Lade Inhalt...

Henry Rohmer Thriller - Central Park Killer

2018 160 Seiten

Leseprobe

image
image
image

Central Park Killer

image

Thriller von Alfred Bekker (Henry Rohmer)

Der Umfang dieses Ebook entspricht 140 Taschenbuchseiten.

Zwei Menschen werden kurz hintereinander im New Yorker Central Park ermordet. Die Opfer scheinen zunächst nichts gemeinsam zu haben. Als es weitere Tote gibt, kommen die Ermittler schließlich einer krakenhaften Organisation auf die Spur, die von Amerikanern muslimischen Glaubens Schutzgelder erpresst, um damit den heiligen Krieg islamistischer Terror-Kommandos zu finanzieren...

Rasanter Action-Krimi von Henry Rohmer (Alfred Bekker)!

Henry Rohmer ist das Pseudonym des bekannten Fantasy- und Jugendbuch-Autors Alfred Bekker. Daneben schrieb Bekker an zahlreichen Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton Reloaded, John Sinclair und Kommissar X mit.

image
image
image

Copyright

image

Ein CassiopeiaPress E-Book

© 2014 by Author

© 2014 der Digitalausgabe by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de 

image
image
image

1

image

Ein sonniger Nachmittag im Central Park, ganz in der Nähe des Loeb Boathouse. Das Wasser des Lake glitzerte in der Sonne. Auf den Uferpromenaden tummelten sich Jogger und Radfahrer. Jugendliche Skateboardfahrer führten Kunststücke vor. Die wummernden Bässe eines Ghettoblasters mischten sich mit dem Stimmengewirr.

Der Fahrer eines Trekking-Bikes fuhr geschickt zwischen den Scharen von Passanten hindurch. Er trug Radfahrerkleidung und einen hinten spitz zulaufenden Helm.

Der Großteil des Gesichts war von einer Sonnenbrille mit Spiegelgläsern verdeckt.

Der Biker hielt an, stützte sich auf den linken Fuß. Ein kaltes Grinsen umspielte die Lippen, als er den Reißverschluss seiner Bauchtasche öffnete. Seine rechte Hand langte hinein. Die Finger legten sich um den kalten Griff einer Pistole.

Der Blick des Bikers fixierte zwei Männer. Der eine war groß, schlaksig und war mit einem dunklen Anzug bekleidet.

Schon deswegen fiel er unter den Joggern und Skateboardern ziemlich auf. Der andere war klein und breitschultrig. Er trug eine braune Lederjacke. Die beiden waren in ein ziemlich gestenreiches Gespräch verwickelt. Der Mann im Anzug setzte eine Sonnenbrille auf. Sein Gesicht war rot.

Der Breitschultrige in der Lederjacke redete auf ihn ein.

Ein Skateboarder kurvte riskant um die Beiden herum und balancierte dabei auch noch einen Ghetto-Blaster auf den Schultern. Der Mann im Anzug wich ein Stück zur Seite.

Der Biker fasste unterdessen den Griff der Pistole fester, entsicherte sie.

Ein guter Jäger muss den richtigen Moment abwarten!, dachte er kalt. Ein guter Jäger - oder ein Killer!

Er beobachtete, wie der Mann im Anzug in die Jackettinnentasche griff und ein gepolstertes, braunes Couvert herausholte. Der Kerl in der Lederjacke riss es förmlich an sich, verbarg es dann sofort unter der Jacke. Er drehte sich kurz um, ließ den Blick kreisen. Um ein Haar rempelte er einen Jogger an, als er einen Schritt zur Seite machte.

Der Killer erkannte, dass er nicht länger zögern durfte.

Sonst würde es unmöglich werden, beide Männer auf einmal zu töten.

Er fuhr einhändig los, umklammerte dabei nach wie vor den Griff der Waffe, ohne sie jedoch aus der Bauchtasche herauszuholen.

Er trat kräftig in die Pedale, hatte einen hohen Gang eingelegt und beschleunigte. Er hielt direkt auf die beiden Männer zu, riss dann die Pistole hervor. Auf dem Lauf befand sich ein aufgeschraubter Schalldämpfer. Der Mann im dunklen Anzug erkannte als erster die Gefahr. Sein Gesicht verzog sich zu einer Maske des Schreckens. Der erste Schuss des Killers traf ihn mitten in die Stirn. Der Getroffene taumelte zurück, einem Skateboarder direkt in die Arme.

Beide stürzten zu Boden.

Der Mann in der Lederjacke wirbelte unterdessen herum, riss einen kurzläufigen Smith & Wesson-Revolver hervor. Er kam nicht mehr zum Schuss. Einen Sekundenbruchteil, bevor er abdrücken konnte, traf ihn die erste Kugel aus der Schalldämpferwaffe des Bikers im Brustkorb. Das Geräusch, das dabei entstand war nicht lauter als der Schlag mit einer Zeitung.

Der Mann in der Lederjacke sackte in sich zusammen, presste die Hand gegen das Hemd. Rot rann es zwischen seinen Fingern hindurch.

Er ächzte, versuchte den Arm mit dem Revolver noch einmal hochzureißen. Aber der Arm gehorchte ihm nicht mehr. Reglos blieb er liegen.

Der Killer-Biker ließ indessen die Schalldämpfer-Pistole in der Bauchtasche verschwinden, kurvte rücksichtslos zwischen den Joggern und Spaziergängern hindurch. Einen Skateboarder fuhr er brutal um. Der Mann schrie auf, als er die Lenkstange in die Seite bekam. Der Biker beschleunigte, jagte dann quer über eine der Liegewiesen. Er erreichte einen der Wege, die in Richtung des nahen 'Ramble' führten einem teils ziemlich einsamen und menschenleeren Waldstück mitten im Central Park.

Wie erstarrt standen die Passanten da.

Es dauerte ein paar Schrecksekunden, ehe jemand zum Handy griff. Ein Pulk von Schaulustigen bildete sich.

Eine junge Frau mit langen, bis über die Schultern reichenden braunen Haaren drängelte sich entschlossen durch die Passanten hindurch.

Sie trat an den Mann mit Lederjacke heran, kniete sich nieder und beugte sich über ihn.

"Ich bin Ärztin!", rief sie den Leuten zu. "Rufen Sie doch den Emergency Service!"

Der Mann atmete noch ganz flach.

Sie beugte sich über ihn, griff in die Innentasche des Jacketts und holte das braune Couvert heraus. Sie tat so, als wollte sie ihn untersuchen und erste Hilfe leisten.

Niemand bemerkte die Nadel, die plötzlich aus ihrem Schlüsselanhänger herausragte.

Die junge Frau stach zu, nahm den braunen Umschlag und erhob sich.

Sie drängte sich an einem jungen Mann vorbei, der sie misstrauisch anstarrte.

"Wie lange dauert das denn! Der Mann stirbt!", rief sie.

In der Ferne jaulten die Sirenen von Polizei und Rettungswagen.

Aber als die Einsatzkräfte den Ort des Geschehens erreichten, war die junge Frau längst in der anonymen Menge der Gaffer verschwunden.

image
image
image

2

image

Captain Rice Donovan von der Homicide Squad Manhattan Süd begrüßte Milo und mich am Tatort. Die beiden Toten waren bereits von den Beamten des Coroners in die Gerichtsmedizin abtransportiert worden. Markierungen zeigten an, wo sie zu Boden gegangen waren.

Kollegen der Scientific Research Division, dem zentralen Erkennungsdienst aller New Yorker Polizeieinheiten suchten die Umgebung nach Spuren ab, während ein Dutzend NYPD-Beamte damit beschäftigt war, Passanten zu befragen und Personalien aufzunehmen.

"Der Fahrer eines Trekking-Bikes hat zwei Männer offenbar gezielt und kaltblütig erschossen", berichtete Captain Donovan mit ernstem Gesicht. "Der Mann war so schnell weg, dass..."

"Ein Mann?", vergewisserte ich mich.

Donovan nickte. "Den Zeugenaussagen nach ja. Leider war von seinem Gesicht nicht viel zu sehen. Er trug eine dieser modernen Radfahrerbrillen sowie einen Helm. Wir haben alle Leute zusammengetrommelt, die wir auftreiben konnten. Meine Männer suchen jetzt den 'Ramble' ab. Aber die Chancen, dass der Killer sich dort noch versteckt hält, stehen eins zu tausend."

Donovan holte ein paar Polaroids aus der Innentasche seines karierten Jacketts und reichte sie mir. Sie zeigten die Opfer dieses Mordanschlags. Ich gab die Fotos an Milo weiter, nachdem ich sie mir eingehend angesehen hatte.

"Der Mann in der Lederjacke heißt Wynton Jennings. Er ist Privatdetektiv und hat sein Büro in der Lower East Side. Mehr wissen wir noch nicht."

"Der Grund dafür, dass man uns gerufen hat, ist die Identität des zweiten Mannes", sagte Milo.

Donovan nickte. "Jaffar as-Zadik, vermutlich ein islamistischer Top-Terrorist. Jedenfalls steht er auf euren Fahndungslisten, Jesse."

Ich hob die Augenbrauen. Der Name as-Zadik sagte mir durchaus etwas. Er war in der Vergangenheit mit der Terror-Gruppe des Osama bin Laden in Verbindung gebracht worden.

Eigentlich vermuteten wir as-Zadiks Aufenthaltsort eher im Sudan, in Afghanistan oder einer der islamisch geprägten GUS-Republiken, in deren versteppten Weiten ein internationaler Haftbefehl nichts bedeutete.

"Hundertprozentige Sicherheit haben wir natürlich noch nicht, was as-Zadiks Identität angeht", gab Donovan zu. "Die Raster unserer Bilderkennungsprogramme sind ziemlich grob."

Milo sagte: "Soweit ich weiß, gibt es von as-Zadik verhältnismäßig viel Fotomaterial. Mit Hilfe telemetrischer Untersuchungen werden wir in Kürze ziemlich sicher sein."

Im Rahmen telemetrischer Verfahren werden Gesichts- oder Körpermerkmale exakt vermessen, etwa der Abstand der Augen zueinander oder der Abstand zwischen rechtem Auge und rechtem Ohr und so weiter. Dass mehr als fünf solcher Daten bei verschiedenen Menschen exakt übereinstimmen ist extrem unwahrscheinlich. Und bei den von unseren Spezialisten durchgeführten Untersuchungen werden sogar zwölf solcher Merkmale miteinander verglichen. Auf diese Weise lässt sich ein Mensch auch anhand von Fotomaterial identifizieren, das schon Jahrzehnte alt ist.

"Gibt es irgendwelche Hinweise darauf, was as-Zadik hier wollte?", fragte ich.

Donovan zuckte mit den Achseln. "Er hatte eine drei Tage alte Tankquittung in der Hosentasche. Dadurch wissen wir, dass er einen Wagen gefahren hat, der Super-Benzin fährt und sich mindestens seit dem angegebenen Zeitpunkt in den Vereinigten Staaten aufhielt." Donovan rief einen seiner Lieutenants herbei, der uns die Brieftasche zeigte, die man bei as-Zadik gefunden hatte. Darin ein Pass auf den Namen Jason McMillan, amerikanischer Staatsbürger, 42 Jahre alt, geboren in Clarance, Michigan sowie ein mexikanisches Dokument, dass auf den Namen Jorge Rodriguez Gutierra ausgestellt war. "Dass er den Gutierra-Pass bei sich hatte, ist überhaupt der Grund dafür, dass wir so schnell auf as-Zadik gekommen sind", erklärte Donovan. "Diese Identität hat er nämlich früher schon einmal benutzt..."

"Sieht aus, als hätte sich as-Zadik mit diesem Privatdetektiv aus Chelsea treffen wollen und jemand hat das unbedingt verhindern wollen", murmelte ich, während ich mir die Markierungen eingehend ansah, die anzeigten, wo die Toten gelegen hatten.

"Wir haben eine Zeugenaussage, dass der Detektiv noch einige Augenblicke lang gelebt hat", sagte Donovan in meine Gedanken hinein. "Vielleicht hat er dieser Ärztin sogar noch etwas gesagt."

Ich blickte ihn überrascht an. "Welche Ärztin?", hakte ich nach.

"Eine Frau mit langen braunen Haaren, höchstens dreißig. Zeugen zu Folge hat sie behauptet, Ärztin zu sein und sich um den Mann gekümmert. Allerdings war sie verschwunden ehe die Rettungskräfte eintrafen." Donovan verzog das Gesicht.

"Ein Phantombild wird gerade angefertigt. Vielleicht meldet sich diese Frau ja, wenn wir es in der Presse veröffentlichen..."

"Ja, vielleicht", murmelte ich.

Wir sprachen noch mit Sara Corelli, einer SRD-Kollegin, die uns den Reifenabdruck eines Trekking-Bikes zeigte.

"Vielleicht haben wir ja Glück und der Täter hat einen exquisiten Geschmack, was sein Fahrrad-Equipment angeht", meinte sie. "Dann könnte man ihn vielleicht darüber identifizieren."

Der einzige Ansatzpunkt, der Milo und mir für unsere Ermittlungen blieb, war Wynton Jennings, der Privatdetektiv aus der Lower East Side.

So fuhren wir zu der Adresse, die in dem Führerschein gestanden hatte, der bei dem Toten Jennings gefunden worden war: 137 Montgomery Street.

Die Nummer hörte zu einem zehnstöckigen Brownstone-Haus.

Im Erdgeschoss befanden sich kleine Geschäfte, Restaurants und ein Frisör.

Die darüber liegenden Etagen dienten vorwiegend kleineren Firmen als Büroräume. Consulting-Firmen, Steuerberater und Rechtsanwälte residierten hier ebenso wie eine Agentur, die Models vermittelte. In der achten Etage fand sich das Detektiv-Büro Jennings.

Jennings' Firmenschild an der Tür aus Panzerglas zeigte bewusstes Understatement.

W. Jennings, Investigator - das war alles, was dort stand.

Milo betätigte die Gegensprechanlage. Eine Frauenstimme meldete sich. "Ja, bitte?"

"Special Agent Milo Tucker, FBI. Bitte machen Sie die Tür auf."

Eine kurze Pause folgte.

"Mister Jennings ist im Moment nicht zu sprechen", erwiderte die Frauenstimme dann geschäftsmäßig.

"Möglicherweise möchten wir mit Ihnen sprechen, Miss..."

"Mit mir?", echote sie.

Ihre Verunsicherung war deutlich herauszuhören. Es knackte in der Gegensprechanlage. Einige Augenblicke geschah gar nichts, dann schob sich die Panzerglastür mit einem Summen zur Seite. Wir traten ein.

Ein baumlanger Kerl kam aus einem der Räume heraus und trat uns entgegen. Er trug einen dunklen Anzug. Die Beule unter der linken Achsel verriet, dass er bewaffnet war.

"Die Ausweise bitte, G-men!", forderte er.

Wir zeigten ihm unsere ID-Cards.

Der Lange sah sie sich eingehend an, bevor er sie an uns zurückgab.

"Und wer sind Sie?", fragte ich.

"Gordon Brown", knurrte der Lange. "Ich bin ein Mitarbeiter von Mister Jennings."

"Und die charmante Lautsprecherstimme von eben?", fragte Milo.

"Sprechen Sie von mir?"

Wir drehten uns in Richtung der halboffenen Tür herum, durch die man offenbar in die eigentlichen Büros gelangte.

Eine grazile Frau mit langen braunen Haaren musterte uns zunächst abschätzig. Dann trat sie auf uns zu. Die enge Jeans und das knappe T-Shirt verbargen kaum etwas von ihren Reizen. Ihre dunkelbraunen Augen sahen mich an.

"Mara Nolan", sagte sie.

"Auch eine Mitarbeiterin von Mister Jennings?", fragte ich.

"Sie sagen es."

"Wo befindet sich Ihr Boss jetzt?"

Sie verzog spöttisch das feingeschnittene Gesicht.

"Glauben Sie wirklich, dass ich Ihnen so eine Frage beantworten werde, Mister..."

"Special Agent Jesse Trevellian", stellte ich mich vor. "Der Mann, bei dem Sie angestellt sind, wurde vor wenigen Stunden im Central Park ermordet."

Mara Nolan wandte den Kopf, wechselte einen Blick mit Gordon Brown.

Brown hob die Augenbrauen. "Wie ist das passiert?"

"Bevor wir Ihre Fragen beantworten, wäre es nett, wenn wir uns hier ein bisschen umsehen dürften und Sie einige Angaben machen", sagte ich.

Brown atmete tief durch. "Wenn ich nein sagen würde, hätte das wahrscheinlich ohnehin keinen Sinn", knurrte er.

"So ist es. Um in den Räumen eines Ermordeten eine Durchsuchung durchzuführen, brauchen wir nicht einmal einen richterlichen Befehl."

"Das ist Routine.Ich kenne mich aus", erwiderte Brown.

Ich wandte mich an Mara Nolan. "Führen Sie mich ein bisschen in der Agentur herum?"

"Sicher."

Milo zog sich mit Gordon Brown in einen der Empfangsräume zurück, die zur Agentur gehörten. Währenddessen ließ ich mich von Mara in das eigentliche Büro führen. Es bestand aus einem fast hundert Quadratmeter großen Raum, in dem sich mehrere Computeranlagen befanden.

"Ja, die Arbeit eines Private Eye hat sich seit den Zeiten von Philip Marlowe ziemlich verändert", meinte Mara. "Wir verbringen viel Zeit vor dem Bildschirm. Aber Sie kennen das ja aus Ihrem Job."

"Allerdings."

Sie blieb stehen, lehnte sich gegen einen der modernen Bürotische und sah mir direkt in die Augen. "Sie wollten Gordon und mich getrennt befragen, nicht war? Um zu sehen, ob wir Ihnen dieselbe Story erzählen."

Ich lächelte. "Würden Sie nicht dasselbe tun, wenn es Ihr Fall wäre, Miss Nolan?"

"Sagen Sie ruhig Mara zu mir."

"Wenn Sie zu mir Jesse sagen."

Ihr Augenaufschlag war gekonnt. Der Hüftschwung, mit dem sie dann auf den Kaffeeautomaten auf der anderen Seite des Büros ging, auch. Sie wusste genau, wie man die Konzentration eines Mannes nachhaltig stören konnte.

"Wo waren Sie heute zwischen drei und vier Uhr nachmittags?", fand ich schließlich den Faden gerade noch rechtzeitig wieder, bevor es auffiel.

"Hier. Bei der Arbeit."

"Und Mister Brown?"

"Ebenfalls."

"Weitere Zeugen gibt es dafür nicht?"

"Bin ich jetzt verdächtig?"

"Ich stelle lediglich Fragen, Mara. Das ist mein Job."

Sie atmete tief durch. Ihre wohlgeformten Brüste, die sich durch das dünne T-Shirt deutlich abzeichneten, hoben und senkten sich dabei. "Gordon und ich haben an einem Fall gearbeitet. Hier, in diesem Raum am Bildschirm. Und wenn es um ein Alibi geht, dann gibt es vielleicht doch einen Zeugen."

"Und wen?"

"Kollege Computer. Wir haben einige E-Mails versandt und das ist aufgezeichnet worden."

"E-Mails kann man auch zeitverzögert absenden", gab ich zu bedenken.

"Jetzt sagen Sie mir endlich genauer, was mit Wynton passiert ist!", forderte sie.

"Er hat sich bei Loeb's Boathouse im Central Park mit jemandem getroffen."

"Mit wem?", fragte sie sofort, ohne auch eine Sekunde abzuwarten.

"Ich dachte, da könnten Sie mir weiterhelfen", hielt ich mich bedeckt. "Sie haben doch in einer Art Team zusammengearbeitet, wenn ich das richtig sehe."

"Worauf wollen Sie hinaus?"

"Wynton Jennings wird sich doch wohl kaum zu einem konspirativen Treff mit einem Informanten oder etwas Ähnlichem aufgemacht haben, ohne seine Mitarbeiter zu informieren! Schon um der eigenen Sicherheit willen!"

"Sie kannten Wynton nicht!"

"Aber ich kenne die Grundregeln, nach denen sein Job funktioniert!"

Mara lachte auf. Ihr Tonfall war von Bitterkeit geprägt.

"Haben Sie eine Ahnung... Mein Gott, Wynton war der Boss und er hat sich halt nicht gern in die Karten blicken lassen. Aber so war er immer schon. Vom ersten Tag, als ich hier angefangen habe."

"Ihr Boss wurde erschossen. Ebenso der Mann, mit dem er sich getroffen hat. Es wäre nett, wenn Sie mir erklären würden, an was für Fällen Mister Jennings in letzter Zeit gearbeitet hat."

Sie zuckte die Achseln. "Er hatte immer mehrere Sachen nebeneinander her laufen...." Sie tigerte zu einem der Computerterminals hinüber. Ich konnte gerade noch verhindern, dass sie an die Tastatur ging.

Ich umfasste ihr schmales Handgelenk.

"Nichts anfassen, Mara!", forderte ich und ließ sie dann los.

"Wieso?"

"Weil unsere Spezialisten die gesamte EDV-Anlage genauestens unter die Lupe nehmen werden. Dasselbe gilt für alle anderen Unterlagen hier."

Sie zuckte die Achseln. "Tut mir leid. Wollen Sie einen Kaffee?"

"Nichts dagegen."

Sie ging zum Automaten und holte mir einen Becher. Er war bis knapp unter den Rand gefüllt und ich verbrannte mir fast die Finger.

"Sagt Ihnen der Name Jason McMillan etwas?", fragte ich.

"Nein."

"Und Jorge Rodriguez Gutierra?"

"Auch Fehlanzeige. Wynton hat diese Namen nie erwähnt. Was sind das für Leute?"

"Es sind die Decknamen eines Mannes namens Jaffar as-Zadik, der als Top-Terrorist gesucht wird."

Sie hob die Augenbrauen. "Das ist also der Mann mit dem Wynton sich getroffen hat!", schloss sie.

Ich nahm einen Schluck von dem Kaffee und meinte dann: "Es wird Zeit, dass Sie langsam kooperativ werden, Mara. Sonst stecken Sie selbst bis zum Hals mit drin. Und was Verwicklungen in die Aktivitäten internationaler Terroristen angeht, da können Sie bei keinem Staatsanwalt irgendeine Art von Entgegenkommen erwarten!"

Eine leichte Röte überzog ihr Gesicht. Ich hoffte, sie etwas eingeschüchtert zu haben. Mit der Linken griff ich in die Jackentasche und holte mein Handy heraus. Ich rief im Hauptquartier an der Federal Plaza an. In zwanzig Minuten würde hier eine Schar von Spezialisten jedes Staubkorn unter die Lupe nehmen.

image
image
image

3

image

Der Biker trug sein Rad mit dem Rahmen über der linken Schulter. In der Rechten balancierte er eine Pizzaschachtel. In den Gläsern der überdimensionalen Brille spiegelte sich die efeubewachsene Sandsteinfassade des Hauses 234 Clarkson Street. Diese Gebäude war geradezu typisch für Greenwich Village. Mit seinen fünf Geschossen wirkte es winzig gegenüber den gewaltigen Wolkenkratzern von Midtown Manhattan, die im Hintergrund emporragten. Ganz in der Nähe befand sich der J.J.Walker Park. Nur gut hundert Meter danach stieß die Clarkson Street auf die wesentlich belebtere 7th Avenue, auf der man nach Norden, Richtung Central Park gelangen konnte.

Der Biker brachte die vier Stufen hinter sich, die hinauf zur Tür führten, setzte das Rad ab und holte den Schlüssel aus seiner Bauchtasche.

Die Waffe, die er im Central Park vor ein paar Stunden benutzt hatte, befand sich ebenfalls noch dort.

Er hatte überlegt, sie einfach irgendwo im 'Ramble' fallenzulassen. Aber erstens musste er damit rechnen, dass das Waldstück im Central Park von ganzen Cop-Hundertschaften systematisch durchkämmt werden würde und zweitens wäre der Killer sich ohne Waffe irgendwie nackt und ungeschützt vorgekommen.

Mit federnden Schritten betrat er das Apartmenthaus, ließ dabei das Bike neben sich herrollen.

Der Aufzug war groß genug dafür.

Einer der wesentlichen Gründe für den Biker, sich hier eine Wohnung gesucht zu haben.

Sie lag im fünften Stock.

Die Flure waren lang und kahl.

Bei den Leute, die hier wohnten, handelte es sich überwiegend um Singles.

Sie arbeiteten viel und man begegnete ihnen kaum. Auch ein Pluspunkt für diese Wohnlage. Jedenfalls in der Sicht des Bikers.

Er steckte seinen Schlüssel in die Apartmenttür.

Sein Instinkt für Gefahr sagte ihm, dass irgendetwas nicht stimmte, anders war als sonst.

Er wandte den Kopf, fragte sich schon, ob er sich vielleicht etwas einbildete. Dann bemerkte er den Unterschied. Die Kamera der Videoüberwachungsanlage am Ende des Flures... Normalerweise reagierte sie auf jede Bewegung und wäre dem Biker mit ihrem Objektiv gefolgt. Aber das tat sie nicht.

Wahrscheinlich mal wieder defekt, dachte der Biker.

Seit die Anlage auf den neuesten Stand der Technik gebracht worden war, funktionierte sie des Öfteren nicht richtig.

Nicht mein Problem, dachte der Biker. Die Tür sprang vor ihm auf. Er trat ein, stellte das Bike ab. Ein High-Tech-Rad mit Carbonrahmen, ultraleicht und doppelt so teuer wie so mancher Kleinwagen, der draußen neben dem Bürgersteig parkte.

Mit der Hacke gab er der Tür einen Stoß, so dass sie ins Schloss fiel.

"Hallo, Spider!"

Die Stimme kam von der anderen Seite des Raums.

Ein Mann im grauen Anzug stand in der Tür, die zur Küche führte. Er trug einen dunklen Oberlippenbart.

Im Bruchteil einer Sekunde ging die rechte Hand des Bikers zur Bauchtasche, riss sie auf. Die Pizzaschachtel landete auf dem Boden.

Einen Sekundenbruchteil später hielt der Biker die Schalldämpferpistole beidhändig im Anschlag. Der Lauf zeigte auf den Mann im grauen Anzug.

Dieser grinste zynisch.

Der Biker erstarrte.

Dann lachte der Mann in Grau kurz auf.

"Ich sehe, du bist ein bisschen nervös geworden, Spider."

Er kicherte. "Und das in deinem jugendlichen Alter..."

Kopfschütteln. Er deutete mit knapper Geste auf die Pizza.

"Ich hoffe für dich, dass da drin jetzt nicht nur noch Matsche ist."

Spider senkte die Waffe. Er atmete tief durch.

"Was willst du hier?", fragte er dann knapp.

Der Mann im grauen Anzug griff in die Innentasche seines Jacketts, nahm in aller Ruhe ein Zigarettenetui heraus und holte einen schlanken Zigarillo heraus. Er ließ ihn zwischen den Fingern herumtanzen, bevor er ihn schließlich in den Mund steckte. "In den Radionachrichten war von zwei Toten die Rede", stellte er dann fest. "Du hast deinen Job also..."

"Sie müssen wahnsinnig sein, sich hier her zu begeben", sagte Spider, setzte den Radfahrerhelm vom Kopf und nahm die Brille ab. Die Waffe legte er dabei kurz auf einem Tisch ab.

Der Mann im grauen Anzug warf einen nervösen Blick darauf.

Spider blickte sein Gegenüber misstrauisch an, nahm die Waffe wieder an sich und sagte dann: "Es war nicht abgemacht, dass wir uns noch einmal treffen."

"Ich hatte vielleicht vergessen es zu erwähnen, als ich dir den Auftrag erteilte."

Spiders Augen wurden schmal. "Verschwinde!", zischte er.

"Du bringst mich in Gefahr..."

Der Mann im grauen Anzug lachte auf. "Dich? Ich dachte, du bist ein Profi!"

"Eben!"

"Es wäre vielleicht ganz gut, wenn du dir für die nächste Zeit ein möglichst exotisches Reiseziel aussuchst, Spider! Meinst du nicht auch?"

Der junge Mann verzog spöttisch das Gesicht. "Lass das ruhig meine Sorge sein! Ich weiß schon, was ich tue."

"Das will ich hoffen." Der Mann in Grau trat auf Spider zu. Er zündete sich den Zigarillo an, blies Spider den Rauch ins Gesicht. "Jetzt hör mir mal gut zu! Du hättest die Sache beinahe verbockt!"

"Was?"

"Dieser Privatschnüffler war nicht sofort tot! Jemand von uns musste nacharbeiten und hat dabei Kopf und Kragen riskiert!" Der Mann in Grau tätschelte Spiders Wange, die plötzlich jegliche Farbe verloren hatte. "Und du riskierst hier die große Lippe!"

"Ich...ich habe sie beide erwischt!", verteidigte sich der Killer schwach.

"Hast du nicht. Es wird noch 'ne Weile dauern, bis du davon in der Zeitung lesen kannst - aber ich hätte keinen Grund, dir etwas vorzulügen."

Der Killer im Radler-Dress beobachtete sein Gegenüber aufmerksam. "Worauf willst du hinaus?"

"Ich bin großzügig", sagte der Mann in Grau. "Und vor allem will ich keine Schwierigkeiten. Scheint ja im übrigen nun auch alles gut über die Bühne gegangen zu sein. Ich mache dir einen Vorschlag. Du verlässt das Land und setzt dich für'ne Weile zur Ruhe..."

"Du spinnst wohl!", fuhr Spider auf.

"...und du kriegst dafür nochmal die Hälfte deines Honorars obendrauf."

Spider atmete tief durch. Eine Pause entstand. "Klingt nicht schlecht."

Der Mann in Grau grinste zynisch. "Sieh mal, du wirst gar nicht gefragt. Du tust einfach, was ich dir sage - damit wir alle wieder ruhig schlafen können." Er streckte die Hand aus. "Deine Waffe..."

"Was soll das denn jetzt?"

"Ich werde sie für dich entsorgen. Dann packst du das Nötigste zusammen. Draußen wartet ein Wagen auf dich und wird dich zum JFK-Airport bringen."

"Ich wette, du hast auch schon ein Ziel ausgesucht..."

"Die Waffe, Spider..."

Spider zögerte, dann warf er sie dem Mann in Grau zu.

Dieser fing sie mit erstaunlicher Sicherheit mit der Linken.

"Okay", sagte er dann. "Dein Spiel ist vorbei, Spider."

Er hob die Waffe, legte kurz an.

Spiders Augen traten vor Schreck aus ihren Höhlen. Er machte einen Schritt seitwärts, aber es war zu spät, um noch irgendetwas zu unternehmen.

Ein dumpfes 'Plop!' ertönte dreimal kurz hintereinander.

Die einschlagenden Kugeln ließen Spider wie eine Marionette zucken. Dann sackte er zu Boden und blieb reglos liegen. Mit dem Gesicht nach unten. Eine Blutlache bildete sich auf dem Boden.

Der Mann in Grau begann, Spiders Waffe sehr sorgfältig mit einem Taschentuch abzuwischen. Dann legte er sie neben den Kopf des Toten.

An der Tür klingelte es.

Der Mann in Grau blickte auf die Uhr, nickte leicht.

Einen Moment später öffnete er die Apartmenttür. Zwei Männer in dunklen Anzügen standen dort.

"Alles in Ordnung", sagte der Mann in Grau. "Seht zu, dass ihr hier ein bisschen aufräumt."

image
image
image

4

image

In der Detektei Wynton Jennings traten sich unsere Leute regelrecht auf die Füße.

Mehr als ein Dutzend Kollegen, darunter einige Computerfachleute nahmen sich das Büro vor, um Klarheit darüber zu gewinnen, mit was für Fällen sich Wynton Jennings zuletzt beschäftigt hatte.

Außer einem Becher mit heißem Kaffee und einem umwerfenden Augenaufschlag hatte Mara Nolan mir bislang nichts geboten.

Was verwertbare Informationen anging, war sie äußerst zugeknöpft. Ich fragte mich, warum eigentlich. Normalerweise hätte sie jedes Interesse daran haben müssen, dass wir in unseren Ermittlungen schnell vorankamen.

Es sei denn, sie wollte etwas vor uns verbergen.

Irgendetwas stimmte mit dieser Agentur nicht.

Milo war es mit Gordon Brown ganz ähnlich gegangen. Auch ihm war kaum etwas zu entlocken gewesen.

"Komisch, aber ich werde das Gefühl nicht los, dass der Tod Ihres Chefs Ihnen nicht besonders nahegeht", sagte ich.

"Wie kommt das?"

Mara zuckte die Achseln. Ihr Blick wurde in sich gekehrt.

Für Sekundenbruchteile schien der kühle Panzer aus berechnender, geschäftsmäßiger Freundlichkeit aufzubrechen, mit dem sie sich bislang umgeben hatte.

"Wahrscheinlich täuscht das", behauptete sie. "Aber Sie verstehen das ohnehin nicht."

Ich sah sie sie einen Moment lang an. "Versuchen Sie, es mir zu erklären."

"Ich zeige nicht gerne meine Gefühle."

"Hat das einen bestimmten Grund?"

"Einen, der nichts mit dem Mord an Wynton Jennings zu tun hat!"

Ich zuckte die Achseln. "Erzählen Sie mir, was Sie über Ihren Chef wissen."

"Er war mal verheiratet. Seine Ex-Frau lebt in Cleveland und bezog jeden Monat einen dicken Scheck von ihm."

"Kinder?"

"Nein."

Unser Computerspezialist Craig E. Smith entführte mir dann wenig später die hübsche Mara, weil es Schwierigkeiten mit den Passwörtern der EDV-Anlage gab.

Wynton Jennings' Privaträume befanden sich auf derselben Etage wie die Agentur. Zusammen mit unserem Kollegen Fred LaRocca sah ich sie mir an.

Die Spurensicherer waren hier bereits fertig. Agent Sam Folder, einer unserer Erkennungsdienstler, zeigte mir einen in drei Teile zerrissenen Zettel. Sam hatte die Teile nebeneinander auf einen Tisch gelegt.

In krakeliger Schrift stand dort:

LOEB'S BOATHOUSE, 15.30

"War im Papierkorb", berichtete Sam. "Wir machen zwar noch eine Schriftanalyse, aber du kannst davon ausgehen, dass Jennings das selbst geschrieben hat."

Ich sah mich um, entdeckte dann den Papierkorb. In der Nähe befand sich ein Telefonanschluss.

"Er muss heute von as-Zadik oder einem Helfershelfer angerufen worden sein. Schließlich hat Jennings sich nur die Uhrzeit, aber nicht den Tag notiert."

"Stimmt."

"Sam, wir brauchen so schnell wie möglich eine Aufstellung der Telefonanrufe, die heute mit dem Apparat dort geführt wurden oder dort angenommen wurden."

"Ist schon in Arbeit, Jesse."

Ich kratzte mich am Kinn. "Ich bringe das immer noch nicht zusammen. Was will ein internationaler Top-Terrorist von einem Privatdetektiv aus der Lower Eastside?"

"Das Hauptquartier hat vorhin ein paar Informationen durchgegeben, die ganz interessant sind", sagte Sam.

"Scheint, als wären die Kollegen vom Innendienst ziemlich fleißig gewesen..."

"Informationen über as-Zadik?"

"Nein, über Jennings. Er hat vor drei Monaten um ein Haar seine Lizenz verloren. Außerdem spielte er eine dubiose Rolle in einem Mordfall. Es ging um Abdurrahman Walid, einen arabischstämmigen Im- und Export-Kaufmann in Brooklyn..."

"...mit besonders guten Kontakten in den Mittleren Osten", nahm ich an.

Sam zuckte die Achseln. "Vermutlich. Jedenfalls hatte Jennings den Personenschutz für Walid übernommen. Walid wurde von einem Geschäftspartner in einen Coffee Shop in der Barnard Street bestellt. Der Geschäftspartner tauchte aber nicht auf. Jennings fiel plötzlich ein, dass er was im Wagen vergessen hatte und in genau den fünf Minuten in denen er weg war, wurde Walid erschossen."

"Man könnte fast denken, dass Jennings seinen Klienten ans Messer lieferte."

"Der District Attorney dachte das auch - konnte aber nicht genügend Indizien zusammenbekommen. Das Verfahren wurde eingestellt."

Fred und ich gingen zurück in die Büroräume.

Ich wandte mich an Craig.

"Wir brauchen alles, was mit einem Mann namens Walid zusammenhängt", sagte ich.

Gordon Brown und Mara Nolan standen ziemlich genervt in der Nähe. Milo war bei ihnen.

Ich wandte mich an die beiden Angestellten des Mordopfers aus dem Central Park.

"Ihr Boss hat vor einiger Zeit den Personenschutz für einen Mann namens Abdurrahman Walid übernommen. Ist das richtig?"

Mara blickte zu Gordon Brown hinüber. Diese nickte. "Ja, das stimmt", gab er zu.

"Und er hätte deswegen beinahe seine Lizenz verloren."

"Ein übereifriger District Attorney hatte etwas gegen Privatdetektive", sagte Brown gallig. "Aber außer, dass es dem Ruf der Agentur geschadet hat und der Umsatz in den Folgemonaten drastisch zurückging, ist nichts hängengeblieben."

"Sie beide waren in den Auftrag eingebunden?", fragte ich mit Blick auf Gordon und Mara. "Oder wollen Sie mir erzählen, dass Sie von alledem auch nichts gewusst haben und Ihr Boss alles allein gemacht hat!"

Milo ergänzte: "Langsam frage ich mich ohnehin, wozu Mister Jennings überhaupt Angestellte hatte."

"Ich habe Wynton einige Male begleitet", erklärte Gordon Brown. "Dieser Walid fühlte sich von irgendwem bedroht. Mit genaueren Angaben zu seinem Verdacht ist er nie rausgerückt. Sein Sohn Jack hat sogar versucht, ihn wegen Paranoia in eine Irrenanstalt zu bringen." Er zuckte die Achseln. "Naja, jetzt gehört ihm die Firma ja..."

"Scheint, als wären Mister Walid Seniors Ängste begründet gewesen", stellte ich fest.

Gordon Brown sah mir direkt in die Augen. "Verdammt, ich dachte, es geht hier darum, den Mörder von Wynton Jennings zu finden!"

"Und wir dachten, Sie beide hätten am ehesten eine Idee, wo wir da suchen könnten", versetzte Milo.

Ich wandte mich an Mara. Sie wich meinem Blick aus.

"Hatten Sie auch mit dem Fall Walid zu tun?"

"Nein."

"Wie kommt das? Eine so große Agentur sind Sie doch schließlich nicht..."

"Unser Chef hatte wie üblich zu viele Aufträge angenommen und so habe ich wochenlang in diesem Büro am Bildschirm gesessen. Es ging um die Ermittlung des Aufenthaltsortes mehrerer Personen... Kinder, die von geschiedenen Ehegatten entführt wurden und dergleichen. Wir haben eine ganze Menge solcher Fälle bearbeitet." Sie atmete tief durch. Ihre dunklen Augen musterten mich plötzlich. "Unsere Personalien haben Sie, es war ein harter Tag... Vielleicht können Gordon und ich jetzt gehen."

"Nein, Sie werden von unseren Kollegen zu unserem Hauptquartier in der Federal Plaza gebraucht und dort noch einmal eingehend befragt", erwiderte ich.

Sie seufzte. "Muss das sein?"

"Es tut mir leid."

image
image
image

5

image

Die Dunkelheit hatte sich über den Norden Brooklyns gelegt.

Das Firmengelände von WALID INC befand sich im Norden Brooklyns, direkt am East River. Im Norden war die gewaltige, weitgespannte Konstruktion der Williamsburg Bridge zu sehen. Im Süden grenzte das Firmengelände der von Abdurrahman Walid gegründeten Im- und Exportfirma an den alten Navy Yard an.

Das Gelände war hermetisch abgeriegelt. Hohe Stacheldrahtzäune umgaben es. Teilweise waren sie elektrisch geladen. Alle fünf Meter hatte man Warnschilder angebracht.

Bewaffnete Posten mit mannscharfen Dobermännern patrouillierten an den Umgrenzungen entlang.

Das WALID INC-Gelände hatte nur eine offene Flanke.

Die Seite zum Hudson hin, wo sich eine Anlege-Pier befand.

Ein kleinerer Frachter war dort festgemacht. Außerdem eine schneeweiße, etwa zwanzig Meter lange Motoryacht, die eigentlich eher in die Häfen der Hamptons auf Long Island passte, als hier her.

Die Yacht gehörte Jabbar 'Jack' Walid, dem Sohn des ermordeten Firmengründers.

Lautlos näherten sich drei Schlauchboote. Etwa ein Dutzend Mann befanden auf den Booten. Sie trugen dunkle Kleidung und Sturmhauben. Selbst jemand, der aufmerksam den East River beobachtet hätte, hätte sie kaum sehen können.

Auf der anderen Uferseite waren die Lichter der Lower East Side und der sogenannten Alphabet City um die Avenues A, B, C und D zu sehen. Fast wöchentlich eröffneten dort neue Nachtclubs. Aber aus dem Neonschein waren die Boote längst heraus. Die Außenborder waren abgestellt. Fast lautlos glitten Ruderblätter in das graue Wasser des East Rivers.

Hände legten sich um die Griffe von automatischen Pistolen. Schalldämpfer wurden aufgeschraubt.

Keiner dieser Killer sprach ein Wort.

Nur noch wenige Dutzend Yards waren es bis zur Pier.

Zwei Posten zogen dort auf und ab.

Der Dobermann, den einer der Beiden an der kurzen Leine führte, wurde unruhig. Die Kerle starrten auf das Wasser hinaus. Die rechte Hand des zweiten Wachtpostens langte zum Griff der MPi, die er an einem Riemen über der Schulter trug. Der Dobermann knurrte.

Die Wächter bekamen gerade noch mit, wie rote Laserstrahlen von Zielerfassungsgeräten durch die Nacht tanzten.

Für Sekundenbruchteile waren sie an den Kais zu sehen.

Ein Zucken ging gleichzeitig durch die Körper der beiden Männer, ohne dass ein Schussgeräusch zu hören war. Getroffen sanken sie zu Boden. Dem Kerl, der den Dobermann hielt, fiel das Walkie-Talkie aus der kraftlos gewordenen Hand. Das Gerät platschte ins Wasser.

Der Dobermann riss sich los, sprang vorwärts. Eine Sekunde später stürzte das Tier getroffen zu Boden, jaulte auf und blieb liegen.

Ein gezielter Schuss hatte den Hund niedergestreckt.

Von den Sicherheitskräften, die das weitläufige Firmengelände bewachten hatte anscheinend noch niemand die Lage richtig erfasst.

Aber auf der Yacht regte sich etwas.

Jemand kam an Deck, blickte sich suchend um. Ein baumlanger Kerl, in der einen Hand ein Walkie-Talkie, in der anderen eine Automatik.

Sein Blick schweifte umher, registrierte die beiden Leichen. Sein Mund öffnete sich halb. Entsetzen stand in seinen Zügen. Reflexartig entsicherte er die Waffe in seiner Faust. Er wirbelte herum und sah die Boote.

Aber ehe er schießen konnte, sackte er selbst getroffen zusammen. Er fiel über die Reling.

Reglos trieb die Leiche im East River.

Das erste Boot erreichte die Yacht. Einer der Maskierten kletterte an Deck.

Ein zweiter und ein dritter folgten.

Die Tür, die ins Innere der Yacht führte, war halb geöffnet. Ein Bodyguard stürzte mit gezogenem Magnum Revolver hinaus. Er erstarrte mitten in der Bewegung, als er die Maskierten sah.

Mehrere Laserpunkte verharrten zitternd auf dem Oberkörper des Bodyguards.

"Waffe weg!", zischte einer der Maskierten.

Für den Bruchteil eines Augenaufschlags zögerte der Bodyguard. Dann begriff er, dass er nicht den Hauch einer Chance hatte. Der Magnum Revolver fiel zu Boden.

"Umdrehen!"

Er gehorchte.

Einer der Maskierten trat vor, tastete den Bodyguard ab und zischte dann: "Du gehst vor uns her..." Der Maskierte stieß dem Bodyguard den Schalldämpfer seiner Waffe in den Rücken.

Sie gingen ins Innere der Yacht.

Es ging einen schmalen Gang entlang.

Ein Mann kam ihnen entgegen. Er war groß gewachsen, hatte ein kantiges Gesicht, trug Jeans und T-Shirt. Unter der Achsel klemmte ein Schulterholster. Er stutzte, griff zur Waffe, aber ehe er sie herausreißen konnte, zuckte sein Kopf ruckartig zurück. So als ob er einen Schlag gegen die Stirn bekommen hatte. Dort bildete sich ein rote Stelle, die rasch größer wurde. Er taumelte zurück, rutschte dann an der Wand zu Boden.

Der Maskierte, der den Mann erschossen hatte, zischte: "Weiter!"

Wie einen lebenden Schutzschild hatte er den Bodyguard vor sich gehalten. Angstschweiß stand auf dessen Stirn.

"Wo ist Walid?", fragte der Maskierte dann.

Er drückte dem zitternden Bodyguard den Schalldämpfer an die Schläfe.

"In der Messe!"

"Führ uns hin. Wenn du's gut machst, bleibst du am Leben."

"Okay."

Er ging voran. Als er zögerte, gab der Maskierte ihm einen brutalen Stoß in die Nierengegend.

Die Komplizen des Maskierten traten die Kabinentüren auf, die sich rechts und links des Flures befanden. Sie gingen auf Nummer sicher. Zweimal machte es kurz 'plop'. Einer der Eindringlinge gab zwei Schüsse in eine der Kabinen hinein ab. Ein ächzender Laut war von dort zu hören.

Die Tür zur Messe stand offen.

Jabbar 'Jack' Walid saß an einem ovalen Tisch, auf dem Geschäftsunterlagen ausgebreitet herumlagen. Walid war noch jung. Höchstens dreißig. Dunkles, blauschwarzes Haar umrahmte sein Gesicht. Ein bis auf den Millimeter genau ausrasierter Knebelbart zeichnete markante Linien in sein Gesicht.

Er fuhr hoch.

Neben ihm stand ein Mann im dunklen Anzug.

Bevor dieser unter seine Jacke nach einer Waffe greifen konnte, traf ihn eine Kugel in den Bauch. Er klappte zusammen wie ein Taschenmesser.

Der Anführer der Maskierten richtete den Schalldämpfer auf Walid, näherte sich dann dem Inhaber von WALID INC.

"Was wollen Sie?", ächzte Walid.

Sein Gesicht war bleich geworden.

Der Maskierte trat auf ihn zu.

"Sie!", sagte er.

"Wer schickt Sie?"

Der Maskierte lachte. "Wirklich keine Ahnung?"

Einer der anderen Eindringlinge mischte sich ein. Er deutete auf den zitternden Bodyguard. "Was machen wir mit dem hier?"

Der Anführer drehte sich herum. "Den brauchen wir nicht mehr!", erklärte er kalt.

Mit einer raschen Bewegung wirbelte er mit seiner Waffe herum. Er feuerte ohne eine Sekunde zögern. Der Bodyguard brach getroffen in sich zusammen und blieb regungslos liegen.

"Und jetzt zu dir, du Ratte!", zischte der Anführer der Maskierten dann in Richtung von Jabbar 'Jack' Walid. Die Hand mit der Pistole schnellte vor. Zu schnell, als dass Walid sich hätte schützen können. Die Oberseite der Waffe traf ihn an der Nase. Blut schoss heraus. Er wankte zurück, hielt sich dann an einem der Stühle fest.

"Das wird sicher 'ne nette Unterhaltung", vermutete einer der Komplizen mit heiserer Stimme.

image
image
image

6

image

Es war bereits dunkel, als wir im Besprechungszimmer von Mister McKee saßen, dem Chef des FBI Field Office New York.

Außer uns waren noch die Kollegen Fred LaRocca, Clive Caravaggio und Orry Medina anwesend. Max Carter aus der Fahndungsabteilung unseres Innendienstes verspätete sich etwas. Er trug einen Stapel Papier unter dem Arm.

Computerausdrucke und Dossiers, die wir wohl ausgehändigt bekommen würden.

Mandy, die Sekretärin unseres Chefs, betrat mit Max den Raum. Sie servierte jedem von uns einen Becher ihres im gesamten Bundesgebäude an der Federal Plaza berühmten Kaffees.

"Der Fall Jaffar as-Zadik dürfte einige diplomatische Verwicklungen mit sich bringen", erklärte Mister McKee uns.

"Wir haben eine Anfrage an die pakistanische Botschaft gerichtet, um etwas mehr Informationen über diesen Mann zu bekommen. Schließlich war er ja mal Mitglied des pakistanischen Geheimdienstes - und das zu einer Zeit, als dieser Dienst bei der CIA noch als befreundeter Secret Service galt." Mister McKee zuckte die Schultern und deutete auf den Papierstapel, den Max Carter inzwischen auf den Tisch gelegt hatte. "Max hat alles zusammengetragen, was wir über as-Zadik wissen. Es gibt Vermutungen, dass er kein Pakistani ist, sondern aus Syrien stammt. Ein wahres Chamäleon, sehr sprachbegabt."

"Also der Idealfall für jeden Geheimdienst", stellte unser indianischer Kollege Orry Medina fest.

Mister McKee nickte. "As-Zadiks genaues Alter ist unbekannt. Vor zehn Jahren verließ er den Geheimdienst unter ungeklärten Umständen. Möglicherweise erfahren wir von den Pakistanis in dieser Hinsicht etwas mehr."

Jetzt ergriff Max Carter das Wort.

"Unsere Kollegen von der CIA vermuten, dass as-Zadik sich ursprünglich islamistischen Terrororganisationen anschloss, um diese im Auftrag des Geheimdienstes zu unterwandern und zu kontrollieren. Aber offenbar machten diese Leute auf as-Zadik so großen Eindruck, dass er die Seiten wechselte..."

"War er selbst an Attentaten beteiligt?", fragte ich.

Max nickte. "Es gibt eine ganze Reihe von Anschlägen und Morden, mit denen sein Name in Verbindung gebracht wird. Zuletzt soll er vor drei Jahren in Baltimore einen im Exil lebenden iranischen Reformgeistlichen erschossen haben, der für eine moderatere Auslegung des Islams eintrat. Seitdem vermuteten wir ihn in Afghanistan."

Max teilte jedem von uns eines der Dossiers aus, die er vorbereitet hatte.

Mister McKee wandte sich unterdessen an uns. "Bislang haben wir noch keinerlei Hinweise auf den Grund, aus dem as-Zadik sich mit einem eher zweitklassigen Privatdetektiv wie Wynton Jennings getroffen hat."

Unsere Kollegen hatten einen Teil der Computer und Büroanlagen in Jennings' Büro beschlagnahmt und die Spezialisten unseres Innendienstes hatten nun das Vergnügen, alle Daten noch einmal nach versteckten Hinweisen zu durchforsten.

"Bleibt nur Jennings' Verwicklung in den Fall Walid", meinte ich.

"Abdurrahman Walid war kein unbeschriebenes Blatt", erklärte Mister McKee. "Er stand immer wieder unter dem Verdacht, seine Finger im Drogenhandel zu haben. Die Kollegen der DEA konnten ihm das leider ebenso wenig nachweisen wie die Steuerfahndung es in Puncto Geldwäsche geschafft hat."

"Hatte Walid Kontakte zu radikalen islamistischen Organisationen?", erkundigte sich Fred LaRocca.

Max Carter antwortete an Stelle von Mister McKee. "Wir sind noch nicht dazu gekommen, das genauer nachzuprüfen. Im übrigen hat sein Sohn Jabbar - genannt 'Jack' - die Geschäfte seines Vaters nahtlos übernommen. Jack ist gelinde gesagt etwas exzentrisch. Er besitzt ein Haus in Montauk, Long Island und eins in Jersey City. Aber dort ist er so gut wie nie. Statt dessen wohnt er an Bord seiner Luxus-Yacht, die die meiste Zeit an der zu seinem Firmengelände gelegenen Pier liegt."

"Davon habe ich gehört!", meinte Clive Caravaggio. Der flachsblonde Italo-Amerikaner grinste. "In Little Italy werden darüber schon Witze gemacht. Angeblich traut der ängstliche Jack niemandem über den Weg, lässt sich und sein Firmengelände durch eine ganze Armee von Leibwächtern bewachen. Und wenn es hart auf hart kommt, kann er sich mit seiner Yacht jederzeit davonmachen."

"Ein Mann, der offensichtlich unter Paranoia leidet", kommentierte Orry.

"Wenn man an das Schicksal seines Vaters denkt, könnte seine Angst durchaus einen realen Grund haben", vermutete Milo. "Ich frage mich nur, weshalb Abdurrahman Walid einen Mann wie Wynton Jennings für den Personenschutz engagierte, wenn er doch über genug Gorillas verfügte..."

Mister McKee hob die Augenbrauen. "Er hat seinen eigenen Leuten vermutlich nicht mehr getraut."

Eines der Telefone auf Mister McKees Schreibtisch klingelte in diesem Moment.

Der Special Agent in Charge nahm ab.

Während des gesamten Gesprächs sagte er nur ein einziges Wort. "Okay." Dann legte er auf. Sein Blick war ernst.

"Schießerei auf dem Gelände von WALID INC in Brooklyn. Die Kollegen der City Police und der Hafenpolizei sind bereits unterwegs..."

image
image
image

7

image

Wenig später saßen Milo und ich in dem roten Sportwagen, den die Fahrbereitschaft des Field Office mir zur Verfügung stellte. Ich trat das Gaspedal voll durch, während Milo die Seitenscheibe herunterließ und das Blinklicht auf das Dach setzte.

Orry und Clive fuhren zusammen mit Fred LaRocca in einem blauen Chevy, der uns dicht auf den Fersen war. Noch einige weitere Einsatzfahrzeuge machten sich bereit. Es ging jetzt darum, so schnell wie möglich nach Brooklyn zu kommen. Wir fuhren über die Delancey Street, die in die Williamsburg Bridge mündete.

Über dem East River schwebte ein Helikopter der Hafenpolizei.

Zehn Minuten später hatten wir das Gelände von WALID INC. erreicht.

Unsere Kollegen der City Police hatten das Gebiet abgeriegelt. In der Nähe des Eingangstors zum Firmengelände parkten ein halbes Dutzend Einsatzwagen. Lichter blinkten in der Nacht. Uniformierte Cops mit kugelsicheren Westen und MPis im Anschlag kauerten in Deckung.

Ich fuhr den Sportwagen an die Seite. Rasch legten wir Ohrhörer und Mikro an, um ständig Funkverbindung zu haben.

Wir stiegen aus. Die Kevlar-Weste zog ich an, während ich lief. Orry, Clive und Fred waren beinahe gleichzeitig mit uns eingetroffen.

Ich zog die SIG aus dem Gürtelholster, überprüfte die Ladung.

Ein NYPD-Captain sah uns.

Clive hatte den Rang eines stellvertretenden Special Agent in Charge und war damit nach Mister McKee die Nummer 2 im Field Office New York.

Er zeigte dem Captain seinen Ausweis.

Während der Captain uns einen knappen Lagebericht gab, trafen weitere Einsatzfahrzeuge des FBI ein.

Und es wurde geschossen. Irgendwo auf dem Firmengelände von WALID INC. blitzten Mündungsfeuer auf. MPis knatterten los.

Der Captain griff zu seinem Walkie-Talkie.

"Verdammt, was ist da los?", brüllte er in den Apparat hinein. Der Helikopter flog einen Bogen, näherte sich jetzt. Der Lärm war ohrenbetäubend. In einer Kurve flog er wieder hinaus auf den East River Richtung Williamsburg Bridge.

Die Antwort aus dem Walkie-Talkie konnte ich verstehen.

Offenbar war es der Helikopter-Pilot, der da mit verzerrter Stimme sprach.

"Da sind Schlauchboote auf dem East River. Aber wir haben sie wieder verloren..."

"Verdammt..." Der NYPD-Captain wandte sich an uns. "Es hat hier eine Schießerei zwischen Mister Walids Sicherheitsleuten und Eindringlingen gegeben, die versucht haben, die Yacht zu kapern..."

"Sind von den Tätern noch welche an Bord?", fragte ich und blickte dabei zu Walids Yacht hinüber, die noch immer scheinbar friedlich am Pier lag.

Der Captain zuckte die Achseln. "Wissen wir nicht. Die Lage ist unübersichtlich... Wir haben Walids Security-Leute per Megafon aufgefordert, die Waffen niederzulegen, aber die halten sich scheinbar nicht alle daran. Die Hafenpolizei wird diesen Teil des East Rivers mit Booten abfahren..."

Ein zweiter Helikopter tauchte jetzt über den Neonlichtern von Alphabet City auf, flog über die Lower East Side und ließ dann die Kegel seiner Scheinwerfer suchend über das graue Wasser des East Rivers kreisen.

Dann kam eine Meldung über das Walkie-Talkie des Captains.

Einer der Helis hatte ein Schlauchboot entdeckt.

Es strebte am Brooklyn-Ufer des East Rivers entlang, auf die Walabout Bay zu. Dorthin, wo die verwinkelten und unübersichtlichen Hafenbecken des stillgelegten Navy Yards lagen. Vermutlich wartete dort in der unübersichtlichen Brache des ehemaligen Flottenhafens jemand auf die Kerle, um sie abzuholen.

"Wir müssen unbedingt den Navy Yard abriegeln", meinte Clive Caravaggio.

"Sobald Verstärkung da ist!", erwiderte der NYPD-Captain. "Sie sehen doch, wir haben kaum genug Kräfte, um hier die Lage unter Kontrolle zu halten! Außerdem überlassen wir das besser den Kollegen der Hafenpolizei..."

Wieder wurde auf dem WALID INC-Gelände geschossen. Das Mündungsfeuer von MPis blitzte zwischen den blockartigen Containerhallen auf.

"Wir sollten das Gelände jetzt stürmen", meinte Orry.

"Walids Security Guards scheinen nicht im Traum daran zu denken, uns behilflich zu sein."

Clive nickte.

Er war derselben Meinung.

Inzwischen war mehr als ein Dutzend unserer Agenten eingetroffen.

Clive wandte sich an den NYPD-Captain.

"Lassen Sie das uns übernehmen und sorgen Sie dafür, dass niemand das Gelände verlässt."

image
image
image

8

image

Wir stürmten das Gelände. In geduckter Haltung mit der Waffe im Anschlag liefen wir vorwärts. Eine Megafonansage forderte die Walid-Leute nochmals auf, die Waffen niederzulegen.

Vorsichtig pirschten wir uns bis zur ersten Containerhalle.

Immer noch wurde geschossen. Die Lage war absolut chaotisch. Ein Teil der Beleuchtung des Firmengeländes fiel plötzlich aus, was uns den Job ganz sicher nicht erleichterte.

Hinter der ersten Containerhalle überraschten wir zwei der drei der Walid-Leute. Ein vierter lag verwundet am Boden.

Unsere Taschenlampen strahlten sie an.

Sie zuckten herum.

Einer der Männer hielt einen Dobermann an der Leine. Der Maulkorb war abgenommen. Das Tier fletschte die Zähne und knurrte.

"FBI! Waffen weg!", rief unser Kollege Fred LaRocca.

Für den Bruchteil einer Sekunde geschah gar nichts.

Niemand rührte sich. Nur der Dobermann zerrte an seinem Riemen.

"Wir sind Security-Leute!", rief einer der Männer.

"Verdammt, haben Sie die Durchsage nicht gehört!", rief Fred.

"Wir sind beschossen worden!", schrie einer der Kerle und deutete dabei auf den am Boden liegenden Mann.

Im nächsten Moment brach die Hölle los.

MPis knatterten.

Einer der zwei Security-Leute sanken getroffen zu Boden, ehe sie irgendetwas tun konnten. Der Dritte warf sich hin, riss seine Waffe empor und ballerte drauflos.

Wir duckten uns.

Die Schüsse waren aus der Nähe eines Trucks abgefeuert worden. Ein Zwanzigtonner-Sattelschlepper mit einem gewaltigen Container auf dem Fahrgestell.

Für Sekundenbruchteile sah ich eine Gestalt als schattenhaften Umriss. Wahrscheinlich einer der Eindringlinge, der von seinen Komplizen hier zurückgelassen worden war. Jetzt saß er in der Falle. Weder Walids Leuten noch den verschiedenen Polizeieinheiten, die sich inzwischen eingefunden hatten, wollte er in die Hände fallen.

Eine MPi-Salve wurde in unsere Richtung gefeuert.

Wir warfen uns flach auf den Boden, pressten uns so dicht wie möglich auf den Asphalt, während links und rechts die Kugeln einschlugen.

Schreie gellten.

Von den drei Security-Leuten lebte jetzt keiner mehr. Der Dobermann lag ebenfalls blutüberströmt am Boden.

Und einen unserer Kollegen hatte es erwischt.

Fred LaRocca.

Er rang nach Luft.

Milo war bei ihm, kümmerte sich um ihn.

Der Geschosshagel verebbte indessen. Ich sprang auf, riss meine SIG empor und feuerte mehrfach in Richtung des Trucks.

Der Motor sprang an. Eine Tür klappte zu.

Ich blickte seitwärts.

"Ein Schwerverletzter!", meldete Orry über Funk.

"Halb so wild!", rief Fred. "Die Weste hat das meiste abgehalten... Aber mein verdammtes Bein..."

Milo war bei ihm, leistete erste Hilfe.

Inzwischen fuhr der Truck los.

Ich spurtete.

Der Truck setzte sich langsam in Bewegung.

Der Kerl setzte jetzt alles auf eine Karte. Ein Sattelschlepper wie dieser war auch durch eine Polizeisperre nur schwer zu stoppen. Die ungeheure Wucht von zwanzig Tonnen würde alles unter sich zermalmen.

Aber der Fahrer dachte offensichtlich an einen anderen Weg.

Er wollte nicht zum Ausgang des Firmengeländes, wo sich unsere Leute postiert hatten. Stattdessen riss er das Steuer herum, fuhr eine scharfe Kurve. So scharf, dass das Gefährt mit den hinteren Doppelreifen auf der rechten Seite einen Meter in die Luft stieg. Ächzend krachten sie wenig später wieder auf den Asphalt.

Unser Gegner raste einfach auf die äußere Begrenzung des WALID INC-Geländes zu.

Der Zaun war für ihn kein Hindernis.

Und auch nicht die Tatsache, dass alles unter Strom stand. Die Fahrerkabine stellte einen Faraday'schen Käfig dar. Einen sicheren Ort gab es nicht, wenn es darum ging, sich vor elektrischen Entladungen zu schützen. Selbst Blitzeinschläge von mehreren zehntausend Volt wären wirkungslos abgeleitet worden.

Der geheimnisvolle Fahrer ließ den Motor aufheulen. Er hatte etwas Schwierigkeiten mit der Schaltung, aber dann kam der Truck in Gang, beschleunigte, raste auf den Zaun zu.

Ich rannte, so schnell ich konnte.

Dann stoppte ich ab, riss die SIG empor.

Ich zielte.

Fünf Schüsse gab ich ab. Kurz hintereinander.

Ich erwischte das rechte hintere Doppelreifenpaar. Der Truck brach etwas zur Seite aus. Der Fahrer konnte ihn nur mit Mühe unter Kontrolle halten. Das Gefährt raste dennoch weiter auf den Zaun zu. Aber nun prallte es in einem seitlichen Winkel gegen die Barriere. Die volle Wucht des Zwanzigtonners kam daher nicht zur Wirkung. Das hintere Stück brach aus und rutschte herum. Der Geruch von verbranntem Gummi verbreitete sich. Funkensprühend ratschten die bloßen Felgen über den Asphalt. Die Pfeiler, die den Zaun hielten, knickten um. Der Motor des Truck heulte auf.

Aber das Fahrzeug steckte in dem elektrisch geladenen Zaun fest. Wie ein Netz hatte sich der Zaun über die Fahrerkabine gesenkt. Hier und da sprühten zischend Funken.

Inzwischen hatte Orry mich erreicht.

"Um den brauchen wir uns vorerst nicht mehr zu kümmern", meinte er. "Der kann aus dem Truck nicht mehr heraus, solange wir die Stromversogung nicht unterbrochen haben!"

Wenig später erreichte ich zusammen mit Orry die Pier, an dem Walids weiße Yacht lag. Unterwegs hatten wir mehrere tote Security-Leute gefunden.

Die Helikopter überflogen noch immer den East-River, suchten nach dem flüchtigen Schlauchboot, dass sich jetzt irgendwo in den Hafenbecken des alten Navy Yards verkrochen hatte. Über Funk hatte man uns mitgeteilt, das das Gebiet um den alten Hafen der US-Flotte inzwischen weitgehend abgesperrt war. Jedenfalls so gut das in der Kürze der Zeit möglich war. Ein Schnellboot der Hafenpolizei rauschte den East River abwärts.

"Wird nicht so einfach sein, diese Nussschale wieder aufzufinden", meinte Orry. "Die haben sich aber auch die einzige Ecke New Yorks ausgesucht, in der es nachts wirklich dunkel wird - abgesehen von ein paar Straßen in der South Bronx und im Central Park!"

Wieder setzte einer der Helikopter zum Tiefflug über die Hafenbecken des Navy Yards an.

Auf der anderen Seite des East Rivers befanden sich die Piers 34 bis 44, dahinter zwei große Lagerhallen. Der gut beleuchtete Elevated Highway wirkte wie eine Perlenschnur, die sich um die Lower East Side zog.

Ganz in der Nähe leuchtete etwas auf.

Mitten im dunklen, grauen Wasser des East Rivers.

Wie eine Rakete zischte etwas in die Höhe, zog eine Lichtspur in Richtung eines der Helikopter.

Ein Granatwerfer!, durchzuckte es ich.

Sekundenbruchteile später wurde die Nacht zum Tag. Der Heli explodierte.

"Vorsicht!", schrie ich. Aber Orry hatte im selben Moment ebenfalls begriffen, was los war. Wir warfen uns zu Boden.

Der getroffene Helikopter wirkte wie ein Feuerball, zog eine gebogene Fluglinie, die sich immer weiter senkte.

Glühende Metallteile flogen wie Geschosse durch die Luft.

Dann raste der Hubschrauber mit einem zischenden Geräusch in den East River hinein.

Es dauerte nur Augenblicke, bis er versunken war.

Das Patrouillenboot der Hafenpolizei näherte sich.

Aber es war kaum anzunehmen, dass noch Überlebende zu finden wären.

Orry und ich waren noch nicht ganz wieder auf den Beinen, da kam über Funk die Meldung, dass die Täter sich gemeldet hatten. Sie hatten eine der üblichen Frequenzen des Polizeifunks benutzt, um mitzuteilen, dass sie eine Geisel bei sich hatten.

Es handelte sich um niemand anderes als Jabbar 'Jack' Walid.

Ich starrte hinüber zum anderen Ufer.

Orry hielt das Funkgerät in der Hand.

Dort, wo soeben der Granatwerfer abgefeuert worden war, war jetzt nichts mehr zu sehen. Unser zweiter Heli hielt Abstand.

"Die Kollegen sind schon unterwegs, um das Gebiet um die Piers 34 bis 44 abzuriegeln", meinte Orry. "Inklusive Vollsperrung des Elevated Highway."

"Ich fürchte, die kommen zu spät", murmelte ich. Und dann fuhr ich ins Mikro fort: "Hier Trevellian! Ich schlage vor, dass der Heli Orry und mich zur South Street hinüberbringt! Sonst gehen die Kerle uns durch die Lappen!"

image
image
image

9

image

Das Schlauchboot erreichte Pier 44. Drei Maskierte befanden sich an Bord. Dazu ein zitternder Jack Walid. Er saß zusammengekauert da. Die Hände hatten die Maskierten ihm mit Plastikhandschellen auf den Rücken gebunden. Inzwischen hatte Jack es aufgegeben, seine Entführer danach zu fragen, was sie mit ihm vorhatten. Das einzige, was ihm die Fragerei bislang eingebracht hatte, war ein wuchtiger Faustschlag mitten ins Gesicht, der ihn halb betäubt hatte zusammensinken lassen.

Das Schlauchboot verfügte über einen massiven Boden aus lackiertem Holz. Der kleine Granatwerfer, der sich darauf befand, hatte dadurch genug Halt.

"Wir sollten auch den zweiten Heli noch vom Himmel holen", meinte einer der Maskierten.

Für Jack Walid sahen sie alle gleich aus.

"Nein, er ist zu weit weg", gab der offensichtliche Anführer der Gruppe zur Auskunft. "Wir würden ihn verfehlen und wahrscheinlich auch noch auf uns aufmerksam machen."

Einer der Männer sprang an Land. Er hielt ein Tau in der Hand. Jack Walid bekam einen groben Stoß. Er wurde an Land gezerrt.

Als alle an Land waren, wurde das Boot treiben gelassen.

Es driftete zurück auf den East River. Es würde vielleicht irgendwann auf Liberty Island stranden, wenn es die Richtung beibehielt.

"Vielleicht fallen die Cops ja darauf rein", meinte der Anführer der Maskierten.

Jack Walid musterte die Männer. Einer von ihnen trug eine Uzi-Maschinenpistole, die anderen automatische Pistolen mit Schalldämpfer. Den Granatwerfer trug einer der Kerle auf dem Rücken. Keine Chance, etwas zu unternehmen, dachte Walid.

Er bekam einen der Schalldämpfer in die Rippen.

"Los! Vorwärts!"

Sie gingen auf die Lücke zwischen den beiden großen Lagerhallen zu, die sich bei den Piers 34 bis 44 befanden.

Tagsüber herrschte hier reger Betrieb. Die Trucks fuhren im Minutentakt die South Street hinauf, den Zubringer zum Elevated Highway. Aber jetzt war wir kaum etwas los.

Die Maskierten trieben Walid vor sich her, stießen ihn grob.

Dann hatten sie die dem Highway zugewandte Seite der Lagerhäuser erreicht. Dort herrschte rund um die Uhr reger Verkehr. Ein beständiges Rauschen drang zu ihnen hinüber.

Ein Geräuschpegel, der alles andere verschluckte.

Selbst einen noch so gellenden Schrei.

In den Apartmenthäusern auf der anderen Seite des Highway würde davon niemand etwas mitbekommen.

Jack Walid fröstelte.

Das waren Killer.

Zwei langgestreckte Limousinen fuhren vom Highway herunter und hielten schließlich. Walid bekam erneut einen brutalen Stoß, so dass er zu Boden fiel. Hart kam er auf. Er stöhnte auf.

Bei der ersten Limousine öffnete sich die Tür. Ein Mann im dunklen Anzug stieg aus, eilte zur Hintertür und öffnete sie.

"Nein", flüsterte Walid schreckensbleich, während er mit weit aufgerissenen Augen den Mann anstarrte, der gerade ausgestiegen war. Im Highway-Beleuchtung war er ziemlich gut zu sehen. Sein Haar war grau, sein Anzug ebenso. Das Gesicht wirkte wie aus Stein gemeißelt. Der dünne Oberlippenbart setzte einen markanten Akzent.

Der Mann in Grau trat näher.

Der Anführer der Maskierten wandte sich an ihn.

"Ist nicht alles ganz glatt gegangen. Es hat mehr Widerstand gegeben, als erwartet. Und außerdem tauchten die Cops plötzlich auf."

"Ihr habt den Helikopter runtergeholt."

"Ja."

Der Mann in Grau nickte, holte sich einen schlanken Zigarillo aus seinem Etui. "Und wo sind die anderen?"

"Ich hoffe, sie kommen durch."

Der Mann in Grau zündete sich aller Seelenruhe den Zigarillo an, ließ ihn aufglimmen und blies den Rauch in die Nacht. Er deutete auf Jack Walid. "Verpasst ihm ein paar und dann verschwindet!"

"Ich dachte..."

"Den Rest mach' ich."

Ehe Jabbar 'Jack' Walid sich versah, packten ihn zwei der Maskierten. Und dann prasselten die Faustschläge in rascher Folge auf ihn hernieder. Walid konnte sich kaum schützen.

Schließlich waren seine Hände noch immer auf dem Rücken zusammengeschnürt. Walid schrie auf, aber bald verstummte er, sackte schließlich benommen und blutüberströmt in sich zusammen.

"Lasst ihn!", forderte der Mann in Grau. "Ich will, dass er mich noch verstehen kann."

Die Maskierten ließen Walid einfach liegen.

Der Mann in Grau machte ein Zeichen mit Linken. In der anderen balancierte er auf kunstvolle Weise seinen Zigarillo mit zwei Fingern.

Die Maskierten stiegen in die zweite Limousine ein. Der Wagen setzte zurück, fuhr die South Street hinauf und fädelte sich in den Verkehr des Elevated Highway ein.

Der Mann in Grau trat an den am Boden liegenden Walid heran.

Mit dem Fuß berührte er dessen Schulter, drehte Walid herum.

"Du weißt, dass ich Gewalt hasse", behauptete der Mann in Grau. Sein Gesicht verzog sich zu einem zynischen Grinsen.

Er ließ ein wenig Asche seines Zigarillo auf den geschundenen Walid hinunterrieseln. "Ich hoffe, du hast deine Lektion gelernt, Jack." Der Mann in Grau beugte sich nieder, tätschelte Walid die angeschwollene Wange. Walid stöhnte auf. Der Mann in Grau lachte heiser. "Dies ist die letzte Nachhilfestunde in Gehorsam, die ich dir gebe, Jack. Haben wir uns verstanden?"

Details

Seiten
160
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738919110
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (Juni)
Schlagworte
henry rohmer thriller central park killer

Autor

Zurück

Titel: Henry Rohmer Thriller - Central Park Killer