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Schwert und Schild – Sir Morgan, der Löwenritter Band 20: Hexenjagd in Cornwall

2018 120 Seiten

Leseprobe

Schwert und Schild – Sir Morgan, der Löwenritter #Band 20: Hexenjagd in Cornwall

von Tomos Forrest

Zyklus: Die Rebellen von Cornwall, Band 8

––––––––

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IMPRESSUM

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author

© Titelbild: Nach einem Motiv von N.C. Wyeth mit Steve Mayer, 2018

Lektorat: Kerstin Peschel

Ceated by Thomas Ostwald, Alfred Bekker und Jörg Martin Munsonius

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Klappentext

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Der Stellvertreter des Erzbischofs von Canterbury ist Sir Kay of Cynyr, ein finsterer und grausamer Mann, der Frauen quält und foltert, bis sie gestehen, dass sie mit dem Teufel im Bunde sind. Ihm zur Seite steht Hauptmann Maddox, der seinen Herrn beinahe noch in Grausamkeit übertrifft und ein eifriger Helfer bei der Hexenjagd ist. Nur zu gern reitet er in das Hörigendorf von Trewen Castle, in dem er einst von einer Frau abgewiesen wurde ...

***

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1.

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An diesem frühen Morgen herrschte in Cornwall eine eisige Kälte. Der Winter hatte das Land mit Schneestürmen und über wochenlange, niedrige Temperaturen fest im Griff. Unter diesem harten Winter litten besonders die Kleinbauern, die von der ohnehin sehr schlecht ausgefallenen Ernte noch ihren Zehnten an den Sheriff von Cornwall abführen mussten.

Sir Struan of Rosenannon zeigte sich dabei als gnadenloser Despot. Seine Soldaten tauchten überall auf, und wenn sie der Meinung waren, dass man ihnen etwas vorenthielt, wurden die kleinen Häuser, Scheunen und Ställe mit großer Brutalität durchsucht. Stellte sich ihnen jemand von den Bewohnern in den Weg, wurde er niedergeschlagen oder sogar mit einem Schwertstreich getötet. Die Verbitterung gegen Prinz Johann und seinen Sheriff wuchs mit der zunehmenden Kälte, nur ihm gab man die Schuld an der großen Not, die das Land ergriffen hatte.

Pasco, der gerade vierzehnjährige Sohn des Bauern, hatte seine Not, aus dem Haus hinüber in die Scheune zu gelangen, denn über Nacht waren erneut unglaubliche Schneemassen gefallen. Aber er musste in die Scheune, um dort im Heu nach den Eiern zu suchen, die sie dringend für seine kranke Mutter brauchten. Durch die herrschende Kälte hatte sich sein Vater entschlossen, die Hühner aus dem kleinen Stall in die Scheune zu bringen, damit sie nicht erfroren.

Pasco hatte sich etwas ausgedacht, um durch die Schneemassen bis zur Scheune vorzudringen. Dafür nahm er einen der einfachen Holzschemel aus der Stube, schob ihn auf dem Boden vor sich her und machte damit eine Bahn in den weichen Schnee, die es später seinem Vater erleichtern würde, einmal nach dem Vieh zu sehen. Der alte Bauer besaß nur noch zwei Kühe, um die er sich selbst kümmerte, nachdem vor wenigen Monaten das Kalb an einer unbekannten Krankheit verstorben war.

Sein Sohn hatte sich in den letzten Wochen an die Kälte gewöhnt. Ohnehin durch das Arbeiten im Freien abgehärtet, genügte ihm heute Morgen sein einfaches Hemd aus dicker Wolle, eine Bruche und ein paar Wolllappen um die Beine gewickelt, um den Weg zur Scheune begehbar zu machen. Er konnte sogar fröhlich lachen, als er einen Blick in den silbergrauen Himmel warf, der weitere Schneemassen ankündigte.

„Ja, du jagst mir keinen Schrecken mehr ein!“, rief er laut aus, packte den Schemel fester und schob den Schnee beiseite. „Solange wir Holz für den Herd haben und so lange das Korn noch zum Brotbacken reicht, werden wir durchhalten!“ Und mit neuem Schwung schob er einen Schneeberg zusammen und hatte nun mit vor Anstrengung rotem Gesicht und dem Gefühl, dass seine Ohren brannten, das Scheunentor erreicht. Auch hier musste er noch den Schnee beseitigen, um eine der Torhälften so weit zu öffnen, dass er in das Innere schlüpfen konnte.

Hier verhielt er kurz, um seine Augen an die Dunkelheit zu gewöhnen. Im Gegensatz zur herrschenden Kälte war die Temperatur in der Scheune angenehm, und er vernahm das leise Glucken der Hühner, die es sich in einer Ecke im Stroh gemütlich gemacht hatten. Mehr tastend als sehend arbeitete sich Pasco vor und bewegte seine Füße besonders vorsichtig, um nicht eines der kostbaren Eier zu zertreten. Er tastete die warmen Nistmulden der Hühner ab, die sich von ihm kaum verscheuchen ließen. Bei einigen Tieren musste er direkt unter ihnen nachfassen, weil sie sich nicht zur Seite bewegten.

Zu seiner großen Freude hatte er gleich darauf fünf Eier zusammen, die er behutsam auf ein hölzernes Kornscheffel legte und damit die Scheune wieder verließ. Das Tor wieder dicht herangedrückt, den hölzernen Riegel davorgelegt. Anschließend ging es für ihn zunächst einmal in das kleine Haus zurück, dass sich wie geduckt in eine flache Mulde einfügte, die dem Hof so einen minimalen Schutz vor den Stürmen bot.

Sein Vater hatte schon sehr früh die Ränder mit Haselnüssen und Brombeeren bepflanzt. So gaben die dicht gewachsenen Pflanzen nun eine schützende Hecke, die Früchte waren eine willkommene Bereicherung des Speiseplans, insbesondere in der kalten Jahreszeit.

Im Eiskeller hinter dem Haus, einer kleinen Erdaushebung, hielten sich auch die Brombeeren lange Zeit frisch. Pasco lief das Wasser im Munde zusammen, wenn er an den köstlichen, aromatischen, süß-sauren Geschmack der dunklen Beeren dachte. Zu gern wäre er in den Eiskeller gegangen, um sich zwei oder drei der Früchte zu holen, aber diesen Gedanken verwarf er sofort wieder. Jetzt war nicht die Zeit, sich Gedanken um Leckereien zu machen.

Das Herdfeuer war seine erste Arbeit nach dem Aufstehen, und als er jetzt in die warme Bauernstube trat, kochte bereits das Wasser in dem kleinen Kessel. Pasco holte die irdene Schüssel hervor, schüttete die gequetschten Gerstenkörner in das Wasser und begann mit der Zubereitung des täglichen Porridges.

Sein Vater kam aus der Schlafkammer, und mit einem sorgenvollen Blick erkannte Pasco, dass es auch dem alten Mann nicht sonderlich gut ging. Er litt unter der Kälte und trug deshalb sofort nach dem Aufstehen den alten Umhang, oft geflickt und immer wieder bei der Feldarbeit benutzt, solange er überhaupt noch hinter dem Pflug hergehen konnte.

Im kommenden Frühjahr würde Pasco die Feldarbeit weitgehend allein leisten müssen, aber auf diese schwere Arbeit freute er sich bereits, denn das bedeutete doch das Ende der harten Winterzeit und das Heranwachsen in der Natur zu erleben.

Der alte Bauer rückte seinen Schemel nahe an den Herd, begrüßte seinen Sohn freundlich und übernahm die Holzkelle, um damit zu verhindern, dass der Gerstenbrei anbrannte.

Die beiden schreckten aus ihren Tätigkeiten auf, als sie eine brüchige Stimme vor ihrer Tür vernahmen, die ein Lied aus uralten Zeiten sang.

„... wann sie enbißen kaineß brotß, metteß noch winneß noch kainer hand fineß ...“

(„... denn sie hatten kein Brot, keinen Met, keinen Wein und auch gar kein anderes schmackhaftes Getränk ...“)

„Komm herein, Vanora, du wirst dich freuen, wir haben gewärmtes Bier bereit und auch guten Porridge!“, rief mit fröhlicher Stimme Pasco der jetzt Eintretenden zu.

In einen wollenen Umhang gewickelt stand eine große, hagere Frau unbestimmbaren Alters im Raum, gefolgt von einem riesigen, grauhaarigen Wolfshund.

Als sie ihren Umhang mit einer schwungvollen Bewegung herabnahm und zum Herd trat, nickte ihr der Bauer freundlich zu und betrachtete ehrfürchtig ihr Gesicht, das, von zahlreichen Falten gezeichnet, eine ganz eigene Ruhe ausstrahlte. Dazu kam das lange, schneeweiße und noch sehr volle Haar, um Vanora zu einer beeindruckenden Erscheinung zu machen.

„Piran, wie geht es deiner Frau? Hast du ihr die Suppe gegeben und sie mit der Salbe eingerieben, wie ich es dir gesagt habe?“

Der alte Mann nickte zustimmend, bevor er schließlich tief aufseufzte und schließlich antwortete:

„Ach, Vanora, das sind schlimme Zeiten für uns geworden. Einer schlechten Ernte folgt ein harter Winter, und dann die Krankheit – ich habe wenig Hoffnung, das wir Alten noch das Frühjahr erleben.“

Vanora nahm dankbar den von Pasco gereichten Tonbecher mit dem angewärmten Gewürzbier und kostete einen kleinen Schluck.

„Wenn du so redest, möchte man glauben, auch du bist schwer erkrankt. Ich habe dir doch schon gesagt, dass ich alles versuche, um deiner Morwen zu helfen. Aber sie hat zu lange gewartet und immer noch auf dem Feld gearbeitet, als es schon längst Zeit für sie war, sich zu pflegen und zu schonen.“

Der alte Bauer nickte bei seinen Worten ständig vor sich hin, als wolle er jedes Wort noch bestätigen. „Da konnte ich auch nichts machen, Vanora. Immer, wenn sie erschöpft innehalten musste und ich sie bat, doch endlich einmal auf deinen Rat zu hören, war sie störrisch wie ein alter Esel und arbeitete verbissen weiter.“

„Wie ist es mit euren Kornvorräten bestellt?“

„Sir Morgan hat unserem Dorf geholfen und ein ganzes Fuhrwerk gebracht. Ohne ihn würden wir schon alle krank und elend in unseren Hütten auf das Ende warten, das steht einmal fest!“

Vanora trank noch einmal, stand dann auf und ging zur Schlafkammer hinüber.

„Der junge Herr ist schon ein Segen für uns alle. Wir können nur hoffen, dass ihn der Sheriff nicht zu fassen bekommt – dann Gnade ihm Gott!“

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2.

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Shawn hatte an dem heutigen Tag nicht nur die Damen des Hofes unterhalten, sondern auch Prinz Johann und seine Ritter, die Burg Lahnydrock wieder zu ihrem Aufenthaltsort gewählt hatten. Die seltsamen Ereignisse um das Verschwinden der Gefangenen aus dem mächtigen Burgfried (vgl. Schwert und Schild – Sir Morgan, der Löwenritter # Band 19: Das Spiel des Narren Shawn) hatten dem Ansehen des Hofnarren nichts geschadet. Er wurde zwar von Hauptmann Maddox noch immer aufmerksam beobachtet, aber es gab nicht den geringsten Verdacht gegen den Kleinwüchsigen.

Vor allem erfreute er sich seit einiger Zeit der besonderen Gunst von Lady Eurona, der Gemahlin des Sheriffs. Sie hatte längst eigene Pläne, bei der ihrem Mann eine Rolle zukam, die der sich in seinen schlimmsten Träumen nicht ausmalen konnte. Doch die Lady fand Unterstützung durch den Abt Dhorie, der auf ihrer Seite stand und dafür gesorgt hatte, dass Sir Struan of Rosenannon gewisse Dokumente unterzeichnete, die im Zusammenhang mit seiner nicht ganz einwandfrei belegten Abstammung in Frankreich standen.

Aber seit der erfolgreich verlaufenden Flucht von Sir Ronan und seiner Frau Gilian, den Eltern Morgans, bewegte Shawn nur noch ein Gedanke: Die Burg so schnell wie möglich zu verlassen. Aber so einfach sollte sich das nicht gestalten, denn er wollte eines auf gar keinen Fall: Dass man ihn aus irgendeinem Grund verfolgen würde. Seine Verbindung zu Morgan war bekannt, ebenso die Tatsache, dass er mit den Rebellen zu tun hatte, deren Zufluchtsort man in den weitläufigen Sümpfen von Dartmoor vermutete.

Ein Gedanke kam ihm dabei immer wieder. Vielleicht sollte er seinen Tod auf eine ähnliche Weise inszenieren wie das Hauptmann Maddox bei den entflohenen Gefangenen „unfreiwillig“ machen musste. Der wollte natürlich nicht bekennen, dass die Gefangenen aus dem von ihm bewachten Turm entkommen waren. Aber alle Pläne stellten sich letztlich als undurchführbar aus, und so blieb ihm nur die Hoffnung, bei einsetzendem Tauwetter eine Gelegenheit für seine Flucht zu nutzen.

„Shawn, du beherrscht so viele wunderbare Dinge, kannst Kugeln um dich herum tanzen lassen, und Ringe sowie Münzen verschwinden vor unseren Augen. Gibt es etwas, das du uns noch nie gezeigt hast?“, erkundigte sich gerade Lady Eurona, und Shawn musste sich zusammenreißen, so tief in Gedanken versunken war er, dass er nur den ungefähren Sinn verstanden hatte.

„Oh, Mylady, da gäbe es schon noch das eine oder andere Kunststück, aber es ist doch alles nur eitles Blendwerk und wird von Euch durchschaut. Nein, ich habe schon lange nichts Neues mehr ausprobiert“, antwortete Shawn vorsichtig, denn eine direkte Abfuhr bei der hohen Dame getraute er sich nun wirklich nicht.

„Ach Shawn, nun sei nicht so bescheiden und fade noch dazu! In einer Woche feiere ich meinen Geburtstag, und da möchte ich auf Burg Lahnydrock ein besonderes Fest geben. Wenn uns schon der harte Winter dazu zwingt, in dieser langweiligen Umgebung zu verbleiben, keine Gäste einladen zu können und tagein, tagaus das Gesicht meines Gemahls ertragen zu müssen, so will ich doch wenigstens an meinem Ehrentage ein besonderes Fest erleben. Ich ernenne dich hiermit zu meinem persönlichen Oberfestmeister, Shawn! Du wirst mich gewiss nicht enttäuschen!“

Lady Eurona schenkte dem Zwerg ihr liebenswürdigstes Lächeln, und Shawn musste schlucken. Das waren ja tolle Aussichten! Aber er hatte keine andere Wahl und tat so, als würde ihn diese besondere Ehre sehr erfreuen.

„Mylady, ich bin sicher, das ist für mich eine große Herausforderung. Aber ich werde alles dafür tun, dass Mylady einen unvergesslichen Tag erlebt!“

Noch einmal ein Lächeln, dann wandte sie sich einer ihrer Hofdamen zu, die sich vertraulich zu ihr herübergebeugt hatte und ihr etwas zuflüsterte.

Shawn fühlte sich unbehaglich und nutzte die Gelegenheit, sich aus der Halle zu schleichen und seine Kammer aufzusuchen, wo er lustlos auf der Laute herumzupfte, um sich abzulenken. Schließlich gab er das Vorhaben auf, warf sich seinen Wollumhang über die Schultern, verschloss ihn am Hals und ging trotz der Kälte hinüber zum Burgfried, um den Wachsoldaten einmal wieder etwas zu bieten. So hatte er das Vertrauen der Männer gewonnen, und jetzt durfte er seine Besuche nicht plötzlich einschränken, auch wenn es keine weiteren Gefangenen mehr in dem alten, dickbauchigen Turm gab.

Kaum hatte er die schwere Tür geöffnet, als ihn auch lauter Jubel der Soldaten empfing.

„Shawn, herein mit dir, nimm einen Becher Wein und feiere mit uns!“

Verwundert sah der Narr sich um. Die Wache hatte offenbar schon seit längerer Zeit von dem Wein probiert, der in einem großen Fass mitten in der Wachstube stand.

„Gibt es etwas zu feiern, meine Freunde?“

„Und ob, mein Lieber, die beste Nachricht seit langem! Unser geliebter Hauptmann Maddox wird uns verlassen!“, sagte einer der Soldaten und schenkte Shawn mit einer hölzernen Schöpfkelle aus dem Fass den Becher voll.

„Ja aber – warum überhaupt und wohin wird er geschickt?“, erkundigte sich Shawn verwundert.

„Er ist vom Sheriff abkommandiert worden. Sein nächstes Ziel heißt Trewen Castle, zum Glück für uns drei Tagesritte entfernt, und wir werden ihn hier wohl nicht mehr sehen“, erklärte ihm der Mann.

„Ich verstehe das überhaupt nicht, Freunde. Hauptmann Maddox soll nach Trewen Castle, gut. Und welche Aufgaben bekommt er dort?“

Shawn ahnte nichts Gutes, denn diese Burg war früher einmal im Gespräch für den Aufenthalt wichtiger Gefangener. Er selbst hatte die Burg vor einiger Zeit aufgesucht und sich damit in große Gefahr begeben, denn die kleinwüchsige Gestalt des Hofnarren der Launcestons führte leicht zum Wiedererkennen. Damals war aber alles gut gegangen, und er hatte die Gewissheit mitgebracht, dass es sich bei den Gefangenen nicht um Familienmitglieder der Launcestons handelte.

„Ein päpstlicher Gesandter oder jemand vom Erzbischof von Canterbury wird dort erwartet, und der Hauptmann ist zum Schutz des hochgestellten Herrn abkommandiert. Möglicherweise traut man ihm nicht mehr so richtig über den Weg, seit den Todesfällen der letzten Zeit!“ Der Soldat stupste Shawn an und zwinkerte ihm vertraulich zu. Aber da er keine Einzelheiten wissen durfte, stellte er sich erstaunt und sagte nur: „Na, für euch ist es sicher ein Segen, aber der hohe Herr auf Trewen Castle wird sich wundern, wen er da an seine Seite gestellt bekommt!“

Der Soldat schenkte noch einmal nach.

„Wir haben heute wachfrei, denn im Turm gibt es ja schon lange nichts mehr zu bewachen. Aber den Abschied von Maddox müssen wir einfach feiern – morgen übernehmen wir die Torwache, und unsere Kameraden freuen sich schon sehr auf den restlichen Wein!“

„Das glaube ich wohl, liebe Freunde. So, ich habe ausgetrunken und suche meine Kammer auf. Ich muss für Mylady noch einiges planen, da darf ich keinen schweren Kopf haben. Mylady plant ein großes Fest zu ihrem Geburtstag!“

„Oho, Shawn, dann sieh’ dich nur vor, dass du nicht als Festtagsbraten der feinen Dame auf den Teller gelegt wirst!“, lachte sein Zechkumpan, und der Narr machte ein Gesicht, als würde er schon seinem Schlachter gegenüberstehen.

Lautes Lachen begleitete ihn bis zur Tür, wo er sich mit einer komischen Bewegung verabschiedete, seinen Wollumhang griff und rasch in seine Kammer hinüberhuschte.

Trewen Castle! Ein päpstlicher Gesandter! Was hatte das nun wieder zu bedeuten?

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3.

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Das fahle Licht der Wintersonne fiel in die kleine Klosterzelle, die man dem Kranken überlassen hatte. Eben hatte er die Augen aufgeschlagen und sich verwundert umgesehen.

„Morgan! Dann habe ich also nicht nur geträumt!“ Sir Ronan of Launceston griff nach der Hand seines Sohnes, der neben ihm kniete. „Erzähl mir, was geschehen ist, mein Sohn. Ich habe nur undeutliche Erinnerungen an die letzten Stunden!“

Seit zwei Tagen befanden sich seine Eltern nun in der Sicherheit dieses Klosters, und während der gesamten Zeit hatte Morgans Vater auf dem Lager gelegen, das ihm die Mönche bereitet hatten. Zwar gelang es Bruder Infirmarius, dem heilkundigen Mönch, ihm stärkende Brühe einzuflößen und ihn mit einer fiebersenkenden Salbe einzureiben, aber Morgan war sehr besorgt, dass sein Vater die nächste Zeit nicht mehr überleben würde. Doch in den Klöstern galt die Sorge um cura corporis, die Sorge um den Körper, und man versuchte alles, das Leben der Menschen, die in das Kloster kamen, zu retten.

In einem ernsten Gespräch bei der Einlieferung seiner Eltern im Kloster erklärte Abt Geoffrey: „Sir Morgan, wir sind Euch zu großem Dank verpflichtet. Nach den klösterlichen Regeln sind wir zudem verpflichtet, den Hilfesuchenden unsere Unterstützung zu geben, wie wir es nur können.“

„Ich weiß, dass ich viel von Euch verlange, und die Sorge um meine Eltern lässt mich zugleich auch um Eure Sicherheit bangen, verehrter Herr Abt. Wenn Ihr für das Wohl Eurer Mönche in Sorge seid, lasst es mich wissen. Sollte Prinz Johann von dem Aufenthaltsort erfahren, sind alle in der unmittelbaren Umgebung meiner Eltern in großer Gefahr.“

Der Abt unterbrach den Redefluss des Löwenritters mit einer beschwichtigenden Handbewegung.

„Sir Morgan, es ist nicht nur der Glaube, der uns für die Kranken und Schwachen sorgen lässt. Wir sind Euch und Eurer Familie seit vielen Jahren eng verbunden, so wie wir unserem König Richard verbunden sind. Sorgt Euch deshalb nicht weiter um die Unterbringung in unseren Mauern. Zum Gesundheitszustand Eures Vaters, unserem Wohltäter Sir Ronan of Launceston, lasst mich folgendes anmerken. Der Mönch Odo de Meung schrieb vor vielen Jahren das Wissen um die Heilkunde in seinem Werk Macer foridus nieder. Wir haben von diesem wichtigen Buch eine Abschrift, und das Wissen haben wir schon oft mit großem Erfolg angewendet. Sogar in einem scheinbar aussichtlosen Krankheitsfall gab es da einen großen Erfolg, wie Euch bekannt ist.“

Abt Geoffrey erinnerte Morgan mit dieser Andeutung an die ungleichen Brüder, den Mönch Alun und Abt Dhorie.

„Verehrter Abt Geoffrey, ich vertraue Euch ganz und bitte Euch nur darum: Wenn Gefahr durch die Soldaten des Prinzen droht, sendet einen Boten zum alten Römerturm an der Straßenkreuzung nach Plymouth. Dort wird er immer einen der Gefolgsmänner des Roten Jägers finden, und wir können Euch so schnell wie möglich zu Hilfe eilen.“

Der Abt lächelte freundlich. „Nun, Sir Morgan, das wird wohl nicht erforderlich sein. Ich bin sicher, dass niemand sich gegen uns wenden wird, wenn ich ihm die Folgen seines Tuns aufzeige und ihm die Exkommunizierung androhe. Und bei Eurem Vater, Sir Ronan, sieht es ganz danach aus, als benötige er in erster Linie viel Ruhe und eine kräftigende Ernährung. Das ist jedenfalls die feste Meinung unseres Bruders Infirmarius, der mich heute über die Untersuchung Eures Vaters unterrichtet hat.“

Morgan hatte die Erlaubnis, so lange bei seinen Eltern zu verbleiben, wie er es für erforderlich hielt.

Es war der dritte Tag im Kloster. Es ging Sir Ronan offenbar erheblich besser, denn die Reaktion auf die Berührung seines Sohnes war erst der Anfang. Griff der alte Herr von Launceston zunächst nur nach der Hand seines Sohnes, so schlug er gegen Mittag die Augen auf und sah sich verwundert im Raum um und sprach ihn vollkommen klar an, wenn er sich auch nicht mehr an das erste Erwachen und den Bericht seines Sohnes erinnerte.

„Vater, Ihr seid wach und seht wohl aus, Mutter und ich haben uns große Sorgen gemacht!“

Der alte Herr blickte sich um, und hatte, als ihm Morgan in kurzen Sätzen von den Ereignissen berichtete, die zu seinem Aufenthalt im Kloster des Abtes Geoffrey führten, plötzlich geäußert, dass er Hunger verspüre. Ein besseres Signal für seinen Gesundheitszustand konnte es nicht geben, und begeistert eilte Morgan zum Bruder Cellerar, um mit ihm den Speiseplan für seinen Vater zu besprechen.

„Das alles will ich gern für Euren Vater so einrichten“, antwortete der Mönch auf die Vorschläge des Löwenritters. „Aber vor allen Dingen braucht er Stärkung. Hier habe ich einen guten Wein, der das Herz stärkt. Gebt ihm davon, ich veranlasse alles Weitere. Und Sir Morgan: Vertraut uns Mönchen und der liebevollen Pflege Eurer Mutter, Lady Gilian. Unser Abt hat Euch schon bewiesen, dass wir auf unseren rechtmäßigen Herrn hoffen und für seine Rückkehr beten. Wir werden auch alles dafür tun, um Euren Vater wieder gesunden zu lassen.“

„Das weiß ich wohl und danke es Euch, Bruder Cellerar. Nur möchte ich gern selbst etwas beisteuern, damit mein Vater rasch gesundet!“, antwortete Morgan.

„Das könnt Ihr am besten damit tun, dass Ihr ihn in Ruhe gesunden lasst. Die Ruhe im Kloster, das gute Essen und unser Wissen werden ihn schon bald wieder zu dem machen, der er einst war!“

„Die Worte höre ich gern und bete ebenfalls darum, dass sie wahr werden mögen!“, antwortete Morgan mit tiefer Inbrunst.

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4.

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Am nächsten Morgen sah Shawn erheblich gelassener in die Zukunft. Wenn Maddox endlich von Lahnydrock verschwand, würde er sich weniger beobachtet fühlen. Und der Erzbischof von Canterbury war ein Gefolgsmann Richard Löwenherz’, das konnte also nur gut sein. Vielleicht hatte der König selbst diesen Mann gesandt, der nun in seinem Namen die alten Rechte von Johann ohne Land einfordern würde? Schließlich war der Erzbischof, Hubert Walter, selbst an der Seite Richards in das Morgenland gezogen und hatte an seiner Seite gekämpft. Er war zudem vom König beauftragt, seine Geschäfte zu führen, solange er sich in der Gefangenschaft befand.

Hubert Walter, Erzbischof von Canterbury, war zugleich sein Chief Justiciar und oberster Richter Englands. Shawn grinste bei diesem Gedanken unwillkürlich. Das sah doch alles danach aus, als würde Richard aus der Ferne schon Vorbereitungen treffen, um seinen Bruder Johann in die Schranken zu verweisen.

Shawn konnte nicht ahnen, wie weit er in seinen Hoffnungen neben der Realität war.

Jedoch sollte noch einige Zeit vergehen, ehe er die Wahrheit erfahren würde. Heute galten seine ganzen Vorbereitungen dem Geburtstagsfest und einigen Ideen, die er zusammen mit den Musikern durchführen wollte.

Ohne Proben war das nicht möglich, und so erlangte er vom Burgvogt die Genehmigung, die Musiker zusammenzurufen und sie im Knappensaal zur Probe zu bringen.

Dieser Saal wurde eigens für den Zweck geheizt, er diente sonst der Ausbildung der Knappen, die hier tägliche Waffengänge zelebrieren mussten. Leider waren die beiden Kamine kaum ausreichend, um genügend Wärme zu spenden, und schon bald klagten die Musiker über kalte Hände, die sie beim Musizieren hinderten.

So sah sich Shawn erneut zu einem Bittgang gezwungen. Er suchte den Burgvogt ein weiteres Mal auf und erreichte nach einigem Hin und Her und seinem deutlichen Hinweis auf Lady Eurona, dass man noch mehrere Kohlebecken aufstellte, und die Musiker dankbar diese Möglichkeiten nutzten, um die klammen Finger zu wärmen.

Dann war Shawn endlich zufrieden und sah dem großen Ereignis mit Gelassenheit entgegen. Als besonderen Höhepunkt hatte er sich einen Zaubertrick einfallen lassen, mit dem er alle Anwesenden beeindrucken wollte. Bei dem Gedanken an seinen Auftritt konnte er sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Das wäre die Möglichkeit, sich für immer von der Burg Lahnydrock zu verabschieden. Die Feier wäre der Versuch. Wenn er von den Anwesenden in der von ihm geplanten Form als wahrhaftig aufgenommen wurde, wer weiß ...

Shawn wuselte in dem Rittersaal von einer Ecke zur anderen. Mit wenigen Handreichungen hatte er das Gestell errichtet, ein schwarzes Tuch darüber gebreitet und seine Musiker dazu geladen. Sie mussten eine erste Probe noch einmal, dann noch ein weiteres Mal, und schließlich ein drittes Mal überstehen. Zu Shawns Vergnügen waren die Musiker bei jeder Vorführung verblüfft, begannen anschließend, den Raum nach ihm abzusuchen und brachen schließlich in lauten Jubel aus, wenn er sich anschließend wieder zeigte.

Alles schien für den großen Tag bereit zu sein. Für die Feier zum fünfundzwanzigsten Geburtstag von Lady Eurona. Und Shawn, der ehemalige Hofnarr derer von Launceston, war sich sicher, dass er den Gästen ein einmaliges Programm bieten würde. Und am Ende dieses Tages stand sein Verschwinden.

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5.

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Pasco stolperte vor Entsetzen zurück. Er hatte nicht erwartet, beim Betreten des Stalles ein totes Rind vorzufinden. Und doch war in der vergangenen Nacht eine der beiden noch verbliebenen Kühe gestorben – auf unerklärliche Weise. Er trat an den umzäunten Bereich des Stalles heran, weil er die Kuh nicht sehen konnte – und die Zweite ein klägliches Muhen ausstieß.

Pasco trat an die Einfassung und prallte zurück. Die Kuh lag mit weit heraushängender Zunge verendet im Stall, und fieberhaft überlegte er, wie er seinen Vater heute Morgen vom Stall fernhalten konnte. Doch das Problem stellte sich ihm nicht. Als er zurück in die Stube des kleinen Hauses trat, blickte ihn sein Vater mit ängstlichem Gesicht an.

„Morwen – deine Mutter – es geht ihr schlecht!“, stammelte er nur, und Pasco benötigte eine ganze Zeit, um seinen verstörten Vater zu beruhigen. Er brachte ihn zurück in die Schlafkammer der Eltern und betrachtete sorgenvoll seine Mutter, die zusammengekrümmt auf ihrem Lager lag.

Danach eilte er zurück an den Herd, mischte ihren Kräutertee an und verabreichte der Kranken anschließend davon kleine Schlucke. Diese Tätigkeit stellte sich als sehr mühevoll heraus, denn als er den Kopf seiner kranken Mutter leicht anhob, weigerte sie sich zunächst mit fest zusammen gepressten Lippen, etwas von dem Tee zu trinken. Mit viel Geduld gelang es ihm endlich, sie zu überreden, aber schon nach wenigen Schlucken sank sie entkräftet zurück.

Sein Vater hatte sich an das Fußende gesetzt und betrachtete seine Frau, ohne ein Wort zu sagen oder sich ablenken zu lassen. Pasco versuchte mehrfach, ihn dazu zu bewegen, seiner Mutter eine stärkende Suppe zu geben. Dazu war nichts weiter erforderlich, als die Schale mit der längst fertigen Suppe aus dem Topf über dem Feuer zu füllen und ihr Löffel für Löffel einzuflößen.

Alle Versuche, den Vater zur Tätigkeit zu ermuntern, schlugen fehl. Piran blieb auf dem Fußende sitzen und starrte auf den Boden vor sich. Nichts schien ihn ermuntern zu können, und schließlich gab Pasco seine Versuche auf. Er erklärte seinem Vater, dass er unverzüglich aufbrechen wolle, um Vanora aufzusuchen, aber sein Vater zeigte keinerlei Reaktion.

Tief aufseufzend ging Pasco zur Tür, griff nach dem schweren Umhang, sah sich noch einmal die traurige Szene in der Schlafkammer seiner Eltern an und ging gleich darauf entschlossen hinaus, um Hilfe zu holen.

In den vergangenen Stunden hatte es aufgehört, zu schneien, es schien sogar etwas milder geworden zu sein. Unverdrossen stapfte der junge Bauernsohn durch den Wald zu der Hütte der heilkundigen Frau.

Noch bevor er die Lichtung erreichte, bellte der Wolfshund laut und mit sehr dunkler Stimme. Aber Pasco kannte den Hund schon seit langem, und ein schlichter Ruf in die Richtung des Hauses brachte das Tier zum Verstummen.

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738919158
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (April)
Schlagworte
schwert schild morgan löwenritter hexenjagd cornwall

Autor

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Titel: Schwert und Schild – Sir Morgan, der Löwenritter Band 20: Hexenjagd in Cornwall