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Sammelband 4 Western: Die mörderischen Sieben und andere Western

von Alfred Bekker (Autor:in) Heinz Squarra (Autor:in) Hans W. Wiena (Autor:in)
©2018 500 Seiten

Zusammenfassung

Sammelband 4 Western: Die mörderischen Sieben und andere Western
Dieses Buch enthält folgende Western:

Heinz Squarra: Die mörderischen Sieben

Hans W. Wiena: Drei auf dem Weg zur Hölle

Alfred Bekker: Der lange Schatten des Jake McCann

Heinz Squarra: Tötet die Schlangenbrut

US-Marshal Brent Hayes ist im Auftrag des Gouverneurs unterwegs, um Jake McCann festzunehmen. Seinen Marshal-Stern trägt Hayes in der Westentasche, denn in New Mexico kann der ihm nicht helfen. Wird er es überhaupt schaffen, bis zu McCann vorzudringen, denn der hat seine Helfer überall...

Cover Firuz Askin

Leseprobe

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Die mörderischen Sieben

Western von Heinz Squarra

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Der Umfang dieses Buchs entspricht 112 Taschenbuchseiten.

Midwest, eine Beinahe-Geisterstadt im Wilden Westen. Hier leben nur noch ein paar alte Männer, wenn man das „leben“ nennen kann. Eines Tages kommen zwei zwielichtige Strolche in den Ort. Sie bleiben nur kurz, aber ihr Erscheinen löst eine unheilvolle Kettenreaktion aus, die nach und nach auch anderen Menschen Tod und Verderben bringt. Kann Marshal Ron Luman aus Upton noch etwas retten?

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© Cover: Hugo Kastner, 2018

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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1

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Die beiden Reiter kamen aus den Hügeln, verfolgt von ein paar kehlig schreienden Dakotas, die aus Gewehren schossen und nicht einsehen wollten, dass sie die Männer nicht mehr einholen konnten. Ol Russ und Zane Grainer feuerten aus Colts hinter sich. Sie galoppierten über die Hügelkuppe hinweg und sahen eine Ansammlung Hütten und Ruinen in einem weiten Tal, hinter dem flaches Prärieland begann.

»Das schaffen wir, Partner!«, brüllte der stoppelbärtige, schmutzige Ol Russ seinem ebenso heruntergekommenen Freund zu. Sie gaben den Pferden die Sporen und hieben ihnen die achtkantigen Revolverläufe zwischen die Ohren.

Gequält schnaubten die abgehetzten Tiere, die ihre letzten Kräfte einsetzten.

Sie befanden sich am Fuß des Hügels, als die Dakotas auf der Höhe erschienen und hinunter in die Staubschwaden feuerten. Doch sie waren schlechte Schützen, ungeübt mit den Waffen der Weißen, und so trafen sie nicht.

Rasch entfernten sich die beiden Gehetzten Richtung Midwest, dem kleinen, verlassenen Nest, an dem unübersehbar der Verfall nagte.

Ol Russ lachte befreit, als er bemerkte, dass die Indianer aufgaben. Und Zane Grainer jagte die letzten beiden Kugeln zum Hügel hinauf, obwohl er genau wusste, dass sie schon zu weit entfernt waren. Sie trieben die Pferde nicht mehr an, ließen sie langsamer gehen, beobachteten die Gegner aber noch und luden die Revolver nach.

Die Indianer zogen die Pferde herum und tauchten hinter den Hügeln unter. Sie kehrten zurück zu den in der Abenddämmerung grau emporsteigenden Bighorn Mountains, zu den blaugrünen Tannenhängen, die sich nun schwarz zu färben schienen.

»Das war verdammt knapp.«

Ol Russ spuckte in den Sand und wischte über sein schmutziges Gesicht; die Bartstoppeln knisterten.

»Knapp, aber nicht zu knapp.« Zane Grainer grinste. »Nur die Guten sterben jung. Und zu denen gehören wir zwei ja nun wirklich nicht.«

Da begann auch Russ schief zu grinsen. »Nein, Kumpan, das kann man wirklich nicht behaupten.«

Sie lachten lauthals. Russ schaute noch einmal sichernd zurück. Danach konzentrierte sich das Interesse der beiden finsteren Typen auf die Häuser, die Ruinen, das wild wuchernde Gestrüpp und die Reste von Zäunen, die einmal zu Korrals und Gärten gehört hatten.

»Hier ging früher die Poststraße zu den Goldfeldern durch.« Russ spuckte erneut ins Büffelgras. »Aber seit sie im Osten die Eisenbahn nach Norden bauten, ist auf der Straße natürlich nichts mehr los. Die Wells Fargo hat die Postlinie eingestellt.«

»Was du alles weißt!«, staunte Grainer. »Neben dir kommt man sich richtig klein vor, Ol.«

Russ grinste freundlich herablassend, dann schaute er wieder auf die Stadt.

Der Saloon, ein kastenförmiges, doppelstöckiges Gebäude, ragte hoch über die anderen Dächer hinaus. Abgeblätterte Farbe und zerschlagene Fensterscheiben deuteten, dass hier wirklich niemand mehr lebte. Doch aus der schiefstehenden Blechesse kräuselte sich Rauch und bewies das Gegenteil.

Als sie auf die unkrautüberwucherte Main Street einschwenkten, sahen sie Männer in der Stadt.

»Man hat die Schüsse bis hierher hören können«, stellte Russ fest.

»Ich mag Empfangskomitees nicht!«, knurrte Grainer.

»Man hat das Gefühl, ihre Blicke könnten einen durchbohren, was?«

»Genau!«, zischte Grainer. »Haben wir unsere Spuren gut verwischt?«

»Ich denke schon. Und wenn nicht, haben es die Rothäute besorgt.«

»Trotzdem sollten wir uns hier nicht aufhalten.« Grainer blickte auf die Männer.

Es waren durchweg ältere, abgerissene Gestalten, der Jüngste war vielleicht fünfundfünfzig, und Grainer missfiel, dass auch der älteste der Männer einen schweren Revolver und einen mit gelben Geschossen gefüllten Patronengurt trug, ein in den Städten selten gewordenes Bild.

»Etwas essen und trinken müssen wir schon«, murmelte Russ. »Mir kommt die Zunge schon wie ein Reibeisen vor, und mein Magen scheint Falten zu haben.«

»Aber wir hauen hier wieder ab!«, beharrte Grainer. »Sie sind zu siebt!«

Russ blickte auf die zusammengefallenen Holzhütten. Die Wände einer verlassenen Werkstatt hingen schief nach außen, das Dach war dazwischen gestürzt, und das Tor lag zerschlagen im Sand. Unkraut spross durch die Ritzen zwischen den Brettern.

Die Einwohner verteilten sich so, dass sie rechts und links der Main Street standen und ein kleines Spalier bildeten. Der Stallbesitzer, ein mittelgroßer, grauhaariger Mann, der leicht gebeugt ging, trat als einziger in die Mitte und verstellte den Reitern damit den Weg.

Sie verhielten. Russ tippte an seinen Hut. Er versuchte, die abtastenden Blicke zu ignorieren.

»Hallo!«, rief Grainer aufdringlich, fand jedoch bei den sieben alten Gesellen keinen Widerhall.

Nur der Salooner, ein dicker Mann mit Froschaugen, trat aus der linken Reihe und räusperte sich.

»Whisky, Steaks und Betten gibt es bei mir. Mädchen hab’ ich leider nicht mehr, Gentlemen.«

»Und warum nicht?« Russ grinste breit.

»Dreimal dürfen Sie raten, was sich hier oben verändert hat, Mister!«, schimpfte der Stallmann finster. »Wenn Sie es dann immer noch nicht wissen, verraten wir es.«

»Die sind auf Gott und die Welt sauer!«, raunte Grainer seinem Freund zu.

»Halt’s Maul!«

»Wollt ihr die Pferde einstellen?«, knurrte der Stallmann, der sich die alte, löchrige Melone in den Nacken schob.

»Sie können den Pferden Wasser und Futter geben, aber sie bleiben vor dem Saloon stehen!«, befahl Russ. »Wir reiten so schnell wie möglich weiter.«

»Warum denn so eilig?« Der Schmied, ein großer, klotziger Mann, schob sich näher heran. Sein Blick ruhte auf der Satteltasche, auf die Russ wie schützend die Hand legte. »Wir beißen doch nicht, Mister!«

»Kommen Sie in den Saloon, Gentlemen!«, rief der Keeper. »Sie haben Glück, heute wurde ein Rind geschlachtet. Es gibt saftige Steaks, zwei Stück für einen Vierteldollar!«

Grainer lief der Speichel bei diesen Worten im Mund zusammen. Und auch Russ wurde augenblicklich an seinen nagenden Hunger erinnert.

»Macht doch ein bisschen Platz, damit die Gentlemen absteigen können!«, verlangte Lindon Mack, der dürre, weißhaarige Storebesitzer, der mit siebzig Jahren der älteste der abgerissenen Männer war.

Sie begriffen wohl jetzt, dass sie sich zu aufdringlich gebärdet hatten und vergrößerten den Kreis.

Grainer saß ab, führte sein Pferd an die zur Hälfte abgeknickte Zügelstange vor dem Saloon und band es an. Russ hatte keine Wahl mehr, er folgte dem Beispiel seines Partners. Der Keeper komplimentierte sie in sein finsteres Holzhaus und zündete die Petroleumlampe über dem Tresen an.

Russ schaute sich um. Der Saloon sah von innen genauso trostlos aus wie von außen. Nur noch wenige unbeschädigte Tische und Stühle standen in dem Raum, die meisten lagen zertrümmert auf einem Haufen an der hinteren Wand. Eine Treppe führte mittendrin ins Obergeschoss, wo eine Galerie angebracht war, von der aus es zu einer ganzen Reihe von Zimmern ging. Die kunstvoll gedrechselten Stäbe der Brüstung zeugten von den besseren Tagen der kleinen Stadt; doch waren einige bereits zerbrochen, andere fehlten.

Der dicke Keeper polierte die Theke mit einer zusammengeknüllten Schürze und schenkte Whisky ein. Ein anderer Mann begab sich freiwillig in die Küche, schürte das Feuer im Herd und suchte nach der Bratpfanne.

»Fremde geben gewöhnlich eine Runde aus«, meinte der Stallmann grinsend.

»Wir sind ja auch nicht viele«, setzte der Wagenbauer, ein gedrungener Mann von über sechzig, hinzu; er rieb sich die Knollennase und schob sich leutselig näher an die beiden Fremden heran.

»Wenn es unbedingt sein muss«, brummte Russ, der Streit vermeiden wollte.

Sofort baute der Keeper weitere Gläser auf. »Es wird schon Nacht, Mister. Wollen Sie nicht doch bis morgen bleiben? Meine Zimmer sind prima in Ordnung und nicht teuer. Sie können auch eins mit zwei Betten haben.«

»Wir reiten weiter. Prost!« Russ griff nach seinem Glas und trank es in einem Zug leer.

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Die Dunkelheit verschluckte die beiden Reiter, noch bevor sie das Ende des Nestes erreichten.

Vor dem Saloon standen die sieben alten Männer und schauten dahin, wo sie die beiden eben noch gesehen hatten.

»Der hat Silbermünzen in der Tasche«, sagte der gedrungene Wagenbauer mit der Knollennase. »Und nicht zu wenig.«

»Was ist viel und was ist wenig?«, wollte der Schmied wissen.

Der Keeper grinste freundlich. »Für einen reichen Mann ist ein Dollar wenig. Für einen armen Schlucker, der am Hungertuch nagt, ist es verdammt viel, Orson!«

»Zum Teufel, wieviel?«

Der Keeper hob langsam die Schultern. »Ein paar tausend Bucks könnten es gut und gern sein.«

»Ein paar ...« Der Stallmann schwieg verblüfft einige Sekunden. »Bist du sicher, dass es so viel ist?«

»Ganz sicher.«

»Sie kommen bestimmt von den Goldfeldern«, murmelte der Schmied. »Werden ihre Nuggets in Silberlinge umgewechselt haben.«

»Und kein Hahn kräht nach denen«, sagte der Storebesitzer, der mit gespreizten Fingern durch sein schlohweißes Haar fuhr.

Sie schauten sich mit teuflisch blitzenden Augen an und dachten an die Dollars der Fremden.

»Die Pferde der Kerle sind ganz schön ausgepumpt«, verkündete der Stallmann. »Weit reiten die heute nicht mehr.«

»Sie wollen nach Upton zur Eisenbahn«, erklärte der Keeper. »Und sie wollten wissen, wie weit das ist. Ich habe gesagt, es wären zwei Dutzend Meilen.«

»In Wirklichkeit sind’s nur zwölf.« Der Schmied grinste sadistisch. »Das ist gut, Ritchie. Dann glauben die Kerle, dass die Gäule es nicht an einem Stück durchstehen werden.«

»Aber wer?«, fragte der gedrungene Wagenbauer direkt. »Alle?«

»Jemand muss in der Stadt bleiben!«, widersprach der Barbier, Zion Rosen, ein kleiner, geiernasiger Mann.

»Vier reiten und drei bleiben!«, entschied der Schmied mit barsch gewordener Stimme. Er wollte verhindern, dass die alten Männer aus Angst die einmalige Gelegenheit nicht nutzen würden.

Luman, der Stallmann, trat etwas zurück, als wollte er den Kreis verlassen.

Der Schmied sah es sofort. »Was ist, John, kriegst du schon kalte Füße?«

»Wir sollten vielleicht noch mal darüber nachdenken.«

»Die schickt uns der Himmel, du Idiot! Wer kommt denn hier noch durch? Alles steigt schon weit im Norden in die Eisenbahn, weil das viel schneller geht und ungefährlicher ist. Die Kerle kamen aus den Bergen und können den Zug erst in Upton kriegen.«

»Und sie hatten Glück, dass sie nicht von den Indianern massakriert wurden«, ergänzte der Wagenbauer schroff.

»Du sagst es, Abraham.«

Houston, der Wagenbauer, griente erfreut und fuhr sich über die Knollennase, die der Eifer zu röten begann.

»Vier reiten und drei bewachen die Stadt, obwohl das kaum nötig sein wird, die Rothäute lassen uns ja in Frieden.«

»Die lauern auf andere, die sich an den Rand der Berge wagen«, stellte der Keeper fest. »Orson hat recht. Nach denen kräht bestimmt kein Hahn.«

»Wir knobeln es aus!« Der Schmied schob die anderen Männer vor sich in den Saloon und folgte ihnen. Und weil der Keeper keine Anstalten machte, hinter den Tresen zu treten, tat der Schmied es selbst.

Er holte den Knobelbecher aus dem Regal, schüttelte die drei Würfel und knallte den Becher mit der Öffnung nach unten auf den Schanktisch. Gläser schlugen klirrend zusammen.

»Die mit den höchsten Zahlen bleiben in der Stadt«, sagte der Stallmann kratzig. Schweiß perlte auf seiner Stirn.

»Du hast ja eine Mordsangst, John!«, höhnte der Schmied. »Dabei pfeifst du doch genauso auf dem letzten Loch wie wir und kannst die Bucks dringend gebrauchen.«

»Wird fair geteilt?«, wollte der Barbier wissen, der auch mit einem Schweißausbruch zu kämpfen hatte.

»Jeder bekommt den gleichen Anteil!«, versprach der Schmied. »Aber erst, wenn etwas Gras über die Sache gewachsen ist.«

Der klotzige Schmied hob den Knobelbecher an und wurde noch bleicher.

»Dreimal die eins«, sagte der Salooner und atmete erleichtert durch. »Du bist auf jeden Fall dabei, Orson!«

»Was soll’s, ohne mich läuft es ja doch nicht.« Orson Kanis stellte den Becher aus der Hand und schenkte sich Whisky ein.

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Der Hufschlag verklang in der Nacht.

Ritchie Cahn, der Salooner, wischte wieder mit der zusammengeknüllten Schürze auf der Theke herum. Zion Rosen stand auf der anderen Seite des Schanktisches und spielte mit seinem leeren Glas. John Luman, der Stallmann, saß an einem Tisch und starrte die Schwingtür an. Darüber hing noch Staub in der Luft.

»Vielleicht reiten die Kerle doch die ganze Nacht durch«, murmelte der Barbier. Ein ganz klein wenig klang es, als würde er sich das wünschen.

»Ausgeschlossen, das schaffen die Gäule nicht, Zion!«, widersprach der Stallmann sofort. »Die reiten ein paar Meilen, weil sie denken, das würde genügen. Bestimmt halten sie uns für Feiglinge, die sich nicht aus der Stadt wagen, schon gar nicht bei Nacht!«

Der Keeper nickte. »Du sagst es.«

»Und morgen, wenn unsere Leute wieder hier sind, befassen sich Geier und Wölfe mit den Toten«, fuhr der Barbier fort. »Wenn sie wirklich irgendwer zufällig finden sollte, sind die Spuren verwischt und die Skelette nicht mehr zu erkennen.«

»Dein Wort in Gottes Ohr.«

John Luman stand auf und kam an den Tresen.

»Ich fühle mich jedenfalls gar nicht wohl dabei.«

»Und wenn die Bucks in ein paar Tagen geteilt sind, kann jeder machen, was er will«, redete der Barbier weiter. Er begann verklärt zu lächeln. »Ich lade meinen Krempel auf den Wagen und fahre nach Upton. Dort lasse ich mich nieder.«

»Und du solltest nach deinem Stiefsohn suchen, John«, schlug der Salooner vor. »Wer weiß, vielleicht ist ein reicher Mann aus ihm geworden!«

»Aus Ron?« John Luman verzog das Gesicht. »Um reich zu werden, muss man ein großer Egoist sein.«

»Hast du denn gar keine Ahnung, was aus ihm geworden ist?«

Luman schüttelte den Kopf. »Er hat mir noch zweimal geschrieben. Und er weiß ja nicht, dass ich mir die Briefe vorlesen lassen muss.

»Ach du meine Güte!«, rief der Barbier. »Warum hast du das denn nicht gesagt! Ich hätte dir einen Brief geschrieben! «

»Vergiss es.« Der Stallmann stampfte zur Tür, schob die Flügel auseinander und trat hinaus.

Silbernes Mondlicht lag über dem Hügelland vor der Bergkette. Hütten und Ruinen warfen schwarze Schatten.

Das Knallen einer Peitsche erreichte die Ohren des alten Mannes. Er duckte sich, griff zum Colt und trat an den Rand des Bretterfußwegs.

Von zwei Pferden gezogen näherte sich ein nicht sehr großer Planwagen aus nördlicher Richtung.

»Ritchie, Zion!«, zischte der Stallmann. »Schnell, kommt her!«

Die beiden hasteten aus dem Saloon. Luman deutete nach Norden.

»Ein Wagen!«, stieß der Keeper verwirrt hervor. »Verdammt und zugenäht, erst lässt sich wochenlang kein Aas hier blicken, dann fallen sie wie die Heuschrecken über uns her. Was nun?«

»Gar nichts«, gab der Barbier zurück. »Wir sagen so wenig wie möglich!«

Schon waren zwei Personen auf dem Bock unter dem Halbrund der grauen Plane zu erkennen.

»Dort brennt noch Licht, Jubal!«, rief eine helle Frauenstimme. »Das wird der Saloon sein.«

»Sehe ich selbst«, schimpfte eine schroffe, tiefe Stimme.

Die drei alten Männer vor dem Saloon traten auf die Main Street hinunter.

»Hallo!« Keeper Ritchie Cahn winkte.

Luman hatte vorsichtshalber den Revolver gezogen und den Hammer gespannt.

»Es ist eine Frau dabei!«, raunte Rosen ihm zu.

»Na und?«

»Wenn eine Frau dabei ist, sind sie sicher harmlos.«

Luman fluchte, entspannte den Colt und schob ihn ins Holster.

Der Wagen erreichte den Saloon. Die Pferde wurden vom Salooner angehalten.

»Hallo, Leute, ich bin Rhona!« Die Frau sprang vom Bock. Sie war hochgewachsen, hatte langes, rotes Haar und ein helles Gesicht mit wässrig wirkenden Augen und Sommersprossen.

Sie trug eine rote Bluse, einen schwarzen, weiten Rock mit Lackgürtel, schwarze Stiefel und eine Menge glitzernder Glasperlenketten. Und sie wirkte ungemein attraktiv auf die alten Männer der verlassenen Stadt.

Ein ebenfalls großer, schwarzer und finster wirkender Mann kletterte auf der anderen Seite bedeutend langsamer als Rhona vom Wagen und trat vor die Pferde. Mit seiner doppelreihigen schwarzen Jacke, den gestreiften Röhrenhosen, den Texasstiefeln, einem tiefgeschnallten Peacemaker und dem flachen schwarzen Hut wirkte er wie ein Spieler auf die drei alten Männer und das war er auch. Seine Augen musterten die drei Männer der Reihe nach mit eindringlicher Schärfe.

»Ist sonst niemand hier?«

»Ich bin der Salooner, und er ist der Stallmann.« Ritchie Cahn deutete auf Luman. »Genügt das nicht?«

»Sie wollen sicher die Pferde einstellen?«, fragte Luman geschäftstüchtig.

»Ja, sie brauchen dringend ein paar Tage Ruhe«, erwiderte der Fremde, der auf die Häuser gegenüber blickte. »Aber wenn hier gar nichts los ist ...«

»Wo liegt die nächste richtige Stadt?«, fragte Rhona.

»Das ist noch ziemlich weit«, wich Luman aus. »Mit den abgetriebenen Gäulen würden Sie einige Tage brauchen ...«

Der Fremde und die Frau schauten sich an.

»Wenn ich es richtig sehe, machen wir hier keinen müden Dollar, Jubal!«

»Du siehst es richtig.« Jubal Cotter grinste schief und säuerlich.

»Aber die Gäule fallen um!«, mahnte der Keeper.

»Und wenn euch Indianer über den Weg laufen, seht ihr ziemlich alt aus!«, schlug Luman in die gleiche Kerbe.

»Wir sollten lieber zusehen, dass wir sie loswerden!«, flüsterte der Barbier dem Keeper ins Ohr.

»Was gibt’s denn zu tuscheln?«, brauste Rhona auf. Blitze schienen aus ihren hellen Augen zu schießen.

»Er wollte nur wissen, ob er Ihnen vorschlagen soll, das Haar in neue Wellen zu legen, Madam. Er hat ein speziel...«

»Ich habe Naturlocken!«, schimpfte die Frau. »Ist er Barbier? Dann müsste er das eigentlich sehen.«

»Es ist ziemlich dunkel«, entschuldigte sich Zion Rosen.

»Was ich noch sagen wollte: Wir haben heute früh ein Rind geschlachtet«, versuchte der Keeper abzulenken. »Saftiges Fleisch, Madam. Allererste Qualität!«

»Ja, Hunger habe ich auch, Jubal.« Die rothaarige Frau schaute den Spieler erneut an.

»Wie sind denn die Gästezimmer?«

»Ganz fabelhaft!«, brüstete sich der Keeper sofort. »Sie werden staunen!«

»Also gut, wir bleiben.« Jubal gab dem Stallmann einen Dollar und schob Rhona vor sich auf den Fußweg vor dem Saloon zu.

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4

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Ein Wolf heulte gespenstisch im Gestrüpp auf der Hügelflanke. Die beiden Pferde rückten dichter zusammen.

Ol Russ, der stoppelbärtige Geselle aus den Bergen, lag schlaflos in seine Decke gerollt und hob jetzt den Kopf vom Sattel.

Zane Grainer wälzte sich herum. Auch er war wach. »Ist was?«

»Die Gäule sind unruhig.«

»Das ist der Wolf. Ein alter, zahnloser Einzelgänger, scheint mir. Der ist nicht gefährlich.«

Grainer schloss die Augen.

Auch Ol Russ versuchte zu schlafen, aber er fand keine Ruhe und setzte sich schließlich auf.

Das Gestrüpp schien zu rascheln.

Russ griff zu dem neben ihm liegenden Gewehr und repetierte es.

Grainer fuhr sofort hoch. »Was hast du denn?«

»Das weiß ich auch nicht. Ich muss an die alten Teufel in dem verdammten Nest denken.«

»Von dort sind wir einige Meilen weg.«

»Und wenn schon. Der Keeper hat mir auffallend neugierig in die Tasche gelinst.«

»Du glaubst ...«

»Ich glaube gar nichts, aber hier stimmt etwas nicht!« Russ schlug die Decke zurück.

Abermals schnaubte eins der Pferde. Gestrüpp raschelte hinter den Halunken, aber dieses Geräusch konnte von den Tieren verursacht worden sein.

»Wer ist da?«, brüllte Russ.

In diesem Augenblick fiel ein Schuss. Eine Stichflamme leckte durch das Gestrüpp. Grainer, der aufspringen wollte, wurde getroffen und stürzte mit einem gurgelnden Schrei zurück.

Russ schoss blindlings um sich. Als er herumschnellte, sah er eine Gestalt. Ein Messer blitzte im Mondschein, wirbelte ihm entgegen und bohrte sich in seine Brust.

Der muskulöse Schmied aus dem verlorenen Nest am Rand der Berge ging rechtzeitig in Deckung. Denn Russ drückte noch einmal ab. Die Kugel verfehlte ihr Ziel und pfiff durch das Gestrüpp.

Russ stürzte auf die Knie.

Die Männer kamen von allen Seiten und hielten gnadenlos auf ihre beiden Opfer; einer bewegte sich schon nicht mehr, der andere fiel aus dem Sattel und kippte zur Seite.

Die Pferde ergriffen wiehernd die Flucht.

»Verdammt, die Tasche!«, schrie eine heisere Stimme.

»Die ist doch hier.« Der Schmied hob sie auf. »Alles in bester Ordnung, Leute!«

»Sieh nach, ob die Silberlinge drin sind!«

»Wo sollten sie sonst sein?«

»Sieh trotzdem nach, Orson!«, verlangte der Wagenbauer. »Wir müssen es genau wissen.«

Orson Kanis sah nach. »Ja, sie sind drin. Und wenn die Zeit dafür reif ist, werden sie geteilt. Ihr vertraut mir doch?«

»Natürlich«, stimmte der Wagenbauer zu, als ihn der Blick des Schmieds traf.

»Wollen wir sie hier liegenlassen?«, fragte der alte Storebesitzer, dem das weiße Haar in traurigen Strähnen unter dem Hut hervorhing.

»Was soll sonst mit ihnen passieren?«

»Wir könnten sie beerdigen.«

»Hast du an Werkzeug gedacht?«

»Nein.«

»Na also, was soll das Geschwafel dann! Los, wir verschwinden!«

Sie hasteten zu den weit entfernt abgestellten Pferden zurück und schwangen sich in die Sättel.

Da war das Geheul des einsamen Wolfes wieder zu hören.

»Der wird sich über sie hermachen.« Der Schmied trieb seinen stämmigen Wallach an und galoppierte nach Norden.

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Rhona stand am Fenster des kleinen, muffigen Zimmers und blickte hinunter auf die Main Street, die verlassen zwischen den Häuserzeilen lag.

»Was hast du denn nur?«, fragte der Spieler, der sich im ächzenden Bett auf die andere Seite drehte.

»Das ist ein komisches Nest, Jubal. Und dass hier nur drei Männer leben sollen, will mir nicht in den Kopf. Es gibt mehr als drei Häuser, die noch Fenster und Türen haben.«

»Du hast vielleicht Probleme!«, stöhnte Jubal Cotter. »Das Steak war gut und über den Whisky kann man auch nicht klagen. Noch nicht mal beim Bezahlen hatte ich den Eindruck, reingelegt zu werden. Hier halten wir es ein paar Tage aus.«

Plötzlich tauchte vor dem Vordach genau unter Rhona eine Gestalt auf, die aus dem Saloon gekommen sein musste. Aber da keine Lichtbahn mehr herausfiel, konnte da unten die Funzel auch nicht mehr brennen.

In der nächsten Sekunde bemerkte das Mädchen am Fenster ein paar Reiter, die sich von Süden näherten.

Der Mann auf der Main Street repetierte ein Gewehr. »Orson, seid ihr es?«

Der leise Hufschlag verklang.

»Natürlich«, schallte es zurück.

Der Spieler erhob sich. Er war nur mit einer schwarzseidenen Hose bekleidet. Den Revolver vom Nachttisch nahm er mit.

»Nun sieh dir das an, da kommen noch mehr.« Rhona schaute den Mann an.

Er lächelte. »Es kommt eben vor, dass selbst in einem kleinen Nest mehrere Leute an einem Tag ankommen.«

»Aber das sind keine Fremden.«

»Wieso?« Eine steile Falte bildete sich auf der Stirn des Spielers.

»Na, der hat den Reiter doch mit seinem Namen angerufen.«

»Ach?«

Inzwischen kamen die drei Männer, die Rhona und der Spieler kannten, über die Main Street. Alle mussten im Saloon gewesen sein.

»Was ist denn passiert?« Die Reiter verhielten bei einem schiefhängenden Zaun.

»Nicht so laut, zum Teufel!«, schimpfte der Salooner.

»Da stimmt doch was nicht.« Rhona starrte auf ihren Atem, der sich auf der Fensterscheibe niederschlug.

»Es ist in der Tat merkwürdig, wie sie sich gebärden.« Der Spieler sah, wie die Gesichter dem Saloon zugewandt wurden, auch wenn er sie nicht unterscheiden konnte.

»Sie reden von uns«, sagte Rhona.

»Sie wollten uns eigentlich los sein. Aber ihnen stachen auch die Dollars in den Augen, die sie an uns verdienen können. Und so entschieden sie sich für die Dollars.«

»Wie es die Menschen meistens tun.«

»Du sagst es, Schatz.« Der Spieler küsste das Mädchen, gähnte und ging zum Bett zurück. »Komm ins Bett. Die alten Kerle werden irgendwas Harmloses unternommen haben.«

»Nein, nein!«, beharrte das Mädchen. »Da stimmt etwas nicht, Jubal, glaub’ mir. Ich spüre so was!«

Jubal Cotter schloss die Augen und versuchte zu schlafen. Er war müde von der langen Wagenfahrt von Norden herunter, und er war missmutig, weil es in diesem Nest für ihn kaum einen Dollar zu verdienen geben würde.

Bevor er einschlief, dachte er noch daran, dass sich die Chancen durch die Ankunft weiterer Männer erhöhten. Aber wenn sie hierhergehörten, waren sie arme Schlucker. Andere Leute blieben nicht hier draußen in der zerfallenden Stadt, in der es nichts mehr zu verdienen gab.

»Sie sind immer noch da«, sagte Rhona.

Der Spieler hörte sie bereits nicht mehr.

Rhona blieb am Fenster. Drüben am Mietstall stiegen die vier Reiter ab und führten die Tiere in das Stallgebäude. Eine Sturmlaterne wurde angezündet. Einer tauchte wieder auf, blieb aber an der Wand stehen.

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»Du bist ein hirnverbrannter Idiot, Ritchie!«, grollte der Schmied. »Ihr hättet sie dazu bringen müssen weiterzufahren! «

»Wir dachten ...«

»Ich hab’ gar nichts gedacht!«, unterbrach Rosen, der Barbier, den Keeper. »Ich kann an den beiden ja auch nichts verdienen. Sie hat Naturlocken, sagte sie. Und diese Kartenhaie lassen sich die Haare erst abschneiden, wenn sie beim Gehen drauftreten.«

»Und dann nimmt er, falls er clever ist, eine Schere und erledigt das selbst.« Der Wagenbauer grinste den geiernasigen Barbier ironisch an.

Rosen fluchte grimmig.

»Ich dachte doch nur, sie könnten euch ins Gehege kommen, Orson«, sagte der Wirt.

»Uns? Wie denn das?«

»Sie kamen auch von Norden, wie die beiden anderen. Und sie wären bestimmt auf dem Wagen weg nach Upton weitergefahren.«

»Dummes Zeug, uns konnten die doch nie und nimmer einholen. Nein, du wolltest sie um ein paar Dollars erleichtern. Und Luman dachte auch nur an den Zaster. Verdammt, streitet es nicht noch ab, sonst rede ich mich richtig in Wut!«

Der Zorn packte den Schmied immer mehr, und er war nahe daran, dem Keeper einen Kinnhaken zu versetzen.

»Was ist denn schon dabei, wenn ein Spieler mit seinem Mädchen hier ein paar Tage herumhängt«, versuchte der Stallmann abzuschwächen. »Ihr wollt doch sowieso Gras über die Sache wachsen lassen.«

»Wenn doch irgendjemand kommt, der dusselige Fragen stellt, dann könnten die beiden sagen, wir wären zu viert nachts in die Stadt gekommen. Das ist dabei!«

Kanis, der Schmied, trat dem mittelgroßen, grauhaarigen Stallmann drohend entgegen. »Hast du kapiert, John?«

Luman ließ den Kopf sinken. »Ja, natürlich.«

»Es wird schon schiefgehen«, versuchte der Wagenbauer zu vermitteln.

»Sie steht immer noch am Fenster«, meldete der Storebesitzer. »Und sie beobachtet uns.«

»Blödsinn, sie kann uns gar nicht sehen«, brummte Luman im Stall.

»Aber sie schaut herüber!«

Orson Kanis fluchte und ging im schmalen Stallgang hin und her.

Die eingestellten Pferde stampften hart ins Stroh. Der Schmied betrachtete die Wagenpferde und sagte: »Weit gelaufen sind sie ja wirklich. Die lässt er sicher zwei Tage stehen, wenn er ein bisschen was von Pferden versteht.«

Der Wirt nickte bekümmert. »Darauf werden wir uns einrichten müssen. Aber was sind schon zwei Tage?«

Orson Kanis wanderte wieder durch den Gang.

»Jetzt gibt sie auf«, sagte der alte Mann draußen an der Wand. »Na endlich!«

Kanis blieb vor dem Wirt stehen. »Habt ihr etwas gesagt, euch irgendwie verraten?«

»Nein, wo denkst du hin!«, rief Ritchie Cahn beschwörend. »Kein Sterbenswörtchen wurde geredet.«

»Und von uns?«

»Nichts, Orson. Ehrlich nicht. Wir haben euch überhaupt nicht erwähnt.«

»Wenn es nicht stimmt, kannst du was erleben!« Der Schmied stampfte aus dem Stall.

Erleichtert atmete der Keeper durch. Die anderen schauten Kanis nach, der an der Wand eine alte Satteltasche aufhob und mitnahm.

»Viertausend Bucks!« Houston, der Wagenbauer, grinste den Salooner, den Stallmann und Rosen an. »Wir haben es gezählt.«

»Das sind für jeden fünfhundert und ein paar Zerquetschte.« Lumans Blick verklärte sich. »Ja, das ist viel Geld. Dafür müsste ich normalerweise zwei Jahre arbeiten.«

»Und danach hättest du nichts übrig. Gute Nacht!« Wagenbauer Houston verließ den Stall ebenfalls.

Cahn folgte ihm und schaute zum Saloon hinüber, an den schmutzigen, teilweise zerschlagenen Fenstern empor.

»Sie hat sich nicht mehr blicken lassen«, flüsterte der alte Storebesitzer.

»Wie habt ihr sie ...? Ich meine, war es eine große Sache?«

»Beim ersten Mal ist es immer eine große Sache, Ritchie. Und zuerst denkt man, es geht gar nicht. Dann ist es ganz einfach. Wenn du schießt, denkst du nicht mehr. Wollen wir noch einen trinken?«

»Bist du des Teufels? Die hören uns doch und kommen am Ende aus ihrem Zimmer.«

»Bei mir im Store. Ein paar Flaschen von dem alten Bourbon hab ich noch.«

»Das ist ein Wort.«

»Sind alle eingeladen?«, knurrte der Stallmann.

»Selbstredend. Komm nur, John. Das müssen wir doch begießen.«

Luman schloss den Stall und folgte den Männern, die den Hof verließen. Als er das schiefhängende Tor erreichte, waren sie bereits vor dem Store. Rasch schlurfte er hinterher, betrat den finsteren Laden mit den längst ausgeräumten und teilweise verschwundenen Regalen, in dem wie im Saloon Trümmer und Müll in den Ecken lagen und einen fürchterlichen Gestank verbreiteten.

»Mach die Tür zu, damit uns keiner hört!«, rief der Storebesitzer.

»Willst du nicht eine Lampe anbrennen?«, fragte Rosen.

»Besser nicht. Deinen Mund findest du ja sicher auch im Dunkeln. Und das Glas, wie ich dich kenne, ebenfalls.«

Der Büchsenmacher rieb ein Schwefelholz an und leuchtete dem Storekeeper. Seine Hand zitterte stärker als gewöhnlich.

Alle bemerkten es, doch keiner verlor ein Wort darüber. Der Storebesitzer schenkte den Whisky ein. Und obwohl jeder mehrere Gläser trank, fühlten sie sich kaum besser.

»Jetzt kriegen wir alten Teufel Gewissensbisse«, stellte der Keeper schließlich fest. »Was mich angeht, mein Laden geht ja noch einigermaßen. Ich meine, hin und wieder verdiene ich ein paar Bucks. Aber bei dir zum Beispiel läuft ja absolut nichts mehr, Lou!« Er hieb dem Büchsenmacher Mattock kräftig auf die Schulter.

»Lass das und halt’s Maul. Lindon, schenk noch mal ein!«

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7

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Ein tiefes Knurren kam aus dem offenstehenden Maul des Wolfes. Steil hatten sich seine Ohren aufgerichtet und die Nackenhaare begannen sich zu sträuben.

Hufe knirschten im Sand. Im ersten Sonnenlicht tauchte ein Reiter auf dem Wagenweg hinter dem Dickicht auf. Er wäre wohl an den Toten vorbeigeritten, ohne sie zu bemerken, hätte der Wolf ihn nicht durch lautes Knurren aufmerksam werden lassen.

Die Zähne der Bestie schimmerten im frühen Sonnenlicht. Babcock, der an Gefahren gewöhnte Jäger aus den Bighorn Mountains, hielt seine schwere Sharps schussbereit in der Hand.

Da verschwand das Tier aus seinem Blickfeld. Das Buschwerk raschelte. Babcock hatte den Wolf beim Zerfleischen seiner Beute gestört. Schon flog der graubraune Körper aus dem Salbeigestrüpp.

Babcocks Packpferd wollte ausbrechen. Er ließ den Zügel fahren, schlug das Gewehr an und feuerte in dem Augenblick, da der Wolf zum Sprung ansetzte. Das Donnern zerriss die Stille des jungen Tages und hallte von den Bergen zurück. Die Kugel fuhr dem Wolf ins Maul und schleuderte ihn zu Boden. Der Körper zuckte, aber das Feuer in den Augen verlor sich bereits.

Das mit Fellen beladene Packpferd blieb in der Nähe stehen. Babcock lud die Sharps nach, stieg aus dem Sattel und häutete den Wolf ab. Dann sah er nach, was die Bestie hierhergelockt hatte.

Die beiden Toten waren schauderhaft zugerichtet, selbst dem hartgesottenen Fallensteller lief es kalt über den Rücken.

Zwischen den Schulterblättern der einen Leiche steckte ein Messer. Der Mann fasste es nicht an. Er sah sich nach Spuren um, entdeckte die Eindrücke von Hufen, die längere Zeit in der Nähe gestanden haben müssten; er folgte den Eindrücken und fand die beiden Tiere zweihundert Yard entfernt.

Er brachte sie zurück, sattelte sie, legte die Toten so darauf, wie er sie vorgefunden hatte und führte sie auf die vom Unkraut überwucherte Overlandroad.

Babcock rollte das Wolfsfell zusammen, lud es auf das Packpferd, saß auf und setzte den Weg nach Südosten fort.

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8

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Mit einem schrillen Pfeifen entwich weißer Dampf aus dem Druckventil der fünfzehn Tonnen schweren Baldwinlokomotive. Die schweren Eisenräder drehten auf den Schienen durch. Funken und schwarzer Qualm stoben aus dem Trichterschornstein. Der kurze Zug setzte sich in Bewegung.

Die Bewohner der kleinen Stationsstadt Upton liefen, solange es möglich war, neben den Wagen her und winkten den Menschen, die nach Süden fuhren, der Zivilisation in der Ferne entgegen.

Es handelte sich immer um das gleiche, faszinierende Schauspiel, das trotz mehrjährigem Eisenbahnbetrieb hier oben im Norden noch nichts an Attraktivität eingebüßt hatte. Sicher lag es auch daran, dass nur zwei Züge pro Woche hier ankamen.

Ron Luman gehörte zu den wenigen Bewohnern der Stadt, die die Ankunft und Abfahrt der schwarzen Ungetüme auf ihrem glitzernden Schienenstrang nicht begeisterte und der sich die Mühe sparte, am Bahnhof zu stehen; lauter Jubel war ohnehin nicht seine Sache.

Ron stand vor seinem kleinen Office mitten in der Stadt und blickte dem Reiter entgegen, der sich auf dem alten, von der Wells Fargo längst nicht mehr benutzten Wagenweg näherte. Der Reiter kam aus dem Flimmern, das die Nachmittagshitze über dem Busch und Prärieland zauberte. Er hatte drei Handpferde bei sich, die er an Longen führte, und er zeigte keine Eile.

An der Biberfellmütze und der Felljacke, die er trotz der Hitze nicht abgelegt hatte, erkannte Ron, dass es der Jäger Babcock war.

Am Ende der Stadt gab der Zug noch ein Pfeifen von sich, letzter Gruß an die immer noch winkende Menge; dann ratterte er schnell davon und wurde zu einem Punkt in der Feme.

Babcock erreichte die Stadt.

Ron stand immer noch vor dem Office an einen Vordachpfosten gelehnt. Er war ein hochgewachsener, sehniger Mann mit dunkelblonden Haaren, die halblang unter dem flachen, sandfarbenen Hut hervorhingen.

Ron trug ein kariertes Hemd, eine Lederweste darüber, Levis und Texasstiefel. Um seine Hüften schlang sich ein heller Patronengurt mit einem Colt 45 im Holster, und an der abgeschabten Lederweste steckte ein Stern, in dem sich das gleißende Sonnenlicht wie in einem Spiegel brach.

Als er erkannte, dass es zwei Tote waren, die auf den beiden vorderen Handpferden lagen, verließ er den Bretterfußweg und stieg die beiden Stufen hinunter.

Die ersten Menschen kehrten vom Bahnhof zurück. Schwarzer Rauch hing noch über der kleinen Stadt.

»Was ist denn das?« Poul Sumner, der Town Mayor, blieb gegenüber dem Office vor dem Saloon stehen und zog sich den Hut tiefer in die Stirn, um von der Sonne weniger geblendet zu werden.

»Zwei Tote offensichtlich«, sagte Ron Luman.

»Und warum schleppt er die hierher?«

»Das sollten Sie ihn selbst fragen, Mister Sumner.«

Ron lächelte dünn. Er ging dem Reiter entgegen. Eine Menschenmauer begann sich zu bilden.

Babcock verhielt beim Mietstall.

»Bestimmt von Indianern massakriert«, sagte eine Frau. »Diese fürchterlichen Wilden! Wann werden sie die Weißen endlich in Frieden lassen?«

»Vielleicht, wenn sie ihr Land wiederhaben oder tot sind«, erwiderte ein Mann höhnisch.

»Hallo.« Ron griff nach dem Kopfgeschirr von Babcocks Pferd.

»He, Babcock, warum bringst du uns die Toten?«, schimpfte der Town Mayor.

»Ich fand zwei herrenlose Pferde, außerdem Sättel und Gewehre, Sir.« Babcock grinste über das ganze Gesicht. »Das Zeug ist zusammen mehr wert als alle Felle, die ich in einem Monat zusammenkriege!«

»Und weiter?«

»Wenn ich das Zeug ohne die Toten hergebracht hätte, hätte mich eines Tages jemand verdächtigt, üblen Geschäften nachzugehen. Sie verstehen schon, was ich meine, Sir. Dem gehe ich aus dem Weg, indem ich die Leichen mitbringe. Die sind regelrecht von Kugeln durchsiebt worden. Pfui Teufel, müssen das lausige Halunken gewesen sein! Einer hat sogar noch ein Messer im Rücken.«

Ron ging weiter, sah den ersten mit dem Oberkörper nach unten hängenden Toten und in seinem Rücken das Messer. Er blieb jäh stehen, starrte das abgegriffene Heft an und musste sich an dem Pferd festhalten, weil er taumelte.

Es mochte viele solcher Messer geben, aber sicher kein zweites, in das auf stümperhafte Art die Buchstaben »J. L.«, eingeritzt waren.

»John Luman«, murmelte er. Schweiß brach ihm aus. Der Boden schien zu schwanken.

»Mein Gott«, flüsterte der Town Mayor neben dem Marshal erschüttert. »Hatten sie Geld in den Taschen?«

»Ich hab’ nicht nachgesehen«, entgegnete Babcock, der jetzt ächzend absaß. »Aber die Gäule, die Sättel und die Gewehre gehören mir, Sir, das sollte klar sein.«

»He, Ron, ist Ihnen schlecht?« Sumner stieß den Marshal an.

Ron zuckte zusammen. »Was? Nein.«

Sumner beugte sich erst an dem einen, dann am anderen Pferd hinunter, um die starren, blaufleckigen Gesichter der Toten anzusehen. Dann ging er zurück und schüttelte den Kopf. »Nie gesehen.«

»Bestimmt die Rothäute!«, zeterte eine Frauenstimme. »Man sollte dieses gottlose Gesindel endlich ausrotten.«

»Indianer pflegen ihre Opfer zu skalpieren, Madam«, erklärte der Town Mayor kühl. »Würde mich schon sehr wundern, wenn sie ihre Gewohnheiten geändert hätten.«

Die Frau verdrückte sich.

Sumner durchsuchte die Taschen der Toten und schüttelte erneut den Kopf. Die Leichen wurden auf den Boden gelegt. Babcock brachte die Pferde in den Mietstall.

Ron wandte sich ab, kehrte zum Office zurück, ging hinein und setzte sich in den alten Sessel hinter dem Schreibtisch. Der Town Mayor hatte den Sessel ausrangiert und hierhergebracht, als sie das Haus vor einigen Wochen fertigstellten und beschlossen, einen Marshal anzustellen.

Es war Zufall gewesen, dass Ron ausgerechnet zu dieser Zeit hier oben auftauchte, hier in der Stadt, die er bis dahin nicht kannte, obwohl er nur zwölf Meilen weiter in Midwest seine Jugend verbracht hatte. Doch damals gab es diese Stadt nicht, und später war Ron hierher nicht zurückgekehrt.

Er hatte Midwest nach dem frühen Tod seiner Mutter verlassen. Damals war die Stadt noch ein blühender Punkt in der Wildnis gewesen. Sie diente als Versorgungsstation für die Goldsucher auf dem Wege nach Norden. Wagen wurden in Midwest wieder flottgemacht, es gab ein Winterquartier und einen Saloon voller schöner Mädchen für die ausgehungerten Digger, die mit vollen Taschen von den Goldfeldern zurückkehrten.

Der alte John Luman hatte mit seinem Mietstall nicht so viel Geld scheffeln können wie die anderen, aber das kleine Unternehmen hatte genügend zum Leben eingebracht. Sie waren auch gut miteinander ausgekommen, obwohl Luman nur Rons Stiefvater war. Seinen richtigen Vater, einen Farmer, hatten Indianer umgebracht. Damals war er gerade ein Jahr alt gewesen, hatte ihm die Mutter berichtet.

Luman hatte nach der Hochzeit mit Rons Mutter darauf bestanden, dass auch Ron Luman heißen sollte, und so war es gekommen.

Er lächelte flüchtig, als er daran dachte, aber der Gedanke an das Messer ließ ihn sofort wieder ernst werden. Es war Lumans Messer. Ein Irrtum schied aus.

Seine Gedanken kehrten in die Vergangenheit zurück. Irgendwann hatte er vom Niedergang der Postlinie und der Stationen und Städte am Wagenweg gehört. Und er hatte dem Stiefvater zweimal geschrieben, aber keine Antwort bekommen. Vielleicht wollte der alte Luman nicht, dass Ron von seiner Armut erfuhr, vielleicht lebte er auch nicht mehr. Aber da war das Messer.

Draußen knarrten die Bretter. Der Town Mayor ging am Fenster vorbei und betrat das Office. Er kam näher und legte das Messer auf den Tisch.

Ron hatte das Gefühl, der wuchtige Mann würde ihn prüfend betrachten. Einen Moment fürchtete er sogar, Sumner könnte die Zusammenhänge kennen. Doch das war Unsinn. Hier waren die Leute erst hergekommen, als von Midwest kaum noch gesprochen wurde. Der alte Wagenweg und die Stadt lagen außerhalb der Verkehrswege, die heute benutzt wurden, und von den Weißen, die es hier gab, war der alte Trapper aus den Bighorn Mountains der einzige, der diese Verkehrswege verließ, von ein paar Abenteurern abgesehen, die gelegentlich durch die Stadt kamen.

Sumner wusste nichts von den Männern aus Midwest, und er wusste auch nichts von Rons Vergangenheit, weil sie darüber nie gesprochen hatten.

»Kennen Sie das?« Der Blick des wuchtigen Mannes war forschend, aber er ruhte auf dem Messer.

»Woher sollte ich es kennen?«, wich Ron aus.

»Ja, natürlich. Babcock sagt, die Toten hätte er ein paar Meilen südlich eines Nestes namens Midwest gefunden.«

»So?« Ron blickte am Town Mayor vorbei.

»Es gehört sicher nicht zu Ihren Aufgaben, aber ich möchte, dass hier in der Gegend Frieden herrscht. Sie verstehen?«

»Ich denke schon.«

»Wenn sich irgendwelche Halunken einbilden, in der Nähe von Upton Straßenräuberei betreiben zu können, kriegen wir den Ärger vielleicht auch an den Hals. So was muss im Keim erstickt werden.«

» Selbstverständlich.«

»Wann können Sie reiten?«

»In ein paar Minuten.«

Ron nahm das Messer und schob es in der Stiefelschaft. Er verließ das Office und wandte sich dem Mietstall zu.

Babcock feilschte noch mit dem Stallbesitzer.

Ron blieb an der Ecke stehen. Babcock war damals, als er noch mit seiner Mutter in Midwest gelebt hatte, noch nicht in der Gegend gewesen und kannte offenbar keine Zusammenhänge. Vielleicht wusste er nicht einmal Rons Namen, er wurde hier nur »Marshal« genannt.

»Du spinnst doch, Mahon!«, schimpfte der Jäger aus den Bergen. »Also da hört sich doch alles auf! Das sind doch keine zahnlosen Klepper, und ich bin kein Idiot, der nichts von Pferden versteht! Die sind beide fünfjährig und stehen bestens im Futter. Gut, sie sind ziemlich weit gelaufen in der letzten Woche. Aber wenn du sie ein wenig herausfütterst, kriegst du schon nächste Woche siebzig Bucks für jeden.«

»Und die willst du haben?« Der Stallmann tippte sich an die Stirn. »Du warst anscheinend zu lang in der Sonne, Babcock!«

»Ich will für die Gäule und die Sättel zweihundert. Und wenn du die nicht ausspuckst, nehme ich sie mit in die Berge und lasse sie laufen.«

»Hundertfünfzig!«

»Hundertneunzig. Aber das ist mein letztes Wort!«

»Mach doch, was du willst!« Der Stallmann winkte ab und wandte sich dem Stall zu.

Ron trat von der Ecke weg. Der Stallbesitzer sah ihn und blieb stehen.

»Sie können ein ganz gutes Geschäft oder gar keins machen, Mister!«, warnte Ron Luman. »Babcock ist keiner, der leere Drohungen macht.«

»Sie meinen, der verzichtet auf hundertfünfzig Dollar?« Der Stallbesitzer grinste ungläubig.

»Er verzichtet vermutlich auf jede Summe, wenn er das Gefühl hat, er soll übers Ohr gehauen werden.«

Babcock brummelte vor sich hin und führte die Pferde auf die Main Street. »Denen werden wir’s zeigen, zur Hölle!«

»Sie meinen, der blufft nicht?« Der Stallbesitzer wurde bereits unsicher.

»Garantiert nicht.«

»Verdammt, ohne Feilschen werden hier keine Geschäfte abgeschlossen. Da fehlt etwas. He, Babcock, alter Dickschädel, verdammt, nun warte doch!«

»Zweihundert!« Babcock blieb stehen.

»Also nun komm, wir waren doch schon mal bei hundertneunzig!«

»Das ist lange her. Zweihundert. Und wenn du noch lange überlegst, schlage ich was drauf!«

Ron ging weiter. Er war sicher, dass Babcock die Oberhand behalten würde, weil er der sturere war.

Er musste noch ein paar Kleinigkeiten für den Ritt kaufen. Während er zum Store ging, war er nahe daran umzukehren, um dem Town Mayor zu sagen, was er wusste und dann den Stern abzugeben, sein Pferd zu satteln und nach Süden zu reiten. Dann würde er nie erfahren, was aus dieser Mordsache wurde, was sein Stiefvater, dem er immerhin eine Menge verdankte, damit zu tun hatte.

Doch dann stand er im Store und kaufte Tabak, Zigarettenpapier, Schwefelhölzer und Patronen.

Sumner wartete vor dem Store. Als Ron heraustrat, sagte er: »Sie kommen bei Nacht dort an, wo Babcock die Toten gefunden hat. Warten Sie bis der Tag graut. Babcock reitet dann mit und zeigt Ihnen die Stelle. Sie können so leichter den Spuren folgen.«

»Ich finde die Spuren auch nachts, wenn es welche gibt.«

Ron ging an Sumner vorbei. Das fehlte ihm gerade noch, dass er einen Begleiter bekam, der ihn mit Fragen löchern konnte und vielleicht seinen Namen wissen wollte. Denn dass Babcock schon in Midwest gewesen war, um etwas zu kaufen oder ein paar Whisky zu trinken, das ließ sich nicht ausschließen.

»Machen Sie, was Sie wollen, aber bleiben Sie nicht zu lange weg. Und noch etwas: Seien Sie vorsichtig, Ron, ich brauche Sie hier noch.« Sumner schlug seinem Marshal kameradschaftlich auf den Oberarm.

Ron lächelte etwas gequält.

»Sie gefallen mir heute gar nicht.«

»Die Hitze.« Ron Luman wandte sich ab, um bohrenden Fragen vorzubeugen und kehrte zum Office zurück.

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9

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Rhona saß unter dem schattigen Verandadach vor dem Saloon in einem alten Schaukelstuhl und bewegte die Kufen über die sich biegenden, knarrenden Bretter. Sie beobachtete die alten, stoppelbärtigen Gesellen, die drüben im Hof des Mietstalls beisammenstanden, tuschelten und immer wieder zu ihr herüberschauten. Der Keeper war auch dabei.

Rhona warf einen Blick in den Saloon und sah den Spieler am Tresen. Jubal Cotter balancierte ein halbvolles Glas auf der Handfläche.

»Jubal, sauf nicht so viel«, sagte sie. »Das ist bei der Hitze nicht gut für den Verstandskasten.«

»Was soll ich sonst machen?«

»Die Augen offenhalten.«

Jubal Cotter trank sein Glas leer, warf es ins Spülbecken und kam heraus.

»Die alten Kerle reden über uns.«

»Wie kommst du denn darauf?«

»Sie blicken immerzu verstohlen herüber. Das macht doch kein normaler Mensch ohne Grund.«

»Wer sagt dir denn, dass die normal sind, Schatz?«

»Red keinen Quatsch, Jubal! Ich sage dir, die haben was ausgefressen.«

»Was? Das ist doch Unsinn.« Rhona erhob sich. »Der kann einem nicht gerade in die Augen blicken. Da läuft etwas, das nicht ans Tageslicht kommen soll. Gestern Nacht waren sie unterwegs. Da ist sicher was abgelaufen.«

»Und nun interessiert dich brennend, was das sein könnte, wie?« Der Spieler grinste.

»Erraten, Jubal. Wahrscheinlich geht es um Geld. Um viel Geld, versteht sich. Und vielleicht können wir die Kerle erpressen.«

»Du scheinst diese alten Teufel zu unterschätzen, Rhona. Die sind brandgefährlich.«

»Ich weiß.«

»Dann bilde dir besser nicht ein, sie ohne weiteres erpressen zu können. Sie würden dir vielleicht anstatt zu zahlen den schönen Hals umdrehen!«

»Angst?«

»Sie sind sieben und wir sind zwei.«

»Du wirst alt, Jubal«, sagte Rhona verächtlich. »Seit wann fürchtest du dich vor alten Männern, nur weil sie in der Überzahl sind?«

Jubal gab keine Antwort; er kehrte in den Saloon zurück, schenkte sich Whisky ein und trank.

»He, Mister, ich möchte einen Sherry!«, rief Rhona. »Setzen Sie mal die müden Beinchen in Bewegung, Sie lahmer Vogel!«

Ritchie Cahn kam herüber, und die anderen schlossen sich ihm an.

Jubal schenkte sein Glas schnell noch einmal voll, bevor die Männer den Saloon erreichten.

»Das ist vielleicht ein lahmer Service hier!«, schimpfte Rhona. »Man hat den Eindruck, Sie hätten so viel Geld, dass Sie nichts mehr verkaufen wollen, Mister!«

Der Wirt fluchte unterdrückt, trat hinter den Tresen und schenkte für Rhona einen Sherry ein.

»Na wenigstens haben Sie ja noch was Ordentliches vorrätig. Hat niemand Lust zu einem Spielchen?«

Rhona blickte die Männer der Reihe nach an.

»Oder habt ihr nichts drauf?« Sie streckte die Hand vor und bewegte Daumen und Zeigefinger gegeneinander.

Jubal ließ den Whisky im Glas kreisen und tat sehr gelangweilt.

»Na, was ist mit euch trüben Tassen?« Rhona griff nach ihrem Glas. »Ihr steht herum wie die Ölgötzen. Hat es euch die Sprache verschlagen?«

»Wir spielen nie«, erwiderte der Schmied barsch.

»Eiserne Prinzipien, was?« Rhona lachte hell auf.

»Nennen Sie es, wie Sie wollen.«

»In manchen Städten haben die Männer Angst vor ihren Weibern. Aber hier gibt es doch gar keine Frauen, wenn ich nicht irre.«

»Wir werden die Stadt aufgeben«, sagte der Schmied. »Es hat keinen Zweck, länger darauf zu vertrauen, dass mit der Eisenbahn doch noch was schiefläuft und die Post wieder Kutschen über die alte Route schickt.«

»Was hätte schon schiefgehen sollen?« Jubal Cotter trank das Glas leer und stellte es ab.

»Die Eisenbahn folgt den Büffelpfaden.« Der Schmied hob die Schultern an. »Das musste doch nicht unbedingt gutgehen. Als sie vor zehn Jahren die Strecke durch Nebraska bauten, sind ihnen die Geleise mehr als einmal zertrampelt worden, und bestimmt hat manch einer daran gedacht, wieder aufzugeben.«

»So ein Unsinn«, sagte der Spieler verächtlich. »Die dachten nie daran aufzugeben, und sie werden nie daran denken, es sei denn, es gibt mal ein Verkehrsmittel, das noch besser und schneller als die Eisenbahn ist.«

Büchsenmacher Mattock lachte schallend. »Was sollte denn das sein? Bilden Sie sich vielleicht ein, die Menschen könnten sich eines Tages wie die Vögel in die Luft erheben?«

»Wer weiß, was alles möglich wird.«

»Spinnerei!«

»Geschwätz«, wandte Rhona verächtlich ein. »Ihr redet und redet, anstatt ein paar Bucks auf den Tisch zu legen und mit uns zu spielen. Wie ist es denn nun, Opa?« Sie stieß John Luman die Faust in die Hüfte.

»Au! Sind Sie verrückt, Miss?«

Rhona lachte schallend. »Nichts mehr gewöhnt, wie? Na, was ist, pokern wir ein bisschen?«

John Luman begann zu grinsen und kratzte sich am Kinn. »Warum eigentlich nicht. Manchmal haben wir nächtelang gepokert, als hier noch der Dollar rollte. Okay, einverstanden, Miss.«

»Na also. Setzen wir uns!« Rhona wollte den alten Luman zum nächsten Tisch schleifen.

Doch der Stallmann befreite seinen Arm. »Warten Sie, ich muss doch erst meinen Einsatz holen. Oder soll es um nichts gehen?«

»Aber natürlich geht es um etwas. Umsonst ist nur der Tod, und selbst der kostet das Leben!« Rhona hieb Luman kumpelhaft auf die Schulter. »Well, hol deinen Zaster, Opa.«

Verblüffte Blicke begleiteten Luman, als er den Saloon verließ, doch keiner sagte etwas oder versuchte ihn aufzuhalten.

»Was ist mit euch, keine Lust?« Rhona schaute auf die etwas verdattert wirkenden alten Männer.

»Wir haben nichts zu verspielen«, knurrte der Schmied. »Und wir haben auch keine Lust, uns deswegen zu rechtfertigen!«

Der scharfe, feindselige Unterton ließ Rhona zurücktreten. Sie musste sich eingestehen, dass sie unvorsichtig gewesen war. Hinter ihr stieß der Spieler ein warnendes Zischen aus.

»Entschuldigt, Leute, ich wollte euch nicht auf die Zehen steigen.« Rhona quälte sich ein freundliches Grinsen ab.

Der Stallmann kehrte mit Gepolter zurück. Etwas schrammte krachend gegen die Tür. Luman schleppte eine Mistgabel, den Reisigbesen und zwei unter den Arm geklemmte Kopfgeschirre herein, die er unter dem Gelächter der anderen auf den erstbesten Tisch warf.

»So, Miss!« Luman rieb die Hände aneinander und grinste von einem Ohr zum anderen. »Nun packen Sie mal Ihren Zaster aus. Was setzen Sie dagegen?«

Rhona war sprachlos. Als sie über die Schulter schaute, grinste sogar der Spieler, und sie dachte an seine Warnung, diese alten Männer nicht zu unterschätzen.

»Sie werden doch jetzt nicht ins Schleudern kommen?« Der Schmied legte die Hand auf den Revolverkolben.

Rhona wandte sich um.

»Ich warte!«, stieß Luman hervor. »Machen Sie ein Gegenangebot! Oder glauben Sie, ich könnte den Wert der Sachen besser schätzen? Wie Sie meinen, Miss. Sagen wir, zehn Dollar für jedes Kopfgeschirr, zwei Dollar der Besen und zwei die Mistgabel.«

Rhonas hilfesuchender Blick erreichte den Spieler.

»Darauf musst du eingehen«, flüsterte Jubal Cotter.

Rhona blickte auf Luman. »Also gut, Sie haben mich überrumpelt. Aber in die Pfanne hauen lasse ich mich nicht, damit das klar ist. Der alte Strunk ist noch zehn Cent wert, die Mistgabel vielleicht fünfzig, und die Kopfgeschirre sind hart und brüchig, die kann man nicht mal guten Gewissens verschenken!«

»So, meinen Sie?« Lumans Gesichtszüge erstarrten. »Ich besitze also nur noch wertloses Zeug, wie? Plunder? Nutzlosen Kram, den man auf den Müll werfen sollte? Wollten Sie das damit sagen, Miss?«

Rhona ging rückwärts, stieß aber nach dem ersten Schritt gegen den Tresen.

Auch die anderen Männer waren todernst geworden und hatten samt und sonders die Hände auf den Colts liegen.

Sie hatte es zu weit getrieben und war unversehens ins Hintertreffen geraten. Und es gab auch keine Möglichkeit mehr, sich aus der Affäre zu ziehen, ohne das Gesicht zu verlieren.«

»Du musst den Verstand verloren haben, ihn so zu beleidigen«, sagte der Spieler an ihrer Seite. »Natürlich sind Ihre Sachen den genannten Preis wert, Mister.«

»Das will ich auch hoffen!«, schimpfte Luman scheinbar schwer beleidigt. »Was ist nun mit dem Spiel? Habe ich alles umsonst herübergeschleppt?«

Rhona blickte Cotter hilfesuchend an, aber er schien es nicht zu bemerken. Er dachte nicht daran, ihr aus der Patsche zu helfen, in die sie durch eigene Schuld geraten war.

»Dauert es noch lange?«, knurrte Luman finster. Er räumte seine Sachen mit einer einzigen Handbewegung vom Tisch. Scheppernd landeten sie auf den Dielen. Staub stieg empor. Luman nahm Platz und wischte die Tischplatte mit dem Ärmel ab.

»Ich warte!«

»Haben Sie Karten?« Cotter blickte über die Schulter.

Ritchie Cahn, der Keeper, gab ihm die Karten. Sie waren abgespielt, aufgequollen und zerschlissen. Cotter ging zum Tisch und warf die Karten darauf. Dann rückte er einen Stuhl ab und machte eine einladende Handbewegung, wobei er Rhona anblickte.

»Du wolltest doch mit den Leuten spielen! Nun zeig mal, was du alles kannst, Rhona!«

Luman nahm die Karten und mischte sie. Spielerisch ließ er die Karten nacheinander von einer Hand in die andere, fliegen und deutete durch solche Fingerfertigkeit an, dass er nicht völlig unerfahren war. Dabei wurde sein Blick wieder freundlicher, gleichzeitig jedoch spöttisch.

Rhona wirkte steif wie eine Holzpuppe, als sie zum Tisch trat. Sie zögerte, und Cotter drückte sie auf den Stuhl.

Luman gab, nahm seine fünf Karten, schaute sie an und schob sie wieder zusammen. Er legte sie ab, hob den Besen auf und knallte ihn auf den Tisch. »Mein Einsatz!«

Rhona nahm ihre Karten auf, griff in die Tasche, die auf ihren schwarzen Rock genäht war, zog einen Dollar heraus und legte ihn neben den Reisigbesen.

»Zwei Dollar, Miss! Ihr Gedächtnis ist verteufelt schlecht. He, Mister, helfen Sie ihr ein wenig auf die Sprünge!«

An Luman vorbei sah Rhona, dass die Hände der anderen immer noch die abgewetzten Revolverkolben umspannten. Und sie musste an die vergangene Nacht denken, als vier Reiter angekommen waren. Sie hatte es für ausgeschlossen gehalten, in diesem Nest in Gefahr zu geraten. In dem Glauben, sehr clever zu sein, hatte sie völlig übersehen, dass jeder seinen Meister finden konnte, auch sie und Jubal Cotter.

»Ich warte!«, zischte Luman.

Sie zog einen zweiten Dollar hervor und legte eine Karte ab. »Eine neue.«

Luman warf ihr vom Stoß eine Karte zu und zog die abgelegte ein.

»Sie behalten Ihre?«

Luman schob seine fünf Karten zu einem Fächer auseinander und betrachtete sie nochmals eingehend. Prüfend schaute er Rhona über die Ränder hinweg an.

Sie wurde langsam wieder sicherer und schaute auf den Kram auf dem Boden.

Luman schob das kleine Bündel zusammen, legte es ab, hob ein Kopfgeschirr auf und warf es auf den Tisch. »Ich setze noch zehn. Jetzt sind Sie dran.«

Rhona betrachtete ihre Karten. »Ein Limit war nicht ausgemacht, wie?«

Luman schüttelte nur den Kopf.

Die Frau Griff in die Tasche und legte acht Münzen auf den Tisch, jede im Wert von fünf Dollar.

Cotter hielt den Atem an.

Rhona zeigte die Zähne. »Ihre zehn Bucks und noch dreißig dazu, Mister!«

Luman lehnte sich zurück. Seine Verblüffung hielt nur einen Augenblick an, dann erhob er sich, walzte hinaus, schleppte aus dem Stall einen Sattel herüber und warf ihn ebenfalls auf den Tisch.

»Der ist gut und gerne hundert Dollar wert, Misse. Dass ich hier zurzeit keinen Käufer finden kann, ändert daran nichts. Also ich setze Ihre dreißig Dollar und noch siebzig.«

Rhona verfluchte ihre Voreiligkeit, mit der sie wieder Oberwasser zu gewinnen gehofft hatte. Sie kam gegen diesen alten Teufel nicht an.

Der Schmied und seine Begleiter am Tresen hielten noch immer die Coltkolben mit den Fingern umspannt. Auch sie hatten sich entschlossen, der Spielerin das Geld aus der Tasche zu ziehen. Eine ungeahnte Geldquelle schien sich ihnen zu eröffnen.

Rhona brach der Schweiß aus. Cotter trat am Tresen von einem Fuß auf den anderen.

»Auf was warten Sie denn?«, drängte Luman. »Haben Sie was in der Hand, oder war es nur ein Bluff?«

»Vielleicht hat sie nicht so viel Geld.« Der Keeper wischte sich über das vor Eifer gerötete Gesicht.

»Dann soll sie den Wagen setzen«, schlug der Stallmann vor. »Oder die beiden Gäule!«

Rhona starrte ihn an.

Luman hob die Schultern an. »Ich habe nichts dagegen, Miss.«

»Den Wagen«, murmelte die Frau entsetzt. Der Schweiß rann ihr in Strömen über das Gesicht.

»Warum nicht?«

»Der Wagen gehört mir«, erklärte der Spieler.

»Na und, dann stellen Sie den Wagen eben Ihrer Partnerin zur Verfügung. Sie wollte doch unbedingt spielen!«

»So ist es!«, pflichtete der Büchsenmacher bei. »Sie hat keine Ruhe gegeben.«

»Ich ... ich passe.« Rhona legte die Karten verdeckt ab und erhob sich. »Ich dachte, es ginge nur um kleine Beträge. Soviel Geld habe ich nicht.«

»Sie spielt nur um Kleckerkram!«, staunte der Wagenbauer. »Nun hört euch das an!«

Luman schob seinen Einsatz vom Tisch. Ein Stuhl wurde dabei umgerissen, und lautes Poltern erfüllte den Saloon. Luman strich die Dollars ein und erhob sich.

Der Spieler kam an den Tisch. »Darf ich sehen, was Sie haben?«

»Das spielt keine Rolle mehr.«

»Nein, selbstverständlich nicht. Trotzdem, ich würde es gern sehen.«

Luman grinste ihn an und drehte die fünf Karten um. Er hatte vier Damen und einen König.

Cotter schwieg verblüfft.

»Ist was?«, fragte der Stallmann.

Rhona tropfte der Schweiß vom Kinn.

Cotter schaute ihre Karten an und legte sie verdeckt wieder ab.

»Ihr Blatt ist auch nicht schlecht, was?« Luman zog die Lippen von den Zähnen und wieherte wie ein Pferd.

»Wieso?« Cotter wirkte verstört. »Wissen Sie denn, was sie hat?«

»Ich habe ihr die Karten doch gegeben, also muss ich es auch wissen.« Lumans Grinsen wurde immer höhnischer, und wären die anderen nicht gewesen, hätte Cotter vielleicht den Colt gezogen und ihn niedergeschossen.

»Sie wissen es?«

»Aber sicher. Ich weiß immer, was ich gebe. Sie hat drei Asse und zwei Buben, damit sie nicht die Lust verliert. Aber das schien ihr doch nicht ganz genügt zu haben.«

Der Keeper lachte und schmetterte die Faust auf den Tresen.

Rhona ging rückwärts, wandte sich um und stürmte die Treppe hinauf. Das Gelächter verfolgte sie bis ins Zimmer. Die Tür flog ins Schloss.

»Wollen Sie jetzt weitermachen?«, erkundigte sich Luman. »Wenn Sie nichts auf der Pfanne haben, spielen wir um den Wagen. Falls wir uns wirklich entschließen, die Stadt aufzugeben, könnte ich so ein Ding gut gebrauchen.«

Cotter ging langsam rückwärts.

»Es muss ja nicht jetzt gleich sein«, redete Luman weiter. »Überlegen Sie sich die Sache. Ich würde den Stall dagegensetzen.«

Lumans spöttisches Grinsen offenbarte dem Spieler alles. Sie hatten mit gezinkten Karten gespielt. Und ausgerechnet der alte Stallmann kannte die Zeichen und hatte die Fähigkeit, jedem das Blatt zu geben, das er wollte. Eine seltene Gabe für einen alten Mann, die er vielleicht nur nicht zum Geldverdienen genutzt hatte, weil ihm das damit verbundene Leben zu riskant war.

Jubal Cotter erreichte die Treppe. »Ja, vielleicht ein anderes Mal.«

»Überlegen Sie es sich ruhig«, sagte Luman gelassen. »Wir sind ja alle hier in der Nähe und können uns nicht aus den Augen verlieren.«

Cotter stieg auf die erste Stufe.

Luman ging zum Tresen und warf eine der Silbermünzen darauf. »Die versaufen wir jetzt, Leute. Haben wir uns redlich verdient,«

»Du warst großartig, John!« Der Schmied hieb dem Stallmann auf die Schulter. »Hatte schon vergessen, wie flink deine Finger sind.«

Erleichtert, dass sie ihn nicht mehr beachteten, stieg Cotter schnell die Treppe hinauf.

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10

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Rhona saß auf dem breiten Doppelbett und starrte die Wand an. Sie war noch bleich, aber der Schweiß perlte nicht mehr auf ihrem Gesicht.

Der Spieler ging vor dem Bett von der einen Wand zur anderen und wieder zurück. Schließlich blieb er am Fenster stehen und schaute hinunter.

Niemand war zu sehen. Drüben, hinter dem schiefhängenden Zaun am Mietstall, stand der Planwagen. Es schien Cotter, als befände sich das Gefährt unendlich weit entfernt.

»Sie lassen uns nicht mehr weg«, murmelte Rhona. »Sie wollen unser ganzes Geld, den Wagen und die Pferde!«

»Die Hälfte unserer Dollars haben sie schon.« Cotter wandte sich um. »Die hast du ihnen in den Rachen geworfen. Hab’ ich dich nicht gewarnt? Sie sind wie hungrige Wölfe, und das kann man ihnen ansehen.«

»Ich gebe ja zu, wie ein blindes Huhn in eine Falle getappt zu sein.«

»In eine Falle? Nein, Rhona, das war keine Falle. Du hast sie überhaupt erst auf die Idee gebracht, uns auszunehmen.«

»Sie haben gestern irgendeine Schweinerei begangen. Und seither fühlen sie sich stärker. Sie denken an neue Einnahmequellen. Und sie wollen die Stadt auch nicht mehr verlassen. Vielleicht hatten sie es mal vor. Jetzt nicht mehr. Sie werden die Falle ausbauen. Jeder, der sich hierher verirrt, ist verloren!«

Die Dämmerung sank über das Land. Rasch wurde es im Zimmer dunkel.

»Ich habe Hunger.« Rhona stand auf.

Cotter blickte auf die Main Street hinunter. Ein paar Männer lungerten scheinbar müßig vor den Häusern herum. Sie bewachten den Saloon, das war dem Spieler klar.

»Es kommt jemand.« Rhona huschte zur Tür und drückte gegen den Riegel, obwohl er in der Halterung im Rahmen steckte.

Sie hörte die schlurfenden Schritte auf der Galerie, dann vor der Tür. Eine Faust schlug gegen das Holz.

»Was ist?«

»Mister Luman fragt, ob Mister Cotter jetzt Lust hat«, sagte der Keeper draußen.

Rhona blickte sich um.

»Ich fühle mich nicht wohl!«, flüsterte Cotter.

Sie blickte wieder auf die Tür. »Nein, er hat sich hingelegt. Er fühlt sich nicht besonders.«

»Dann morgen, was?«

»Ja, vielleicht morgen. Bringen Sie uns etwas zu essen rauf!«

»Wird gemacht, Miss.«

Die schlurfenden Schritte entfernten sich.

Rhona lehnte sich mit dem Rücken gegen die Tür. »Die lassen uns nicht mehr weg. Und sie haben viel Zeit. Hast du dir je vorstellen können, in einem alten Mann deinen Meister zu finden?«

»Jeder ist mit gezinkten Karten der Überlegene«, knurrte der Spieler gereizt.

»Dann müssen wir sie eben zwingen, mit unseren Karten zu spielen.«

»Nein.«

»Warum denn nicht, Jubal?«

»Du musst nachdenken und nicht nur immerzu reden und reden, verdammt noch mal! Wenn dieser alte Halunke merkt, dass die Karten gezinkt sind, und das wird er merken, dann sagt er es den anderen, die mit den Händen auf den Schießeisen herumstehen. Sie werden >Falschspieler< schreien, die Eisen ziehen und schießen. Die lauern doch nur auf eine Gelegenheit, mich aus dem Weg zu räumen. Und zwar so, dass ihr Gewissen nicht zu sehr belastet wird.«

»Das ist wahr«, gab Rhona zu. »Ausgerechnet diese alten Teufel sollen uns ins Jenseits befördern!«

»Immer mit der Ruhe. Mir wird etwas einfallen. Zuerst einmal müssen wir sie hinhalten, damit sich die Gemüter abkühlen können. Und wenn es gar nicht anders geht, nehmen wir den Kampf mit ihnen auf.«

»Du hast nicht mal dein Gewehr hier.«

»Der Keeper wird schon eins haben; das reiße ich mir dann unter den Nagel. Aber erst warten wir mal ab.«

Rhona hörte erneut Schritte und hielt den Atem an. Es klang, als käme ein anderer Mann die Treppe herauf; er näherte sich über die Galerie der Tür.

»Hallo, Miss, hier ist John Luman! Hab’ gehört, der arme Spieler ist krank?«

»Ja, Mister Luman, er hat Kopfschmerzen und liegt im Bett.«

»Der Ärmste tut mir leid!«, höhnte der Stallmann. »Richten Sie ihm meine aufrichtigen Wünsche zur Besserung aus.«

Rhona entging der Hohn nicht. »Das werde ich tun, Mister Luman. Herzlichen Dank.«

»Gern geschehen, Miss. Hoffentlich geht es ihm morgen besser, damit wir uns messen können. Sie wissen ja, wie ich das meine.«

Rhona wurde der Antwort enthoben, weil sich der Stallmann bereits wieder entfernte.

»Sie verhöhnen uns, Jubal!«

»Nur nicht durchdrehen. Mir fällt etwas ein. Mir ist noch immer etwas eingefallen. Wenn es zum Kampf mit der Bande kommt, müssen zwei tot umfallen, bevor die anderen begreifen, was überhaupt passiert. Du wirst sehen, dann sieht alles gleich völlig anders aus.«

»Dein Wort in Gottes Ohr.« Rhona ging zum Fenster.

Draußen ging die kurze Phase der Dämmerung schon zu Ende, und die Nacht sank über das Land.

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»Wer ist da?« Ron Luman hob die Winchester 66 an und repetierte sie. Er blickte auf das Dickicht in der Schwärze, aus dem das Geräusch drang.

»Ich bin es, Marshal. Babcock!«

Erleichtert ließ Ron das Gewehr sinken. »Schleichen Sie sich immer so an?«

Der Jäger tauchte kichernd auf. »Ich wusste ja nicht, dass Sie es sind. Und Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste, besonders hier draußen in der Wildnis. Aber wem erzähle ich das.«

Ron trat zu seinem goldfarbenen Palomino und schob das Gewehr in den Sattel.

»Sie haben die Stelle gefunden.«

»Das war nicht sehr schwer, nachdem Sie hier einen Wolf liegengelassen haben, der ein ganzes Rudel Artgenossen anlockte.«

»An den dachte ich gar nicht mehr.« Babcock kehrte ins Salbeidickicht zurück und holte seine beiden Pferde. »Und was sagen die Spuren?«

»Mehrere Reiter. Drei bis fünf. Kennen Sie die Stadt Midwest?«

»Ich war zweimal dort. Die alten Typen gefallen mir nicht, Marshal. Die Zeit ist an ihnen vorbeigegangen. Und sie sind so heruntergekommen, dass man sich vor ihnen fürchtet. Nicht mal die Rothäute interessieren sich für das, was von dem Nest übrig ist.«

»Sie machen mich neugierig.« Ron trat näher heran.

»Eine Ansammlung von Ruinen, die von der Wildnis langsam gefressen werden, Marshal.«

»Wie viele Leute leben dort?«

»Ein paar alte Männer, sonst niemand.«

»Ein ...« Ron zögerte. »Ein Stallmann namens Luman, ist der auch dabei?«

»Ja. Wieso fragen Sie ausgerechnet nach dem?« Babcock zog die Stirn in Falten; seine Augen verengten sich.

»Ich hörte den Namen mal«, wich Ron aus. Er musste an das Messer in seinem Stiefelschaft denken. Babcock schien es jedenfalls nicht gekannt zu haben.

»Sie denken, es waren diese alten Halunken, die die Fremden abgemurkst haben?«

»Ich denke gar nichts, aber die Spuren führen nach Norden. Und von da kamen die Killer auch.«

Babcock nahm die Biberfellmütze vom Kopf und fuhr sich über das verfilzte Haar.

»Man weiß vorher nie, wozu die Armut den Menschen treiben kann, Marshal. Vielleicht waren sie es wirklich. Ich bin nicht mehr in das Nest geritten, weil sie mich ständig gierig angafften.«

»Wer ist das alles?«

»Der Keeper und sechs andere. So viele waren es damals. Sind schon einige Monate her.«

»Aber Sie wissen doch, dass einer Luman heißt. Wieso kennen Sie die anderen dann nicht?«

»Luman gehört der Stall. Den Salooner und den Stallmann, den lernt jeder Fremde kennen.«

»Stimmt«, gab Ron zu.

»Mit Luman hat es noch was auf sich. Der ist ein ausgekochter Kartenhai.«

Ein Lächeln huschte über Rons Gesicht. Ja, daran erinnerte er sich. Sein Stiefvater hatte manchmal Spieler ausgenommen. Aber er tat es zum Spaß, war wohl nie auf den Gedanken gekommen, selbst wie diese Männer zu leben, die ständig auf dem Pulverfass saßen. Außerdem hatte der Mietstall genügend eingebracht.

»Hab’ mich mal mit ihm eingelassen, zehn Dollar verloren und gerade noch so vor den Kerlen abhauen können. Seither war ich da nicht mehr. Luman betrügt und streitet es noch nicht mal ab. Die Karten sind so miserabel gezinkt, dass es der blutigste Laie merken muss. Aber was nützt einem das, wenn die anderen mit dem Colt in der Hand dabeistehen und Stein und Bein schwören würden, dass man lügt?«

»Da steht man als Fremder im Regen«, gab Ron zu. »Soso, das ist also Midwest.«

»Wenn Sie in das Rattennest reiten wollen, dann kehren Sie erst noch mal um und holen sich eine Posse, Marshal. Das rate ich Ihnen.«

Babcock schwang sich in den Sattel.

Er ritt an Ron vorbei und zog das widerstrebende Handpferd hinter sich her.

»Viel Glück, Babcock.«

»Ebenfalls, Marshal. Sie werden es besser brauchen können als ich!«

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12

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Nebelschwaden hingen über dem Salbeigestrüpp und dem Büffelgras. Die Kuppen der Hügel ragten aus einem scheinbar riesigen Wattemeer. Im Osten tauchte die Sonne am Horizont auf und warf goldene Strahlen bis in den Hangwald der Bighom Mountains.

Obwohl Ron Luman die verfallene Stadt noch nicht sehen konnte, wusste er, dass sie dicht vor ihm lag. Er verhielt auf dem unkrautüberwucherten Wagenweg, den einst die Wells Fargo Kutschen benutzt hatten. Und er hatte die Spuren tatsächlich immer noch vor sich.

Die Reiter hatten nicht einmal versucht, unbemerkt zu entkommen. So sicher mussten sie gewesen sein, dass die Leichen nicht gefunden würden. Auch für Ron grenzte es fast schon an ein Wunder, dass Babcock dort vorbeigekommen war, wo die Toten lagen. Ein paar Tage später hätte es keine Spuren mehr gegeben.

Ron löste den Stern von der abgeschabten Lederweste und steckte ihn in die Tasche. Er wollte sich die Männer erst einmal in Ruhe ansehen. Und er musste sich klar werden, wie er sich verhalten wollte. Vor allem Luman, dem Stiefvater, gegenüber. Denn darüber war er sich noch immer nicht schlüssig.

Rasch lösten sich die Nebelschwaden in der Wärme des Morgens auf. Ron erkannte ein paar Balken, die wie Kandelaberkakteen in den klaren Morgenhimmel ragten. Trümmer lagen herum. Unkraut begann sie am Boden zu verwurzeln. An ein paar noch stehenden Wänden rankten sich Büsche und Efeu empor. Dahinter begann das, was von der Stadt übrig war.

Das Bild war für Ron erschreckend, weil er sich noch recht gut an Midwest erinnerte. Vor der Poststation, die fast völlig zerfallen war, hatten jeden Tag Kutschen gestanden, und vor dem Store, dessen großes Fenster zertrümmert war, hatte man ständig Frachtwagen beladen.

Am Zaun des Mietstalles, jenem nun schiefhängenden Gerippe, und vor dem Saloon, hatten nie weniger als ein Dutzend Pferde gestanden. Siedlertrecks wurden in der Stadt neu zusammengestellt, Menschen flanierten unter den Vordächern über die Stepwalks.

Upton, wo die Eisenbahnbenutzer nicht mehr aussteigen mussten, hatte keinen vergleichbaren Aufschwung genommen. Die neue Zeit eilte an den Städten vorbei. Die Stationen blieben dem Reisenden fremd, er erinnerte sich vielleicht an ein Namensschild, vielleicht auch an eine vorbeihuschende Häuserzeile.

Der Rest der Nebelschwaden verschwand. Große Klarheit lag über dem Land vor den Bergen. Hässlicher als in dieser Stunde konnte die Ruinenstadt zu keinem Zeitpunkt des Tages aussehen.

Ron schnalzte mit der Zunge. Unter dem Sattel bewegte sich der goldfarbene Palominohengst. Die Winchester 66 steckte im Scabbard. Der leise Hufschlag eilte dem Pferd voraus und lockte ein paar Männer aus dem Saloon.

Ron staunte, dass sie schon so früh am Morgen ihre Zeit im Saloon totschlugen. Aber da es hier keine Arbeit mehr gab, war das verständlich.

Hinter dem schiefhängenden Zaun des Mietstalles stand ein Planwagen und am Stall ein Mann mittelgroß, grau und krumm. Die Jahre hatten ihn sehr verändert. Nur an der alten Melone, mit der er früher sogar schlafengegangen war, erkannte Ron, dass es Luman war, sein Stiefvater.

Er zügelte das Pferd mitten auf der Main Street.

Hinter einem Fenster im Obergeschoss des Saloons tauchte ein Frauenkopf auf, den rotes Haar umrahmte. Im Sonnenschein schien es Feuer zu fangen und Funken zu versprühen.

Noch ein paar Männer tauchten auf, schließlich standen alle sieben auf der Main Street, alte, abgerissene Gesellen, schmutzig und stoppelbärtig. Babcock, der Jäger, hatte nicht übertrieben.

Ron überlegte, ob es zwölf oder schon dreizehn Jahre her war, dass er Midwest, die damals noch blühende Stadt, verlassen hatte. Er konnte die Männer nicht einordnen. Nur der dicke Keeper schien sich überhaupt nicht verändert zu haben. Vielleicht war sein Gesicht noch etwas mehr aufgedunsen.

Und die Männer erkannten ihn auch nicht, das sah er den Gesichtern an. Auch Luman nicht. Ron war achtzehn gewesen, als er wegritt.

Er stieg ab, führte das Pferd zum Stallmann und gab ihm den Zügel. Sein Stiefvater schaute ihn forschend an und schien nach etwas in seiner Erinnerung zu kramen. Ron schwieg. Er dachte an das Messer in seiner Stiefelschaft, das im Rücken des Toten gesteckt hatte. Er wandte sich ohne ein Wort ab und überquerte die Main Street.

»Hallo!« Die Frau im Obergeschoss hatte das Fenster geöffnet und winkte.

Ron blieb stehen. »Kennen wir uns?«

»Nein, Mister.« Rhona lachte. Sie wirkte befreit nach der schlaflosen Nacht.

Ron begriff noch nicht, was hier ablief, wie weit die alten Männer bereits im Sumpf steckten, wie gefährlich diese Stadt für einen Fremden war.

»Er hat keine Ahnung«, hörte er das rothaarige Mädchen sagen.

»Abwarten«, antwortete eine Männerstimme schroff.

Die Männer vor der Schwingtür bildeten ein Spalier und grinsten freundlich, aber tief in ihren Augen meinte Ron etwas zu erkennen, das ihn warnte. Durchbohrend waren die Blicke, und sie hatten etwas Gerissenes.

Er ging an ihnen vorbei. Der Keeper hielt den einen Flügel der Tür auf und dienerte unterwürfig. Dann war Ron drin und die anderen kamen nach und standen wie eine Mauer da.

Rhona und der Spieler erschienen auf der Galerie.

»Hallo!« Das rothaarige Mädchen winkte.

»Kennen wir uns wirklich nicht?«

»Nein, bestimmt nicht, Mister. Ich freue mich nur, dass noch ein Fremder hier ist.«

Ron zuckte mit den Schultern und wandte sich um.

Der Keeper stand hinter dem Tresen und wischte mit seiner zusammengeknüllten Schürze den Schanktisch ab. »Was darf es sein?«

»Am liebsten wäre mir ein Frühstück mit einer großen Kanne Kaffee.«

»Frühstück? Kaffee?« Der Keeper warf die Schürze unter den Tresen. »Viel zu viel Arbeit, Mister. Ich bin allein, das sehen Sie doch.«

»Keine Lust?«, fragte Ron freundlich grinsend.

»Nicht die Bohne.«

»Faulpelz.«

Ritchie Cahn klappte der Mund auf. »Was, was erlauben Sie sich?«

»Ich sagte Faulpelz.«

Rhona kicherte.

»Seien Sie vorsichtig!«, rief der Spieler. »Die alten Teufel legen Sie um!«

Doch die Männer griffen nicht zu den Colts. Dass der Keeper beschimpft wurde, schien sie nicht zu berühren. Im Gegenteil, sie grienten genüsslich.

»Sie verlassen sofort mein Lokal!«, befahl Cahn schroff und donnerte die gewaltige Faust auf den Tresen.

»Was ist denn los?« John Luman drängelte sich herein.

»Er hat Ritchie einen Faulpelz geheißen«, erklärte der Büchsenmacher.

»Wirklich?« Luman grinste ebenfalls.

»Ehrlich. Einfach so. Und nun soll er abhauen. Aber sollen wir ihn wirklich einfach so wegreiten lassen?«

»Ich habe doch sein Pferd eben erst eingestellt. Der Gaul ist am Ende. Er braucht mindestens zwei Tage Ruhe.«

Ron konnte kaum glauben, dass das sein Stiefvater sein sollte, der einmal ein geachteter Mann in einer geachteten Stadt gewesen war. Seine Behauptung, das Pferd sei abgehetzt, stimmte nicht, hatte er sich doch für die zwölf Meilen von Upton hierher ganze sechzehn Stunden Zeit gelassen, um nicht vor dem Morgen das Nest zu erreichen.

»Dann nimmt er es wenigstens zurück!«, rief der Wirt keifend.

Die Männer schauten sich gegenseitig an.

»Sie machen ihn gleich fertig«, murmelte das Mädchen auf der Galerie.

»Also ich würde auch sagen, er entschuldigt sich in aller Form«, schlug der Schmied vor.

»Haben Sie gehört?« Der Büchsenmacher wagte sich aus der Reihe. »Sie sollen sich entschuldigen! Verbeugen Sie sich und ziehen Sie den Hut vor dem ehrenwerten Ritchie Cahn!«

»Warum?«

Verblüfft trat der Büchsenmacher zurück.

»Weil Sie ihn beleidigt haben«, sagte Luman freundlich.

»Es kann ihn doch unmöglich beleidigen, die Wahrheit zu hören.«

Luman kicherte.

»Er hat Haare auf den Zähnen«, stellte der Barbier im Hintergrund fest.

Ron erkannte auch ihn wieder. Er war sein Leben lang ein Kriecher gewesen und hielt sich auch jetzt im Hintergrund. Und wer der Schmied war, wusste er nun auch. Früher war er mit dunkelroten Samtwesten und einer schweren Uhrkette vor dem Bauch herumgelaufen und Town Mayor gewesen. Nun unterschied er sich von den anderen nur noch dadurch, dass er wie ein Braunbär aussah.

»Wenn er keine Manieren hat, müssen wir ihm welche beibringen!« Orson Kanis spuckte sich in die Hände und rieb sie aneinander. »Tut mir leid, junger Mann, aber Rüpel stutzen wir immer zurecht!«

Kanis hielt sich nicht länger mit der Vorrede auf, er griff an. Seine Faust stach vorwärts und hätte sicher einen Ochsen umwerfen können.

Der Marshal tauchte unter der Faust weg und drosch dem Bullen eine Gerade in den Leib. Kanis ächzte und wankte zurück. Ron setzte nach und traf das Kinn des früheren Town Mayors.

Da warf ihm der Keeper eine Flasche entgegen. Sie traf ihn, und er wurde gegen einen Tisch gestoßen. Der Wagenbauer, der Büchsenmacher und der Schmied griffen mit Gebrüll an. Ron wurde über den Tisch geworfen. Ein Stuhl zerbrach.

»Nein, kein Kleinholz!«, jammerte der Keeper.

Ron sprang auf und packte ein Stuhlbein. Er schmetterte es Rosen gegen die Stirn, weil der gerade vor ihm auftauchte. Dem Schmied stieß er den Tisch entgegen, und Mattock erwischte ein Kinnhaken, der ihn gegen einen Pfosten schleuderte und zusammenbrechen ließ. So hatte er sich Luft geschafft, aber keine Aussicht, gegen die sieben teuflischen Kerle gewinnen zu können. Er zog den Colt und richtete ihn auf Kanis, der von vorn kam.

»Alle bleiben stehen, oder er fährt in die Hölle!«

Die Gestalten erstarrten. Kanis war zwar nicht mehr Town Mayor, aber immer noch der Anführer der Bande, der in den letzten Tagen ziemlich rasch neuen Einfluss gewonnen hatte.

»Zurück!«, befahl Ron. »Los, los, Bewegung, Mister Kanis!«

Der Schmied ging rückwärts.

»Er kennt ihn«, sagte jemand betroffen. »Wer ist das? He, wer sind Sie, Mister?«

Hinter Luman richtete sich Rosen auf. Der kleine, verschlagene Halunke kletterte auf den zur Seite gerückten Tisch. Doch Ron hörte ein Geräusch, als er gerade antworten wollte.

Er schnellte herum, sah den Mann springen und warf sich zur Seite. Der nächste Pfosten bewahrte ihn vor einem Sturz. Rosen schrammte auf die Dielen und schrie. Ron sprang vor, schnappte den kleinen Kerl, hob ihn hoch und schleuderte das zappelnde, schreiende Bündel über den Tresen hinweg. Der Keeper konnte gerade noch in Deckung gehen. Rosen flog ins Flaschenregal. Scheppern und Krachen erfüllte den Saloon. Glasscherben flogen durch den Raum.

»Bravo!«, rief Rhona und klatschte begeistert.

»Halt doch endlich die Klappe!«, mahnte der Spieler.

Rosen rappelte sich wieder auf und schielte unter den Tresen.

»Und er kommt von Süden«, sagte der Wirt scheinbar ohne jeglichen Zusammenhang.

»Na eben, das fällt mir jetzt erst auf!«, rief der Büchsenmacher, der Ron entsetzt anstarrte. »Ob er ...?«

Rosen beugte sich weiter hinunter.

»Wenn du das Gewehr anfasst, schieße ich dir eine Kugel in den Schädel!«, sagte Ron gedehnt.

Der Mann trat erschrocken wie ein ertappter Dieb zurück.

»Genug, du Idiot!« Der Keeper stieß den Barbier zur Seite. Dann stützte er die fleischigen Hände auf den Tresen. »Wissen Sie vielleicht auch, wer ich bin, Mister?«

»Ja, Cahn, Sie haben sich fast gar nicht verändert. Ganz schön heruntergekommen seid ihr. Aber das passt zum äußeren Rahmen, der sieht auch nicht besser aus.«

Stallmann Luman kratzte sich an der Schläfe und schien angestrengt nachzudenken. Dabei näherte er sich.

»Das ist ... Mein Gott, das ist Ron! Nicht wahr, du bist es, mein Junge?«

Ron wusste nicht, warum er ausgerechnet in dieser Sekunde erneut an die beiden Toten und das Messer denken musste. Er verzog keine Miene.

»Bist du’s?«

»Ja.«

Der Stallmann umarmte ihn und presste das stoppelbärtige Reibeisengesicht gegen Rons Wange. »Es ist Ron, Leute! Der Junge ist wieder da! Komm mit in den Stall! Es ist alles noch, wie es früher war. Ich habe nichts verändert, mein Junge!«

Die anderen waren verdattert und hinderten John Luman nicht daran, den jungen Stiefsohn aus dem Saloon zu schleppen. Sie versammelten sich an der Schwingtür und schauten John Luman und seinem Stiefsohn nach.

»Das ist ja ’n Ding«, murmelte der Keeper. »Der junge Luman. An den hat keiner mehr gedacht.«

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Die Hütte hinter dem Mietstall hatte sich doch entscheidend verändert, dem alten Luman schien es nur nicht aufgefallen zu sein. Die pflegende Hand der Frau fehlte, die hier länger als zehn Jahre gewirkt hatte. Staub bedeckte den Boden und die Möbel, an denen der Zahn der Zeit nagte. Das Spülbecken war voll mit schmutzigem Geschirr. Eine schwarze Spinne kroch darüber. Sie und ihre Artgenossen hatten große Netze in sämtliche Ecken gewebt und das kleine Fenster in der Küche wie mit einem Vorhang überzogen.

»Warum kommst du erst jetzt zurück?« Der alte Mann stand noch an der Tür.

»Ich habe dir zweimal geschrieben.« Ron schaute sich weiter um und versetzte der Kammertür einen Stoß. Sie schwang kreischend herum und schlug dumpf gegen die Wand.

»Jaja, die Briefe sind ja auch angekommen.« Luman trat von einem Bein aufs andere. »Ich hatte keine Zeit ...« Er brach ab.

Ron blickte auf die Betten, auf denen nur noch alte Decken lagen. Laken und Bezüge waren verschwunden.

»Na ja, Zeit vielleicht schon, aber ...«

Ron wandte sich um. »Was denn?«

»Na ja.« Der Alte verzog das Gesicht.

Ron kniff die Augen zusammen. Plötzlich dämmerte ihm etwas, was ihm nie aufgefallen war. »Sag mal, kannst du nicht schreiben? Das ist doch ausgeschlossen. Du kannst doch lesen. Oder hast du uns getäuscht? Kannst du es gar nicht?« Er kehrte zu dem alten Mann zurück.

»Dir hat es deine Mutter beigebracht. Sollte ich mich wie ein kleines Kind mit dazu setzen?«

»Dann hat dir meine Briefe jemand vorgelesen?«

»Das schon. Rosen kann lesen und schreiben. Und der Schmied auch ein wenig. Aber das ist ja nicht mehr wichtig. Du bist wieder da. Das zählt!«

Ron dachte wieder an das Messer. Er spürte das Heft an seinem Knöchel.

»Ja, ich bin hier«, sagte er schleppend. »Ich bin schon eine Zeitlang in dieser Gegend.«

»Wo denn?«

»In Upton.«

»Ach? Das ist nur ein Dutzend Meilen von hier entfernt!«

»Ja. Aber trotzdem wissen die Leute dort praktisch nichts von Midwest. Es ist für sie ein Stück Vergangenheit, um die man sich nicht mehr kümmert. Ein Nest am Ende der Welt.«

Ron stellte den Stiefel auf einen Stuhl, zog das Messer aus dem Schaft und stieß es in die Tischplatte.

John Luman zuckte zusammen.

Ron straffte sich. »Du hast damit Brot geschnitten, Riemen gekürzt und deine Pfeife ausgekratzt. Es war immer dein wichtigstes Werkzeug.«

John Luman kam mit steifen Bewegungen näher und stierte mit hervorquellenden Augen das Messer an, das noch vibrierte.

»Es ist doch dein Messer?«

»Jaja, das stimmt schon.« Luman wischte sich über den Mund ... »Nur, es gehört mir schon eine ganze Zeit nicht mehr.«

»So? «

Der Alte schaute auf und grinste verlegen. »Wir haben schon lange kein Geld mehr und pokern um alles Mögliche. Wir schleppen die unmöglichsten Gegenstände in den Saloon und setzen sie im Spiel. Gerade gestern hat das Mädchen da drüben ...«

»Ich will es gar nicht so genau wissen«, unterbrach Ron seinen Stiefvater schleppend.

»Ja, also das war so ... Ich bin ja recht gut im Pokern, viel besser als die anderen. Aber ich gewinne natürlich nicht immer. Keiner gewinnt immer. Einmal hatte ich verdammtes Pech, setzte alles und legte schließlich das Messer drauf. Weil ich nichts anderes mehr dabeihatte und auch sicher war, zu gewinnen. Aber es kam anders. Orson, der Schmied, hatte das beste Blatt. So wurde ich das Messer los. Später war er nicht dazu zu bewegen, es seinerseits wiedereinzusetzen.«

»Wann war das?«

»Es ist bestimmt schon ein halbes Jahr her.« Luman rückte an seinem Hut herum. »Wie kommst du an das Ding?«

Ron war erleichtert, obwohl er daran denken musste, dass es mehrere Reiter waren, die den Mord an den beiden Fremden begangen haben müssten. Er ging an seinem Stiefvater vorbei, trat ans Fenster und schaute über den Hof und die Main Street auf den Saloon.

Die Stadt lag wie verlassen im grellen Sonnenlicht.

»Warum sagst du denn nichts, Ron? Wo hast du es her?«

Ron wandte sich um. »Ungefähr drei bis vier Meilen südlich von hier wurden vorgestern zwei Tote gefunden. Und einer hatte das Messer im Rücken.«

Der Alte schien zu schwanken, sank auf den Stuhl und blickte auf die Klinge des Messers, auf der sich Sonnenstrahlen brachen.

»Hierher verirren sich fast nur arme Teufel«, murmelte der alte Mann. »Meistens kommt wochenlang kein Mensch. Aber die beiden Fremden hatten Geld. Eine Tasche voller Silberlinge! Und es hat nicht viel gefehlt, da hätten sie die Rothäute schon über den Jordan geschickt! Dicht genug auf den Fersen waren sie ihnen.«

»Ihr habt sie wegreiten lassen und seid hinterher, habt sie umgebracht und ausgeplündert. Und ihr Narren habt euch eingebildet, die Gegend wäre schon so verlassen, dass keiner die Toten findet.«

»Wer ...?«

»Ein Trapper. Es spielt aber keine Rolle. Hat der Schmied dem Fremden das Messer in den Rücken gestoßen?«

»Woher soll ich das wissen, ich war nicht dabei.«

»Soll das heißen, du hast damit nichts zu tun?« Ron ging zum Tisch hinüber.

»Nein, nichts!«, stieß der Alte hervor.

»Wer war es?«

»Das weiß ich nicht!«, beharrte der Alte. »Rosen, der Barbier, Cahn, der Salooner und ich, wir waren hier in der Stadt. Wir haben damit nichts zu tun.«

»Ach so, jetzt fange ich an, zu verstehen. Ihr habt es ausgespielt, nicht wahr?«

Der Stallmann druckste herum und bestätigte damit die Vermutung Rons.

»Mit Karten? Nein? Gewürfelt?«

»Ja, verdammt.«

»Idiot«, sagte Ron.

»Hör mal, wie redest du denn mit mir!«, brauste der Alte auf.

»Wenn du dir einbildest, nichts damit zu tun zu haben, weil du beim Würfeln mehr Glück als andere hattest, dann bist du ein Idiot! Es war ein gemeinschaftlich geplanter Mord. Der bringt euch alle sieben an den Galgen!«

»Es waren doch nur Halunken!«

»Ihr habt sie gekannt?«, staunte Ron.

»Nein, das nicht gerade.« Der Stallmann wand sich wie ein Aal.

»Was dann?«, herrschte Ron ihn an.

»Na ja, hinter denen waren die Indianer her. Und vertrauenerweckend sahen sie auch nicht aus. Die waren auf der Flucht, das sah man ihnen an.«

»Ich verstehe.« Ron nickte. »Du hast dir ein Bild zurechtgebastelt. Von zwei Schurken, die sowieso nichts Besseres als den Tod verdienten. So einfach ist das also.« Er ging zurück, lehnte sich gegen die Wand und blickte hinaus.

»Wieso interessierst du dich eigentlich dafür?«. fragte der Alte mit hohlklingender Stimme.

»Als ich nach Upton kam, wollte ich eigentlich mal nachsehen, was aus dir geworden ist. Ich wollte wissen, ob du überhaupt noch lebst, ich hab’ ja nichts von dir gehört. Aber es kam ein bisschen anders. Im Saloon stand ein schießwütiger Halunken, der ein junges Mädchen als Geisel vor sich hielt und den Marshal erschossen hatte. Wegen eines Steckbriefs, der auf seinen Namen ausgestellt war. Ich geriet zufällig dazwischen. Und ich wollte ihn auch nicht erschießen. Es hat sich dann aber so ergeben.«

»Und?« Der Stallmann stand auf und kam geduckt näher. »Bist du jetzt etwa ...« Er brach ab, als würde er es nicht wagen, das Wort auszusprechen, das ihm auf der Zunge lag.

»Ja, jetzt bin ich Marshal von Upton. Die beiden Toten wurden zu mir gebracht, könnte man sagen.«

»Du meine Güte. Wissen die Leute in Upton, dass du und ich ... Dass wir verwandt sind?«

»Nein, das wissen sie nicht. Aber sie werden es bald erfahren.«

»Und du hast keine Angst davor?«

»Ich denke darüber nicht nach.« Ron schaute hinaus.

Der Alte griff zum Revolver. Ron sah es in der Scheibe.

»Es war ganz einfach, die Mörder zu finden«, sagte er gedehnt. »Ich habe es mir schwieriger vorgestellt.«

Der Stallmann zog den Colt langsam aus dem Holster.

»Und jeder, der nach mir kommt, wird euch auch finden, egal, wie viele Morde ihr begeht, ihr endet am Galgen!«

Ron blickte über die Schulter.

Der Alte ließ den halberhobenen Colt sinken.

»Ich wollte es ja gar nicht. Aber wenn man so weit ist wie wir, muss man mitmachen, was die Mehrheit beschließt. Und da kamen zwei, die wie Strolche aussahen. Mit einer Tasche voll Geld, die Rothäute an den Fersen. Und die wollten so schnell wie möglich weiter. Das war doch verdächtig genug, oder?«

»Du musst dich vor mir nicht rechtfertigen, ich bin nicht der Richter.« Ron blickte immer noch auf den Revolver.

Der Stallmann schob ihn in dem Holster zurück. »Denkst du manchmal noch an die Jahre hier in der Stadt? Waren es nicht schöne Jahre, Ron?«

»Ich denke im Augenblick unentwegt daran. Aber ich sehe auch den Toten mit dem Messer im Rücken. Und den anderen, dem sie das Gesicht so sehr mit Kugeln durchlöcherten, dass man es nicht mehr erkannte. Sie sind in ihrer Geldgier wie die Geier über die beiden hergefallen, die im Dickicht ahnungslos lagerten. Mich friert es bei der Vorstellung.«

Der Stallmann schlurfte wie ein geprügelter Hund durch die Hütte und kehrte in die Küche zurück. »Ich müsste die anderen vor dir warnen. Sie sind ahnungslos.«

»So ahnungslos wie ihre Opfer, aber nicht so wehrlos. Ich habe sieben Mann gegen mich. Sie waren vier gegen zwei.«

»Du kannst gar nichts ausrichten!«

»Das überlass mir. Was ist mit den beiden, die auf der Galerie standen?«

»Die sind während der Nacht hier angekommen, als Orson und die anderen unterwegs waren.«

»Und wieso standen sie da oben und nicht bei euch unten?«

Der Stallmann zuckte mit den Schultern, und wich Rons Blick aus. »Was weiß ich.«

»Haltet ihr sie fest?«

»Blödsinn! Wie kommst du denn darauf? «

»Ich weiß es nicht. Ich halte inzwischen alles für möglich. Es ist ja nicht sehr schwer für euch, einen Mann und eine Frau festzuhalten. Habt ihr mit ihnen gespielt? Du warst doch schon immer ein guter Pokerspieler. Ich kann mich erinnern, dass die Kartenhaie einen großen Bogen um Midwest machten, weil sie hier höchstens verlieren konnten. So war das doch?«

Der Alte grinste schief. »Dabei habe ich es nur aus Spaß betrieben.«

»Wieso hast du die Stadt nicht verlassen, als sie die Bahn bauten?«

»Alle sagten, mit der Eisenbahn, das ginge nicht lange gut, und dann würde der Wagenweg schon wieder benutzt und die Wells Fargo den Postverkehr neu aufnehmen. Und so haben wir gewartet.«

»Bis das Geld alle war.« Ron nickte. »Also bis fünf Minuten nach zwölf.«

»Was willst du denn nun tun? Eine Posse aus Upton holen?«

Ron beobachtete die verlassene Main Street und den Saloon.

»Das dauert seine Zeit, mein Junge. Vierundzwanzig Stunden mindestens. Bis dahin sind wir ausgeflogen.«

Der Alte hatte recht, das wusste Ron genau. Er hätte ihm eigentlich nicht sagen dürfen, dass er Marshal war, denn jetzt waren die Burschen gewarnt.

»Und wer weiß, ob sie nicht mit Fingern auf dich zeigen, wenn du den eigenen Vater zum Henker führst! Schön, ich bin nur dein Stiefvater. Aber das ändert für die Leute nichts.«

»Was willst du mir eigentlich vorschlagen?«

»Vorschlagen? Wie meinst du das?«

»Du hast doch irgendwas im Sinn.«

»Ich sage nur, was dich erwartet, wenn du mich als Gefangenen nach Upton schaffst.«

»Das ändert nichts an meinem Auftrag«, erwiderte Ron. »Und das weißt du auch.«

Der Stallmann setzte sich wieder an den Tisch, in dem noch immer das Messer steckte. Und Ron, der eigentlich hätte handeln müssen, stand am Fenster und blickte hinaus. Dort lag sie in der grellen Sonne, die Main Street von Midwest, wie in der Ruhe vor einem Sturm.

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14

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Orson Kanis schenkte sich Sodawasser ein.

»Sie könnten die Begrüßung nun langsam beenden und zurückkommen«, brummte der Büchsenmacher.

Rhona und der Spieler standen im Obergeschoss an der Wand und waren bemüht, von den Männern unten nicht bemerkt zu werden. Beide hofften, dass sich durch die Ankunft des Fremden für sie etwas verändern würde, dass sie eine Möglichkeit finden konnten, an die Pferde zu gelangen und das Nest zu verlassen.

»Ich muss daran denken, dass er von Süden kam«, murmelte der Barbier. »Auf der alten Postroute!«

Kanis trank das Sodawasser und schaute zum Fenster hinaus.

»Warum kommen sie nicht?«

»Vielleicht trägt er uns die Prügelei nach«, mutmaßte der Schmied.

Der Keeper kam um den Tresen herum, rückte den Tisch an seinen Platz und stellte die heilgebliebenen Stühle auf. Als er die Trümmer wegräumen wollte, fiel etwas zu Boden. Cahn erschrak so sehr, dass er die zerbrochenen Teile wieder losließ. Kalt lief es ihm über den Rücken.

Der Stern funkelte und schien ihn anzugrinsen. Auch Ron hatte noch nicht bemerkt, dass er ihm aus der Tasche gefallen war.

»Was hast du denn?« Dem Schmied fiel die starre Haltung des Keepers auf.

»Komm her und sieh es dir selbst an, vielleicht kannst du es dann leichter glauben.«

Kanis musste bis zu Cahn gehen, bevor er den Stern auf den Dielen sehen konnte. Dann stand er genauso starr wie der Salooner da.

Rhona wagte sich ans Geländer, schaute darüber und sah den Stern ebenfalls. Einer nach dem anderen traten die Männer neben den Keeper und ihren früheren Town Mayor, der eigentlich nie abgesetzt worden war.

»Nein«, raunte Büchsenmacher Mattock den anderen zu. »So was kann gar nicht sein.«

»Auch dann nicht, wenn du es mit eigenen Augen siehst?«, fragte der Salooner gepresst.

»Er kam von Süden!« Barbier Rosens Stimme klang schrill. »Auf der alten Postroute! Und er hat nichts gesagt. Kein verdammtes Sterbenswörtchen.«

Kanis hob den Stern auf und entdeckte auf der Rückseite den mit einem spitzen Gegenstand eingeritzten Schriftzug »Upton«.

Auf der Galerie schaute der Spieler neben Rhona herunter; die alten Männer beachteten die beiden nicht.

»Ich sagte es doch!«, flüsterte Rhona. »Die haben was auf dem Kerbholz! Nun ist ein Marshal hinter ihnen her.«

»Dem werden sie wie uns das Fell über die Ohren ziehen«, gab Cotter ebenso leise zurück.

Der Schmied legte den Stern auf den Tisch. »Holt eure Gewehre!«

Sie blickten ihn an und rührten sich nicht.

»Was ist denn? Wollt ihr darauf warten, dass er zuschlägt? Ist doch wohl klar, was er hier will. Wir werden ihm zuvorkommen.«

»Aber Luman ist drüben«, gab der Keeper zu bedenken.

»Sein Pech. Darauf können wir jetzt keine Rücksicht nehmen. Los! Geht hinten raus. Er muss uns nicht früher als nötig bemerken.«

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15

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»Hast du Tabak?«

Ron wandte sich um, ging zum Tisch und warf seinen Lederbeutel neben das Messer.

Der Alte öffnete ihn und stopfte die Maiskolbenpfeife.

»Wieviel war es?«

»Viertausend Dollar.« Der Stallmann blickte auf. »Verdächtig viel Geld.«

»Du bist nicht weit von der Behauptung entfernt, ihr hättet der Gerechtigkeit einen Dienst erwiesen.«

»Sicher stellt sich eines Tages heraus, dass sie tatsächlich Halunken waren. Du wirst es erleben!«

»Habt ihr es geteilt?«

»Noch nicht. Kanis bewahrt es auf. Er gibt in der Stadt noch immer den Ton an.«

Ron nahm dem Alten den Beutel ab, zog die Schnur zusammen und steckte ihn ein. Er kehrte ans Fenster zurück, schaute hinaus und sah unter dem Verandadach vor dem Saloon einen Mann. Da er mit dem Oberkörper noch ganz im Schatten stand, konnte Ron nicht erkennen, welcher der alten Teufel es war.

Zufällig schob er jetzt die Hand in die Hosentasche. Er stutzte und wusste zuerst nicht, warum.

Der Stallmann rieb auf der Tischplatte ein Schwefelholz an und paffte. Qualmwolken hüllten rasch seinen Kopf ein.

Da wusste Ron, was nicht stimmte. Sein Stern fehlte. Er konnte ihn nur während der Prügelei im Saloon verloren haben. Weil er die ganze Zeit hinüber zum Saloon blickte, entging ihm das matte Blinken nicht.

Der Mann hielt ein Gewehr in der Hand.

Für Ron Luman war alles klar. Er trat zurück, ging zur Tür und griff zum Wandbrett darüber. Wie erwartet lag das Gewehr an seinem alten Platz. Es handelte sich um einen Henrystutzen. Wie hätte der Alte auch zu einer Winchester, einer Spencer oder einer Remington kommen sollen? Als er die Waffe repetierte, fuhr der Stallmann hoch.

»Was ist denn nun los?«

»Ich habe meinen Stern verloren. Und es scheint, als hätten deine Freunde ihn gefunden.«

»Auch das noch!«

Der Mann vor dem Saloon trat weiter in die Sonne. Wie Ron vermutet hatte, war es der Keeper.

Andere Gestalten tauchten rechts und links vor dem Mietstallgelände auf. Jeder hielt ein Gewehr in den Händen.

»John!«, rief der Schmied.

Luman wollte zur Tür, aber der Marshal hielt ihn am Ärmel fest.

»Du bleibst schön hier.«

»Ich werde mit Ihnen reden. Ihnen alles erklären.«

»Es gibt nichts zu erklären. Bleib hier!« Ron ließ seinen Stiefvater los.

»Das ist vielleicht verrückt, mein Junge. Wohin gehöre ich denn nun eigentlich? Zu dir, weil du mein Stiefsohn bist, oder zu den anderen, die meine Freunde sind?«

»Deine Kumpane«, verbesserte Ron. »Falls es dir noch nicht aufgefallen sein sollte, ihr seid jetzt Banditen.«

»He, John, sitzt du auf den Ohren?«, rief der Schmied.

Die sechs Männer blieben so gut es ging in Deckung.

Der Stallmann ging zum zweiten Fenster und öffnete es. »Er hat schon gemerkt, dass er was verloren hat, Orson!«

»Der Kerl weiß es!«, schimpfte der Barbier.

»Er hat es mir eben erst erzählt!«, rief der Stallmann. »Ich komme mir vor, als würde ich zwischen zwei Stühlen sitzen.«

Ron schob die untere Fensterhälfte nach oben.

»Jetzt gibt es keinen Pardon mehr«, sagte Luman durch die Zähne.

Auf der Main Street fiel der erste Schuss. Die Kugel schrammte über das Hüttendach. Im Stall nebenan schnaubten die Pferde. Ketten rasselten. Hufe schlugen gegen die Bretterwände der Boxen.

Dann schossen sie alle. Dumpf pochend wurde die Wand getroffen. Über dem Stallmann zersplitterte das Fenster und die Scherben wurden in den Raum geworfen.

Luman duckte sich. Ron erwiderte das Feuer, repetierte den Henrystutzen und jagte Schuss um Schuss hinaus. Eigentlich hätte ihm die Zeit vorhin gut gereicht, durch die Verbindungstür hinüber in den Stall zu gehen und seine Winchester 66 zu holen. Doch er hatte den Alten nicht allein lassen wollen.

Die Alten schossen unablässig. Pulverrauchschwaden stiegen gemächlich in den nun vom Dunst verhangenen Sommerhimmel. Die vordere Hüttenwand bebte unter dem Einschlag der Projektile.

»Geh in Deckung, sonst erwischen sie dich!«, befahl Ron. Er stand neben dem Fenster und spähte hinaus.

Da wurde die Scheibe zerfetzt. Scherben trafen ihn. Der Luftdruck nahm ein verstaubtes Spinnennetz mit.

Im Stall wieherten die Pferde und tänzelten nervös.

»Hört doch auf, ihr Nachtwächter!«, brüllte Luman.

Da wurde er getroffen. Er schwankte zurück, wollte sich am Stuhl festhalten, riss ihn um und ließ los.

Ron wandte sich um.

Der alte Mann brach zusammen und rollte stöhnend auf das Gesicht.

Er lief zu ihm, kniete nieder, legte das Gewehr ab und zog den röchelnden Mann herum. Luman lief Blut aus dem Mundwinkel. Über das vom Schmerz entstellte Gesicht legte sich ein letztes Lächeln, und er sah für einen Moment wieder so freundlich aus, wie Ron ihn aus seinen Kinderjahren in Erinnerung hatte.

»Die verdammte Eis... Eisenbahn ...« Er stöhnte und kämpfte gegen den Tod an.

Die sechs Männer draußen nahmen die Hütte immer noch unter Beschuss.

»Sie ist ... ist an allem ... Schuld«, brachte der Sterbende noch hervor. Dann verlosch das Licht in seinen Augen, und Starre bemächtigte sich der Gestalt.

Eine Kugel pfiff über Ron hinweg und traf klatschend die rückwärtige Wand. Sie erinnerte ihn an die Gefahr, in der er schwebte und die ausgerechnet dem alten John Luman als ersten zum Verhängnis geworden war. Die eigenen Kumpane hatten ihn in die Hölle geschickt.

Er drückte dem Toten die Augen zu, ergriff das Gewehr und richtete sich auf.

Zwei Mann wagten sich bereits in den Hof.

Ron nahm sie unter Beschuss, sofort zogen sie sich zurück.

»Ihr habt ihn erschossen!«, schrie er hinaus.

Das Feuer brach ab. Aus den Hügeln hallte das wummernde Echo zurück. Vor dem Saloon stiegen die Pulverrauchschwaden über die Dächer und lösten sich auf.

»Ist er tot?«, meldete sich der Keeper.

»Frag nicht so naiv, hast doch gehört, was er sagte!«, zürnte der Schmied.

Ron lud das Gewehr nach. Er blickte über die Schulter. Durch den Tod seines Stiefvaters war seine Aufgabe keinesfalls einfacher geworden, aber sie hatte sich doch ganz wesentlich verändert. Irgendwie hatte er tief in seinem Inneren gemeint, auf Luman Rücksicht nehmen zu müssen, ihn nicht einfach vor den Richter schleppen zu können. Bei den anderen würde er solche Hemmungen nicht haben.

»Komm raus, wir werden über alles in Ruhe reden!«, schlug der Keeper vor.

»Ja, das ist eine gute Idee!«, stimmte der Schmied zu.

»Ihr denkt wohl, ich ziehe die Hosen mit der Beißzange an, was?«, gab Ron verächtlich zurück.

Rosen kicherte. »Hätte doch sein können, Ron, mein Junge!«

Dann eröffneten sie wieder das Feuer und zeigten damit, dass es für sie in Wahrheit längst nichts mehr zu reden gab. Anders als der alte Luman wussten sie genau, was ihnen blühen würde. Luman war ein Spieler gewesen, vielleicht auch ein Träumer.

Ein Geschoss traf das ausgetrocknete Holz des Fensters und riss es auseinander. Die Scherbenreste fielen aus dem Rahmen.

Ron repetierte den Henrystutzen und wartete.

Die Kerle standen gut gedeckt an den Ecken, einer hockte hinter der Regentonne am Saloon, ein anderer lag am Zaun flach auf dem Bauch.

Rosen zeigte sich an der rechten Saloon Ecke. Er hielt das Gewehr an der Hüfte angeschlagen und eröffnete ein so rasches Dauerfeuer, dass nur ein einziger langgezogener Knall durch die Stadt schallte.

Ron zielte und zog den Hahn durch.

Zion Rosen stieß einen laut gellenden Schrei aus, ließ das Gewehr fallen, trat darauf und fiel auf die Knie. Die Hände aufs Herz gepresst stürzte er aufs Gesicht und blieb in einem Staub und Pulverrauchwolke liegen.

Die anderen zogen sich weiter in ihre Deckungen zurück.

»Lou, sieh nach, ob er noch lebt!«, befahl der Schmied.

»Mach es selbst, wenn du lebensmüde bist«, gab der Büchsenmacher zurück.

»Natürlich hat er es hinter sich«, war der Keeper heiser zu vernehmen. Ritchie Cahn hatte Angst. Er war schon immer ein Feigling gewesen, nur kam es selten ans Tageslicht.

»Und nun?«, rief der Schmied zornig.

»Es war doch seine eigene Schuld, zur Hölle!«, war der Büchsenmacher abermals zu vernehmen.

»Nun sind wir nur noch fünf«, stellte der Salooner fest. »Oder könnt ihr euch vorstellen, dass John noch lebt?«

»Warum fragst du uns das?«, meldete sich der Wagenbauer.

»Luman, was ist mit deinem Vater?«, brüllte der Schmied. »Hast du ihn schon umgelegt?«

Ron sah den klotzigen Mann halb an der Ecke und feuerte. Doch Kanis hatte Glück. Er zog sich rechtzeitig in seine Deckung zurück.

Die Kugel streifte die Ecke der Holzhütte und warf einen Splitter in den Staub.

Er trat zurück und lud den Henrystutzen. Bevor sie auf den Gedanken kamen, ihn auch von hinten anzugreifen oder in den Stall einzudringen, musste er aus dem Nest fürs erste verschwinden. Auf Dauer konnte er nicht gegen sie aufkommen.

Er ging in die Küche und zog den rostigen Riegel der Verbindungstür zurück. Die Angeln bewegten sich schwer und kreischten, aber weil die Halunken wieder schossen, konnten sie davon kaum etwas hören. Der Stallmann schien diese Tür schon ewig nicht mehr benutzt zu haben.

Die Pferde hatten sich an die Knallerei gewöhnt und waren einigermaßen zur Ruhe gekommen. Ron ging hinein, nahm seinen Sattel von der Trennwand und legte ihn dem Palomino auf.

Sie schossen immer noch auf die Hütte. Und es gab aus dem Stall nur den Weg über den Hof.

Er kettete es los, drängte es in den Gang und redete beruhigend auf das Tier ein.

Die Bande merkte immer noch nicht, dass er sich nicht mehr in der Hütte befand. Und sie schien Munition in Hülle und Fülle zu besitzen.

Ron schnallte die Zügel ans Kopfgeschirr und zog den Sattelgurt noch einmal nach. Dann wartete er an der Tür.

Sie würden ihn verfolgen, das war sicher. Aber er hoffte, ihnen im Buschland ein Schnippchen schlagen zu können. Dann erst wollte er entscheiden, ob er nach Upton zurückkehrte, um ein Aufgebot zu holen. Es widerstrebte ihm, gegen die alten Teufel halb Upton zu mobilisieren, doch er wollte nicht, dass sie entkamen.

Das Gewehrfeuer wurde schwächer.

»Er schießt nicht mehr, Orson.«

»Vielleicht haben wir ihm den Garaus gemacht!« Die Stimme des Schmieds klang frohlockend.

»Wir sollten nachsehen!«

»Darauf wartet er doch nur!«, mahnte der Salooner. »Der ist doch mit allen Wassern gewaschen, Leute!«

»Luman, was ist denn los mit dir? Versteckst du dich vor uns?« Der Schmied lachte polternd.

Ron konnte nicht länger warten. Er musste es wagen. Sie schossen nicht besonders gut, wie der Schusswechsel bewiesen hatte, und sie würden, wenn er über den Hof ritt, wahrscheinlich nicht treffen. Er stieß die Tür auf, schwang sich in den Sattel und trieb den Palomino an. Dabei lag er auf dem Pferdehals, als er die niedrige Öffnung passierte und streifte sie dennoch mit dem Rücken.

»Da!«, gellte es in den Hof.

Rons große Durangosporen berührten die Flanken, und er schlug dem Hengst gegen den Hals. Das Pferd streckte sich.

Sie eröffneten das Feuer erst, als er die Hälfte der Strecke zum hinteren Zaun bereits zurückgelegt hatte. Eine Kugel pfiff über ihn hinweg, eine andere zog vor dem Tier eine Furche in den Boden. Die restlichen gingen viel weiter fehl. Der Palomino-Hengst setzte zum Sprung an und schnellte über den Zaun, den nur noch das Dickicht an seinem Platz hielt.

Das enttäuschte Schimpfen der Bande vermischte sich mit dem trommelnden Hufschlag. Geschossen wurde nicht mehr.

»Holt die Gäule, er darf nicht entwischen!«, schrie der Schmied und rannte vor den anderen her.

Wahllos sattelten sie Pferde, ketteten sie los. Sie behinderten sich gegenseitig und wurden doch schnell fertig.

Kanis war als erster draußen, weil er die Ellenbogen besser als die Kumpane gebrauchen konnte.

»Wo bleibt ihr denn?«, giftete er. »Bewegt euch, ihr müden Säcke!«

Staub hing an der Stelle über dem Dickicht, wo Rons Hengst das Hindernis genommen hatte. Und der trommelnde Hufschlag war noch zu hören.

Orson Kanis ritt los, aber er ließ das Pferd langsam gehen, bis die anderen bei ihm waren.

»Nun wissen wir immer noch nicht, ob John tot ist!«, brüllte der Salooner.

»Das werden wir schon noch feststellen. Vorwärts!«

Im Galopp folgte die Bande der Staubfahne. Der Verfolgte tauchte auf einer Bodenwelle auf. Sie schlugen die Gewehre an und schossen.

»Den kriegen wir!« Der Schmied knallte dem Pferd brutal die Faust zwischen die Ohren.

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Staub und Pulverrauch senkten sich. Stille beherrschte die noch vor wenigen Minuten lärmerfüllte Stadt. Der Tote lag noch in der Hütte.

Rhona stand am Fenster und blickte beinahe verwundert auf die gähnend leere Main Street. Im Sand funkelten die Messinghülsen, die aus den Repetierverschlüssen gefallen waren. Und drüben, im Mietstall, schnaubte ein Pferd.

Der Spieler stand neben dem Bett und konnte an dem Mädchen vorbei die Reiter in der Ferne sehen.

»Es ist niemand mehr da, Jubal!«

»Das habe ich auch bemerkt.«

»Wir können fort. Jetzt schaffen wir es. Sie haben uns völlig vergessen. Sie sind alle hinter ihm her.«

»Hast du gehört, was sie erzählten?«

»Was meinst du?«

Cotter ging zur Tür, öffnete sie und blickte in den Saloon hinunter, in dem es noch genauso wüst wie unmittelbar nach der Prügelei aussah.

»Ich verstehe nicht, Jubal?«

»Du hattest recht, sie haben was ausgefressen. Zwei Fremde abgemurkst, die kurz vor uns hier waren.«

»Mann, ich bin nicht taub!«

»Und es war von viertausend Bucks die Rede. Du hast sie doch auch gesehen, als sie zurückkehrten. Hatte der Bulle nicht eine Tasche unter dem Arm?«

»Doch.«

»Das muss es sein.« Jubal Cotter verließ das Zimmer und stieg die Treppe hinunter.

Rhona raffte ihre Sachen zusammen, stopfte sie in die Reisetasche und rannte hinterher.

Jubal stand bereits hinter dem Tresen, riss die Kasse auf und steckte alle Münzen in die Hosentaschen. Ein paar verlor er dabei, ließ sie aber liegen.

Rhona hastete aus dem Saloon.

»Weißt du, wo der Schmied wohnt?« Cotter kam hinterher.

»Da drüben im dritten Haus. Jubal, ein Marshal hat seine Finger im Spiel. Wird das nicht zu gefährlich?«

»Den Marshal machen die fertig. Und falls ihnen das doch nicht gelingen sollte, was haben wir mit der ganzen Sache zu tun?«

»Er hat uns gesehen.«

»Gesehen, was ist das schon? Ich bin nicht blöd, Schatz, so viel Geld lasse ich nicht liegen. Hol die Pferde inzwischen. Und beeile dich!«

Rhona stand allein auf der Main Street. Sie dachte auch an das viele Geld. Aber irgendwo lag ein Toter, und das machte ihr Angst. Das vergegenwärtigte ihr, wie gnadenlos es hier zuging. Dabei ging sie davon aus, dass die Bande kaum noch Interesse für sie und Jubal aufbringen würde, wenn sie ihr die Beute nicht wegnahmen.

Doch Jubal war nicht mehr zu halten. Er war bereits bei dem Haus, riss die Tür auf und stürmte hinein.

Rhona lief weiter, warf ihre Tasche hinten in den kleinen Planwagen und rannte zum offenstehenden Stall. Sie sah die Pferde, holte das eine und führte es hinaus.

Jubal kam nicht. Er schien die Beute der Banditen noch nicht gefunden zu haben.

Rhona kehrte in den Stall zurück und brachte das zweite Pferd. Da erschien der Spieler. Er lachte und stieß Schreie des Jubels aus; er warf die abgeschabte Tasche in die Luft und fing sie wieder auf.

»Rhona, Goldschatz, ich habe die Bucks!«

»Wir sollten keine Zeit verlieren.«

»Willst du den Zaster nicht sehen?«

»Nicht jetzt.«

In der Ferne fielen Schüsse.

Cotter lauschte. »Hörst du es? Die sind weit weg!«

»Lass uns verschwinden, Jubal.«

Er gab ihr die Tasche und schirrte die Pferde ein. Rhona kletterte auf den Bock, lauschte auf den fernen Kampflärm und blickte auf das Gestrüpp am Ende des Hofes, auf den offenstehenden Stall, die zerschossenen Fenster der Hütte dahinter und auf die offenstehende Tür und die brüchigen, schiefgetretenen Stiefel Lumans, die sie dahinter sehen konnte.

Cotter stieg auf den Bock, knallte mit der Peitsche und lenkte die Pferde am Zaun entlang auf die Main Street hinaus.

»Wohin fahren wir?«

»Nach Norden zurück. Oder willst du vielleicht, dass sie uns sehen?«

Rhona gab keine Antwort.

Cotter ließ die Peitsche knallen. »Schneller, schneller, ihr lahmen Krücken! Habt doch lange genug im Stall gestanden!«

Die Pferde wurden schneller. Am Ende der Ruinenstadt geriet das Gefährt manchmal ins Schlingern, und Rhona hielt sich krampfhaft an der Lehne fest.

Ron hatte Pech auf der ganzen Linie. Der sonst so zuverlässige Palomino-Hengst hatte Angst. Das Pfeifen der Kugeln schien ihn hier draußen mehr als im Stall zu beunruhigen. Er brach ständig aus und verlor dadurch immer mehr an Boden. Ron hätte ihn mit Tritten und Schlägen zur Räson bringen können. Aber das widerstrebte ihm.

Die Banditen schrien und schossen jetzt gezielter. Rons Lederweste wurde an der Schulter aufgerissen.

Dann streifte ein Geschoss das Tier. Es sprang mit allen Hufen gleichzeitig in die Luft und krümmte den Buckel wie eine Katze.

Ron musste sich am Sattelhorn festhalten, um nicht abgeworfen zu werden.

Der Hengst kam vollends aus dem Tritt und lief nach Westen.

Die Banditen schnitten ihm den Weg ab und schossen, was das Zeug hielt.

Luman wollte das Pferd wieder nach Süden lenken, aber in diesem Augenblick wurde der Hengst in den Kopf getroffen. Er brach so plötzlich zusammen, dass Ron weitergeschleudert wurde. Er flog über den Kopf des Tieres hinweg, überschlug sich und konnte den Sturz mit den Armen wenigstens etwas mildern. Dennoch lag er einen Moment benommen im aufwirbelnden Staub.

»Wir haben ihn!«

Ron kam auf die Knie, zog den Colt und feuerte auf die heranjagenden Halunken.

Abraham Houston, der ehemalige Wagenbauer, bezahlte seinen Leichtsinn mit dem Leben. Nach hinten stürzte er kreischend vom Pferd und spürte den Aufprall nicht mehr.

Dann war es vorbei. Orson Kanis’ schweres Pferd scheute, als der Schmied den Marshal einfach niederreiten wollte. Es stieg mit wirbelnden Hufen vor Luman auf die Hinterhand. Die Eisen schrammten zusammen.

Ron sprang auf, verfing sich mit dem Sporn im Gestrüpp und landete auf dem Rücken.

Kanis warf sich auf ihn. Er sah die gewaltige, behaarte Faust des schwergewichtigen Halunken und konnte ihr nicht mehr ausweichen. Seine Stirn wurde mit Wucht getroffen, der Hinterkopf in den harten Sand gestoßen. Ron war nahe daran, das Bewusstsein zu verlieren.

»Mach ihn fertig, Orson!«, zischte jemand.

Ron war es, als würde er schweben. Er sah Funken, Feuer und Rauch und mittendrin das verzerrte Gesicht des Schmieds, der einmal der geachtetste Mann von Midwest gewesen war.

»Mach ihm den Garaus!«, hetzte der andere.

»Wir nehmen ihn mit.«

»Wozu denn diese Umstände?«

»Hier draußen haben sie schon genug Leichen gefunden. Und außerdem will ich ihm noch ein paar Fragen stellen. Wer die Toten gefunden hat, zum Beispiel. Lindon, du steigst bei Ritchie mit auf. Wir werfen ihn auf deinen Gaul.«

»Wozu das, wir können ihn doch auf Abes Pferd werfen. Houston braucht nie mehr einen Gaul.«

»Den nehmen wir auch mit. Sie dürfen hier niemanden finden.«

»Daran hättet ihr besser schon bei den beiden Fremden gedacht, dann wäre uns der ganze Kummer erspart geblieben!«, maulte der Keeper.

»Macht, was ich sage! Schluss mit dem Gerede!«

»Wir sollten ihn wenigstens fesseln.«

»Bitte, hat doch kein Mensch was dagegen!«

Der Keeper fesselte Ron Luman mit ein paar Rohlederriemen. Dann warfen sie ihn quer über einen Sattel.

Er war noch immer nicht vollkommen bei Sinnen, aber er verstand alles, was sie redeten, ohne es jedoch verarbeiten zu können. Der Schädel dröhnte ihm zum Zerspringen.

Er war ihnen hilflos ausgeliefert. Vor allem darüber war er sich klar. Dass sie ihn nicht umbrachten, verdankte er nur der Tatsache, dass sie noch keine Gelegenheit gefunden hatten, ihn auszufragen. Und Kanis wollte das offenbar nicht hier tun.

Sattelleder knarrte. Das Pferd setzte sich in Bewegung. Staubwölkchen wurden von den Hufen aufgewirbelt und stiegen Ron ins Gesicht. Seine Augen brannten, er konnte kaum noch atmen. Außerdem stieg ihm das Blut in den Kopf. Und obwohl die Schmerzen bereits nachließen, verlor er doch noch das Bewusstsein.

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Rhona stieß einen leisen Schrei aus, griff sich an den Hals und starrte nach Westen.

Zwischen Krüppelkiefern und Salbeibüschen verhielten zwei dunkelhäutige Reiter und blickten zum alten Wagenweg herüber. Die Entfernung betrug nicht mehr als dreihundert Yard.

Jubal Cotter trieb die Pferde nicht mehr an, und so blieben sie bald stehen.

»Sie haben von den Indianern geredet«, flüsterte das Mädchen.

»Was hast du denn, es sind nur zwei. Mit denen werde ich schon fertig.« Jubal griff nach seinem Gewehr und repetierte es.

»Und wenn welche in den Büschen auf der Lauer liegen?«

»Glaube ich nicht. Dann würde sich gar keiner zeigen.«

»Fahr weiter, wir entkommen ihnen!«

»Mit dem Wagen?« Cotter grinste herablassend. »Wie stellst du dir das vor?«

Die beiden Krieger stießen plötzlich kehlige Schreie aus und trieben die Pferde an. Cotter sah, dass sie Gewehre besaßen. Er erhob sich vom Bock und feuerte, aber er traf nicht.

Die Dakotas schossen ebenfalls.

»Wir müssen weiter!« Rhona griff nach der Peitsche und raffte die Zügel zusammen.

Cotter schoss.

Die Indianer tauchten im hohen Dickicht der Senke unter.

»Lauft doch! Schneller!«, schrie Rhona den Tieren zu und traf sie mit der Peitsche. Sie wieherten, stiegen auf die Hinterhände, rissen die Deichsel hoch und zerbrachen sie dabei. Der Drehschemel unter dem Bock rutschte steuerlos herum, der Wagen fuhr quer zum Wagenweg und wurde umgerissen. Dabei barsten die Ortscheite, und die Pferde stoben davon.

Mit einem gellenden Schrei stürzte Rhona vor den umschlagenden Wagen, der schwer auf sie krachte. Im Bersten splitternden Holzes ging ihr Schrei unter.

Jubal Cotter hatte Glück, weil er auf der Seite gestanden war, die nach oben kippte. Er landete hinter dem umstürzenden Gefährt. Sein Gewehr hielt er noch in den Händen.

Die Indianer sprengten mit Kriegsgeheul heran.

»Kommt nur, ihr roten Teufel!« Cotter sah sie, legte an und schoss. Einer der Dakotas fiel steif nach der Seite.

Der andere wollte das Weite suchen, aber es war auch für ihn zu spät.

Cotter hatte bereits durchgeladen, sah die bronzefarbene Gestalt über den schimmernden Lauf hinweg und drückte noch einmal ab. Auch diesen Krieger traf er mit tödlicher Präzision. Das Pferd schnaubte, trabte nach links und blieb im Gestrüpp stehen.

Cotter ließ die Winchester sinken. Sein Blick fiel auf die Gefährtin.

Rhona und er waren lange zusammen von Stadt zu Stadt gefahren. Sie hatten nicht übermäßig viel verdient. Aber sie hatten gemeinsam eine angenehme Zeit verbracht. Ohne Sorgen und ohne Hast.

Sie war tot. Er sah es, obwohl sie auf dem Gesicht lag. Der Wagen hatte sie halb unter sich begraben und lag zertrümmert in der kleinen Kuhle neben dem verkrauteten Wagenweg. Ihr rotes Haar schimmerte im Sonnenlicht.

»Verdammt«, brachte er schleppend hervor.

Doch Jubal Cotter ließ sich nicht aus der Fassung bringen. Rhona hatte Gut und Böse hinter sich. Er musste seine Haut retten. Dabei dachte er vor allem an mögliche Verfolger. Vielleicht konnte er aus dem Unglück einen Vorteil ziehen. Er musste dem Indianerüberfall eine andere Bedeutung geben, musste Spuren herrichten, die auf eine ganze Bande Dakotas schließen ließen und den Verdacht nahelegten, er sei mit der Beute den Indianern in die Hände gefallen.

Cotter ging den Indianerpferden entgegen, beruhigte sie mit sanften Worten und fing sie ein. Er führte sie zu dem umgestürzten Wagen, dann folgte er seinen Pferden. Sie waren auch nicht weit gelaufen.

Der Spieler nahm ihnen im Gestrüpp die Sielen mit den Ortscheiten und die langen Zügel ab und verbarg sie im Dickicht. Dann führte er die Tiere zurück. Er musste sich hinlegen, um in den kopfstehenden Wagen mit den gebrochenen Spriegeln kriechen zu können, und er fand, was er suchte: einen alten Sattel. Er legte ihn dem Tier auf, suchte dann nach der Tasche mit dem Silbergeld und band die drei Pferde mit Longen aneinander. Er ritt vor dem Wagen herum und umkreiste ihn mehrmals.

Dann machte er sich auf den Weg nach Westen. Dabei durchbrach er das Buschwerk, wo immer es ging, und hinterließ damit eine gut sichtbare Spur.

Die beiden erbeuteten Pferde trugen Brandzeichen. Die Dakotas mussten sie irgendwo auf einer Ranch oder aus einem Stall gestohlen haben.

Eine Meile entfernte sich der Spieler nach Westen, dann saß er ab, befreite die Indianerpferde von den bunten, verstaubten Decken und den geflochtenen Kopfgeschirren. Wenn er die Tiere später verkaufte, durfte nichts darauf hindeuten, dass sie Indianern gehört hatten.

Cotter ritt weiter, erreichte einen Creek und folgte ihm nach Norden.

Er grinste. Rhona verblasste in seiner Erinnerung. So spielte das Schicksal nun mal. Jeden konnte es zu jeder Minute erwischen, er wusste, dass auch er da keine Ausnahme machte.

Im Augenblick hatte er verdammt viel Geld. Und damit wollte er spurlos verschwinden.

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Ron wurde von den Fußfesseln befreit und in den Saloon bugsiert. Der Keeper versetzte ihm von hinten einen Schlag mit dem Gewehrlauf, der ihn gegen den Oberarm traf. Er strauchelte, prallte gegen den Tresen und stürzte neben die immer noch herumliegenden Trümmer.

»Orson, der Wagen ist weg!«, schrie Büchsenmacher Mattock draußen.

Der Keeper legte das Gewehr auf den Tresen. »Der Spieler und das Weib, zum Teufel! Die hatten wir völlig vergessen, Orson!«

»Das Geld!« Kanis zog den Kopf ein, wirbelte herum und rannte aus dem Saloon.

Ritchie Cahn, der korpulente Keeper, trat erst an ein Fenster und presste die Nase dagegen, dann entschloss er sich, dem Schmied zu folgen.

»Wir müssen Tomaten auf den Augen gehabt haben, dass wir den Wagen nicht sofort vermissten.« Büchsenmacher Mattock wandte sich um, starrte den Keeper an.

Der Schmied verschwand gerade in seiner Hütte.

Orson Kanis tauchte schon wieder auf. »Es ist weg!« Seine Stimme klang schrill und heiser.

»Diese Schweine!«, zischte der Salooner.

»Das war mir gleich klar, als ich sah, dass die Karre fehlt!«, rief der Büchsenmacher.

Cahn ging hinein und hinter den Tresen. Er sah die auf dem Boden verstreuten Münzen, und als er die Lade öffnete, starrte er in die leere Kasse. Er rannte hinaus und brüllte: »Mich haben sie auch ausgeplündert!«

Lindon Mack, der Storebesitzer, blieb als einziger im Saloon. Er rückte sich einen Stuhl vor den wüsten Trümmerhaufen und ließ sich nieder. Er war von dürrer Gestalt, weißhaarig und hatte ein von zahllosen Falten gezeichnetes Gesicht; die Haut sah aus wie altes, sprödes Leder.

Ron Luman beobachtete ihn. Eigentlich passte dieser Greis nicht in den wilden Haufen. Er war zu alt für das, was er da tat. Der Ritt schien ihn erheblich angestrengt zu haben.

»Sie sind wieder nach Norden gefahren«, sagte der Büchsenmacher draußen. »Kein Zweifel möglich.«

»Wir sind nicht sehr weit geritten«, murmelte Schmied Kanis. »Wir hatten Glück, den Kerl so schnell zu schnappen. Groß kann der Vorsprung der beiden also nicht sein.«

»Ja, wir müssen hinterher!«, ergänzte Mattock. »Mit dem Wagen sind sie ziemlich langsam.«

»Und Luman?«

»Wir lassen Lindon da. He, Lindon, traust du dir zu, den Marshal allein zu bewachen?«

Der Alte erhob sich, rückte den Schlapphut in den Nacken und trat an die Schwingtür. »Gibt es für euch einen Grund, daran zu zweifeln?«

»Ist ja gut«, sagte der Schmied besänftigend. »Aber behalte ihn scharf im Auge. Und nimm den Revolver in die Hand.«

Ron lehnte sich mit dem Rücken gegen den Tresen und zog die Füße an. Sie schienen so aufgeregt zu sein, dass sie vergaßen, ihm wieder die Füße zu binden. Nun kam es darauf an, dass es auch sein Bewacher nicht merkte.

»Los, beeilen wir uns. Den Spuren können wir leicht folgen.«

Kanis schwang sich wieder in den Sattel und ritt am Saloon vorbei.

»Müssen wir denn zu dritt sein?«, maulte der Keeper. »Wäre es nicht besser, wenn zwei Mann die Stadt bewachen würden?«

»Keine Ausflüchte, Ritchie!«, mahnte Büchsenmacher Mattock. »Du hast schon mal hierbleiben dürfen.«

Ron sah die beiden anderen vorbeireiten. Der Alte kam mit dem Colt in der Hand herein und bedrohte ihn.

»Sie können dem Wagen im Galopp folgen und werden ihn einholen, bevor es Nacht ist.«

»Ihr bringt alle um, die zwischen euch und der Beute stehen, was? Hast du schon mal daran gedacht, dass Aasgeier nicht bösartiger sind als ihr?«

Der alte Mann fuchtelte mit dem schweren Colt herum und schaute wutentbrannt auf Ron. »Du bist dir über deine Lage nicht ganz klar, was?«

»Meine Lage beweist nur, was ich sage«, erwiderte Ron. Er lauschte dem Hufschlag nach.

»Dein Vater war genauso dabei wie jeder andere, auch wenn er das Glück hatte, nicht mitreiten zu müssen. Keiner ist gern mitgeritten, das kannst du mir glauben!«

»Habe ich gesagt, John Luman habe eine Ausnahme gemacht?«

»Es waren Banditen. Finstere Gesellen. Wer weiß, wo sie das Geld gestohlen haben.«

Der alte Mann trat einen Schritt näher.

Rons Muskeln spannten sich, obwohl ihm klar war, dass er noch warten musste. Denn wenn er in dieser Sekunde aufsprang, würde der Greis abdrücken, ohne es vielleicht wirklich zu wollen. Verfehlen konnte er ihn kaum, die Entfernung war für ihn sehr günstig. Er musste ihn noch näher heranlocken, um ihn mit dem ersten Sprung erreichen oder gleich zur Seite stoßen zu können.

»Niemand hat sich in den vergangenen Jahren für uns interessiert«, fuhr der alte Mann fort. »Kein einziges Mal hat sich hier ein Marshal blicken lassen. Jetzt stellst du alles auf den Kopf und das wegen zwei Halunken.«

Dieser Greis schien davon überzeugt zu sein, nichts Schlechtes getan zu haben.

»Du warst doch dabei, Mack. Hast du eine Ahnung, wie viele Schüsse ihr auf die beiden abgefeuert habt?«

»Was spielt das für eine Rolle?«

»Keine, du hast recht. Mord ist Mord. Aber es gibt besonders grausame Morde. Und das war einer.«

Mack fluchte nur.

»Ihr habt alle gleichzeitig geschossen, nicht wahr? Nein, warte. Der Schmied kam vermutlich von hinten, sonst hätte er dem einen nicht das Messer ins Kreuz stoßen können. Ihr anderen habt von vorn draufgehalten, was die Gewehre hergaben. So wie heute Morgen. Ich dachte, ihr wolltet Lumans Hütte mit Kugeln durchsieben.«

Macks Augen funkelten. Seine knochige Hand mit der schweren Waffe zitterte.

Ron hörte keinen Hufschlag mehr. Er ging davon aus, dass die Reiter nichts mehr mitbekamen, wenn hier im Saloon geschossen wurde.

Mack ging rückwärts zu seinem Stuhl und setzte sich. Damit vergrößerte sich die Distanz, was Ron gar nicht passte.

»Hast du auch Hunger?«, fragte er. Wenn es ihm gelang, Mack in die Küche zu schicken, konnte er aufstehen, ein Versteck suchen, vielleicht sogar unter dem Tresen nachsehen, ob da nicht ein Colt oder ein Gewehr lag.

Doch der Greis antwortete nicht.

»Du musst doch auch Hunger haben«, bohrte Ron weiter.

Mack blickte zur offenstehenden Küchentür hinüber, blieb aber sitzen. »Hat dein Vater dir unsere Lage nicht erklärt?«

»Doch. Übrigens, er war mein Stiefvater.«

»Er nahm euch auf, als deine Mutter nicht mehr wusste, was aus euch werden sollte!«

»Ja, das wird so gewesen sein. Und?«

»Du bist ihm zu Dank verpflichtet!«

»Ich weiß. Aber er ist tot. Ihr habt ihn erschossen. Irgendeiner von euch!«

Mack fluchte wieder, was bewies, dass er dem nichts entgegenzusetzen hatte.

»Ich würde wirklich etwas essen«, drängte Ron.

Der alte Storebesitzer reagierte nicht darauf. So war ihm also nicht beizukommen. Ron musste sich entweder einen besseren Trick einfallen lassen, um Mack aus dem Saloon zu schicken, oder er müsste doch den direkten Angriff wagen, musste sich auf den Greis stürzen und versuchen, ihn zu entwaffnen.

Mack erhob sich, ging rückwärts zur Schwingtür und schaute nach draußen. Er schien sich nicht sehr sicher zu fühlen, jetzt, da er mit dem Gefangenen allein war.

»Waren der Spieler und seine Freundin schon mal hier?«

Mack wandte Ron das Gesicht zu. »Noch nie. Hierher kommen nur Leute, die nichts taugen!«

»Meinst du auch mich damit? «

»Der Teufel wird dich holen!«

»Ja, ich weiß, dass es euch auf einen Mord mehr oder weniger nicht mehr ankommt. Spielt ja auch keine Rolle, kein Richter kann euch Halunken zweimal hängen lassen.«

Mack fuchtelte wieder mit dem Colt herum. »Das wirst du noch bereuen! Warte nur, bis die anderen zurück sind!«

»Werdet ihr mir den Prozess machen? Mit Kanis als Richter, der mich, den Marshal von Upton, wegen Schnüffelei zum Tode verurteilt?«

Mack kam näher. Der Zorn trieb ihm Schweiß aus allen Poren. Doch dann wurde er vorsichtig und blieb stehen.

Ron blickte an ihm vorbei zum Fenster hinaus; er tat so, als würde er dort etwas sehen und lachte unmotiviert.

Mack fiel auf den Trick herein und schnellte herum. Ron sprang auf. Bevor der Storebesitzer den Bluff durchschauen und wieder herumwirbeln konnte, war Luman bei ihm und schlug mit den gefesselten Händen zu.

Mack wurde der Revolver aus der Hand geschlagen. Mit dem zweiten Schlag traf Ron ihn gegen den Kopf. Der Mann taumelte durch die Schwingtür und flog die Treppe hinunter. Er rollte unter eines der freistehenden Pferde. Die Tiere wieherten und trabten die Main Street hinunter. Mack rappelte sich auf und lief geduckt zu den gegenüberliegenden Häusern.

Ron konnte ihn über die Schwingflügel hinweg im Mietstall verschwinden sehen. Er lief in die Küche und riss die Lade im Schrank so hastig auf, dass sie ganz herausrutschte, seinen gefesselten Händen entglitt und mit Getöse auf den Boden schlug. Messer, Gabeln und Löffel fielen klirrend heraus.

Er hob ein spitzes Messer auf und rammte es in die Wand.

Mack kam mit dem Henrystutzen aus dem Mietstall, repetierte die Waffe und schoss zum Saloon herüber.

Ein Fenster wurde getroffen. Scherben flogen durch den langen, halbdunklen Raum. Das Geschoß schrammte in einen Pfosten.

Ron zerrieb die Fesseln auf der Kante des Messers.

Der alte Mann schoss in schneller Folge und bewies damit, wie kopflos er war, denn seine Aussicht, den Gegner zu treffen, war unter den gegebenen Umständen verschwindend gering.

Ron blieb vorerst in der Küche und beobachtete den wild schießenden Greis, den grauer Pulverrauch einhüllte. Die Wolke vergrößerte und verdichtete sich immer mehr; der Weißhaarige war fast nicht mehr zu sehen.

Mack schoss das Gewehr leer, hebelte es dann noch mehrmals durch, als hätte es eine Ladehemmung und hastete schließlich in den Stall.

Ron kehrte in den Saloon zurück, suchte unter dem Tresen, sah aber dort nur das abgesägte doppelläufige Schrotgewehr. Er ließ es liegen, hob den Colt auf und verließ den Saloon durch die Hintertür.

Vorn wurde wieder geschossen. Mack hatte das Gewehr nachgeladen.

Ron lief an den Müllbergen vorbei und in die erste, schmale Gasse, die sich vor ihm öffnete. So kam er zur Main Street, hörte das Knattern deutlicher und sah die grauen Pulverrauchschwaden, die aus dem Hof neben dem Stall stiegen. Von einem Verandapfosten des Saloons wurde ein Splitter gefetzt und auf den Bretterfußweg geworfen.

Luman blickte zur anderen Seite und sah die Pferde am südlichen Stadtrand. Sie standen bei einer Ruine, die bereits von Buschwerk überzogen war. Er schob sich um die Ecke und lief die Main Street hinauf.

Mack, der sture alte Krämer, nahm noch immer den Saloon unter Beschuss.

Ron wollte sich vor allem um die anderen kümmern. Sie waren nur noch zu dritt; er musste versuchen, es mit ihnen aufzunehmen. Denn er befürchtete, dass sie ihre bisherigen Pläne ändern könnten, dass sie vielleicht mit der Beute verschwinden würden, sollten sie sie wieder in die Finger bekommen.

Er erreichte die Pferde. Im Scabbard des einen steckte eine siebenschüssige Spencer. Ron durchsuchte die Satteltasche und fand Munition in Hülle und Fülle.

In diesem Moment tauchte der Alte an der Ecke des Stallgebäudes auf und sah Luman bei den Pferden. Er brachte das Gewehr in Anschlag und schoss.

Die Kugel pfiff über Ron und die Pferde hinweg. Die nervösen Tiere wollten davongaloppieren. Ron konnte eines gerade noch rechtzeitig am Kopfgeschirr ergreifen und festhalten.

Mack feuerte. Das Projektil zog eine Furche und schleuderte Sand in die Höhe.

Ron konnte entweder das Pferd halten oder nach der Spencer greifen und das Feuer erwidern. Der alte Mann ging ihm auf die Nerven. Zugleich schoss er so schlecht, dass es Luman unmöglich war, ihn ernst zu nehmen. Er stieß eine Verwünschung aus, schwang sich in den Sattel und gab dem Pferd die Sporen. Um den alten Mann musste er sich später kümmern.

Mack verstärkte das Feuer, lief schießend die Main Street herauf und blieb zwischen den Ruinen stehen. Er keuchte, zog das Gewehr an die Schulter und sah über den zitternden Lauf hinweg Buschwerk, Hügel und den Reiter. Als er endlich abdrückte, schoss er weit neben das Ziel.

»Verdammt und zugenäht!« Der Greis dachte an Orson Kanis und die beiden anderen. Sie würden ihm die Hölle heißmachen, wenn sie zurückkehrten.

Er jagte dem Reiter noch ein paar Schüsse nach, dann fluchte er lästerlich und ging zum Saloon zurück.

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»Sie wurden überfallen.« Orson Kanis ritt um den umgestürzten Wagen herum und zügelte sein stämmiges Pferd bei Ritchie Cahn und Lou Mattock. »Indianer. Kein Zweifel.«

Mattock saß ab und suchte unter der Plane des Wagens.

»Cotter müssen sie mitgenommen haben«, sagte der Schmied. Er schaute auf das leuchtend rote Haar der Frau.

Mattock suchte immer noch unter der Plane herum, weil er hoffte, die Beute könnte von den Dakotas, denen sie den Überfall zuschrieben, vergessen worden sein.

»Bei den Rothäuten erwartet ihn die Hölle«, fuhr der Schmied fort.

»Genau das, was er verdient hat!«, schimpfte der Salooner. »So eine Frechheit, uns zu bestehlen!«

Mattock kehrte zu den Pferden zurück. »Nichts.«

»Kein Wunder. Die Rothäute wissen inzwischen auch, was man mit Geld alles anfangen kann.« Kanis blickte auf die Spuren, die nach Westen führten.

Den Salooner ärgerten die krächzenden Geier am Himmel, die von ihnen aufgeschreckt worden waren. Er zog das Gewehr aus dem Sattelschuh und feuerte in die Luft.

Die schwarzen Aasfresser mit den hässlichen roten Hälsen schwangen sich höher in den dunstigen Himmel.

»Und nun?« Mattock stieg auf. »Wollen wir hinter den Rothäuten herreiten?«

»Hast du sie noch alle?« Cahn ließ das Gewehr sinken. »Was wollen wir zu dritt gegen die ausrichten?«

»Sie würden uns auch massakrieren«, vermutete Kanis. »An den Zaster kommen wir nicht mehr ran.«

»So ein Mist! An allem ist dieser verdammte Marshal schuld. Lumans undankbarer Stiefsohn. Der Satan soll ihn holen!« Cahn steckte das Gewehr in den Scabbard.

Kanis beobachtete das Hügelland vor den Bighom Mountains, das dichte Gebüsch und die verkrüppelten Kiefern.

»Vielleicht sind sie noch in der Nähe«, flüsterte Mattock; es war offensichtlich, dass er Angst hatte.

»Dann hätten wir sie schon auf dem Hals. Nein, die reiten zu ihren Wigwams und feiern ein Fest. Kehren wir um!«

Kanis lenkte den stämmigen Hengst aus der Reihe und kehrte auf dem alten Wagenweg um.

»Das wird Luman büßen!«, drohte Cahn düster. »Uns so gemein um unser Geld zu bringen!«

Er gab dem Pferd die Sporen, riss es brutal herum und galoppierte an Kanis vorbei.

»Warte, wir wollen zusammen in Midwest ankommen!«, rief der Schmied.

Cahn hörte ihn nicht. Auch Mattock sprengte vorbei. Kanis blieb gar nichts anderes übrig, als seinem Pferd ebenfalls die Sporen zu geben, wenn er den Anschluss nicht verlieren wollte.

»Das zahlen wir ihm heim!«, brüllte Cahn gegen den Reitwind. »So lassen wir uns nicht um das bringen, was uns zusteht!«

»Er ist auch schuld daran, dass Rosen und Houston tot sind!«, hetzte Mattock.

»Und seinen Stiefvater hat er auf dem Gewissen!«

In ihrem Hass redeten sie noch eine Weile wirres Zeug, ohne es zu merken.

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Der trommelnde Hufschlag, die Staubschwaden über dem hohen Buschwerk und die schwarzen Punkte in der Ferne warnten Ron.

Es konnten nur die alten Teufel aus Midwest sein, die zurückgaloppierten, als hätten sie keine Minute zu verlieren. Und dort musste es etwas geben, wofür sich die Geier interessierten.

Ron lenkte das Pferd ins dichte Salbeigestrüpp, saß ab, nahm es am kurzen Zügel und hielt ihm die Nüstern zu.

Rasch wurde der Hufschlag lauter, schwoll zu einem Donnern an und hämmerte vorbei. Ron sah die drei Reiter, die keinen Blick nach rechts oder links warfen. Der aufgewirbelte Staub trieb über die Büsche.

Das Pferd wollte den Kopf hochwerfen, aber Luman hielt ihn eisern fest.

Schon entfernten sich die Reiter.

Ron saß auf, ritt ein Stück im Gestrüpp nach Norden und kehrte erst einige hundert Yard weiter auf die alte, unkrautüberzogene Postroute zurück.

Er ritt schneller. Er wollte sehen, was sie so aus dem Häuschen gebracht hatte. Ein Kampf konnte nicht stattgefunden haben, er hätte die Schüsse hören müssen.

Die Sonne stand im Westen tief über den Bergen und schickte bereits lange Strahlen waagerecht nach Osten. Die Hitze ließ spürbar nach und das Flimmern in der Luft verlor sich allmählich.

Als er sich dem zerschmetterten Gefährt näherte, empfing ihn das heisere Krächzen der Geier. Heftig schlugen die riesigen schwarzen Vögel mit den Flügeln und reckten dem Störenfried die spitzen Schnäbel entgegen.

Das Pferd scheute.

»Na, wir werden uns doch nicht vor ein paar Geiern fürchten!« Ron drückte mit den Schenkeln gegen den Leib des Tieres.

Der erste Vogel stieß sich ab und schwebte zu den Hügeln. Die anderen verharrten und Ron zog den Colt. Es genügte, dass er den Hammer spannte. Das scharfe metallische Geräusch wirkte. Die Geier schwangen sich empor und suchten mit hartem Flügelschlag das Weite.

Dieses Gefährt mit der grauen Plane hatte am Rand des Hofes gestanden.

Erst als er zur anderen Seite kam, sah er die halb unter den Trümmern liegende tote Frau mit den schimmernden roten Haaren. Und rundum gab es unzählige Hufabdrücke.

Ron befürchtete keine Gegner in der Nähe. Er folgte den Spuren ein Stück, kehrte noch einmal um und durchsuchte die Trümmer, obwohl er überzeugt davon war, dass er hier nichts finden konnte. Dafür kam er entschieden zu spät.

Eine kleine Kiste musste er aufbrechen. In ihr sah er billige Ohrgehänge, Glasperlenketten, Messingspangen und Ringe, und dazu ein dünnes, weißes Tanzkleid und Blattsilberschuhe. Wahrscheinlich hatte Rhona sich auch als Tänzerin und Sängerin versucht und dabei diesen Glitzerkram getragen.

Er ging erneut um den Wagen herum, schaute auf die Spuren und das Buschland im Westen.

Die drei Männer aus Midwest waren umgekehrt. Sie hatten nicht versucht, den Spieler zu verfolgen und somit an das Geld zu kommen, das der mitgenommen haben musste. Dafür gab es nur eine Erklärung.

Sie dachten, hier habe ein Überfall von Dakotas stattgefunden und die Rothäute hätten Cotter und die Beute mitgenommen.

Und das konnte nicht stimmen. Ron wandte sich um und schaute auf die tote Frau mit den langen roten Haaren. So einen Skalp hätten die Dakotas nicht zurückgelassen, auf gar keinen Fall. Also waren sie hier auch nicht gewesen und der Spieler konnte ihnen auch nicht in die Hände gefallen sein.

Er hatte eine falsche Spur gelegt, war nach Westen geritten. Er hatte also den Fluchtweg geändert und damit vorgetäuscht, sich in der Gewalt der Indianer zu befinden.

Darauf mussten die alten Teufel aus dem Ruinennest hereingefallen sein.

Ron stieg in den Sattel und schaute zurück. Er war nach Midwest gekommen, um die Mörder der beiden Fremden zu finden und sie, wenn möglich dem Gesetz zu übergeben. Der Spieler und Rhona hatten so wenig wie die Indianer aus den Bergen etwas damit zu tun.

Doch da waren noch die viertausend Dollar, die keinem der Schurken gehörten, nicht dem Spieler und nicht den alten Halunken aus der Stadt. Die beiden Toten hatten sie bei sich gehabt. Und sehr wahrscheinlich würde der Richter eines Tages fragen, wo dieses Geld geblieben war und falls er jetzt umkehrte, warum er nicht versucht hatte, es wiederzubeschaffen.

Dafür würde er keine plausible Antwort haben, wenn er nicht den Versuch unternahm, den Kartenhai zu finden. Etwas anderes kam hinzu. Er konnte Menschen nicht leiden, die andere mit billigen Tricks aufs Kreuz zu legen versuchten.

Schon gab er dem Pferd die Sporen.

»Dich kriege ich«, murmelte er.

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Der alte Händler lief den Reitern entgegen, die mit der Dämmerung die Stadt erreichten.

»Er ist fort!«, schrie er. »Er ist abgehauen, der verdammte Hund!«

Schmied Kanis riss seinen großen Hengst scharf zurück und fluchte.

Auch Mattock und Chan verhielten.

»Er ist fort!«, schrie der Krämer, der keuchend stehenblieb. »Ihr Narren habt ihm die Beine nicht gefesselt!«

»Wo ist er hingeritten?«, schimpfte Kanis.

»Nach Norden.«

»Dummkopf, von dort kommen wir doch!«

»Dann hättet ihr ihm eigentlich begegnen müssen.«

Kanis schaute zurück, sah aber nur aufgewirbelten Staub hinter den Ruinen in der Dämmerung. Bald würde es Nacht sein. Dem Schmied war klar, dass dann an eine Verfolgung nicht mehr zu denken war.

»Wo will der denn hin?«, Cahn schüttelte verwundert den Kopf. »Dort kann er uns doch nicht verpfeifen!«

»Sicher ist er auch hinter dem Geld her«, mutmaßte der Schmied.

»Was ist denn mit dem Geld?«

»Der Wagen wurde von Indianern überfallen.«

Cahn fluchte leise. Dann berichtete er kurz, was sie gesehen hatten.

»Was machen wir denn nun?«, fragte Mattock ratlos. »Lässt der alte Esel den Marshal laufen! Hätten wir ihm gleich den Garaus gemacht, zur Hölle!«

»Wir murksen einen nach dem anderen ab«, maulte der Salooner. »Für nichts und wieder nichts! Oder haben wir vielleicht etwas gewonnen? «

»Das Mädchen lag also noch da?«, fragte der alte Händler.

»Der Marshal wird sie finden und umkehren«, vermutete der Schmied. »Wir müssen uns darauf vorbereiten, ihn gebührend zu empfangen.«

»Der holt Verstärkung«, sagte Mattock.

»Richtig!«, stimmte Kanis zu. »Allein hat er keine Chance. Das weiß er ja inzwischen. Unserer Gnade verdankt er es, überhaupt noch zu leben.«

»Woran er sich garantiert nicht erinnern wird«, maulte der Salooner. »Der schafft die Leiche vielleicht nach Upton und versucht, uns ihren Tod auch noch in die Schuhe zu schieben.«

»Eine tote Frau zieht, auch wenn sie zu Lebzeiten nur ein Flittchen war. Er wird sie in Upton auf die Main Street legen, ihr die langen roten Fransen schön ordnen und ...« Schmied Kapis brach ab und vergaß, den Mund zu schließen.

»Was ist, Orson?« Der Salooner kniff die Augen zusammen.

»Ich Idiot hab etwas übersehen, zum Satan!«

»Was?«, Mattock beugte sich vor. »Er wird versuchen, die Menschen aufzuwiegeln und eine große Posse zusammenzustellen, ist doch klar.«

»Ich denke an etwas anderes«, murmelte Kanis. »Die roten Haare! Die Indianer nehmen doch die Skalps mit!«

»Ach du meine Güte!« Cahn schlug sich gegen die Stirn. »Aber klar, sie lassen nie einen Skalp liegen, schon gar nicht einen so schönen!«

»Und?« Mattock begriff noch nicht.

»Ihr habt euch ins Bockshorn jagen lassen!« Der alte Mack kicherte. »Der Kartenhai hat euch eingeseift!«

»Nein, nein, nein!« Mattock wollte es nicht wahrhaben. »Das gibt es nicht!«

»Doch«, sagte der Schmied ernüchtert. »Wir haben uns bluffen lassen, weil die Spuren nicht weiter nach Norden, sondern direkt zu den Bergen führten. Es sah so aus, als ritten die roten Teufel zu ihrem Lager zurück.«

»Es sollte so aussehen.« Der Wirt nickte. »Das mit dem Skalp muss der Spieler auch nicht bedacht haben. Aber ob der Marshal darauf reinfällt?«

»Schwer zu sagen.« Kanis hob die Schultern. »Hat er zu dir noch etwas gesagt, Lindon?«

»Er wollte wissen, ob du dem Fremden das Messer in den Rücken gestoßen hast, Orson.«

Kanis zog den Kopf ein. »Und was hast du ihm geantwortet?«

»Nichts. Plötzlich ist er über mich hergefallen.«

»Wir machen zu viele Fehler«, sagte Mattock schleppend. »Wir haben uns auf was eingelassen, das uns über den Kopf wächst.«

»Was willst du vorschlagen, Lou, raus damit?« Kanis trat dicht an den Büchsenmacher heran.

»Am besten, wir packen das Nötigste zusammen und reiten dann tausend Meilen weit nach Süden.«

»Und du, Ritchie?«

»Mir hat der Kartenhai die letzten Dollars geklaut. Ich könnte in der nächsten Poststation nicht mal mehr ein Steak bezahlen. Ich kann nicht wegreiten.«

»Ich auch nicht. Also versuchen wir doch, unsere Fehler auszubügeln.«

»Was heißt das?«, wandte der Greis ein.

»Hinter dem Marshal her. Der wird den Braten schon riechen. Er oder der Spieler werden am Ende den Zaster haben. Dann kommt es nur darauf an, einmal richtig zuzuschlagen. Ohne Hemmungen. Wie bei den beiden Fremden. Da ging es doch auch glatt. Hol dir ein Pferd, Lindon!«, befahl Kanis.

»Aber nachts finden wir doch keine Spuren.«

»Wir reiten auf jeden Fall zu dem Wagen. Dann sehen wir weiter. Und aussteigen kann jetzt keiner mehr. Dafür hängen wir zu weit drin.«

Seufzend wandte Mack sich dem Mietstall zu. Der Salooner ging noch einmal in sein Haus.

»Bring Lebensmittel und Wasser für alle mit!«, rief Kanis ihm nach. »Kann sein, dass wir weit reiten müssen.«

Bereits zehn Minuten später waren sie unterwegs und ritten wieder nach Norden.

Die Nacht sank über das weite Land vor den Bergen im Westen. In der Dunkelheit war die alte Postroute kaum noch zu erkennen. Kanis übernahm die Führung. Sie kamen nur langsam voran und konnten sich ausrechnen, dass es zwei Stunden dauern würde, bevor sie ihr Ziel erreichten.

»Wir hätten in der Stadt den Tag abwarten sollen«, brummte der Alte. »Das wäre viel ungefährlicher gewesen. Die Indianer sind jetzt bestimmt auch unterwegs. «

»Hör auf zu jammern!«, herrschte der Salooner ihn an. »Wir holen uns die Bucks. Danach sieht alles gleich anders aus!«

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Das Heulen von Wölfen verriet den Männern, dass sie wieder in der Nähe des umgestürzten Wagens waren.

»Rothäute scheinen keine hier zu sein«, flüsterte Kanis den anderen zu.

Das Wolfsrudel floh ins Buschland. Laut raschelte das Gestrüpp.

Kanis sah die verstreuten Wagenteile, die graue Plane und die Tote; die Wölfe hatten offenbar versucht, sie unter dem Holz hervorzuziehen.

Die anderen hielten rechts und links von ihm, als er den stämmigen Hengst zügelte.

»Grauenhaft«, flüsterte der Greis, dessen Zähne hörbar aufeinanderschlugen.

»Du müsstest doch eine Menge gewöhnt sein«, knurrte der Salooner. »Bist du nicht mal fahrender Händler gewesen? Da sieht man doch in der Wildnis allerhand.«

»Mann, das ist vierzig Jahre her!«

Kanis stieg ab. »Wir werden sie beerdigen. Der Marshal hatte es wohl zu eilig, konnte das nicht erledigen.«

»Oder er dachte, wir würden doch noch die Scheuklappen verlieren und zurückkehren«, schränkte der Büchsenmacher ein.

Kanis warf ihm einen vernichtenden Blick zu, aber er sah es wegen der Finsternis nicht.

Der Schmied durchsuchte die Wagentrümmer und warf eine Spitzhacke und zwei Schaufeln vor die Pferde.

»Los, fangt schon an. Ich untersuche die Spuren noch mal.«

Sie begannen neben dem geborstenen Gefährt zu hacken und zu graben. Mack sah sich die Tote an und musste sich beinahe übergeben.

»Eigentlich ist es Wahnsinn, was wir machen«, brummte der Salooner. »Die Wölfe buddeln sie sowieso wieder aus.«

Kanis ging mit dem an der Hüfte angeschlagenen Gewehr ein Stück nach Westen, kehrte aber bald um, weil es ihm in der Nähe der Berge unheimlich wurde.

»Und?« Cahn gab ihm die Schaufel und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

Kanis nahm die Schaufel und übergab Ritchie Cahn sein Gewehr. »Wir müssen den Tag abwarten. Die Nächte sind ja zum Glück im Sommer nicht lang.«

»Na, was habe ich gesagt?«, trumpfte der Greis auf. »Wir hätten genauso gut in der Stadt warten können.«

Kanis grub dort weiter, wo Cahn aufgehört hatte und gab keine Antwort.

Sie bestatteten die grausam zugerichtete Tote. Kanis quälte sich sogar einen Bibelvers ab, der ihm aus Kindertagen im Gedächtnis geblieben war. Die anderen nahmen die Hüte ab.

Als das Grab zugeschaufelt war, sagte Mattock: »Sie hat uns in die Hölle gewünscht, und wir beerdigen sie. Sieht uns ähnlich.«

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Auch Ron Luman hatte seine Suche nach Spuren während der Nacht unterbrechen müssen. Um diese Zeit befand er sich allerdings bereits dort, wo der Spieler mit seinen vier Pferden den Creek verlassen hatte. Eine Stelle, die man eigentlich nicht übersehen konnte, wenn man sich eine klein wenig Mühe gab.

Auch im Prärieland konnte er den Eindrücken relativ leicht folgen.

Einmal, als die Sonne noch nicht sehr hoch stand, sah Ron ein Blinken, das direkt aus der Felswand zu kommen schien. Er war von den Bergen keine halbe Meile mehr entfernt. Sofort zügelte er das Pferd und schaute so unauffällig wie möglich nach Westen.

Ein Riss klaffte im Granit. Darin bewegte sich etwas.

»Indianer«, murmelte Ron. Es lief ihm kalt über den Rücken, obwohl die Distanz so groß war, dass er hätte flüchten können.

Die Dakotas kamen nicht in die Ebene herunter, er hätte sie sonst sehen können.

Bald setzte er seinen Weg fort. Vielleicht war es ihnen nicht der Mühe wert, wegen eines Mannes so weit zu reiten, sich die Kehlen heiser zu schreien und ihr Pulver zu vergeuden.

Die Spuren führten nach Osten. Jubal Cotter wollte offenbar zur alten Postroute zurück. Möglicherweise wurden ihm die vielen Pferde lästig, und er hatte die Absicht, sie in einer noch bewohnten Station zu verkaufen.

Ron schaute zurück.

Die Dakotas kamen tatsächlich nicht. Sie schienen immer noch in dem Riss zu stecken, in dem er entweder ein Gewehrschloss oder eine Lanzenspitze hatte schimmern sehen.

Bis zur nächsten Station – falls es sie überhaupt noch gab – mussten es noch sechs, vielleicht sieben Meilen sein. Ron erinnerte sich, dass der alte John Luman manchmal von den Wechselstationen der Wells Fargo erzählt hatte, um ihm einen Begriff von dem Aufwand zu vermitteln, der mit dem Unterhalt einer Postlinie verbunden war.

Er schnalzte mit der Zunge. Das Pferd wurde schneller.

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Kanis ritt vor den anderen aus dem Creek, zügelte den Hengst, saß ab und ging in die Hocke. Er sah die alten Spuren und die frischen Hufabdrücke.

Cahns Schatten fiel neben ihm auf den Sand.

»Der Marshal hat scheinbar lange geschlafen. Er ist nicht weit vor uns.«

Cahn schaute nach Norden, konnte aber keinen Reiter und keinen Staub in der noch klaren Luft erkennen.

»So nahe nun auch wieder nicht.« Kanis richtete sich auf.

»Jedenfalls hat Ron Luman sich nicht in die Irre führen lassen«, stellte der alte Händler fest.

Kanis stieg in den Sattel und ritt weiter. Er wollte sich auf keine Debatte mehr einlassen. Er würde den anderen schon zeigen, dass am Ende er der Klügste war. Und dann würde er das Sagen haben. Die Hälfte der Beute wollte er an sich reißen.

Er war so mit seinen Gedanken beschäftigt, dass er die Dakotas übersah, die aus einem Riss in der Granitwand ritten und sich näherten.

Die anderen sahen die Indianer zuerst auch nicht. Die Spuren beanspruchten ihre Aufmerksamkeit.

Dann hörten sie Hufschlag und warfen die Köpfe herum. Sie sahen acht Reiter vor einem Staubvorhang. Waffen schimmerten in der Sonne. Es handelte sich um Gewehre und Speere, Pfeile und Bogen.

Kanis schlug das Gewehr an und jagte den Reitern eine Kugel entgegen. Sie war viel zu hoch gezielt. Das Geschrei wurde lauter. Schon entluden sich auch die Gewehre der Angreifer.

»Nichts wie weg!«, schrie der Greis und trieb sein Pferd mit Sporenstößen und Schlägen an.

Die anderen preschten hinter ihm her.

Der alte Lindon hatte Pech. Sein Pferd trat in einen Präriehundbau, knickte ein und schleuderte ihn über den nach unten zuckenden Kopf. Er brüllte, knallte auf den Bauch, sprang auf und versuchte humpelnd weiterzukommen.

»Wartet doch!«, schrie er. »Nehmt mich mit, ihr Schweine!«

Sie dachten gar nicht daran, die Pferde zu zügeln.

Von hinten galoppierten die Dakotas heran. Mack schaute gehetzt über die Schulter, strauchelte dabei und landete erneut auf dem Bauch. Er kam hoch, stand noch gebeugt und bekam einen Speer in den Rücken. Noch einmal schrie er auf. Als er erneut auf den Boden schrammte, röchelte er. Die Reiter donnerten vorbei und kümmerten sich nicht mehr um ihn.

Der alte Mann hauchte sein Leben aus.

Kanis, Cahn und Mattock schossen aus Colts hinter sich, erzielten jedoch nicht die geringste Wirkung. Die Dakotas jagten ihnen Gewehrkugeln nach, die weitertrugen, und außerdem hatten sie die Gegner vor sich. Cahn, der schwergewichtige Salooner, war zurückgefallen; er wurde als erster getroffen. Er stöhnte laut, fiel auf den Pferdehals, wurde nach der Seite geworfen, hielt sich noch an der Mähne fest und vermochte trotzdem nicht, im Sattel zu bleiben. Mit einem gellenden Schrei stürzte er ab, überschlug sich zweimal und blieb in einer Staubwolke liegen.

Kanis feuerte den Revolver leer. Er sah, wie einer der Krieger Cahn die Lanze in die Brust stieß, ohne dabei sein Pferd zu zügeln. Kanis’ Hengst war mit Abstand das beste Pferd. Sein Vorsprung vergrößerte sich immer mehr.

»Warte, Orson!«, bettelte Mattock, dem das nackte Grauen ins Gesicht geschrieben stand. Nie hatten sie Ärger mit den Indianern gehabt, aber sie waren auch nie zuvor in die Wildnis geritten. Seit es die Postlinie gab, kamen die Dakotas viel häufiger als früher aus den Bergen herunter.

»Warte, Orson!«, schrie Mattock.

»Gib dem Gaul doch die Sporen!«, brüllte der Schmied zurück.

Pulverrauchwolken hüllten die Verfolger ein.

Mattocks Pferd wurde von einer Kugel gestreift und vollführte mit gekrümmtem Rücken einen Luftsprung. Der Mann schrie und umklammerte mit beiden Händen das Sattelhorn.

Der Schmied knallte dem Pferd die Faust zwischen die Ohren. »Nun streng dich gefälligst ein bisschen an, verdammtes Biest!«

Mattocks Pferd brach aus. Der Büchsenmacher saß immer noch im Sattel. Doch bei seinem Griff nach dem Horn hatte er den Zügel fahren lassen. Er konnte den Grauen nicht mehr lenken. Jetzt trat das Pferd auf den schleifenden Zügel und stürzte.

Kanis hörte einen gellenden Schrei, sah aber über die Schulter nur das Pferd. Mattock stürzte dahinter zu Boden.

»Lauf, lauf!« Kanis holte das Letzte aus dem Hengst heraus.

Die Indianer verfolgten ihn mit wildem Geschrei; es gelang ihm, den Vorsprung wieder zu vergrößern. Langsam blieben sie zurück. Und als sie es merkten, ging ihr Kampfgeschrei in enttäuschtes Geheul über.

Sie versuchten, mehr aus den Pferden herauszuholen. Als sie feststellten, dass Kanis sich weiter und weiter entfernte, gaben sie das Rennen auf. Sie besaßen nicht die Ausdauer, die erforderlich gewesen wäre, den Halunken vielleicht doch noch einzuholen.

Die Indianer schossen noch mehrmals hinter ihm her, dann kehrten sie um.

Kanis hörte auf, den Hengst zu misshandeln. Er lobte ihn, klopfte ihm gegen den Hals und war mehrere Minuten lang von einem überschwänglichen Glücksgefühl erfüllt. Als einzigem war es ihm gelungen, dieser tödlichen Falle zu entrinnen.

Doch allmählich kehrten seine Gedanken zu dem vielen Geld zurück. Wenn er es jetzt noch an sich bringen konnte, musste er überhaupt nicht teilen. Alles würde ihm gehören.

Orson Kanis ritt nach Westen, bis er die Spuren wiederfand. Ihnen folgte er nun weiter nach Norden.

Die Indianer konnte er in der Ferne immer noch sehen. Büsche standen zwischen ihm und den Dakotas, so dass er nicht sah, wo sie jetzt verhielten. Vielleicht lag Mattock dort. Es konnte aber auch Cahn sein. Eins war sicher: Sie würden sie alle skalpieren, auch Mack, den Greis mit den schütteren weißen Haaren.

Kanis’ Aufmerksamkeit konzentrierte sich auf das vor ihm liegende Gelände. Er war sich nicht im Klaren darüber, wie groß der Vorsprung des Marshals war. Ob er die Schießerei hatte hören können oder nicht, konnte er nicht beurteilen. So steckte er vorsichtshalber den Colt weg und zog das Gewehr aus dem Scabbard, um auch ein weiter entferntes Ziel treffen zu können, sollte es plötzlich auftauchen.

Aber je weiter er ritt, umso sicherer wurde er, dass Luman vom Kampf mit den Indianern nichts gehört hatte. In dem hügeligen Gelände mit den oft hohen Buschgebieten konnte sich der Schall von Schüssen nicht so gut wie in der Ebene fortpflanzen.

Kanis erreichte einen Hügel, über den die Spuren hinwegführten. Er schlug auf der Flanke einen Bogen, weil er die Höhe meiden wollte, auf der er vielleicht weit gesehen werden konnte.

Im Norden stand Wald, nicht weit vom Fuß der Hügelkette entfernt. Den hatte Luman sicher schon erreicht gehabt, als er und seine Kumpane von den Dakotas angegriffen wurden. Nun war Kanis ganz sicher, dass dem Marshal die Schießerei entgangen sein müsste.

Er ließ das Pferd schneller laufen, weil er aufholen wollte. Und er musste sich darauf einrichten, es doch mit zwei Gegnern zu tun zu bekommen.

Der Gedanke ließ ein hartes Grinsen über sein Gesicht huschen. Drei Männer waren übriggeblieben, und jeder hatte ein anderes Ziel.

Kanis dräng in das Gehölz ein. Der Spieler hatte mit seinen vielen Pferden eine kleine Schneise ins Tannendickicht geschlagen, der der Schmied ohne Mühe folgen konnte.

Als er das Nordende des Waldes erreichte, sah er plötzlich den Marshal. Luman stand am Ende der langen, flach abfallenden Halde, die – weil nur mit Büffelgras bewachsen – sehr übersichtlich war.

Gedeckt vom Waldsaum verhielt der Schmied, saß ab, trat vor den Hengst und versuchte, die Entfernung einzuschätzen. Eine Meile befand sich der Marshal sicher vor ihm. Eine große Entfernung für eine Gewehrkugel.

Kanis legte die Waffe an, zielte und versuchte, ruhig zu atmen. Es misslang ihm. Der junge Mann jagte ihm mehr Angst ein, als er wahrhaben wollte. Das Gewehr sank herab. Dem klotzigen Mann perlte Schweiß auf der Stirn.

Vielleicht sollte er Luman weiterreiten lassen, damit er den Spieler fand und erledigte. Er trat zurück, um nicht bemerkt zu werden. Er hatte Angst, aber er wollte es sich nicht eingestehen.

Lumans Pferd stand in einem kaum drei Yard breiten Creek und soff, lief dann zum Nordufer und zupfte an den gelbspitzigen Grasbüscheln. Der Marshal folgte dem Tier, zog nach einer Weile den Sattelgurt nach, saß auf und setzte den Weg nach Norden fort.

Kanis nahm das Gewehr in die linke Hand. »Leg erst den Kartenhai um«, murmelte er und grinste.

Der Reiter verschwand hinter einer Bodenwelle.

Der Schmied wartete noch ein paar Minuten, dann stieg er in den Sattel und lenkte den stämmigen Hengst aus dem Gehölz.

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25

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Ron war den ganzen Tag geritten, ohne den Verfolgten einmal zu Gesicht zu bekommen. Dennoch ließen die Spuren erkennen, dass er ihm dicht auf den Fersen war. In Kürze würde er ihn vor sich haben.

Die Dunkelheit sank herab und ließ die Bergkette im Westen nicht mehr erkennen.

Ron orientierte sich an der Mondsichel. Jubal Cotter hatte die Richtung während des ganzen Tages nicht mehr gewechselt. Es gab keinen Grund zu der Annahme, er könnte das am Nachmittag getan haben. Außerdem war er nach kleineren Hakenschlägen und Ritten durch Creeks und Wälder längst zur alten Postroute zurückgekehrt.

Ron konnte sich das nur damit erklären, dass der Spieler für alle Fälle noch ein paar Versuche unternommen hatte, die Spuren zu verwischen.

Er schien zu wissen, wohin er wollte.

Das Pferd war am Ende seiner Kraft. Ron saß ab und führte es.

Die Mondsichel stieg höher, aber heller wurde es nicht. Die Hand am Ende des ausgestreckten Arms konnte er gerade noch erkennen, so dass er manchmal in Gefahr geriet, vom alten Wagenweg abzukommen.

Nach einiger Zeit saß er wieder auf. Lange konnte er die Verfolgung nicht mehr fortsetzen, er musste dem Pferd eine Pause gönnen. Er hatte das Gefühl, Cotter dicht auf den Fersen zu sein. Vielleicht holte er ihn doch noch ein – in der Dunkelheit der Nacht, in der der andere ihn nicht bemerken würde, bevor sie sich gegenüberstanden.

Er wusste nicht, wieviel Zeit vergangen war, als er Lichtschein sah. Er schien von einer Lampe zu stammen und durch ein Fenster zu fallen. Ron pfiff durch die Zähne.

»Komm, Alter, das Stück schaffen wir noch!« Er tätschelte den Hals des Pferdes und ritt nun genau auf das helle, scheinbar größer werdende Quadrat zu.

Zaunreste tauchten neben dem Wagenweg auf. Ron hatte eine verlassene Poststation erreicht.

Er glitt aus dem Sattel und zog die sieben schussige Spencer aus dem Scabbard. Während er das noch annähernd hundert Yard entfernte Fenster beobachtete, öffnete er die Satteltasche und füllte sich die Hosentasche mit Patronen.

Plötzlich schnaubte ein Pferd.

Hinter dem Fenster war undeutlich eine Gestalt zu erkennen. Die Lampe verlosch.

Ron stieß eine Verwünschung aus.

Türangeln knarrten. Die Pferde vor dem Haus, die Luman immer noch nicht sehen konnte, wieherten. Hufe stampften auf den Boden.

Ron verließ das Pferd, rannte in den ehemaligen Korral und lief geduckt nach links, bis er wieder den Rest eines Zaunes sah. Er musste die andere Seite des Anwesens erreicht haben.

Nun bewegte er sich vorsichtig nach Norden, bis er in undeutlichen Umrissen das Haus sah. Der Schuppen daneben war zusammengefallen. Nur eine Wand ragte noch schief in die Höhe. Das ehemalige Stationshaus schien noch weitgehend erhalten zu sein.

Sand knirschte. Das konnte der Spieler, genauso gut aber eins der Pferde sein.

»Wer ist da?«

Ron stellte am Klang der Stimme fest, dass der Kerl nervös war. Das plötzliche Auftauchen eines Gegners schien ihn aus der Fassung gebracht zu haben.

Dann fiel ein Schuss. Eine Mündungsflamme leckte vor dem Blockhaus in die Nachtschwärze.

Die Pferde wollten die Zügel zerreißen. Härter als vorher schrammten die Hufe auf den Boden, und lauter schallte das Wiehern durch die Dunkelheit.

Jubal Cotter war in der Tat zutiefst erschrocken, was darauf hindeutete, dass er sich schon recht sicher gefühlt haben musste.

»Zur Hölle, wer ist da?«

»Ron Luman, der Marshal von Upton. Geben Sie auf, Cotter! Werfen Sie die Waffe weg und kommen Sie mit erhobenen Händen rüber.«

»Du spinnst doch!«

Erneut krachte ein Schuss. Die Pferde wieherten schrill. Eins sprengte den Zügel und donnerte an Ron vorbei.

Der Spieler schoss wieder. Luman hörte die Kugel pfeifen. Er feuerte zurück.

Da zerbrachen die Pferde die morsche Zügelstange am Haus und ergriffen die Flucht. Ein Tier trat auf den schleifenden Zügel, an dem ein Rest der runden Stange hing. Das Pferd stürzte. Hufeisen schlugen klirrend gegeneinander. Der Braune sprang wieder auf und jagte in die Nacht hinaus.

Ron rannte zur Hausecke. Cotter schoss blindlings in seine Richtung.

An der Ecke blieb Ron stehen.

»Idiot, jetzt sind sie mit dem Zaster weg!«

»Geben Sie auf, Cotter!«

»Den Teufel werd’ ich tun!« Erneut feuerte der Spieler aus seinem Revolver und, zog sich dabei ins Haus zurück.

Ron ging um das Gebäude herum, fand eine Hintertür und trat dagegen. Die Scharniere gaben nach, und die Tür flog mit Gepolter nach innen.

Sofort schoss der Spieler wieder. Die Mündungsblitze zuckten durch das Dunkel im Haus, und das trockene Bellen rüttelte an den alten, bemoosten Wänden.

Ron schoss hinein und wechselte sofort seinen Standort.

Cotter erwiderte das Feuer. Seine zweite Kugel zerschlug ein Fensterkreuz und warf die Holzbrocken mit den Scheibenfesten hinter das Gebäude.

Ron kehrte zur eingetretenen Tür zurück und jagte einen Schuss hinein. Er wartete die Reaktion ab, dann sprang er über die Tür weg und ging drinnen in Deckung.

Das Blockhaus bestand aus mehreren Räumen, aber es gab offenbar keine Türen mehr. Auch eine Zwischenwand schien längst eingestürzt zu sein. Überall lag Gerümpel herum, Bretter, Balken und die Überreste der Möbel verbauten den Weg.

Holz barst. Cotter schlich durch das Haus und suchte nach dem Gegner, den er nicht sehen konnte. Er fluchte.

Ron repetierte das Gewehr sehr langsam und vorsichtig, konnte ein leises Schnappen dennoch nicht vermeiden. Der Spieler hörte es, wirbelte herum und feuerte.

Ron ließ sich auf den Bauch fallen und schoss zurück.

Jubal Cotter sah die Mündungsflamme und zielte darauf. Doch der Hammer traf eine leere Kammer.

Ron erkannte die Chance, sprang auf und rannte vorwärts. Doch Cotter kannte sich in der Ruine besser aus, trat gegen den Blechspind, der ihn etwas deckte und warf sich herum. Der umkippende Spind traf Ron und schleuderte ihn zurück. Mit Getöse landete der alte Metallschrank auf dem Boden.

Cotter rannte hinaus. Dass er Rons Braunen fand, war eher Zufall. Er schwang sich in den Sattel, gab dem abgehetzten Tier die Sporen und sprengte davon.

Cotter kam bis zum letzten Pfosten des ehemaligen Zauns, der noch schief im Boden steckte. Er war genau daneben, als vor ihm geschossen wurde. Die Kugel traf ihn und lähmte augenblicklich seine Bewegungen. Leblos stürzte er aus dem Sattel.

Orson Kanis lief dem scheuenden Pferd entgegen, hielt es fest und griff in die offene Satteltasche. Er bekam aber nur Patronen zwischen die Finger. Er schimpfte, trat an die andere Seite des Braunen und suchte vergebens nach einer zweiten Tasche.

Als sein Blick wieder an dem Tier vorbei Richtung Hütte fiel, schien eine Gestalt auf dem Wagenweg zu stehen. Kanis erkannte sie jedoch nicht, genauso wenig wie den Toten ein Stück hinter dem Pferd.

»Wo sind die anderen, Kanis?«

Der Schmied duckte sich. Luman schien in der Nacht wesentlich besser als er sehen zu können.

»Sag mir lieber, wo der Zaster ist!«

»Wahrscheinlich noch in der Hütte.«

Ron konnte den klotzigen Schmied ziemlich gut sehen, erkannte sogar, dass er ein Gewehr in der Hand hielt.

»Die anderen hat der Teufel geholt. Genauer gesagt, die Rothäute haben sie in die Hölle geschickt.« Kanis wandte sich weiter dem Marshal zu. »Und du hast gleich durchschaut, dass er uns aufs Kreuz legen wollte, was?«

»Es war nicht sehr schwer.«

Kanis meinte Hohn in Lumans Stimme mitschwingen zu hören. Sein Genick versteifte sich. Er hatte es immer gehasst, wenn sich andere über ihn lustig machten. Am liebsten hätte er das Gewehr hochgerissen und den Marshal abgeknallt. Doch er sah ihn immer noch nicht besser und musste davon ausgehen, dass Luman bereits mit seiner Waffe auf ihn zielte.

»Lass es fallen!«, befahl Ron. »Na los, wirf das Gewehr weg!«

Kanis zögerte, dann öffnete er die Hand. Noch steckte sein Colt im Holster.

Ron kam näher.

»Was hast du vor?«

»Wir reiten gemeinsam nach Upton, Kanis. Damit du bestätigen kannst, was ich erzähle, damit die Leute diese unglaubliche Story auch glauben.«

»Und was wird dann aus mir?«

»Das sagt dir der Richter. Damit habe ich nichts mehr zu tun.«

Kanis legte die Hand auf den Revolverkolben und riss die Waffe heraus. Zu spät. Ron war schon dicht vor ihm und knallte ihm den Lauf der Spencer aufs Handgelenk.

Kanis schrie auf und öffnete die Finger. Er wollte den Marshal anfallen, aber der hieb ihm die Faust gegen das Kinn, während die Spencer scheppernd auf dem Boden landete.

Kanis taumelte, prallte gegen das Pferd, stieß sich ab und lief in den zweiten Schwinger wie in ein offenes Messer. Der war härter als der erste und riss den klotzigen Mann von den Beinen.

Kanis kroch durch den Sand und wollte aufstehen. Er stöhnte und ächzte dabei.

Ron hob das Gewehr auf und wartete.

Kanis war jetzt auf den Knien. Luman trat ihm gegen die Schulter. Der ehemalige Schmied landete auf dem Rücken.

»Gib es auf, Kanis. Allein hättest du gegen mich nie eine Chance gehabt. Du bist ein alter Mann.«

»Alter Mann!« Der Zorn brachte den Schmied doch noch einmal auf die Füße. Seine Faust stach vorwärts.

Ron wich dem Schlag aus. Kanis taumelte an ihm vorbei. Er stellte ihm ein Bein und knallte ihm die Handkante in den Nacken. Das reichte. Als er dumpf in den Sand schlug, war er bewusstlos.

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26

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Ron Luman erreichte Upton am übernächsten Abend. Er führte ein Pferd neben sich. Im Sattel saß Kanis. Die Pferde des Spielers hatte er aneinandergeleint. Die Leiche hatte er im Norden beerdigt.

Menschen strömten auf der Main Street vor dem Bahnhof zusammen. Der Town Mayor lief neben den Pferden her.

»In Ihrem Office sitzt ein Marshal aus Alder, Luman. Der kam vorgestern mit dem Zug hier an!«

»Was will er denn?«

»Auf Sie warten, sagte ich doch!«

Ron zügelte das Pferd vor seinem Office und schaute auf den breitschultrigen, schwarzbärtigen Mann im dunklen Lederanzug, der aus dem Haus trat. Er trug einen großen Silberstern an der Jacke und zwei schwere Colts an den Hüften.

»Marshal Kirkley aus Alder!« Der Mann tippte an seinen hohen, beinahe schneeweißen Hut.

Im Halbkreis versammelte sich die Menschenmenge um Ron, den Gefangenen und die vielen Pferde.

»Was kann ich für Sie tun?« Ron stützte die Hände aufs Sattelhorn.

»Ich habe die beiden Leichen exhuminieren lassen und ...«

»Was hat er?«, fragte der Town Mayor mit einer steilen Falte zwischen Nasenwurzel und Haaransatz.

Details

Seiten
500
Jahr
2018
ISBN (ePUB)
9783738919189
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (Januar)
Schlagworte
sammelband western sieben

Autoren

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Titel: Sammelband 4 Western: Die mörderischen Sieben und andere Western