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Krimi Sommer Festival 10 Thriller, 1400 Seiten: Die Spur führt ins Nichts und andere Romane

von Alfred Bekker (Autor:in) Horst Bieber (Autor:in) Horst Bosetzky (Autor:in) Wolf G. Rahn (Autor:in) A. F. Morland (Autor:in) Theodor Horschelt (Autor:in)
2018 1400 Seiten

Zusammenfassung

Krimi Sommer Festival 10 Thriller, 1400 Seiten: Die Spur führt ins Nichts und andere Romane

Dieses Buch enthält folgende Krimis:





Alfred Bekker: Die Waffe des Skorpions

Alfred Bekker: Chinatown-Juwelen

Wolf G. Rahn: Der Mann, der Bogart sein wollte

Horst Bieber: Der Abstauber

Wolf G. Rahn: Kennwort Apokalypse

A.F.Morland: Die Spur führt ins Nichts

A.F.Morland: Tardelli und der Abtrünnige

Horst Bosetzky: Archibald Duggan und zwei Whisky mit Gift

Horst Bosetzky: Archibald Duggan und zwanzigtausend sollen sterben

Theodor Horschelt: Die Stille, die tötet

Das „Verbrechen des Jahrhunderts“ soll zum Fanal für einen Anarchistenaufstand in Südamerika werden, verübt von einem offenbar geisteskranken „Befreier“. Doch Archibald Duggan erfährt von dem grauenhaften Anschlag, der die Besatzung eines ganzen amerikanischen Stützpunktes das Leben kosten soll. Inkognito versucht er, sich in die Bande einzuschleusen, doch viel zu schnell wird er enttarnt. Sein Leben gegen das von mehreren Tausend – Duggan bleibt keine große Wahl, er muss sein Leben riskieren.

Leseprobe

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Krimi Sommer Festival 10 Thriller, 1400 Seiten: Die Spur führt ins Nichts und andere Romane

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DIESES BUCH ENTHÄLT folgende Krimis:

––––––––

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ALFRED BEKKER: DIE Waffe des Skorpions

Alfred Bekker: Chinatown-Juwelen

Wolf G. Rahn: Der Mann, der Bogart sein wollte

Horst Bieber: Der Abstauber

Wolf G. Rahn: Kennwort Apokalypse

A.F.Morland: Die Spur führt ins Nichts

A.F.Morland: Tardelli und der Abtrünnige

Horst Bosetzky: Archibald Duggan und zwei Whisky mit Gift

Horst Bosetzky: Archibald Duggan und zwanzigtausend sollen sterben

Theodor Horschelt: Die Stille, die tötet

Das „Verbrechen des Jahrhunderts“ soll zum Fanal für einen Anarchistenaufstand in Südamerika werden, verübt von einem offenbar geisteskranken „Befreier“. Doch Archibald Duggan erfährt von dem grauenhaften Anschlag, der die Besatzung eines ganzen amerikanischen Stützpunktes das Leben kosten soll. Inkognito versucht er, sich in die Bande einzuschleusen, doch viel zu schnell wird er enttarnt. Sein Leben gegen das von mehreren Tausend – Duggan bleibt keine große Wahl, er muss sein Leben riskieren.

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Copyright

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EIN CASSIOPEIAPRESS Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Die Waffe des Skorpions

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THRILLER VON ALFRED Bekker

Ein CassiopeiaPress E-Book

© by Author

© 2015 der Digitalausgabe by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Der Umfang dieses Ebook entspricht 121 Taschenbuchseiten.

William Grotzky, ein ehemaliger FBI-Agent, der jahrelang gegen das organisierte Verbrechen ermittelte und dabei vor allem im Undercover Einsatz wertvolle Hilfe bei der Festnahme von Andrea Giacometti leistete, wird ermordet. Wollte sich da jemand das auf Grotzky ausgesetzte Kopfgeld verdienen? Doch was hat dieser Tote mit all den anderen Ermordeten zu tun, die mit derselben Waffe erschossen wurden? 

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ES WAR NICHT BESONDERS kalt, nur regnerisch. Aber der Mann trug dennoch Handschuhe. Er war hoch gewachsen und ziemlich kräftig gebaut. Der blonde Kurzhaarschnitt unterstrich die kantigen Gesichtszüge. Seinen blauen Chevy hatte er am Straßenrand abgestellt. Jetzt ging der Blonde die Zeile der Reihenhäuser entlang. Mit der Rechten umklammerte er den Griff der Automatik, die in seiner tiefen Manteltasche verborgen war.

Er musste vorsichtig sein, denn der Mann, mit dem er es zu tun haben würde, war nicht irgendwer, sondern einer, der selbst mit einer Waffe umgehen konnte und alle Tricks kannte.

Mordauftrag war eben nicht gleich Mordauftrag...

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2

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DER BLONDE HIELT AN, ließ den Blick die Häuserzeile entlang gleiten und hatte dann die richtige Nummer gefunden.

Es war eine günstige Zeit. Zehn Uhr Morgens. In der Straße parkte kaum ein Wagen, da die meisten Anwohner zur Arbeit gefahren waren. Der Blonde würde seinen Job erledigen können, ohne viel Aufsehen zu erregen. Genau das entsprach seinem Stil. Er arbeitete schnell, präzise und ohne Spuren zu hinterlassen.

Eine ältere Frau ging die Straße entlang. Der Blonde wartete, bis sie um die nächste Ecke gegangen war und überquerte dann die Fahrbahn.

Einen Augenblick später stand er an der Haustür und klingelte. Normalerweise war William Grotzky - sein Opfer - um diese Zeit gerade erst aufgestanden und saß jetzt beim Frühstück. Genau die richtige Zeit für solch einen Besuch also...

Der Blonde klingelte ein zweites Mal und fasste die in der Manteltasche steckende Pistole mit dem aufgeschraubten Schalldämpfer fester.

Endlich kam jemand und machte auf.

Aber es war nicht Grotzky, sondern eine Frau, die den Killer ziemlich erstaunt ansah.

Aber das Erstaunen war beiderseitig.

Sie war hübsch, fand der Blonde. Langes, rostbraunes Haar, dunkle Augen. Ihr Gesicht drückte Enttäuschung aus. Sie hatte offenbar jemand anderen erwartet.

Schade um sie, dachte der Killer. Aber es war ziemlich ausgeschlossen, dass er sie am Leben lassen konnte.

„Ist Mister William Grotzky nicht da?“, fragte er kühl.

„Nein, tut mir leid“, erwiderte die Frau, während sie den Killer einer eingehenden Musterung unterzog. Auf ihrer Stirn erschienen ein paar Falten, die eine deutliche Portion Misstrauen signalisierten.

Die Frau hatte er nicht erwartet. Er fluchte innerlich. Wenn er etwas hasste, dann waren es Überraschungen dieser Art.

„Was wollen Sie von William?“, fragte die Frau.

„Ich muss ihn dringend sprechen.“

„Sind Sie ein Bekannter?“

Der Killer zögerte nur den Bruchteil einer Sekunde mit der Antwort.

„Ja“, sagte er.

„William kommt gleich zurück“, berichtete die Frau. „Er ist nur kurz für ein paar Besorgungen weg.“

Sie wusste nicht, wer Grotzky wirklich war. Sie konnte nichts von seiner Vergangenheit wissen oder von dem, was er jetzt tat. Das war dem Blonden sofort klar, dann hätte sie Bescheid gewusst, wäre ihr Misstrauen größer gewesen.

Der Blonde hob die Augenbrauen.

„Kann ich bei Ihnen auf ihn warten?“

„Lieber nicht. Ich bin allein und kenne Sie gar nicht. Außerdem ist das nicht meine Wohnung und ich weiß nicht, ob es William recht wäre, wenn...“

Aha!, dachte der Blonde. Grotzky kannte die Kleine noch nicht lange. Vielleicht sogar erst seit dem gestrigen Abend. Anders konnte es auch gar nicht sein, sonst hätte der Blonde von ihr gewusst. Schließlich hatte er Grotzkys Lebensumstände genauestens ausgeforscht. 

„Es wäre ihm recht!“, behauptete er.

„Nein, das möchte ich nicht!“, sagte sie mit großer Bestimmtheit.

„Will und ich kennen uns eine halbe Ewigkeit.“

„Aber ich Sie nicht. Tut mir leid.“

Sie versuchte die Tür zu schließen, aber der Blonde stellte seinen Fuß dazwischen. Ein schneller Griff und er hatte die Automatik aus der Manteltasche herausgerissen. Der lange Schalldämpfer zeigte direkt auf den Oberkörper der jungen Frau und ließ sie schreckensbleich zurückweichen.

Der Blonde trat ein und gab der Tür einen Stoß mit der Hacke, so dass sie geräuschvoll ins Schloss fiel.

Die Frau schüttelte stumm den Kopf. Es dauerte ein paar Sekunden, ehe sie wieder soweit beieinander war, dass sie etwas sagen konnte.

„Was wollen Sie?“, fragte sie schluckend, während sie noch einen Schritt rückwärts machte und dabei gegen die Kommode stieß, die in dem engen Flur stand.

„Ist noch jemand in der Wohnung?“, fragte der Blonde kalt.

Sie schüttelte stumm den Kopf.

Dann hob der Blonde die Schalldämpferpistole ein wenig an und drückte ab.

Es gab ein Geräusch, das Ähnlichkeit mit einem kräftigen Niesen hatte und auf der Stirn der jungen Frau erschien ein roter Punkt, der rasch größer wurde. Sie taumelte rückwärts und schlug der Länge nach hin.

Der Blonde atmete tief durch. Die Sache mit der Frau war nicht eingeplant gewesen, aber sie hatte nun einmal sein Gesicht gesehen. Und das war ihr Todesurteil gewesen.

Der Blonde stieg über ihren leblosen Körper hinweg und sah sich im Rest der Wohnung um. Ein Zimmer nach dem anderen nahm er sich vor. Die Frau hatte die Wahrheit gesagt.

Sie war tatsächlich allein gewesen.

Der Killer steckte die Waffe ein, fasste die junge Frau unter den Armen und schleifte sie ins Wohnzimmer. Dann ließ er sich in einen der klobigen Ledersessel fallen und wartete.

Nicht lange, höchsten zehn Minuten. Dann waren an der Haustür Geräusche zu hören. Ein Schlüssel wurde herumgedreht und jemand trat ein.

Das musste Grotzky sein.

„Vanessa?“

Sekunden später stand Grotzky in der Wohnzimmertür. Er hielt eine Papiertüte mit dem Aufdruck des nahen Supermarkts im Arm. 

Grotzky ließ die Tüte fallen, griff unter seinen Lederblouson und riss eine P 226 hervor, während er sich seitwärts fallen ließ.

Der Blonde brauchte nicht einmal die Waffe hochzureißen.

Er saß seelenruhig da und drückte einfach ab. Der erste Schuss traf William Grotzky im Bauchbereich und der zweite ging durch den Hals.

Hart schlug Grotzky auf den Boden. Eine Blutlache bildete sich. Die Hand hielt noch krampfhaft den Griff der P 226 fest. Ein Zittern durchlief seinen Körper. Die Augen waren glasig, der Atem nicht mehr als ein Röcheln. Blut rann ihm aus dem rechten Mundwinkel.

Der Blonde stand auf, trat an den Sterbenden heran und achtete darauf, nicht in die Blutlache zu treten. Dann zielte er auf den Kopf und drückte ein letztes Mal ab, bevor er die Waffe zurück in die weite Tasche seines Kaschmirmantels steckte, die er sich für den langen Schalldämpfer eigens hatte umschneidern lassen.

Ein kaltes Lächeln spielte jetzt um seinen dünnlippigen Mund, der zuvor wie ein gerader Strich gewirkt hatte.

Auftrag erledigt!, dachte er.

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IM BÜRO VON MISTER McKee, dem Leiter des FBI Field Office New York, hatte bereits eine ganze Reihe von G-men Platz genommen. Außer Milo Tucker und mir nahmen noch die Agenten Clive Caravaggio und Orry Medina sowie unser Innendienstler Max Carter an der Besprechung teil. Ich nippte gerade an meinem Kaffeebecher, als noch die Kollegen Jay Kronburg und Leslie Morell hereinplatzten.

Von Mister McKee ernteten sie einen missbilligenden Blick für ihre Verspätung.

„Tut mir Leid, Sir. Aber es gab auf der Amsterdam Avenue einen schweren Unfall. Da war kaum ein Durchkommen.“

„Schon gut“, erwiderte Mister McKee. „Setzen Sie sich.“

Jay und Leslie nahmen Platz und Mister McKee erklärte: „Gestern  wurde William Grotzky in seinem Haus in der Jefferson Lane in Yonkers zusammen mit einer jungen Frau erschossen aufgefunden. Bei der Frau handelte es sich um Vanessa McKenzie, die Grotzky offenbar am Abend zuvor in eine Diskothek kennen gelernt hatte. Sie teilte sich eine Wohnung mit einer gewissen Jennifer Allister, deren Vermisstenanzeige es zu verdanken ist, dass die Toten schließlich von Beamten des Yonkers Police Department entdeckt wurden – schätzungsweise eine Woche nachdem sich der Mord ereignete.“ Mister McKee wandte sich an Agent Carter. „Max, wenn Sie bitte fortfahren würden.“

„Gerne, Sir.“ Max Carter schaltete einen Beamer an, mit dessen Hilfe Fotos der beiden Verstorbenen sowie Tatortfotos an die Wand projiziert wurden. „Dieser Fall fällt aus zwei Gründen in unsere Zuständigkeit. Erstens war der Mann, der zuletzt unter dem Namen William Grotzky in Yonkers lebte, ein ehemaliger FBI-Agent. Er ermittelte jahrelang gegen das organisierte Verbrechen und leistete dabei vor allem im Undercover Einsatz wertvolle Hilfe bei der Festnahme einiger Unterweltgrößen. Am bekanntesten dürfte der Fall Giacometti sein.“

„Der sitzt doch jetzt lebenslänglich in Rikers, wenn ich mich nicht irre“, warf mein Kollege Milo Tucker ein.

Max Carter bestätigte dies. „Seine Verhaftung verdanken wir dem Einsatz von William Grotzky beziehungsweise Jack Aarons – das war nämlich sein richtiger Name. Im Rahmen eines der üblichen Schutzprogramme bekam er natürlich nach Beendigung seiner Tätigkeit als verdeckter Ermittler eine neue Identität.“ Max zeigte das nächste Bild. „Hier sieht man Grotzkys Reihenhaus in Yonkers. An der Tür wurden keinerlei Einbruchsspuren gefunden, die Homicide Squad des Yonkers Police Department vermutet daher, dass dem Täter geöffnet wurde. Tatwaffe ist eine Automatik, Kaliber 45.“

„Ist die Waffe schon einmal benutzt worden?“, fragte ich.

Max schüttelte den Kopf. „Nein, die Waffe ist sauber. Da niemand in der Nachbarschaft ein Schussgeräusch gehört hat, nimmt die Homicide Squad an, dass der Täter einen Schalldämpfer benutzte. Vanessa McKenzie ging am Abend des zwölften dieses Monats mit ihrer Mitbewohnerin und zwei anderen Freundinnen in die Diskothek ‚La Guapa’ in Yonkers. Im Verlauf des Abends lernte sie Grotzky kennen, mit dem sie nach Hause fuhr. Vanessa McKenzies Mitbewohnerin Jennifer Allister wurde misstrauisch, als Vanessa sich im Verlauf des folgenden Tages nicht meldete – geschweige denn zurückkehrte. Daher ging sie zur Polizei. Die Vermisstenabteilung des Yonkers Police Department unter Captain George Rigosian nahm schließlich die Fahndung auf und fand nach Hinweisen von Anwohnern die Leichen in dem Reihenhaus an der Jefferson Lane.“

„Vanessa McKenzie war vermutlich nur zufällig in der Wohnung, als der Killer seinen Job erledigen wollte“, erklärte Mister McKee. „Angesichts der Umstände spricht alles dafür, dass der Anschlag Grotzky galt.“

„Die Zahl derer, die ein Motiv hätten, Grotzky umbringen zu lassen, dürfte riesig sein!“, meinte ich.

„Andy Giacometti ist damals vor Gericht ausgerastet, als Grotzky  - damals noch Jack Aarons – seine Zeugenaussage machte“, berichtete Mister McKee. „Giacometti musste aus dem Saal geführt werden. Er sitzt zwar auf Rikers, aber es zweifelt niemand daran, dass er noch immer die maßgebliche Instanz in der Giacometti-Familie ist, seine Geschäfte weiterführt und die großen Entscheidungen trifft. Allerdings kommt der Giacometti-Clan nicht als einziger Auftraggeber in Betracht. Grotzky/Aarons hatte wirklich eine beeindruckende Erfolgsquote.“

„Ich habe im Benny Ricardo-Fall mit ihm zusammengearbeitet“, berichtete Clive Caravaggio. „Er hatte es durch seine verbindliche Art geschafft, dass Vertrauen des seinerzeit wichtigsten puertoricanischen Kokain-Importeurs in New York zu erringen, sodass wir Benny Ricardo hochnehmen konnten, als er den Deal seines Lebens machen wollte, bei dem Grotzky als angeblicher Geschäftspartner auftrat.“

Unser indianischer Kollege Orry Medina konnte dem nur zustimmen. „Ich bin überzeugt davon, wer sich die alten Videoaufnahmen noch mal ansieht, die damals zur Beweissicherung gemacht wurden, der kann kaum glauben, dass Grotzky jemals etwas anderes gemacht hätte, als Drogen zu verkaufen. Und dabei war er unser Mann...“

Der Fall war mir vage in Erinnerung. Milo und ich hatten zu jener Zeit an einer anderen Sache gearbeitet und waren daher nicht weiter in dem Benny Ricardo-Fall involviert gewesen.

„Sie können sich gerne im Umfeld des Ricardo-Falls mal umhören, Clive“, schlug Mister McKee vor.

„Benny Ricardo starb auf Rikers an einer Überdosis Heroin, obwohl er nie süchtig war“, erinnerte sich Clive. Der flachsblonde Italoamerikaner schlug die Beine übereinander und kratzte sich am Kinn. „Es ist damals vermutet worden, dass er umgebracht wurde, um zu verhindern, dass er noch weitere Geschäftspartner mit hineinreißen kann.“

„Wie auch immer“, fuhr Mister McKee fort. „Grotzky - oder Aarons, ganz wie man will - ist vor fünf Jahren aus dem FBI-Dienst ausgeschieden. Er hat gekündigt und sich zur Ruhe gesetzt, was man auch verstehen kann, wenn man seine Akte gelesen hat. Wer jahrelang im Untergrund gelebt hat, muss wissen, wann es Zeit ist aufzuhören. Allerdings fragt sich so mancher, weshalb er den gut dotierten Job als Dozent an der Akademie von Quantico abgelehnt hat, der es ihm ermöglicht hätte, seine Erfahrungen an angehende Kollegen weiterzugeben.“

„Seltsam ist auch, dass Jack Aarons sein neues Leben als William Grotzky in unmittelbarer Nähe seines früheren Einsatzgebietes begonnen hat, anstatt für eine räumliche Distanz zu sorgen“, gab Clive zu bedenken.

„Ich bin überzeugt davon, dass man ihm beim Ausscheiden etwas anderes geraten hat“, erklärte Mister McKee.

„Was hat er in den letzten fünf Jahren gemacht?“, fragte ich.

„Das ist eine der Fragen, die alle beschäftigen wird, die hier im Raum sitzen, Jesse“, kündigte Mister McKee an. „Man hat bei ihm nämlich insgesamt fünf verschiedene Pässe gefunden. Zwei US-amerikanische, einen schwedischen, einen französischen und einen marokkanischen...“

Das war allerdings bemerkenswert.

„Glauben Sie, dass Grotzky die Seite gewechselt hatte?“, fragte ich.

Mister McKee zuckte die Schultern. „Zu wem auch immer - aber die Vermutung liegt nahe, dass er selbst in dubiose Machenschaften verwickelt war.“

„Vielleicht brauchte er die verschiedenen Pässe einfach nur zu seiner persönlichen Sicherheit“, schlug Milo vor. „Er wäre nicht der Erste, der paranoid wird, weil er weiß, dass irgendein Mafia-Clan hinter ihm her ist...“

„Sicher“, nickte Mister McKee. „Wenn er in den letzten fünf Jahren unter irgendeinem seiner Namen einen Job oder eine Sozialversicherungsnummer gehabt hätte, würde ich zustimmen. Aber das einzige, was er hatte, war ein Bankkonto, auf das ausschließlich in bar eingezahlt wurde. Allerdings immer nur kleine Beträge, die niemandem auffallen und die gerade dazu ausreichten, seine Daueraufträge zu bedienen... Auf der anderen Seite ist er regelmäßig nach Zürich geflogen. Wir vermuten, dass er dort ein Nummernkonto besaß. Nat kümmert sich darum...“

Agent Nat Norton war unser Fachmann für Betriebswirtschaft und ein Spezialist im Aufspüren verborgener Geldströme. Bei so manchem Fall im Bereich des organisierten Verbrechens hatten erst seine Erkenntnisse über wirtschaftliche Verflechtungen die Ermittlungen zum Erfolg geführt.

„Offenbar hat er es vorgezogen sein Geld im Ausland anzulegen“, zog Milo einen nahe liegenden Schluss.

Jedenfalls schien Grotzky ein Mann gewesen zu sein, der sich um keinen Preis in die Karten sehen lassen wollte. Und dafür musste es Gründe geben. Genauso wie für die Kugel in seinem Kopf.

Mister McKee ergriff erneut das Wort. „Max hat für jeden von Ihnen ein Dossier über Grotzky und die wichtigsten Fälle zusammengestellt, dass Sie bitte sorgfältig durcharbeiten. In diesem Fall gibt es so viele mögliche Ermittlungsansätze, dass wir sie unmöglich alle verfolgen können und uns von vorn herein auf die wichtigsten Spuren beschränken müssen.“

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DAS ERSTE, WAS FÜR Milo und mich jetzt auf dem Programm stand, war eine intensive Lektüre des Dossiers. Zusammen mit Jay und Leslie saßen wir dazu in dem Dienstzimmer, das ich mir mit Milo teilte.

Clive und Orry waren unterdessen bereits nach Yonkers unterwegs, um sich mit Captain George Rigosian vom Yonkers Police Department zu treffen und den Tatort in Augenschein zu nehmen. Unsere FBI-eigenen Erkennungsdienstler Sam Folder und Mell Horster sollten sie dabei unterstützen.

Die Reihe der Fälle, an denen Grotzky mitgearbeitet hatte oder in denen das FBI auf Grund von Informationen tätig wurde, die letztlich auf seiner Arbeit beruhten, war Ehrfurcht gebietend.

Besonders spektakulär war natürlich der Giacometti-Fall gewesen. Der letzte, in den Grotzky als aktiver Agent involviert war.

Die Ermittlungen hatten eine wasserdichte Beweislage geschaffen, die es dem Staatsanwalt ermöglicht hatte, den Gerichtssaal auf ganzer Linie als Sieger zu verlassen.

Andy Giacomettis Heer aus renommierten Strafverteidigern hatte ihn nicht vor dem harten Urteil bewahren können: Lebenslänglich – unter anderem wegen mehrfacher Verabredung zum Mord. Der große Boss der Giacometti-Familie war für seine besonders rücksichtslose Vorgehensweise bekannt gewesen. Die anderen Delikte, die man ihm vorwarf – Drogenhandel, Geldwäsche, Erpressung so genannter Schutzgelder – nahmen sich dagegen eher harmlos aus.

„Ich finde Giacometti ist der erste Ansatzpunkt!“, meinte Milo. „Er oder jemand aus seinem Clan hätte das Geld und die Kontakte, um Grotzky zu enttarnen und anschließend einen Profi zu engagieren, der ihn umbringt.“

Ich nickte. Milo hatte vollkommen Recht. Man wunderte sich immer wieder, was trotz der strengen Vorschriften alles aus Hochsicherheitstrakten hinein und wieder hinaus wanderte.

Rauschgift zum Beispiel.

Ein Mordauftrag stellte da sicherlich kein Problem dar, das sich nicht irgendwie lösen ließ.

„Wir brauchen eine Liste der Besucher, die Giacometti hatte“, schlug Jay vor. 

„Wir werden uns mal mit ihm unterhalten müssen“, meinte Leslie. „Aber Tatsache ist, dass wir bis jetzt keinen Hinweis haben, der in Giacomettis Richtung zeigt.“

„Und Giacomettis Clan? Ich denke, auch den müssen wir ernst nehmen...“, meinte Milo.

„Sicher“, stimmte ich zu. „Aber bevor wir für allzu großen Wirbel sorgen, sollten wir vielleicht noch etwas mehr über Grotzkys Umfeld in Erfahrung bringen.“

Milo hob die Schultern.

„Was für ein Umfeld, Jesse? Nach den Ermittlungsergebnissen der Kollegen aus Yonkers hatte er in der Gegend keine Bekannten.“

An lebenden Verwandten besaß Grotzky auch nur noch eine Schwester. Den Angaben im Dossier nach waren seine Eltern schon vor etlichen Jahren bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Zu seiner Schwester bestand kein Kontakt.

„Setzen wir bei der Mitbewohnerin des zweiten Opfers, dieser Jennifer Allister an“, war mein Vorschlag.

Die anderen sahen mich etwas erstaunt an, während ich das Dossier zuklappte. Ich zuckte die Schultern. „In diesem Fall ist das immerhin so viel versprechend wie jeder andere Ansatz, finde ich. Grotzky hat mit Jennifer Allister und ihren Freundinnen den Abend in einer Diskothek verbracht. Vanessa McKenzie schien ihm am besten zu gefallen, schließlich hat er sie mit nach Hause genommen. Aber das heißt ja nicht, dass Grotzky mit den anderen kein Wort gesprochen hätte. Vielleicht ist denen auch etwas aufgefallen oder sie können uns sagen, ob er öfter in dieser Diskothek anzutreffen war!“

Milo seufzte. „Klingt nicht nach einem schnellen Durchbruch, Jesse.“

„Aber es ist besser als nichts“, erwiderte ich.

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LESLIE UND JAY FUHREN nach Rikers Island, nachdem Mister McKee dort für sie einen Vernehmungstermin vereinbart hatte. Andy Giacometti wollte auch jetzt nichts ohne seinen Anwalt von sich geben, was das Treffen etwas verzögerte. Die Gefängnisverwaltung sorgte inzwischen dafür, dass alle Unterlagen über die Besuche, die Giacometti in seiner bisherigen Haftzeit erhalten hatte, beim Eintreffen unserer Kollegen vorlagen.

Milo und ich fuhren hingegen nach Yonkers, Jennifer Allister zu befragen.

Zusammen mit Vanessa McKenzie hatte sie sich eine Wohnung im fünften Stock eines Mietshauses mit der Hausnummer 791, Rogers Street geteilt.

Wir parkten den Sportwagen in einer Seitenstraße. Ein paar Minuten später öffnete uns eine junge Frau mit dunklen, langen Haaren die Wohnungstür.

„Jennifer Allister?“, fragte ich.

„Ja.“

„Jesse Trevellian, FBI. Dies ist mein Kollege Milo Tucker. Wir möchten Ihnen paar Fragen stellen, die den Mord an Ihrer Mitbewohnerin betreffen.“

Jennifer Allister schluckte und warf einen kurzen Blick auf die ID-Card, die ich ihr entgegenhielt.

„Kommen Sie herein!“

Sie führte uns ins Wohnzimmer. „Wir haben uns die Wohnung geteilt. Jede von uns hatte ein Zimmer. Wohnzimmer, Küche und Bad haben wir gemeinsam genutzt.“

„Ich würde mir gerne Vanessa McKenzies Zimmer ansehen“, kündigte Milo an.

Jennifer deutete in Richtung einer Tür auf der anderen Seite des Wohnzimmers. „Bitte, Agent Tucker. Die Polizisten, die die Vermisstenanzeige aufnahmen, haben sich dort ebenfalls bereits umgesehen, um nach Hinweisen zu suchen. Aber da war leider nichts...“

Die junge Frau kämpfte spürbar mit den Tränen. Das, was ihrer Mitbewohnerin passiert war, musste einen geradezu traumatischen Eindruck auf sie gemacht haben.

Milo nickte mir kurz zu und verschwand im Nachbarraum. Die Tür ließ er offen stehen, sodass er jedes Wort mitbekommen konnte, das ich mit Jennifer Allister wechselte.

„Setzten Sie sich!“, bot sie mir an und deutete auf die Sitzgruppe. Ich ließ mich auf einer niedrigen Couch nieder. Jennifer verschränkte die Arme vor der Brust. Sie ging zur Fensterfront, blickte gedankenverloren auf die Straße hinunter und wischte sich kurz die Augen. Dann hatte sie ich wieder vollkommen gefasst. Sie drehte sich herum und setzte sich in einen der Sessel.

„Alles in Ordnung, Miss Allister?“

„Es geht schon. Aber es ist nicht so einfach. Vanessa und ich waren eng befreundet.“

„Ich verstehe, was Sie durchmachen. Aber jetzt geht es darum, diejenigen zur Rechenschaft zu ziehen, die für den Tod Ihrer Freundin verantwortlich sind.“

„Wenn ich Ihnen dabei helfen kann...“

„Das werden wir sehen. Wir gehen davon aus, dass das eigentliche Ziel des Mordanschlags Mister William Grotzky war...“

„Der Mann, mit dem Vanessa am Abend mitgegangen ist.“

„Ja.“

„Dann war sie einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort?“

„So sieht es aus. Und darum ist es wichtig, dass Sie mir jede Einzelheit jenes Abends schildern, an dem Vanessa William Grotzky kennen gelernt hat.“

„Wir wollten uns mit ein paar Freundinnen an diesem Abend amüsieren und sind dazu ins ‚La Guapa’ gegangen. Da wird Latino-Musik gespielt. Wir wollten so richtig abtanzen, was vielleicht ein bisschen seltsam klingen mag...“

„Wieso?“

„Na, weil Vanessa und ich schon beruflich mit dem Tanzen zu tun haben. Ich habe eine Nebenrolle in einem Broadway Musical. Und Vanessa verdiente ihr Geld im ‚Plaisir’, eine Table Dance Bar in Alphabet City – Avenue B, glaube ich. Genau weiß ich das aber nicht mehr, denn ich bin nur einmal dort gewesen. Vanessa hatte mich mitgenommen, damit ich sehe, wie das da so abläuft. Sie meinte, das wäre doch vielleicht auch etwas für mich, so nebenbei an meinen spielfreien Abenden. Aber ich habe schnell gemerkt, dass das einfach nicht meine Welt ist, obwohl ich das Geld sehr gut hätte gebrauchen können.“ Sie seufzte. „Was glauben Sie, warum ich hier oben in Yonkers wohne und täglich in den Big Apple fahre? Aber diese halbe Wohnung hier ist alles, was ich mir leisten kann. Jetzt, nachdem Vanessa nicht mehr da ist, werde ich entweder eine neue Mitbewohnerin finden oder mir was anderes suchen müssen.“

„Kommen wir zurück zu dem Abend, als Sie Vanessa zum letzten Mal sahen“, versuchte ich das Gespräch wieder auf die Dinge zu lenken, die mir wichtig erschienen. Immerhin redete sie sich langsam warm und schien Vertrauen fassen zu können.

„Dieser Grotzky hatte Vanessa schon früher fasziniert. Wir kannten ihn nur flüchtig und unter seinem Vornamen – William.“

„Das heißt, Grotzky ging öfter in das ‚La Guapa’?“, vergewisserte ich mich.

„Ja, er war häufig dort. Vanessa und ich sind seit einem halben Jahr etwa alle ein bis zwei Wochen für einem Abend dort gewesen und ich würde sagen, jedes zweite oder dritte Mal haben wir auch William dort getroffen. Vanessa glaubte, dass er reich sein müsste.“

„Weshalb?“

„Maßanzug, Rolex, großzügige Trinkgelder für die Angestellten des ‚La Guapa’... Außerdem fuhr er einen Wagen, der sehr teuer aussah. Ich kenne mich damit nicht aus, aber es war irgend so ein sportliches Ding mit lautem Motor, bei dem die Türen nach oben aufgehen.“

„An diesem Abend sind Vanessa McKenzie und William Grotzky sich also näher gekommen“, fasste ich zusammen.

„So kann man es ausdrücken. Geflirtet hatten sie vorher schon hin und wieder mal miteinander, aber an diesem Abend muss der Blitz eingeschlagen haben. Die beiden waren richtig unzertrennlich und schließlich hat Vanessa mir gesagt, dass sie die Nacht bei William verbringen wollte. Sie hat versprochen, dass sie mich am nächsten Morgen anruft. Das hat sie auch getan.“ Sie schluckte, kämpfte erneut mit den Tränen und strich sich mit einer fahrigen Geste eine verirrte Haarsträhne aus dem Gesicht. „Sie meldete sich und sagte,  William sei kurz weg, um ein paar Zutaten zum Frühstück vom Supermarkt um die Ecke zu besorgen. Das fand sie besonders süß, weil er ihr zuvor erzählt hätte, er sei ein Morgenmuffel und würde normalerweise vor dem Mittag nicht aus den Federn kommen. Dann meinte Vanessa plötzlich, sie müsse jetzt Schluss es machen, jemand sei an der Tür. Sie hat dann aufgelegt und versprochen, sich später noch mal zu melden. Leider hatte sie nicht gesagt, wo sie sich befand. Keine Adresse – gar nichts.“ Jennifer sah mich offen an. „Darum hat es fast eine Woche gedauert, bis man sie gefunden hat. Und wenn man zur Polizei geht und sagt, dass die beste Freundin sich bis über beide Ohren verliebt hat und mit ihrem Traumprinzen untergetaucht ist, anstatt sich zu melden, spornt das die Cops auch nicht gerade an, sich richtig ins Zeug zu legen. Die halten einen doch gleich für hysterisch.“

„Überlegen Sie mal, ob Ihnen sonst noch irgendetwas im Zusammenhang mit William Grotzky einfällt. Kennt ihn dort im ‚La Guapa’ irgendjemand etwas besser?“

Sie zuckte die Schultern. „Keine Ahnung. Einer der Barmixer – Ron – kennt seine Lieblingsdrinks auswendig, aber das will nichts heißen. Ich habe gesehen, dass Ron das auch bei anderen Gästen weiß, die etwas öfter kommen. Der muss ein phänomenales Gedächtnis haben.“

„Sie sagen, dass Sie ihn des Öfteren im ‚La Guapa’ gesehen haben.“

„Ja.“

„Ist Ihnen irgendwer aufgefallen, mit dem er sich sonst noch etwas näher beschäftigt hat?“

„Ja. Da war ein Typ mit einem ziemlich langen Schnauzbart, der so dicht und lang war, dass man die Lippen nicht sehen konnte. Vollkommen schwarz war dieser Schnauzbart, aber auf dem Kopf hatte er nur noch einen schmalen Haarkranz. Wenn ich so darüber nachdenke...“

Eine Pause entstand.

„Sagen Sie ruhig, was Ihnen gerade in den Sinn kommt. Ob das wichtig ist, kann man ohnehin immer erst später sagen. Aber da wir so gut wie nichts darüber wissen, was William Grotzky in den letzten fünf Jahren gemacht hat, ist für uns jeder noch so vage Hinweis wichtig!“

„Grotzky hat sich mehrfach mit diesem Schwarzbart getroffen. Wir haben uns ein bisschen über den Kerl lustig gemacht und herumgealbert. Vanessa meinte, der könnte mit den langen Haaren unter seiner Nase doch wohl nie im Leben einen Drink nehmen, ohne sich einzusauen.“

„Wissen Sie, wie der Mann hieß? Er könnte für uns ein wichtiger Zeuge sein.“

Sie schüttelte entschieden den Kopf. „Jedenfalls war er nie besonders lange dort. Einmal habe ich gesehen, wie er William einen Umschlag gab. Aber jetzt fragen Sie mich bitte nicht, was drin wer! Ich bin schließlich keiner Hellseherin.“

„Wann war das?“, hakte ich sofort nach.

„Ist schon ein bisschen her. Vier oder sechs Wochen vielleicht. Ach ja, Vanessa meinte, dass sie den Typ mit dem Schnauzbart schon einmal im ‚Plaisir’ angetroffen hätte. Offenbar ist er von Geschäftsfreunden dort hin geschleppt worden. Vanessa meinte, der Typ sei völlig verschüchtert gewesen und hätte gar nicht gewagt richtig hinzuschauen, als sie vor ihm auf dem Tisch getanzt hätte! So etwas hätte sie noch nie erlebt!“

Milo kam inzwischen aus Vanessa McKenzies Zimmer heraus.

„Was gefunden, Milo?“, fragte ich.

Er schüttelte den Kopf. „Nichts, was uns irgendwie einen Schritt voran brächte!“

Ich wandte mich wieder an Jennifer Allister und sagte: „Wir brauchen noch Namen und Adressen Ihrer beiden anderen Freundinnen, die an dem besagten Abend sich mit Ihnen zusammen im ‚La Guapa’ amüsierten.“

„Ja, natürlich. Rita Jackson wohnt in der Nummer 133, Cumberland Road hier in Yonkers und Kimberley Smith wohnt in New Rochelle, 124 Washington Drive.“

Ich schrieb mir die Adressen der beiden Frauen auf. „Wir möchten Ihnen einen Zeichner hier her schicken. Er heißt Agent Prewitt und soll mit Ihnen zusammen ein Phantombild des Mannes mit dem Schnauzbart anfertigen.“

„Ich nehme an, Ihr Kollege Prewitt wird nicht wirklich noch den Bleistift zu Hand nehmen?“, meinte Jennifer Allister.

„Nein, Agent Prewitt arbeitet in der Regel mit dem Laptop“, erwiderte ich  freundlich.

Milo telefonierte mit dem Field Office, damit unser Phantombildzeichner her beordert wurde.

Ich gab Jennifer Allister meine Karte.

„Vielleicht fällt Ihnen ja noch irgendetwas ein, was uns weiter bringen könnte!“

Sie nickte. „Ich hoffe, Sie finden den oder die Täter!“

„Das werden wir!“, versprach ich.

Milo warf mir einen skeptischen Blick zu.

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EIN WACHMANN FÜHRTE unsere Kollegen Jay Kronburg und Leslie Morell über einen breiten Korridor.

Jay Kronburg überflog dabei kurz die Liste der Besuchskontakte, die Andy – eigentlich Andrea – Giacometti in den bisherigen Jahren seiner Haft gehabt hatte.

„Na, neue Erkenntnisse?“

„Ich dachte immer, Andrea wäre ein Mädchenname.“

„Nicht im Italienischen, Jay.“

„Klingt aber eigenartig!“

„Frag Clive, der wird dir das bestätigen!“

Der Wachmann öffnete die Tür zum Besprechungszimmer.

Andy Giacometti war bereits hereingeführt worden. Ein großer, übergewichtiger Mann, dessen Kopf abgesehen von einem Haarkranz vollkommen kahl war.

Sein Anwalt war dagegen klein und drahtig. Er stellte sich als Nelson Brusco vor und gab Jay einen Händedruck, mit dem er gleich zu verstehen geben wollte, wer es zu sagen hatte.

Jay wandte sich direkt an Giacometti.

„Mein Name ist Special Agent Jay Kronburg. Dies ist mein Kollege Leslie Morell.“

Giacometti verzog das Gesicht zu einer zynischen Maske.

„Ist ‚Leslie’ nicht eigentlich ein Frauenname?“, wandte er sich an den G-man.

„Sowohl als auch – und für Sie bin ich ohnehin nur Agent Morell“, lautete die frostige Antwort. In Gedanken fügte Leslie hinzu: Das musst du gerade fragen, Andrea.

„Mister Giacometti wird von seinem Recht Gebrauch machen, keine Aussage zu machen“„, erklärte Brusco. „Im Übrigen habe ich Beschwerde dagegen eingereicht, dass er überhaupt in dieser Sache vernommen wird.“

Jay und Leslie wechselten einen erstaunten Blick.

„Mit welcher Begründung?“, fragte Jay.

„Mitarbeiter Ihrer Behörde beabsichtigen offenbar, meinen Mandanten zu schikanieren und missbrauchen dabei ihre Befugnisse.“

Jay lächelte dünn. „Das ist doch chancenlos, Mister Brusco!“

„Im Übrigen wird Ihr Mandant zunächst noch nicht als Beschuldigter vernommen“, erklärte Leslie. „Wir haben lediglich vor, ihm ein paar Fragen zum Tod von Ex-Special Agent Jack Aarons zu stellen.“

„Der sich später Grotzky nannte?“, mischte sich jetzt Andy Giacometti mit einem breiten Grinsen ein.  „Wie war noch der Vorname? Warren oder Wayne? Nein, William – richtig?“

„Mister Giacometti, es ist besser, wenn Sie nichts sagen“, fand Brusco.

Aber der Gefangene machte mit einer seiner gewaltigen Pranken eine wegwerfende Handbewegung. „Warum denn nicht? Das ist doch nur ein informelles Gespräch, wenn ich die G-men richtig verstanden habe.“

„Woher wussten Sie von Jack Aarons neuer Identität?“

„Ich bin ein gut informierter Mensch, Mister...“

„Agent Kronburg.“

„Sie glauben ja gar nicht, was hier drinnen alles so erzählt wird. Sie brauchen nur in der Gefängniskantine sitzen und die Lauscher sperrangelweit geöffnet lassen, dann erfahren Sie Dinge, für die Ihr G-men wahrscheinlich eine monatelange Ermittlungsarbeit in Gang setzen müsstet!“ Er kicherte.

„Sie haben nicht zufällig Ihre Leute auf die Suche geschickt, um Aarons alias Grotzky aufzuspüren?“, fragte Jay.

„Welche Leute? Ich bin ein Gefangener!“

„Sie wissen schon genau, wie ich das meine. Ihr Sohn Michael gilt als Ihr Nachfolger. Und außerdem sagt man, dass er Ihnen treu ergeben ist und Ihnen die Wünsche von den Augen abliest.“

„Michaels Geschäfte sind legal – und wenn es anders wäre, dann hätten Sie ihn längst verhaften lassen. Dass ein Sohn sich um seinen zu Unrecht verurteilten Vater kümmert, dürfte nicht allzu außergewöhnlich sein, oder?“

Jay Kronburg atmete tief durch. Sein Kopf war dunkelrot angelaufen. Dass dieser Mann wahrscheinlich noch immer nur mit dem Finger zu schnipsen brauchte, wenn er glaubte, dass jemand den Tod verdient hatte, ärgerte den ehemaligen Cop.

Leslie ergriff jetzt das Wort.

„Die Sache stellt sich für uns folgendermaßen dar: Sie haben Aarons seinerzeit blutige Rache geschworen. Jetzt ist er tot – wahrscheinlich ermordet von einem gedungenen Profi-Killer. Dass wir da zuerst zu Ihnen kommen, dürfte Sie doch nicht überraschen!“

„Glauben Sie, ich bin der Einzige, der diesen Aarons oder Grotzky oder wie immer er sich noch genannt haben mag, lieber heute als morgen tot gesehen hätte?“

„Haben Sie etwas mit seinem Tod zu tun?“

„Nein!“, fauchte Giacometti. „Auch wenn Sie mir ohnehin nicht glauben werden! Aber überlegen Sie mal, was ich denn noch zu verlieren hätte, wenn man mir noch mal 25 Jahre für eine Anstiftung zum Mord aufbrummt?“

„Wir können Ihnen gegenwärtig nicht das Gegenteil beweisen“, erwiderte Leslie kühl.

„Noch nicht“, ergänzte Jay.

„Sag ich doch!“, blaffte Giacometti. „Und jetzt erwarten Sie von mir nicht noch irgendeine Äußerung der Anteilnahme! Wer immer Jack Aarons alias sonst wer umgenietet hat, verdient in meinen Augen eine Auszeichnung! Sollte ich jemals Hafturlaub bekommen – was noch etwas unwahrscheinlicher als ein Hauptgewinn im Lotto ist – dann würde ich den dazu nutzen, auf sein Grab zu spucken!“

„Ihre Abneigung gegen Grotzky habe ich verstanden“, sagte Leslie eisig. „Aber bei dem Anschlag kam auch eine junge Frau ums Leben, die mit der ganzen Sache nichts zu tun hatte.“

„Sehen Sie! Wenn ich dahinter stecken würde, hätte ich jemanden engagiert, er die Angelegenheit perfekt über die Bühne gebracht hätte. Wirklich perfekt!“

„Okay, gehen für einen Moment mal davon, dass Ihre Aussage der Wahrheit entspricht und Sie tatsächlich nichts mit dem Mord an Grotzky zu tun haben, dann haben Sie vielleicht etwas davon gehört. Da Sie doch ein so gut informierter Mensch sind, wie Sie vorhin gesagt haben.“

„Vergessen Sie es! Erstens hat der Täter meine Sympathie. Mag er ein Stümper sein, der Unbeteiligte in Mitleidenschaft zieht oder nicht. Das ändert nichts daran, dass ich ihn persönlich beglückwünschen würde, wenn er mir begegnete!“

„Mein Mandant hat kein Interesse an einer Zusammenarbeit mit der Justiz“, mischte sich nun wieder Nelson Brusco ein. „Es sei denn, Sie könnten ihm eine erhebliche Verbesserung seiner Situation anbieten, aber alle Gespräche in diese Richtung hat die Staatsanwaltschaft seinerzeit abgebrochen!“

„Weil die Beweislage so eindeutig war, dass es keinerlei Zweifel an Mister Giacomettis Verurteilung geben konnte“, wandte Leslie ein. „Warum hätte der Staatsanwalt Ihnen also ein Angebot machen sollen?“

„Und warum sollte mein Mandant Ihnen jetzt helfen?“

Leslie beachtete den Anwalt nicht weiter, sondern richtete seine Worte direkt an Giacometti. „Wenn der begründete Verdacht vorliegt, dass Sie aus Ihrer Zelle heraus Morde in Auftrag geben, müssen Sie damit rechnen, in das Bundesgefängnis eines anderen Staates verlegt zu werden. Ich weiß nicht, wie wichtig Ihnen der Kontakt zu Ihrer Familie in New York ist!“

„Bastard!“, knurrte Giacometti.

An den Anwalt gerichtet, fuhr Leslie fort. „Es liegt also im Interesse Ihres Mandanten, diesen Verdacht auszuräumen und uns alles zu sagen, was er an sachdienlichen Hinweisen eventuell beitragen kann. Ich schlage vor, Sie machen das Mister Giacometti klar. Es mag zwar sein, dass er keine Chance mehr hat, zu seinen Lebzeiten in die Freiheit entlassen zu werden, aber es kann ihm nicht gleichgültig sein, unter welchen Haftbedingungen und wo er den Rest seines Lebens verbringen muss!“

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DAS HAUS IST SO SEELENLOS wie ein Hotelzimmer“, meinte Orry, während er sich zusammen mit Clive Caravaggio im Schlafzimmer umsah. Beide Agenten hatten Latexhandschuhe übergestreift, um die Spurenlage nicht zu verfälschen. Das Wohnzimmer wurde gerade von den FBI-Erkennungsdienstlern Mell Horster und Sam Folder unter die Lupe genommen.

„Du hast recht, Orry“, meinte Clive. „Keine Zeitschrift, kein Computer oder irgendetwas anderes, das eine persönliche Note hätte.“

„Fast könnte man meinen, dass Grotzky mit der Möglichkeit rechnete, jeden Moment untertauchen zu müssen.“

„Und dabei wollte er möglichst keine Spuren hinterlassen!“

„Wir haben noch nicht einmal ein Telefonregister gefunden. So kann doch kein Mensch leben!“

„Grotzky konnte es offenbar. Oder er war nicht oft hier.“

„Warten wir mal auf den Einzelverbindungsnachweis der Telefongesellschaft. Vielleicht bringt uns der ja ein Stück weiter.“

Clive zuckte die Schultern und ließ noch mal den Blick durch das Schlafzimmer schweifen. Die Gegenstände, die man eindeutig persönlich hatte zuordnen können, hatten Vanessa McKenzie gehört. Eine Handtasche, eine Uhr mit der Aufschrift GOOD LUCK FOR EVER und diverse andere Kleinigkeiten wie zum Beispiel einen Lippenstift.

Clive öffnete den Kleiderschrank.

Grotzkys Sachen hingen fein säuberlich aufgehängt da. Ein paar Hosen, Hemden, Jacketts und ein Mantel.

„Es wurden überall die Etiketten entfernt“, stellte Clive fest.

„Ich verstehe ja, dass Grotzky Angst vor der Mafia hatte, aber das erscheint mir dann doch übertrieben!“

„Tatsache ist, dass wir noch immer so gut wie nichts über Jack Aarons’ Leben als William Grotzky wissen, obwohl wir in seinem Haus stehen.“

„Zusammen mit den Pässen verschiedener Nationalität, die Grotzky bei sich trug, ergibt das ein ganz eigenartiges Bild. Fast, als wäre er in den letzten fünf Jahren noch immer im aktiven Undercover-Einsatz.“

„Ich meine, wir haben ihn ja während des Ricardo-Falls etwas kennen gelernt...“, begann Orry.

„Das habe ich auch gedacht. Aber jetzt bezweifle ich, ob irgendetwas, was wir über ihn zu wissen glaubten, überhaupt noch haltbar ist, Orry.“

Die beiden G-men wechselten einen kurzen Blick.

„Mal ehrlich, du hast auch schon darüber nachgedacht, ob Grotzky nicht etwas auf eigene Rechnung am laufen hatte, Clive!“

„Der Sportwagen, den er fuhr, hat ein Vermögen gekostet, dass Nummernkonto in der Schweiz, die konspirativen Umstände, unter denen er hier gelebt hat...“

„Passt doch alles zusammen oder?“

„Unsere Gehälter betragen ein Bruchteil von dem, was ein halbwegs cleverer Drogenhändler verdienen kann“, gab Orry zu bedenken.

„Allein für das Geld macht auch das niemand, Orry! Du musst schon daran glauben, dass es richtig ist, für das Recht einzutreten.“

„Vielleicht war Grotzkys Idealismus irgendwann erschöpft.“

„Kann ich mir schwer vorstellen!“

„Weil du von dir ausgehst. Aber versuch das ganze Mal aus seiner Sicht zu sehen! Grotzky hat jahrelang sein Leben für ein paar Dollars riskiert. Und jetzt wollte er vielleicht einfach mal selbst etwas vom großen Kuchen abbekommen. Er war bei Drogendeals dabei, wo die Scheine Kofferweise den Besitzer gewechselt haben. Da kommt dir doch automatisch der Gedanke, dass du vielleicht auf der falschen Seite stehst und dir deine Rechtschaffenheit am Ende nichts bringt!“

„Also mir kam dieser Gedanke bisher nicht!“

Die beiden Agenten gingen zurück ins Wohnzimmer.

Die Positionen der Leichen waren mit Kreide markiert.

„Na, irgendetwas Bedeutendes gefunden?“, fragte Sam Folder.

Orry schüttelte den Kopf. „Man könnte denken, dass hier niemand gewohnt hat. Das Heim eines Spions oder so etwas.“

„Es gibt immer irgendwelche Spuren“, widersprach der Erkennungsdienstler. Sam deutete auf einen drehbaren Ledersessel. „Dort muss der Täter gesessen haben“, stellte er fest. „Er ist außerdem Rechtshänder. An der rechten Armlehne waren Schmauchspuren, deren Lage Rückschlüsse auf die Länge des Unterarms zulassen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass unser Täter größer als ein Meter neunzig ist und vermutlich ein Mann.“

„Hat er im Sessel gesessen und seelenruhig abgewartet, bis sein Opfer zur Tür hereinkam?“

„Ja“, bestätigte Sam. „Mell hat im Flur einen winzigen Blutspritzer mit Luminol sichtbar machen können, der nahe legt, dass die Frau bereits hier erschossen wurde. Sie hat dem Täter die Tür geöffnet und ist zurückgewichen. Er hat sie  erschossen und anschließend ins Wohnzimmer geschleift. Grotzky wiederum hat ja, wie wir nach dem Bericht des Yonkers Police Department wissen, versucht, noch eine Waffe zu ziehen.“

Im Flur hörte man die Stimmen von Mell Horster und Captain George Rigosian. 

Clive ging hinaus und wandte sich an den Mann des Yonkers Police Department. „Wir werden im großen Stil die Nachbarschaft befragen müssen. Vielleicht könnten Sie uns mit Ihren Leuten unterstützen, damit wir schneller zu einem Ergebnis kommen.“

Rigosian nickte. „Natürlich, dürfte kein Problem sein. Aber ich glaube nicht, dass dabei allzu viel herauskommt. Die meisten Leute, die in dieser Gegend wohnen, arbeiten im Big Apple und müssen schon früh aus dem Haus, um ihre Büros zu erreichen.“

„Vermutlich hat sich Grotzky diese Gegend genau aus diesem Grund ausgesucht!“

„Ein ruhiges Plätzchen hatte er hier jedenfalls“, gab Rigosian zu.

„Hat man eigentlich bei Vanessa McKenzie und William Grotzky Mobiltelefone gefunden?“, fragte Clive.

„Nein“, erklärte Rigosian. „Tut mir leid, aber das ist uns hier gleich aufgefallen, zumal Vanessa McKenzie ganz sicher ein Handy besaß. Es handelte sich um ein ganz normales Gerät, das über den Vertrag mit einem Mobilfunkanbieter betrieben wurde. In der Zeit, als die junge Frau vermisst wurde, haben wir versucht, sie durch Anpeilung ihres Gerätes zu orten, aber es war wohl abgeschaltet.“

„Hatte sie es gar nicht bei sich?“

„Unwahrscheinlich. Ich selbst habe mich in ihrem Zimmer umgesehen. Da war kein Handy, aber ihre Mitbewohnerin Jennifer Allister hat mir erklärt, dass ihre Freundin das Handy an dem Abend, als sie mit Grotzky nach Hause fuhr, auf jeden Fall bei sich hatte.“

„Und was ist mit Grotzky? Es fällt mir schwer anzunehmen, dass ein Mann wie Grotzky überhaupt kein Mobiltelefon besaß.“

„Vielleicht hatte er ein Prepaid-Handy, das der Täter mitgenommen hat, weil er befürchtete, dass sich im Menue irgendwelche Nummern befinden, die auf seinen Auftraggeber hinweisen.“

Clive hob die Augenbrauen. „Deshalb hat der Killer vielleicht sicherheitshalber Vanessa McKenzies Gerät auch gleich mitgenommen.“

„Das wäre eine Erklärung“, bestätigte Captain Rigosian. „Kannten Sie ihn persönlich? Er war immerhin FBI-Agent.“

„Nur flüchtig“, antwortete Clive. „Offiziell war er nur für kurze Zeit unserem Field Office zugeteilt. Und im übrigen lassen mich die Dinge, die wir bisher über ihn herausgefunden haben, bereits an dem wenigen zweifeln, was ich über ihn zu wissen glaubte...“

Rigosian rieb sich das Kinn. „Wenn Sie mich fragen, dann hat er gelebt wie jemand, der das CIA-Handbuch für das Verhalten von Agenten im Auslandseinsatz sehr intensiv gelesen hat.“

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MILO UND ICH FUHREN die Adressen von Rita Jackson und Kimberley Smith an, den beiden anderen jungen Frauen, die sich am Abend vor dem Doppelmord zusammen mit Vanessa McKenzie und Jennifer Allister im ‚La Guapa’ vergnügt hatten.

Jennifer Allister war sehr kooperativ. Sie gab uns nicht nur die Adressen ihrer Privatwohnungen, sondern auch Name und Adresse der jeweiligen Arbeitgeber.

Zwischendurch erreichte uns ein Anruf von Clive, der uns bat, bei den Aussagen der Freundinnen noch einmal zu überprüfen, ob Vanessa McKenzie ein Handy an dem Abend im  ‚La Guapa’ bei sich gehabt hatte.

Rita Jackson trafen wir zu Hause in ihrer Wohnung an. Sie wirkte vollkommen verstört. Von Vanessas Tod hatte sie durch Jennifer Allister erfahren. Als sie uns die Tür öffnete, waren ihre Augen rot geweint.

Im Wesentlichen bestätigte sie die Aussage von Jennifer Allister. Außerdem erklärte sie, dass Vanessa McKenzie ein Handy bei sich gehabt hatte.

„Ich weiß das ganz sicher. Sie hat nämlich so einen auffälligen Klingelton gehabt und das Ding ging dreimal in der Viertelstunde, weil sie alle paar Minuten eine SMS bekam. Sie erhielt an dem Abend auch einen Anruf. Keine Ahnung, wer das war. Sie meinte nur nach kurzer Zeit, sie müsste Schluss machen, der Akku sei fast leer. Aber ich glaube nicht, dass das wirklich stimmte.“

„Wie war es denn Ihrer Meinung nach?“, hakte Milo nach.

„Na, sie wollte diesen Typen nicht aus den Augen lassen – William! Ich glaube sie hat gedacht, mit ihm wirklich das große Los ziehen zu können. Ich meine, so viele Ferrari-Fahrer, die auch noch Charme haben, gibt es im ‚La Guapa’ ja nun auch nicht, oder?“

Später suchten wir noch die Adresse von Kimberly Smith auf. Sie war allerdings nicht zu Hause und so trafen wir sie in einer Snack Bar an, wo sie am Tresen stand und Hot Dogs verkaufte.

Das Gespräch mit ihr ergab keine neuen Aspekte.

Als wir das ‚La Guapa’ aufsuchten, war dort noch niemand anzutreffen, was mitten am Nachmittag auch kein Wunder war. Allerdings hatten wir gehofft, dass vielleicht schon  Lieferbetrieb herrschte und wir mit dem einen oder anderen Angestellten sprechen konnten.

„Das werden wir ein anderes Mal nachholen müssen, Jesse“, meinte Milo.

„An sich würde ich jetzt sagen, dass wir uns Grotzkys persönliches Umfeld mal vornehmen sollten“, gab ich zurück.

Milo grinste.

„Von welchem Umfeld sprichst du?“

Er hatte natürlich Recht. Aus dem Dossier, das uns Max Carter zusammengestellt hatte, wussten wir, dass er abgesehen von einer Schwester, die an der Westküste lebte, keinerlei Verwandtschaft mehr hatte. Seine Eltern waren schon vor Jahren verstorben und von seiner Frau hatte er sich bereits scheiden lassen, als er noch aktiver FBI-Agent gewesen war. Sie hieß Elizabeth Aarons und war nach der bereits acht Jahre zurückliegenden Scheidung nach Houston Texas gezogen.

„Bleibt uns im Moment als weiterer Ansatzpunkt eigentlich nur das ‚Plaisir’ – Vanessa McKenzies Arbeitsplatz!“

„Die Table Dance Bar in der Avenue B? Der Typ mit dem Schnauzbart, der Grotzky einen Umschlag gegeben hat, soll ja angeblich auch mal dort gewesen sein.“

„Und du meinst, dort erinnert sich jemand an ihn?“

„Wenn er sich so aufgeführt hat, wie Jennifer Allister uns das berichtete, ja.“

Milo seufzte. „Jetzt sind wir schon auf Aussagen angewiesen, die letztlich auf Hörensagen basieren, Jesse! Für mich klingt das noch nicht so, als wären wir schon auf der richtigen Spur!“

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WIR FUHREN ZURÜCK NACH New York und erreichten am späten Nachmittag die Avenue B im East Village. Den Bereich um die Avenue A, B, C, und D nennt man auch Alphabet City. In den letzten Jahren waren hier Dutzende von Bars, Discotheken und Nachtclubs aus dem Boden geschossen, darunter auch das ‚Plaisir’. Es war ein offenes Geheimnis, dass ein Teil dieser Etablissements unter der Kontrolle der Syndikate standen und zur Geldwäsche und als Umschlagplätze für den Drogenhandel dienten.

Wir hatten unterwegs genug Zeit, um uns telefonisch mit unserem Innendienstler Max Carter kurzzuschließen. Außerdem hatten wir über das in den Sportwagen integrierte Laptop mit TFT-Bildschirm die Möglichkeit, Zugang zum Datenverbundsystem NYSIS zu bekommen.

Das Ergebnis ließ uns aufhorchen.

„Das ‚Plaisir’ gehört einem Mann namens Vic Ellings. Er gilt als Strohmann von Michael Giacometti, dem Junior-Chef des Giacometti-Clans“, sagte uns Max Carter per Telefon.

Wir hatten im Sportwagen die Freisprechanlage eingeschaltet, so dass Milo und ich beide mithören konnten.

„Also stellt dieser Schnauzbart-Träger eine Verbindung zwischen Grotzky und dem Giacometti-Clan dar!“, schloss ich.  „Das klingt interessant.“

„Aber auch ein bisschen widersprüchlich“, meinte Milo. „Wenn ich an Grotzkys Stelle gewesen wäre, hätte ich zu allem, was mit den Giacomettis zu tun hat, einen weiten Bogen gemacht“

„Warten wir mal“, erwiderte ich. „Allerdings ist das schon etwas eigenartig: Eine Stripperin, die in einem Club tanzt, der unter der Kontrolle der Giacomettis steht, setzt alles daran, bei William Grotzky zu landen...“

„Du meinst, sie wurde auf ihn angesetzt?“

„Kannst du es ausschließen, Milo?“

„Der Giacometti-Clan steht sowieso ganz oben auf der Verdächtigen-Liste in diesem Mordfall!“

„Du sagst es.“

„Sie könnte den Killer herbeigerufen haben.“

„Darum hat er auch ihr Handy verschwinden lassen“

Ich nickte. „Genau.“

„Aber wenn Vanessa eine Komplizin war – weshalb hat der Killer sie dann erschossen?“

„Aus Gründen der eigenen Sicherheit. Er wollte keine Zeugen.“

„Die Sache hat nur einen Haken, Jesse!“

„So?“

„Bislang haben wir nicht den kleinsten Hinweis darauf, dass auch Vanessa McKenzie ein kriminelles Doppelleben führte. Dass sie in einem Lokal tanzt, dessen wahrer Besitzer ein Mafiosi war, reicht bei weitem nicht für so eine Annahme!“

„Jedenfalls können wir sicher sein, dass alles, was wir Vic Ellings gegenüber äußern, brühwarm bei Michael Giacometti landen wird...“

„...und etwas später auch bei seinem Vater auf Rikers Island!“, stimmte Milo mir zu.

„Ich bin gerade dabei, sämtliche Morde zu analysieren, die bisher in irgendeinen Zusammenhang mit der Giacometti-Familie gebracht wurden“, meldete sich Max Carter. „Wenn dieser Clan tatsächlich dahinter steckt, ist es sehr wahrscheinlich, dass für die Durchführung jemand engagiert wurde, der schon einmal für die Familie gearbeitet hat.“

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ICH STELLTE DEN SPORTWAGEN irgendwo zwischen  die Lieferantenfahrzeuge, die vor dem ‚Plaisir’ alles blockierten. Wir stiegen aus und gingen in Richtung Haupteingang.

Ein breitschultriger Kerl stand davor herum und schien Wache zu halten. Er hatte eine muskulöse Bodybuilder-Figur, jedoch einen recht stumpf wirkenden Blick. Aber als er uns sah, wurde er wacher und war gleich auf seinem Posten.

„Wir haben noch nicht geöffnet!“, knurrte er uns entgegen und stellte sich breitbeinig in den Weg.

„Das macht nichts“, meinte ich. „Wir kommen auch nicht zum Vergnügen her.“

„So? Da wären Sie aber die Ersten!“

Er grinste und musterte uns eingehend.

Sein Jackett saß ziemlich eng und drohte vor lauter Muskeln beinahe zu bersten. Außerdem war er offenbar ziemlich angriffslustig. Er kam etwas näher und zeigte seine zwei Reihen makelloser Zähne. „Ich habe den Eindruck, Sie beide verschwinden besser!“, zischte er.

Sein Grinsen erstarb aber schon in der nächsten Sekunde, als Milo ihm Gelegenheit gab, einen Blick auf seinen Dienstausweis zu werfen.

Der Koloss kniff die Augen zusammen. „FBI?“

„Genau.“

„Wir sind hier ein sauberer Laden!“

„Bis jetzt hat das niemand bestritten!“, sagte ich.

„Vielleicht sagen Sie Mister Ellings, dass wir ihn gerne gesprochen hätten“, forderte Milo. „Glauben Sie mir, es ist besser für ihn.“

Er schien sich einen Moment lang unsicher zu sein. Dann nickte er.

„Kommen Sie mit!“, knurrte er.

Er führte uns durch die Bar. Ein paar puertoricanische Raumpflegerinnen waren gerade damit beschäftigt, den Boden  zu wienern und schwatzten dabei ziemlich lautstark auf Spanisch durcheinander.

Hinter dem Tresen stand einer der Barkeeper. Er schien gerade erst angekommen zu sein, denn er trug noch eine Lederjacke. Vielleicht konnten wir ihn nachher noch befragen. Es jetzt zu tun, wäre reine Zeitverschwendung gewesen. Er würde nichts sagen, ohne dass sein Boss ihm vorher die Erlaubnis gegeben hätte, den Mund aufzumachen.

Milo und ich wurden durch einen schmalen Korridor in einen Büro-Raum geführt.

Und dort residierte Vic Ellings, der Besitzer des ‚Plaisir’.

Offiziell jedenfalls.

„Trevellian, FBI!“, stellte ich mich vor, hielt ihm meine Marke unter die Nase und deutete auf Milo. „Das ist mein Kollege Milo Tucker.“

Ellings war mittelgroß mit Bauchansatz. Er wirkte untersetzt und sein Haar hatte sich in den letzten Jahren gelichtet. Oder die Fotos, die ich von ihm auf dem TFT-Bildschirm im Sportwagen gesehen hatte, waren schon etwas älter.

Jedenfalls kniff er die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen und es war ihm förmlich anzusehen, wie er seinen Ärger über unser Auftauchen nur mühsam herunterschlucken musste.

„Was wollen Sie?“, fragte er mürrisch.

„Ein Gespräch unter sechs Augen“, sagte ich. Hinter mir stand der Koloss. Er stand so nahe, dass sein Atem mir in den Nacken blies. „Das bedeutet, hier sind noch zwei Augen zuviel.“

Ellings nickte seinem Rausschmeißer zu.

„Lass uns allein, Josh.“

Der Kerl grunzte etwas Unverständliches und verschwand. Zweifellos wartete er draußen, bis wir fertig waren, und sobald Ellings sich bedroht fühlte, würden wir es mit dieser lebenden Kampfmaschine zu tun bekommen.

„Haben Sie irgendeinen Durchsuchungs- oder Haftbefehl vorzuweisen?“, fragte Ellings.

„Nein“, sagte ich.

Er lachte heiser. „Dann frage ich mich, was Sie hier suchen! Agent Trevellian, Sie sind nicht der erste Cop, der versucht, mir irgendetwas anzuhängen.“

„Rauschgifthandel ist nicht irgendetwas!“, warf Milo ein.

Ellings hob die Augenbrauen und wandte sich zu meinem Kollegen herum.

„Wenn Sie etwas Handfestes hätten, dann würden meine Hände sicherlich schon in Handschellen stecken und wir würden uns in einem Verhörraum unterhalten.“

„Im Moment wir nur ein paar Fragen“, sagte ich. „Wenn Sie anderweitigen Ärger mit der Justiz haben, kann ich Ihnen versichern, dass wir damit nichts zu tun haben.“

„Worum geht es?“

„Um eine Ihrer Tänzerinnen.“ Ich zog das Foto von Vanessa McKenzie aus der Tasche und legte es ihm auf den Schreibtisch. „Diese Frau hat bei Ihnen gearbeitet, nicht wahr?“

Er beugte sich nieder und nickte.

„Ja. Sie hat ihren Auftritt geschmissen und ist einfach nicht mehr gekommen. Telefonisch war sie nicht erreichbar. Das Personal wird immer unzuverlässiger und das gilt für Stripperinnen genauso wie für Rausschmeißer oder Barkeeper. Ehe man sich versieht, zahlt die Konkurrenz ein paar Dollar mehr und dann sind die wirklich guten Kräfte weg. Und die, die man sowie zu nichts gebrauchen kann, betteln einen dauernd an, ob man nicht irgendeinen Job für sie hätte.“ Er seufzte und lehnte sich zurück „So ist das nun mal in der Welt der freien Wirtschaft – aber diese Probleme dürften Ihnen als Staatsdiener mit Pensionsanspruch und Dienstwagen natürlich unbekannt sein!“

„Vanessa McKenzie ist tot. Sie wurde zusammen mit einem Mann namens William Grotzky in Yonkers ermordet.“

„Oh“, sagte  er. Dann zuckte er mit den Schultern. „Schade eigentlich. Sie sah scharf aus, viele Kunden mochten sie. Außerdem brauchte man ihr nicht beizubringen, wie man sich bewegen muss.“

„Seit wann arbeitete sie hier?“

„Sie hat vor drei oder vier Monaten angefangen und sich ganz gut gemacht.“ Er grinste hässlich. „Wie gesagt, bei den Gästen war sie ziemlich beliebt.“

Ich zeigte ihm ein Foto von Grotzky. „Dies ist das das andere Opfer. Kennen Sie den Mann?“

Er schaute nur eine Sekunde hin und schüttelte den Kopf.

„Nein.“

„Sie haben kaum hingesehen. Zuletzt war sein Name William Grotzky, aber hieß ursprünglich Jack Aarons. Es könnte sein, dass Ihr guter Freund Mister Giacometti Junior diesen Namen mal erwähnte.“

Ellings verzog süffisant das Gesicht. „Hier laufen so viele Leute herum“, zischte er. „Und wenn Sie einem der Giacomettis eine Frage stellen wollen, sind Sie an der falschen Adresse.“

Er zuckte die Schultern. Ellings wollte sich offenbar aus allem heraushalten. In seinem Fall konnte ich das gut verstehen. Schließlich war er vollkommen von den Giacomettis abhängig. Und da war es das Beste, einem G-man freiwillig nicht mehr als unbedingt nötig zu sagen.

„Wir suchen einen Zeugen, der hier im ‚Plaisir’ gewesen ist“, sagte ich. „Auffälliger Schnauzbart, dunkler Haarkranz am Hinterkopf.“

„Ich merke mir meine Gäste nicht“, wich Ellings aus.

„Sie haben sicher nichts dagegen, wenn wir Ihre Angestellten befragen.“

„Ich nehme an, dass ich das nicht verhindern kann“, erwiderte Ellings. „Aber es wäre nett, wenn Sie hier nicht den ganzen Betrieb zum Erliegen bringen. In einer Stunde öffnen wir und bis dahin muss alles laufen...“

„Das trifft sich gut“, warf Milo ein. „Ich nehme an, dass dann jetzt auch so nach und nach Ihre Tänzerinnen eintreffen und wir ihnen unsere Fragen stellen können!“

Ellings rief nach dem Rausschmeißer. Der Kerl öffnete die Tür.

„Führe die beiden G-men überall herum. Zeig ihnen alles, was sie sehen und jeden mit dem sie reden wollen. Hauptsache, sie verschwinden schnell wieder.“ Und an Milo und mich gewandt fuhr er fort: „Ich will hier Geschäfte machen und keinen Ärger bekommen. Mit einem Mord habe ich nichts zu tun! Auch wenn ich Spitzel grundsätzlich nicht ausstehen kann!“

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ICH BEFRAGTE DEN BAR-Keeper, während sich Milo einigen jungen Frauen zusandte, die wohl in Kürze ihren Auftritt im ‚Plaisir’ hatten.

Der Barkeeper hieß Donald Sorenson, war zweiunddreißig Jahre alt und zunächst recht zugeknöpft.

„Das ist alles mit dem Boss abgesprochen“, sagte der Koloss. „Wenn du was gesehen hast, sag es den G-men ruhig!“

„Ich würde trotzdem gerne mit Mister Sorenson allein sprechen“, erklärte ich.

Der Koloss hob die gewaltigen Pranken und grinste breit. „Kein Problem! Ich ziehe mich zurück, und falls Sie noch mal meine Hilfe brauchen, dann sagen Sie einfach Bescheid!“

Er ging in Richtung Ausgang um seinen angestammten Posten wieder einzunehmen.

„Ich erinnere mich an einen Mann, auf den Ihre Beschreibung passt. Er ist mir deswegen aufgefallen, weil er keinerlei Alkohol trank – und das ist hier ausgesprochen selten.  Außerdem wirkte er sehr – wie soll ich sagen? – schüchtern, was die Girls angeht.“

„Erzählen Sie mir alles, was Ihnen an diesem Mann aufgefallen ist.“

„Er war in Begleitung eines anderen Mannes hier. Der kommt regelmäßig her, oft auch mit Geschäftspartnern.“

„Kennen Sie seinen Namen?“

„Er wird von allen einfach nur Brad genannt. Mehr weiß ich nicht.“

„Er hat nicht zufällig mit Kreditkarte gezahlt?“

„Nein, hier immer nur bar.“

„Wie sah dieser Brad aus?“ 

„Das Auffälligste war die dicke Brille. Fünf Dioptrien, würde ich bei dem Mann mal vorsichtig schätzen. Die Girls haben schon Witze über ihn gemacht, so nach dem Motto: Wieso kommt der überhaupt hier her? Der sieht doch sowieso nichts.“

Ich gab dem Barkeeper meine Karte. „Rufen Sie mich an, falls einer der beiden hier noch einmal auftauchen sollte!“

Ich ging zu Milo, um den sich gerade eine Traube von fünf jungen Frauen gebildet hatte, die im ‚Plaisir’ als Tänzerinnen engagiert waren. An den Mann mit dem Schnauzbart konnte sich nur eine von ihnen erinnern. Seine Geschäftsfreunde hätten sich ziemlich über ihn lustig gemacht.

„Ich glaube, sie nannten ihn Al“, erinnerte sie sich. „Al, den Casanova – weil er so verklemmt war.“ Als Milo ihr seine Karte gab, lachte sie. „Also ehrlich gesagt, glaube ich nicht, dass der noch einmal freiwillig eine Table Dance Bar aufsucht! Der wirkte eher eingeschüchtert als beeindruckt. Aber ich muss sagen, er hatte Manieren. Ein richtiger Gentleman! Und gepflegt wirkte er auch. Der Anzug sah aus wie maßgeschneidert und seine Uhr hat bestimmt mehr gekostet, als ich hier in zwei Monaten verdiene.“

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WIR FUHREN ZURÜCK ZUM Bundesgebäude an der Federal Plaza, wo sich auch der Sitz des FBI Field Office New York befindet.

Mister McKee erstatteten wir kurz Bericht und erfuhren bei dieser Gelegenheit, dass inzwischen die Phantombilder vorlagen, die Agent Prewitt mit Hilfe von Jennifer Allister von ‚Al’, dem Mann mit dem Schnauzbart, angefertigt hatte.

„Wir haben den Mann in die Fahndung gegeben. Max müsste noch in seinem Büro sein.“

„Dann werden wir dort noch kurz vorbei schauen“, kündigte ich an.

„Inzwischen haben wir den Einzelverbindungsnachweis der Telefongesellschaft für William Grotzkys Festnetzanschluss in Yonkers“, erklärte unser Chef.

„Und?“, fragte ich.

Mister McKee ging zum Schreibtisch und nahm den Ausdruck an sich. Kopfschüttelnd zeigte er mir die Übersicht. „Von Grotzkys Apparat aus wurde im Abrechnungszeitraum nur ein einziger Telefonanruf registriert. Es muss sich dabei um das Gespräch handeln, dass Vanessa McKenzie mit ihrer Freundin Jennifer Allister führte.“

Ich sah kurz auf die Zeitangabe.

„So genau könnte uns noch nicht einmal die Gerichtsmedizin den Todeszeitpunkt nennen“, erwiderte ich.

Mister McKee nickte mit ernstem Gesicht und nahm den Ausdruck wieder an sich. „Noch etwas! Francine Aarons – William Grotzkys Schwester – hat sich bei uns gemeldet. Sie trifft übermorgen mit dem Flugzeug am La Guardia Airport ein und möchte gerne mit einem der an dem Fall arbeitenden Agenten sprechen. Planen Sie bitte etwas Zeit dafür ein, Jesse.“

„In Ordnung.“

„Vielleicht erfahren wir durch die Schwester ja noch einiges über das bis jetzt fast völlig verborgene Privatleben von William Grotzky.“

„Ich fürchte, wir sind dazu gezwungen, nach jedem Strohhalm zu greifen.“

„Die Flughafenabfrage über die verschiedenen Identitäten, die Grotzky benutzte, liegt übrigens auch vor. Er flog allein in den letzten sechs Monaten unter fünf verschiedenen Namen unter anderem nach Zürich, Beirut, Kairo, Bangkok und Buenos Aires und war jeweils nach wenigen Tagen wieder hier.“

„Ein richtiger Globetrotter“, meinte Milo. „Aber wozu die verschiedenen Namen?“

„Morgen sehen wir weiter. Vielleicht liegen dann auch schon Laborergebnisse vor“, schloss Mister McKee.

Wir suchten noch Max Carter in seinem Büro auf.

Er war gerade dabei, mit Hilfe bestimmter, ausgesuchter Merkmale des Phantombildes jemanden aus den uns zugänglichen Archivdaten zu finden, der mit Grotzky in irgendeinen Zusammenhang gebracht werden konnte.

„Innerhalb des Giacometti-Clans gibt es mehrere Mitglieder, die eine Vorliebe für Schnauzbärte haben“, berichtete Max. „Aber wenn man sich die Fotos betrachtet, die uns über NYSIS zur Verfügung stehen, dann ist die Übereinstimmung mit dem Phantombild bei allen in Frage kommenden Personen eher gering.“

„Er wurde ‚Al’ genannt“, gab ich zu bedenken. „Gibt es denn bei den Giacomettis niemanden, der ‚Alberto’ oder so ähnlich heißt?“

„Doch! Al Comazza, ein Schwager und zeitweilig auch Konkurrent von Michael Giacometti. Aber sieh selbst!“

Max holte ein Foto auf den Schirm, das Al Comazza zeigte. Er trug zwar einen imposanten Schnauzbart, aber im Gegensatz zu dem Mann, den wir suchten, war er mindestens fünfzehn Jahre jünger und hatte dichtes, lockiges Haar. Den Angaben nach war das Bild erst ein Jahr alt. „So viel Haarausfall in so kurzer Zeit wäre ungewöhnlich“, meinte Max.

„Dieser Al hat einen Bekannten, den wir auch händeringend suchen“, eröffnete ich. „Er heißt mit Vornamen Brad, ist ziemlich klein und hat Brillengläser, die so dick wie Flaschenglas sind.“

Max seufzte. „Ich kümmere mich darum“, versprach er.

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DER MANN MIT DEM SCHNAUZBART blickte auf die Rolex an seinem Handgelenk. Er saß an einem Tisch im ‚Chez Francois’, einem französischen Restaurant in Greenwich Village.

Der Kellner führte zwei Männer in dunklen Anzügen an den Tisch. Der Größere der beiden trug einen Diplomatenkoffer bei sich.

„Ihre Gäste, Monsieur“, sagte der Kellner.

„Merci.“

Der Mann mit dem Schnauzbart stand auf und begrüßte die beiden Männer.

„Nennen Sie mich Al – das tun alle meine amerikanischen Freunde. Bitte setzen Sie sich.“

Die beiden Männer wechselten einen kurzen, verwunderten Blick und nahmen anschließend Platz. Der Kellner nahm die Getränkebestellung entgegen und verschwand.

„Ich hatte eigentlich erwartet, William hier anzutreffen“, erklärte der Kleinere der beiden.

„Tut mir leid, William ist verhindert. Ich habe allerdings volle Verhandlungsvollmacht und werde ihn bei dieser Zusammenkunft vertreten.“ Ein Lächeln huschte über Als ansonsten wie aus Stein gemeißelt wirkendes, hart konturiertes Gesicht. Er wandte sich an den Größeren der beiden. „Sie müssen Darren sein – richtig?“

„Ja.“

Al hob die Augenbrauen und blickte in Richtung des zweiten Mannes. „Dann können Sie nur Miles sein! William hat mich über alle geschäftlichen Details in Kenntnis gesetzt. Sie werden in Zukunft ausschließlich mit mir verhandeln. Ansonsten bleibt alles beim Alten.“

„Bei früheren Verhandlungen war des Öfteren so eine Brillenschlange dabei... Ich glaube, Brad hieß der Mann!“, erinnerte sich Miles.

„Wir restrukturieren gerade unsere Organisation“, erklärte Al. „Brad wird in Zukunft andere Aufgaben übernehmen.“

„Ich verstehe...“, murmelte Miles.

Aber die Falten auf seiner Stirn sagten genau das Gegenteil aus.

„Sie wissen, was für uns alle von diesem Deal abhängt“, sagte Darren. „Wer auf Ihrer Seite die Verhandlungen führt, ist uns im Prinzip gleichgültig. Und da Sie für uns durchaus kein unbeschriebenes Blatt sind, geht das in Ordnung. Aber falls irgendetwas nicht so ablaufen sollte, wie es der Planung entspricht, kann ich Ihnen reichlich Ärger versprechen!“

„Wir werden uns dann alle wünschen, nicht geboren worden zu sein!“, ergänzte der zweite Mann.

„Keine Sorge. Das wird nicht geschehen!“, versprach Al. „Bevor wir uns den Einzelheiten unserer zukünftigen Geschäfte zuwenden, würde sich sagen, dass wir uns zunächst einmal der französischen Küche widmen. Ich habe sie in meiner Zeit in Paris kennen gelernt und bin ihr seitdem mit Leib und Seele verfallen.“

„Hauptsache, es gibt genug Fleisch“, erwiderte Miles. „Und nicht so viel Grünzeug, das sitzt einem immer so zwischen den Zähnen!“

Al schien diese Bemerkung überhaupt nicht witzig zu finden. Er räusperte sich nur verlegen.

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AM NÄCHSTEN MORGEN trafen wir uns zur Besprechung im Büro von Mister McKee. Sam Folder referierte über die Erkenntnisse, die er und Mell Horster am Tatort in Yonkers gewonnen hatten.

„Der Killer ist mindestens ein Meter neunzig groß. Wie wir aus dem Obduktionsbericht wissen, wurde der Schuss auf Grotzkys Kopf aus nächster Nähe abgeben.“ Sam projizierte mit dem Beamer ein Bild vom Tatort an die Wand. „Der Täter muss dabei in unmittelbarer Nähe des Kopfs gestanden haben, als das Opfer schon getroffen und kampfunfähig am Boden lag. Wir wissen das durch Verteilung kleinster, für das Auge nicht mehr erkennbarer Blutspritzer, die wir mit Luminol sichtbar gemacht haben.“ Das nächste Bild zeigte die Verteilung der sichtbar gemachten Blutspritzer. „Es ergibt sich ein, für die von mir geschilderte Situation, typisches Bild“, erklärte Sam.

„Der Kerl hat dem sterbenden Grotzky eiskalt den Rest gegeben!“, entfuhr es Orry voller Abscheu.

„Genau so muss es gewesen sein“, stimmte Sam zu und deutete dann mit Hilfe eines Laserpointers auf zwei Korridore in der ansonsten den Kopf recht gleichmäßig umgebenden Korona aus Spritzern. „Man beachte diese beiden Areale auf dem Teppichboden in Grotzkys Wohnung. Das waren die Beine des Täters. Er stand ziemlich breitbeinig, um nichts ans Hosenbein zu bekommen, falls sein Schuss eine stark blutende Ader trifft – aber Tropfen von der Größe, wie ich sie am Tatort sichtbar gemacht habe, kann er nicht sehen. Wir können davon ausgehen, dass sie an seiner Hose zu finden sind.“

„Aber nach der nächsten Wäsche ist alles weg, oder?“, hakte Milo nach.

Sam hob die Augenbrauen. „Vielleicht haben wir Glück und er trug eine Hose aus Flanell oder Schurwolle oder einem anderen Stoff, den man nicht einfach in die Waschmaschine tut wie eine Jeans. An dem Sessel, auf dem der Mörder auf sein Opfer wartete, haben wir Fasern gefunden, die darauf hoffen lassen. Allerdings müssen diese Fasern im Labor erst mit Grotzkys Kleidung verglichen werden um auszuschließen, dass sie von ihm stammen.“ Sam drückte auf die Fernbedienung des Beamers, sodass nun ein weiteres Bild erschien. Es zeigte eine Hose. „Wir haben auch Grotzkys Kleidung gründlich untersucht“, fuhr Sam fort. „Sie fiel sofort dadurch auf, dass der Träger sämtliche Etiketten entfernt hatte. Offenbar um eine Identifizierbarkeit zu erschweren. An der Hose aus Cool Wool, die hier zu sehen ist, konnten wir ebenfalls winzige Blutspritzer sichtbar machen, die mit bloßem Auge nicht zu sehen sind. Daher hatte William Grotzky auch keine Veranlassung, die Hose zu reinigen. Wenn man die Verteilung beachtet, dann müssen wir davon ausgehen, dass sich links neben ihm jemand in einer Entfernung von einem Meter bis einem Meter fünfzig jemand befunden hat, der möglicherweise von einem Schuss getroffen wurde. Entweder dieser Treffer ging ins Bein oder der Getroffene lag am Boden, sonst wären weiter oben noch Spritzer an der Hose gefunden worden.“

„Fast könnte man meinen, William Grotzky hat den aktiven FBI-Dienst niemals verlassen“, kommentierte Milo die Ausführungen unseres Erkennungsdienstlers.

Dieser fuhr fort: „Zu den von mir gerade dargelegten Annahmen passen die Schmauchspuren an einem seiner Jacketts und seinem Mantel. Letztere können nicht von dem Kampf mit dem Killer stammen, weil Grotzky gar nicht mehr zum Schuss gekommen ist.“

„Heißt das, der ehemalige FBI-Agent William Grotzky hat möglicherweise einen Mord auf dem Gewissen?“, erkundigte sich jetzt Mister McKee.

Aber Sam schüttelte den Kopf. „Nein, es ist unwahrscheinlich, dass Grotzky die Person, von der die Blutspritzer stammen, erschossen hat. Er ist Rechtshänder, diese Person befand sich links von ihm. Er hätte sich selbst im Weg gestanden. Wahrscheinlicher ist, dass die unbekannte Person, von der das Blut stammt und Grotzky beschossen wurden und Grotzky sich mit seiner Waffe zur Wehr setzte.“

„Reicht das Material am Hosenbein für einen DNA-Test?“, fragte Mister McKee.

„Das Luminol reagiert nur auf das Hämoglobin im Blut. Ob wir einen DNA-Test machen können, untersuchen gerade die Kollegen im Labor.“

„Wenn Blut im Spiel war, muss es auf jeden Fall einen Toten oder Verletzten gegeben haben“, schloss Mister McKee. „Es würde mich wundern, wenn der nicht Eingang in irgendwelche Berichte der City Police oder des Emergency Service gefunden hätte.“ Er wandte sich an Max Carter. „Kümmern Sie sich darum, Max?“

„Ja, Sir.“

„Ich denke, spätestens morgen wissen wir etwas mehr, was die Tauglichkeit des Materials für einen DNA-Test angeht“, versprach Sam.

Mister McKee wandte sich an den ebenfalls anwesenden Nat Norton und erteilte ihm das Wort. Unser Betriebswirtschaftler erläuterte in trockenen Worten, was er inzwischen über die wirtschaftlichen Verhältnisse von William Grotzky herausgefunden hatte. „Grotzky benutzte ja mehrere Pässe unterschiedlicher Nationalitäten. Inzwischen weiß ich, dass er mit Hilfe dieser Tarnidentitäten ein erhebliches Vermögen angesammelt und unter dubiosen Rahmenbedingungen weitergeleitet hat. Ein zentraler Baustein in diesem System ist dabei eine Briefkastenfirma in Liechtenstein, bei der ich allerdings noch nicht herausgefunden habe, wer eigentlich dahinter steckt. Klar ist nur eins: Grotzky war an millionenschweren Geschäften beteiligt, die auf jeden Fall ein gefundenes Fressen für die Steuerfahndung gewesen wären. Und manche Details lassen auf Geldwäsche in großem Stil schließen.“

„Haben Sie irgendeine Ahnung, aus was für Geschäften diese Gelder letztlich stammen?“

Nat schüttelte den Kopf. „Bedauerlicherweise nicht. In erster Linie würde einem natürlich der Drogenhandel einfallen, aber Grotzky war ein schlauer Kopf. Ich kann mir schwer vorstellen, dass er versucht hat, ausgerechnet auf dem Gebiet das Geschäft seines Lebens zu machen, in dem er als Undercover Agent jahrelang auf der anderen Seite stand und er ständig damit rechnen musste, dass ihm alte Bekannte über den Weg laufen wie die Giacomettis und ihre Leute.“

„Andererseits zeichnete sich Grotzky immer durch besondere Risikobereitschaft aus, wie seine zahlreichen, zum Teil extrem gefährlichen Einsätze beweisen“, gab Mister McKee zu bedenken. „Ausschließen würde ich das also nicht von vorn herein.“

Schließlich erhielt noch Max Carter das Wort. „Ich habe bisher erfolglos versucht, herauszufinden, wer der Mann ist, der angeblich Al heißt. Selbst unter ehemaligen Kollegen, die mit Grotzky zusammengearbeitet haben, gibt es kaum Übereinstimmungen zu dem Gesicht, das auf dem Phantombild zu sehen ist. Dafür kann ich etwas über den Mann mit der Brille sagen. Es handelt sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um Brad Sussman, dessen letzte Adresse hier in New York in der Bianco Street, Bronx, liegt, wo er auch einen Laden mit Secondhand Kleidung betreibt. Sussman war einer von Grotzkys wichtigsten Informanten. Sussman kommt ursprünglich aus Philadelphia und wurde dort mehrfach wegen Hehlerei angezeigt. Insgesamt saß er zwei Jahre für verschiedene kleinere Delikte.“

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MILO UND ICH FUHREN in die Bronx, zu Sussmans Secondhand-Laden in der Bianco Street. Das Geschäft lag im Souterrain und diente wohl vorwiegend als Tarnung für andere Geschäfte.

„Den Akten nach ist Sussman die letzten Jahre über sauber geblieben“, meinte Milo. „Wenn er mit diesem Al ins ‚Plaisir’ geht, wird er ihn ja zumindest kennen!“

„Darüber werden wir vielleicht ja gleich etwas von ihm hören“, gab ich zurück und erstarrte dann plötzlich mitten in der Bewegung.

Ich hatte erst zwei Stufen der Treppe hinter mich gebracht, die hinab zu Sussmans Ladeneingang führt. Das etwas amateurhaft wirkende Schild mit der Aufschrift ‚Sussman - An- und Verkauf’ sagte uns, dass wir hier richtig waren.

Aber die Tür stand halb offen und in Höhe des Schlosses war das Glas zerschlagen.

Eine Sekunde später hatten Milo und ich unsere Dienstwaffen in den Händen.

Aus dem Laden waren Geräusche zu hören. Dem ersten Anschein nach hatten wir es mit einem Einbruch zu tun.

Wir schlichen uns voran.

Ich postierte mich neben der Tür und drückte mich so eng wie möglich an die Wand. Drinnen war es plötzlich ruhig geworden.

Mit dem rechten Fuß trat ich die halb offene Tür vollends zur Seite und schnellte dann mit de Waffe im Anschlag in den Laden, während Milo mir von hinten Deckung gab.

„Keine Bewegung! FBI!“, rief ich der schemenhaften Gestalt hinter dem Tresen zu.

Drinnen herrschte Halbdunkel.

Ein Schatten bewegte sich. Mündungsfeuer blitzte grell auf. Ein Schuss krachte über mich hinweg und fetzte ein Stück aus dem Türrahmen heraus, während ich mich instinktiv zur Seite fallen ließ.

Noch bevor ich auf dem Boden aufkam, hatte ich einen Schuss zurückgefeuert und auch Milo hatte abgedrückt.

Aber der Kerl, der uns mit ziemlich schlecht gezielten Schüssen unter Feuer genommen hatte, war schon längst nicht mehr da. Er hatte sich hinter den Tresen geduckt und war von da aus durch den Hinterausgang entwischt. Ich hörte seine eiligen Schritte im Korridor widerhallen.

Nur einen Augenblick später war ich schon wieder auf den Beinen, um die Verfolgung aufzunehmen. Als ich den Tresen umrundet hatte, sah ich einen kleinen, untersetzten Mann mit dicker Brille lang hingestreckt auf dem Boden liegen. Die dicke Brille hatte einen Sprung und hing nur noch an einem Bügel. Mitten auf der Stirn ein Einschussloch.

Es handelte sich um Sussman, kein Zweifel.

Und seine starren Augen blickten noch immer erstaunt ins Nichts, so als hätte der Tote nicht einmal mehr Zeit gehabt, zu begreifen, was hier vor sich gegangen war.

Aus den Augenwinkeln sah ich die geöffnete Registrierkasse.

Leer.

Ich tastete mich nahezu lautlos zur Hintertür des Ladenlokals vor. Als ich meine Nase in den Korridor steckte, der von da aus weiterführte, musste ich augenblicklich zurückschnellen. Zwei, drei Schüsse, kurz hintereinander abgefeuert krachten in meine Richtung. Milo rief in der Zwischenzeit bereits Verstärkung.

Ich wandte mich an meinen Kollegen. „Wahrscheinlich gibt es einen Hintereingang und er wird versuchen, auf der anderen Seite herauszukommen...“

„Ich werde ihn abfangen!“, kündigte Milo an.

Milo Tucker machte sich auf den Weg.

Ich versuchte noch einmal aus der Deckung hervorzutauchen, wurde von mehreren Geschossen auf Distanz gehalten. Ich zuckte zurück.

„FBI! Die Waffe weg!“, rief ich.

Keine Reaktion.

Ich wartete ab.

Vier Schüsse ballerte mein Gegenüber dann plötzlich durch den  Korridor. Sie schlugen irgendwo im Laden ein. Einer zertrümmerte die Anzeige der Registrierkasse.

Als der Geschosshagel abgeebbt war, versuchte ich es dann noch mal. Es war nichts mehr von dem Kerl zu sehen.

Vorsichtig arbeitete ich mich also voran, die Dienstwaffe immer schussbereit im Anschlag.

In dem Korridor gab es nicht die geringste Deckung. Dann hörte ich erneut Schüsse. Aber diesmal galten sie nicht mir. Die Geräusche kam aus einiger Entfernung und ich schätzte, dass der Kerl gerade dabei war, ein Türschloss zu zerstören. Er feuerte noch einmal. Als ich am Ort des Geschehens ankam, sah ich ihn gerade noch hinaus ins Freie schnellen.

Er lief in einen Hinterhof hinein, in dem einige halb ausgeschlachtete Wagen abgestellt waren.

Aber von dem Kerl, den ich jagte, war nirgends eine Spur zu sehen. Von Milo übrigens auch nicht.

Ich trat hinaus, blieb aber vorsichtig und hielt die Dienstwaffe im Anschlag. Auf der gegenüberliegenden Seite des Hinterhofs befand sich ein Durchgang, der zu einer Nebenstraße führte. Aber der Kerl konnte unmöglich schon so weit sein, selbst dann nicht, wenn er ein ausgesprochen schneller Läufer gewesen wäre.

Ich ließ den Blick schweifen.

Nirgends gab es eine Spur von ihm.

Ich arbeitete mich in geduckter Haltung bis zu einem ziemlich verrosteten Lieferwagen vor, dem alle vier Reifen und die Hintertür fehlten.

Ein Geräusch ließ mich herumwirbeln und ich sah in den blanken Lauf einer Automatik.

Vor mir stand ein mittelgroßer, dunkelhaariger Mann. Ich schätzte ihn auf Mitte zwanzig. Sein Teint war ziemlich dunkel. In dem Sekundenbruchteil, in dem sich unsere Blicke begegneten, sah ich die Angst in seinen Augen.

Aber die machte ihn nur umso gefährlicher.

Er drückte ab, ohne zu zielen. Nur die Tatsache, dass er kein besonders guter Schütze war, rettete mir das Leben. Der Schuss krachte dicht an meinem Kopf vorbei.

Ich feuerte zurück.

Der Dunkelhaarige stöhnte getroffen auf. Ich hatte ihn am Arm erwischt. Der Pistolenlauf ging nach unten und ich hoffte, dass der Kerl die Waffe fallen lassen würde.

Einen kurzen Moment noch zögerte er, während sich sein Gesicht zu einer Grimasse verzog.

In diesem Augenblick tauchte Milo von der anderen Seite her auf. Er hatte das Gebäude umrundet und hatte sich durch die Ausfahrt des Hinterhofs herangepirscht.

Der Dunkelhaarige wandte sich halb herum.

„Waffe fallen lassen!“, rief Milo.

Endlich plumpste die Automatik auf den Boden.

„Nicht schießen!“, rief der Dunkelhaarige.

„Keine Sorge!“, rief ich.

Während Milo ihm seine Rechte vorbetete, nahm ich mit dem Taschentuch die Waffe auf, die er fallen gelassen hatte.

Es war dasselbe Kaliber, mit dem William Grotzky und Vanessa McKenzie erschossen worden waren.

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EINE VIERTELSTUNDE später trafen der Emergency Service und ein paar Kollegen der City Police ein. Etwas später folgten noch die Kollegen der Scientific Research Division, des in der Bronx angesiedelten zentralen Erkennungsdienstes, dessen Hilfe von allen New Yorker Polizeieinheiten in Anspruch genommen wurde, sowie Gerichtsmediziner Dr. Brent Claus.

Der Schwarzhaarige hieß laut seinem Führerschein Ray Martinez. Sein Arm war jetzt bandagiert und er machte einen ziemlich elenden Eindruck, als ich mit ihm sprach.

Er konnte sich an zwei Fingern ausrechnen, dass er ziemlich dick im Dreck steckte. In seinen Taschen hatten wir gut achthundert Dollar gefunden worden. Vermutlich der Inhalt der Registrierkasse.

Und dann war da noch die Sache mit Sussman. Das war Mord. Vielleicht nur ein ganz gewöhnlicher Raubmord, dann würden wir die Untersuchung an die zuständige Homicide Squad abgegeben. Aber es war genauso gut möglich, dass einen Zusammenhang mit der Grotzky-Sache gab.

„Ich habe Sussman nicht erschossen“, behauptete Martinez zum dritten Mal. „Er war schon tot und...“

„Und da haben Sie sich gedacht, dass das eine einmalige Gelegenheit sein könnte, ein paar Dollars zu machen...“, vollendete ich.

Er nickte heftig.

„Ja!“

„Was wollten Sie von Sussman?“

„Das ist doch meine Sache, oder?“

„Ich dachte, Sie wollen, dass ich Ihnen glaube, Mister Martinez? Dann wäre es nicht schlecht, wenn Sie mir eine plausible und vor allem vollständige Geschichte erzählen würden!“

„Okay, okay, ich kann Ihnen alles erklären...“

„Dann beginnen Sie am besten jetzt damit, wenn Sie Ihre Schwierigkeiten nicht vergrößern wollen!“, forderte ich.

Milo hatte inzwischen die Personaldaten des Dunkelhaarigen über unsere Online-Verbindung im Sportwagen überprüft.

„Mister Martinez ist wegen einer Drogensache angeklagt und auf Kaution draußen“, berichtet Milo, nachdem er vom Wagen zurückgekehrt war. „Er erschien allerdings nicht zu seinem Gerichtstermin und gilt deswegen als Kautionsflüchtling.“ Milo wandte sich direkt an Martinez. „Im Fall einer Verurteilung haben Sie zwischen sechs und zwölf Jahren zu erwarten – aber das ist nichts im Vergleich zu dem, was Sie für einen Raubmord bekommen!“

„Ist gut... Ich sag’ Ihnen alles. Es hat ja sowieso keinen Sinn...“

„Ich höre!“, sagte ich.

„Brad handelt mit allerlei zweifelhafter Ware. Aber in der Hauptsache macht er sein Geld damit, einem neue Papiere zu besorgen, wenn man Schwierigkeiten hat! Die Papiere hätten heute fertig sein sollen und müssen irgendwo im Laden liegen! Deshalb habe ich doch auch alles auf den Kopf gestellt. Ich kam rein, fand die Tür aufgebrochen vor und Brad Sussman hinter dem Tresen.“

„Mit einer Waffe gleichen Kalibers wurde vor kurzem ein Doppelmord begangen“, sagte ich. „Ich hoffe in Ihrem Interesse, dass die ballistische Untersuchung nicht ergibt, dass es sich um die Tatwaffe handelt. Also, wenn Sie etwas zu beichten haben, sollten Sie das gleich tun, denn es kommt ohnehin heraus!“

„Das ist nicht meine Waffe!“, behauptete er.

„Ach, nein?“

„Sie stammt aus der Schublade in der Kommode links hinter dem Tresen. Ich fand sie bei der Suche nach den Papieren und dachte mir, das Ding könnte ich jetzt gut gebrauchen.“

Es war mir von Anfang an schwer gefallen, zu glauben, dass dieser Martinez jener professionelle Mörder war, den wir suchten. Er war ein stümperhafter Schütze, während Grotzkys und Sussmans Mörder hervorragend mit seiner Waffe umzugehen wusste.

„Der will sich doch nur herausreden!“, meinte Milo. „An der Waffe dürften nur seine Fingerabdrücke sein, die Seriennummer wurde abgefeilt – die kann er sich sonst woher besorgt haben! Und das mit der Schublade ist dich nur eine Schutzbehauptung!“

„Dann sagen Sie mir doch bitte mal, weshalb ich die Tür hätte aufbrechen sollen? Ich bin nämlich nur ein paar Minuten vor Ihnen in den Laden gekommen – zu Brads ganz normalen Geschäftszeiten, wie Sie an der Tür nachlesen können! Der Mörder muss früher da gewesen sein!“

„Aber die achthundert Doller stammen aus der Kasse!“, stellte ich fest.

„Ja, das gebe ich zu. Aber nicht den Mord!“

„Angenommen, ich glaube Ihnen!“, sagte ich. „Angenommen, ich glaube Ihnen, dass Sie erst gekommen sind, als Sussman schon tot war... Haben Sie jemanden in der Nähe gesehen, der Ihnen irgendwie aufgefallen wäre?“

„Ich kam um die Ecke“, brummte er und atmete dann erst einmal tief durch. „Und dann sah ich jemanden die Treppe vor Sussmans Laden heraufkommen, der dann ziemlich eilig in seinen Wagen gestiegen und davongefahren ist.“

„Wie sah der Mann aus?“

„Ich habe ihn nur von hinten gesehen.“

„Na, an irgendetwas werden Sie sich doch erinnern. Was hatte er an? Welche Haarfarbe? War er groß oder klein?“

„Er war blond. Ziemlich kurzes Haar. Und groß war er auch mindestens 1,90 m.“  Er zuckte die Schultern. „Ich habe kaum auf ihn geachtet. Warum sollte ich einen Blick an ihn verschwenden? Ich wusste ja nicht, dass er kurz zuvor jemanden umgebracht hatte!“

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DER BLONDE HIELT SEINEN Wagen – einen unscheinbaren Ford – und stellte den Motor ab. Er befand sich auf einer Industriebrache in West New York. Das Hudson-Ufer lag in unmittelbarer Nähe. Da klare Sicht herrschte konnte man die Silhouette des Big Apple gut erkennen.

Der Blonde tickte ungeduldig mit den Fingern auf dem Lenkrad. Sein Gesicht war dunkelrot angelaufen. Die Lippen aufeinander gepresst. Wenn er etwas hasste, dann war es Unprofessionalität und schlecht vorbereitete Jobs.

Genau so einen hatte er jetzt gerade hinter sich.

Der Fehler lag dann zwar beim Auftraggeber, aber der Blonde wusste genau, dass er am Ende das Hauptrisiko trug.

Er war sogar gezwungen gewesen, dieselbe Waffe ein zweites Mal zu benutzen, was er ansonsten tunlichst vermied.

Eine schwarze, überlange Limousine fuhr jetzt auf das asphaltierte Gelände.

Die Limousine fuhr so neben den Ford, dass das hintere Seitenfenster dem Fenster an der Fahrerseite des Ford gegenüberlag.

Der Blonde ließ die Scheine herunter.

Auf der anderen Seite senkte sich getöntes Panzerglas.

„Guten Morgen, Skorpion!“, sagte eine dunkle Stimme aus dem Inneren der Limousine. Der Kopf war nicht zu sehen, dafür aber die Hände. Sie waren feingliederig und für einen Mann fast schon zierlich.

Pianistenhände!, dachte der Mann, der Skorpion genannt worden war.

Diese Hände waren gefaltet. Am linken Ringfinger war ein Ring mit einem in Gold gefassten schwarzen Stein zu sehen.

„Ich habe Ihr zweites Problem auch gelöst“, sagte Skorpion kühl.

„Das freut mich zu hören. Eine entsprechende Zahlung ist für Ihr Schweizer Nummernkonto bereits angewiesen.“

„Und der Baranteil?“

„Einen Moment.“

Eine der zierlichen Hände reichte einen Umschlag ans Fenster.

Skorpion nahm ihn an sich, riss ihn auf und blickte hinein.

Dann legte er ihn auf den Beifahrersitz.

„Zählen Sie ruhig nach, Skorpion. Sie sind doch als Pedant bekannt!“ Ein leises Kichern folgte. „Ich gehe davon aus, dass Sie Computer, Handy, Telefonregister und was Sie dergleichen mehr in Brad Sussmans Laden vorfanden, vernichtet haben.“

„Tut mir leid, das war nicht möglich.“

„Wie bitte?“

„Es hat mich niemand darüber informiert, dass sich diese Dinge in einem Raum befinden, der mit einer Stahltür verschlossen wurde. Hätten Sie es mir gesagt, wäre das eine Kleinigkeit gewesen, mir Zugang zu verschaffen. Aber da ich nicht das richtige Werkzeug dabei hatte, musste ich an meine eigene Sicherheit denken und verschwinden.“

Es folgte eine Pause. Die zierlichen Hände krampften sich zu Fäusten zusammen.

„Dann will ich mal hoffen, dass Mister Sussman genauso vorsichtig gewesen ist, wie Grotzky und keinerlei Spuren hinterließ, die auf sein Business hindeuten.“

Skorpion verzog das Gesicht. „Wenn Brad Sussmans Leben so chaotisch wie sein Laden war, sehe ich da nur die Hoffnung, dass die andere Seite in dem ganzen Durcheinander die wirklich wichtigen Dinge übersieht...“ Er zuckte die Schultern. „Tut mir leid, aber ich habe Ihnen ja gesagt, dass eine gute Vorbereitung alles ist.“

„Aber manchmal gibt es Entscheidungen, die sehr schnell getroffen werden müssen!“, erwiderte der Mann mit den zierlichen Händen. Er lockerte den Ring und ließ ihn den Finger hinauf und hinunter gleiten. Die Nervosität war ihm deutlich anzumerken. „Wie auch immer. Ihr Problem soll das nicht sein. Unsere Zusammenarbeit ist beendet. Ich danke Ihnen für die Präzision, mit der Sie gearbeitet haben und wünsche Ihnen alles Gute, Skorpion. Falls wir Ihre Dienste wieder benötigen, werde ich mich auf dem üblichen Weg an Sie wenden.“ 

Die dunkle Scheibe glitt bereits wieder empor.

„Warten Sie!“, forderte der Blonde.

Di Scheibe stoppte und verdeckte das untere Drittel der Fensterfläche.

„Ja, bitte?“

„Ich habe mir das etwas anders vorgestellt.“

„Ach, ja?“

„Bevor ich William Grotzky liquidiert habe, hatte ich Zeit genug, mich umfassend vorzubereiten, ihn zu beobachten und jedes Detail seiner Lebensgewohnheiten auszukundschaften, um dann im richtigen Moment zuzuschlagen.“

„Worauf wollen Sie hinaus, Skorpion?“

„Ich weiß, womit William Grotzky alias Jack Aarons seinen Ferrari bezahlen konnte, welche Geschäfte ihn reich gemacht haben und wer sonst noch daran beteiligt ist. Einen dieser Komplizen musste ich ja leider aus dem Weg räumen. Die anderen Beteiligten werden sich fragen, ob sie langfristig gesehen auch befürchten müssen, dass sie jemand von den Fleischtöpfen dieses schmutzigen Business wegdrängt!“

„Schmutzig?“, echote der Mann mit den zierlichen Händen. Ein heiseres Lachen folgte. „Das muss ein Mann wie Sie gerade sagen.“

Skorpion verzog das Gesicht zu einer zynischen Maske. „Ich bin doch nur die Waffe, die von Leuten wie Ihnen abgedrückt wird.“

„Was wollen Sie?“

„Ah, ganz der Geschäftsmann! Sie schalten gleich um auf das Wesentliche. Das gefällt mir!“

„Bringen Sie es auf den Punkt, Skorpion. Vielleicht können wir uns einigen. Ist es angemessen, wenn ich Ihnen noch einmal fünfzig Prozent dessen überweise, was Sie bereits bekommen haben?“

„Nein, ich denke da in anderen Dimensionen“, erwiderte der Blonde. „Ich will denselben Anteil bekommen, wie Grotzky ihn verbuchen konnte.“

Ein Gelächter drang aus der Limousine.

„Sie sind vollkommen verrückt, Skorpion. Wenn Sie Grotzky wirklich so genau ausgeforscht haben, wie Sie behaupteten, dann wissen Sie auch, dass der Kerl für sein Geld auch eine Leistung erbrachte!“

„Er hat seine Kontakte eingebracht. Aber mittlerweile gehen ja auch Sie davon aus, darauf verzichten zu können und das Business in eigener Regie weiterführen zu können. Andernfalls hätten Sie mir ja wohl nicht den Auftrag gegeben, ihn auszuknipsen, oder?“

„Sie haben keine Ahnung, Skorpion.“

„Unterschätzen Sie mich nicht!“

„Meine Antwort heißt nein. Es scheint ein Fehler gewesen zu sein, Sie zu engagieren, Skorpion und ich werde dafür sorgen, dass sich das herumspricht!“

„Ich hatte etwas in der Art befürchtet“, erklärte der Blonde. „Deswegen möchte ich daran erinnern, dass ich Sie in einem kleinen, aber doch wesentlichen Detail falsch informiert habe.“

„So?“

„Ich habe das Handy von William Grotzky keineswegs entsorgt. Es befindet sich nach wie vor in meinem Besitz. Die Verbindungsdaten dürften sehr aufschlussreich sein und die Fingerabdrücke von Grotzky habe ich natürlich sorgfältig erhalten. Angenommen, dass FBI bekäme dieses Gerät anonym zugesandt, wäre das vielleicht das Ende Ihres erlauchten Kreises.“

In der Limousine herrschte zunächst Schweigen.

Dann war ein schweres Atmen zu hören.

„Gut, ich sehe ein, dass wir zu einer Einigung kommen müssen.“

„Wie die aussehen kann, habe ich Ihnen gesagt. Meine Schweizer Bankverbindung kennen Sie ja.“

„Ja“, murmelte der Mann mit den zierlichen Händen tonlos.

„Auf eine auch in der Zukunft gute Zusammenarbeit!“, lächelte Skorpion. „Und falls Sie in nächster Zeit mal wieder ein ‚Problem’ wie William Grotzky oder Brad Sussman haben sollten, dann wenden Sie sich vertrauensvoll an mich. Ich denke, so ein Job wäre dann im Preis mit inbegriffen.“

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DU GLAUBST DEM KERL doch nicht etwa auch nur ein Wort!“, entfuhr es Milo, nachdem Martinez abtransportiert worden war.

„Nach dem, was unsere Erkennungsdienstler am Tatort an Erkenntnissen gesammelt haben, ist Martinez definitiv zu klein, um unser Mann zu sein. Der war doch höchstens 1,70 m – und das auch nur mit Schuhen.“ Ich schüttelte den Kopf. „Warten wir ab, was wir da drinnen alles so finden, aber ich bin überzeugt davon, dass sich Martinez’ Geschichte bestätigt. Zumindest im Groben. Von ein paar Schönheitsreparaturen, die ihn in einem etwas besseren Licht dastehen lassen mal abgesehen.“ 

„Auf jeden Fall ist interessant, dass dieser Sussman ein Passfälscher war“, warf Milo ein. „Schließlich hatte William Grotzky doch einen erschreckend großen Verbrauch an Reisepapieren.“

Dr. Brent Claus untersuchte den Toten kurz. Ob Sussman jedoch kurz vor oder kurz nach Öffnung des Geschäfts erschossen worden war, vermochte er nicht zu sagen.

Nachdem die Leiche abtransportiert worden war, begannen die Kollegen der Scientific Research Division mit ihren Untersuchungen am Tatort. Sobald das Gröbste erledigt war, konnten wir nach den Papieren suchen, deren Existenz Juan Martinez entlastet hätte.

Wir fanden sie schließlich in einem Nebenraum, der als Büro diente. Dieser Raum war verschlossen. Die Tür bestand aus hitzebeständigem Metall, wie man es für die Zugänge von Heizungsanlagen benutzte. Jemand hatte vergeblich versucht, die umfangreichen Sicherungsmaßnahmen zu überwinden. Es waren zahlreiche Kratzer zu sehen, außerdem eine Verformung des Metalls, die auf einen Einschuss hindeutete.

Der Täter hatte schräg vor dem Schloss gestanden und gefeuert. Das Projektil war dann im gleichen Winkel abgeprallt und steckte nun in der Wand gegenüber.

Offenbar hatte er danach eingesehen, dass er für dieses Schloss nicht das richtige Werkzeug mitführte und hatte aufgegeben.

„Schon der Schuss auf die Tür war mit erheblichem Risiko verbunden“, gab Milo zu bedenken.

Ich nickte. „Passt eigentlich nicht zu dem Killer, der Grotzky auf dem Gewissen hat.“

„Eher schon zu diesem Martinez!“

„Das werden die Laborergebnisse erweisen. Aber vielleicht hat der Killer in diesem Fall in großer Eile handeln müssen.“

„Warum? Wenn Martinez’ Geschichte stimmt, hatte er keinen Grund dazu, denn er konnte doch nicht wissen, dass dieser Latino gleich in den Laden kommt, um sich bei Brad Sussman seine Papiere abzuholen.“

„Nein, aber er konnte sich ausrechnen, dass irgendjemand kommen würde, sobald die Öffnungszeiten des Ladens begonnen hatten.“

Oscar Brown, einer der Spezialisten der Scientific Research Division, schaffte es schließlich, die Tür zu öffnen.

In dem dahinter liegenden Büroraum gab es auch einen Computer. Ich fuhr ihn hoch und scheiterte dann allerdings am Passwort.

„Das wird wohl ein Fall für die Spezialisten im Labor!“, glaubte Milo, der sich gerade den Satz Papiere ansah, den Brad Sussman besorgt hatte. „Juan Martinez – John Martinson! Also etwas mehr Fantasie hätte ich an seiner Stelle für die Auswahl des neuen Namens schon aufgewandt!“, meinte er. „Aber die Papiere sind erstklassige Qualität.“

„Sussman vermittelt sie ja nur“, gab ich zu bedenken.

„Ja, aber er hatte eben die richtigen Kontakte!“

„Ein Grund, weshalb William Grotzky ihn in seiner aktiven Undercover-Zeit immer als zuverlässigen Informanten schätzte.“

„Irgendeiner dieser Kontakte ist ihm jetzt wohl zum Verhängnis geworden.“

Ich nickte. Die Gedanken rasten nur so in meinem Hirn. Ich hatte das Gefühl, dass die Wahrheit zum Greifen nahe vor uns lag, wir sie aber vielleicht vor lauter Betriebsblindheit einfach nicht zur Kenntnis nahmen.

Das Telefonregister enthielt zahlreiche Nummern. Darunter auch eine mit dem Vermerk ‚Al’.

Ich verzichtete darauf, sie gleich einzutippen und auszuprobieren. Wenn dieser geheimnisvolle Al zu Tarnzwecken ein Prepaid Handy benutzte und eine ihm unbekannte Nummer auf dem Display angezeigt wurde, war das für ihn nur das Zeichen, einen Gerätewechsel zu vollziehen.

Eine andere Nummer trug den Vermerk „J.A.“

„Könnte doch Jack Aarons bedeuten“, meinte Milo. „Ich meine, Brad Sussman kannte doch Grotzky noch aus der Zeit, als er Jack Aarons hieß.“

Ich nickte.

„Handys lassen sich anpeilen, wenn man ihre Nummer kennt und sie eingeschaltet sind“, fuhr Milo fort. „Es dürfte in beiden Fällen ganz interessant sein, zu erfahren, wo sich die beiden zu diesen Nummern gehörenden Geräte befinden...“

„Meinst du nicht, zumindest Grotzkys Handy ist längst abgeschaltet worden? Wenn der Täter es bei sich hat, läuft er doch Gefahr, selbst angepeilt zu werden.“

„Das kommt drauf an Jesse. Wenn es sich um ein Prepaid-Gerät handelt, hat der Täter keinerlei Veranlassung, anzunehmen, dass wir die Nummer kennen. Und wenn er an die auf dem Gerät gespeicherten Daten heran will, darf er es nicht abschalten, weil er es sonst nur dann wieder einschalten kann, wenn er auch den Pin Code kennt.“

„Was könnte man mit den Handydaten anfangen?“

„Seinen Auftraggeber erpressen zum Beispiel.“

„Bei einem Stand by von 250 Stunden hätte er jedenfalls Zeit genug, sich das gesamte Menue eingehend anzusehen.“

„Ich halte es für wahrscheinlicher, dass er das Gerät einfach in den Hudson geworfen oder seinem Auftraggeber ausgehändigt hat. Aber für den Apparat von diesem Al bekommen wir vielleicht eine Abhörgenehmigung!“

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ES TUT MIR LEID, ABER es wird keine Abhöraktion im Hinblick auf das Telefon von diesem ‚Al’ geben“, kündigte Mister McKee an. „Ich habe vorhin noch mit Staatsanwalt Robert Thornton gesprochen. Es besteht keine Chance, da wir Al lediglich als Zeugen suchen, dessen Aussage uns nähere Informationen über die Lebensumstände des Opfers geben sollen. Wäre William Grotzky ein mutmaßlicher Terrorist oder eine Größe in der organisierten Kriminalität, dann sähen die Voraussetzungen anders aus und wir könnten auch die Telefone von Kontaktpersonen abhören. Aber weder gegen Grotzky noch gegen diesen ominösen Al gibt es irgendeinen hinreichenden Tatverdacht.“

„Das ist bedauerlich“, meinte Milo. „Ich nehme nämlich an, dass wir auf diese Weise herausfinden könnten, an welcher Art von illegalen Geschäften Grotzky beteiligt war.“

„Es gibt Regeln in unserem Rechtssystem, die wir einfach respektieren müssen“, hielt Mister McKee dem entgegen. „Und dabei darf es keine Rolle spielen, ob es uns gerade in Kram passt oder nicht. Schließlich sind diese Regeln dazu geschaffen worden, den Bürger vor zu weitgehender Überwachung zu schützen.“

„Aber wir haben die Nummer von ‚Al’s’ Handy doch aus dem Telefonregister von Brad Sussman – könnte man da nicht etwas draus drehen?“

„Sussman ist Hehler und eventuell auch jemand, der gefälschte Papiere vermittelt. Ein kleiner Fisch also.“

„Wissen wir das?“

„Die Staatsanwaltschaft sieht es so – und jedes Gericht wird das auch so bewerten, zumindest nach dem gegenwärtigen Stand der Ermittlungen. Jesse, Sie können die Sache drehen und wenden wie Sie wollen, aber bevor wir nicht etwas mehr an Beweisen haben, bekommen wir keine Abhörgenehmigung. Da können wir uns auf den Kopf stellen.“ Mister McKee atmete tief durch und ließ seine Hände in den weiten Taschen seiner Flanellhose verschwinden. „Gegenwärtig versuchen unsere Innendienstler so viele der anderen Nummern zu identifizieren wie möglich. Aber es scheint, als wäre kaum ein Festnetzanschluss oder reguläres Vertragshandy dabei.“

„Was ist mit der Lokalisierung der beiden Handys?“, fragte ich.

„Die ist bereits in die Wege geleitet“, erklärte Mister McKee. „Sollte eines der beiden Geräte angeschaltet sein, werden wir sehr bald seinen ungefähren Standort erfahren.“

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ZUR GLEICHEN ZEIT BEFANDEN sich Clive Caravaggio und Orry Medina auf dem Gelände des Battery Park an der Südspitze Manhattans. Die Sonne schien und man hatte eine gute Fernsicht zur Statue of Liberty. Ganz in der Nähe war die Anlegestelle der Fähre, die dorthin verkehrte und sich gerade auf halbem Weg befand.

Orry blickte auf seine Uhr.

„Harry DiAngelo lässt sich aber Zeit“, stellte er fest.

„Nur Geduld, Orry! Auf ihn war immer Verlass!“, erwiderte Clive. „Und wenn es ein paar Minuten länger dauert, dann gibt es auch einen Grund dafür.“

Ein Mann im karierten Jackett saß auf einer Bank und legte seine Zeitung zur Seite. Es war der ‚Corriere della Sera’.

Sein Haar war grau und der Ansatz wies deutliche Geheimratsecken auf.

Er stand auf ging auf die beiden FBI-Agenten zu. Dabei ließ er immer wieder nervös den Blick schweifen.

„Hallo, Mister Caravaggio“, sagte er mit heiserer Stimme und bedachte Medina mit einem misstrauischen Blick. „Als wir uns das letzte Mal trafen, waren Sie allein!“

„Das ist Agent Medina“, erklärte Clive. „Sie können ihm genauso gut vertrauen wie mir. Auch wenn er kein Italiener ist.“ Clive wandte sich an Orry. „Das ist Mister DiAngelo.“

Harry DiAngelo war ein Buchmacher aus Little Italy. Seit er vor Jahren seine Frau bei einer Mafia-Schießerei verloren hatte, versorgte er das FBI regelmäßig mit Informationen. Wiederholt hatte sich herausgestellt, dass DiAngelo förmlich das Gras wachsen hörte und als einer der bestinformierten Personen in Little Italy galt.

Er faltete seine Zeitung etwas kleiner. „Ich kann nicht behaupten, dass Italienisch meine Muttersprache ist“, meinte er. „Ich musste es lernen wie eine Fremdsprache und jetzt sehe ich zu, dass ich mich etwas fit halte und es nicht wieder vergesse!“ DiAngelo steckte die Zeitung in die Seitentasche seines Jacketts und fuhr dann fort: „Meine Frau konnte diese Sprache noch perfekt, weil ihre Mutter direkt aus Italien ausgewandert ist, während meine Familie schon um die Jahrhundertwende nach Amerika kam.“

„Sie sagten am Telefon, dass Sie etwas Wichtiges für mich hätten“, versuchte Clive das Gespräch auf den Kern der Sache zu bringen.

„Arbeiten Sie an dem Fall Grotzky?“

„Ja.“

„Es hat in Little Italy die Runde gemacht, dass Grotzky in Wahrheit Jack Aarons war, der Mann der Andrea Giacometti in den Knast brachte.“

„Giacometti hat damals bittere Rache geschworen“, gab Clive zurück.

DiAngelo nickte. „Es ist ein offenes Geheimnis, dass sein Sohn Michael Giacometti damals ein Kopfgeld auf Jack Aarons ausgesetzt hat.“

„Sie haben mich damals gewarnt und diese Warnung ist auch an Jack Aarons weitergegeben worden. Das ist alles nichts Neues für uns, Mister DiAngelo.“

„Aber neu dürfte für Sie sein, dass jemand sich dieses Kopfgeld abgeholt hat!“, erklärte der Informant. „Ich weiß es aus sicherer Quelle.“

Clive hob die Augenbrauen und wechselte einen kurzen Blick mit Orry. „Wissen Sie auch zufällig, wer das gewesen ist?“

Er schüttelte den Kopf.

„Nein, darüber kursieren die wildesten Gerüchte. Aber ich könnte der Sache mal nachgehen.“

„Sie sollten kein persönliches Risiko eingehen.“

„Wenn Michael Giacometti dafür seinem Vater in den Knast folgen sollte, wäre es mir das Risiko wert“, erklärte er. Er sah Clive mit großen, hoffnungsvollen Augen an. „Ist doch so, wenn sich nachweisen ließe, dass Michael Giacometti dieses Kopfgeld ausgesetzt und dem Mörder übergeben hat, könnte die Justiz ihn doch festnageln?“

„Wenn, Mister DiAngelo! Aber das ist schwer nachzuweisen.“

„Ich werde tun, was ich kann“, versprach er. „Und jetzt muss ich wieder los. Ich stehe schon viel zu lange mit Ihnen herum!“

„Wann werden Sie sich denn ein Handy anschaffen, Mister DiAngelo?“, fragte Clive noch. „Das würde manches leichter machen. Vielleicht können wir es sogar auf die Spesenrechnung des FBI setzen.“

DiAngelo schüttelte den Kopf und hielt seine rechte Hand hoch, wobei er alle Finger abspreizte.

„Können Sie sich vorstellen, dass man mit diesen Wurstfingern diese winzigen Knöpfe bedienen kann? Nein, das lasse ich lieber. An diese Dinger werde ich mich nicht mehr gewöhnen, dazu bin ich zu alt.“

„Man ist nie zu alt, Mister DiAngelo!“

„Werden Sie erstmal 73, dann reden Sie auch nicht mehr so daher! Wie auch immer – ich melde mich bei Ihnen. Darauf können Sie sich verlassen!“

Harry DiAngelo entfernte sich mit schnellen Schritten.

Clive sah ihm einen Augenblick lang nach.

„Und du glaubst wirklich, dass das mehr als Hörensagen ist, was dieser Mann uns bietet?“, fragte Orry.

„Alles, was er uns früher geliefert hat, hatte Hand und Fuß, Orry. Der Mann weiß einfach Bescheid. In Little Italy stirbt kein Meerschweinchen, ohne dass DiAngelo das mitbekäme!“

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WIR HABEN GROTZKYS Handy angepeilt!“, platzte Max Carter in das Dienstzimmer hinein, das ich mir mit Milo teilte.

„Und wo?“, fragte ich, während Milo bereits seine Jacke anzog und den Sitz seiner Waffe überprüfte.

„Das angepeilte Gerät befindet sich mit hoher Wahrscheinlichkeit im Lancaster Hotel in der Lower East Side.“

„Dann würde ich sagen: Nichts wie hin!“, meinte Milo.

„Was ist mit diesem ‚Al’?“, fragte ich an Max gerichtet.

Unser Innendienstler zuckte die Schultern. „Al scheint sein Mobiltelefon abgeschaltet zu haben. Jedenfalls lässt es sich nicht anpeilen.“

„Vielleicht benutzte er es nur, um mit Brad Sussman in Kontakt zu treten und das ist ja nun nicht mehr möglich“, vermutete Milo.

Innerhalb weniger Minuten war ein gutes Dutzend G-men in die Lower East Side unterwegs. Außer Milo und mir nahmen auch die Agenten Jay Kronburg, Leslie Morell und Fred LaRocca an dieser Aktion teil.

Clive und Orry befanden sich im Battery Park und hatten gerade ihr Treffen mit Harry DiAngelo hinter sich, als sie von unserer Zentrale angefunkt wurden, um sich ebenfalls zum Lancaster Hotel zu begeben. Schließlich war das für sie nur ein Katzensprung.

Das Lancaster Hotel lag am East Broadway, schräg gegenüber des Seward Park.

Ein Hotel von mittlerem Standard, das seine besten Jahre in den Dreißigern gehabt hatte.

Wir stellten unsere Wagen in der Umgebung ab und legten Headsets an, um untereinander permanenten Funkkontakt zu halten. Außerdem trugen wir unter unsere Kleidung Kevlar-Westen.

Orry und Clive waren die ersten am East Broadway gewesen.

Sämtliche Ausgänge des Lancaster Hotels mussten besetzt werden.

Zusammen mit Orry, Clive und Fred betraten wir das Foyer und wandten uns an den Portier.

„FBI! Wir suchen ein Mann, der mindestens eins neunzig ist, kurz geschorenes blondes Haar trägt, schätzungsweise dreißig bis 35 Jahre alt ist.“

„Das ist nicht gerade eine sehr präzise Beschreibung“, meinte der Portier.

„Sie haben cirka zwanzig Zimmer, von denen höchstens zwei Drittel belegt sind“, wandte Clive ein. „Da werden nicht so viele Gäste dabei sein, die dem von mir gezeichneten Bild entsprechen!“

Der Portier atmete tief durch. „Mister Daniel Garth von Zimmer 12 entspricht in etwa Ihrer Beschreibung.“

„Ist er da?“

„Er ist vor einer Viertelstunde auf sein Zimmer gegangen.“

„Dann werden wir ihm einen Besuch abstatten“, sagte ich.

Unser Kollege Fred LaRocca blieb im Foyer. Wir gingen die Treppe ins Obergeschoss hinauf. Als wir Zimmer zwölf erreichten, postierte wir uns rechts und links der Tür.

Auf Clives Signal hin ging es los. Milo trat die Tür ein und ließ sie zur Seite fliegen. Orry stürmte mit der Waffe in der Hand vorwärts.

„FBI! Keine Bewegung!“, rief er.

Ein Mann, auf den die Beschreibung passte, wirbelte herum und riss eine Waffe aus dem Hosenbund. Er feuerte annähernd im gleichen Moment wie Orry.

Aber der Schuss unseres Kollegen ging haarscharf daneben und ließ das Glas der Balkontür in tausend Scherben auf den Boden regnen.

Der Schuss des Killers traf Orry in den Brustbereich und wurde von der Kevlar-Weste aufgefangen. Die Wucht des Geschosses riss Orry zu Boden.

Der Killer feuerte blind in unsere Richtung, sodass wir erst einmal in Deckung gehen mussten.

Er schnellte durch die zerschossene Balkontür, schwang sich über die Brüstung und landete mit einem Sprung auf dem nächsten Absatz der Feuertreppe.

„FBI! Stehen bleiben!“ hörte ich die Stimmen unserer Kollegen.

Mehrere Schüsse fielen. Ich lief zum Balkon. Milo und Clive waren mir dicht auf den Fersen.

Zwei unserer Kollegen – Agent Ray Gozan und Agent Sandra McIntyre - lagen getroffen auf dem Asphalt des kleinen Hinterhofs, der an die Rückfront des Lancaster Hotels anschloss.

Als ich über die Brüstung in die Tiefe blickte, feuerte der Blonde sofort in meine Richtung. Ich zuckte zurück. Die Kugel verfehlte mich um Haaresbreite.

Scheppernd waren die schnellen Schritte des Blonden auf der Feuerleiter zu hören. Ich folgte ihm, schwang mich ebenfalls über die Brüstung und landete auf dem Absatz.

Der Killer befand sich einige Meter unter mir, aber uns beiden war klar, dass es viel zu riskant war, die Metallroste der Feuerleiter hindurch schießen zu wollen. Die Gefahr von Querschlägern war nicht berechenbar.

Dann hatte der Blonde den Boden erreicht.

Von dort aus spurtete er los und ging hinter einem Müllcontainer in Deckung.

Ich stolperte die letzten Stufen der Feuertreppe hinunter.

Milo folgte mir bereits von oben. Der Blonde feuerte in unsere Richtung. Ich musste mich hinter einem der zahlreichen Fahrzeuge hechten, die in dem Hinterhof geparkt waren. Es handelte sich um einen Chevy. Die Schüsse des Killers zertrümmerten die Seitenscheiben.

Clive rief inzwischen Verstärkung und den Emergency Service. Außerdem beorderte er über Funk die Kollegen, die auf der Vorderseite und im Foyer des Hotel Lancaster Wache hielten, zum Hinterhof.

Augenblicke lang geschah nichts. Ich pirschte mich näher an die Position heran, die der Blonde im Moment vermutlich einnahm.

Die Hintertür des Hotels öffnete sich.

Agent Fred LaRocca ging dort mit der Waffe in der Hand in Stellung.

Dann brauste plötzlich ein Ford aus seiner Lücke ganz in der Nähe des Müllcontainers. Der Blonde hatte sich offensichtlich bis dorthin geschlichen.

Der Wagen schoss vor, die Reifen quietschten.

Ich schnellte aus meiner Deckung, feuerte auf die Reifen und traf hinten rechts. Der Wagen drohte auszubrechen. Der Geruch von verbranntem Gummi verbreitete sich und die Metallfelgen sprühten Funken, während sie über den Asphalt schrammten.

Dem Blonden gelang es, das Fahrzeug unter Kontrolle zu halten.

Unser Kollege Jay Kronburg musste im letzten Augenblick zur Seite springen, als der Wagen mit wahnsinniger Geschwindigkeit durch die Ausfahrt raste und sich auf brutale Weise in den Verkehr einfädelte.

Ein Lieferwagen bremste. Eine Limousine knallte mit der Stoßstange gegen das Heck des Lieferwagens. Ein Hupkonzert begleitete den Blonden, während er scharf nach links bog und beschleunigte. Ich spurtete los.

Milo und Clive folgten mir. Ebenso Fred LaRocca, der inzwischen seine Deckung aufgegeben hatte.

Während sich Milo und Fred sich um die getroffen am Boden liegenden Kollegen kümmerten, rannten Clive und ich weiter Richtung Ausfahrt, wo sich inzwischen auch Jay Kronburg wieder aufgerappelt hatte.

„Alles in Ordnung, Jay?“, fragte ich.

„Das ist doch ein Verrückter!“, entfuhr es dem ehemaligen Cop, dessen Gesicht zu einer grimmigen Maske verzogen war.

Ich hatte noch nicht aufgegeben. Weit konnte der Blonde mit seinem Wagen nicht kommen. Allerdings war es angesichts der Gefährdung von Unbeteiligten ausgeschlossen, jetzt Schusswaffen zu gebrauchen, um seine Fahrt zu beenden.

Etwa vierhundert Meter weit fuhr der Ford. Dann stoppte er mitten auf der Straße.

Der Blonde sprang hinaus und lief über die Straße. Autos wichen ihm aus, hupten und Fahrer zeigten ihm einen Vogel. Der Blonde fuchtelte mit seiner Waffe herum und sprintete los. Er hielt auf dir nächste Subway Station zu.

Wir hetzten hinterher. Aber als wir den Eingang zur Subway Station erreichten, war der Killer längst in einer völlig unübersichtlichen Masse von Fahrgästen untergetaucht. Es war unmöglich, ihn weiter zu verfolgen.

„Von hier aus kommt der überallhin, ohne dass wir es noch verhindern können“, meinte Jay, während Clive bereits damit beschäftigt war, die Subway Police zu verständigen, so dass an den nächsten Stationen Kontrollen durchgeführt werden konnten.

Aber wahrscheinlich war es zu spät dafür. Es dauerte nur Minuten, bis der Blonde an der nächsten Haltestelle einfach aussteigen konnte, noch bevor die Kollegen genügend Kräfte vor Ort hatten, um eine effektive Kontrolle durchführen zu können.

Ich steckte meine Waffe ins Holster.

„Dass er diesen Weg gewählt hat, hat auch sein Gutes!“, meinte ich und deutete auf eine der Überwachungskameras. Der gesamte Subway-Bereich war mit einer flächendeckenden Videoüberwachung ausgestattet.

„Wir haben immerhin ein Bild von ihm, auch wenn es etwas Mühe machen wird, das aus dem Wust der Aufzeichnungen herauszufiltern“, ergänzte Jay Kronburg. Er zuckte die breiten Schultern. „Immerhin besser als ein unspezifisches Phantombild!“

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WIR KEHRTEN ZUM HOTEL Lancaster zurück.

Die Sirenen der City Police und des Emergency Service waren zu hören. Aber für die beiden getroffenen Kollegen kam jede Hilfe zu spät.

Der Killer hatte sie gezielt am Kopf getroffen, nachdem er bei Orry gesehen hatte, dass wir unter der Kleidung Kevlar-Westen trugen.

Orry ging es den Umständen entsprechend gut.

Die kinetische Energie, mit der das Projektil aufgetroffen war, war durch die Weste auf eine größere Fläche verteilt worden. Trotzdem blieb es eine immense Kraft, die auf den Getroffenen einwirkte. Die Kugel konnte zwar nicht in den Körper eindringen, aber trotzdem konnten erhebliche Verletzungen die Folge sein.

In Orrys Fall waren das zwei gebrochene Rippen, wie sich nach einer ersten Untersuchung herausstellte. Der Emergency Service nahm ihn gleich in seine Obhut.

Im Zimmer des Blonden konnten wir neben dem angepeilten Handy, das sehr wahrscheinlich William Grotzky gehört hatte, auch ein paar andere Gegenstände sicherstellen, die uns möglicherweise eine Identifizierung des Täters erleichterten. Im Bad fanden sich sein Rasierzeug und seine Zahnbürste. Mit etwas Glück ließen sich dort DNA-Spuren isolieren. Die Projektile, die der Blonde verballert hatte, mussten natürlich sorgfältig aufgelesen und mit jenen verglichen werden, die im Zusammenhang mit den Morden an William Grotzky und Brad Sussman sichergestellt worden waren.

Unsere Erkennungsdienstler Sam Steinburg und Mell Horster trafen ziemlich bald ein, um weitere Untersuchungen vornehmen zu können.

Der Blonde reiste mit geringem Gepäck. Ein paar Kleidungsstücke sowie Reisepässe, Kreditkarten und Führerscheine, die auf drei verschiedene Namen ausgestellt waren.

Daniel Garth, James Seldur und Edgar McCall waren die Namen, die er in letzter Zeit benutzt hatte. Auf den dazugehörigen Fotos hatte er sein Aussehen jeweils stark verändert. So passte das Äußere von Daniel Garth zu jener Erscheinung, die wir von ihm zu Gesicht bekommen hatten, während James Seldur ein grauhaariger Mann mit dicker Brille war, der mindestens fünfzehn Jahre älter wirkte. Edgar McCall hatte hingegen einen dunklen Schnauzbart und abgesehen von einem Haarkranz eine Glatze.

„Könnte das dieser Al sein?“, fragte Milo.

„Wir werden das Foto mal herumzeigen“, meinte ich. „Die Beschreibung könnte zutreffen...“

„Abgesehen von der Größe“, sagte Milo. „So sehr der Kerl sich auch zu verkleiden versucht, daran kann er nichts ändern.“

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DER BLONDE BETRAT DIE Schließfachanlage an der Tenth Avenue. Sein Hemd hatte er über die Hose gezogen, damit die Waffe nicht sichtbar war. Die Flucht aus dem Lancaster Hotel war so überstürzt von statten gegangen, dass er nicht einmal eine Jacke hatte mitnehmen können – geschweige denn Papiere oder dergleichen.

Den Schlüssel für das Schließfach hatte er jedoch immer dabei. Er befand sich in einem kleinen Lederbeutel, den er um den Hals trug.

Der Blonde wartete, bis er ungestört war. Er nahm den Schlüssel hervor und öffnete das Fach. Ein neuer Satz Papiere und ein Bündel mit Bargeld hatte er dort deponiert.

Für Notfälle.

Und so ein Notfall war jetzt eingetreten. Er steckte das Geld ein und sah auf das Passfoto. Noch passte es sich nicht zu seinem jetzigen Äußeren. Aber das würde sich bald ändern.

Der Skorpion lässt sich die Butter nicht im letzten Moment vom Brot nehmen!, ging es ihm durch den Kopf, wobei seine Züge grimmige Entschlossenheit zeigten.

Er war stolz darauf, niemals einen Job abgebrochen zu haben.

Auch, wenn es plötzlich zu unvorhergesehenen Komplikationen gekommen war.

Diesmal würde er sich auch nicht von seinem Weg abbringen lassen. Wenn alles gut ging, dann war das die letzte große Sache, die er durchziehen musste, bevor er sich irgendwo im sonnigen Süden zur Ruhe setzen konnte. Es war schon alles dafür vorbereitet.

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DER VERLUST VON ZWEI Kollegen war für das gesamte Field Office ein Schock. Jeder von uns weiß, dass dies unter Umständen zu den Risiken gehört, die jeder eingeht, der im Dienst des FBI oder einer anderen Polizeieinheit steht. Zwischenzeitlich mag man das erfolgreich verdrängen, aber das Risiko bleibt doch immer wie ein Schatten im Hintergrund.

Als wir am Abend in unsere Büros an der Federal Plaza zurückkehrten, waren wir alle ziemlich schweigsam.

Für uns konnte die kaltblütige Ermordung unserer Kollegen eigentlich nur ein zusätzlicher Ansporn sein, den Täter zu finden und die Hintergründe jener Verbrechensserie aufzuklären, die nach unseren bisherigen Erkenntnissen mit der Ermordung des ehemaligen FBI-Agenten William Grotzky begonnen hatte.

Der Zwischenstand unserer Ermittlungen war eher deprimierend. Zwar stand inzwischen fest, dass Grotzky und Sussman mit derselben Waffe getötet worden waren, aber das hatten wir ohnehin vermutet.

Die Namen, die in den Pässen des Killers gestanden hatten, waren in keinem der über NYSIS zugänglichen Datenarchive gespeichert.

Allerdings brachten die Fingerabdrücke uns vielleicht noch weiter. Einer der Abdrücke war identisch mit einer Spur, die vor zehn Jahren nach einer Schießerei in einem Nachtlokal namens ‚Bella’ genommen worden war.

„Der Laden lag in der Avenue B“, berichtete Max Carter, nachdem er in unser gemeinsames Dienstzimmer hineingeschneit war und uns über die neuesten Ergebnisse seiner Abteilung in Kenntnis gesetzt hatte.

„Waren wir da nicht kürzlich erst?“, fragte Milo.

Max schnipste mit den Fingern. „Du denkst in der richtigen Bahn, Milo! Das ‚Bella’ war ein Club, der unter der Regie von Andy Giacometti stand. Als er dann zunehmend Schwierigkeiten mit der Justiz bekam und man vermutete, dass das völlig unprofitable Etablissement nur der Geldwäsche diente, wechselte es mehrere Male den Besitzer. Zuletzt überschrieb es Andy Giacometti seinem Sohn Michael. Dann wurde es geschlossen und unter dem Namen ‚Plaisir’ neu eröffnet. Die Besitzverhältnisse waren zunächst etwas dubios. Mehrere Namen wechselten da in rascher Folge ab. Der letzte in dieser Reihe ist Vic Ellings – aber es pfeifen die Spatzen von den Dächern, dass Ellings nur ein Strohmann von Michael Giacometti ist!“

„Also noch eine Verbindung zum Giacometti-Clan!“, stellte ich fest.

„Vielleicht haben wir die Bande durch unseren Auftritt im Plaisir etwas aufscheuchen können“, hoffte Milo.

„In dieser Hinsicht bin ich weniger optimistisch“, meinte ich. „Wenn es wahr ist, was Clive uns von seinem Informanten berichtet hat und sich der Killer tatsächlich das Kopfgeld bei Michael Giacometti abgeholt hat, zeugt das eigentlich dafür, dass die Familie sich sehr sicher fühlt.“

Max nickte. „Durchaus möglich, dass sie das Gerücht darüber, dass jemand das Kopfgeld bekommen hat, absichtlich gestreut wurde, so nach dem Motto: Einem Giacometti spuckt man nicht in die Suppe und wenn man es doch versucht, muss man unter Umständen auch Jahre später dafür einen bitteren Preis zahlen.“

„Was ist mit dem Abgleich der Bilder, die wir von dem blonden Killer haben?“, hakte ich an Max gewandt nach. „Gibt es da wirklich keine Übereinstimmungen mit den Daten, die uns über NYSIS zugänglich sind?“

„Wir sind dabei, die Fotos telemetrisch auszuwerten und dann einen Abgleich unter ganz bestimmten Merkmalen  durchzuführen. Dazu werden wir auch das Videomaterial der Subway Station heranziehen. Wie gesagt, wir arbeiten jetzt noch ein paar Stunden daran. Vielleicht liegt morgen früh schon etwas vor. Ach – habe ich euch schon gesagt, was der DNA-Test von Blutspritzern an Grotzkys Hose ergeben hat?“

Milo und ich schüttelten den Kopf.

„Nein, keine Ahnung!“, sagte ich.

„Der Bericht liegt schon bei Mister McKee. Die Spur reichte nicht aus, um wirklich einen Individualabgleich durchzuführen. Aber es steht jetzt definitiv fest, dass die Blutspritzer nicht von einem Menschen stammen.“

„Sondern?“

Max grinste. „Ihr kommt nicht drauf! Es war ein Hund. Wir sind daraufhin alle Fälle durchgegangen, in denen Hunde in einer Schießerei eine Rolle spielten.“

„Und?“

„In der Nähe des alten Navy Yards in Brooklyn wurde vor sechs Wochen die Leiche von Eric Sundstrom gefunden. Sundstrom galt als eine graue Eminenz des illegalen Waffenhandels. Er war sehbehindert und hatte deswegen immer einen Hund an seiner Seite.“

„Grotzky hat neben Sundstrom gestanden, als er erschossen wurde!“, schloss ich.

„Ja. Wir haben einen Abgleich zwischen den am Tatort in der Nähe des Navy Yard aufgefundenen Projektile und Grotzkys Waffe durchgeführt.“

„Mit welchem Ergebnis?“

„Negativ, Jesse. Wir hatten angenommen, dass er irgendeiner Form an der Schießerei beteiligt war, denn er muss genauso in der Schusslinie gestanden haben.“

„Aber jemand wie Grotzky kannte doch alle Tricks“, meinte Milo. „Ich stelle mir vor, was da abgelaufen ist. Grotzky trifft sich mit einem Geschäftspartner an einem geheimen Treffpunkt.“

„Er begleitete ihn wahrscheinlich dort hin!“, korrigierte Max.“

„Danach wurde geschossen. Entweder, es kam bei einer Verhandlung zum Streit, oder jemand wollte die beiden aus dem Weg räumen. Auf jeden Fall hätte jemand wie Grotzky sich sofort eine andere Waffe besorgt, nachdem er an der Schießerei beteiligt war.“

„Milo hat recht“, fand ich. „Also spricht der negative Ballistik-Test nicht dagegen. Und dass Grotzky sich bei dem Gefecht nicht gewehrt hat, halte ich für ausgeschlossen.“

„Er wäre dann auch wohl kaum ich am Leben“, stellte Max fest.

Ich lehnte mich in meinem Bürostuhl zurück. „Immerhin haben wir jetzt einen ersten Hinweis, in welcher Branche Grotzky sein Geld verdiente.“

„Mit Waffen!“, ergänzte Milo.

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AL HATTE IN DER NÄHE des Heckscher Playground Platz genommen. Er las eine Ausgabe des ‚New Yorker’. Zwischendurch schielte er über den Rand der Zeitschrift und nahm Blickkontakt mit einem Mann in dunkler Lederjacke auf, der ein paar Meter entfernt postiert war. Insgesamt fünf Mann hatte Al in der Umgebung Stellung beziehen lassen. Er war ziemlich nervös geworden.

Das Geschäft hatte eine Eigendynamik bekommen, die er nicht erwartet hatte.

Zwei Männer in grauen Anzügen näherten sich.

Al suchte noch einmal den Blickkontakt zu seinem Leibwächter und ging anschließend auf die beiden zu.

„Darren! Miles! Was verschafft mir die Ehre dieses Treffens?“, fragte Al.

„Halten wir uns nicht mit Gesülze auf, Al!“, sagte Darren. „Ich bin für Klartext!“

„Offenheit ist immer das beste Mittel gegen Irritationen“, erwiderte Al auf seine höfliche Art.

„Okay, dann mal in aller Offenheit. Wir sind ziemlich irritiert über einige seltsame Geschichten, die seit neuestem die Runde machen! Und wir fragen uns tatsächlich, ob wir uns auf Sie und Ihre Leute noch verlassen können!“

„Natürlich können Sie das!“

„Dieser Deal ist außerordentlich wichtig“, ergänzte Miles. „Es gibt inzwischen schon vereinzelte Stimmen, die alles abblasen wollen!“

„Sind Sie verrückt?“, ereiferte sich Al. „Jetzt, so kurz bevor wir den größten Gewinn unseres Lebens einstreichen und uns vielleicht alle zur Ruhe setzen können!“

Darren verzog das Gesicht.

Seine Züge drückten nichts anderes als Verachtung aus.

„Für Sie ist das vielleicht der Mega-Deal, Al. Aber es liegt immer auch daran, womit man sich zufrieden gibt!“

Al kratzte sich am Hinterkopf. Er konnte seine Nervosität kaum verbergen. „Glauben Sie mir, es ist alles unter Kontrolle.“

„Das will ich hoffen“, sagte Darren. „Andernfalls würden Sie es bereuen. Glauben Sie es mir!“

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AM NÄCHSTEN MORGEN fanden wir uns wie üblich im Büro unseres Chefs ein. Was die Identität des Killers anging, gab es tatsächlich etwas Neues.

Mister McKee gab das Wort an Max Carter.

„Die uns vorliegenden Bilder des Mörders von William Grotzky und Brad Sussman wurden digitalisiert und mit Hilfe eines speziellen Programms telemetrisch vermessen. Dabei werden die Abstände zwischen bestimmten Gesichtspartien in ein exaktes Verhältnis gesetzt, beispielsweise der Abstand zwischen den Augen oder der Abstand zwischen Oberlippe und Nase. Diese Abstände sind unveränderlich. Ab sechs Übereinstimmungen kann man davon ausgehen, dass die betreffenden Personen entweder identisch sind oder es sich um eineiige Zwillinge handelt. Der derzeitige Standard unseres Programms liegt bei zwölf Identifikationspunkten und ist daher sehr sicher.“

Max projizierte das Gesicht eines Mannes mit Hilfe seines Beamers an die Wand. Er war Anfang zwanzig, das blonde Haar etwas länger und leicht gewellt.

„Das ist George Riley Mattucci. Die Aufnahme entstand bei einer Verhaftung vor sechzehn Jahren. Er wurde der Beteiligung an einer Schießerei beschuldigt, die vor sechzehn Jahren in Little Italy stattfand und mit der Giacometti-Familie in Zusammenhang gebracht wurde. Es bestand der Verdacht, dass die Familie einen vermeintlichen Verräter umbringen ließ, von dem sie annahm, er sei ein Polizeispitzel. Aber weder den Giacomettis noch George R. Mattucci konnte eine Tatbeteiligung nachgewiesen werden. Der Fall kam nicht einmal über die Anhörung vor der Grand Jury hinaus. Die Beweise waren einfach zu dünn.“

„Wie eng waren die Verbindungen von Mattucci zu den Giacomettis?“, fragte Mister McKee.

„Eine Verwandtschaft besteht nicht. Aber Mattucci fing in verschiedenen Clubs als Türsteher an, bei denen wir davon ausgehen, dass sie unter der Kontrolle der Giacometti-Familie standen. Übrigens gilt das auch für Vic Ellings, der später damit belohnt wurde, dass er das ‚Plaisir’ als Strohmann führen durfte.“

„Dann kennen sich Mattucci und Ellings?“, hakte ich nach.

„Durchaus möglich, da sie in derselben Zeit angefangen haben“, nickte Max. „Jedenfalls hat Mattucci eine ganz andere Laufbahn eingeschlagen. Er tauchte unter und wir gehen davon aus, dass er  identisch ist mit einem Profikiller, der unter dem Namen ‚Skorpion’ arbeitet. Etwa zwanzig Morde gehen wahrscheinlich auf sein Konto, aber genau wissen wir das nicht. Und längst nicht alle haben eine Verbindung zur Giacometti-Familie.“

„Angesichts seines bisherigen Verhaltens müssen wir damit rechnen, dass er rasch die Identität wechselt und untertaucht“, glaubte Mister McKee. „Die Fahndung läuft jedenfalls auf Hochtouren.“

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HALTEN SIE DA VORNE! Bei den Münztelefonen!“

Das Taxi fuhr an den Straßenrand. Harry DiAngelo bezahlte den Fahrer und stieg aus.

Das Taxi fädelte sich wieder in den Verkehr ein.

DiAngelo ließ den Blick über den Times Square schweifen.

Dann ging er auf die Münztelefone zu, von denen es auch in New York immer weniger gab. Erneut drehte er sich um, so als fühlte er sich beobachtet.

Endlich wählte er eines der Telefone aus, steckte ein paar Münzen in den Schlitz und wählte die Nummer des FBI.

„Hallo? Hier ist Harry DiAngelo. Ich habe etwas für Sie...“

Ein Van mit getönten Scheiben hielt am Straßenrand.

Auf der Beifahrerseite senkte sich die Scheibe. Etwas Dunkles, das aussah wie ein fingerdickes Metallrohr, schob sich ein paar Zentimeter hinaus.

Ein Schalldämpfer.

Das Mündungsfeuer zuckte blutrot hervor.

Der erste Schuss traf DiAngelo an der Schulter. Er drehte sich halb herum. Erneut zuckte sein Körper, als ein zweites und ein drittes Projektil trafen.

Er sackte zu Boden. Der Hörer baumelte wie ein Pendel hin und her, während der Van mit aufheulendem Motor davonbrauste.

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EINE HALBE STUNDE SPÄTER trafen Clive Caravaggio und Fred LaRocca am Tatort ein. Die City Police hatte dort bereits alles abgesperrt.

Lieutenant Saul Benson leitete den Einsatz.

Clive hielt ihm seine ID-Card hin.

„Clive Caravaggio, FBI. Dies ist mein Kollege Fred LaRocca. Wir haben einen Anruf zurückverfolgt, der ziemlich abrupt abgebrochen wurde.“

Benson nickte und deutete auf den Toten. „Sie sehen ja warum.“

„Können Sie schon etwas darüber sagen, was passiert ist?“

„Die Kollegen der SRD und der Gerichtsmedizin sind auf dem Weg hier her!“, berichtete er. „Wir haben Passanten und die Inhaber der in der Nähe gelegenen Läden befragt. Danach brach der Mann plötzlich zusammen. Zur gleichen Zeit entfernte sich ein dunkler Van vom Tatort. Wahrscheinlich ist mit einem Schalldämpfer geschossen worden, obwohl ich mir nicht sicher bin, ob man das Schussgeräusch bei dem Straßenlärm wirklich deutlich hätte hören können. Was die Identität des Toten angeht, so muss ich leider feststellen, dass er keine Papiere bei sich hatte. Weder Führerschein, noch...“

„Der Tote ist uns bekannt“, sagte Clive. „Es handelt sich um Mister Harry DiAngelo, einen unserer Informanten.“

„Was er uns mitzuteilen hatte, werden wir jetzt wohl nicht mehr erfahren“, ergänzte Fred LaRocca.

Clive nickte düster.

„Es wird Zeit, dass wir den Giacomettis mal etwas näher zu Leibe rücken!“, meinte er.

„Haben wir denn irgendetwas in der Hand, Clive?“ Fred schüttelte den Kopf. „Mit etwas Glück bekommen wir jetzt eine Telefonüberwachung – aber so, wie ich Michael Giacometti einschätze, wird er sich dadurch nicht ins Boxhorn jagen lassen. Einer wie der ist doch nicht so dumm, einen normalen Festnetzanschluss für brisante Gespräche zu benutzen!“

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MILO UND ICH FUHREN am Morgen zunächst noch einmal nach Yonkers, um mit Jennifer Allister zu sprechen. Wir zeigten ihr jenes Passfoto des Killers, der vermutlich mit ‚Skorpion’ identisch war, dass ihn als kahlköpfigen Mann mit Schnauzbart zeigte.

Natürlich hatten wir die Hoffnung, damit den geheimnisvollen ’Al’ gefunden zu haben.

Aber diese Hoffnung erwies sich als trügerisch.

„Es tut mir leid“, sagte Jennifer. „Das ist nicht der Mann, der William Grotzky einen Umschlag gegeben hat. Ausgeschlossen.“

„Sind Sie sich ganz sicher?“

„Ja, natürlich. Okay, wenn man allein nach der Beschreibung geht, dann könnte man ein paar Übereinstimmungen feststellen. Aber die Gesichtszüge sind ganz anders!“

Sie war sich vollkommen sicher.

„Irgendwie hätte das doch auch keinen Sinn ergeben!““, meinte Milo auf der Rückfa0hrt nach New York. „Wenn ‚Skorpion’ und Grotzky vorher geschäftlich miteinander zu tun hatten, wieso hätte Skorpion ihn dann umbringen sollen?“

„Wegen des Kopfgeldes“, wandte ich ein.

„Aber das hat Michael Giacometti doch schon vor Jahren ausgesetzt, Jesse!“

„Falls unsere Informationen darüber stimmen.“

„Trotzdem, das passt nicht zusammen!“

„Wenn etwas nicht zusammenpasst, heißt das nur, dass uns noch wichtige Fakten fehlen, um das Puzzle zusammenzusetzen.“

„Ein wichtiges Faktum haben wir inzwischen!“, erinnerte mich Milo.

„Wovon sprichst du?“

„Davon, dass William Grotzky Kontakt zum Waffenhandel hatte. Und ich finde diese Spur sollten wir weiter verfolgen.“

„Dieser Sundstrom war Bürger von New Jersey. Das dortige FIBI Field Office hat jahrelang ergebnislos gegen ihn ermittelt. Ich habe mir die Akten angesehen, Milo.“

„Wir sollten schnellst möglich einen Termin mit einem der Agenten vereinbaren, die damals an den Ermittlungen beteiligt waren“, schlug Milo vor.

„Okay, nichts dagegen.“

„Dann erledige ich das am besten gleich“, kündigte Milo an und wählte die Nummer des Field Office New Jersey.

„Ich möchte nachher noch einmal die Bilder von ‚Skorpion’ im ‚Plaisir’ herumzeigen“, sagte ich.

„Ach, Jesse! Du willst doch nur noch einmal ins ‚Plaisir’!“

„Vic Ellings kennt den Killer sehr wahrscheinlich persönlich. Also wird er uns vielleicht auch das eine oder andere interessante Detail über ihn verraten können! Außerdem sollte es mich sehr wundern, wenn er wirklich nichts darüber weiß, wie das mit dem Kopfgeld auf Grotzky abgelaufen ist!“

„Nur wird er darüber auf keinen Fall reden, Jesse.“

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UM DIE MITTAGSZEIT trafen wir uns mit Francine Aarons in einem mexikanischen Schnellimbiss in der Nähe des La Guardia Airports.

William Grotzkys Schwester war Mitte dreißig, hatte blondes Haar und traurige Augen.

„Jesse Trevellian, FBI“, stellte ich mich vor. „Dies ist mein Kollege Milo Tucker. Wir gehören zu den Agenten, die den Mord an Ihrem Bruder aufklären sollen.“

„Sie sind aber nicht der Mann, mit dem ich am Telefon sprach.“

Ich lächelte verhalten. „Nein, das war Mister Jonathan D. McKee, der Chef unseres Field Office.“

Sie atmete tief durch und biss sich auf die Lippen. „Es ist schrecklich, was mit Jack passiert ist“, sagte sie. „Entschuldigen Sie, aber ich weiß natürlich, dass rechtlich gesehen sein Name zuletzt William Grotzky lautete. Aber für mich blieb er immer mein Bruder Jack.“

„Sie hatten in den letzten Jahren keinen Kontakt mehr“, stellte ich fest. „Zumindest nach dem, was wir wissen.“

„Es gehörte zu den Bedingungen. Sonst hätten die Schergen dieses Mafia-Bosses, den er ins Gefängnis gebracht hat, doch nur vor meiner Haustür warten und mich beschatten müssen, um irgendwann zu Jack zu gelangen. Es war einfach zu riskant und ich hätte niemals etwas getan, um Jacks Leben zu gefährden. Ich hatte ehrlich gesagt lange Zeit keine Ahnung, wo er lebte und welchen Namen er benutzte. Er hat sich allerdings umgekehrt offenbar durchaus über mich und das weitere Leben meiner Familie informiert.“

„Woraus schließen Sie das?“, hakte ich nach.

Sie seufzte und wischte sich kurz durch die Augen. Ein paar Tropfen glitzerten darin. Offenbar hatten sich die Geschwister weit näher gestanden, als es unseren bisherigen Erkenntnissen entsprach.

„Ich habe die Kontaktsperre von meiner Seite aus gehalten – aber er nicht. Er stand plötzlich vor der Tür und bot mir Hilfe an. Meine Tochter wurde damals schwer krank. Aber da ich gerade meinen Job verloren hatte, standen wir ohne Krankenversicherung da. Als allein erziehende Mutter konnte ich mir die nötige Behandlung für meine Tochter einfach nicht leisten.“

„Und da ist Ihr Bruder eingesprungen“, schloss ich.

Sie nickte. „Ja.“

„Konnte Ihrer Tochter geholfen werden?“

„Nein. Der Krebs war schon zu weit fortgeschritten. Aber immerhin konnte sie ohne allzu große Schmerzen einschlafen...“ Sie schluckte. „Das ist noch nicht allzu lange her und wenig später stirbt mein Bruder... Mein Gott, das war wirklich etwas zu viel in letzter Zeit.“

„Wir können wann immer Sie wollen eine Pause machen“, schlug ich vor.

Aber Francine Aarons schüttelte energisch den Kopf. „Nein, danke, das ist nicht nötig. Ich würde gerne etwas tun, um zur Aufklärung des Mordes beizutragen! Ich denke, dass bin ich Jack schuldig.“

„Erzählen Sie uns jedes Detail, das Sie wissen. Wir haben nur ein sehr unvollständiges Bild von dem, was er in den fünf Jahren seit dem Ausscheiden aus dem aktiven FBI-Dienst getan hat.“

„Als er plötzlich dastand und Hilfe für meine Tochter anbot, wusste er genau über unsere Situation Bescheid und vor allem schien er Geld im Überfluss zu haben. Der Kontakt ist von da an auch nie mehr wirklich abgerissen. Allerdings wusste ich nichts über seine neue Identität. Erst nach seinem Tod hat mich das FBI darüber informiert. Und ehrlich gesagt, habe ich mich sehr gewundert, dass er in der Nähe von New York geblieben ist. Gut, in einer Stadt mit acht Millionen Einwohnern ist die Wahrscheinlichkeit sehr gering, zufällig den Weg der Leute zu kreuzen, denen man auf die Füße getreten ist. Aber ich an seiner Stelle hätte das auf jeden Fall anders gemacht. Es hat sich dann ja offenbar auch gerächt...“

„Wann haben Sie Ihren Bruder das letzte Mal gesehen?“

„Das war vor drei Wochen. Er kündigte an, dass wir uns eine Weile nicht sehen würden. Für sehr dringende Fälle gab er mir eine Handy Nummer.“

Francine Aarons schob uns einen Zettel zu.

Ich nahm ihn und stellte rasch fest, dass es sich um die Nummer des Prepaid-Handys handelte, das wir im Hotelzimmer von Daniel Garth alias ‚Skorpion’ sichergestellt hatten.

„Allerdings sagte er, dass er nur noch bis zum ersten unter dieser Nummer erreichbar sei.“

„Der erste ist nächsten Mittwoch“, stellte ich fest und sah Milo etwas ratlos an. „Ist da irgendetwas Besonderes?“

Milo zuckte die Schultern.

Ich wandte mich erneut an Francine Aarons und fragte: „Hat er irgendetwas darüber gesagt, was am ersten los wäre?“

„Ja. Er wollte für längere Zeit ins Ausland gehen. Außerdem gab er mir noch die Nummer eines Schweizer Kontos, auf dem am Monatsanfang eine beträchtliche Summe eingehen würde, mit der ich erstmal über die Runden käme. Dabei lachte er und meinte, ich bräuchte mir dann nie wieder finanzielle Sorgen machen. Mehr weiß ich leider nicht.“

„Haben Sie nie gefragt, woher das viele Geld stammt, das er Ihnen für die Behandlung Ihrer Tochter gab?“, hakte ich nach.

Sie schüttelte den Kopf. „Wenn dieses Geld Ihre einzige Hoffnung ist, wäre es Ihnen auch gleichgültig, woher es stammt. Ich habe nur einmal nachgefragt. Jack sagte, er hätte geschäftlich eine Glückssträhne. Das war alles.“

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WIR SCHWIEGEN EINE ganze Weile, nachdem wir wieder in unserem Sportwagen saßen.

„Was wäre am nächsten Mittwoch gewesen?“, fragte Milo plötzlich. „Ich glaube, das ist die entscheidende Frage.“

„Wahrscheinlich ein Riesendeal“, gab ich zurück. „Einer, nach dem Grotzky ausgesorgt hätte.“

„Aber das scheint ihm jemand nicht gegönnt zu haben, Jesse! Und wie dieser Brad Sussman in die Sache hineinpasst, ist mir auch ein Rätsel. Ich hoffe die Kollegen vom Erkennungsdienst kommen endlich mit dem sichergestellten Rechner weiter!“

„Wenn Grotzky den Deal seines Lebens vor sich hatte, dann war das nach allem, was wir wissen, ein Waffendeal“, sagte ich. „Oder zumindest ein Geschäft, das irgendwie im Zusammenhang mit dem Waffenhandel steht.“

„Nur weil Grotzky nachweislich neben einem Waffenhändler stand, dessen Hund von den Kugeln zerfetzt wurde, die seinem Herrchen galten, kann man das noch nicht als gesicherte Tatsache ansehen, Jesse!“

„Warum sollte er sich sonst mit Sundstrom treffen, Milo?“

„Andererseits ist da das Kopfgeld der Giacomettis.“

„Und wenn sich dieser Skorpion einfach nur das Kopfgeld verdienen wollte und Grotzky nur rein zufällig daran hinderte, seinen Lottogewinn in Empfang zunehmen?“

Milo schüttelte den Kopf. „So kommen wir nicht weiter, Jesse. Wir drehen uns im Kreis.“

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ALS WIR ZUM FIELD OFFICE zurückkehrten erfuhren wir, dass es gelungen war, das Handy von ‚Al’ anzupeilen.

„Das Gerät war nur für wenige Minuten eingeschaltet“, erklärte Mister McKee. „Dieser ‚Al’ scheint ein sehr kurzes Gespräch geführt zu haben und schaltete danach das Gerät wieder aus. Interessant ist dabei der Standort, an dem die Kollegen das Gerät anpeilen konnten. Es handelt sich um die syrische UN-Botschaft.“

„Wenn ‚Al’ die syrische Botschaft aufsucht, dann liegt doch der Schluss nahe, dass er selbst diese Staatsangehörigkeit besitzt“, sagte ich.

„Oder es handelt sich um eine Botschaftsangehörigen – und dann wird der Fall natürlich diplomatisch heikel“, antwortete Mister McKee. „Ich habe Kollegen vor die Einfahrt der Botschaft beordert, um zu kontrollieren, welche Fahrzeuge das Gelände verlassen. Wir können natürlich in diesem Fall keine Personenkontrollen durchführen, aber ich bin überzeugt davon, dass unser Mann dabei ist.“

„Wir werden nachher noch nach Newark fahren, um uns mit Agent Sonny Garrison vom Field Office New Jersey zu treffen“, kündigte ich an. „Er bearbeitete den Fall Sundstrom. Vielleicht kommen wir auf diese Weise ein Stück weiter. Auf jeden Fall war oder ist für nächsten Mittwoch irgendein Geschäft angesetzt, an dem Grotzky beteiligt war. Das wissen wir von seiner Schwester. Ein Geschäft, das für ihn einen Ruhestand im sonnigen Süden bedeutet hätte!“

„Vielleicht könnten Sie auch noch mal Vic Ellings, den Geschäftsführer des ‚Plaisir’ etwas eingehender befragen“, schlug Mister McKee vor. „Schließlich kennt er diesen ‚Skorpion’ höchstwahrscheinlich persönlich und könnte uns vielleicht wertvolle Details liefern, die zu seiner Identifizierung und Festnahme führen!“

„Das wollte ich gerade vorschlagen!“, meinte ich und grinste Milo an.

„Übrigens habe ich eine Abhörgenehmigung für sämtliche Telefonanschlüsse von Michael Giacometti. Und für eine Hausdurchsuchung hätten wir auch grünes Licht. Aber die werde ich noch etwas hinauszögern, sonst scheuchen wir die Bande nur auf. Außerdem nehme ich nicht an, dass Giacometti so dumm ist, belastendes Material zu Hause aufzubewahren.“

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WIR KAMEN EINE HALBE Stunde zu spät zu unserem Termin in Newark. Am Lincoln Tunnel wurden Ausbesserungsarbeiten durchgeführt, was den Verkehr im gesamten südlichen Manhattan in Mitleidenschaft zog.

Special Agent Sonny Garrison vom FBI Field Office New Jersey berichtete uns über die bisherigen Ermittlungen im Sundstrom-Fall.

„Nach unseren Erkenntnissen wurde ein ganz großer Waffendeal vorbereitet. Es ging dabei um die illegale Ausfuhr hochmoderner Flugabwehrraketen. Ein Infanterist kann sie von seiner Schulter aus abschießen und damit einen Düsenjet vom Himmel holen. Aber diese Dinger lassen sich auch hervorragend gegen Panzer einsetzen. In der Hand von Terroristen wäre die Ladung ebenso verhängnisvoll gewesen wie in den Depots irgendwelcher Söldner, die angeheuert werden, um Regime zu stürzen oder ins Amt zu bringen. Wir ermittelten monatelang gegen Sundstrom. Uns gelang die Aufzeichnung einiger weniger Telefonate, aber wir konnten seine Geschäftspartner nicht identifizieren. Wie gehen aber davon aus, dass einer von ihnen Syrer war.“

„Wie kamen Sie darauf?“, fragte ich.

„Ein abgehörtes Telefongespräch wurde auf Arabisch geführt. Sundstrom beherrschte diese Sprache. Sein Gesprächspartner sprach nach den Erkenntnissen eines hinzugezogenen Orientalisten mit syrischem Akzent.“

„Was ist mit dieser Waffenladung?“

„Sundstrom wurde kurz vor dem vermuteten Liefertermin umgebracht. Die Ware sollte über den Hafen von Philadelphia geliefert werden  – aber dort ist nie etwas angekommen. Wir dachten schon, dass wir in den eigenen Reihen jemanden hätten, der die andere Seite gewarnt hat.“

„Vielleicht soll dieser große Deal nächsten Mittwoch nachgeholt werden“, murmelte ich.

Milo zeigte Garrison ein Bild von Grotzky. „Dieser Mann stand nachweislich neben Sundstrom, als dieser erschossen wurde.“

„Der Täter?“

„Nach unseren Erkenntnissen ist das beinahe ausgeschlossen. Wir gehen davon aus, dass er Sundstroms Geschäftspartner war“, ergänzte Milo. „Ein ehemaliger FBI Agent namens Jack Aarons, der unter einer neuen Identität als William Grotzky in Yonkers lebte und lange als verdeckter Ermittler gearbeitet hat.“

„Wenn dieser Aarons oder Grotzky seine alten Verbindungen genutzt hat, wäre es durchaus denkbar, dass er von der geplanten Operation im Hafen von Philadelphia wusste. Ich meine, wir tun zwar immer alles nur Menschenmögliche, um Sicherheitslücken zu vermeiden, aber wer will da schon für sich oder andere die Garantie übernehmen. Ein unbedachtes Wort gegenüber einem alten Bekannten...“

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AM ABEND BESUCHTEN wir das ‚Plaisir’ in der Avenue B. Diesmal herrschte hier bereits Betrieb. Der Türsteher erkannte uns wieder und winkte uns durch, ehe wir überhaupt unsere Ausweise gezückt hatten. Kaum jemand achtete auf uns. Die Aufmerksamkeit der meisten Gäste war auf die Tänzerinnen fixiert.

Vic Ellings fanden wir an der Bar.

„Guten Abend, Mister Ellings. Unsere Ausweise haben Sie schon gesehen“, begann ich. „Wir haben noch ein paar Fragen an Sie und würden eigentlich auch gerne noch einmal mit Donald Sorenson, Ihrem Barkeeper, sprechen.“

„Da muss ich Sie leider enttäuschen, Agent Trevellian.“

„So?“

„Bei Ihnen weiß auch die rechte Hand nicht, was die Linke tut, oder? Donald ist heute von Ihren Kollegen der Drogenfahndung festgenommen worden.“ Ellings hob die Hände. „Ich habe damit nichts zu tun, und das war auch nicht im ‚Plaisir’. Die genaueren Umstände kann ich Ihnen nicht sagen, ich weiß nur, dass Donald seit längerem damit zu tun hat. Ich dachte eigentlich, er sei von dem Teufelszeug los, aber anscheinend stimmte das nicht. Und da er nun auch keine Bewährung mehr bekommt, werde ich mir wohl oder übel einen neuen Barkeeper anstellen müssen!“

„Das ist schade“, sagte ich. „Aber ich bin überzeugt davon, dass wir anderweitig Gelegenheit haben werden, Mister Sorenson zu sprechen.“

„Unsere Fragen betreffen diesen Mann!“, erklärte Milo und zeigte ihm ein Foto des Blonden. „Er nennt sich Daniel Garth oder auch einfach ‚Skorpion’. Aber sein wirklicher Name ist George Riley Mattucci. Wir sind überzeugt davon, dass Sie ihn persönlich kennen, Mister Ellings!“

„Ich arbeite schon ziemlich lange in der Unterhaltungsgastronomie. Was glauben Sie wohl, wie viele Menschen man da so kennen lernt! Ich habe Ihnen schon mal etwas Ähnliches gesagt und muss mich bei dieser Gelegenheit leider wiederholen: Es ist vollkommen unmöglich, sich alle Gesichter zu merken!“

„Dieser Mann ist ein Killer. Er hat eine Ihrer Tänzerinnen umgebracht. Das sollte Sie als fürsorglichen Arbeitgeber doch nicht ganz so kalt lassen, Mister Ellings“, sagte ich. „Sehen Sie sich den Mann noch einmal in aller Ruhe an. Er soll sich vor kurzem ein Kopfgeld verdient haben, das auf einen gewissen William Grotzky von niemand anderem als Ihrem Freund Michael Giacometti ausgesetzt worden ist.“

„Wer behauptet, dass Michael Giacometti mein Freund ist?“

„Ihr Geschäftspartner“, korrigierte Milo. „Drehen Sie es wie Sie wollen.“

„Ehrlich gesagt, weiß ich nicht, wie ich Ihnen weiterhelfen soll!“, gestand er und bleckte dabei verlegen die Zähne.

Ich nahm einen neuen Anlauf, um Ellings zu bewegen uns doch noch weiterzuhelfen. Im Moment schien er die Notwendigkeit dafür einfach nicht einzusehen und vielleicht auch den Zorn seines großen Gönners Michael Giacometti zu fürchten.

Ich musste ihm also die Angst nehmen, sich in irgendetwas zu verstricken. „Hören Sie, wir sind nicht hinter jemanden wie Ihnen her, der mit fremdem Geld eine Table Dance Bar führt. Wir wollen Ihnen weder etwas anhängen noch sonst wie in die Suppe spucken. Uns geht es ausschließlich um diesen Mann und alles, was Sie uns über ihn sagen können. Sie beide haben in Clubs als Türsteher angefangen, die unter Giacomettis Kontrolle standen und es würde mich sehr wundern, wenn sich nicht am Ende nachweisen ließe, dass Sie sich tatsächlich begegnet sind. Auch wenn es Jahre zurückliegt!“

Ich legte ihm eines jener Bilder hin, das Mattucci als jungen Mann zeigte.

„Was ist?“, hakte Milo nach.

„Okay, okay... Ich kenne den Kerl. Sie haben Recht, er heißt Mattucci. Aber besonders enge Bekannte waren wir nicht.“

„Vielleicht können Sie uns trotzdem etwas über ihn erzählen.“

„Was denn? Dass er einen völlig kranken Geschmack hatte und für sein Leben gerne Majonäse auf Pizza machte, bis sie in Fett schwamm? Und jetzt sagen Sie mir nicht, dass so etwas  ein früher Hinweis darauf ist, dass jemand auf die schiefe Bahn kommt.“

„Man sollte den Zusammenhang mal untersuchen“, antwortete ich.

„Er war ein sehr guter Schütze und hervorragender Nahkämpfer. Wir haben zusammen in einem Kung Fu-Studio in Little Italy trainiert. Aber das Studio gibt es schon seit  Jahren nicht mehr. Dort ist heute ein Coffee Shop drin.“ Er zuckte die Schultern. „Was soll ich sonst noch sagen? Dass er vielleicht aggressiv war? War er nicht. Ganz im Gegenteil. Er blieb auch in kritischen Situationen immer ruhig und besonnen.“

„Wann haben Sie ihn zuletzt gesehen?“, fragte ich.

„Das ist schon viele Jahre her. Wir haben uns aus den Augen verloren.“

„Und das Kopfgeld?“

„Ach, es kursieren so viele Geschichten in Little Italy. Ich gebe nicht viel auf Gerüchte.“

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DER LÜGT DOCH!“, MEINTE Milo aufgebracht.

„Natürlich lügt der, aber wir können es ihm nicht beweisen.“

„Und was haben wir jetzt in der Hand? Gar nichts!“

„Mit etwas Glück verliert er die Nerven und führt mit seinem Boss ein aufschlussreiches Telefongespräch, das unsere Kollegen mitschneiden können.“

„Um ehrlich zu sein, an so viel Glück glaube ich nicht!“

„Pessimist!“

„Ich werde Max Carter mal vorschlagen, dass unser Innendienst sämtliche Pizza-Services darauf hin anspitzt, ob jemand eine Pizza mit Majonäse haben will!“

„Damit legst du unseren Innendienst für Wochen lahm, Jesse!“

„So viele Pizzabäcker gibt es nun auch nicht in New York.“

Wir fuhren an diesem Abend nicht mehr zurück in die Federal Plaza. Wir aßen noch etwas in eine Snack Bar und dann setzte ich Milo an der bekannten Ecke ab.

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WIR FUHREN AM NÄCHSTEN Morgen nach Rikers Island um Donald Sorenson zu befragen. Zuvor nahmen wir Kontakt zu den Drogenfahndern des 23. Reviers auf, die ihn mit einer Kokain-Menge erwischt hatten, die das Doppelte dessen betraf, was das Gesetz unter Eigenbedarf verstand. Da Sorenson schon mehrere einschlägige Vorstrafen hatte, musste er diesmal damit rechnen, seine Strafe auch abzusitzen.

Entsprechend schlecht gelaunt trat er uns im Verhörraum auf Rikers Island entgegen.

„Ich sollte vielleicht auf meinen Anwalt warten, bevor ich Ihnen gegenüber auch nur einen Ton sage“, meinte Sorenson gallig.

„Das können Sie natürlich tun“, gestand ich zu. „Aber erstens hat unsere Befragung nicht das Geringste mit Ihrer Drogensache zu tun und zweitens befragen wir Sie ausschließlich als Zeugen und nicht als Verdächtigen.“

„Es geht immer noch um den Kahlkopf mit Schnauzbart?“, lachte er.

„Ja.“

Ich legte ihm ein paar Fotos auf den Tisch. Sie zeigten Mattucci in seinen verschiedenen Identitäten. Der Mann mit Schnauzbart und Glatze war auch darunter. „Das war nicht der schüchterne Typ im ‚Plaisir’“, sagte er mit Bestimmtheit. „Glauben Sie mir, Agent Trevellian!“

„Ich glaube Ihnen durchaus. Schließlich bestätigen Sie mit Ihrer Aussage letztlich nur das Statement einer anderen Zeugin.“

Er sah sich die Bilder noch einmal genau an.

Seine Augen wurden schmal.

„Das ist doch nicht möglich“ meinte er. „Sind die verwandt?“

„Es ist derselbe Mann. Er heißt Mattucci, benutzt aber auch andere Namen.“

„Ich habe den Kerl schon gesehen. Da sah er allerdings so aus!“ Er deutete auf das Bild, das Mattucci mit blonden, kurz geschorenen Haaren zeigte. „Ich glaube, er lässt sich gerne Skorpion nennen – kann das sein?“

„Reden Sie weiter, Mister Sorenson!“

Sorenson lachte. „Nein, so einfach ist das nicht. Ich will erst wissen, was für mich drin ist!“

„Was erhoffen Sie sich denn?“

„Na, was wohl? Ich sitze hier im Loch, ein völlig hirnloser Richter hält mich für einen Drogenbaron, weil ich etwas größere Vorräte für den Eigenbedarf angelegt habe und brummt mir eine astronomische Kaution auf, die ich nie im Leben aufbringen könnte... Tja, und jetzt erklärt mir mein Pflichtverteidiger, dass ich auf Bewährung wohl nicht mehr zu hoffen bräuchte!“

„Was die Bewährung angeht, könnten wir mit der Staatsanwaltschaft reden“, schlug ich vor.

Aber das genügte Sorenson nicht. Er schüttelte energisch den Kopf. „Sie wollen mich doch austricksen! Erst will ich wissen, ob für mich tatsächlich eine Bewährung drin ist, dann sage ich aus. Das Ganze hat doch mit einem Kopfgeld zu tun, das ein gewisser, in Little Italy beheimateter Mitbürger auf jemanden ausgesetzt hat, wenn ich mich nicht irre. So langsam setzen sich in meinem Kopf nämlich ein paar Puzzleteile zusammen!“

Milo und ich wechselten einen kurzen Blick. Ich fragte mich, ob dieser kokainsüchtige Barkeeper uns tatsächlich etwas anzubieten hatte oder nur bluffte.

„So geht das nicht“, erklärte ich ihm.

„Was soll das heißen?“, ereiferte er sich.

„Sie sagen uns zuerst, was Sie wissen. Und wir überlegen dann, ob das reicht, um den Staatsanwalt überhaupt zu bemühen.“

Milo ergänzte: „Wir nehmen das als informelle Aussage. Sie haben keine Nachteile davon. Aber Sie werden verstehen, dass wir nicht die Katze im Sack kaufen können, wenn Sie verstehen, was ich meine.“

Er zögerte.

Ich erhob mich von meinem Platz.

„Milo, wir verschwenden unsere Zeit!“

„Scheint mir auch so. Und dabei bestünde kein Risiko für ihn. Ich verstehe das nicht! Schließlich wäre die Staatsanwaltschaft in jedem Fall darauf angewiesen, dass er seine Aussage noch einmal offiziell wiederholt.“

Ich nickte. „Ja, und wenn dieser Profikiller namens Skorpion erst einmal das nächste Opfer erledigt hat, wird Ihnen niemand mehr Bewährung geben, Sorenson!“

„Warten Sie!“ rief er.

„Wir hören!“, forderte ich.

Er atmete tief durch, musterte uns beide der Reihe nach kurz und begann schließlich auszupacken.

„Alles weiß ich nicht. Schließlich bin ich auch nicht offiziell in irgendetwas eingeweiht worden, sondern habe lediglich so am Rande etwas mitbekommen. Aber das ist für jemanden, der für die Drinks zuständig ist, nicht allzu schwer.“

„Kommen Sie zur Sache, Mister Sorenson!“, forderte Milo unmissverständlich.

„Okay, wie Sie wollen: Der Kerl auf dem Foto – Mattucci oder Skorpion oder wie auch immer! – hat sich das Kopfgeld abgeholt.“

„Das weiß halb Little Italy!“, hielt ich entgegen.

„Ja, aber ich weiß, wo sich das abgespielt hat!“

„Wo?“

„In einem Hinterzimmer des ‚Plaisir’. Ich war nicht dabei und ich habe deswegen auch nicht mit eigenen Augen gesehen, dass Michael Giacometti ein Bündel mit Geldscheinen über den Tisch gehen ließ. Aber ich weiß von Vic Ellings, dass er davon mit einer verborgenen Kamera eine Aufnahme machte. Als eine Art Versicherung, falls Giacometti eines Tages auf die Idee kommen sollte, ihm das Plaisir einfach wieder wegzunehmen.“

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ZEITGLEICH BEGANN EINE Durchsuchungsaktion im ‚Plaisir’, in Vic Ellings Privaträumen, die sich in der Etage darüber befanden und in Michael Giacomettis Residenz, die in einem Sandsteinhaus in der Mott Street zu finden war.

Clive Caravaggio leitete die Operation in der Mott Street, während Milo und ich mit dabei waren, als das ‚Plaisir’ auf den Kopf gestellt wurde.

Mehrere Dutzend FBI-Agenten und Erkennungsdienstler waren daran beteiligt. Die gesuchte Aufnahme wurde schließlich in Ellings’ Safe gefunden. Zumindest eine Kopie davon. Ellings hatte die digital erstellte Aufnahme auf eine DVD gebrannt.

Noch im ‚Plaisir’ sahen wir uns die Aufzeichnung auf einem Laptop unserer Kollegen an.

Es war deutlich zu sehen, wie Michael Giacometti dem ‚Skorpion’ genannten Mattucci einen Umschlag gab, um dessen Inhalt von dem Profi-Killer eingehend geprüft und nachgezählt wurde.

Der dabei aufgenommene Dialog ließ keinerlei Zweifel am Sachverhalt.

Wir holten Ellings dazu. „Ihr Boss Michael Giacometti wird in Kürze ziemlich tief im Sumpf seiner früheren Verbrechen stecken“, sagte Milo an den Geschäftsführer des ‚Plaisir’ gerichtet. „Sie sollten frühzeitig überlegen, ob Sie nicht mit uns kooperieren wollen!“

Vic Ellings reagierte genau, wie wir es eingeschätzt hatten.

„Mit dem, was Skorpion getan hat, habe ich nichts zu tun“, erklärte er. „Ich wollte mich nur absichern...“

„Erklären Sie uns, wie die Aufnahme zu Stande kam“, forderte ich.

„Michael Giacometti sagte, er bräuchte einen Raum, in dem er ungestört mit jemandem sein könnte. Ich dachte erst an eine Frau, bis Mattucci auftauchte. Ich habe ihn nicht gleich wieder erkannt. Mit den blonden Haaren hatte er sich ziemlich verändert und außerdem war es Jahre her, dass ich ihn zum letzten Mal gesehen habe.“

„Hat er Ihnen gesagt, was er im ‚Plaisir’ suchte?“

„Er mich angegrinst und gesagt, dass er sich bei Giacometti etwas abholen wollte. Mir war sofort klar, dass es sich um das Kopfgeld handelte. So habe ich dafür gesorgt, dass alles auf Video aufgezeichnet wurde. Ich dachte, so eine Gelegenheit bekomme ich nie wieder, Michael Giacometti in meine Hand zu bekommen und dann die Garantie zu haben, dass er mich meine Geschäfte machen lässt!“

„Wie kommen Sie nur auf diesen Gedanken“, erwiderte ich. „Sie wissen doch, was Michael und sein Vater mit Leuten zu tun pflegten, die ihnen im Weg waren.“

„Ja, das mag sein. Aber ich wäre in einer Position gewesen, die das ausgeschlossen hätte. Eine Kopie dieser DVD befindet sich bei einem Anwalt, der den Auftrag hatte, die Aufzeichnungen im Falle meines Todes der Justiz zu übergeben.“

„Haben Sie irgendeine Ahnung, wo sich Mattucci jetzt befinden könnte?“, hake Milo nach.

Ellings grinste.

„Sie können froh sein, wenn der Kerl überhaupt noch im Lande ist! Und das ist er auch garantiert nur, falls es dafür noch einen triftigen Grund für ihn geben sollte!“

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GEGEN MICHAEL GIACOMETTI bereitete die Staatsanwaltschaft eine Anklage wegen Verabredung zum Mord vor. Vic Ellings würde wahrscheinlich glimpflicher davonkommen. Er hatte von einem Verbrechen erfahren und es nicht an die Behörden gemeldet. Aber diese Strafvereitelung brachte ihm wahrscheinlich nur eine Geldstrafe ein, zumal es maßgeblich seiner Aussage und seinem Beweismaterial zu verdanken war, dass Giacometti hinter Gittern saß. Dessen Antrag auf Kaution wurde abgelehnt, da man davon ausging, dass Michael Giacometti die Mittel hatte, um Handumdrehen das Land zu verlassen und sich der Strafverfolgung zu entziehen.

Aber wirklich zufrieden war niemand von uns. Erstens hatten wir noch immer keine Spur von Mattucci und zweitens war da noch dieses mysteriöse Geschäft, das William Grotzky hatte durchziehen wollen.

Der Mittwoch rückte unaufhaltsam näher. Und wahrscheinlich würde dann irgendwo eine Ladung von hochmodernen Flugabwehrraketen den Besitzer wechseln. Es konnte dann noch einmal ein paar Jahre dauern, bis man von ihrem Einsatz in den Nachrichten erfuhr.

„Brad Sussman!“, stieß ich irgendwann hervor, während Milo und ich in unserem gemeinsamen Dienstzimmer saßen.

„Ist irgendetwas, Jesse!“

„Milo, ich glaube einfach nicht, dass das Kopfgeld der Giacomettis ausschlaggebend für den Mord an Grotzky war.“

„Aber du hast doch die Aussage von Vic Ellings gehört!“, erinnerte mich Milo.

„Natürlich habe ich die gehört und ich habe mir auch ein Dutzend Mal durchgelesen, was Michael Giacometti unseren Verhörspezialisten dazu gesagt hat. Aber es passt für mich alles einfach nicht zusammen.“

Milo lehnte sich zurück, griff nach seinem Kaffeebecher und verzog das Gesicht, als er merkte, dass dessen Inhalt bereits kalt war.

„Weder Mister McKee noch Staatsanwalt Thornton oder irgendjemand anders wird es mitmachen, wenn du die Ermittlungen jetzt noch mal ganz von vorne aufrollen willst!“

„Warum starb Brad Sussman?“, beharrte ich. „Das ist die entscheidende Frage! Wir wissen schließlich, dass Grotzky und Sussman mit Sicherheit beide von Mattucci getötet wurden!“

„Ja, aber vielleicht war der Auftraggeber ja jemand anderes und es gibt gar keinen Zusammenhang zwischen den beiden Opfern – außer dem, dass sich kannten und das Pech hatten, vom selben Killer umgebracht zu werden!“

„Und die Sundstrom-Sache?“

„Es muss nicht alles zusammenhängen und einen Sinn ergeben, Jesse!“

„Es wäre gut, wenn wir diesen ‚Al’ dazu befragen könnten!“

„Fragt sich nur, ob der uns auch antworten würde!“

Ich rief noch mal bei den Computerspezialisten der Scientific Research Division an. Dort war der Rechner aus Brad Sussmans Büro inzwischen gelandet.

Am Apparat war Dave Ontario, ein Experte wenn es darum ging, an die Daten von Rechnern heranzukommen, deren Besitzer alles Mögliche getan hatte, um den Zugriff zu verhindern.

„Wir arbeiten dran!“, versprach mir Ontario. „Aber mit ein paar Tagen ist wohl zu rechnen!“

Zwei Stunden später bekamen wir von Max Carter die Meldung, dass ein Pizza Service in der Bronx eine Bestellung bekommen hatte, bei der nach einer Pizza mit reichlich Majonäse gefragt worden war.

Die Adresse gehörte zu einem Hotel in Riverdale, einem eher bürgerlich geprägten Teil der Bronx.

Mit zwei Dutzend Agenten brachen wir auf. Außerdem baten wir die City Police um Unterstützung bei der Absperrung benachbarter Straßen.

Die Dämmerung hatte bereits eingesetzt, als wir das Hotel erreichten. Es handelte sich um einen gepflegten Sandsteinbau. RIVERDALE STAR stand in Großbuchstaben in einem Bogen über dem Eingang.

Wir legten Kevlar Westen und Headsets an. Dann begannen wir damit, das Gebäude weiträumig zu umstellen. Noch einmal sollte uns Mattucci nicht entwischen.

Mit insgesamt acht Agenten betraten wir das Foyer. Die Ausgänge wurden besetzt. Clive zeigte dem verdutzten Portier, der bereits zum Telefon greifen wollte, zuerst seine ID-Card und anschließend ein Foto des Mannes, der sich selbst als ‚Skorpion’ bezeichnete.

„Ist dieser Mann hier in diesem Hotel?“

Der Portier schüttelte den Kopf. „Nein!“

„Es könnte sein, dass er sich optisch verändert hat!“

Er schüttelte energisch den Kopf. „Ausgeschlossen!“

„Aber vorhin müsste hier eine Pizza-Bestellung eingetroffen sein.“

„Nun, eigentlich dürfen die Gäste keine Lebensmittel mit auf die Zimmer nehmen, aber...“

„Welche Nummer?“, forderte ich. „Es uns gleichgültig, ob er Ihnen dafür ein paar Scheine gegeben hat, damit Sie beide Augen zudrücken!“

Der Portier seufzte. „Es war die Nummer 17.“

Die Agenten Fred LaRocca und Josy O'Leary blieben im Foyer. Wir anderen gingen die Treppe hinauf und erreichten schließlich die Tür mit der Nummer 17.

Milo trat die Tür ein und ließ sie zur Seite fliegen. Ich stürmte als erster in das Zimmer.

„FBI! Waffe weg!“, rief ich.

Der Mann, der sich auf dem Bett ausgestreckt hatte, griff zum Nachttisch, wo eine Automatik bereit lag. Seim Gesicht wirkte grau und faltig. Das Haar war fast weiß und stark ausgedünnt. Man hätte ihn auf den ersten Blick für einen Siebzigjährigen halten können. Nur seine Bewegungen verrieten, dass er gerade halb so alt war.

Er riss die Waffe herum.

Ich feuerte, bevor er zum Schuss kam. Ein  Ruck ging durch seinen Körper. Meine Kugel hatte seine Schulter durchbohrt.

Noch einmal wollte er die Waffe hochreißen. Aber der Arm gehorchte ihm nicht mehr. Die Waffe entglitt seiner Hand, während sich sein Hemd an der Schulter blutrot verfärbte. Er stöhnte auf.

„Mister Mattucci oder wie immer Sie sich im Moment auch nennen mögen, ich verhafte Sie wegen der Morde an William Grotzky, Vanessa McKenzie und Brad Sussman“, sagte ich.  „Außerdem werden Ihnen die Morde an den FBI-Agenten Ray Gozan und Sandra McIntyre zur Last gelegt. Sie haben das Recht zu schweigen. Falls Sie aber auf dieses Recht verzichten, kann alles, was Sie sagen, vor Gericht gegen Sie verwendet werden!“

„Das Kopfgeld, das Sie von Michael Giacometti erhalten haben, werden Sie jedenfalls nicht mehr genießen können“, ergänzte Clive Caravaggio.

„Ihr könnt mich mal!“, knurrte Mattucci.

Sein Gesicht war zu einer Grimasse geworden.

Wir riefen den Emergency Service. Die Schussverletzung wurde versorgt. Anschließend wurde er nach Rikers Island abtransportiert.

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MICH BESCHÄFTIGT DIE Frage, weshalb er nicht einfach ins Ausland verschwunden ist“, wandte ich mich auf der Rückfahrt an Milo.

„Jetzt übertreib es nicht! Wir haben einen Profi-Killer gefangen und außerdem noch mehr als genug Beweismaterial, um dafür zu sorgen, dass er seinem Job nie wieder nachgehen kann. Daher sollten wir zufrieden sein.“

„Und was ist mit dieser Waffenlieferung, die Sundstrom vermittelt hat? Wer sind die Hintermänner? Das lässt mich einfach nicht los.“

„Wenn Mattucci schlau ist, dann packt er möglichst schnell aus“, meinte Milo. „Schließlich dürfte ihm für seine Taten die Todesstrafe drohen.“

Am nächsten Morgen lobte uns Mister McKee für den Einsatz am vergangenen Abend.

„Das war gute Arbeit. Ein gefährlicher Killer geht jetzt nicht mehr seinem blutigen Gewerbe nach. Im Moment unterhalten sich gerade unsere Verhörspezialisten mit ihm. Die Verwundung an der Schulter wird keine dauerhaften Schäden hinterlassen.“

„Was hat die Observation der syrischen Botschaft gebracht?“, erkundigte ich mich. „Schließlich suchen wir doch immer noch nach diesem geheimnisvollen ‚Al’!“

Mister McKee hob etwas die Schultern. „Leider überhaupt nichts. Es ist gut möglich, dass dieser ‚Al’ in einer dieser Limousinen mit dunklen Scheiben saß und einfach an unseren Agenten vorbei gefahren ist. Sein Handy hat er jedenfalls nicht mehr benutzt. Aber Max hat inzwischen eine Theorie, um wen es sich bei diesem Al handeln könnte.“ Mister McKee wandte sich unserem Kollegen aus dem Innendienst zu. „Bitte, am besten tragen Sie das vor!“

Max nickte. „Al könnte dieser Mann sein“, erklärter er und projizierte dabei das Bild eines noch recht jungen Mannes, dessen Kopf allerdings von einem dünnen Haarkranz abgesehen fast vollkommen kahl war. „Es handelt sich um ein älteres Bild und den Schnauzbart hat er sich wohl erst später stehen lassen. Er reist ab und zu unter dem Namen Albert Barre und benutzt dann einen französischen Pass. Aber in Wahrheit heißt er Ali Anwar Al-Kebir und besitzt sowohl einen syrischen als auch einen libanesischen Pass. Er ist Import/Export-Kaufmann und Inhaber mehrerer Firmen in Zürich, Paris und Beirut. Davon abgesehen gilt er als einer der erfolgreichsten Makler im internationalen Waffenhandel.“

„Und wo finden wir diesen Mann?“, fragte Milo.

„Genau das ist die Schwierigkeit“, erläuterte Max.

„Warum fragen wir nicht einfach Mattucci?“, fragte ich und erntete erst einmal etwas irritierte Blicke.

„Wir gehen im Moment davon aus, dass Mattucci auf Grund des Kopfgeldes aktiv wurde, das Michael Giacometti auf Grotzkys Kopf aussetzte. Aber wer sagt uns denn, dass dieser clevere Killer nicht den Mord an Grotzky im Auftrag eines ganz anderen beging und einfach nur die Möglichkeit ausnutzte, auch noch Giacomettis Kopfgeld abzustauben?“

„Das wäre eine kluge Vorgehensweise“, unterstützte mich Mister McKee. „Michael Giacometti konnte sich aus seinem Versprechen, demjenigen ein kleines Vermögen zu zahlen, der Grotzky zur Strecke brachte, unmöglich zurückziehen. Dann hätte er in Little Italy sein Gesicht verloren.“

„Viele sind dort ohnehin der Ansicht, dass Michael nicht das Format seines Vaters hat!“, berichtete Clive Caravaggio. „Außerdem stand Mattucci die Belohnung aus Sicht der Familie ja auch zu. Schließlich hatte er einen Job erledigt, den sonst ein Familienmitglied hätte übernehmen müssen, um die Ehre wiederherzustellen!“

Mister McKee wandte sich an mich. „Es steht Ihnen jederzeit frei, nach Rikers Island zu fahren und mit Mattucci zu sprechen, wenn Sie glauben, dass Sie etwas aus ihm herausbekommen, Jesse!“

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DAS LIEß ICH MIR NICHT zweimal sagen. Wir trafen uns mit Mattucci auf Rikers Island.

„Sie sind der G-man, der mich fast erschossen hätte!“, knurrt er mich an. „Dazu kann ich nur sagen: Schlechte Arbeit, G-man!“

„Es war nicht meine Absicht, Sie zu töten“, erwiderte ich. „Ich hätte Sie nicht einmal verletzt, wenn Sie mir eine andere Wahl gelassen hätten.“

Mattucci lachte heiser.

„Ich allerdings hätte Sie auf keinen Fall verfehlt. Aber Sie sind mir zuvor gekommen!“

„Hatten Sie schon Gelegenheit, sich mit Ihrem Rechtsbeistand abzusprechen?“

„Ein Pflichtverteidiger. Ich glaube, ich werde ihn zum Teufel jagen und nach einem anderen Anwalt Ausschau halten. Aber vielleicht kann ja auch der Staatsanwalt etwas für mich tun.“

„Das dürfte in Ihrem Fall schwierig sein. Aber nicht unmöglich!“

„Ich hatte schon das zweifelhafte Vergnügen, ihm zu begegnen. Allerdings schien er nicht daran interessiert zu sein, mir ein Angebot zu machen.“

Ich zuckte die Schultern. „Warum sollte er auch? Die Beweislage ist ziemlich klar. Sie werden in allen Anklagepunkten mit einem Schuldspruch rechnen müssen.“

„Vielleicht gäbe es ja doch eine Möglichkeit der Kooperation. Ich bin nur noch nicht so recht darüber im Klaren, ob ich meine Trümpfe jetzt schon ausspielen soll oder erst vor Gericht?“

„Natürlich jetzt, sonst sind sie nichts mehr wert!“, mischte sich Milo ein.

Mattucci lächelte. „Oh, ich hatte schon gedacht, Sie wären stumm, Mister...“

„Agent Tucker“, erwiderte Milo ziemlich frostig. „Für Sie läuft es auf die Todesstrafe raus. Wenn Sie noch etwas herausschlagen wollen, müssen Sie jetzt anfangen zu kooperieren, sonst ist es zu spät.“

„Das klingt für mich einleuchtend. Und ich nehme an, dass jener widerborstige Staatsanwalt bei mir noch einmal zu Kreuze kriecht, damit ich ihm alles sage, was ich weiß!“

„Sagen Sie mir der Einfachheit halber doch erst einmal, ob Sie diese Person kennen!“, verlangte ich und legte ihm das Jugendfoto von Ali Anwar Al-Kebir vor.

„Das ist Al“, sagte er. „In jüngeren Jahren allerdings – und ohne Schnauzbart.“ Mattucci kicherte. „Von ihm bekam ich den Auftrag, William Grotzky und Brad Sussman umzubringen.“

„Und das Kopfgeld?“

„Das habe ich zusätzlich mitgenommen. Ich war natürlich darüber informiert. Schließlich habe ich lange für die Giacometti-Familie gearbeitet. Aber dieser Al ist das Zentrum des Ganzen. Mehr sage ich allerdings nur, wenn Sie den Staatsanwalt mit ins Spiel bringen.“

„Wissen Sie denn, wo dieser Al steckt?“, fragte ich skeptisch.

„Nein, das weiß ich nicht“, erwiderte er etwas gereizt. „Aber ich weiß, wie man ihn herbeiruft, wenn man etwas von ihm will!“

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DIE DUNKLE, ÜBERLANGE Limousine bog vom Elevated Highway im Südosten Manhattans ab und fuhr auf Pier 17 zu.

Schließlich hielt das Fahrzeug.

„Lassen Sie den Motor laufen!“, wandte sich Al von der Rückbank aus an den Chauffeur.

Er legte die Hände in den Schoß und spielte nervös mit dem Ring an seiner Linken. Immer wieder strich er über die glatte Oberfläche des in Gold gefassten schwarzen Steins oder zog den Ring ein Stück vom Finger herunter, um ihn anschließend wieder zurück zu schieben.

Der Blick wirkte angespannt.

Al sah hinaus in Richtung der glitzernden Wasseroberfläche. Die zwischen Manhattan und Brooklyn verkehrende Fulton Landing Ferry befand sich gerade auf halbem Weg zu ihrer Anlegestelle am gegenüberliegenden Ufer.

„Was kann dieser Skorpion jetzt noch von Ihnen wollen? Es ist alles vorbereitet und wenn niemand mehr dazwischenfunkt, geht der Deal am Mittwoch glatt über die Bühne“, meinte einer der anderen Männer, die sich in der Limousine befanden. Er saß links neben Al und überprüfte gerade die Ladung seiner Waffe. Sorgfältig schraubte er dann einen Schalldämpfer auf.

„Ich nehme an, dass dieser unverschämte Kerl seinen Anteil noch einmal etwas in die Höhe treiben will!“, glaubte Al und sein Gesicht verzog sich dabei zu einer Maske des Abscheus.

„Ich würde kurzen Prozess machen!“, meinte der Mann neben ihm.

„Ich auch, Thierry!“

„Warum dann diese Zurückhaltung, Al?“

„Wir haben keine andere Wahl. Wenn wir nicht auf ihn eingehen, gefährden wir damit das Geschäft am Mittwoch. Und das darf unter keinen Umständen geschehen.“ Ein zynisches Lächeln erschien in Als blassem Gesicht. „Danach ist er Freiwild, Thierry. Und ich sage dir, wir werden uns jeden Cent zurückholen, den er an der Sache verdient haben wird!“

„Dieser verdammte Bastard!“

Al hüstelte verlegen. „Ich würde mich nicht so drastisch ausdrücken, Thierry, aber im Prinzip haben Sie Recht.“

„Da kommt ein Wagen!“, mischte sich jetzt der Chauffeur ein.

Ein Van mit getönten Scheiben fuhr gerade vom Elevated Highway herunter.

Thierry grinste.

„Offenbar hat sich unser Freund im Vorgriff auf den großen Deal schon einmal einen neuen Wagen geleistet!“, glaubte er.

„Oder er hatte Schwierigkeiten“, erwiderte Al.

Der Van fuhr seitlich neben die Limousine.

In diesem Moment fuhren noch weitere Fahrzeuge vom Elevated Highway herunter. Al hatte bereits seine Scheibe zur Hälfte heruntergelassen, als er plötzlich zögerte.

„Losfahren! Das ist eine Falle!“, schrie er den Chauffeur an. Dieser trat das Gaspedal durch. Die Limousine machte einen Satz nach vorn. 

Anschließend fuhr sie eine scharfe Kurve. Die Reifen quietschten. Mit aufheulendem Motor raste sie auf die Ausfahrt zum Elevated Highway zu, doch mehrere der ankommenden Fahrzeuge blockierten den Weg. Der Chauffeur trat in die Bremsen. Die Limousine brach hinten aus, bevor sie nach einer Vollbremsung schließlich zum stehen kam.

Sie waren nun von allen Seiten umringt.

Es gab kein Entkommen mehr.

Bewaffnete sprangen aus den Wagen.

„Hier spricht das FBI! Öffnen Sie die Türen und steigen Sie aus!“, krächzte eine Megafonstimme.

Wenig später war die Limousine von bewaffneten FBI-Agenten umringt.

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ICH RISS DIE TÜR DER Limousine auf. Die Dienstwaffe hielt ich dabei in der Rechten. Die anderen Türen wurden von den Kollegen geöffnet. Der bewaffnete Mann hinten links ließ die  Pistole mit Schalldämpfer fallen, die er bis dahin in der Hand gehabt hatte.

Auch der Chauffeur leistete keinen Widerstand.

„Aussteigen!“, forderte ich. „Mister Ali Anwar Al-Kebir? Oder nennen Sie ich gegenwärtig wieder Mister Albert Barre? Auf jeden Fall sind Sie verhaftet und haben das Recht...“

„Ich kenne meine Rechte“, sagte Al.

„Sie werden beschuldigt, die Morde an William Grotzky und Brad Sussman in Auftrag gegeben zu haben.“

„Das ist lächerlich! Wer sagt das?“

„Ein Mann, den Sie unter dem Namen Skorpion kennen und der sich sogar eine Beteiligung an dem großen Geschäft erpresst hat, das am Mittwoch im Hafen von New York über die Bühne gehen soll.“

Al schluckte jetzt.

„Dieser Narr!“, murmelte er.

Ich zog ihn aus dem Wagen heraus. Milo durchsuchte ihn und stellte eine kleinkalibrige Waffe und zwei Handys sicher. Anschließend klickten die Handschellen.

„Sie haben keinerlei Beweise!“, zeterte er.

„Oh doch, die haben wir!“, widersprach ich. „William Grotzky, Brad Sussman, Eric Sundstrom und Sie – das war schon ein illustrer Kreis. Ein Kreis, in den jeder seine besonderen Fähigkeiten und Verbindungen mit eingebracht hat und dessen gemeinsames Ziel es war, möglichst viel Gewinn zu machen.“

„Sie erzählen interessante Geschichten, Mister...“

„Agent Trevellian!“ 

„Wie auch immer, Sie werden uns sehr schnell wieder auf freien Fuß setzen müssen.“

„Einer von Ihnen wurde zu gierig. Das waren Sie. Nachdem ein Riesendeal mit Flugabwehrraketen eingefädelt worden war, glaubten Sie, auf Ihre Partner nicht mehr angewiesen zu sein und haben versucht sie auszubooten. Zuerst versuchten Sie es mit Ihren Leuten in eigener Regie. Sundstrom starb, aber Grotzky entkam unversehrt der Falle, die Sie den beiden gestellt haben!“

„Reine Fantasie, Agent Trevellian!“

„Dann engagierten Sie einen Profi“, ergänzte Clive, der hinzugetreten war. „Einen Mann, der sich Skorpion nennt und der inzwischen eingesehen hat, dass es für ihn das Beste ist, mit uns zu kooperieren!“

„Und Sie glauben einem Mann, der letztlich nur darauf aus ist, seinen Hals zu retten?“, ereiferte sich Al.

Sein Gesicht war dunkelrot angelaufen.

„Abführen!“, sagte Clive.

„Nein!“, widersprach Al. „Sehen Sie in meiner Tasche nach! Dort befindet sich mein Pass – und dann werden Sie einsehen, dass Sie mich nicht verhaften können!“

„Brad Sussman besaß die Nummer Ihres Prepaid Handys“, stellte ich fest. „Und es gibt Zeugen, die Sie zusammen mit Grotzky gesehen haben. Aber Sie dachten nicht mehr daran, Ihren Gewinn zu teilen.“

„Sehen Sie in der Tasche nach!“, zeterte er. „Dort werden Sie einen syrischen Diplomatenpass ausgestellt auf den Namen Ali Anwar Al-Kebir finden.“

Milo holte die Tasche aus dem Wagen und durchsuchte. Es fanden sich mehrere Passdokumente darin. Darunter auch ein syrischer Diplomatenpass.

Milo reichte mir das Dokument.

„Er hat Recht, Jesse!“

„Wir werden seine Identität zunächst überprüfen müssen!“, stellte Clive Caravaggio klar. „Und dazu nehmen wir ihn auf jeden Fall erst einmal fest.“

„Ja, aber schon nach ein paar Stunden werden Sie mich wieder laufen lassen müssen!“, rief Al. „Und ich sage Ihnen, jeder von Ihnen riskiert seinen Pensionsanspruch, denn ich werde dafür sorgen, dass es eine diplomatische Intervention gibt! Und Sie stehen dann als Verursacher einer außenpolitischen Krise da, die im Moment alle Seiten verhindern wollen!“

„Abwarten“, meinte Clive trocken.

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ICH HABE MEHRMALS mit Washington telefoniert“, berichtete Mister McKee später. „Es sieht leider ganz so aus, als käme Mister Al-Kebir mit seiner Strategie durch.“

„Der Diplomatenpass ist leider echt“, erklärte unser Innendienstler Max Carter. „Ich nehme an, dass er in der Botschaft ein paar Leute geschmiert hat, damit er diesen Pass ausgestellt bekommt. Es liegen nämlich keinerlei Hinweise darauf vor, dass er der syrischen Staatspartei angehört, was eigentlich Voraussetzung wäre, um als Angehöriger einer Botschaft zu fungieren. Und im Übrigen ist er in seiner Funktion als angeblicher Botschaftsangehöriger auch den Kollegen der CIA völlig unbekannt.“

„Im Augenblick ist der Stand der Dinge einfach der, dass er sich weigert, auf unsere Fragen zu antworten und lediglich monoton auf seinen Diplomatenstatus hinweist“, erklärte Mister McKee.

„Das bedeutet, er wird Recht behalten und wir müssen in ein paar Stunden einen Mann auf freien Fuß setzen, der nachweislich mehrere Morde in Auftrag gegeben hat“, stellte ich bitter fest.

„Wir können nicht immer gewinnen!“, gab Clive zu bedenken.

Aber in dieser Situation fiel es mir schwer, das zu akzeptieren.

„Die Beweise, mit denen belegt werden kann, dass Al-Kebir die treibende Kraft bei den Morden war, verdichten sich übrigens“, berichtete Max Carter. „Ich habe vorhin mit Dave Ontario von der SRD gesprochen. Danach ist es jetzt endlich gelungen, an die Daten von Brad Sussmans Rechner zu gelangen. Offenbar wurde Sussman die Sache zu heiß, nachdem er sich zusammengereimt hatte, wer für den Tod von William Grotzky verantwortlich war. Darum hat er damit begonnen, eine Email an das FBI zu verfassen. Sie ist allerdings nie abgeschickt worden.“

In diesem Moment klingelte das Telefon auf Mister McKee Schreibtisch.

Der Chef unseres Field Office nahm das Gespräch entgegen.

Mehrfach sagte er kurz hintereinander nur: „Ja.“

Dann legte er wieder auf.

Wir sahen ihn alle erwartungsvoll an.

„Es gibt Hoffnung“, verkündete er. „Offenbar hat man auch in Damaskus gemerkt, dass es mit dem Diplomatenpass von Mister Al-Kebir nicht ganz mit rechten Dingen zugehen kann und ist außerdem im Moment wohl auch nicht an diplomatischen Verwicklungen interessiert. Das Dokument wurde von syrischer Seite schlicht als Fälschung bezeichnet. Mister Al-Kebir sei nie Angehöriger der syrischen UN-Botschaft gewesen und habe dort auch jetzt keinerlei Funktion.“

„Dann haben wir ihn!“, stellte Clive fest.

„Vielleicht können wir ihn zur Kooperation überreden“, schlug ich vor. „Schließlich sollten wir alles daran setzen, dass dieser Waffendeal nicht über die Bühne geht und Al-Kebirs Geschäftspartner ebenfalls aus dem Verkehr gezogen werden!“

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AL-KEBIR STELLTE DICH überraschend schnell auf die neue Lage ein. Nachdem er ausgiebig mit seinem Anwalt gesprochen hatte, der von der syrischen Botschaft gestellt worden war, sah er ein, dass er von dort keine Unterstützung mehr erwarten konnte.

Der Diplomatenpass war wertlos geworden.

Also blieb ihm nichts anderes übrig, als mit uns zu kooperieren. Schließloch musste er auch damit rechnen, dass Mattucci noch weitere Details ihrer Zusammenarbeit ausplauderte.

„Okay, ich helfe Ihnen“, kündigte er an.

„Dann sagen Sie uns Ort und Zeit der Waffen- und Geldübergabe!“, forderte Dirk Baker, einer unserer Vernehmungsspezialisten.

Wir verfolgten das Gespräch durch eine Spiegelwand vom Nachbarraum aus.

Ein flüchtiges Lächeln huschte über Al-Kebirs blasses Gesicht.

„Nein, so einfach geht das nicht.“

„Dann erklären Sie uns bitte, wie es ablaufen soll.“

„Ich werde meine Partner an einem kurzfristig vorher abgemachten Treffpunkt sehen. Dort bringen wir Lieferanten und Abnehmer zusammen. Die eine Seite bringt das Geld mit, die andere übergibt Nummern und Papiere einiger Container, die bereits an Pier 45 im New Yorker Hafen vorbereitet stehen. Das ist alles.“

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UNSER PLAN LIEF DARAUF hinaus, das Geschäft wie geplant ablaufen zu lassen, die Beweise zu sichern und im entscheidenden Moment zuzuschlagen.

Ich nahm dabei die Rolle von Al-Kebirs neuem Partner ein. Eine Rolle, die ursprünglich Mattucci hatte einnehmen wollen.

Al-Kebir gab an, von seinen Handelspartnern jeweils nur die Vornamen zu kennen.

Sie hießen Darren, Miles, Bob und so weiter. Es sollte größtmögliche Anonymität gewahrt bleiben. Die Kommunikation lief über Prepaid Handys oder Emails ab, die über einen litauischen Server geschickt wurden und für niemanden mehr zurückzuverfolgen waren.

Als Treffpunkt wurde der Jefferson Park in Spanish Harlem zwischen First Avenue und Franklin D. Roosevelt Drive ausgewählt.

Das Gelände wurde weiträumig von unseren Leuten überwacht. Al-Kebir und ich standen verkabelt in der Nähe eines kleinen Teichs und warteten.

Dann trafen nacheinander die Geschäftspartner ein. Die Kollegen meldeten es mir über den Ohrhörer.

Um zum Treffpunkt zu gelangen, mussten die an dem Deal beteiligten Partner ein Stück zu Fuß gehen. Aber das war durchaus beabsichtigt. Um den Teich herum war das Gelände übersichtlich, aber in den umliegenden Büschen war für unsere Leute genug Deckung, um sich verborgen zu halten.

„Hallo Miles! Hallo Darren!“, begrüßte Al-Kebir die Delegation der Lieferanten.

Der Mann, der Darren genannt wurde, musterte mich misstrauisch von oben bis unten.

„Guten Tag, Al! Ich dachte, die Regel hätte ‚ohne Leibwächter’ geheißen!“, wunderte er sich.

„Das ist kein Leibwächter“, erklärte Al-Kebir.

„Ich bin Als Partner“, erklärte ich.

„Du wechselst deine Geschäftspartner in letzter Zeit ziemlich schnell!“, stellte Miles fest. „Aber das soll uns nicht weiter stören, so lange alles glatt über die Bühne geht.“

„Ganz meine Meinung“, nickte Al-Kebir. Er sah mich kurz an und erklärte dann: „Das ist Jesse. Er ist für William dabei.“

„Wir haben gehört, was mit William geschehen ist!“, sagte Darren. „Es wird berichtet, dass er früher mal FBI-Agent war.“

„Das ist richtig“, sagte Al-Kebir.

„Das hat ihm letztlich auch das Leben gekostet“, ergänzte ich.

„So?“ Darren runzelte die Stirn.

„Jemand hat sich das Kopfgeld verdient, das ein gewisser Michael Giacometti auf ihn ausgesetzt hatte.“

„So ein Pech. Mir schien dieser William immer ein heller Kopf zu sein. Was ich von Ihnen halten soll, weiß ich ehrlich gesagt noch nicht.“ Er wandte sich an Al. „Ehrlich gesagt, schätze ich es nicht, wenn bei einer so wichtigen Sache jemand dabei ist, den ich nicht vorher kennen gelernt habe!“

„Die Umstände ließen es nicht anders zu“, sagte Al. „Aber wenn ich ihm vertraue, können Sie es auch, denke ich.“

Darren hob die Schultern. „Ich will ja nichts gesagt haben. Aber wir mussten dieses Geschäft schon einmal absagen, Sie erinnern sich!“

„Diesmal wird alles glatt über die Bühne gehen“, versprach Al-Kebir.

Wenig später trafen die Kaufinteressenten ein.

Es handelte sich um zwei Männer, die John und Mike genannt wurden. Die Containerpapiere wurden übergeben. Außerdem eine Überweisungsbestätigung und die Nummer eines Schweizer Kontos, dessen Verfügungsgewalt nun auf die Verkäuferseite überging.

Al-Kebir hingegen wurde auf eigenen Wunsch in Bar bezahlt. John übergab ihm einen Diplomatenkoffer. Den Inhalt überprüfte Al-Kebir kurz.

„Ich hoffe weiterhin auf gute Geschäfte“, sagte Darren.

„Ich denke, dass liegt in unser aller Interesse“, murmelte Al-Kebir tonlos.

„Nur leider wird daraus nichts!“, sagte ich und riss meine Dienstwaffe heraus.

Die Kollegen kamen aus den Büschen. Auf dem Parkplatz waren ebenfalls FBI-Agenten unauffällig postiert gewesen, die jetzt in das Geschehen eingriffen, um Leibwächter und Chauffeure der Beteiligten zu überwältigen.

Der Zugriff erfolgte so schnell, dass es keinerlei Widerstand gab. Die Handschellen klickten und den Verhafteten wurden ihre Rechte vorgelesen.

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KURZE ZEIT SPÄTER KONNTEN die Kollegen der Hafenpolizei die Waffenlieferung sicherstellen. Sie bestand vor allem aus hochmodernen Flugabwehrraketen mit automatischer Zielerfassung und verschiedenen Granatwerfer. Daneben gab es auch modernste Handfeuerwaffen mit elektronischer Zielerfassung, panzerbrechende Raketen und mehrere Haubitzen.

Das juristische Tauziehen ging in den nächsten Tagen und Wochen natürlich weiter. Die einzelnen Beteiligten versuchten sich gegenseitig die Schuld zuzuschieben und so kamen nach und nach die Details des Falles ans Licht. Mit einer Verurteilung hatten sie jedoch alle zu rechnen.

Unsere Verhaftungsaktion im Jefferson Park zog in den Wochen danach noch weitere Verhaftungen im ganzen Land nach sich. Es stellte sich heraus, dass manche dieser Waffen aus Depots von Army oder Navy oder den Herstellerfirmen stammten und da auch registriert waren – nur, dass sie sich dort schon längst nicht mehr befanden, weil sie durch eine weitreichende, korrupte Organisation abgezweigt worden waren.

„Wir sind leider selten in der Lage, Verbrechen im Vorhinein zu verhindern“, sagte ich später an Milo gewandt, während wir in unserem Dienstzimmer saßen. „Aber in diesem Fall ist es vielleicht gelungen. Schließlich wird zumindest diese Waffen niemand mehr einsetzen!“

„Leider werden die Interessenten sich anderswo bedienen können“, meinte Milo. „Die Welt wird überschwemmt von Waffen aller Art und wer genug Geld hat, wird sich jederzeit eine Privatarmee ausrüsten können. Selbst das Gesetz schützt einen davor nicht. Hier in New York ist das Tragen von Waffen verboten – aber ein paar Kilometer weiter in Virginia kannst du dir ohne Probleme ein Sturmgewehr kaufen!“

„Heh, du klingst ja richtig pessimistisch!“, war Orrys Stimme zu hören. Er stand in der offenen Tür. Die letzten Tage war er Dienstunfähig gewesen. Aber jetzt wollte er es offenbar wieder versuchen.

„Wie geht’s dir?“, fragte ich.

„Ich kann wieder ohne Schmerzen atmen!“, antworte Orry. „Der Arzt sagt, das wird schon wieder, aber ich muss noch ein bisschen Geduld haben.“

„Schön, dass du wieder dabei bist, Orry“, meinte Milo.

ENDE

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Chinatown-Juwelen

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THRILLER VON ALFRED Bekker

Der Umfang dieses Ebook entspricht 140 Taschenbuchseiten.

Eine Serie von Juwelendiebstählen hält die New Yorker Polizei in Atem. Die Täter sind ungewöhnlich brutal. Es gibt Todesopfer. Die Ermittler folgen der Blutspur nach Chinatown. Aber die mögliche Zeugen sterben wie die Fliegen...

Action Thriller von Henry Rohmer 

HENRY ROHMER ist das Pseudonym von ALFRED BEKKER, der durch seine Fantasy-Romane und Jugendbücher einem großen Publikum bekannt wurde. Außerdem schrieb er an

Spannungserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton Reloaded, John Sinclair, Kommissar X u.a.m. mit.

––––––––

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EIN CASSIOPEIAPRESS E-Book

© by Author

© 2015 der Digitalausgabe by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de 

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MILES BEAUMONT SCHRECKTE auf, als er das Geräusch hörte.

Sein Blick glitt hoch. Er sah zur Uhr. Halb vier morgens.

Die Nacht war fast vorbei, und es war nicht die erste, die Beaumont in dem kleinen, schmucklos eingerichteten Büro durchgearbeitet hatte.

Er griff zu der Schublade seines Schreibtisches. Langsam zog er sie heraus. Dann fühlte er den kalten Griff eines 38er Revolvers. Er lauschte angestrengt.

Glas klirrte.

Schritte.

Dann öffnete jemand die Tür des Büros.

Beaumont hob die Waffe, spannte den Hahn.

Angstschweiß rann ihm in dicken Perlen die hohe Stirn hinunter. Sein Gesicht war zu einer grimmigen Maske verzerrt.

Seine Knöchel wurden weiß, als er den Druck auf den Abzug der Waffe verstärkte.

Draußen im Flur herrschte Dunkelheit. Das kurze Aufblitzen eines Mündungsfeuers sah Beaumont noch. Es folgte ein Geräusch, das wie ein schwaches Niesen oder der Schlag mit einer Zeitung klang. Plop machte es zweimal kurz hintereinander. Die erste Kugel traf Beaumont mitten in die Stirn und riss ihn nach hinten, die zweite in den Hals und zerfetzte ihm die Schlagader. Das Blut floss in Strömen. Seine Hand krallte sich um die Waffe. Ein Schuss löste sich aus dem 38er Revolver und ging ungezielt in die Decke.

Die Wucht der beiden Projektile, die ihn getroffen hatten, schleuderte Beaumont rückwärts. Er schlug mit starren Augen der Länge nach hin und und schrammte mit einem knarrenden Geräusch den Stuhl über den Parkettboden. Beaumonts Kopf schlug hinten gegen den Aktenschrank und der Hals wirkte seltsam verrenkt, als er schließlich reglos auf dem Boden lag. Die weißen Etiketten auf den schwarzen Aktendeckeln wurden dunkelrot.

Einen Augenblick lang herrschte Stille.

Die Stille des Todes.

Eine maskierte, schwarz gekleidete Gestalt schälte sich aus dem Dunkel des Flures heraus und betrat den Raum. Dort draußen war sie fast nicht zu sehen gewesen.

Der Maskierte ließ den Blick durch den Raum schweifen. In der Rechten hielt er eine Pistole mit langgezogenem Schalldämpfer. Die Hände waren von Handschuhen bedeckt.

Der Blick des Maskierten blieb auf der rechten Seite des Büros hängen.

"Hier sind die Safes", knurrte er. Seine Stimme klang unter der Sturmhaube dumpf. Seine Worte waren kaum verständlich.

Er wandte sich herum.

Ein zweiter und ein dritter Maskierter betraten den Raum.

Einer von ihnen trug eine Uzi-Maschinenpistole, der dritte eine Sporttasche.

"War das wirklich nötig?", fragte der Mann mit der Uzi an den Kerl mit der Pistole gewandt, nachdem er einen Blick auf Beaumonts Leiche geworfen hatte. Der Frager umrundete dabei den Schreibtisch. Das Blut war so hoch gespritzt, dass die Unterlagen, über denen Beaumont gebrütet hatte, jetzt rot gesprenkelt waren.

"Was sollte ich machen?", verteidigte sich der Kerl mit der Schalldämpfer-Waffe. "Er hat geschossen!"

"Ich spreche nicht von der Sauerei hier..."

"Ach, nein?"

"...sondern davon, dass du früher hättest abdrücken müssen, du Idiot! Bevor er noch den Finger krümmen und diesen Krach veranstalten konnte!"

"Haltet die Klappe!", brummte indessen der dritte Gangster.

Er hatte sich an einem der Safes zu schaffen gemacht. Er holte aus den Taschen seiner Lederjacke feines Spezialwerkzeug hervor. Er hatte geschickte Hände, die sich mit atemberaubender Geschwindigkeit und Präzision zu bewegen wussten.

"Wegen dem verdammten Schuss, wird sicher jemand die Polizei rufen. Lass uns auf die Safes verzichten", meinte der Uzi-Träger.

Seine Stimme klang nervös.

"Sei still!", erwiderte der Safe-Spezialist. Er arbeitete in aller Seelenruhe weiter. Wie ein Uhrwerk. "Ihr wisst genau, dass Beaumont seine besten Stücke nachts im Safe aufbewahrt und nicht im Geschäft!"

"Aber..."

"Wegen den paar Glitzersteinen aus den Auslagen bin ich nicht hier hergekommen."

Der Safe sprang auf.

Und dann wurde alles zusammengerafft, was der Stahlschrank enthielt. Es war keine Zeit, um wählerisch zu sein. Juwelen, Goldschmuck und Diamantringe landeten Dutzendweise in der Sporttasche.

"Jetzt den zweiten Schrank..."

"Bist du verrückt? Lass es gut sein!"

"Hör mal zu, wenn du die Hosen jetzt schon voll hast, dann kannst du ja gehen!"

Die Arbeit am zweiten Safe ging mit derselben Präzision vor sich wie es beim ersten der Fall gewesen war. Der Gangster ließ sich nicht in seiner Ruhe stören. Nicht die Spur von Nervosität war ihm anzumerken.

Er schien eiskalt zu sein.

Und dann war aus der Ferne ein Geräusch zu hören.

Ein durchdringender Laut, der sich mehr und mehr aus dem Straßenlärm der Riesenstadt New York heraushob.

Eine Polizeisirene!

"Verflucht!", brummte der Mann mit der Uzi. "Worauf wartet ihr noch? Die Cops..."

"Einen Augenblick", sagte der Mann am Safe. Er arbeitete in aller Seelenruhe weiter.

"Wir haben genug bekommen!"

Der Safe sprang auf.

"Los, jetzt! Die Tasche!"

Der Mann, der den Safe geöffnet hatte, raffte alles zusammen, was im Safe zu finden war.

Dann sprang er auf.

Sie verließen das Büro, gingen durch den dunklen Flur. Am Ende war eine Tür, die in den Verkaufsraum des Juweliergeschäftes führte. Die Auslagen waren zum Teil leer.

Die beste Stücke hatten sich im Safe befunden. Mit dem Kleinkram, der hier im Verkaufsraum zu finden war, gaben sich die Gangster nicht ab.

Sie gingen zur Tür.

Vor den Schaufenstern befand sich ein Stahlgitter. Das gleiche galt normalerweise für die Tür, doch dort war das Gitter hochgezogen. Für Profis wie sie war es keine Schwierigkeit gewesen, die Schlösser zu knacken. Und Alarmanlagen ließen sich außer Gefecht setzen.

Im Licht der Straßenbeleuchtung war eine um diese Zeit ziemlich einsame Seitenstraße zu sehen, auf der sich tagsüber aber die Passenten drängten. In dichter Folge gab es hier exklusive Geschäfte. Juweliere, Uhrmacher, Boutiquen, Herrenausstatter.

Eine feine Gegend.

Der Mann mit der Uzi öffnete die Tür und zögerte.

In diesem Moment schwoll die Polizeisirene geradezu ohrenbetäubend an. Ein Dienstwagen fuhr mit Blaulicht die Straße entlang. In der Ferne hörte man weitere Sirenen.

Offenbar rückten die Cops mit einem großen Aufgebot an.

Zwei Beamte in den dunkelblauen Uniformen des New York Police Departments sprangen aus dem Wagen. Der eine hielt seine Dienstpistole beidhändig im Anschlag, der andere ging mit einem Pump Action Gewehr in Deckung.

"Gehen wir hinten raus", meinte einer der Gangster.

"Zu spät!"

"Was schlägst du vor?"

"Augen zu und durch!"

Auf ein Klingelzeichen hin griff der Mann mit der Uzi in seine Jackentasche und holte ein Handy hervor.

Er setzte das Gerät ans Ohr.

"Was gibt's?", fragte einer der anderen, nachdem das Gespräch beendet war.

"Es geht los! Murray holt uns raus!"

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EIN DUNKLER LIEFERWAGEN brauste die Straße entlang. Die Cops blickten sich kurz an, während ihre Kollegen bereits um die Ecke bogen. Im selben Moment brachen die Männer, die an der Tür des Juweliergeschäfts gewartet hatten, aus.

Es blitzte hell auf, als mit der Uzi in Richtung der Cops gefeuert wurde.

Ein wahrer Geschosshagel, dem die beiden Beamten nichts entgegenzusetzen hatten. Sie duckten sich und feuerten zurück. Ein Schrei gellte durch die Nacht. Einen der Cops hatte es an der Schulter erwischt.

Er wurde herumgerissen und kam einen Moment lang hinter seiner Deckung zum Vorschein. Lange genug, um noch ein zweites Projektil abzubekommen, das ihm mitten in die Brust fuhr.

Der Lieferwagen hielt mit quietschenden Reifen. Eine Tür ging auf, die Maskierten sprangen hinein.

Der Mann mit der Uzi sprang als letzter. Er schoss sein Magazin leer und sorgte dafür, dass die gerade eintreffenden Einsatzkräfte des NYPD sich erst einmal hinter ihren Wagen ducken mussten. Die Reifen der heranbrausenden Polizeifahrzeuge platzten gleich im halben Dutzend. Mit Mühe nur konnten die Fahrer die Wagen unter Kontrolle bringen und anhalten. Blechschaden blieb nicht aus. Stoßstangen wurde eingedrückt, Scheinwerfer splitterten.

Dann ging ein Ruck durch den Mann mit der Uzi. Er stöhnte auf. Die Waffe entfiel seinen Händen und landete auf dem Asphalt, während der Lieferwagen losfuhr. Der Verletzte stöhnte auf. Er wurde in den Wagen gezogen. Und bevor sich die Tür schloß, wurde etwas herausgeschleudert, das etwa die Größe eines Straußeneis hatte.

Eine Handgranate.

Die Schüsse der Polizisten kratzten nur an der Außenhaut des Lieferwagens, der offenbar gepanzert war.

Eine Sekunde später erhellte eine gewaltige Explosion die Nacht. Todesschreie gellten. Es wurde hell und heiß, während Dutzende von Fensterscheiben in den umliegenden Gebäuden zu Bruch gingen.

Der Lieferwagen fuhr mit aufbrausendem Motor davon.

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"JESSE TREVELLIAN, FBI", murmelte ich, während ich dem uniformierten Polizisten meinen Dienstausweis vor die Nase hielt. Ich deutete neben mich. "Dies ist mein Kollege Milo Tucker."

Milo hob ebenfalls seinen Ausweis etwas an.

Wir hatten uns durch die Schaulustigen hindurchgedrängelt, die im Morgengrauen um den Eingang von Beaumonts Juweliergeschäft herumstanden und den Polizeikräften bei der Arbeit zusahen. Die wildesten Spekulationen schnappte ich unter den Passanten auf. Kein Wunder. Schließlich stand ein ausgebrannter Polizeiwagen am Straßenrand. Kreidemarkierungen zeigten an, dass es einen NYPD-Beamten tödlich erwischt hatte.

Die meisten waren wohl Angestellte der zahlreichen Geschäfte hier in der Gegend.

Als wir das Geschäft betraten, packten die Kollegen vom Erkennungsdienst gerade ihre Sachen ein. Sie hatten bereits ein paar Stunden intensiver Arbeit hinter sich. Und man konnte nur hoffen, dass etwas dabei herauskam.

Captain Thompson von der zuständigen Mordkommission kam durch eine Nebentür herein und begrüßte uns knapp.

"Hallo, Jesse, wie geht's?"

"Ich kann nicht klagen", erwiderte ich. "Und selber?"

Thompson machte eine wegwerfende Handbewegung. "Es ging mir gut, bis ich den Toten gesehen hatte... Er lag dort hinten in seinem Büro. Inzwischen hat ihn die Gerichtsmedizin abgeholt." Thompson schüttelte den Kopf. "Mein Gott, ich habe nun wirklich genug Dienstjahre auf dem Buckel, aber daran kann ich mich immer noch nicht gewöhnen."

"Das geht mir genauso", erwiderte ich.

Und Milo fragte: "Wer ist der Tote?"

"Miles Beaumont."

"Der Inhaber?", vergewisserte sich Milo.

Thompson nickte.

"Ja. Die Täter sind äußerst brutal und kompromisslos vorgegangen."

"Ich habe draußen den Dienstwagen gesehen..."

"Jesse, die haben sich mit unseren Leuten eine regelrechte Schlacht geliefert. Der Lieferwagen, mit dem sie geflohen sind, war vermutlich gepanzert..."

Ich nickte düster.

Dieser Einbruch gehörte aller Wahrscheinlichkeit zu einer ganzen Serie solcher Taten. Die Täter mussten ausgebuffte Profis sein, die sich auf Juweliergeschäfte an der Ostküste spezialisiert hatten. Es gab Fälle in New Jersey, Pennsylvania, Massachusetts, Connecticut und New York State.

Wir vermuteten, dass eine schlagkräftige kriminelle Organisation dahinterstand. Anders war es nicht vorstellbar, dass diese Mengen an gestohlenem Schmuck auch zu Geld gemacht werden konnten. Hehler waren dafür genauso vonnöten wie Finanzjongleure und Geldwäscher, die dafür sorgten, dass die Gewinne, die damit erzielt wurden, unauffällig in legale Anlagen flossen. Diese Umstände und die Tatsache, dass die Bande in verschiedenen Staaten aktiv war, brachte uns, den FBI ins Spiel.

"Die Alarmanlage haben die Kerle kurzgeschlossen. Die kannten sich damit aus", erläuterte Thompson. Er deutete auf die Auslagen. "Hier dürfte kaum etwas mitgenommen worden sein. Die wussten genau, was gut und teuer ist - und diese Stücke bewahrte Miles Beaumont immer in seinem Safe auf. Allerdings haben sie wohl nicht damit gerechnet, dass Beaumont hier die Nacht über arbeitete."

Wir folgten Thompson durch den dunklen Flur.

Dann erreichten wir das Büro. Ein schmuckloser Raum. Kein Fenster. Auf dem Schreibtisch lagen blutbespritzte Bilanzen, Quittungen, Belege. Es schien so, als wäre Miles Beaumont gerade dabeigewesen, seine Steuerunterlagen für das Finanzamt zu sortieren, als die Bande zuschlug.

"Was ist mit dem Wagen, mit dem die Gangster geflohen sind?", fragte ich.

Thompson zuckte die Schultern.

"Zwei Blocks weiter haben die Gangster eine Straßensperre durchbrochen und sich mit unseren Leuten eine Verfolgungsjagd geliefert. Leider sind sie entkommen. Der Wagen hatte kein Nummernschild. Wir wissen noch nicht einmal sicher das Fabrikat."

"Ist er umgebaut worden?"

"Vermutlich."

"Vielleicht lässt sich dadurch etwas herausfinden. Schließlich muss das ja irgendwer gemacht haben."

"Wenn wirklich eine große Organisation dahintersteckt, dann habe die ihre eigenen Leute dafür, Jesse", raunte Milo mir zu. "Was das betrifft, würde ich mir also nicht allzu viele Hoffnungen machen..."

Ich fürchtete, dass er recht hatte.

Thompson sah mich an und hob dabei die Augenbrauen. "Ihr stochert ganz schön im Nebel, was?"

"Kann man wohl sagen", brummte ich.

Ein Klingelgeräusch ertönte. Thompson griff zum Handy, das er in der Innentasche seines Jacketts trug.

"Hier Captain Thompson. Was gibt es?"

Ich registrierte den Ausdruck der Überraschung, der auf dem Gesicht des Captains erschien, während er seinem Gesprächspartner zuhörte. Dann klappte er das Gerät ein und sagte: "Es ist ein Wagen gefunden worden, der der Fluchtwagen sein könnte. Ein dunkler Transporter, an dem sich Kratzer befinden, die vielleicht von der Schießerei stammen könnten..."

"Wo?", fragte ich nur.

"23. Straße, auf dem Parkplatz hinter dem Greenaway-Building."

"Ich weiß, wo das ist", sagte Milo.

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4

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ZWANZIG MINUTEN SPÄTER hatten wir den Parkplatz erreicht. Ein Dutzend Police Officers riegelten das Gefährt ab. Und ein Team der Scientific Research Divison (SRD) machte sich bereits daran zu schaffen. Die SRD ist der zentrale Erkennungsdienst aller New Yorker Polizeieinheiten, gleichgültig, ob sie zum NYPD, zur DEA oder der State Police gehören. Auch der FBI-District New York zieht die Spezialisten SRD häufig zu Rate, deren Zentrale in der Bronx liegt.

Ein SRD-Sergeant namens Cosgrove gab uns bereitwillig Auskunft.

"Zu hundert Prozent sind wir noch nicht sicher, dass das der Wagen ist, den Sie suchen", meinte er. "Einige Projektile sind im Panzerglas der Rückfront steckengeblieben. Wenn die Ballistiker herausfinden, ob diese Projektile aus den Waffen der Polizisten stammen, die heute Nacht vor Beaumonts Juwelierladen im Einsatz waren, hätten wir den Beweis."

"Ich hoffe, dass das einigermaßen schnell geht...", meinte Milo. "Es brennt uns nämlich sehr unter den Nägeln.

"Wir tun unser Bestes", erwiderte Cosgrove. "Aber das Kaliber kommt jedenfalls hin. Die Kugel stammen aus polizeiüblichen Waffen..."

"Na, das wäre schon mal was", meinte ich, während ich die Kratzspuren im Blech betrachtete, die gut und gerne von der Schießerei in der letzten Nacht stammen mochten.

"Im Innenraum haben wir Blutspuren gefunden", erklärte Cosgrove dann. "Und zwar ziemlich viel Blut. Wir können natürlich noch nicht sagen, ob es von einem oder von mehreren Menschen stammt. Aber diese Spuren sind noch nicht sehr alt."

"Sie könnten von letzter Nacht sein?", fragte ich.

Cosgrove nickte.

"Ja."

"Dann hat es einen der Gangster bei der Schießerei erwischt", stellte Milo fest. "Sämtliche Krankenhäuser und Ärzte müssen gewarnt werden."

Ich sah Milo zweifelnd an.

"Der wird uns nicht den Gefallen tun ein öffentliches Krankenhaus aufzusuchen."

Wir sahen uns das Innere des Lieferwagens an. Es war viel Blut dort. Also musste es um den Gangster nicht zum besten stehen. Cosgrove schätzte das auch so ein. "Der hält keinen halben Tag ohne Arzt durch!"

Ich fragte: "Haben Sie irgendwelche Spuren gefunden, die darauf hindeuten, wie die Kerle von hier verschwanden, nachdem sie den Wagen zurückließen?"

"Einen blutigen Fußabdruck, zwanzig Meter vom Wagen entfernt. Das ist alles. Entweder, sie wurden abgeholt oder sie haben sich ein Taxi gerufen oder sind einfach in die U-Bahnstation da hinten abgestiegen..."

"An die beiden letzten Möglichkeiten glaube ich nicht", erklärte ich.

"Wieso?", fragte Milo.

"Zu auffällig."

"Aber sie waren auf der Flucht, sie hatten kaum die Möglichkeit, jemanden telefonisch hier her zu bestellen..."

"Warum nicht?"

"Die Polizei war ihnen auf den Fersen. Hältst du es für wahrscheinlicher, dass sie mit dem Verletzten noch die U-Bahn benutzt haben?"

"Ich weiß nicht."

"Ein Taxifahrer hätte sich jedenfalls an sie erinnert."

"Sicherheitshalber sollten wir uns um die Aufzeichnungen der Video-Überwachungsanlage in der U-Bahn kümmern. Möglich, dass auf den Bändern jemand zu sehen ist, den wir auch in unserer Kartei haben..."

Oder ein paar Männer, die einen weiteren stützen mussten, damit er nicht zusammenbrach...

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MILES BEAUMONTS WOHNUNG lag in der 5th Avenue. Eine traumhafte Etage, von der aus man fast bis zum Central Park blicken konnte und die beeindruckende Skyline von Manhattan vor sich hatte.

Mrs. Janice Beaumont war von den Kollegen der City Police natürlich längst über die Geschehnisse der vergangenen Nacht informiert worden. Ich war froh, dass sie Bescheid wusste und nicht wir die unangenehme Aufgabe zu erledigen hatten.

Janice schätze ich auf unter dreißig. Sie war damit um einiges jünger als ihr ermordeter Mann. Als sie uns die Tür öffnete, schaute sie uns mit tränenverschmiertem Make-up an.

Es ist immer schwer, in so einer Situation die richtigen Worte zu finden.

Sie bat uns herein, nachdem sie sich unsere Ausweise flüchtig angesehen hatte. Sie wirkte wie jemand, der noch völlig unter dem Schock stand, den die Nachricht vom Tod ihres Mannes in ihr ausgelöst haben musste.

"Wir möchten Ihnen ein paar Fragen stellen, Mrs. Beaumont."

"Tun Sie das. Ich würde Ihnen gerne helfen, wenn ich kann."

"Das ist gut", sagte ich.

"Wollen Sie einen Kaffee?"

"Nein, danke." Milo schüttelte ebenfalls den Kopf. Ich fuhr fort: "Der Einbruch fand so gegen halb vier in der Nacht statt..."

"Ja, so sagte man mir."

"Ihr Mann war noch bei der Arbeit..."

Sie atmete tief durch. "Das Finanzamt ist unerbittlich, Mister..."

"Trevellian", erinnerte ich sie, obwohl ich mich natürlich vorgestellt hatte. Aber im Moment hatte sie den Kopf offenbar mit anderen Dingen voll. Dingen, die ihr wesentlicher erscheinen mussten, als der Name eines Special Agent des FBI.

"Es kam öfter vor, dass Miles die Nacht im Büro verbracht hat. Er sagte immer, dass er dann die nötige Ruhe hätte, um sich auf die Bücher zu konzentrieren... Ich habe dann tagsüber den Laden geführt..."

"Sie kennen sich also in der Branche aus", stellte ich fest.

"Ja.

"Ich nehme an, es existiert eine Inventarliste, anhand der festgestellt werden kann, was fehlt."

"Natürlich."

"Gibt es Fotos von allen Stücken?"

"Ja. Ich weiß, dass im Safe einige sehr auffällige Unikate waren. Natürlich kann man die Steine herausbrechen und neu verwenden, aber selbst dann müssten sie auffallen, wenn etwas davon irgendwo verkauft wird."

Ich fragte: "Mrs. Beaumont, ist Ihnen in letzter Zeit irgendetwas Verdächtiges aufgefallen? Etwas, das Ihnen ungewöhnlich erschien."

Sie schluckte und ließ sich in einen der tiefen Sessel sinken.

"Was meinen Sie damit?"

"Es scheint, als ob die Täter sehr gut informiert waren. Über das Geschäft, über die Sicherheitsmaßnahmen, die Alarmanlage... Möglicherweise ist das Geschäft beobachtet worden..."

"Mir ist nichts aufgefallen."

"Vielleicht ein Kunde, der sich seltsam verhielt."

"Nein."

"Wer wusste - außer Ihnen - dass die wertvollsten Stücke im Büro lagerten?"

"Das ist nichts besonderes. Das machen viele Juweliere so." Sie zuckte die Achseln. "Außer meinem Mann und ich wussten natürlich alle Angestellten davon."

Sie atmete tief durch und sah mich dann sehr ernst an.

"Ich habe meinen Mann sehr geliebt", sagte sie dann mit leiser, brüchiger Stimme. "Ich hoffe nur, dass Sie die Mörder kriegen!"

"Ich kann Ihnen nur versprechen, da wir alles versuchen werden", erklärte ich nach einer kurzen Pause.

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ES WAR NACHMITTAG, als wir im Büro von Mister Jonathan D. McKee saßen, dem Chef des FBI-Districts New York im Rang eines Special Agent in Charge.

Außer Milo und mir waren noch die FBI-Agenten Clive Caravaggio und Orry Medina anwesend, sowie Mark L. Ditrick, den uns die Zentrale in Washington geschickt hatte.

Ditrick war der Bande schon seit längerem auf der Spur.

Bislang erfolglos.

Aber natürlich waren seine bisherigen Ermittlungen für uns sehr wertvoll.

Der Raum war abgedunkelt. Mit einem Projektor wurden Abbildungen und Dokumente an eine Leinwand projiziert.

Ditrick erläuterte uns seine bisherigen Erkenntnisse zu dem Fall.

"Die Überfälle fanden in einem Radius von etwa 200 Meilen um New York City herum statt."

"Das muss nicht notwendigerweise heißen, dass diese Organisation vom Big Apple aus operiert", gab Mister McKee zu bedenken. Im Schein des Projektors sah ich, wie Orry Medina nickte.

"Das ist richtig", meinte auch Ditrick. "Allerdings funktioniert so etwas nur, wenn man die nötigen Hehler im Hintergrund hat, um den Schmuck zu Geld zu machen. Und das ist nicht so einfach. Da müssen Leute mit Verbindungen dahinterstecken, die dafür sorgen, dass nicht gleich Alarm geschrien wird, wenn so ein Stück irgendwo auftaucht... Leute, die es sich leisten können, Juwelen einfach ein paar Jahre im Tresor liegen zu lassen, bis genügend Gras darüber gewachsen ist... Das müssen die Abnehmer sein!"

"Bis jetzt halten sich unsere Informanten in der Hehler-Szene äußerst bedeckt", stellte Clive Caravaggio klar.

Er war zwar ein waschechter Italoamerikaner, aber das sah man dem flachsblonden Mann nicht an. In seiner Ahnenreihe hätte man eher einige Skandinavier vermutet. "Unsere Ermittlungen in dieser Hinsicht laufen auf Hochtouren, aber entweder wir liegen völlig falsch mit unseren Vermutungen oder es ist eine Methode erfunden worden, solche Transaktionen völlig geräuschlos über die Bühne gehen zu lassen."

"Ich schlage vor, wir arbeiten uns erst einmal durch die zahlreichen Aussagen, die die City Police aufgenommen hat. Zeugen aus benachbarten Wohnungen, die Angestellten von Beaumont und so weiter. Nicht zu vergessen die Video-Bänder aus der U-Bahnstation."

"Listen mit Beschreibungen und Photos der gestohlenen Stücke liegen bereits vor", erklärte Milo. "Mister Beaumont scheint in diesem Punkt gut für den Fall der Fälle vorgesorgt zu haben..."

Mister McKee nickte zufrieden.

"Gut", meinte er. "Dann kann auch was das angeht die Fahndung beginnen."

Mister McKee wandte sich an Ditrick. "Wenn Sie jetzt bitte fortfahren würden..."

"Natürlich, Sir."

Ditrick legte eine Folie auf, die eine Landkarte zeigte.

Auf dem Ausschnitt war der Nordosten der USA zu sehen. "Hier sehen Sie... In den markierten Orten haben die Gangster bereits zugeschlagen. In manchen sogar mehrfach. Es muss ein ausgesprochener Spezialist für Safes unter diesen Leuten sein. Entweder sie heuern immer wieder verschiedene Spezialisten dafür an, oder es gibt tatsächlich jemanden, der sich mit sehr unterschiedlichen Safes hervorragend auszukennen scheint. Die Safes wurden stets sauber geknackt. Kein Sprengstoff, nichts, was Krach macht..."

"Solche Spezialisten dürften nicht allzu häufig zu finden sein", meinte ich. "Vielleicht jemand, der mal bei einem Schlüsseldienst beschäftigt war..."

"Unsere Innendienstler haben uns eine Liste von Personen vorbereitet, die in Frage kommen und einschlägig vorbestraft sind", warf Mister McKee ein.

In diesem Moment öffnete sich die Tür.

Mandy kam mit einem Tablett herein, auf dem sich einige dampfende Pappbecher befanden. Mandy war Mister McKees Sekretärin, und ihr Kaffee war im gesamten Bundesgebäude an der Federal Plaza berühmt.

Ditrick zog ärgerlich die Augenbrauen zusammen, aber alle anderen waren ganz froh über die kleine Unterbrechung.

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DER RAUM WAR KAHL UND schmucklos. Die Wände aus nacktem Beton. Auf dem Tisch lagen fein säuberlich sortiert Juwelen, diamantbesetzte Ringe, Colliers... Sie glitzerten im Licht der einzigen Glühbirne, die für etwas Helligkeit sorgte.

Die drei Männer im Raum schwiegen, während aus dem Nachbarzimmer ein Stöhnen drang.

"Was machen wir mit ihm?", fragte der Mann, der hinter dem Tisch saß. Er hatte ein kantiges Gesicht und große Hände. Die Pistole trug er in einem Schulterholster. Den Schalldämpfer hatte er abgeschraubt.

"Wir müssen zum Arzt", sagte einer der beiden anderen. Ein dunkler Lockenkopf.

"Red keinen Unsinn, Murray", erwiderte der Mann mit der Pistole.

"Was sollen wir denn sonst tun, Jim? Er hat Schmerzen."

"Ich weiß", sagte Jim.

"Und wenn wir nicht bald etwas tun, dann stirbt er! Mein Gott, das sieht doch ein Blinder!" Murray machte ein verzweifeltes Gesicht.

Der dritte Mann im Raum hatte noch gar nichts gesagt. Er lehnte mit verschränkten Armen an der Wand und rieb sich die Augen.

"Jetzt sag du mal was,  Arnie! Schließlich ist das alles nur passiert, weil du unbedingt noch den Safe ausräumen musstest."

"Ach, hätten wir besser abziehen sollen, ohne etwas vernünftiges in der Tasche zu haben?", erwiderte Arnie. Seine Stimme klirrte wie Eis. Er war ruhig und beherrscht.

"Schlimmer, als es jetzt ist, konnte es doch kaum noch kommen", erwiderte Murray.

Arnie öffnete seine dunkle Lederjacke. Eine Automatic kam zum Vorschein. Er trug sie in einem Futteral am Gürtel. Er zog die Waffe heraus, wog sie kurz in der Hand und holte dann einen Schalldämpfer aus der Seitentasche. Sorgfältig schraubte er ihn auf.

"Was hast du vor, Arnie?"

"Wir sollten Bob nicht länger leiden lassen. Das ist meine Meinung", sagte er dann so kalt und sachlich, dass die anderen einen Augenblick wie erstarrt wirkten.

"Du willst ihn umbringen?", stellte Murray fest.

Arnie trat auf ihn zu und hielt ihm die Waffe hin.

"Einer muss es tun!"

"Aber nicht ich!"

Arnie grinste schief. "Wir können ihn nicht mehr retten. Zumindest nicht, ohne in Gefahr zu geraten. " Dann ging er an ihnen vorbei, musterte sie noch einmal kurz und ließ ein wölfisches Grinsen um seine Mundwinkel herum erscheinen.

Dann betrat er den Nebenraum.

An den kahlen Betonwänden gab es einige Schmierereien.

Der Verletzte lag auf einer Pritsche.

Mit glasigen Augen blickte er Arnie an. "Was hast du vor, Arnie...Habt ihr einen Arzt gefunden?"

"Nein."

"Aber... Ihr habt doch versprochen, dass..."

"Tut mir leid, Bob. Es geht nicht anders..."

Arnie hob die Waffe, zielte aus nächster Nähe.

Er drückte ab und traf direkt in das rechte Auge. Bob war sofort tot, als ihn das Projektil förmlich auf die Pritsche nagelte. Das Projektil trat auf der andere Seite des Schädels wieder aus.

Arnie wandte das Gesicht ab.

Friede seiner Seele!, dachte er und dann bekreuzigte er sich, so wie er es vor unendlich langer Zeit einmal gelernt hatte. Inzwischen war nichts weiter als eine Marotte von ihm.

Arnie drehte sich herum.

"Das Problem existiert nicht mehr", erklärte er in Richtung der anderen.

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BÜROARBEIT IST HEUTE vornehmlich Computerarbeit. Milo und ich saßen in unserem gemeinsamen Dienstzimmer und sahen uns die Dutzenden von Zeugenaussagen an, die die City Police zu Protokoll genommen hatte. Aufgrund der Umstände waren die Angaben natürlich nicht sehr aufschlussreich. Die Täter waren maskiert und hatten Handschuhe getragen. Das bedeutete, dass es auch keine Fingerabdrücke gab.

Immerhin gab es Blutspuren, die für einen DNA-Test verwendet werden würden. Aber die Wahrscheinlichkeit war sehr gering, dass wir jemanden in unseren Dateien hatten, der bei einem ähnlichen Delikt schon einmal irgendeine Körperflüssigkeit hinterlassen hatte. Speichelreste in einer Zigarettenkippe genügten. Aber dazu waren die Täter, mit denen wir es gegenwärtig zu tun hatten, einfach zu professionell.

Immerhin ließ sich jetzt auf Grund der Erkenntnisse der Spurensicherer einigermaßen rekonstruieren, was am Tatort geschehen war.

Die Täter waren in den Laden gelangt, hatten sich aber gar nicht erst mit den Auslagen beschäftigt, da ihnen klar war, dass die wirklich guten Stücke im Büro zu finden waren.

Dort hatte Beaumont zur Pistole gegriffen.

Mit seinen eiskalten Gegnern hatte er es natürlich nicht aufnehmen können. Sie hatten geräuschlos getötet, wie man es von Profis erwartet. Die Tatsache, dass sie eine Waffe mit Schalldämpfer mitgeführt hatten, belegte, dass sie eine derartige Entwicklung durchaus einkalkuliert hatten.

Aber Beaumont war noch zu einem Schuss gekommen. Ein Schuss, der zwar nicht getroffen, aber eine Menge Lärm gemacht hatte.

Das hatte den Gangstern einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Beinahe jedenfalls.

"Was müssen das für abgebrühte Kerle gewesen sein", meinte Milo. "Beaumont wurde hinter dem Schreibtisch gefunden. Er saß also dort, als die Gangster den Raum betraten. Daher ist anzunehmen, dass Beaumont getötet wurde, bevor sie sich an den Safe heranmachten..."

Ich nickte.

"Das sehe ich auch so."

"Verstehst du, worauf ich hinaus will, Jesse? Denen muss doch klar gewesen sein, dass bald die Hölle für sie losbricht, nachdem Beaumont geschossen hatte! Irgendjemand unter den Nachbarn würde die Polizei verständigen... Und dennoch haben sie an aller Ruhe die Safes ausgeräumt."

"Eine bemerkenswerte Kaltblütigkeit!"

Milo hob die Augenbrauen.

"Inzwischen dürfte sie ja auch genug Routine haben..."

"Wie viel Zeit ist zwischen dem Schuss und dem Eintreffen dem Polizei vergangen?", fragte ich.

"Minuten", erwiderte Milo.

"Und in dieser Zeit haben sie zwei Safes geknackt, die immerhin der mittleren bis gehobenen Preisklasse angehören... Zwei Stahlschränke, die darüber hinaus noch unterschiedlicher Bauart waren!" Ich schüttelte den Kopf und lehnte mich in meinem Drehstuhl etwas zurück. Ich starrte nachdenklich auf den flimmernden Bildschirm, auf dem gerade das Logo von NYSIS zu sehen war, dem zentralen Datenverarbeitungssystem, über das wir mit den Dateien aller anderen New Yorker Polizeieinheiten verbunden waren. Informationen konnten so innerhalb von Sekunden abgefragt und ausgetauscht werden.

"Ich kann mir nicht vorstellen, dass das ein Anfänger war", meinte ich. "Dieser Safe-Spezialist muss es schon vorher einmal probiert haben! Ich kann mir das einfach nicht anders vorstellen..."

Wir gingen die Namensliste durch, die man uns gegeben hatte und ließen uns die entsprechenden Daten über NYSIS auf den Schirm holen. Alle diejenigen, die gegenwärtig die Knäste des Bundesstaates New York bevölkerten, schieden natürlich aus.

Andere schienen untergetaucht oder verzogen zu sein. Es blieb ein Rest von Männern, deren Alibi zu kontrollieren sich vielleicht lohnen konnte.

Das war unsere Aufgabe, währen Caravaggio und Medina sich um die Hehler-Szene kümmerten.

Irgendjemand musste die Beute ja ankaufen.

Und es war einfach schwer vorstellbar, dass sich so ein Deal nicht irgendwie herumsprach.

Dass niemand mit uns darüber reden wollte, konnte natürlich einleuchtende Gründe haben. Wenn wirklich ein großer Hai dahintersteckte und die Fäden im Hintergrund zog, war es vielleicht pure Angst, einfach zerquetscht zu werden wie ein lästiges Insekt.

Was waren dagegen schon die paar lumpigen Dollar, die wir unseren Informanten zahlen konnten? Im Zweifelsfall war denen das Hemd auch näher als die Hose.

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AM ABEND MACHTEN MILO und ich einen Abstecher in Carlo's Restaurant an der Mott Street. Wir waren nicht des guten italienischen Essens wegen gekommen, sondern weil der Besitzer auf unserer Safeknacker-Liste stand.

Arnold Primo war in seinen besten Zeiten Magic Primo genannt worden. Darin klang der ganze Respekt der Branche für das mit, was dieser Mann vollbracht hatte. Bei einem Einbruch in eine kleine Privatbank war er allerdings gefasst worden, kurz nachdem er es geschafft hatte, den Haupttresor zu öffnen. Fünfzehn Jahre hatte er dafür bekommen und nach elf Jahren hatte man ihn wegen guter Führung entlassen. Wer die Geldgeber für das Restaurant gewesen waren, wusste niemand.

Vermutlich dubiose Mafiakreise, die sich hin und wieder 'Magic' Primos besonderer Fähigkeiten bedienten, was das Öffnen von Safes anging.

Aber man konnte Primo nichts mehr nachweisen.

Er hatte es in die Kreise der Gentleman-Gangster geschafft.

Seine Strafe hatte er abgesessen und nun war er ein ehrenwerter Bürger der Stadt. Die gepfefferten Preise in seinem Restaurant sorgten dafür, dass sich hier nur die Gutbetuchten trafen. Natürlich herrschte Krawattenzwang, aber im Grunde galt hier jeder, der keinen dreiteiligen Anzug trug, als unzureichend angezogen.

Wir betraten Carlo's Restaurant und sahen uns um. In einem großen Aquarium tummelten sich riesige Hummer, die man frisch zubereitet auf dem Teller wiedersehen konnte, wenn man Appetit darauf hatte.

Und die Fähigkeit, sie richtig zu essen.

Arnold 'Magic' Primo trug einen grauen Zweireiher und musterte uns mit Stirnrunzeln. Ich erkannte ihn sofort von den Fahndungsfotos her, die in unseren Computerdateien zu finden gewesen waren. Primo hatte uns jedoch garantiert noch nie gesehen. Aber irgendwie schien er einen sechsten Sinn für Polizisten zu haben.

Unterhalb seines linken Auges zuckte nervös ein Muskel. Er kratzte sich an seinem kantigen Kinn.

Wir traten auf ihn zu und hielten ihm unsere Ausweise unter die Nase.

"Ich bin Special Agent Jesse Trevellian vom FBI, die ist mein Kollege Milo Tucker..."

"Nein, ich habe es geahnt! Immer, wenn was passiert, kommt ihr Brüder wieder bei mir vorbei!", schimpfte Primo.

"Mister Primo, wir wollen kein Aufsehen. Wir wollen uns einfach nur ein bisschen mit Ihnen unterhalten", sagte Milo sachlich. "Haben Sie hier einen Raum, wo das möglich ist?"

Primo nickte.

"Folgen Sie mir."

Der Restaurantbesitzer blickte sich um. Noch waren nicht sehr viele Gäste in Carlo's Restaurant.

Dann führte Primo uns in ein großzügig angelegtes Büro und bot uns einen Platz an.

"Ich hoffe, Sie haben nicht vor, meinen guten Ruf zu ruinieren!"

"Nein, das beabsichtigt niemand von uns", erwiderte ich.

"Warum heißt Ihr Laden eigentlich Carlo's Restaurant? Sie heißen doch Arnold!"

Primo zuckte die Schultern. "Es hieß schon so, als ich es kaufte", erwiderte er. "Warum einen guten Namen ändern. Aber deswegen sind Sie nicht hier..."

"Nein, das ist wahr."

"Es geht um die Beaumont-Sache, oder?"

Ich hob die Augenbrauen.

"Sie sind gut informiert!"

"Sehen Sie nicht fern, G-man?"

"Selten. Dazu machen wir zu viele Überstunden!"

"Was Sie nicht sagen! Jedenfalls haben alle lokalen Sender ausführlich darüber berichtet."

"Nun, Mister Primo, dann können Sie sich unsere Frage an Sie sicher denken."

"Sie wollen ein Alibi!"

"Es wäre nicht schlecht, wenn Sie eins hätten."

Primo lachte heiser. "Es ist doch immer dasselbe. Da hat man seine Strafe abgebüßt und trotzdem kommen die Cops stets als erstes zu mir, wenn irgendwo ein Schloss geknackt wird! Das ist doch verrückt!"

"In Beaumonts Laden ist ein Spezialist am Werk gewesen, der innerhalb weniger Minuten zwei Safes öffnen konnte, die nicht gerade zu den rückständigsten Modellen gehören."

"Nun, dann können Sie mich ja gleich wieder von Ihrer Liste streichen."

"Wieso?"

"Ich bin seit Jahren aus der Übung. Und so gut war ich selbst zu meiner aktiven Zeit nicht."

"Stellen Sie Ihr Licht nicht unter den Scheffel, Mister Primo!"

"Ach, Sie können das beurteilen, ja?"

"Wo waren Sie heute Nacht, so gegen halb vier?"

Arnold Primos Züge versteinerten.

"In meinem Bett. Ich habe geschlafen."

"Das kann nicht zufällig jemand bezeugen?"

"Nein, zufällig nicht", erwiderte Primo. Seine Stimme klirrte wie Eis. "Aber ist das allein schon strafbar? Dass man wie Millionen anderer New Yorker nachts in seinem Bett liegt und schläft?"

"Natürlich nicht..."

"Freut mich zu hören, G-man!"

Ich sah Primo scharf an. Er versuchte, meinem Blick auszuweichen.

Vielleicht war es die Wahrheit, was er sagte.

Vielleicht auch nicht. Die Chancen standen fünfzig zu fünfzig. Aber für den Fall, dass er doch etwas mit der Sache zu tun hatte, wollte ich ihm eine Brücke bauen.

"Hören Sie mir gut zu, Mister Primo. Bei dem Überfall ist ein Polizist getötet worden. Außerdem Miles Beaumont, der Besitzer des Juwelierladens. Einige weitere Kollegen von der City Police haben Verletzungen davongetragen. Für Mord kann man im Staat New York seit einigen Jahren wieder die Todesstrafe bekommen..."

Primo verzog das Gesicht.

Er entblößte die Zähne wie ein Wolf.

"Warum erzählen Sie mir das? Wenn ich juristische Nachhilfe brauche, hole ich sie mir lieber von einem Fachmann, Trevellian!"

"Ich wollte damit sagen, dass der, der die Safes geknackt hat, ja möglicherweise nicht derselbe ist, der die Morde beging..."

Primo lachte heiser.

"Sie suchen einen Kronzeugen?"

"Warum nicht?"

"Sie sind bei mir leider an der falsche Adresse, Mister Trevellian..."

Ich legte ihm meine Karte auf den Schreibtisch.

"Falls Sie Ihre Meinung ändern..."

"Keine Chance!"

"Schlafen Sie mal darüber!"

"Leben Sie wohl, G-man! Ich habe zu tun! Falls Sie heute italienisch essen wollen, so füllen Sie Ihren Magen doch bitte in der nächsten Snack Bar. Für Carlo's Restaurant sind Ihre Kaufhaus-Anzüge einfach nicht fein genug!"

In diesem Moment klingelte Milos Handy. Er griff in die Jackentasche und nahm den Apparat ans Ohr.

"Hier Tucker, was gibt es?"

Milo hörte angestrengt zu und sagte dreimal hintereinander ein knappes "Ja!", bevor er das Gerät wieder zuklappte.

Dann wandte er sich an mich.

"Lass uns gehen, Jesse."

Ich sah Arnold Primo an, dass er mindestens so sehr darauf brannte, den Inhalt des Gesprächs zu erfahren, wie ich.

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MEIN SPORTWAGEN STAND ein paar Minuten von Carlos Restaurant entfernt. Dämmerung hatte sich über New York gelegt. Milo und ich gingen die Mott Street in nördliche Richtung.

"Wohin geht die Reise jetzt, Milo?", fragte ich.

Milo grinste.

"In die 130. Straße - Bronx."

"Keine feine Gegend."

"In einem leerstehenden Haus wurde eine Leiche gefunden, die vielleicht unser Mann ist..."

"Der verletzte Einbrecher?"

"Sicher wissen wir das erst, wenn wir die Ergebnisse des DNA-Tests bei den Blutspuren haben. Aber die Kollegen von der dortigen Homicide Division meinen, dass das vermutlich unser Mann ist. Wahrscheinlichkeit sechzig zu vierzig..."

"Na, immerhin. Im Moment ist uns doch jeder Strohhalm recht."

Wir erreichten den Sportwagen. Ich setzte mich ans Steuer, Milo nahm auf dem Beifahrersitz Platz.

Ich griff nach dem Blaulicht und setzte es auf das Dach. Es konnte nicht schaden, wenn wir etwas schneller in der Bronx waren.

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EIN PULK VON EINSATZFAHRZEUGEN stand vor dem kahlen Betonklotz, der ursprünglich mal einer Kaufhauskette gehört hatte. Aber das war in besseren Zeiten gewesen. Jetzt war es eine Ruine, die langsam vor sich hinschimmelte. Selbst die Abrisskosten schienen den Eigentümern zu hoch zu sein.

Die uniformierten Beamten, die den Tatort abschirmten, ließen uns passieren. Wir folgten zwei Männern von der Gerichtsmedizin, die einen Zinksarg schleppten. Ihr Ziel war auch das unsere.

Lieutenant Ellison von der zuständigen Mordkommission begrüßte uns und führte uns zu einem Mann, der ausgestreckt auf einer Pritsche lag. Ein Arzt machte sich an dem Toten zu schaffen.

Erkennungsdienstler waren überall mit Latexhandschuhen bei der Arbeit, und bemühten sich noch um die kleinsten Spuren.

Die Leiche sah furchtbar aus.

Der Arzt hieß Gwenders. Ich kannte ihn. Er arbeitete für die Gerichtsmedizin, und ich war ihm schon an verschiedenen Tatorten begegnet.

Er grüßte nur knapp.

"Hallo, Jesse. Dieser Mann hat eine Kugel im Oberkörper und eine im Kopf. Die Kugel unterhalb der Schulter habe ich herausgeholt. Es ist ein polizeiübliches Kaliber..."

Ich nickte.

"Unsere Ballistiker werde schon herausfinden, ob es aus einer der Waffen stammt, die in der letzten Nacht benutzt wurden."

Dr. Gwenders fuhr fort: "Die Wunde hat sich offenbar entzündet und nach den äußeren Anzeichen könnte sie tatsächlich letzte Nacht entstanden sein."

"Was ist mit der zweiten Wunde?"

"Die muss ihm später beigebracht worden sein. Und zwar hier, in diesem Raum. Das Projektil steckte im Fußboden. Es durchschlug Auge, Gehirn und hintere Schädeldecke. Die Verbrennungen im Gesicht lassen darauf schließen, dass der Schuss aus nächster Nähe abgegeben wurde."

"Eine Hinrichtung", meinte Lieutenant Ellison.

"Oder ein Gnadenschuss", warf ich ein. "Vorausgesetzt, er ist unser Mann..."

"Hat er Papiere bei sich?", fragte Milo.

Ellison schüttelte den Kopf. "Nein. So schlau sind die Täter gewesen, dass sie die mitgenommen haben.

Ich deutete auf die Füße.

"Haben Sie was dagegen, wenn ich den linken Schuh mitnehme?"

"Natürlich nicht. Wieso?"

"Wir haben einen Fußabdruck."

"Verstehe..."

Ich warf einen letzten Blick auf das zerstörte Gesicht des Toten. Vermutlich würde es der Gerichtsmediziner erst rekonstruieren müssen, bevor wir ein Fahndungsfoto davon machen konnten.

Ich war mir ziemlich sicher, dass das einer unserer Männer war.

Mein Instinkt sagte es mir - und der irrte sich selten.

Wer solche Komplizen hat, braucht keine Feinde mehr, dachte ich angewidert. Die Täter, mit denen wir es zu tun hatten, gingen rücksichtslos über Leichen. Selbst dann, wenn es die ihrer eigenen Leute waren. Mit der fast sympathischen Sorte des Gentleman-Juwelendiebs, wie sie Cary Grant in Hitchcock's Über den Dächern von Nizza verkörperte, hatte diese Bande nicht das geringste gemein.

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DERSELBE ABEND, EINE andere Straße.

Clive Caravaggio fuhr den Dienstwagen langsam die Elizabeth Street entlang. Es handelte sich um einen nicht mehr ganz taufrischen Chevy aus dem Fuhrpark unserer Fahrbereitschaft.

Ein unauffälliger Wagen, der kein Aufsehen erregte. Orry Medina, sein Partner, saß auf dem Beifahrersitz und blickte angestrengt hinaus.

"Da ist es!", sagte er dann plötzlich und deutete auf eine Reihe von insgesamt drei Telefonzellen.

Orry blickte auf die Uhr.

"Gerade noch geschafft. Du hast noch zwei Minuten, bis es da an einem der Fernsprecher klingelt..."

Ein anonymer Anrufer hatte sich in der FBI-Zentrale des Districts New York gemeldet. Ein Sprecher mit verstellter Stimme wollte unbedingt Clive Caravaggio sprechen.

Es ginge um Juwelen, die in jüngster Zeit verschwunden seien.

Beaumonts Juwelen.

Wichtigtuer oder brandheiße Spur, das war in solchen Fällen immer die Frage. Im Zweifel gingen wir dann jeder, noch so vagen Spur nach.

Der Anrufer hatte das Gespräch schnell beendet und gefordert, Caravaggio sollte zu einer bestimmten Telefonzelle in der Elizabeth Street in Little Italy kommen. Dort werde er angerufen.

"Und du hast wirklich keine Ahnung, wer das war?", fragte Orry, der indianischer Abstammung war und als bestangezogendster G-man des Districts galt.

Clive schüttelte den Kopf.

"Nein."

"Aber er kennt dich vermutlich."

"Kann sein, Orry."

"Ich frage mich, was das ganze Affentheater soll. Warum bestellt er uns hier her?"

"Weil er nicht will, dass das Gespräch aufgezeichnet wird", erwiderte Caravaggio.

"Und woher weiß er, dass wir das hier nicht tun?"

"Die Zeit ist zu kurz, der Aufwand zu groß. Er kennt sich offenbar aus, Orry."

Caravaggio schaute auf die Uhr. Dann stieg er aus. Orry ebenfalls. Aber Caravaggio schüttelte den Kopf.

"Er will mit mir sprechen, Orry... Und vermutlich ist er irgendwo in der Nähe und beobachtet, was wir tun..."

Orry zuckte die Achseln.

"Wie du meinst."

Ein kurzer Griff ging unwillkürlich zu der Sig Sauer P226, die er im Gürtelholster stecken hatte.

Caravaggio ging zu den Telefonen.

Dann klingelte es. Caravaggio nahm ab.

"Ich bin's. Caravaggio."

"Sie suchen Juwelen, nicht wahr?"

"Wir sprachen schon darüber."

"Ich weiß, wo welche aufgetaucht sind..."

"Ach, ja?"

"Sie sind mir zum Kauf angeboten worden."

"Nennen Sie Ross und Reiter!", forderte Caravaggio. "Woher soll ich wissen, ob Sie nicht nur ein Schwätzer sind..."

"Können Sie für meine Sicherheit garantieren?"

"Wer sind Sie?"

Eine Pause entstand.

"Ich riskiere mein Leben."

"Sie werden einen guten Grund dafür haben", erwiderte Caravaggio kühl. In Gedanken ging er die in der Hehler-Szene bekannten Figuren durch und fragte sich, wen er an der anderen Seite der Leitung hatte.

"Sie müssen mir garantieren, dass der Mann, um den es geht, hopsgenommen wird!"

"Hören Sie..."

"Ich muss jetzt Schluss machen, Mister Caravaggio. Schicken Sie morgen einen Mann in Gentry's Coffee Shop in der 32.Straße. Zehn Uhr. Aber kommen Sie nicht selbst. Und auch nicht Ihr Kollege Medina."

"Warum nicht?"

"Wir haben gemeinsame Bekannte."

"Verstehe."

Das Gespräch brach ab.

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AM NÄCHSTEN MORGEN hatten wir eine kurze Unterredung in Mister McKees Büro. Inzwischen stand fest fest, dass der Tote einer der Gangster war. Die Kugel im Oberkörper stammte aus einer der Waffen, die von den City Police-Beamten benutzt worden waren. Der Schuhabdruck passte zu dem, den wir gefunden hatten. Der DNA-Test würde noch einige Zeit auf sich warten lassen, aber der konnte unsere Ergebnisse eigentlich nur noch bestätigen.

Wer der Kerl allerdings war, wussten wir durch eine Fingerprint-Abfrage. Er hieß Robert "Bob" McKenzie und hatte eine ganze Latte von Vorstrafen aufzuweisen.

Das der Beaumont-Überfall zu unserer Serie gehörte, stand nun auch zweifelsfrei fest. Mit der Maschinenpistole, mit der der Police Officer ermordet worden war, war bereits bei zwei anderen Überfällen geschossen worden. In einem Fall hatte es dabei einen toten Wachmann gegeben.

Robert McKenzie - die Identität eines der Gangster war immerhin ein Anhaltspunkt.

Max Carter, ein Innendienstler aus unserer Fahndungsabteilung legte uns gleich ein kleines Dossier über McKenzie vor. Alles, was sich per Datenfernleitung auf die Schirme unserer Computer holen und ausdrucken ließ.

Ich überflog das Dossier kurz. Und dann blieb ich an einer bestimmten Stelle mit den Augen hängen. Ich stutzte.

"Vor fünf Jahren war McKenzie auf Riker's Island inhaftiert", stellte ich fest. "Das gilt auch für Arnold 'Magic' Primo, der auf unserer Safeknackerliste steht..."

Mister McKee nickte nachdenklich.

"Möglich, dass die sich da getroffen haben..."

"Zumindest könnte man dort mal anfragen", meldete sich Agent Mark L. Ditrick zu Wort. "Es wäre nicht das erste Mal, dass sich neue Gangsterbanden im Knast zusammenfinden... Außerdem sollte Primo ab sofort beschattet werden..."

"Ein sinnvoller Vorschlag", stimmte Mister McKee zu.

Schaden konnte eine Überwachung von 'Magic' Primo nicht, aber glaubte auf der anderen Seite auch nicht, dass sonderlich viel dabei herauskam.

Primo war kein Dummkopf.

Als er das letzte Mal unvorsichtig war, hatte er dafür mit einigen Jahren auf Riker's Island zahlen müssen.

Er würde sich jetzt vorsehen und jeden Schritt zweimal überlegen - ganz gleich, ob er nun etwas mit dem Fall zu tun hatte oder nicht.

Später berichtete Clive Caravaggio von dem anonymen Anrufer. Milo und ich wurden von Mister McKee dazu ausersehen, den Unbekannten in Gentry's Coffie Shop zu treffen.

"Ich glaube, dass wir mit dem Kerl unsere Zeit verschwenden", meinte Ditrick. "Es geht um die Gangster! Und denen sind wir ohne die Hilfe dieses Unbekannten jetzt dicht auf der Spur. McKenzie hatte immerhin zuletzt eine Adresse in Yorkville. Wenn wir in seinem Dunstkreis nachforschen, werden wir bald etwas finden..."

"Tun Sie das, Agent Ditrick", ermutigte ihn Mister McKee. "Aber wenn Sie denken, dass es nur um die Einbrecher geht, dann irren Sie! Für mindestens ebenso wichtig halte ich, dass wir die Hintermänner erwischen. Nicht nur die untersten Chargen dieser Organisation. Für die ist es doch ein leichtes, sich ein neues Einbrecher-Team zusammenzustellen. Vermutlich haben sie Verbindungen bis in die Gefängnisse und besitzen damit fast so etwas wie eine freie Auswahl an kriminellen Spezialisten..."

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FÜR DEN AUSFLUG IN die 32. Straße benutzten Milo und ich nicht meinen Sportwagen, sondern ließen uns einen unauffälligen Wagen von der Fahrbereitschaft geben. Es war ein schnelles Allerweltscoupe.

Wir durften auf keinen Fall auffallen. Der Mann, mit dem wir uns treffen sollten, schien scheu wie ein Reh zu sein.

Und wenn er kein Wichtigtuer war, mit denen wir leider auch immer wieder zu tun haben, dann hatte er allen Grund, vorsichtig zu sein.

Wir parkten das Coupe am Straßenrand. Ein weiteres FBI-Fahrzeug folgte uns. Es handelte sich um einen Lieferwagen. Außen mit dem Aufdruck eines stadtbekannten Pizza-Service. Innen angefüllt mit modernster Abhörtechnik.

Milo und ich trugen Sender. Caravaggio und Orry würden im Inneren des Lieferwagens alles mithören können.

Wir wollten auf Nummer sicher gehen.

Milo und ich gingen nicht gleichzeitig in den Coffee Shop.

Milo ging zuerst, ein paar Augenblicke später würde ich ihm folgen.

Als ich den Raum betrat, saß Milo bereits vor einer Tasse Kaffee in einer Ecke.

Ein alter Mann hatte sich über eine Zeitung gebeugt und schielte über die flaschendicke Brille. Ein großer Zwei-Zentner-Mann stand hinter dem Tresen und brummte mir eine undeutliche Begrüßung entgegen.

Der alte Mann stand auf und ging, nachdem er geräuschvoll das Geld auf den Tisch gelegt und sich geräuspert hatte.

Ich wechselte einen unauffälligen Blick mit Milo, der so tat, als würde er sich gerade nach ein paar anstrengenden Bürostunden bei einer Tasse Kaffee erholen.

Ich blickte auf die Uhr.

Der Kerl war spät. Genau genommen bereits zu spät. Ich hoffte nur, dass er es sich nicht einfach anders überlegt hatte und wir hier die Zeit verplemperten. So toll war dieser Coffee Shop nun auch wieder nicht.

Aus einer der Türen, die in die hinteren Räume führten, kam ein schlaksiger Kerl in den mittleren Jahren. Der Haaransatz war hoch, sein Blick nervös und misstrauisch.

Er ließ sich von dem Mann hinter dem Tresen einen Zitronentee machen.

Ein exklusiver Geschmack.

Dann ging er direkt auf mich zu und setzte sich zu mir.

"Sind Sie ein Freund von Caravaggio?", fragte er.

Ich nickte.

"Und Sie sind der Mann, der sich nicht mit ihm treffen wollte."

"Muss er verstehen. Ist schon so gefährlich genug für mich!"

"Wer sind Sie?", fragte ich.

Er grinste. "Nicht so schnell."

Ich legte ihm meinen Ausweis hin. Er sah ihn sich ganz genau an, so als wüsste er bestens zu beurteilen, ob das Ding echt war.

Schließlich nahm ich ihm den Ausweis wieder aus der Hand.

"Wenn Sie meine Zeit verschwenden wollen, ist das Treffen hier und jetzt beendet", sagte ich kühl.

Er hob die Hände.

"Schon gut, G-Man. Sagen Sie übrigens Ihrem Kollegen dahinten am Tisch, dass er sich ruhig zu uns setzen kann..." Sein Grinsen war triumphierend "Ich habe Sie beide beobachtet, schon bevor Sie diesen Laden betraten."

"Na, fein. Nun legen Sie mal langsam Ihre Karten auf den Tisch."

"Okay. Ich bin Alec Ritter. Wenn Sie mich in Ihren Dateien suchen, dann sollten Sie unter Informanten nachschauen..."

"Vielen Dank für den Tipp."

"Der Überfall auf Beaumont hat hohe Wellen geschlagen, Mister Trevellian."

"Kann man wohl sagen."

"Und wenn einem kurze Zeit später ein Haufen Klunker für einen sensationell günstigen Preis angeboten wird, ist man natürlich misstrauisch."

Ich zuckte die Schultern. "Leider gilt das nicht für jeden", kommentierte ich die Aussage meines Gegenübers.

Alec Ritter lachte kurz und heiser auf.

"Da mögen Sie leider recht haben. Darum hat unsere Branche einen so schlechten Ruf."

"Wer hat Ihnen das Zeug angeboten?"

Ich wollte, dass er endlich die Katze aus dem Sack ließ und ich feststellen konnte, ob ich nur einen Schwätzer vor mir hatte.

"Der Kontakt ging natürlich über ein paar Ecken, Sie verstehen..."

"Wer?", beharrte ich.

Er sah mich an.

"William Cheng. Der dürfte Ihnen kaum ein Unbekannter sein, Sir!"

Damit hatte Ritter zweifellos recht.

Cheng war bekannt als sogenannter Pate von Chinatown. Ein ehrbarer Geschäftsmann, was die äußere Fassade anging. Viel zu gerissen und mächtig, um sich noch irgendein konkretes Verbrechen nachweisen zu lassen. Es war ein offenes Geheimnis, dass Cheng das illegale Glücksspiel um und in Chinatown kontrollierte. Außerdem nahm er Schutzgelder von den chinesischen Restaurants und Geschäften. Es gab niemanden in Chinatown, der ohne seinen Segen einen Laden eröffnen konnte. Da er die Geschäftswelt Chinatowns beherrschte, lag es eigentlich nahe, anzunehmen, dass er seine Hände auch in Hehlereigeschäften hatte.

Ritters Aussage machte also Sinn.

Fragte sich nur, in wie weit sie auch auf Fakten beruhte.

"Haben Sie den Schmuck selbst gesehen?"

"Nur auf Fotos", sagte Ritter. "Aber mal vorausgesetzt, die Sachen sind echt, dann lag der Preis so weit unter dem, was man normalerweise dafür verlangen kann, dass etwas damit faul sein musste..."

"Hat man Ihnen von diesen Fotos welche überlassen?"

"Nein. Die sind ja nicht wahnsinnig."

Ich holte eine Fotomappe aus der Innentasche meines Jacketts und legt sie vor ihm auf den Tisch. Auf den Bildern waren einige markante Schmuckstücke abgelichtet, die sich in Beaumonts Safe befunden hatten.

"Erkennen Sie irgendetwas von diesen Sachen wieder?"

Es dauerte nicht lange, bis Ritter fündig wurde.

"Der Brillantring da. Ganz bestimmt, da irre ich mich nicht. Und die Broschen waren auch dabei... Ich nehme an, dass Beaumonts Witwe für das Auffinden des Schmucks einen angemessenen Finderlohn zahlt..."

"Davon gehe ich auch aus, aber da sind Sie bei mir an der falschen Adresse. Ich verhandele nur für das FBI."

"Verstehe." Er atmete tief durch. "Ich kann für Sie herausfinden, wo genau sich der Schmuck befindet."

"Dann tun Sie das", erwiderte ich.

Er erhob sich.

"Wir treffen uns morgen um dieselbe Zeit."

"Hier?", fragte ich.

"Sind Sie wahnsinnig? Ich rufe Sie kurz vorher an... Sie persönlich, G-man! Ich bräuchte allerdings Ihre Handynummer."

"Sicher."

Ich griff in die Jackentasche und holte eine der Karten heraus, die das FBI für seine Agenten drucken lässt und schob sie ihm hin. Alec Ritter steckte sie ein, ohne einen Blick darauf zu werfen.

Er blickte nervös auf die Uhr, ging dann zum Tresen und legte noch einen Geldschein darauf. Der Mann hinter dem Tresen nickte. Dann ging er mit schnellen Schritten durch eine Tür, die in den hinteren, wohl eher privaten Teil des Coffee Shops führte.

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SPÄTER SAßEN WIR ALLE zusammen in Mister McKees Büro. Der Special Agent in Charge hatte sich die Aufzeichnung des Gesprächs mit unbewegtem Gesicht angehört.

Zunächst enthielt unser Chef sich eines Kommentars.

"Ich glaube nicht, dass uns diese Spur weiterbringt", meinte Mark L. Ditrick. "Was glaubt ihr, wie viele solcher Aufschneider ich schon erlebt habe! Der will sich nur in den Vordergrund spielen oder ist scharf darauf, ein paar Dollar zu verdienen."

"Das kann er aber nur, wenn er uns wirklich die Hehler ans Messer liefert und die Beute wieder auftaucht", gab ich zu bedenken.

Ditrick sah mich an.

"Vielleicht ist er ja auch mit dem mickrigen Informanten-Lohn zufrieden, Jesse - und hat es gar nicht auf eine Belohnung abgesehen..."

"Für mich stellt sich die Frage, wie wir jetzt weiter vorgehen", sagte Milo Tucker sachlich. "Chengs Läden im Schnellverfahren durchsuchen, könnte den Durchbruch oder ein völliges Fiasko bringen, wenn auch nur eine Kleinigkeit daneben geht..."

"Vor allem kämen wir dann wohl kaum an den großen Mann im Hintergrund heran", gab ich zu bedenken. "Denn, so wie wir den bisher kennen, pflegt der sich erstklassig abzusichern..."

"Und wie soll es dann weitergehen?", mischte sich nun Clive Caravaggio ein. "Abwarten, was dieser Kerl morgen anzubieten hat?"

"Warum nicht?", erwiderte Milo. "Ich halte das für das Vernünftigste. Besser, als wenn wir jetzt wie ein Elefant im Porzellanladen herumstampfen und dafür sorgen, dass die ganze Szene erst einmal in der Versenkung abtaucht."

Mister McKee sah jetzt in Orrys Richtung.

"Medina, was wissen wir eigentlich über diesen Ritter?"

"Wir vermuten, dass er selbst hin und wieder mit heißer Ware handelt, aber das konnte ihm nie nachgewiesen werden. Er unterhält ein Wettbüro und eine Handelsagentur... Und ab und zu liefert er uns Informationen."

"Haben Sie eine Ahnung, warum er das tut?", erkundigte sich Mister McKee.

Medina zuckte die Achseln. "Für Geld tut der Kerl alles. Das ist meine Einschätzung."

"Wissen wir, ob er zu Chengs Leuten gehört?"

"Halte ich für ausgeschlossen."

"Und wer ist dann sein Beschützer?"

"Bislang scheint er zu glauben, ohne auszukommen", erklärte Medina.

Mister McKee blickte in die Runde. "Überlegen Sie mal, könnte es nicht sein, dass diesmal sein Motiv darin besteht, Cheng zu schaden?"

"Warum sollte er das tun?", fragte Caravaggio.

"Wer weiß? Vielleicht ist der Pate von Chinatown ihm einfach zu sehr auf den Pelz gerückt oder er hatte Streit mit einem von Chengs Leuten..." Mister McKee strich sich mit einer fahrigen Geste über das Kinn. "Ich will damit nur sagen, dass wir auf der Hut sein müssen. Nach allem, was wir über diesen Ritter auf dem Tisch haben, traue ich ihm zu, dass er glaubt, den FBI für sich arbeiten lassen zu können..."

Der Verdacht, den Mister McKee da äußerte, war nicht von der Hand zu weisen. Vielleicht war es so. Vielleicht wollte Ritter seinem übermächtigen Konkurrenten Cheng eins auswischen.

Ein paar Dutzend FBI-Agenten, die Chengs Läden nach gestohlenem Schmuck durchwühlten und dabei vielleicht irgendetwas anderes fanden, was sich strafrechtlich verwenden lief.

Ganz gleich, wie das ausging - unangenehm würde es Cheng in jedem Fall werden.

"Wir warten ab, was er uns morgen anbietet", entschied Mister McKee dann. "Aber was Cheng angeht, bereiten wir schon einmal eine Großoperation vor... Wir müssen dann zeitgleich in möglichst allen seinen Läden zuschlagen, sonst haben wir keine Chance!"

Ein zustimmendes Gemurmel entstand unter den G-men.

Mister McKee hatte mit seiner Bemerkung zweifellos recht.

Aber vielleicht gab Alec Ritter uns ja einen wertvollen Tipp, der das ganze etwas erfolgversprechender machte. Am Ende wollten wir nicht mit leeren Händen dastehen.

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DER GERUCH VON RÄUCHERSTÄBCHEN hing in der Luft. William Cheng kniete in sich versunken vor dem Schrein seiner Ahnen.

Er war in dritter Generation Amerikaner und sprach nicht mehr als ein paar Sätze Mandarin-Chinesisch. Aber die Traditionen hielt er hoch.

William Cheng erhob sich.

Ein rundlicher Mann, der sich bedächtig bewegte. Er hatte die fünfzig längst überschritten. Sein dünnes Haar war gefärbt und nach hinten frisiert. Das Gesicht eine regungslose Maske.

William Cheng atmete tief durch.

Er würdigte den kahlköpfigen, dunkel gekleideten Wächter, der sich neben der Tür postiert hatte, keines Blickes.

Cheng ging hinaus auf den Dachgarten seines Hauses. Man hatte von hier aus einen fantastischen Blick über Chinatown, diese Stadt in der Stadt New York. Seine Stadt. Hier war er der große King. Jeder zollte ihm Respekt und wer das nicht in gebührender Weise tat, wurde ziemlich grob daran erinnert.

Manchmal begnügte er sich damit, seinen Gegnern die Ohren abschneiden zu lassen oder ihre Geschäfte niederzubrennen.

In anderen Fällen ließ er ihnen den Bauch aufschlitzen oder schickte sie mit einer Kugel im Kopf in den Hudson.

Das lag ganz in seinem Belieben.

Der große Boss trat an die Balustrade und warf einen Blick hinab auf das Gewimmel in den engen Straßen Chinatowns, einer mittleren asiatischen Großstadt, die sich von Orten wie Taipeh nur im wesentlichen dadurch unterschied, dass im Hintergrund das World Trade Center zu sehen war.

Chinatown wuchs. Es fraß sich immer weiter nach Norden vor, tief in Little Italy hinein.

Und es hatte seine eigenen Gesetze.

Gesetze, die Männer wie William Cheng machten.

In diesem Moment trat der kahlköpfige Wächter hinaus auf den Dachgarten. Die Kamera der Videoüberwachungsanlage folgte ihm surrend.

Cheng drehte sich herum.

"Was gibt es?", fragte er mit leiser, zischender Stimme.

"Mister Lin ist eingetroffen und erwartet, von Ihnen empfangen zu werden!"

Cheng nickte zufrieden.

"Gut, führen Sie ihn hier her. Ich fühle das Wetter in meiner Hüfte und habe keine Lust, mehr als unbedingt nötig herumzulaufen."

Der Kahlkopf verneigte sich, senkte den Blick und verschwand.

Ein paar Minuten später führte er einen drahtigen Mann mit hagerem Gesicht herein. Ein asiatisches Gesicht, umrahmt von dichtem, blauschwarzem Haar.

"Ich grüße Sie, Mister Cheng. Und es freut mich, Sie gesund zu sehen."

Auch Lin verneigte sich leicht. Seine Haltung war angespannt.

Cheng kam auf ihn zu.

"Wir haben uns eine ganze Weile nicht gesehen, Robert", begann er dann.

"Das ist richtig."

"Wo waren Sie?"

"Geschäfte in Übersee, Mister Cheng."

"Ich verstehe..."

"Sie haben mich rufen lassen. Eine dringende Angelegenheit?"

Cheng nickte. "Ja. Es gibt Probleme. Probleme, von denen ich hoffe, dass Sie und Ihre Leute sie schnell und endgültig lösen..."

Robert Lin machte eine Bewegung, die eine Mischung aus Nicken und Verbeugung zu sein schien.

"Geht es dabei vielleicht um den Einbruch in einen Juwelierladen, der vor kurzem geschah? Namentlich ein Juwelierladen, der einem Mann namens Beaumont gehörte?"

Chengs Gesicht veränderte sich nicht.

Er war in der Tradition aufgewachsen, dass man anderen seine Gefühle nicht zeigte.

Sein Blick fixierte Lin.

"Sie sind gut informiert", stellte er dann fest.

"Chinatown hat große Ohren", stellte Lin fest.

"...und viele Schwätzer, Mister Lin. Auch das sollte man niemals vergessen! Kann ich mit Ihnen rechnen?"

"Natürlich, Mister Cheng!"

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ALS ICH AM NÄCHSTEN Morgen zusammen mit Milo Tucker in unserem Hauptquartier an der Federal Plaza eintraf, erkundigte ich mich als erstes danach, was die Observation von Arnold 'Magic' Primo inzwischen ergeben hatte.

Das Ergebnis war mehr als dürftig.

Er schien wirklich übervorsichtig zu sein.

Er hatte sich mit niemandem getroffen, der irgendwie in unser Schema hineinpasste. Niemand, über den wir ein Dossier in unserem Archiv hatten. Aber das konnte ja noch kommen.

Noch war nicht viel Zeit vergangen.

"Spätestens vor ihrem nächsten Coup wird die Bande sich wieder treffen", tröstete mich Milo.

Ich grinste schief.

"Ich hoffe, dass diese Kerle bis dahin alle hinter Schloss und Riegel sitzen", gab ich zurück. Zu einem weiteren Coup sollte es auf gar keinen Fall kommen. Und schon gar nicht zu so einer Tragödie, wie sie im Fall Beaumont passiert war.

Zwei Tote waren mehr als genug.

Immerhin hatten wir ein paar neue Ergebnisse aus der Ballistik. Die Waffe, mit der Robert McKenzie erschossen worden war, war bei einem der anderen Überfälle dieser Bande schon einmal benutzt worden. In Albany hatte ein solches Projektil einen Wachmann gestreift und war dann in der Wand steckengeblieben.

Langsam fügte ein Informationsschnipsel sich zum nächsten.

Milo und ich verbrachten etwa zwei Stunden in unserem Dienstzimmer und setzten unsere Ermittlungen am Computer fort.

Per E-Mail bekamen wir Daten darüber, wann McKenzie und Arnold 'Magic' Primo in der Haftanstalt Riker's Island gewesen waren und ob ein Kontakt möglich gewesen war.

Wir staunten nicht schlecht.

Die beiden hatten sogar drei Jahre lang in ein und derselben Zelle gehaust.

"So etwas würde ich einen Volltreffer nennen", meinte Milo.

"Wir sollte uns Primo nochmal vorknöpfen."

Aber ich schüttelte den Kopf.

"Damit machen wir ihn nur misstrauisch. Bislang können wir ihm nichts nachweisen. Es ist nicht strafbar, der Bekannte eines toten Gangsters zu sein. Er muss sich sicher fühlen, Milo und einen Fehler machen."

"Oder seine Komplizen machen einen..."

"Das kommt auf dasselbe hinaus."

Wir hatten keine Zeit, das weiter auszudiskutieren.

In diesem Moment klingelte das Telefon.

Aber es war nicht der Dienstapparat auf unserem Schreibtisch, sondern mein Handy. Ich holte den Apparat aus dem Jackett, klappte ihn auf und hielt ihn ans Ohr.

"Trevellian."

Der Anrufer stellte sich nicht vor.

Brauchte er auch nicht.

Wir hatten darauf gewartet, dass er sich endlich meldete.

Es handelte sich zweifellos um Alec Ritter - auch wenn er sich große Mühe gab, nicht nach ihm zu klingen.

"World Financial Center, in zehn Minuten!"

"Wo genau dort?"

"Ich rufe Sie unterwegs an. Kommen Sie allein. Wenn Sie Ihre ganze Kavallerie mitbringen, bin ich weg!"

"Keine Sorge, ich..."

Die Verbindung war unterbrochen.

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ICH SETZTE DAS BLAULICHT auf meinen Sportwagen, und Milo hielt den Handy in der Hand.

In einem Höllentempo jagte ich den Broadway entlang.

Alec Ritter hatte uns nicht viel Zeit gelassen.

Ein verdammt misstrauischer Zeitgenosse. Aber vielleicht misstraute er den Falschen. Alles, was wir von ihm wollten, war eine wahrheitsgemäße Information - und dafür wurde er sogar noch entlohnt.

Das Handy klingelte.

Milo klappte das Gerät auf und reichte es mir.

Es war Ritter.

"Kommen Sie in den Winter Garden."

Er ließ mir nicht einmal die Zeit, ihm zu bestätigen, dass ich ihn verstanden hatte. Die Verbindung hatte keine fünf Sekunden gedauert.

Als die riesigen Türme des World Trade Centers vor uns auftauchten, nahm Milo das Blaulicht vom Dach des Sportwagens.

Bis zu unserem Ziel war es nur noch ein Katzensprung.

Und wir wollten hier nicht unnötig auffallen.

Das World Financial Center ist das Herzstück der sogenannten Battery Park City. Erde, die man zum Bau des benachbarten World Trade Centers ausheben musste, warf man zur Landgewinnung in den Hudson. Das so entstandene Neuland wurde Staatseigentum und nach einer einheitlichen Konzeption bebaut.

Wir gelangten über die gläserne North Bridge vom World Trade Center aus zu den vier gedrungenen Türmen, die das World Financinal Center bildeten. Ein fünfter Turm war im Bau. Sie alle waren von dem Architekten Cesar Pelli konzipiert. Büros und Geschäftsarkaden gibt es hier. Es gibt öffentlich zugängliche Lobbies mit viel Marmor und Messing. Und in dem berühmten Winter Garden herrschte ein südliches Flair mit haushohen Palmen und einem geschwungenen Glasdach. Eine futuristische Architektur - aber verglichen mit den benachbarten Zwillingstürmen des World Trade Centers wirkten die Pelli-Gebäude fast heimelig.

Fünf Minuten später betraten wir den Winter Garden.

Nicht zugleich. Ich hatte Ritter ja versprochen, allein zu kommen.

Sicherheitshalber gelangte Milo durch einen anderen Eingang an diesen Ort.

Die Sonne schien durch das gewölbte Dach, einer gewagten Konstruktion aus Stahl und Glas.

Ich schlenderte zwischen den meterhohen Palmen umher, in der Überzeugung, dass Ritter mich beobachtete. Milo hielt sich abseits, kaufte sich eine Zeitung, setze sich irgendwo vor eines der kleinen Bistros und behielt alles im Auge.

Zwischen den Palmen standen kleine Tische mit Stühlen.

Ich setzte mich.

Wenn es Ritter sich in letzter Sekunde doch noch anders überlegt haben sollte, konnte er mich ja anrufen.

Ich wartete, blickte auf die Uhr.

Und dann sah ich ihn eine der breiten Treppen hinunterkommen, die zu einem Bereich führten, in dem es vorwiegend Boutiquen und Herrenausstatter gab.

Ritter wirkte nervös.

Seine linke Hand krallte sich in die tiefe Hosentasche seiner Leinenhose. Er blickte sich zweimal um.

Dann erreichte er mich.

Er setzte sich zu mir.

"Guten Tag, Mister Ritter..."

"Hallo, G-man!"

"Wenn Sie beim Geheimdienst anfangen wollen, müssen Sie noch ein paar Dinge lernen. So auffällig, wie Sie das machen..."

"Hören Sie, Trevellian! Sie müssen mir jetzt jedes Wort glauben..." Seine Stimme hatte einen fiebrigen Klang. Seine Augen waren weit aufgerissen. Er beugte sich vor.

Und dann sah ich plötzlich den knallroten Laserpunkt mitten auf seiner Stirn.

Ich wusste Bescheid.

Sekundenbruchteile zwischen Leben und Tod...

Der rote Punkt auf Ritters Stirn stammte von einem Laserpointer, wie er bei modernen Präzisionswaffen zur Zielerfassung benutzt wurde.

Ich warf mich nach vorn, Ritter entgegen.

Ritter stöhnte verwirrt auf.

Ich setzte mein ganzes Gewicht ein und kippte ihn mitsamt seinem Stuhl nach hinten. Ritter landete auf dem Rücken, ich krachte zu Boden. In derselben Sekunde zischte ein Projektil so dicht an uns vorbei, dass man den Luftzug spüren konnte.

Fast lautlos ging das.

Der große Knall erfolgte erst später, als die Ladung in einen der Palmenstämme hineinfetzte. Das harte Holz splitterte, als wäre es morsch. Es gab eine regelrechte Detonation und dann ein hässliches, knackendes Geräusch. Holz barst. Die Palme stellte sich schräg und sauste wie ein gewaltiger Knüppel zu Boden.

Schreie von Passanten waren zu hören.

Menschen stoben aufgeregt auseinander.

Ich rollte mich am Boden herum. Mein Griff ging wie im Reflex zum Gürtelhalfter. Ich riss die automatische Pistole vom Typ Sig Sauer P 226 heraus und brachte sie in Anschlag.

Chaos überall.

Bei einer der Sitzgruppen sah ich einen Mann mit Spiegelbrille und Wollmütze. Von seinem Gesicht war so gut wie nichts zu sehen. In der Hand trug er eine Pistole mit sehr langgezogenem Lauf und einer übergroß wirkenden Zielvorrichtung.

"Bleiben Sie liegen!", rief ich Ritter zu.

Der Killer schoss noch einmal.

Die Munition, die er mit seiner Waffe verschoss, war teuflisch. Explosionsgeschosse, die dem Opfer kaum eine Chance ließen, sobald es getroffen war. Selbst ein Treffer an einem Arm oder Bein konnten lebensgefährlich sein, weil die Teufelsdinger beim Aufprall auf den Körper zu einer kleinen Bombe wurden.

Grell blitzte das Mündungsfeuer auf.

Der Killer nahm sich nicht die Zeit, um sorgfältig zu zielen und trotzdem waren seine Schüsse brandgefährlich.

Einer ging in Reste der Sitzecke, in der Ritter und ich vor wenigen Augenblicken platzgenommen hatten. Die Detonation schleuderte Splitter aus Holz und Plastik in die Höhe.

Panische Schreie erfüllten den Winter Garden.

Ich fluchte innerlich.

Die P226 in der Faust nützte mir recht wenig.

Ich konnte unter diesen Umständen unmöglich schießen, wollte ich nicht Dutzende völlig unbeteiligter Passanten gefährden.

Ein Schuss zischte dicht über Ritter hinweg. Er presste sich an den Boden, während zwanzig Meter hinter ihm das Explosionsgeschoss in einen Blumenkübel fuhr. Die Detonation ließ die Waschbetonsteine, die den Blumenkübel umgrenzten, zerspringen.

Eine Fontäne aus Erde und Kies wurde in die Höhe geschleudert und regnete klackernd hernieder.

Ich rappelte mich hoch, kauerte hinter einem umgestoßenen Stuhl.

Ritter geriet in Panik.

Er schnellte hoch und rannte.

Er musste wahnsinnig sein.

"Ritter!"

Mit großen Schritten spurtete er los und duckte sich dabei.

Der Killer hob die Waffe.

Der Schuss kam schnell und traf Ritter von hinten in die Lunge. Die Detonation ließ den Brustkorb platzen. Er hatte nicht mal Zeit für einen Schrei. Der Knall übertönte alles.

Dort, wo Ritter gerade noch gestanden hatte, war Sekunden später nur noch etwas Rotes, Formloses.

Ein furchtbarer Anblick.

Dass er noch lebte war unmöglich.

Wut packte mich. Und der Gedanke an meine eigene Ohnmacht in dieser Situation machte mich fast wahnsinnig.

Und doch hieß es jetzt kühlen Kopf bewahren. So schwer das auch fallen mochte. Ein G-man muss die Kontrolle über sich behalten, schon um seiner Sicherheit willen. Aber nicht nur deshalb...

Der Killer spurtete los.

Eine Sekunde später war ich auf den Beinen und setzte ebenfalls zu einem Lauf an.

Ich wollte ihn kriegen.

Von der anderen Seite sah ich Milo mit seiner Waffe in der Hand losstürmen.

Der Killer nahm keine Rücksicht.

Er hob die Waffe und feuerte. Unterhalb des dicken Laufs befand sich ein großes Magazin. Ich kannte diesen Waffentyp nicht. Vielleicht eine Spezialanfertigung. Aber es stand zu befürchten, dass er noch ziemlich oft feuern konnte, ohne nachladen zu müssen.

Rücksichtslos verballerte er die teuflischen Explosionsgeschosse.

Zwei kurz hintereinander in Milos Richtung.

Der warf sich schnell zur Seite, rutschte bäuchlings einen Meter über den glattgewienerten Steinboden. Die Bombe schlug in einen Zeitungskiosk ein. Hell loderten die Flammen auf.

Schreiend rettete sich der Inhaber ins Freie. Dessen Kleider hatten Feuer gefangen.

Der Mann warf sich auf den Boden, wälzte sich und schrie.

Milo zog seine Jacke aus und warf sie ihm über. Die Flammen erstickten.

Der Killer zeigte ein wölfisches Grinsen.

Es war das einzige, was man von ihm sehen konnte, denn die Spiegelbrille hatte sehr große Gläser. Sie verdeckten die obere Hälfte des Gesichts fast völlig.

Der Killer rannte die breiten Stufen hinauf, die zu einer Geschäftspassage führten.

Zwei Wachmänner des Security Service, der für die Sicherheit des Financial Centers verantwortlich waren, kamen ihm mit gezogenen Waffen entgegen.

Entweder hatten die Schüsse sie alarmiert, oder sie hatten über eine Video-Überwachungsanlage mitbekommen, was geschehen war.

"Stehenbleiben!", rief einer der Wachmänner.

Er hatte es kam ausgesprochen, da hatte sein Kollege bereits eines der tückischen Explosionsgeschosse mitten im Bauch.

Die Detonation riss ihn förmlich auseinander.

Der andere Wachmann schoss seinen altmodischen Sechs-Schuss-Revolver vom Kaliber 38 ab. Der Killer duckte sich, schwenkte die eigene Waffe seitwärts und schoss beinahe im selben Moment. Der Wachmann bekam den Schuss mitten ins Gesicht. Die Wucht des Aufpralls riss ihn nach hinten. Die Explosion zerschmetterte ihm den Schädel, während sein Waffenarm hochgerissen wurde.

Der Schuss, der sich aus dem kurzen Lauf des Revolvers löste, ließ zehn oder fünfzehn Meter über dem Killer das Glasgewölbe zerspringen.

Ein Regen aus tausend scharfkantigen Scherben kam herab.

Der Killer rannte vorwärts, wirbelte dabei herum.

Ich hob die Waffe.

Der Killer feuerte.

Ein ungezielter Schuss - und trotzdem noch gefährlich genug.

Einen Meter neben mir kratzte das Projektil am Steinboden.

Man brauchte von diesen verdammten Geschossen nicht direkt getroffen zu werden. Wenn man ungünstig stand, konnte die Explosion einem das Bein wegreißen, auch wenn der Schuss knapp daneben ging.

Ich warf mich zur Seite, drehte mich am Boden herum, während ich die Hitze der Detonation spürte.

Ich fühlte die Druckwelle, riss die P226 hoch. Das Schussfeld war frei. Alle Passanten, die in der Nähe gestanden hatten, waren auseinandergestoben.

Ich schoss und hielt dabei auf die Beine des Killers.

Der Schuss zischte dicht an dem Killer vorbei, der die Treppenstufen mit weit ausgreifenden Schritten nahm. Immer drei Stufen auf einmal.

Innerhalb eines Augenblicks war er oben. Noch einmal feuerte er in meine Richtung. Ein schlecht gezielter Schuss.

Irgendwo hinter mir vernahm ich die Detonation. Eine der Sitzecken wurde förmlich gesprengt. Metall und Plastik wirbelte durch die Luft. Glücklicherweise hatte dort niemand gesessen.

Ich rappelte mich auf, die P226 in der Rechten.

Vorbei an den furchtbar zugerichteten Leichen der beiden Wachmänner rannte ich die Stufen hinauf.

Milo kam ebenfalls auf die Treppe zu. Ich sah ihn aus den Augenwinkeln heraus.

Oben angekommen, holte er mich ein.

Vor uns lag eine Passage.

Ich griff zum Handy, um unsere FBI-Kollegen und die City Police herbeizurufen.

Ein Schrei gellte durch die Passage. Menschen stoben entsetzt auseinander.

Milo und ich setzten zu einem Spurt bis zur nächsten Ecke an. Ängstliche Gesichter starrten auf die Pistole in unseren Händen. Milo hielt den Dienstausweis hoch.

"FBI!", rief er.

Wir ließen den Blick schweifen.

Dreißig, vierzig Meter von uns entfernt sahen wir den Killer. Er rannte die Sitzgruppe eines Cafés um, drehte sich und rempelte dann gegen den Kleiderständer, den eine der kleinen Boutiquen vor den Eingang des Geschäfts gestellt hatte.

Er riss die Waffe hoch und feuerte sofort.

Die Passanten waren ihm gleichgültig.

Das Geschoss zischte über uns hinweg, zerschmetterte einige Meter von uns das Schaufenster eines Herrenausstatters.

Der Killer rannte weiter.

Er erreichte die Aufzüge und drückte wie ein Wahnsinniger auf die Knöpfe. Alle Passanten, die sich in der Nähe der Aufzüge befanden nahmen Reißaus. Und der Killer schürte ihre Panik noch, indem er dicht über ihre Köpfe hinwegfeuerte.

Das Projektil prallte gegen einen Betonpfeiler. Die Detonation war ohrenbetäubend.

Eine der Aufzugstüren ging auf.

Ein Wachmann stand darin.

Er griff an die Seite, dorthin, wo sein Revolver aus dem Halfter ragte. Aber er erstarrte mitten in der Bewegung. Er kam nicht mehr dazu seine Waffe herauszureißen.

Er blickte stattdessen direkt in den Lauf der monströsen Sonderanfertigung, die der Killer in der Hand hielt.

"Schön ruhig, dann bleibst du am Leben!", zischte er zwischen den Zähnen hindurch.

Der Wachmann erbleichte.

Der Killer machte einen Satz in die Liftkabine, drückte den Wachmann an die Wand und riss ihm den Revolver aus dem Gürtel. Den Revolver drückte er dann in den Rücken des Wachmanns, der sich als lebender Schutzschild vor ihm aufstellen musste. Den dicken Lauf seiner Spezialpistole legte er über die Schulter des armen Kerls.

Er grinste uns an, als wir den Lift erreichten.

Wir konnten nichts tun.

Die Schiebetür schloss sich und durch den Spalt feuerte der Wahnsinnige noch einmal. Wir sprangen zur Seite. Die Ladung pfiff zwischen uns hindurch und detonierte zehn Meter hinter uns, als sie auf dem Boden aufprallte.

Ich sah auf die Leuchtanzeige an der Wand.

Der Lift war auf dem Weg nach unten.

In den Keller.

"Er würde sich nicht dorthin verkriechen, wenn es da kein Schlupfloch gäbe, durch das er entkommen könnte!", war Milo überzeugt.

Ich fürchtete, dass er recht hatte.

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EIN HALBES DUTZEND Wachmänner rannte auf die Aufzüge zu.

Einige der Männer trugen Pumpguns. Per Walkie-Talkie waren sie mit ihrer Zentrale verbunden.

Milo hielt den FBI-Ausweis hoch.

"Der Kerl ist im Keller!", sagte ich knapp, denn ich nahm an, dass die Wachmänner im Bilde waren. "Gibt es dort auch Videoüberwachung?"

"Nein", knurrte einer der Wachmänner.

"Alle Ausgänge müssen schleunigst besetzt werden. Unsere Kollegen werden dazu vermutlich zu spät eintreffen..."

"Okay", sagte der Wachmann, an dessen Hemd der Name 'Hampton' aufgestickt war. "Ich veranlasse das!" Er griff zum Walkie-Talkie. Noch bevor er anfangen konnte zu reden, sagte ich: "Er hat eine Geisel. Einen Ihrer Männer..."

Hampton runzelte die Stirn.

"Verdammt...", knurrte er.

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WIR GELANGTEN ÜBER eine der Treppen in den Keller. Über die anderen Aufzüge wäre es zu gefährlich gewesen. Der Killer brauchte nur auf uns zu warten und losballern, sobald sich die Schiebetür öffnete.

Seinem bisherigen Amoklauf nach zu urteilen, war ihm so etwas durchaus zuzutrauen.

Wir ließen uns von Hampton und seinen Leuten führen.

Die kannten sich hier einfach besser aus.

Im Keller war es kühl, die Wände waren kahl und nicht einmal gestrichen.

Von Hampton und seinen Leute erfuhren wir, dass sich hier vorwiegend technische Anlagen befanden. Heizung, Wasser, Strom... Ein Großteil des Kellers stand noch leer. Es gab Probleme mit eindringendem Wasser. Und bevor die nicht gelöst waren, würde man den Kellerbereich auch nicht nutzen können.

Wir pirschten uns einen langen Flur entlang, die Waffen immer im Anschlag. Überall in diesem unterirdischen Labyrinth konnte der Killer lauern.

Und dann erreichten wir die Aufzüge.

"Dieser verdammte Hund!", fluchte Hampton bitter und sein Gesicht lief rot an. Tränen des Zorns stiegen ihm in die Augen, als er das schreckliche Bild sah, das sich uns bot.

Der Killer hatte ganze Arbeit geleistet.

Die Leiche des Wachmanns lag seltsam verrenkt zwischen den beiden Hälften der Schiebetür, die sich mit einem surrenden Geräusch unablässig zu schließen versuchte.

"Er hat ihn einfach über den Haufen geschossen", stellte Milo bitter fest.

"Pete Bridger", sagte Hampton. "Ich kannte ihn gut. Er hat drei Kinder. Wir haben zusammen hier beim Security Service angefangen, als die Pelli-Türme fertiggestellt worden waren..."

Im Kampf gegen das Verbrechen bekommt man viel zu sehen, was einen bis in den Schlaf verfolgen kann. Und das, was sich hier im World Financial Center abgespielt hatte, gehörte sicher zu dem Stoff, aus dem die Alpträume der G-mans sind.

Dinge, an die ich mich einfach nicht gewöhnen kann.

Und will.

Aber der Killer, mit dem wir es hier zu tun hatten, schien an Kaltblütigkeit alles in den Schatten zu stellen, was ansonsten in der Unterwelt des Big Apple Gang und Gäbe sein mochte.

"Er hat die Leiche absichtlich so hingelegt", stellte ich düster fest. "Er wollte den Lift blockieren..."

Bei den anderen Aufzügen war das gar nicht nötig gewesen. Die waren ohnehin auf dem Weg in lichte Höhen, wie man an der Leuchtanzeige an der Wand sehen konnte.

Ich packte die P226 fester.

Vielleicht war er noch hier unten und saß in der Falle.

Ich hoffte es.

Ein Geräusch ließ uns zusammenzucken. Wir pirschten uns voran, einen schlecht beleuchteten Gang entlang. Es gab hier zwar einige Leuchtstoffröhren als Lichtquellen, aber gut die Hälfte davon schien nicht angeschlossen zu sein und blieb dunkel.

Mit der P226 in der rechten Faust ging ich voran.

Hampton und seine Leute kannten sich hier unten zwar besser aus, aber in solchen brenzligen Situationen hatten sie natürlich deutlich weniger Erfahrung, als G-men wie Milo und ich.

Unser Gegner war ein Profi, gegen den man sich nicht die geringste Blöße geben durfte. Sonst war man tot, ehe man einmal unvorsichtig geatmet hatte. Mir war klar, dass mir allenfalls ein Sekundenbruchteil bleiben würde, sobald ich dem Killer gegenüberstand.

Ein halber Herzschlag, um zu entscheiden.

Um einen Killer zu stellen oder in Notwehr abzudrücken.

Schritt für Schritt schlichen wir vorwärts.

Links war eine Stahltür, die in einen Heizungskeller führte. Die Tür stand offen, obwohl das sicher nicht den Sicherheitsbestimmungen entsprach.

Es brannte kein Licht.

Milo machte mir ein Zeichen.

Er würde hineingehen in das Wespennest, während wir ihn abschirmten.

Beidhändig packte er seine Automatik, schnellte vor und presste sich gegen einen der großen Heizkessel, die aus diesem Raum ein Labyrinth machten.

"Hier spricht das FBI!", rief Milo Tucker. "Kommen Sie mit erhobenen Händen raus! Sie sind umstellt und haben keine Chance!" Eine Sekunde lang geschah gar nichts.

Dann rührte sich etwas.

Aus einer dunklen Ecke trat ein kleiner gedrungener Mann mit hagerer Figur und schütteren Haaren hervor. Er hatte einen ziemlich verschüchterten Blick. Der Mann trug einen blauen Kittel und hatte vom Körperbau her nicht die geringste Ähnlichkeit mit dem Killer, hinter dem wir her waren.

Auch wenn wir von dessen Gesicht kaum etwas hatten sehen können - dieser Mann war jemand anderes.

"Gott sei Dank", murmelte der Mann. "Ich bin Reilly und arbeite hier als Hausmeister..."

"Haben Sie einen Mann mit Baseballmütze und einer ziemlich großen Waffe gesehen?", fragte ich.

"Ja." Der Hausmeister schluckte. "Ich habe beobachtet, wie er den Wachmann erschoss und mich dann hier versteckt."

"Haben Sie eine Ahnung, wo er steckt?"

"Nein. Ich hatte so große Angst, verstehen Sie..."

"Sicher..."

Wir ließen die Waffen sinken.

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UNSER KOLLEGE AGENT Mark L. Ditrick meldete sich per Handy.

Das World Financial Center war von Beamten des FBI und der City Police umstellt. Der Ring zog sich immer enger um den Killer.

Wir nahmen uns einen Raum nach dem anderen vor. Aber nirgends war eine Spur des Mannes.

Dann meldete sich Ditrick ein zweites Mal. Ein Officer der City Police hatte ein aufgebrochenes Kellerfenster entdeckt.

Ein frischer Fußabdruck im benachbarten Rasen konnte darauf hindeuten, dass der Killer längst auf und davon war. Der Ring hatte sich zu spät um ihn geschlossen.

Er war uns entwischt. Je länger die Suche dauerte, desto größer wurde in diesem Punkt die Gewissheit.

Der Kerl war uns durch die Lappen gegangen.

"Eigentlich kein Wunder", meinte Hampton dazu. "Dies ist ein riesiger Komplex. Es war so gut wie gut wie unmöglich, ihn schnell genug abzuriegeln..."

Milo wandte sich an mich.

"Immerhin scheint die Information, die Ritter uns geben wollte, für irgendjemanden so brandheiß gewesen zu sein, dass es ihm einen Mordauftrag wert war."

"Cheng?", fragte ich.

"Ein Verdacht, Jesse. Und zwar einer von der Sorte, die man tunlichst so äußern sollte, dass niemand etwas mitbekommt! Sonst bekommt man am Ende noch eine Klage wegen Verleumdung..."

Milo verzog das Gesicht zu einem dünnen Lächeln.

Ich wusste, was er meinte.

Es gab kaum eine Möglichkeit, William Cheng damit in Verbindung zu bringen. Dazu gab es einfach zu wenig Anhaltspunkte.

"Wir müssen jetzt handeln", meinte ich. "Wenn wir Chengs Läden nicht jetzt durchsuchen lassen, hat es überhaupt keinen Sinn mehr!"

"Vielleicht ist es jetzt schon zu spät", meinte Milo skeptisch.

"Wüsstest du eine Alternative?"

"Warum nicht als Kaufinteressent für die Beute auftreten, Jesse?"

"Darauf werden die nicht eingehen."

"Wieso nicht? Die Juwelen sind brandheiße Ware. Je schneller man sie los wird, desto besser!"

Ich schüttelte den Kopf. "Der Auftritt dieses Killers zeigt, dass unsere Gegner alarmiert sind. Die werden nicht so dumm sein und sich jetzt vorwagen. Wer immer jetzt als Käufer auftritt, muss ihnen doch verdächtig erscheinen."

"Du denkst, dass sie die Beute erst einmal eine Weile irgendwo bunkern?"

"Ja."

"Klingt plausibel."

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MISTER MCKEE GAB DEN Befehl zu jener großangelegten Durchsuchungsaktion, für die die Vorbereitungen längst abgeschlossen waren.

Nur das Ergebnis meiner Unterredung mit Ritter hatte noch abgewartet werden sollen. Aber die war ja gar nicht zustandegekommen. Der Killer hatte das wirkungsvoll verhindert.

Zeitgleich wurden jetzt Razzien in den uns bekannten Läden in Chinatown durchgeführt, die unter Chengs Kontolle standen.

Ein ziemlich großer Aufwand.

Aber wir hofften, dass etwas dabei herauskam. Natürlich wurde auch Chengs Residenz unter die Lupe genommen - jene Traumetage an der Confuzius Plaza, hoch über den Dächern von Chinatown, in der der sogenannte Pate dieses Stadtteils wie ein König thronte.

Es hätte mich schon sehr interessiert, dem ominösen Mann im Hintergrund persönlich gegenüberzustehen.

Aber auf Milo und mich wartete eine andere Aufgabe.

Abseits des großen Zirkus.

Zunächstmal fuhr ich Milo zu seiner Wohnung. Seine Jacke war ruiniert worden, als er dem brennenden Ladenbesitzer geholfen hatte. Und auf die Dauer hatte er keine Lust dazu, nur im Hemd herumzulaufen. Schon deshalb nicht, weil man dann seine Dienstwaffe und die Handschellen am Gürtel sehen konnte und er so weithin als Cop zu erkennen war.

Als das mit der Jacke erledigt war, fuhren wir in die 42. Straße.

Dort lag unser Ziel - die Wohn- und Geschäftsräume von Alec Ritter.

Manche sagen, dass wenn man die 42. Straße in Höhe der Sixth Avenue nach Süden hin überquert, eine unsichtbare Grenze überschritten wird. Eine Grenze zwischen Erster und Dritter Welt.

Kriminalität, Prostitution und Drogenhandel haben sich in den letzten Jahren an der Zweiundvierzigsten festgesetzt so wie früher an der Bowery. Straßenstrich, Pornoläden und Crackhäuser stehen hier Seite an Seite neben windigen Buchmacherläden. Hier hatte auch Alec Ritter seine sogenannte Handelsagentur gehabt. Ein Laden, der sich angeblich auf den Verkauf von Restposten spezialisiert hatte. Die Agentur war in einem schmuddelig wirkenden Brownstone-Haus untergebracht.

Der Großteil bestand aus Lagerräumen.

Die Büros schienen nicht besetzt zu sein. Jedenfalls machte uns niemand auf, als wir klingelten. Wir benutzten einen Schlüsselbund, der sich bei Ritters Leiche gefunden hatte, um ins Innere zu gelangen.

Schon auf den ersten Blick war uns klar, dass hier etwas geschehen sein musste.

Ein blutiger Handabdruck war an der weißen Raufaserwand zu sehen. Es sah aus, als wäre jemand an dieser Wand zu Boden gerutscht. Auf dem Fußboden war auch Blut.

Milo und ich wechselten einen kurzen Blick.

Unsere Hände gingen im selben Moment zum Gürtel.

Den Bruchteil einer Sekunde später hatten wir beide unsere Pistolen in der Faust. Entsichert.

Das, was wir bislang gesehen hatten, ließ das Schlimmste ahnen...

Wir tasteten uns bis zum ersten Büroraum vor.

Es herrschte totales Chaos. Wer immer hier eingedrungen sein mochte, er hatte ganze Arbeit geleistet und alles verwüstet. Die Computer waren zum Teil aufgeschraubt, die Festplatten entfernt. Bildschirme waren einfach auf den Fußboden geworfen worden. Überall flog Papier herum. Die Aktenschränke waren grob durchwühlt worden. Es roch ziemlich verbrannt und wenig später fand sich auch die Ursache. In einem Papierkorb hatte jemand ein kleines Feuerwerk veranstaltet und offenbar einen Haufen Papier verbrannt. Der Plastikeimer war dabei angeschmolzen und hatte sich auf groteske Weise verformt.

Und überall Blutspritzer...

Wir gelangten in das zweite Büro, das mit dem ersten durch eine Schiebetür verbunden war.

Ein verzerrtes Gesicht mit weit aufgerissenen, tote Augen blickte uns an. Mitten im Schädel klaffte eine Wunde. Das Blut war über das Gesicht gesickert und schließlich geronnen.

Der Strom war erstarrt.

Der Mann war fünfunddreißig oder vierzig.

Wir sahen uns gründlich um. Ich trat die Tür des benachbarten Raums ein, in dem einige Kisten mit Videorekordern standen, deren Herkunft aller Wahrscheinlichkeit nach höchst fragwürdig war.

Der Mörder war längst über alle Berge.

Ich kehrte zurück.

Milo deutete auf den Toten, während er bereits den Handy in der Hand hielt um den Erkennungdienst zu informieren.

"Vermutlich einer von Ritters Mitarbeitern. Wer genau, haben wir bald raus..."

"Ja, wahrscheinlich", murmelte ich dünnlippig. Milo telefonierte. Ich sah mir die Leiche genauer an. Ich sah jede Menge Hämatome. Auch wenn man kein Mediziner ist, kann man unter Umständen erkennen, ob jemand geschlagen wurde. Und als G-man entwickelt man für solch traurige Details zwangsläufig einen besonderen Blick.

Und dieser Kerl war geschlagen worden. Ziemlich heftig sogar, so als ob man etwas aus ihm hatte herauspressen wollen.

"Die Scientific Research Division ist gleich da", sagte Milo. "Und die Kollegen vom NYPD ebenfalls..."

Ich atmete tief durch, steckte die Sig Sauer P 226 ins Gürtelhalfter und meinte: "Vielleicht wusste dieser Mann, dass Ritter sich mit mir treffen wollte..."

Milo nickte.

"Wenn er auch den Treffpunkt gewusst hat, musste der Killer ihn nur noch aus dem armen Kerl hier herausprügeln, bevor er ihn dann umlegte und sich an Ritters Fersen setzte... Andererseits ist dieser Mann hier garantiert nicht mit den Explosionsgeschossen erledigt worden, die der Killer mit der Baseballmütze benutzt hat."

"Wer sagt, dass er nur eine Waffe hat?", erwiderte ich.

"Schließlich macht es nicht viel Sinn, eine derart zerstörerische Waffe hier einzusetzen... Außerdem könnte er Komplizen haben..."

"Vielleicht die Leute, die Beaumont auf dem Gewissen haben?"

"Wer weiß..."

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ES DAUERTE NICHT LANGE, bis der Erkennungsdienst und die Beamten der City Police eintrafen. Der Tatort wurde abgeschirmt. Jeder Winkel eingehend durchsucht. Wir sahen uns auch Ritters Privaträume an. Seine Wohnung war karg eingerichtet. Es gab kaum persönliche Gegenstände. Aber schon der erste Blick ins Badezimmer sagte mir, dass es irgendeine Frau in Ritters Leben geben musste, auch wenn leider kein Bild von ihr auf dem Nachttisch stand. Das Doppelbett war zweifellos in der letzten Nacht benutzt worden. Es lag zerwühlt da.

Wir waren etwa eine halbe Stunde in der Wohnung, als einer der Officers, die das Gebäude abschirmten, mit einer dunkelhaarigen Schönheit auftauchte.

"Diese Dame behauptet, hier zu wohnen", erklärte der Officer.

"Ist in Ordnung", sagte ich.

Ich zeigte ihr meinen Ausweis. "Mein Name ist Jesse Trevellian, ich bin Special Agent des FBI und würde Ihnen gerne ein paar Fragen stellen..."

"Alec...", murmelte die Frau. Sie hatte geweint. Ihr Make-up war etwas verwischt.

Mit den Händen umklammerte sie eine prallvolle braune Einkaufstüte aus Papier, deren rechter Henkel gerissen war. Sie trug ein rotes Kleid, das ihre kurvenreichen Formen nahezu perfekt abbildete.

"Sie wissen, was passiert ist?", fragte ich.

Sie sah mich an.

"Der Officer sagte, dass Alec nicht mehr lebt..."

"Das ist richtig."

Sie schüttelte voller Verzweiflung den Kopf. "Welches Schwein hat das getan!", schluchzte sie dann mit grimmig verzogenem Gesicht. Für meinen Geschmack trug sie ein bisschen zu dick auf. Sie wirkte wie eine Schauspielerin, die ihre Rolle besonders überzeugend auf jene Bretter bringen wollte, die angeblich die Welt bedeuten.

"Warum gehen Sie davon aus, dass Mister Ritter ermordet wurde?", fragte ich kühl.

Einen Augenblick lang war sie etwas perplex. Sie stellte ihre Plastiktüte irgendwo ab und gewann dadurch ein paar Sekunden, um sich wieder zu fangen. "Nun, ich... Ist er das nicht?" Sie stotterte herum. "Ich meine, Sie sind doch vom FBI und der kümmert sich doch nicht um Verkehrsunfälle, oder?"

"Das ist richtig."

Unsere Blicke begegneten sich.

Mein Instinkt sagte mir, dass mit ihr etwas nicht stimmte.

Sie schluckte. Sie sollte ruhig denken, dass wir sehr viel mehr wussten. Vielleicht war sie dann gesprächiger.

"Wer sind Sie?", fragte Milo indessen.

"Meine Name ist Dominique Archers. Und ich war mit Alec Mister Ritter - sehr eng befreundet."

"Wie eng?", hakte Milo nach.

"Wir lebten zusammen."

"Hier, in dieser Wohnung?"

"Ja."

"Schon lange?"

"Vielleicht sechs Wochen."

"Wo haben Sie sich kennengelernt?"

Sie stemmte die Arme in die Hüften und fauchte Milo an: "Hören Sie mal, Sie fragen ja wie ein Maschinengewehr! Ich erfahre gerade, dass mein Lebensgefährte umgebracht wurde und Sie..."

"Tut uns leid, mein Kollege wollte Ihnen nicht zu nahe treten. Aber jedes Detail aus Ritters Lebensumfeld kann wichtig für uns sein", erklärte ich ruhig. Sie atmete tief durch, beruhigte sich etwas.

"Okay", murmelte sie dann.

"Was wissen Sie über Alec Ritters Geschäfte?", fragte ich.

"Nur, dass er damit ein Heidengeld machte!"

Sie lügt!, dachte ich. Ich sah sie durchdringend an, sie wich meinem Blick aus.

"Ritter wurde umgebracht, als er sich mit mir treffen wollte, Miss Archers. Er wollte mir Informationen darüber zukommen lassen, wo unter Umständen ein Haufen Juwelen zu finden wäre, der vor kurzem verschwunden ist..."

"Alec war nie in unseriöse Geschäfte verwickelt und..."

"Er war ein Hehler!", schnitt ich ihr das Wort ab. Sie erbleichte. "Aber er hatte Konkurrenten. Einer davon trägt den Namen William Cheng und residiert an der Confuzius Plaza in Chinatown, hoch über den Dächern der Stadt wie die Imitation eines kleinen Kaisers..."

Ihr Gesicht zeigte eine Regung.

Ihr Mund öffnete sich halb, dann biss sie sich auf die Lippe.

"Der Name sagt Ihnen etwas...", stellte ich fest.

"Ein bekannter Geschäftsmann."

"Ein Mann, dessen Fingerschnippen genügt, um jemandem das Lebenslicht auszublasen", erwiderte ich.

"Was hatte Alec mit diesem Cheng zu tun?"

"Genau das hätte ich gerne von Ihnen gewusst?"

"Ich weiß nichts, Mister Trevellian. Lassen Sie mich in Ruhe, ich muss das alles erst einmal verarbeiten..."

Ich ließ nicht locker.

"Alec Ritter sind nach eigener Aussage vor kurzem brandheiße Juwelen angeboten worden, Miss Archers..."

"Ach, ja?"

"Sie wissen nichts davon?"

"Nein. Alec sprach mit mir nicht über das Geschäft..."

"Schade. Ich dachte, Sie hätten uns helfen können, seinen Mörder dingfest zu machen - beziehungsweise den Mann, der ihn bezahlt und geschickt hat."

Sie blickte plötzlich auf.

"Sie meinen, dass dieser Cheng dafür verantwortlich ist?", fragte sie.

"Ja", sagte ich. "Das vermuten wir."

"Das glaube ich nicht..."

"Ach, nein?"

Sie reagierte nicht darauf. Sie stand mit in sich gekehrtem Blick da, verschränkte die Arme vor den großen Brüsten. Ihre Stirn hatte sich umwölkt. Die geraden, nachgezogenen Augenbrauen bildeten eine Schlangenlinie.

"Wussten Sie eigentlich, dass Alec Ritter sich hin und wieder als Informant des FBI betätigte?", fragte ich dann.

"Nein", murmelte sie abwesend vor sich hin.

Und dabei ballte sie die Hand zur Faust.

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"SIE WERDEN JEDE MENGE Schwierigkeiten durch Ihr unbedachtes Vorpreschen bekommen, G-man!", schimpfte Jesper Nolan, der Anwalt von William Cheng.

Nolan, ein schlaksiger, großer Kerl in grauem Zwirn, hatte sich breitbeinig vor Clive Caravaggio aufgebaut und redete auf ihn ein.

William Cheng sah indessen mit bewegungslosem Gesicht dem halben Dutzend FBI-Beamten bei der Arbeit zu. Sie durchsuchten jeden Winkel in Chengs Traumetage an der Confuzius Plaza.

Chengs Gesicht blieb eine unbewegliche Maske.

Zumindest äußerlich blieb er gelassen.

Nachdem der hitzige Nolan eine Pause in seinen Tiraden eingelegt hatte, wandte sich der große Boss an den FBI-Agenten.

"Ich habe mächtige Freunde, Agent Caravaggio", sagte er mit dünner Stimme. Er brauchte nicht zu schreien. Er sprach wie ein Mann, der sich seiner Macht bewusst war. Sein Lächeln war kalt und nichtssagend, als er noch hinzufügte: "Das sollten Sie bedenken. Bei allem, was Sie tun!"

Caravaggio verzog das Gesicht zu einem dünnen Lächeln.

Derartige Drohungen war er gewohnt.

Jeder Mafiosi, ja selbst jede drittklassige Nummer im organisierten Verbrechen drohte mit weitreichenden Verbindungen. Wer sich davon abschrecken ließ, konnte den Kampf gegen das Verbrechen gleich für beendet erklären.

"Hören Sie, Mister Cheng. Wir machen hier nur unseren Job. Mehr nicht. Sie haben den Durchsuchungsbefehl gesehen, also warten Sie jetzt ganz in Ruhe ab, was wir bei Ihnen finden."

"Ich habe Geld wie Heu, Mister Caravaggio. Glauben Sie, ich habe es nötig, einen Juwelier auszurauben?"

"Wir haben einen recht glaubwürdigen Hinweis darauf bekommen, dass Sie die Beute auf dem Markt durch Mittelsmänner haben anbieten lassen..."

Jetzt mischte sich wieder der Anwalt ein.

Nolan schien wohl das Gefühl zu haben, für das sicher fürstlich bemessene Honorar etwas Einsatz zeigen zu müssen.

"Ach, ja?", schnaubte er. "Wo ist denn Ihr Zeuge? Wo ist denn dieser saubere Denunziant, der meinem Mandanten da etwas ans Leder flicken will? Wahrscheinlich nur, weil er etwas gegen Asiaten hat oder Mister Cheng aus irgendeinem anderen Grund Schwierigkeiten machen will..."

Caravaggio studierte aufmerksam Chengs Gesicht. Das Gezeter des Anwalts nahm er nur am Rande zur Kenntnis.

Cheng atmete tief durch. Er gebot Nolan mit einer Handbewegung, zu schweigen.

"Mister Nolan haben die rüden Umgangsformen geprägt, wie sie hierzulande vor Gericht herrschen", erklärte Cheng dann entschuldigend. "Ich hingegen bin in einer Kultur aufgewachsen, in der Höflichkeit und Respekt höchsten Stellenwert genießen."

"Und wie passt die unverhohlene Drohung mit Ihren 'weitreichenden Verbindungen' dazu?", fragte Dilllaggio mit leisem Spott zurück.

"Das war keine Drohung, Agent Caravaggio."

"Tut mir leid, dann muss ich da wohl etwas missverstanden haben."

"Ich habe lediglich die Tatsachen benannt und Sie auf Gefahren aufmerksam gemacht. Gefahren für Sie und Ihre Karriere. Auch das ist nichts weiter als ein Akt der Höflichkeit."

"Sagt Ihnen der Name Alec Ritter etwas?"

"Nie gehört."

"Ein Mann, zu dem man nicht ganz so höflich war... Er bekam eine Kugel in den Kopf, als er einem meiner Kollegen sagen wollte, wo sich die Beute aus dem Beaumont-Überfall befinden könnte!"

Für den Bruchteil einer Sekunde verhärteten sich Chengs Gesichtszüge.

Unterhalb des linken Auges zuckte unruhig ein Nerv.

"Wie tragisch", sagte er dann so kalt wie ein Fisch.

"Das Ganze könnte auch tragisch für Sie werden, Mister Cheng!"

"Ach, wirklich?"

"Sind Sie sicher, dass sich von dem Attentäter nicht eine Spur finden lässt, die vielleicht genau hier her, in diese traumhafte Wohnung führt, Mister Cheng?"

Chengs Gesicht bekam seine alte Undurchdringlichkeit zurück.

Nicht der Hauch einer Emotion drang nach außen.

Da war nur dieses kalte, nichtssagende Lächeln.

"Da bin ich mir vollkommen sicher, Mister Caravaggio."

In diesem Augenblick kam Medina in Begleitung von zwei weiteren G-men aus einem der Nachbarräume. Ihre Gesichter sprachen Bände.

Sie gingen an dem kahlköpfigen Leibwächter vorbei, der sie mit verschränkten Armen musterte und ansonsten wie eine Statue dastand.

"Nichts, Clive", raunte Orry in Caravaggios Richtung. "Wenn du mich fragst, wir können hier verschwinden."

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DIE DURCHSUCHUNGSAKTION war ein Schlag ins Wasser. Weder in Chengs eigenem Domizil, noch in den Geschäften, die unter seiner Kontrolle standen, war irgendetwas gefunden worden, was uns weitergebracht hätte. Kein Zweifel, Cheng und seine Organisation war gut informiert gewesen.

"Die hatten sich doch bestens auf diese Durchsuchung vorbereitet", meinte Caravaggio ziemlich ärgerlich, später in Mister McKees Büro.

Und Mister McKee konnte das nur bestätigen. "Normalerweise hätten wir bei einer so groß angelegten Aktion mit Sicherheit irgendetwas finden müssen. Heiße Ware, nicht unbedingt die Juwelen-Beute, hinter der wir her sind, aber genug, um damit jemanden aus Chengs Organisation so unter Druck zu setzen, dass er auspackt..."

"Nach Ritters Tod konnten sich Chengs Leute doch denken, dass es brenzlig für sie werden könnte", gab Mark L. Ditrick zu bedenken.

"Aber so schnell sämtliche heiße Ware verschwinden lassen?"

Mister McKee schüttelte den Kopf. "Eine Tasche mit Juwelen zu verstecken ist leicht, aber wo sind die Lkw-Ladungen mit geklauten Videorecordern und was in diesen Läden sonst noch an zweifelhafter Ware angeboten wird! Selbst der Schmuck war in Ordnung, soweit wir das bis jetzt überblicken! Kein Stück aus einem der früheren Überfälle der Bande!"

"Vielleicht ist diese Dominique Archers des Rätsels Lösung", erklärte indessen Milo. Wir hatten nämlich inzwischen eine Personenabfrage über diese Dame gestartet.

Und die Ergebnisse waren hochinteressant. "Sie lebte seit sechs Wochen mit Ritter zusammen. Über NYSIS habe wir erfahren, dass sie mehrere Vorstrafen wegen illegaler Prostitution auf dem Strafregister stehen hat. Sie arbeitete außerdem eine Zeitlang im Asian Garden, einem Club, der zu zwei Dritteln niemand anderem als unserem ehrenwerten Mister Cheng gehört!"

Mister McKee hob die Augenbrauen.

"Sie meinen, diese Dominique war Chengs Spionin bei Ritter?"

"Ja."

"Dann wusste sie, dass Ritter ein Informant war!"

"Nein, zunächst nicht. Sonst hätten sie ihm die Juwelen nicht angeboten. Ich nehme an, dass Dominique es erst später herausfand, als Ritter sich mit Clive in Verbindung setzte. Zuvor war Ritter wahrscheinlich für Cheng nur ein Geschäftspartner, über den er gut informiert sein wollte!"

Die Tür zu Mister McKees Büro ging auf.

Mandy kam herein.

"Entschuldigen Sie die Störung, Mister McKee, aber Agent Carter aus der Fahndungsabteilung möchte Sie dringend sprechen..."

"Soll hereinkommen!"

Max Carter machte ein zufriedenes, fast triumphierendes Gesicht, als er das Büro betrat.

Er hielt ein Fahndungsfoto in der Hand, hielt es hoch und legte es dann auf Mister McKees Schreibtisch.

Mister McKee runzelte die Stirn.

"Max, wer um alles in der Welt soll das sein?"

"Der Kerl heißt Murray Richmond. Vor drei Monaten hat er sich in einer Werkstadt in Union City genau den Lieferwagen umbauen und mit einer Panzerung versehen lassen, den die Einbrecher bei Beaumont benutzt haben. Es besteht kein Zweifel. Die Monteure haben den Wagen identifiziert. Wir haben ein Phantombild machen lassen und es mit unserem Archiv abgeglichen. Murray Richmond saß auch in Riker's Island. Zur selben Zeit, als Primo und McKenzie dort waren."

Mister McKee betrachtete nachdenklich das Fahndungsfoto.

Dann blickte er auf.

"Ist dieser Richmond zur Zeit in New York?"

"Die letzte Adresse, die wir von ihm haben, ist ein Jahr alt. Barnes Row in Brooklyn. Und unter seiner Telefonnummer meldet sich jetzt ein anderer Name. Ich glaube nicht, dass wir ihn dort noch finden..."

"Untergetaucht, was?", meinte Milo.

"Möglich", sagte Carter. "Aber seine Mutter und seine Ex-Frau leben in New York. Zwei mögliche Anlaufstationen, die wir beobachten sollten..."

"Gut", meinte Mister McKee.

"Dann ist da noch etwas", meinte Carter. "Wir wissen jetzt, dass dort, wo der gepanzerte Lieferwagen aufgefunden wurde, am selben Tag ein Wagen gestohlen worden ist. Die Besitzer haben den Verlust erst mit Verspätung bemerkt, weil sie für ein paar Tage nicht in der Stadt waren. Es handelt sich um einen roten Mitsubishi. Der Wagen ist von einer Zeugin gesehen worden. Einer älteren Dame, die fast überfahren wurde. Aber es saß nur ein Mann im Wagen."

"Und wenn der Diebstahl gar nichts damit zu tun hat?", meinte ich.

"Das ist die eine Möglichkeit. Die andere besteht darin, dass einer der Kerle den Wagen steuerte, der Verletzte auf dem Rücksitz lag und daher nicht zu sehen war, und die anderen doch die U-Bahn benutzt haben."

Das machte Sinn.

Die Kerle waren bisher äußerst clever gewesen. Sie hatten sich natürlich an zwei Fingern ausrechnen können, dass man überall nach einer Vierergruppe suchen würde, in der sich ein Verletzter befand.

Carter atmete tief durch.

"Bei der ersten Überprüfung der Videobänder aus der Subwaystation haben wir danach natürlich auch gesucht und nichts gefunden. Jetzt werden wir jedes einzelne Gesicht, das in der in Frage kommenden Zeit zu sehen ist, scannen und mit unseren Dateien abgleichen."

"Das wird 'ne Weile dauern, oder?", meinte Mister McKee.

"Wenn wir die Nacht durchmachen, gibt es morgen früh ein Ergebnis."

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ES WAR SCHON DUNKEL, als Milo und ich Murray Richmonds letzte Adresse in der Barnes Row in Brooklyn aufsuchten. In letzter Zeit hatten sich hier viele Russen und Ukrainer angesiedelt, weshalb man auch schon manchmal von 'Little Russia' sprach. Seine Wohnung war eine schäbige Drei-Zimmer-Wohnung im fünften Stock gewesen. Jetzt wohnte dort ein neureicher Weißrusse mit seiner Frau, seinem Bruder und seiner Mutter.

Wo Murray Richmond geblieben war, konnte uns leider niemand sagen. Dem Hausverwalter nach war er eines Tages einfach verschwunden und zweieinhalb Monatsmieten schuldig geblieben.

Richmonds Mutter wohnte in einem Mietshaus in der Lower Eastside.

Die Kollegen, die die Wohnung im Auge behalten sollten, waren schon dort. Milo und ich bemerkten sie natürlich in ihrem weißen Chevy auf der anderen Straßenseite. Aber wir hüteten uns davor, auch nur ein Handzeichen zu machen.

Stattdessen verständigten wir uns per Funk.

"Ist er da?", fragte ich.

"Nein, vermutlich nicht", erwiderte unser Kollege Agent Fred La Rocca aus dem weißen Chevy. "Aber er ist in der Gegend gesehen worden. Wir haben uns umgehört..."

"Okay, dann werden wir uns in der Wohnung mal umsehen..."

"Ich weiß nicht, ob das eine gute Idee ist, Jesse", erwiderte La Rocca. "Seine Mutter wird diesen Murray Richmond womöglich warnen und dann brauchen wir uns hier gar nicht mehr auf die Lauer zu legen. Er wird dann hier nicht mehr aufkreuzen..."

"Andererseits sinken mit jedem Tag, der vergeht, unsere Chancen, Fred."

"Ich weiß."

"Ich werde es so anfangen, dass er hergelockt und nicht vertrieben wird", erklärte ich. "Gibt es einen Hinterausgang?"

"Nein."

"Trotzdem. Ich will, dass sich einer auf der Rückfront postiert. Für alle Fälle."

Milo seufzte. "Sieh mich nicht so an, Jesse. Ich übernehme den Job, auch wenn ich nicht glaube, dass viel dabei herauskommt!"

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FÜNF MINUTEN SPÄTER stand ich vor Martha Richmonds Wohnungstür. Der Flur war kahl, der Putz bröckelte von den Wänden. Eine feine Adresse war das nicht.

Die Klingel war defekt. Also klopfte ich ziemlich heftig an die Tür.

"Wer ist da?", fragte eine Frauenstimme.

"Ich bin ein Freund Ihres Sohnes Murray."

"Dann scheren Sie sich zum Teufel."

"Hören Sie, machen Sie doch die Tür auf, Mrs. Richmond. Sonst muss ich über den ganzen Flur schreien und das halbe Haus hört mit, was ich..."

Der Schlüssel drehte sich im Schloss herum.

Die Tür ging einen Spalt weit auf. Eine Kette hing vor dem Spalt, durch den ein schmales Frauengesicht blickte. Ich schätzte ihr Alter auf Anfang sechzig. Ihr Haar war grau. Ihr Blick wirkte misstrauisch.

"Wer sind Sie?"

"Ist ihr Sohn hier?"

"Nein."

"Sehen Sie ihn heute noch?"

"Sagen Sie, was Sie wollen, verdammt nochmal! Oder verschwinden Sie!"

"Dann bestellen Sie ihm doch bitte etwas."

"Was?"

"Erwähnen Sie einfach einen Namen. Cheng. Aus Chinatown."

"Sie sehen nicht aus wie ein Chinese."

"Ich bin auch keiner."

"Aber..."

"Erwähnen Sie einfach diesen Namen. Er weiß Bescheid. Er soll diese Nummer anrufen... Warten Sie, haben Sie einen Zettel?"

Sie sah mich noch immer zweifelnd an.

"Murray hatte nie gute Freunde", sagte sie dann. "Die meisten haben ihn nur tiefer in den Sumpf gezogen..."

"Er weiß schon, was er tut, Ma'am."

"So?"

"Holen Sie den Zettel. Ich schreibe Ihnen die Nummer auf. Vielleicht hängt sein Leben davon ab."

Ich wollte ihr meine Handy-Nummer aufschreiben.

Mal sehen, was dabei herauskam...

Richmonds Mutter drückte sich noch näher an den Türspalt.

"Worum geht es bei der Sache?", flüsterte sie.

Ich sah sie an.

"Darüber rede ich nur mit ihm."

Sie drehte sich herum und verschwand. Ich blickte durch den Spalt. Ich sah, wie Martha Richmond in einem Nebenraum verschwand. Einen Augenblick später tauchte sie wieder auf.

Sie hatte keinen Zettel in der Hand.

Zu meiner Überraschung löste sie die Kette, die die Tür noch versperrte.

"Kommen Sie herein", sagte sie. "Ich will nicht, dass das alles auf dem Flur besprochen wird."

"Sehr vernünftig."

Ich trat in die Wohnung.

Sie wirkte ziemlich eng.

Mir fiel die Jacke an der Garderobe auf. Eine Männerjacke.

Ich folgte Martha Richmond in den Nachbarraum, bei dem es sich um eine Art Wohnzimmer handelte. Das erste, was ich sah, war ein riesiger Fernseher. Auf dem niedrigen Tisch stand ein halbes Dutzend Budweiser-Dosen.

Ich wirbelte herum. Meine Hand glitt blitzschnell zur Seite, berührte den Griff der P226.

Aber es war zu spät.

Zu meiner Linken bewegte sich etwas.

Es machte klick, und ich starrte in den Lauf einer Pistole, deren Hahn gerade gespannt worden war.

Ich erstarrte.

Vor mir stand niemand anderes als Murray Richmond.

Trotz Drei-Tage-Bart war er von den Fahndungsfotos her gut zu erkennen.

"Schön ruhig!", zischte er. "Wenn du auch nur heftig atmest, bist du tot!"

"Vielleicht sollten Sie sich erstmal anhören, was ich will, Richmond!"

"Du behauptest, das Cheng dich schickt?"

"Nicht gerade besonders zuvorkommend, wie du mich behandelst!"

"Und du meinst, Mister Cheng wird sich darüber aufregen?"

Er lachte rau.

"Murray, was hat das alles zu bedeuten?", fragte Martha Richmond besorgt.

"Sei still, Mutter!", fauchte Murray. Dann wandte er sich an mich. "Dreh dich um und heb die Hände!"

Ich gehorchte.

Er zog mir die P226 aus dem Halfter, nahm mir die Handschellen ab und zog den Dienstausweis aus der Jackettinnentasche.

Er stöhnte auf.

"Ein G-man!"

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EINE SEKUNDE LANG WAR Murray Richmond offensichtlich unschlüssig darüber, was er mit mir anstellen sollte. Er konnte mich sofort erschießen. Oder er konnte mich an einen Ort bringen, wo ein Mord leichter durchzuführen und die Spuren besser zu beseitigen war, als hier, in dieser Wohnung.

Vielleicht dachte er auch kurz darüber nach, dass im Staat New York auf Polizistenmord die Todesstrafe stand.

Laufenlassen konnte er mich jedenfalls nicht.

Das musste ihm klar sein.

Ich nutzte diesen kurzen, unentschlossenen Moment. Ich wirbelte herum und schlug ihm mit der Faust die Waffe aus der Hand. Bruchteile eines Augenblicks später sauste die andere Faust ihm gegen das Kinn. Ein sauberer Haken, der ihn rückwärts gegen die Wand taumeln ließ.

Er rutschte benommen an ihr herab.

Aber mit der Linken hielt er noch die P226, die er mir abgenommen hatte. Er riss die Waffe hoch. Bevor er sie abdrücken konnte, musste er sie entsichern und das war die Sekunde, die die Sache für mich entschied.

Mit einem gezielten Tritt kickte ich die P226 aus seiner Hand. Das Eisen flog quer durch den Raum, kratzte über den Wohnzimmertisch und fiel dann weich auf den Teppichboden.

Martha Richmond stieß einen erschrockenen Schrei aus und sprang zur Seite.

Ich hob erst Murrays Waffe auf, weil sie näher lag. Ich richtete den Lauf auf Murray, der sich stöhnend erhob. Dann machte ich zwei Schritte seitwärts, um meine eigene Waffe wieder an mich zu nehmen. Richmond behielt ich dabei allerdings die ganze Zeit im Auge.

"Murray Richmond, Sie sind verhaftet. Sie haben das Recht zu schweigen. Sollten Sie auf dieses Recht verzichten, kann alles, was Sie von nun an sagen, vor Gericht gegen Sie verwendet werden. Außerdem haben Sie das Recht auf einen Anwalt..." Ich leierte das hinunter. Murray kannte diesen Spruch sicher auch zu genüge von vorhergehenden Verhaftungen.

Er sah mich grimmig an.

"Das Spiel ist aus, Mister Richmond", sagte ich.

"Verdammt", knirschte Murray zwischen den Zähnen hindurch. "Ich sage keinen Ton", fügte er dann hinzu. "Von mir bekommen Sie nicht einmal Angaben zu den Personalien."

"Wenn Sie schlau sind, dann denken Sie darüber nochmal nach, Richmond", erwiderte ich. "Wenn wir Ihre Komplizen erst haben, werden die ohne mit der Wimper zu zucken anfangen zu singen und Sie hineinreißen..."

"Pah!"

Ich griff zum Handy, um Milo und den anderen Bescheid zu sagen.

Der Einsatz war beendet.

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DOMINIQUE ARCHER SCHLUG den Kragen ihres dünnen Mantels hoch und blickte sich immer wieder um, während sie durch die engen Gassen Chinatowns ging. Sie wirkte nervös.

Der Puls schlug ihr bis zum Hals.

Rund um die Uhr herrschte hier, in dieser fremdartigen kleinen Welt für sich Betrieb.

Auch jetzt noch.

Die Leuchtreklamen machten die Nacht ohnehin zum Tag.

Dominique biss sich auf die Lippe, während die fremdartigen Gerüche dieses Stadtteils ihr in die Nase stiegen. Menschen, die in einem fremdartigen Singsang aufeinander einredeten, Garküchen mit Gemüse und Krabben, Reis und Fisch. Zahllose Pagoden waren zu sehen. Die Leuchtreklamen zeigten genauso häufig chinesische wie lateinische Schriftzeichen.

Viele der 150 000 Einwohner von Chinatown sprachen kein Wort Englisch. Man konnte sich wie auf einem anderen Kontinent fühlen, wären da nicht die gewaltigen Zwillingstürme des World Trade Centers gewesen, die sich riesenhaft gegen den Nachthimmel abhoben. Sie allein erinnerten Dominique in diesem Augenblick daran, wo sie sich wirklich befand. Nicht in Hongkong oder Taipeh, sondern im Big Apple am Hudson.

Vielleicht war es ein Fehler, hier her zu kommen, dachte Dominique.

Andererseits...

Sie hatte diese Sache angefangen. Jetzt musste sie sie auch zu Ende bringen.

Sie erreichte den Eingang zu einem Lokal mit dem Namen Hong Shoon. Vor der Tür war ein dicker Buddha aus Messing, der sie mit seinem unergründlichen Lächeln ansah. Sie ging hinein.

Mit Drachenköpfen verzierte Papierlampen spendeten ein mattes Licht.

Ein Chinese von unbestimmtem Alter kam auf sie zu. Er schien zum Personal zu gehören. Er verneigte sich leicht.

Sein Lächeln war unergründlich. Höflich und kalt. "Sie werden erwartet, Miss", erklärte er.

"Ach, ja?"

"Wenn Sie mir bitte folgen würden."

"Sicher..."

Dominique griff in ihre Manteltasche. Ihre zierlichen Finger umfassten den Griff eines Kleinkaliberevolvers.

Zierlich, aber tödlich. Und sie hatte gelernt, damit im Notfall auch umzugehen. Ihre Brüste hoben und senkten sich, während sie atmete. Sie folgte dem Chinesen in ein Nebenzimmer.

Hinter einem schlichten Tisch saß ein gutgekleideter Mann mit asiatischem Gesicht.

"Setzen Sie sich, Miss Archers", sagte der Mann kühl.

"Ich bin mit Mister Cheng verabredet."

"Ich sagte: Setzen Sie sich!", wiederholte der Mann am Tisch. Es klang wie ein Befehl, obwohl er nicht sehr laut und eindringlich gesprochen hatte. Der Mann wirkte vollkommen ruhig.

Dominique setzte sich, den Griff der Waffe immer noch in der Faust. Sie brauchte sie nicht einmal herausreißen, sondern konnte einfach durch den Mantel schießen, wenn es notwendig sein sollte.

"Soll ich Ihnen etwas zu trinken bringen, Mister Lin?", fragte der Chinese, der Dominique hier hergebracht hatte.

"Tun Sie das", nickte Lin. "Für unseren Gast auch."

"Nein, danke."

"Sie wollen doch nicht unhöflich sein..."

"Also gut..."

Der Chinese verschwand.

Mister Lin beugte sich vor.

"Sie werden nicht im Ernst erwartet haben, dass Mister Cheng sich persönlich mit Ihnen trifft. Aber er hat mir alle Vollmachten gegeben, mit Ihnen zu verhandeln."

"Wie schön", erwiderte Dominique mit zynischem Unterton.

Indessen kehrte der chinesische Kellner zurück und stellte die Getränke auf den Tisch.

"Reiswein", sagte Lin. "Er wird Ihnen schmecken."

Dominique wartete, bis der Kellner sich wieder entfernt hatte. Dann sagte sie: "Ich bin nicht zum Spaß hier..."

"Am Telefon sollen Sie gegenüber Mister Cheng ziemlich aufgeregt gewesen sein!"

"Es war nie die Rede von Mord! In so etwas wollte ich nie hereingezogen werden."

"Sie meinen das, was mit Ritter passiert ist? Scheußlich, wozu die Menschen heutzutage so im Stande sind!" Lins Gesicht blieb völlig gleichmütig. Er beugte sich etwas vor und setzte dann mit schärferem Unterton hinzu: "Sie sollten sich Mister Ritters Schicksal eine Warnung sein lassen!"

"Soll das eine Drohung sein?"

"Nehmen Sie es, wie Sie wollen!"

"Ich möchte einen größeren Anteil vom Kuchen!", zischte Dominique.

"Sie sind gut entlohnt worden!"

"Wie schon gesagt, die Umstände haben sich geändert. Das FBI war bei mir. Ich komme selbst in Bedrängnis. Und wenn Sie meine Forderungen nicht erfüllen, dann könnte ich vielleicht auf die Idee kommen, etwas gesprächiger zu sein. Ich könnte zum Beispiel aussagen, dass ich es war, die Mister Cheng den Hinweis gab, dass Ritter als FBI-Informant tätig ist. Und wenn ich denen dann noch sage, dass Mister Cheng ihm kurz zuvor Juwelen verkaufen versuchte, die vermutlich aus dem Beaumont-Raub stammten, dann wird daraus auch für den dümmsten Cop ein Mordmotiv."

Lin lächelte kalt.

"Mister Cheng versteht Ihre Wünsche nach höherer Entlohnung. Er hat mich bevollmächtigt, Ihnen zu geben, was Ihnen ganz offensichtlich zusteht!"

"Schön zu hören."

"Trinken wir! Kein Geschäft ohne die nötige Höflichkeit!"

Dominique lächelte. "Nicht einmal ein solches?"

"So ist es. Besiegeln wir die Freundschaft. Denn Sie ist das einzige, was Mister Cheng garantiert, dass Sie nicht übermorgen erneut Forderungen stellen!"

"Wenn Sie meine Forderungen erfüllen, ist er mich für immer los!"

Lin hob das Glas.

Dominique ebenfalls. Misstrauen stieg in ihr auf. Sie hob die Waffe in ihrer Manteltasche leicht an. "Halt!", sagte sie dann. "Ich werde Ihr Glas nehmen. Und Sie meins, Mister Lin!"

Mister Lin lächelte auf seine kalte, unbeteiligte Art.

"So misstrauisch."

"Meinen Sie, ich habe keinen Grund dazu?"

"Also gut. Wie Sie wollen."

Sie tauschten die Gläser.

Dominique trank. Es dauerte nicht einmal eine Sekunde und sie sackte in sich zusammen und rutschte vom Stuhl. Sie hatte nicht einmal mehr ihre Waffe abdrücken können. In seltsam verrenkter Stellung blieb sie auf dem Boden liegen. Mister Lin erhob sich und knöpfte sich das Jackett zu. Er hatte sein Glas nicht angerührt. Den Inhalt schüttete er in einen Blumentopf.

Wie auf ein geheimes Zeichen hin erschien der Kellner im Raum.

Mister Lin deutete mit dem Fuß auf die Tote.

"Es ist nicht gut für Ihr Geschäft, wenn man hier eine Tote findet", sagte er dann in vornehmsten Mandarin. "Sorgen Sie dafür, dass man nicht so schnell etwas von ihr findet..."

"Jawohl."

"Mister Cheng lässt Ihnen seinen aufrichtigen Dank für Ihre Hilfe ausrichten."

Mit diesen Worten verließ Lin den Raum, ohne die Tote auch n nur noch eines einzigen Blickes zu würdigen.

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WILLIAM CHENG ROLLTE sich mit einem grunzenden Laut von der gelockten Blondine herunter, als das Telefon schrillte.

Cheng kroch durch das zerwühlte Bett und griff nach dem Hörer.

Die Blondine richtete sich derweil auf. Ihre großen Brüste wippten in einem unregelmäßigen Takt, während sie sich die Decke über die Hüften zog.

Sie wirkte etwas irritiert.

Auch etwas ärgerlich. Schließlich hatte sie gedacht, diesen Job bald hinter sich zu haben.

Aber der Anruf würde den selbsternannten Herrscher über Chinatown vermutlich so abkühlen, dass sie wieder von vorne anfangen konnte...

"Ja?", meldete sich Cheng lakonisch, als er den Apparat am Ohr hatte.

Auf der anderen Seite der Leitung war eine Stimme zu hören, die Cheng nur zu gut kannte.

Robert Lin.

Er sagte nur zwei Worte.

Genau die beiden nämlich, die William Cheng von ihm hören wollte.

"Alles erledigt."

Cheng legte auf.

Es gab nichts mehr zu sagen. Er atmete tief durch und drehte sich dann wieder herum. Die Blonde hatte sich über den Nachttisch gebeugt und schnüffelte eine Prise Kokain, während Cheng nachdenklich die geschwungene Linie ihres Rückens betrachtete. Aber dieser Anblick ließ ihn im Augenblick ziemlich kalt.

Diese Sache ist noch nicht ausgestanden, ging es ihm durch den Kopf. William Cheng war lange genug in der Branche, um einen sechsten Sinn dafür zu haben.

"War das jemand Wichtiges?", fragte die Blonde.

"Kein Mensch bezahlt dich fürs Reden", erwiderte Cheng kalt. "Also halt die Klappe!"

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AM NÄCHSTEN MORGEN holte ich Milo an der üblichen Ecke ab und fuhr mit ihm zusammen zur Federal Plaza 26, wo sich unser Hauptquartier in einem hochmodernen Betonklotz befand. Nicht nur der Sitz des FBI-Districts New York befand sich dort, sondern auch noch die Büro-Räume von einem halben Dutzend weiterer Bundesbehörden.

Zunächst interessierten wir uns natürlich dafür, was der Mann machte, den ich am gestrigen Abend verhaftet hatte.

Murray Richmond saß jetzt in einer der Gewahrsamszellen, die wir in unserem Hauptquartier für solche Fälle eingerichtet hatten.

Ich sprach mit Irwin Hunter, einem unserer Verhörspezialisten, der Richmond in der Nacht in die Mangel genommen hatte. Hunter sah ziemlich übernächtigt aus, gähnte dauernd und versuche sich mit einem extrastarken Kaffee wachzuhalten.

"Der Kerl hat nicht einen einzigen Ton gesagt", sagte Hunter.

Ich atmete tief durch. So etwas hatte ich mir schon gedacht.

"Und dabei wäre gerade für ihn vielleicht ein Deal drin!"

"Habe ich ihm gesagt. Auf dem Ohr war er taub. Und dann war da noch dieser Anwalt, der dauernd das Wort ergriff..."

"Ein Anwalt?", echote ich.

"Er heißt Wu, wirkte noch ziemlich jung und..."

"Arbeitet für eine Kanzlei in Chinatown?"

"Schwer zu erraten, was?"

Ich zuckte die Schultern. "Immerhin war Cheng nicht so plump und hat seinen Wadenbeißer Jespers als juristischen Beistand geschickt."

"Trotzdem bin ich überzeugt davon, dass dieser Wu auf Chengs Gehaltsliste steht", war Irwin Hunter überzeugt.

"Oder Cheng ist weitläufig verwandt mit ihm", ergänzte Milo.

Ich kratzte mich hinter dem Ohr und überlegte. Dann sagte ich: "Ich will mit Richmond sprechen."

"Der schläft jetzt tief und fest, Jesse."

"Dann wird er eben aufgeweckt!"

Hunter zuckte die Achseln. "Wenn du meinst, dass das irgendetwas bringt..."

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MURRAY RICHMOND SAH mich mit einem müden Blinzeln an.

"Was soll das?", knurrte er. "Gehört Schlafentzug neuerdings zu den Foltermethoden des FBI?"

"Ich bin Agent Trevellian. Ich bin der Mann, der Sie gestern festgenommen hat."

Murray wurde jetzt richtig wach.

"Ich erinnere mich. Lassen Sie mich in Ruhe. Ohne meinen Anwalt sage ich nicht eine Silbe. Es hat also gar keinen Sinn!"

"Sie brauchen nichts zu sagen", erwiderte ich kühl. "Aber vielleicht sind Sie frisch genug, um ein paar Sekunden lang zuzuhören."

"Wenn Sie nicht verschwinden, werde ich mir den Kopf gegen die Wand schlagen und behaupten, dass Sie das waren, G-man! Dreck bleibt kleben, und Sie können eine Beförderung in den nächsten zwanzig Jahren vergessen!"

"Das Risiko gehe ich ein", sagte ich. "Sie haben bei dem Beaumont-Überfall den Wagen gefahren, nicht wahr?"

Kein Antwort.

Ich fuhr fort: "Ich gehe einfach mal davon aus. Schließlich haben sie ihn auch umbauen lassen. Ich weiß nicht, ob Sie McKenzie umgelegt haben, als er Ihnen lästig wurde. Aber so, wie es aussieht, könnte es sein, dass Sie bei der Sache kein einziges Mal eine Waffe abgedrückt haben - und doch in der Todeszelle enden."

"Ach, was!"

"Sie wären nicht der erste! Also machen Sie so schnell wie möglich den Mund auf - bevor es Ihre Komplizen tun. Die werden nicht so viele Skrupel haben. Es hat ihnen ja auch nichts ausgemacht, den verletzten McKenzie einfach abzuknallen... Oder sollte ich mich täuschen und Sie waren das doch?"

Er hob den Kopf.

"Geben Sie sich keine Mühe, G-man!"

"Wir sehen uns wieder", sagte ich.

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DIE ÜBERPRÜFUNG DER Videobänder aus der U-Bahnstation war erfolgreich gewesen. Max Carter und ein Team von Kollegen aus dem Innendienst hatten die ganze Nacht daran gearbeitet.

Max Carter präsentierte uns in Mister McKees ziemlich überfülltem Büro das Ergebnis.

Auf den Bändern war ein Bekannter zu sehen gewesen.

Name: Jim Durham.

Er war einschlägig vorbestraft und war Spezialist für das Ausschalten von Alarmanlagen.

"Das er gerade zu der Zeit diese U-Bahn-Station benutzte, als die Gangster ihren Wagen verlassen haben müssen, kann kein Zufall sein", stellte Carter fest. "Wir können also mit sehr großer Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass Durham an der Sache beteiligt war."

"Wissen wir, wo er steckt?" fragte Mister McKee.

"Fahndung läuft auf Hochtouren.

"Uns fehlt noch ein Mann", stellte ich nüchtern fest.

Carter nickte. "Die Abfragen bei allen anderen gescannten Gesichtern waren leider negativ."

"Der vierte Mann könnte sich ein Taxi genommen haben. Warum sollte sich jemand an ihn erinnern?", wandte Mister McKee ein.

"Entweder saß Murray Richmond am Steuer des gestohlenen Wagens oder Arnold Primo...", stellte Milo fest.

"Letzterem können wir eine Beteiligung nicht nachweisen", gab Mister McKee zu bedenken.

Das war leider wahr.

Gegen den Restaurantbesitzer gab es nichts, außer der Tatsache, dass er mit den McKenzie und Richmond zeitgleich in Riker's Island gesessen hatte.

"Vielleicht bringt es etwas, wenn wir Bilder von Primo und Richmond bei Taxifahrern herumzeigen", meinte Milo.

"Es gibt noch eine Möglichkeit", meinte ich dann nach einer kurzen Pause. "Was, wenn der vierte Mann doch mit der U-Bahn gefahren ist, aber ein bislang unbeschriebenes Blatt war!"

"Bei dem vierten Mann muss es sich um den Safe-Spezialisten handeln", gab Milo zu bedenken. "Und ich dachte, wir waren uns darüber einig, dass das kein Anfänger war..."

"Und wenn dieser Anfänger einen guten Lehrer hatte?", erwiderte ich. Ich zuckte dann die Achseln. "War ja nur so ein Gedanke..."

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JIM DURHAM HATTE SICH mit einer billigen Kaufhaustönung die Haare hellblond gefärbt. Das war das mindeste, was er tun konnte, um die Gefahr zu verringern, erkannt zu werden.

Durham drängelte sich durch die Menschenmassen, die sich durch die engen Gassen Chinatowns quälten. Es gab kaum einen Ort auf der Welt der dichter besiedelt war, als dieses Fleckchen Erde. Mit Ausnahme von Hongkong vielleicht. Die exotischen Gerüche und der an einen Singsang erinnernde Klang der chinesischen Dialekte betäubten seine Sinne. Durham fühlte sich unwohl. Schon deshalb, weil er unter all diesen asiatischen Gesichtern natürlich sehr auffiel.

Er erreichte einen kleinen Laden, der im Souterrain gelegen war.

Bevor er durch die Tür trat, drehte er sich um. Durham überprüfte den Sitz seiner Pistole, die er in einem Schulterholster unter der Jacke verborgen hielt. Der Schalldämpfer befand sich in der Jackentasche.

Durham betrat den Laden.

Ein schmächtiger, etwas gebeugt wirkender Chinese stand hinter dem Tresen. Er wirkte hager und hatte die sechzig sicher schon überschritten. Der Laden war übervoll mit den unterschiedlichsten Waren. Ein An- und Verkaufsgeschäft, das mit allem handelte, was sich weiterverhökern ließ.

Der Chinese musterte Durham.

"Sie wünschen?"

"Erinnern Sie sich nicht, Zhou? Ich bin Durham! Wir haben vor etwa einer Stunde telefoniert..."

Zhous Gesicht blieb regungslos.

Durham ging auf ihn zu.

"Sie wollten mich mit Cheng zusammenbringen!"

"Bedaure..."

"Aber..."

"Ich habe allerdings eine Nachricht für Sie, Mister Durham."

Durham lachte heiser.

"Na, dann lassen Sie mal hören!"

"Mister Cheng bedauert, die Schwierigkeiten, in die Sie geraten sind, Mister Durham...."

Durhams Gesicht wurde rot. "Er bedauert?", echote er mit zur Grimasse verzogenem Gesicht.

Der Chinese fuhr ungerührt fort: "Er gibt allerdings auch zu bedenken, dass auch seine Position durch die jüngsten Entwicklungen nicht einfacher geworden ist und seine Möglichkeiten, Ihnen zu helfen, begrenzt sind! Er schlägt Ihnen vor, möglichst schnell außer Landes zu gehen. Als Zeichen seiner Anerkennung und zu Ihrer Unterstützung in dieser schwierigen Situation, soll ich Ihnen einen gewissen Betrag überreichen..."

Zhou beugte sich und zog eine Schublade heraus. Er griff nach einem Umschlag und überreichte ihn Durham.

Darham riss ihn auf, zählte die Scheine.

Seine Gesichtsfarbe wechselte von rot in dunkelrot.

"Damit will er mich abspeisen? Mister Cheng weiß wohl nicht, was die Stunde geschlagen hat? Murray Richmond ist vom FBI hopsgenommen worden, wie ich von seiner Mutter erfahren habe... Es ist doch nur eine Frage der Zeit, wann der anfängt zu reden, dieser Schwächling!"

"Um so schneller sollten Sie handeln", sagte Zhou kalt. "Mister Cheng wünscht Ihnen viel Glück..."

Durham knallte den Umschlag auf den Tresen.

"Ich brauche Papiere, eine neue Identität... Glauben Sie, das kriegt man für die paar lumpigen Dollar?"

"Ich bedaure..."

Durham deutete auf einen ziemlich altmodisch wirkenden Telefonapparat, der noch eine Wählscheibe hatte und mit einem knochenförmigen Hörer ausgestattet war. Aber das Ding war angeschlossen und nicht etwa eines jener Objekte unklarer Herkunft, die Zhou zum Kauf anbot. "Gehen Sie an das verdammte Telefon und rufen Sie Cheng an! Ich weiß, dass er kaum hundert Meter von hier entfernt residiert und in fünf Minuten hier sein könnte! Ich will von ihm selbst hören, dass das hier" - er deutete auf den Umschlag - "sein letztes Wort ist!"

"Bedaure", sagte Zhou.

In diesem Moment betrat ein Mann den Laden.

Ein Kunde, dachte Durham.

Zuerst jedenfalls.

Jim Durham fluchte leise vor sich hin.

Der Mann, der soeben den Laden betreten hatte, trug einen grauen Flanellanzug, der wie angegossen saß. Das blauschwarze Haar umrahmte ein asiatisches Gesicht.

Er schob den Riegel vor die Tür und zog das Rollo herunter.

Durham verengte die Augen zu schmalen Schlitzen.

"Gibt es Schwierigkeiten?", fragte der Mann im Flanellanzug den Ladenbesitzer.

"Nein, Mister Lin. Alles in Ordnung."

Mister Lin musterte Durham mit regungslosem Gesicht. Er trat näher.

Durham deutete auf die verschlossene Tür.

"Was soll das?", rief er.

"Ich möchte nicht, dass uns jemand stört, Mister Durham", sagte Mister Lin, während er sich neben Durham an den Tresen stellte.

"Schickt Cheng Sie?", fragte Durham. "Dann nehmen Sie bitte zur Kenntnis, dass ich mich nicht mit diesen paar Dollars abspeisen lasse! Wir haben immer die Drecksarbeit für den ehrenwerten Mandarin da oben in seiner Traumpagode gemacht. Und wir haben sie gut gemacht..."

"Sie werden zu einem Sicherheitsrisiko, Mister Durham", stellte Lin kalt fest.

Eine Sekunde lang hing alles in der Schwebe. Durhams Körper versteifte sich. Jeder Muskel, jede Sehne war gespannt.

Dann griff Durham unter die Jacke. Seine Fast umkrallte den Griff der Pistole.

Aber er kam nicht mehr dazu, sie herauszureißen, geschweige denn, einen Schuss abzugeben.

Lins Hände waren blitzschnell.

Und tödlich.

Mit zwei Fingern stach er Durham in die Augen.

Durham schrie auf, taumelte zurück. Aber schon den Bruchteil einer Sekunde später traf ihn ein Handkantenschlag, der ihm das Genick brach. Das Knirschen von Gelenken war zu hören, als Durham zu Boden sackte und mit unnatürlich verrenktem Hals liegenblieb.

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ES WAR BEREITS NACHMITTAG, als wir noch einmal in die Mott Street aufbrachen. In Carlo's Restaurant war um diese Zeit nicht viel los. Lieferanten gingen ein und aus. Carlo's war ein Restaurant für den Abend. Und bei dem Zuspruch, dessen sich dieses Etablissement erfreuen konnte, war das für den Besitzer auch kein finanzielles Problem.

Arnold 'Magic' Primo blickte von einem Lieferzettel auf, als er uns hereinkommen sah. Sein Gesicht zeigte nicht gerade das, was man als überschäumende Freude bezeichnen konnte.

"Wir haben noch geschlossen", knurrte Primo. "Auch für G-men. Sie müssen nicht glauben, dass für Sie ein Extrawürstchen gebraten wird..."

"Wir sind nicht zum Spaß hier", erklärte ich. "Nicht mal um Sie zu ärgern."

"Ach, nein?" Primo zuckte die Achseln. "Man könnte fast den Eindruck gewinnen."

"Können wir uns irgendwo unterhalten?", fragte ich.

Primo deutete auf einen der freien Tische.

"Kommen Sie!"

"Meinetwegen."

Wir setzten uns. Primo hielt die Hände gefaltet vor den Bauch und drehte die Daumen umeinander. Er war nervös, das war unübersehbar. Seine Gelassenheit war gespielt.

Ich legte ein sorgfältig in Drittel gefaltetes Schriftstück vor ihn auf den Tisch.

"Was ist das?", fragte er.

"Ein Haftbefehl."

"Soll das ein Witz sein?"

"Durchaus nicht."

"Sie wissen genau, dass Sie mich in 48 Stunden wieder freilassen müssen! Mein Anwalt wird Ihnen den Wisch da, so um die Ohren hauen, dass Ihnen hören und sehen vergeht!"

"Sie wissen, dass alles, was Sie von jetzt an sagen..."

"Sparen Sie sich die Litanei! Im übrigen habe ich Ihnen schon einmal gesagt, dass ich mit dem Überfall auf diesen Juwelierladen nichts zu tun habe!"

Ich beugte mich etwas vor.

"Wissen Sie, was wir heute zwei Stunden lang gemacht haben, Mister Primo?"

"Sie werden es mir sicher nicht ersparen...", seufzte Primo.

"Wir haben die Vorgehensweise, die Sie bei Ihren Brüchen angewandt haben mit der Vorgehensweise jener Täter verglichen, hinter denen wir im Moment her sind. Sie ahnen das Ergebnis..."

"Hören Sie doch auf, Trevellian!"

"Die Parallele sind nach Ansicht unserer Experten nicht zu übersehen. Ihr Alibi ist dagegen mehr als dürftig!"

"Das reicht nicht, G-man! Nicht vor Gericht!"

"Es reicht für Untersuchungshaft", mischte sich Milo ein.

"Ich werde Sie persönlich für eventuelle Umsatzeinbußen in meinem Restaurant haftbar machen!", schnaubte er. "Das ist wirklich unglaublich!"

"Wir haben Murray Richmond gefasst", sagte ich ruhig und sachlich. "Wir denken, dass er den Wagen fuhr. McKenzie ist tot. Von seinen eigenen Komplizen umgebracht, weil ein Verletzter beim Untertauchen hinderlich ist... Den dritten Mann kennen wir auch. Wir nehmen an, dass er Beaumonts Mörder ist. Er heißt Jim Durham."

Primos Kinnladen ging hinunter.

Er vergaß für ein paar volle Sekunden, den Mund zu schließen.

Dieses Name-Dropping schien seine Wirkung nicht verfehlt zu haben. Erstmals hatte ich das Gefühl, Primo wenigstens ein bisschen beeindruckt zu haben.

Ich hob die Augenbrauen.

"Bekannte Namen sind darunter, nicht wahr? Aus Ihrer Zeit auf Riker's Island!"

"Hören Sie auf!"

"Ein Safe-Spezialist fehlt uns noch, Primo! Sie! Sie sind der vierte Mann. Durham finden wir, das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Und Murray Richmond hat nichts zu verlieren. Er hat nur den Wagen gefahren, gemordet hat jemand anderes. Er hat keine Lust die Giftspritze verabreicht zu bekommen für etwas, was andere zu verantworten haben..."

Primo sah mich mit grimmigem Gesicht an. "Sie bluffen!"

"Keineswegs."

"Ich habe niemanden umgebracht, und ich war auch nicht bei dem Überfall dabei!"

"Ich hoffe, irgendein Geschworener glaubt Ihnen Ihr dünnes Alibi. Aber vielleicht besorgt Ihnen der große Mister Cheng ja einen guten Anwalt..."

Die Erwähnung dieses Namens ließ Primo erstarren.

Er schluckte.

"Hören Sie, ich habe mit dem Überfall wirklich nichts zu tun... Ich bin auch nicht der vierte Mann, den Sie suchen..."

"Ich möchte Ihnen ja gerne glauben", erwiderte ich. Ich beugte mich etwas vor.

"Der Mann heißt Brady", sagte er dann. "Arnold Brady. Zufall, dass wir denselben Vornamen haben..." Er seufzte. "Es ist jetzt fast ein Jahr her, da tauchte hier so eine große Nummer aus Chinatown mit großem Gefolge auf. Es war mitten in der Nacht. Das Restaurant sollte eigentlich gerade geschlossen werden. Sie erwähnten den Namen Cheng. Das war sein Name. Ich hatte ihn nie zuvor gesehen, aber es gibt viele Gerüchte. Die Mott Street geht auch durch Chinatown. Ein paar hundet Meter von hier beginnt Mister Chengs Reich..."

Ich hob die Augenbrauen.

"Weiter", sagte ich.

"Cheng stellte mich vor eine unangenehme Wahl. Entweder, ich sollte einem Safeknacker namens Brady den letzten Schliff geben oder..."

"Oder was?"

"Er zeigte mir ein paar Fotos von Leuten, die seine Männer in die Mangel genommen hatten. Die Leichen waren kaum zu identifizieren."

"Also sind Sie darauf eingegangen."

"Ja. Wir haben an ein paar neueren Safefabrikaten geübt. Brady hatte ganz genaue Vorstellungen."

"Ich nehme an, Sie haben außerdem auch noch gut daran verdient!"

"Es war ein Angebot, das ich nicht ablehnen konnte, Mister Trevellian."

"Ich verstehe. Aber haben Sie denn hier in Little Italy keinen Beschützer? Man sagt Ihnen doch gute Verbindungen nach..."

"Die Bosse der Mafia wollen im Moment keinen Streit. Schon gar nicht mit Cheng, dessen Einfluss immer mehr steigt. Sehen Sie, Chinatown wuchert die Mott Street hinauf, während Little Italy langsam schrumpft. Ich bin überzeugt, dass Cheng mit Billigung der hiesigen Familien hier war. Und da hat so einer wie ich natürlich keine Chance, aus dem Schraubstock herauszukommen."

"Wir werden Sie ins Hauptquartier mitnehmen müssen..."

"Ich habe nichts Strafbares getan!", rief Primo. "Es gibt kein Gesetz, das es verbietet, in einem Keller an einem verschlossenen Safe herumzuhantieren!"

"Ein Protokoll brauchen wir trotzdem! Wo ist dieser Brady jetzt?"

"Ich kann Ihnen sagen, wo Sie ihn vielleicht finden werden."

In diesem Augenblick klingelte Milos Handy. Er holte den Apparat hervor und nahm ihn ans Ohr. Dann wandte sich mein Kollege an mich.

"Wir haben Jim Durham. Tot. Er wurde mit gebrochenem Genick auf einem Parkplatz abgelegt."

Ich wandte mich an Primo.

"Falls dieser Arnold Brady wirklich existiert, können Sie ihm jetzt vielleicht das Leben retten, Mister Primo!"

"Brady wohnt im East Village, 14. Straße Ost, Hausnummer 734, dritter Stock."

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PER HANDY VERSTÄNDIGTEN wir die Zentrale und das zuständige Revier der City Police, deren Einsatzkräfte sicherlich früher in der 14. Straße ankommen würden als wir. Primo nahm auf der engen Rückbank meines Sportwagens Platz. Milo setzte das Blaulicht auf das Dach.

Die Autofahrer, die um diese Zeit die Straßen des Big Apple verstopften, machten uns so gut sie konnten Platz.

In den Büros der Innenstadt kündigte sich der Feierabend an.

Kein günstiger Zeitpunkt, um sich in in einem Wagen durch die Straßenschluchten New Yorks zu bewegen.

Aber wir konnten es uns nicht aussuchen.

In der Vierzehnten brauchten wir nicht lange nach der richtigen Hausnummer zu suchen. Die zahlreichen Einsatzfahrzeuge der City Police vor dem entsprechenden Gebäude machten uns sofort klar, wohin wir mussten. Jede Menge Aufruhr schien dort zu herrschen.

Ich parkte den Sportwagen am Straßenrand. Wir stiegen aus. Mit dem Ausweis in der Hand wandte ich mich an die uniformierten Kollegen.

"Achten Sie darauf, dass der Mann im Wagen nicht wegläuft", sagte ich an einen der Officers gewandt. "Er ist verhaftet."

"Okay, Sir!"

Ein NYPD-Sergeant kam uns an der Haustür des Mietshauses entgegen.

Er sah blass um die Nase herum aus. Und das hatte seinen Grund.

Er warf einen kurzen, flüchtigen Blick auf unsere Dienstausweise. Dann sagte er: "Ich weiß nicht, was da oben im dritten Stock passiert ist, Sir. Am besten, Sie sehen sich das mal selbst an!"

Wir folgten dem Sergeant zu den Aufzügen.

Wenig später waren wir im Flur des dritten Stocks.

Wir erreichten eine offenstehende Wohnungstür, vor der sich ein uniformierter Beamter postiert hatte.

A. BRADY stand an der Tür. Das Y aus BRADY war nicht mehr ganz heil, so dass es jetzt aussah wie BRADU.

Wir folgten dem Sergeant in die Wohnung, ein Apartment aus Küche, Bad und Wohnzimmer.

"Das muss Brady sein", erklärte der Sergeant und deutete auf die schrecklich zugerichtete Leiche.

"Das sieht ganz nach einem dieser verdammten Explosionsgeschosse aus, die der Killer im Winter Garden verwandte", kommentierte Milo düster.

Der Killer hatte sich vermutlich auf dem Dach des Nachbarhauses postiert und mit seiner Präzisionswaffe von dort aus in aller Ruhe sein Opfer ins Visier nehmen können.

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"WIR STEHEN MIT LEEREN Händen da", sagte Mister McKee und damit hatte er den Nagel ziemlich genau auf den Kopf getroffen.

"Mister Chengs Weste bleibt vielleicht nicht blütenrein, aber immerhin so hellgrau, dass man ihn nicht ins Gefängnis werfen wird..."

Ich nippte an meinem Kaffee.

Obwohl es Mandys berühmtes Gebräu war, mochte es mir in diesem Moment einfach nicht schmecken.

Ich hatte zuviel an diesem Tag gesehen.

Zu viele Tote.

Selbst für einen G-man gibt es eine Grenze. Und das Schlimmste war, dass William Cheng weiterhin schalten und walten konnte, wie er wollte. Er schickte seinen geheimnisvollen Bluthund aus, wenn jemand nicht parierte.

Einen Bluthund, dessen bevorzugte Waffe diese teuflischen Explosionsgeschosse waren.

Die Fahndung nach diesem Mann lief auf Hochtouren. Aber außer dieser Vorliebe für Explosionen wussten wir so gut wie nichts über ihn.

Ich war überzeugt davon, dass die Waffe, die er im Winter Garden benutzt hatte, eine Spezialanfertigung war. Und vielleicht würden wir irgendwann denjenigen ausfindig machen können, der sie hergestellt hatte und so dem Kerl auf die Spur kommen. Aber das konnte lange dauern. Unter Umständen Monate. Oder Jahre.

Ein Fingerschnippen von Cheng und diese Killermaschine trat in Aktion. Schnell, gnadenlos und effektiv.

"In der Wohnung von Durham fand sich ein Zettel, auf dem die Adresse eines kleinen Ladens in Chinatown stand", meldete sich Orry Medina zu Wort. "Clive und ich waren zusammen mit Agent Ditrick dort. Es ist eines der Geschäfte, die unter Chengs Kontrolle stehen, obwohl es formal einem Mann namens Zhou gehört. Es wurde bei unserer Aktion durchsucht." Orry zuckte die Achseln. "Dieser Zhou wusste natürlich von nichts und konnte sich auch an Durhams Gesicht nicht erinnern."

Mister McKee verzog das Gesicht zu einem dünnen Lächeln.

"Haben Sie etwas anderes erwartet, Orry?"

"Nicht wirklich."

Jetzt meldete ich mich zu Wort. Ich nippte noch einmal an meinem Kaffee und meinte: "Unsere einzige Chance ist Murray Richmond. Alle anderen, die an der Sache beteiligt waren, und den großen Boss belasten könnten, hat Cheng inzwischen ausschalten lassen. Nur Richmond ist noch übrig..."

"Und was ist mit 'Magic' Primo?", fragte Milo.

Ich zuckte die Achseln.

"Ich glaube, der weiß zu wenig. Der ist nur eine Nebenfigur. Niemand, der Cheng wirklich gefährlich werden könnte..."

Zur Zeit nahmen sich unsere Verhörspezialisten den Restaurantbesitzer vor. Aber ich zweifelte daran, dass dabei noch sehr viel herauskam.

Den Indizien nach, schien die Geschichte zu stimmen, die Primo uns erzählt hatte. Und damit war er aus der Sache heraus. Er würde juristisch kaum ein blaues Auge davontragen.

Und das reichte Primo. Er würde sich nicht wissentlich in Gefahr bringen, indem er sich auf eine weitergehende Zusammenarbeit mit uns einließ.

Auch er wollte überleben und sein Restaurant weiterführen.

Also würde er sich so verhalten, dass er nicht befürchten musste, dass ihm eines Tages jemand Carlo's Restaurant in Schutt und Asche legte oder seine Knie zerschoss.

Bei Murray Richmond lag die Sache da etwas anders.

Der hatte eigentlich nichts zu verlieren.

Aber das hatte er noch nicht so richtig begriffen...

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EINE HALBE STUNDE SPÄTER betrat ich Richmonds Zelle. Richmond grunzte mir irgendetwas Unfreundliches zu.

Dann sah er auf.

"Sie schon wieder, Trevellian? Sie geben wohl nie auf, was?"

"Es täte mir leid um Sie!"

"Das ist eine Lüge. Sie haben mich doch hier hergebracht. Und wenn ich doch die Giftspritze bekommen sollte, dann verdanke ich das Ihnen!" Er lachte heiser. "Mein Anwalt glaubt allerdings nicht daran, dass es soweit kommt..."

"Ich auch nicht", erwiderte ich.

"Ach nein?"

"Nein. Vorher werden Chengs Handlanger Sie für immer zum Schweigen bringen."

"Reden Sie keine Unfug."

"Das ist kein Unfug. Durham ist tot, Arnold Brady ebenfalls..." Ich zog ein paar Fotos aus der Innentasche meines Jacketts und legte sie ihm auf die Pritsche. Er sah sie sich an. Der Anblick verstörte ihn sichtlich.

"Mein Gott", flüsterte er.

Ich setzte mich zu ihm.

"Glauben Sie nicht, dass Sie im Gefängnis sicher wären. Sie werden morgen oder übermorgen in den normalen Vollzug für Untersuchungshäftlinge verlegt. Riker's Island..."

In Murrays Augen flackerte es unruhig.

Ich musterte ihn scharf.

"Ihnen ist klar, dass Chengs langer Arm bis dorthin reicht, nicht wahr? Es muss Ihnen klar sein, schließlich hat er Sie und die anderen doch dort angeheuert. Oder irre ich mich da?"

"Nein."

"Es wird die Hölle für Sie, Murray. Sie werden nicht wissen, wann er zuschlägt oder wer auf Sie angesetzt ist. Aber von einer Sache können Sie ausgehen, bevor gegen William Cheng irgendein Prozess eröffnet wird, wird ihr Kopf rollen. Sie habe keine Chance, diesem unsichtbaren Netz zu entkommen. Sie sind schon so gut wie tot, Murray!"

"Hören Sie auf!"

"Er hat die anderen auch einfach umlegen lassen. Warum nicht auch Sie? Ich nehme an, dass Sie ihn genauso belasten könnten, wie Brady oder Durham."

Sein Gesicht lief rot an.

"Und was soll ich Ihrer Meinung nach machen, G-man? Mir Ihre Dienstwaffe ausleihen, um mir eine Kugel geben zu können?"

"Packen Sie endlich aus!"

"Träumen Sie weiter, Trevellian!"

"Sie haben eine Chance, Richmond! Eine einzige Chance zu überleben! Vorausgesetzt, wir können Cheng festsetzen. Aber dazu müssen Sie uns helfen..."

Er atmete tief durch.

"Ich habe Beaumont nicht erschossen. Und auch den Polizisten nicht. Ich war der Fahrer."

"Keiner Ihrer Komplizen wird etwas Gegenteiliges behaupten können", sagte ich. "Wenn sich nicht gerade herausstellen sollte, dass mit der Waffe, die bei Ihnen gefunden wurde, einer der beiden ermordet wurde..."

"Nein, das ist nicht möglich!"

"Um so besser", sagte ich.

"Was schlagen Sie vor?", fragte er.

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AM ABEND BEKAM WILLIAM Cheng einen Anruf, der ihn beunruhigte. Sein kahlköpfiger Diener trug den Apparat auf einem Tablett vor sich her wie einen Aperitif. Für seine privaten Räume hatte Cheng die modernste Abschirmtechnik installieren lassen, wie sie ansonsten höchstens noch in den Zentralen von Geheimdiensten üblich war. Vor Lauschangriffen brauchte er sich kaum zu fürchten.

Cheng nahm den Hörer ans Ohr, während er gleichzeitig eine Schale mit Tee zum Mund führte.

Er hasste es, dabei gestört zu werden.

"Hallo, hier ist Zhou", sagte die Stimme auf der anderen Seite der Leitung. "Mister Cheng? Es ist eine neue Lage entstanden."

"In wie fern?"

"Ich habe den Anruf eines Mannes erhalten, der sich Murray Richmond nennt... Er befindet sich auf Kaution in Freiheit und fordert Ihre Hilfe. Andernfalls will er Ihnen große Schwierigkeiten machen. Bis jetzt habe er geschwiegen, aber..."

"Verstehe", murmelte Cheng düster.

"Mister Richmond äußerte, dass er sehr wohl wisse, was mit Durham und Brady geschehen sei! Er wolle auf jeden Fall verhindern, dass ihm etwas ähnliches zustoße und habe sich entsprechend abgesichert..."

"Hat er zu dem Punkt noch etwas gesagt?", fragte Cheng.

Zhou fuhr fort: "Er besteht auf einem Treffen. Mit Ihnen persönlich. In einer Stunde an Pier 17 am Fulton Fish Market. Sollten Sie nicht kommen, wird er daraus seine Konsequenzen ziehen..."

Cheng atmete schwer.

Sein Mund hingegen blieb ein dünner, gerader Strich mitten durch seine untere Gesichtshälfte.

"Ich danke Ihnen, Zhou."

Cheng klappte den Handy ein und wandte sich an den kahlköpfigen Diener.

"Holen Sie Mister Lin aus dem Bett oder wo immer er sich jetzt auch befinden mag! Und zwar schnell! Ich brauche seine Dienste."

"Wie Sie wünschen, Sir."

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UM DIE MITTAGSZEIT geht es an der alten Pier 17 und in einem Teil des Fulton Market zu wie im Ameisenhaufen. Zwar werden hier morgens in aller Frühe immer noch Fische verkauft, aber die Tage des echten Fischmarkts sind wohl gezählt. Die Händler weichen in die Bronx aus, wo sie in modernen Hallen verkaufen können, was für sie vieles leichter macht.

Statt dessen haben sich hier Dutzende von Imbissbuden, Bistros, Cafes und Restaurants eingenistet, in denen die Broker der Wall Street ihre knapp bemessenen Mittagspausen verbringen und hastig ein paar Bissen herunterschlingen. In exquisiter, originell gestylter Umgebung, versteht sich.

Und seit Bürgermeister Giuliani auf die glorreiche Idee gekommen war, die Imbissbuden und Hotdog-Stände aus den Büro und Finanzzentren Manhattans zu verbannen, weil sie dort angeblich das saubere Straßenbild störten, war es an der Pier 17 noch voller geworden.

Aber das war tagsüber.

Jetzt war hier nichts los.

Wie ausgestorben wirkten die Häuserzeilen um die Schermerhorn Row herum, einen 1812 errichteten Block mit ehemaligen Speicherräumen, der heute eine Touristenattraktion war.

Der Mond spiegelte sich im East River.

Die Straßenbeleuchtung war spärlich.

Zwei dunkle, überlange Limousinen trafen an der Pier 17 ein.

Männer in dunklen, sehr konservativ wirkenden Nadelstreifenanzügen sprangen aus den Wagen.

MPis, Pump Guns und automatische Pistolen vom Kaliber 45 trugen sie bei sich. Das Arsenal war beachtlich. Die Lichtkegel von einem halben Dutzend Taschenlampen suchten die Umgebung ab.

Aber nirgends rührte sich etwas.

Einer der Männer ging zum Wagen zurück.

Er sprach durch die heruntergelassene Scheibe der Hintertür.

"Nichts zu sehen, Mister Cheng... Ich frage mich, wo der Kerl steckt."

"Ich fürchte, dass er beabsichtigt mich zu finden. Und nicht umgekehrt", sagte Cheng. "Er ist misstrauisch..."

"Vielleicht will er sich nur für den Tod seiner Freunde rächen", gab der Kahlkopf zu bedenken, der auf der gegenüberliegenden Bank saß.

"Das glaube ich nicht", sagte Cheng. "Er ist kein Dummkopf. Er weiß genau, dass er meine Hilfe braucht, wenn er eine Chance haben will."

"Trotzdem - an Ihrer Stelle würde ich diesen Wagen nicht verlassen..."

"Wenn ich ein Angsthase wäre, wäre ich niemals der geworden, der ich jetzt bin", sagte Cheng ruhig.

Einer der bewaffneten Gorillas eilte jetzt herbei.

"Dahinten klingelt ein Telefon!"

"Das ist er", sagte Cheng.

Er stieg aus dem Wagen. Sicherheitshalber trug er unter dem doppelreihigen Jackett eine kugelsichere Weste.

In Begleitung seiner schwerbewaffneten Paladine ging er zu der Reihe von insgesamt sechs öffentlichen Fernsprechern.

Einer seiner Männer stand bereits dort und hatte abgenommen.

Er hielt Cheng den Hörer hin.

"Für Sie, Sir!"

Cheng nahm den Hörer ans Ohr. "Ja?"

"Sie haben sich bis zur letzten Minute Zeit gelassen, Cheng!", sagte Murray Richmonds Stimme. "Das rotlackierte Gebäude mit der großen Aufschrift PIER 17 ist nicht zu übersehen, oder?"

"Das ist richtig", sage Cheng und warf einen kurzen Blick zu dem Gebäude, das einige Cafés und Bistros beherbergte.

"Sehen Sie den Treppenaufgang zum Balkon?"

"Ja."

"Gehen dort hinauf."

"Sind Sie dort oben?"

"Lassen Sie sich überraschen, Cheng."

Die Verbindung war unterbrochen.

Vielleicht saß er jetzt dort auf dem Balkon, unsichtbar im Schatten verborgen, und hielt den großen William Cheng mit einem Handy zum Narren. Die Freude wird ihm schon vergehen, ging es Cheng grimmig durch den Kopf.

Er wandte sich an den Kahlkopf. "Du kommst mit, die anderen bleiben hier. Sonst schöpft der Kerl Verdacht... Was ist mit Mister Lin?"

"Ist unterwegs", meldete sich einer der gut angezogenen Gorillas, die aussahen wie eine Gang von Sonntagschülern oder Börsenmaklern.

"Ich kann nicht länger warten", sagte Cheng. "Gebt Lin durch, wohin er sein Zielfernrohr zu richten hat... Aber sagt ihm, dass er nicht diese Explosionsgeschosse verwenden soll. Sonst pustet er mich mit in die Luft!"

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CHENG GING DIE TREPPE hinauf. Die Stufen ächzten etwas. Der Kahlkopf folgte ihm und überprüfte dabei den Sitz der Pistole, die er unter der Jacke hervorreißen konnte. Außerdem lockerte er die beiden Wurfmesser, die er in Ärmelfutteralen trug. Auch das waren Waffen, die blitzschnell und sehr tödlich wirkten...

Oben angekommen, sahen sich die beiden um.

Die Tische waren in einer Ecke zusammengeschoben worden.

Die Stühle desgleichen.

"Ich bin hier", sagte eine Stimme aus der Dunkelheit.

"Richmond!"

Murray Richmond trat aus dem Schatten heraus. Er hatte die Hände in den tiefen Taschen seiner Lederjacke vergraben.

Vermutlich hielt er dort eine Waffe umklammert. Jedenfalls glaubte Cheng das.

"Hier bin ich also, Mister Cheng", sagte Richmond. "Sie wissen, was ich will. Ich warte auf Ihr Angebot."

"Sie müssen untertauchen. Am besten mit einer neuen Identität. Ich kann das alles für Sie arrangieren."

"Das mache ich schon selbst", sagte Richmond kalt. "Schließlich meine ich mit Untertauchen nicht, dass man die Asche meiner Leiche in einem Sozialgrab versenkt..."

"Ich bin auch daran interessiert, dass Sie entkommen", sagte Cheng. "Wie kommt es überhaupt, dass man Sie wieder auf freien Fuß gesetzt hat?"

"Es gibt eben doch noch liberale Haftrichter. Die Beweise reichten einfach nicht aus. Leider ist mein gesamter Anteil an der letzten Beute plus die Ersparnisse meiner Mutter für die Kaution draufgegangen. Außerdem muss ich mich täglich bei der Polizei melden, bis der Prozess beginnt."

"Das macht die Sache kompliziert..."

"Keineswegs. Nicht, wenn ich genug Geld habe."

"Wer sagt mir, dass Sie mich nicht doch noch mit hereinreißen?"

"Vertrauen Sie mir, Cheng!"

"Sind Sie dessen denn würdig?"

"Sie haben keine andere Wahl... Ich weiß alles über Sie, Cheng. Ich kenne sogar den Mann, der für Sie die Beute aus den Überfällen aufbewahrt hat. Ein Anwalt namens Wu am Central Park West. Wenn das FBI ihm auf die Spur kommt, wird er selbstverständlich behaupten, nichts vom Inhalt der Päckchen gewusst zu haben, die er für Sie aufbewahrte!"

"Woher...?"

Richmond lächelte. "Brady hat das herausgefunden. Er meinte, es sei ganz gut, genauer über seine Auftraggeber Bescheid zu wissen, um sich gegen alle Eventualitäten abzusichern. Und so haben wir nachgeforscht. Ist die Ware aus dem letzten Einbruch schon in der Schweiz?" Richmond lachte. "Ja, auch von dieser Connection weiß ich..."

"Sie sollten jetzt klug sein", sagte Cheng. "Brady und Durham hat ihr Wissen nichts genützt. Daran sollten Sie denken, Mister Richmond."

"Ich will eine halbe Million Dollar, Mister Cheng."

"Sie sind wahnsinnig."

"Soviel brauche ich, um neu anfangen zu können."

"Wer sagt mir, dass die 500 000 nicht in einem halben Jahr aufgebraucht sind? Und Sie dann erneut Forderungen stellen?"

"Wer sagt mir, dass Sie mich nicht auf dieselbe Weise töten lassen, wie die anderen?"

"Habt ihr anders gehandelt? Einer von euch hat McKenzie umgebracht. Um das Risiko zu senken. Manchmal muss man harte Entscheidungen treffen, Mister Richmond."

"Dann ist es also wahr!"

"Kommen Sie morgen Abend in den Laden von Mister Zhou. Sie bekommen hunderttausend Dollar. Das ist mein letztes Wort, Richmond. Damit sind alle Ihre Ansprüche abgegolten. Aber ich warne Sie! Es kostet mich ein Fingerschnippen und Sie sind tot! Wie Ihre Komplizen!"

"Brady und Durham waren immer loyal zu Ihnen! Sie dürften kaum wieder je ein Team zusammenbekommen, das mit ebenso großer Präzision arbeitet..."

"Ich wusste gar nicht, dass Sie so sentimental sind, Richmond!"

Cheng drehte sich herum, nahm die erste Treppenstufe hinunter.

Für ihn war die Sache erledigt.

"Hunderttausend?", rief Richmond. "Hunderttausend plus einen Anteil an den Juwelen aus dem Beaumont-Coup."

Chengs Augenbrauen zogen sich zusammen.

"Das ist nicht möglich", stellte er fest. "Die Klunker sind längst nicht mehr hier in den Staaten. Nehmen Sie, was ich Ihnen angeboten habe oder eine Kugel. Sie haben die Wahl..."

Cheng wandte sich zum Gehen. Als Murray Richmond eine etwas zu schnelle Bewegung nach vorn machte, griff der Kahlkopf blitzartig unter die Jacke.

Richmond erstarrte.

Cheng sagte nichts.

Er stieg eine weitere Stufe hinab.

Für den Bruchteil einer Sekunde sah er einen roten Laserpunkt in der Nacht herumtanzen.

Cheng lächelte zufrieden.

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LIN KAUERTE AUF DEM Dach des Nachbargebäudes.

Er justierte die Laserzielvorrichtung seiner langläufigen Spezialpistole. Die Explosionsgeschosse hatte er aus dem Magazin genommen und gegen herkömmliche Projektile ausgetauscht. Schließlich hatte er nicht die Absicht, seinen Boss über den Jordan zu schicken.

Lin legte an.

Auf die Zielvorrichtung war ein Nachtsichtgerät aufgeschraubt.

Murray Richmond war in seinem Visier.

Von hinten.

Vielleicht trägt er eine kugelsichere Weste, dachte Lin.

Also zielte er auf den Kopf und nicht auf die linke Rückenhälfte, was er erst geplant hatte, damit die Kugel das Herz traf. Die Trefferfläche am Kopf war kleiner, aber Lin war ein Profi. Und er hatte schon schwierigere Jobs erledigt.

Lin sandte den Laserstrahl los.

Der rote Punkt des Pointers tanzte auf Richmonds Hinterkopf.

Sein Zeigefinger legte sich um den Abzug, verstärkte den ruck...

Jetzt, dachte Lin.

"Die Waffe fallenlassen!", zischte es von der Seite her.

Lin wirbelte herum.

Den Mann, der zu ihm auf das Dach gestiegen war, hatte er nicht bemerkt. Lautlos musste er die Feuerleiter erklommen haben und hier hochgestiegen sein. Im Mondlicht war die Waffe in seiner Hand zu sehen.

Lin wirbelte herum.

Seine Waffe spuckte einen roten Feuerstrahl, der in der Dunkelheit der Nacht grell aufblitzte.

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ICH WARF MICH ZUR SEITE, als der Schuss kam. Hart kam ich auf dem Boden auf. Ich rollte mich herum, die P226 mit der Faust umklammert.

Die ganze Zeit über hatten zwei Dutzend G-men sich in der Umgebung versteckt gehalten. Gespannt hatten wir abgewartet, bis Cheng und seine Leute auftauchten. Richtmikrofone und Mikrofone an Richmonds Körper sorgten dafür, dass wir alles mitanhören konnten.

Dann hatten wir den Mann bemerkt, der das Dach einer ehemaligen Lagerhalle erklomm. Lautlos wie eine Katze war er dort hinaufgelangt.

Und ich hatte mich an seine Fersen geheftet.

Sobald auch nur einer von Chengs Männern mich entdeckt hätte, wäre der gesamte Einsatz zu Ende gewesen. Und vielleicht hätte es sogar eine Katastrophe gegeben...

Der Killer auf dem Dach war eine Weile in der Dunkelheit nicht zu sehen gewesen.

Und jetzt stand ich ihm gegenüber.

"Waffe fallenlassen! FBI!", hatte ich noch gebrüllt, bevor der Kerl abdrückte.

Die Kugel zischte über mich hinweg, schlug ein paar Meter hinter mir ins Dach ein. Ich registrierte erleichtert, dass es sich nicht um eines der tückischen Explosionsgeschosse handelte.

Aber es reichte völlig, um ein regelrechtes Loch in die Dachplatten zu reißen.

Der Killer wollte erneut feuern.

Der Laserpunkt tanzte in der Dunkelheit, über das flache Dach, über meine Hand...

Mir blieb der Bruchteil einer Sekunde.

Ich riss die P226 hoch und feuerte.

Der Schuss traf mein Gegenüber an der Schulter, riss den Kerl ein Stück zurück. Er schwankte und ich hoffte, dass er nicht in die Tiefe stürzte, und sich das Genick brach.

Ich richtete die Waffe auf ihn und erhob mich.

"Sie sind verhaftet!", rief ich.

Er sah mich an. Sein Gesicht verzog sich. Er versuchte, die Waffe hochzureißen, aber sein Arm gehorchte ihm nicht mehr. Er zuckte unkontrolliert. Die Waffe rutschte zu Boden.

Ich trat auf ihn zu.

"Sie haben das Recht zu schweigen!", begann ich meinen Spruch. Der Killer antwortete mir nur mit einem Knurren. In diesem Moment hörte ich hinter mir ein Geräusch. Schritte.

"Alles in Ordnung, Jesse?"

Es war Milo.

"Ich denke schon."

Tief unter uns brach derweil das Chaos los.

Milo trat neben mich. Polizeisirenen heulten durch die Nacht. Einsatzfahrzeuge der City Police kamen von überallher herbei.

Chengs Leute waren ziemlich verwirrt. Einer ließ die Maschinenpistole losknattern. Die Kugel zerfetzten die Seitentür eines NYPD-Fahrzeugs, als wäre sie aus Papier gewesen. Wie eine Stanzmaschine durchlöcherten die zwanzig, dreißig Projektile, die mit einem einzigen Feuerstoß losgejagt wurden das Blech.

Unsere Leute duckten sich hinter die Wagen.

Eine Megafonstimme erklang.

Weitere Polizeieinheiten brausten heran. Angehörige von hochgerüsteten Spezialkommandos verteilten sich in der Umgebung.

Im Angesicht der Übermacht ließen Chengs Leute die Waffen sinken.

Jeder weitere Widerstand war zwecklos.

Ein Megafon wies sie an, die Waffen auf den Boden zu legen und die Hände zu heben.

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CHENG STAND WIE ERSTARRT da, als sich sie auf ein geheimes Zeichen plötzlich Türen und Fenster öffneten und von überall her G-men und Einsatzkräfte der City Police herbeistürmten.

Das Gesicht des Chinesen war eine Maske.

Aber unter der Oberfläche brodelte es in diesem Moment zweifellos.

Er blickte zum Dach hinauf, wo sich die Gestalt von Robert Lin gegen den Nachthimmel abhob.

Auch er war gefangengenommen worden.

Clive Caravaggio und Orry Medina kamen auf ihn zu. Dahinter Mark L. Ditrick. Handschellen klickten. Die Rechte wurden vorgelesen. Das war etwas, was diesmal Agent Ditrick überlassen wurde. Schließlich jagte er der Bande schon so lange hinterher, dass ihm das zu gönnen war.

"Sie haben nichts in der Hand!", rief Cheng. "Ihr G-men werdet euch furchtbar blamieren... Meine Anwälte..."

Caravaggio unterbrach ihn.

"Ihre Anwälte werden es schwer haben, das Geständnis für mehrere Mordaufträge und ihre Verwicklung in die Juwelendiebstähle zu entkräften, das wir nun von Ihnen auf Band haben. Wir haben alles mitgeschnitten. Und, dass Sie bereit waren, Mister Richmond hunderttausend Dollar zu zahlen, werden Sie den Geschworenen auch irgendwie erklären müssen..."

Chengs Gesicht blieb unbewegt.

Aber es war ihm klar, dass seine Zeit als Pate von Chinatown vorbei war. Zumindest musste er so etwas ahnen... Diesmal hatte er sich verrechnet.

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ROBERT LIN, DER KILLER in Diensten von William Cheng, war äußerst gesprächig, sobald ihm klargeworden war, dass die Beweislage sehr eindeutig war. Die Waffe mit der er Richmond hatte erschießen wollen, war dieselbe, mit der auch Alec Ritter umgebracht worden war. Das stellten unsere Ballistiker einwandfrei fest. Und auch der Mord an Durham ging zweifellos auf sein Konto. Die Beweiskette war lückenlos. Er versuchte natürlich, soviel wie möglich von seiner Schuld auf den Auftraggeber zu schieben.

Er belastete William Cheng schwer.

Ein Mosaikstein passte schließlich zum anderen. Und je schwächer Chengs Position wurde, desto mehr seiner Untergebenen brachen nach und nach das Schweigen.

Es war wie bei dem berühmten Dominospiel.

Ein fallender Stein brachte eine Kettenreaktion in Gang.

Der Anwalt, bei dem die Beute nach Aussage von Murray Richmond deponiert worden war, wusste natürlich angeblich von nichts. Die Juwelen waren bei ihm auch nicht auffindbar. Aber als dann wenige Wochen später ein Teil der Beute in der Schweiz bei einem Hehler auftauchte und die dortigen Behörden daraufhin zuschlugen, bekam er kalte Füße und packte ebenfalls aus. Chengs Hehlerorganisation zerfiel. Sein in Taipeh ansässiger Neffe, den Cheng eigentlich als seinen Nachfolger auserkoren hatte, verzichtete darauf, überhaupt in die USA einzureisen.

Es war ihm wohl einfach zu gefährlich, im zerbröckelnden Cheng-Imperium eine Position zu übernehmen.

Der Pate von Chinatown würde jedenfalls die nächsten Jahrzehnte auf Riker's Island verbringen. Dort, wo er sich zuvor seine Spezialisten hergeholt hatte.

Für Robert Lin würde es um Kopf und Kragen gehen.

Eiskalter Auftragsmord in einer Anzahl von Fällen, die erst noch genau festgestellt werden musste. Denn es stellte sich heraus, dass Lin offenbar schon jahrelang aktiv gewesen war.

Murray Richmond bekam eine neue Identität. Seine Mithilfe bei Chengs Überführung machte sich im Strafmaß bemerkbar.

Aber ein paar Jahre waren es trotz der mildernden Umstände.

Er würde sie in einem weit entfernten Gefängnis unter anderem Namen absitzen. Vielleicht in Oregon oder Wyoming. An einem Ort, an den der lange Arm der Chinatown-Mafia nicht reichte.

Und dann wurden Milo und ich irgendwann zu einem ziemlich traurigen Anlass in die Gerichtsmedizin gerufen.

Es galt, eine Leiche zu identifizieren.

Dr. Gwenders führte uns zu den Kühlfächern und zog eins davon heraus.

"Die Tote wurde vergiftet", erläuterte Gwenders. "Man hat sich offenbar große Mühe gegeben, die Leiche so zu beseitigen, dass sie nicht wieder auftaucht. Sie wurde ans Hudson-Ufer gespült. Am Fuß befand sich ein Gewicht, das mit Paketband befestigt war. Das aggressive Salzwasser hat es aufgelöst und so kam die Leiche an die Oberfläche. Die Fingerkuppen sind abgeschabt, damit man keine Abdrücke nehmen kann..."

Die Details waren scheußlich. Ich blickte in das aufgequollene Gesicht.

Ein Foto davon hatte die Fahndungsabteilung herumgezeigt, so waren Milo und ich damit in Berührung gekommen.

"Ist sie das?", fragte Gwenders.

Ich nickte.

"Ja", sagte ich. "Das ist zweifellos Dominique Archers. Das ganze dürfte ein weiteres Kapitel im Fall Cheng sein...."

Dominique war seit einiger Zeit vermisst worden. Eigentlich hatte man ihre Aussage im Prozess benötigt. Aber von der Frau, die sich selbst als Alec Ritters Lebensgefährtin bezeichnet hatte, war nirgends eine Spur zu finden gewesen.

"Wann starb sie?", fragte ich.

"Sie hat wochenlang im Wasser gelegen", sagte Gwenders.

Ich war froh, als Milo und ich wieder an der frischen Luft waren.

"Der Fall ist abgeschlossen", hörte ich Milo sagen.

"Jedenfalls für uns..."

Er wusste genau, was in mir vorging.

Ich wandte den Kopf in seine Richtung.

"Sie hätte nicht sterben müssen", erwiderte ich.

"Vermutlich hat sie versucht, ihr eigenes Ding zu drehen und ist an den Falschen geraten. An Cheng."

"Das gilt nicht nur für sie."

"Ich weiß."

Wir stiegen in den Sportwagen. Ich ließ den Motor an.

Dies war einer jener Tage, an dem man in Versuchung kommen kann, sich das Rauchen doch wieder anzugewöhnen. Oder man kommt auf die Idee, dass Bürgermeister Giuliani vielleicht doch recht damit hatte, die Imbissbuden aus der City zu verbannen.

Weil man an so einem Tag ohnehin nichts hinunterbringen würde.

Für uns war der Fall wirklich zu Ende.

Für die Justiz auch, sobald das letzte Urteil gefällt war.

Aber das alles war nur eine kleine Etappe im Kampf gegen das Verbrechen. Eine Aufgabe, der wir uns verschrieben hatten.

ENDE

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Der Mann, der Bogart sein wollte: N. Y. D. - New York Detectives

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KRIMI VON WOLF G. RAHN

Der Umfang dieses Buchs entspricht 161 Taschenbuchseiten.

Humphrey Bogart scheint von den Toten wieder auferstanden zu sein. Zuerst raubt er ein Waffengeschäft aus und tötet kurz darauf zwei Menschen. Dann überfällt er ein Juweliergeschäft, was jedoch schief geht. Aber er bekommt die Juwelen auf einem anderen Weg, nimmt die Tochter des Juweliers als Geisel und verschwindet. Doch wohin? Diese Frage stellt sich auch Bount Reiniger, der Privatdetektiv, der das Mädchen in drei Tagen seinen Eltern zurückbringen will ...

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Copyright

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EIN CASSIOPEIAPRESS Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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CÄSAR CHAPIN LEGTE den Revolver auf den Hocker, als er unter die Dusche ging. Er grinste genüsslich. Bei dem, was er vorhatte, brauchte er die Kanone nicht. Er drehte an der Armatur und ließ das heiße Wasser auf seinen etwas zu fetten Körper brausen.

Zu fett? Was spielte das schon für eine Rolle? Im Leben waren andere Qualitäten wichtiger. Und die hatte er, sonst würden sich nicht alle um seine Gunst reißen.

Von nebenan klang Musik. Cäsar Chapin summte sie mit. Seine Laune hätte nicht besser sein können. Kein Wunder. In den letzten Wochen hatte alles gepasst. Zuerst der Freispruch, weil er die beiden Hauptbelastungszeugen geschmiert hatte. Dann der gelungene Coup draußen in Clifton, der seinen Kontostand immerhin um achtzigtausend Dollar verbessert hatte. Und nun auch noch Mona.

Das Mädchen war der absolute Gipfel, das Dessert nach einer gehaltvollen Mahlzeit. Entsprechend wollte er es genießen.

Der Mann mit dem spärlichen Haar und dem ewig geröteten Gesicht drehte das kalte Wasser auf und hielt sekundenlang den Atem an. Dann schnaufte er tief durch und lachte blechern.

O Himmel! Wenn er an das dämliche Gesicht dieses Narren dachte, als er mit der Puppe abgeschoben war, könnte er sich jetzt noch amüsieren.

Cäsar Chapin trocknete sich nur flüchtig ab. Er kletterte in seinen Slip und betrachtete sich im Spiegel. Nun ja, vielleicht sah er nicht gerade wie Sylvester Stallone aus, dafür war aber jedes einzelne Haar auf seiner Brust tausend Dollar wert.

Bevor er das Bad verließ, nahm er den Revolver an sich. Reine Gewohnheitssache. Auf den Slip konnte er leicht verzichten, aber auf das Schießeisen? Da hätte er sich verdammt nackt gefühlt.

Mona wartete im Livingroom. Sie sah fantastisch aus. Ihr pechschwarzes Haar ließ ihre Haut wie weißen Marmor erscheinen. Große Augen blickten ihn erwartungsvoll an. Sie blieben an dem Revolver hängen.

„Was hast du vor?“, fragte die junge Frau unsicher.

Cäsar Chapin lachte. Er blieb die Antwort schuldig und betrachtete die Schwarzhaarige ungefähr in jener Art, mit der ein Rancher vor dem Kauf einen neuen Zuchtstier taxiert. Dass ihn das Ergebnis zufriedenstellte, war seinem Gesicht anzusehen.

Er ging auf die Frau zu, zog sie mit einer Hand aus dem Sessel in die Höhe und riss sie im nächsten Moment an sich.

„Ich will dich!“, stieß er hervor, „Du wirst glauben, vor mir noch nie einen Mann gehabt zu haben. Cäsar Chapin ist einsame Spitze. In jeder Beziehung.“

Die Frau drückte ihn mit sanfter Gewalt von sich weg, um wieder atmen zu können. Sie lächelte berückend.

„Hoffentlich sind das nicht nur leere Versprechungen. Ich bin nämlich verwöhnt.“

Der Mann wieherte belustigt.

„Doch nicht etwa von dieser Witzblattfigur? Ich kann mir seinen Namen nicht merken. Ist ja auch nicht wichtig. Vergangenheit. Den kannst du abhaken. Ab heute beginnt für dich das wahre Leben. Das bietet dir nur Cäsar Chapin. Und was bietest du ihm?“

Der Blick der Frau verschleierte sich. Sie schlang die Arme um den Nacken des Mannes und drängte sich gegen ihn. Sie trug nur ein dünnes, gelbes Kleid und darunter nicht viel. Er konnte ihre Wärme durch den Stoff spüren. Junge, die Kleine hatte Temperament. Mit der ließ sich auch noch kassieren, wenn er den Spaß an ihr verlor.

Mona Lavery dachte nur flüchtig an den Mann, den sie aufgegeben hatte. Sie war sicher, den klügsten Schritt ihres Lebens getan zu haben. Auf Chapin waren alle Frauen scharf. Zumindest jene, die es zu mehr bringen wollten als zu einem Achtstundentag hinter einer Schreibmaschine.

Sie spürte seine Lippen, die nach Brandy und Nikotin schmeckten. Gegen ihren Rücken drückte der Griff des Revolvers.

„Du tust mir weh“, klagte sie. „Leg doch endlich das scheußliche Ding weg! Wie soll ich denn da in Schwung geraten?“

„Du bist doch schon in Schwung, Baby“, gurrte der Mann und dachte gar nicht daran, sich von seiner Waffe zu trennen. Leichtsinn war etwas, das Cäsar Chapin nicht kannte. „Du kochst ja bereits.“

Mit einem Ruck sprengte er den Reißverschluss am Rückenteil ihres Kleides. Den Rest erledigte er mit einer lässigen Handbewegung. Sein Blick wurde gierig. Er wollte nicht länger warten.

Wie einen Sack warf er sich die kichernde Frau über die Schulter und verschwand mit ihr durch die Tür zum Nebenraum. Dort blieben sie fast drei Stunden.

Als sie wieder auftauchten, hielt Cäsar Chapin wieder den Revolver in der Hand. Vielleicht hatte er ihn die ganze Zeit nicht weggelegt. Mona Lavery schien das jedenfalls nicht gestört zu haben. Unter ihrem winzigen Tanga, den sie trug, knisterte es. Ein Geldbündel zeichnete sich dort ab. Insgeheim überschlug sie, wie lange sie dafür im Büro hätte schuften müssen.

„Wann sehen wir uns wieder?“, fragte sie schmeichelnd, während der Mann im Bad verschwand, um seine restlichen Sachen zu holen.

„Es gibt Dinge, die ich bis ins kleinste Detail plane!“, rief er zurück. „Das ist das Geheimnis meines Erfolges. Die Liebe gehört nicht dazu. Da bin ich spontan. Wenn ich erscheine, hast du in Zukunft für mich da zu sein. Vergiss das nicht, mein Schatz!“ In seiner Stimme schwang ein drohender Unterton. „Du hast mich noch nicht erlebt, wenn ich wütend bin.“

„Dazu werde ich dir auch keine Gelegenheit geben“, versicherte sie. Sie warf sich einen leichten Morgenmantel über die Schultern und begleitete ihn zur Tür ihres Apartments.

Cäsar Chapin schob den Revolver unter seine Jacke. Dann riss er Mona, deren Haar jetzt zerzaust war, in seine Arme und verabschiedete sich von ihr. In diesem Augenblick wirkte er wie ein Wolf, der von seiner Beute Besitz ergriffen hat.

Er grinste und öffnete die Tür. Den Mann, der davor stand, nahm er kaum noch wahr. Da war ein ekelhafter Knall. Etwas hämmerte gegen seine Brust, drang tief hinein und höhlte ihn aus.

Eine Frau schrie in sein Ohr. Aber sie hielt ihn nicht fest.

Instinktiv glitt seine Hand unter die Jacke. Dort spürte er den Griff seines Revolvers. Das war das letzte Gefühl Cäsar Chapins. Mit ungläubig aufgerissenen Augen starrte er seinen Mörder an, taumelte in den Flur zurück und brach zusammen. Dort blieb er keuchend liegen, bis auch dieser Ton verstummte.

Mona Lavery wich Schritt für Schritt zurück. Sie wusste, dass sie gleich neben dem Toten liegen würde.

„Nein!“, würgte sie mühsam hervor. „Tu’s nicht! Ich kann dir alles erklären. Es ist nicht so, wie du denkst. Ich schwöre es dir.“

Sie stolperte über den Leblosen und suchte einen Halt. Ihre Finger krallten sich in den leichten Sommermantel, der am Garderobenhaken hing. Es ratschte, als sie ihn mit sich riss.

Der Mörder sagte kein Wort. Nur seine Miene sprach. Sie drückte unerbittlichen Tötungswillen aus. Er warf die Tür mit dem Fuß hinter sich zu und stieg über den Toten weg.

Mona Lavery raffte sich auf und stürzte in den Livingroom. Von dort setzte sie ihre aussichtslose Flucht ins Schlafzimmer fort. Als sie sich herumwarf, sah sie den Killer in der Tür. Er hielt den Revolver auf sie gerichtet. Sein Hemd war durchgeschwitzt, aber er trug bei dieser Hitze eine Krawatte. Das breite, zerwühlte Bett stoppte ihren Rückzug. Sie zwang sich, ruhiger zu atmen.

„Komm her!“, sagte sie lockend. „Sei kein Narr! Ein Mann wie du weiß doch bestimmt etwas Besseres mit einer Frau anzufangen, als sie zu erschießen.“

Tatsächlich trat der Mann näher. Sein Blick lag auf ihrer Haut. Der Morgenmantel klaffte auseinander. Wer hätte da nicht zugegriffen?

„Tut mir leid, dass ich nicht zu deiner Beerdigung erscheinen kann“, sagte der Mörder so kühl, als stünde er vor einer Softeis-Maschine. „Man kann schließlich nicht jeder Hure die letzte Ehre erweisen.“

Dann schoss er.

Mona Lavery wurde aufs Bett geworfen. Ihre Arme hatte sie wie zur Abwehr vorgereckt. Doch auch sie fielen zurück. Die Finger krallten sich in die Kissen.

Der Killer steckte den Revolver in die Hosentasche und warf einen letzten Blick auf sein Opfer.

„So ist nun mal das Leben, Engel“, murmelte er. „Wer auf die fahrende Subway springt, muss damit rechnen, auch mal runterzufallen.“

Er sah zwar die grünen Scheine unter dem Tanga vorschimmern, doch er ließ sie stecken und wandte sich ab. Er beugte sich kurz über den Toten im Flur und verließ ohne übergroße Eile das Apartment. Sein Gesicht wirkte zufrieden. Er hatte es ihnen gezeigt. Endlich! Von nun an würde man mit ihm rechnen müssen.

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WARUM HABEN SIE SICH eigentlich nicht an die Polizei gewandt“, fragte Bount Reiniger den Mann, der ihn zu sich gebeten hatte. Er sah sich in dem Geschäft um. Es roch nach Öl und Eau de Cologne. Grauenhafte Mischung.

Emile Kane lachte bitter auf.

„Fürchten Sie, unsere Staatsorgane könnten Ihnen Schwierigkeiten bereiten, weil ich sie übergangen habe? Das ist nicht der Fall, Mister Reiniger. Ich habe den Einbruch sofort gemeldet, und es waren auch ein paar Beamte hier, die nach Spuren gesucht haben. Aber Sie wissen genauso gut wie ich, wie das enden wird. Nach drei Monaten erhalte ich einen kurzen Bescheid, dass man in dieser Angelegenheit leider nicht weitergekommen sei. Man werde aber selbstverständlich jedem neuen Hinweis nachgehen. Damit gibt sich aber meine Versicherung nicht zufrieden. Die Brüder erwarten, dass ich etwas mehr tue, bevor sie zahlen. Deshalb habe ich mich an Sie gewandt. Sie sollen der Beste in Ihrem Fach sein.“

„Es gibt Fälle, die ich nicht lösen konnte“, schränkte Bount sachlich ein. Er war von diesem Auftrag nicht sonderlich begeistert. Wo die Polizei schon vor ihm herumgewühlt hatte, bestand für ihn kaum noch eine Chance, die entscheidende Spur zu finden. Er würde bei Lieutenant Bartlett, der den Fall bearbeitete, hausieren gehen müssen.

„Natürlich gibt es die“, erwiderte sein Auftraggeber. „Aber die Quote soll bei Ihnen erstaunlich gering sein.“

„Man tut, was man kann. Mehr kann ich auch Ihnen und Ihrer Versicherung nicht versprechen. Wie hoch ist eigentlich der entstandene Schaden?“

„Die Gangster waren nicht zimperlich. Sie haben die Alarmanlage restlos zerstört. Das ist der größte Posten. Zusammen mit der Fensterscheibe, den aufgebrochenen Schubkästen und natürlich den gestohlenen Waffen dürften es fast dreißigtausend Dollar sein. Wenn die Versicherung die Zahlung zu lange hinauszögert, bin ich ruiniert. Ich habe nur ein kleines Geschäft und kann derartige Verluste nicht verkraften.“ Emile Kane strich sich nervös das Haar zurück, obwohl jedes einzelne Härchen mit Pomade festgeklebt war. Er ging auf und ab und gab seiner Genugtuung Ausdruck, dass die Schufte wenigstens die Kasse leer gefunden hatten.

Bount ließ sich genau die Umstände des Einbruchs in dem Waffengeschäft schildern. Hin und wieder warf er eine Frage dazwischen, während er sich in dem Laden, dem angrenzenden winzigen Büro und dem Lagerraum mit seinem Safe umsah.

„Der Geldschrank wurde nicht angetastet?“, vergewisserte er sich.

„Zum Glück nicht. Darin befinden sich nämlich die historischen Waffen, von denen jede einzelne ein kleines Vermögen wert ist.“

„Ich glaube nicht, dass der oder die Täter einen hundert Jahre alten Peacemaker mitgenommen hätten“, sagte Bount nachdenklich und betrachtete ein Foto, das er aus dem Papierkorb gefischt hatte. „Mit den gestohlenen Pistolen und Revolvern soll zweifellos geschossen werden. Ich nehme an, dass sie bei weiteren Verbrechen während der nächsten Wochen oder Monate Verwendung finden werden. Sammeln Sie Autogramme?“

Emile Kane sah den Detektiv zweifelnd an.

„Autogramme? Wieso das denn? Höchstens auf Schecks.“

„Dann gehört dieses Foto wohl nicht Ihnen?“ Er reichte dem Geschäftsinhaber die Karte, die ein Bild von Humphrey Bogart in einer seiner typischen Leinwandposen zeigte. Darunter war der Namenszug des vor fast dreißig Jahren verstorbenen Stars aufgedruckt.

„Natürlich nicht“, sagte Emile Kane fast entrüstet. „Für solchen Kinderkram habe ich nichts übrig. Das Bild fand ich auf der Verkaufstheke. Bestimmt hat es das Kind eines Kunden liegenlassen. Ich habe es weggeworfen. Die Dinger erhalten Sie doch überall für einen Quarter. Was gedenken Sie nun also zu tun?“

„Zunächst brauche ich die vollständige Liste der gestohlenen Waffen“, verlangte Bount. „Dann möchte ich mit der Angestellten sprechen, die nach Ihren Angaben gestern Abend das Geschäft abschloss. Besonders aber interessieren mich alle Leute, die über die Funktionsweise Ihrer Alarmanlage Bescheid wussten.“

„Was versprechen Sie sich davon?“, jammerte der Beraubte. „Es handelt sich um ein gängiges Fabrikat. Jeder kann es kaufen und sogar selbst installieren. Ich kann bei solchen Einrichtungen keinen enormen Aufwand treiben.“

„Mag sein, aber irgendwo muss ich schließlich ansetzen. Seien Sie mir nicht böse, Mister Kane, aber Ihre Auskünfte über den Einbruch sind so aufschlussreich, dass ungefähr sieben Millionen Menschen in dieser Stadt die Täter sein können. Dabei habe ich Säuglinge, Kleinkinder und Bettlägrige schon ausgeklammert.“

Der andere stöhnte.

„Ich weiß. Etwas Ähnliches hat mir Lieutenant Bartlett auch schon vorgeworfen.“

Bount winkte ab. „Fassen Sie das nicht als Tadel auf. Schließlich kann ich nicht von Ihnen verlangen, dass Sie in Ihrem Geschäft übernachten, nur damit Sie mir nach einem Einbruch eine exakte Beschreibung der Täter geben können. Ich möchte nur, dass Sie Ihre Erwartungen nicht zu hoch schrauben. Seien wir ehrlich. Ein Verbrechen wie dieses wird in unserer Stadt jede Nacht ein paar Male ausgeführt. Die meisten bleiben unaufgeklärt. Solche Aufträge sind ausgesprochen undankbar. Als Privatdetektiv muss man froh sein, wenn man im Falle einer Pleite nichts von seinem Ruf einbüßt.“

„Heißt das, dass Sie nicht interessiert sind?“, fragte Emile Kane erschrocken.

Bount lächelte dünn.

„Sie verstehen mich falsch. Es gibt für mich persönlich keine guten oder schlechten Fälle. Es gibt nur Verbrechen und die aufzuklären, ist meine Aufgabe. Ich will es auch hier versuchen. Wenn ich offen sein soll, bin ich ganz froh, dass niemand die Täter gesehen hat.“

„Froh?“, wunderte sich der Geschäftsmann.

„Allerdings. Was tut wohl ein Einbrecher, der von einem Zeugen mit einem Arm voll Waffen beobachtet wird?“

„Möglicherweise schießt er“, sagte Emile Kane atemlos.

Bount nickte. „Eben. Und jetzt vertraue ich Ihnen ein Geheimnis an. Ich mag keinen Mord.“

Sechs Stunden später hatte sich Bounts Befürchtung bestätigt. Er wusste noch immer nicht mehr als am frühen Nachmittag.

Vivian Miller, die bei Emile Kane angestellt war und am Vorabend das Geschäft als Letzte verlassen hatte, hatte ihm zwar Vorträge über die Schlechtigkeit der Menschen im Allgemeinen und der Einbrecher in Waffengeschäfte im Besonderen halten wollen, aber Informationen, die der Aufklärung des Verbrechens dienen konnten, hatte sie nicht beigesteuert. Auch die beiden anderen Mitarbeiter erwiesen sich als unergiebig.

Die Täter waren ziemlich brutal vorgegangen. Eine besondere charakteristische Handschrift ließ sich nicht erkennen.

Lieutenant Bartlett war Bounts letzte Hoffnung gewesen. Doch der Polizeibeamte hatte ihn schon ausgesprochen unwirsch begrüßt.

„Hauen Sie bloß ab, Reiniger! Sie und die Presse, mehr brauche ich nicht.“

Bounts Genugtuung darüber, dass die Polizei bei dem Einbruch genauso im Dunkeln tappte wie er selbst, hielt sich in Grenzen. Ihm wäre lieber gewesen, er hätte sich wieder anderen Dingen zuwenden können. Ihm war nicht wohl in seiner Haut, wenn er daran dachte, dass jetzt vielleicht in Manhattan ein paar Halbwüchsige mit den Taschen voller Pistolen herumliefen und sie auch benutzten,

In der Stimmung kreuzte er bei Toby Rogers auf, um sich von ihm etwas aufmuntern zu lassen. Toby war sein Freund. Beruflich rauschten sie zwar manchmal kräftig zusammen, denn der Dicke konnte ziemlich stur sein, wenn er seinen Standpunkt behauptete. Meistens verstanden sie sich aber prächtig, und es war schon nicht mehr zu zählen, wie oft der eine dem anderen aus irgendeiner Patsche geholfen hatte.

Diesmal allerdings blickte der Leiter der Mordkommission Manhattan C/II seinem späten Besucher grämlich entgegen.

„Was willst du denn?“, fragte er gedehnt und blätterte verbissen in einer Akte.

„Danke für die reizende Begrüßung. Du kannst einen richtig aufbauen. Da denke ich, ich schaue mal kurz bei einem Freund vorbei, wenn ich schon mal hier bin, und du empfängst mich, als wäre ich der Gerichtsvollzieher. Aber du Büffel bist ja für deine kalten Duschen bekannt.“

Der Captain hob nur geringfügig den Kopf und grunzte ungnädig.

„Lass mich in Ruhe! Dusche hin oder her, deinetwegen werde ich nicht extra Whisky in den Eimer füllen. Selbst, wenn es dein Begriffsvermögen übersteigt, lass dir gesagt sein, dass ein paar Menschen in dieser Stadt auch noch zu so später Stunde arbeiten müssen.“

„Das weiß ich, mein Lieber.“ Bount grinste anzüglich. „Ich denke da an gewisse Damen, bei denen der Betrieb jetzt erst richtig anfängt. Auch die Discjockeys werden langsam munter. Aber du? Wenn deine Mutter nicht damals einen günstigen Moment erwischt hätte, wüsste sie heute noch nicht, welche Augenfarbe du hast. Deine Schauluken sind doch meistens geschlossen.“

„Weil ich dann besser denke.“

„Aha! Und das Denken bekommt dir so schlecht, dass du wie eine zerknitterte Qualle aussiehst?“

Toby Rogers holte tief Luft und nahm dabei noch beträchtlich an Umfang zu.

„Deswegen nicht“, murrte er.

„Sondern?“ Bount ließ nicht locker.

„Es gibt Krieg.“

„Dass es an allen Ecken der Erde brennt, weiß ich selbst. Aber das ist doch nicht neu. Seit wann wirft dich eine Schreckensmeldung aus dem Nahen Osten aus dem Gleichgewicht?“

Toby Rogers ballte die Hände und donnerte sie auf die Schreibtischplatte. Zum Glück war der Plastikbecher neben den Akten leer, sonst hätte der Dicke jetzt erst recht Grund zum Fluchen gehabt. Kaffee auf wichtigen Unterlagen mögen nur ganz wenige Vorgesetzte.

„Ich rede nicht vom Libanon und auch nicht von Nicaragua. Ich meine einen Krieg in der Unterwelt. Es wird gewaltig krachen. Der Anfang ist schon getan.“

Jetzt begann Bount zu begreifen. Vermutlich war irgendein Dealer mit einem Stilett im Bauch aus der Hudson-Brühe gefischt worden, und Toby befürchtete einen prompten Gegenschlag der betroffenen Gang. Das konnte in der Tat weite Kreise ziehen, Toby würde ein paar unruhige Nächte verbringen, ehe er die Beteiligten gefasst oder sie sich gegenseitig umgebracht hatten.

„Na schön“, meinte er leichthin. „Es gibt einen Lumpen weniger in unserer Stadt. Darüber solltest du eher froh sein. Wer ist es? Kenne ich ihn?“

„Durchaus möglich. Manche Leute behaupten ja, du hättest unter den Ganoven mehr Bekannte als bei den ehrlichen Leuten. Der Mann heißt Cäsar Chapin. Er starb an Übergewicht. Es war zwar nur eine Unze. Aber die bestand ausgerechnet aus Blei.“

Bount überlegte kurz. Der Name war ihm irgendwie bekannt.

„Hat es da nicht erst vor kurzem einen großen Betrugsprozess gegeben, bei dem es um einen Chapin ging?“

„Dein Gedächtnis besteht ja doch nicht nur aus lauter Hohlräumen“, lobte Toby Rogers. „Du hast recht. Das war derselbe Mann, den meine Jungs heute früh aus dem Apartment seiner Mieze holten. Da war er schon tot. Nachbarn glaubten, Schüsse gehört zu haben. Sie alarmierten die Polizei. Chapin wurde bei dem Prozess übrigens freigesprochen.“

„Und du glaubst, dass ihn der Staatsanwalt aus Ärger darüber umgebracht hat?“

„Quatsch! Das war irgendein Kerl, dem er ins Gehege geraten ist. Chapin hatte naturgemäß viele Feinde. Er galt als ungewöhnlich rücksichtslos und ließ sogar Freunde, denen er einiges zu verdanken hatte, bei der ersten günstigen Gelegenheit fallen. Außerdem haben wir herausgefunden, dass Chapin vor ungefähr einem halben Jahr einen gewissen Smiler ausgebootet und dessen Bezirk übernommen hatte. Der Verdacht liegt nahe, dass sich Smiler das nicht hat gefallen lassen.“

„Dann solltest du ihn einfach einmal fragen“, schlug Bount vor.

„Der Typ ist unauffindbar. Das sagt wohl alles. Aber er befehligt eine Gang. Jetzt kann ich darauf warten, dass in den nächsten Tagen dort der Blitz einschlägt.“

„Cäsar Chapin kann kaum noch für ein Gewitter sorgen.“

„Der Gangster hatte auch Freunde. Die werden ihn rächen. Es ist zum Verrücktwerden. Solange die Brüder leben, machen sie uns nur Scherereien. Warum können sie nicht wenigstens an Lungenentzündung oder einem Infarkt sterben? Nein, sogar mit ihrem Tod hört der Ärger nicht auf.“

Bount griff in die Tasche und holte das Päckchen mit den Pall Mall heraus. Er bot seinem Freund eine an und gab ihm Feuer. Danach bediente er sich selbst.

„Und was spricht die Frau, bei der ihr ihn gefunden habt?“

„Nichts.“

Bount nickte wissend. „Ebenfalls verschwunden, wie? Genau wie Smiler.“

„Im Gegenteil. Sie war zu Hause. Sie lag nur zwei Türen weiter. Einige Portionen hübscher als Chapin, aber genauso tot wie er.“

„Auch erschossen?“

„Dieselbe Tatwaffe.“

„Eine etwaige Verbindung zwischen der Frau und Smiler habt ihr wohl schon überprüft.“

„Negativ. Mona Lavery war noch ein ziemlich junges Ding. Zweiundzwanzig wäre sie nächsten Monat geworden. Sie hatte einen mäßig bezahlten Job in einem Schreibbüro in der 30sten. Dort wird sie zwar als ein bisschen ausgeflippt geschildert, einen Hang zum Kriminellen soll sie aber nicht gehabt haben. Bei uns ist sie auch nicht aktenkundig.“

„Aber sie ließ sich mit Cäsar Chapin ein“, sagte Bount.

„Das spricht allerdings gegen sie, wenn sie auch nicht gewusst haben muss, dass der Kerl ein Strolch war. Die Bedeutung der tausend Dollar in ihrem Tanga hat sie aber zweifellos kapiert.“

Bount pfiff durch die Zähne. „Tausend Dollar? Ein stolzer Preis für ein unbeschriebenes Blatt. Wohnte Chapin bei ihr, oder hielt er sich nur stundenweise dort auf?“

„Gemeldet war er dort nicht, und die Hausbewohner sagten übereinstimmend aus, ihn noch nie zuvor gesehen zu haben.“

„Das lässt doch eher den Schluss zu, dass er nur zufällig dem Killer in die Schusslinie stolperte. Der hatte etwas gegen die Lavery. Oder aber es handelte sich um einen Einbrecher, der damit rechnete, die Wohnung leer zu finden.“

„Bestimmt nicht. Warum sonst hätte er Chapin die Karte ins Hemd schieben sollen?“

„Doch nicht eine Visitenkarte?“

„So ähnlich. Warte, ich habe sie hier in der Akte.“ Toby Rogers blätterte in den Papieren, während er weitersprach. „Das ist natürlich nur ein alberner Bluff, denn Bogie ist schließlich schon lange tot. Außerdem hat der meines Wissens nur in seinen Filmen die Leute umgelegt. Im Privatleben war er zwar zum Teil ungenießbar, aber jedenfalls kein Killer.“

Bount nahm die Zigarre aus dem Mund und beugte sich erstaunt über den Schreibtisch.

„Bogie?“

„So wurde Bogart von vielen seiner Freunde und Fans genannt. Wusstest du das nicht? Hier!“ Endlich hatte der Captain gefunden, wonach er suchte. Es handelte sich um ein Schwarzweißfoto in Postkartengröße. Unter dem Porträt war das Autogramm aufgedruckt: Humphrey Bogart.

Bount starrte verblüfft auf das Bild. Unwillkürlich griff er in seine Brusttasche. Aber nein! Er hatte das Foto nicht eingesteckt, sondern wieder in den Papierkorb geworfen. Er wollte aber schwören, dass es sich um exakt die gleiche Karte gehandelt hatte.

„Ich muss telefonieren“, stieß er hervor.

„Bitte, bediene dich!“

Bount kannte die Nummer nicht auswendig, doch er hatte sie notiert. Sein Gesprächspartner hörte sich erfreut an.

„Sie, Mister Reiniger? Wenn Sie um diese Zeit anrufen, kann das nur bedeuten, dass Sie den Halunken überführt haben.“

„Das bedeutet es leider nicht. Ich möchte Sie nur bitten, dass Sie die Papierkörbe in Ihrem Geschäft nicht leeren lassen.“

„Bitte?“

Bount glaubte, das entgeisterte Gesicht Emile Kanes vor sich zu sehen. Er erklärte, dass er sich unbedingt den Inhalt der Papierkörbe noch einmal genauer ansehen müsse. Leider kam er mit diesem Anliegen zu spät. Die Putzfrau hatte bereits ihres Amtes gewaltet.

„Das Zeug liegt alles im Müllcontainer“, sagte der Waffenhändler. „Wenn Sie aber darauf bestehen, dann sorge ich dafür, dass ...“

„Lassen Sie’s gut sein, Mister Kane! So wichtig ist es auch wieder nicht. Ich bin mir ohnehin ganz sicher. Schlafen Sie gut, und entschuldigen Sie die Störung.“

„Gut schlafen? Wie könnte ich das! Die Versicherung macht mir die Hölle heiß.“

„Dann müssen wir dafür sorgen, dass es Ihrem Einbrecher bald noch viel heißer wird.“ Bount legte auf und musste über Tobys ungehaltenes Gesicht lachen.

„Findest du nicht, dass du mir etwas erklären solltest, Meisterdetektiv?“

Bount spannte den Dicken nicht lange auf die Folter und berichtete, was ihn überhaupt ins Headquarter in der Centre Street geführt hatte. Toby hörte mit wachsendem Erstaunen zu.

„Dieselbe Karte?“, vergewisserte er sich schließlich. „Die gleiche“, korrigierte Bount. „Ich habe dem Foto weiter keine Bedeutung beigemessen, zumal auch Bartlett nicht über sie gestolpert ist. Keine Sekunde habe ich Bogart für den Waffendieb gehalten. Der wurde zu Lebzeiten großzügig aus der Requisitenkammer mit Schießeisen versorgt. Aber jetzt hat es doch sehr den Anschein, als hätte der Täter damit seinen Stempel hinterlassen wollen.“

Toby Rogers nahm das Foto aus der Plastikhülle und betrachtete es aufmerksam.

„Mehr noch“, ergänzte er. „Dein Einbrecher und mein Doppelmörder sind ein und dieselbe Person. Vermutlich stammt die Tatwaffe sogar aus dem Geschäft von Emile Kane. Unsere Experten sind sich noch nicht ganz über das Fabrikat einig. Gib mir mal deine Liste, damit ich sie fotokopieren lassen kann! Dann tun sich meine Leute leichter.“

Bount presste die Zähne zusammen. Der Fall hatte ihn von Anfang an nicht begeistert. Jetzt schmeckte er ihm noch weniger. Was er befürchtet hatte, war innerhalb kürzester Zeit eingetreten. Es war ein Mordfall daraus geworden. Ein Doppelmord sogar. Eins der Opfer hatte noch fast das ganze Leben vor sich gehabt.

„Warum ausgerechnet Bogart?“, fragte er düster. „Warum nicht Belmondo oder McQueen? Wieso ein Toter?“

„Das ist doch ganz egal“, fauchte Toby Rogers. „Der Typ will uns zum Narren halten. Das ist alles. Ich wette, dass Smiler dahintersteckt. Der kennt sich in fast allen Ressorts aus. Rauschgift, Prostitution, Raub, zweifellos auch Mord und Erpressung. Wenn du deinen Einbrecher suchst, musst du einen von Smilers Leuten finden. Er selbst wird sich mit so kleinen Fischen nicht abgeben.“

Bount nahm Toby das Bild aus der Hand. Es handelte sich um eine Aufnahme aus dem Film „Tote schlafen fest“. Der charakteristische Hut mit heruntergebogener Krempe, der Trenchcoat, die ausdrucksstarken Augen, der geschlossene Mund, von dem man nicht wusste, ob er lächelte oder zynisch verkniffen war, und natürlich das Kinngrübchen. Humphrey Bogart, der große Star der dreißiger bis fünfziger Jahre, erwachte auf diesem Foto zu neuem Leben. Doch er war tot. Er ging nicht um, um einzubrechen oder zu morden. Ein anderer bediente sich seines Images.

Aber wer?

Passten diese Spielchen zu einem Gangster wie Smiler?

Bount schüttelte fast ärgerlich den Kopf. Das glaubte er nicht. Bogart war ein unsterbliches Idol. Ein Symbol für Edelmut gleichermaßen wie für unnachgiebige Härte und Skrupellosigkeit. Ein Denkmal.

Bount hatte viele seiner Filme gesehen. Er hatte erlebt, wie die Fans im Autokino schluchzten, als „ihr“ Bogie in „The big shot“ im Krankenhaus den Folgen einer Schießerei erlag. Und das ein viertel Jahrhundert nach seinem tatsächlichen Tod. Er hatte gesehen, wie Halbwüchsige und korpulente Fünfzigjährige gleichermaßen nach „High Sierra“ den Kragen hochschlugen, die Hände in den Manteltaschen versenkten und mit dumpfer Stimme zu ihrer Begleiterin sagten: „Fünf Jahre gehen schnell vorbei, Baby. Aber wenn ich drinnen höre, dass du es mit Big Mac treibst, lasse ich mich wegen guter Führung vorzeitig entlassen und lege dich um.“

Worin die Faszination dieses Hollywood-Wunders bestand, hatten schon unzählige Wissenschaftler zu ergründen versucht. Auf jeden Fall existierte sie. Auch oder sogar besonders in diesen Tagen. Vor allem junge Leute konnten sich ihr kaum entziehen. Bount war entschlossen, den Hebel an diesem Punkt anzusetzen.

„Ich tippe eher auf einen mit Komplexen beladenen Burschen“, sagte er ruhig. „Ich kannte einmal einen Zwanzigjährigen, der sich einbildete, Rockefeller zu sein. Er gab das Geld mit vollen Händen aus. Leider vergaß er, es vorher zu verdienen.“

„Meines Wissens war Rockefeller ausgesprochen geizig.“

„Bogart war auch kein Mörder. Nicht in Wirklichkeit. Das hängt nur davon ab, welche Eigenschaften man bei seinem Vorbild sehen will.“

„Also ein Psychopath? Ich sage dir, Smiler ist kein Verrückter. Der weiß genau, was er tut.“

„Deshalb halte ich ihn ja auch nicht für den Täter. Ich habe da eine ganz bestimmte Idee. Falls sie zutrifft, lasse ich es dich wissen.“

Toby runzelte unwillig die Stirn.

„Du verheimlichst mir doch etwas.“

„Würde ich nie tun, Alter. Mein Verdacht bezieht sich auf keine bestimmte Person, sondern auf einen Personenkreis. Wer dazugehört, muss ich erst noch feststellen.“

„Und wann wird das geschehen?“

„Morgen früh, sobald anständige Leute zu arbeiten anfangen.“

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MIT DEN ANSTÄNDIGEN Leuten meinte Bount die Angestellten in dem Schreibbüro, in dem Mona Lavery vor ihrer Ermordung beschäftigt gewesen war.

Die Nachricht, die er überbrachte, war nicht mehr neu. Die Kolleginnen wussten längst Bescheid. Captain Rogers hatte bereits am Vortag seine Routinefragen gestellt.

Nein, Feinde hatte Mona nicht gehabt. Im Gegenteil. Sie war sehr beliebt gewesen. Jeder hatte sie gemocht. Besonders natürlich die Männer.

„Bestimmte Männer?“, fragte Bount sofort.

Ein paar Namen wurden genannt. Einer fiel besonders häufig: Dean Brady.

„Wer ist das? Arbeitet er ebenfalls hier?“

„Der hat gleich unten an der Ecke einen Hamburger Stand. Damit will er sich das Geld fürs Studium verdienen. Auf Mona war er ganz wild. Ein paarmal hat er sie nach Büroschluss abgeholt. Dabei wollte sie gar nichts von ihm wissen.“

„Hat ihr seine finanzielle Situation nicht zugesagt?“

„Das wohl auch. Vor allem aber lachte sie über seinen Sprachfehler. Er stößt nämlich ein wenig mit der Zunge an. Sie konnte das sehr gut imitieren.“

Bount horchte auf. Ein Sprachfehler? Auch Humphrey Bogart hatte etwas gelispelt. Ein erstaunliches Zusammentreffen. Auf diesen Burschen war er gespannt.

Dean Brady fing gerade an, das Fett zu erhitzen. Er hielt Bount für einen frühen Kunden und bat um Geduld.

„Ich habe schon gefrühstückt, Mister Brady. Ich bin aus einem anderen Grund hier.“

Der Zwanzigjährige erschrak.

„Mit meiner Genehmigung ist alles in Ordnung. Ich darf hier stehen. Das habe ich schriftlich. Warten Sie! Ich muss den Fetzen irgendwo haben.“

„Lassen Sie ihn stecken! Ich will Sie nicht vertreiben. Ich möchte nur wissen, was Sie tun, wenn Sie nicht hier stehen?“

Dean Brady, ein blutarmer Bursche mit braunen Augen und dunklem Haar, zuckte zusammen.

„Was geht das Sie an? Ich frage Sie doch auch nicht nach Ihrem Privatleben.“

„Meine Freundin wurde auch nicht erschossen“, erwiderte Bount grob.

Dean Brady verfärbte sich. Er griff nach einem Handtuch und wischte sich das Fett von den Händen.

„Mona?“, flüsterte er ungläubig.

„Mona Lavery“, bestätigte Bount. „Sie sollen sie gut gekannt haben.“

Dean Brady war nun noch blasser. Er drehte den Gasbrenner ab und musste sich am Tisch festhalten. Es sah aus, als würde er im nächsten Moment umfallen.

„Das glaube ich nicht“, murmelte er. „Sie lügen. Wer sind Sie überhaupt?“

„Privatdetektiv. Mein Name ist Bount Reiniger. Ich schlage vor, wir unterhalten uns ein bisschen. Vielleicht drüben im Coffeeshop. Wir können uns aber auch in meinen Wagen setzen, wenn Ihnen das lieber ist.“

„Verschwinden Sie!“, heulte Dean Brady plötzlich los. „Ich will Sie nicht mehr sehen.“

„Das glaube ich Ihnen gern. Aber nach mir rückt die Polizei an, und die ist auch nicht angenehmer. Also seien Sie vernünftig und sagen Sie die Wahrheit! Haben Sie die Frau getötet?“

Der Jüngere reagierte erstaunlich schnell. Er packte die große Pfanne mit dem noch heißen Fett und schleuderte sie gegen Bount.

„Sie Lump!“, kreischte er und hielt nach einem weiteren Wurfgeschoss Ausschau. Er entdeckte nur seine Küchenmesser. Bount war rechtzeitig mit einem Satz zurückgesprungen. Dadurch war das Fett nur noch gegen sein Hosenbein geschwappt. Darunter wurde es ziemlich warm.

Er sah, wie Dean Brady nach einem breiten Messer griff. Jetzt drehte der Bursche völlig durch. Das musste einen Grund haben.

Bount wartete, ob er das Messer schleuderte, was aber nicht der Fall war.

„Legen Sie es wieder hin!“, befahl er. „Sie verschlimmern alles nur noch. In meiner Tasche steckt eine Pistole. Zwingen Sie mich nicht, sie zu benutzen. Dann sind Sie nämlich weg vom Fenster.“

Blitzschnell riss der Junge eine Schublade auf. Was er darin suchte, war kein großes Geheimnis. Fast jeder Straßenverkäufer in Manhattan trug eine Schusswaffe bei sich, um sich gegen Überfälle jugendlicher Banden schützen zu können.

Bount war schneller. Er musste schneller sein, denn er wollte keine Schießerei. Seine Hand verschwand unter der Jacke und erschien wieder mit einer Automatic.

„Lassen Sie das, Brady! Zwei Tote genügen!“

Dean Brady starrte ihn an.

„Zwei?“ Er zitterte. Seine Augen huschten umher und suchten nach einem Ausweg. Es gab keinen.

Bount kehrte breitbeinig zurück. Seine Hose klebte von dem Fett. Sie war nur noch für den Müll gut. Er achtete auf jede Bewegung des Jüngeren, doch Dean Brady rührte sich nicht mehr. Er fixierte die Automatic in Bounts Faust. Seine Lippen bebten. Bount trat zu ihm in den Kiosk und zog die Schublade auf. Ein kurzläufiger Revolver lag zwischen Servietten und Erfrischungstüchern. Ein 38er Smith & Wesson. Mit diesem Kaliber waren Mona Lavery und Cäsar Chapin erschossen worden.

Bount nahm die Waffe an sich. Toby Rogers sollte sie untersuchen lassen. Dann würde sich herausstellen, ob es sich um die Tatwaffe handelte.

„Was haben Sie mit mir vor?“, murmelte Dean Brady. Er hatte seinen Widerstand aufgegeben.

„Das Gleiche wie vor zwei Minuten. Ich will mit Ihnen reden. Weiter nichts. Hier ist ein denkbar schlechter Ort dafür.“

„Ich möchte nach Hause.“ Dean Brady sah aus, als würde er jeden Moment aus den Schuhen kippen. Hatte ihn die Nachricht umgeworfen, oder war es nur die Angst, entdeckt worden zu sein?

„Einverstanden“, sagte Bount. „Wo wohnen Sie?“

Die Wohnung lag ganz in der Nähe. Die beiden Männer fuhren in Bounts Mercedes 450 SEL hin, nachdem Dean Brady den Kiosk abgeschlossen hatte. Sie stiegen zur vierten Etage hinauf, wobei Bount den Jüngeren vorausgehen ließ. Er traute ihm nicht über den Weg. Brady wirkte fahrig und unberechenbar.

Die Wohnung war für einen Studenten, der sich seinen Lebensunterhalt mühsam verdienen musste, erstaunlich groß.

„Bis vor kurzem hat mein Freund mit mir hier gewohnt“, erklärte Brady. „Vor zwei Wochen ist er nach Chicago gezogen.“

Bount blickte sich um. Die Wände waren mit Poster bedeckt. James Dean lächelte schmerzlich herab. Natalie Wood war genauso vertreten wie Jane Fonda oder Glenn Ford. Aber auch Humphrey Bogart blickte Bount an. Mehrfach.

„Wollen Sie ein Glas Milch?“, erkundigte sich Dean Brady.

Bount lehnte ab.

Der Junge ging zum Kühlschrank und trank gleich aus der Flasche. Danach sah er etwas besser aus.

„Setzen Sie sich doch!“, forderte er den Detektiv auf. „Und stecken Sie endlich das grässliche Ding weg. Tut mir leid, dass ich vorhin durchgedreht habe. Soll nicht wieder passieren.“

Bount blieb nicht in der Küche. Er wollte die übrigen Räume sehen und wissen, wie der Mann wohnte, den er verdächtigte, ein Doppelmörder zu sein. Es war eine typische Studentenbude. Unaufgeräumt, nicht besonders sauber. Von Schränken hielt Dean Brady offenbar nicht viel. Er fand, dass der Fußboden genug Platz für seine Habseligkeiten bot.

„Sie haben mich angelogen“, sagte er leise. „Nicht wahr, sie ist nicht tot.“

Bount schüttelte den Kopf.

„Sie hatte keine Chance, Brady. Gelitten hat sie jedenfalls nicht. Man sagte mir, dass Sie sich sehr für sie interessiert hätten. Allerdings ohne nennenswerten Erfolg. So etwas frustriert. Wenn die Frau, die man liebt, auch noch mit einem anderen ins Bett steigt, ist es oft kein Wunder ...“

„Das ist nicht wahr!“, schrie Dean Brady und sprang Bount von der Seite an. Seine Faust schnellte vor. Bount blockte ihn ab. Er hatte mit einem neuerlichen Wutanfall gerechnet. Gegen Mona Lavery durfte man nichts Schlechtes sagen. Auch jetzt noch nicht.

„Hören Sie, Brady, Sie hatten versprochen, vernünftig zu sein. Ich habe viel Geduld mit Ihnen gehabt, aber ich kann auch anders, wenn Sie mich dazu zwingen. Ich bin hier, um zwei Morde und den Einbruch in ein Waffengeschäft aufzuklären.“

„Wollen Sie mir den etwa auch anhängen?“

„Das würde zu meiner Theorie passen“, erwiderte Bount unumwunden. „Ich würde sehr gerne Ihre Wohnung durchsuchen, gebe aber zu, dass Sie sich das verbitten können.“

„Ich habe nichts zu verbergen“, sagte Dean Brady trotzig. „Nur zu! Wühlen Sie! Sie werden nichts finden.“ Bount entdeckte tatsächlich nichts, was seine Vermutungen stützte. Das war noch kein Gegenbeweis. Dean Brady war ein Nervenbündel, doch dumm war er jedenfalls nicht. Er musste die gestohlenen Waffen ja nicht in seiner Wohnung versteckt haben. Es gab Schließfächer und andere Aufbewahrungsmöglichkeiten.

„Wer war der Mann?“, fragte Dean Brady zögernd nach einer Weile.

„Ein übler Gangster. Er muss Mona das richtige Angebot unterbreitet haben. Tausend Dollar hat er es sich kosten lassen.“

Der Junge stierte mit glasigen Augen vor sich hin. Seine Hände zuckten, doch er griff Bount nicht mehr an.

„Ja, ich habe sie geliebt“, bestätigte er. „Aber sie hat mich ausgelacht. Ich sagte ihr, dass ich einmal Arzt sein würde, doch so lange wollte sie wohl nicht warten. Aber ausgerechnet ein Gangster?“

„Was haben Sie am Mittwochabend zwischen sechs und neun Uhr getan?“

Dean Brady reagierte nicht auf die Frage. Bount musste sie noch einmal stellen.

„Mittwochs läuft das Geschäft meistens schlecht“, antwortete er. „Kann sein, dass ich da früher Feierabend gemacht habe.“

„Das werden Sie doch wohl noch wissen. Es ist ja erst zwei Tage her.“ 

„Tut mir leid. An solche Dinge erinnere ich mich nicht. Ich stehe auch an anderen Tagen nicht ununterbrochen im Kiosk. Manchmal löst mich ein Kumpel ab. Dann spaziere ich durch die Straßen, sehe mir die Auslagen an oder gehe ins Kino.

„Um Humphrey Bogart zu sehen?“, fragte Bount schnell. Dean Brady lächelte versonnen.

„Ein toller Mann, nicht wahr? Leider bringen sie seine Filme viel zu selten.“

Bount stellte noch ein paar unverfängliche Fragen, um ein besseres Bild von diesem Burschen zu haben. Danach blieben zwei belastende Punkte bestehen: Dean Brady hatte Mona Lavery sehr geliebt, und er konnte ziemlich unbeherrscht reagieren. Für eine Mordanklage war das zu wenig. Aber Bount hatte ja auch noch den Smith & Wesson, der zwar nicht zu den Waffen gehörte, die Emile Kane gestohlen worden waren, der aber durchaus die Mordwaffe sein konnte.

Dieser Frage wollte er unverzüglich nachgehen. Außerdem würde er Toby Rogers empfehlen, Dean Brady im Auge zu behalten.

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4

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CONRAD AIDMAN BESAß ein Juweliergeschäft in der 64sten Straße in unmittelbarer Nähe der Fifth Avenue. Mit „Tiffany“ konnte er zwar nicht konkurrieren, aber am Hungertuch brauchten er und seine Familie auch nicht zu nagen.

Die Villa auf Staten Island, ein Ferienhaus in den Bergen, die kleine Jacht, die im Great Kills Harbour lag, und die zweimotorige Privatmaschine, dazu vier Autos, vor allem aber erstklassige Geschäftsverbindungen. Nein, Conrad Aidman durfte zufrieden sein mit dem, was er erreicht hatte.

Das war er auch. Er befand sich in belebender Stimmung. Diesmal würde es mit dem Urlaub klappen. Er schloss das Geschäft einfach für zwei Wochen. Das konnte er verkraften.

Cynthia, seine Frau, hatte zwar noch beim Frühstück unglücklich behauptet, es würde ja doch wieder irgendetwas dazwischengeraten. Aber er war fest entschlossen, momentan keine neue Verpflichtung einzugehen. Jedes auch noch so verlockende Angebot wollte er ausschlagen.

Was hatte er denn von seinem ganzen Verdienst, wenn er dabei zu leben vergaß? Das war er Cynthia und Isela schuldig. Er durfte es nicht dazu kommen lassen, dass eines Tages seine Ehe zerbrach.

Conrad Aidman bewies, dass er es ernst meinte. Er rief Jock Testi an, der nicht nur als Mechaniker sein Flugzeug in Schuss hielt, sondern auch als Pilot fungierte.

„Haben Sie aufgetankt, Jock?“

„Selbstverständlich, Sir.“

„Alles durchgecheckt?“

„Die Maschine ist startklar. Sie brauchen mir nur noch zu sagen, wann es losgehen soll. Der Wetterbericht hört sich gut an. Sie werden den Flug nach Hawaii genießen können.“

„Das wollen wir auch. Sie wissen ja, meine Tochter hat einen empfindlichen Magen. Ich will nicht, dass sie krank auf Molokai landet.“

„Keine Sorge, Sir. Die ,Schwalbe' bringt Sie und die Ladys wie in einem Himmelbett zur Insel. Dafür verbürge ich mich. Es wird keine Schwierigkeiten geben. Wann wollen Sie starten?“

„Ich habe im Geschäft noch ein paar Kleinigkeiten zu erledigen. Dann fahre ich zum Essen nach Hause. Anschließend kommen wir zum Flugplatz. Ich melde mich aber vorher noch einmal. Vergessen Sie Ihre Badehose nicht, Jock! Auch für Sie soll es ein schöner Urlaub werden. Den haben Sie verdient.“

„Danke, Sir. Die Badehose habe ich schon an.“

„Bis später also.“

Conrad Aidman legte den Hörer auf und runzelte die Stirn. So sehr er sich auch sonst über jeden Kunden freute, heute wollte er keine Zeit verlieren. Er hatte es eilig, und der Mann an der Tür sah reichlich unentschlossen aus. Er schaute sich suchend um und schien nicht zufrieden zu sein.

„Ist das alles?“, fragte er und deutete auf die halbleeren Schaukästen.

„Natürlich nicht, Sir“, erwiderte Conrad Aidman. „Der größte Teil meiner Ware befindet sich im Safe. Was darf ich Ihnen zeigen?“

„Alles!“, lautete die spontane Antwort.

Conrad Aidman starrte entsetzt in die Mündung eines Revolvers. Der Mann vor ihm sah so aus, als würde er ihn auch benutzen. Irgendwie schien er ihn zu kennen. Er konnte sich aber nicht auf den Namen besinnen. Vielleicht hatte er ihn nur ein paarmal vorbeigehen sehen.

„Lassen Sie den Unsinn!“, stieß er hervor. „Ich habe Familie.“

„Schlimm für die Witwe und die armen Waisen. Aber noch können Sie ja wählen. Also vorwärts! Ich sage nicht gern alles zweimal. Hier ist eine Tasche. Da packen Sie den Kram rein. Ich hoffe doch, dass das Zeug in Ihrem Laden echt ist.“

„Na hören Sie!“

„Nein!“, donnerte der Gangster und richtete den Revolver genau aus. Er zeigte jetzt auf die Stirn des Juweliers. „Ich höre nicht. Ich lasse mich nicht hinhalten. Und wenn Sie versuchen, den Alarmknopf neben der Kasse zu erreichen, können Sie sich gleich freiwillig hinlegen. Sie fallen dann nicht mehr so hart.“

Das durfte nicht wahr sein. Ein lupenreiner Überfall. Mitten am hellen Tag. Und das ausgerechnet heute!

Conrad Aidman war kein Held. Aber er dachte auch nicht daran, sich ausrauben zu lassen, ohne wenigstens den Versuch unternommen zu haben, es zu verhindern. An seine Pistole gelangte er im Augenblick nicht heran. Die lag ebenfalls in Kassennähe. Genau wie der Fußtaster, der einen Alarm im nahen Polizeirevier auslösen würde. Er konnte nur hoffen, dass ein weiterer Kunde den Räuber störte. Aber manchmal erschien den ganzen Vormittag niemand. Es war nicht ganz billig, was er verkaufte.

Der Gangster warf ihm die Tasche zu. Conrad Aidman griff absichtlich daneben. Er musste sich bücken. Das trug ihm einen Fluch des Gangsters ein, doch an einem Fluch starb man nicht.

„Keine Tricks!“, warnte der Verbrecher. „Vorwärts! Ich habe nicht viel Zeit.“

Der Juwelier hob die Tasche auf und begann, langsam die Schmuckstücke aus den Glaskästen zu holen. Dabei arbeitete er sich zielstrebig in Richtung Kasse vor.

„Halt! Keinen Schritt weiter! Zur anderen Seite hinüber! Auf die lächerlichen Uhren verzichte ich.“

Conrad Aidman hatte keine Chance. Er musste tun, was ihm der Gangster befahl. Er dachte an Cynthia und Isela. Wenn die beiden wüssten, dass sein Leben an einem seidenen Faden hing.

Die Kästen leerten sich.

„Und nun zum Safe!“, verlangte der Gangster.

Aidman nahm allen Mut zusammen, als er behauptete: „Ich weiß die Kombination nicht auswendig. Zahlen kann ich mir einfach nicht merken.“

„Soll ich vielleicht darunter leiden? Sie werden die Zahlen ja wohl notiert haben. Wo liegt der Zettel?“

„In der Kasse.“

Der Gangster verzog keine Miene.

„Den hole ich selbst“, entschied er.

Conrad Aidman sah seine Felle davonschwimmen. Nicht nur, dass es diesen Zettel gar nicht gab, er kam nun wieder nicht an den Alarmknopf heran. Es war zum Verzweifeln.

Der Mann im Trenchcoat wandte dem Juwelier keine Sekunde den Rücken zu, als er sich der Kasse näherte.

„Den Schlüssel!“, verlangte er.

Aidman zog den Schlüssel aus der Westentasche und zögerte.

„Herwerfen!“

Aidman warf. Er tat das mit ausreichendem Schwung, so dass der Schlüssel über die Verkaufstheke schlitterte und auf der anderen Seite hinunterfiel. Der Gangster explodierte. Mit zwei Schritten war er bei dem Juwelier und schlug mit dem Revolvergriff zu. Während Aidman stöhnend zusammensackte, entriss er ihm die Tasche und stellte sie neben der Theke nieder. Dann holte er den Schlüssel, beobachtete den sich benommen Aufrichtenden aber genau. Er lächelte zynisch.

„Das tun Sie nicht noch mal mit mir“, warnte er.

Er schloss die Kasse auf, in der sich nur Kleingeld befand.

„Wo ist der Wisch?“

Conrad Aidman wagte kaum zu atmen.

„Er muss da sein“, beharrte er.

„Dann würde ich ihn sehen. Sie halten sich wohl für besonders klug, wie? Sind Sie aber nicht. Tot sind Sie gleich.“ Er ging auf den Juwelier zu, der nun wieder aufrecht stand. Hart drückte er ihm den Revolver gegen die Schläfe.

„Die Zahlen!“, befahl er kalt. „Sie haben exakt drei Sekunden.“

Conrad Aidman sagte sich zwar, dass der Gangster den Safe ohne die Zahlenkombination nicht knacken konnte. Aber sollte er das riskieren? Was hatte er als Leiche davon, wenn der Inhalt des Safes dem Schuft nicht in die Hände fiel?

Er begann, die Ziffern aufzusagen. Hoffentlich rettete ihn das jetzt noch!

Von Ferne erklang ein Heulton. Erst leiser, aber schnell anschwellend.

„Verdammt!“, fluchte der Gangster. „Die Bullen!“ Gehetzt blickte er sich um.

Der Juwelier wich zur Seite aus, um nicht mehr in der Schusslinie zu stehen. Der Streifenwagen raste heran. Er war nicht mehr weit entfernt.

„Wir sprechen uns noch“, versicherte der Gangster drohend. Dann versetzte er Conrad Aidman einen derben Stoß, dass dieser stürzte, flankte über den Tresen und hastete durch die Tür. Wie ein böser Spuk verschwand er in der Menge. Kurze Zeit darauf stoppten zwei Patrol Cars vor dem Geschäft. Vier Cops sprangen heraus und stürmten mit gezogenen Revolvern durch die offene Tür.

„Hände hoch! Keine falsche Bewegung!“

Der Juwelier rappelte sich schwankend auf.

„Der Kerl ist abgehauen“, berichtete er erleichtert. „Sie sind genau im richtigen Moment erschienen. Er hat gedroht, mich zu erschießen. Wer hat Sie verständigt?“

Die Beamten blickten sich verblüfft an.

„Na, Sie doch wohl, Mister Aidman. Bei uns im Revier flammte das Licht mit Ihrer Nummer auf. Da sind wir losgebraust. Ein Jammer, dass wir den Schuft nicht mehr erwischt haben. Aber den kriegen wir noch. Hat er etwas mitgenommen?“

Aidman verneinte.

„Die Tasche hat er in der Aufregung vergessen.“ Er ging, um die Tasche vom Boden hochzuheben, und musste plötzlich lachen.

„Schauen Sie sich das an! Er hat sie genau auf den Alarmknopf gestellt. Er selbst hat Sie verständigt.“

„Na, das finde ich aber anständig“, spottete einer der Cops. „Können Sie den Halunken beschreiben?“

Der Juwelier dachte kurz nach, bevor er antwortete.

„Irgendwie meinte ich, ihn zu kennen. Jetzt weiß ich, mit wem er Ähnlichkeit hat. Mit einem Filmschauspieler. Wie hieß doch gleich der Bursche, der im ,Schatz der Sierra Madre‘ den Dobbs gespielt hat?“

„Das war Bogart.“

Conrad Aidman nickte zustimmend.

„Richtig. Humphrey Bogart. So ähnlich sah er aus.“

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RUFF TORXES WAR AUßER sich vor Zorn. Er fragte sich, wieso die Sache schiefgegangen war. So ein Pech konnte aber auch nur er haben. War es wirklich nur Pech? Lag es nicht viel mehr daran, dass er sich bis jetzt viel zu viel hatte gefallen lassen?

Er durfte gar nicht an Chapin denken. Wie hatte der ihn ausgenutzt! Der große, einflussreiche Cäsar Chapin.

Ruff Torres lachte verächtlich. Er wusste, dass er sich nie wieder vor einem Mann wie Chapin beugen würde. Das hatte er geschworen. Chapin hatte sich als sein Boss aufgespielt, hatte ihn bei jedem Coup mit einem Almosen abgespeist und selbst das große Geld kassiert. Mit einem Ruff Torres konnte man das ja tun. Der war ein kleines Licht. Der zählte überhaupt nicht. Der musste froh sein, wenn man ihm nicht ins Gesicht spuckte. Nein, ins Gesicht hatte ihm keiner gespuckt, doch dafür war Schlimmeres geschehen. Chapin hatte sich an Mona vergriffen. An seiner Mona, mit der er schon Zukunftspläne geschmiedet hatte.

Ruff Torres grub die Fingernägel in die Handballen, bis es schmerzte. Den Moment, als man ihm die Wahrheit gesteckt hatte, würde er so bald nicht vergessen. Er erinnerte sich noch genau, wie verzweifelt er gewesen war. Er hatte sich sogar das Leben nehmen wollen. Stundenlang war er durch die regennassen Straßen geirrt. Plötzlich hatte er sich im Kino wiedergefunden. Dort war es angenehm dunkel gewesen. Niemand hatte ihn gesehen. Für den Film hatte er sich anfangs gar nicht interessiert. Er wusste auch nicht mehr, wie er überhaupt hieß. Nur der Hauptdarsteller war ihm im Gedächtnis haften geblieben. Der hatte ihm gezeigt, wie man es drehen musste. Es war, als hätte Bogart die Rolle nur für ihn, Ruff Torres, gespielt.

Ja, das war ein Bursche, der sich nichts hatte gefallen lassen. Der hatte zurückgeschlagen. Nicht mit gleichem Maß, sondern doppelt und dreifach.

In der Dunkelheit des Kinos war ein neuer Ruff Torres geboren worden. Er hatte geschworen, in Zukunft so zu sein wie Humphrey Bogart. Niemand sollte mehr wagen, sich an seinem Besitz zu vergreifen. Wie ein Verdurstender hatte er sich jeden erreichbaren Bogart-Streifen angesehen. Unterdessen wuchs sein Plan. Den ersten Schritt dazu tat er mit dem Einbruch in das Waffengeschäft. Dann ging er hin und legte Cäsar Chapin, das Schwein, um.

Natürlich erhielt auch Mona ihre Strafe. Was sollte er mit einer Frau, die sich von Chapin hatte anfassen lassen?

Nachdem das alles so glänzend geklappt hatte, wusste er, dass er mit Bogart auf der gleichen Stufe stand. Sie waren ebenbürtig. Er sah dem Star ähnlich. Das hatte ihn selbst am meisten überrascht. Die typischen Requisiten waren rasch beschafft. Die Posen ließen sich einstudieren. Ein neuer Bogart war auferstanden. Die Welt würde staunen. Und sie sollte ihn bewundern.

Umso mehr ärgerte ihn die Pleite bei Aidman. Der Überfall hatte ihm genügend einbringen sollen, um aus der Stadt zu verschwinden und ein völlig neues Leben zu beginnen. Ein Leben in Bogart-Manier.

Doch sein Vorbild hatte niemals aufgegeben. Das würde Ruff Torres auch nicht tun. Er wusste, was er zu tun hatte, und zögerte nicht. Er brachte Conrad Aidmans Privatadresse in Erfahrung und begab sich auf den Weg. Seit er Cäsar Chapin erschossen hatte, betrachtete er dessen Cadillac als sein Eigentum. Lediglich die Nummernschilder hatte er ausgetauscht.

Als er damit vor der Villa auf Staten Island vorfuhr, schöpfte keiner der Bewohner Verdacht. Man hielt ihn für einen Kunden oder einen Lieferanten, der eine Partie kostbarer Steine anbieten wollte.

„Nur gut, dass Dad nicht zu Hause ist“, frohlockte Isela. „Solche Gespräche dauern meistens stundenlang. Dann würde heute nichts mehr mit dem Flug werden. Wir sagen einfach, dass er erst in vierzehn Tagen zurück ist. Basta!“

Cynthia Aidman, die Mutter der hübschen Blondine, lächelte amüsiert. Auch sie fürchtete, dass doch noch im letzten Moment etwas den Flug nach Hawaii verhindern könnte. Den ganzen Tag hatte sie so ein merkwürdiges Gefühl. Conrad rief auch nicht an. Wahrscheinlich war gerade heute besonders viel im Geschäft los. Sie überprüfte die Koffer, während Isela zur Haustür ging, um den unerwünschten Besucher abzufertigen.

Das schaffte sie offensichtlich nicht, denn sie kehrte in Begleitung des Fremden zurück. Ihr Gesicht war ungewöhnlich bleich. Den Grund erkannte Cynthia Aidman rasch. Er hatte die Form eines Revolvers, und der bohrte sich gegen Iselas schmalen Rücken.

Cynthia unterdrückte einen Aufschrei.

„Maul halten!“, herrschte der Gangster sie an. „Wenn ihr pariert, passiert euch nichts. Andernfalls ...“ Er vollführte mit der freien Linken eine Bewegung, als wolle er einen Kopf abschlagen.

Cynthia Aidman vermochte kaum zu sprechen.

„Wer sind Sie?“, würgte sie hervor. „Was wollen Sie von uns?“

„Könnt ihr euch das nicht denken?“

Die Frauen durchzuckte ein heißer Schreck. Ein Sittlichkeitsverbrecher. Er würde ihnen Gewalt antun! Der tolle Wagen war bestimmt gestohlen. Der Kerl sah aus der Nähe nicht aus wie einer, der sich einen solchen Wagen leisten konnte.

„Mein Mann muss jeden Moment nach Hause kommen“, behauptete Cynthia. Sie hatte ihr eigentlich schon angegrautes Haar blondiert und trug ein Leinenkostüm. Sie war reisefertig.

„Das will ich auch stark hoffen“, entgegnete der Gangster. „Wir wurden nämlich unterbrochen, als wir gerade ein hübsches Geschäft abwickeln wollten. Er hat euch sicher informiert.“

„Wir haben keine Ahnung“, erklärte die Frau wahrheitsgemäß.

Ruff Torres lachte brutal.

„Tatsächlich nicht? Also ist das nicht rücksichtsvoll von dem Aidman? Er möchte seine Frauen nicht beunruhigen. Hoffentlich hat ihn nicht vor lauter Schreck der Schlag getroffen. Das wäre ärgerlich. Los! Du rufst jetzt im Geschäft an, und wenn du nicht spurst, verpasse ich deiner niedlichen Tochter eine Kugel.“

Cynthia Aidman fühlte, wie ihre Beine den Dienst versagen wollten. Jetzt begriff sie endlich, was dieser Überfall zu bedeuten hatte. Der Schuft wollte sie ausrauben. Offenbar hatte er schon vorher versucht, sich in den Besitz der Juwelen aus dem Geschäft zu bringen. Das hatte anscheinend nicht geklappt.

Wenn Conrad doch nur angerufen hätte! Dann wären sie gewarnt gewesen.

Wären sie das wirklich? Hätten sie diese Unverfrorenheit für möglich gehalten, dass der Gangster hier auf Staten Island erschien? Wahrscheinlich nicht.

„Was soll ich sagen?“, fragte sie voller Angst. Wenn er doch wenigstens den Revolver wegstecken würde.

„Das überlasse ich dir, schöne Frau. Sorge dafür, dass er herkommt! Und zwar mit den Steinen. Aber mit allen. Sollten gerade die Bullen bei ihm sein, dann ist das euer Pech, wenn sie etwas merken. Ich fackele nicht lange. Munition habe ich genug. Ich war erst kürzlich in einem Selbstbedienungsladen. Los jetzt! Meine Zeit ist knapp bemessen.“

Cynthia Aidman wankte zum Telefon, während sich Isela nicht zu rühren wagte. Der Schreck lähmte sie.

Ruff Torres beobachtete beide Frauen genau. Er war Herr der Lage und fühlte sich wie ein King. Diesmal würde es klappen. Aidman war nicht so verrückt, das Leben seiner Familie aufs Spiel zu setzen.

„Bist du’s, Conrad?“, hörte er Cynthias bebende Stimme.

Die Frau hielt sich genau an seine Anweisungen. Die Polizei war offensichtlich nicht mehr im Geschäft. Alles klappte bestens.

Als der Hörer wieder auf der Gabel lag, erkundigte sich der Gangster zynisch: „Na, wie sieht’s aus?“

„Er kommt sofort“, berichtete die Frau.

„Mit den Klunkern?“

„Mit allem, was er im Geschäft hat. Das hat er zugesagt.“

„Und keine Bullen?“

„Mein Mann liebt uns. Er will nicht, dass uns etwas zustößt.“

Ruff Torres strahlte.

„Ein vernünftiger Standpunkt“, lobte er. „Dann brauchen wir ja nur noch zu warten.“

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BOUNT HATTE MIT LIEUTENANT Bartlett ein längeres Gespräch, in dessen Verlauf sich der Polizeibeamte nicht für Bounts Theorie begeistern konnte, der junge Brady habe etwas mit dem Einbruch in dem Waffengeschäft zu tun. Der Smith & Wesson aus dem Kiosk wurde beschossen und mit den Projektilen verglichen, die man in den beiden Leichen gefunden hatte.

Keine Übereinstimmung. Der Revolver schied eindeutig als Tatwaffe aus.

Das konnte Bount nicht umstimmen. Der Einbrecher verfügte über ein ganzes Arsenal von Schusswaffen, und er hatte wahrscheinlich auch vor seinem Einbruch schon welche gehabt. Handeln wollte er damit vermutlich nicht. Er würde für jedes seiner folgenden Verbrechen eine andere Waffe benutzen, um die Polizei irrezuführen.

Aber war dieser Mann Dean Brady? Das war die Frage, die Bount noch nicht beantworten konnte.

Bei Lieutenant Bartlett klingelte das Telefon. Er nahm den Hörer ab und hörte eine Weile zu. Dabei notierte er Verschiedenes. Plötzlich stutzte er.

„Hat er das so formuliert?“, fragte er erstaunt. „Das wird einen Mann interessieren, der gerade bei mir ist. Danke, Weller. Schicken Sie mir Ihren Bericht möglichst schnell rüber!“

Bount sah ihn gespannt an.

„Was wird mich interessieren?“

„In der 64sten haben wir gerade einen Überfall auf einen Juwelier verhindern können. Der Täter stellte sich ziemlich dämlich an und löste sogar selbst den Alarm bei den Kollegen aus. Als unsere Leute auftauchten, verschwand er ohne die Beute.“

„Und das soll wichtig für mich sein?“, fragte Bount enttäuscht. Er hatte mehr erwartet.

„Aidman, der Geschäftsinhaber, kam mit dem Schrecken davon. Er konnte den Gangster beschreiben. Und nun halten Sie sich fest, Reiniger. Er behauptet steif und fest, er hätte wie Humphrey Bogart ausgesehen.“

Das war allerdings ein Hammer. Bount hielt es nicht mehr auf seinem Stuhl.

„Wie ist die Adresse?“

Der Lieutenant gab sie ihm.

„Sie können aber auch das Protokoll einsehen“, bot er an. „Da wird alles drin stehen.“

„Vielleicht später, Bartlett. Drei völlig verschiedene Verbrechen, dreimal dieser imitierte Bogart. Es wird Zeit, dass wir dem Burschen auf die Finger klopfen.“

Er fuhr zu Conrad Aidman, der ihm erst gar nicht öffnen wollte.

„Privatdetektiv?“, fragte er verständnislos. „Aber die Polizei hatte doch meine Aussage schon. Mehr habe ich nicht zu sagen.“

Bount fiel auf, dass der Mann außerordentlich fahrig wirkte. Ständig blickte er zur Tür, als fürchte er, der Räuber könne dort wieder auftauchen. Er zitterte am ganzen Körper, aber das war wohl begreiflich, wenn man noch vor kurzem von einem Gangster bedroht worden war.

„Der Mann soll Ähnlichkeit mit Bogart gehabt haben“, bohrte Bount und bat den Juwelier, sich durch ihn in seiner Arbeit nicht stören zu lassen.

„Das ist richtig“, bestätigte Conrad Aidman. Er packte ein Schmuckkästchen nach dem anderen in eine riesige Reisetasche. „Es war verblüffend. Er trug einen hellen Trenchcoat und den typischen Hut. Auch sonst hat mich vieles an den Schauspieler erinnert. Der Tonfall zum Beispiel. Das begriff ich aber erst hinterher, als alles vorbei war.“

„Gekannt haben Sie den Mann nicht? Nie zuvor in Ihrem Geschäft oder davor gesehen? Vielleicht sogar in Begleitung?“

Aidman verneinte. „Zuerst habe ich mir das eingebildet, weil er mir so bekannt erschien. Doch es war nur die verblüffende Ähnlichkeit.“

„Hätte er ohne Hut und Mantel auch wie Bogart ausgesehen?“

„Das kann ich nicht beurteilen, Mister Reiniger. Auf solche Dinge habe ich nicht geachtet. Den Revolver, mit dem er mich in Schach hielt, kann ich Ihnen viel besser beschreiben.“

Darauf legte Bount keinen Wert. Ihn interessierte der Mann.

„Aber Sie würden ihn bei einer Gegenüberstellung wiedererkennen?“

„Mit Sicherheit. Ja, davon bin ich fest überzeugt,“

Bount hatte eine Idee. Er hoffte, dass Dean Brady in der Zwischenzeit nicht untergetaucht war. Das würde den Verdacht gegen ihn zwar noch verstärken, doch ein handfester Beweis war besser.

„Was treiben Sie hier eigentlich?“, erkundigte er sich. „Das sieht ja aus, als wollten Sie mit Ihren eigenen Juwelen durchbrennen.“

Conrad Aidman lachte mühsam.

„Guter Witz! Nein, es ist so, dass ich mit meiner Familie für ein paar Tage in Urlaub fahren will. Jetzt habe ich ihn erst recht nötig. Für diese Zeit, bringe ich die Stücke in ein Banksafe. Da sind sie sicher.“

Bount sah keinen Anlass, an der Wahrheit dieser Worte zu zweifeln. Sie klangen einleuchtend. Ihm fiel nur auf, dass Aidman von Minute zu Minute nervöser und hektischer wurde.

„Sie müssen mich jetzt entschuldigen“, bat der Juwelier. „Ich habe noch Verschiedenes zu erledigen.“

„Ich weiß“, sagte Bount verständnisvoll. „Vor dem Urlaub ist das immer besonders schlimm. Sie haben doch aber nichts dagegen, dass ich Sie noch einmal kurz mit einem Mann aufsuche, den Sie sich ansehen sollten?“

Conrad Aidmans Kopf ruckte überrascht hoch.

„Sie meinen, es sei der Täter?“

„Ich möchte wissen, was Sie von ihm halten. Bis nachher also.“ Auch Bount hatte es nun sehr eilig. Er fuhr zuerst zu dem Hamburger Kiosk, der aber geschlossen hatte. Dean Brady fühlte sich offensichtlich nicht in der Verfassung, seinen Geschäften nachzugehen. Wenn Bount ihn allerdings auch in der Wohnung nicht antreffen würde, war Schlimmeres zu befürchten.

Doch Brady war zu Hause. Er wirkte teilnahmslos. Als Bount ihn jedoch aufforderte, ihn zu begleiten, wurde er aggressiv.

„Lassen Sie mich doch endlich in Ruhe! Ich bin nicht Ihr Mann.“

„Wir haben Ihren Revolver untersucht.“

„Na und? Wurde etwa mit ihm Mona erschossen?“

„Das nicht. Aber Sie haben keine Erlaubnis für diese Waffe.“

„Was glauben Sie, wie viele tausend Menschen in dieser vom Verbrechen heimgesuchten Stadt auf ähnliche Weise einen Weg suchen, sich selbst zu schützen? Auf die Polizei kann man sich doch nicht verlassen. Was tut die schon? Sie verdächtigt unschuldige Leute des Doppelmordes und anderer Untaten.“

„Da tun Sie der Polizei unrecht, Brady. Sie verdächtigt Sie ja gar nicht. Ich bin es, der das tut. Und nun haben Sie es in der Hand, mich vom Gegenteil zu überzeugen. Man kann mir nämlich Vieles nachsagen, aber rechthaberisch bin ich nicht. Wenn ich sicher bin, dass Sie es nicht gewesen sind, haben Sie vor mir Ruhe.“

„Das wäre zu schön, um wahr zu sein. Also gut! Gehen wir! Sie werden aber enttäuscht sein.“

Das war Bount allerdings, denn als sie das Juweliergeschäft in der 64sten Straße erreichten, waren die Rollläden heruntergelassen. Ein Schild wies daraufhin, dass das Geschäft vorübergehend geschlossen sei.

Bount ärgerte sich. Hätte Aidman nicht noch die paar Minuten warten können? Er hatte nicht gefragt, bei welcher Bank er den Schmuck deponieren wollte, aber es konnte nicht schwer sein, die Privatadresse des Juweliers zu finden.

So lange musste Dean Brady noch bei ihm bleiben. Ob ihm das nun passte oder nicht.

Conrad Aidman brachte die Steine nicht zum Tresor seiner Bank, wenn er das auch gern getan hätte. Er wusste seine Frau und seine Tochter in der Gewalt jenes Verbrechers, dessen Brutalität er bereits am eigenen Leibe kennengelernt hatte. Ihm war klar, dass dessen Drohung ernst gemeint war. Der Schuft würde die Frauen töten, falls seine Forderungen nicht erfüllt wurden.

Ein paarmal war der Juwelier entschlossen gewesen, Bount Reiniger kurzerhand die Wahrheit zu sagen. Doch rechtzeitig hatte er sich besonnen, dass er damit das blutige Verhängnis heraufbeschwören würde. Cynthia und Isela waren ihm mehr wert als die Juwelen.

Während der ganzen Fahrt zur Villa zitterte er vor Angst, der Gangster könne in der Zwischenzeit die Nerven verloren und den Seinen etwas angetan haben. Er fuhr viel zu schnell und kassierte eine Strafe. Der Cop betrachtete ihn misstrauisch. Auch ihm konnte die Erregung des Autofahrers nicht entgehen.

„Sie haben doch nicht getrunken, Sir?“

„Keinen Tropfen. Ich habe es nur ziemlich eilig. Meine Tochter ist krank. Ich bereite mir große Sorgen.“

Das verstand der Polizist. Er grinste.

„Dann sorgen Sie aber auch dafür, dass nicht noch andere Töchter in dieser Stadt durch Ihre riskante Fahrweise krank werden.“

Conrad Aidman versprach es und fuhr, als er außer Sichtweite war, noch ein bisschen schneller als vorher. Schließlich musste er den Zeitverlust wieder einholen.

Vor der Villa parkte ein Cadillac. Er war sicher, dass der Wagen dem Gangster gehörte.

Hass quoll in ihm hoch. Was fiel dem Kerl ein, Terror in seine Familie zu tragen? Gab es keine Möglichkeit, sich gegen ihn zur Wehr zu setzen? War er wirklich absolut hilflos?

Der Juwelier erwog, den Caddy auszuschalten. Er konnte die Reifen zerstechen oder auch die Zündung manipulieren. Damit kannte er sich ein wenig aus. Doch er sagte sich, dass dieser Bogart-Verschnitt ihn längst gehört hatte. Zweifellos beobachtete er ihn in diesem Augenblick.

Außerdem, was hätte er mit einem demolierten Cadillac erreicht? Der Gangster würde sich einfach eins jener Fahrzeuge nehmen, die in den Garagen standen. Er konnte wählen.

Conrad Aidman parkte seinen Wagen im Schatten der Akazien. Dort behinderte ihn der Cadillac nicht. Er wollte, dass der Gangster endlich wieder verschwand. Anschließend würde er sich umgehend mit seiner Versicherung in Verbindung setzen. Vielleicht war noch etwas zu retten. Man würde ihm allerdings vorwerfen, trotz der Drohung nicht doch die Polizei eingeschaltet zu haben.

Er stieg aus und nahm die Tasche vom Beifahrersitz. Sie war ziemlich schwer. Er hatte den ganzen Safe ausgeräumt. Seine Schuld sollte es nicht sein, wenn Cynthia oder Isela etwas zustieß.

Als er das Haus betrat, hegte er eine winzige Hoffnung. Diesmal trug er seine Pistole in der Tasche. Sie war geladen. Neun Schüsse konnte er damit abfeuern. Sobald der Gangster sich auch nur die geringste Blöße gab, wollte er den Spieß umdrehen. Töten konnte er den Schuft sicher nicht. Dieser Gedanke war unvorstellbar. Aber verletzen würde er ihn. Vielleicht genügte sogar schon die Bedrohung mit der Waffe. Gangster waren ja angeblich oft feige, wenn nicht alles so lief, wie sie sich das vorgestellt hatten.

Aber wie Conrad Aidman sich das vorstellte, lief es schon gar nicht.

Der Gangster wartete hinter der Tür, als der Juwelier sein Haus betrat. Er schlug ihm den Revolvergriff über den Kopf und zerrte den erschlaffenden Körper in die Diele. Danach knallte er die Tür zu und drehte den Schlüssel um. Dann wandte er sich wieder den Frauen zu, die beide aufgeschrien hatten.

„Ihr habt wohl gedacht, ich erschlage ihn? Das tue ich erst, falls er mich betrogen hat.“

Er öffnete die Reisetasche und holte wahllos einige Kästchen heraus, deren Inhalt er prüfte. Er zeigte sich zufrieden.

„Tadellos! Ihr seht einen frischgebackenen Millionär vor euch. Jetzt brauche ich nur noch ein wenig Bares für den Anfang. Dann seid ihr mich wieder los. War nett bei euch. Wirklich schade, dass ich mich so bald verabschieden muss. Aber ich behalte euch in guter Erinnerung. Das ist euch sicher ein Trost.“

Die Frauen antworteten nicht. Der Zynismus des Gangsters brachte sie fast um den Verstand.

Cynthia Aidman wollte sich um ihren bewusstlosen Mann kümmern. Ruff Torres stieß sie brutal zurück.

„Pfoten weg! Ich weiß genau, was du vorhast. Würde mich doch sehr wundern, wenn unser Freund nicht versucht hätte, mir ein Bein zu stellen. Wie er den Alarm ausgelöst hat, weiß ich jetzt noch nicht. Ist ja auch egal. Diesmal aber schafft er keinen Trick. Wetten, dass er ’ne Kanone in der Tasche hat?“

Er fand die Waffe auf Anhieb und grinste triumphierend.

„Was habe ich gesagt? Ich kenne mich doch mit solchen Vögeln aus. Die bilden sich ein, es mit einem Profi aufnehmen zu können.“ Er ließ die Pistole in seiner eigenen Tasche verschwinden und suchte weiter. Aidmans Brieftasche war sein Ziel. Erregt blätterte er darin, war aber ungehalten, als er neben den Ausweispapieren lediglich ein paar Kreditkarten und ein Scheckbuch darin fand.

„Kein Geld? Wo hat er denn seine Scheine?“ Die Frage war an Cynthia Aidman gerichtet.

„Mein Mann trägt nie Bargeld bei sich. Höchstens etwas Hartgeld für den Automaten.“

„Was soll ich damit? Ich brauche ein paar tausend Möpse. Bis ich die Klunker flüssig habe, muss ich schließlich auch leben.“

Er schlug dem Bewusstlosen ins Gesicht und schrie ihn an: „Komm zu dir, du Simulant, oder ich blase dir mit der Kanone die Ohren aus!“

Conrad Aidman rührte sich. Er schlug die Augen auf und brauchte ein paar Sekunden, um zu begreifen, was geschehen war. Er sah den Gangster aus dem Geschäft vor sich, der gerade wieder die Hand hob, aber in seiner Bewegung stoppte, als er merkte, dass sein Opfer wieder ansprechbar war.

Eine Waffe sah er bei dem Schuft nicht. Das war seine Chance. Jetzt musste er handeln. So schnell er vermochte, griff er in seine Tasche, um die Pistole zu ziehen.

Der Gangster wollte sich vor Lachen ausschütten, als er Aidmans enttäuschtes Gesicht sah.

„Das war wohl nichts. Deine Kanone habe ich beschlagnahmt. Ist viel zu gefährlich für dich. Ich müsste dich nämlich umlegen, wenn du mich dazu zwingen würdest. Und das willst du doch nicht.“

„Gehen Sie endlich!“, stieß der Juwelier hasserfüllt hervor. „Ich habe Ihnen alles gebracht. Mehr besitze ich nicht.“

„Na, das ist doch aber schrecklich traurig“, höhnte der Gangster. „Dann bist du ja richtig arm. Hast gar kein Geld im Haus. Sehr schlimm. Noch schlimmer aber ist, dass ich dir das nicht glaube.“ Sein Tonfall wurde schärfer. „Eine Villa wie diese, und dann kein Geld? Da lache ich doch nur. In drei Minuten liegt hier auf dem Tisch ein Packen Scheine. Haben wir uns verstanden?“

Conrad Aidman konnte wieder klarer denken. Er fand, dass er dem Gangster genug in den Rachen geworfen hatte. Dieser konnte nicht beweisen, dass es in dem Haus tatsächlich Geld gab. Das war lediglich eine Vermutung.

„Es ist wirklich nichts da“, beteuerte der Juwelier mit fester Stimme.

Ruff Torres schlug zu. Er wusste, Bogart hätte auch zugeschlagen. Auch der hätte sich nicht betrügen lassen.

Conrad Aidman stöhnte auf und musste sich an der Kante des kleinen Tisches festhalten. Aber er blieb standhaft. Wenn er jetzt noch leugnete, musste das den Gangster überzeugen.

„Sie können das ganze Haus durchsuchen. Sie werden kaum mehr als hundert Dollar finden.“

Ruff Torres bewegte die Lippen kaum, als er lächelte.

„Ich kenne mich hier ja auch nicht so gut aus“, sagte er. „Du dagegen wirst schnell fündig werden. Schneller, als ich deiner Holden eine Kugel durch die gefärbte Frisur jagen kann. Das werde ich nämlich tun, wenn du nicht endlich mit den Kohlen anrückst.“

Er riss den Revolver wieder aus der Tasche und drückte ihn gegen die Schläfe der entsetzt aufschreienden Cynthia Aidman. Der Juwelier wurde kalkweiß.

„Das ... das dürfen Sie nicht. Sie ist eine Frau. Sie hat Ihnen nichts getan.“

„Natürlich hat sie das“, widersprach Ruff Torres gehässig. „Sie hat einen Burschen geheiratet, der ein verdammter Geizkragen ist. Seine Frau ist ihm nicht einmal ein paar lumpige Dollar wert.“

„Sie erhalten das Geld“, sagte Conrad Aidman tonlos. „Ich hole es.“

Der Gangster schüttelte den Kopf.

„Wir gehen natürlich alle gemeinsam. Ich habe euch so ins Herz geschlossen. Es würde brechen, wenn ich einen von euch wegen der Dämlichkeit eines anderen umlegen müsste.“

Er trieb die drei Menschen, die ihm auf Gedeih und Verderb ausgeliefert waren, vor sich her. Die Tasche mit den Juwelen nahm er vorsichtshalber mit. Davon wollte er sich erst wieder trennen, wenn er sie verkaufte.

Aidman schloss eine eiserne Kassette auf und wollte einen Teilbetrag entnehmen.

Ruff Torres hatte schon die Faust in dem Behälter. Er nahm alles. Es waren annähernd zehntausend Dollar.

Da hörten sie einen Wagen vorfahren.

Der Gangster zuckte herum.

„Gehört noch jemand zu eurer Familie?“

„Nein.“

„Erwartet ihr Besuch?“

Stummes Kopf schütteln.

„Dann schickt ihn weg. Ich warte hier nebenan. Du bleibst bei mir.“ Er riss Cynthia Aidman, die ihrem Mann folgen wollte, an der Schulter zurück. „Ich brauche wohl nicht extra zu betonen, was mit ihr geschieht, falls ihr auch nur mit einem Wimpernzucken erkennen lasst, was hier läuft. Dann könnt ihr die Tante begraben.“

Conrad Aidman und seine Tochter waren wie gelähmt. Wie sehr hatten sie sich auf ihren Urlaub auf Hawaii gefreut. Und jetzt hatte sie dieser Gangster mit brutaler Gewalt aus ihren Träumen gerissen.

„Los!“, raunte der Juwelier seiner Tochter zu. „Alles ist sinnlos. Wir können nur tun, was er verlangt, und hoffen, dass er uns nicht trotzdem alle umbringt.“

Bount hatte keine Hemmungen, seinen Wagen neben den Cadillac zu stellen, von dem er annahm, dass er dem Juwelier gehöre. Er schnalzte anerkennend mit der Zunge, als er die Villa von außen betrachtete. Hier ließ sich wohnen. Die Hektik und der Lärm Manhattans schienen zu einer anderen Welt zu gehören. Dabei handelte es sich um dieselbe Stadt. Nur ein paar Meilen trennten die beiden Bezirke.

Dean Brady hatte während der ganzen Fahrt rumgemotzt. Jetzt wurde er etwas stiller. Der prächtige Bau beeindruckte ihn sichtlich.

„Sie blamieren sich bis auf die Knochen, Reiniger“, versicherte er, als er den Mercedes verließ. „Hoffentlich bringen Sie mich hinterher auch wieder zurück. Oder muss ich ein Taxi nehmen?“

Bount antwortete nicht. Er fand die Ruhe, die dieses Haus umgab, schon fast gespenstisch. Die Aidmans hatten doch hoffentlich nicht schon ihre Urlaubsreise angetreten. Irgendwie hatte er das Gefühl, als wolle ihn Dean Brady mit seinem selbstsicheren Auftreten bluffen. Aber das würde sich ja bald herausstellen.

Er läutete an der Tür und ignorierte das überhebliche Grinsen des Jüngeren. Dean Bradys Grinsen verschwand, als die Tür geöffnet wurde. Er sperrte den Mund auf und starrte die Blondine an, die ebenfalls verwirrt zu sein schien.

„Ja, bitte?“ 

„Mein Name ist Reiniger“, stellte sich Bount vor. „Ich hätte gern Mister Aidman gesprochen. Ich weiß, dass er wenig Zeit hat. Es dauert aber nicht länger als eine Minute, das verspreche ich Ihnen.“

Das Mädchen warf einen hilfesuchenden Blick über die Schulter.

„Mein Vater ist ...“

„Ich komme schon, Isela“, tönte es aus dem Nebenraum. „Wer ist es denn?“

„Mister Reiniger.“

„Ach Sie!“ Conrad Aidman sah schuldbewusst aus. Er hätte wirklich im Geschäft warten können. „Tut mir leid. Ich hatte es sehr eilig.“

„Wie Sie sehen, haben wir Sie trotzdem gefunden. Sie wissen ja, um was es geht. Schauen Sie sich diesen jungen Mann genau an! Und dann sagen Sie mir, ob Sie ihn schon einmal gesehen haben.“

„Ich kenne den Mann nicht“, versicherte Dean Brady, aber an ihn war die Frage nicht gerichtet.

Conrad Aidman trat näher. Er stand jetzt neben seiner Tochter, die unter Bradys Blick verwirrt die Augen niederschlug. Dem Juwelier standen feine Schweißperlen auf der Stirn. Sein linkes Auge zuckte unkontrolliert. Der Überfall musste ihn stark mitgenommen haben.

Er heftete seinen Blick auf den Mann, den er nicht kannte und von dem er auch sicher war, ihn noch nie gesehen zu haben. Nicht auf der Straße oder bei einer anderen Gelegenheit, schon gar nicht in seinem Geschäft mit einem Revolver in der Faust. Aber dieser Gangster, der sich wie Bogart kleidete, hatte einen Revolver. Und er würde damit schießen, wenn er einen Grund dafür sah.

Ein Grund wäre zum Beispiel, wenn er den Detektiv nicht schleunigst loswurde. Dann würde der Gangster einen Verrat wittern und durchdrehen. Cynthia war ihm ausgeliefert.

Was konnte diesem jungen Mann schon passieren? Seine Unschuld würde sich ohne Frage bei der Polizei herausstellen.

„Ist etwas nicht in Ordnung?“, hörte Aidman Bount Reiniger fragen. Da klang Misstrauen an.

„Doch, doch“, versicherte der Juwelier hastig. „Es ist nur - ich hatte nicht erwartet, dass Sie ihn so schnell fassen würden. Ja, dieser Strolch ist es gewesen. Er hat mich bedroht und den ganzen Schmuck von mir verlangt. Wäre die Polizei nicht so schnell aufgetaucht, wäre er zweifellos mit der Beute entwischt.“

Dean Brady packte den Mann an den Jackenaufschlägen.

„Sie lügen! Das ist nicht wahr. Ich kenne Sie überhaupt nicht, und in Ihrem Saftladen bin ich auch noch nicht gewesen.“

Bount zerrte den Aufgebrachten energisch zurück und hielt ihn bombenfest. Die junge Frau wandte sich bestürzt ab. Ihre Schultern bebten.

„Irren Sie sich auch nicht, Mister Aidman?“, forschte Bount mit Nachdruck. „Der Mann trägt jetzt weder einen Mantel noch einen Hut,“

„Deshalb habe ich ihn ja auch nicht gleich erkannt. Aber jetzt habe ich keinen Zweifel mehr. Er ist es. Diese Visage vergesse ich mein ganzes Leben nicht.“

„Und das werden Sie bei der Polizei auch zu Protokoll geben und gegebenenfalls vor Gericht beschwören?“

Der Juwelier zögerte kaum wahrnehmbar. Dann nickte er heftig.

„Selbstverständlich, Mister Reiniger.“

„Das genügt“, sagte Bount und hielt den tobenden Beschuldigten wie in einer eisernen Klammer. „Ich liefere ihn jetzt bei der Polizei ab. Von dort werden Sie wahrscheinlich wieder hören. Danke! Sie haben uns sehr geholfen.“

„Aber er sagt nicht die Wahrheit!“, schrie Dean Brady. „Ich weiß nicht, warum er mich ’reinreißen will. Ich hasse ihn.“

Bount schleppte ihn zum Wagen und verfrachtete ihn darin. Er sah, wie sich die Eingangstür der Villa schloss. Er fuhr an.

Dean Brady randalierte noch eine Weile. Dann wurde er stiller.

„Sie muss mich für einen Gangster halten“, flüsterte er mit starrem Blick.

„Wer?“

„Sie heißt Isela. Sie sieht atemberaubend aus.“

„Aidmans Tochter?“ Bount hatte sie nur flüchtig zur Kenntnis genommen.

„Warum tut er das?“

„Geben Sie auf, Brady! Sie haben doch gehört. Er ist bereit, es auf seinen Eid zu nehmen. Das täte er nicht, wenn er sie nicht erkannt hätte. Ihr Leugnen ist sinnlos geworden. Sie haben den Bogen überspannt.“

Bount stoppte vor einer Ampel, die rot zeigte. Er konzentrierte sich auf den Verkehr und beobachtete Dean Brady nur aus den Augenwinkeln.

Das war zu wenig. Brady riss plötzlich den Schlag auf seiner Seite auf und warf sich aus dem Wagen. Blitzschnell sprang er wieder auf die Füße und jagte los. In der Nähe befand sich ein Park. Der war mit dem Wagen nicht befahrbar. Darin verschwand er.

Bount konnte weder vor noch zurück. Über die Kreuzung flutete noch immer der Querverkehr. Hinter ihm hielt eine doppelte Autoschlange. Er musste warten, bis die Signalanlage auf grün umsprang und die Fahrt freigab.

Bei der nächsten Gelegenheit stoppte er den Mercedes und hetzte zum Park hinüber. Er hatte allerdings kaum Hoffnung, Dean Brady noch einzuholen. Der hielt sich hier irgendwo versteckt und wartete, bis sein Verfolger die Lust verlor. Nach einer halben Stunde gab Bount die Suche auf. Er rief Toby Rogers an und erzählte ihm, was sich zugetragen hatte.

„Demnach hättest du doch recht gehabt“, sagte der Captain verwundert. „Ich sorge dafür, dass der Halunke die Stadt nicht verlassen kann. Früher oder später erwischen wir ihn.“

Bount fuhr nach Manhattan zurück. Die Geschichte schmeckte ihm nicht. Nicht nur, dass ihm Dean Brady entwischt war. Er fragte sich, warum der Junge erst brav mit ihm mitgefahren war, obwohl er doch hätte wissen müssen, dass Aidman ihn identifizieren würde. Es gab auch noch ein paar andere Ungereimtheiten.

Wo hatte Brady die geraubten Waffen versteckt? Wo waren die Kleidungsstücke, die er bei dem Überfall auf das Juweliergeschäft getragen hatte? Befanden sie sich in seiner Wohnung?

Bount war entschlossen, danach zu suchen, um die letzte Gewissheit zu erlangen und Brady zu einem Geständnis zu zwingen.

Vor der Wohnungstür des Verdächtigen stieß er auf einen Mann, der anscheinend bei Brady geläutet hatte und sich gerade wieder entfernen wollte.

„Er ist nicht zu Hause“, verkündete er, als er merkte, dass Bount offenbar dasselbe Ziel ansteuerte. „Dabei weiß er doch, dass ich komme. Eine halbe Stunde habe ich auf ihn gewartet. Da muss ich die Bücher wohl oder übel wieder mitnehmen.“

„Sie sind verabredet?“, forschte Bount. Falls der Fremde Dean Brady näher kannte, konnte er ihn bestimmt aus seiner Sicht schildern.

„Verabredet ist zu viel gesagt. Er bat mich nur, ihm die Bücher vorbeizubringen. Er wollte sie nicht mit sich herumschleppen, und ich hatte den Wagen dabei. Deshalb bot ich ihm an, sie ihm zu bringen.“

„Medizinische Bücher?“, fragte Bount.

„Natürlich, Ich traf Dean heute Vormittag zufällig in der Nähe der Bücherei. Er wirkte ziemlich zermatscht auf mich. Total am Boden zerstört, wenn Sie verstehen, was ich damit sagen will. Ich schleppte ihn also in die Bücherei, und wir hielten uns dort eine Weile auf. Man findet ja immer irgend etwas Lesenswertes. Ich hätte ihn mit dem Wagen nach Hause gebracht, aber erstens wollte er lieber zu Fuß gehen, und zweitens hatte ich noch einen anderen Termin, für den es ohnehin schon reichlich knapp geworden war. Sie sehen ihn nicht zufällig heute noch, dass ich Ihnen die Bücher hierlassen könnte?“

„Das können Sie unbesorgt. Wann, sagten Sie, hatten Sie sich getroffen?“

Der andere sah Bount betroffen an.

„Sie fragen aber merkwürdig. Es ist doch nichts mit Dean passiert? Er wirkte so zerfahren. Wäre kein Wunder, wenn er in ein Auto gelaufen wäre.“

„Er ist gesund und hat heile Knochen“, beteuerte Bount, „Also wann ungefähr?“

„Elf Uhr. Kann auch ein bisschen früher gewesen sein.“

„Und wo befindet sich diese Bücherei?“

Der Fremde schüttelte nur noch den Kopf.

„Südlich vom Chelsea Park. Direkt in der Kurve. Sind Sie sicher, dass er okay ist?“

„Als ich ihn zuletzt sah, war er es jedenfalls noch, und das ist noch nicht allzu lange her.“

Bount nahm den Bücherpacken und lief damit die Treppe hinunter.

„He!“, rief der andere hinter ihm her. „Wer sind Sie denn überhaupt? Ich weiß ja nicht einmal Ihren Namen! Die Bücher sind nicht ganz billig, wenn man sie kaufen muss.“

Bount stoppte und wies sich aus. Dafür erbat er auch Name und Adresse seines Gesprächspartners. Vielleicht war seine Aussage schon bald wichtig.

Zum Chelsea Park fuhr er nur ein paar Minuten. Es handelte sich um eine nicht sehr große Fachbibliothek. Hier konnte man sich an fast jeden Kunden erinnern.

Bount gab eine Beschreibung von Dean Brady. Das Fräulein hinter den Bücherstapeln musterte ihn durch große Brillengläser, bevor sie wichtig nickte.

„Sie meinen den jungen Brady. Ja, der war heute mit einem Freund hier. Der Mann heißt Buddick. Sie haben sich lange aufgehalten. Bestimmt zwei Stunden.“

„Und wann war das?“

„Das weiß ich ganz genau, weil ich gerade meine Kollegin ablöste, als sie kamen. Kurz vor elf.“

„Sind Sie sicher?“

„Ich irre mich nie, Mister“, entgegnete die vertrocknete Blume spitz.

„Dann seien Sie froh“, murmelte Bount düster. „Ich wäre froh, ich könnte das Gleiche auch von mir sagen.“

Als er die Bücherei verließ, lag ein grüblerischer Ausdruck in seinen Augen. Wenn Brady von elf bis eins in der Bücherei war, konnte er unmöglich eine Viertelstunde zuvor in der 64sten Straße einen Juwelier überfallen haben. Das war ausgeschlossen. Aber Aidman wollte es beschwören.

Irrte er sich nur, oder hatte er absichtlich die Unwahrheit gesagt? Was für einen Grund hätte er dafür haben sollen?

Den Einbruch bei dem Waffenhändler und den Doppelmord konnte Brady verübt haben, doch für die Tatzeit des Überfalls auf Aidman hatte er ein Alibi.

„Er hatte verblüffende Ähnlichkeit mit Humphrey Bogart“, hörte er den Juwelier sagen.

Auch bei den beiden anderen Verbrechen spielte dieser Filmstar eine Rolle. Da gab es in New York einen Mann, der sich in dem Ruhm eines Bogart sonnen wollte. Bogart, der meisterhaft den Detektiv, den Abenteurer, aber auch den gnadenlosen Killer verkörpert hatte. Unverwechselbar.

Bount schob sich hinter das Lenkrad des Mercedes, steckte den Schlüssel ins Zündschloss, drehte ihn aber nicht herum.

„Glenn Griffin!“, murmelte er. „Verdammt! Das ist die Antwort.“

Er startete den Motor und jagte den Wagen vorwärts. Er wusste plötzlich, dass er keine Sekunde verlieren durfte. Glenn Griffin war eine dieser Bogart-Rollen gewesen. Bei weitem nicht seine beste, aber durchaus eine für ihn typische.

In dem Streifen „The desperate hours“ - „An einem Tag wie jeder andere“ hatte er einen von drei entflohenen Sträflingen gespielt, die in einem Vorstadthaus Unterschlupf gefunden hatten. Zusammen mit seinen Kumpanen tyrannisierte er die wehrlose Familie. Damit kein Bekannter Verdacht schöpfte, durften der Familienvater und dessen Tochter sogar, wie üblich, das Haus verlassen, um ihren Verpflichtungen nachzugehen. Doch keiner wagte, sich an die Polizei oder einen Vertrauten zu wenden. Sie hatten panische Angst, dem Best der Familie, die sich in der Gewalt der Gangster befand, könnte dann etwas zustoßen.

So ungefähr musste es sich auch mit dem Aidmans verhalten. Der Pseudo-Bogart hatte die Niederlage bei dem missglückten Überfall nicht geschluckt. Er bestand auf seinem Raub.

Jetzt sah Bount das seltsame Verhalten des Juweliers mit ganz anderen Augen. Er ahnte auch, dass der Mann die Juwelen nicht zu einer Bank gebracht hatte. Der Gangster hatte sie von ihm gefordert.

Es war ein weiter Weg nach Staten Island. Sollte er nicht die Polizei verständigen, damit sie die Villa umstellte?

Keinesfalls! Dann würde der Gangster, sofern er sich noch immer dort befand, ein Blutbad veranstalten. Hatte er nicht auch Mona Lavery und Cäsar Chapin kaltblütig niedergeschossen?

Hier brauchte es Fingerspitzengefühl, wenn noch etwas zu retten sein sollte.

Bount erinnerte sich an den parkähnlichen Garten hinter der Villa. Vielleicht konnte er sich unbemerkt an das Haus schleichen, wenn er sich von der Rückseite näherte. Immer wieder schaute er auf die Uhr. Es wurmte ihn mächtig, dass er Conrad Aidmans Behauptung nicht kritischer beurteilt hatte. Aber schließlich hatte alles gegen Dean Brady gesprochen. Nicht zuletzt dessen eigenes Verhalten.

Noch nie war ihm die Fahrt nach Staten Island so weit erschienen. Schließlich erreichte Bount aber doch sein Ziel.

Um nicht vorzeitig bemerkt zu werden, war er gezwungen, zu allem Überfluss auch noch den Mercedes in ausreichender Entfernung von der Villa zurückzulassen. Zu Fuß hetzte er weiter, bis er die hohe Hecke erreicht hatte, die hinter einem entsprechenden Zaun das Anwesen umfriedete.

Er vergewisserte sich nur flüchtig, ob er nicht von einem anderen Garten aus beobachtet wurde. Dann begann er, über den Zaun zu klettern. Das schaffte er spielend. Eine Alarmanlage war jetzt bei Tage nicht eingeschaltet. Niemand nahm Notiz von ihm. Trotzdem verharrte Bount einige Augenblicke hinter der Buchsbaumhecke, nachdem er das erste Hindernis hinter sich gebracht hatte.

Nichts rührte sich. Also schlich er weiter.

Seine Automatic steckte in dem Schulterholster. Auf sie musste er sich jetzt hundertprozentig verlassen können.

Der Garten war ein wenig verwildert. Eine Öko-Oase, wie sie auch bei Privatleuten immer beliebter wurde. Vielleicht hatte auch niemand die rechte Lust, die riesige Fläche zu pflegen. Bount waren die Motive für den Urwald egal. Das dichte Buschwerk und die hohen Stauden waren ihm sehr willkommen. Umso unbehelligter konnte er sich dem Haus nähern.

Doch plötzlich war es mit seiner Genugtuung vorbei. Unversehens stieß er auf einen im Gras liegenden Körper, der sich nicht rührte. Schon an der Kleidung erkannte er, um wen es sich handelte. Eine eiskalte Hand drohte seine Kehle zuzuschnüren. Der Leblose vor ihm war Dean Brady.

Bount rollte sich schleunigst zur Seite. Der Täter konnte sich noch in der Nähe befinden und ihn sogar beobachtet haben. Diese Sorge stellte sich als unbegründet heraus. Also kroch Bount zurück und suchte bei Dean Brady nach einer Verletzung. Sein Gesicht war verschmutzt, das Hemd zerrissen. Am linken Ohr hatte er geblutet. Die unbedeutende Platzwunde war aber schon verschorft. An dieser Stelle war eine stattliche Beule gewachsen, die in sämtlichen Regenbogenfarben schillerte. Eine Schussverletzung sah Bount nicht.

Er drückte behutsam auf die Beule und entlockte Brady damit ein leises Stöhnen. Bount hätte am liebsten aufgejubelt. Der Junge lebte also noch.

Er rüttelte ihn an der Schulter und drehte ihn auf den Rücken. Dean Bradys Augenlider flackerten. Schließlich schlug er sie auf.

Als er den Detektiv erkannte, verzerrte sich sein Gesicht. Er riss die Fäuste hoch, ließ sie aber mit einem Schmerzenslaut wieder sinken.

„Lassen Sie’s gut sein, Brady“, raunte Bount. „Auch ich bin in der Zwischenzeit ein bisschen klüger geworden, und bei mir waren dazu keine sanften Schläge auf den Hinterkopf erforderlich. Sind Sie halbwegs okay? Was ist passiert? Befindet sich der Schurke noch im Haus?“

„Isela!“, murmelte Dean Brady matt. Er drohte wieder bewusstlos zu werden.

„Das Mädchen? Was ist mit ihm?“

„Weiß nicht genau. Ich habe sie gesehen. Sie verließ das Haus. Ich wollte zu ihr. Da erhielt ich den Schlag von hinten. Der warf mich um. Keine Ahnung, wie lange ich hier schon liege.“

„Wie fühlen Sie sich?“

„Mies.“

„Können Sie aufstehen?“

„Ich will es versuchen.“

„Warten Sie noch! Ich schleiche mich erst zum Haus. Wenn der Strolch immer noch dort ist, müssen wir vorsichtig sein. Haben Sie Schüsse gehört?“

„Um Himmels willen, nein! Sie glauben doch nicht etwa ...“

Bount ließ den Jungen über seine Befürchtungen im Unklaren. Er schlich durch den weiteren Teil des Gartens und konnte nun den Vorplatz überblicken.

Ihm fiel sofort auf, dass der protzige Cadillac nicht mehr an seinem Platz stand. Das konnte Verschiedenes bedeuten. Dicht neben einem Fenster richtete er sich auf und versuchte, etwas zu erlauschen. Ihm war, als höre er leises Schluchzen. Es klang aber nicht aus dem Raum, zu dem dieses Fenster gehörte.

Er spähte ins Innere. Es handelte sich anscheinend um ein Arbeitszimmer. Jedenfalls waren die Schrankwände mit Büchern und Magazinen vollgestopft. Die Tür dieses Raumes stand halb offen. Bount sah einen Gang. Sonst nichts.

Er versuchte es an einem Fenster auf der anderen Seite. Da entdeckte er die Aidmans. Die Frau schluchzte an der Schulter ihres Mannes, dessen Gesicht Bount nicht sehen konnte, weil ihm der Juwelier den Rücken zuwandte.

Der Gangster war nirgends zu sehen.

Bount klopfte leise an die Fensterscheibe. Die beiden Menschen fuhren herum und starrten ihn an.

Conrad Aidman löste sich von seiner Frau und trat ans Fenster. Seine Miene war abweisend.

„Sie schon wieder, Mister Reiniger? Was wollen Sie denn noch? Wieso schleichen Sie ums Haus? Wir haben Ihren Wagen nicht gehört.“

„Ist er fort?“, wollte Bount wissen.

„Wer?“

„Der Gangster.“

„Ga ... gangster? Aber der ist doch mit Ihnen mitgefahren!“

„Ich meine den wirklichen. Der, der Sie in Ihrem Geschäft überfallen und Sie anschließend hier aufgesucht hat, um die Juwelen von Ihnen zu fordern.“

Aidman verfärbte sich. Seine Stimme hörte sich wie raschelndes Laub an.

„Wovon reden Sie überhaupt? Ich schwöre Ihnen ...“

„Das wäre heute schon Ihr zweiter Meineid, Mister Aidman. Wollen oder können Sie mir nicht die Wahrheit sagen?“

Da brach Cynthia Aidman in der Mitte des Zimmers schluchzend zusammen.

„O Gott! Isela. Er hat Isela mitgenommen.“

„Wirst du wohl still sein, Cynthia! Isela ist bei ihrer Freundin. Was erzählst du für einen Unsinn?“

„Ihre Frau scheint die Vernünftigere von Ihnen beiden zu sein, Mister Aidman“, sagte Bount ernst. „Ich komme jetzt zu Ihnen und bringe den jungen Mann mit, von dem Sie behauptet haben, er hätte Sie heute Vormittag überfallen.“ Bount kehrte eilig zu Dean Brady zurück, der sich noch immer den Kopf hielt und die Benommenheit loszuwerden versuchte.

„Stützen Sie sich getrost auf mich, Brady“, forderte er ihn auf. „Ich bin Ihnen etwas schuldig.“

Gemeinsam betraten sie die Villa. Conrad Aidman erwartete sie.

„Mister Brady muss sich etwas hinlegen“, entschied Bount. „Ich denke, auch er hat uns einiges zu erzählen. Aber erst zu Ihnen. Was ist hier vorgefallen?“

Der Juwelier wollte nicht mit der Sprache heraus, aber seine Frau hielt die Nervenbelastung nicht länger aus.

„Sage es ihm, Conrad! Vielleicht kann er uns helfen.“

„Helfen? Ein Detektiv?“ Conrad Aidman lachte bitter auf. „Weißt du, was das für Isela bedeuten würde? Der Schuft bringt sie um. Sieh dir mein Gesicht an! Er hat mich ein paarmal niedergeschlagen. Er war auch mit dir nicht zimperlich. Bei Isela wird er sich nicht anders verhalten.“

„Er hat Ihre Tochter also entführt“, sagte Bount sachlich.

„Er will ihr nichts tun, solange ihm die Polizei nicht in die Quere gerät. Deshalb können wir nur abwarten.“

„Erzählen Sie bitte von Anfang an.“

Der Juwelier bot Whisky an. Bount lehnte ab, aber Dean Brady konnte einen belebenden Schluck vertragen, und Aidman selbst hatte ohnehin sein Glas gefüllt.

„Was im Geschäft passiert ist, wissen Sie ja“, begann er. „Ich hatte so sehr gehofft, alles überstanden zu haben. Doch der Kerl fuhr schnurstracks hierher und zwang meine Frau, mich anzurufen. Er verlangte sämtliche Juwelen. Anderenfalls wollte er Cynthia und Isela erschießen.“

„Das wussten Sie bereits, als ich Sie aufsuchte“, sagte Bount.

„Das stimmt. Ich musste schweigen, wollte ich die Meinen nicht gefährden. Ich packte also den ganzen Schmuck zusammen und brachte ihn her. Ich rechnete mir gewisse Chancen aus. Immerhin hatte sich der Gangster reichlich tölpelhaft benommen, als er versehentlich selbst den Alarm auslöste. Deshalb rechnete ich damit, ihn überrumpeln zu können.“

„Sie bedrohten ihn mit einer Waffe?“

„Das wollte ich tun, aber das klappte nicht. Er schlug mich sofort nieder und entwaffnete mich. Als ich wieder bei Bewusstsein war, verlangte er Bargeld, Ich behauptete, nichts im Hause zu haben. Darauf schlug er mich erneut und setzte meiner Frau den Revolver an die Schläfe. Es war schrecklich. Ich musste ihm das ganze Geld geben, das ich hier hatte. Ungefähr zehntausend Dollar. Dann tauchten plötzlich Sie mit dem jungen Mann auf. Der Gangster versteckte sich. Meine Frau bedrohte er mit der Waffe. Was sollte ich denn anderes tun, als Mister Brady zu beschuldigen? Ich wollte Sie nur schnell wieder aus dem Haus haben. Aber damit gab er sich noch immer nicht zufrieden. Ich musste sechs Blanko Schecks unterschreiben. Er riet mir eindringlich, für ausreichende Deckung zu sorgen, falls ich an meiner Tochter hinge. Meine Ausweispapiere nahm er ebenfalls mit.“

„Haben Sie eine Vorstellung, wo er sich versteckt halten könnte?“, fragte Bount. „Wichtig ist vor allem, dass er nicht die Stadt verlässt.“

Cynthia Aidman brach erneut in Tränen aus.

„Das ist er längst“, stieß ihr Mann hervor. „Meine Privatmaschine war startklar für unseren Urlaub. Ich musste Testi, meinen Piloten, anrufen und ihm erzählen, dass Isela in Begleitung eines Geschäftsfreundes vorausfliegen werde und wir ein paar Tage später folgen wollten. Es ist aber nicht anzunehmen, dass er nach Hawaii geflogen ist, wie wir es vorhatten.“

Das glaubte Bount auch nicht. Er bereitete sich um das Leben des Mädchens große Sorgen, die er sich aber nicht anmerken ließ, um die Aidmans nicht noch stärker zu beunruhigen.

„Das ist ein Fall für das FBI“, sagte er lediglich. „Dort kennt man sich mit Kidnapping aus und weiß genau, was zu tun ist, um Ihre Tochter nicht zu gefährden.“

„Nur keine Polizei oder das FBI!“, begehrte Aidman auf. „Ich flehe Sie an, Mister Reiniger. Sie kennen diesen Menschen nicht. Der ist zu allem fähig, wenn er sich in die Enge getrieben fühlt.“

„Aber Sie können doch nicht stillhalten und darauf vertrauen, dass der Gangster Ihre Tochter früher oder später freilässt!“

„Was bleibt uns denn anderes übrig?“, murmelte der Juwelier hoffnungslos. „Er hat uns in der Hand.“

„Hat er keine Bemerkung fallenlassen, aus der man seine nächsten Pläne ableiten könnte?“

Die beiden Menschen dachten angestrengt nach.

Bount wusste, dass das menschliche Gehirn in derartigen Situationen nicht seine beste Leistung erbringt. Er musste den Aidmans Zeit lassen.

Unterdessen wandte er sich Dean Brady zu, der sich auf einer Couch ausgestreckt hatte und mit leerem Blick zur Zimmerdecke starrte. Als Bount an ihn herantrat, murmelte er: „Sie hält mich für einen Killer.“

„Unsinn, Brady!“, widersprach Bount. „Natürlich weiß sie, dass ihr Vater Sie zu unrecht beschuldigt hat. Erzählen Sie mir lieber, was Sie da draußen zu suchen hatten, nachdem Sie mir so erfolgreich entwischt waren.“

Ein flüchtiges Grinsen zeigte sich auf Bradys Lippen.

„Damit haben Sie nicht gerechnet, nicht wahr? Ich wollte ganz einfach die Wahrheit herauskriegen. Ich war entschlossen, Mister Aidman wegen seiner Anschuldigung zur Rede zu stellen. Deshalb kehrte ich hierher zurück. Dummerweise habe ich nicht damit gerechnet, auf den tatsächlichen Gangster zu stoßen. Als ich es kapierte, war es schon zu spät. Ich sah Isela aus dem Haus treten. Sie wirkte verstört. Ich wollte zu ihr, aber da traf mich auch schon der Hieb. Ich wachte erst wieder auf, als Sie mich fanden.“

Dean Brady war also keine Hilfe, obwohl er sich energisch anbot, mit Bount zusammenzuarbeiten.

„Was Sie auch immer vorhaben, Reiniger, ich bin dabei. Geben Sie mir meinen Revolver zurück, und ich haue das Mädchen heraus.“

Isela hatte es ihm offensichtlich angetan. Der ungetreuen Mona Lavery trauerte er nicht mehr nach.

„Ich nehme Ihren guten Willen für die Tat“, sagte Bount ablehnend. „Ich weiß selbst noch nicht, was ich tue. Wir kennen ja nicht einmal den Namen des Gangsters.“

„Er befahl uns, ihn Bogie zu nennen“, meldete sich Cynthia Aidman leise.

Bogie! So hieß Humphrey Bogart bei seinen Freunden und Fans. Der Gangster identifizierte sich mit dieser Figur offenbar auf krankhafte Weise. Das war gefährlich.

Bount bat um ein paar Fotos von Isela Aidman. Er hatte sie zwar flüchtig gesehen, konnte sie auch beschreiben, doch es war immer besser, wenn man seine Fragen mit einer Fotografie präzisieren konnte.

Cynthia Aidman holte ein Album, und Bount suchte einige geeignete Bilder heraus.

„Er erwähnte, dass er die Juwelen schnellstens verkaufen wolle“, erinnerte sich Conrad Aidman. „Er kennt einen Mann, der gute Preise zahlt.“

Die meisten Top-Hehler in New York kannte Bount ebenfalls. Doch die konnte er vergessen. Der Gangster hatte sich bereits abgesetzt. Die Adresse lag außerhalb der Stadt. Wahrscheinlich sogar außerhalb der Staaten.

„Welche Reichweite hat Ihre Maschine?“, erkundigte sich Bount.

„Normal ungefähr viertausend Meilen. Für den Flug nach Hawaii hat Testi aber die Zusatztanks füllen lassen. Damit sind sechstausend Meilen zu schaffen.“

Das war keine gute Nachricht. Der Gangster konnte zum Beispiel spielend Paraguay erreichen, wo ihn keiner finden würde. Es war nur die Frage, ob er ausgerechnet in Paraguay den Schmuck verkaufen konnte.

Bount ließ sich die Daten des Flugzeuges geben. Daran knüpfte er seine größten Hoffnungen. So eine zweimotorige Maschine ließ sich schließlich nicht einfach unter einem Busch verstecken. Damit konnte man nicht überall landen.

„Helfen Sie uns, Mister Reiniger!“, flehte Cynthia Aidman. Ihre Augen waren rotgeweint. „Bringen Sie uns Isela zurück!“

„Ist das ein offizieller Auftrag?“

„Natürlich ist es das“, bestätigte der Juwelier. „Aber ich verlange von Ihnen, dass Sie keinerlei Kontakte zur Polizei, dem FBI oder anderen Organisationen knüpfen, durch die das Leben unserer Tochter gefährdet werden könnte. Sind Sie damit einverstanden?

„Hier geht es nicht um mich, obwohl ich mir selbstverständlich erheblichen Ärger einhandele, wenn ich eine Entführung geheimhalte. Es muss das getan werden, was Ihrer Tochter nutzt. Ich werde alles tun, was in meiner Macht steht, um sie gesund bei Ihnen abzuliefern. Sollte mir das nicht innerhalb der nächsten drei Tage gelingen, führt kein Weg an der Polizei vorbei. Das könnte niemand verantworten.“

„Aber ...“

„Kein aber, Mister Aidman. Wir suchen keinen Scheckbetrüger, sondern einen Mann, dessen Schuldkonto stündlich wächst. Der Bursche ist von einer Idee besessen. Er will Bogart sein. Bogart in dessen abstoßendsten Rollen. Dafür ist ihm jedes Mittel recht. Er hat einen Gangsterboss ermordet. Daran mögen Sie erkennen, dass er sich selbst keine Grenzen setzt. Dieser Mann ist brandgefährlich, denn eins unterscheidet ihn vom echten Bogart. Er wird sich an kein vorgegebenes Drehbuch halten.“

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ZUM STATEN ISLAND AIRPORT war es nicht weit. Bount fuhr mit Conrad Aidman hin. Er brauchte den Juwelier, der am Flugplatz gut bekannt war.

Aidman wurde auch spontan begrüßt.

„Sie kommen zu spät, Sir. Ihre Tochter ist schon oben. Aber Sie können selbstverständlich eine andere Maschine chartern. Sie kennen ja unser Angebot.“

„Wann ist Isela gestartet?“, fragte Conrad Aidman.

Der Mann im Overall musterte ihn verdutzt.

„Ist etwas nicht in Ordnung, Sir? Der Start war ordnungsgemäß angemeldet. Vor knapp drei Stunden sind sie abgeflogen.“

„Wissen Sie auch wohin?“, mischte sich Bount ein. Der Mann kratzte sich am Kopf.

„Fragen stellen Sie! Nach Hawaii. Das hat jedenfalls Jock Testi gesagt.“

„Hören Sie, was ich Ihnen jetzt sage, behandeln Sie bitte vertraulich! Miss Aidman ist mit einem Mann durchgebrannt. Sie haben ihn sicher gesehen.“

„Na klar. Ich dachte, es sei ein Geschäftsfreund von Mister Aidman.“

Bount äußerte sich nicht dazu. An Hawaii glaubte er nicht. Der Gangster hatte sein wahres Ziel bestimmt erst bekanntgegeben, als die Maschine bereits in der Luft war.

„Mister Aidman ist der Meinung, dass seine Tochter noch zu jung zum Heiraten sei. Außerdem hat er andere Vorstellungen von seinem zukünftigen Schwiegersohn. Wir müssten unbedingt wissen, wohin die drei wollten. Hawaii können wir vergessen.“

Der andere dachte angestrengt nach, wobei er sich nicht die Bemerkung verkneifen konnte, dass er froh sei, sich nicht mit Mitgiftjägern herumärgern zu müssen.

„Sprechen Sie doch mal mit Morris“, schlug er nach einer Weile vor.

„Morris ist ein Mechaniker“, erklärte Conrad Aidman.

„Warum gerade mit ihm?“, fragte Bount.

„Keiner kann so gut mit Schraubenzieher und Einstelllehre umgehen wie Morris, aber keiner hat auch so lange Ohren wie er. Vielleicht hat er etwas mitgekriegt. Er kümmert sich gerade um die Beechcraft dort drüben. Mister Aidmans Maschine stand genau daneben.“

„Danke!“, rief Bount und flitzte los.

Morris war nicht begriffsstutzig. Er kapierte schnell, dass hier ein Film lief, der so richtig nach seinem Geschmack war. Die Wahrheit ahnte er freilich nicht. Er tippte auf eine romantische Affäre. Er selbst ließ den Hang der Romantik allerdings vermissen, denn er erklärte sich erst zu einer Antwort bereit, nachdem ein ansehnlicher Schein in der Tasche seines Overalls verschwunden war.

„Unangenehmer Typ“, sagte er dann. „Hat mir gleich nicht gefallen. Aber Geschmäcker und Ohrfeigen sind eben verschieden. Mich geht es ja nichts an, mit wem sich die kleine Aidman einlässt.“

„Was fällt Ihnen ein?“, sagte der Juwelier empört. „Ersparen Sie uns Ihre persönliche Meinung!“

„Im Gegenteil!“, widersprach Bount. „Gerade die interessiert uns. Der Mann war Ihnen also nicht sympathisch. Hat er sich vor dem Start mit Miss Aidman oder Mister Testi unterhalten?“

„Das Mädchen hat er ständig im Arm gehalten. Sie sah aber gar nicht glücklich dabei aus. Das war auch der Grund, warum ich neugierig wurde, als die beiden zum Telefon gingen.“

„Sie haben telefoniert?“

„Er. Ein ziemlich langes Gespräch, aber ich konnte so gut wie nichts verstehen.“

„Aber doch wenigstens etwas“, drängte Bount.

„Nichts von Bedeutung. Ein paar Namen. Und dann war von einem Schmuckstück die Rede. Wahrscheinlich meinte er Miss Aidman damit.“

„Sicher. Was waren das für Namen? Können Sie sich an sie erinnern?“

„Wenn ich richtig verstanden habe, hießen sie Keaton und Nassau. Außerdem erwähnte er noch eine Marietta.“ Mehr wusste der Mechaniker nicht. Selbst die Verlockung einer weiteren Banknote half seinem Gedächtnis nicht weiter.

Conrad Aidman ließ die Schultern hängen.

„Wir finden sie nie. Es gibt Tausende von Keatons, Nassaus oder Mariettas auf der Welt.“

So schnell ließ Bount die Hoffnung nicht sinken. Er hatte drei Tage Zeit. Er setzte darauf, dass der Gangster Isela Aidman nicht mitgeschleppt hatte, um sie sofort zu töten. Diesen Trumpf würde er nur aus der Hand geben, wenn er dazu gezwungen wurde. Es war also überflüssig, jetzt schon den Kopf zu verlieren. Er versuchte, weitere Informationen von anderen Leuten auf dem Flugplatz zu erhalten. Er sprach auch mit den Fluglotsen im Tower. Die wussten aber auch nur von einem Flug nach Hawaii. Sie hatten normalen Funkkontakt gehabt. Die größeren HawaiiInseln verfügten alle über mindestens einen Flugplatz, Dort konnte die Maschine aber noch nicht eingetroffen sein.

Bount überlegte, ob er sich mit diesen Flugplätzen verbinden lassen sollte. Doch erstens würde das Stunden dauern, und außerdem hätte er dafür einen plausiblen Grund angeben müssen. Den Tower-Leuten konnte er kaum etwas von einer durchgebrannten Tochter erzählen. Im Übrigen versprach er sich nichts davon. Der Hehler, mit dem der Gangster vermutlich Kontakt aufgenommen hatte, würde nicht ausgerechnet auf dem Inselparadies leben, das die Aidmans als Urlaubsziel ausgewählt hatten.

Der Juwelier blickte ihn fragend an.

„Können wir denn gar nichts tun, Mister Reiniger?“

Bount wusste eine Menge, was es zu erledigen gab. So interessierte er sich zum Beispiel für den Cadillac des Gangsters, den dieser auf dem großen Parkplatz des Flughafens zurückgelassen hatte. Er hielt es nicht für ausgeschlossen, dort einen Hinweis über die weiteren Pläne des Schmuckräubers und Entführers zu finden.

Der Parkplatz war bewacht. Das spielte aber keine Rolle. Bount fuhr mit seinem Mercedes durch die Sperre, nachdem er vorher den Cadillac entdeckt hatte. Ein Platz daneben war noch frei.

Bounts Hoffnung wurde bestätigt. Der Gangster hatte es gar nicht für nötig befunden, den Wagen abzusperren oder auch nur den Zündschlüssel abzuziehen. Er brauchte das Fahrzeug nicht mehr, das für ihn lediglich eine Gefahr darstellte. Er würde in absehbarer Zeit nicht nach New York zurückkehren. Bount untersuchte das Handschuhfach und entnahm ihm einen schweren Revolver, der geladen war. Es handelte sich um einen 45er. Damit waren Mona Lavery und Cäsar Chapin nicht erschossen worden. Außerdem förderte er einige Straßenkarten und Stadtpläne zutage, dazu Zigaretten, einen Riesenvorrat Kaugummi, Munition, eine Sonnenbrille mit verspiegelten Gläsern und eine Zeitung, die schon ziemlich alt war.

Bount nahm sich vor, diese Zeitung besonders sorgfältig zu studieren. Er hoffte, dass der Gangster vielleicht daraus seine Information über den Hehler erhalten hatte. Das Blatt war so gefaltet, dass die Seite mit den Prozessberichten ins Auge stach.

Das Fenster auf der Beifahrerseite war auffallend verschmiert. Dem Geruch nach handelte es sich um Lippenstift.

Bount starrte lange auf das Glas. Er gewann die Überzeugung, dass Isela Aidman eine Nachricht hatte hinterlassen wollen. Das musste der Gangster aber bemerkt haben. Es ließ sich beim besten Willen nicht mehr erkennen, was das Mädchen geschrieben hatte. Sicherheitshalber holte Bount den Fotoapparat aus seinem Wagen und fotografierte das Fenster ein paarmal. Er musste jeden Strohhalm ergreifen.

Da der Schlüssel noch steckte, konnte Bount auch den Kofferraum öffnen. Er fand eine in eine Decke gewickelte Maschinenpistole und drei passende Magazine. Eine derartige Waffe war bei Emile Kane nicht gestohlen worden.

Conrad Aidman stand hilflos daneben.

„Nun sagen Sie doch endlich etwas, Mister Reiniger!“, forderte er. „Haben Sie etwas gefunden, was uns weiterhilft?“

„Das muss sich erst noch herausstellen. Ich nehme den ganzen Kram mit und studiere ihn in meinem Büro. Sorgen Sie nach Möglichkeit dafür, dass ich Sie jederzeit erreichen kann. Ich tue das genauso. Es ist denkbar, dass sich der Gangster wieder mit Ihnen in Verbindung setzt. Sie müssen dann versuchen, herauszufinden, wo er sich befindet. Behalten Sie die Nerven, und dehnen Sie das Gespräch gegebenenfalls in die Länge, umso mehr Informationen erhalten wir.“

Aidman nickte schwach. „Ist das alles?“

„Für Sie vorläufig ja. Ich lasse den Caddy von der Polizei untersuchen.“

„Polizei?“, fuhr der Juwelier auf. „Aber wir hatten doch ganz klar vereinbart ...“

„... dass die Polizei vorläufig nichts von der Entführung erfährt“, ergänzte Bount. „Daran halte ich mich auch. Das schließt aber nicht aus, dass wir den Ermittlungsapparat in Anspruch nehmen. Keine Sorge. Ich habe einen Mann an der Hand, auf den wir uns absolut verlassen können. Er wird sich an unsere Spielregeln halten.“

„Sie sind verantwortlich, dass Isela nichts passiert.“

„Ich fühle mich mitverantwortlich“, entgegnete Bount ernst, „aber ich bin es nicht. Ich kann nicht für die Taten eines Gangsters geradestehen. Dass ich trotzdem alles tun werde, um Ihre Tochter in Sicherheit zu bringen, versteht sich von selbst.“

Conrad Aidman schwieg lange Zeit, während Bount die Fundstücke in seinem Mercedes verstaute und darauf achtete, besonders auf den Waffen keine Fingerabdrücke zu zerstören. Vielleicht konnte die Identität des Kidnappers auf diese Weise ermittelt werden. Das würde ihn einen winzigen Schritt voranbringen.

Als er den Juwelier aufforderte, wieder mit ihm zurückzufahren, nahm dieser neben ihm Platz. Erst, nachdem sie schon zwei Meilen gefahren waren, sagte er leise: „Tun Sie, was Sie für richtig halten.“

Bount reckte entschlossen das Kinn, als er antwortete: „Das tue ich immer.“

Toby Rogers spürte, dass Bount ihm nicht die volle Wahrheit sagen wollte.

„Ich darf dich an bestehende Gesetze und Vorschriften erinnern, die auch für Privatdetektive Gültigkeit haben.“

„Darfst du, Dicker“, sagte Bount freundlich. „Da ich dir aber solche Unmengen von Beweisstücken auf einem silbernen Tablett liefere, wirst du wohl nicht so pingelig sein. Ich wette, mit der MPi sind schon Schandtaten verübt worden, die immer noch zwischen euren unaufgeklärten Akten schmoren. Oder hat dir in den letzten Tagen schon einmal jemand einen Cadillac geschenkt? Er gehört dir. Der Besitzer will ihn nicht mehr. Da wette ich.“

„Die Wette gewinnst du. Wir wissen nämlich schon, auf wen der Caddy mit den übrigens falschen Kennzeichen zugelassen wurde. Ja, mein Lieber, die Polizei ist verdammt fix.“

„Verdammt, das ist das richtige Wort. Spuck’s schon aus! Wem gehört die Karre?“

„Cäsar Chapin. Der braucht sie wirklich nicht mehr.“

„Verdammt!“

„Das sagtest du bereits. Demnach bist du seinem Mörder auf der Spur, wenn ich das richtig sehe.“

„Wird wohl so sein. Und das ganze Zeug aus dem Wagen gehört ebenfalls Chapin?“

„Das werden wir feststellen. Du weißt also nicht, wohin unsere Bogart-Imitation geflogen ist?“

„Sonst wäre ich längst auf dem Weg dorthin. Der Halunke hat Juwelen im Wert von fast zwei Millionen bei sich. Und außerdem ein Mädchen, das noch mehr wert ist.“

Toby Rogers riss die Augen auf.

„Bist du verrückt? Etwa Kidnapping?“

„Mach keinen Terror, Alter! Dieses Schwein hat bereits zweimal geschossen. Es war auch eine Frau unter seinen Opfern. Mit Polizeigewalt kannst du den nicht schnappen, solange sich das Mädchen in seiner Gewalt befindet.“

„Aber ich darf davon nichts wissen, Bount. Ich muss das melden.“

„Einen Dreck musst du. Willst du dann zur Beerdigung gehen und den Eltern dein Mitgefühl aussprechen? Ich kenne die Gesetze und die Zuständigkeiten auch. Was glaubst du, wie gerne ich die Verantwortung auf das FBI abschieben würde? Das wäre bequem. Ungefähr so bequem wie ein Sarg. Ich verlange von dir drei Tage. Du hast von allem keine Ahnung. Das Mädchen ist freiwillig mit ihm gegangen. Das habe ich dir erzählt. Vergiss nicht, dass ich selbst nur durch einen Zufall von der Entführung erfahren habe. Die Eltern hätten nichts gemeldet.“

Toby stierte auf seine Fäuste.

„Ich dürfte das nicht sagen“, brummte er. „Aber wenn ich eine Tochter hätte, die in die Gewalt eines Kidnappers geriete, würde ich wahrscheinlich auch dir eher vertrauen als dem FBI. Aber das vergisst du schleunigst wieder.“

Bount grinste.

„Du verlangst eine Menge von mir. Einen so netten Satz habe ich schon lange nicht mehr aus deinem Mund gehört. Wer kennt sich in eurem Laden am besten mit Hehlern aus?“

„Widmark. Der ist aber in Urlaub.“

„Verreist?“

„Florida.“

„Das ist zu weit. Wer ist der Zweitbeste?“

„Wieder Widmark.“

„Sehr originell.“

„Im Ernst. Es handelt sich um seinen Sohn. Ich glaube aber nicht, dass er viele Hehler außerhalb der Stadt kennt.“

„Wir werden sehen. Ich nenne ihm drei Namen. Vielleicht klingelt’s bei ihm. Schmuck für zwei Millionen. Wer sich darauf einlässt, muss schon eine große Nummer in diesem schmutzigen Geschäft sein. Solche Leute kennt man oft im ganzen Land.“

Lieutenant Widmark ließ die drei Namen Keaton, Nassau und Marietta durch den Computer laufen und wartete auf den Ausdruck.

„Wir kennen einen John Nassau und einen Ruby F. Keston“, verkündete er schließlich stolz.

„Auf den einzelnen Buchstaben will ich mich nicht versteifen“, sagte Bount. „Da kann sich mein Informant verhört haben. „Wo finde ich die beiden?“

„Keston sitzt. Der marschiert erst in vierzehn Monaten wieder raus. Um Nassau ist es in der letzten Zeit still geworden. Wenn er nicht umgezogen ist, wohnt er noch in Brooklyn, Emmers Lane 40. Aber seien Sie vorsichtig, Reiniger! Der Bursche war früher ausgesprochen hitzig.“

„Das bin ich heute noch“, versicherte Bount grimmig.

Er fuhr nach Brooklyn, nachdem er June die im Cadillac gefundenen Karten und die Zeitung gebracht hatte. Sie sollte sich in der Zwischenzeit damit beschäftigen.

John Nassau hatte den größten Teil seiner ehemaligen Hitze verloren. Außerdem auch sein Augenlicht. Er war nahezu blind.

„Bount Reiniger?“ Es klang erfreut. Das war Bount gar nicht gewohnt. „Sind Sie‘s wirklich? Auch, das tut gut, sich mit jemandem über die alten Zeiten zu unterhalten. Wie lange ist das jetzt her? Ich war sicher, mein Leben irgendwann auf den Bahamas oder im Bau zu beschließen. Es ist anders gelaufen. Ich habe nur noch meine Erinnerungen. Wollen Sie ’nen Schnaps? Sie müssen sich selbst bedienen. Es steht alles drüben auf dem Tisch.“

Bount sah schmutzige Gläser und leere Flaschen. Sonst nichts. Er war sicher, dass dieser Mann kein Diamantkollier im Wert von einer Viertelmillion von einem Modeschmuck für fünf Dollar unterscheiden konnte. Er befand sich an der falschen Adresse. Aber John Nassau kannte seine Kollegen von damals und wohl auch einige aktuelle Leute.

Bount investierte fast eine Stunde, um sich mit dem Mann freundschaftlich zu unterhalten. Es war eine verlorene Stunde. Er erfuhr nichts. Ernüchtert kehrte er ins Büro zurück.

Hier wartete June mit einem weiteren Dämpfer.

„Fehlanzeige, Meister. Das ganze Material, das du mir gebracht hast, stammt von Cäsar Chapin. In der Zeitung wird von seinem Freispruch berichtet. Bestimmt hat er sie aus diesem Grund aufgehoben. Die Karten bringen uns ebenfalls nicht weiter. Tut mir leid. Hast wenigstens du etwas erreicht?“

Bount schüttelte müde den Kopf.

„Eine einzige Schneeflocke in einer Lawine zu finden, kann kaum schwieriger sein. Wir haben buchstäblich nichts in der Hand. Wenn wir wenigstens offen nach dem Flugzeug fahnden könnten. Aber wir wissen ja nicht, wie der Killer dann reagiert.“

„Und wenn du den alten Widmark in Florida anrufst?“, schlug June vor. „Der kennt sich bestimmt besser aus als sein Sohn.“

„Auch nicht besser als der Computer“, meinte Bount. „Wir suchen in einem Umkreis von sechstausend Meilen. Weißt du, was das bedeutet?“

June wusste es.

„Er kann in Europa untertauchen. Dieser Keaton kann durchaus in England stecken.“

„Du sagst es. Nassau, Marietta, was bedeuten diese Namen schon? Als ich mit dem blinden Hehler sprach ...“ Er stockte. Seine Augen verengten sich.

„Was hast du? Was wolltest du sagen?“

Bount schloss die Augen und konzentrierte sich. Seine Finger suchten eine Pall Mall. June zündete sie an und schob sie ihm zwischen die Lippen. Sie wusste, dass sie ihn jetzt nicht stören durfte.

Bount holte sich die Unterhaltung mit John Nassau ins Gedächtnis zurück. Das, was der Alte gleich zu Beginn gesagt hatte, gewann plötzlich an Bedeutung.

„Ich war sicher, mein Leben irgendwann auf den Bahamas oder im Bau zu beschließen“, hörte er den ehemaligen Hehler wehmütig sagen.

Auf den Bahamas!

„Ich brauche eine Verbindung mit Nassau International“, sagte Bount. „Sie können auch auf Oakes Field gelandet sein.“

„Nassau? Du meinst, es handelt sich gar nicht um einen Namen, sondern um den Ort?“

„Ich hoffe es, mein Schatz. Beeil dich! Ich muss wissen, ob die Cessna von Aidman dort um Landeerlaubnis gebeten hat.“

Eine Viertelstunde später wusste er es. Sie hatte!

Bounts Augen funkelten. Er war sicher, den entscheidenden Schritt getan zu haben. Der Killer wähnte sich in Sicherheit. Er würde nicht besonders vorsichtig sein. Er durfte nur nicht merken, dass ihm ein Verfolger auf der Spur war.

„Soll ich buchen?“, fragte June.

„Hast du das noch nicht getan?“

June verteidigte sich.

„Ich muss doch schließlich wissen, ob ich ein oder zwei Tickets reservieren lasse. Auf den Bahamas muss es jetzt herrlich sein.“

„Für Isela Aidman nicht“, schränkte Bount ein. „Tut mir leid, June. Du bleibst hier. Ich brauche dich als Verbindungsglied zu Toby. Es wird bestimmt kein Urlaub.“

„Urlaub?“ June schmollte. „Was ist denn das?“

„Ich weiß.“ Bount seufzte. „Er ist wieder einmal überfällig. Aber eins verspreche ich dir. Wenn ich diesen Fall erfolgreich zum Abschluss bringe, das heißt, wenn ich verhindern kann, dass dem Mädchen etwas zustößt, steht anschließend eine Woche Bahamas für uns auf dem Terminkalender.“

June lächelte.

„Das ist nicht der einzige Grund, warum ich dir Erfolg wünsche.“

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WEN SOLLTE ER FRAGEN?

Bount war in den frühen Morgenstunden auf New Providence gelandet und suchte drei Menschen, die auf der ganzen Insel kaum einer kennen würde. Von dem einen wusste er nicht einmal den Namen.

Er trug die Fotos von Isela Aidman in der Tasche. Jock Testi, den Piloten, hatte er sich exakt beschreiben lassen. Ja, und für den Gangster würde er eins der Bogart-Fotos vorzeigen müssen. Wahrscheinlich hielt man ihn dann ohnehin für übergeschnappt.

Auf dem Flugplatz Nassau International stand die Cessna des Juweliers.

Bount sprach mit den zuständigen Leuten und erfuhr hier den Namen, unter dem der Gangster die Einreiseformalitäten erledigt hatte: Ruff Torres.

An der Echtheit seiner Papiere hatte kein Zweifel bestanden. Dem Zoll und den Passbeamten war auch an dessen Begleitern nichts Ungewöhnliches aufgefallen, soweit sie sich überhaupt noch an drei Menschen unter Hunderten erinnern konnten.

Bount bat eindringlich, zu verhindern, dass Torres mit der inzwischen nachgetankten Maschine erneut startete. Bei einem solchen Versuch wollte er umgehend verständigt werden.

Der freundlich lächelnde Bahame notierte sich das Hotel, in dem June für Bount ein Zimmer hatte reservieren lassen. Ob die Information aber tatsächlich klappen würde, wagte Bount zu bezweifeln.

Vielleicht blieb Torres aber auch hier. Warum nicht? Es gab schlechtere Fleckchen zum Leben auf der Erde. In Nassau fühlte sich ein Kerl wie der Gangster ohne Zweifel wohl. Hier fand er genau das richtige Pflaster, seinen schnell gewonnenen Reichtum wieder zu verjubeln.

Bount rief Toby Rogers und June an. Sie sollten versuchen, etwas über einen Ruff Torres herauszufinden. Vielleicht wurde auch etwas über sein Umfeld bekannt. Danach setzte er sich mit der örtlichen Polizei in Verbindung und erkundigte sich nach Keaton und Marietta.

Zu dem Commissioner drang er nicht vor. Er hatte aber das Glück, an einen sehr aufgeschlossenen und hilfsbereiten Chief Inspector zu geraten.

„Keaton?“ Er seufzte und nippte an einem Glas mit Ananassaft, den er auch Bount angeboten hatte. „Ich wollte, wir würden den Halunken endlich fassen. Der ist wie ein schleimiger Fisch. Man kann ihn nicht greifen. Und wenn man ihn zufällig bei einer Razzia erwischt, schlüpft er einem prompt durch die Finger. Er ist nicht nur ein übler Hehler, sondern unterhält vor allem einen schwunghaften Rauschgifthandel, wie wir vermuten. Wenn er den Schmuck tatsächlich aufkauft, ist er in der Lage, einen stolzen Preis dafür zu zahlen. Keaton ist tatsächlich ein Geheimtipp. Wir wissen, dass ihn internationale Gangster aufsuchen. Wir haben aber auch noch keine Möglichkeit gefunden, ihm etwas nachzuweisen. Diese Marietta, von der Sie sprechen, könnte eine seiner Gespielinnen sein. Keaton lässt sich nichts entgehen. Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mich gegebenenfalls über die Erfolge Ihrer Suche unterrichten würden.“

Das versprach Bount. Dafür verlangte er aber ein bisschen mehr als das Bedauern, leider nichts tun zu können.

„Ich brauche ein paar Kontaktadressen. Wenn, wie Sie sagten, internationale Gangster Torres besuchen, muss es eine Möglichkeit geben, mit ihm Verbindung aufzunehmen.“

Der Chief Inspector nickte.

„Auf diese Weise haben wir es auch schon versucht, Mister Reiniger. Leider ohne Erfolg. Versuchen Sie’s im ,Bananaboat‘. Fragen Sie nach Adderley, aber seien Sie vorsichtig! Der Bursche traut einem Fremden nicht so leicht. Versuchen Sie auch nicht, ihn zu bestechen. Dann haben Sie gleich verloren.“

Bount ließ sich noch die Anschrift des „Bananaboat“ geben und fuhr anschließend mit dem Austin, den er am Flughafen gemietet hatte, nach Carmichael Village. Dieses Dorf hielt keinem Vergleich mit Nassau stand. Hier war alles urwüchsiger, einfacher, ärmer. Hier lebten die Einheimischen, die nicht am einträglichen Touristenkuchen knabberten.

Das „Bananaboat“ erwies sich als Wellblechbaracke und war tagsüber so etwas Ähnliches wie eine Imbissstube. Nachts aber, das hatte ihm der Chief Inspector versichert, verwandelte es sich in eine Spiel- und Rauschgifthöhle, hinter der sich die übelsten Spelunken Nassaus verstecken konnten.

Adderley war ein dunkelhäutiger Bahame mit weißen Haaren und verschlagenen Augen. Er kaute auf einer Wurzel und roch nach Schweiß und Rum. Er hörte sich Bounts Märchen mit halb geschlossenen Augen an. Bount erzählte ihm, dass er im Spielcasino in Nassau sein gesamtes Bargeld verloren habe und nun den Schmuck seiner Frau veräußern müsse. Er behauptete das mit so nervöser Stimme, dass jeder ahnen musste, es könne sich bei diesem Schmuck nur um heiße Ware handeln. Adderley war wohl der einzige auf der ganzen Insel, der das nicht begriff.

„Warum kommst du zu mir?“, fragte er lächelnd. „Soll ich den Schmuck kaufen? Was täte ich damit? Ich bin ein armer Mann, und meine Töchter tragen Muscheln um den Hals.“

Bount ließ nicht locker.

„Im Casino sagte man mir, Sie können mir helfen. Vielleicht mit einer Adresse.“

„In Nassau gibt es verschiedene Juweliere, an die du dich wenden kannst. Die haben Geld. Versuch’s dort!“

Bount räusperte sich und tat bestürzt.

„Juweliere? Nein, nein, das geht nicht. Dort würde man nach meinem Namen fragen. Wenn sich herumspricht, dass ich den Schmuck meiner Frau verkaufen musste, entstehen mir daraus geschäftliche Nachteile. Sie verstehen das sicher.“

Der Bahame lächelte unentwegt. Er sah Bount fast mitleidig an.

„Ja, ja“, murmelte er. „Die Geschäfte gehen manchmal schlecht. Willst du etwas essen? Ich habe frische Conchs. So, wie sie meine Frau zubereitet, kriegst du sie auf der ganzen Insel kein zweites Mal.“

Bount wollte keine Muscheln, er suchte diesen Keaton. In der Hoffnung, den Alten dadurch etwas gefälliger zu stimmen, bestellte er aber doch eine Portion.

Er musste geraume Zeit warten, während er von der Baracke unter einem Blätterdach im Schatten saß. Zunächst roch es nur nach angebranntem Fett, eine Weile später nach Fisch, allerdings nicht nach frischem. Schließlich gesellte sich der Duft eines aufdringlichen Parfüms hinzu. Als Bount sich umdrehte, sah er ein braunes Mädchen mit wirrem Haar und blitzenden Zähnen. Er schätzte es auf zwanzig Jahre. Es war barfuß und auch sonst nicht eben übermäßig bekleidet. Eigentlich trug es nur ein buntes Tuch, das es über der linken Schulter verknotet hatte. Auf dieser Seite klaffte es auseinander und gab den Blick auf ein formschönes Bein und eine aufregende Hüfte frei. Es stand wie ein Denkmal. Nur sein Lächeln war lebendig. Ein lockendes Lächeln.

Bount vermutete, dass es sich um eine Enkelin des Alten handelte. Wurde sie als Aperitif geboten, damit die Muscheln genießbarer waren?

Bount deutete auf den Stuhl neben sich. Er hatte die Hoffnung, von der grazilen Schönheit mehr als von dem Alten zu erfahren. Sie rückte näher. Ihre bloße Hüfte rieb sich an seiner Schulter. Das Tuch schlug noch weiter zurück. Sie trug wirklich nur das Tuch. Sie blieb dicht neben ihm stehen und sagte nichts.

„Setzen Sie sich doch!“, forderte er sie auf.

Da kauerte sie auch schon auf seinen Knien und schlang die Arme um seinen Nacken. Ihre Lippen gingen auf die Suche. Bount drückte sie sanft von sich weg.

„Es ist noch ein bisschen früh“, sagte er grinsend. „Wie heißt du überhaupt?“

Details

Seiten
1400
Jahr
2018
ISBN (ePUB)
9783738919196
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (Juni)
Schlagworte
krimi sommer festival thriller seiten spur nichts romane

Autoren

  • Alfred Bekker (Autor:in)

    1235 Titel veröffentlicht

  • Horst Bieber (Autor:in)

  • Horst Bosetzky (Autor:in)

  • Wolf G. Rahn (Autor:in)

  • A. F. Morland (Autor:in)

  • Theodor Horschelt (Autor:in)

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Titel: Krimi Sommer Festival 10 Thriller, 1400 Seiten: Die Spur führt ins Nichts und andere Romane