spaß. Eine von diesen reichen Gören, die sich hin und wieder gern mal in der Gosse suhlten.

Powers zog Hank zurück. Bei ihm spielten die Muskeln unter schweißglänzender, pechschwarzer Haut. Er musste sich sehr bücken, um in den schmalen Korridor hinauszukommen, wo er sich zu seiner vollen imposanten Größe aufrichtete. Er war nicht so begriffsstutzig wie sein weißer Kumpel, und sein Körper zeigte das auch sofort.

Evelyn fixierte fachkundig die gewaltige Ausbuchtung an seinen engen, zerschlissenen Jeans. Da leuchtete es auch in ihren Augen. Doch vorerst kicherte sie noch verlegen. Powers jedoch fiel nicht herein auf diese gespielte Verlegenheit. Er wusste, wo’s langgeht.

»Kommen Sie, Missi«, sagte er rau. »Leisten Sie zwei einsamen Sailors doch ein bisschen Gesellschaft.«

»Wir haben auch was zu trinken da«, fügte Hank hinzu.

Evelyn Screwbottom ließ sich das nicht zweimal sagen.

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June war erst vor wenigen Minuten von ihrem Morgenaperitif mit Randers zurückgekommen.

»Ein ganz fantastischer Mensch!«, schwärmte sie. »Ein charmanter Plauderer.«

June March bückte sich gerade, um ihren Schuh auszuziehen, als es an der Tür klopfte.

Sie standen beide in Bounts Zimmer. Jetzt hielt sie mitten in ihrer Bewegung inne.

»Ja?«, meldete sich Reiniger. »Was gibt’s?«

Wenn es der Deck-Steward mit den pomadisierten Schmalzlocken war, würde er ihm gewaltig die Leviten lesen.

»Machen Sie auf, Reiniger! Ich weiß, dass Sie da drin sind!«

Bount erkannte die Stimme nicht auf Anhieb.

»Ich kann Ihnen auch die Tür einrennen!«

Jetzt sah Bount klar. Es war Rhet Bown, der Peitschenschwinger und Pornoproduzent. Und er hatte trotz der Vormittagsstunde bereits einige Cocktails oder auch stärkere Sachen intus. Unverkennbar.

»Falls Sie Signorina Scerpone suchen - sie ist nicht hier!«, rief er.

Die March sah ihn fragend an. Offenbar hatte auch Randers ihr nichts vom gestrigen Zwischenfall in der Diamond-Bar erzählt. Schon wieder ein Punkt für den Meisterdieb. Er war keine Quasselstrippe.

Später!, bedeutete Bounts Blick in Junes Richtung.

»Machen Sie auf! Darum geht es jetzt nicht. Ich verlange Satisfaktion!«

»Befriedigung?«

»Sie verstehen mich schon, Yankee. Sie haben mich zum Gespött gemacht.«

»Blöder Südstaatlerstolz«, murmelte Reiniger.

»Er will sich mit dir duellieren?«, wunderte sich die March aus dem Hintergrund.

»Immer noch besser, als in den Rücken geschossen zu werden«, meinte Bount und machte auf, bevor Bown noch das ganze Promenadendeck zusammenplärrte. So viel Aufsehen wollte er nun auch wieder nicht erregen. Und so schlimm konnte es wohl nicht werden. Ein paar auf die Nase, und die Sache hatte sich.

Eine Sekunde später erging es Rhet Bown wie Capitan Raol Bendhor, dem Hafenkommandanten von Ponta Delgada. Er hatte kein Auge mehr für Bount Reiniger. Anscheinend fassungslos starrte er an ihm vorbei. Seine Augen wurden groß wie Glasmurmeln, ein Zittern lief durch seine Glieder. Die ausgerollte Bullpeitsche in seiner Hand zitterte mit.

»Darf ich vorstellen?«, fragte Reiniger spöttisch. »Mister Rhet Bown, Fleischbeschauer aus Austin, Texas.«

Bown hörte gar nicht zu.

»Und das ist Miss June March, das junge Talent aus New York City. Allerdings noch nicht filmerfahren. Doch bestimmt würde sie sich glücklich schätzen, wenn Sie, Mister Bown ...«

»Halten Sie die Klappe, Reiniger«, fuhr ihm der Produzent in die Parade. »Das ist doch nicht Ihre Verlobte, oder? Ach! Und wenn schon!«

Er stolperte mehr als er ging ein paar Schritte vorwärts. Die March musste ihn schon verdammt aus der Fassung gebracht haben. Bount vergaß immer wieder, wie phänomenal das Minnesota-Girl auf die meisten Männer wirkte. Besonders auf solche, die in ihrem Aussehen auch noch ein Bombengeschäft witterten.

June wich zum Panoramafenster zurück. Aber nicht ängstlich. Nur unsicher.

»Was soll dieser Überfall?«

»Miss, ich werde Sie glücklich machen!«, röhrte der Texaner. Der Stetson war ihm verrutscht. Die Hängebacken glühten. Vergessen war offensichtlich Signorina Gloria Scerpone.

»Keine Angst, Schätzchen. Du hörst es ja. Mister Bown möchte dich in Cents und Silberdollars baden, während er die großen Scheine einsteckt. Er ist Pornoproduzent. Ich nehme an, er will Probeaufnahmen mit dir machen. Die ersten vermutlich noch ohne Kamera. Wegen der Genierlichkeit. Die vielen Leute vom Produktionsstab drumherum. - Und gleich beim ersten Mal; das könnte doch peinlich sein, nicht wahr?«

Bowns quäkende Stimme schnappte über.

»Halten Sie endlich die Klappe, Reiniger!«

Bount zog sich gern zurück. Er kannte seine March. Er verschränkte die Arme vor der Brust und lehnte sich gegen die Wand.

Bown dagegen lief mit ausgebreiteten Armen endgültig auf June zu und wankte nun auch nicht mehr. Trotzdem ein lächerlicher Anblick, denn er hatte die Peitsche dabei nicht losgelassen.

»Ein Riesenangebot!«, quetschte er begeistert heraus. Texaner quetschten immer. Ob besoffen oder nüchtern. »Und so blühend jung! Das ist doch alles echt?«

Der Produzent streckte seine freie Hand aus und wollte damit nach Junes Busen fassen. Indes, es blieb beim Vorsatz, und selbst der würde von der March noch schlecht honoriert werden. Aber vorerst wich sie ihm nur aus, drehte sich weg von ihm. Hin zur Peitschenpfote.

»Stopp!«, sagte sie scharf. Bount hätte dieser Ton gewarnt. Doch Rhet Bown blieb taub. Es gab einfach zu viel Erfreuliches zu sehen.

»Warum so prüde, Baby? Ich werde dich zum Star machen. Ach was. Zum Superstar! Zum Megastar! Du brauchst nur ein bisschen nett zu Onkel Rhet zu sein.«

Bown schien vorzuhaben, seine Neuentdeckung gleich hier auf dem Spannteppich auszuprobieren. Er brauchte offenbar nicht einmal jene berühmte »Besetzungscouch« dazu, mit der sich die Hollywood-Tycoonen der 20er und 30er Jahre ihre potentberühmten Namen geschaffen hatten.

»Ein bisschen nett?«, wiederholte die March gedehnt. Und schon hatte sie dem Verblüfften die Bullpeitsche entwunden und war einen Schritt zurückgesprungen.

Armer Rhet Bown. June March hatte im Nachtprogramm des Fernsehens noch keinen einzigen Zorro-Film versäumt. Und Held Zorro hatte es ja bekanntlich auch nicht nur mit dem Degen gehabt. Junes himmelblaue Blicke hatten sich ins Violette hin verdunkelt und sprühten heiligen Zorn. Die Peitsche schnalzte. Einmal nur probehalber. Dann hatte sie das Ding im Griff.

Bount rief die Krankenstation an.

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Beim Lunch nahmen sie es auf der »Angel Queen« nicht so genau. Da herrschte noch kein Kleiderzwang. Die Passagiere durften in legerem Outfit über all die Köstlichkeiten herfallen. Einige trugen gar nur einen Bademantel über Badehose oder Bikini.

Der Chef du Range, wie sie ihren Oberkellner hier nannten, hatte Bount und June einen Katzentisch in der Nähe der Essensausgabe hinter einer Säule zugewiesen. Andere Plätze waren nicht mehr frei.

Bount Reiniger hatte gar nichts dagegen. So brauchte er sich nicht ständig von fremden Menschen auf den Teller schauen und von ihrem dummen Blabla den Appetit verderben zu lassen.

Bei der March bestand diese Gefahr allerdings nicht. Sie konnte essen wie ein Scheunendrescher und nahm trotzdem nie ein Pfund zu. Beneidenswert.

Bount gab die Bestellung auf.

Potage cressionaire, eine würzige Suppe aus Brunnenkresse, gegrillte Jakobsmuscheln am Spieß, bedeckt von einer Buttersauce mit Sahne, Zitronensaft, frischer Petersilie, Estragon, Kerbel und etwas Knoblauch. Danach ein Steinbuttfilet Turbot dans le jardin mit Tomate, Gurkenstückchen, Blattspinat und zarten Bohnen, in Folie gegart.

Am Nebentisch krähte ein fünfjähriger Amerikaner mit Stoppelfrisur lauthals nach Ketchup und Pommes frites.

Bount und June tranken einen Chablis Grand Cru und einen Les Clos dazu und zum Abschluss noch als Dessert Mousse brésilienne. Der duftige Schokoladen-Kaffee-Schaum zerging auf der Zunge. Der fünfjährige Nachwuchsgourmet orderte als Nachspeise einen Cheeseburger.

Zwischen den einzelnen Gängen hatte Bount die übrigen Gäste betrachtet. Von der Offizierscrew ließ sich mittags niemand sehen außer dem Schiffsarzt, ein fülliger Oldtimer, der hier an Bord nie viel mehr zu tun hatte, als Aspirin und hin und wieder Tabletten gegen die Seekrankheit zu verteilen.

Evelyn Screwbottom entdeckte er ebenfalls nicht. Wahrscheinlich leistete sie ihrer leidenden Mutter Gesellschaft.

Dafür aber sah er Enrico Casarella angeregt mit Gloria Scerpone plaudern. Hinter ihm standen Clivio und Claudio wie orientalische Haremswächter. Sie ließen ihren Patron keine Sekunde aus den Augen. An einem weiteren Tisch saß Devon Randers gesittet bei einer Familie des gehobenen Mittelstandes. Die matronenhafte Gattin trug zu ihrem hawaiibunten Strandkleid eine üppige, dreireihige Perlenkette am faltigen, sonnenverbrannten Hals und einen dicken Solitär am Finger.

Als das Paar sich erhob, schlenderte Randers zu ihnen herüber, die Hände in den Hosentaschen vergraben, das Seidenhemd bis zu den Ellbogen hochgekrempelt. Er zog sich einen Stuhl zurecht.

»Es ist erlaubt?«, fragte er, als er bereits saß. »Es gibt doch nichts Besseres als die Zigarette danach.«

Dabei zwinkerte er June vielsagend zu, doch Reiniger streckte er die offene Packung hin. Bount bediente sich. Es war ja auch seine Marke.

Dass sie in Bezug auf June offenbar ebenfalls denselben Geschmack hatten, wunderte Bount überhaupt nicht. Er erzählte die Geschichte von Rhet Bown. Randers lachte und beglückwünschte die March zu ihrer gelungenen Lektion für Pornoproduzenten.

»Es gibt noch mehr so komische Kerle hier auf dem Schiff. Es überrascht mich immer wieder, wie reichhaltig der liebe Herrgott seinen Tiergarten ausgestattet hat.«

Bount tat es schon leid, sich auf eine Unterhaltung eingelassen zu haben. Doch seinetwegen war Randers ja auch nicht an ihren Tisch gekommen. Dennoch heuchelte er jetzt Interesse. Er zog die linke Braue hoch.

»Wirklich komisch«, fuhr Randers fort. »Da ist zum Beispiel ein blinder alter Herr. Vielleicht habt ihr ihn auch schon mal beinahe über den Haufen gerannt. Man möchte meinen, dass ihm seine Blindheit reicht. Aber nein! Er humpelt auch noch!«

Pause.

»Und was soll daran so lustig sein?«, fragte June, etwas indigniert.

»Mal hinkt er mit dem linken, mal mit dem rechten Bein.«

Bount horchte automatisch auf. Doch er verzog keine Miene, als er sagte: »Dann muss er heute seinen linken Tag haben. Ich bin ihm begegnet. Du kennst ihn näher?«

»Aber nein. Er ist praktisch mein Untermieter. Der Passagier in der Kabine unter mir. Aber er geht mir auf den Geist. Er lebt sehr zurückgezogen, doch das Radio dudelt den ganzen Tag. Es ist nicht auszuhalten.«

Bount wechselte das Thema.

»Was treibst du heute noch so?«

»Nun rate mal«, meinte Randers trocken. »Ich klau der Alten von meinem Tisch die Perlen und den Solitär.«

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Sicher, es war ein Risiko, sich in seiner wirklichen Gestalt zu zeigen, aber Sergio Brione vertraute darauf, dass niemand sich innerhalb von drei Tagen, und sehr viel länger waren sie seit Marseille ja noch nicht unterwegs, 480 Gesichter merken konnte. Außerdem war es so verteufelt langweilig, ständig in dieser Kabine herumzuhocken und den Tag totzuschlagen anstatt Enrico Casarella.

Und jetzt hatte er zudem etwas Besonderes vor, das seine Bewegungsfreiheit erforderte. Und als »Blinder« konnte er das Ding auch nicht über die Bühne ziehen. Deshalb benützte er sein wahres Äußeres als Maskerade.

Nicht der schlechteste Trick. Sergio Brione war stolz auf seine Cleverness. Das musste er denen zu Hause erzählen. Sie würden ihn loben für diesen ausgezeichneten Einfall.

Vorsichtig streckte er den Kopf durch den Türspalt.

Niemand da. Gott sei Dank nicht. Die meisten waren noch beim Schlemmen.

Selbstbewusst trat er hinaus ins Freie. Ein junger Mann in hellem Sommeranzug und zweifarbigen Schuhen. Braun und weiß. Der Fahrtwind wehte durch die dunklen Locken. Unter der weißen Perücke schwitzte er immer. Das aufgetrocknete Mastix zog an seiner Haut und zerrte sie in Falten. Mit sorgfältig überschminktem Nasenkitt verbreiterte er das Kinn, und Wattebäusche zwischen Zahnfleisch und Wangen sorgten für dickere Backen und eine undeutlichere Aussprache. Sergio Brione war nur mehr ein junger, etwas südländisch wirkender eleganter Mann, der sich lustwandelnd an Deck erging.

Italiener und Südfranzosen machten fast ein Drittel der Passagiere aus.

Die ersten Unentwegten säumten bereits wieder den Swimmingpool am Oberdeck. Weiter unten, im größeren Becken, kreischten Kinder. Die Sonne schien grell und heiß von einem makellos blauen Himmel.

Brione fühlte an seinen linken Unterarm. Si. Das Stilett, ein reich mit Ziselierungen verziertes Familienerbstück, steckte in einer doppelten Lederschlaufe. Sergio Brione war gut mit dem Stilett. Besser und schneller als manch anderer mit seinem Revolver. Für den Nahkampf schwor er darauf, und es war auch seine einzige Waffe.

Er stieg salopp den am weitesten abgelegenen Niedergang hinunter. Während seiner beschaulichen Spaziergänge als »Blinder« hatte er sich die Architektur des Schiffs eingeprägt. Er wusste auch genau, wo die Krankenstation lag. Im in der Kabine ausliegenden Prospekt war alles Wichtige nachzulesen gewesen. Ein erfreulicher Kundendienst.

Außerdem war der Weg dorthin ab dem B-Deck zusätzlich beschildert. Er konnte sich gar nicht verirren. Beim besten Willen nicht.

Er erreichte den entsprechenden Flur. Wie überall an den den Passagieren zugänglichen Orten, war auch hier das Interieur luxuriös gehalten. Topfpflanzen wucherten aus verchromten Kübeln bis zur Decke. In die Wände zwischen den einzelnen Türen waren Aquarien eingelassen. Bunte tropische Fische schwammen darin. Sergio Brione hatte weder für Flora noch Unterwasserfauna einen Blick.

Dann erreichte er die Ambulanz, denn mehr war es nicht, was die »Angel Queen« an medizinischer Versorgung anbot. Dafür jedoch gab es einen Hubschrauberlandeplatz für die akuten Fälle, stand im gekonnt aufgemachten Prospekt. Ansonsten könne man sich getrost Doktor Helmut Schreiber und der komplett ausgestatteten Bordapotheke anvertrauen.

Die Bordapotheke hatte es Sergio Brione ganz besonders angetan.

Er wollte gerade anklopfen, als er Stimmen hinter der Tür vernahm.

»Nein, Schwester. Es geht schon wieder. Oder soll ich es dir vielleicht an Ort und Stelle beweisen?«

Das war die Stimme eines lüsternen Fauns.

»Huch!«

Das war die Stimme eines jungen Mädchens oder einer jungen Frau.

»Nichts für ungut, Lady. Aber Mexikanerinnen haben wir in Austin sowieso wie Gras in der Prärie. Und ein bisschen mager bist du auch. Die Leute wollen Titten sehen. Aber immerhin. Du kannst es dir ja noch mal überlegen. Fünfhundert Dollar pro Drehtag. Und das in einer Nebenrolle. Hier hast du meine Karte.«

»Bitte gehen Sie! Ich glaube auch so, dass Sie wieder in Ordnung sind. Und kommen Sie um Himmels willen nicht schon morgen wieder!«

»Ich werd mich hüten. Dann also so long, Girly.«

Sergio Brione war zur Seite getreten. Die Tür ging auf. Er sah sich einem stämmigen Mann mit Stetson und in Cowboystiefeln gegenüber. Der Vendetta-Killer nickte grüßend.

»Hm«, brummte Rhet Bown. »Bist wohl ihr Latin Lover, eh?«

Brione antwortete nicht. Der Texaner ging ohne ein weiteres Wort an ihm vorbei und weiter. Ziemlich breitbeinig und gestelzt. Als habe er einen Abszess an den Hoden.

»Was kann ich für Sie tun?«

Das Mädchen im gestärkten weißen Kittel musste zu Sergio Brione aufschauen. Sie war dunkelhäutiger als er und zierlich. Nur war sie mit Sicherheit keine Mexikanerin. Ihre Hängematte hatte sich eher auf Puerto Rico oder einer anderen der karibischen Inseln befunden.

»Ich habe Magenschmerzen. Ist Doktor Schreiber da?«

»Tut mir leid. Er ist noch zu Tisch. Doch wenn es schlimm ist, kann ich ihn rufen.«

»Aber ich bitte Sie! Machen Sie sich keine Mühe. Ich kann doch warten.«

Das Mädchen zögerte. Doch sie schien zum Schluss zu kommen, dass ihr an diesem Tag nach einem Patienten wie Rhet Bown nichts Schlimmeres mehr passieren konnte.

»Bitte treten Sie ein.« Sie schaute auf ihre Armbanduhr. »In zehn Minuten spätestens müsste Doktor Schreiber wieder hier sein.«

»Na, ist doch prächtig.« Brione lächelte gewinnend. »Ich werde Ihnen schon nichts tun.«

Die Krankenschwester wies auf einen Plastiktisch und zwei Plastikstühle im Miniwarteraum.

»Hier liegen ein paar Zeitungen aus. Wenn Sie lesen wollen?«

»Danke sehr.«

Doch Brione setzte sich nicht.

»Kann ich sonst noch irgendetwas für Sie tun?«

»Ich glaube nicht«, sagte der Vendetta-Mann.

»Und? Warum nehmen Sie dann nicht Platz?«

»Deshalb.«

Er behielt sein Lächeln bei, als er der kleinen Puerto Ricanerin einen abgezirkelten rechten Haken in die Magengrube bohrte und ihr mit der Rechten halb den Nacken zertrümmerte, als sie vor ihm in der Mitte wie ein Klappmesser zusammenklappte.

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Sie waren Devon Randers doch noch losgeworden. Weil Gloria Scerpone nun ebenfalls zu ihnen herüberkam und sich beim Meisterdieb besitzergreifend auf den Schoß hockte, seinen Hals umschlang und wie ein Krokodil grinste.

Vielleicht hatte Bount Evelyn Screwbottom gar nicht belogen, soweit das die Raubnacht betraf.

»Hi, Mister Reiniger. Haben Sie Rhet irgendwo gesehen?«

Bount schüttelte eifrig das Haupt.

»Nicht, dass ich wüsste.«

Dann hatten sie sich schnell aus dem Speiseraum verabschiedet, June und er. Jetzt standen sie wieder mal in Bounts Abteil der Suite. June war leicht beschwipst. Besonders der Chablis hatte es in sich gehabt. Nicht zu vergessen, die paar Aperitifs davor. Sie warf sich mit ausgebreiteten Armen auf die Couch und streckte die Beine weit von sich.

»Haben wir eigentlich ein Reizklima hier an Bord?«, fragte sie träge und mit verschleiertem Blick. »Mitten auf diesem weiten, weiten einsamen Atlantik?«

Auweia!, dachte Bount. Jetzt ist sie in Urlaubslaune ...

»Ich weiß nicht ...«, antwortete er zaudernd.

Bount ging zur barocken Musiktruhe hinüber und öffnete die beiden Deckel.

»Verdammt!«

Es gab weder ein Radio noch einen Plattenspieler oder einen Kassettenrekorder. Nur den Farbfernseher.

Die Nummer des Zahlmeisters hatte er im Kopf. Er wählte sie.

»Hallo, Mister Connan! Hier ist Reiniger.«

»Kann ich Ihnen irgendwie behilflich sein?«

»Ja, zum Teufel! Wo ist hier in dieser Bude der Stereoturm versteckt?«

Betretenes Schweigen war die Antwort. Dann ein Räuspern.

»Tut mir leid, Mister Reiniger. Aber in keiner der Kabinen gibt es Radios. Sie werden einfach nicht angenommen. Die Kids haben ihre Walkman, und die Erwachsenen ziehen Fernsehen vor. Wenn Sie die Nachrichten sehen wollen, dann drücken Sie CNN. Das ist auf Kanal ...«

»Stopp! Wollen Sie damit sagen, dass es in keiner der Kabinen Radios gibt? Auch auf Sonderwunsch nicht?»

»Sorry, Sir. Ich bedauere. Es wurde schon seit Jahren keiner mehr verlangt. Aber natürlich werde ich mich bemühen, eventuell aus privaten Beständen ...«

Bount ließ Heff Connan nicht ausreden.

»Sie haben seit Marseille an keinen Ihrer Passagiere ein Radio verliehen? Auch kein winzig kleines?«

»Nein. Mit Sicherheit nicht. Auf hoher See würde man ohnehin nur Mittel-, Kurz- oder Langwelle empfangen und alles in einer miserablen Klangqualität. Natürlich könnten wir einen Satelliten anpeilen und Rundfunkprogramme ins Kabel einspeisen, doch ...»

»Danke, Mister Connan.«

Bount knallte den Hörer auf die Gabel.

»Schnell! Zieh dich an, Mädchen!«, rief er June zu.

»Spinnst du?«

»Bitte!«

»Aber ...«

»Unter unserem Freund Devon haust ein Blinder, der den ganzen Tag Fernsehen hört.«

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Wenn die March enttäuscht war, dann zeigte sie es nicht. Außerdem war sie Profi genug, um abschätzen zu können, wann die Arbeit vor dem Vergnügen kam. Ein blinder Fernsehfan, das war so etwas, was den anderen Tiger in ihr weckte. Den rein beruflichen.

Zusammen stürmten sie vor zum Büro des Zahlmeisters. Es lag in der Nähe des Funkraums und einem Zimmer, über dem ein Schild mit der Aufschrift Post Office hing. Hier konnten Passagiere Telegramme aufgeben und telefonieren. Heff Connan schaute von einer Liste auf, als die beiden atemlos zu ihm hereinstürzten.

»Mister Reiniger? Ich hatte nicht gedacht, dass das mit dem Radio so eilig ...«

»Unsinn«, unterbrach Reiniger. Das war wohl nicht der Tag, an dem dickliche Zahlmeister ausreden durften. »Ich muss alles über den Passagier in 207 wissen.«

»Mister Sergio Gorgone?«

»So heißt er? Ein Italiener?«

»Nur der Name. Ich ...«

»Haben Sie seinen Pass hier?«

»Ja. Wir bewahren die Pässe bis zum Auschecken auf. Das ist so üblich und ...«

»Zeigen Sie ihn mir bitte. Avanti, avanti.«

»Das darf ich nicht!«

Heff Connan saß da wie ein schwangeres Froschweibchen, dem man erzählt hat, bis zum nächsten Laichteich müsse es erst mal die Sahara durchqueren.

»Hat Käpt'n Ferrer Ihnen nicht ausdrücklich gesagt, Sie sollten mich in allen Belangen unterstützen?«

»Das schon. Aber ...«

»Dann rufen Sie ihn doch endlich an! Oder wollen Sie, dass wir hier Wurzeln schlagen?»

Das wollte Heff Connan sichtlich absolut nicht. Doch gerade, als er nach dem Telefon griff, klingelte der Apparat.

Connan lauschte hinein. Und wurde bleich wie das persilgewaschene Leichentuch vom Weißen Riesen.

Schweiß perlte von einer Sekunde auf die andere von seiner Stirn.

»Ein Ü... Ü... Überfall«, stammelte er hilflos. »Das war Doc Schreiber. Er hatte seine Assistentin gerade in einem Wandschrank gefunden. Gefesselt und vergewaltigt ...«

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Sie fuhren mit dem Lift hinunter. Vorn im Kommandoteil der »Angel Queen« gab es einen. Der Doc und der Käpt'n erwarteten sie bereits. Beide waren sie außer sich. Bount wollte sich durchzwängen, doch der Arzt stellte sich ihm in den Weg.

»Sie können jetzt nicht zu Consuela, äh, zu Miss Prosato. Ich habe ihr eine Beruhigungsspritze gegeben.«

»Lassen Sie ihn, Doc. Das ist Mister Reiniger. Ein versierter Privatdetektiv aus New York und damit der einzige kompetente Mann an Bord. Sie wollen doch auch, dass der Täter so schnell wie möglich gefasst wird. Und diese junge Dame hier, das ist Miss March. Seine Mitarbeiterin. Ich bin überzeugt, dass sie Miss Prosato so schonend wie nur irgend möglich behandeln werden.«

Der Arzt nickte zögernd.

Er bot ein Bild des Jammers. Er brauchte eine Beruhigungsspritze vermutlich genauso dringend wie seine Krankenschwester. Seine schmalen Chirurgenhände zitterten wie ausgerissene Spinnenbeine.

»Ist Miss Prosato schwer verletzt?«

»Wohl nicht im technischen Sinn. Aber sie hat natürlich einen Schock davongetragen.«

»Sie haben sie schon befragt?«

»Consuela heult nur. Ein paar Brocken.«

»Wo ist sie jetzt?«

»Im Krankenzimmer. Wir haben drei Betten.«

»Wo haben Sie sie gefunden?«

»Kommen Sie mit.«

Reinigers Professionalität hatte auf ihn abgefärbt. Er zitterte nicht mehr ganz so stark wie am Anfang. Er führte Bount und June in sein Ordinationszimmer. Es war seinem Arbeitspensum entsprechend eingerichtet. Sehr gemütlich. Auf dem Schreibtisch stand ein teurer Schachcomputer neben einem jungfräulichen Notizblock und einem wahrscheinlich ebenfalls fabrikfrischen Kugelschreiber. Die Figuren auf dem Brett waren umgefallen. Zwei Türen zu einem Wandschrank standen offen. Davor lagen Leukoplastfetzen, von einer Schere durchtrennt.

»Damit hatte er sie gefesselt«, erklärte Dr. Schreiber. »Sie war noch bewusstlos, als ich sie fand.«

»Wann?«

Der Mediziner errötete. »Vor zehn Minuten.«

»Machen Sie immer so lange Mittagspausen?«

Der Mediziner errötete noch ein bisschen mehr. »Nein. Natürlich nicht. Aber ...«

»Geschenkt«, unterbrach Bount Reiniger barsch. »Sie war also bewusstlos, als Sie sie fanden?«

»Ja.«

»Wie konnte Miss Prosato dann vergewaltigt werden?«

»Na ja. >Missbraucht< wäre der treffendere Ausdruck. Ich fand auch ihren zerfetzten Rock und ihr zerfetztes Höschen. Möglicherweise weiß sie selbst noch gar nichts davon.«

Bount kam die Galle hoch. Was für eine Bestie! June hatte die Hände zu Fäusten geballt. Ihre Lippen bebten in mühsam verhaltener Wut.

»Und was vermissen Sie dort drüben?«, fragte Bount.

»Was?«

»Der Arzneischrank steht auf. Sehen Sie das denn nicht?«

»Oh!«

»Nun schauen Sie doch endlich nach!«

Bount behandelte den Arzt gröber, als er wollte. Er musste sich zur Ruhe zwingen. Zorn brachte nichts bei einer Ermittlungsarbeit.

Dr. Schreiber ging nachsehen. Nun zitterten ihm auch noch die Knie.

»Haben Sie hier Drogen aufbewahrt?«

»Da habe ich zuerst nachgesehen. Die Morphiumampullen sind noch vollzählig. Ebenso die diversen Amphetamine, Tranquilizer, Barbiturate, andere Toxine. Einwegspritzen. Nein. Alles da.«

Der Arzt schien aufzuatmen.

»Aber irgendetwas muss doch fehlen!«

»Wenn überhaupt, dann nur Kleinkram.« Er wandte sich zu Reiniger um. Seine Miene nahm einen verkniffenen Ausdruck an. »Und der ist nicht registrierpflichtig.«

»Demnach schließen Sie Drogendiebstahl mit Sicherheit aus!«

»Ja!«, antwortete Doktor Helmut Schreiber. Trotzig. Allmählich entdeckte er wohl den Halbgott in Weiß in sich wieder.

»Gut. Gehen wir jetzt zu Miss Prosato. Haben Sie übrigens bereits einen Abstrich gemacht?«

Der Arzt sah ihn an wie einen Irren.

»Abstrich?«

»Wie nennen Sie das denn, wenn man Spermaspuren sicherstellt? Vielleicht sollten Sie öfter mal in Fachliteratur blättern. Und zwar nicht über Schach. Ich kann Ihnen da ein paar interessante Bücher über forensische Medizin empfehlen. Oder Gerichtsmedizin, wenn Ihnen das lieber ist. Spermaspuren sind heutzutage beinahe so aussagekräftig wie ein Fingerabdruck.«

Der »Halbgott« begann schon wieder zu zerbröckeln. War halt doch kein richtiger. Kein richtiger Gott. Gerade krängte das Schiff leicht. Ein Sonnenstrahl streifte über die holzgefassten Glastüren der Vitrine. Ein Fingerabdruck! Ganz deutlich! Bount hatte genau gesehen, dass Dr. Schreiber soeben nicht ans Glas gefasst hatte.

»Gehen Sie bitte mal zur Seite.«

Bount Reiniger hatte in der Eile nur ein kleines Kästchen eingesteckt. Nur für alle Fälle. Die Macht der Gewohnheit. Es hatte die Größe einer Brieftasche. Ein Kapitän fuhr schließlich auch nicht ohne Schiff hinaus aufs Meer.

Das Plastikkästchen enthielt unter anderem ein Fläschchen »Magna brush«, ein Eisen-, Zink- und Rußpräparat, und einen Marderhaarpinsel. Mit ihm stäubte er den Print vorsichtig ein. Die Linien von einem Daumen wurden dunkel. Anschließend presste er noch eine »Remco Tape Folie« drauf und hatte den Abdruck für die nächsten Jahre konserviert.

Er selbst konnte nicht viel damit anfangen. Er war kein Experte. Doch er konnte den Print vergrößern lassen und per Funkbild zu seinem Freund Toby Rogers schicken.

»Okay«, sagte er. »Jetzt sehen wir mal nach Miss Prosato.«

Der Doc erhob keine Widersprüche mehr. Bount hatte dem Seefahrer mit der Äskulapnadel den Wind aus den Segeln genommen.

Consuela Prosato war nicht mehr bewusstlos. Bount schätzte sie auf knapp über zwanzig, obwohl sie jünger aussah. Aber anders hätte sie ihre Examen nicht geschafft. Klein und bemitleidenswert lag sie da, dick eingepackt in weiße Kissen. Wenigstens das wusste dieser famose Arzt: Patienten im Schock brauchten Wärme.

June zupfte Bount am Ärmel.

»Lass mich das machen«, sagte sie leise. »Ihr beide geht besser raus.«

Reiniger folgte dem Vorschlag nur zu willig. Zusammen mit Dr. Schreiber ging er zurück in das mit vier Personen hoffnungslos überfüllte Wartezimmer. Unter dem Schild »No Smoking« zündete er sich eine Zigarette an. Niemand hinderte ihn.

»Schon etwas herausgefunden?«, frage Mike Ferrer.

»Ich bin kein Hellseher, Käpt’n. Aber es sieht danach aus, als ob der Arzneischrank das Hauptangriffsziel des Täters gewesen wäre. Miss Prosato war die Dreingabe, das Bonbon. Auch wenn das jetzt brutal klingt. Ein ausnehmend hübsches Mädchen.«

»Drogen?«

»Doktor Schreiber behauptet, dass nein.«

Das schwammige Kinn des Mediziners ruckte hoch.

»Ich weiß, dass nein!«

»Auf Ihre Verantwortung. Doc. Aber ich bin geneigt, Ihnen zu glauben. Sollten wir einen Junkie an Bord haben, der unbedingt Stoff brauchte, weil er auf >Turkey< war, dann wäre ihm nichts ferner gelegen, als so nebenbei auch noch über ein Mädchen herzufallen. Der hätte nichts als seinen Schuss im Sinn gehabt. Ich meine den in die Vene.«

Der Zahlmeister meldete sich wichtig.

»Helmut und ich haben heute schon einmal telefoniert«, haspelte er heraus. »Er sagte etwas von einem gewissen Patienten, der ...«

Reiniger winkte ab. Der Doktor und der Zahlmeister gaben ein gutes Gespann ab.

»Die ärztliche Schweigepflicht ist doch eine feine Sache, nicht wahr, Doc?«

Der Mediziner studierte die Spitzen seiner weißen Schuhe, die unter seinen weiten, weißen Hosen hervorragten. Die Uniform auch der approbierten Beutelschneider unter der Ärzteschaft.

»Rhet Bown war das nicht«, fuhr Bount fort. »Nicht sein Stil.« Er wies auf den Plastiktisch mit den Zeitungen und Zeitschriften drauf. »Auf keinen Fall jedoch hätte er hier seine Visitenkarten hinterlassen. Er mag zwar ein Sittenstrolch sein. Aber dann ist er ein zahlender Sittenstrolch. Kein Missbrauchter oder Vergewaltiger. Vor allem jedoch trinkt er keinen medizinischen Alkohol, wenn es denn das sein sollte, was aus der Vitrine fehlt.«

June unterhielt sich immer noch mit Consuela Prosato. Bount wollte die Zeit nicht vertrödeln und auch nicht den Doktor noch mehr in die Enge treiben. Wahrscheinlich würde er seine Mittagspausen zumindest im nächsten halben Jahr nicht mehr überziehen.

Dafür nahm er den Zahlmeister aufs Korn.

»Da ist noch etwas, Käpt’n. Könnten Sie Mister Connan gelegentlich daran erinnern, dass das hier nicht das einzige Verbrechen ist, das ich aufklären soll? Es geht auch noch um Mrs. Adelaide Screwbottoms Schmuck.«

»Sind Sie damit weitergekommen?«

»Ich wäre möglicherweise noch weiter, wenn Ihr Zahlmeister nicht zimperlicher wäre als ’ne Mimose unter Strom.«

Heff Connan pluderte sich auf. Wie ein Spatz, wenn er sich größer machen will.

»Meine Befugnisse ...«

»Sie geben Mister Reiniger jede Unterstützung, die er wünscht!«, unterbrach diesmal Kapitän Ferrer schroff.

Das war wirklich nicht Connans Tag.

In diesem Augenblick kam June herein.

»Consuela schläft jetzt», sagte sie. »Sie weiß tatsächlich nichts von ihrer ... Schändung. Ich denke, wir sollten es dabei belassen. Doch sie konnte mir eine detaillierte Täterbeschreibung liefern. Wie viele Passagiere um die Fünfundzwanzig befinden sich eigentlich an Bord?«

Mike Ferrer versuchte sich an das Defilee der Gäste beim Empfangscocktail zu erinnern. An diesen Vorbeimarsch an ihm, den viele Kreuzfahrer nach wie vor nicht missen mochten und bei dem sie einen Händedruck von ihm wie einen Ritterschlag empfanden.

»Keine zwei Dutzend«, sagte er.

»Na, bravo«, meinte Bount. »Dann werden wir jetzt mal einen Blick in die Pässe werfen. Sie gestatten doch, Mister Connan ...?«

Eine Narbe auf dem linken Handrücken hatte er gehabt, der Täter. Wahrscheinlich von einer Schnittverletzung herrührend. Doch in keinem der Pässe war sie unter den »besonderen Kennzeichen« aufgetaucht. Beinahe zwei Stunden hatten Bount und June in Heff Connans Büro verbracht, während der Bordfotograf für eine Vergrößerung des Daumenabdrucks auf das Presseformat sorgte.

Die Aufnahme war gestochen scharf. Bount schickte June hinüber in die Funkzentrale.

Den Täter hatte sie trotzdem nicht herausgefunden. Etwa fünfundzwanzig, weiß, optisch gar nicht so hässlich. Südländischer Typus. Schwarze, ungescheitelte Haare. Etwa 1.75 groß, schlank, Oststaatenakzent. Consuela Prosato konnte das beurteilen. Sie war als Vierjährige nach Philadelphia gekommen und dort aufgewachsen.

Draußen trafen sie sich wieder. Im Westen färbte sich der Himmel dunkel. Eine frühe Mondsichel stieg über den Horizont. Zusammen gingen sie zurück zu ihrer Suite. Wortlos. June fröstelte. Nachts wurde es kühl. Bount legte fürsorglich seinen Arm um sie. Das Erlebnis in der Ambulanz war besonders an ihr nicht spurlos vorübergegangen. Es hatte eine Kerbe in ihre Seele geschlagen. Erst in ihrer Suite begannen sie wieder zu reden.

»Dieses gottverfluchte Schwein», sagte die March.

Bount schenkte ihr einen doppelten Cognac ein. Und sich selbst einen doppelten Scotch.

»Wir werden den Kerl finden, Mädchen.« Es klang wie ein Schwur. »Hast du eine Rückantwort aus New York erhalten?«

»Ich telefonierte, während die Übertragung lief, und bekam sogar Toby selbst an die Strippe. Er meinte, er würde sich sämtliche Beine ausreißen und notfalls die des Sektionschefs vom FBI noch dazu, um dir diesen Gefallen zu tun.«

»Bis wann ist eine Antwort zu erwarten?«

»Nicht vor morgen früh.« Sie schwieg eine Weile. »Mir fiel auf, dass du den Pass von Sergio Gorgone besonders lange untersucht hast. Den von diesem Blinden. Ist was damit nicht in Ordnung?«

»Es ist ein US-Pass, und zweifellos ist er echt. Wenn nicht unsere Regierung selbst ihn gefälscht hat. Soll ja hin und wieder vorkommen.«

»Du denkst an eine CIA-Kiste?«

Bount zuckte die Schultern. »Den Brüdern aus Langley ist zwar nicht über den Weg zu trauen, aber in diesem Zusammenhang eigentlich nicht. Nein, ich denke an etwas anderes. Wenn ich nur wüsste, was.«

»Ein feiner Satz.«

»Du hast recht. Er hört sich unsinnig an. Trotzdem trifft er den Kern.«

»Siehst du einen Zusammenhang zwischen dem Juwelenraub und der Sache in der Krankenstation?«

»Schon wieder so eine Frage ohne Antwort.« Bount hörte sich ratlos an.

»Was ist mit diesem Gorgone?«

»Sergio Gorgone«, spulte Reiniger ab. »Knusprige achtundsiebzig. Geboren in Caitano, einem Dorf in Sizilien. Eingebürgert kurz nach dem zweiten Weltkrieg.«

»Du glaubst nicht, dass er blind ist?«

»Ich weiß nicht einmal mehr, was ich glaube«, seufzte Reiniger. »Ich weiß auch nicht, wann er nach Europa reiste. Sie stempeln ja nicht mehr. Die Europäer haben amerikanische Pässe nie gestempelt. Nur wir die ihren. Früher. Gab ja auch keinen Visumzwang für uns.«

»Was willst du jetzt unternehmen?«

»Auf keinen Fall abwarten und Tee trinken.«

Bount schenkte sich einen zweiten Scotch ein.

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Auch an diesem zweiten Abend an Bord der »Angel Queen« fiel der gesellschaftliche Teil einer Luxuskreuzfahrt für das gemischte Doppel aus Manhattan ins viele Wasser ringsum. Bount war in dunkle Hosen, einen dunklen Rolli und in Jogging-Schuhe geschlüpft.

June sollte inzwischen die Stellung halten. Für den Fall, dass Rogers sich doch früher als angekündigt meldete. Bount hätte in dieser verflixten Situation nach allem gegriffen, was auch nur nach einem Strohhalm roch.

Deshalb hielt er sich jetzt auch draußen auf dem Promenadendeck auf, im Schatten einer Ruhebank zusammengekauert. Von hier aus konnte er den einzigen Zugang zu den Promi-Suiten gut im Auge behalten.

Die bunten Lichtergirlanden vom Bug zum Heck waren bereits aufgeflammt, wie jede Nacht. Musikfetzen wehten herauf, der Wind blies über Schroffen und Kanten der Deckaufbauten wie über die Saiten einer geisterhaften Harfe und brachte die Luft zum Klingen. Überall, wo kein Lampenschein hinreichte, war es stockfinster. Die elektrische Beleuchtung verdunkelte das natürliche Licht der Sterne.

Bount musste fast bis neun Uhr warten, bis sich endlich etwas tat. Sergio Gorgone humpelte heraus, ein Stockwerk unter ihm, mit dem weißen Blindenstock vor sich her tastend. Vorher hatte Bount noch ein paarmal an seiner Tür gelauscht. Keine Musik, kein Fernsehprogramm.

Er hatte auch mit dem Gedanken gespielt, einfach bei ihm reinzustolpern. Doch mit welcher Begründung? Hatte er irgendwelche Beweise in der Hand?

Keinen einzigen.

Und was wäre gewesen, wenn er sich getäuscht, wenn seine Ahnung ihn getrogen, er einem Greis die letzten Haare ausgerupft hätte beim Versuch, ihm eine eingebildete Perücke vom Kopf zu reißen?

Seine Lizenz hätte er verloren!

Doch jetzt erhob sich Bount aus seiner kauernden Stellung. Die Beine waren ihm eingeschlafen. Er massierte sich die Oberschenkel, um die Blutzirkulation wieder in Gang zu bringen. Zielstrebig humpelte der Blinde weiter nach unten. Nach wie vor mit dem linken Fuß hinkend.

Hatte Devon Randers Märchen erzählt? Es musste ja nicht absichtlich geschehen sein.

Bount folgte dem Alten wie auf Katzenpfoten. Unter seinen Schritten knirschte nichts. Die »Angel Queen« war gut in Schuss. Da saß keine Schraube locker. Wobei Bount für sich selbst in dieser Hinsicht einige Zweifel hegte. Genauso gut konnte er hier und heute einem Phantom nachjagen.

Er erreichte das A-Deck. Vor ihm schimmerte schwarz das Wasser im obersten der drei Pools. Die Liegestühle waren zusammengelegt und übereinandergestapelt.

»Da ist er!«, schrillte jemand. »Packt ihn! Macht ihn fertig!«

Evelyn Screwbottom!

Nun wusste er, welche Rache sie sich in ihrem kranken Gehirn für ihn ausgedacht hatte. Wie läutete doch schon Schiller selig in seiner »Glocke« so wahrheitsgetreu? - Da werden Weiber zu Hyänen und treiben mit Entsetzen Scherz ...

Dieser gottverdammte Scherzkeks von Evelyn! Eine Frau, die den Verstand zwischen ihren Schenkeln trug.

Bount verlor den Blinden aus den Augen. Dafür gerieten zwei andere, diesmal wuchtige Gestalten, in sein Blickfeld. Evelyn hätte ihm ihre Namen verraten können.

Hank und Powers.

»Macht ihn alle!«

Sie kamen von zwei Seiten. Als sie anstürmten, mischte sich Fuseldunst in die Salzluft. Bount duckte sich blitzschnell. Viel schneller jedenfalls, als die beiden Hafenkneipenschläger reagieren konnten. Über ihm kamen sie sich selbst ins Gehege. Bount rollte unter ihnen ab, kam noch auf die Beine, als Hank und Powers erst ihren Irrtum bemerkten.

»Macht ihn kaputt!«

Jetzt sah er sie. Evelyn Screwbottom stand auf einer Gerätekiste, mit gegrätschten, dürren Beinen. Ein Fanal des Schreckens. Eine Figur wie aus einem billigen Gruselstück in der zweiten Besetzung als Draculas Tochter. Der Mund weit aufgerissen, die Arme beschwörend hochgereckt, der Wind fuhr ihr unter den Flatterrock.

Bei Marylin Monroe hatte das weitaus besser ausgesehen.

Keine Zeit für cineastische Reminiszenzen. Die beiden Schläger formierten sich neu. Der Schein einer Bordlampe traf sie:

Einen durchtrainierten Schwarzen mit entstellenden Blatternnarben und einen leicht verfetteten weißen Catcher. Der Weiße musste besonders viel getrunken haben, denn er schielte schauerlich.

Kein Gedanke mehr an Sergio Gorgone. Keine Zeit. Absolut keine Zeit.

Sie waren ein eingespieltes Team. Selbst in ihrem Suff. Bount konnte sich lebhaft vorstellen, mit welchen Mitteln sich Evelyn Screwbottom diese fabelhaften Ritter zur Wiederherstellung ihrer Ehre rekrutiert hatte.

Müßig im Moment, darüber zu reflektieren. Heißes Fauchen, stampfende Beine - sie gaben im Augenblick den Ton an. Bount versuchte es kein zweites Mal mit demselben Trick. Diesmal duckte er sich nicht, sondern wandte sich gezielt dem Farbigen zu.

Diesmal ging Bount nur scheinbar in die Hocke. Weil jede Muskelfaser gespannt war. Auf die rechte Schulter schlenzte er sich nur deshalb, um das nötige Widerlager für einen Karatestoß mit dem linken Bein zu gewinnen. Der Stoß war ein Erfolg. Ein durchschlagender, denn er hatte akkurat das Standbein Powers’ getroffen.

Powers fiel auf das Gesicht und biss sich in die voluminösen Lippen. Ein rascher, enormer Blutverlust war die Folge, und das war ein Anblick, der dem Lageristen Hank überhaupt nicht behagte.

Plötzlich ließ er ab von seinem geplanten Angriff. Er senkte die vormals so drohend erhobenen Fäuste. Und wollte verschwinden. Er hatte wohl trotz seines niedrigen Intelligenzquotienten erkannt, dass ihm Reiniger nicht nur beim Punkten mit den grauen Zellen über war.

Bount hechtete ihm nach, er war gerade so gut in Form und so wütend, dass ihm fast alles gelang. Er bekam zwei Knöchel zu fassen, und diesmal war ein zweites Gesicht fällig, etwas deformiert zu werden. Hanks Kinn schlug ausgerechnet auf einen liegen gebliebenen Kinderkreisel mit eingebauter Musik. Der Kreisel rutschte davon, drehte sich und spielte, einsam eine Ellipse tanzend.

Bount packte den Weißen an den Haaren und schleifte ihn über die glatt gebohnerten Deckplanken hinüber neben den Schwarzen.

Auch Handschellen aus Hartplastik gehörten an diesem Abend zu Reinigers Standardausrüstung. Er ließ sie um die Gelenke von Hank und Powers zusammenschnappen und fesselte sie so aneinander.

Die «Geisterbraut» jedoch war verschwunden. Wie vom Atlantik verschluckt.

Ein grimmiges Lächeln spielte um Reinigers Lippen.

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Sergio Brione hatte die Rauferei wohl bemerkt, doch er maß ihr keine Bedeutung bei. Im Gegenteil. Umso weniger beachtet wurde er.

Weil es kalt geworden war, hielt sich kaum mehr jemand im Freien auf. Er drehte seine Runde wie gewöhnlich. Ein eingeübter Spaziergang.

Enrico Casarella pflegte sich nach dem üppigen Abendmahl in seine Suite zurückzuziehen, um sich für den Rest der Nacht fit zu machen, indem er ein kleines Dämmerschläfchen zwischenlegte. Der heimkehrende Exilant genoss sein altes Leben schon jetzt in großen Zügen. Vielleicht spielte die Euphorie einer Seereise mit, dass er sich sogar an Bord sicher fühlte. Tatsache war, dass man ihn in seinem sizilianischen Domizil ohne immensen Aufwand nicht hatte beseitigen können. Und auch in New York wäre das schwierig gewesen.

Die wahren, seit Jahrhunderten überkommenen Riten der Vendetta, der Blutrache, verlangten es, dass das Opfer in der Minute des Todes erfuhr, warum es starb. Warum es sterben musste.

Da ging es eben nicht an, dass ein Rollkommando vorfuhr und ein Auto mit einem Enrico Casarella drinnen mit Schüssen aus Maschinenpistolen durchlöcherte oder es mit einer Bazooka in die Luft blies.

Das wäre stillos gewesen. Ohne jede Tradition.

Sergio Brione rückte die schwarze Brille auf die Stirn zum Haaransatz seiner weißen Perücke. Er war unbeobachtet. Er war allein.

Er stieg wieder hinauf zum A-Deck, hatte dabei den weißen Blindenstock unter den Arm geklemmt. In der Rechten hielt er einen Einkaufsbeutel aus Sackleinen um den Inhalt zusammengewickelt an den Körper gepresst. Seine Bewegungen waren nicht mehr die eines Greises. Es waren die eines jungen, energiegeladenen Mannes, der seinen Job machte.

Den der Vendetta.

Seiner Karriere konnte das nur guttun.

Bei den drei oberen Decks gab es keine Bullaugen. Nur große, breite Fenster. Bullaugen gab es nur unterhalb des Hauptdecks, der »Gürtellinie« der »Angel Queen«. Sie wären auch verdammt schwer zu knacken gewesen, die Bullaugen. Sie wurden von innen verhebelt.

Aber so?

Diese Panoramafenster waren nicht besser gesichert als die Fondscheiben eines Autocoupes. Und ebenfalls in Gummifassungen eingelagert. Und so wie jeder Amateur ein Auto knackte, waren auch diese Fenster anzugehen. Gummi war ein nachgiebiges Material.

Brione wagte einen Blick in Casarellas Außenkabine. Die Jalousien waren nicht heruntergezogen, zwischen den Vorhängen klaffte ein Spalt. Nur eine Stehlampe brannte. Der Ex-Mafioso entspannte sich auf seinem Bett. Im Morgenrock. Clivio, der Zigeuner, lümmelte sich auf der Couch und blätterte in einem Herrenmagazin. Claudio, der Gorilla, hatte den Kopf auf die Sessellehne zurückgelegt und die Augen geschlossen. Vielleicht träumte er von einer gesicherten Zukunft als Rausschmeißer in einem Nachtlokal am Upper Broadway. Er träumte seine Vorstellung von einem Leben in Amerika.

Der Vendetta-Mann packte sein Päckchen aus. Es enthielt nicht viel. Nur eine Literflasche Äther, ein gebogenes Glasrohr, einen Plastiktrichter und einen biegsamen Draht. Letzteres die Grundausstattung eines jeden Autodiebs.

Keine Zeugen.

Der Draht fuhr fühlsam und geräuschlos von außen her ins Innere, weitete die Lücke aus, machte Platz für das Glasrohr, das Brione jetzt nachschob. Von innen konnten sie das nicht sehen. Des nicht ganz zugezogenen Vorhangs wegen. Dann der Trichter drauf.

Er öffnete die Flasche mit dem Äther, tröpfelte ihn nicht hinein, sondern goss ihn. Für Brione selbst bestand keine Gefahr. Der Wind blies zu stark. Und Äther verdunstet bereits bei Zimmertemperatur. Drinnen erreichte er den Boden nicht einmal mehr als Flüssigkeit. Weil sich der Heizkörper genau unter dem Fenster befand.

Clivio schaute mal kurz aus seinem Magazin auf, schnupperte intensiv - und war verloren.

Claudios Haltung wurde nicht nur eine Spur schlaffer - er sank in sich zusammen. Wie ein verdorbenes Soufflé.

Sergio Brione nickte zufrieden und sammelte seine Gerätschaften wieder ein bis auf ein besonders kostbares Stück.

Das behielt er vorerst noch.

Nur zwei Meter bis zur Reling. Er warf alles andere über Bord. Nur nichts Verdächtiges hinterlassen.

Die Tür zur Kabine öffnete er in der bewährten Plastikkartenmanier. Der Schlüssel war nicht gedreht worden.

Ein Kinderspiel. Enrico Casarella hatte sich zu sicher gefühlt.

Der Vendetta-Mann hielt sich ein Tuch vor den Mund. Er hatte es mit Speichel befeuchtet. Er rannte zum Fenster, klappte es auf, damit der Ätherdampf schnellstmöglich abzog, er brauchte ihn nicht mehr. Alle drei waren sie narkotisiert. Und weder Claudio noch Clivio würden ihn jemals identifizieren können. Also brauchte er sie auch nicht zu töten.

Doch ihre Narkose vertiefte er. Beinahe zart. Gegen diese Leute hatte er schließlich nichts.

Es gibt da eine Stelle am Hals, etwas versetzt unter den Ohren. Wenn man da ungefähr zehn Sekunden lang auf die Schlagader drückte, funktionierte die Blutzufuhr zum Gehirn nicht mehr. Eine Art künstlicher Schlaganfall ohne Folgen wurde ausgelöst.

Sergio Brione konnte sein Tuch gefahrlos wegnehmen. Und auch seine Perücke. Er rüttelte Enrico Casarella an den Schultern.

«Wach auf, Amico.«

Der Alt-Mafioso tat ihm den Gefallen nach ein paar Sekunden.

«Riposate«, sagte Sergio Brione gefühlvoll. «Entspanne dich.« Und er sprach italienisch weiter. Das Stilett lag fest in seiner Faust. »Du wirst jetzt sterben, Signore Enrico Casarella ...«

Der Alte zeigte keine sichtbare Reaktion. Nur sein Atem kam gepresster.

»Perque?«

»Warum? Du hast meinen Onkel getötet. Vor mehr als zwanzig Jahren. Sergio Gorgone. Ich bin sein Neffe. Mich hat das Los getroffen ...«

»Scheiße. Das hatte ich vergessen. Eure Blutrachekultur.»

»Verdrängt«, berichtigte Sergio Brione sanft. »Bist du fertig?«

»Es muss sein?«

»Si. Komm mit deinem Gott ins Reine. Du hast noch fünf Sekunden.«

»Gar nichts zu machen? Keine Einigung?«

»Vendetta.«

»Dann bringen wir’s doch hinter uns. Stoß endlich zu!«

Enrico Casarella verstand zu sterben. So wie er es verstanden hatte zu leben.

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Bount Reiniger hatte es satt, dieses Spiel. Bis zur Halskrause hatte er es satt. Hank und Powers waren abgeführt. In den Arrest. Sie hatten rückhaltlos gestanden.

»Käpt’n, kommen Sie mit?«

»Zu Mrs. Adelaide Screwbottom, die sich seit dem Diebstahl so beharrlich weigert, sich in der Öffentlichkeit zu zeigen? Weil sie sich nackt fühlt ohne ihren Schmuck? - Ich habe Angst, Mister Reiniger. Ihr gehören Aktien en masse. Unter anderem auch welche dieser Schifffahrtslinie.«

»Seien Sie nicht so pingelig«, meinte Bount. »Was sein muss, muss sein. Sie hat ohnehin ein Nachthemd aus Asbest an. Also was soll uns schon passieren? Wir müssen sie stören. Ihr Früchtchen Evelyn hat schließlich Powers und Hank auf mich gehetzt. Und ich bin obendrein sicher, dass wir den angeblich gestohlenen Schmuck wiederfinden.« Bount erinnerte sich an seine eigene Vorgabe: Keine Frau würde ebenso wie ein Dieb Juwelen im Wert von drei Millionen Dollar dem Zufall aussetzen.

»Auf Ihre Verantwortung, Mister Reiniger?«

»Sowieso.«

Evelyn hatte wieder den Bademantel von heute früh an, den mit den Schnapsflecken. Es war nicht abgesperrt gewesen. Sie kauerte in einem neuerdings zerwühlten Bett, scharrte mit den nackten Füßen auf den Laken. Sie hatte diesen Besuch erwartet. Sie hatte zwei Schläger auf Bount Reiniger angesetzt und zugeschaut, wie es ihnen ergangen war. Und war dann geflüchtet. Und jetzt war sie höchst verlegen, als gleich eine ganze Gruppe von Männern bei ihr anrückte.

»Ja?«

Käpt’n Mike Ferrer räusperte sich.

»Madam ...«

Bount drängte sich vor. Er war am Ende mit seiner Geduld.

»Wir müssen Ihre Mutter sprechen.«

»Das geht nicht.«

»Und ob das geht!« Mit ein paar Schritten war Reiniger bei ihr, fasste sie aber nicht an. »Ob mit oder ohne Ihr Vermitteln.«

»Wie steht es mit einem Durchsuchungsbefehl?« Evelyns Augen schimmerten nass.

»Nicht nötig. Schlagen Sie meinetwegen im Buch für internationales Seerecht nach. Ein Kapitän darf fast alles. Nicht nur Trauungen vollziehen. Ein paar richterliche Entscheidungen zweiter Ordnung ausgenommen, hat er auf seinem Schiff die Vollmachten eines Gouverneurs. Aber was reden wir noch lange um den heißen Brei herum.«

Jetzt fasste er sie doch an, wenn auch nur mit äußerstem Widerwillen. Und stellte sie wie ein störendes Möbelstück beiseite. Sie hatte sich inzwischen schützend vor die Verbindungstür gestellt. Ihren kleinen, spitzen Protestschrei ignorierte er. Sie hatte das Spiel verloren, und sie wusste es.

»Was soll denn dieser gottverdammte Lärm?« Eine herrische Damenstimme. »Evelyn? Hast du Besuch?«

Bount hielt sich nicht mehr mit dem Anklopfen auf. Einer der Offiziere im Kielwasser des Kapitäns kümmerte sich um das verzogene Gör. Evelyn wehrte sich nicht länger. Bount drückte die Tür auf.

Mrs. Adelaide Screwbottom war in der Tat eine imposante Erscheinung. Vorausgesetzt, jemand ließ sich von einem nilpferdartigem Gebilde im Nachthemd mit Lockenwicklern unter der Schlafhaube aus dem Biedermeier beeindrucken. Ein kolossaler Busen wogte unter dem Stoff. Ihr Teint war grau und fleckig wie bei so vielen älteren Damen, die nur wenig an die Sonne kamen. Auch roch die Luft hier kaum besser als jene heute früh bei ihrer Tochter, nur dass das Odeur nach Fusel durch den von Schweiß und Muffigkeit ersetzt war. Eine dicke Hand griff nach einer Lorgnette, einer Stielbrille, auf dem Nachttisch. Die Frau in den frühen Sechzigern musterte Reiniger kurzsichtig.

»Habe ich Sie gerufen?« Sie blaffte schrill wie ein heiserer Mops, mit dem sie ebenfalls noch viel Ähnlichkeit hatte, zumindest was ihre Mund und Nasenpartie betraf. Über ihrer linken Braue wucherte eine dichtbehaarte Warze. Kaum nachvollziehbar, dass auch Mrs. Screwbottom ein junges, anziehendes Mädchen gewesen sein sollte. Sie musste in ihrem Leben verteufelt viel Schindluder mit ihrem Körper getrieben haben. Ihn als Ständer für Schmuck im Wert von mehreren Millionen Dollar zu benützen, reichte eben auf die Dauer nicht aus.

»Nicht dass ich wüsste«, antwortete Reiniger. »Trotzdem muss ich Sie stören. Hoffentlich nur für wenige Minuten.«

Es stank tatsächlich ziemlich penetrant im Apartment. Bount hätte sich diesen Besuch gern erspart. Hinter ihm schob sich Käpt'n Ferrer in den Raum. Freiwillig. Aus solchem Holz wurden Helden geschnitzt.

»Madam«, begann er nach einem dezenten Räuspern. Wie immer, sah er auch zu dieser fortgeschrittenen Stunde aus, als käme er gerade von seinen Schneider und vom Friseur. »Es tu mir wirklich außerordentlich leid, dass wir hier ohne Voranmeldung bei Ihnen eindringen. Die Umstände indes ...«

Ein Zeichen des Erkennens flackerte kurz über Mrs. Adelaide Screwbottoms verlebte Züge. Der Kapitän der »Angel Queen« bemühte sich höchstpersönlich zu ihr! Das war schon etwas anderes! Das schmeichelte ihrer Eitelkeit.

Ihre Züge entspannten sich, versuchten es wenigstens. Es gelang ihnen nicht ganz. Ein in vielen Jahren gewachsener bärbeißiger Gesichtsausdruck ließ sich nicht mit einem misslungenen Lächeln löschen.

»Wer ist dieser Mann hier?« Mit ihrer Stielbrille deutete sie wie mit einem Dolch nach Bount Reiniger. »Gehört er zu Ihren Offizieren?«

»Nein, Madam«, meldete sich Bount. Die Frau wusste ja noch nichts von ihm, wenn sie sich von ihrer Tochter die Post unterschlagen ließ. »Ich bin im Auftrag von Direktor Emanuel Miller an Bord gekommen. Sie kennen ihn. Er verwaltet Ihre Versicherungspolice bei der Mutual Life Insurance.«

Diese Auskunft brachte auch Bount einen freundlicheren Blick ein.

»Sie haben das Geld schon dabei? In bar? Das ging aber fix!«

»Sorry, Madam«, sagte er, und aus war es mit der aufgesetzten Freundlichkeit.

«Einen Scheck?«

«Auch nicht.«

»Was, zum Teufel, wollen Sie dann von mir!«

»Ihnen wieder zu Ihrem Schmuck verhelfen, was sonst?«

Bount hatte das so lässig und locker dahingesagt. In Wirklichkeit schwitzte er Blut und Wasser unter seiner glatten Fassade. Himmel, wenn er sich täuschte! Aber worauf lief seine Vermutung schon hinaus? Es waren eine Menge Zimmer durchsucht worden. Nur Mrs. Adelaide Screwbottom hatte sich dieser Zumutung natürlich verwehrt. Da hätte Kapitän Mike Ferrer schon Gewalt ausüben müssen. Und übte man Gewalt aus bei einer Frau, die ein erkleckliches Aktienpaket des eigenen Brötchengebers hielt?

Bount war nicht von derartigen Skrupeln behaftet. »Ich muss Sie bitten, aufzustehen«, sagte er mit aller Strenge und Autorität, derer er fähig war.

Sie starrte ihn an wie das berühmte Karnickel die nicht weniger berühmte Schlange. Bount nützte die Zeit, so lange ihr noch die Luft wegblieb. »Ich müsste Sie sonst wegen Behinderung der Ermittlungsbehörden festnehmen.«

Ein Satz wie ein Kanonenschuss. Und selbstverständlich war das Stuss. Allein der Käpt'n hätte diese Vollmacht besessen, und nur er hätte auch diesen Satz aussprechen dürfen. Doch mit Kleinigkeiten war der Private Eye aus dem als etwas rüde verschrieenen Manhattan noch nie wählerisch gewesen.

Und der Bluff wirkte. Er wirkte sogar bei Mrs. Adelaide Screwbottom. Bount hatte ihr einen Morgenmantel zugeworfen. Eilends schlüpfte sie hinein, im Schreck ihre »Nacktheit« schlichterdings vergessend.

Bount riss Laken und Matratzen auseinander. Der Schmuck befand sich am Kopfende des Betts in einem Wäschebeutel. Mrs. Adelaide Screwbottom hatte die ganze Zeit über darauf geruht wie eine Glucke auf ihren Eiern.

Den Ring aus Devon Randers’ Kabine schmuggelte Bount geschickt dazwischen.

Hätte ja doch nur Komplikationen ergeben. So aber blieb der Vorfall ein Diebstahl innerhalb der Familie. Die alte Screwbottom musste ihre missratene Tochter schon eigens anzeigen, wenn sie auf Strafverfolgung nicht verzichten wollte.

Und damit war kaum zu rechnen.

Dieser Skandal!

Diese Blamage!

Mrs. Adelaide Screwbottom schaltete überraschend schnell. Sie war nicht weniger ein Luder als ihre Tochter. Wenn auch auf einem anderen Sektor. Die beiden konnten sich getrost die Hand reichen.

»Danke«, sagte sie eisig und nur an Käpt’n Mike Ferrer gewandt. »Ich denke doch, diese auch für mich noch etwas überraschende Entdeckung bleibt unter uns. Es sei denn, Sie wollen, dass ich morgen alle meine Aktien dieser Schifffahrtslinie auf einmal auf den Markt werfe und die Kurse in den Keller purzeln ...«

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Lange hatten sie sich dann nicht mehr in der Doppelsuite aufgehalten. Es war zwar noch längst nicht alles gesagt, was gesagt werden musste, doch das hatte Zeit. Käpt’n Michael Ferrer verabschiedete sich von Bount. Es war ihm anzusehen, dass er sich mindestens der Hälfte seiner reichen und superreichen Passagiere schämte.

In Bounts Kabine wartete die nächste Überraschung auf ihn. June war nicht allein. Ihr saß ein sehr verstört wirkender Devon Randers gegenüber. Als Bount Reiniger hineinkam, sprang er auf.

»Gut, dass du kommst«, sprudelte es aus ihm heraus. Er hatte offenbar jede Selbstsicherheit verloren. »Aber da ist eine ganz komische Sache passiert.«

Bount stöhnte. »Nicht schon wieder! Mein Bedarf für heute und die nächsten vierzehn Tage wäre eigentlich gedeckt. - Was gibt es denn jetzt schon wieder?«

Die March antwortete an seiner Stelle.

»Das da«, sagte sie. »Devon kam vor einer Minute und brachte das hier mit.«

Auf dem Tisch lag ein Zettel mit dem Briefkopf der »Angel Queen«. In jeder Kabine der oberen drei Decks lag dieses Schreibmaterial aus. Nur, dass hier niemand geschrieben hatte, sondern Buchstaben einzeln geklebt. An den Lettern erkannte Bount Reiniger jene der täglich verteilten Bordzeitung wieder.

»Soll das ein Witz sein? Ein Erpresserbrief?«

Randers nickte. »Du scheinst nicht der Einzige zu sein, der mir den Juwelenraub zutraute.«

»Nun tu bloß nicht beleidigt!«

Bount überflog die paar Zeilen; es waren nur zwei.

Wenn Sie nicht in Teufels Küche kommen wollen, dann teilen Sie ehrlich.

Keine Unterschrift, kein gar nichts. Bount hielt das Blatt gegen das Licht der hellen Stehlampe. Auch keine verwertbaren Fingerabdrücke.

»Ein schlechter Scherz?«, fragte er.

»Yeah. Einer mit ’ner massiven Drohung. Wenn das so weitergeht, wechsle ich noch den Beruf.«

»Eine prima Idee. Wo hast du das her?«

»Lag am Boden meiner Kabine. Der Zettel muss während meiner Abwesenheit unter der Tür durchgeschoben worden sein.«

»Kein Taschenalarm diesmal?«

»Aber nein. Ich ließ mich von Gloria zu einem Tanz überreden. Und sie tanzte noch enger als ein Brotaufstrich. Mir wurde heiß und ich wollt nur schnell mein Hemd wechseln. Und dann fand ich eben das.« Devon schaute auf. »Du glaubst doch endgültig nicht mehr, dass ich etwas mit dem Diebstahl zu tun habe.«

»Nein.«

Bount sah keine Veranlassung, Randers aufzuklären. Es schadete nichts, wenn er ein bisschen im eigenen Saft schmorte. Er hatte es nicht besser verdient. Die Nachricht gab ihm dennoch zu denken. Es befand sich noch jemand an Bord, der Devons Vorliebe für Hochkarätiges sehr wohl vertraut sein musste. Einer aus einer verwandten Branche.

»Hattest du je etwas mit Casarella zu tun?«, meinte Reiniger.

»Der Name ist mir bekannt. Das schon. Aber ich hatte noch nie etwas mit ihm zu tun. Außerdem arbeite ich nicht so gern in Gegenden wie Sizilien. Man weiß nie, mit wem man es unter Umständen zu tun bekommt.«

»Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste«, spottete Bount. »Na klar. Und friedliebend, wie du nun mal bist ...«

»Das war keine Lüge. Ich lebe viel zu gern, als mich mit Herren aus jener Abteilung der Unterwelt anzulegen.«

»Ich glaub dir.«

»Musst du auch.«

»Und jetzt willst du mich ... engagieren?«

Randers' Kinnlade klaffte auf. Er schluckte heftig.

»O Lord«, japste er dann. »Und ich dachte immer, ich sei ein geldgieriger Raffke. Aber diese Privatdetektive ...«

»Shut up. Ich habe es dir noch nicht erzählt, aber vielleicht bin ich dir tatsächlich einen kleinen Gefallen schuldig. Das mit deinem Verdacht erwies sich als ein Volltreffer! Was das anbelangt, bist du aus dem Schneider.«

Randers schien nicht sehr überrascht. »Evelyn hatte die Klunker?«

»Mehr oder weniger.«

In diesem Moment dudelte das Telefon. Bount nahm den Hörer ab. Es war die Funkzentrale.

»Ein R-Gespräch für Sie, Mister Reiniger. Nehmen Sie es an?«

»Aus New York?«

»Ja. Ein Captain Rogers wünscht Sie zwar zu sprechen, aber er wünscht nicht zu bezahlen.»

Das sah dem alten, knauserigen Raubein ähnlich. Er tat so, als müsse er das Telefonat aus seiner eigenen Tasche begleichen.

»Nun stellen Sie mir das Gespräch schon durch«, sagte Bount.

Die Nachricht aus dem Präsidium in der Centre Street, Manhattan South, schlug ein wie eine Bombe.

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29

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Sie fanden Enrico Casarella. Tot. Ein glatter Stich ins Herz. Keine unnötige Schweinerei. Clivio und Claudio waren mit abgerissenen Vorhangkordeln gefesselt und hatten das Bewusstsein nicht wiedererlangt. Bount roch noch Reste des Äthers und wusste nun auch endlich, was Dr. Helmut Schreiber nicht vermisste.

Unübersehbar mitten auf dem Tisch das Glas eines jener Cocktails, wie Devon Randers sie bevorzugte. Jede Wette, dass sie die Prints des Meisterdiebs darauf finden würden. Bount konnte sich den Tathergang zwar noch nicht bis in die letzte Einzelheit vorstellen, im Prinzip aber schon. Der Fingerabdruck sollte Randers wohl belasten. Ein Tipp an den Käpt’n oder einen seiner Offiziere, und der Mann war dran. Denn normalerweise hielten sich keine Mitglieder eine professionellen Spurensicherungskommission an Bord eines Luxusliners auf. Viel zu kostspielig für chronisch unterbezahlte Cops, so eine Reise.

»Will mir nicht endlich jemand sagen, was hier los ist?«, moserte das Minnesota-Girl. Sie hasste es wie die Pest, nicht ständig auf dem Laufenden zu sein.

»Das ist schnell erzählt«, erklärte Bount nachsichtig. »Die Prints von der Vitrine in der Krankenstation gehören einem Sergio Brione. Die Beschreibung, die mir Toby durchgab, deckt sich mit jener von Consuela Prosato. - Na, ist der Groschen jetzt gefallen?«

»Nein.«

»Es gibt keinen Sergio Brione auf der Passagierliste. Dafür aber einen Sergio Gorgone.«

»Der Blinde?«

»Der blinde Fernsehfan, richtig. Toby hat auch dessen Passnummer abgecheckt. Alles richtig. Keine Fälschung. Nur ist ein Sergio Gorgone schon seit Jahren abgängig. Seine Leiche wurde nie gefunden. Doch er hatte damals Zoff mit einem gewissen Enrico Casarella. Casarella kam damals nicht einmal in U-Haft. Keinerlei Beweise. Kurz darauf verließ er die Staaten in Richtung Sizilien, um sich an schließend zwanzig Jahre nicht mehr bei uns sehen zu lassen.«

Auf Bounts Anraten hin hatte June ihre 6.35er Beretta mitgebracht. Als sie kurz darauf Briones Kabine stürmten und ein »alter« Herr versuchte, mit einem Stilett nach ihr zu werfen, schoss sie ihn ins Knie.

Nun würde der Vendetta-Killer tatsächlich hinken. Auf seinem Weg zum elektrischen Stuhl im Staatsgefängnis von Albany.

ENDE

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Die Tour des Mörders

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von Alfred Bekker 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 119 Taschenbuchseiten.

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Prolog

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Hotel St. Clair, Washington DC...

Eileen Summers trug ein eng anliegendes Kleid, das ihr nur knapp über die Oberschenkel reichte. In beiden Händen hielt sie je ein langstieliges Champagnerglas. Der Mann, der in der Nähe der Tür stand, war Mitte dreißig und schlank. Sein dreiteiliger grauer Anzug ließ sein Gesicht noch etwas farbloser erscheinen, als es ohnehin schon war.

In der Linken hielt er einen Diplomatenkoffer. „Stehen Sie  da doch nicht wie festgewachsen“, sagte Eileen und reichte ihm ein Glas.

Der Mann im grauen Anzug hob abwehrend die Hand. Er hatte seine Autofahrerhandschuhe noch immer nicht ausgezogen. Schon das hätte Eileen misstrauisch machen sollen – genau wie die Ausbuchtung in seiner Jacketttasche.

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Ich trinke nicht“, sagte er.

„Ich habe auch Nicht-Alkoholisches da.“

„Ich trinke gar nichts“, betonte er.

„Dann stellen Sie doch wenigstens den Koffer ab. Und ziehen Sie die Handschuhe aus!“

„Nein“, sagte er. „Die behalte ich an. Ich bin Allergiker. Außerdem mag ich es nicht, mit dem Schweiß anderer Leute in Berührung zu kommen, wenn Sie verstehen, was ich meine.“

Eileen runzelte die Stirn. „Ach, so einer sind Sie...“

„Finden Sie es verkehrt, wenn man auf Hygiene achtet?“

„Nein.“

„Dann verstehen Sie mich?“

„Sicher, aber es ist... sagen wir mal selten. Die meisten wollen nicht einmal ein Kondom benutzen und Sie...“

„Ich bin eben anders.“

„Ja, das merke ich.“

„Es riecht hier relativ streng.“

„Das ist ein Duftspender, der für frische Luft sorgen soll. Wenn Sie wollen, dann stelle ich ihn so lange ins Nachbarzimmer.“

„Dafür wäre ich Ihnen sehr dankbar.“

Sie drehte sich um und stellte die Gläser ab. Wie werde ich ihn jetzt wieder los?, fragte sie sich. Andererseits – jemand, der so überkorrekt gekleidet war, nahm es sicher auch mit der Bezahlung genau. Aber irgendein Instinkt sagte ihr inzwischen, dass es besser war, diese Sache zu beenden. Sofort. Vielleicht war es sein Blick gewesen. Das Flackern seiner Augen, die so eisgrau wie sein Anzug waren? Vielleicht auch irgendetwas anderes...

Als sie sich wieder umdrehte, war er plötzlich hinter ihr. Er hatte etwas aus der Jackentasche gezogen, was er ihr jetzt blitzschnell gegen die Schulter presste. Das unverkennbare Knistern einer elektrischen Entladung folgte. Der Stromschlag ließ ihren Körper zucken. Sie hatte augenblicklich keine Kontrolle mehr über ihren Körper, krampfte zusammen und fiel wie ein gefällter Baum zu Boden.

Ihre Muskulatur paralysierte. Sie konnte sich nicht mehr rühren.

Die Ladung war exakt abgestimmt. Ungefähr eine Minute hielt die paralysierende Wirkung an. Zeit genug für den Mann im grauen Anzug, das zu tun, was er sich vorgenommen hatte.

Eileens Gesicht war zur Fratze verzerrt.

„Ja, ich weiß, Sie haben jetzt große Schmerzen. Aber das hört auf“, sagte er. „Ich werde Ihnen Erleichterung verschaffen und dafür sorgen, dass sie sich entspannen.“

Er ging ein paar Schritte zurück, stellte den Diplomatenkoffer auf den Tisch und öffnete ihn.

In aller Seelenruhe zog er eine Spritze auf.

Dann ging er zu ihr, kniete neben ihr, schob das Kleid hoch und versenkte die Spritze im Oberschenkel. Ihre durch den elektrischen Schlag verkrampften Muskeln erschlafften.

Er erhob sich wieder, legte die Spritze zurück in Koffer und kehrte dann zu der regungslos daliegenden Frau zurück. Sie konnte die Augenlider bewegen und flach atmen. Das war alles. Er schleifte sie zum Bett, denn in diesem Zustand ohne jegliche Körperspannung war es schwierig selbst wesentlich leichtere Person einfach zu tragen. Dort hievte er sie auf das Bett und begann damit, sie zu entkleiden.

Bevor er eine halbe Stunde später das Zimmer verließ, holte er einen Plastikbeutel aus dem Koffer. Er enthielt Sand und Zigarettenkippen. Ab und zu auch einen eingetrockneten Kaugummi.

Der Mann im grauen Anzug öffnete den Beutel und verstreute den Inhalt auf dem Boden.

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2

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Seht ihr den Mann mit der grünen Baseball-Kappe?“, fragte Agent Clive Caravaggio über Headset. „Das ist er!“ 

Clive Caravaggio, flachsblonder Italoamerikaner und der zweite Mann des FBI Field Office New York, leitete diesen Einsatz. Er saß in einem unauffälligen Chevy auf der gegenüberliegenden Seite der Kreuzung  West 57th Street und 10th Avenue.

Mein Kollege Milo Tucker und ich saßen in unserem Sportwagen. Rechts ragte die Gebäude des St. Luke’s Roosevelt Hospital Centers auf.

Der Mann, den wir im Visier hatten, stand in der Nähe der Ampelanlage. Er hielt unauffällig ein Handy in der Rechten.

Er wartete nur darauf, mit der eingebauten Kamera das abzufilmen, was sich nun bald ereignen würde. Die Filmsequenzen wurden dann sofort ins Internet gestellt.

Das zu erwartende Drama resultierte daraus, dass er die Programmierung der Ampelanlage manipuliert hatte.

Wir waren schon eine ganze Weile hinter ihm her und Anfangs hatte sogar der Verdacht bestanden, dieser Fall könnte einen terroristischen Hintergrund haben. Schließlich war es eine äußerst effektive Methode, in einer Stadt wie New York für allgegenwärtiges Chaos zu sorgen, wenn man die Ampelanlagen umprogrammierte. Entweder stand die Blechlawine dann für eine Stunde still, weil die Ampeln einfach nicht auf grün umsprangen oder man stellte sie so ein, dass die Wagenkolonnen gleich aus mehreren Richtungen aufeinander losfuhren und jeder glaubte, Vorfahrt zu haben.

Der Mann mit der grünen Baseball-Kappe hieß Maxwell Jason Montgomery und er gehörte zu einem Kreis von Hackern, die wir in Verdacht hatten, an dieser Sache beteiligt zu sein.

„Zugriff jetzt!“, sagte Clive Caravaggio. „Die Ampeln stehen noch mindestens eine Stunde lang rot. Den Wagen könnt ihr getrost stehen lassen – aber er darf uns diesmal nicht durch die Lappen gehen!“

„In Ordnung“, sagte ich.

Diese Anweisung galt nicht nur für uns, sondern auch für die anderen an diesem Einsatz beteiligten G-man.

Wir stiegen aus.

Das würde Montgomery noch nicht misstrauisch machen, denn  genau darauf hatte er es ja abgesehen: Bilder von entnervten Autofahrern, die mitten in der Rushhour feststeckten, weil eine Ampel nicht umsprang. Wutausbrüche, Verzweiflung... Zur Schau gestellt auf bestimmten Internet-Portalen.

Die härteste Variante war das Provozieren von Unfällen durch eine bestimmte Ampel-Programmierung.

Auch dafür hatten Montgomery und seine Helfershelfer schon gesorgt. Insgesamt gingen drei Tote auf das Konto dieser Hacker Gang – und auch wenn sich der Verdacht eines terroristischen Hintergrundes auch im Laufe der Ermittlungen immer mehr verflüchtigt hatte, drohte den Beteiligten wegen der Unfalltoten trotzdem eine Mordanklage.

Wir gingen zwischen den Stoßstangen der Wagen hindurch und ernteten ein paar verwunderte Blicke.

„Was ist denn los?“, rief ein Mann  aus einem Lieferwagen mit dem Logo eines Pizzadienstes. „Wieso geht die Ampel nicht auf grün? Meine Kunden wollen ihr Zeug warm essen!“

„Bleiben Sie im Wagen und verhalten Sie sich ruhig!“, sagte ich. „Wir sind vom FBI.“

Ich zeigte nicht meinen Ausweis oder tat irgendetwas anderes, das mich in den Augen unseres Verdächtigen in irgendeiner Weise verraten hätte.

Was ich sagte, konnte aus dieser Distanz unmöglich verstehen.

Zur gleichen Zeit machten sich unsere Kollegen Jay Kronburg und Leslie Morell von der anderen Seite in Richtung des Mannes mit der grünen Baseball-Kappe auf.

Agent Clive Caravaggio und sein indianischstämmiger Partner Orry Medina waren ebenfalls unterwegs.

Von drei Seiten näherten wir uns. Plötzlich schien Montgomery die Lunte zu riechen. Er machte eine ruckartige Bewegung und spurtete dann los. 

Er trug Turnschuhe und war ziemlich schnell.

Wir nahmen die Verfolgung auf und zogen unsere Waffen. Allerdings kam deren Einsatz unter den gegebenen Umständen wohl kaum in Frage. Die Kreuzung war voller Menschen und selbst ein Warnschuss wäre hoch gefährlich gewesen.

„Stehen bleiben! FBI!“, rief Milo.

Montgomery drehte sich kurz um.

Er riss etwas unter seiner Jacke hervor. Eine Waffe. Er feuerte zweimal kurz hintereinander. Die Schüsse waren schlecht gezielt. Einer zischte mir am Kopf vorbei. Der andere fuhr in den Reifen einer Fordlimousine, aus dem daraufhin zischend die Luft entwich.

Montgomery taumelte vorwärts und erstarrte, als ihm von der anderen Seite die Kollegen Kronburg und Morell entgegenkamen.

Jay Kronburg hatte seinen 3.57er Colt Magnum in der Rechten. Der ehemalige Cop aus den Reihen des New York Police Department verwendete als einziger von uns diese Waffe, während ansonsten die Sig Sauer P226 unsere Standardbewaffnung war.

„Keine Bewegung mehr!“ rief Jay.

Montgomery zögerte. Seine Waffe war nach unten gerichtet. Er blickte erst zu Jay, dann zu uns.

„Die Waffe weg!“, rief Milo.

Er schätzte offenbar das Risiko ab und kam zu dem Schluss, dass er tatsächlich keine Chance hatte.

„Nicht schießen!“, rief er.

Vorsichtig legte er die Waffe auf den Boden und ließ sich anschließend widerstandslos festnehmen.

Orry und Clive tauchten inzwischen ebenfalls auf.

„Das Drama auf der Kreuzung muss heute leider ausfallen“, sagte Jay zum Gefangenen, nachdem die Handschellen geklickt hatten.

Wir sicherten das Handy, mussten aber feststellen, dass ein Großteil der Daten bereits gelöscht war.

Aber das war halb so schlimm. Das Gerät war abgehört worden und so hatten wir die Verbindungsdaten ebenso wie den Inhalt der Datenübertragungen.

„Sie haben das Recht zu schweigen“, sagte Jay. „Falls Sie auf dieses Recht verzichten, kann alles, was Sie von nun an sagen, vor Gericht gegen Sie verwendet werden.“

„Ja, ja, spart euch eure Sprüche!“, rief Montgomery. „Ich bin schneller wieder draußen, als ihr glaubt!“

„Das glauben wohl nur Sie“, sagte Clive Caravaggio. „Von schnell kann keine Rede sein. Die Frage ist, ob überhaupt. Schließlich haben Ihre Spielchen drei Menschen das Leben gekostet!“

„Ich will einen Anwalt!“

„Den bekommen Sie“, versprach Clive.

„Nichts können Sie mir nachweisen! Gar nichts!“

„Abführen“, sagte Clive und wandte sich an Jay und Leslie. „Nehmt ihr ihn mit? Ihr seid mit dem größten Fahrzeug hier.“

„Machen wir“, bestätigte Jay.

Und Leslie ergänzte: „Wird wohl eine Weile dauern, bis sich dieser Stau hier aufgelöst hat!“

Clive nahm das Handy ans Ohr, um mit den Kollegen des NYPD zu sprechen. Im Moment konnten wir hier zwar ohnehin nicht weg – aber einen Stau von dieser Größenordnung aufzulösen gehörte auch nicht unbedingt zu den Dingen, für die man uns ausgebildet hatte.

„Ich bin froh, dass dieser Spuk endlich vorbei ist“, sagte Milo. Zweimal waren Milo und ich selbst von den üblen Scherzen der Hacker betroffen gewesen. Stundenlang hatten wir festgesteckt, während irgendwer am Rand uns unauffällig beobachtete, eine Handykamera herumschwenkte und sich diebisch darüber freute, welches Chaos er angerichtet hatte.

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Zwei Stunden dauerte es, bis unser Sportwagen wieder den ersten Meter fahren konnte.

Wir hatten uns inzwischen einen Hot Dog von der anderen Straßenseite besorgt.

„Ich bin froh, dass dieser Fall endlich abgeschlossen ist“, meinte Milo. „Wenn ich nur daran denke, wie viele personelle Ressourcen durch diesen Wahnsinnigen gebunden worden sind!“

„Der war das nicht allein“, gab ich zu bedenken. „Da gab es eine geölte Maschinerie im Hintergrund, die mitgeholfen hat.“

„Du meinst diejenigen, die die Bilder im Internet veröffentlicht haben?“

„Zum Beispiel.“

Dann erreichte uns ein Anruf von Mr Jonathan McKee, dem Chef des FBI Field Office New York.

Eigentlich hatte ich angenommen, dass Mr McKee anrief, um den am Einsatz beteiligten Beamten wegen der Ergreifung des Ampel-Hackers zu gratulieren. Aber weit gefehlt. Es ging um etwa anderes. Wir sollten einen Tatort aufsuchen, der sich nur zwei Blocks von unserem Standort befand.

„Es handelt sich um Darren W. Hoffman. Er wurde in seiner Wohnung tot aufgefunden. Das NYPD ist dort und natürlich die Scientific Research Division.“

Der Name Hoffman sagte mir etwas. Ich glaubte, ihn irgendwo schon mal gehört zu haben, konnte ihn aber in Moment nirgendwo einordnen. Mit einem unserer Fälle hatte er jedenfalls nichts zu tun, da war ich mir ziemlich sicher.

„Weshalb wurden wir hinzugezogen?“, fragte ich.

„Hoffman ist Computerspezialist bei SuperSecure Inc., einer Firma in Queens...“

Der Name dieser Firma sagte mir schon eher etwas und dann machte es klick.

„Hat dieser Hoffman nicht diese Fortbildung zur Computersicherheit geleitet, an der sämtliche Agenten innerhalb eines Jahres teilnehmen mussten?“

„Richtig“, bestätigte Mr McKee. „SuperSecure berät unter anderem das FBI und das Pentagon in Sachen Computersicherheit. Die Kollegen am Tatort haben die Todesursache noch nicht komplett ermittelt, aber fest steht, dass das Opfer mit einem Elektroschocker außer Gefecht gesetzt und ihm dann eine noch unbekannte Substanz injiziert wurde.“

„Vielleicht eine Wahrheitsdroge, um an Informationen heranzukommen“, vermutete Milo.

„Jedenfalls besteht der Verdacht eines terroristischen Hintergrundes. Ich habe einen Anruf aus Washington bekommen, mit der Anweisung, dass wir den Fall übernehmen.“

Mr McKee beendete das Gespräch.

„Was sollen wir jetzt tun? Wir sitzen hier noch ‚ne Weile fest“, stellte Milo klar.

Ich deutete auf den eingebauten TFT-Bildschirm, der zu einer voll funktionsfähigen Computeranlage gehörte. „Wir könnten natürlich die Zeit damit verbringen, uns schon mal gründlich über Mister Hoffman im Internet zu informieren oder gegebenenfalls auch in unseren eigenen Dossiers, falls es darüber welche geben sollte.“

„Die gibt es bestimmt, Jesse“, war Milo recht zuversichtlich. „Wenn er wirklich EDV-Berater des FBI war, dann gibt es auch eine Akte über ihn – und zwar eine, die alles enthält, was irgendwie bedenklich sein könnte...“

„Müsste ja über NYSIS zugänglich sein“, fuhr Milo fort und ließ unseren Computer hochfahren.

„Weißt du was? Schau du dir die Akte an und komm mit dem Wagen nach. Ich werde einfach schon mal zu Fuß zum Tatort gehen.“

„Aber...“

„Das dürfte in diesem Fall wohl einfach das Schnellste sein.“

„Sonst kriegt dich keiner vom Steuer dieses Hybriden weg, aber jetzt...“

„Jetzt er leider dazu verurteilt, im Schneckentempo voranzukommen. Alle Viertelstunde mal einen Meter vorwärts oder so.“

Milo sah mich an und hob dabei die Augenbrauen.

„Dafür habe ich was gut bei dir, Jesse.“

„Aber sicher!“

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Ich stieg aus. Die 10th Avenue am St. Luke’s zu überqueren ist normalerweise der reinste Selbstmord. Aber im Moment war das problemlos möglich. Allerdings war der Kerl, der für diese Verkehrsberuhigung gesorgt hatte, alles andere als ein Weltverbesserer oder jemand, der dem Auto aus edlen Motiven heraus den Krieg erklärt hatte.

Montgomery war einfach nur jemand, der Vergnügen dabei empfand, Menschen, die er fast wie in einer groß angelegten Versuchsanordnung in eine Krisensituation geführt hatte, dabei zu beobachten, wie sie reagierten. Wie sie litten, wie sich gegenseitig versuchten, aus den Unfallwagen herauszuholen, weil die Rettungsfahrzeuge einfach nicht bis zum Ort des Geschehens vordringen konnten.

Montgomery war jemand, der die Situation kontrollierte, während er sie gleichzeitig für andere völlig außer Kontrolle brachte.

Während mir das durch die Gedanken hing und ich mich zwischen den Stoßstangen der Wagen herdrückte, versuchte ich nicht daran zu denken, dass Montgomery wahrscheinlich sogar noch mildernde Umstände bekam, weil ein findiger Psychologe eine Persönlichkeitsstörung bei ihm diagnostizierte.

Vielleicht hatte er die sogar.

Allerdings war seine eigenartige Veranlagung, die sich allein schon aus seiner Vorgehensweise ergab, wohl nicht das einzige Motiv für ihn gewesen, seinem verspäteten Spieltrieb freien Lauf zu lassen und in mehr oder minder regelmäßigen Abständen für Chaos auf den Straßen des Big Apple zu sorgen.

Er machte auch Geld damit.

Um die schärferen Aufnahmen sehen zu können, musste man sich nämlich einloggen und ein paar Dollar auf ein Konto auf den Cayman Inseln überweisen. Der Weg der Daten war heutzutage so gut zu tarnen, dass man ihm kaum folgen konnte. Aber glücklicherweise war Geld da etwas schwerfälliger und vor allem hinterließ es deutlichere Spuren.

Und diese Spuren waren eines der Indizien gewesen, das uns auf Montgomery gebracht hatte.

Ein paar weitere Verhaftungen folgten zeitgleich oder würden noch folgen, denn ich nahm nicht an, dass alle aus dieser Gang einen Deal mit der Justiz gegen eine umfassende Aussage prinzipiell verweigern würden.

Ich erreichte schließlich die andere Straßenseite und versuchte den Ampel-Hacker aus meinem Bewusstsein zu verbannen. Wir hatten jetzt einen neuen Fall. Und das bedeutete, ich musste alles aus meinen Gedanken löschen, was mit dem altem zu tun hatte. Denn, dass es zwischen Hoffman und Montgomery einen Zusammenhang gab, war nun wirklich nicht anzunehmen.

Ich ging ziemlich schnellen Schrittes die Straße entlang. Auch hier stauten sich Autos wahrscheinlich auf über eine Meile. Die Kollegen der City Police, die schon am Tatort waren, mussten Glück gehabt haben und schon vor Montgomerys Aktion in der Gegend gewesen sein.

Ich hoffte, dass sie schon etwas herausgefunden hatten.

Schließlich stand ich vor der Adresse, die Mr McKee uns angegeben hatte. Es war ein gut erhaltener und gepflegter Brownstone-Bau.

Schon am Eingang begrüßte mich ein Officer des NYPD.

An seiner Uniform standen sein Name und sein Rang. Lieutenant O. McCafferty war da zu lesen.

„Sir, ich darf im Moment niemanden ins Haus lassen“, sagte er.

Ich zeigte ihm meine ID-Card. „Ich werde hier erwartet.“

„In Ordnung. Gehen Sie durch, dann drei Treppen hoch. Der Aufzug wird im Moment erkennungsdienstlich untersucht, den können Sie also nicht benutzen.“

„Naja, Bewegung tut gut“, seufzte ich.

Ich betrat das Haus. Es gab Videokameras und außerdem patrouillierte ein Mann in der Uniform eines Security Service auf und ab. Er schien ziemlich nervös zu sein. Er wollte mich schon ansprechen und wahrscheinlich hinauswerfen, als ich auch ihm meine ID-Card entgegenhielt.

„Nichts für ungut, Sir.“

„Sagen Sie, sind diese Kameras eigentlich in Betrieb?“, fragte ich.

„Sie sind doch wegen Mister Hoffman hier, oder?“

„Bin ich“, bestätigte ich.

„Sehen Sie, das ist ja gerade die Tragik! Mister Hoffman ist Computerspezialist und in unserer Überwachungsanlage war – wie soll ich sagen? – der Wurm drin. Das meine ich jetzt ganz wörtlich. Computerwürmer sind eine fiese Sache und ich habe bis heute keine Erklärung dafür, wie es soweit kommen konnte. Jedenfalls hat sich Mister Hoffman bereit erklärt, die Anlage wieder in Gang zu bringen. Leider war es dazu nötig, sie abzuschalten.“

„Jetzt sagen Sie nicht, Hoffman ist genau in dem Zeitraum ermordet worden.“

„Doch genauso ist es. Wer immer auch zu ihm in die Wohnung gegangen ist und ihn umgebracht hat, wir haben keine Bilder von ihm.“

„Vielleicht brauche ich nachher noch mal Ihre Hilfe“, sagte ich.

Nachdem ich die drei Treppen hinter mich gebracht hatte, gelangte ich zu Hoffmans Wohnung. Man ließ mich passieren, nachdem ich meine ID-Card noch ein paar Mal vorzeigen musste. Dann entdeckte mich der Einsatzleiter, ein grauhaariger, kleiner Mann mit krausen Haaren und einem breiten Gesicht. Ich schätze ihn auf nicht jünger als 45 und nicht älter als 55 Jahre ein. Dazwischen schien mir alles möglich zu sein.

„Ich bin Captain Josh Belcona von der Homicide Squad des zuständigen Reviers“, stellte er sich vor.

„Special Agent Jesse Trevellian. Mein Kollege wird nachkommen, sobald er einen Parkplatz gefunden hat.“

„Da draußen ist ja wirklich der Teufel los“, nickte Belcona.

„Das wird so schnell nicht wieder passieren.“

„Heißt das, Sie haben den Kerl, der sich einen Spaß daraus macht, Ampeln zu manipulieren?“

„Richtig.“

„Glückwunsch, Agent Trevellian! Die ganze Stadt wird dem FBI dankbar sein.“

Captain Belcona führte mich durch die Wohnung, wo bereits einige Kollegen der Scientific Research Division seit ein paar Stunden ihrem Job nachgingen. Die Wohnung beeindruckte zunächst mal durch ihre schlichte Größe.

„Ich schätze, das sind gut zweihundert Quadratmeter“, stellte ich fest.

„Zweihundertfünfzig“, korrigierte mich Captain Belcona. „Habe ich von der Hausverwaltung. Jedenfalls muss man schon einiges verdienen, um sich eine Wohnung dieser Größenordnung in New York leisten zu können.“

Belcona führte mich ins Wohnzimmer. 

„Wir haben den Tathergang einigermaßen rekonstruieren können. Die Leiche trägt das charakteristische Brandmal eines Elektroschockers. Genau hier wurde Darren W. Hoffman damit außer Gefecht gesetzt.“ Captain Belcona streckte den Arm aus und deutete auf den Handlauf eines ziemlich klobigen Sessels. Der Handlauf war aus Holz. An der Kante klebte etwas Dunkelrotes. Getrocknetes Blut. „Dort ist er mit dem Kopf aufgekommen“, fügte Belcona hinzu.

Es gibt keine einzige anerkannte wissenschaftliche Veröffentlichung über die genaue Wirkung von handelsüblichen Elektroschockern. Genau das macht diese Waffe auch so umstritten, denn der Effekt scheint höchst unterschiedlich zu sein. Höllische Schmerzen und der sofortiger Verlust der Kontrollfähigkeit über die Muskulatur scheinen allerdings gesichert zu sein. Auf manche Personen wirkt die Waffe aber auch tödlich.

„Gab es Anzeichen für ein gewaltsames Öffnen der Tür?“, fragte ich.

„Nein“, sagte Belcona.

„Dann wurde der Mörder hereingelassen. Es muss also jemand sein, den Hoffman kannte“, schloss ich.

Captain Belcona nickte. „Das sehen wir genauso. Dafür spricht auch, dass der Mörder mit dem Schocker auf Armlänge an das Opfer heran musste. Es gibt keine Spuren eines Kampfes oder dergleichen.“

„Also Hoffman liegt kampfunfähig auf dem Boden. Was geschah dann?“, fragte ich.

„Ihm wurde eine Injektion verabreicht. Wir wissen noch nicht genau, was diese Injektion bewirkt hat. Dazu bedarf es weiterer Untersuchungen. Genauso wenig können wir sagen, welche Substanz benutzt wurde. Abgesehen davon waren es insgesamt zwei Injektionen. Aber dazu wird Ihnen Dr. Claus vielleicht Näheres sagen können. Er ist drüben im Schlafzimmer.“

Dr. Brent Claus von der Scientific Research Division, kannte ich sehr gut. Der Gerichtsmediziner in Diensten des von allen New Yorker Polizeieinheiten in Anspruch genommenen Erkennungsdienstes hatte bei zahlreichen Ermittlungen mit uns zusammengearbeitet und ich schätzte seine Arbeit sehr.

So manchen Fall hatten wir schon lösen können, weil die Untersuchungsergebnisse des Pathologen uns auf die richtige Spur gebracht hatten.

Ich folgte Captain Belcona ins Schlafzimmer. „Die Schleifspuren sind längst gesichert“, sagte er.

Im Schlafzimmer befand sich ein großes Doppelbett. Darauf lag der Tote. Dr. Brent Claus war bei ihm. Hoffman trug ein T-Shirt und eine Jeans. Die Schuhe, die er getragen hatte, standen fein säuberlich nebeneinander vor dem Bett.

Ich begrüßte Dr. Claus.

„Tja, im Moment komme weder ich hier weg, noch hat der Leichenwagen eine reelle Chance bis zu dieser Adresse vorzufahren“, stellte Dr. Claus fest.

Ich nickte. „Wem sagen Sie das!“

„Wie haben Sie es denn geschafft?“

„Ich bin zu Fuß hier!“

Dr. Claus lachte. „Anders ist es im Moment wohl auch gar nicht möglich.“

„Sie sagen es.“

„Naja, jedenfalls habe ich schon ein bisschen mit der Arbeit begonnen. Aufschneiden kann ich Mister Hoffman hier zwar nicht, aber der erste Schritt ist sowieso immer, dass man seine Augen benutzt.“

Ich deutete auf die Schuhe. „Haben Sie die so hingestellt, Dr. Claus?“

Er schüttelte den Kopf. „Nein. Die Schuhe haben wir so vorgefunden. Das muss der Täter gewesen sein, nachdem er das Opfer auf das Bett geschafft hat.“

„So etwas habe ich ehrlich gesagt noch nie gesehen! Der Täter muss ganz schön kaltblütig sein“, ergänzte Captain Belcona. „Ich meine, dass er an so etwas wie die Schuhe überhaupt gedacht hat, nachdem er gerade einen Menschen  umgebracht hat...“

Ich hob die Augenbrauen. „Dann scheinen wir es wohl mit einem sehr ordentlichen Menschen zu tun zu haben“, vermutete ich.

Dr. Claus stellte nun dar, wie seiner Meinung nach alles abgelaufen war.

„Der Täter hat zwei Injektionen gesetzt“, erklärte er. „Eine davon subkutan – also in den Muskel. Die andere intravenös.“ Claus zog das T-Shirt etwas hoch. Um einen kleinen roten Punkt hatte sich ein Hämatom gebildet. „Diese Spritze in den Muskel wurde vermutlich noch drüben im Wohnzimmer gesetzt, nachdem Hoffman kampfunfähig zusammengebrochen ist. Ich kann natürlich nur vermuten, wie sie gewirkt hat, aber...“

„Was vermuten Sie?“, hakte ich nach.

„Dass es sich um eine lähmende, extrem muskelentspannende Substanz gehandelt hat, die dafür sorgte, dass das Opfer paralysiert bleibt.“

„Und die zweite Injektion?“

„Ich vermute, deren Inhalt hat den Tod ausgelöst. Eine intravenös gesetzte Giftspritze.“ Dr. Claus deutete auf die Einstichstelle in der Armbeuge.

Ich kratzte mich am Kinn. „Eine ziemlich seltsame Vorgehensweise“, musste ich zugeben.

„Aber eine, die zu jemandem passt, der auf Nummer Sicher gehen will“, sagte Belcona. „Er wollte offenbar verhindern, dass es zu einem Kampf kommt...“

„Aber ganz hat er das nicht geschafft“, stellte Dr. Claus fest. „Das Opfer hat etwas unter den Fingernägeln der rechten Hand gehabt, das möglicherweise getrocknetes Blut und Hautpartikel des Täters enthält...“

„Er hat ihn gekratzt?“, fragte ich.

Claus nickte. „Ein Kollege von uns hat die Spuren schon gesichert. Sie müssen also nicht befürchten, dass ich durch meine Arbeit hier irgendetwas kaputtmache.“

Ich hob beschwichtigend die Hände. „Das hätte ich bei Ihrer Erfahrung ohnehin nie vermutet, Dr. Claus!“

„Es gibt noch einen interessanten Aspekt“, erklärte Captain Belcona.

Ich sah ihn an. „Ich bin ganz Ohr, Captain.“

„Kommen Sie. Das ist etwas, das in New York so exotisch geworden ist, dass man es schon mit eigenen Augen gesehen haben muss.“

Er führte mich zurück ins Wohnzimmer und von dort aus in die Küche. Dort befand sich ein  Tisch, auf dem die Kollegen der SRD mehrere Proben sorgfältig in Plastik verpackt isoliert und abgelegt hatten.

Zwei dieser Tütchen enthielten tatsächlich etwas, dessen Anblick in dieser Stadt ausgesprochen selten geworden war.

„Zigarettenkippen“, stieß ich hervor.

„Lagen auf dem Boden verstreut herum. Außerdem war da noch etwas, das man als Sand bezeichnen könnte.“

„Long Island ist ein bisschen weit weg, um Sand vom Strand hier her zu tragen“, meinte ich.

„Der Sand hat etwas mit den Zigarettenkippen zu tun, denn er wurde nur dort gefunden, wo auch Kippen verstreut waren...“

„Sie sagten verstreut?“, fragte ich.

Captain Belcona nickte. „Genauso sieht es aus. Der Tote ist Nichtraucher gewesen. Und selbst bei oberflächlicher Prüfung sieht man schon, dass die Stummel von unterschiedlichen Zigarettensorten stammen...“

„Sollte der so auf Sicherheit bedachte Pedant, der Hoffman auf dem Gewissen hat, vielleicht eine schmutzige Seite haben?“

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Auf Milo wartete ich zunächst vergebens. Der Stau auf der 10th Avenue war offenbar noch weit aus hartnäckiger, als ich es mir hatte vorstellen können. Gelegentlich warf ich einen Blick aus den Fenstern von Hoffmans Wohnung, von wo aus man einen guten Überblick über diesen Teil der 10th Avenue hatte. Die Fußgängerwege waren zum Teil mit Autos verstopft. Es war furchtbar. Ich empfand allerdings auch eine gewisse Genugtuung bei dem Gedanken, dass derjenige, der für dieses Chaos verantwortlich war, jetzt nicht mehr mitbekam, ob seinetwegen ein paar Verkehrsteilnehmer die Kontrolle über sich verloren.

Captain Josh Belcona führte mich in das Arbeitszimmer des Computerspezialisten. Hoffman verfügte selbst über einen privaten, sehr luxuriös ausgestatteten Rechner samt Internetzugang.

Ich wurde Barry McCluskey vorgestellt, der vor zwei Monaten bei der Scientific Research Division angefangen war und im Rahmen seiner Tätigkeit vor allem Computern auf den Zahn fühlte.

„Haben Sie schon etwas herausgefunden?“, fragte Belcona.

McCluskey – ein schlaksig wirkender Mann mit aschblonden Locken, die ihm ziemlich weit im Gesicht hingen – schüttelte bedauernd den Kopf. „Nein. Erst dachte ich, er hätte vielleicht Arbeit mit nach Hause genommen und an Daten gearbeitet, die sicherheitstechnisch sensibel sind.“

„Und das hat er nicht?“

„Nein. Es gibt nicht eine einzige verdächtige Datei auf diesem Rechner.“

„Könnte des nicht sein, dass er gründlich gesäubert wurde?“, fragte ich.

„Vom Täter?“, fragte McCluskey.

„Von wem auch immer.“

„Nein, dagegen spricht, dass Hoffman offenbar nichts dabei fand, mit anderen Daten recht sorglos umzugehen. Zum Beispiel sind seine Mail- und Telefonkontakte alle noch da!“ 

„Es wäre gut, wenn ich davon einen Ausdruck oder eine Kopie der Daten bekommen könnte“, sagte ich.

„Natürlich“, nickte McCluskey. „Und ob nicht doch etwas an dem Rechner gemacht wurde, bekommen wir natürlich auch heraus – das dauert nur etwas...“

Eine Frau im blauen Kleid trat in den Raum. Sie war sehr edel gekleidet, auch wenn ihr Rock ein paar Zentimeter zu hoch endete, als dass sie noch wirklich seriös hätte wirken können. Sie wurde von einem der Lieutenants des NYPD hereingeführt. 

„Captain, das ist Tamara Jordan, von SuperSecure Inc.“, sagte der Lieutenant. Seine ID-Card hing ihm am Revers. Darauf war zu lesen, dass sein Name Jennings war.

„Kann ich hier vielleicht mal jemanden sprechen, der verantwortlich ist?“, fragte Tamara Jordan. Ihre Körperhaltung war betont gerade, ihr Kinn ziemlich hoch. Offenbar war sie es gewöhnt, dass in ihrem direkten Umfeld alles auf ihr Kommando hörte.

Captain Josh Belcona beeindruckte das nicht weiter. Er blieb ruhig und sachlich. „Wir gehen in einen der Räume, die schon spurentechnisch restlos abgegrast sind“, bestimmte er. „Da können wir uns unterhalten.“ Er deutete auf mich. „Das ist ist übrigens Special Agent Jesse Trevellian vom FBI Field Office New York. Und mein Name...“

„Ich erinnere mich an Ihre Stimme von unserem Telefongespräch her“, sagte Tamara Jordan kühl und wandte sich an mich. Sie stellte sich als Executive Manager von SuperSecure vor – was auch immer diese Bezeichnung genau bedeuten mochte.

Wir gingen in einen Raum, den die Kollegen der SRD schon komplett untersucht hatten. Es gab eine Sitzgruppe und eine Spielkonsole.

„Es schön, dass sich das FBI um die Sache kümmert“, sagte Tamara Jordan. „Dann besteht ja vielleicht die Hoffnung, dass der Fall auch ernst genug genommen wird.“

„Sie brauchen Sie in dieser Hinsicht keine Sorgen zu machen“, sagte ich.

„Ach, nein?“

„Wir nehmen jeden Mord sehr ernst und werden alles dafür tun, herausfinden, wer Ihren Mitarbeiter umgebracht hat.“

„Als ich gestern bei der Homicide Squad des zuständigen Polizeireviers anrief, hatte ich nicht den Eindruck, als würde man mich besonders ernst nehmen.“ Sie wandte einen tadelnden, herablassenden Blick in Captain Belconas Richtung und fuhr dann fort: „Wissen Sie, Mister Hoffman ist – war – nicht irgendein Mitarbeiter. Er war wirklich ein Spezialist auf seinem Gebiet. Es ging gestern darum, mit einer sehr großen Flugzeugfirma einen Kooperationsvertrag abzuschließen und Mister Hoffman sollte den Vertretern unseres Kunden den Eindruck vermitteln, dass ihre Entscheidung richtig war und sie ihre Computersicherheit getrost in unsere Hände legen könnten. Schließlich hat Darren – Mister Hoffman – auch für das Pentagon und das FBI ein solches Konzept erstellt und seitdem danach gearbeitet wird, ist es ja auch nicht wieder vorgekommen, dass ein paar Witzbolde die Gesichter von Verbrechern auf der FBI-Website durch die Köpfe von Mickey Mouse und Donald Duck ersetzen!“ Tamara Jordan atmete tief durch. Sie kramte in ihrer Handtasche herum, fand aber nicht, was sie suchte. Nach einem weiteren Durchatmen fuhr sie dann fort: „Wie auch immer, der überaus korrekte, überaus penible und überaus pünktliche Darren W. Hoffman, der in der Lage war, sich die ersten 200 Stellen der Zahl Pi zu merken und der mehrere Programmiersprachen besser beherrscht als jede Sekretärin des FBI das zehn Finger-System, kam einfach nicht. Dieser Mann hat noch nie einen Termin vergessen. Er verfügte privat über den letzten Schrei an mobilen Kommunikationssystemen und hätte bestimmt gemeldet, wenn er sich auf der Treppe ein Bein gebrochen hätte oder dergleichen. Aber als ich bei den geschätzten Vertretern des New York Police Department anrief, da musste ich mich mit dem Hinweis abspeisen lassen, dass es für eine Vermisstenanzeige einfach zu früh sei! Die werde frühestens nach 24 Stunden angenommen und nicht nach zwei!“

„Aber Sie haben nicht locker gelassen“, vermutete ich.

„Natürlich nicht! Parallel dazu haben wir natürlich unsere Kanäle nach Washington spielen lassen und wie Ihr Auftauchen hier beweist, war das ja auch nicht ganz erfolglos.“ Sie sah mich abschätzig an, verzog etwas das Gesicht und fügte dann noch hinzu: „Obwohl – das Ihre Behörde nur mit einem einzigen Agenten hier ist, spricht natürlich auch nicht gerade dafür, dass Sie die Sache richtig angehen und ich mir keine Sorgen mehr zu machen brauche.“

„Es sind weitere Kollegen unterwegs“, erwiderte ich. „Und Sie können wirklich sicher sein, dass wir den Fall nicht auf die leichte Schulter nehmen. Aber Sie werden ja auch gesehen haben, was da draußen los ist.“

„Wenn Ihre Leute Schwierigkeiten mit dem Verkehr haben, sollten sie vielleicht die U-Bahn benutzen – so wie ich!“ Sie hatte jetzt endlich gefunden, was sie die ganze Zeit in ihrer Handtasche gesucht hatte. Zigaretten. Sie zog eine davon aus der Packung heraus und steckte sie zwischen ihre Lippen.

Als sie Josh Belconas große Augen sah, hob sie die Augenbrauen.

„Was ist? Was glotzen Sie mich so an? Haben Sie etwas dagegen, wenn ich dafür sorge, dass mein Puls wieder Normalwerte bekommt? Sie sind Beamter mit Pensionsanspruch, Mister Belcona...“

„Captain Belcona. So viel Zeit muss sein, Ma’am.“

„...aber ich muss heute Nachmittag erklären, wie wir diesen so überaus wichtigen Großkunden doch noch bei der Stange halten!! Einen Großkunden, der in erster Linie auf Grund von Darrens Konzept geworben werden konnte! Da stehen Arbeitsplätze auf dem Spiel und wer was noch alles... Aber solche Sorgen brauchen Sie sich ja nicht zu machen! Sie können schon zufrieden sein, wenn Sie mal wieder einen Bürger, der den Verdacht äußert, dass eine Straftat geschehen ist, am Telefon abwimmeln können, damit sich auf Ihrem Schreibtisch auch nichts ansammelt – außer Staub!“

„Sie werden jetzt unhöflich“, stellte Belcona fest.

Tamara Jordan griff nach dem Feuerzeug, knipste damit herum, aber sie war zu nervös, als dass sie eine Flamme zu erzeugen vermochte.

„Und rauchen dürfen Sie hier nicht. Dies ist zwar kein öffentliches Gebäude, aber Ihre Ausdünstungen würden die Spurenlage verfälschen.“

Tamara Jordan verzog das Gesicht. Und ließ das Feuerzeug wieder in der Handtasche verschwinden.

Barry McCluskey, der Computerspezialist der Scientific Research Division kam herein. „Captain Belcona, ich möchte Ihnen etwas zeigen.“

„Bin gleich wieder da“, versprach Belcona und ging hinaus.

Vielleicht war es besser, wenn ich mich mit Tamara Jordan allein unterhielt.

„Man wird als Raucher inzwischen richtig verfolgt“, beschwerte sie sich. „Finden Sie das in Ordnung?“

„Ich habe aufgehört“, sagte ich.

„Am gesündesten wär’s wahrscheinlich. Wenigstens arbeite ich in einer Firma, die da etwas toleranter ist und keinen Kreuzzug gegen die eigenen Mitarbeiter führt.“

„Können Sie mir ein paar Namen von Menschen nennen, die Hoffman privat gut kannten?“, fragte ich. „Hatte er vielleicht eine Beziehung?“

Sie wirkte jetzt etwas ruhiger. Ihre Stimmlage senkte sich. „Es gab da eine Arlene O’Donovan, mit der er liiert war – wenn das im klassischen Sinn überhaupt zutrifft. Darren war sehr verschlossen. Er öffnete sich nicht leicht und hatte Schwierigkeiten, Beziehungen zu knüpfen. Zumindest im privaten Bereich. Ich glaube nicht, dass es einen einzigen Mitarbeiter von SuperSecure gibt, der gesagt hätte, er sei mit Darren befreundet gewesen. Er war irgendwie unnahbar...“

„Und diese Arlene O’Donovan?“

„Die Adresse lasse ich Ihnen zukommen, wenn Sie mir Ihre Mailadresse geben. Außerdem eine Liste aller Mitarbeiter, die enger mit Darren zusammengearbeitet haben. Diese Arlene ist Immobilienmaklerin. Wir habe sie überprüfen lassen. Ich glaube nicht, dass sie in irgendwelche krummen Sachen verwickelt war oder von jemandem auf ihn angesetzt wurde...“

„Sie lassen Ihre Mitarbeiter überwachen?“, fragte ich erstaunt.

„Überprüfen“, korrigierte sie. „Ja, wir wir überprüfen auch das private Umfeld von Mitarbeitern, wenn sie so wichtig sind wie Darren W. Hoffman.“

„Und Mister Hoffman wusste davon?“

„Er hat sogar eine Erklärung unterschrieben, die besagte, dass er damit einverstanden war. Es diente letztlich auch seiner persönlichen Sicherheit. Sehen Sie, Darrens Wissen war Millionen wert. Und für manche Interessenten vielleicht sogar unbezahlbar. Ausländische Geheimdienste, Terror-Organisationen oder auch das organisierte Verbrechen – suchen Sie sich aus, wen Sie wollen. Da gibt es genügend Leute, die gerne gewusst hätten, wie Hoffman die EDV-Sicherheit des Pentagon gewährleistet hat.“

„Durch wen sind diese Überwachungen durchgeführt worden?“

„Durch einen Sicherheitsdienst, mit dem wir zusammenarbeiten und der auch unsere Firmengelände abschirmt.“ 

Ich gab Tamara Jordan meine Karte. „Wenn Ihnen irgendetwas einfällt, sagen Sie mir Bescheid oder mailen Sie mir.“

„Das werde ich tun“, versprach sie und gab mir dafür ihre Karte. „Ich sorge dafür, dass Sie jederzeit zu mir durchgestellt werden, auch wenn ich im Meeting sitzen sollte.“

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Milo traf schließlich doch noch am Tatort ein – und mit ihm unsere Kollegen Mell Horster und Sam Folder, zwei Erkennungsdienstler, die die Kräfte des SRD unterstützen sollten. Eine halbe Stunde später bekamen wir dann auch noch Unterstützung durch die Kollegen Fred LaRocca und Josy O'Leary, die damit begannen, die anderen Bewohner des Hauses und die Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes systematisch zu befragen. Möglicherweise war ja jemandem etwas aufgefallen.

Die Telefon- und Mailkontakte, die sich anhand von Hoffmans Rechner nachvollziehen ließen, schienen fast ausschließlich privater Natur zu sein.

„Hoffman hat sich in mehreren Chatrooms eingeloggt und dort offenbar sein Kontaktbedürfnis unter Verwendung diverser Pseudonyme befriedigt“, erklärte Barry McCluskey. „Leider ist nichts dabei, was uns irgendeinen Hinweis liefert. Und was diese Chatrooms angeht, scheint auch nichts dabei zu sein, wo man von vorn herein gleich die Ohren spitzen müsste... Aber eine Sache ist merkwürdig.“

„Und was?“, hakte ich nach.

„Es dreht sich nicht um den Rechner, sondern um Hoffmans Mobiltelefone.“ McCluskey führte uns zu einem niedrigen Glastisch, dessen Fuß wie ein Bonsai geformt war. Offenbar ein Designer-Stück. Auf der Glasfläche lagen mehrere Mobiltelefone, darunter ein Communicator mit vollständiger Mini-Tastatur und ein Gerät, das nur über einen Touchscreen bedient werden konnte.

Insgesamt waren es fünf Modelle.

„Der Mann war wirklich immer erreichbar“, staunte Milo.

McCluskey deutete auf das letzte Modell in der Reihe. Es war dem Funkgeräten der Raumschiffbesatzung der ersten Star Trek-Staffel nachempfunden. „Interessant ist dieses Ding dort. Sieht auf den ersten Blick wie ein Spielzeug aus, aber man kann damit telefonieren. Es läuft mit einer Prepaid-Karte. Ich habe die Daten ausgelesen und dabei hat sich folgendes herausgestellt: Hoffman muss damit regelmäßig telefoniert haben, denn das Guthaben auf der Karte war schon ziemlich verbraucht. Aber es finden sich keinerlei Kontaktdaten.“

„Sie meinen, er hat sie gelöscht?“, fragte ich.

McCluskey nickte. „Ja, er scheint eine Komplettlöschung durchgeführt zu haben.“

„Könnte das nicht auch der Täter gemacht haben?“, hakte Milo nach, den ich inzwischen in groben Zügen über die bisherigen Erkenntnisse aufgeklärt hatte.

Aber McCluskey schüttelte den Kopf. „Nein, der hätte doch viel leichter die Handys einfach mitnehmen können, falls er befürchtet hätte, dass sich darauf irgendwelche Daten befinden, die ihn kompromittieren konnten.“

„Gibt es noch irgendeine Möglichkeit diese Kontaktdaten wiederherzustellen?“, fragte ich.

„Ja, aber das ist aufwendig und ich brauche etwas Zeit dazu. Aber sobald ich etwas weiß, melde ich mich.“

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Als wir den Tatort verließen, dämmerte es schon. Die Ermittlungen hatten sich ziemlich hingezogen und waren leider ziemlich ergebnislos verlaufen.

Weder die Befragungen der andere Hausbewohner noch die Überprüfung der ermittelbaren Kontaktpersonen, mit denen Hoffman via Internet oder Handy in Kontakt gestanden hatte, führte zu irgendeinem Ergebnis, das einen Ermittlungsansatz geboten hätte.

Jetzt waren wir auf die weitergehenden Ermittlungsergebnisse des Erkennungsdienstes angewiesen.

Der Stau in der 10th Avenue war inzwischen Vergangenheit und in den Lokalnachrichten war die Verhaftung des Ampel-Hackers der große Aufmacher. Der Tenor dieser Berichte war dahingehend, dass die New Yorker Autofahrer endlich wieder aufatmen konnten.

Nachdem wir kurz mit dem Field Office im Bundesgebäude an der Federal Plaza 26 Kontakt aufgenommen hatten, um Mr McKee einen kurzen Zwischenbericht geben zu können, fuhren wir noch zur Adresse von Arlene O’Donovan.

Sie wohnte in einem schmucken Apartment Haus im Cast Iron  Stil in Chelsea. Ihre Immobiliengeschäfte schienen also recht erfolgreich zu laufen, sonst hätte sie sich dies kaum leisten können.

Uns öffnete eine Frau von etwa dreißig Jahren mit roten Haaren, die ihr offen über die Schultern fielen.

Sie trug noch ihr Business-Kostüm – allerdings ohne die dazugehörigen Schuhe.

„Jesse Trevellian, FBI, dies ist mein Kollege Milo Tucker. Wir möchten Ihnen ein paar Fragen über Mister Darren W. Hoffman stellen...“

Sie sah uns stirnrunzelnd an, bat uns dann herein und bot uns einen Platz an. Das Wohnzimmer enthielt kaum persönliche Gegenstände. Weder Bücher noch Blumen oder Bilder. Die Einrichtung war wie geleckt. Man hätte denken können, dass es sich um eines jener Objekte handelte, die Arlene O’Donovan solventen Kunden zum Verkauf anbot. Die Wohnung einer Frau, die offenbar viel arbeitete und wenig zu Hause war.

„War er bei Ihnen?“, fragte Arlene.

Ich hob die Augenbrauen. „Sie meinen Darren?“

„Ja. Ich habe ihm gesagt, er soll sich an das FBI oder die Cops wenden, denn...“ Sie brach plötzlich ab und sah mich mit einem Blick an, in dem sich ihr aufkommendes Entsetzen  spiegelte. Sie schluckte und ihr sehr helles, sommersprossiges Gesicht wurde nun von einer sanften Röte überzogen. „Sie sind gar nicht hier, weil er sich an Sie gewandt hat.“

„Mister Darren W. Hoffman wurde ermordet. Es tut mir Leid, Ihnen das auf diesem Weg mitteilen zu müssen“, sagte ich.

„Nein!“, flüsterte sie und verbarg ihr Gesicht mit den Händen. Sie schluchzte kurz auf und schüttelte dann verzweifelt den Kopf. Als sie die Hände wieder fortnahm und sich einigermaßen gefangen hatte, war das Make-up verschmiert. „Ich habe es gewusst! Ich habe es gewusst, dass da was faul war!“

„Ma’am, es wäre ausgesprochen hilfreich, wenn Sie uns genauer sagen könnten, was Sie damit meinen“, mischte sich Milo in das Gespräch ein. „Wir sind hier, weil wir herausfinden wollten, wer Mister Hoffman umgebracht hat. Jeder Hinweis kann uns da weiterhelfen.“

Sie nickte, atmete tief durch und schloss für ein paar Augenblicke die Augen, so als müsste sie erst einmal innerlich Kraft schöpfen. „Sie wissen ja, dass Darren in einer Branche arbeitete, in der ein sehr hoher Sicherheitsstandard gilt. Computersicherheit für das Pentagon – so was ist ja auch interessant für alle möglichen dunklen Gestalten. Vor einer Woche waren wir essen, da ist Darren fast überfahren worden. Er hatte etwas im Wagen vergessen, ist noch mal zurück über die Straße und dann kam dieser Wagen plötzlich an.“

„Sind Sie sicher, dass es kein Unfall war?“

„Das war in der Avenue A vor Nolan’s Restaurant. Da ist es nun wirklich nachts so hell wie am Tag! Es ist unmöglich, dass der Fahrer Darren nicht gesehen hat! Außerdem hat der Kerl beschleunigt und direkt auf ihn zugehalten, so als wollte er ihn absichtlich überfahren. Um ein Haar hätte er das ja auch geschafft. Darren konnte sich nur mit viel Glück durch einen Sprung retten...“

„Können Sie sich an das Fabrikat des Wagens erinnern?“, fragte ich.

„Ich kenne mich nicht gut mit Automarken aus, Agent Trevellian. Tut mir Leid. Aber es war ein Van mit getönten Gläsern, das weiß ich genau. Und vorne hatte er diese Vorrichtung, die man auch bei Geländewagen hat. Kuhfänger oder so nennt man das doch! Ich habe gehört, die sollen ziemlich gefährlich sein, wenn das Fahrzeug einen Unfall mit einem Fußgänger hat.“

Eine besonders detailreiche Beschreibung, die unsere Fahndung irgendwie weiter brachte war das natürlich nicht. Die steigenden Energiepreise sorgten zwar dafür, dass Vans und Geländewagen im Big Apple an Popularität verloren, aber es gab immer noch viel zu viele davon, um anhand einer solchen Beschreibung eine sinnvolle Eingrenzung vornehmen zu können. Und was den so genannten Kuhfänger anging, so war deren Verwendung leider trotz der katastrophalen Auswirkungen für Fußgänger völlig legal.

„Hat Mister Hoffman diesen Vorfall gemeldet?“, fragte ich.

„Nein, das hat er nicht. Ich wollte das ja. Aber er war daraufhin ganz seltsam, hat sich dauernd umgedreht, so als ob er sich verfolgt fühlte. Und dann meinte er, wir sollten uns ein paar Tage nicht sehen.“

„Er hat Ihnen keine weitere Erklärung gegeben?“, vergewisserte ich mich.

„Nein. Er ließ da auch nicht mit sich reden. In meinen Augen war das ein Mordanschlag – aber Darren meinte ich solle das Ganze nicht überdramatisieren. Andererseits zeigte mir doch sein Verhalten, dass irgendetwas faul gewesen sein musste...“

„Und Sie haben den Vorfall dann ebenfalls nicht gemeldet“, stellte ich fest.

„Ich wollte – aber Darren hat mich beschworen, es nicht zu tun.

„Wann haben Sie Darren zum letzten Mal gesehen?“

„Vorgestern. Er hatte mir zwar gesagt, ich sollte ihn auf keinen Fall in seiner Wohnung aufsuchen, aber mir wurde das ganze einfach zu dumm. Er nahm das Telefon nicht ab – weder eines seiner zahllosen Handys noch das Festnetz. Naja, und ich habe mir einfach Sorgen gemacht. Ein bisschen James-Bond-Theater war ich schon gewöhnt...“

„Was meinen Sie mit James-Bond-Theater?“, fragte Milo.

„Er wies mich mal auf jemanden hin, der in einem Wagen auf jemanden zu warten schien und meinte, dass sei jemand, den seine Firma beauftragt hätte, uns zu beobachten. Ich sollte mir also keine Sorgen machen, wenn ich diesen Kerl noch einmal irgendwo scheinbar zufällig sehen würde.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Solche Sachen halt. Ich habe das nicht sonderlich ernst genommen.“

„Schildern Sie uns Ihre kurze Begegnung – vorgestern“, forderte ich.

„Da ist nicht viel zu schildern“, sagte sie. „Ich bin hinauf in seine Wohnung. Schließlich habe ich einen Schlüssel und der Sicherheitsdienst ist autorisiert, mich passieren zu lassen. Aber Darren war nicht zu Hause.“

„Aber Sie sind ihm doch noch begegnet?“

„Ja. Ich sah ihn durch das Fenster auf der gegenüberliegenden Straßenseite mit einem Mann sprechen.“

„Können Sie ihn beschreiben?“

„Dunkle Lederjacke, graues Haar, grauer Schnauzer, Anfang 50 und etwa ein Meter achtzig groß. Schätzungsweise.“

„Was geschah dann?“

„Die beiden haben nur kurz miteinander geredet. Der Grauhaarige muss Darren abgepasst haben, nachdem er seinen Wagen abstellte. Wo Darren vorher war, das weiß ich nicht.

Jedenfalls kam Darren dann herauf in die Wohnung und hat mich gleich wieder fort geschickt und mit fadenscheinigen Erklärungsversuchen abgespeist.“

„Noch eine Frage. Wissen Sie, wofür er das Mobiltelefon verwendete, dass aussah wie ein Funkgerät der ersten Star Trek Staffel?“

„Das war nur ein Gag“, sagte sie. „Ich habe es ihm geschenkt. Wir sind beide Star Trek Fans. Zum Telefonieren ist das eigentlich eher unpraktisch.“ Sie rieb die Hände gegeneinander. Ihr Blick wirkte jetzt nach innen gekehrt. „Ich weiß nicht, worin Darren da vielleicht verwickelt gewesen ist. Aber da er nicht mehr lebt, brauche ich auch auf Nichts und Niemanden Rücksicht nehmen! Ich will wissen, wer ihn umgebracht hat...“

„Wir versprechen Ihnen, alles in unserer Macht stehende zu unternehmen, um das herauszufinden und den oder die Schuldigen zur Rechenschaft zu ziehen“, versprach ich.

Sie schluckte, hob den Blick und sah mich einige Augenblicke lang schweigend an. Die Blicke von Menschen, die einen nahen Angehörigen durch ein Gewaltverbrechen verloren haben, lässt sich nur schwer ertragen, das gehört zu den Dingen, an die man sich in unserem Beruf trotz aller Routine und Berufserfahrung einfach nicht gewöhnen kann.

„Sagen Sie mir genau, wie es passiert ist“, verlangte sie.

„Ich weiß nicht, ob es richtig wäre, wenn...

„Ich möchte es wissen, Agent Trevellian. Jede Einzelheit – oder zumindest das, was Sie schon wissen und mir nicht aus fahndungstaktischen Gründen verschweigen müssen...“

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Nachdem wir die Wohnung von Arlene O’Donovan verlassen hatten, knurrte uns der Magen und so gingen wir noch auf einen Hot Dog in eine Snack Bar.

„Diese Frau scheint wirklich etwas für Hoffman empfunden zu haben“, meinte Milo.

„Ja, sein Tod hat sie zweifellos sehr getroffen. Aber ihre Aussage bringt uns leider bis jetzt keinen Zentimeter weiter.“

Wir hatten mit Arlene O’Donovan vereinbart, dass unser Zeichner Agent Prewitt am nächsten Tag bei ihre vorbei schauen sollte, um ein Phantombild des grauhaarigen Mannes anzufertigen, mit dem sich Darren Hoffman am Tag vor seiner Ermordung unterhalten hatte. Vielleicht war das ein wichtiger Zeuge. Aber insgesamt glichen unsere Ermittlungen bis jetzt nur einem Herumgestochere im Nebel.

Über die Art und Weise, auf die Hoffman umgebracht worden war, hatte ich Arlene O’Donovan gegenüber trotz ihrer drängenden Nachfrage nur das Nötigste gesagt. Die Art und Weise, in der dieser Mord begangen worden war, war einfach so speziell, dass es für uns einen fahndungstaktischen Vorteil bedeutete, dieses Wissen zurückzuhalten.

Einen Vorteil, den wir nicht aus der Hand geben durften.

Nur den Elektroschocker hatte ich erwähnt.

„Ab morgen werden wir uns die Mitarbeiter von SuperSecure der Reihe nach vornehmen müssen“, sagte ich.

Milo grinste. „Na, dann wünsche ich dir viel Spaß dabei, dich mit dieser Tamara Jordan auseinander setzen zu dürfen...

„Ich hatte eigentlich gedacht, dass du mit deiner diplomatischen Ader...“

Aber Milo schüttelte energisch den Kopf. „Kommt nicht in Frage, Jesse. Außerdem hast du gesagt, ich hätte was gut! Schließlich musste ich stundenlang in einer Blechkarosse sitzen, ehe es unsere Kollegen vom NYPD endlich geschafft haben, den Verkehrsinfarkt an der 10th Avenue aufzulösen.“

„Milo...“

„Nein, das wird dein Job sein. Meine Güte, die Frau hatte Haare auf den Zähnen. Aber wahrscheinlich war das noch ihre höfliche Seite – warte erstmal ab, wenn du sie im Umgang mit ihren Mitarbeitern erlebst!“

„Auf jeden Fall ist es sicher noch interessant, zu hören, was dieser Sicherheitsdienst so an Daten angesammelt hat“, meinte ich.

„Ehrlich gesagt wundert es mich, dass Tamara Jordan dir nicht gleich das entsprechende Dossier überreicht hat. Für meine Begriffe ist das selbstverständlich.“

Ich zuckte mit den Schultern. „Das scheint eine von Misstrauen geprägte Branche zu sein, in der wir da ermitteln.“

„Du meinst, SuperSecure misstraut auch uns?“

„Zumindest Tamara Jordan.“

Ich trank mein Glas leer. Wir verließen die Snack Bar und fuhren mit dem Sportwagen Richtung Upper West Side.

An der bekannten Ecke setzte ich Milo ab und fuhr weiter, um in meinem Apartment noch ein paar Stunden zu schlafen.

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Bar Excelsior, 2311 Temperton Road, Philadelphia...

„Für mich nur ein Mineralwasser!“, sagte der Mann im grauen Dreiteiler.

„Sie trinken keinen Alkohol?“, fragte die junge Blondine mit dem sportlichen Kurzhaarschnitt. Sie war schätzungsweise 25, trug ein Kleid, das gleichermaßen praktisch wie elegant war und halbhohe Schuhe. Ein paar Ohrringe glitzerten im dämmrigen Licht der Bar. Sie trug an allen Fingern außer dem Daumen einen Ring, was etwas übertrieben wirkte. Sie hatte eine Mappe mit Unterlagen bei sich und war offenbar direkt vom Job hier her gekommen.

„Ist das eine Überzeugung von Ihnen? Ich meine keinen Alkohol zu trinken?“

„Nein. Ich tue es nur einfach nicht, weil...“

„Ja?“

„Man verliert die Kontrolle dabei. Ich habe die Zügel gerne selbst in der Hand, wenn Sie verstehen, was ich meine, Sara.“

Sie nippte an ihrem Glas und runzelte dabei die Stirn.

„Woher wissen Sie, dass ich Sara heiße?“

„Steht auf Ihrer Mappe. Sara Miles – ich habe einfach angenommen, dass Sie das sind.“

„Ach so...“

Er hob auch sein Glas und nahm dann einen Schluck.

„Sie reisen auch herum?“

„Ja.“

„Darf ich raten, Sara?“

„Bitte, wenn Sie wollen.“

„Sie sind Vertreterin in der Gesundheitsbranche. Wahrscheinlich ein Pharma-Unternehmen oder eins für medizinische Hilfsmittel. Na?“

„Langsam wird mir das aber unheimlich, im Übrigen haben Sie mir Ihren Namen noch nicht gesagt.“

„Nennen Sie mich Allan.“

„Allan...“

Er lächelte überlegen. Ein Ausdruck tiefer Zufriedenheit zeigte sich in seinem Gesicht.

Währenddessen rätselte Sara immer noch, woher dieser Mann das von ihr wissen konnte. Hatte ihr Job sie etwa schon so sehr geprägt, dass man ihr ihn von der Nasenspitze ablesen konnte?

„Habe ich recht?“, fragte er.

Sein Lächeln wirkte sympathisch auf sie, seine Stimme auch. Aber da war etwas in seinen Augen, das sie nicht richtig einzuordnen vermochte. Etwas, das irgendwie anders war. Sie hatte kein besseres Wort, um zu beschreiben, was sie empfand. Und das irritierte sie.

Sie blickte unwillkürlich auf seine Hände, die in dunkelbraunen Autofahrerhandschuhen steckten.

„Sie haben recht“, sagte sie. „Ich reise tatsächlich als Handelsvertreterin eines Pharma-Unternehmens kreuz und quer durch das Land und versuche, meine Ware an Drogerieketten und Ärzte zu bringen.“

„Dann könnte man also sagen, Sie sind eine Art Drogendealerin!“

Sie lachte.

„Ja, aber ich handele nur mit legalen Dogen!“

„Natürlich.“

„Aber jetzt haben Sie geschickt vom Thema abgelenkt, Allan.“

„So?“

„Sie wollten mir sagen, woher Sie soviel über mich wussten. Sagen Sie jetzt nicht, dass Sie Gedankenleser sind und sich Ihr Geld mit Zaubershows verdienen oder so was?“

Der Mann im grauen Anzug lächelte. „Nein, natürlich nicht. Die Wahrheit?“

„Ich bitte darum.“

„Sie haben im Flieger eine Reihe vor mir gesessen und ich konnte nicht umhin, Ihr Gespräch mitzubekommen. Das ist das ganze Geheimnis...“

„In welcher Branche reisen Sie denn?“

„Kann man nicht mit einem Wort umschreiben“, sagte Allan.

Ihr Gespräch plätscherte dahin. Sie nahm noch einen Drink und wurde zunehmend lockerer. Das seltsame Etwas in seinen Augen fiel ihr nicht mehr auf. Sie erzählte von Geschäftsabschlüssen und Beinahe-Abschlüssen und er schien sich tatsächlich für all das zu interessieren.

Später stellten sie fest, dass sie im selben Hotel abgestiegen waren.

„Sie sehen fast so aus, als hätten Sie auch das schon vorher gewusst.“

„Nein“, sagte er. „Wie hätte ich das wissen sollen. Schließlich bin ich ja nun wirklich kein Gedankenleser.“

Aber das war eine Lüge.

Er hatte es sehr wohl vorher gewusst. Er war sogar extra im selben Hotel abgestiegen wie sie.

Irgendwann rief der Mann im grauen Anzug ein Taxi für sie beide.

„Wieso trägt einer, der gar keinen Wagen dabei hat eigentlich Autofahrerhandschuhe, Allan?“

Er wich der Frage aus, indem er sie einfach ignorierte und Sara war nach dem dritten Drink nicht mehr in der Lage dazu, sich genügend zu konzentrieren, um mit der nötigen Hartnäckigkeit eine Antwort einzufordern.

„Kommen Sie noch für einen Kaffee zu mir rauf?“, fragte sie ihn im Foyer.

Er stand etwas steif da mit seinem überkorrekt sitzende Anzug, der sorgfältig gebundenen Krawatte und dem Diplomatenkoffer in der Rechten. Vielleicht reist er für eine Versicherung, dachte sie. Das würde zu ihm passen.

„Ich trinke um diese Zeit keinen Kaffee mehr“, sagte er.

„Na, dann kommen Sie einfach so mit rauf...“

„Gerne.“

Auf dem Flur, an dem ihr Zimmer lag, hatte sie ihre Schritte nicht mehr hundertprozentig unter Kontrolle. Als sie seitlich gegen ihn stieß, spürte sie etwas Hartes unter seinem Jackett.

„Tragen Sie eine Pistole?“

„Nein. Nur ein Handy.“

„Ach so.“

Als sie das Zimmer betraten, schloss Allan gleich die Tür. Sara zog sich gleich die Schuhe aus und murmelte etwas davon, dass die Dinger sie umbringen würden. Sie holte zwei Gläser und warf einen Blick in die Minibar. „Hier ist auch was ohne Alkohol“, sagte sie.

„Danke, ich bin nicht mehr durstig.“

„Sie haben mir immer noch nicht gesagt, weshalb Sie Handschuhe tragen.“

„Das sind spezielle Autofahrerhandschuhe. Gegen den Schweiß am Lenkrad.“

„Aber Sie sind gar nicht mit dem Wagen hier!“

„Ich mag auch sonst keinen Schweiß“, sagte er. „An allem, was Sie anfassen ist menschlicher Schweiß. Haben Sie darüber schon mal nachgedacht? An jedem Türgriff, an jedem Glas, an jedem...“

„Ach, das ist doch krank, was Sie da sagen.“

Sie hatte sich ihr Glas gefüllt, drehte sich um  - und da stand er plötzlich sehr dicht vor ihr.

Der Gegenstand, den er aus der Jackentasche geholt hatte, war weder eine Pistole noch ein Handy.

Es knisterte, als der Mann im grauen Anzug den Schocker aktivierte und ihr an die Schulter drückte. Mit einem dumpfen Geräusch schlug ihr Körper zu Boden. Er wich einen Schritt zurück, damit sie frei fallen konnte, den er wollte auf keinen Fall, dass sie sich in einer letzten, krampfhaften Bewegung an ihm festhielt.

Das Glas zersprang.

Den Koffer hatte Allan auf dem kleinen Tisch abgelegt. Er ging jetzt hin, öffnete ihn und zog anschließend die Spritze auf.

„Du wirst gleich Erleichterung spüren“, sagte er, während ihre weit aufgerissenen Augen ihn anstarrten.

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Am nächsten Morgen fanden wir uns im Büro von Mr McKee ein. Unsere Kollegen Clive Caravaggio und Orry Medina waren schon dort, außerdem noch Agent Max Carter, ein Innendienstler aus unserer Fahndungsabteilung.

Die genetischen Untersuchungen der Zigarettenkippen, die am Tatort gefunden worden waren, ließen noch auf sich warten. Wir rechneten frühestens am nächsten Morgen damit. Dafür lag inzwischen ein vorläufiger Obduktionsbericht vor. Dr. Brent Claus hatte bis in die späten Abendstunden noch obduziert. Danach war der Tathergang weitgehend so, wie er bereits ermittelt worden war. Hoffman war durch einen elektrischen Schlag außer Gefecht gesetzt und dann mit einer zweiten Substanz völlig gelähmt worden. Dann war er auf das Bett gelegt und hatte eine zweite – intravenöse – Injektion bekommen.

„Eine sehr seltsame Mordmethode“, sagte ich. „Ich meine, das mit dem Elektroschock verstehe ich noch, aber warum um Himmels Willen hat er dann nicht gleich die tödliche Injektion gesetzt und stattdessen diesen komplizierten Weg gewählt?“

„Er wollte auf Nummer sicher gehen“, lautete Mr McKees Ansicht. „Man kann nicht genau abschätzen, wie lange die Wirkung eines elektrischen Schlages anhält und der Täter wollte wohl unter allen Umständen vermeiden, dass es doch noch zu einem Kampf kommt.“

„Was ihm in diesem Fall ja nicht gelungen ist“, sagte Max Carter. „Wir haben DNA unter den Fingernägeln gefunden. Gegenwärtig wird sie aufbereitet und dann durch den Computer gejagt. Vielleicht landen wir ja einen Treffer. Was die Art der Tat angeht, gibt es auffällige Parallelen zu einem anderen Fall, der die Justiz seit mehreren Jahren beschäftigt. Es geht um den sogenannten Aschenbecher-Killer.“

Max warf den Beamer seines Laptops an, um uns ein paar Tatortfotos zu zeigen. „Der sogenannte Aschenbecher-Killer hinterlässt am Tatort stets ein Gemisch aus Sand, Zigarettenkippen und Asche, das er dort verstreut.“

„Genau wie in diesem Fall!“, stieß ich hervor.

„Richtig.“

„Dann hat der Täter tief in einen dieser Sandkübel gegriffen, in denen man früher als Rauchen noch politisch korrekt war seine Asche und die Stummel lassen konnte“, meinte Milo. „Und das alles vermutlich um uns an der Nase herumzuführen...“

Seit TV-Serien Furore gemacht haben, die die Vorgehensweise des Erkennungsdienstes bis in alle Details veranschaulicht haben, kommt es leider immer häufiger vor, dass Täter bewusst falsche Spuren zu hinterlassen versuchen. Darunter auch fremdes genetisches Material, das die jeweiligen Ermittler in die Irre führen soll. Zigarettenkippen, abgeschnittene Fingernägel, Haar, Blutplasma... Der Fantasie sind da keine Grenzen gesetzt. Manchmal hat man den Eindruck, dass die Täter mindestens genauso viel Aufwand betrieben haben müssen, um irgendwie an dieses irreführende DNA-Material heranzukommen, wie bei der Planung der eigentlichen Tat.

Häufig hat sich das allerdings nicht ausgezahlt, denn was die Täter vergessen, ist, dass auch eine falsche Spur letztlich immer noch eine Spur ist.

„Der Aschenbecher-Killer hat wahrscheinlich nicht nur in einen Kübel gegriffen, sondern in mehrere und anschließend einmal gut durchgemischt. Es fanden sich nämlich verschiedene Sandsorten. Die Zigarettenkippen sind natürlich auf genetisches Material hin untersucht worden. Es ist immer derselbe Pool von Personen, deren DNA darunter ist. Leider haben wir kein Vergleichsmaterial und konnten daher auch keine der Proben zuordnen.“

Max Carter übergab das Wort an Dr. Brent Claus, der daraufhin noch einmal die Vorgehensweise des Aschenbecher-Killers erläuterte. Die Opfer wurden genau wie im Fall Hoffman mit einem Elektroschocker außer Gefecht gesetzt, dann gelähmt und schließlich mit einer weiteren Injektion getötet. „Allerdings gibt es einen gravierenden Unterschied“, erklärte Dr. Claus. „Die Opfer des Aschenbecher-Killers sind allesamt weiblich und der Täter hat sich zwischen der ersten und der zweiten Injektion an ihnen sexuell vergangen.“

„Hat er genetisches Material hinterlassen?“, fragte Clive.

Dr. Claus schüttelte den kopf. „Nein. Er muss ein Kondom benutzt haben.“

„Ich habe mit unserer Zentrale in Washington telefoniert“, mischte sich nun Mr McKee ein. „Die schicken uns Dr. Gary Schmitt. Er kennt sich mit dem Fall bestens aus und hat ein Profil des Täters erarbeitet. Leider hat das bis jetzt nicht dazu geführt, dass er gefasst wurde.“

Wir hatten schon früher mit Gary Schmitt zusammengearbeitet. Er war eine Kapazität auf seinem Gebiet und vielleicht brachte uns seine Sicht der Dinge auch im Fall weiter.

„Will sich da vielleicht jemand an einen anderen Fall anhängen und einen Zusammenhang suggerieren, der nicht existiert?“, fragte ich.

„Das wissen wir, sobald das genetische Material in den Zigarettenstummeln ausgewertet ist“, erklärte Dr. Claus. „Wenn die Proben aus einem anderen genetischen Pool stammen ist es sehr wahrscheinlich jemand, der sich für oberschlau hält und uns an der Nase herumführen will. Aber wenn sie übereinstimmen...“

„Dann haben wir ein Rätsel“, meinte Mr McKee. „Gary Schmitt wird morgen hier sein. Und Dr. Claus hat mir versichert, dass dann auch erste Erkenntnisse darüber vorliegen, ob zwischen den Fällen nun ein Zusammenhang besteht oder nicht.“

Eines der Telefone auf Mr McKees Schreibtisch klingelte.

Unser Chef ging hin und nahm das Gespräch entgegen.

„Hier McKee, was gibt’s?“

Mr McKee hörte eine ganze Weile zu und sagte dann schließlich zweimal hintereinander „Ja!“, bevor er wieder auflegte.

Er drehte sich zu uns herum. „Das war Ihr Kollege McCluskey von der SRD, Dr. Claus. Es gab da wohl ein Prepaid Handy, dessen Daten gelöscht wurden. Sie konnten rekonstruiert werden.“

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Wir bekamen die Daten per Email übersandt. Und sie hatten es tatsächlich in sich. Darren W. Hoffman hatte mit dem Prepaid Handy nur eine einzige Nummer angerufen. Sie gehörte zu einem anderen Prepaid Handy und normalerweise wäre damit für uns die Fahndung erstmal zu Ende gewesen. Ohne einen normalen Vertrag bei einem Mobilfunkanbieter hätten wir nicht herausfinden können, wer das Telefon benutzte.

Aber diese Nummer kannten wir.

„James Tavernier!“, stieß Max Carter hervor, als Milo und ich zusammen mit ihm vor dem Rechner in unserem gemeinsamen Dienstzimmer saßen und das dazugehörige Dossier aufgerufen wurde. „Das wir von dem noch mal etwas hören würden, hätte ich nicht zu hoffen gewagt!“

Aus dem Dossier ging alles Wesentliche hervor. Er war ein ehemaliger Informant, der an den Schnittstellen zwischen Waffenhandel, organisiertem Verbrechen, illegaler Söldnervermittlung und Terrorismus operiert hatte.

Das FBI hatte vor einem halben Jahr die Zusammenarbeit mit ihm eingestellt. Es bestand der Verdacht, dass er auf beiden Seiten abkassiert und in mindestens einem Fall eine geplante Verhaftung vereitelt hatte. Das war ihm zwar nicht juristisch sauber und prozessfest nachzuweisen, aber es hatte ausgereicht, um in Zukunft auf seine Dienste besser zu verzichten.

„Der Kerl muss sich sehr sicher fühlen, wenn er sogar sein Prepaid Handy weiter verwendet“, meinte Milo.

„Viel interessanter finde ich die Frage, was die beiden so oft miteinander zu besprechen hatten“, gab ich zurück.

Max hatte dafür eine durchaus plausible Erklärung parat. „Ich würde sagen, Darren W. Hoffman hat sich sein ganz spezielles Wissen gleich zweimal versilbern lassen. Einmal von den SuperSecure und den Auftraggebern dieser Firma und das zweite Mal von dubiosen Geschäftspartnern, die ihnen Tavernier vermittelt haben könnte.“

„Hoffman wollte aus dem Geschäft aussteigen und wurde umgelegt. Das wäre plausibel.“

„Und warum dann das ganze Brimborium mit den Zigarettenkippen und den zwei Spritzen?“, fragte ich.

Milo zuckte mit den Schultern. „Um uns in die Irre zu führen! Das wäre doch auch nicht das erste Mal.“

„Ich werde mal überprüfen, welche Details der Aschenbecher-Morde eigentlich öffentlich gemacht worden sind“, kündigte Max Carter an. „Allerdings denke ich, dass es im Moment in erster Linie darum geht, Tavernier einzufangen und zu befragen. Ob nun als Zeugen oder Tatverdächtigen sei mal dahingestellt.“

Ich sah mir das Foto von James Tavernier an.

Ein Mann mit grauen Haaren und Schnauzbart. Dass Alter kam auch hin.

„Das ist der Mann, den Arlene O’Donovan beschrieben hat“, stellte ich fest.

„Dann kann unser Kollege Prewitt sich seinen Weg zu Miss O’Donovan wohl sparen“, glaubte Milo.

„Nein, er soll hinfahren und ihr dieses Bild zeigen“, erwiderte ich. „Ich wette, dass sie ihn identifizieren wird.“

Einen Tag vor Hoffmans Ermordung hatte Tavernier noch mit ihm gesprochen, das stand nun ziemlich fest, denn ich ging davon aus, dass Arlene ihn identifizieren würde.

Wir ließen uns Taverniers letzte gemeldete Adresse anzeigen. Sie lag in der East 120th Street.

„Falls er sein Handy benutzen sollte, können wir ihn orten“, meinte Max Carter. „Aber ihr könnt es ja erstmal bei seiner regulären Adresse versuchen.“

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Wir setzten das Rotlicht auf den Sportwagen um schneller voranzukommen. Unsere Kollegen Jay Kronburg und Leslie Morell folgten uns in einem Ford unserer Fahrbereitschaft. Clive und Orry hatten zur gleichen Zeit bereits damit begonnen, die Mitarbeiter von SuperSecure zu befragen.

Wir erreichten schließlich das Haus in der West 120th Street, in dem Tavernier zuletzt gewohnt hatte. Es gab keinen Grund anzunehmen, dass das nicht mehr der Fall war. Wir stellten den Wagen an der Straße ab. Jay und Leslie trafen wenig später ein.

Das Haus, in dem Tavernier wohnte war ein etwas heruntergekommener Sandsteinbau. Früher mal war das Haus ein Hotel gewesen, was man an dem Portal sehen konnte. Aber die Zeiten waren längst vorbei.

Tavernier wohnte im dritten Stock.

„Milo und ich gehen rauf“, sagte ich. „Ihr passt an den Eingängen auf, dass Tavernier uns nicht entwischt. Schließlich könnte es ja sein, dass er keine Lust hat, sich mit uns zu unterhalten.“

Jay nickte und überprüfte den Sitz seines Magnum Revolvers.

Während Jay und Leslie Hinter- und Vordereingang besetzten, gingen Milo und ich ins Innere. Es gab keine Sicherheitsmaßnahmen. Weder Patrouillen eines Security Service noch Kameras oder dergleichen.

Aber ich konnte mir vorstellen, dass jemand wie Tavernier es auch nicht sonderlich schätzte, wenn seine Besucher durch irgendwelche Kameras abgelichtet wurden.

Dieser Ort versprach Anonymität. Und schützen konnte sich Tavernier sehr gut selbst. In seinem Dossier stand unter anderem, dass er mal Bezirksmeister im Vollkontakt-Karate gewesen war. 

Der Aufzug funktionierte.

Wir ließen uns hinauf in den dritten Stock tragen.

Ein Mann kam aus der Tür, die zu Taverniers Wohnung gehörte. Aber es war nicht Tavernier, sondern ein sehr viel jüngerer Mann. Ich schätzte ihn auf nicht älter als 25. Er hatte dunkles, glattes Haar, das an den Seiten ausrasiert und oben zu einem Stachelkamm hochtoupiert war.

Unter dem Arm trug er ein Laptop. Unter seiner Jacke wurde der Blick auf die Griffe von zwei Pistolen frei, die er sich hinter den Hosenbund gesteckt hatte.

Er sah uns an und spurtete dann los.

„Stehen bleiben! FBI!“, rief ich und zog meine Waffe.

Der Dunkelhaarige ließ das Laptop fallen und griff unter die Jacke. Er zog beide Waffen gleichzeitig und feuerte wild drauflos. Die ersten Schüsse krachten über uns hinweg und ließen mehrere Leuchtstoffröhren zerspringen.

Ich hatte den Stecher meiner SIG Sauer P226 schon bis zum Druckpunkt durchgezogen, als hinter dem Flüchtigen ein alter Mann um  die Ecke kam. Er schob einen Rollator vor sich und hatte die Situation noch nicht erfasst. Vielleicht hörte er auch schwer. Jedenfalls blickte er ziemlich orientierungslos umher, während der Dunkelhaarige auf ihn zu stürmte.

Ich konnte unmöglich schießen, ohne diesen Unbeteiligten zu gefährden.

Der Dunkelhaarige riss den Mann mit dem Rollator rücksichtslos zu Boden und war einen Augenblick später hinter der Ecke verschwunden.

Über Headset gab ich Leslie und Jay eine Beschreibung durch.

„Der Kerl kommt über das Treppenhaus und zwei automatische Pistolen in den Fäusten!“, sagte ich.

„Okay, wir kriegen den schon!“, war Jay Kronburg recht optimistisch.

Ich ging zu dem alten Mann und half ihm auf.

„Ich hoffe, es ist alles in Ordnung, Sir“, sagte ich.

„Wie bitte?“, fragte er. Er hatte sein Hörgerät bei dem Sturz verloren. Ich hob es auf und gab es ihm zurück. Nach einigen Schwierigkeiten stand er wieder auf seinen Beinen und meinte, dass alles in Ordnung sei. Sicherheitshalber rief ich per Handy aber doch den Emergency Service.

„Wo ist Ihre Wohnung?“, fragte ich, als er wieder hören konnte.

„Die erste hinter der Ecke.“

Ich brachte ihn dort hin und gab ihm meine Karte.

„Das war mal eine gute Adresse hier“, sagte er. „Aber das ist lange her... Heute wimmelt es hier nur so vor Gesindel.“

Unterdessen kam über das Headset von Jay die Meldung: „Wir haben ihn, Jesse!“

„Gut, dann bringt ihn rauf!“, sagte ich.

„Der Kerl hat übrigens nicht nur zwei Pistolen bei sich, sondern vier! In den Taschen seiner Jacke steckten noch zwei Eisen vom Kaliber 38 und außerdem noch so viel Munition, dass es ein Wunder ist, dass die Nähte nicht gerissen sind. Und davon abgesehen noch hunderttausend Dollar in bar.“

„Da hat wohl jemand in der Lotterie gewonnen“, gab ich zurück. „Ich nehme an, dass das Geld aus Mister Taverniers Wohnung stammt.“

Und dasselbe galt vermutlich für das Laptop und den Großteil der Waffen und der Munition, die der Dunkelhaarige bei sich gehabt hatte.

„Mit wem unterhalten Sie sich?“, fragte mich der Alte, dessen Name Roger Combs war, wie an seinem Wohnungsschild abzulesen war.

„Mit meinem Kollegen. Wir tragen Funkgeräte.“

„Ah – und es geht um Mister Tavernier?“

Wenn er sein Hörgerät eingeschaltet hatte, konnte er offenbar doch gut genug hören, um alles mit zu bekommen.

Inzwischen meldete sich Milo. „Du musst dir unbedingt die Wohnung ansehen. Tavernier ist jedenfalls nicht hier.“

„Verstehe“, sagte ich und wandte mich an Combs. „Ja. Wir suchen James Tavernier. Haben Sie eine Ahnung, wo er stecken könnte?“

„Nein. Aber ehrlich gesagt wundert es mich, dass Sie hinter ihm her sind.“

„Wieso?“

„Weil Ihre Kollegen ihn doch heute Morgen erst abgeführt haben.“

„Unsere Kollegen?“

„Ja. Zwei Männer haben ihn abgeholt und das sah so ähnlich aus, als wenn jemand verhaftet und abgeführt wird...“

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Ich telefonierte mit Max Carter aus unserer Fahndungsabteilung und bat ihn herauszufinden, ob gegen Tavernier vielleicht ein Haftbefehl vorlag, von dem wir nichts wussten. Aber das war nicht der Fall und innerhalb der nächsten fünf Minuten hatte Max auch geklärt, dass es ganz sicher keine Kollegen gewesen waren, die Tavernier mitgenommen hatten.

Der Versuch, von Roger Combs eine vernünftige, aussagekräftige Personenbeschreibung der beiden Männer zu bekommen, die Tavernier offenbar mitgenommen hatten, schlug jedoch vollkommen fehl.

Der alte Mann widersprach sich und schien sich an die äußeren Merkmale der beiden nicht richtig erinnern zu können.

Ich ließ ihm noch meine Karte da, falls ihm noch etwas einfallen sollte, was mit Tavernier zu tun hatte.

„Zu dem fällt mir nur noch ein, dass er nie gegrüßt hat und im Hausflur geraucht hat, obwohl das nicht erlaubt ist. Ja und ich mit meinem Asthma leide natürlich besonders darunter, wenn so jemand hier alles mit seinem Qualm verpestet.“

„Verstehe...“

„Aber über den Kerl mit den Stachelhaaren kann ich etwas sagen.“

„Sie meinen den Mann, der Sie umgerannt hat?“

„Ja. Der lungerte nämlich heute Morgen die ganze Zeit bei den Aufzügen herum. Keine Ahnung, was er da wollte. Er wohnt nicht hier und soweit mir bekannt ist, auch nicht in der Nachbarschaft.“

„Wissen Sie, ob er etwas mit Mister Tavernier zu tun hat?“

Er schüttelte den Kopf. „Tut mir Leid, dazu kann ich leider nichts weiter sagen.“

„Gut, ich sage einem Kollegen vom New York Police Department Bescheid, der sich weiter um Sie kümmert.“

„Wieso das denn, ich sagte doch, es ist alles in Ordnung. Einen blauen Flecken oder so werde ich wohl davongetragen haben...“

„Ich meinte eigentlich, damit Sie Anzeige erstatten können. Der Mann hat Sie schließlich mit seiner Schusswaffe massiv gefährdet.“

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Jay und Leslie hatten den Gefangenen hinauf in den dritten Stock gebracht und außerdem die Kollegen der SRD bestellt.

Der Mann hatte einen Führerschein bei sich, der auf den Namen Larry Montoya ausgestellt worden war.

Ich sah mich in der Wohnung um, in der das Chaos herrschte. Sämtliche Schubladen waren aus den Schränken gerissen und ihr Inhalt auf dem Boden verstreut worden. Die Polstergarnitur war aufgeschlitzt worden. Das Küchenmesser, das dazu benutzt worden war, lag auf dem Boden.

„Scheint als hätte dieser Montoya alles durchwühlt“, stellte ich fest.

Ein Laptop, hunderttausend Dollar und wahrscheinlich auch die Pistolen – das war insgesamt eine Beute, von der so mancher Einbrecher nur träumen konnte.

„Ich sage nichts!“, sagte Montoya trotzig. „Und ich bestehe auf einem Anwalt.“

„Das ist Ihr gutes Recht“, sagte ich.

„Wir haben ihm seine Rechter vorgelesen“, erklärte Leslie. „Also werden wir uns nicht darüber beklagen, wenn er sie auch wahrnimmt.“

„Hier sind Blutspuren“, sagte Milo.

Ich wandte mich an Montoya, den wir in Handschellen gefesselt in den einzigen Sessel gesetzt hatten, der nicht zerschnitten worden war. Aus welchem Grund gerade dieser verschont geblieben war, ließ sich nur erahnen. Ich schätzte, dass Montoya einfach sein Glück nicht fassen konnte, hunderttausend Dollar gefunden zu haben, sodass er es dann vorgezogen hatte, schleunigst damit das Weite zu suchen, anstatt noch weiter in der Wohnung herum zu wühlen.

„Wessen Blut wird das wohl sein?“, fragte ich.

„Ich habe keine Ahnung“, behauptete Montoya.

„Angenommen wir finden James Tavernier in paar Tagen auf einer Müllhalde mit durchschnittener Kehle und die Blutspuren stimmen überein – dann hängen Sie ganz dick in einem Mordfall mit drin, Mister Montoya.“

„Ich sagte doch schon, bevor nicht ein Anwalt hier ist, sage ich keinen Ton.“

Ich beachtete seine Worte nicht weiter.

Schließlich hatte ich ja keineswegs vor, das Recht des Angeklagten auf einen Anwalt zu missachten. Aber ich war entschlossen, Montoya vorzuhalten, dass es auch für ihn Vorteile haben konnte, mit uns jetzt zu kooperieren – und nicht erst dann, wenn seine Aussage vielleicht nichts mehr wert war.

Jay hatte inzwischen über die Internetverbindung seines Handys eine Personenabfrage mit Hilfe des Datenverbundsystems NYSIS gestartet, das von sämtlichen Polizeieinheiten benutzt wird.

Montoya wurde in der Rubrik Criminal geführt.

Er hatte mehrere Verurteilungen wegen kleinerer Einbrüche, Diebstahl und Körperverletzung. Im Gefängnis hatte er zweimal  einen Drogenentzug gemacht und war offenbar jedes Mal wieder rückfällig geworden. Zurzeit lief noch eine Bewährung.

„Mord ist was anderes als das, was Sie bisher so auf dem Kerbholz haben“, sagte ich, nachdem ich mir die Kurzfassung des Dossiers auf dem Handydisplay angesehen hatte.

„Wollen Sie mir jetzt einen Mord anhängen?“, rief Montoya aufgebracht.

„Ich will gar nichts, aber man wird Sie zwangsläufig damit in Verbindung bringen, sollte sich herausstellen...“

„Ich habe nichts damit zu tun!“, zeterte Montoya. „Und ich habe auch niemanden umgebracht.“

„Ich will, Ihnen mal sagen, wie ich denke, dass es war. Sie haben aus irgendeinem Grund gewusst, dass es bei Tavernier etwas zu holen war...“

„Stimmt nicht, ich kenne den Typ doch gar nicht!“

„Sie haben vor seiner Wohnung herumgelungert und abgewartet, bis Tavernier von zwei Typen aus der Wohnung geholt wurde. Dafür gibt es einen Zeugen, also hören Sie auf, es abzustreiten. Und dann haben Sie die günstige Gelegenheit genutzt und sich das Laptop, die Waffen und vor allem die hunderttausend Dollar unter den Nagel gerissen...“

Montoya atmete tief durch.

„Was wollen Sie von mir?“

„Dass Sie uns die Männer beschreiben, die Tavernier mitgenommen haben!“

„Okay, okay! Der eine war groß und hatte eine Figur wie ein Bulle, aber dafür nicht mehr viele Haare auf dem Kopf, der andere war blond und hatte einen Kurzhaarschnitt. Beide waren sportlich gekleidet und trugen Waffen. Ja, und der eine hatte einen Elektroschocker am Gürtel. Habe ich genau gesehen, als die Jacke zur Seite glitt.“

„Aber Sie haben nicht zufällig geglaubt, dass das Polizisten waren, oder?“

„Nein. Tavernier hatte eine blutverschmierte Nase. Ich nehme an, dass sie ihm ein paar reingehauen haben, weil er nicht freiwillig mitgegangen ist. Mehr weiß ich über die Typen nicht! Ehrenwort.“

„Und dann sind Sie in die Wohnung hineingegangen und haben Beute gemacht.“ 

„Meine Güte, ich hatte Tavernier gesehen, wie er Geld zählte. Einen ganzen Packen Scheine. Und dann hat er mit jemandem telefoniert, dem er gesagt hat, er hätte das Geld in bar da... Da dachte ich, das wäre meine Chance. Aber dann tauchten diese beiden Typen auf, die ihn mitgenommen haben...“

„Wissen Sie, um was für Geschäfte es da ging?“, hakte ich nach.

„Keine Ahnung! Ich meine, der Kerl hat bestimmt ab und zu mal eine illegale Waffe vertickt. Sonst hätte er davon ja nicht gleich mehrere in der Wohnung gehabt.“

„Diesen Typen scheint es ja nicht ums Geld gegangen zu sein.“

„Die haben einfach nicht gründlich genug nachgesehen, würde ich sagen“, meinte Montoya. „Es war nämlich gut versteckt.“

In diesem Moment erreichte uns ein Telefonanruf des Field Office.

„Hier Max!“, meldete sich unser Kollege Max Carter auf meinem Handy. „Fahrt sofort in die Ridger Street in Queens. Nummer 221. Das ist ein altes Fabrikgelände, auf dem ein paar leere Hallen vor sich hin rotten.“

„Was ist da los?“, fragte ich.

„Taverniers Handy wurde aktiviert und wir haben definitiv den Standort ermitteln können! Orry und Clive sind auch schon unterwegs.“

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Milo und ich stiegen in den Sportwagen und ich fädelte mich mit Rotlicht auf dem Dach in den Verkehr ein. Jay und Leslie blieben bei dem Gefangenen, den in Kürze die Kollegen des NYPD in Empfang nehmen würden, um ihn nach Riker’s Island  zu schaffen.

„Jetzt hast du wenigstens mal einen Grund, auch noch das Letzte aus dem Wagen herauszuholen!“, meinte Milo.

Wir erreichten das Firmengelände an der Ridger Street in Rekordzeit. Es handelte sich um eine hässliche Industriebrache, die seit mehreren Monaten zum Verkauf stand, da die Eigentümer-Firma in Konkurs gegangen war. Jetzt wurde die ganze Anlage wie Sauerbier angeboten, aber zum  angebotenen Preis wollte sie wohl niemand nehmen, da es offenbar unklar war, wie stark der Untergrund durch Altlasten verseucht war. Eine Vergiftung tieferer Bodenschichten durch Arsen, Blei und Cadmium war sehr wahrscheinlich. Ich hatte davon in den Lokalnachrichten gehört, denn die Diskussion darüber, ob die Stadt New York vielleicht eine Bürgschaft für die Altlasten übernehmen sollte, um einen Verkauf des Geländes zu ermöglichen, hatte in den letzten Wochen immer wieder die Gemüter erhitzt.

Orry und Clive waren kurz vor uns eingetroffen.

„Ich dachte, ihr wart bei SuperSecure“, meinte ich. „Da hattet ihr doch den viel kürzeren Weg.“

„Kann schon sein, aber der unsere war völlig verstopft“, erwiderte Clive Caravaggio, während er sich seine Kevlar-Weste aus dem Kofferraum holte und anschließend anlegte.

Milo und ich legten ebenfalls schusssichere Westen an. Schließlich konnte niemand vorhersehen, wie Tavernier reagieren würde, wenn wir hier auftauchten.

Von den Männern, die ihn offenbar entführt hatten, mal ganz abgesehen.

„Ich habe schon Verstärkung angefordert“, erklärte Clive. Dann steckte er die Hand aus und deutete auf eine der Hallen. „Max meint, dort wäre Taverniers Standort. Oder zumindest der seines Handys...“

In Clives Chevy befand sich ein ebensolcher TFT-Bildschirm wie in unserem Sportwagen. Er zeigte eine genaue Karte des Geländes, die in einem sehr großen Maßstab gehalten war, sodass man jedes Gebäude deutlich vor sich hatte. 

Ein blinkender Punkt markierte die Position des Handys.

Mit angelegter Kevlar-Weste und gezogener Dienstwaffe näherten wir uns dem Gebäude.

Ein Seiteneingang war offen. Dem Zustand des Schlosses nach, war es gewaltsam geöffnet worden.

Wir gingen einen Korridor entlang, der zur eigentlichen Halle führte. Hier waren Büroplätze gewesen. Das Mobiliar stand noch dort, nur die Computer hatte man abgebaut. Die abgeklemmten Kabel waren überall zu sehen.

Ein  unmenschlicher Schrei war dann aus der Halle zu hören. Wir drangen weiter vor. Milo trat die Tür zur Halle bei Seite, ich stürmte mit der Waffe in beiden Händen voran.

James Tavernier war mit den Füßen an einen Seilzug gebunden worden und hing kopfüber etwa anderthalb Meter über dem Boden. Zwei Männer waren bei ihm, auf die die Beschreibung passte, die uns Larry Montoya gegeben hatte. Der bullige Kahlkopf traktierte Montoya mit einem Elektroschocker, während der Blonde ein Mobiltelefon in der Hand hielt und auf den Tasten herumdrückte. Vermutlich war dies Taverniers Prepaid-Handy und der Kerl war wohl gerade dabei, das Menue durchzugehen. 

Vielleicht ging es um die gespeicherten Kontaktdaten...

Tavernier war ja nicht ohne Grund von der Liste der Informanten gestrichen worden, mit denen das FBI zusammenarbeitete. Er hatte einfach die Neigung, ein doppeltes Spiel zu spielen und das hatte seinen dubiosen Geschäftspartner vielleicht nicht gefallen.

„Hände hoch! FBI!“, rief ich.

Der Blonde ließ das Handy fallen und griff zur Waffe.

Er riss eine Automatik aus dem Hosenbund heraus und feuerte.

Ich schoss beinahe im selben Moment. Mein Schuss traf ihn an der Schulter, während der Schuss meines Gegenübers dadurch verrissen wurde. Das Projektil aus seiner Waffe pfiff einen Meter über mich hinweg und stanzte dann ein Loch in die Wandverkleidung. Ein weiterer Schuss löste sich wohl unwillkürlich, als er zurück taumelte. Eines der Deckenfenster, durch die Licht einfiel, wurde getroffen und es regnete Glassplitter.

Der bullige Typ mit dem Elektroschocker hatte die Hand bereits unter der Jacke, als er mitten in der Bewegung innehielt und mehrere Mündungen auf sich gerichtet sah.

Gleichgültig, wie schnell oder wie gut er als Schütze auch sein mochte – er begriff, dass er keine Chance hatte.

Vorsichtig zog er die Hand wieder unter der Jacke hervor. Den Schocker, den er in der anderen trug, ließ er fallen.

Clive Caravaggio rief über Handy den Notarzt. Sowohl für Tavernier als auch für den Blonden würde dessen Einsatz notwendig sein.

Der Blonde ließ ebenfalls die Waffe los.

Er stöhnte auf. Das Blut kam durch seine Jacke hindurch und färbte sie an der Schulter rot.

„Sie haben das Recht zu schweigen, falls Sie von diesem Recht keinen Gebrauch machen sollten, kann alles, was Sie von nun an sagen, vor Gericht gegen Sie verwendet werden“, belehrte unser indianischstämmiger Kollege Orry Medina die Beiden über ihre Rechte, während Milo bei dem bulligen Kerl mit dem spärlichen Haarkranz die Handschellen klicken ließ.

Dann kümmerten wir uns umgehend um Tavernier und befreiten ihn aus seiner unbequemen Lage.

Er war allerdings nicht ansprechbar.

Die beiden Gefangenen äußerten sich nicht dazu, wie lange und wie intensiv sie Tavernier mit dem Schocker malträtiert hatten. Aber wenn wir einfach nur den Zeitraum ansetzten, ab dem Taverniers Handy zu orten gewesen war, dann wurde schnell klar, wie sehr sie ihm zugesetzt hatten.

Die beiden Männer hatten Führerscheine bei sich.

Der Blonde hieß demnach William Curtiz, sein kahlköpfiger Komplize Brian Gonzalez.

Der Notarzt traf schnell ein. Ebenso wie die Verstärkung durch unsere eigenen Kollegen und die Kollegen der City Police, die wir umgehend gerufen hatten.

Genau sieben Minuten brauchte der Emergency Service, was angesichts der New Yorker Verkehrsbedingungen eine sehr gute Zeit ist und auch nur deswegen möglich war, weil das St. James Hospital ganz in der Nähe lag.

Aber für James Tavernier kam jede Hilfe zu spät.

Es gab noch in der Fabrikhalle zwei Versuche, ihn wieder zu beleben.

Vergebens.

Der behandelnde Notarzt sah mich an und schüttelte den Kopf.

„Tut mir Leid. Da war nichts mehr zu machen.“

„Was ist Ihrer Meinung nach die Todesursache?“, fragte ich.

Details

Seiten
1300
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738919301
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v419699
Schlagworte
krimi koffer acht thriller

Autoren

  • Autor: Alfred Bekker

    Alfred Bekker (Autor)

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