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Henwoods mörderisches Erbe

2018 120 Seiten

Leseprobe

Henwoods mörderisches Erbe

Luke Sinclair

Published by Cassiopeiapress/Alfredbooks, 2018.

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Henwoods mörderisches Erbe

Western von Luke Sinclair

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––––––––

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IMPRESSUM

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author

© Cover: Nach einem Motiv von Charles M. Russel mit Steve Meyer, 2018

Früherer Titel: Ein mörderisches Erbe

Korrektorat: Kerstin Peschel

© dieser Ausgabe 2018 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Klappentext:

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Frank Henwood vermacht nach seinem Tod fast seinen gesamten Besitz Dave Brennan, seinem ehemaligen Partner und Mitbegründer der kleinen Stadt Henwood City. Wahrscheinlich hatte er nicht geahnt, was für eine Welle der mörderischen Gewalt er damit in Bewegung setzen würde. Denn kaum hat Dave Brennan das Erbe angetreten, hat die Jagd auf ihn, den Mann, der einst ein gefürchteter Schießer war, bereits begonnen. Eine Jagd, die auf rasende Eifersucht und Habgier begründet ist und keine Gnade kennt.

Selbst der Marshal vermag diese Hetze auf Brennan nicht zu unterbinden und wird hinterrücks ermordet. Dave nimmt die Verfolgung des Mörders auf und hat plötzlich nicht nur einen tödlichen Feind vor sich, sondern auch mehrere feindliche Gruppen hinter sich. Selbst ein gekaufter Mörder ist unter ihnen. Und sie alle wollen nicht eher Ruhe geben, bis sie Brennan zur Strecke gebracht haben. Doch dessen größter Feind schlummert in ihm selbst und droht, ihm immer wieder zum tödlichen Verhängnis zu werden ...

***

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EINE WINZIGE BEWEGUNG warnte Dave Brennan. Er ließ sich instinktiv aus dem Sattel fallen, knallte auf den harten Boden und rollte zur Seite. In den Felsen blitzte es auf. Die erste Kugel pfiff über den leeren Sattel hinweg, das zweite Geschoß schlug an der Stelle in den Boden, wo er vor einer halben Sekunde noch gelegen hatte. Mit einem verzweifelten Sprung rettete sich Brennan hinter die nächste Deckung, aber er wusste, dass er sich hier nicht lange halten konnte. Der letzte Tanz um ein mörderisches Erbe hatte begonnen ...

Dave schaute sich nach einer Rückzugsmöglichkeit um, denn hier konnte er sich nicht lange halten.

Zehn Schritte hinter ihm gab es Felsen, die eine bessere Deckung boten.

Aber er durfte keine Sekunde zögern, sonst nagelte ihn der heimtückische Gegner hier fest.

Entschlossen sprang er auf und rannte in wilden Zickzack-Sprüngen los. Im nächsten Augenblick merkte er, dass jetzt auch noch aus der entgegengesetzten Richtung auf ihn geschossen wurde.

Eine der Kugeln riss ihm den Arm auf, doch dann hatte er es geschafft.

Aber für wie lange?

Er wusste, dass die Deckung dieser Felsen recht trügerisch war und nur für kurze Zeit Sicherheit bot. Ohne seinen Gaul kam er hier nicht weg, und die beiden Burschen würden aufpassen, dass er da nicht herankam. Es blieb ihm also nichts weiter übrig, als diesen Kampf bis zum Ende auszutragen – so oder so.

Zunächst wickelte er ein Tuch um seinen blutenden Arm und zog mit den Zähnen den Knoten fest. Anschließend nahm er das Gewehr und stieg vorsichtig durch die Felsen. Von seinen Gegnern war im Moment nichts zu hören und zu sehen. Irgendwo da draußen schnaubte sein Pferd.

Dave Brennan befand sich in einem Hohlweg. Er blieb stehen und drückte sich lauschend an die Felswand. Das Gewehr hatte er schussbereit in den Händen. Er schaute nach oben zum Rand der kleinen Schlucht, aber dort war nichts. Der Boden der Schlucht führte ziemlich steil nach oben und war mit Schotter und Felstrümmern bedeckt.

Plötzlich hörte er ein Geräusch, und sein Kopf zuckte herum. Am unteren Ende des Hohlweges war eine Bewegung, aber sein Schuss ließ den Mann augenblicklich verschwinden. Nur eine Sekunde später knallte es hinter ihm am oberen Ende des Weges. Die Kugel schabte am Fels entlang und heulte hässlich durch die Schlucht.

Mit einem Fluch fuhr Brennan herum, sah den Schützen und feuerte blitzschnell. Der Kerl zuckte zusammen, ließ das Gewehr fallen, taumelte und brach zusammen.

Sofort fuhr Brennan wieder herum, aber von der anderen Seite kam kein Schuss mehr. Er lief den Weg herunter, bis sich die Schlucht verbreiterte, und blieb stehen. Von dem anderen Mann war nichts zu sehen. Doch dann dröhnte Hufschlag auf, der sich rasch entfernte.

Der Kerl war abgehauen und zwar so eilig, dass er nicht einmal das zweite Pferd mitgenommen hatte.

Brennan spuckte verächtlich in den Sand. Er machte die Zügel des Tieres los und zog es hinter sich her.

Der Mann im Hohlweg war tot. Brennan drehte ihn mit dem Stiefel herum und sah in sein Gesicht. Er konnte sich nicht erinnern, ihm schon einmal begegnet zu sein. Aber an dem Brandzeichen des Pferdes erkannte er, dass es eines von John Varneys Tieren war.

Sie hatten sich und ihm verdammt wenig Zeit gelassen, denn seit seiner Ankunft hier war erst ein Tag vergangen. Neil Bicker hatte wohl recht gehabt, aber jetzt war es nicht mehr zu ändern. Der Tanz hatte begonnen.

*

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GESTERN NOCH HATTE er sich seine Zukunft hier ganz anders vorgestellt, als er vor Frank Henwoods Grab gestanden hatte.

Frank Henwood ...

Als Brennan ihn das letzte Mal gesehen hatte, war er ein großer, vitaler Mann mit ruhigem Temperament gewesen. Die Zeit hatte ihn geschafft. Vielleicht lag damals schon der Keim des Todes in ihm und wuchs.

Brennan hatte sich gefragt, was er tun würde, wenn jemand Frank Henwood umgebracht hätte. Er hatte in stummer Beantwortung seiner Frage auf seine Hand hinuntergeblickt, die er ein wenig verkrampft hielt. Wahrscheinlich nichts, denn den Revolvermann Dave Brennan gab es nicht mehr. Er war hierhergekommen, um unter dem Schutze des Gesetzes zu leben, nicht um zu töten.

Eine Zeitlang hatte er so dagestanden, ohne sich zu regen, bis er schließlich Schritte hinter sich gehört hatte und jemand sagte: „Es ist nicht so wie du denkst, Dave. Er ist ganz natürlich gestorben.“

Langsam drehte Brennan sich um. Er sah einen Mann mit einem breiten, zerfurchten Gesicht und dunklen, ernsten Augen. Neil Bicker. Brennan bemerkte den Stern an der Brust des Mannes.

„Ich weiß“, sagte er ruhig, „er hat es mir geschrieben.“

Neil Bicker war gealtert, aber die breiten, massigen Schultern und seine aufrechte Haltung waren geblieben.

„Er hat dir fast alles vermacht, was ihm gehörte, Dave“, sagte er schließlich. Er wollte noch weitersprechen, doch Brennan kam ihm zuvor.

„Das weiß ich. Vielleicht bin ich deshalb hier. Frank wusste, wo ich zu erreichen war. Und er wusste auch, dass er sterben würde. Ich holte mir seine Briefe von Zeit zu Zeit in Santa Fe ab, wenn ich in der Nähe war.“

Bicker nickte.

„Dann bist du ja über alles informiert. Ich sah dich vorhin vorbeireiten, und da bin ich dir gefolgt.“

„Willst du mich verhaften, Neil?“, fragte er langsam.

Neil Bicker winkte mit der Hand ab. „Die Geschichte von damals ist für mich vorbei. Mich interessiert mehr die Zukunft. Willst du hierbleiben?“

„Ja, das hatte ich vor.“ Brennan forschte in Neil Bickers Gesicht, und er sah das Unbehagen darin. „Ich suche keinen Streit“, fügte er hinzu.

„Das glaube ich gern, aber er wird auf dich zukommen, und du bist nicht der Mann, ihm auszuweichen.“

Einen Moment sahen sich die beiden Männer an, und die bedrückende Stille wurde spürbar.

„Ich verspreche dir, dass ich jedem Verdruss aus dem Wege gehen werde“, sagte Brennan schließlich. Bicker nickte resigniert.

„Naja, du kannst es versuchen. Ich bin der Letzte, der dich wegschicken würde.“

Brennan ging zu seinem Pferd zurück, und Bicker folgte ihm.

„Ich hatte nie etwas gegen dich. Die meisten haben es sich zu leicht gemacht, sie verurteilten dich, weil deine Kugel die tödliche war. Doch dieses Urteil ist unsachlich. Wenn man der Sache auf den Grund geht, traf Gil Mory die Hauptschuld. Er hätte dein Temperament kennen sollen.“

„Du kannst ruhig Jähzorn sagen“, erwiderte Brennan und band die Zügel los, „aber das ist seit fünfzehn Jahren vorbei.“

Er zog den Wallach hinter sich her, und Neil Bicker ging neben ihm.

„Damit du dich zurechtfindest: Henwood gehörte der Mietstall, der Gemischtwarenladen an der Ecke und eine kleine Ranch am Cettonwood Creek. Aber er hat sich nicht viel um sie gekümmert.“

Brennan brachte sein Pferd in den Mietstall und ging zu Henwoods Haus. Damals, vor fünfzehn Jahren, hatte hier nur eine kleine Hütte gestanden. Er trat durch die Tür in das Haus.

Frank Henwood musste wohlhabend gestorben sein. Die Diele war groß und behaglich. Das Gemälde an der hinteren Wand musste wertvoll sein, und der Kronleuchter in der Mitte war groß und wuchtig. Links führte eine Treppe nach oben, und rechts befand sich das Zimmer, in dem Frank Henwood gewohnt haben musste.

Brennan kehrte in die Diele zurück. Seine Schritte wurden vom hellen Klingen seiner Sporen begleitet. Er lehnte sich gegen die Wand, ließ das Gewehr und das Bündel, das seine wenigen Habseligkeiten enthielt, auf den Boden gleiten und holte sein Rauchzeug aus der Tasche. In Gedanken versunken, rollte er sich eine Zigarette, wobei er vorwiegend die linke Hand benutzte. Seine Blicke wanderten langsam durch den Raum, und er ließ die Stille des Hauses auf sich einwirken. Hier hatte Frank Henwood gelebt, während der Jahre, in denen er, Brennan, in den Wüsten des Westens fast verdurstet und in den Bergen fast erfroren wäre. Jetzt war das vorbei, und er war froh darüber. Sein Blick glitt an den Wänden entlang und kehrte zum Fußboden zurück.

Er war zu Hause.

Als er das Zündholz anriss, hörte er im Obergeschoss eine Tür klappen. Mitten in der Bewegung hielt er inne, und instinktiv kroch seine Hand zum Revolver. Alle die Kleinigkeiten, die er nur im Unterbewusstsein auf genommen hatte, fielen ihm mit einem Schlag ein. Das Haus war sauber, nirgends lag Staub und die Fenster waren geputzt. In der Diele hing irgendein Duft, der anders war als in einem unbewohnten Haus.

Brennans Gedanken jagten sich. Die Vorsicht war ihm zur Gewohnheit geworden. Das Gewehr lag auf dem Boden und war für ihn nicht schnell genug erreichbar. Es blieb nur der Revolver. Er ließ das Zündholz fallen, und sein Blick glitt zum oberen Ende der Treppe hinauf.

Langsam entspannte sich seine Haltung, während sich auf seinem Gesicht Erstaunen zeigte. Er sah ein dunkelhaariges Mädchen in einem hellen Kleid. Sie mochte neunzehn oder zwanzig Jahre alt sein.

Brennan trat mit dem Fuß auf das Zündholz, das auf dem Boden schwelte.

Das Mädchen kam mit wiegenden Schritten die Treppe herunter und blieb auf der untersten Stufe stehen.

„Normalerweise nimmt ein Mann den Hut ab, wenn er ein fremdes Haus betritt.“

Brennan nahm seinen Hut ab. „Zufrieden?“, fragte er mit einem Anflug von Unmut in der Stimme. „Übrigens ist das kein fremdes Haus für mich. Ich habe schon in der Hütte gewohnt, die hier einmal stand.“

Sie nickte ihm mit ironischer Bewunderung zu und kam auch noch die letzte Stufe herunter. „Sie sind Dave Brennan, nicht wahr?“

Brennan holte ein neues Zündholz hervor und nickte. „Sie haben den Nagel auf den Kopf getroffen“, sagte er leicht verärgert, bemühte sich aber, dies nicht merken zu lassen. „Würden Sie mir sagen, was Sie in diesem Haus tun?“ Er hielt die Flamme an seine Zigarette und blies dann das Zündholz aus. „Sie haben doch nichts dagegen, dass ich rauche?“

Während sie näherkam, sagte sie: „Nein, Sie tun es ja ohnehin schon. Und was Ihre Frage betrifft, ich wohne hier.“

Brennan warf ihr einen schnellen Blick zu. „So“, sagte er nur.

„Ich bin sozusagen die Tochter von Frank Henwood.“

Brennan blies langsam den Rauch aus seiner Lunge. „Frank war nicht verheiratet. Und er hatte auch keine Tochter“, sagte er ruhig.

Sie war dicht vor ihm stehen geblieben und sah ihn gerade an. Ihre Augen waren tiefblau und standen in seltsamem Kontrast zu ihrem dunklen Haar.

„Er hat mich als seine Tochter angenommen, als vor zehn Jahren meine Eltern starben. Unser Wagen wurde von Apachen überfallen. Mich konnte Frank Henwood retten, aber für meine Eltern war es zu spät. Da ich niemanden mehr hatte, sorgte er für mich.“

Frank Henwood hatte ihm nie davon geschrieben, und plötzlich hatte er den Verdacht, dass er ihn ihretwegen veranlasst hatte, zurückzukommen. Es sollte jemand da sein, der sich um das Mädchen kümmerte, wenn er nicht mehr war.

Brennan stellte plötzlich fest, dass sie sehr hübsch aussah. Auf seinen einsamen Pfaden hatte er nicht viele Frauen getroffen, und keine, die so aussah wie sie. Er klemmte die Zigarette zwischen die Lippen und bückte sich nach seinem Bündel und dem Gewehr.

„Ich heiße Diana“, sagte sie, und als er sich der Tür zuwandte: „Wohin wollen Sie?“

„Ich will mir eine andere Bleibe suchen.“

Sie schüttelte voll ehrlicher Verwunderung den Kopf. „Frank Henwood hat hier gewohnt, weshalb wollen Sie nicht hier wohnen?“

„Weil ich ein paar Jahre jünger bin als er“, antwortete er mit bissiger Ironie. Dieses Haus gefiel ihm, und er hätte gern darin gewohnt.

„Haben Sie Angst vor mir?“, fragte Diana.

Er wollte weitergehen, aber Diana hatte ihn mit ein paar schnellen Schritten eingeholt. „Das ist doch Unsinn, Mr. Brennan“, sagte sie hastig, „ich habe Frank Henwood den Haushalt geführt und werde es bei Ihnen ebenso tun. Sie werden schnell einsehen, dass ein Mann so besser lebt. Sie wohnen hier unten und ich oben. Wir werden uns nur begegnen, wenn es nötig ist. Aber ich möchte nicht länger allein in diesem Haus wohnen.“

Brennan verstand nicht viel von den Empfindungen eines Mädchens, aber er spürte instinktiv, dass sie Angst hatte und das Bewusstsein seiner Gegenwart sie beruhigte. Er dachte an Frank Henwood. Vielleicht hatte er es so gewollt.

„Es war eine schlimme Zeit, nach Frank Henwoods Tod“, sagte sie beinahe bittend.

Zögernd legte Brennan das Bündel und das Gewehr auf eine Kommode, über der sich ein Spiegel befand. „Na schön, wenn Sie es so wollen.“

Er bemerkte deutlich die Erleichterung in ihrer Stimme, als sie erklärte; „Ich bringe schnell Ihre Sachen fort.“

„Nicht das Gewehr“, sagte er schnell und legte hastig seine Hand auf den braunen Schaft der Waffe, als sie danach griff. Diana sah ihn erschrocken an.

„Hier drinnen werden Sie es bestimmt nicht brauchen“, wandte sie zaghaft ein.

„Ich brauche es immer und überall“, sagte er. Seine Stimme war wieder ruhig, und er bereute es, sie mit seiner plötzlichen Reaktion erschreckt zu haben. Ihr Blick glitt zu seinem Revolver hinab. Wahrscheinlich fragte sie sich, weshalb ein Mann, der als Revolverkämpfer bekannt, war, unbedingt sein Gewehr brauchte. Aber sie sagte nichts, nahm das Bündel und wandte sich ab.

*

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DER SALOON BEFAND SICH nicht weit von Henwoods Haus. An dieser Stelle hatte früher ein ungepflegter Bretterschuppen gestanden, in dem man alle Vergnügungen haben konnte, die an der Grenze üblich waren. Whisky, Glücksspiel, leichte Mädchen und Streit. Heute, sah alles anders aus, außen wie innen.

Aus dem schmutzigen Schuppen war ein festes Haus geworden, mit einer Bretterfassade und der üblichen Veranda. Statt der Sägespäne lag ein Teppich auf dem Fußboden, und an die Stelle eines rauen Brettes, das über einer Reihe von Fässern lag, war eine sauber gearbeitete Bar getreten, hinter der Spiegel und Nickel glänzten. Lediglich das Bild des mit einem durchsichtigen Schleier bekleideten Mädchens war geblieben. Es lächelte noch genauso einladend wie damals.

Neil Bicker stand an der Bar vor einem Glas Whisky. Er nickte Brennan zu. „Hast du sie gesehen?“, fragte er. „Natürlich“, antwortete Brennan. „Es scheint so, als hättest du etwas Bestimmtes mit mir vor.“

Bicker verzog keine Miene.

„Nein, das habe ich nicht“, sagte er, „ich habe mir nur gedacht, dass ein Mann, der sesshaft ist, auf die Dauer nicht allein bleiben will. Und es ist besser, du beseitigst von vornherein alle Zweifel und Gerüchte.“

Brennan griff abwesend nach dem Glas, das der Barmann hingestellt hatte. „Was willst du damit sagen?“

Bicker sah ihn an, als wäre er schwer von Begriff.

„Ich will verhindern, dass du dort wieder anfängst, wo du damals aufgehört hast. Jeder von den Alten weiß, wie du damals zu Lucy Darrow gestanden hast. Aber fünfzehn Jahre gehen nicht spurlos vorbei.“

Brennan nahm einen Schluck von seinem Whisky. Das also war es. Bicker wollte ihn versorgen, ehe es Ärger gab. Brennan musste sich eingestehen, dass er oft an Lucy gedacht hatte. Vor fünfzehn Jahren war sie alles in seinem Leben gewesen. Aber er war kein Narr, er bildete sich nicht ein, dass sie auf ihn gewartet hatte.

„Sie ist verheiratet?“, fragte er.

Bicker stellte sein Glas hin und schob es Spielerisch auf der Bar hin und her.

„Ja, und John Varney ist ein verdammt eifersüchtiger Mann. Es braucht nur irgendein blödsinniges Gerücht aufzukommen, und er sieht rot. Und solch ein Gerücht wird es bald geben, wenn du dir keine andere Frau nimmst.“ Brennan begann zu lächeln.

„Du kannst von mir nicht erwarten, dass ich dir zuliebe heirate“, sagte er ohne Verdruss in der Stimme.

„Ich weiß“, knurrte Bicker unmutig, „ich wollte dich nur vor einer Gefahr warnen. Varney ist der größte Rancher in der Gegend.“

Eine Saloonlady kam zu ihnen.

„Hallo, Neil“, sagte sie und nickte auch Brennan zu.

„Angie Millot singt hier im Saloon“, raunte Bicker ihm zu, ohne dass Brennan gefragt hatte. „Ich mag sie gut leiden.“

Er bestellte ihr einen Drink und sagte zu Brennan: „Henwood hat dir das Haus vermacht, den Mietstall und eine Ranch am Cottonwood Creek. Der Gemischtwarenladen gehört Diana.“

Brennan nickte. Das alles interessiert ihn jetzt im Augenblick nicht sonderlich. Draußen war es dunkel geworden, und er hatte einen verdammt langen Ritt hinter sich. Er verabschiedete sich und ging. Angie Millot blickte seiner großen, hageren Gestalt nach, bis die Flügel der Pendeltür wieder zur Ruhe kamen.

„Was ist das für ein Mann?“, fragte Angie.

„Was man auch über ihn spricht“, sagte Bicker langsam, „er ist der Mann, der diese verdammte Stadt gegründet hat, zusammen mit Frank Henwood.“

Die Straße war nur spärlich beleuchtet. Das Dunkel wurde nur hin und wieder von einer trüb scheinenden Lampe unterbrochen. Vieles sah jetzt so aus wie früher, und er wurde an Dinge erinnert, die er längst vergessen glaubte. Er blieb stehen und blickte vor sich auf den Boden. Hier, an dieser Stelle, hatte alles begonnen. Hier hatte er damals gestanden, und fünfzehn Schritte weiter auf der Straße hatte Gil Mory gelegen – wenige Augenblicke vor seinem Tode und noch einige danach.

Aber zwischen damals und heute war er ein anderer Mensch geworden. Heute würde sich so etwas nicht wiederholen, das wusste er genau. Er blickte auf die geöffneten Finger seiner Hand. Vorhin wäre ihnen beinahe das Glas entglitten. Zum Glück, so glaubte er, hatte es niemand bemerkt.

*

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AM ANDEREN MORGEN SCHLIEF Brennan länger, als er es sonst gewohnt war. Als er auf die Straße trat, blendete ihn das Sonnenlicht. Es würde ein heißer Tag werden. Der Himmel war blass, so wie er meistens war. Nichts unterschied diesen Tag von anderen, aber er begann erst.

Vor Dianas Laden blieb er stehen. Wie lange war es her, seit Frank Henwood mit ihm hier angefangen hatte. Es war recht primitiv damals, und ihre ersten Kunden waren die Apachen gewesen.

Er ging auf die Tür zu, als jemand herauskam. Brennans Fuß stockte. Er erkannte Lucy Darrow sofort. Sie war etwas voller geworden und ein wenig älter, aber sonst hatte sie sich kaum verändert. Sie sah ihn im gleichen Moment, als er sie bemerkt hatte. Es lagen nur ein paar Schritte zwischen ihnen, und es fiel ihm ein, dass sie inzwischen Lucy Varney hieß.

„Guten Tag, Lucy“, sagte er höflich. „Hallo, Dave.“ Die Überraschung war nur kurz. „Ich hörte gestern schon, dass du zurückgekommen bist.“

Das Zusammentreffen mit ihr war leer und nichtssagend, belanglose Worte. Und dann kam ihr Mann über die Straße.

„Du hast nie geschrieben, Dave“, sagte sie schnell. Es klang wie eine verlegene Entschuldigung. „Wenn du willst, besuch uns mal.“ Brennan sah den Gesichtsausdruck des näher kommenden Ranchers und erwiderte: „Ich glaube kaum, dass es klug wäre.“

John Varney blieb bei ihnen stehen und grüßte knapp.

„Das ist Dave Brennan“, sagte Lucy und versuchte, die unbehagliche Situation zu überbrücken.

„Das dachte ich mir“, antwortete Varney, und mit einem Blick auf Brennan sagte er: „Man sagt, dass Sie ziemlich schnell schießen.“

„Zuweilen trinke ich auch und spiele Karten“, entgegnete er, „und hin und wieder esse und schlafe ich, wie andere Menschen auch.“ Er bemerkte die Eifersucht und sogar Hass in Varneys Augen und fügte hinzu: „Aber ich habe einen leichten Schlaf, Mr. Varney.“

Der Rancher, der ein Stück kleiner war als Brennan, sah zu ihm hoch. „Das hätte ich auch an Ihrer Stelle“, sagte er feindselig.

Für Brennan war die Versuchung groß, Varney ein paar harte Worte zu sagen, aber er erinnerte sich rechtzeitig daran, dass es besser war, einen Streit zu vermeiden.

„Jeder füllt einen bestimmten Platz im Leben aus“, sagte er deshalb nur, „und es ist besser, man passt sich diesem an.“

John Varney nickte beifällig. „Und es ist auch besser, man vergisst nicht, wo dieser Platz ist, sonst kann man leicht in Schwierigkeiten kommen.“ Er tippte nachlässig an den Hut. „Ich nehme an, dass wir uns noch einmal begegnen.“

Brennan verstand die versteckte Drohung, die in seinen Worten lag. Er nickte Lucy zu, die sich mit einem stummen Blick verabschiedete, und blickte den beiden nach.

Sie gingen auf einen Einspänner zu, der ein paar Häuser weiter auf der anderen Seite stand. An diesem Wagen lehnte ein junger Bursche, dessen Haltung betont lässig war. Er war schlank, fast schlaksig, und trug den Revolver in einer Weise, die keine Zweifel darüber aufkommen lassen sollte, dass er auch damit umgehen konnte.

Der Junge warf die Zigarette weg, als Varney und Lucy sich näherten, und blickte in deutlich herausfordernder Art zu Brennan herüber. In diesem Moment wusste Dave, dass es mit ihm Ärger geben würde. Er kannte diese Burschen, die sich für Revolverhelden hielten. Entweder wurden sie es wirklich, oder sie starben sehr schnell.

Brennan wandte sich ab und ging in den Laden.

*

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JOHN VARNEYS GEDANKEN begannen sich zu ordnen, als er mit Lucy über die Straße ging. Er konnte sich denken, wie es war. Lucy hatte Brennan damals geliebt, und so war es geblieben. Fünfzehn Jahre war er für sie nicht erreichbar, doch jetzt war er wieder da. Und Varney wusste, dass Lucy mit ihrer Ehe nicht zufrieden war, dass sich ihre Vorstellungen nicht erfüllt hatten.

Er fragte sich nicht eine Sekunde, ob er vielleicht selbst die Schuld daran trug. Für ihn gab es nur einen Schuldigen, Dave Brennan. Seit sie von seiner Rückkehr wusste, war sie völlig verändert. Varney konnte nicht dulden, dass jemand daherkam und ihn zu einer lächerlichen Figur machte. Brennan musste wieder verschwinden, um jeden Preis. Und zwar, noch ehe die Leute über ihn zu tuscheln begannen.

*

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ALS ER LUCY AUF DEN Wagen half, kam ihm plötzlich ein Gedanke. Er kannte Harold T. Shanninghan und dessen Pläne zu gut, um nicht zu wissen, dass Brennan auch ihm im Wege stehen würde.

Shanninghan war der Besitzer der Bank in Henwood City und hatte schon vor langer Zeit nur auf Frank Henwoods Tod gewartet.

„Wartet hier auf mich“, sagte Varney zu Lucy und dem Jungen, „ich habe noch etwas zu erledigen.“ Er überquerte die Straße mit harten Schritten, wie es seine Art war, ging in die Bank und stieß unangemeldet die kleine Tür zu Shanninghans Büro auf. Dicht hinter der Schwelle blieb er stehen.

Shanninghan saß breit und massig auf einem Stuhl, hatte die Ellenbogen auf den Tisch gestützt und brütete vor sich hin. Jetzt hob er den Kopf aus den Händen und starrte Varney unwillig an. In seinem schwammigen Biedermannsgesicht standen die Augen eines Raubtieres – klein und grausam.

„Was willst du?“, knurrte er, und Varney merkte, dass er nicht in bester Stimmung war.

„Ein bisschen plaudern, was hältst du davon?“

Varney angelte sich mit dem Fuß einen Stuhl, ließ sich rittlings darauf nieder und verschränkte die Arme auf der Lehne.

Shanninghan schob zwei Finger hinter den angeschmutzten Hemdkragen und sagte verdrießlich: „Wenn du so anfängst, dann hast du etwas Bestimmtes auf dem Herzen.“

John Varney hielt nicht viel von langen Vorreden. Er war Viehzüchter und hatte keine Zeit für langes Gerede. Seine Art war direkt und ohne Umschweife.

„Brennan ist in der Stadt und will hierbleiben“, begann er. „Ich will, dass er wieder von der Bildfläche verschwindet, und zwar für immer.“

Harold T. Shanninghan griff nach der Flasche und goss sein Glas voll. „Warum gehst du nicht zu ihm und sagst ihm das? Gläser stehen da drüben.“

„Weil ich mir dachte, dass du den gleichen Wunsch hast“, versetzte Varney, „und da unsere Interessen so nahe beieinander liegen ...“

„Mit einem Wort“, unterbrach ihn der Bankier, „du hast gedacht, Shanninghan soll sich was einfallen lassen.“ Varney tat ein wenig beleidigt. „Das stimmt nicht, Harold. Du kennst mich. Wenn ich will, kann ich diese Sache auch allein ausfechten. Ich dachte nur, wenn wir beide das gleiche Ziel haben, sollten wir auch versuchen, es zusammen zu erreichen.“

Shanninghan nickte. „Eine schöne Rede, und wie stellst du dir das vor?“ „Hm“ Varney zögerte einen Moment, „das Beste wäre, wenn er erschossen würde. Bei einem Mann wie Brennan wäre das schon fast eine natürliche Todesursache.“

„Sofern es nicht gerade von hinten geschieht. Und darin liegt die Schwierigkeit.“ Shanninghan räusperte sich. „Dazu brauchten wir einen Fachmann. Einen Mann, von dem niemand weiß, wer ihm das Geld dafür gibt.“

Varney dachte einen Moment nach. Der Gedanke schien ihm nicht sonderlich zu gefallen. Er war ihm zu umständlich. Dennoch fragte er: „Kennst du einen solchen?“

„Ich wüsste schon einen, aber solch ein Mann ist teuer.“

John Varney machte ein missmutiges Gesicht. „Wozu? Ich habe genug Leute, die das erledigen können. Alle auf einmal kann Brennan nicht erschießen, und ein Streit ist schnell provoziert. Ich stelle die Männer und du zahlst die Prämie dafür.“

Shanninghan trank und leckte sich die Lippen.

„Du kannst es so versuchen“, sagte er ölig, „ich lasse das nicht von Amateuren erledigen. Wenn ich meine Finger in so etwas hineinstecke, dann will ich saubere Arbeit, einen Profi, auf den man sich verlassen kann.“

Varney stand langsam auf. Er hatte noch niemals jemanden zweimal gefragt, wenn er etwas wollte, dazu war er zu stolz.

„Versuchen wir es jeder auf seine Art, der Erfolg wird einem von uns recht geben.“

Harold T. Shanninghan blickte ihm nach, als sich die Tür hinter Varney schloss.

„Du Narr“, murmelte er, „du wirst es nie schaffen, nicht so.“

Er selbst hatte schon seine Wahl getroffen, Kiowa war ein Mann, der keine Fragen stellte und gründliche Arbeit leistete. Und er hatte keinerlei Skrupel, wenn man ihn dafür bezahlte.

*

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BRENNAN KAUFTE SICH einen Anzug aus strapazierfähigem dunklem Tuch, ein weißes Hemd und eine schwarze Schleife. Wenn man in einer Stadt wohnte, dann trug man so etwas.

Die Straße nach Westen war staubig und heiß. Die Ranch lag nicht weit von der Einmündung des Cottonwood Creek in den Gila River. Sie war in keinem besonders guten Zustand, aber Brennan hatte schon schlechtere gesehen. Die Corrals und Stallungen waren in Ordnung, abgesehen von dem Schmutz, der überall lag.

Zwei Männer hatten gerade einige jüngere Tiere in einen Corral getrieben, und ein dritter kam aus dem Haus, als Brennan erschien. Die Männer blickten zu ihm herüber und fühlten sich offenbar nicht ganz wohl bei ihrer Tätigkeit. Einer legte sogar die Hand an den Revolver, aber die Gewissheit, dass nur ein einzelner Reiter kam, schien ihn wieder zu beruhigen.

Brennan hielt sein Pferd an und sah zu, wie die Männer die Corraleinzäunung schlossen. Sie erwiderten seinen Gruß und verhielten sich abwartend.

„Mein Name ist Dave Brennan“, sagte er, „mir gehört die Ranch nach Frank Henwoods Tod. Ihr werdet das sicher wissen.“

Er wartete und ließ seine Worte in das Bewusstsein der Männer einsickern. Sie sahen sich an, und es sah nicht so aus, als ob sie sich freuten.

„Wer ist der Verwalter?“, fragte Brennan.

„Das bin ich.“ Eddie Raleen war ein hagerer Mann mit eckigen, fast verkrampften Bewegungen. Sein Gesicht hatte einen trotzigen Zug. Die anderen beiden waren Gregory Jewett, ein langer Kerl mit einer melancholischen Nase, und Floy Nolan, ein hartknochiger Reiter mit einem hageren Gesicht, über das sich die Haut wie ein Pergament spannte.

„Wollen Sie hier wohnen, Mr. Brennan?“, erkundigte sich Eddie Raleen mit kratzender Stimme.

„Vorläufig nicht“, sagte Brennan. „Ich wollte mir das hier nur einmal ansehen.“ Er ließ seinen Blick schweifen. Im Süden konnte man die Pinaleno Mountains greifbar nahe erkennen, und im Norden lagen die Gila Mountains weiter entfernt. Es war ein Land, für das man eine Schwäche haben konnte, wenn man darin lange genug aushielt.

„Was sind das für Tiere?“, fragte Brennan und deutete auf die Rinder im Corral, die noch keinen Brand trugen.

Eddie Raleen war diese Frage unangenehm. Er zögerte etwas, ehe er antwortete: „Es sind Mavericks. Wir haben sie auf der Nordseite des Gila aufgestöbert.“

Brennan verengte die Augen. „Soll das heißen, dass sie gestohlen sind?“

„Es sind Mavericks“, knurrte Raleen trotzig, „sie tragen noch keinen Brand, und niemand kann uns etwas anhaben. Varney stiehlt uns laufend Rinder, auch mit Brandzeichen.“

„Wenn Varney unsere Rinder stiehlt, werde ich das mit ihm regeln, aber nicht so.“

Eddie Raleen hieb ärgerlich mit der Hand durch die Luft. „Frank Henwood hat mir die Führung der Ranch überlassen und sich in meine Handlungen nicht eingemischt.“

„Das war offenbar ein Fehler“, sagte Brennan kühl, „von jetzt an wird getan, was ich anordne. Wer damit nicht einverstanden ist, kann seine Sachen nehmen und verschwinden.“

Die Männer blieben, und damit war die Angelegenheit entschieden. Eddie Raleen wollte vermutlich die Zeit für sich arbeiten lassen. Vielleicht hatte er auch andere Pläne. Brennan nahm sich vor, aufzupassen, als er nach Henwood City zurückritt.

*

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AN ALL DIE GESCHEHNISSE hatte er denken müssen, als er hier neben einem Toten stand und dessen Gaul am Zügel hielt. Und er wusste verdammt genau, dass das hier erst der Anfang von allem war. Bei Gott, er kannte sich aus in diesen Dingen.

Er hob den Toten hoch und warf ihn quer über den Sattel, dann nahm er das Tier wieder bei den Zügeln und führte es aus den Felsen heraus in die sandige Ebene hinab.

Sein eigenes Pferd war noch da. Es kam zögernd näher und blähte schnaubend die Nüstern auf.

Brennan schob sein Gewehr in den Scabbard und zog sich in den Sattel, ohne dabei die Zügel des fremden Pferdes aus der Hand zu lassen. Noch einmal schaute er zu den Felsen zurück, dann schnalzte er mit der Zunge, und der Gaul trabte davon.

Ein tödliches Schweigen begleitete ihn, als er nach Henwood City zurückkehrte, wie die Ruhe vor einem Sturm. Es war inzwischen dunkel geworden, und die Lichter schimmerten wie Leuchtkäfer im Dunkel der Straße.

Er dachte an die drei oder vier Hütten, die früher dort gestanden hatten. Vor fünfzehn Jahren. Er schob sich mit der Hand den Hut etwas nach hinten. Dazwischen lag eine verdammt harte Zeit.

Neil Bicker war nicht da. Das Sheriffs Office lag leer und verlassen in tiefe Dunkelheit gehüllt. Verdammt, Brennan wollte diesen Toten loswerden. Wo konnte Bicker stecken? Er schaute die Straße entlang. Das gedämpfte Geklimper aus dem Saloon klang bis zu ihm hin, sonst war nichts zu hören. Vielleicht steckte der Sheriff dort. Aber weshalb, zum Teufel, war dann sein Office so dunkel wie ein verlassener Fuchsbau?

Brennan zuckte mit den Schultern und kletterte wieder in den Sattel. Er ritt langsam die Straße entlang und zog das Pferd mit dem Toten hinter sich her.

Vor dem Saloon standen einige Pferde, aber er konnte die Brandzeichen in der Dunkelheit nicht erkennen. Es interessierte ihn auch nicht sonderlich. Vor einem Saloon standen immer Gäule. Ihn interessierte nur, ob Neil Bicker hier drinnen war.

Er ließ die beiden Pferde stehen, nahm sein Gewehr und ging hinein. Als Erstes fiel ihm Angie Millots Blick auf. Sie stand am Ende der Bar und starrte ihn an, und ihr Gesicht war eine einzige Warnung. Sein Fuß stockte, aber zum Umkehren war es bereits zu spät. Da war John Varney, und dieser junge Bursche von heute Morgen war ebenfalls da und noch einige andere, die vermutlich auch zu Varneys Leuten gehörten.

Er wusste, dass es hier Ärger geben würde, denn wer A sagt, der sagt gewöhnlich auch B. Und Varney war hinter seinem Fell her, das konnte er nicht mehr verheimlichen.

Aber wenn Brennan jetzt davonlief, dann würden sie ihn wie einen Hund durch die ganze Stadt jagen, dann würde auch der feigste Mann unter ihnen zum erbarmungslosen Jäger werden.

Er ging also weiter und legte das Gewehr geräuschvoll auf die Bar. Sie sahen ihn nur an, und niemand sagte etwas. Vermutlich hatten sie ihn schon kommen sehen.

Varney und der Junge standen am Ende der Bar in der Nähe von Angie Millot. Zwei Mann schoben sich an der Wand entlang, und einer war dicht neben der Tür. Sie hatten sich gut verteilt und standen so, dass sie sich nicht gegenseitig treffen konnten. Brennan konnte unmöglich auf alle gleichzeitig schießen, und das wussten sie.

„Da draußen auf dem Gaul liegt ein Toter“, sagte Brennan in die knisternde Stille hinein.

Zwei Männer erhoben sich von ihren Stühlen und verdrückten sich durch die Tür nach draußen.

„Ich weiß“, antwortete Varney, „darüber haben wir noch ein Wort zu reden.“

„Das Pferd gehört Ihnen, Varney, und ich denke, der Mann wohl auch. Sie können die Sache mit dem Sheriff regeln.“

Varney entblößte die Zähne mit einem Grinsen, das keins war. „Ich brauche dazu keinen Sheriff. Bis Bicker wieder zurückkommt, ist alles geregelt, und kein Hahn kräht mehr danach.“

„Hören Sie, Varney“, machte Brennan einen letzten Versuch, „ich will keinen Streit mit Ihnen. Wir haben nichts miteinander zu schaffen.“

„Hört ihn euch an“, sagte der Mann von der Tür her, „er fängt gleich an zu weinen. Manche Leute sind doch verdammt kleiner als ihr Ruf.“

„Sie haben einen meiner Männer umgelegt“, sagte Varney selbstgefällig. „Glauben Sie, dass Sie das so einfach mit John Varney machen können?“

„Ihre Männer haben zuerst geschossen, und das wissen Sie ganz genau.“ Varney sah sich mit erstaunter Heiterkeit nach seinen Leuten um.

„Ich war nicht dabei. Woher soll ich das wissen. Haben Sie einen Zeugen?“ „Er hat keinen“, sagte der Mann neben der Tür.

„Worauf warten wir noch?“, drängte der Junge neben Varney und trat einen Schritt zur Seite. Varney schob sich hinter das Ende des Tresens, um aus der Schusslinie zu kommen, und Angie Millot bewegte sich irgendwo hinter der Bar.

Brennan legte die linke Hand auf das Gewehr.

„Sie sind ein Feigling, Varney“, sagte er ruhig. „Deshalb haben Sie auch keine Waffe bei sich und schicken Ihre Handlanger vor.“

Einen Augenblick lang war es noch stiller als zuvor. Draußen heulte irgendwo ein Hund.

„Legt ihn um!“, bellte Varney schrill.

In diesem Moment brüllte eine Schrotflinte durch den Raum. Es war Angie Millot. Die Flinte musste unter dem Bartresen gelegen haben, und sie hatte es gewusst. Die Ladung prasselte durch den Kronleuchter und fetzte in die Decke. Unmittelbar darauf kam die Ladung des zweiten Laufes, und das Licht ging vollends aus. Scherben rieselten klirrend auf den Boden.

Das alles war blitzschnell gegangen.

Brennan warf sich nach vorn, als der erste Schuss donnerte. Als er auf dem Boden landete, war es bereits dunkel. Ringsum ihn knallte es und blitzten die Mündungslichter. Flaschen und Gläser zerbarsten, und Stühle fielen polternd um. Stiefelsohlen knirschten in den Scherben, Männer fluchten.

Brennan raffte sich hoch und stolperte weiter. Etwas schlug hart an seinen Kopf und riss ihn von den Füßen. Das Gewehr donnerte und ruckte hart in seinen Händen. Für einen Augenblick war seine Umgebung in gleißende Helle getaucht. Aber es war eine andere, flammende Helle, in der man nichts erkennen konnte und der eine schwarze Finsternis folgte.

Diese Finsternis währte nur Sekunden. Er war gegen die Bar gefallen und fühlte das Holz neben sich. Langsam kroch er an ihr entlang, bis er die Kante spürte. Dann konnte er nicht mehr weiter. Um seinen Kopf drehten sich rasende Lichter. Er fühlte warmes Blut über sein Gesicht laufen. Es verklebte ihm das linke Auge. Halb ohnmächtig wischte er es mit der Hand fort und hob den Kopf. Er war nicht fähig, sich aufzurichten.

Plötzlich berührte jemand seine Schulter, tastend und zögernd.

„Sind Sie es, Dave?“, hörte er eine Stimme, die weit entfernt zu sein schien. Es war Angie Millot. Brennan nickte, ohne daran zu denken, dass sie es nicht sehen konnte. Ihm war verdammt übel, und seine Knie waren so weich wie die eines neugeborenen Fohlens.

„Sind Sie verletzt?“

„Ein bisschen“, ächzte er leise.

„Wir müssen hier weg“, flüsterte sie hastig, aber kaum hörbar. Um sie war noch immer Lärm. Der Geruch von ausgelaufenem Whisky mischte sich unter den beißenden Pulverrauch. Eine Kugel schlug dicht neben Brennan durch das Holz. Seine Gedanken arbeiteten nur langsam, aber er begriff, dass sie recht hatte. Sie mussten von hier fort, denn es ging um ihr Leben. Das hier war kein Spiel und auch kein spontaner Streit. Diese Burschen waren entschlossen, ihm den Garaus zu machen.

Mit den Armen stützte er sich hoch und schob seinen Körper mit den Füßen über den Boden. Angie Millot zog an seinem Arm, und er merkte, dass sie vor Anstrengung zitterte. Er hörte ihren keuchenden Atem dicht neben sich. Seine ganze Energie zusammenraffend, schaffte er es bis zur Hintertür. Als sie draußen in einem dunklen Gang waren, gelang es ihm mit Angies Hilfe, sich aufzurichten.

Schwer atmend stand er an der Wand und spürte, wie das Blut über seine linke Gesichtshälfte und den Hals lief. Er fühlte sich schwach, und sie musste ihn stützen, damit er nicht fiel.

Jemand versuchte, im Saloon ein Licht anzuzünden, doch ein Schuss löschte es schnell wieder aus. Keuchend gelangten Angie und Dave Brennan auf den Hof, wo der kleine einspännige Pritschenwagen des Saloonbesitzers stand. Aber es war kein Pferd da.

Zum Glück kannte Angie sich hier aus. Der Stall war auf der linken Seite, und sie wusste, dass dort ein Pferd stand.

Sie ließ Brennan an der Hauswand heruntergleiten und holte das Tier aus dem Stall. Mit hastigen Fingern schirrte sie es an den Wagen. Es war sehr anstrengend für sie, aber sie brachte es fertig.

Brennan nahm alles nur mit halbem Bewusstsein wahr, das und den Lärm, der noch immer aus dem Saloon nach draußen drang.

Angie rüttelte ihn an der Schulter, weil sie glaubte, er sei eingeschlafen. Brennan versuchte, auf die Füße zu kommen, und Angie half ihm dabei. Seine rechte Hand lag auf ihrem Arm. Einen Moment blickte sie stumm auf diese Hand, dann half sie ihm auf die Beine.

Sie schafften es.

Taumelnd erreichten sie den Wagen, und Brennan legte sich mit dem Oberkörper auf die flache Ladefläche. Ein Mühlstein schien sich in seinem Kopf zu drehen. Angie schob von hinten. Dann war er oben. Sie stieg auf den Bock des Wagens und nahm die Zügel. Langsam rollte der Wagen zum Hof hinaus, danach wurde seine Fahrt schneller. Brennan lag reglos und blutend auf den Holzplanken. Er wusste nicht, wohin sie ihn brachte, er wusste nur, dass es seine Rettung war, wenn es gelang.

Der Lärm blieb hinter ihnen zurück, und es wurde still um sie. Angie fuhr sehr schnell, als würde es auf jede Sekunde ankommen. Der Weg war holprig, und Brennan musste sich festhalten, um nicht heruntergeschleudert zu werden. Sein Kopf schmerzte entsetzlich. Das harte Holz unter ihm kannte kein Erbarmen.

Dann hielt Angie Millot den Wagen an. Um sie war es dunkel, und das Pferd schnaubte und stampfte mit den Hufen.

Brennan hob den Kopf, doch die Seitenbretter versperrten ihm die Sicht. Er hörte, wie Angie vom Kutschbock sprang und laut an eine Tür klopfte.

„Machen Sie auf, Kerry, schnell. Ich habe einen Verletzten!“, rief sie.

Brennan versuchte zu ergründen, wo sie waren. Ja, richtig, da war noch Kerry Worth, die kleine blonde Kerry. Damals war sie ein Mädchen von acht oder zehn Jahren gewesen. Neil Bicker hatte erwähnt, dass sie Lehrerin geworden. war. Dann war das hier also die Schule, die etwas außerhalb der Stadt lag.

Im Haus schien sich etwas zu regen. Ein Licht flackerte auf und kam zur Ruhe. Aber es dauerte noch etwas, bis die Tür zögernd geöffnet wurde. Kerry Worth erschien in einem hellen Morgenmantel. Der schwache Schein der Petroleumlampe, die sie in der Hand hielt, fiel auf ihr verstörtes Gesicht. Als sie Angie Millot erkannte, wich sie ein wenig zurück.

„Was wollen Sie?“ Ihre Stimme klang abweisend, aber dann glitt ihr Blick zu dem Wagen hin, der undeutlich in der Dunkelheit zu sehen war.

„Dave Brennan, er ist verletzt“, berichtete Angie atemlos. „Ich dachte mir – ich wusste nicht, wo ich ihn hinbringen sollte. Schnell, wir müssen ihm helfen!“ Sie lief zum Wagen zurück, und Kerry folgte ihr langsam.

Sie schien das alles erst verarbeiten zu müssen und sah, wie Angie Brennan ins Haus brachte, ohne ihr zu helfen. Drinnen stellte sie die Lampe auf den Tisch. Mit entsetzten Augen blickte sie auf Brennan, der mit bleichen Lippen und blutüberströmt in einem Lehnstuhl saß.

„Im ersten Moment sieht so etwas immer schlimmer aus, als es wirklich ist“, versuchte Angie sie zu beruhigen.

Kerry holte tief Luft „Angie Millot!“, rief sie warnend. „Das hier ist ein Schulhaus und kein Lazarett. Wie können Sie diesen Mann hierher bringen.“

„Sehen Sie nicht, dass er Hilfe braucht?“

„Ich muss noch einmal sagen, dass ich dafür nicht zuständig bin. Weshalb haben Sie ihn nicht zu Doktor Johnson gebracht?“

Angie warf ihr einen zornigen Blick zu. „Stellen Sie sich nicht so an!“ Es war nicht zu übersehen, dass zwischen den beiden Frauen keine Sympathie bestand. „Es darf ihn niemand finden, denn er ist in großer Gefahr“, sagte Angie. „Bei Doktor Johnson würden sie ihn zuerst suchen. Sie müssen ihn ein paar Tage, verstecken.“

„Hier verstecken?“, fragte Kerry erschrocken. „Ausgeschlossen. Das ist eine Schule.“ Sie tauchte ein weißes Tuch in das Wasser und drückte es aus. „So gern ich ihm helfen möchte, aber hierbleiben kann er auf keinen Fall. Ich werde ihn verbinden, dann müssen Sie mit ihm weiter.“

Angie Millot nahm ihr empört das nasse Tuch aus der Hand. „Lassen Sie nur, das mache ich“, sagte sie und begann Brennans Gesicht vom Blut zu säubern.

„Wovor haben Sie eigentlich Angst, Kerry? Ist Ihnen die Meinung der Leute in Henwood City so wichtig, dass Sie es fertigbringen, einen Menschen fortzuschicken, der Ihre Hilfe braucht?“

Kerry hob den Kopf. „Sie haben ja in dieser Beziehung nichts mehr zu verlieren“, sagte sie mit spitzer Zunge, „aber ich bin der Ansicht, dass Mr. Brennan in Ihr Zimmer besser passt als in meines. Sie werden ja den Umgang mit Männern gewohnt sein.“

Angie Millot wandte sich um, und einen Augenblick sah es so aus, als wollte sie der Lehrerin das nasse Tuch um die Ohren schlagen. Eine fürchterliche Wut kochte in ihr. Aber sie sagte stattdessen nur verächtlich: „Sie sollten sich schämen, Kerry“, und tauchte das Tuch erneut in die Schüssel.

„Hört auf, euch zu streiten“, sagte Brennan müde, „ich verschwinde schon wieder.“

Kerry hatte noch die gleichen zahlreichen Sommersprossen wie damals. Aber das Gesicht war strenger geworden, und in ihren Augen lag ein wenig zu viel Klugheit für ihr Alter, eine Klugheit, die mit Weisheit nichts zu tun hatte.

Brennan hatte nur einen Streifschuss erhalten. Kerry schien ihre Worte zu bereuen. Sie holte Verbandszeug und half Angie beim Verbinden der Wunde. Brennan hatte eine Menge Blut verloren und fühlte sich schwach. In seinem Kopf war ein leichtes Schwindelgefühl, aber er traute sich zu, aufstehen zu können.

Als der Verband angelegt war, wollte er es versuchen. Es fiel ihm sehr schwer, aber er biss die Zähne zusammen.

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738919288
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v419265
Schlagworte
henwoods erbe

Autor

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Titel: Henwoods mörderisches Erbe