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Die ganze Saga: Ragnar der Wikinger

2018 500 Seiten

Leseprobe

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Ragnar der Wikinger

Die ganze Saga

Band 1-4

von Alfred Bekker

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Der Umfang dieses Buchs entspricht 413 Taschenbuchseiten.

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Dieses Ebook enthält folgende Bände:

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Alfred Bekker: Band 1  In Haithabu

Alfred Bekker: Band 2  In Gefahr

Alfred Bekker: Band 3  Im Palast des Kaisers

Alfred Bekker: Band 4  Das zerbrochene Schwert

Alfred Bekker schreibt Fantasy, Science Fiction, Krimis, historische Romane sowie Kinder- und Jugendbücher. Seine Bücher um DAS REICH DER ELBEN, die DRACHENERDE-SAGA, die GORIAN-Trilogie und seine Romane um die HALBLINGE VON ATHRANOR machten ihn einem großen Publikum bekannt. Er war Mitautor von Spannungsserien wie Jerry Cotton, Kommissar X und Ren Dhark. Außerdem schrieb er Kriminalromane, in denen oft skurrile Typen im Mittelpunkt stehen - zuletzt den Titel DER TEUFEL VON MÜNSTER, wo er einen Helden seiner Fantasy-Romane zum Ermittler in einer sehr realen Serie von Verbrechen macht.

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Band 1: In Haithabu

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Die Welle brach über der Reling des Drachenschiffs zusammen. Kübelweise Wasser kam ins Schiff und im nächsten Moment stand das Wasser knöcheltief.

„Schöpfen!“, rief eine heisere Stimme, die sich mit dem heulenden Wind vermischte.

Ragnar nahm einen der Schöpfeimer und half mit, das Wasser aus dem Schiffsinneren wieder herauszuschöpfen. Die Eimer waren sicherheitshalber mit Tauen befestigt, damit sie nicht über Bord gerissen werden konnten.

„Los, bevor die nächste große Welle kommt, müssen wir das meiste rausgeschöpft haben!“, rief einer der Männer.

Es war bereits die dritte große Welle innerhalb kurzer Zeit. Aber im Westen wurde es heller. Das Wetter besserte sich. Doch die Böen blieben tückisch. Der seitliche Wind drückte dann mit plötzlicher Wucht ins Segel. Das Schiff legte sich schief und wenn dann eine Welle hineinschwappte, wurde es gefährlich.

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ANGESPANNT WARTETE man auf die nächste Böe. Es war unmöglich vorherzusagen, wann sie kam.

Ein eisiger Wind fegte über das aufgeschäumte Wasser und trieb das Drachenschiff durch die Wellen. Gischt spritzte auf. Ragnar Rothaar Einarson stand am Bug der SCHAUMKRONE, einer dreißig Meter langen Schnigge. So nannte man die kleineren schmalen Drachenschiffe mit einer Besatzung von bis zu vierzig Mann. Das rötliche Haar klebte Ragnar feucht am Kopf. Dreizehn Jahre war er gerade geworden und es gab für ihn nichts Schöneres, als mit einem Drachenschiff durch die schäumende See zu fahren.

Vorne hob sich das Schiff leicht an, dann senkte es sich wieder.

Dies war nicht das offene Meer, sondern ein großer See im Norden von Holmgard. Dieser See war zwar so groß, dass man ihn schon fast als ein kleines Meer ansehen konnte – aber trotzdem war es nicht dasselbe. Ragnar träumte davon, eines Tages mit noch größeren Schiffen über das offene Meer zu segeln, zu Ländern, die noch kein Mensch je zuvor betreten hatte. Aber bis es soweit war, würden wohl noch ein paar Jahre vergehen.

Bislang hatte sein Vater Einar es verhindert, dass Ragnar auf einem dieser Schiffe als Schiffsjunge mitfuhr. Dazu sei er noch zu jung, hatte er gemeint.

Ragnar war da natürlich anderer Ansicht, aber er musste sich der Entscheidung beugen.

Er ließ den Blick am Horizont entlang schweifen. Der Himmel war grau und das Ufer fast weiß, so dass man es kaum erkennen konnte. Im Sommer waren dort dichte Wälder zu sehen, die bis ans Seeufer heranreichten. Aber jetzt lag dort noch Schnee.

Immerhin war bereits das Eis auf dem See getaut, sodass man ihn wieder mit dem Schiff befahren konnte. Das war ein Zeichen dafür, dass es bald Frühling werden würde.

Einar Einarson trat neben seinen Sohn und deutete zum Ufer. „Wir haben gute Fahrt drauf. Nicht mehr lange, dann legen wir an! Ich hoffe nur, dass Oleg gute Pelze für uns bereithält!“

„Aber woher willst du wissen, wo Olegs Lager ist?“, fragte Ragnar. „Es sieht überall gleich am Ufer aus!“

Einar lachte. „Siehst du den zweimal gezackten Berg? Man erkennt ihn nur ganz schwach durch den Dunst.“

„Ja, ich sehe ihn!“

„Auf den hält der Steuermann zu. Der Wind steht günstig, wir brauchen nicht zu kreuzen.“

Plötzlich fiel Ragnar etwas auf. Unterhalb des Berges stieg etwas Dunkles empor.

Ragnar streckte den Arm aus. „Dort steigt schwarzer Rauch auf!“, stellte er fest.

Einars Gesicht verfinsterte sich. Er strich sich nachdenklich über den verfilzten Bart.

„Das bedeutet nichts Gutes!“, murmelte er.

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EINAR TRIEB SEINE MÄNNER zu größerer Eile an. Die Ruder wurden ausgefahren und die Männer legten sich in die Riemen, um das Schiff noch zusätzlich zu beschleunigen.

Eine Rauchsäule, die aus dieser Entfernung über die Bäume stieg, konnte nicht einfach nur von einem Lagerfeuer stammen! Und das zu dieser Jahreszeit bei all dem feuchten Schnee ein Waldbrand ausbrach, war auch höchst unwahrscheinlich.

So blieb nur eine Möglichkeit.

Jemand hatte das Lager des Pelzjägers Oleg überfallen und angezündet. Für Einar Einarson war das ein schlimmer Gedanke. Er war durch den Pelzhandel reich geworden und brauchte ständig Nachschub an guter Ware, die er dann weiterverkaufen konnte. Die Pelze kaufte Oleg Jägern in der Umgebung ab – und Oleg hatte ihm immer die besten und seltensten Stücke geliefert. Bärenfelle ebenso wie Zobel und Hermelin, woraus an weit entfernen Königshöfen die Damen die Kragen ihrer Mäntel fertigen ließen.

Ragnar setzte sich auch auf die Ruderbank. Die SCHAUMKRONE schoss jetzt wie ein Pfeil durch das Wasser.

Einars Hand umfasste derweil den Griff des Schwertes, das er an der Seite trug. Sein Gesicht wirkte grimmig und entschlossen. „Soll es nur jemand wagen, mir meine Pelze zu rauben!“, grollte er, obwohl Olegs Pelze streng genommen noch gar nicht ihm gehörten.

Aber für ihn waren es seine Pelze.

––––––––

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DIE SCHAUMKRONE NÄHERTE sich dem Ufer. Für Ragnar war es die erste Pelzfahrt, an der er teilnahm. Bisher hatte immer sein älterer Bruder seinen Vater dabei begleitet. Dessen Name war auch Einar – wie bei seinem Vater und Großvater. Um ihn unterscheiden zu können, hatte man ihn immer den roten Einar genannt, denn genau wie Ragnar hatte er von seiner Mutter die rötlichen Haare geerbt.

Aber in diesem Winter war der rote Einar am Fieber gestorben. Und so musste Ragnar jetzt mit zur Pelzfahrt. Wenn die Flüsse und Seen, über die man von Holmgard aus bis in die Ostsee segeln konnte, nicht mehr gefroren waren, besuchten die Pelzhändler unter den Wikingern die slawischen Jäger in der Umgebung, um ihnen die Pelze abzukaufen, die sie den Winter über gejagt hatten.

Manchmal kam es aber auch vor, dass sich einzelne Wikinger-Anführer nicht an die Regeln hielten und die Pelzjäger einfach ausraubten. Außerdem hatten die slawischen Stämme, zu denen die Jäger gehörten auch sehr häufig untereinander Krieg.

Aber ganz gleich, was auch in diesem Fall dahinter stecken mochte – Einar Einarson war nicht bereit, irgendjemanden mit den Pelzen davonziehen zu lassen, auf die er einen Anspruch zu haben meinte.

Für Ragnar war alles neu und die schneebedeckte Uferböschung sah für ihn überall gleich aus. Aber die anderen an Bord kannten sich aus. Sie fanden eine Stelle, wo man gut anlegen konnte. Einar warf Ragnar ein Tau zu. Man brauchte ihm nicht zu sagen, was damit zu tun war. Er kletterte in den Bug, wo der Drachenkopf der SCHAUMKRONE weit nach vorne ragte.

Mit einem Ruck stieß das Schiff auf Grund. Ragnar sprang an Land und zog an dem Tau-Ende. Ein paar Männer sprangen kurz danach an Land und halfen ihm. Das Tau-Ende wurde um einen knorrigen Baum geschlungen, dessen halbes Wurzelwerk ins Wasser hineinragte. Auf diesem Baum waren ein paar verwitterte Runen zu sehen. Sie waren offenbar vor längerer Zeit in die Rinde geritzt worden.

„Wir sind an der richtigen Stelle!“, verkündete Einar und deutete auf die Runen.

Ragnar konnte diese Runenbuchstaben mit Mühe zusammenziehen. Ab und zu hatte er in Holmgard bei einem Wanderlehrer Unterricht gehabt. Aber wirklich sicher war er darin nicht.

THOR SCHÜTZE DIE PELZFAHRER VON EINAR EINARSON, stand dort zu lesen.

Runen hatten Zaubermacht, so glaubten sie Wikinger.

Der Donnergott Thor, der mit seinem von Ziegen gezogenen Wagen über den Himmel fuhr und Blitze schleuderte, sollte Einars Männer in dieser Wildnis bewachen. Auf See fühlten sie sich sicher und unbesiegbar, aber hier in den dichten Wäldern waren sie Fremde.

Von seiner schützenden Zaubermacht einmal abgesehen, machte die Inschrift aber auch jenen anderen Pelzfahrern deutlich, dass die Pelze dieser Gegend von Einar Einarson beansprucht wurden und jeder mit Ärger rechnen musste, der darauf keine Rücksicht nahm.

Fünf Mann mussten beim Schiff bleiben.

Zuerst war Einar der Ansicht, dass es besser war, wenn auch Ragnar dort blieb. Aber der protestierte.

„Nein, ich möchte mit euch gehen!“, verlangte er.

„Ich habe in diesem Winter schon einen Sohn verloren – es soll nicht noch ein zweiter in das düstere Reich unseres Totengottes Hel eingehen“, erwiderte Einar.

„Aber soll ich nicht all das lernen, was auch mein Bruder gelernt hatte? Doch wie kann ich das, wenn ich hier beim Schiff bleiben muss?“

Einar überlegte kurz, dann änderte er seine Meinung. „Also gut“, sagte er, während die anderen Männer bereits ihre Waffen und Helme anlegten, um für den Landgang gerüstet zu sein.

Einar gab Ragnar ein kurzes Breitschwert. „Nimm das hier. Diese Wälder sind voller Gefahren und man weiß nie, was einem widerfährt...“

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DIE WIKINGER GINGEN an Land. Raben saßen krächzend auf den kahlen Bäumen. Hin und wieder knackten Äste. Der Schnee war so feucht und schwer geworden, dass manche Äste die Last einfach nicht mehr halten konnten.

Die kniehohen Fellstiefel, die Ragnar trug, sanken mit den ersten Schritten fast ganz in den Schnee ein. Dann wurde es besser. Der Boden unter der Schneedecke war hart gefroren. Spuren verschiedener Tiere waren auf den Schneeflächen zwischen den Bäumen zu sehen. Einar marschierte vorneweg und die anderen folgten ihm.

Zwischendurch hielten sie an und lauschten. Stimmen waren ganz leise zu hören. Schreie.

„Da ist etwas im Gange!“, meinte Thorfinn, einer der erfahrenen Gefolgsleute von Einar Einarson.

„Dann lasst uns schneller laufen! Vielleicht können wir noch das Schlimmste verhindern.“

Die Männer hetzten durch den tiefen Schnee und Ragnar musste sich alle Mühe geben, um mit ihnen mithalten zu können.

Sie erreichten schließlich eine Lichtung, auf der mehrere Holzhütten standen. Die Hälfte davon stand in Flammen. Schwarzer Rauch stieg empor und bildete eine lange Fahne. Eine der Hütten war schon so gut wie völlig niedergebrannt.

In Fell gekleidete, mit Speeren bewaffnete Krieger hatten Gefangene in der Mitte der kleinen Siedlung zusammen getrieben.

In der Mitte der Lichtung befand sich ein Haufen mit Fellen. Einige der Krieger waren damit beschäftigt, sie zu handlichen Bündeln zusammenzuschnüren, die man gut auf dem Rücken tragen konnte.

Jetzt bemerken die in Fell gekleideten Krieger die ankommenden Wikinger.

Laute Schreie gellten.

Ragnar verstand die Sprache dieser Krieger nicht. Nur ein Wort hörte er immer wieder. „Rus!“, riefen die Fellgekleideten. „Rus!“

Das bedeutete „Ruderer“ und war der Name, den die Bewohner dieses Landes den Wikingern gegeben hatten, weil sie häufig ruderten, wenn sie mit ihren Schiffen die Flüsse passierten. Das Land um Holmgard wurde deswegen auch häufig „Russland“ genannt.

Die in Fell gekleideten Krieger hatten offenbar große Furcht vor den Wikingern. Sie nahmen noch mit sich, was sie an Fellen zu tragen vermochten und rannten dann davon. Die gefesselten Gefangenen ließen sie einfach zurück.

Innerhalb kurzer Zeit waren die Angreifer im Unterholz verschwunden.

„Werden sie nicht verfolgt?“, fragte Ragnar an seinen Vater gewandt. Einar schüttelte den Kopf. „Nein, die sind schneller und kennen sich in den Wäldern besser aus. Außerdem sind sie mehr als wir.“

Die Fesseln der Gefangenen wurden gelöst.

„Wie gut, dass ihr uns geholfen habt!“, sagte einer der Befreiten – ein Mann mit Pelzmütze und einer Kette aus Wolfzähnen. Er sprach die Wikingersprache mit einem starken Akzent.

Einar ging auf ihn zu.

„Oleg! Ich freue mich, dass dir nichts geschehen ist!“

„Nichts geschehen?“, rief Oleg. Er deutete auf die in der Mitte der Siedlung aufgehäuften Felle. „Diese Räuber haben uns leider genug Felle weggenommen. Und natürlich nur die besten Stücke!“

„Wir werde sehen, was noch übrig ist“, antwortete Einar. „Hast du eine Ahnung, wer euch da überfallen hat?“

Oleg nickte. „Ein Stamm, mit dem wir seit kurzem Streit haben. Leider sind sie viel zahlreicher als wir!“

Einar hielt Oleg sein Schwert hin und sagte: „Vielleicht sollten sich die Männer aus deinem Dorf mal ein paar dieser hervorragenden Klingen anschaffen! Dann machen euch die anderen Stämme sehr schnell nicht mehr so einen Ärger! Glaub es mir!“

Oleg lachte. „Das sagst du doch nur aus einem einzigen Grund, Einar Einarson! Du willst mir doch garantiert ein paar dieser Waffen verkaufen!“

Einar zwinkerte Ragnar zu. „Diesem Kerl kann man nichts vormachen, Ragnar!“ Dann wandte sich Einar wieder an Oleg. „Dies ist übrigens mein Sohn Ragnar.“

„Das ist unverkennbar. Er ist dir wie aus dem Gesicht geschnitten, Einar – nur, das ihm noch kein Bart wächst!“

Einar hob noch einmal sein Schwert und reichte es Oleg. „Was ich über diese Klinge gesagt habe, ist aber trotz allem gültig! Fühl doch mal, wie diese Waffe in der Hand liegt!“

Oleg nahm die Waffe und nickte anerkennend. „Ja. Das mag sein...“

„Eine Klinge aus Damaskus, geschmiedet von Arabern“, sagte Einar. „Das sind die besten Schmiede, die es gibt! Unsere Schiffe bringen diese Waffen über das schwarze Meer und die großen Flüsse bis zu dem Ort, den ihr Nowgorod nennt.“

Nowgorod war der Name, den die slawischen Stämme für den Ort verwendeten, der von den Wikingern Holmgard genannt wurde.

Oleg wog das Schwert in seiner Hand. „Und du könntest mir von diesen Klingen ausreichend viele besorgen?“, vergewisserte sich Oleg.

„Natürlich! Meine Handelsbeziehungen reichen weit...“

„Aber ich fürchte, dass ich sie kaum bezahlen kann!“

„Was ist mit den Fellen?“

„Erstens haben uns unsere Feinde die besten Stücke weggestohlen und zweitens ist das, was wir dafür bekommen, auch schon verplant.“

„Ich wüsste eine weitere Einnahmequelle für euch! Darüber hätte ich sowieso mit dir sprechen wollen“, sagte Einar.

Oleg seufzte. „Im Moment werden wir wohl genug damit zu tun haben, alles wieder aufzubauen. Einige unserer Leute sind verletzt. Aber grundsätzlich bin ich interessiert.“

„Traust du deinen Jägern zu, Greifvögel zu fangen? Adler, Bussarde, Falken und so weiter...“

„Das ist nicht leicht, aber möglich.“

„Fangen wohlgemerkt!“, gab Einar zu bedenken. „Den Tieren darf nichts geschehen.“

„Was geschieht mit den Tieren?“

„Sie gelangen auf demselben Weg, auf dem die Klingen aus Damaskus nach Holmgard kommen in den Süden. Am Hof des Kalifen von Bagdad und in Kairo bringt man Greifvögeln bei, als Jagdgehilfen zu dienen. Gelehrige Tiere bringen dort ein Vermögen ein!“

„Ich denke, dass ich dir da weiterhelfen kann, Einar“, versprach Oleg.

„Voraussetzung ist natürlich, dass den Tieren wirklich keine Feder gekrümmt wird!“

„Sicher.“

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EINAR KAUFTE OLEG DEN Rest der Felle, die die Angreifer zurückgelassen hatten. Er bezahlte mit Gewichtsgeld - Silbermünzen, die aus aller Herren Länder stammten und mit denen nach Gewicht bezahlt wurde. Wenn das Gewicht nicht genau hinkam, wurden die Münzen einfach zerbrochen, weswegen man auch vom Bruchgeld sprach. Münzen aus Bagdad waren ebenso darunter wie Silberstücke mit dem Kopf des Kaisers von Konstantinopel.

„Ich werde einiges davon sparen, um mir Klingen aus Damaskus leisten zu können“, sagte Oleg.

„Die kannst du mit gefangenen Greifvögeln bezahlen“, erwiderte Einar.

Die Wikinger luden sich die Fälle auf den Rücken. Auch Ragnar musste ein Bündel nehmen. Dann marschierten sie zurück zum Schiff und stiegen an Bord. Die Felle wurden gut festgebunden. Schließlich sollten sie nicht über Bord gehen, wenn die SCHAUMKRONE in turbulentes Wetter geriet.

Einar wandte sich an seinen Sohn.

„Dies war der letzte Pelzhändler, den wir auf dieser Fahrt besuchen“, erklärte er.

„Dann geht es jetzt wieder zurück nach Holmgard?“

„So ist es.“

„Und wann fährst du auf das richtige Meer hinaus?“, fragte Ragnar.

Die Seen um Holmgard waren alle untereinander durch Flüsse miteinander verbunden. Über dieses System aus Flüssen und Seen konnte man schließlich auch in die Ostsee gelangen, über die man segeln musste, wenn man in die eigentlichen Heimatländer der Wikinger gelangen wollte.

Immer wieder hatte Ragnar davon gehört. Von der Insel Gotland, wo sich einer der größten Märkte befand – oder die fernen Wikingerhäfen Birka und Haithabu. All das wollte Ragnar nur zu gerne einmal mit eigenen Augen sehen.

Während die Schaumkrone vom Ufer abgestoßen wurde und der Wind ins Segel fiel, dachte Ragnar darüber nach, wie er seinen Vater doch noch davon überzeugen konnte, dass er als Schiffsjunge auf die Reise gehen durfte.

Aber der Tod seines Bruders hatte die Chancen dafür natürlich noch verschlechtert. Schließlich dachte Einar auch daran, wer einmal sein Nachfolger werden konnte, wenn ihm selbst vielleicht etwas zustieß.

Zwar hatte Ragnar noch weitere Geschwister, aber die waren jünger und es würde noch eine Weile dauern, bis von ihnen jemand Einar helfen konnte.

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ES WAR BEREITS DUNKEL, als die SCHAUMKRONE in den Hafen von Holmgard zurückkehrte. Holmgard lag an einem kleinen Fluss, der zwei Seen miteinander verband. Die Siedlung wurde durch einen Halbkreis aus angespitzten Holzpalisaden umgeben, die den Ort vor Angriffen von außen schützen sollten. In der Mitte war ein Platz, auf dem der Thing abgehalten wurde – die Versammlung der freien Männer, die über alles entschieden und auch Gericht hielten, wenn ein Verbrechen geschehen war. Unter den Häusern waren zwei verschiedene Arten deutlich zu unterscheiden. Die quadratischen Blockhäuser der Slawen und die länglichen Holzhäuser der Wikinger. Beide Bevölkerungsgruppen lebten in Holmgard friedlich zusammen.

Im Hafen lag eine Reihe von Schiffen vor Anker. Die meisten waren schlanke Schniggen, denn im Inneren Russlands musste ein Schiff manchmal über mehrere Kilometer über Land von einem Fluss zum anderen gezogen werden. Und dafür waren allzu große Schiffe einfach ungeeignet. Aber es gab auch einige der größeren Schiffstypen im Hafen von Holmgard. Eine paar Skaids, die bis zu 60 Mann Besatzung hatten oder ein Draken mit bis zu hundert Mann. Und natürlich der Knorr, der viel breiter war als die anderen, vornehmlich als Kriegsschiffe verwendeten Typen.

Die großen Schiffe kamen fast immer von der Ostsee, denn auf hoher See hatten sie gegenüber den kleineren Vorteile. Zum Beispiel waren die Wandungen höher, sodass nicht so schnell Wasser ins Innere spülen konnte, wenn der Wellengang hoch war.

Nur wenige der Schiffe waren allerdings im Moment schon einsatzfähig. Während des eisigen Winters hatten viele von ihnen Schäden davongetragen und jetzt wurde überall fleißig repariert. Das Hämmern war meilenweit zu hören.

Einar lächelte, als er das sah. „Gut, dass wir bereits so früh damit angefangen haben – so waren wir mit die ersten, deren Schiffe bereits einsatzfähig waren!“

„Sieh nur, ein besonders großer Knorr!“, meinte Ragnar bewundernd und deutete auf eines der Schiffe, das fast so breit wie zwei Schniggen war. An Bord befanden sich zahlreiche Tiere – vor allem Pferde und Rinder – die nun vorsichtig über eine ausgeklappte Holzbrücke an Land gebracht wurden. Ein Rind scheute zurück. Ein lautes Muhen war zu hören. Das Tier rutschte auf den Planken aus, kam wieder auf die Beine und erreichte schließlich doch das Ufer.

„Diesen bemalten Wolfskopf am Bug kenne ich doch!“, murmelte Einar. „Das ist das Schiff von Björn Olavson aus Haithabu!“ Er stieß Ragnar an. „Komm, lass ihn uns begrüßen! Dass er so früh im Jahr nach Holmgard kommt, kann nur heißen, dass die Wasserwege inzwischen überall eisfrei sind!“

Björn Olavson war ein mächtiger Wikinger aus dem fernen Haithabu. Ein Händler und Schiffsbauer, der ein bis zweimal im Jahr nach Holmgard fuhr, um Waren dorthin zu bringen und mit einem Schiff voller Pelze zurückzukehren. Einar Einarson war gut mit ihm befreundet. Björn nahm einen großen Teil der Pelze, die Einar von den slawischen Jägern erwarb, an Bord seiner Knorr und verkaufte sie dann auf dem Markt von Haithabu weiter.

Immer wenn Björn Olavson nach Holmgard gekommen war, hatte Ragnar gespannt den Geschichten gelauscht, die dieser Mann am Lagerfeuer erzählte. Geschichten von fernen Ländern, die Ragnar unbedingt auch einmal sehen wollte.

Während Einars Gefolgsleute die Pelze entluden und zum Langhaus von Einar Einarson und seiner Familie brachten, gingen Ragnar und sein Vater auf die Anlagestelle zu, an der die Knorr von Björn Olavson festgemacht war.

NJÖRDS FREUDE hieß Björns Schiff, wie an den Runen zu sehen war, die deutlich sichtbar in das Holz eingebrannt worden waren. Njörd war der Gott des Meeres, der auch Feuer und Wind beherrschte. Unter anderem beschützte er den Handel. In kleineren Runen stand unter dem Schiffsnamen ein Zauberspruch, der das Schiff und seine Besatzung vor Piraten und schlechtem Wetter bewahren sollte und außerdem vermerkte, wer diesen Knorr gebaut hatte: Björn Olavson, der beste Schiffsbauer von Haithabu.

Björns Reichtum gründete sich tatsächlich auf seinem Können als Schiffsbauer. Seine Schiffe wurden weithin gerühmt – und wenn darauf eingebrannt war, wer es gebaut hatte, so sollte das jeden, der das Schiff sah, dazu anregen, ebenfalls ein Schiff bei Björn Olavson in Auftrag zu geben.

Björn war ein sehr großer, breitschultriger Mann. An seinem Gürtel hing eine langstielige Streitaxt. Ein langes gerades Schwert trug er über den Rücken gegürtet.

Der flachsblonde Bart wuchs fast bis unter die Augen. Er trug einen Helm mit einem tief herabreichenden Nasenschutz, der schon einige Kratzer und Dellen aufwies. Dellen, die davon zeugten, dass dieser Helm seinem Träger wohl schon des Öfteren mal das Leben gerettet hatte.

„Sei gegrüßt, Einar!“, rief Björn, als er Einar Einarson sah. „Ich hoffe, du hast eine ausreichende Ladung an Pelzen für mich, damit ich nicht mit einem halbleeren Knorr zurück nach Haithabu segeln muss!“

„Wir kommen gerade von einer Pelzfahrt zurück und wenn du willst, kannst du die Ware gerne später prüfen – nachdem du in meinem Haus als Gast reichlich Met getrunken und etwas gegessen hast!“

„Das Angebot deiner Gastfreundschaft nehme ich gerne an!“, sagte Björn. „Und das Met, das ich beim letzten Mal in deinem Haus trank, ist das beste Bier, das ich seit langem zu mir nahm. Ich hoffe, du hast ein paar Fässer davon, die ich dir abkaufen kann!“

Einar lachte. „Gewiss! Das Met kommt aus Kiew! Mein Lieferant war schon vor drei Wochen hier – aber da war unser Hafen noch vereist und so musste seine Schnigge fünf Meilen südlich anlegen.“

Björn Olavson runzelte die Stirn. „Du willst mir damit doch nicht etwa sagen, dass du etwas auf den Preis aufschlagen willst, weil ihr die Met-Fässer meilenweit über das Land tragen musstet!“

Einar grinste. „Da du es schon erwähnst, Björn... Natürlich schlägt sich das im Preis nieder!“

Björn lachte dröhnend und erschlug Einar freundschaftlich auf die Schulter. „Von dir kann man wirklich lernen, wie man feilscht und die Preise hochtreibt, Einar!“ rief er amüsiert. Dann wandte er sich Ragnar zu. „Dein Ältester ist seit letztem Jahr ja gar nicht mehr gewachsen, Einar!“

„Das ist nicht mein Ältester“, erwiderte Einar. Sein Tonfall veränderte sich dabei. „Ragnar ist mein zweitgeborener Sohn. Der rote Einar ist in diesem Winter am Fieber gestorben.“

„Oh, das tut mir leid“, sagte Björn. Er sah Ragnar einmal von oben bis unten an. „Wie alt bist du jetzt?“, fragte er.

„Dreizehn Jahre“, gab Ragnar Auskunft.

„Kannst du die Runen lesen?“

„Einigermaßen. Ab und zu kommt ein Wanderlehrer vorbei, der mich unterrichtet und mir auch die alten Geschichten über die Götter erzählt...“

„Interessieren dich Schiffe?“

„Ich träume davon, auf einem der großen Draken als Schiffsjunge mitzufahren, die bis nach Island segeln!“

„Dann verstehe ich nicht, weshalb du noch hier in Holmgard bist! Von Holmgard aus segeln doch viele Schiffe los!“

„Mein Vater meint, dass ich noch zu jung dafür bin, um auf einem Seeschiff mitzufahren“, sagte Ragnar kleinlaut.

Björn runzelte die Stirn. „Zu jung? Da kann man geteilter Meinung sein. Aber du bist auf jeden Fall alt genug, um etwas zu lernen. Ein gutes Handwerk zum Beispiel, das man überall braucht und einem an jedem Ort gut vergolten wird.“

„Ehrlich gesagt, weiß ich nicht, wovon jetzt die Rede ist“, sagte Ragnar.

„Na Schiffbau natürlich! Ich nehme an, dass du die Listigkeit und den Geschäftssinn deines Vaters geerbt hast - wenn du dazu noch lernst, wie man gute Schiffe baut, brauchst du dich um dein Auskommen niemals zu sorgen! Wenn du willst kannst du in meiner Werkstatt in Haithabu das Schiffsbauer-Handwerk lernen!“

Ragnar blickte zu seinem Vater.

Es war durchaus üblich, dass die Söhne reicher und vornehmer Wikinger zu Bekannten geschickt wurden, damit sie dort eine Ausbildung bekamen. Und was den Schiffsbau betraf, so war Björn Olavson sicherlich einer der besten Lehrmeister, die man sich denken konnte.

Björn strich den Bart glatt und fuhr dann fort: „Ich weiß, dass du lieber gleich zur See fahren würdest, Ragnar. Das ist mir in deinem Alter genauso gegangen. Aber denk mal einen Augenblick darüber nach: Du lernst zwei oder drei Jahre bei mir das Handwerk und danach wird dich jeder Wikinger-Kapitän gerne überallhin mitnehmen. Aber nicht nur als Schiffsjunge! Sondern als ein vollwertiger Gefolgsmann, der seinen fairen Anteil an der Beute oder dem Gewinn der Fahrt bekommt! Na, was sagst du? Wäre das nichts für dich?“

Der Gedanke, in Haithabu das Schiffsbauer-Handwerk zu lernen, gefiel Ragnar durchaus. Leute, die sich darauf verstanden, waren bei den Kapitänen sehr begehrt, denn während längerer Seefahrten kam es immer wieder vor, dass Schiffe repariert werden mussten. Manchmal, wenn eine Wikingerflotte unbekanntes Gebiet erkundete, war es sogar notwendig, dass man an Land ging, um ein kleinere Beiboote anzufertigen, mit denen man dann auch sehr flache Wasserläufe erkunden konnte.

„Das ist ein sehr großzügiges Angebot“, sagte Ragnar.

„Ein Angebot, das ich durchaus nicht jedem mache“, erwiderte Björn. „Aber dem Sohn von Einar Einarson schon! Überleg dir das! Du wirst es nicht bereuen!“

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RAGNAR HÄTTE AM LIEBSTEN sofort zugestimmt. Aber er wusste, dass er das zuerst mit seinem Vater besprechen musste. Also bedankte er sich nur noch einmal für das Angebot. Björn sagte, dass er wahrscheinlich drei Tage in Holmgard bleiben würde. „Du musst dich entschieden haben, bis wir wieder ablegen.“

„Wir werden darüber beraten“, versprach Einar Einarson, der wohl bemerkt hatte, dass sein Sohn von der Idee ziemlich begeistert war.

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EIN MANN MIT PELZBESETZTEM Helm trat auf Einar zu. Er musterte Björn abschätzig. Ragnar schenkte er nur einen kurzen Blick und wandte sich dann Einar zu.

„Ich hoffe, ich komme nicht zu spät, um dir ein paar Zobelfelle abzukaufen“, sagte er.

„Tut mir leid, ich habe Björn Olavson bereits die gesamte Ladung versprochen!“

„Und du hast nicht auch für mich noch in paar Zobel- und Hermelin-Felle? Alles andere mag bekommen wer will, ich bin nur an den wertvollsten Pelzen interessiert!“

Jetzt mischte sich Björn Olavson ein. „Wer ist dieser Mann, Einar?“

„Das ist Hakan Holgarson“, stellte Björn ihn vor. „Aber man nennt ihn auch Hakan den Geizigen, weil keiner die Preise herunterzuhandeln vermag wie er!“

„Das klingt, als wärst du ein gefährlicher Mann, Hakan!“, lachte Björn.

Aber Hakan Holgarson machte eine wegwerfende Handbewegung. „Ich werde ja wohl keine Gelegenheit zum Handeln bekommen, da du schneller warst und mir bereits alles weggeschnappt hast!“

„Hör zu, Hakan“, forderte Björn dann. „Ich will nicht, dass du unglücklich wirst. Such dir also je ein Zobel- und Hermelinfell aus und mach mit Einar darüber einen Preis aus! Das will ich dir zugestehen!“

Hakan Holgarson seufzte. „Das ist immerhin besser als gar nichts!“

Ragnar kannte Hakan Holgarson recht gut. Der geizige Mann war ein einzigartiges Verhandlungstalent. Aber in diesem Fall nützte ihm wohl auch sein Verhandlungsgeschick nichts.

Hakan hatte seinen Beinamen der Geizige allerdings nicht nur wegen seines Geschicks beim Herunterhandeln von Preisen.

Er war auch berüchtigt dafür, dass er die Münzen des silbernen Gewichtsgeldes nicht nur in zwei Stücke, sondern manchmal in drei oder vier zerschlug.

Neben dem Schwert trug er dazu einen Hammer an der Seite. Er hing in einer Schlaufe an seinem breiten Gürtel, dessen bronzene Schnalle mit feinen Gravuren versehen war.

Bei dem Hammer war an der Schlagseite ein Stück abgebrochen, sodass eine scharfe, gezackte Kante entstanden war. Wenn er damit eine Münze teilte, konnte man diese Zackenlinie hinterher am Rand des Stücks sehen. Und wenn er nicht richtig traf, grub sich diese Form in das weiche Silber wie ein Abdruck ein.

Als Ragnar noch klein gewesen war, hatte er Hakan den Geizigen mal ganz unverblümt gefragt, wieso ein Mann wie er, der doch ziemlich reich und wohlhabend war, sich keinen neuen Hammer leisten konnte.

„Ich kann ihn mir schon leisten!“, hatte Hakan Holgarson damals gesagt. „Aber ich will es nicht! Denn dieses Stück hat mir Glück gebracht! Und ich denke, es ist Thor selbst, der seine Hand über mir hält, weil ich diesem Hammer die Treue gehalten habe! Ich werde ihn auf keinen Fall aufgeben!“

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EINAR GING ZUSAMMEN mit Ragnar und Hakan Holgarson zurück zur Schaumkrone. Ein Teil der Ladung war dort noch zu finden. Einar wies Ragnar an, eines der Bündel mit Fellen zu öffnen, sodass sich Hakan ein gutes Stück Pelz aussuchen konnte.

Hakan der Gierige war sehr wählerisch dabei und Einar Einarson verdrehte schon die Augen.

Nachdem sich Hakan endlich entschieden hatte, griff er zu dem Beutel an seinem Gürtel. Die Silberstücke, die er in seine Handfläche gleiten ließ, waren überwiegend sehr klein und viele von ihnen zeigten die typische Zackenlinie an der Kante.

„Es macht doch immer wieder Freude, mit dir Geschäfte zu machen“, sagte Einar, nachdem sie sich geeinigt hatten.

„Du hast den Rest deiner Felle voreilig verkauft!“, erwiderte Hakan Holgarson. „Ich wette, dass dein Käufer dir nicht so einen guten Preis gemacht hat!“

Als Hakan gegangen war, wandte sich Einar an Ragnar. Er zeigte ihm die Hand voller Silberstücke. „Sieh dir das an, wie viel Hakan bezahlt hat!“

„Und er war nicht einmal richtig hartnäckig beim Handeln!“, stimmte Ragnar zu.

Einar lachte. „Kein Vergleich mit seinem sonstigen Geschachere! Er muss diese Pelze wirklich sehr dringend brauchen!“

Björn und seine Männer genossen Gastfreundschaft im Haus von Einar Einarson. In diesem Haus lebten nicht nur Einars Familie, sondern auch seine Gefolgsleute und deren Angehörige. Das waren freie Männer, die für Einar arbeiteten oder auf seinem Schiff dienten. Außerdem gab es noch Leibeigene, Knechte und Mägde und deren Kinder, die ebenfalls in dem großen Langhaus wohnten, das nur aus einem einzigen Raum bestand. An beiden Seiten waren Erdwälle aufgeschüttet, die mit Matten und Strohsäcken ausgelegt waren. Dort saß man und schlief in der Nacht.

Lediglich der Hausherr und seine Frau hatten zum Schlafen einen schrankähnlichen Holzverschlag für sich allein. Alkoven nannte man so etwas, was von dem arabischen Wort für Nische kam.

Einar hatte es erst im letzten Jahr gebaut und Björn Olavson bewunderte es sehr.

„Al-Kubba nennen das die Araber“, sagte Einar.

„Ein sehr erfindungsreiches Volk“, meinte Björn anerkennend. „Stammt von denen nicht auch die Sitte, Greifvögel zum Jagen abzurichten?“

„So ist es. Aber es gibt auch sehr befremdliche Sitten unter ihnen. Zum Beispiel sollen ihre Ritter angeblich einer geliebten Frau Lieder zur Laute singen.“

„Das ist eine Sitte, die sich ruhig bis zu uns ausbreiten dürfte!“, mischte sich Solveig Thorbjörnstochter ein. Sie war Ragnars Mutter, was an den roten Haaren leicht zu erkennen war. „Das Essen ist fertig“, sagte sie. „Keiner deiner Männer soll heute hungrig oder durstig die Augen schließen!“

Björn grinste. „Das klingt gut“, meinte er.

––––––––

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RAGNAR HÖRTE DEN ERZÄHLUNGEN am Feuer zu. Björn Olavson und seine Männer hatten zuerst viel gegessen. Anschließend wurden immer wieder die Trinkhörner mit Met gefüllt. Es herrschte eine ausgelassene Stimmung.

Björn berichtete über Neuigkeiten, die sich in Haithabu ereignet hatten.

„Ich bin jetzt zum Jarl gewählt worden“, berichtete Björn.

„Meinen Glückwunsch“, gab Einar zurück. „Aber deinem Ansehen ist diese Wahl durchaus angemessen.“

„Es ist auch nicht immer ganz einfach, die Streitigkeiten zu schlichten. Das wichtigste ist, das Leben der ausländischen Kaufleute zu schützen, die nach Haithabu kommen. Sie haben ja keine Sippe, die sie im Streitfall unterstützen könnte und stehen bei einem Streit völlig allein da! Wenn man sie nicht schützt, dann bleiben sie dem Markt von Haithabu fern und das wiederum hätte verheerende Auswirkungen.“

Ein Jarl wurde von den freien Männern gewählt. Normalerweise wurde ein besonders angesehener oder vermögender Mann dazu bestimmt.

„Bei euch untersteht der Jarl doch inzwischen einem König, wenn ich recht informiert bin“, stellte Einar fest. „Das bedeutet, du bist in deinen Entscheidungen nicht nur vom Thing abhängig...“

„Bei euch hier oben ist das noch anders, ich weiß“, nickte Björn.

„Was soll das heißen - noch?“

Björn lachte und nahm einen weiteren Schluck Met. „Wir haben es uns auch nicht ausgesucht, einen König über uns zu erheben. Aber wir mussten uns gegen Feinde zusammenschließen. Der deutsche König würde Haithabu nur zu gerne mit seinen sächsischen Kriegern in Besitz nehmen und zu seinem eigenen Hafen machen. Und sollten sich die slawischen Stämme um Holmgard mal gegen euch zusammenschließen, dann habt ihr hier dasselbe Problem und werdet sicher auch einen König über euch erheben!“

Einar schüttelte den Kopf. „Die Stämme dieser Gegend führen dauernd Krieg untereinander. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass sie sich gegen uns zusammenschließen!“

„Ich wünsche dir, dass du Recht hast!“ Björn nahm einen Beutel von seinem Gürtel und öffnete ihn. Er war mit Gewichtsgeld aus Silber gefüllt. Im Schein des Feuers waren die Münzen gut zu sehen. „Manche meinen, dass man aus dem Wurf von Knochen oder der Beschaffenheit bestimmter Organe bei geschlachteten Tieren die Zukunft vorhersagen kann. Ich kann es anhand dieser Münzen!“

Ragnar rückte etwas näher ans Feuer heran, um besser sehen zu können. Er runzelte die Stirn und fragte sich, wie Björn das gemeint haben mochte. Wollte der Jarl von Haithabu hier und jetzt vielleicht irgendein magisches Ritual durchführen? Dann wollte er das nicht verpassen.

Einar runzelte skeptisch die Stirn.

„Sieh dir diese Münzen an, Einar!“, sagte Björn. „Ich habe das meiste davon auf einem Markt auf Gotland eingenommen. Das meiste Silber besteht aus arabischen Dirhem und ein kleinerer Teil zeigt den Kopf des Kaisers von Konstantinopel.“

„Ich weiß nicht, worauf du hinaus willst, Björn!“, gestand Einar kopfschüttelnd.

„Es fließt ein Strom von Silber aus Konstantinopel, Arabien und Persien von Süden nach Norden durch das Land der Rus – immer entlang der Flüsse. Ich sage dir, dieser mächtige Silberstrom wird früher oder später die Gier von Neidern erregen! Es wird sich herumsprechen, welche Reichtümer in unseren Schiffen über die Flüsse geschafft werden und manche von denen, die davon hören, werden aufbrechen, um sich selbst etwas davon zu nehmen. Die Ersten wird man abwehren, aber es werden weitere kommen und früher oder später wird man sich auch im Land der Rus unter Königen zusammenschließen müssen, um sich gemeinsam zu verteidigen! Das ist die Zukunft, die ich für euch hier in Holmgard sehe, Einar.“

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RAGNAR HÖRTE GESPANNT zu, wie Björn davon sprach, dass es eigentlich unvermeidlich war, dass auch im Land der Rus irgendwann ein König erhoben werden würde.

Aber mit der Zeit schweifte er ab und er sprach immer mehr von den weiten Reisen, die er unternommen hatte. Er berichtete von dem geheimnisvollen, nebelverhangenen Land auf dem es Feuer speiende Vulkane und eisige Gletscher gab.

„Island wird es genannt.“

„Ich habe davon gehört. Soll es dort nicht heiße Quellen geben, deren Wasser urplötzlich mehr als zwei Schiffslängen hoch aufspritzen kann?“, fragte Einar.

„Diese Quellen gibt es. Geysire nennt man sie. Ich habe sie mit eigenen Augen gesehen – genauso wie die Feuer speienden Berge. Leider gibt es nur wenig fruchtbares Land dort – und das wenige ist bereits verteilt. Aber das hat auch sein Gutes.“

„Wieso?“

Björn senkte den Tonfall und sprach nun leiser weiter. „Weil es deswegen nur wenig Wald auf Island gab – und der wurde inzwischen so gut wie völlig abgeholzt!“

Ragnar begriff sofort. „Das bedeutet, die Isländer können weder Häuser noch Schiffe bauen!“, entfuhr es ihm.

Björn drehte sich zu ihm um. Dass er dazwischen redete, wenn die Erwachsenen sich unterhielten, war eigentlich nicht angemessen, aber Björn Olavson schien Ragnar das nicht weiter übel zu nehmen. Er nickte lächelnd.

„Du bist ein schlaues Kerlchen, Ragnar! Genauso ist es! Die Isländer müssen ihr Holz von anderswo bekommen. Es gibt bereits mehrere Schiffsführer in Haithabu, die in dieses Geschäft eingestiegen sind und Holz nach Island bringen – und ich selbst überlege, ob ich in dieses Geschäft nicht auch einsteigen soll.“ Björn zwinkerte Ragnar zu. „Mir persönlich wäre es natürlich am liebsten, die Wikinger von Island würden nicht nur Holz bei mir kaufen – sondern gleich ganze Schiffe! Damit könnte ich noch einen wesentlich höheren Gewinn erzielen!“

Mit der Zeit wurde das Gespräch für Ragnar uninteressanter. Björn und Einar begannen um den Preis für die Met-Fässer zu feilschen.

Ragnar ließ den Blick durch die Halle des Langhauses schweifen. Björns Männer amüsierten sich allesamt prächtig. Aber zwei von ihnen fielen Ragnar auf. Der eine hatte eine Narbe quer über die Wange unter dem linken Auge. Dem anderen hing um den Hals ein Amulett, das aus dem Elfenbein eines Walrosszahns herausgeschnitzt worden war. Es stellte einen Hammer dar und sollte wohl eine magische Schutzwirkung auf seinen Träger ausüben.

Mjöllnir!, dachte Ragnar sofort. So hieß der Hammer des Donnergottes Thor. Zauberkundige Zwerge hatten Thor diesen Hammer der Legende einst geschmiedet und er ließ sich so groß oder so klein machen, wie es dem Donnergott beliebte. Wenn Thor den Hammer schleuderte, traf Mjöllnir bei jedem Wurf und kehrte in die ausgestreckte Hand des Gottes zurück. Dabei pflegte Thor breitbeinig auf seinem von zwei Ziegenböcken gezogenen Wagen zu stehen, mit dem er über den Himmel fuhr. Unter dessen Rädern blitzte es. Die Erde erbebte und begann zu brennen und die Felsen zerrissen. Man sprach dann vom Dröhnen Thors – dem Donner. Deswegen lautete ein anderer Name Thors auch Donar und man hatte sogar einen Tag nach ihm benannt – den Donnerstag.

Der Mann mit dem Mjöllnir-Amulett griff immer wieder mit der rechten Hand an den Miniatur-Hammer aus Elfenbein und es schien Ragnar fast so, als bräuchte er in besonderem Maß den magischen Schutz des Donnergottes.

Der Mann sagte nichts. Er saß nur da, während der Mann mit der Narbe fortwährend auf ihn einredete. Allerdings so leise, dass nicht ein einziges Wort davon bis zu Ragnar herüber drang.

Auf jeden Fall war es auffällig, wie ernst die beiden waren.

Eine der leibeigenen Mägde, die im Haus von Einar Einarson dienten, kam mit einem Krug voller Met zu ihnen, um ihre Trinkhörner zu füllen.

Aber sie lehnten erstaunlicherweise beide ab.

Der Mann mit dem Mjöllnir-Amulett stand nun auf und ging zur Tür des Hauses.

„Nun warte doch, Snorre!“, rief der Mann mit der Narbe ihm zumindest so laut hinterher, das einige der anderen Männer für kurze Zeit abgelenkt waren und sich umdrehten.

Er erhob sich nun ebenfalls und folgte dem Mann, den er Snorre genannt hatte. Dabei stieß er mit dem Fuß gegen einen Krug mit Met, der einem der anderen Männer gehörte, die in Björn Olavsons Diensten standen.

„Kannst du nicht aufpassen, Leif?“, fauchte der Mann, dessen Hose jetzt mit Met durchtränkt war.

„Stell dich nicht so an!“, murmelte der Mann mit der Narbe und versuchte, sich vorbeizudrängen, aber der Mann mit der bekleckerten Hose stand jetzt ebenfalls auf. Jetzt erst war zu sehen, dass er den Mann mit dem Namen Leif um fast anderthalb Köpfe überragte.

Ein Riese von einem Mann.

Er war Ragnar schon ganz zu Anfang deswegen aufgefallen und er glaubte, dass es in ganz Holmgard wohl keinen anderen Mann gab, der auch nur annähernd gleich groß war.

Der Riese packte Leif am Oberarm, bevor dieser ihm entweichen konnte.

„Warte und stiehl dich nicht einfach so davon, Leif. Wenigstens entschuldigen könntest du dich! Du hast doch noch kein Auge im Kampf verloren. Da kann man doch wohl sehen, wohin man tritt! Oder ist es zu viel verlangt, ein bisschen vorsichtig zu sein?“

„Ist ja schon gut!“, knurrte Leif, der offenbar nichts anderes im Sinn hatte, als möglichst schnell zur Tür zu gelangen. Snorre war inzwischen schon ins Freie getreten.

Auf einmal herrschte Stille im Langhaus.

Niemand sagte ein Wort – aber hier und da wanderten Hände zu den Schwertgriffen und Axtstielen.

„Ich möchte keinen Streit in meinem Haus!“, erklärte Einar Einarson unmissverständlich.

Leif und der Riese funkelten sich mit abschätzigen Blicken gegenseitig an. Beide waren sehr aufgebracht und Ragnar verstand nicht so recht, weshalb eigentlich. Ein wirklicher Grund für einen handfesten Streit war eigentlich nicht vorhanden.

Einar wandte sich an Björn Olavson. „Es sind deine Leute, unter denen der Streit ausgebrochen ist, also ist es auch an dir, zwischen ihnen zu schlichten.“

„Das will ich gerne tun“, sagte Björn und erhob sich jetzt. Die Daumen seiner Hände klemmte er hinter den breiten Gürtel, den er trug. „Missbraucht nicht die Gastfreundschaft von Einar Einarson“, sagte er sehr ernst.

„Er soll sich entschuldigen!“, knurrte der Riese.

Leif atmete tief durch und presste dann hervor: „Tut mir leid, Knut!“

Knut ließ ihn los. „Na also! Geht doch! Und sieh in Zukunft zu, dass du kein Met mehr verschüttest, du Trottel.“

Leif drehte sich um und ging zur Tür. Geräuschvoll schlug er sie hinter sich zu.

„Es ist nichts geschehen, was der Erwähnung wert wäre!“, sagte Björn Olavson.

Und Einar ergänzte: „Es gibt noch viel Met zu verteilen! Wer noch Durst hat, möge sein leeres Trinkhorn heben!“

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DIE SACHE SCHIEN UNTER den Männern schnell vergessen zu sein. Ragnar hörte, Björn Olavson davon erzählte, dass die beiden Streithähne sich von Anfang an nicht gut miteinander verstanden hätten. „Eigentlich hatte ich gedacht, dass die Sache inzwischen aus der Welt wäre – aber da habe ich mich wohl geirrt!“

„Einer von beiden wird wahrscheinlich in Zukunft seinen Weg allein gehen müssen“, vermutete Einar.

Björn zuckte mit den Schultern. „Gute Leute sind schwer zu finden“, meinte er. „Das macht eine solche Entscheidung nicht leicht. Und außerdem haben sie sich bislang noch immer zusammengerauft...“

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SNORRE UND LEIF KEHRTEN sehr spät zum Langhaus ihres Gastgebers zurück. Es schliefen bereits alle. Ragnar wurde wach und beobachtete, wie die beiden Männer sich zu ihren Schlafplätzen schlichen und in ihre Decken einhüllten.

Wo waren sie so lange gewesen?, fragte sich Ragnar. Auf jeden Fall hatten sie sich wieder beruhigt. Ragnar war nach wie vor sehr müde und so schlief er bald wieder ein.

Als er am nächsten Morgen erwachte, stellte er fest, dass die Decken von Snorre und Leif zusammengerollt waren.

Die beiden Männer schienen bereits in aller Frühe aufgestanden zu sein, während der Rest der Wikinger noch tief und fest schlief. So manchem von ihnen brummte vermutlich noch der Schädel, weil es am vergangenen Abend viel zu spät geworden war und man einfach zu viel Met getrunken hatte.

Nach und nach wurden alle, die im Langhaus von Einar Einarson geschlafen hatten wach. Man reckte sich und nach und nach waren Stimmen zu hören.

Die Unterhaltungen vom Vorabend wurden fortgesetzt. Ragnar lauschte den erstaunlichen Erzählungen über ferne Länder und den Gefahren auf See. Er fand es immer faszinierend, den Berichten von erfahrenen Seefahrern zuzuhören, wenn sie schilderten, wie Schiffe kenterten und andere Wikinger sie überfallen und ausgeplündert hatten – oder wie sie Tempel, Klöster und Städte in fernen Ländern ausgeraubt hatten. Es gab so viele Länder und so wundersame Dinge, dass man sie sich kaum vorstellen konnte. Bei manchen Berichten fragte sich Ragnar auch, ob sie überhaupt der Wahrheit entsprechen konnten.

Ragnar war jedoch kaum aufgestanden, da drückte seine Mutter ihm einen Eimer in die Hand.

„Hol Wasser“, sagte sie.

Ragnar wusste, dass jeder Widerspruch zwecklos war. Nicht nur die Leibeigenen und Sklaven mussten Wasser schleppen, damit immer genug davon im Haus war, sondern auch der Älteste des Hausherrn.

„Mach den Eimer nur halbvoll“, riet ihm die Mutter. „Das ist schwer genug.“

„Ich kann auch mehr tragen!“

Sie lächelte. „Im Moment vielleicht, aber wenn dir später bei jeder Bewegung der Rücken schmerzt, hat niemand etwas davon, dass du heute den Eimer zu voll gefüllt hast!“

Ragnar ging mit dem Eimer zum Flussufer. Er war nicht einzige, der vom Langhaus Einar Einarsons aus losgeschickt worden war, um Wasser zu holen. Mehrere Kinder von Leibeigenen und Gefolgsleuten waren ebenfalls unterwegs.

Er ging also zum Ufer und füllte den Eimer mit Wasser.

Meistens schaute er dann noch ein paar Augenblicke bei den Schiffen im Hafen.

Der Knorr von Björn Olavson war eindeutig das größte und beeindruckendste Schiff. Es war an einem der Stege festgemacht worden, die in den Fluss hineinragten. Kleinere Schiffe zog man einfach die flache Uferböschung hinauf.

In Ufernähe befanden sich einige einfache Holzbauten, die als Lagerhäuser dienten. Waren, die aus dem Süden kamen, wurden hier ausgeladen, eingelagert und später auf größere Schiffe umgeladen, die dann über mehrere Flüsse und Seen schließlich in die Ostsee gelangten.

Außerdem hatten sich mehrere Schiffswerften in Ufernähe angesiedelt. Schiffe, die unterwegs beschädigt worden waren, konnten hier von geschickten Handwerkern wieder instand gesetzt werden und ab und zu wurden auch neue Schiffe gebaut.

Eine halbfertige Schnigge war am Flussstrand zu sehen. Der abnehmbare Drachenkopf fehlte noch ebenso wie der Mast und ein Teil der Planken.

Als Ragnar hinter einem der Lagerhäuser hervorkam, entdeckte er Snorre und Leif. Sie bemerkten ihn nicht, sondern standen etwas abseits von den anderen, die sich zu dieser frühen Zeit schon im Hafen befanden. Außer denen, die für ihre Häuser Wasser holten, waren das vor allem Wächter, die zur Bewachung des Hafens abgestellt worden waren. Die wertvollen Waren, die dort die Besitzer wechselten, lockten natürlich Neider an, die diesen Besitz auch gerne gehabt hätten. Also musste immer dafür besorgt werden, dass genügend Wächter eingeteilt wurden.

Ein kühler Wind strich über den gesamten Ort und trug die Unterhaltung zwischen Snorre und Leif zumindest teilweise an Ragnars Ohr.

„Björn Olavson wird sich noch wundern.“

„Ja, ich freue mich schon auf den Gesichtsausdruck, den er machen wird, wenn er die Wahrheit erfährt!“

„Aber dann wird es zu spät sein!“

„Du sagst es!“

„Wie gut, dass er uns völlig vertraut...“

„Ich hoffe nur, dass alles glatt geht! Sonst wird uns Björn Olavsons Zorn treffen, dass sage ich dir! Und dann Gnade uns Thor!“

Den Rest konnte Ragnar nicht verstehen, wie er auch nicht genau hätte sagen können, wer von den beiden nun eigentlich was gesagt hatte. Leif drehte sich um und ließ den Blick über den Hafen schweifen. Kurz blickte er auch in Ragnars Richtung. Leif hatte graue Augen wie die Falken, die von Holmgard aus an die Araber verkauft wurden.

Dann drehte er sich wieder um und zog Snorre mit sich. Was die beiden nun redeten, davon konnte Ragnar nur noch Bruchstücke verstehen.

„Hey, schläfst du im Stehen ein?“, fragte plötzlich eine Stimme von hinten.

Ragnar zuckte zusammen. Er drehte sich herum und sah in das Gesicht von Thorfinn. Den erfahrenen Gefolgsmann von Einar Einarson nannte man auch Thorfinn den Grauen, weil sein Haar inzwischen ebenso ergraut war wie sein langer Bart. Er deutete auf den Wassereimer, den Ragnar abgestellt hatte. „Ich könnte mir denken, dass jemand darauf wartet!“

„Ja“, sagte Ragnar.

Dann fiel Thorfinns Blick auf die NJÖRDS FREUDE, den Knorr von Björn Olavson. Ein Lächeln glitt über das Gesicht des Grauen. „Ja, jetzt verstehe ich. Da ist schon ein besonderes Schiff. Da kann man schon einen Moment ins Träumen kommen!“

„Björn Olavson muss wirklich ein hervorragende Schiffsbauer sein“, meinte Ragnar.

„Worauf du wetten kannst! Ich bin schon auf Schiffen gesegelt, die Björn geschaffen hat! Da geht auch nach Jahren nichts aus dem Leim und die Dichtungen aus Pech lassen nichts durch. Er hat einfach ein Gefühl für das Holz und weiß, was aus einem Stamm werden kann und wie weit man ihn biegen darf...“

„Kennst du Snorre und Leif?“, fragte Ragnar und deutete auf die beiden, die sich jetzt an Bord von NJÖRDS FREUDE begaben.

„Das sind zwei Männer aus Björns Gefolge! Ich glaube sie waren auf jeden Fall schon letztes und vorletztes Jahr dabei, als Björn mit seinem Schiff in Holmgard anlegte.“

„Was hältst du von denen?“

„Ehrlich gesagt kenne ich sie nicht weiter. Wir haben zusammen Met getrunken und keinen Streit. Warum fragst du?“

„Ach nichts“, meinte Ragnar.

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ER BRACHTE DEN EIMER mit Wasser zum Langhaus, wo seine Mutter schon darauf wartete.

„Dein Vater möchte mit dir sprechen“, sagte sie. „Es geht wohl darum, ob du mit Björns Schiff nach Haithabu fährst und dort den Schiffsbau lernst...“

„Ja“, sagte Ragnar nur.

Seine Mutter lächelte. „Ich hätte dich natürlich lieber hier. Das habe ich Einar auch gesagt. Aber andererseits ist es für dich die Möglichkeit, etwas zu lernen – und das bei einem der besten Lehrmeister, die man sich denken kann.“ Sie legte Ragnar eine Hand auf die Schulter. „Also, auch wenn es schwer fällt, dich ziehen zu lassen – so weiß ich, wie wichtig es ist, etwas zu lernen. So eine Möglichkeit darf man nicht vorbeiziehen lassen!“

„Ja, das denke ich auch, Mutter“, sagte Ragnar.

Er fand seinen Vater wenig später hinter dem Langhaus, wo er Felle nach unterschiedlicher Qualität sortierte. Er legte die Zobelfelle, die er von Olegs Stamm gekauft hatte, auf den Haufen.

„Hier sieh dir diese Felle an! Ausgezeichnete Qualität ist das!“, meinte Einar, als er Ragnar bemerkte. „Schade um die Felle, die von den Räubern mitgenommen worden sind! Oleg wird sich auch darüber ärgern! Ich hoffe nur, dass Oleg meinen Rat annimmt und einige der Schwerter aus Damaskus kauft.“

„Das wäre dann auch gleichzeitig ein gutes Geschäft!“, meinte Ragnar.

„Du hast es erfasst. Ich habe übrigens auch mit Björn Olavson darüber gesprochen. Im Rheinland werden Klingen gefertigt, die sehr bruchsicher sein sollen. Wenn Björn das nächste mal nach Holmgard kommt, will er mir davon einige mitbringen – und vielleicht kann ich dann davon ein paar an Oleg und seinen Stamm weiterverkaufen...“ Einar Einarson stemmte die kräftigen Arme in die Hüften, machte eine kurze Pause und fuhr dann fort: „Da wir gerade von Björn Olavson sprechen...“

„Ich würde gerne mit Björn Olavson nach Haithabu fahren und sein Angebot annehmen“, sagte Ragnar.

„Er wird dir sicher ein guter Lehrmeister sein“, meinte Einar. Er klopfte Ragnar auf die Schultern. „Wenn du dann später nach Holmgard zurückkehrst, wirst du mir Schiffe bauen, die so genial konstruiert sind, dass sie flussaufwärts und gegen den Wind segeln können.“

Beide lachten.

„Ich fürchte, so genial sind nicht einmal die Schiffskonstruktionen von Björn Olavson“, meinte Ragnar lachend. Doch dann wurde er wieder ernst. „Ich muss dich etwas fragen, Vater.“

„Dann frag!“

„Unter den Gefolgsleuten von Björn Olavson sind zwei Männer, die Snorre und Leif heißen.“

Einar nickte. „Richtig. Was ist mit denen?“

„Ich fürchte, sie führen irgendetwas gegen Björn im Schilde.“ Und dann berichtete Ragnar in allen Einzelheiten von dem Gespräch, das er zwischen den beiden mitangehört hatte. „Mehr habe ich leider nicht mitbekommen! Aber jetzt frage ich mich, ob man Björn nicht warnen müsste?“

Einar überlegte einen Moment und schüttelte dann entschieden den Kopf. „Ohne zu wissen, ob an diesem Verdacht wirklich etwas dran ist? Wahrscheinlich hast du das ganze einfach nur falsch verstanden.“

„Aber ich weiß doch, was ich gehört habe!“, widersprach Ragnar.

„Ja, aber was du gehört hast, kann man doch auch ganz anders verstehen. Leif und Snorre sind alte Gefolgsleute von Björn. Als Björn noch Plünderfahrten an die englische Küste unternahm, haben sie ihn schon begleitet und an seiner Seite gekämpft. Glaub’s mir, die beiden sind über jeden Zweifel erhaben!“

„Aber die beiden haben wollen irgendetwas gegen Björn unternehmen! So klang das jedenfalls für mich!“

„Ja, weil du nur ein paar Sätze aus dem Zusammenhang gerissen gehört hast und gar nicht weißt, was sonst noch gesprochen wurde. Oder hast du irgendeinen klaren Beweis dafür, was die beiden angeblich planen?“

„Nein“, schüttelte Ragnar den Kopf.

„Na also! Was sollte man Björn also sagen? Dass seine Männer irgendetwas Seltsames gesagt haben, das man nicht richtig verstehen konnte und er sie deswegen aus seiner Mannschaft werfen soll?“

„Zumindest sollte man ihn warnen!“

„Vor zwei einer treuesten Gefolgsleute? Ohne Beweise?“ Einar atmete tief durch. „Was glaubst du wohl, was das auf dich für ein Licht wirft, wenn du Snorre und Leif ungerechtfertigterweise beschuldigst, und es stellt sich alles als ganz harmlos heraus? Ich weiß nicht, ob Björn dann sein Angebot, dich in seinem Haus aufzunehmen und auszubilden zurückzieht.“

„Also soll Björn davon nichts erfahren?“, vergewisserte sich Ragnar.

„Du würdest Misstrauen säen, ohne einen Beweis zu haben. Was würdest du sagen, wenn jemand falsche Anschuldigungen über dich verbreitete? Du kannst so etwas nur vorbringen, wenn du dir wirklich sicher bist – und nach allem, was du mir davon berichtet hast, kannst du das nicht sein. Also kann ich dich nur beschwören, nichts zu sagen.“

Ragnar überlegte. Natürlich wollte er niemanden ungerechtfertigterweise beschuldigen und im Grunde genommen hatte sein Vater ja auch recht! Ragnar wusste nicht das Geringste über den Plan der beiden und da er nur einen kleinen Teil des Gesprächs mit angehört hatte, konnte es durchaus sein, dass er alles falsch verstanden hatte.

Allerdings nahm Ragnar sich vor, aufzupassen. Er wollte Snorre und Leif gut im Auge behalten – bei allem, was sie taten oder sagten.

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DER AUGENBLICK DES Abschieds war schließlich gekommen, als Björns Schiff vollständig beladen war. Die Felle waren mit Tauen gut gesichert – so wie alle anderen Waren auch. Schließlich wollte man vermeiden, dass bei aufgewühlter See irgendetwas über Bord ging.

Natürlich sollten vor allem die wertvollen Pelze auch nicht nass werden, zumal das Salzwasser der offenen See die Ware angreifen konnte. Die Pelze wurden dann strubbelig und verloren ihren Glanz und ihre Weichheit, wenn sich Salz dort absetzte. Aber dass Wasser über die Reling spritzte war kaum zu vermeiden. Auch bei einer breiten Knorr wie Björns Schiff NJÖRDS FREUDE nicht.

Daher wickelte man alles von außen mit weniger wertvollen Tierhäuten ein – zum Beispiel Kuhhäuten. Die waren durchaus auch gut weiterzuverkaufen, denn man machte Leder aus ihnen. Manchmal auch Pergament, um darauf zu schreiben. Aber sie waren natürlich weit weniger empfindlich als die Felle von Bären, Wölfen, Zobeln oder Hermelinen.

Ragnar hatte seine Sachen in ein Bündel geschnürt, das er ebenfalls gut festband.

Kurz bevor es losging, bekam Ragnar von seinem Vater noch ein Geschenk.

Es war eine Axt, die sehr leicht in der Hand lag und einem verkürzten Stiel hatte. Solche Äxte dienten gleichzeitig als Waffe im Kampf und als wichtigstes Werkzeug. Die Axtklinge glänzte und war blitzblank. Ragnar strich über das Metall. Eine Seite war scharf und glatt geschliffen, die andere dafür flach und gerade, sodass man sie als Hammer benutzen konnte, um Nägel ins Holz zu treiben.

„Wenn du den Schiffsbau erlernst, sollst du dein eigenes Werkzeug haben“, sagte Einar zu seinem Sohn.

„Danke, Vater.“

„Steck sie dir hinter den Gürtel. Wenn du zurückkommst, bekommst du ein Schwert! Aber dafür bist du jetzt noch zu jung.“

Ragnar schob die Axt hinter den Gürtel.

„Ja, Vater.“

„Und noch etwas sollst du mitnehmen!“ Er gab ihm einen kleinen Lederbeutel. „Sieh hinein!“

Ragnar öffnete ihn und sah darin kleine Silberstücke! Es war der Preis, den Hakan Holgarson bezahlt hatte, wie man an deren Form sehen konnte.

„Danke!“, stieß Ragnar hervor.

„Wer weiß, vielleicht brauchst du sie mal in Haithabu!“

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SPÄTER STAND RAGNAR doch lange am Heck von Björns Schiff, als es davon segelte. Der Wind stand günstig, sodass selbst in dem schmalen Fluss nicht gerudert werden musste.

Der Steuermann hieß Harald. Er stand hinten im Schiff und umfasste den Balken, der als Ruderpinne diente und das Steuer bewegte. Dieses Steuer, das aus einer ins Wasser ragenden hölzernen Platte bestand, befand sich bei Wikinger-Schiffen immer rechts – auf Steuerbord eben.

Schließlich erreichte der Knorr einen riesigen See, den man überqueren musste. Der Wind blieb günstig und so hatte man bei Einbruch der Dunkelheit die andere Seite erreicht.

Über Nacht ging man an Land und machte den Knorr am Ufer fest. Es wurde Wachen eingeteilt und ein Lagerfeuer entzündet.

Ragnar saß bei den Männern am Feuer. Man hörte die Wölfe heulen, die nach dem langen, harten Winter nicht genug zu fressen hatten und deswegen sehr gefährlich werden konnten.

Aber dem Feuer blieben sie fern.

Die Männer tranken viel Met. Es wurde gegessen und schließlich machte Harald, der Steuermann einen Vorschlag.

„Lasst doch den alten Thorstein ein paar Geschichten erzählen!“, schlug er vor. „Da haben wir mal an einen Skalden an Bord und ich finde, der sollte sich seine Überfahrt auch verdienen!“

Die anderen stimmten.

Der alte Thorstein war ein Mann mit vollkommen weißen Haaren, das ihm aber bis über die Schultern hing. Sein Bart war ebenso weiß und reichte ihm bis zur Brust hinunter. Niemand wusste genau, wie alt er war – und er selbst hätte das wohl nicht so genau sagen können. Abgesehen von einem Schwert, das bereits eine Reihe von deutlich erkennbaren Dellen hatte und an dessen Spitze auch ein Stück abgebrochen war, gehörte auch noch eine Laute zu seinem Besitz. Dieses hölzerne Seiteninstrument benutzte er dazu, um seinen Gesang zu begleiten. Singen, dichten und Geschichten erzählen – das waren die Aufgaben eines Skalden. Oft lebten sie eine Zeitlang in den Häusern reicher Wikinger, denn gerade während der langen Wintermonate herrschte viel Langeweile. Da war es gut, wenn jemand für Unterhaltung sorgte.

Ragnar kannte Thorstein. Er hatte bei verschiedenen Gelegenheiten auch schon dessen Liedern gelauscht. Außerdem beherrschte Thorstein recht gut die Runenschrift. So ließ man von ihm gerne etwas auf eine Tierhaut oder eines der wenigen Pergamente, die zur Verfügung standen, vorschreiben, wenn man zum Beispiel einen Runenstein anfertigen wollte. Dort wurden besondere Taten eines Wikingers in Stein gemeißelt, sodass noch viele Jahre nach dessen Tod sich Menschen daran erinnerten, was er getan hatte.

Oft ging es allerdings nur darum, einfache Zaubersprüche und Verfluchungen in Holzstücke zu ritzen, mit deren Hilfe dann irgendjemanden durch die magische Kraft dieser Zeichen entweder Schaden oder Nutzen gebracht werden sollte.

Aber so etwas tat Thorstein nicht gern. Er wusste nur zu gut, dass daraus ansonsten hinterher die  erbittertesten Kämpfe entstehen konnten. Und wenn am Ende ganze Sippen gut bewaffnet aufeinander losgingen, war das für alle Beteiligten ein großes Unglück.

„Ja, erzähl uns von den Göttern!“, mischte sich Björn Olavson ein. Er deutete auf Ragnar. „Wir haben schließlich jemanden unter uns, der noch sehr jung ist und diese Geschichten vielleicht noch nicht oft genug gehört hat, um sich die Götter zum Vorbild oder auch zur Warnung nehmen zu können!“

„Ist doch gleichgültig, was Thorstein erzählt!“, meldete sich nun Snorre zu Wort. „Hauptsache, es ist nicht so langweilig, dass wir alle dabei einschlafen und am Ende von den Wölfen gefressen werden!“

Die anderen Männer verfielen in dröhnendes Gelächter.

Ragnar versuchte in Thorsteins hellblauen Augen sehen zu können, wie der Skalde gestimmt war und ob die Chance bestand, dass er sich überreden ließ.

„Ihr wollt einem alten Mann nicht die Nachtruhe gönnen, wie mir scheint“, meinte er.

Aber Ragnar hatte ihn ja schon bei anderer Gelegenheit erlebt und wusste, dass er sich gerne etwas bitten ließ, ehe er seine Erzählungen zum Besten gab.

„Schenkt mir erst noch einmal das Trinkhorn voll Met ein“, forderte er.

Einer der Männer tat das sofort, damit der alte Thorstein den Beginn seiner Erzählung nicht noch weiter hinauszögerte.

Als das Horn halb voll war, schritt jedoch Björn Olavson ein.

„Das ist genug!“, rief er. „Schließlich darf Thorstein auf meinem Schiff mitfahren, ohne dafür bezahlen zu müssen, oder dass jemand von ihm erwarten würde, dass er mit rudert, wenn der Wind gegen uns steht!“

Und so nahm Thorstein noch einen letzten Schluck und begann dann von den Göttern zu erzählen. Davon, dass die Welt nur bestehen konnte, weil die Götter gegen Riesen gekämpft und sie vertrieben hatten. „Aber eines Tages“, so erzählte Thorstein, „kehren die Riesen zurück und werden den Göttern in der Schlacht von Ragnarök gegenüberstehen – der letzten Schlacht, die je geschlagen werden wird! Für diese Schlacht rüsten sich die Götter bereits und die tapfersten Krieger der Menschen werden an ihrer Seite reiten!“

Thorstein erzählte dann von Odin, dem Ranghöchsten unter den Göttern. Er war einäugig, weil er ein Auge dafür geopfert hatte, vollkommene Weisheit zu erringen. Er war es auch, der die magischen Runen gefunden hatte und daher galt er als Beschützer der Skalden. „Wenn Odin seinen Speer Gugnir schleudert, so trifft er jedes Ziel!“, erzählte der alte Thorstein und obwohl die Männer diese Geschichten alle schon einmal in leicht veränderter Form von anderen Skalden gehört hatten, so waren sie doch ganz Ohr. Niemand sagte ein Wort. Nur das Prasseln des Lagerfeuers, das Rauschen der Wellen auf dem nahen See und das ferne Heulen der Wölfe war zu hören. „Und wenn Odin mit seinem achtbeinigen Hengst Sleipnir daher reitet, dann sitzen zwei Raben auf seinen Schultern. Einer heißt Hugin, das bedeutet Gedanke. Der andere heißt Munin, das bedeutet Erinnerung. Sie sind Odins ständige Begleiter. Jeden Morgen sendet er sie aus, damit sie ihm anschließend davon berichten, was in der Welt geschieht. Wer weiß, vielleicht beobachten sie uns gerade...“

Dann erzählte Thorstein von den in der Schlacht gefallenen Helden, die in Odins Kriegerhalle Walhall empfangen wurden. Dort bewirteten sie Frauen, die Walküren genannt wurden, mit Met. „Aber eines Tages werden diese Helden zusammen mit den Göttern in die letzte Schlacht gegen die Riesen ziehen“, fuhr Thorstein fort. „Das wird dann Ragnarök sein, der Weltuntergang. Die Erde, die Götter, die Menschen und alle Lebewesen werden dann vernichtet.“

Ragnar hatte diese Geschichte vom bevorstehenden Untergang der Welt schon oft gehört, aber kaum einer konnte sie so ein eindrucksvoll erzählen wie Thorstein. Er schilderte in allen Einzelheiten, wie die Schar der Riesen alles zerschlug und keinen der Götter verschonte. Odin konnte ihnen ebenso wenig widerstehen wie sein Sohn, der Donnergott Thor mit seinem Ziegenwagen oder Meeresherrscher Njörd und der Kriegsgott Tyr, der als Tapferster unter den Göttern galt.

Da Thorstein so eindrucksvoll und gut zu erzählen vermochte, war Ragnar stärker beeindruckt als sonst. Und das ging nicht allein ihm so! Auch einige der Männer saßen noch einige Zeit schweigend und gedankenverloren da, nachdem Thorstein bereits mit den Worten „So endet die Geschichte der Welt und der Götter!“ geschlossen hatte.

Björn Olavson fand als Erster seine Sprache wieder.

„Keine besonders guten Zukunftsaussichten, würde ich sagen“, meinte er. „Aber wenigstens wird man in Odins Walhall vorher noch eine Weile von den Walküren bewirtet, wenn man als tapferer Held gestorben ist!“

„Trotzdem ist es kein schöner Gedanke, dass die Riesen einst zurückkehren und alles zerstören“, fand Ragnar.

„Es kehrt alles zu dem Zustand zurück, wie es vor der Erschaffung der Welt und dem Auftreten der Götter gewesen ist“, erklärte der alte Thorstein mit leiser, brüchiger Stimme. „Die Menschen können nur existieren, weil die Götter die alles zerstörenden Riesen vertrieben haben, aber irgendwann werden sie im Kampf gegen die Mächte des Chaos unterliegen. Das ist dann das Ende.“

Harald der Steuermann stocherte etwas im Feuer herum und sagte dann: „Kein Wunder, dass immer mehr von uns sich vom Glauben die alten Götter abwenden und sich Religionen zuwenden, die bessere Aussichten versprechen“, meinte er.

„Sprichst du vom Christengott?“, fragte Ragnar.

Harald sah Ragnar an und hob die Augenbrauen. „Hat man bei euch in Holmgard auch schon davon gehört?“

„Sicher! Im Süden sind sogar schon einige Jarle mit ihren Männern zum Glauben der Christen übergetreten“, erklärte Ragnar.

„Bei uns in Haithabu wohnt ein Mönch. Er heißt Bruder Rupert und versucht auch Anhänger für seinen Glauben zu finden“, nickte Björn Olavson. „Allerdings mit wenig Erfolg – obwohl sein Glaube davon ausgeht, dass dieser Jesus durch seinen Tod die Welt erlöst hat, was ja wohl um einiges freundlicher klingt als die Aussicht, dass irgendwann die ganze Welt unter den Füßen von Riesen zertrampelt wird.“

„Ich glaube, den Jarlen im Süden geht es mehr um den Handel“, sagte Thorstein. „Ich war lange dort. Viele Wikinger glauben, dass man besser Handel treiben kann, wenn man den Glauben seiner Handelspartner annimmt. Sie vertrauen einem dann eher!

„Und im Reich des Kaisers von Konstantinopel herrscht das Christentum“, nickte Harald. „Davon habe ich auch schon gehört.“

„Und weshalb werden dann die Jarle im Süden keine Muslime?“, mischte sich Ragnar ein und wandte sich damit an den alten Thorstein. „Schließlich kommen doch die meisten Waren, die Holmgard erreichen, aus dem Reich des Kalifen von Bagdad! Und dort ist der Islam die beherrschende Religion.“

Thorstein lächelte. „Dein Gedanke ist gar nicht so dumm, Junge! Darüber wurde sogar nachgedacht!“, bestätigte der Skalde. „Allerdings hat der Islam einen Nachteil, der nicht aufzuwiegen ist! Selbst durch das schönste Paradies nicht – oder dadurch, dass die Welt doch gerettet wird!“

Ragnar zuckte die Schultern. „Wovon sprichst du?“

Thorstein hob sein Trinkhorn. „Davon“, sagte er. „Der Islam verbietet Met und Wein! Und ich glaube, dieses Opfer würde kaum ein Wikinger bringen!“

––––––––

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AM NÄCHSTEN MORGEN wurde das Lager in aller Frühe aufgeräumt und man ging wieder an Bord des Schiffes. Der Wind hatte nachgelassen und etwas gedreht. Er kam jetzt sehr ungünstig. Die Männer setzten sich an die Ruderriemen. Dann ging es am Seeufer entlang, bis die Mündung eines Flusses gefunden wurde, auf dem man sich mit der Strömung treiben ließ. Nur der Steuermann Harald hatte buchstäblich alle Hände voll zu tun. Schließlich erreichten sie das offene Meer – die Ostsee.

Ragnar nahm der Anblick völlig gefangen. So weit er auch sah – das Wasser schien überhaupt kein Ende zu haben. Selbst am Horizont war kein Ufer zu sehen. Das große, oft geflickte Segel wurde gesetzt und festgezurrt.

Der Wind kam von der Seite, aber die schnittige Form des Wikingerschiffs lenkte die Kraft nach vorn. Es pflügte durch das Meer. Die Wellen kamen schräg von der Seite und schaukelten das Schiff immer wieder hin und her.

Der Geruch von Salzwasser und Seetang hing in der Luft.

„Jetzt geht es nach Haithabu!“, meinte Ragnar.

„Mit einem kleinen Zwischenhalt“, erwiderte Björn Olavson.

„Was meinst du damit?“, hakte der Junge nach.

„Wir fahren zuerst nach Gotland. Von dieser Insel wirst du ja wohl schon gehört haben!“

„Natürlich!“, bestätigte Ragnar. „Sehr viele Schiffe, die in Holmgard anlegen, kamen von dort.“

Gotland war eine Insel mitten in der Ostsee. Das wusste Ragnar. Und ihm war auch bekannt, dass sich dort einer der größten Märkte überhaupt befand. Hin und wieder kamen auch Wikinger von der Insel nach Holmgard und brachten die eine oder andere Neuigkeit von dort mit.

„Wir werden in Gotland zusätzliche Ware an Bord nehmen und vielleicht auch etwas von dem verkaufen, was wir gegenwärtig an Bord haben“, kündigte Björn Olavson an. Er zwinkerte Ragnar zu. „Drück mir die Daumen dafür, dass mir Njörd seinen Segen für meine Geschäfte gibt.“

„Worauf du dich verlassen kannst“, erwiderte Ragnar.

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FÜR LANGE ZEIT GAB es nichts anderes zu tun, als sich irgendwo im Schiff einen Platz zu suchen und sich gut festzuhalten, damit man nicht bei einer mächtigen Welle über Bord geschleudert wurde.

Der Wind wurde immer heftiger und zeitweilig drückte er so stark ins Segel, dass der Knorr sehr schief im Wasser lag. Jetzt bewährte es sich, dass die gesamte Ladung gut festgebunden war, denn sonst wäre sie ins rutschen geraten. Das hätte womöglich zum Kentern führen können.

Immer heftiger wurde der Wind und Harald der Steuermann konnte das Steuer nicht mehr alleine halten. Ein anderer Mann half ihm. Er hieß Herjolf und man nannte ihn auch Herjolf Ohnehaar, weil er kaum noch Haare auf dem Kopf hatte, obwohl er erst dreißig Jahre alt war. Aber Herjolf Ohnehaar war sehr kräftig. Ragnar hatte mitbekommen, wie die anderen darüber redeten, dass es niemanden gäbe, der Herjolf im Armdrücken besiegen könnte.

„Los, hilf auch mit, Junge!“, forderte Harald der Steuermann Ragnar auf, nachdem der Wind besonders heftig ins Segel fuhr.

„Ich?“, fragte Ragnar verdutzt. Er kauerte bei einem der Packen mit Fellen und klammerte sich fest. Jeder an Bord hatte sich einen sicheren Platz gesucht, an dem man sich gut festhalten konnte.

„Gibt es noch einen Jungen hier?“, fragte Harald.

„Lass ihn!“, meinte Herjolf Ohnehaar. „Der Knirps hängt sich doch höchstens noch ans Steuer dran, anstatt dass er schon kräftig genug wäre, um es halten zu können!“

„Du unterschätzt ihn!“, meinte Harald.

Ragnar erhob sich. Das Schiff stand schief. Es hob und senkte sich, und Ragnar musste sehr gut balancieren, um nicht sofort zu Boden zu taumeln. Nach ein paar Schritten erreichte er das Steuer und klammerte sich am Steuer fest. Wieder drückte der Wind ins Segel und Ragnar hielt ebenso wie Harald der Steuermann und Herlof Ohnehaar mit aller Kraft und dem ganzen Körpergewicht dagegen.

„Na, hast du dir die Fahrt auf dem offenen Meer so vorgestellt?“, fragte Harald an Ragnar gerichtet, nach dem der Druck auf das Steuer für kurze Zeit etwas nachgelassen hatte.

„Es ist schon etwas wüster als auf den Flüssen und Seen um Holmgard“, gab er zu. „Aber auch dort kann der Wind ziemlich heftig blasen.“

„Die Segelfläche ist zu groß!“, rief Harald. „Wir müssen reffen!“

Wenn ein Segel gerefft wurde, wickelte man es ein paar Mal um den Quermast. Dadurch wurde die Segelfläche kleiner und der Wind konnte nicht so viel Kraft entfalten.

Aber Björn Olavson war mit dieser Lösung nicht einverstanden.

„Wir lassen das Segel, wie es ist!“, rief er. „Ich will nicht, dass wir an Fahrt verlieren!“

„Und wenn wir ersaufen?“, rief Harald.

Björn machte eine wegwerfende Handbewegung. „Ein Steuermann wie du wird das ja wohl zu verhindern wissen!“, war er überzeugt.

Aber schon im nächsten Moment spritzte kalte Gischt über den Schiffsrand, an dem die Schutzschilde der an Bord befindlichen Krieger festgemacht waren. Björn Olavson bekam das Wasser genau ins Gesicht.

Er schüttelte sich wie ein nasser Hund.

„Das war Njörds Antwort!“, rief der alte Thorstein, der ganz in der Nähe kauerte. „Er ist der Gott von Meer und Wind und wenn er dir so deutlich dazu rät, das Segel zu reffen, solltest du auf ihn hören!“

„Pah!“, machte Björn Olavson. Er deutete auf ein hammerförmiges Amulett, das er um den Hals trug. Es bestand aus dem Elfenbein eines Walrosszahns. „Es ist Thor, den ich mir als Schutzherrn auserkoren habe! Nicht Njörd, auch wenn ich ihm den Namen dieses Schiffes widmete! Aber Thor ist mächtiger als Njörd! Jeder weiß das hier!“

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BJÖRN OLAVSON SETZTE sich durch. Obwohl einige der Männer am liebsten das Segel gerefft hätten, um die Fahrt zu verlangsamen, ließ Björn das nicht zu.

Aber nach und nach ließ der Wind nach. Das Wasser wurde glatter. Die Dunkelheit brach herein, aber diesmal bestand keine Möglichkeit, irgendwo an Land zu gehen, um dort zu übernachten.

Gotland lag mitten im Meer und wenn man irgendwo an Land gehen wollte, dann war das nur an der Küste dieser legendären Insel möglich.

Kurz vor Einbruch der Dunkelheit wurde der Wind so schwach, dass die Mannschaft mit ihren Rudern nachhelfen musste, damit das Schiff überhaupt auf Kurs blieb und keine Zeit verloren wurde.

Die Fahrt verlangsamte sich und an Schlaf war in dieser Nacht kaum zu denken. Immer wieder wechselten sich die Männer an den Rudern ab. Der Wind war inzwischen so schwach geworden, dass das Segel die meiste Zeit über schlaff herabhing.

Auch Ragnar wurde zum Rudern eingeteilt.

Jeder musste seine Kraft voll einsetzen. Beim Rudern schwiegen die Männer, aber man sah immer mal wieder einzelne unter ihnen gähnen.

Es war unbedingt notwendig, dass der Knorr eine gewisse Geschwindigkeit aufrechterhielt, weil sonst die Gefahr bestand, dass das voll beladene Schiff abgetrieben wurde und man hinterher Schwierigkeiten hatte, den Weg wieder zu finden.

In der Nacht orientierte sich Björn Olavson vor allem an den Sternen.

Der alte Thorstein hatte offenbar einiges an Wissen über den Sternenhimmel gesammelt. Dinge, die die Araber ihm beigebracht hatten, die er im Süden getroffen hatte.

Thorstein erzählte davon. „Die Araber haben all diesen Sternen Namen gegeben“, erklärte er. Dann deutete er mit zitternder Hand Richtung Himmel. „Und sie verbinden sie zu Bildern, die man leicht wieder zu erkennen vermag...“

„Hast du je davon gehört, dass sie mit Hilfe der Sterne in der Nacht ihren Kurs auf dem Meer zu finden vermögen?“, fragte Björn Olavson.

„Nein“, gestand Thorstein.

„Das ist schade, denn das wäre sehr praktisch. Allerdings wüsste ich auch nicht wie das möglich sein sollte. Schließlich bewegen sich die Sterne im Laufe des Jahres doch auch über den Nachthimmel...“

„Trotzdem – es gibt immer wieder Geschichten darüber, dass weise Sternendeuter aus dem Reich des Kalifen eine Methode erfunden haben, wie man die Sterne dazu benutzen kann, sich auf See bei Nacht zu orientieren!“, warf Ragnar ein.

„Ja, diese Geschichten habe ich auch gehört“, nickte Thorstein. Der alte Mann strich sich den weißen Bart glatt und fuhr dann fort: „Aber es sind wohl wirklich nur Geschichten und keine Tatsachen. Jedenfalls habe ich noch keinen getroffen, der mir eine solche Methode hätte vorführen können.“

„Wunschdenken also!“, glaubte Harald der Steuermann. „Hätte man sich ja gleich denken können.“ Er streckte den Arm aus und deutete zum Horizont. „Siehst du den sehr hellen Stern dort? Er ist heller als alles andere!“

„Den sehe ich!“, bestätigte Ragnar.

„An dem orientiere ich mich jetzt erstmal... Mag er uns hinführen, wo immer auch Njörds Ziel sein mag...“

„Das heißt, du verlässt dich einfach auf dein Glück“, stellte Ragnar fest.

„Nenn es nicht Glück“, erwiderte Harald. „Nenn es den Willen der Götter!“

„Wie du willst.“

Der Gedanke daran, dass der Steuermann des Schiffes schon nicht sonderlich genau Bescheid zu wissen schien, beunruhigte Ragnar nicht besonders. Er wusste, dass Wikingern, die abseits der Küstenlinien fuhren, oft nichts anderes übrig blieb, als auf gut Glück zu segeln.

Meistens hatten sie Erfolg damit und wurden für ihren Wagemut belohnt. Was sie auf jeden Fall von den Seeleuten der meisten anderen Völker unterschied war, dass sie ihre Segel nicht nur dann einsetzen konnten, wenn der Wind von hinten kam. Sie hatten begriffen, wie man mit seitlichem Wind gegen die Windrichtung kreuzt. Das verschaffte ihnen viele Vorteile. Es sorgte vor allem dafür, dass ihre Schiffe das Ziel viel schneller erreichten. Und der Mut, auch über offenes Meer zu fahren, bewirkte, dass sie sich nicht darum kümmern brauchten, wer die Küsten gerade erobert hatte.

Am Morgen des folgenden Tages sahen sie in der Ferne ein grünes Band. Das musste die Insel Gotland sein. Die Männer jubelten.

„Seht ihr!“, rief Harald der Steuermann. „Ihr könnt euch darauf verlassen, dass Njörd mir den Weg zeigt!“

Ein leichter Wind kam auf. Er war recht beständig, aber nicht sehr stark. Der Knorr segelte bis zur Küste. Der Wind kam dabei schräg von hinten. An der Küste wendete Harald das Schiff. Er ließ den Knorr in südlicher Richtung die Küste entlang fahren.

Schließlich erreichte sie die Bucht, die einen natürlichen Hafen bildete. Fast fünfzig Schiffe lagen hier vor Anker und noch mal so viele waren an flachen Böschungen ans Ufer gezogen worden. Die Schläge von Hämmern und Äxten waren zu hören. Offenbar wurden hier fleißig Schäden an den Schiffen ausgebessert.

An Stege, die weit ins Wasser hineinreichten, luden Schiffsbesatzungen ihre Waren aus.

Es war ein Bild, dass Ragnar aus Holmgard vertraut war – nur dass hier viel mehr Schiffe an einem Ort versammelt waren.

„Ein riesiger Hafen!“, stieß er hervor.

„Ach, es gibt mehrere davon hier auf Gotland“, sagte Björn Olavson. „Und ehrlich gesagt ist das noch gar nichts gegen unser heimatliches Haithabu!“

Der ganze Port bestand einer Handvoll Häuser, die um einen Platz herum gruppiert waren. Dort wurde Markt abgehalten. Schon aus der Ferne konnte Ragnar das bunte Treiben dort sehen.

„Wir werden nicht lange hier bleiben“, sagte Björn. „Aber eine kleinere Lieferung von Fellen habe ich hier einem Mann namens Thore dem Hinterlistigen versprochen. Außerdem nehme ich noch Felle und Geweihe von Rentieren an Bord, die aus den Nordländern hier her gebracht werden. Und natürlich das Wertvollste von allem...“

Ragnar sah ihn fragend an, dann begriff er, was Björn meinte.

„Bernstein!“, entfuhr es dem Jungen.

„So ist es!“

An den Stränden der ganzen Ostseeküste wurde Bernstein gefunden und hier in Gotland gegen das Silber aus dem Süden getauscht. Ragnar hatte Bernstein schon des Öfteren zu Gesicht bekommen, denn der Handel Richtung Süden lief über Holmgard. Aber auch in den westlichen Ländern hatten vornehme Herrschaften großes Interesse an den Honigfarben funkelnden Edelsteinen.

Einen halben Tag blieb Björns Schiff in dem Hafen. Ragnar begleitete den Jarl bei seinem Gang über den Markt, denn Björn meinte, dass der Junge dabei nur lernen könnte. Auf dem Markt wurden Waren aus aller Herren Länder angeboten. Neben Fellen und Bernstein auch Sklaven, die als Hilfskräfte auf den Bauernhöfen reicher Wikinger arbeiten mussten. Meistens waren sie Kriegsgefangene oder bei Überfällen verschleppt worden. Aber auch blondes Frauenhaar wurde zum Verkauf angeboten. An den Königshöfen in den südlichen Ländern fertigte man daraus Perücken oder Pinsel.

Außerdem wurde sehr viel Stockfisch angeboten. Das war getrockneter und dadurch lange haltbar gemachter Kabeljau, der bis weit ins Landesinnere verkauft wurde. Besonders auf Schiffsreisen brauchte man immer wieder gut haltbaren Proviant – und Stockfisch war da geradezu ideal.

Da Björn auch noch ein paar zottelige und sehr seltsam aussehende Rinder kaufte, wurde es später ziemlich eng auf der NJÖRDS FREUDE. Diese Rinder unterschieden sich von allen, die Ragnar je auf irgendwelchen Höfen gesehen hatte - gleichgültig, ob es die Höfe von Slawen oder die von Wikingern gewesen waren. Die Tiere waren viel größer und kräftiger als andere Arten und vor allem wuchsen ihnen überall Haare, die ihnen vom Körper hingen.

„Die kommen aus Schottland“, sagte der Händler, bei dem es sich um den bereits erwähnten Thore handelte. „Sie sind bei einem Überfall erbeutet worden.“

„Von diesem Land habe ich gehört“, sagte Björn. „Die Bewohner sollen grimmige Krieger sein.“

„Das stimmt! Aber sie haben keine guten Schiffe, deswegen besteht nicht die Gefahr, dass eines Tages ein paar dieser wilden Gesellen dich überfallen und erschlagen, weil du ihre Rinder in Besitz hast!“

Beide Männer lachten. Über den Preis waren sie schnell einig. Thore wies immer wieder auf die besondere Widerstandsfähigkeit der Tiere hin, die es schließlich gewöhnt waren, mit wenig Gras bei schlechtem Wetter zu überleben.

Er wirkte sehr freundlich, aber Ragnar ging davon aus, dass er seinen Beinamen Thore der Hinterlistige nicht umsonst trug! Doch Björn glaubte, ein gutes Geschäft gemacht zu haben.

Am Hafen fiel Ragnar ein Wikinger mit schwarzer Augenklappe auf. Er trug zwei Schwerter an seinem Gürtel - ein längeres, schmales und ein kürzeres, das dafür umso breiter geschmiedet war. Mehrere Männer, die ebenfalls gut bewaffnet waren, standen um ihn herum.

„Die standen doch schon hier, als wir in den Hafen eingelaufen sind!“, meinte Ragnar an Harald den Steuermann gewandt, nachdem die NJÖRDS FREUDE vollständig beladen worden und auch das letzte widerstrebende, zottelige Rindvieh an Bord gebracht worden und angebunden worden war.

„Das hast du gut beobachtet“, raunte Harald.

„Finstere Kerle sind das! Und vor allem scheinen sie gar nichts zu tun zu haben, außer die Schiffe zu beobachten, die den Hafen erreichen“, stellte Ragnar fest.

„Ich glaube nicht, dass das Händler sind“, erwiderte Harald.

Er zuckte die Achseln. „Vielleicht wurden sie für eine Kaperfahrt angeheuert - die Kerle sind gut bewaffnet, so als wären sie für einen Kriegszug gerüstet! Sieh nur, sie tragen die langen, fränkischen Schwerter... Die sind fast so verflucht teuer wie Klingen aus Damaskus!“

Sie achteten zunächst nicht weiter auf die Gruppe, denn jetzt kam eine andere Gruppe von Männern auf den Steg, die Björn danach fragten, ob er sie mit nach Haithabu nehmen könnte – zusammen mit ihrer Ware.

Der Anführer der Gruppe hieß Sturlos Sigurvinson und er war bereit, gut für die Überfahrt nach Haithabu zu bezahlen.

Ragnar und Harald beobachteten, wie Björn mit ihm verhandelte.

„Dieser Sturlos ist sicher ein Händler, der hier mit jemandem Ärger gehabt hat und jetzt schnell aus Gotland verschwinden will, aber kein eigenes Schiff besitzt“, raunte Harald Ragnar zu.

„Und wir bekommen dadurch keine Schwierigkeiten?“, fragte Ragnar.

Aber Harald machte eine wegwerfende Handbewegung. „Ist kaum anzunehmen. Auf hoher See gilt nichts mehr, was hier auf dem Markt vereinbart worden ist... Außerdem muss Björn das entscheiden. Er ist unser Jarl!“

Es stellte sich heraus, dass Sturlos und seine Leute sehr viel an Waren mit an Bord nahmen, sodass die NJÖRDS FREUDE nun schon deutlich überfüllt war. Dutzende von Käfigen wurden an Bord gebracht, in denen Hühner und Greifvögel herumflatterten. Allerdings musste man beim verstauen der Käfige sehr gut darauf achten, dass Falken und Hühner sich nicht zu nahe kamen.

Sonst hackten die Falken nach den Hühnern. Da die Nähe der Falken die Hühner aber trotzdem sehr aufregte, herrschte andauernd ein lautes Geschrei.

„Ich hoffe, das gibt sich wieder, sobald wir in See gestochen sind!“, meinte Herjolf Ohnehaar seufzend und strich sich dabei über die Glatze.

Vielleicht übertönten das Rauchen der Wellen und das Heulen des Windes ja auf hoher See den Krach der Tiere.

„Wenn wir Pech haben, dann macht das ganze unruhige Federvieh am Ende auch noch die schottischen Rinder wild“, meinte Harald der Steuermann an Björn Olavson gerichtet.

Doch dieser sah die Lage als nicht so ernst an.

„Da ich auf meinem Knorr den besten Steuermann von ganz Haithabu habe, wird das ja wohl kein besonderes Problem sein!“, glaubte er. „Hauptsache, ihr habt alles gut festgebunden!“

Die Arbeiten beim Verstauen der Ladung zogen sich ein paar Stunden hin, denn weil sich Falken und Hühner nun mal nicht vertrugen, mussten viele Dinge, die bereits fest verstaut gewesen waren, noch einmal losgebunden und anderswo untergebracht werden – und zwar immer so, dass sich weder Falken, Hühner noch Rinder am Ende zu nahe kamen.

Ragnar musste fleißig mit anfassen, um alles an Bord zu holen.

Als er mit je einem Käfig in der Hand zum Schiff zurückkehrte, bemerkte er den Einäugigen erneut. Er stand nun an einem der Anlegestege und unterhielt sich mit einem Mann, den Ragnar zunächst nicht erkennen konnte. Erst als dieser Mann sich umdrehte, sah Ragnar, dass es sich um einen Bekannten handelte.

„Snorre!“, entfuhr es ihm.

Er blieb stehen.

„Heh, worauf wartest du, Junge?“, hörte er ganz in der Nähe die Stimme des alten Thorstein fragen. Obwohl der Skalde sehr viel älter war, als alle anderen Männer an Bord der NJÖRDS FREUDE, ließ er es sich nicht nehmen, wie alle anderen beim Be- und Entladen des Schiffes mit anzufassen.

Jetzt trug er genau wie Ragnar in jeder Hand einen Käfig. In einem befand sich ein Bussard, in dem anderen waren ein paar aufgeregt gackernde Hühner, die sich gar nicht mehr beruhigen konnten.

„Siehst du den Einäugigen da vorne?“

„Sicher, Ragnar!“

„Was sucht Snorre bei ihm? Was hat er mit diesem Kerl zu schaffen, der nur die Schiffe beobachtet?“

„Meine Augen sind trübe geworden in all den Jahren“, sagte der alte Thorstein. „Ich kann nicht erkennen, wer dort ist. Aber ich zweifle auch nicht an deinen Worten, Junge!“

„Weißt du mehr über diesen Snorre und seinen Freund Leif?“, fragte Ragnar.

Aber Thorstein schüttelte den Kopf.

„Nein, tut mir leid. Ich weiß ganz gewiss nicht mehr als du auch!“

„Also, wenn ich an Björn Olavsons Stelle wäre, würde ich diesen beiden Männern nicht trauen!“

„Vielleicht tust du diesem Snorre unrecht“, erwiderte Thorstein. „Zu den wenigen Dingen, die ich über Snorre weiß, gehört erstens, dass sein Vater auch Snorre heißt, denn er nennt sich Snorre Snorreson. Und das zweite ist, dass er Jarl Björn offenbar immer treu gedient hat und es nie einen Grund zur Klage gegeben hat.“

„Aber ist es nicht seltsam, dass er diesen finsteren Kerl kennt?“

„Nicht unbedingt. Vielleicht haben sie sich in Haithabu, Birka oder irgendeinem der anderen Märkte kennen gelernt, die Björn Olavson mit seinem Schiff anläuft.“

„Einfach ein Bekannter?“

Thorstein nickte. „Warum denn nicht? Du bist noch sehr jung und kennst vielleicht gerade Holmgard und den nördlichen Teil des Landes der Rus. Aber Snorre Snorreson ist sehr viel weiter herumgekommen. Warum soll er den Einäugigen nicht von irgendeinem anderen Markt kennen? Und jetzt mach weiter!“

„Ja, Thorstein“ gab Ragnar zurück.

„Schon schlimm genug, dass Snorre sich offenbar vor der Arbeit drückt und mit irgendwelchen alten Bekannten schwatzt, während ein alter Mann wie ich Käfige mit Hühnern und Falken an Bord der NJÖRDS FREUDE bringen muss!“

––––––––

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AM NACHMITTAG STACH das Schiff von Björn Olavson in See. Die Männer waren froh, dass es endlich losging. Auch Ragnar war erleichtert darüber. Das Segel wurde sicherheitshalber gleich von Anfang an gerefft, denn wenn bei diesem voll beladenen Knorr der Wind zu heftig ins Segel drückte, sodass sich das Schiff schief legte, konnte es leicht zu einer Katastrophe kommen.

Wenn die Ladung ins Rutschen geriet, konnte sogar ein so erfahrener Steuermann wie Harald nicht mehr viel ausrichten.

Zunächst geschah nicht viel. Die Männer kauerten an ihren Plätzen und Harald hielt sicher das Steuer. Der Wind drängte das Schiff nach vorn und der graue Himmel deutete darauf hin, dass das Wetter vielleicht bald umschlug.

Ragnar sah Herjolf Ohnehaar dabei zu, wie dieser sich die Zeit damit vertrieb, an einer Figur aus Elfenbein herumzuschnitzen.

Wen diese Figur darstellen sollte, war bereits klar, noch ehe dass man irgendwelche Einzelheiten erkennen konnte. Die Gestalt trug nämlich in der rechten Hand einen Hammer...

Es musste also Thor sein, den Herjolf schnitzte.

Die Hühner hatten sich in der Zwischenzeit etwas beruhigt. Entweder, sie hatten gemerkt, dass die Greifvögel an Bord ebenfalls in Käfigen saßen und ihnen nichts tun konnten, oder sie waren einfach von dem dauernden Gegacker erschöpft.

„Wir haben gute Fahrt drauf!“, meinte Björn Olavson zufrieden. Er wandte sich an Ragnar, der an der Reling stand und hinaus auf das Meer blickte. Überall war nur Wasser zu sehen. Harald der Steuermann orientierte sich am Stand der Sonne, um den Kurs halten zu können. „Wir haben kaum Wasser im Schiff“, stellte der Jarl dann fest. „Weißt du, woran das liegt?“

„Im Moment gibt es wenig Gischt, die über den Schiffsrand spritzt“, antwortete Ragnar.

„Richtig. Aber es kommt nicht nur von oben Wasser ins Schiff, sondern auch von unten. Das lässt sich nicht vermeiden. Lass ein Schiff einfach nur ein paar Wochen vor Anker liegen, dann hast du hinterher eimerweise Wasser hinauszuschöpfen!“

„Weil es geregnet hat!“

„Auch, wenn nicht ein Tropfen vom Himmel gefallen ist, ist das so.“ Björn lachte. „Aber das ist bei euch in Holmgard wohl nie der Fall, wie ich annehme!“ Er deutete auf die Planken. „Ich dichte die Fugen zwischen den Planken mit geteerten Tierhaaren ab. Wenn man das wirklich sorgfältig macht, wird ein Schiff sehr viel dichter!“

„Ein Geheimnis des Schiffsbauhandwerks?“, fragte Ragnar. Aber Björn schüttelte den Kopf und sprach in gedämpften Tonfall weiter. „Nein, es ist kein Geheimnis! Aber die meisten glauben, dass ich irgendeine Zaubertinktur verwende, um die Tierhaare geschmeidiger zu machen. Andere denken, dass es Thor und Odin besonders gut mit mir meinen und ich ihnen regelmäßig eine Ziege opfere, wenn ein Schiff abgedichtet wird. Aber das ist alles Unsinn. Und trotzdem sind die Schiffe aus meiner Werft weniger wasserdurchlässig als die von anderen Schiffsbauern.“

Ragnar runzelte die Stirn . „Und worin liegt dann das Geheimnis?“, hakte er nach.

„Ganz einfach: Es ist die Sorgfalt. Ich überprüfe jeden Ritz, jede Fuge und jeden noch so verborgenen Winkel mehrfach und gebe mich auch nicht damit zufrieden, alles nur einmal abgedichtet zu haben. Das ist das Geheimnis! Wenn wir in Haithabu sind, wirst du es sehen.“

„Hast du eigentlich auch Kinder?“, fragte Ragnar.

Björn Olavsons Gesicht wurde düster. Auf seiner Stirn bildete sich eine tiefe Furche. „Eine Tochter, die den Namen Vigdis trägt – und einen Sohn, der Lars heißt. Sind beide etwa in deinem Alter.“ Er seufzte. „Leider hat die Seuche in den letzten Jahren immer wieder schwer in Haithabu gewütet. Die fremden Schiffe, die im Hafen anlegen bringt sie immer wieder mit. Ich hatte zwei weitere Söhne, aber die sind ebenso gestorben wie meine Frau...“

In diesem Augenblick ertönte ein Ruf.

„Schiffe von achtern!“, rief einer der Männer mit heiserer Stimme.

Ragnar wandte den Blick genau wie alle anderen an Bord nach hinten.

In der Ferne tauchten drei Segel am Horizont auf. Eins davon war auffällig in rot weiß und blau gestreift, ein anderes war mit braunen Fetzen geflickt worden.

Einige Augenblicke sagte keiner der Männer ein Wort.

„Das gestreifte Segel habe ich auf Gotland gesehen!“, meldete sich dann Herjolf Ohnehaar zu Wort. „Es lag mehr oder weniger schlecht zusammengefaltet in einem der Schiffe, die in der Bucht ankerten.“

„Wen wundert es?“, meinte Björn Olavson leichthin. „Wir sind schließlich nicht die Einzigen, die die Meere befahren!“

„Ist es nicht seltsam, dass sie uns folgen?“, fragte Ragnar.

Björn zuckte mit den Schultern.

„Nicht unbedingt. Sie werden einfach denselben Weg haben. Vielleicht segeln sie auch nach Haithabu, wer weiß...“

„Jedenfalls holen sie ständig auf!!“, stellte Harald der Steuermann fest. „Es sind Draken! Die sind viel schneller als unser Knorr!“

Björn Olavson wandte sich an Sturlos Sigurvinson. Der Mann, der mit seinen Männern und einem Haufen Vogelkäfige an Bord gekommen war, hatte bis jetzt geschwiegen.

„Du kommst doch aus Gotland!“, stellte Björn fest.

„Sicher“, nickte Sturlos.

„Hast du eine Ahnung, wem das gestreifte Segel gehört?“

„Es kommen so viele Schiffe nach Gotland. Wie sollte ich mir bei allen merken können, wem sie gehören?“

„Hast entweder du oder einer deiner Männer irgendwelchen Ärger auf Gotland gehabt, sodass man uns vielleicht deswegen verfolgt.“

„So wahr ich hier stehe – nein!“, beteuerte Sturlos Sigurvinson. „Ich habe jeden bezahlt, dem ich etwa schuldete und niemanden erschlagen!“

„Aber du hattest es ziemlich eilig, von Gotland fortzukommen!“

„Es kommen viele Schiffe nach Gotland – aber nicht jeden Tag eins, das nach Haithabu weitersegelt und dazu noch Platz genug hat, um meine ganze Ware aufzunehmen! Da habe ich die Gelegenheit beim Schopf ergriffen!“, beteuerte Sturlos.

„Ich sage dir, deinen ganzen Plunder werfen wir mitsamt dir und deinen Leuten über Bord, wenn sich das als unwahr herausstellen sollte!“, knurrte Herjolf Olavson.

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DIE FREMDEN SCHIFFE holten rasch auf.

Pfeilschnell fuhren sie durch die Wellen und es war eine Frage der Zeit, wann sie die NJÖRDS FREUDE eingeholt haben würden.

Der Draken mit dem gestreiften Segel fuhr vorneweg, die anderen beiden Langschiffe folgten mit geringem Abstand.

Es wurde jedoch rasch klar, dass an Bord der drei Segler keineswegs Händler waren, die zufällig denselben Weg hatten wie die NJÖRDS FREUDE. Die Männer standen vollständig gerüstet an der Reling und schwenkten Äxte und Schwerter. Grimmige Kampfschreie dröhnten zu Björn Olavsons Schiff hinüber.

„Das sind die Piraten!“, war Harald überzeugt.

„Ja“, murmelte Björn Olavson düster und wandte sich an Sturlos, der allerdings genauso fassungslos wirkte wie alle anderen. „Heraus mit der Sprache, was hast du damit zu tun?“

„Nichts! Das schwöre ich!“, rief Sturlos.

Im selben Moment glaubte Ragnar, seinen Augen nicht zu trauen.

Der Einäugige, den er im Hafen auf Gotland gesehen hatte, stand jetzt am Bug des Draken mit dem gestreiften Segel. In der rechten Hand hielt er eine mächtige Streitaxt, in der linken ein Schwert.

„Wir kriegen Euch!“, rief er. „Njörd und Tyr sind auf unserer Seite!“

Seine Männer stimmten lauthals in diesen Ruf mit ein.

„Fahr einen Kurs, bei dem wir mehr Wind bekommen!“, rief Björn Olavson an seinen Steuermann Harald gerichtet. Aber der Steuermann hatte kaum die Möglichkeit, dadurch die Geschwindigkeit noch zu erhöhen, denn der Wind kam bereits beinahe ideal von schräg hinten.

Genauso wenig war es möglich das gereffte Segel wieder voll zu entfalten, während man noch in voller Fahrt war. Dazu wäre es nötig gewesen, das Segel erst einzuholen, dann das Segel vom Quermast wieder abzurollen und anschließend wieder hochzuziehen.

Aber in dieser Situation war das vollkommen unmöglich.

Die NJÖRDS FREUDE hätte in der Zwischenzeit ihre Fahrt verloren und für die Piraten wäre es ein Leichtes gewesen, sie einzuholen und zu entern.

„Den Einäugigen habe ich im Hafen auf Gotland gesehen!“, rief Ragnar. „Er hat die ganze Zeit die Schiffe beobachtet!“

„Ja, und wohl nach einem Ausschau gehalten, das mit wertvoller Ware voll beladen wurde“, murmelte Björn grimmig. Seine rechte Hand umklammerte den Schwertgriff an seiner Seite. „Aber ich werde mir mein Eigentum nicht so einfach abjagen lassen!“

Ragnar beobachtete Snorre und Leif. Die beiden waren von ihren Plätzen aufgestanden und in den hinteren Teil des Schiffs gegangen. Aber während die meisten anderen Männer an Bord bereits ihre Waffen in den Händen hielten, war dies bei den beiden nicht der Fall.

Sie redeten leise miteinander, aber kaum einer achtete auf sie.

Der alte Thorstein sprach Snorre an. „Du hast doch im Hafen auf Gotland mit dem einäugigen Anführer dieser Bande gesprochen!“, stellte er fest, woraufhin Snorre förmlich zusammenzuckte.

„Wer sagt das?“

„Ist es wahr oder nicht?“, erwiderte Thorstein ruhig.

„Man spricht mit vielen im Hafen. Das muss ich dir doch nicht sagen Thorstein! Du bist doch schon zur See gefahren, als selbst mein Vater und meine Mutter noch gar nicht geboren waren! Also weißt du auch, wie das läuft...“

„Und ich dachte, du weißt vielleicht etwas über den Kerl und seine Leute“, meinte Thorstein. „Ich meine, wenn ihr euch schon unterhalten habt...“

Plötzlich waren die Augen aller auf Snorre gerichtet.

„Na, los, nun red schon! Was weißt du über den Einäugigen, von dem man nur hoffen kann, dass er sein Auge im Kampf verlor – und es nicht wie Odin gegen Allwissenheit eintauschte!“

„Wir haben uns nur über Schiffe unterhalten!“, meinte Snorre. „Er beklagte sich darüber, dass es auf ganz Gotland angeblich keinen einzigen vernünftigen Segelmacher gäbe!“

In diesem Moment war das Schiff des Einäugigen bis auf eine halbe Schiffslänge herangekommen. Pfeile wurden jetzt in Richtung der NJÖRDS FREUDE abgeschossen. Harald der Steuermann musste sich ebenso ducken wie Ragnar und Björn. Ein Pfeil zischte dicht über Ragnars Kopf hinweg und blieb schließlich zitternd im Mast stecken. Andere Pfeile fuhren zwischen die Käfige der Hühner und Greifvögel und sorgten dort für helle Aufregung. Auch die zotteligen Rinder wurden unruhig. Wenn sie nicht gut festgebunden gewesen wären, hätten sie das Schiff durch ihre Bewegungen leicht zum Kentern bringen können.

„Schützt den Steuermann!“, rief Björn.

Ragnar, der sich Haralds Nähe befand, zögerte nicht lange.

Er griff nach einem der Schutzschilde, die an der Reling befestigt waren. Herjolf Ohnehaar tat dasselbe. Dann traten Ragnar und Herjolf rechts und links neben den Steuermann und hoben die Schilde. Sie waren rund und mit bunten Kriegszeichen oder Runen bemalt. Manchmal waren auch in Runenschrift Zaubersprüche oder Götterbeschwörungen eingeritzt, die den Träger auch zusätzlich durch Magie schützen sollten.

Die Verfolger schossen erneut mit Pfeil und Bogen. Am Bug des Schiffs mit den gestreiften Segeln hatte sich etwa ein Dutzend Mann versammelt, die eifrig Pfeile einlegten. Der Einäugige war einer von ihnen. Er feuerten die anderen durch seine Schlachtrufe immer wieder an.

Aber er nahm auch selbst einen Bogen.

Wieder ging ein Pfeilhagel auf Björns Schiff nieder. Mehrere der Geschosse blieben in den Schilden stecken, die Herjolf und Ragnar zum Schutz des Steuermanns empor hielten.

„Wir kriegen euch!“, rief ihnen die heisere Stimme des Einäugigen hinterher. „Dann seid ihr nur noch Fischfutter!“ Nicht alles, was er danach noch rief, konnte man auf der NJÖRDS FREUDE verstehen. Die Geräusche von Wind und Wellen verschluckte vieles – und die Tiere an Bord von Björns Schiff machten jetzt auch wieder einen Höllenlärm.

„Halt den Schild etwas höher, Ragnar“, verlangte Harald und Ragnar gehorchte.

Ein weiterer Schwall von Pfeilen erreichte Björns Schiff.

Aber diesmal waren es Brandpfeile.

Einige von ihnen wurden bereits im Flug durch den feuchten Wind und die aufspritzende Gischt gelöscht.

Sie trafen einfach irgendwo auf und die Männer von Björns Schiff versuchten, sich so gut wie möglich dagegen zu schützen, indem sie sich hinter den Schilden verbargen.

Aber einige dieser Brandpfeile fanden ihr Ziel.

Einer fuhr durch das Segel.

Das Feuer sprang über und fraß sich in das Tuch hinein.

Andere steckten wenig später an verschiedenen Stellen in den Planken. Die Flammen nagten am Holz, das zum Glück sehr feucht war, sodass es nicht sofort zu brennen begann. Die geteerten Schnüre, mit denen die Fugen zwischen den Planken abgedichtet worden waren, brannten allerdings wie Zunder, wenn an der betreffenden Stelle nicht gerade eine Wasserpfütze gestanden hatte und sie zu durchnässt waren.

Bevor sich die Flammen ausbreiten konnten, versuchten Björns Männer, sie sofort auszutreten. Sie nahmen feuchte Decken und warfen sie auf die Stellen, an denen sich ein Brand zu entwickeln drohte. Manchmal traten sie auch einfach mit den Fellstiefeln darauf. Die Tiere versetzte das noch mehr in Unruhe. Vor allem die Rinder waren kaum zu halten.

Die Seile, mit denen sie angebunden waren, spannten sich auf das Äußerste.

Nun nahmen auch einige von Björns Männern ihre Bögen zur Hand. Sie stellten sich am Heck auf. Andere hielten für sie die Schutzschilde hoch.

So ging auch ein Schwall Pfeile zurück zum Schiff des Einäugigen, ohne jedoch größeren Schaden anzurichten.

Unterdessen vergrößerte sich das Loch im Segel der NJÖRDS FREUDE immer mehr. Der heftiger werdende Wind hatte zwar das Feuer gelöscht, das den Stoff erfasst hatte. Aber jetzt sorgte er trotzdem dafür, dass sich das Loch vergrößerte. Der Wind drückte nämlich so doll ins Segel, dass der Stoff immer weiter einriss.

Das Schiff wurde langsamer dadurch.

Gleichzeitig holten die Verfolger immer mehr auf. Der Draken des Einäugigen versuchte Björns Schiff auf der dem Wind zugewandten Seite zu überholen und ihm dadurch den Wind wegzunehmen.

Harald der Steuermann versuchte dies zu verhindern, indem er mehrfach den Kurs veränderte - aber das Schiff des Einäugigen blieb ihm auf den Fersen und ließ sich nicht abschütteln. Die beiden anderen Verfolgerschiffe waren etwas weiter entfernt, holten aber ebenfalls stetig auf.

Immer wieder wurden Pfeile hin und her geschickt. Der Vorteil lag dabei aber immer mehr auf Seiten der Verfolger, denn deren Pfeile flogen mit dem Wind, während Björns Männer gegen den Wind schießen mussten.

Dann schob sich das Schiff des Einäugigen neben die NJÖRDS FREUDE. Das Segel des Verfolgerschiffs fing nun den Wind ab, während das Segel der NJÖRDS FREUDE erschlaffte.

Der Knorr wurde auf einen Schlag langsamer.

Die Männer des Einäugigen ließen bereits ein Triumphgeheul hören. Sie schossen jetzt nicht mehr mit Pfeil und Bogen, sondern warfen eiserne Haken an Tau-Enden zu Björns Schiff hinüber. Manche glitten ab und fanden keinen Halt. Andere wurden von Björns Männern gleich wieder zurückgeworfen, aber einige bohrten ihre Spitzen im Holz fest. Die Männer des Verfolgerschiffs zogen an den Tauen ihr eigenes Schiff an die NJÖRDS Freude heran.

Überall wurden jetzt die Waffen gezückt.

„Kappt die Taue!“, rief Björn Olavson.

Schon hatten sich beide Schiffe bis auf Sprungweite angenähert und es war nur noch eine Frage von Augenblicken, dass der erste Enterer es wagen würde, an Bord zu kommen. Ragnar riss die Axt hervor, die er von seinem Vater erhalten hatte. Mit dem Schild schützte er sich gegen die Pfeile, die jetzt vereinzelt wieder auftraten. Ein paar Schritte auf schwankenden Planken und er war bei einem der Haken. Mit einem Axthieb durchtrennte er das Tau.

Björn Olavson und seine Männer taten dasselbe. Überall, wo sich die Haken festgesetzt hatten, versuchten sie die Taue zu durchtrennen.

In dem Moment, indem die NJÖRDS FREUDE nicht mehr durch Haken mit dem Schiff des Einäugigen verbunden war, riss Harald das Steuerruder herum. Der Wind war deutlich aufgefrischt und die NJÖRDS Freude gewann Fahrt, obwohl das Loch im Segel schon ziemlich groß geworden war.

Das Schiff der Verfolger hatte hingegen alle Segelleinen gelöst. Das Segel hing schlaff vom Mast. Das war notwendig gewesen, denn andernfalls wäre das Schiff des Einäugigen einfach an der NJÖRDS FREUDE vorbeigezogen und hätte sie nicht entern können.

Doch nun nahm der Draken Björns Schiff erstens nicht mehr den Wind weg und zweitens bekam es auch einen kleinen Vorsprung.

Aber Harald wusste als erfahrener Steuermann, dass es unmöglich war, mit einem Knorr einem Draken zu entkommen. „Hilf mir!“, rief er Ragnar zu und begann das Steuerruder ganz zur Seite zu drücken. So weit es ging. Ragnar sprang zu, ließ sogar den Schutzschild zu Boden gleiten, steckte die Axt weg und half dem Steuermann.

Das Schiff drehte sich in einer engen Schleife einmal um sich selbst.

Zu spät erkannte die Besatzung des Draken, was Haraldas Manöver bezweckte.

Die Spitze der NJÖRDS FREUDE mit dem furchterregenden Drachenkopf, deutete jetzt genau in die Mitte des Piratenschiffs.

Das Segel des Knorr blähte sich. Das Loch wurde noch etwas größer, aber die NJÖRDS FREUDE beschleunigte trotzdem ausreichend, um das Schiff des Einäugigen zu rammen.

Die Besatzung des Draken blieb keine Möglichkeit mehr, noch rechtzeitig das Segel zu setzen und Fahrt zu gewinnen.

Die Spitze des Knorr fuhr seitlich in die Schiffsmitte des Verfolgerschiffs hinein. Die Holzplanken barsten auseinander. Ein Ächzen und Knarren war zu hören und mischte sich mit den entsetzten Rufen der Besatzung. Wasser drang innerhalb von Augenblicken durch die offene Wand des Draken ein.

Die NJÖRDS FREUDE segelte weiter und hatte sich schon wenige Augenblicke mehrere Schiffslängen weit von dem sinkenden Schiff der Verfolger entfernt, dessen Rumpf völlig zerstört war.

Schon ragte nur noch der Mast und die Drachenspitze aus dem Wasser, während das Segel bereits zur Hälfte auf dem Wasser schwamm. Die Männer an Bord klammerten sich an herausgebrochene Holzplanken, die auf dem Wasser dahintrieben – so wie Dutzenden von Kisten und Fässern mit Proviant, die offenbar nicht gut befestigt gewesen waren.

„Na, habt ihr das gesehen?“, fragte Harald stolz. Er wandte sich an Ragnar. „Ich hoffe, du hast gut aufgepasst, wie man mit einem Knorr einen enternden Draken doch noch abzuwehren versteht!“

Ragnar konnte nichts herausbringen.

Zu sehr stand er noch unter dem Eindruck dessen, was er gerade erlebt hatte. Das Herz schlug ihm bis zum Hals. Erst nach und nach wurde ihm klar, wie knapp sie alle einem schlimmen Schicksal entronnen waren.

„Die Bande hätte mit uns wahrscheinlich kurzen Prozess gemacht“, meinte Björn grimmig. „Jetzt werden sie wohl selbst das, was sie uns gewünscht haben – Futter für die Fische nämlich!“

„Wohl kaum!“, erwiderte Herjolf Ohnehaar und deutete in Richtung der beiden anderen Verfolgerschiffe, die sich so weit genähert hatten, dass sie wohl in Kürze die Stelle erreichten, an der gerade das Verfolgerschiff des Einäugigen untergegangen war. „Sie werden wohl davonkommen, wenn ihre Leute sie an Bord nehmen!“

„Das gibt uns noch etwas mehr Vorsprung, weil sie doch dann die Fahrt unterbrechen müssen!“, meinte Ragnar.

„Ja, aber früher oder später werden sie uns dennoch einholen“, war Harald überzeugt. „Ein Draken ist nun einmal einfach schneller als ein Knorr, daran lässt sich nichts ändern.“

„Außerdem haben wir noch ein anderes Problem“, stellte Herjolf Ohnehaar fest und deutete auf das eingerissene Segel. „Der Wind wird es immer mehr zerfetzen. Eigentlich müssten wir es herunterlassen und flicken, ehe wir die Fahrt fortsetzen.“

„Das werden wir uns kaum leisten können!“, meinte Björn.

„Vielleicht erweist sich ja das Wetter als unser Verbündeter“, mischte sich nun der alte Thorstein ein.

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SCHON SEIT EINER GANZEN Weile frischte der Wind zusehends auf und am Himmel begannen sich gewaltige Wolkengebirge aufzutürmen.

Ragnar beobachtete, wie die Verfolgerschiffe die Segeltaue losließen und die Fahrt unterbrachen, um die schiffbrüchigen Gefährten an Bord zu nehmen. Und außerdem wohl auch noch das, was von der Ladung auf dem Wasser herumschwamm.

Aber die beiden Schiffe wurden bald kleiner.

Schließlich nahmen sie die Verfolgung der NJÖRDS FREUDE wieder auf, aber da hatte sich das Wetter bereits spürbar geändert. Ein Schauer aus einer Mischung von Regen und Hagel schüttete auf sie herab. Die Wellen wurden höher und immer häufiger spritzte die Gischt so hoch auf, dass größere Mengen Wasser ins Schiff gelangten. Nun hieß es schöpfen und nochmals schöpfen. Denn wenn das Wasser im Schiff hin und her floss, hatte das dieselbe verheerende Wirkung, als wenn sich die festgezurrte Ladung löste.

Immer heftiger riss der Wind am Segel. Der Riss wurde größer und größer und die Fahrt verlangsamte sich. Aber im Moment war der Riss im Segel gar nicht so schlimm, schließlich konnte der Wind auf diese Weise nicht so heftig ins Segel drücken und die NJÖRDS FREUDFE hatte weniger Schieflage.

Nachdem Ragnar mal wieder einen Kübel mit Wasser ins Meer geschüttet hatte, blickte er kurz zu den Verfolgern. Auch die Draken hatten mit Wind und Wellen zu kämpfen. Sie waren zwar schneller, weil sie viel schmaler gebaut waren – aber das bedeutete gerade bei stürmischem Wetter mit hohen Wellen auch, dass sie leichter kentern konnten.

Im Moment holten sie allerdings noch sichtbar auf.

„Die haben noch nicht aufgegeben“, meinte Herjolf Ohnehaar düster.

„Glaubst du, die kriegen uns doch noch?“

Herjolf zuckte mit den Schultern. „Ich denke, die sind so wütend darüber, ein Schiff verloren zu haben, dass sie uns nun schon fast um jeden Preis jagen werden!“

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INNERHALB DER NÄCHSTEN Stunde brach ein richtiger Sturm los. Die Besatzung der NJÖRDS FREUDE klammerte sich zumeist irgendwo fest und konnte nur noch notdürftig das Wasser herausschöpfen. Ein Tau riss und mehrere Kisten mit Proviant und ein Fass mit Met gingen über Bord.

Die Wellen waren jetzt manchmal so hoch, dass die Verfolger zeitweilig gar nicht mehr zu sehen waren.

Gut so, dachte Ragnar. Dann verlieren sie uns vielleicht!

Das Steuerruder musste jetzt fast immer mit mehreren Männern gehalten werden, weil der Druck einfach zu stark war.

Immer wieder hob und senkte sich das Schiff. Ragnar wie alle anderen an Bord waren völlig durchnässt.

Immer wieder schlugen Wellen über dem Schiff zusammen und zeitweilig stand das Wasser auf der NJÖRDS FREUDE so hoch, dass es einem in die Stiefel lief.

Zunächst waren die Segel der Verfolger noch hin und wieder in der Ferne zu sehen.

Aber die Sicht wurde immer schlechter. Für die Besatzungen der beiden Draken war es daher auch immer schwieriger, die Verfolgung noch aufrecht zu erhalten.

Ragnar verlor das Gefühl dafür, wie viel Zeit verging. Zu sehr war er damit beschäftigt, mit den anderen darum zu kämpfen, dass das Wasser herausgeschöpft wurde. Meistens jedoch hielt er sich einfach nur irgendwo fest und war schon froh darüber, nicht über Bord geschleudert zu werden.

Denn eins war ihm völlig klar. Wenn bei diesem Wetter jemand über Bord ging, war es nicht mehr möglich ihn zu retten.

Zu schnell wäre derjenige abgetrieben worden und ihn dann in der aufgewühlten See noch zu finden, wäre ein Wunder gewesen.

Immer wieder sahen Ragnar und die anderen an Bord der NJÖRDS FREUDE zum Horizont und hielten nach den Verfolgern Ausschau.

Doch seit einiger Zeit waren die Segel der beiden Draken nicht mehr zu sehen. Lag das nur am dunstig gewordenen Wetter und der schlechten Sicht? Oder war tatsächlich das eingetreten, was Ragnar schon die ganze Zeit über erhoffte – dass die Verfolger nämlich schlichtweg nicht mehr wussten, wo sie die NJÖRDS FREUDE finden konnten.

Schließlich brach die Dämmerung herein. Die Sicht verschlechterte sich weiter und der Sturm ließ etwas nach. Hin und wieder hagelte es und der Besatzung der NJÖRDS FREUDE blieb dann nichts anderes übrig, als sich unter die Schutzschilde zu kauern und abzuwarten, bis der Spuk vorbei war.

„Thor muss sehr zornig sein“, glaubte der alte Thorstein. „Fragt sich nur auf wen: Auf uns oder auf die, die uns kapern wollten!“

„Das wird sich rasch erweisen“, sagte Björn Olavson dazu. „Wenn wir morgen früh noch leben, hat Thor es gut mit uns gemeint und ich werde ihm eines der Rinder opfern, wenn wir wieder in Haithabu sind.“

Herjolf Ohnehaar wandte sich an Ragnar, der sich ganz in seiner Nähe befand. „Du wirst sehen, er wird am Ende höchstens ein Huhn opfern, aber kein Rind!“, glaubte er. „Dazu ist unser Jarl nämlich viel zu geizig.“

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GEGEN MORGEN LIEß DER Sturm nach. Die Wellen wurden wieder kleiner. Das Wasser beruhigte sich soweit, dass man wieder einigermaßen Kurs halten konnte, ohne durch die Wellen zu sehr abgetrieben zu werden.

Geschlafen hatte in dieser Nacht niemand. Nicht einmal für einen einzigen Augenblick. Aber trotzdem fühlte sich Ragnar hellwach und die Stimmung unter den Männern war gut.

Das hatte seinen Grund!

„Thors Zorn ist vorbei!“, rief Björn. „Wir sind noch am Leben und von unserer Ladung ist nur wenig über Bord gegangen! Wer sollte da nicht zufrieden sein!“

Als die Sonne aufging, war von den Verfolgern nichts mehr zu sehen.

„Ich glaube nicht, dass wir denen so schnell noch einmal begegnen“, war Björn recht zuversichtlich.

Das Segel war inzwischen so weit gerissen, dass es eigentlich nur noch in zwei Fetzen vom Mast hing und eher einem wehenden Banner, als einem Segel glich.

Björn Olavson ordnete an, es einzuholen und zu flicken.

Den Männern blieb nichts anderes übrig, als es im Schiff auszulegen. Dabei wurden natürlich sowohl die Rinder als auch die Käfige der Greifvögel und Hühner abgedeckt. Auf die Greifvögel und die Rinder wirkte das beruhigend. Nicht so auf die Hühner, denen das überhaupt nicht gefiel. Sie regierten mit lautem Gegacker.

Herlof Ohnehaar verstand sich am besten auf das Handwerk des Segelmachens. Deswegen hörte jetzt auch alles auf sein Kommando.

Es wurden Nadeln ausgeteilt und die Männer machten sich daran, das Segel wieder zusammenzuflicken. Zumindest die restliche Fahrt bis Haithabu musste es noch halten.

Auch Ragnar bekam eine Nadel und half mit, den Riss zu beheben. Etwa die Hälfte der Besatzung war damit beschäftigt. Die andere Hälfte setzte sich auf die Ruderbänke, um dem Knorr trotz allem etwas Fahrt zu geben. Sonst wäre die NJÖRDS FREUDE zu weit von ihrem Kurs abgetrieben worden.

Es dauerte kaum eine Stunde, da konnte das Segel wieder am Mast emporgezogen werden. Der Wind blähte es und da kein neuer Riss entstand, hatten die Näher wohl gute Arbeit geleistet.

„Auf nach Haithabu!“, rief Björn.

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DER REST DER FAHRT verlief ruhig und ohne besondere Schwierigkeiten, wenn man mal davon absah, dass ja einiges vom Proviant über Bord gegangen war und man deshalb die Nahrungsmittel und das Trinkwasser genau einteilen musste. Aber jetzt irgendwo an Land zu gehen, hätte einen großen Umweg und einen Verlust von mehreren Tagen bedeutet.

Also verzichtete Björn Olavson darauf, einen der anderen Wikingerhäfen an der Ostsee anzulaufen.

Nach ein paar Tagen tauchte schließlich Land auf.

Das waren Inseln, die bereits zum Herrschaftsbereich des Dänenkönigs Godfred gehörten, dem auch Jarl Björn unterstand. Früher hatte jedes Oberhaupt einer großen und bedeutenden Wikingersippe sich Jarl genannt, aber inzwischen war das zumindest im Reich des Dänenkönigs zu einem richtigen Amt geworden, zu dem einen der Thing wählen musste.

Ein paar Mal, wenn die NJÖRDS FREUDE durch Meeresengen zwischen zwei Inseln fuhr, begegnete ihnen ein anderes Wikingerschiff. Meistens waren es ebenfalls breite Knorren, aber hin und wieder auch Draken und Skaids. Ragnar sah sich das interessiert an. In Holmgard waren die kleinen Schniggen in der Überzahl, aber hier, wo das Meer offen war und sich auch größere Schiffe gut manövrieren ließen, überwogen die Draken, Skaids und Knorren.

Schließlich erreichten sie den Eingang der Schlei, eines weit ins Landesinnere reichenden Meeresarms, an dessen Ende der Hafen Haithabu sehr gut geschützt in einer Bucht lag.

Da der Wind die meiste Zeit über ungünstig stand, ruderten sie auf der Schlei. Doch das machte der Besatzung jetzt wenig aus. Schließlich waren sie beinahe am Ziel. So groß die Anstrengungen der letzten Zeit auch gewesen sein mochten, die Aussicht, Haithabu bald zu erreichen, setzte neue Kräfte frei.

Als sie dann schließlich den Hafen von Haithabu auftauchen sahen, brach Jubel an Bord aus.

Schiffe drängten sich in der Bucht, an der der Ort errichtet worden war. Vieles erinnerte Ragnar an seine Heimat in Holmgard – nur dass hier alles etwas größer und die Schiffe noch zahlreicher als in dem Hafen auf Gotland waren.

Landungsstege auf Holzpfählen reichten weit ins Wasser hinein. Schiffe lagen dort vertäut und viele von ihnen wurde gerade Be- oder Entladen.

„Ich sehe das Schiff von Sven Wulfgarson!“, rief Björn Olavson erfreut. „Er hat mir versprochen, in Haithabu auf mich zu warten, bevor er nach Island zurückkehrt!“ Björn sich die Hände wandte sich an Ragnar, der neben ihm stand. „Sven kommt aus Island und er wird mir wahrscheinlich die ganze Ladung Pelze abkaufen! Und vielleicht gibt er sogar ein Schiff bei mir in Auftrag!“

„Dann hat sich die Reise nach Holmgard also wahrscheinlich schon für dich gelohnt“, gab Ragnar zurück.

„Worauf du wetten kannst!“

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DIE NJÖRDS FREUDE WURDE bis zum Steg gerudert. Ragnar sprang mit einem Tau-Ende in der Hand an Land und machte das Schiff am Bug fest. Herjolf Ohnehaar tat dasselbe am Heck. Auf dem Steg und am Ufer hatten sich bereits viele Menschen versammelt. Wenn ein Schiff in den Hafen einlief, war das immer ein Ereignis – und wenn es das Schiff des Jarls war, der von einer weiten Reise zurückkehrte, umso mehr. Björn Olavson ging an Land. Ein Junge und ein Mädchen warteten dort. Björn begrüßte sie freudig und Ragnar sofort klar, dass dies der Sohn und die Tochter des Jarl sein mussten. „Das sind Vigdis und Lars“, stellte Björn die beiden Ragnar vor. „Ich hoffe, du wirst dich gut mit ihnen verstehen!“

Die beiden musterten Ragnar zunächst abschätzig. „Warum hat unser Vater dich mitgebracht?“, fragte Vigdis schließlich. Sie hatte langes blondes Haar, das zu einem Zopf geflochten war und ihre Augen leuchteten blau. Der offenbar etwas jüngere und einen halben Kopf kleinere Lars hingegen hatte dunkle Haare und grüne Augen.

„Mein Name ist Ragnar Einarson, aber man nennt mich auch Ragnar Rothaar! Und ich soll hier in Haithabu bei eurem Vater alles über den Schiffsbau und den Handel lernen.“

„Ragnar Rothaar - Das passt!“, meinte Lars. „Hat dich ein Blitz Thors getroffen oder hattest du diese Haare von Geburt an?“

„Von Geburt an“, sagte Ragnar.

In der Zwischenzeit begrüßte Björn Olavson einen Mann mit grauem Bart und breiten Schultern. Das Haar fiel ihm lang über die Schultern. Er trug einen Umhang, der von einer wertvollen Silberspange zusammengehalten wurde.

„Sven Wulfgarson! Sei gegrüßt!“, rief Björn.

„Ich hoffe, es hat sich gelohnt, dass ich so lange hier in Haithabu auf dich gewartet habe!“, sagte Sven.

„Und ob!“, erwiderte Björn. „Ich habe einige Bündel mit feinstem Zobel- und Hermelinfellen für dich! Genau das, wonach du suchst!“

Sven Wulfgarsons Augen leuchteten förmlich auf und ein zufriedenes Lächeln erschien in seinem breiten Gesicht. „Wunderbar! Die Pelze dieser kleinen Nagetiere werden in reinem Silber aufgewogen und werden mir gewiss aus den Händen gerissen werden, wenn ich sie weiterverkaufe! Ich hoffe, du machst mir einen fairen Preis!“

„Wenn du mir alles abnimmst, gilt der Preis, den wir bei unserem letzten Treffen ins Auge gefasst haben.“

„Abgemacht“, sagte Sven sofort. Er deutete mit der ausgestreckten Hand auf eines der Schiffe. Es handelte sich um einen Knorr, der noch etwas größer und länger war als die NJÖRDS FREUDE von Björn Olavson. „Da ist mein Schiff, die DRACHENMAUL – du wirst dich ja wohl an sie erinnern!“

„Natürlich, sie ist ja in meiner Werkstatt entstanden“, nickte Björn. „Aber das ist schon acht Jahre her und vielleicht solltest du dir langsam mal ein neues anschaffen.“

„Die DRACHENMAUL ist noch gut in Schuss“, sagte Sven. „Aber ich könnte bei Gelegenheit eine Skaid für meinen Sohn brauchen. Er ist jetzt alt genug, um allein auf Fahrt zu gehen. Darüber sprechen wir später. Ich würde jetzt vorschlagen, dass du die Felle gleich auf mein Schiff bringen lässt. Aber bringen wir erstmal das Geschäft unter Dach und Fach!“

Björn machte Herjolf Ohnehaar ein Zeichen, woraufhin dieser eines der Fellbündel herbeischaffte. Es wurde auf den Boden gelegt und an einer Seite geöffnet. Herjolf klappte die Kuhhäute, in die die wertvollen Pelze eingewickelt waren, ein Stück zur Seite. Die weichen Zobel- und Hermelin-Stücke kamen zum Vorschein. Sven nahm sich eines davon, fühlte die Qualität und nickte anerkennend. „Wunderbar!“, sagte er.

„Willst du nicht erst jedes einzelne Bündel prüfen?“, fragte Björn.

„Das mache ich später. Du weißt, dass ich dir vertraue...“ Er lachte. „Du wirst mich schon deswegen nicht betrügen, weil du dann meinen Zorn spüren würdest und ich dir bestimmt kein Schiff mehr abkaufe!“

Björn nickte. „Das ist ein Wort! Die Felle sind so sorgfältig in Kuhhäute eingewickelt und zu Bündeln verschnürt, dass sie keinen einzigen Tropfen Salzwasser abbekommen haben dürften! Willst du nur Hermelin und Zobel oder auch die Bärenfelle?“

„Bärenfelle diesmal bitte nicht. Aber ich glaube, die wirst du auch schnell bei jemand anderem los. Die Stadt ist voller ausländischer Kaufleute. Ich habe Händler aus Sachsen, Schwaben und Italien gesehen. Und es war sogar ein Vogelaufkäufer mit einem Turban auf dem Markt, der Wohl aus dem Land der Mauren in Spanien stammt!“

„Das ist normal hier“, sagte Björn.

Sven beugte sich etwas vor und sagte leise: „Ich sag’s dir im Vertrauen, manche dieser Händler sind sehr froh, dass du wieder von deiner Reise zurück bist! Sie haben schon befürchtet, das niemand mehr für ihre Sicherheit garantiert!“

Als Jarl von Haitabu hatte Björn für die Sicherheit der ausländischen Kaufleute zu sorgen, denn sie hatten keine Großfamilie in der Nähe, die sie notfalls zu Hilfe rufen konnten, wenn es Streit gab.

„Jeder Bewohner von Haithabu sollte begreifen, wie wichtig diese Händler für uns sind!“, meinte Björn. „Nur durch Handel sind wir alle reich geworden!“ Allerdings wusste Björn auch, dass manche nicht dieser Ansicht waren und die fremden Händler nur als Konkurrenz sahen.

„Ich will es dir ganz offen sagen: Björn, es gibt einige, die meinen, dass ein Jarl nicht auf den Meeren herumsegeln dürfte und bezweifeln ob du noch der Richtige für das Amt bist.“

Björn lachte laut auf. „Soll ich mich vielleicht gar nicht mehr um meine eigenen Geschäfte kümmern dürfen, nur weil ich Jarl bin? Das geht doch wohl zu weit!“

Sven zuckte mit den Schultern. „Ich sage dir nur, was ich hier so aufgeschnappt habe, seit mein Schiff hier im Hafen liegt!“

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RAGNAR HALF MIT, DAS Schiff zu entladen. Die mit Kuhhäuten umwickelten Bündel mit den Fellen wurden gleich an Bord der DRACHENMAUL geschafft, denn Sven wollte möglichst schnell aufbrechen.

All das, was zuvor mühsam an Bord der NJÖRDS FREUDE gebracht worden war, musste nun genauso mühsam wieder an Land gesetzt werden. Die Rinder hatten die Fahrt gut überstanden und auch die Greifvögel und Hühner zeigten sich recht munter.

Sturlos Sigurvinson bedankte sich noch mal für die Überfahrt und sorgte mit seine Leuten dafür, dass die Käfige rasch an Land gebracht wurden. Dort sammelten sich bereits Kaufinteressenten – sowohl für die Hühner, als auch für die Greifvögel.

Ragnar nahm ein weiteres Fellbündel und trug es zur Drachenmaul. Vigdis und Lars waren bereits dort und hatten wohl gerade auch ein Bündel an Bord gebracht.

Jetzt kamen Snorre und Leif herbei, die ebenfalls jeweils ein Bündel abluden. Eines davon löste sich. Die Schnur mit dem es zusammenschnürt war, riss. Sie war offenbar während der Fahrt durchgescheuert worden.

„Ich mach das schon!“, sagte einer von Sven Wulfgarsons Männern. Aber als er das Bündel wieder zusammenschnüren wollte, stellte sich heraus, dass es keinen Zusammenhalt mehr hatte. An mehreren Stellen lösten sich die Schnüre und es fiel auseinander.

Sven Wulfgarson stand in der Nähe und sah zu. Er hatte gerade damit begonnen, das Gewichtsgeld abzuwiegen. Aber jetzt bildete sich eine tiefe Furche auf seiner Stirn.

Er zog sein Schwert.

„Zur Seite!“, rief er und dann stocherte er mit der Schwertspitze in den Fellen herum. Es waren nur einige wenige wertvolle Pelze darunter. Der Rest des Bündels war mit verhältnismäßig wertlosen Rinderhäuten gefüllt. „Wer hätte das gedacht!“, knurrte Sven. „Will Björn mich zum Narren halten?“

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NACHEINANDER ÖFFNETE Sven jetzt auch die anderen Bündel. Und sein Zorn wuchs dabei, denn jedes Mal war es dasselbe: In den Bündeln befanden sich nur wenige wertvolle Zobel- oder Hermelin-Pelze. Der Rest war mit Häuten gefüllt, die zumeist wohl von Rindern stammten. Manchmal waren auch Felle von Rehen oder Wölfen darunter, die ebenfalls sehr viel weniger wert waren als Hermelin oder Zobel.

Svens Gesicht lief dunkelrot an. „Wo ist Björn?“, rief er. „Nie hätte ich gedacht, dass er versucht, mich auf so plumpe Weise zu betrügen!“

Er zog sein Schwert. Ragnar sprang zur Seite, als er ungestüm dahertrampelte, mit dem Stiefel auf den Schiffsrand stieg und auf den Steg sprang.

Dann lief er auf Björn Olavson zu, der gerade versuchte, zusammen mit Herjolf Ohnehaar und Harald dem Steuermann, eines der schottischen Rinder an Land zu ziehen. Die zottelige, langhörnige Kuh muhte ärgerlich.

„Das gibt ein Unglück!“, meinte Vigdis an Ragnar gewandt. Sie blickte auf die zerwühlten Felle. „Wie konnte das geschehen?“

„Ich habe keine Ahnung!“, sagte Ragnar.

„Warst du nicht dabei, als diese Felle verladen wurden?“, fragte Vigdis und stieg nun ebenfalls zurück auf den Steg. Lars folgte ihr. Zur gleichen Zeit hatte Sven sein Schwert mit beiden Händen gefasst und rief: „Ich hoffe du bist wenigstens Manns genug, dich zum Kampf zu stellen! Von jedem anderen hätte ich erwartet, dass er versucht, mich übers Ohr zu hauen, aber nicht von dir Björn! Und weißt du, was das Schlimmste ist? Du hättest doch wissen müssen, dass ich es früher oder später herausfinde! Wenn du mich auf so dämliche Weise zu betrügen versuchst, heißt das ja wohl, dass du mich damit auch für dämlich hältst.“

„Ich habe keine Ahnung, wovon du redest!“, rief Björn.

Zusammen mit Harald dem Steuermann und Herjolf Ohnehaar hatte er alle Mühe damit, die Kuh unter Kontrolle zu halten...

„Du kannst dich nicht herausreden!“, rief Björn. „Ich bringe dich vor den Thing!“

Mit einer schwungvollen Bewegung seines Schwertes erschreckte er die Kuh so, dass sie einen Schritt zur Seite machte. Herjolf Ohnehaar verlor dadurch den Halt und stürzte vom Steg ins Wasser. Da er sich dabei instinktiv an dem Seil festhielt, mit dem die Kuh geführt wurde, verlor auch die das Gleichgewicht. Sie rutschte aus. Das Wasser platschte in die Höhe, als sie hineinfiel und wild um sich strampelte. Glücklicherweise war das Wasser nicht sonderlich tief.

Björn konnte sich gerade noch halten.

Er zuckte mit den Schultern. „Ich habe wirklich keine Ahnung!“, rief er.

„Es stimmt, Vater!“, rief Vigdis. „In den Bündeln waren zum Großteil wertlose Felle!“

Björn steckte das Schwert ein. „NJÖRDS FREUDE nennst du dein Schiff. Aber es müsste NJÖRDS SCHANDE heißen“, sagte er und spuckte aus. „Wie kann jemand wie du Jarl von Haithabu und Beschützer der Kaufleute sein, wenn er selbst ein Betrüger ist!“

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RAGNAR LIEß DEN BLICK schweifen. Der halbe Ort stand am Ufer und sah der Auseinandersetzung zwischen Björn und Sven interessiert zu. Aber als er Snorre und Leif in der Menge verschwinden sah, wurde Ragnar doch sehr stutzig. Wäre es in diesem Moment nicht ihre Aufgabe gewesen, zu ihrem Jarl zu stehen? Aber stattdessen tauchten sie in der Menge unter.

Seltsam!, dachte Ragnar.

Sven begab sich in der Zwischenzeit zu seinem Schiff. „Verschwinde hier“, fauchte er Ragnar an. „Du gehörst doch auch zu diesem Betrüger!“

Dann begann er voller Wut einige der wertlosen Rinderhäute ins Wasser zu werfen, bis ihn einer seiner Leute davon abhielt. „Wenn das vor den Thing soll, dann brauchen wir diese Fetzen noch als Beweis!“, meinte dieser.

Nur sehr langsam war Sven in der Lage, sich zu beruhigen. Dann wandte er sich in Björns Richtung und rief: „Du bist die längste Zeit ein Jarl gewesen, du Betrüger! Du wirst sehen!“

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DIE KUH KONNTE GERETTET werden. Glücklicherweise war das Wasser nicht tief, ansonsten wäre sie ertrunken, da Rinder nicht schwimmen konnten.

Später, als alle sich in Björn Olavsons großem Langhaus zum Essen trafen, war die Stimmung natürlich sehr schlecht. Sigrid, die Magd, von der Vigdis und Lars versorgt wurden, seit ihre Mutter gestorben war, beklagte sich bei Björn Olavson darüber, dass die Balken und Planken für das nächste Schiff noch immer nicht zurechtgeschlagen worden waren. „Die Männer hören nicht auf mich, wenn du weg bist, Björn, weil ich nicht deine Frau und damit die Herrin im Haus bin! Es wird Zeit, dass sich daran etwas ändert!“

Aber sie hatte einen schlechten Zeitpunkt gewählt, um Björn darauf anzusprechen. Ihn beschäftigte immer noch die Frage, wie es möglich gewesen war, dass sich in den Bündeln größtenteils minderwertige Felle befunden hatten.

„Du musst aufpassen, Björn“, sagte Herjolf Ohnehaar. „Es gibt Männer hier in Haithabu, die schon lange lieber einen anderen als Jarl sähen. Die Wahl ist schließlich sehr knapp gewesen... Und diese Leute werden jetzt die Geschichte mit dem Pelzbetrug dazu nutzen, um dir zu schaden! Warte nur den nächsten Thing ab!“

„Das weiß ich!“, knurrte Björn ungehalten. „Und da selbst du schon von einem Pelzbetrug sprichst... Was sollen da erst die anderen denken?“

Jetzt meldete sich Snorre zu Wort. „Hast du die Felle nicht von seinem Vater?“, fragte er und deutete dabei auf Ragnar. „Vielleicht hat dich Einar Einarson hereingelegt!“

„Das nimmst du zurück!“, rief Ragnar. „So etwas würde mein Vater niemals tun.“

„Aber wäre es nicht möglich gewesen?“

„Nein“, sage Björn. „Ich habe die Ware eigenhändig geprüft.“

„Und wenn sie hinterher ausgetauscht worden wäre? Einar hätte sie ein zweites Mal verkaufen können...“

„Und dann hätte er anschließend seinen Sohn zu mir in die Ausbildung gegeben, sodass er in meiner Hand ist?“, fragte Björn zweifelnd. Er schüttelte den Kopf. „Das würde Einar wirklich niemals tun. Kein Vater, der einen Funken Verstand hat, täte das mit seinem Sohn. Also kann man diese Möglichkeit getrost ausschließen.“

Ragnar fiel ein Stein vom Herzen, dass Björn offenbar seinen Vater nicht ernsthaft verdächtigte.

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ES WURDE NOCH LANGE aufgeregt und laut geredet im Haus von Björn Olavson. Es kamen einige der freien Männer aus Haithabu zu Besuch, um Björn auf das anzusprechen, was am Hafen geschehen war.

Ragnar wandte sich inzwischen an Vigdis und Lars. „Ich brauche eure Hilfe“, sagte er.

„Unsere Hilfe?“, fragte Vigdis. „Wobei? Und davon abgesehen weiß ich nicht, ob ich dir wirklich bei irgendetwas helfen sollte. Schließloch bin ich mir immer noch nicht ganz sicher, ob es nicht doch dein Vater war, der meinem Vater den Ärger eingebrockt hat.“

„Das macht doch keinen Sinn“, sagte Ragnar. Er sah einen Augenblick Lars an, dann Vigdis. Die beiden schienen nicht zu wissen, was sie von ihm halten sollten. „Wir kennen uns gegenseitig so gut wie gar nicht, aber ich denke, es ist für uns alle sehr wichtig, dass Jarl Björns Unschuld bewiesen wird, oder?“

„Sicher“, nickte Vigdis. „Aber ich frage mich, wie ausgerechnet du das hinkriegen willst!“

Ragnar blickte sich um. „Wisst ihr wo Leif und Snorre sind?“

„Was weiß ich? Wieso soll das so wichtig sein?“, fragte Vigdis.

Und Lars meinte: „Ich habe die beiden vorhin rausgehen sehen.“

„Die beiden haben sich in Holmgard an die Ladung herangemacht und sehr eigenartig benommen“, sagte Ragnar. „Außerdem habe ich ein Gespräch mitangehört, aus dem hervorging, dass sie irgendetwas planten.“

„Die beiden sind zwei getreue Gefolgsleute unseres Vaters“, gab Vigdis stirnrunzelnd zu bedenken. „Wieso sollten die so etwas tun?“

„Angenommen, sie haben die Pelze gegen minderwertige Stücke ausgetauscht und an jemanden weiterverkauft. Dazu hätten sie in Holmgard die Gelegenheit gehabt!“

„Das kann man nur beweisen, wenn man nach Holmgard fahren und dort die Pelze auftreiben würde“, meinte Vigdis.

Ragnar wusste, dass das absurd war. Die Reise war natürlich viel zu lang. In der Zwischenzeit wären die Pelze längst über mehrere Zwischenhändler weiter verkauft worden. Ragnar seufzte. „Es war nur so eine Idee“, sage er düster. „Aber ihr habt natürlich Recht, beweisen lässt sich das wohl nie!“

„Und ich würde das auch nicht laut herausposaunen, was du über Snorre und Leif denkst“, meinte Vigdis. „Schließlich hast du überhaupt keinen Beweis dafür, dass deine Geschichte stimmt. Und mal ehrlich! Die beiden hätten doch nur Nachteile, wenn ihr Jarl vom Thing vielleicht zur Verbannung verurteilt wird! Schließlich stehen sie bei meinem Vater in Lohn und Brot und damit wäre es dann vielleicht vorbei!“

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IN DER NACHT BEKAM Ragnar im Haus einen Schlafplatz zugewiesen. Er lag auf ein paar Strohsäcken, zusammen mit allen anderen, die zu Björns Haushalt gehörten: Neben seinen Kinder waren das seine Gefolgsleute und leibeigene Knechte und Mägde sowie deren Kinder. Björns Haus ähnelte sehr dem Haus von Einar Einarson in Holmgard. Allerdings war es noch etwas größer und hatte drei separate Räume: Einen zum Wohnen, einen Werkstattbereich und einen Bereich, in dem das Vieh untergebracht wurde. Hinter dem Haus befand sich ein halbfertiger Draken, für den Björns Männer eigentlich schon weitere Planken hätten zuhauen müssen. Sägewerkzeuge hatte Björn zwar durch Händler aus Sachsen kennen gelernt, benutzte sie aber nicht für den Schiffsbau. Dafür wurde ausschließlich mit der Axt gearbeitet.

Aber die Männer, die Björn zur Arbeit zurückgelassen hatte, waren offenbar nicht besonders fleißig gewesen.

Die Magd Sigrid sorgte für den Haushalt und versorgte alle. Solange Björn in der Nähe war, wurde sie als Herrin des Hauses akzeptiert, aber Ragnar fiel auf, dass man sich über sie lustig machte, sobald der Jarl nicht in der Nähe war.

„Vielleicht wäre es wirklich das Beste, wenn unser Vater wieder eine Frau nehmen würde“, meinte Vigdis als sie zusammen mit Lars und Ragnar zum Wasserholen geschickt wurde. „Dann würde wieder Ordnung im Haus herrschen.“

„Hast du mal darüber nachgedacht, wer eurem Vater vielleicht schaden will?“, fragte Ragnar.

„Ich dachte, du verdächtigst Snorre und Leif!“, erwiderte sie.

„Ja, denn es wäre doch möglich, dass Snorre und Leif nicht auf eigene Faust gehandelt haben, sondern von jemandem angestiftet wurden.“

„Es gibt natürlich einige, die selbst gerne Jarl wären. Göran Akeson zum Beispiel, der am liebsten alle ausländischen Händler verjagen würde... Aber mein Vater ist nun einmal gewählt worden!“

„Aber der Thing könnte auch jemand anderen wählen, oder?“

„Natürlich, was denkst du denn!“

„Und wenn dein Vater als Betrüger dasteht, wird wohl kaum noch jemand für ihn die Hand heben, wenn es zum Schwur kommt! Verstehst du nicht? Ich glaube dieser Betrug sollte entdeckt werden! Nur so ergibt das Sinn!“

„Wieso setzt du dich eigentlich so dafür ein, dass mein Vater nicht die Schuld an diesem Betrug zugeschoben bekommt?“, mischte sich jetzt Lars ein, der mit ihnen ging.

„Ich will nicht, dass meine Ausbildung hier in Haithabu schon zu Ende ist, noch ehe sie begonnen hat. Dein Vater ist einer der besten Schiffsbauer und erfolgreicher Fernhändler. Deswegen möchte ich gerne von ihm lernen. Außerdem will ich nicht, dass auch nur ein winziger Teil des Verdachts an meinem Vater hängen bleibt...“

„Das letzte verstehe ich“, sagte Lars. „Allerdings kann ich kaum begreifen, dass du unbedingt Schiffsbauer werden willst!“ Lars seufzte. „Immerhin hast du es dir selbst ausgesucht.“

Ragnar runzelte die Stirn.

„Wie meinst du das?“

„Na, glaubst du, mir würde man da eine Wahl lassen? Eigentlich wäre ich gerne Bildhauer oder Schnitzer. Jemand, der Figuren aus dem Elfenbein der Walrösser fertigen kann! Aber damit wäre mein Vater wohl kaum einverstanden.“

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SIE ERREICHTEN DAS Ufer und füllten die Wassereimer.

„Seht mal an, über wen haben wir denn gerade gesprochen!“, meinte Vigdis. Sie blickte zu einem der Landungsstege. Dort war niemand anders als Snorre zu sehen. Aber nicht allein. Bei ihm war eine junge Frau mit langen, dunkelblonden Haaren, die viel lachte.

„Wer ist die Frau?“, fragte Ragnar.

„Das ist Agneta Göranstochter, die Tochter von Göran Akeson“, erklärte Vigdis. „Die turteln doch schon länger herum, aber Göran Akeson würde seine Tochter wohl nie jemandem wie Snorre Snorreson geben! Der hat doch keinen Besitz und wird sein Leben lang ein einfacher Gefolgsmann bleiben... Er ist noch nicht einmal ein besonders geschickter Handwerker. Rechnen und Abwiegen kann ich inzwischen auch schon besser als er!“

„Vielleicht hat er ja inzwischen etwas mehr Besitz!“, meinte Ragnar.

„Was meinst du damit?“, fragte Vigdis.

Ragnar hob die Augenbrauen. „Vielleicht einen Beutel mit Silber, den er für den Verkauf der fehlenden Felle in Holmgard bekommen hat! Den vollen Preis wird er wohl nicht erzielt haben, schließlich musste er die Ware sehr schnell loswerden...“

„Du lässt nicht locker, oder?“, seufzte Vigdis. „Aber je länger ich darüber nachdenke, desto vernünftiger erscheint mir, was du sagst. Ich werde mal mit meinem Vater darüber sprechen.“

„Nein, dazu ist es noch zu früh“, meinte Ragnar. „Wie du selbst schon mal erwähnt hast: Wir haben noch keinen Beweis!“

„Was schlägst du vor?“, fragte Lars.

„Ihn beobachten“, meinte Ragnar. „Ihn und Leif.“

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AUF DEM PLATZ IN DER Mitte des Ortes wurde der Thing abgehalten. Die Versammlung der freien Männer war wegen der Anschuldigungen zusammengerufen worden, die gegen den amtierenden Jarl erhoben worden waren...

Die zahlreichen Marktstände der Händler, die ansonsten den Platz beherrschten, mussten für eine Weile ihre Geschäfte unterbrechen und Platz machen, sodass die Zusammenkunft abgehalten werden konnte.

In der Mitte des Platzes wuchs eine mächtige Linde, die offenbar ein altes Heiligtum war. Zahllose Runen waren in ihren Stamm geritzt worden und vielleicht hatte man hier schon zu den Göttern gebetet, bevor es den Ort Haithabu überhaupt gegeben hatte. Neben diese Linde steckte Björn Olavson einen Speer in den Boden und lehnte einen bemalten Schild dagegen. Dieser Schild zeigte den Kriegsgott Tyr, der auch Schutzherr des Gerichts war. Der Speer war das Symbol der richterlichen Gewalt. Tyr war der Schutzherr jeder Thing-Versammlung.

Ragnar, Vigdis und Ragnar kletterten auf das Dach eines Hauses in der Nähe. Von dort aus hatte man einen guten Blick auf den Platz und konnte genau verfolgen, was sich dort ereignete.

Zunächst bestimmte Björn jemanden, der ihn bei der Leitung der Versammlung vertrat. Er war zwar der Jarl und eigentlich wäre es seine Pflicht gewesen, den Thing zu leiten, aber da gegen ihn einer Anklage vorgebracht werden sollte, musste er die Leitung an jemanden abgeben, der neutral war.

Er wählte den alten Thorstein aus.

Der war zwar schon lange nicht mehr in Haithabu gewesen, aber es respektierten ihn alle – schon deshalb, weil er ein großer Skalde war.

„Wer hätte gedacht, dass ich gleich mit einer solchen Aufgabe betraut werde, wenn ich mal wieder meinen Fuß auf diesen Platz setze“, sagte er. „Aber da ihr mich trotz meiner langen Abwesenheit offenbar als einen der euren betrachtet, will ich meine Pflicht tun, obwohl ich lieber hätte, wenn ihr meinen Liedern lauschen würdet oder ich euren Kinder in der Kunst der Runenschrift vervollkommnen könnte!“

Anschließend brachte Sven seine Anklage vor.

„Du kommst zwar nicht aus Haithabu und bist deswegen nicht stimmberechtigt“, sagte der alte Thorstein. „Aber wie ich gehört habe, ist man hier besonders stolz darauf, dass auch auswärtigen Kaufleuten ihr Recht gegeben wird, wenn ihnen Unrecht widerfuhr.“

„Tatsache ist, dass man versucht hat, mich auf ganz stümperhafte Weise zu betrügen!“, rief Sven. „Und da dies durch einen Mann geschah, den ich für einen Freund hielt, ist das besonders niederträchtig.“

Hier und da war zustimmendes Gemurmel zu hören. Diese Auffassung teilten offenbar viele unter den Versammelten.

„Aber es geht hier auch noch um etwas anderes“, meldete sich nun ein Mann zu Wort, der ein prächtiges, golddurchwirktes Stirnband trug und dessen Umhang durch eine sehr kostbare Spange aus purem Gold zusammengehalten wurde. Der Griff seines aus fränkischem Stahl geschmiedeten Schwertes war mit Bernsteinen besetzt. Dieser Mann war zweifellos sehr reich. Er trat in die Mitte des Platzes, damit auch alle ihm zuhörten.

„Wer ist das?“, fragte Ragnar an Vigdis gewandt.

„Das ist Göran Akeson, von dem ich dir bereits berichtet habe“, sagte sie.

„Schlecht scheint es seinen Geschäften nicht zu gehen“, meinte Ragnar daraufhin.

Vigdis verzog das Gesicht. „Mag sein, dass er reich ist, aber auch ganz schön eingebildet. Er hat damals fest damit gerechnet, dass man ihn zum Jarl macht, aber die Abstimmung ist anders ausgegangen. Zu seinem Unglück hat dann auch noch König Godfred die Wahl bestätigt. Drei Jahre ist das jetzt her und ich glaube nicht, dass er das schon verwunden hat! Er hat immer wieder versucht, die Männer gegen Vater aufzubringen.“

„Meinst du, er könnte es diesmal schaffen?“, fragte Ragnar.

„Wer weiß...“

Göran Akeson hob beide Hände, und das Geraune, das sowohl durch die Reihen der freien Männer, als auch der Zuschauer gegangen war, verstummte. „Die Frage, die wir uns alle stellen sollten ist doch, ob ein so plumper Betrüger wie Björn Olavson wirklich unser Jarl sein sollte! Wer soll denn Vertrauen zu ihm haben, wenn es darum geht, Meinungsverschiedenheiten zu schlichten? Jeden Tag treten auf unserem Markt Händler auf, deren Waage vielleicht nicht ganz genau stimmt und die ihren Kunden deshalb zuviel Silber abnehmen! Oder solche, die minderwertige Ware als etwas Besseres verkaufen! Ist nicht erst vor zwei Monaten ein Sachse mit Schimpf und Schande davongejagt worden, weil er Fleisch angeboten hat, dass längst verdorben war? Ich bin dafür, dass wir mit einem Jarl, der so etwas tut dasselbe machen! Und so mancher in diesem Kreis wird es sicher schon bereuen, dass er Björn Olavson einst seine Stimme gegeben hat!“

Hier und da war zustimmendes Gemurmel zu hören.

Göran hob erneut die Hand und wartete, bis sich die Geräuschkulisse wieder beruhigt hatte. Dann fuhr er fort: „Mindestens drei Jahre Verbannung fordere ich für diesen Frevel gegenüber Njörd, dem Gott des Meeres und des Handels, der uns in nächster Zeit wohl kaum noch wohlgesonnen sein wird, da Björn Olavson seinen Namen schon damit beschmutzt hat, dass er sein Schiff NJÖRDS FREUDE nannte. Aber wie kann ein Betrüger Njörds Freude sein, so frage ich?“

Laute Zustimmung war zu hören.

Doch jetzt griff der alte Thorstein ein.

„Noch ist die Schuld unseres Jarl nicht bewiesen“, rief er mit einer Stimme, die so mächtig klang, dass man es dem alten Mann kaum zugetraut hätte.

Ein heftiger Streit ging jetzt los und um ein Haar wäre man mit Waffen aufeinander losgegangen. Der alte Thorstein sah schließlich keine andere Möglichkeit, als den Thing zu vertagen.

„Morgen treffen wir uns noch einmal hier an gleicher Stelle!“, rief er. „Und vielleicht hat man sich bis dahin ja auch gütlich geeinigt!“

„Eine Entschädigung verlange ich!“, rief Sven Wulfgarson. „Ansonsten können wir das auch gerne außerhalb des Schutzwalls von Haithabu auf dem Feld regeln! Von Mann zu Mann mit Schwert und Axt!“

„Nicht bevor der Thing darüber zu Ende beraten hat!“, beschwor der alte Thorstein die Gegner. „Aber vielleicht ließe sich ja tatsächlich die Sache mit einer Entschädigung aus der Welt schaffen!“

„Dann würde ich meine Schuld eingestehen!“, schüttelte Björn Olavson den Kopf. „Aber das kann ich nicht, denn ich habe nichts getan, was unseren Gesetzen widersprechen würde!“

„Du hast versucht, einen Freund zu betrügen! Was gibt es denn noch Schlimmeres?“, fauchte Sven ihm entgegen.

„Vielleicht ist es gut, wenn wir den Thing vertagen“, mischte sich nun Göran ein. „Dann können wir auch die Wahl eines neuen Jarl vorbereiten. Es wäre nämlich nur gerecht, wenn darüber nicht nur die Männer hier in Haithabu, sondern auch jene von den umliegenden Höfen abstimmen könnten!“

„Ein guter Gedanke“, schloss Thorstein, der die Versammlung dann auflöste und sichtlich erleichtert schien, dass sie einigermaßen glimpflich abgelaufen war.

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AM NÄCHSTEN TAG SOLLTE Ragnar Vigdis auf den Markt begleiteten um Salz und ein paar Früchte zu besorgen, die der Magd Sigrid bei der Zubereitung des Essens fehlten. Es herrschte großer Andrang, denn inzwischen hatte sich natürlich herumgesprochen, dass am Nachmittag noch einmal der Thing tagen sollte und der Markt dann unterbrochen wurde.

„Wir müssen uns beeilen“, sagte Vigdis. „Sonst schließt der Markt, bevor wir alles haben und die Händler ihre Ware wegräumen...“

Sie begegneten auch Sturlos Sigurvinson, der seine Käfige mit Hühnern und Greifvögeln aufgebaut hatte – allerdings durch einen Abstand von mehreren Schritten getrennt. Das Gegacker der Hühner war trotzdem nicht zu überhören.

„Na, wie geht es?“, fragte Sturlos, dessen Geschäfte offenbar gut liefen, denn er machte ein gut gelauntes Gesicht. „Kann ich euch vielleicht mit einem Huhn weiterhelfen? Entweder man brät es über dem Feuer oder man lässt sich jeden Tag ein Ei legen!“

„Nein danke“, wehrte Ragnar ab. „Hast du vielleicht Leif und Snorre gesehen? Die beiden waren an Bord der NJÖRDS FREUDE...“

Vielleicht erinnerte sich Sturlos ja an die beiden. Mit ihnen geredet hatte er jedenfalls des Öfteren, nachdem er auf Gotland mit seinen Vogelkäfigen auf das Schiff gekommen war.

„Ist Leif der Mann mit der Narbe aus Björn Olavsons Gefolge?“

„Ja, genau!“, nickte Ragnar. „Und Snorre ist der Kerl, der immer bei ihm ist!“

„Also diesen Snorre habe ich vorhin gesehen. Der war in der Werkstatt da drüben! Ich habe ihn zu mir herüber gerufen, aber an Hühnern oder Greifvögeln hatte er kein Interesse.“

Ragnar blickte in die Richtung, in die Sturlos gedeutet hatte. Ein Haus war dort zu sehen.

„Das ist die Werkstatt von Markolf dem Silberschmied!“, stellte Vigdis fest. „Wahrscheinlich geht es um ein Geschenk für seine Angebetete – aber Göran wird ihm seine Tochter nie zu Frau geben. Schließlich kann er sie besser an einen reichen Bauern verheiraten!“

„Oh, dieser Snorre scheint mir irgendwie zu Geld gekommen zu sein!“, mischte sich Sturlos ein. „Ich habe ihn nämlich gefragt, ob er sich die Dienste eines Silberschmiedes leisten könnte und er lachte nur und meinte, er hätte Silber genug!“

„Ach, sieh mal einer an!“, murmelte Ragnar.

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ZUSAMMEN MIT VIGDIS ging er daraufhin in die Werkstatt von Markolf dem Silberschmied. Markolf war kein Wikinger, sondern Sachse. Darum sprach er die Sprache des Nordens auch mit starkem Akzent. Er hatte ein freundliches Gesicht und braune Augen. Die Augenbrauen waren sehr buschig und es sah seltsam aus, wenn er sie zusammenzog.

Er sah Vigdis und Ragnar fragend an. „Was wollt ihr? Für ein Hochzeitamulett seit ihr beiden ja wohl noch entschieden zu jung, oder?“

„Hat Snorre Snorreson so etwas bei dir in Auftrag gegeben?“, fragte Vigdis.

„Ja, hat er – und erstaunlicherweise hatte er sogar genug Silber dafür, aus dem ich es fertigen kann! Aber was soll die Fragerei?“

Ragnars Blick war gebannt auf die Silberstücke gerichtet, die auf dem Tisch in der Mitte der Werkstatt ausgebreitet lagen. Sie waren genau auf dieselbe Weise behauen worden wie die Silberstücke, die Ragnar in seinem eigenen Beutel unter der Kleidung trug. Die gezackte Kante des Hammers von Hakan Holgarson dem Geizigen aus Holmgard war deutlich zu erkennen.

An ihn hatte Snorre also die Felle verkauft! Diese Stücke waren der Beweis – und wahrscheinlich trug er noch weitere bei sich.

In diesem Moment ertönte draußen ein Ruf. Der Thing wurde einberufen. Offenbar waren alle freien Bauern aus der näheren Umgebung inzwischen eingetroffen.

„Ich glaube, du musst deine Arbeit an dem Amulett für Dauer des Thing unterbrechen“, sagte Ragnar. „Diese Stücke sind wichtige Beweise. Und ob die Hochzeit von Snorre Snorreson überhaupt stattfinden wird, ist fraglich...“

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DER THING FUHR MIT seinen Beratungen genauso heftig fort, wie sie am Vortag geendet hatten. Das ein Thing unterbrochen wurde und man erst am nächsten oder übernächsten Tag einen Beschluss fasste, war an sich nichts Ungewöhnliches. Häufig waren die Gemüter so erhitzt, dass eine Einigung nicht möglich war. Und da vor der Versammlung oft viel Met getrunken worden war, gab es in manchen Orten sogar die feste Regel, dass Beschlüsse immer erst einen Tag später gefasst wurden, wenn alle wieder nüchtern waren und sich der Zorn der Beteiligten abgekühlt hatte.

Aber in diesem Fall hatte sich der Zorn bei Sven Wulfgarson nicht abgekühlt. Er war offenbar tief verletzt darüber, dass ein Mann wie Björn Olavson, dem er doch immer vertraut hatte, ihn zu betrügen versucht hatte, wie er glaubte. Und Göran Akeson schlug erneut vor, doch einen neuen Jarl zu wählen, denn Björn sei unwürdig, dieses Amt weiter auszuüben.

Ragnar und Vigdis drängelten sich unter die Zuschauer. Vor Beginn der Versammlung war es unmöglich gewesen, zu Björn vorzudringen und ihn über die Beweise zu informieren, die sie gefunden hatten.

„Was willst du jetzt tun?“, fragte Vigdis. „Meinem Vater können wir jetzt nicht mehr Bescheid sagen! Die Versammlung hat begonnen...“

„Ich werde einfach vortreten und sagen, was ich weiß!“, sagte Ragnar.

„Du bist noch zu jung, um im Thing mitreden zu können.“

„Das ist mir gleichgültig“, sagte Ragnar. „Das Ganze gerät doch wieder aus dem Ruder wie gestern! Und die Stimmung schlägt um! Dein Vater wird das Amt des Jarl verlieren und vielleicht sogar aus Haithabu verbannt, wenn nichts geschieht.“

Ragnar wollte schon in die Mitte des Platzes vordringen, aber Vigdis hielt ihn am Arm zurück.

„Warte“, sagte sie.

„Was ist denn noch?“

„Warte auf einen guten Zeitpunkt. Es hat keinen Sinn, wenn das, was du zu sagen hast niemand hört. Und außerdem brauchen wir Snorre...“ Sie ließ den Blick schweifen. Und dann entdeckte sie ihn unter den Männern. An seiner Seite war Leif. Die beiden unterhielten sich, aber was sie sagten ging im allgemeinen Lärm völlig unter.

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JETZT“, SAGTE VIGDIS, als es dem alten Thorstein endlich einmal wieder gelang, halbwegs die Ordnung in der Versammlung herzustellen und für Ruhe zu sorgen. Denn während des bisherigen Verlaufs war wild durcheinander geredet worden. „Jetzt ist der richtige Moment!“, sagte sie.

Ragnar schluckte. Sein Herz pochte wie wild. Er durfte jetzt nichts verderben.

Einen Moment lang hatte er das Gefühl, weiche Knie zu haben. Sein Kopf war völlig leer, so als ob er vergessen hätte, was er sagen wollte.

Aber dann gab er sich einfach einen Ruch und trat mutig in die Mitte des Platzes, auf die mit Runen beschriebene Linde zu, neben der wieder der Speer und der Schild mit dem Abbild des Gottes Tyr aufgestellt worden waren.

Den Augenblick der Stille und der Verwunderung nutzte Ragnar. Denn ihm war klar, dass er nur dann eine Chance hatte, überhaupt gehört zu werden.

„Ich kenne den Schuldigen bei dem Pelzbetrug, der Sven Wulfgarson widerfahren ist!“, rief er. „Er ist hier unter uns! Jarl Björn ist jedenfalls unschuldig!“

Die Männer sahen Ragnar verwundert an.

„Was soll das denn?“, rief Göran Akeson. „Haben jetzt schon Knirpse Rederecht vor dem Thing?“

„Er soll sich davon scheren und schweigen, wenn hier ernsthaft beraten wird!“, rief ein anderer Mann.

„Jawohl“, nickten einige zustimmend.

„Ist das nicht der neue Lehrling von Björn Olavson!“

„Genau!“

„Pah, jetzt lässt sich Jarl Björn schon von einem Jungen verteidigen, anstatt dass er zugibt, dass er einfach zu gierig war und seine Pelze zweimal verkaufen wollte!“

„Wählen wir einen anderen Jarl!“

„Jawohl!“

Ragnar nahm all seine Stimmgewalt zusammen und rief: „Ich dachte, ihr wolltet die Wahrheit wissen! Oder wollt ihr nur einen anderen Jarl?“

„Lasst ihn reden!“, bestimmte der alte Thorstein, der ihm damit glücklicherweise zu Hilfe kam. Gegen sein Wort wagten die meisten nichts zu sagen. Zu viel Respekt genoss dieser alte Skalde. „Das höchste Gut, um das es uns hier gehen sollte ist doch die Wahrheit! Beim Gott Tyr und seinem Richter-Speer, darum geht es doch! Es sollte uns gleichgültig sein, wer diese Wahrheit ausspricht! Odin spricht schließlich mit Raben – warum sollten wir uns nicht anhören, was ein Junge zu sagen hat? Und jeder von euch kann immer noch entscheiden, ob er das, was dieser Junge zu berichten hat für wahr hält oder für eine Lüge!“

Und so berichtete Ragnar von dem, was er herausgefunden hatte und seiner Meinung nach geschehen war. „Snorre Snorreson hat diesen Pelzbetrug begangen“, sagte er. „Weil er die Tochter von Göran Akeson heiraten wollte, aber zu arm war, als dass der ihm seine Zustimmung gegeben hätte. In Holmgard sah er seine Chance. Er hat mit seinem Komplizen Leif die Pelze ausgetauscht und an Hakan Holgarson den Geizigen verkauft, der sie so dringend brauchte, dass er bereit war, dafür fast jeden Preis zu zahlen! Ich habe das selbst miterlebt!“

„Das ist eine gemeine Lüge!“, rief Snorre. „Wie kann man es diesem Jungen gestatten, so etwas zu behaupten?“

„Deswegen!“, rief Ragnar und hob eine der Münzbruchstücke empor, die sein Vater ihm mitgegeben hatte. „Das Gewichtsgeld von Hakan dem Geizigen erkennt man stets wieder, weil er einen abgebrochenen Hammer mit gezackter Kante benutzt! Mein Vater gab mir ein paar dieser Stücke mit auf meine Reise nach Haithabu. Aber wie, so frage ich, konnte Snorre Snorreson in den Besitz solcher Stücke gelangen?“

„Diese Stücke können sich überall und auf allen Märkten verbreiten“, verteidigte sich Snorre.

„Aber nicht ein ganzes Dutzend, wie du es Markolf dem Silberschmied gegeben hast, um daraus ein Hochzeitsamulett zu fertigen!“, rief Ragnar. „Und ich wette, dass in dem Beutel, den du an deinem Gürtel trägst noch mehr von den Stücken sind! Da Leif dir geholfen hat, wird er wohl einige davon abbekommen haben, sodass er wahrscheinlich auch welche bei sich trägt!“

„Alles Lüge!“, rief Snorre.

„Dann holt den Silberschmied!“, rief jetzt der alte Thorstein.

Wenig später bestätigte Markolf, den Auftrag für das Hochzeitamulett erhalten zu haben. Er zeigte Thorstein die Silberstücke und Thorstein verglich sie mit jenen, die Ragnar bei sich hatte.

„Dieselbe gezackte Kante“, bestätigte der Skalde. „Und auf den anderen gibt es zumindest einen Abdruck dieses schadhaften Hammers.“

„Es ist ein Glückshammer“, sagte Ragnar.

Thorstein nickte langsam. „Ja, ein Glückshammer für die Wahrheit“, murmelte er und wandte sich an Snorre und Leif.

„Ich habe niemals ein Hochzeitsamulett in Auftrag gegeben!“, rief Snorre.

Jetzt meldete sich Göran Akeson zu Wort, der wohl spürte, dass sich die Stimmung drehte. „So verleugnest du, dass du um die Hand meiner Tochter bitten wolltest? Und ich hätte schon beinahe zugestimmt...“

„Wenn es tatsächlich alles Lüge ist, was hier gesagt wurde“, erklärte nun Thorstein mit ruhig klingender Stimme, „dann könnt ihr beide uns doch auch zeigen, was für Gewichtsgeld ihr in euren Beuteln habt, sodass wir es mit diesen Stücken vergleichen können. Oder nicht?“

Snorre und Leif erbleichten. Einfach verschwinden konnten sie nicht. Das hätten die anderen Männer verhindert. Schließlich wollte nun jeder wissen, was wirklich hinter dem Pelzbetrug steckte, dessen man Björn angeklagt hatte.

Leif nahm nun den Beutel von seinem Gürtel und warf ihn zu Boden. „Ich habe nur aus Verpflichtung einem Freund gegenüber dabei mitgemacht!“, rief er. Er wandte sich an Björn. „Es war nicht richtig, den Mann fälschlicherweise in Verdacht zu bringen, zu dessen Gefolge ich gehörte und dem ich Treue geschworen habe!“

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SNORRE UND LEIF WURDEN dazu verurteilt, Schadensersatz zu leisten. Das Geld, das sie bei ihrem Betrug eingenommen hatten, mussten sie dafür abgeben. Außerdem bestimmte der Thing, dass sie sich auf zwei Jahre in Haithabu nicht blicken lassen durften.

Jarl Björn hingegen wurde ausdrücklich in seinem Amt bestätigt, auch wenn Göran Akeson das mit einem ziemlich sauren Gesicht hinnehmen musste.

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SPÄTER WURDE IN BJÖRN Olavsons Haus ein Freudenfest gefeiert. Auch Sven Wulfgarson tauchte dort auf und entschuldigte sich bei Björn.

„Ich habe die Wahrheit leider nicht gewusst!“, sagte Sven.

„Und ich habe sie nicht einmal für möglich gehalten, denn Snorre und Leif waren getreue Gefolgsmänner!“

Sven Wulfgarson deutete auf Ragnar und meinte: „Njörd selber muss dir diesen Helfer geschickt haben! Oder vielleicht auch der wahrheitsliebende Tyr... Jedenfalls kannst du dich glücklich schätzen, diesen Jungen in deinem Haus zu wissen!“

„Da sagst du ein wahres Wort“, nickte Björn. Der Jarl hob dabei das Trinkhorn auf Ragnars Wohl und sagte: „Ein Wikinger sollte mutig sein! In der Schlacht, auf See – aber auch wenn er vor eine Versammlung von verblendeten Narren tritt und keine Furcht davor hat, von ihnen ausgelacht zu werden! In so fern hast du wahren Mut bewiesen, Ragnar!“

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Band 2: In Gefahr

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RAGNAR, VIGDIS UND LARS WAREN HIER.

So stand es nun in Runenschrift auf dem ovalen Stein eingeritzt, den sie am Ufer gefunden hatten. Der Stein war so groß wie der Bauch eines Mannes und vom Wasser ganz glatt gewaschen.

„Jetzt stimmt es“, sagte Ragnar und richtete sich auf. Das rötliche, fast bis zu den Schultern reichende Haar wehte in dem kräftigen Wind, der vom Wasser her blies. In der Rechten hielt er seine kurzstielige Axt, die der Dreizehnjährige stets am Gürtel trug.

„Na, wenigstens hast du die Runen noch nicht vergessen!“, lachte Vigdis. Sie war ebenfalls dreizehn und trug ihr langes blondes Haar in einem Zopf, der ihr bis weit über den Rücken reichte.

Sie und ihr anderthalb Jahre jüngerer Bruder Lars waren die Kinder von Björn Olavson, dem Jarl von Haithabu, zu dem Ragnar geschickt worden war, um bei ihm alles über den Handel und das Handwerk eines Schiffsbauers zu lernen. Björn Olavson war nämlich bekannt dafür, weit und breit der größte Meister des Schiffbaus zu sein und so war Ragnar sehr stolz darauf, bei ihm lernen zu dürfen.

Ragnar betastete vorsichtig die Klinge der Axt, mit der er die Runen in den Stein geritzt hatte. „Die muss ich jetzt wohl erstmal wieder schleifen!“, meinte er. „Und das am besten noch heute Abend, sonst wird dein Vater sauer sein, wenn ich mit stumpfer Axt zur Arbeit erscheine!“

Vigdis sah auf den Stein.

Eine Welle überspülte ihn. Besonders tief konnte man natürlich mit einer Axtklinge nicht in das Gestein hinein ritzen.

In der Nähe lag die SEEHUND – ein etwa sieben Schritte langes Boot mit braunem Segel. Es sah aus wie eine kleinere Ausgabe der berühmten Langschiffe der Wikinger, wie sie Vigdis’ Vater in seiner Werkstatt in Haithabu anfertigte. 

Mit diesem Boot waren Ragnar, Vigdis und Lars am Morgen vom Hafen in Haithabu aufgebrochen und der Schlei nach Osten gefolgt. Dieser Meeresarm reichte tief ins Land hinein. Wenn der Wind günstig stand, brauchte man fast acht Stunden von Haithabu bis zum offenen Meer.

Ungefähr die Hälfte dieser Strecke hatten die drei mit der SEEHUND zurückgelegt, waren dann an Land gegangen, um eine Botschaft zu dem Hof von Arnulf dem Fleißigen zu bringen. Das Schiff, das Vigdis’ Vater für Arnulf den Fleißigen zurzeit baute, würde voraussichtlich erst einen Monat später fertig werden. Das hatten sie ausrichten sollen.

Keine angenehme Aufgabe, den Arnulf der Fleißige war überhaupt nicht begeistert davon gewesen, dass er sein Schiff erst später bekommen sollte.

Und so hatte er seinen Ärger an den Überbringern der Nachricht ausgelassen und sie furchtbar angeschimpft. 

Nachdem die drei dann zur Anlegestelle der SEEHUND zurückgekehrt waren, hatten sie ihren mitgebrachten Proviant ausgepackt und etwas gegessen und dabei den ovalen Stein entdeckt. Dieser Stein hatte eine so besondere Form, dass bestimmt besondere Zauberkräfte in ihm schlummerten und es einem Glück brachte, wenn man in den heiligen Runen seinen Namen darauf schrieb.

„Eigentlich müssten wir ja noch ein paar unserer Taten dazu schreiben“, meinte Ragnar.

Vigdis hob die Augenbrauen. „Und was sollten wir da schreiben? Lars, Vigdis und Ragnar wurden von Arnulf dem Fleißigen furchtbar ausgeschimpft und bekamen noch nicht einmal einen Schluck Wasser angeboten, weil Björn Olavson ein Schiff nicht rechtzeitig liefern konnte?“

„Vielleicht würde das zukünftig jeden warnen, der mit einer schlechten Nachricht zum Hof von Arnulf dem Fleißigen unterwegs ist!“, lachte Ragnar. „Meine Güte, hat der geschimpft! Und dabei konnten wir nun wirklich überhaupt nichts dafür.“

„Nicht einmal mein Vater kann etwas dafür, denn wenn die Schiffe der Holzfahrer rechtzeitig in Haithabu angekommen wären, dann hätte alles pünktlich fertig werden können!“

Ragnar nickte.

„Soll Arnulf doch die Götter verfluchen und nicht uns!“

Vigdis atmete tief ein und sah nach dem Stand der Sonne.

„Wir müssen jetzt bald aufbrechen, wenn wir noch vor Einbruch der Dunkelheit zurück im Hafen von Haithabu sein wollen!“, meinte Vigdis, während sie schon einmal damit begann, ein paar der mitgebrachten Sachen wieder einzupacken.

Lars war unterdessen zu einer Anhöhe gelaufen, von der aus man weit sehen konnte.

Er winkte den beiden anderen zu und rief: „Da kommt ein  Schiff!“

„Erkennst du das Segel?“, rief Ragnar zurück.

„Nein.“

Lars kam zurück gelaufen. Vigdis und Ragnar hatten den Rest vom Proviant wieder in die SEEHUND gepackt. Ragnar war nun damit beschäftigt, das Tau zu lösen, mit dem das Boot an einem in Ufernähe wachsenden Baum festgemacht war.

Details

Seiten
500
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738919165
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (November)
Schlagworte
saga ragnar wikinger

Autor

Zurück

Titel: Die ganze Saga: Ragnar der Wikinger