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Schwert und Schild – Sir Morgan, der Löwenritter Band 21: Das Geheimnis der Falkenfrau

von Tomos Forrest (Autor) A. F. Morland (Autor)
2018 120 Seiten

Leseprobe

Schwert und Schild – Sir Morgan, der Löwenritter  Band 21: Das Geheimnis der Falkenfrau

von Tomos Forrest / A.F. Morland

Zyklus: Die Rebellen von Cornwall, Band 9

––––––––

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IMPRESSUM

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author

© Titelbild: Nach einem Motiv von N.C. Wyeth mit Steve Mayer, 2018

Mitwirkung: Ines Schweighöfer

Lektorat: Kerstin Peschel

Ceated by Thomas Ostwald, Alfred Bekker und Jörg Martin Munsonius

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Klappentext:

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Meraud, die einst dem Scheiterhaufen entkommen konnte, ist eine seltsame Frau, die ein gut gehütetes Geheimnis hat. Viele glauben noch immer, dass sie eine Hexe ist – sie weiß vieles über Krankheiten und Wundbehandlung. Und schließlich ist da noch dieser Falke, der immer in ihrer Nähe ist und mit dem spricht, als wäre er ein Mensch. Wahrlich das Schlimmste für viele ist jedoch: Die Frau mit der dunklen, geheimnisvollen Vergangenheit trägt Männerkleidung und ist in allen Waffentechniken so gut bewandert, dass man am besten den Mund hält, wenn einem etwas am eigenen Leben liegt. Doch plötzlich gerät Sir Morgan, der Löwenritter, in die Hände des Hexenjägers Sir Kay of Cynyr, einem äußerst grausamen Menschen, der Cornwall von Hexen säubern will und dafür seine eigenen Methoden hat, deren Identität zu erfahren ...

***

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1.

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Der Falke war mit bloßem Auge kaum noch erkennbar. Nur durch sein Rütteln konnte man ihn hoch oben in der grellen Frühjahrssonne ausmachen. Nach einem strengen Winter war endlich das ersehnte Tauwetter gekommen und mit ihm kehrte der Frühling in Cornwall ein. Dabei verwandelten sich die Straßen und Wege in schlammige und schwer passierbare Strecken, in denen es die Fuhrwerke besonders schwer hatten.

Die junge Frau saß hoch aufgerichtet im Sattel und hatte vom Waldrand auf einem Hügel einen Blick in das sanft geschwungene Tal und beobachtete mit unbewegter Miene, wie sich eine Gruppe ärmlich gekleideter Bauern mit einem Ochsenkarren abmühten. Immer wieder versanken die Räder im Morast der Straße, und dann stemmten sich die Bauern hinter den Karren, griffen in die Speichen, drückten ihre Füße in den zähen Schlamm und schoben mit aller Kraft.

Wieder kam der Wagen frei, um sich nur wenige Yards erneut festzufahren.

Der Falke schrie seinen typischen Ruf, der wie ein schrilles „kikiki“ an die Ohren der Männer drang. Aber keiner von ihnen schaute nach oben, denn der Ruf eines Turmfalken war allen vertraut.

Sie hatten ein anderes Ziel, wollten unbedingt den Markt erreichen, um endlich etwas für die hungernden Menschen in ihrem Dorf einhandeln zu können. Auf ihrem einfachen Karren lagen die Dinge, die sie eintauschen wollten: Ein paar kleine Kürbisse, nicht sonderlich ansehnlich aufgrund ihrer schrumpeligen Außenhaut, eine kleine Kiste mit Rüben, daneben mehrere Schaffelle und eine Rinderhaut. Den größten Schatz aber trug der Dorfälteste in einem kleinen Leinenbeutel um den Hals.

Sie hatten drei Silberlinge vom Löwenritter bekommen und noch mehr in Aussicht. Das war genug Geld, um ihr Dorf zu versorgen, Saatgut bei denen zu kaufen, die den Winter besser überstanden hatten, und ein wenig Salzfleisch und vielleicht ein paar Fische dazu.

Der Löwenritter war mit ein paar berittenen Rebellen bei ihnen vor gut einer Woche aufgetaucht und hatte sich mit dem Dorfältesten unterhalten. Das Dorf an der Straße nach Plymouth war von den Soldaten des Sheriffs wie auch bislang vom Hexenjäger Sir Kay of Cynyr verschont geblieben, weil es einfach zu weit abseits von der Fernstraße lag.

Aber der Winter hatte ihnen hart zugesetzt, das Viehsterben in den letzten Monaten bei klirrender Kälte kam noch dazu, und so war der Dorfälteste dem Ritter dankbar für das überlassene Silbergeld.

Allerdings hatte er zugleich auch die Warnung ausgesprochen, zu viel von dem Geld auf einem Markt zu lassen. Das würde in jedem Falle das Misstrauen der anderen Marktbesucher wecken, und schnell waren dann Gerüchte im Umlauf, die irgendwann auch zu Sir Struan of Rosenannon, den Sheriff von Cornwall, gelangten.

Eine Weile sah ihnen die junge Frau von ihrem erhöhten Stand noch nach, dann blickte sie zu dem Falken und stieß einen grellen Pfiff aus. Wie ein Stein fiel der Falke aus seiner Position herunter, dann stellte er seine Schwingen anders, verlangsamte seinen  Flug und landete gleich darauf auf der behandschuhten Linken der Reiterin.

„Was hast du gesehen, Falke? Zeig es mir, Bruder!“, flüsterte die Frau zärtlich dem Vogel zu, strich ihm behutsam und sehr langsam mit der rechten Hand über den Kopf und den Rücken mit den schwarzen Flecken. Der Vogel saß vollkommen still, und nun hielt auch die Frau ihre Hand ruhig auf seinen Federn. Sie schloss ihre Augen und hatte plötzlich das seltsame Gefühl, sich vom Boden zu heben und in den von der Frühlingssonne beleuchteten Himmel aufzusteigen.

An ihr Ohr drang ein starkes Rauschen, die Luft fuhr in ihre Nase wie bei einem schnellen Ritt, und mit langsamen, tiefen Atemzügen sog sie die Gerüche ein, die ihr der Wind zutrug. Als der Falke einen leisen Laut ausstieß, schlug sie ihre Augen wieder auf und blickte in das Tal.

Der Ochsenkarren war ein ganzes Stück weitergekommen. Sie konnte nicht sagen, wie lange dieser Moment gedauert hatte, aber sie fühlte ihre starke Verbundenheit zu dem schönen Tier auf ihrer Hand.

Dann drückte sie sanft ihre Fersen in die Seite des Pferdes und trieb es an, hinunter auf den matschigen Pfad, der sich vom Wald in das Tal hinunter schlängelte, um dort auf die Fernstraße zu stoßen.

Etwas später hatte sie den Ochsenkarren eingeholt, blieb aber nicht bei den Männern, sondern trabte mit einem freundlichen Gruß an ihnen vorüber.

Einer der Bauern richtete sich auf und starrte ihr hinterher.

„Habt ihr das gesehen?“, keuchte er schließlich mit vor Anstrengung noch immer hochrotem Kopf, denn eben hatten sie gerade erneut den Karren aus dem Schlamm frei bekommen.

„Das ist die Frau in den Männerkleidern!“

„Sie gehört doch zum Löwenritter und den Aufständischen!“, antwortete ihm ein anderer. „Was kümmert dich also, was die Frau trägt? Sie war kürzlich mit dem Ritter bei uns im Dorf und hat sich liebevoll um den entzündeten Zahn meines Sohnes gekümmert!“

„Das wusste ich nicht! Aber sie ist mir unheimlich, und außerdem trägt sie auf der Faust auch noch diesen Vogel mit sich herum!“

Der andere schaute dem Sprecher mit strafendem Blick ins Gesicht und knurrte nur halblaut: „Pack lieber fester mit an, der Wagen steckt gleich wieder fest!“

„Eine elende Plackerei ist das! Da könnte doch so eine Drud auch einmal helfen!“

Blitzschnell drehte sich der andere zu ihm um und packte ihn am Gewand.

„Halt dein loses Maul, hörst du! Wie kannst du diese Frau als Hexe bezeichnen! Wenn dich jemand hört und sie anzeigt, sind die Schergen des Sheriffs sofort hinter ihr her. Die Aufständischen kämpfen für uns gegen den Sheriff und diesen Prinz John, der uns bis auf den letzten Blutstropfen aussaugt! Und jetzt pack hier endlich einmal richtig zu!“

Der so Gescholtene sah sich noch einmal scheu um, schlug noch ein Kreuz und griff in die Radspeichen, um das schwere Fuhrwerk wieder ein Stück weiterzubringen.

Nach mühseliger Plackerei, die ihnen wie eine Ewigkeit vorkam, erreichten sie endlich den Marktplatz von Harrowbarrow, wo sie freundlich von einigen Männern begrüßt wurden. Sie lenkten das Ochsengespann neben einen schon fertig aufgebauten Stand, schirrten den Ochsen aus und trieben ihn zum Saufen an den dafür vorhandenen Trog.

Dann nahmen sie etwas von ihrem mitgebrachten Heu vom Karren und warfen es dem Tier vor, das nun auch an einem Eisenring an der Marktmauer festgebunden wurde. Die beiden damit beschäftigten Bauern kehrten anschließend zu ihrem Karren zurück, wo der Dritte von ihnen bereits die mitgebrachten Felle ausbreitete. Langsam kam ein rotbäckiger Bauer über den Platz herüber und stellte sich genau vor ihren Karren, musterte die Felle mit einem verächtlichen Blick und sagte dann laut:

„Wo kommt ihr Hungerleider denn her, und wer soll euren Dreck hier wohl kaufen?“

Einer der Männer trat dicht vor ihn und musterte nun seinerseits den offensichtlich reichen Bauern, der schon von der Qualität seiner Kleidung zeigte, dass es ihm auch nach dem harten Winter noch gut ging.

„Hör mal, dir scheint es ja prächtig gegangen zu sein. Wir kommen aus Downgate und hatten offensichtlich nicht so viel Glück wie du. Ein großer Teil unseres Getreides wurde noch vor der Ernte durch Trockenheit geschädigt, dann kam ein Sturm und vernichtete weitere Teile. Das Wenige, das wir für uns ernten konnten, reichte nicht für alle im Dorf. Diese Sorgen scheinst du ja nicht zu kennen, dafür solltest du Gott danken!“

Der Sprecher wandte sich ab und nahm nun das Kuhfell heraus, schüttelte es und legte es ausgebreitet über ein Seitenteil des Karrens.

Der Fremde betrachtete sein Tun und lachte schließlich laut heraus.

„Diese erbärmliche Kuhhaut würde ich nicht einmal mehr als Boden für meine Schweine verwenden! Wenn ihr nichts Besseres zum Verkaufen habt, sehe ich schwarz für euch! Aber vielleicht solltet ihr mal daran denken, eure Söhne nicht auf die kargen Felder zu schicken, die ohnehin nichts mehr hergeben, sondern als Waffenknechte auf die Burg! Der Sheriff sucht immer kräftige, junge Männer und zahlt einen guten Sold!“

„Wer’s glaubt!“, schnaubte der andere verächtlich und drehte sich zur Seite. Aber schon riss ihn der andere am Arm zu sich herum.

„Was meinst du damit? Vielleicht gehören du und das andere Gesindel aus Downgate zu den Aufständischen, was? Man sollte Leuten wie euch verbieten, unseren Markt aufzusuchen!“

Doch damit hatte er den Mann aus Downgate zur Weißglut getrieben.

„Das ist ja wohl die Höhe! Wir können noch immer für das bezahlen, was wir benötigen! Und unsere Felle haben wir bislang noch immer verkauft!“

„Ihr und bezahlen? Ha, womit denn?“

Wutschnaubend griff sich der Mann an den Hals und zog den kleinen Beutel hervor, öffnete vor den neugierigen Augen des reichen Bauern die Verschnürung und schüttete sich die Silberlinge in die Hand.

„Na, was sagst du nun?“, sagte er dabei triumphierend und präsentierte stolz das Silbergeld auf der flachen Hand.

„Oh, du hast Silbergeld? Das ist ja interessant! Ich glaube, ihr gehört wirklich zu den Aufständischen und habt einen der Transporte des Sheriffs überfallen! Na wartet, wenn man euch auf die Spur kommt, baumelt ihr am nächsten Baum, noch bevor ihr überhaupt einmal ‚Gnade, Herr!‘ stammeln konntet!“

Damit drehte sich der Bauer um und stapfte davon. Seine ganze Haltung drückte seine Verärgerung aus, aber nun kamen auch die beiden anderen zu ihrem Gefährten und sahen ihn kopfschüttelnd an.

„Da hast du wohl einen ganz großen Fehler gemacht, John. Die Silberlinge des Löwenritters hättest du diesem Kerl besser nicht gezeigt!“

Der Dorfälteste sah die beiden anderen an, dann knurrte er wütend:

„Ach was, das ist nun auch egal!“

Dann ging er zum Ochsenkarren, entnahm ihm ein paar der runzeligen Rüben, legte sie sichtbar auf den Boden davor und griff nach den Kürbissen.

„Wenn das mal gut geht!“, brummte einer der beiden anderen und warf einen scheuen Blick zu den nächsten Bauern, die bei ihren Karren standen und auf Käufer warteten. Rasch bekreuzigte er sich und hatte ein schlechtes Gefühl.

Das waren die Folgen ihrer Begegnung mit der Drud, da war er sich jetzt sicher. So etwas konnte nicht gut gehen, und es war für ihn ein seltsames Gefühl, sich jetzt neben den Karren zu hocken und so zu tun, als wäre nichts weiter geschehen.

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2.

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Morgan, Boyd und Shawn erkannten den einsamen Reiter mit dem Vogel auf dem Arm schon aus einiger Entfernung. Shawn meinte grinsend: „Da kommt unsere Falkenfrau angeritten.“ Und Boyd drehte sich halb zu ihm um und antwortete verwundert: „Wie kommst du denn auf diesen Namen, Shawn?“

Der kleine Hofnarr lachte fröhlich heraus und verzog dabei sein verschmitztes, dunkelhäutiges Gesicht auf eine ganz eigene Weise.

„Na, was ich bislang so von Meraud gesehen habe, folgt ihr der junge Falke auf Schritt und Tritt. Fast könnte man glauben, er hat sie als sein Weibchen auserkoren, wenn sie nicht immer in den Männersachen reiten würde!“

Boyd lachte und musste sich zusammennehmen, um sich nicht den Zorn der jungen Frau zuzuziehen, die eben von der Straße abbog und ihr Pferd zu den drei Männern lenkte.

„Erfolg gehabt?“, rief ihr Morgan zu, und Meraud lächelte zu seiner Frage.

„Wie man es nimmt, Morgan. Jedenfalls haben wir beide uns bei diesem Ausritt wohlgefühlt. Für mich war es fast so, als könnte ich den Falken bei seinem Flug in den Himmel begleiten. Herrlich, dass die Frühlingssonne endlich aus den Wolken herausgefunden hat. Nicht mehr lange, und alles grünt und keimt hier wieder, und dann werden wir Prinz Johann stellen!“

„Was habe ich dir gesagt?“, raunte Shawn leise dem neben ihm antrabenden Knappen zu. „Sie fliegt mit dem Falken um die Wette!“

Boyd antwortete nicht, aber sein breites Grinsen sprach Bände.

„Was ist bei euch beiden los?“, rief ihnen Meraud zu, als die beiden plötzlich vor ihr trabten.

Doch die beiden Freunde blieben ihre Antwort schuldig, und Meraud wandte sich zu Morgan.

„Was hast du für die nächste Zeit geplant, Morgan? Noch sind die Wege schwer passierbar, ich habe heute zugesehen, wie sich die Bauern mit einem Ochsenkarren abgequält haben. Aber ist es nicht so, dass du auch wieder eine Fuhre bei dem Schmied Myghal in Auftrag gegeben hast?“

Nun war es an dem Löwenritter, der jungen Frau einen amüsierten Blick zuzuwerfen.

„Das weißt du auch schon wieder? Ich bin verwundert, wie schnell sich auf Tintagel Neuigkeiten verbreiten. Es wird höchste Zeit, dass wir unsere Kämpfe in Cornwall wieder aufnehmen, damit dieses endlose Tratschen an den Essenstafeln aufhört.“

Lachend schlug Morgan ihrem Pferd auf die Kruppe und ließ seinem Blane die Zügel frei. Der Rappe schoss über das freie Feld, hatte Boyd und Shawn überholt und war schon zwischen den Bäumen des nächsten Hügels verschwunden, als die anderen den Wettritt annahmen und ihre Pferde antrieben.

Doch kaum hatten die drei Reiter das Halbdunkel zwischen den Bäumen erreicht, sollte sich der fröhlich begonnene Ritt ins Gegenteil verkehren. Schon bald mussten sie feststellen, dass von Morgan nichts mehr zu sehen war, und obwohl sie ihn riefen und während des Weiterreitens den Waldboden aufmerksam betrachteten, blieb der Löwenritter verschwunden.

„Er kann doch nicht in eine Felsspalte gestürzt sein!“, rief Boyd endlich aus und hielt sein Pferd an. „Wie vom Erdboden verschwunden!“

„Lasst uns noch einmal etwas zurückreiten bis zu der kleinen Wegkreuzung, die wir gerade passiert haben. Vielleicht haben wir dabei übersehen, dass er abgebogen ist!“, antwortete Meraud mit ruhiger Stimme.

Die drei Gefährten wendeten die Tiere und trabten zur Wegkreuzung zurück, aber hier gab es zu keiner Seite erkennbare Fußspuren. Morgan blieb verschwunden.

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3.

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Als er Blane freien Lauf ließ, richtete sich Morgan leicht in den Steigbügeln auf und genoss den schnellen Ritt. Das war so recht nach seinem Geschmack, und auch der Rappe schien vor Kraft nur so zu strotzen. Eine ganze Weile flogen sie unter den Bäumen dahin, und Morgan musste sich sehr konzentrieren, um nicht mit einem der niedrig hängenden Zweige unliebsame Bekanntschaft zu machen.

Doch dann schalt er sich einen Narren, bei einem derartigen Wettlauf seinen Hals zu riskieren. Gerade wollte er Blane zügeln, als er etwas Seltsames erblickte. Nur wenige Yards vor ihm flog ein ungewöhnlich großer Rabe auf den Weg, strich dicht über dem Boden entlang und stieg erst kurz vor dem heraneilenden Pferd wieder auf. Von einem nahen Ast betrachtete er mit schief gelegtem Kopf Ross und Reiter, dann war Morgan schon vorüber.

Irgendetwas beunruhigte ihn an dieser Begegnung, ohne dass er sich darüber Rechenschaft geben konnte. Für einen kurzen Augenblick hatte er das Gefühl, dass ihn der Rabe direkt ansah, als wolle er ihm etwas mitteilen. Als er ein paar Yards auf dem schmalen Pfad durch den Wald weitergeritten war und dabei Blane in einen langsamen Gang brachte, wiederholte sich das seltsame Schauspiel. Erneut kam der Rabe von der Seite zwischen den Bäumen herangeflogen, machte einen Bogen, kehrte auf dem Weg wieder zurück, flog dicht heran und stieg dann wieder hoch, um erneut auf einem Ast zu landen.

Morgan behielt den schwarzen Vogel im Auge, als sein Pferd im Schritt an ihm vorüberging. Wieder legte der Vogel den Kopf schräg, erneut traf ihn ein Blick aus dem Vogelauge. Dabei meinte der Ritter nun, auch ein ganz feines Summen in der Luft zu vernehmen, das konnte er jedoch nicht zuordnen.

Und ein drittes Mal stieg der Rabe auf, flog zwischen den Bäumen voraus, dann dicht auf dem Boden zu dem sich nähernden Pferd, um sich gleich darauf einen Ast zu suchen. Jetzt hielt Morgan seinen Rappen direkt vor dem Baum an und schaute zu dem Raben hinauf, der wieder seinen Kopf schräg legte und den Ritter mit einem Auge zu mustern schien.

„Was willst du mir mitteilen, Corax?“, sagte der Ritter leise und benutzte dafür die zweite Hälfte des lateinischen Namens für Raben.

Erneut vernahm er das Summen, das stärker zu werden schien. Der Rabe drehte seinen Kopf zur anderen Seite, dann schüttelte er sein Gefieder und strich von dem Ast in den Wald ab.

Ohne nachzudenken, lenkte Morgan sein Pferd in die gleiche Richtung, und jetzt entspann sich ein seltsames Spiel zwischen Mensch und Vogel. Immer, wenn er nicht so rasch folgen konnte, wie er das wollte, wartete der große Rabe auf einem Ast, bis der Ritter wieder näher gekommen war. Dann erhob er sich erneut und flog ein Stück voraus.

Das ging eine ziemlich lange Strecke so weiter, und nicht ein Mal tauchte der Gedanke bei Morgan auf, dass er den Gefährten ein Zeichen hinterlassen musste, damit sie erkannten, welche Richtung er genommen hatte. Sein ganzes Denken drehte sich um den schwarzen Vogel, er zögerte nicht einen Augenblick, ihm durch den dichtesten Wald zu folgen.

Endlich erkannte er eine Lichtung vor sich, und an die hinteren Bäume des freien Platzes gedrückt stand eine niedrige, dunkle Hütte mit einem aus Feldsteinen gemauerten Schornstein. Dünner, aber sehr weißer Rauch stieg steil von ihm auf, und unwillkürlich überlief Morgan ein kühler Schauer. Er sah sich um, als Blane den Platz betrat, konnte aber nichts erkennen, was auf eine unmittelbare Gefahr deutete.

Der Rabe war inzwischen direkt zu der Hütte geflogen und saß über der kleinen Holztür auf dem Dach. Noch überlegte der Ritter, ob er wohl aus dem Sattel steigen sollte, als er eine Frauenstimme seinen Namen rufen hörte.

Kurz entschlossen sprang er aus dem Sattel, band Blane an einem kleinen Baum neben der Hütte an und stieß die Türe auf. Sein Blick flog über das im Dämmerlicht eines glühenden Herdfeuers liegende Innere. Tageslicht gab es hier überhaupt nicht, und er benötigte etwas Zeit, bis sich seine Augen an das Licht gewöhnt hatten und er Einzelheiten erkennen konnte.

„Herzlich willkommen, Sir Morgan. Tretet näher, ich bin hier am Tisch und muss noch das warme Öl verrühren, bin aber sofort fertig!“

Vom Dach der Hütte hingen allerlei Bündel mit getrockneten Kräutern und Pilzen, und Morgan musste den Kopf einziehen, um nicht ständig gegen eines dieser Bündel zu stoßen.

Eine dunkel gekleidete Frau stand an dem Tisch und hantierte mit ein paar Gefäßen, hatte ihm aber den Rücken zugedreht, sodass er nicht erkennen konnte, ob sie alt oder jung war.

„Ich danke Euch, Sir Morgan, dass Ihr meiner Einladung gefolgt seid!“, sagte die Frau mit einer sehr angenehmen Stimme, während sie weiter vor sich hin arbeitete. „Entschuldigt bitte meine Unhöflichkeit, ich bin sofort bei Euch.“

Dann drehte sich die Frau um und Morgan erkannte sie sofort.

„Anwen! Du lebst hier in dieser Hütte? Das ist doch viel zu gefährlich, hier entdecken dich die Häscher des Hexenjägers noch eher als in jedem Dorf!“

Die junge Frau trug ein schlichtes, schwarzes Gewand, auf ihrem Haar saß eine einfache Filzkappe, wie sie auch häufig von Männern getragen wurde.

Sie lächelte den Ritter an und setzte sich auf den zweiten Schemel vor dem Tisch.

„Macht Euch um mich keine Gedanken, Sir Morgan. Ich bin hier sicher und muss nicht befürchten, dass jemand den Weg zu mir herausfindet. Ich habe den Raben geschickt und gehofft, dass Ihr versteht, was das Zeichen zu bedeuten hat.“

Morgan blickte die junge Frau, die er einst vor Hauptmann Maddox retten konnte, erstaunt an (vgl. Schwert und Schild – Sir Morgan, der Löwenritter # Band 20: Hexenjagd in Cornwall). Maddox, war ein Mann, ein Tyrann, der keine Gnade kannte und auch nicht davor zurückschreckte, Frauen, Alte, selbst Kinder oder Kranke zu foltern und zu misshandeln, wenn er glaubte, dass diese ihm etwas vorenthielten, das er unbedingt wissen wollte oder weil es  ihm einfach Spaß machte, andere, schwächere, zu schikanieren. Was, wie Morgan wusste und bereits in seiner Jugend selbst erfahren hatte, im Charakter der männlichen Nachkommen in Maddox’ Familie fest verankert war, wie bereits sein Onkel mit gleichem Namen bezeugte (vgl. Schwert und Schild – Sir Morgan, der Löwenritter # Band 5: Maddox, der Tyrann von Cornwall).

„Anwen, du verwirrst mich vollkommen! Den Raben habe ich gesehen, aber ist er so zahm, dass er versteht, was du ihm aufträgst?“

Sein Gegenüber lächelte erneut geheimnisvoll, und Morgan beschlich ein ungutes Gefühl bei dem Gedanken, dass es sich bei dieser jungen Frau möglicherweise eben doch um eine Hexe handelte.

Als hätte sie seine Gedanken gelesen, legte sie mit einer beschwichtigenden Geste ihre Hand auf seinen Unterarm.

„Sir Morgan, habt keine Sorge. Ich bin keine Hexe, und doch ... es gibt viele Dinge, die ich Euch nicht erklären kann. Vieles stellt sich mir im Traum dar, anderes sehe ich am hellen Tage, und sehr oft hatte ich Eingebungen, die sich dann auch wirklich ereigneten. Bin ich verflucht? Eine Hexe? Ich bin es nicht, nur kann ich eben mehr Dinge erkennen als andere Menschen.“

„Dieses Geständnis würde schon für eine Anklage ausreichen, und das weißt du, Anwen. Du solltest niemals solche Dinge einem anderen Menschen mitteilen, versprich mir das!“

Die junge Frau sah ihn nachdenklich an, bevor sie leise weitersprach.

„Es ist schließlich egal, was mit mir passiert. Unser aller Schicksal liegt in Gottes Hand, er allein bestimmt, wann unser Leben endet. Aber es geht nicht um mich, ich bin vollkommen unwichtig. Nur Meraud befindet sich in großer Gefahr, sie ahnt es noch nicht, obwohl auch sie vieles gelernt und erfahren hat.“

Morgan nickte zustimmend.

„Oh ja, das kann ich wohl bestätigen. Sie weiß Dinge, die andere Menschen in Angst und Schrecken versetzen können. Deshalb wurde sie ja auch der Hexerei angeklagt und konnte buchstäblich im letzten Augenblick dem Scheiterhaufen entfliehen.“

Ein krächzender Laut des Rabens erklang, und durch eine schmale Luke kurz unter dem Dach schlüpfte gerade der schwarze Geselle herein, breitete seine Schwingen aus und flog einmal durch den Raum, bevor er auf einem schmalen Holzregal landete. Dort legte er wieder seinen Kopf auf die Seite, beobachtete Morgan und schien unbedingt erfahren zu wollen, was der Ritter nun beabsichtigte.

„Der Hexenjäger schmiedet finstere Pläne, Sir Morgan. Er gibt sich dabei als Mann der Kirche und hat doch einen finsteren Bund geschlossen, vergesst das nie, wenn Ihr ihm einmal gegenüberstehen solltet! Sir Kay of Cynyr verkörpert das Böse auf Erden, und er kennt viele Tricks, um sich im ehrlichen Kampf gegen jeden Gegner zu behaupten.“

„Das soll mich nicht schrecken, Anwen. Solange es nicht mit Zauberei zugeht, fürchte ich keinen Gegner.“

Die junge Frau sah ihm bei ihrer Antwort direkt in die Augen.

„Das ist auch der Grund für meine Warnung, Sir Morgan. Aber bitte, achtet in den nächsten Tagen besonders auf Meraud. Sie kennt nur einen Teil ihrer Fähigkeiten und weiß noch nichts über die Folgen, die der Falke für sie mit sich bringt.“

„Der Falke? Da kann ich dich aber beruhigen. Der Bursche kam mit einer gebrochenen Schwinge zu ihr und seitdem sind diese beiden unzertrennlich. Sie geht mit ihm auf die Balzjagd und richtet ihn vortrefflich ab. Ich habe schon mehrere Male den beiden zugeschaut und war begeistert, wie die beiden zusammen zu einem Wesen verschmelzen, wenn sie jagen.“

Anwen blieb unverändert sitzen und sah Morgan schweigend an.

Dem wurde gerade erst bewusst, was er ausgesprochen hatte, und nun bemerkte er erneut ein unangenehmes Gefühl, ein seltsames Kribbeln, das von seinen Schultern den Rücken hinunterlief.

„Habt Ihr Euch nicht gewundert, dass dieser Falke gerade da auftauchte, als Ihr selbst eine Pfeilwunde an der Schulter hattet und von Meraud gepflegt wurdet?“, erkundigte sich Anwen. Erneut war es an Morgan, erstaunt den Kopf zu schütteln.

„Jetzt, wo du es sagst, Anwen – aber das ist doch ein Zufall! Was soll der Falke denn mit mir und meiner Verwundung zu tun haben?“

Die junge Frau schwieg noch für einen Moment, dann erhob sie sich mit einer raschen Bewegung, griff ein irdenes Gefäß vom Tisch und kippte etwas aus einem Tonkrug hinein. Dann trat sie an den Herd und schwenkte das Gefäß kurz über der Glut, die plötzlich wieder helle Flammen zeigte.

Morgan war es nicht sonderlich behaglich zumute, und er fragte sich, was die junge Frau wohl beabsichtigte, als sie auch schon dicht an ihn herantrat und ihm das Gefäß dicht vor das Gesicht hielt.

„Seid unbesorgt, Sir Morgan. Schaut einfach in das Gefäß und merkt Euch gut, was Ihr dort seht!“

Der Löwenritter beugte sich vor und erkannte in dem Gefäß zunächst nur zusammenlaufende Farben, die sich aber rasch veränderten. Dann stieg ein angenehmer Wohlgeruch in seine Nase, die Farbe lief in der Mitte des Topfes zusammen und gleich darauf sah er ein vollkommen klares Bild.

Mit einem Schrei wollte er aufspringen, merkte aber, wie seine Beine unter ihm nachgaben, sich plötzlich alles um ihn herum drehte und er von dem Schemel fiel. Doch den Aufprall auf dem harten Boden bemerkte er schon nicht mehr.

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4.

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Was Morgan als Nächstes wahrnahm, verwunderte ihn sehr. Irgendjemand schien seine Wangen zu tätscheln, und für einen winzigen Moment dachte er zurück an die Zeit, in der ihn seine Mutter beim Sonnenaufgang auf eine ähnliche Weise weckte, wenn es höchste Zeit für den Unterricht durch seinen Waffenmeister war.

Mit einem Lächeln auf den Lippen schlug er die Augen auf und sah Meraud erstaunt an.

„Na, da ist unser Ritter ja wieder!“, verkündete sie mit fröhlicher Stimme, während Morgan sich aufrichtete. Er lag auf der kalten Erde, Boyd und Shawn standen um ihn und betrachteten ihn mit sorgenvoller Miene.

„Was ist los?“, erkundigte sich Morgan und verspürte zugleich einen dumpfen Schmerz, der durch seinen Kopf zog. Behutsam tastete er den Schädel ab und entdeckte eine dicke Beule an der Stirn. „He, wer war das? Wer hat mich niedergeschlagen – und vor allen Dingen, wo ist der Rabe?“

Shawn bückte sich vor seinem Herrn und sah ihm ins Gesicht.

„Jetzt hat es ihn schwer erwischt, er redet irre!“, sagte er dabei feixend. „Jetzt macht er schon aus dem Falken einen Raben! Sir Morgan, erkennt Ihr mich? Ich bin es, Shawn, und hier steht Euer Knappe Boyd, und ich ...“

„Kannst du mal bitte deinen vorlauten Mund halten, Shawn?“, knurrte ihn Morgan an, während er sich mühsam erhob. Gleich darauf erhielt er einen Knuff in den Rücken, der ihn einen Schritt nach vorn taumeln ließ. „He, Blane, das ist unnötig!“, rief er seinem Rappen zu, der hoch erfreut seinen Herrn angestoßen hatte.

„Offenbar hat Euch bei dem rasenden Galopp durch den Wald ein Ast getroffen und aus dem Sattel geschlagen. Und falls es Euch beruhigt: Hier gibt es keinen Raben, denn darüber wäre mein Falke gar nicht erfreut!“

Morgan vernahm einen leisen Ruf des Falken und schaute auf. Tatsächlich, der Vogel auf dem Ast über ihm war nicht tiefschwarz, sondern mit bräunlichem Gefieder ausgestattet. Stöhnend schwang sich der Ritter in den Sattel und antwortete nur knapp: „Es ist alles gut, lasst uns zurückkehren!“

Während des gesamten Rittes wurde zunächst kein Wort mehr gesprochen, bis es Boyd nicht länger aushielt, sein Pferd an Blanes Seite trieb und seinen Herrn ansprach.

„Sir Morgan, es ist ein Glück, dass wir Euch vor Einbruch der Nacht gefunden haben. Für eine Weile sah es nämlich so aus, als wäret Ihr vom Erdboden verschwunden. Wir haben lange Zeit vergeblich nach Euch gesucht!“

Morgan sah ihn kurz an, dann richtete er den Blick wieder auf den Weg.

„So, verschwunden, ja? Und wieso werde ich dann genau auf dem Weg wieder wach, auf dem wir eben reiten? Ich bin gegen einen Ast gestoßen und aus dem Sattel gefallen. Das ist nicht sonderlich rühmlich für einen Ritter, und ich möchte eigentlich kein weiteres Wort darüber verlieren.“

Boyd schwieg und starrte ebenfalls nach vorn. Doch dann hielt er es nach einer kurzen Weile schon nicht mehr aus und sagte in etwas trotzigem Tonfall:

„Aber schließlich war es der Falke, der Euch entdeckt hat.“

Morgan gab nur ein verächtliches Schnauben von sich, und Boyd beeilte sich mit seiner Ergänzung.

„Wir haben Euch aus den Augen verloren, das war zwischen den Bäumen bei Eurem Tempo nicht weiter erstaunlich. Aber so sehr wir uns auch bemüht haben – es gab vor uns keine Hufabdrücke mehr. Wir hatten schon alles abgesucht bis zur Weggabelung, als uns der Schrei des Falken zurückrief und wir Euch schließlich auf dem Weg fanden.“

„Dann habt ihr wohl alle schlechte Augen. Wie du unschwer bemerken wirst, gibt es auf dem weichen Waldboden keine Möglichkeit, die Hufabdrücke zu übersehen. Dreh dich um und schau nach unten.“

Boyd biss sich vor Wut auf die Lippen und schwieg erneut.

Dann warf ihm Morgan einen Blick von der Seite zu, und sein Knappe platzte heraus:

„Keiner von uns hat auf dem Waldboden auch nur den Hauch eines Pferdehufes gefunden. Bis wir zu der Stelle gelangt waren, an der Ihr neben Blane auf der Erde gelegen habt.“

Morgan dachte kurz nach, dann hob er leicht die Hand zu einer freundlichen Geste und antwortete seinem Knappen:

„Gut, es gab keine weiteren Hufabdrücke. Da ich aber nicht durch die Luft geflogen bin, gibt es nur die Erklärung, dass der Untergrund sie nicht aufgenommen hat. Und jetzt ist es gut mit dieser wirren Geschichte. Ich habe Kopfschmerzen und bin froh, wenn ich endlich wieder auf Tintagel angelangt bin, um mich von diesem Sturz zu erholen.“

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5.

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Der große, schwarzhaarige Mann schenkte dem Bauern, der vor ihm kniete, einen finsteren Blick. Aber er schwieg, nachdem ihm dieser unangenehme, aufgeblasene Kerl aus einem der Dörfer in der Nachbarschaft eine wirre Geschichte erzählt hatte.

Dann endlich schien er einen Entschluss gefasst zu haben.

„Was ich noch wissen will – warum kommst du zu mir und erzählst mir das alles?“

„Aber Herr – Ihr habt doch Herolde in alle Städte geschickt und verkünden lassen, dass eine jede Drud Euch zu vermelden sei, bei strenger Strafe, wenn man das nicht tut, obwohl man von den Zauberischen erfahren hat, und ich ...“

„Schweig, dein Gerede ist eine Beleidigung für meine Ohren! Du sprichst mit dem Stellvertreter des Erzbischofs und tischst mir doch jede Menge Lügen auf, wenn du nur den Mund aufmachst. Du bist nicht hierhergekommen, um eine Hexe anzuzeigen. Du bist zu mir gekommen, weil ich dir einen Gefallen erweisen soll. Du schwärzt deine Mitmenschen an, um einen Vorteil zu gewinnen.“

Mit kalter Stimme herrschte der Hexenjäger den Bauern an, der bei seinen Worten immer mehr in sich zusammen sank.

„Herr ...“

„Schweig! Du ekelst mich an! Wie viel Land fällt dir zu, wenn wir den beschuldigten Bauern festnehmen und auf Hexerei anklagen?“

Sir Kay war aufgestanden und umrundete den Mann, der sich auf Burg Lahnydrock eingefunden hatte, um drei Bauern aus dem Dorf Downgate der Hexerei zu bezichtigen.

„Ich schwöre Euch Herr, ich erhalte gar nichts, weil ich aus einem anderen Dorf stamme. Ich bin ein rechtschaffener Bauer aus Harrowbarrow, dem Ort mit dem Markt. Und ich bin zu Euch geeilt, weil diese Bauern mit Silber prahlen, das sie von einer Drud erhalten haben!“

Sir Kay wirbelte herum und versetzte dem Bauern einen so heftigen Tritt, dass der Mann nach vorn fiel und dabei mit dem Kopf gegen den großen Stuhl schlug, auf dem der Hexenjäger gerade noch gesessen hatte. Der Mann schrie auf, als ihm das Blut aus der Nase spritzte, und hielt sich die Hand vor das Gesicht. Aber das alles nutzte ihm wenig, denn Sir Kay packte ihn im Nacken an seinen Haaren, riss seinen Kopf brutal nach hinten und zischte ihm wütend ins Ohr:

„Dann werde ich doch erst einmal dich mit peinlicher Befragung belegen, um zu erfahren, wie viel Silber du davon selbst erhalten hast und wo ich es finde!“

Der Mann schrie wie ein verwundetes Tier auf und streckte seine blutverschmierten Hände abwehrend dem Hexenjäger entgegen.

„Aber Herr, nein, ich bitte Euch, ich bin Euer ergebener Knecht, tut das nicht!“

Doch sein Geschrei nutzte überhaupt nichts. Gleich darauf rissen ihn zwei der Soldaten links und rechts an den Armen empor und zogen ihn zwischen sich aus dem Saal, während der Bauer in lautes Wehklagen ausbrach.

Sir Kay sah ihm nach, und sein stechender Blick haftete noch für einen Moment an der großen Tür, nachdem sie sich schon längst wieder hinter der Gruppe geschlossen hatte. Dann nahm er den silbernen Pokal mit dem Wein auf, nippte kurz daran, rollte den Tropfen Wein im Mund herum und trank anschließend den Pokal in einem Zug aus. Mit einem lauten Lachen setzte er sich wieder auf seinen Stuhl, rief nach dem Mundschenk und ließ sich den Pokal erneut füllen.

„Es ist gut, und jetzt geh hinaus und rufe mir den Kerkermeister herein. Ich will doch wissen, wie es inzwischen mit den Verhören gegangen ist.“

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738919271
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v419246
Schlagworte
schwert schild morgan löwenritter band geheimnis falkenfrau

Autoren

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Titel: Schwert und Schild – Sir Morgan, der Löwenritter Band 21: Das Geheimnis der Falkenfrau