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Schwert und Schild – Sir Morgan, der Löwenritter Band 19: Das Spiel des Narren Shawn

2018 120 Seiten

Leseprobe

Schwert und Schild – Sir Morgan, der Löwenritter  Band 19: Das Spiel des Narren Shawn

von Tomos Forrest

Zyklus: Die Rebellen von Cornwall, Band 7

––––––––

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IMPRESSUM

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author

© Titelbild: Nach einem Motiv von N.C. Wyeth mit Steve Mayer, 2018

Mitwirkung: Ines Schweighöfer / Lektorat: Kerstin Peschel

Ceated by Thomas Ostwald, Alfred Bekker und Jörg Martin Munsonius

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Klappentext

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Shawn, der ehemalige Hofnarr derer von Launceston erlebt bei seinem geheimen Auftrag auf Burg Lahnydock etwas sehr Merkwürdiges: Lady Eurona, die Ehefrau von Sir Struan of Rosenannon, dem Sheriffs von Cornwall, bietet ihm heimlich ihre Unterstützung an. Will sie ihn damit täuschen, um seine Pläne zu erfahren? Denn dass er Pläne hat, steht außer Frage. Shawn will Gerüchten auf den Grund gehen, wonach sich die Eltern von Sir Morgan of Launceston, Sir Ronan und Lady Gilian, noch immer auf dieser Burg in Gefangenschaft befinden sollen. Er möchte sie unter allen Umständen finden und eine Möglichkeit aufdecken, sollte sich die Geschichte bestätigen, die beiden zu befreien. Ein äußerst gefährliches Unterfangen, lebt er doch mitten unter den ärgsten Feinden, die alle nur darauf warten, dass er sich durch Handlungen oder Worte verrät ...

***

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1.

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Es war aussichtslos. Shawn hatte gerade den Hasen zubereitet und sich ein Stück Fleisch in den Mund geschoben, als er die Soldaten zwischen den Bäumen bemerkte. Nur einen kurzen Moment geriet er in Versuchung, seine Schleuder einzusetzen, als er erkannte, dass sich der Kreis um ihn zusammengezogen hatte. Hier würde es kein Entkommen mehr geben, also blieb ihm nur, den Gegner zu verblüffen.

Sein Rücken war frei von Feinden, denn er hatte den Windbruch gewählt, um hier am Waldrand sein Feuer zu entfachen. Er war den ganzen Tag unterwegs gewesen, um seinen Auftrag zu erfüllen, und dabei müde und hungrig geworden. Gegen Mittag hatte er den Hasen aufgescheucht und ihn mit einem gezielten Schuss aus seiner Schleuder erlegt. Danach war er noch eine Weile weitergeritten, bis er diesen Platz gefunden hatte. Der Schnee war hinter der umgestürzten Tanne geblieben, den Platz davor hatte der Wind freigefegt, und der Baum lieferte ihm genügend trockenes Holz für ein rasch entfachtes Feuer. An eine Begegnung mit einer Patrouille hatte er nicht mehr geglaubt und wurde nun eines Besseren belehrt.

„Nun hört auf, da im Schnee herumzukriechen, kommt ans Feuer, wärmt euch auf und nehmt mit meinen Speiseresten vorlieb. Den Wein müsst ihr aber selbst beisteuern, ich habe nichts mehr!“, rief er laut in die Umgebung, während er den Knochen der Hasenkeule sauber abnagte und dann an die Seite legte. Noch regte sich nichts, und Shawn hatte das Gefühl, dass er sich etwas entspannen konnte. Offenbar zielte niemand mit einem Bogen auf ihn, sonst wäre es wohl schon um ihn geschehen gewesen.

„Hallo, Leute, ihr werdet doch keine Angst vor einem Zwerg haben, oder?“

Jetzt knackte es deutlich hinter dem Windbruch, und gleich darauf schoben sich von zwei Seiten die Soldaten auf ihn zu.

„Du hast ein ganz schön freches Mundwerk, Bursche!“, sagte einer der Männer und starrte ihn finster an. Die Soldaten trugen einfache Umhänge über den Waffenröcken, hielten ihre Schwerter in der Hand und warteten offenbar noch immer auf einen Angriff des Überrumpelten. Aber Shawn blickte noch nicht einmal auf, sondern biss herzhaft von einem zweiten Stück ab und ließ es sich sichtlich schmecken.

Die Männer waren verunsichert, blickten sich untereinander fragend an, schließlich ergriff einer von ihnen erneut das Wort:

„So, nun ist es genug. Steh auf und ergib dich, du bist unser Gefangener!“

Shawn warf dem Sprecher einen seltsamen Blick aus seinem braunen Gesicht zu, biss noch einmal ein Stück Fleisch ab und kaute weiter.

Der Soldat trat dicht auf ihn zu und hielt ihm die Spitze seines Schwertes direkt vor die Augen.

„Vorsicht mit dem Ding!“, sagte Shawn in aller Ruhe. „Das kann leicht ins Auge gehen!“

„Ein echter Witzbold!“, knurrte einer der Soldaten und trat Shawn gegen die kurzen, ausgestreckten Füße. „Hoch mit dir und keine falsche Bewegung, wenn dir dein Leben lieb ist!“

Als Shawn diesem Befehl mit einer unerwarteten Geschwindigkeit nachkam, wichen die Männer doch einen Schritt zurück und erwarteten einen Angriff. Der kleine Mann war aber so durchtrainiert und gewandt, dass er blitzschnell auf seinen Beinen stand und den Sprecher fröhlich anlachte.

„Aber gern, wenn es dir beliebt. Doch was haben wir denn hier?“

Mit einer raschen Bewegung hatte er dem Soldaten ans Ohr gefasst und präsentierte gleich darauf eine kleine Münze.

„Der König zahlt euch wohl sehr viel Sold, dass ihr das Geld so verschwenden könnt?“

Die Soldaten starrten auf die Münze, die ihnen Shawn auf der flachen Hand ausgestreckt präsentierte, dann lachte einer von ihnen laut auf.

„Schluss mit deinen Kunststücken, gib mir deine Hände, damit ich sie dir binden kann!“

„Oho! Was soll das denn bedeuten? Wollt ihr etwa einen ehrlichen Narren fesseln, der euch an seinem Feuer willkommen geheißen hat? Ist das die Gastfreundschaft in Cornwall?“, rief Shawn erstaunt aus und wich bis an den umgestürzten Baum in seinem Rücken.

„Du und ehrlich? Wir kennen dich! Du bist Shawn, der Narr auf Burg Launceston! Aber genug geredet, die Hände her, oder du bereust es!“, schrie ihn jetzt der erste Soldat mit vor Wut gerötetem Gesicht an, und Shawn streckte gehorsam die Hände nach vorn.

„Ja, so ist nun einmal das Leben. Je mehr Ehr’, je mehr Beschwer!“, antwortete Shawn seufzend und wartete scheinbar ergeben, bis der Mann einen Lederriemen hervorgezogen hatte und sich anschickte, ihn um seine Handgelenke zu schlagen. Doch da riss er seine Arme nach oben, befreite sich und war gleich darauf mit einem Salto rückwärts aus den Blicken der Soldaten verschwunden.

„Ergreift ihn und stecht ihn ab!“, brüllte der Rotgesichtige, aber da stand Shawn schon wieder lachend vor ihnen, streckte abwehrend die Hände vor und sagte laut:

„Moment, ihr Leute, ich bin doch froh, dass ihr mich gefunden habt! Schließlich bin ich auf dem Weg zu unserem König Johann, der mich rufen ließ!“

Bei diesen Worten stutzte der Soldat vor ihm in seiner Bewegung und sagte verächtlich: „Wer soll dich wohl gerufen haben, du Missgeburt! Unser König Johann ganz gewiss nicht!“

„Oho, die Herren, ich muss euch wohl doch noch von meinen lauteren Absichten überzeugen, was? Ich bin auf dem Weg zu Englands neuem König, um an seinem Hofe zu singen und den hohen Herren die Wahrheit zu sagen!“

Als der Soldat den Arm nach ihm ausstreckte, tauchte Shawn blitzschnell darunter hindurch und stieß ein meckerndes Lachen aus, als er im Rücken der Soldaten stand. Die Männer fuhren herum, die Schwerter bereit zum Schlag. Aber erneut verblüffte er die Soldaten, denn nun saß er seelenruhig im Sattel seines Esels und deutete hinter sich, wo die Männer in einiger Entfernung ihre Pferde gelassen hatten.

„Was ist jetzt? Können wir endlich aufbrechen? Soll ich euch die Pferde holen oder könnt ihr noch bis dorthin laufen?“

„Na warte, Kerl, dir schlage ich gleich den Schädel ein, und ...“

„Halt, lass ihn!“, fiel dem Rotgesichtigen einer der anderen Soldaten in den Arm. „Er ist ein Narr und macht uns zum Narren! Wenn er hätte fliehen wollen, wäre er schon längst davon. Also, zu den Pferden. Auf seinem alten Esel holen wir den Kerl doch jederzeit wieder ein, sollte er es sich doch anders überlegen!“

Shawn grinste zu dem Sprecher hinüber und sagte:

„Ein weiser Mann, an dem ihr euch wohl ein Beispiel nehmen könnt. Nun auf, ich bin gesättigt und möchte endlich ins Warme!“

Die Soldaten betrachteten ihn misstrauisch, dann blieben drei Mann bei ihm stehen, während die beiden anderen zu den Pferden gingen und sie heranführten. Noch immer hatte Shawn keinen Versuch gemacht, mit seinem Esel zu fliehen. Als die Soldaten nun auch aufsaßen, trieb er sein Reittier an ihre Seite und folgte ihnen ohne ein weiteres Wort.

Zwar warfen ihm die Soldaten noch immer wütende Blicke zu, aber Shawn tat so, als würde er das nicht bemerken. Innerlich hätte er laut jubeln können, als er die Richtung erkannte, in die sie aufbrachen. Dort lag nur eine Burg, und das war Lahnydrock. Wie vor einigen Tagen die Späher gemeldet hatten, war Johann ohne Land im Begriff, diese Burg aufzusuchen, um ein intensives Gespräch mit Sir Struan of Rosenannon, dem Sheriff von Cornwall zu führen.

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2.

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Sir Struan of Rosenannon hatte allen Grund, mit seinem Schicksal zu hadern. Alles ballte sich in wenigen Tagen zusammen, und er hatte alle Hände voll zu tun, um die Ankunft des Prinzen in letzter Minute vorzubereiten.

Zunächst war ihm seine unwillkommene Ehefrau auf die Burg und damit in eine so große Nähe gekommen, drohte mit einem Schreiben an den Papst, sollte er nicht bereit sein, gewisse Papiere zu unterzeichnen.

Aber es kam noch schlimmer – sein eigener Beichtvater, der alte Abt Dhorie, war wieder einmal beteiligt und der Begleiter seiner Gemahlin.

Mitten in diesen unerwarteten Schwierigkeiten meldete ein Kurier die bevorstehende Ankunft von Prinz Johann auf Burg Lahnydrock dem überraschten Sheriff von Cornwall. Noch während der Mundschenk, der Truchsess und der Marschall im großen Saal mit Sir Struan beratschlagten, welche Menüfolge den Prinzen begeistern und zugleich von den Alltagsproblemen ablenken könnte, ritt er mit seinen Getreuen bereits auf den Burghof und war im Saal, bevor Sir Struan auch nur auf die Treppe eilen konnte, um ihm einen entsprechenden Empfang zu bereiten.

Mit kaltem Lächeln empfing Prinz John seinen treuen Gefolgsmann, reichte ihm nachlässig die Hand, die der Sheriff in einer devoten Geste kniend küsste.

„Schon gut, schon gut, Sir Struan, erhebt Euch, was soll das denn, ich lege, wie Ihr wisst, auf solche Dinge keinen Wert!“

Der Prinz war offenbar glänzender Laune und jedermann im Rittersaal wusste, dass genau das Gegenteil der Fall war. Niemand liebte solche Bekundungen mehr als Prinz Johann, der die Abwesenheit seines Bruders Richard nutzte, um seine Macht auszubauen, das Volk zu unterdrücken, seine Reichtümer zu vermehren und sich dabei schon als „König von Britannien“ zu bezeichnen. Wer noch die Anrede „Prinz“ verwendete, riskierte im besten Falle die sofortige Nichtbeachtung seiner Person für alle Zeiten.

„Sire, es ist mir ein Vergnügen, Euch erneut auf dieser Burg willkommen zu heißen. Wenn ich nur ein wenig früher von Eurer Ankunft erfahren hätte, wie gern wäre ich Euch entgegen geeilt und hätte zudem alles unternommen, um Euch, Sire, entsprechend zu bewirten. So aber ...“ Der Sheriff von Cornwall verstummte, als sich Prinz Johann auf einen Stuhl warf und ihn mit einer bestimmenden Geste aufforderte, zu schweigen.

Diener eilten herbei, um dem wichtigen Gast einen Pokal mit dem besten Wein zu kredenzen, den es auf dieser Burg gab. Weitere brachten Platten mit kaltem Braten vom Rind, Schwein, Hirsch und dazu Geflügel herein. Alles war in fliegender Hast zusammengestellt, und Prinz Johann nahm hier etwas, probierte dort mit spitzen Fingern und verhielt sich ganz so, als würde man ihm zumuten, die letzten Dinge aus einem übrig gebliebenem Festmahl zu verspeisen.

Dann kam der gefürchtete Moment, als er sich zurücklehnte, den gefüllten Pokal in der Hand, und Sir Struan aufforderte, Bericht zu erstatten.

„Nun, Majestät, es ist alles zu Eurer Zufriedenheit im Lande. Die Rebellen sind vernichtend geschlagen und lecken in den Sümpfen von Dartmoor ihre blutigen Wunden. Meine Späher haben mir berichtet, dass es sich nur noch um einen verlorenen Haufen handelt, den der Rote Jäger um sich versammeln kann. Sollten wir einen strengen Winter bekommen, wird sich ihre Anzahl wohl noch weiter reduzieren ...“

„Sehr schön, Sir Struan. Ich weiß, dass ich mich auf Euch verlassen kann. Und in welchem Kerker schmachtet indessen der Löwenritter?“

„Der ... der Löwenritter“, widerholte Sir Struan etwas verzweifelt und warf seinem anwesenden Burgvogt einen verzweifelten Blick zu. Der aber rollte nur die Augen und sah dann demonstrativ zur Tür.

„Der Löwenritter, wie sich Morgan of Launceston gern nennen lässt“, fuhr er gleich darauf etwas schwungvoller fort, „also, dieser in Acht und Bann geschriebene Ritter, hat es vorgezogen, England zu verlassen.“

Prinz John richtete sich kerzengerade auf und funkelte den Sheriff über den Tisch hin an.

„Er hat England verlassen? Seid Ihr da ganz sicher, Sir Struan?“

Der Sheriff warf einen Blick in die Runde seiner Getreuen. Der Burgvogt nickte nur unauffällig, während Hauptmann Maddox zu Boden sah. Die anderen Hauptleute schwiegen und wichen ebenfalls seinem Blick aus.

„Aber ja, Sire, aber ja – er ist vor Wochen nach Frankreich geflohen, wie mir zuverlässig berichtet wurde.“

„So, na da haben wir ja einen wichtigen Gegner nicht mehr zu fürchten, was, Sir Struan? Ach – ich vergaß vollkommen, wie überaus unhöflich von mir – wo befindet sich denn Lady Eurona? Ich vermisse sie an Eurer Seite!“

Als hätte jemand Sir Struan einen Schlag in den Rücken verpasst, sprang er plötzlich auf und verbeugte sich tief.

„Sire – meine Gemahlin – ist ein wenig – unwohl, Ihr verzeiht?“

Aber noch bevor Prinz John eine Antwort gab, ertönte ein helles Lachen auf der anderen Seite des Saales. Alle Augen wandten sich auf den hohen Lehnstuhl, der dort an einem der vier Eckkamine stand.

„Mylady – was für eine Freude, Euch so blühend und gesund zu sehen!!“, rief der Prinz, als Lady Eurona sich dort erhob, einen kleinen, silbernen Becher erhob und John entgegen hob.

„Sire – das Vergnügen ist ganz auf meiner Seite. Ihr müsst meinen Gemahl entschuldigen, er war so in Amtsgeschäfte verwickelt, dass er sich nicht von meinem Gesundheitszustand überzeugen konnte. Meine anfänglichen Kopfschmerzen haben sich gelegt und ich bin überglücklich, Eure Majestät hier auf Lahnydrock begrüßen zu dürfen!“

Man hätte das Gesicht von Sir Struan bei diesen Worten sehen müssen. Aber aller Augen hingen an der schlanken Gestalt, die sich sehr anmutig durch den Saal bewegte, vor dem Prinz auf die Knie sank und auf ein Zeichen von ihm neben ihm Platz nahm.

„Lady Eurona – Ihr seid der Glanz auf dieser Burg und das Licht an der Seite meines Sheriffs. Was wäre Lahnydrock, was wäre Castell Launceston, was wäre Cornwall ohne Euch?“

Sir Struan erstarrte zur Salzsäule, während Prinz John einen Handkuss andeutete und dann erneut den Becher hob, um auf ihr Wohl zu trinken.

Aus dieser unangenehmen Situation wurde Sir Struan jedoch befreit, als die Wachen an der Tür einen Mann anhielten, kurz und leise mit ihm sprachen, und dann den frisch eingetroffenen Soldaten zu Sir Struan leiteten.

„Sir, wir haben den Hofnarren gefangen. Sollen wir ihn hereinbringen?“, raunte ihm der Mann zu, und Sir Struan warf einen raschen Blick zum Prinzen, der diese Worte sehr wohl verstanden hatte und dem Soldaten ein Zeichen gab.

„Sire?“, sagte der Mann und sank demütig auf die Knie.

„Habe ich das richtig vernommen? Ihr habt einen Narren gefangen?“ Prinz Johann tat sehr interessiert, aber noch bevor der Soldat antworten konnte, flog etwas an den Türwachen vorbei mitten in den Rittersaal. Die Männer zogen ihre Schwerter, aber ein rascher Befehl des Prinzen ließ sie verharren.

Wie eine menschliche Kugel war Shawn hereingesprungen, schlug eine Reihe von Purzelbäumen, denen ein paar gekonnte Flickflacks folgten. Der Hofnarr von Burg Launceston, der treue Gefolgsmann des Löwenritters, zeigte seine ganze Kunst, als er hier von einer Ecke zur anderen flog, immer wieder neue Kapriolen brachte und schließlich in einer Doppelvolte direkt vor dem Prinz endete.

John starrte den Kleinwüchsigen einen Moment perplex an, dann hob er die Hände und klappte sie ein paar Mal laut ineinander. Shawn erhob sich aus seiner unterwürfigen Haltung, verbeugte sich mehrfach und blieb abwartend stehen.

„Sehr schön, du hast also noch einiges in den alten Knochen, mit dem du uns begeistern kannst. Aber sag mir doch mal, warum du nicht an der Seite des Löwenritters bist? Du bist doch der Hofnarr derer von Launceston, oder irre ich mich?“

Statt einer Antwort sah sich Shawn erst suchend um, dann tat er so, als würde er erst jetzt bemerken, dass er selbst gemeint war, und rief begeistert laut aus:

„Oh Sire, ich ahnte nicht, dass du mich meinst! Ich war der Hofnarr derer von Launceston, zweifellos, aber das ist lange her! Und leben kann ich gewiss nicht davon. Mein Hund heult nur, bis neue Speis ein neuer Herr ihm reicht. Kehr ich zurück und nahm ihn leis – zerfleischt er mich vielleicht!“

Das war mutig, und die Anwesenden hielten für einen Moment den Atem an. Alles starrte auf Prinz Johann, aber der war offenbar von dem kleinen Narren angetan, denn erneut hob er die Hände und schlug sie mehrfach zusammen.

„Ein Narr, und dazu ein weiser Narr. Sag einmal, wie wurdest du gefangen und welches Verbrechen willst du mir gestehen, um mich mild zu stimmen?“ Der Prinz lehnte sich gespannt weiter vor, hielt seinen Pokal mit dem köstlichen Wein dabei so ungeschickt, dass ein wenig auf den Boden tropfte. Das nutzte Shawn sofort, ließ sich auf alle Viere und krabbelte bellend zu den Füßen des Prinzen, leckte dort den Boden sauber und sagte mit lauter Stimme, sodass sie bis in den hintersten Winkel des Rittersaales zu vernehmen war:

„Der Erde köstlichster Gewinn ist frohes Herz und reiner Sinn. Sire, wenn du erlaubst – es verhielt sich ein wenig anders. Ich hatte gehofft, dich zu treffen und künftig dein Hofnarr zu sein. Wie ich weiß, bist du wohl von weisen Räten umgeben, aber niemand rät dir besser als ein Narr – denn der sagt die Wahrheit. Und die Wahrheit ist, dass mich die tumben Soldaten des Sheriffs aufsuchten, als ich einen Hasen auf dem Feuer hatte. Ich lud sie dazu ein, sie wollten aber nicht. Dann wollten sie mit mir haschen spielen, ich aber setzte mich auf meinen Esel und befahl ihnen, mich endlich zu dir zu bringen. Und – siehe da – da bin ich, lieber John!“

Einen Augenblick herrschte vollkommene Stille, man vermeinte, das Atmen der Anwesenden zu hören. Da lachte Prinz John lauthals los, konnte sich nicht wieder beruhigen, schlug sich auf die Schenkel und rief aus:

„Du bist mein Mann, Zwerg, die Stelle des Hofnarren ist hiermit besetzt! Und verstehe mich richtig: Ich erwarte von dir die Wahrheit zu hören! Du hast zu allem Zugang und bist mein persönlicher Narr! Als Zeichen meiner Zustimmung zu deinem Tun nimm diese Kette von mir!“

Damit nestelte Prinz John eine prächtige Kette von seinem Hals, gab dem Narr ein Zeichen, der wuselte rasch heran, und gleich darauf legte ihm der Prinz die Kette eigenhändig um.

„Und nehmt zur Kenntnis – wer den Narren kränkt oder ihm Böses will, tut es mir an!

Wie ist dein Name, Zwerg?“

„Shawn, mein lieber John. Ab sofort sind wir Eins, denn ich nehme deine Wahl an. Du hast gut gewählt, denn fortan wird dein Glanz noch prächtiger, denn wer mich sieht, weiß, was du für eine königliche Erscheinung bist!“

Der kleine Shawn hatte gewonnen, aber das war für ihn selbstverständlich. Die unverschämte Art, wie er mit Prinz John umsprang, konnte ihn in dessen Achtung nur weiter bringen – denn so hatte noch niemand mit dem mächtigsten Mann in England gesprochen.

Das breite Grinsen auf dem Gesicht des Prinzen blieb bestehen, und als es am Abend zur Festtafel ging, saß zu seiner Linken der neue Hofnarr, auf der rechten Seite jedoch Lady Eurona, die von Prinz John wie eine nahe Verwandte behandelt wurde. Sir Struan saß ihm gegenüber, musste sich beherrschen und kochte dabei vor Wut. Das Essen schmeckte ihm nicht, der Wein umso besser, und nach kaum einer Stunde war er so betrunken, dass er sich nicht mehr auf dem Stuhl halten konnte.

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3.

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Mehr als vier Wochen waren nun schon vergangen, und Shawn hatte sich zu einem unentbehrlichen Begleiter des anmaßenden Prinzen gemacht. Auf eine seltsame Weise schienen sie sich zu ergänzen – hier der in sich selbst verliebte Johann, anmaßend, zynisch und brutal – dort der gewitzte Shawn, mit scharfer Zunge und einer Begabung für die Situation. Dazu überzeugte der Narr insbesondere Lady Eurona von seinem Können.

War Prinz Johann trotz der eisigen Kälte im Lande unterwegs, saß er zu ihren Füßen, spielte ihre Lieblingslieder oder erzählte ihr Details, die er von seinem Herrn selbst erfahren hatte. Zum Neid der zahlreichen Höflinge, die mit Johann von einer Burg zu anderen zogen und dabei versuchten, sich überall Vorteile zu erschleichen, hatte Shawn sie alle im Sturm überholt und konnte sich Dinge wie kein anderer herausnehmen.

Das brachte ihm auch so manche Feindschaft unter den Rittern und einige Drohungen, über die er aber stets lachte. Wer ihm feindlich gegenüberstand, musste mit seinem unbarmherzigen Spott rechnen. Es hatte Szenen gegeben, bei denen Ritter zum Schwert griffen und unverhohlene Drohungen gegen den kleinen Narren ausstießen.

Diese edlen Herren sahen sich beim nächsten gemeinsamen Mahl an der Tafel des Prinzen auf so unangenehme Weise mit Hohn und Spott überzogen, dass sie sich hüteten, solche Drohungen öffentlich zu wiederholen. Ein ganz besonderer Feind des Narren war dabei Hauptmann Maddox geworden, der in seiner tumb-brutalen Art für Shawn immer wieder zu einer Herausforderung wurde.

Wer den Hofnarren jedoch genau beobachtet hätte, wäre bald über manches in seinem Verhalten verwundert. So nutzte er seine freie Zeit und streifte durch die gesamte Burganlage, die sich schwarz und düster auf dem Berg erhob. Die Zinnen waren hoch, die Mauern fest – aber es dauerte keine Woche, und Shawn hatte sie vom Boden des Haupthauses bis zu den finsteren Kerkeranlagen durchwandert und sich zahlreiche Details eingeprägt. Nur ein einziger Bereich entzog sich seinem Besuch – der alte Burgfried, ein dicker, sehr alter Turm, der aus frühester Zeit stammte und offenbar besondere Gäste beherbergte, denn die Wachen im unteren Turmzimmer ließen niemand hinein.

Doch Shawn wäre ein schlechter Hofnarr, hätte er sich nicht längst mit den dort stehenden Wachen angefreundet. Schon bald war es klar, dass es sich nur um eine Mannschaft von sechs älteren Soldaten handelte, die im Turm lebten, dort ihre Speisen erhielten und sich abwechselnd in der Türwache den Dienst teilten. Bei den derzeit herrschenden Temperaturen musste jedoch niemand von ihnen vor der Tür stehen. Wer in den Turm kam, konnte aber nur an ihrer offenen Wachstube vorüber und wurde dort abgewiesen.

Es kam der Abend, an dem lange gegessen und getrunken wurde. Prinz Johann befand sich wieder einmal auf Lahnydrock und hatte mit seiner charmanten Art Lady Eurona umgarnt sowie Sir Struan of Rosenannon zur Weißglut gebracht.

Irgendwann erhob sich der Sheriff und entschuldigte sich mit Kopfschmerzen, eilte in sein Schlafgemach und wartete dort auf eine seiner Mägde, die ihm das Bett wärmen sollte. Aber auch hier hatte Shawn seine Finger im Spiel und dem Sheriff von Cornwall wieder einmal die Suppe versalzen. Er tanzte, wirbelte und spielte so geschickt um die Tafel herum, dass es ihm problemlos gelungen war, in den letzten Becher für den Sheriff eine ordentliche Portion Schlafmohn zu mischen, der sehr bald seine Wirkung tat.

Als die auserwählte Magd ganz vorsichtig die Tür zur Schlafkammer öffnete, verkündeten die lauten Schnarchtöne ihres Herrn, dass sie in der heutigen Nacht nicht benötigt wurde.

Unterdessen war Shawn ebenfalls aus dem Rittersaal entlassen worden, hatte sich einen Krug mit Wein geschnappt und war auf dem Weg zum Burgfried. Eisige Kälte schlug ihm entgegen, als er den Burghof betrat, und rasch sah er sich um.

Alles lag still und friedlich unter einem klaren Sternenhimmel, der den Schnee auf dem Burghof mit einem seltsamen Glitzern überzog. Shawn eilte durch den Schnee, bemüht, in die Fußstapfen zu treten, die von den Küchenleuten gemacht wurden, als sie der Wache das Abendessen brachten. Trotzdem ließ es sich nicht verhindern, dass von dem hoch aufgetürmten Schnee etwas in seine Schuhe rutschte, und er spürte das unangenehme Gefühl der eindringenden Nässe, die bald darauf auch seine Zehen erreicht hatte. Doch Shawn verfolgte sein Ziel mit viel Energie und Schwung, öffnete laut die Turmpforte und grüßte fröhlich die Wache.

„O schmutzige Herzen, fürchterliche Münder, verseuchte Lippen, treten in Funktion! Bringt Wein zur Stärkung dieser schwachen Sünder, betäubt mit Wein der lahmen Lenden Hohn!“, begrüßte er sie lauthals und überschwänglich, und die Wachen begrüßten ihn mit lautem Lachen und Willkommensrufen.

Bald darauf war der Wein ausgeschenkt, und selbst die in ihrer Kammer ruhenden Wachen erhielten jeweils einen Becher. Was konnte schon ein Becher schaden? Aber der listige Shawn hatte in seine Verse schon etwas vom „betäuben“ eingeflochten – und auch dieser Wein hatte eine ähnliche Mischung aufzuweisen wie der, den der Sheriff genossen hatte. So blieb die Wirkung nicht aus, schon bald lagen die Männer in den groteskesten Stellungen zusammengesunken, und Shawn nahm entschlossen den großen Schlüssel von seinem Haken an der Wand, lauschte noch in die nächtliche Stille des Burghofes und war gleich darauf an der Tür, die das Treppenhaus versperrte.

Rasch eilte er die Treppenstufen mit einer Öllampe in der Hand hinauf. Gleich darauf war er an einer schweren, massiven Holztüre angelangt. Sie besaß nur eine kleine Öffnung, durch die offenbar die Speisen gereicht wurden. Mittels einer kleinen Holzklappe und einem Riegel wurde sie verschlossen, und Shawn hatte Mühe, an den Riegel zu kommen.

Endlich gelang es ihm, aber ein Blick in das dunkle Innere blieb ihm aufgrund seiner Körpergröße verwehrt. Er lauschte und hörte tiefe, gleichmäßige Atemzüge. Mehrfach versuchte er, sich bemerkbar zu machen – vergeblich. Dann verschloss er die Klappe wieder und eilte zur nächsten Tür, wo sich alles wiederholte. Es gelang ihm nicht, sich den Gefangenen bemerkbar zu machen, und enttäuscht hatte er gerade die zweite Holzklappe wieder verriegelt, als er ein entferntes Geräusch vernahm. Shawn erstarrte, strengte seine Sinne an und war sich nun sicher, dass er eine Tür gehört hatte.

Blitzschnell war er die Treppe hinunter, hatte die Tür verriegelt und den Schlüssel an die Wand in der Wachstube gehängt. Jetzt saß er in der Falle, denn die Tür zum Burgfried wurde knarrend geöffnet. Blitzschnell griff er sich einen geleerten Becher, legte sich zu Füßen der Schlafenden und rollte sich zusammen.

Da stand auch schon Hauptmann Maddox zwischen der Wache und brüllte laut, sodass die Männer aufschraken und sich verwundert umsahen.

„Das nennt ihr wachen? Auf mit euch, sonst lasse ich euch alle auspeitschen und anschließend in den tiefsten Kerker werfen! Ihr pflichtvergessenen Hunde, hoch mit euch!“

Dabei schlug er dem nächsten ins Gesicht, trat den anderen und entdeckte jetzt erst Shawn auf dem Boden, während sich die Soldaten mühsam aufrappelten und aus blöden Gesichtern ihren Hauptmann anstarrten.

„Wen haben wir denn hier?“, schrie Maddox, als er den Narr am Kragen gepackt und hervorgezerrt hatte. „Was hast du hier zu suchen, Bursche?“

Shawn tat, als würde er aus tiefem Schlaf aufschrecken und begrüßte den Hauptmann mit den Worten: „Du leerst den funkelnden Becher kaum, da scheint die Welt dir ein eitler Traum! Hauptmann Maddox – habt Ihr auch noch Durst?“

„Verfluchter Kerl, aber warte, das wird dich lehren, mich zu verspotten!“ Mit diesen Worten holte er aus, um dem Narren eine kräftige Maulschelle zu verpassen. Aber darauf wartete Shawn nicht, sondern trat dem Hauptmann mit dem Fuß so kräftig gegen das Kinn, dass der Mann ihn losließ und dabei nach hinten kippte. Es gab einen mächtigen Knall, und als Shawn sich aufrappelte, erkannte er, dass der Hauptmann mit dem Kopf gegen eine der Holzbänke geschlagen war und ohnmächtig zwischen den Soldaten lag.

„So, jetzt aber schnell, Freunde!“, rief er den Männern zu, die noch immer nicht richtig begriffen hatten, was hier passiert war. „Ihr da – ab mit euch in die Schlafkammer. Ihr wisst von nichts und habt nichts gesehen. Und falls es Fragen geben sollte: Es war Hauptmann Maddox, der euch den Wachdienst mit einem guten Wein versüßen wollte, verstanden? Ich war niemals hier! Vergesst das nicht, damit könnt ihr euren Hals retten!“

Shawn griff den Tonkrug und kippte den Rest des Weines über den Waffenrock des Hauptmanns, drückte den Henkel dem Ohnmächtigen in die Hand und war aus der Wachstube, noch ehe jemand etwas erwidern konnte. Behutsam zog er die Pforte des Turmes wieder zu und achtete sorgfältig darauf, in die alten Spuren zu treten, die er schon beim Hinweg benutzt hatte. Wenige Minuten später war er in seiner Kammer hinter der Küche angelangt, die vom großen Herd genügend Wärme erhielt.

Hier riss er sich die Sachen herunter, warf die nassen Schuhe in eine Ecke und war unter seiner dicken Wolldecke verschwunden. Schlafen konnte er allerdings noch lange nicht, dazu war er durch die Ereignisse viel zu aufgeregt. Aber auch, als er endlich eingeschlafen war, verfolgte ihn der Gedanke in seine Träume, wer in dem Turm gefangen gehalten wurde.

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738919141
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v418878
Schlagworte
schwert schild morgan löwenritter band spiel narren shawn

Autor

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Titel: Schwert und Schild – Sir Morgan, der Löwenritter Band 19: Das Spiel des Narren Shawn