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Ferien Thriller Paket 14 Krimis: Zeuge der Verteidigung und andere Krimis auf 1600 Seiten

von Alfred Bekker (Autor) Horst Bosetzky (Autor) Horst Bieber (Autor) Wolf G. Rahn (Autor) Glenn Stirling (Autor) Hans-Jürgen Raben (Autor)

2018 1600 Seiten

Leseprobe

Ferien Thriller Paket 14 Krimis: Zeuge der Verteidigung und andere Krimis auf 1600 Seiten

Alfred Bekker et al.

Published by Alfred Bekker präsentiert, 2018.

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Ferien Thriller Paket 14 Krimis: Zeuge der Verteidigung und andere Krimis auf 1600 Seiten

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Dieses Buch enthält folgende Krimis:

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ALFRED BEKKER: DIE Waffe

Alfred Bekker: Kubinke und der eiskalte Mord

Wolf G. Rahn: Bount Reiniger stellt eine Falle

Wolf G. Rahn: Der Hunderttausend-Dollar-Job

Horst Bosetzky: Von oben herab

Wolf G. Rahn: Drei Finger

Glenn Stirling: Zeuge der Verteidigung

Wolf G. Rahn: Das entführte Kind

Horst Bosetzky: Archibald Duggan und die bebende Erde

Horst Bosetzky: Archibald Duggan und der Bleistift mit der Todesschrift

Horst Bosetzky: Archibald Duggan und der Mörder in der Geisterbahn

Horst Bieber: Die Kommissarin gibt keine Ruhe

Hans-Jürgen Raben: Viele Grüße an die Hölle

Hans-Jürgen Raben: Suche nach einem Phantom

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ALS DER PRIVATDETEKTIV Bount Reiniger in einen besonders perfiden Fall von Kidnapping hineingezogen wird, tappt er zunächst eine ganze Weile im Dunkeln. Dort, wo er Hilfe erwartet, empfängt ihn nur blanker Hass, und die Eltern des geraubten Kindes drohen vollends zu verzweifeln. Bount ist außer sich, als er zu allem anderen auch noch eine zweite Entführung nicht verhindern kann ...

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Die Waffe

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Kriminalroman von Alfred Bekker

Der Umfang dieses Buchs entspricht 126 Taschenbuchseiten.

Gangs bekriegen sich im erbarmungslosen Kampf um Anteile im Drogengeschäft. Aber die Hintermänner sitzen ganz woanders... Eine Waffe spielt die Schlüsselrolle, denn die Ermittler wissen genau: Nur über diese Waffe führt die Spur zum Killer...

Alfred Bekker ist ein bekannter Autor von Fantasy-Romanen, Krimis und Jugendbüchern. Neben seinen großen Bucherfolgen schrieb er zahlreiche Romane für Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton reloaded, Kommissar X, John Sinclair und Jessica Bannister. Er veröffentlichte auch unter den Namen Neal Chadwick, Henry Rohmer, Conny Walden und Janet Farell.

Titelbild: Steve Mayer

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress E-Book

© by Author

© 2015 der Digitalausgabe by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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1

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Die Morgensonne kroch im Osten über die Dächer der Wolkenkratzer. Im Central Park, der grünen Lunge New Yorks, zwitscherten die ersten Vögel. Hier und da fuhren ein paar Inline Scater oder Mountain Biker die asphaltierten Wege entlang.

Jogger nutzten die Ruhe des Morgens für ihr allmorgendliches Fitness-Programm. Die meisten würden in anderthalb Stunden ihre Sportfunktionskleidung mit einem dreiteiligen Anzug oder einem konservativen Kostüm vertauscht haben, um in Downtown Manhattan ihren Jobs nachzugehen. Aber für einen dieser Jogger galt das nicht. Sein Job musste genau hier erledigt werden – auf dem Weg, der vom Central Park South zur Transverse Road No. 1 führte.

Er trug einen blau gestreiften Jogginganzug auf dessen Rücken die Aufschrift SUPER BOWL zu lesen war.

Als er den Heckscher Playground erreichte, hielt er an. Er atmete tief durch, schüttelte die Arme aus und tat so, als würde er ein paar Lockerungs- und Dehn-Übungen durchführen.

Dann blickte er auf die Uhr.

Sie haben etwas Verspätung, Herr Staatsanwalt, ging es ihm durch den Kopf.

Der vermeintliche Jogger griff kurz unter das Oberteil seines Jogginganzugs und umfasste den Griff der automatischen Pistole.

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2

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James E. Longoria war Mitte fünfzig, aber noch sehr gut in Form. Ein großer Mann, der als Staatsanwalt eisern durchzugreifen wusste. Er bewohnte ein Traumapartment am Ende der Fifth Avenue. Von dort aus hatte man eigentlich immer einen hervorragenden Panoramablick auf den südlichen Teil des Central Park.

Ein Jogger, der am Wegrand nach Atem rang, erweckte kurzzeitig das Interesse des Juristen: Seine Gedanken waren jedoch zu sehr von Aufgaben des vor ihm liegenden Tages erfüllt, als dass er weiter auf den Jogger achtete.

Ein paar knifflige Fälle lagen auf Longorias Schreibtisch. Er hatte sich einen Namen als Hardliner gemacht. Seine Gegner allerdings sprachen davon, dass Longorias Vorgehensweise oft genug am Rande der Rechtsbeugung anzusiedeln war.

Aber das störte den hageren Mann mit den ausgedünnten, grauen Haaren nicht.

Ab und zu warf er einen kurzen Blick nach rechts, wo ein See namens „The Pond“ das Blickfeld beherrschte. Auf der Wasseroberfläche hielt sich hartnäckiger Frühdunst, aber die Sonne würde es in spätestens zwei Stunden zweifellos geschafft haben, die auf dem Wasser liegenden Dunstfelder zu verdrängen.

James E. Longoria bemerkte den Jogger wieder, als er die von Ost nach West den Süden des Central Parks durchziehende Transverse Road No. 1 erreichte.

Der Kerl war ihm gefolgt und hatte es aus irgendeinem Grund vermieden, ihn zu überholen.

Longoria rang nach Luft.

Der Jogger kam näher.

Plötzlich riss er eine Waffe mit aufgeschraubtem Schalldämpfer unter der Kleidung hervor. Sie verfügte über eine Zielerfassung durch Laserpointer. Ein roter Punkt tanzte durch die Luft.

Longoria wich zurück und hob abwehrend die Hände.

Aber für die schnell hintereinander abgefeuerten Kugeln der Automatik war das kein Hindernis. Der vermeintliche Jogger feuerte ein Projektil nach dem anderen ab.

Jedes Mal entstand dabei ein Geräusch, das an ein kräftiges Niesen oder den Schlag mit einer Zeitung erinnerte.

Longorias Körper zuckte. Mit weit aufgerissenen Augen und vollkommen fassungslosen Gesicht stand der Getroffene schwankend da. Weitere Treffer in den hageren Körper ließen ihn zucken. Sein Gesicht verzog sich wie unter großem Schmerz. Dann brach er in sich zusammen und schlug auf den Asphalt. Eine Blutlache bildete sich.

Der Killer drehte sich kurz um. Niemand schien bemerkt zu haben, was er tat.

Vorerst...

Dann rannte er weiter. Er spurtete zur Transverse Road und dort weiter nach links. 

Am Straßenrand wartete ein BMW.

Der Fahrer startete den Motor. Der Killer riss die Beifahrertür auf und sprang hinein.

Mit Vollgas raste der BMW anschließend die Transverse Road No. 1 in westlicher Richtung entlang, vorbei am Heckscher Playground. Am Central Park West bog er nach links und fädelte sich ziemlich brutal in die gerade beginnende erste Welle des Berufsverkehrs ein.

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3

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Mister Jonathan D. McKee, der Chef des FBI Field Office New York, machte ein sehr ernstes Gesicht, als wir in seinem Besprechungszimmer eintrafen.

Ich hatte Milo am Morgen an der bekannten Ecke abgeholt. Es hatte in Strömen geregnet. Mein Kollege Milo Tucker war pitschnass geworden und versuchte sich mit einem Becher von Mandys Kaffee wieder aufzuwärmen.

Außer Milo und mir nahmen noch eine ganze Reihe anderer G-men an der Besprechung teil, darunter unsere Kollegen Leslie Morell und Jay Kronburg. Ebenfalls anwesend war unser indianischer Kollege Orry Medina und Clive Caravaggio, der im Rang eines Special Agent in Charge nach unserem Chef der zweite Mann im Field Office war.

Mister McKee wartete, bis alle sich gesetzt hatten. Die Hände hatte er tief in die Taschen seiner grauen Flanellhose vergraben.

Eine Furche stand mitten auf seiner Stirn.

Seitdem seine Familie durch ein Verbrechen ums Leben gekommen war, hatte Mister McKee sich voll und ganz dem Kampf für das Recht gewidmet. Oft war er der erste von uns, der in den FBI Büros an der Federal Plaza anzutreffen war und abends der letzte, der ging. Zweifellos war er ein Mann, der viel hatte einstecken müssen und den so schnell nichts zu erschüttern vermochte.

Umso mehr machte uns seine augenblickliche Verfassung deutlich, dass etwas wirklich Schlimmes geschehen sein musste.

„Ich bekam vor einer Viertelstunde die Nachricht, dass der Ihnen allen bestens bekannte Staatsanwalt James E. Longoria beim Joggen im Central Park ermordet wurde.“ Mister McKee atmete tief durch und erklärte uns dann, dass unser Kollege Fred LaRocca bereits am Tatort wäre, um die Ermittlungen aufzunehmen. Die FBI-Erkennungsdienstler Agent Sam Folder und Agent Mell Horster waren ebenfalls auf dem Weg zum Tatort an der Transverse Road No. 1, um die Kollegen der Scientific Research Division zu unterstützen. Die SRD ist eigentlich der zentrale Erkennungsdienst für sämtliche New Yorker Polizeieinheiten, aber auch die Police Departments benachbarter Städte wie Yonkers, Union City oder West New York nehmen deren Hilfe bisweilen in Anspruch. Darüber hinaus verfügte das FBI allerdings noch zusätzlich über entsprechende erkennungsdienstliche Kapazitäten.

Die Tür ging auf.

Agent Max Carter, ein Innendienstler aus unserer Fahndungsabteilung, trat ein.

Er hatte sich etwas verspätet, schien dafür aber einen entschuldbaren Grund zu haben. Jedenfalls nickte Mister McKee ihm lediglich zu, woraufhin Max sich zu uns an den Tisch setzte.

„Über die näheren Umstände am Tatort kann ich Ihnen natürlich noch nichts sagen“, erklärte unser Chef. „Es ist leider unvermeidlich, dass die Medien diesen Fall groß aufziehen werden, was unserer Arbeit, wie Sie sich alle denken können, nicht gerade erleichtern wird. Einen Aufruf für Zeugen, die eventuell sachdienliche Hinweise zu machen haben, hat Max bereits dankenswerter Weise an alle großen Zeitungen und Radiosender, sowie die lokalen Fernsehkanäle herausgegeben. Mister Longoria ist schließlich nicht der Einzige gewesen, der um diese Zeit in diesem Teil des Central Park seine Runden gedreht hat. Nach den bisherigen Angaben der Homicide Squad I des 12. Reviers unter Captain Danny Ricardo, ist Longoria wohl aus nächster Nähe erschossen worden. Es gibt einen Zeugen, der glaubt, einen BMW mit quietschenden Reifen davon fahren gesehen zu haben. Es handelt sich um einen Rentner, der um diese Zeit mit seinem Hund im Central Park spazieren geht. Der Hund hat den Toten übrigens gefunden. Alles Weitere wird man erst noch ermitteln müssen.“ Nach einer kurzen Pause des Schweigens setzte Mister McKee noch hinzu: „Der Respekt vor dem Recht scheint auf einem Tiefpunkt angekommen zu sein, wenn jetzt schon Staatsanwälte fürchten müssen, von Gangstern einfach niedergestreckt zu werden. Es ist allgemein bekannt, dass ich mit Mister Longoria nicht immer und in allen Fragen übereingestimmt habe. Aber die Leidenschaft für das Recht als wichtigste Waffe im Kampf gegen das Verbrechen haben wir geteilt. In letzter Zeit haben wir uns auch persönlich etwas näher kennen gelernt. Mister Longoria verlor seine Eltern bereits im Alter von vierzehn Jahren durch einen Amokschützen, der unter dem Einfluss der damals gerade aufkommenden synthetischen Drogen stand. Das hat seinem Kampf gegen das Verbrechen den nötigen Antrieb gegeben. Seit ich das erfuhr, konnte ich ihn noch um einiges besser verstehen...“

„Die Liste derjenigen, die mit James Longoria noch eine Rechnung offen hatten, dürfte ziemlich lang sein“, brach Clive Caravaggio als erster das anschließende, etwas betretene Schweigen. Es kam nicht oft vor, dass unser Chef seine Emotionen nach außen dringen ließ. Wir hatten gerade einen dieser seltenen Momente erlebt und es erschien den meisten von uns wohl irgendwie unangemessen, einfach zur Tagesordnung überzugehen. Aber genau das mussten wir tun, wenn wir den oder die Mörder von James E. Longoria fassen wollten. Es war immer dasselbe. Die Zeit arbeitete zu Gunsten des Täters und für uns begann jedes Mal ein Wettlauf. Spuren verschwanden oder zersetzten sich, Zeugen erinnerten sich nicht mehr richtig. Die Berichte in den Medien würden außerdem dazu führen, dass wir eine ganze Flut von vermeintlichen Hinweisen, Verdächtigungen und vielleicht sogar falschen Geständnissen von psychisch gestörten Wichtigtuern bekamen. Eine unserer kniffligsten Aufgaben war es dann immer, aus dem ganzen Wust das Wenige herauszufiltern, was wirklich relevant war.

Longoria galt insbesondere in Fällen des organisierten Verbrechens als Hardliner, der sich nicht gerne auf einen Deal mit Verdächtigen einließ, die er für schuldig hielt.

„Max war so freundlich, schon mal ein paar Fälle herauszusuchen, in denen jemand blutige Rache gegenüber Staatsanwalt Longoria geschworen hat oder ihn bedrohte“, erklärte Mister McKee. Er wandte sich an Max Carter und fragte: „Was haben Sie gefunden?“

„Da ist zum Beispiel Shane Kimble, ein Gang-Leader aus der Bronx, der jetzt eine halbe Ewigkeit in Rikers Island absitzen muss“, erläuterte Max. „Ein Komplize hat gegen Kimble ausgesagt, nachdem Longoria ihm ein Angebot gemacht hat. Das hat Kimble ziemlich sauer gemacht.“

„Ausgerechnet der kompromisslose Longoria!“, konnte sich Orry eine Bemerkung nicht verkneifen. Unser indianischer Kollege trug einen modisch geschnittenen italienischen Anzug zu einer stilvollen Seidenkrawatte. Orry galt allgemein als  bestangezogendster G-man an der Federal Plaza. Doch das war beileibe nicht seine einzige Qualität. Er war drüber hinaus auch ein hervorragender Ermittler, wie er bei zahlreichen Fällen unter Beweis gestellt hatte. Ein Kollege, auf den man sich hundertprozentig verlassen konnte.

„Ich erinnere mich an den Fall“, sagte Mister McKee und nippte dabei an seinem Kaffeebecher. „Das ist gut fünf Jahre her. Wenn Longoria diesem Komplizen – wie hieß er noch gleich?“

„Dustin Jennings!“, gab Max nach einem kurzen Blick in seine Unterlagen Auskunft.

„...kein Angebot gemacht hätte, wäre Kimble wieder auf freiem Fuß.“

„Jetzt sitzt er wegen Mordes und hat wohl keine Aussicht jemals wieder entlassen zu werden“, stellte Max fest.

„Und was ist mit Jennings?“, fragte ich.

„Ist seit einem halben Jahr auf Bewährung draußen“, erklärte Max. „Jedenfalls hätte Kimble im Gerichtssaal bei der Urteilsverkündung beinahe den Staatsanwalt angefallen und musste trotz Handschellen von mehreren Officers festgehalten werden. Da wir außerdem davon ausgehen müssen, dass Kimble zumindest einen Teil seiner Drogengeschäfte aus dem Gefängnis heraus steuert und von seinen Gangbrüdern wie ein Held verehrt wird, gehört Kimble auf jeden Fall auf die Liste der Verdächtigen!“

„Aber er dürfte nicht der einzige sein“, gab Orry zu Bedenken.

Max nickte.

„Ganz zu Anfang seiner Karriere sorgten Longorias Ermittlungen für die Verurteilung eines Mannes namens Jason Carlito für Aufsehen. Carlito war Zuhälter in Spanish Harlem und wurde beschuldigt, eine der jungen Frauen, die für ihn anschafften, grausam ermordet zu haben. Die Beweise schienen eindeutig zu sein. Jahre später veranlasste sein Verteidiger eine erneute Untersuchung des damals sichergestellten DNA-Materials. Es gab inzwischen bessere Verfahren und so stellte sich heraus, dass Carlito vielleicht ein Zuhälter aber kein Mörder war.“

„Wie hat er das hingenommen?“, hakte Mister McKee nach.

„Schlecht“, fuhr Max fort. „Er hat Longoria mit Hassanrufen verfolgt, sich bei dessen Prozessauftritten ins Publikum gemischt, um ihn aus dem Konzept zu bringen. Longoria ließ ihm gerichtlich verbieten, dass er sich ihm auf mehr als hundert Yards näherte. Es gab in dieser Zeit eine Serie von zusammengeklebten Drohbriefen, die sowohl Longorias Büro als auch seine Privatadresse erreichten, aber Jason Carlito konnte vor Gericht nicht nachgewiesen werden, der Urheber dieser Briefe gewesen zu sein.“ Max deutete auf die vor ihm liegenden Ordner. „Es gibt noch eine Reihe weiterer Fälle, die ebenso mit Longorias Ermordung in Verbindung stehen könnten. Ganz zu schweigen von seinen aktuellen Ermittlungen gegen mehrere Drogengangs in der Bronx und ihre Hintermänner...“

Milo seufzte hörbar.

„Es wird uns wohl kaum etwas anderes übrig bleiben, als diese Liste systematisch abzuarbeiten“, glaubte er und damit lag er zweifellos richtig.

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Als Milo und ich am Tatort im Central Park ankamen, war dort das meiste schon gelaufen.

Longorias regelrecht durchsiebter Leichnam lag längst in der Pathologie des Coroners und wurde einer Obduktion unterzogen.

Patronenhülsen, die mit einer Automatik vom Kaliber 45 abgeschossen worden waren, hatten sichergestellt werden können. Ob die Tatwaffe schon einmal verwendet worden war, würde sich erst nach den ballistischen Untersuchungen zeigen. Damit wir in diesem Fall nicht auf die im Moment stark überlasteten SRD-Labors in der Bronx angewiesen waren, würde unser eigener Ballistiker Dave Oaktree die dafür notwendigen Untersuchungen durchführen. Weil wir Dave am Tatort mit Sicherheit nicht mehr antreffen würden, hatten wir während der Fahrt von der Federal Plaza zur Transverse Road No.1 telefonischen Kontakt mit ihm. Er machte uns allerdings wenig Hoffnung darauf, dass die Testergebnisse schneller als in vierundzwanzig Stunden zur Verfügung standen.

Eine Untersuchung der Patronenhülsen auf Fingerabdrücke war bereits am Tatort geschehen und negativ ausgefallen.

Einige Kollegen der City Police hatten Jogger und Passanten befragt, ob sie etwas gesehen hatten. Die Ausbeute war mager.

Nachdem wir uns am Tatort umgesehen und uns ein Bild gemacht hatten, besuchten wir Captain Danny Ricardo auf seinem Revier, der die ersten Tatortermittlungen zu verantworten hatte und sprachen mit ihm über das Problem.

„Sie haben ja sicher selbst mitgekriegt, was für ein Wetter wir heute Morgen hatten. Immer wieder gab es heftige Schauer, die mit kürzeren trockenen Phasen abwechselten. Da sind natürlich nicht gerade viele Leute unterwegs. Außerdem hat der immer wieder einsetzende Regen dafür gesorgt, dass wir so gut wie nichts am Tatort gefunden haben, was irgendwelche Rückschlüsse auf den oder die Täter ergeben könnte – von den Patronenhülsen und einem Reifenprofil einmal abgesehen.“

„Sie gehen davon aus, dass es mehrere Täter waren“, stellte ich fest.

Ricardo nickte. „So ist der Stand der Ermittlungen, wenn die Geschichte mit dem BMW stimmt, wovon ich aber ausgehe. Es gab einen, der die Waffe abgeschossen hat und einen Komplizen, der den Fluchtwagen gefahren hat. Der Rentner, der den Wagen gesehen hat, konnte sich sogar einen Teil der Zulassungsnummer merken.“

„Und?“, hakte ich nach. Selbst wenn man eine Zulassungsnummer nur teilweise vorliegen hatte, dazu aber weitere Merkmale des gesuchten Fahrzeugs wie Typ, Farbe, Ausstattung, Bereifung und ähnliches vorliegen hatte, konnte man das betreffende Fahrzeug in den meisten Fällen ermitteln oder die Zahl der in Frage kommenden Halter stark einschränken.

„Wir vermuten, dass der BMW mit einem Fahrzeug identisch ist, das vor zwei Tagen als gestohlen gemeldet wurde.“

„Ein gestohlener Wagen als Fluchtfahrzeug, keine Fingerabdrücke an den Patronenhülsen – spricht das nicht dafür, dass hier Profis am Werk waren?“, meinte Milo.

Danny Ricardo zuckte die Schultern. „Dass wir überhaupt Patronenhülsen gefunden haben, spricht allerdings dagegen“, gab er zu bedenken. „Ich weiß, worauf Sie hinaus wollen, Agent Tucker. Longoria hat sicher jede Menge Feinde bei den Syndikaten gehabt.“

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Es war bereits Abend, als wir in der 332 MacMillan Road in Riverdale eintrafen, wo der in zweiter Ehe verheiratete James Longoria in einem schmucken Bungalow gewohnt hatte. Riverdale gehörte zur Bronx, zeigte aber ein Bild, das man von diesem Stadtteil gar nicht erwartete. Mit den verfallenen Straßenzügen, wie man sie leider immer noch in der South Bronx finden konnte, hatte Riverdale nichts zu tun. Stattdessen gab es hier von Bäumen gesäumte Straßen mit ein- bis zweistöckigen Häusern und kleine Geschäftszentren.

Ich parkte den Sportwagen, den uns die Fahrbereitschaft des FBI zur Verfügung stellte, am Straßenrand. Wir stiegen aus, traten an die Haustür und klingelten.

Eine junge Frau öffnete uns. Longoria war 56 Jahre alt geworden, seine Frau war schätzungsweise zwanzig Jahre jünger als er.

Wir stellten uns vor und zeigten Mrs Ann Longoria unsere Ausweise.

Insgeheim war ich froh darüber, dass bereits ein Kollege vom NYPD hier gewesen war, um Ann Longoria darüber zu informieren, dass sie nun Witwe war. Ihre Augen wirkten rot geweint.

„Kommen Sie herein“, sagte sie. „Ich bin mit den Prozeduren, die auf einen Mord folgen, durchaus vertraut, wie Sie mir glauben können.“

„Natürlich, Ma’am“, nickte ich.

Ich stutzte, als wir das Wohnzimmer betraten. In einem der breiten Ledersessel saß ein hagerer Mann mit hohen Wangenknochen und eisgrauen Augen. Das graumelierte Haar war voll, aber sehr kurz geschoren. Ich schätzte sein Alter auf Mitte fünfzig.

Ich hielt ihm meine ID-Card entgegen.

„Agent Jesse Trevellian, FBI“, stellte ich mich vor und deutete dann auf Milo. „Dies ist mein Kollege Milo Tucker. Darf ich fragen, wer Sie sind?“

Er reichte mir die Hand.

Sein Händedruck war sehr fest. Wie bei einem Mann, der gleich klarmachen will, wer der Chef war. „Mein Name ist Miles Buchanan“, sagte er in einem ruhigen, tiefen Tonfall. „Ich bin ein Freund des Hauses. Vielleicht trifft es das am Besten.“

„Woher kannten Sie Mister Longoria?“, fragte ich.

„Wir haben uns während des Jura-Studiums kennen gelernt. Allerdings habe ich es nie bis zur Zulassung als Anwalt gebracht, sondern einen völlig anderen geschäftlichen Weg eingeschlagen. Aber es würde zu weit führen, Ihnen die ganze Story jetzt in ein paar Sätzen auseinanderzusetzen.“

„So fern eine Verbindung zum Fall besteht, habe ich auch gegen längere Erzählungen nichts einzuwenden“, erwiderte ich. 

Miles Buchanans Gesicht verzog sich zu einem dünnen Lächeln. „Ich bin recht erfolgreich in der Immobilienbranche tätig. Vor ein paar Jahren trafen James und ich bei der gemeinsamen Vorstandsarbeit für eine gemeinnützige Stiftung wieder aufeinander, für die wir uns beide engagiert haben."

„Ich verstehe", sagte ich.

„Im Moment bin ich hier, um Ann in ihrer schwierigen Situation beizustehen. Ich denke, sie braucht jetzt jemanden, der sich um sie kümmert."

„Ganz sicher!“

„Wenn ich irgendetwas tun kann, um Ihnen bei Ihren Ermittlungen zu helfen, dann lassen Sie es mich bitte wissen.“

„Oh, ich weiß Ihre Kooperationsbereitschaft zu schätzen, Mister Buchanan.“

„Meine geschäftlichen Verbindungen bilden ein exzellentes Netz, das sich natürlich auch zur Erlangung von Informationen eignet. Also, wenn Sie mal wollen, dass ich meine Verbindungen spielen lasse...“

„...werden wir auf Sie zurückkommen“, mischte sich nun Milo ein. Der Tonfall, in dem er sprach, verriet, dass ihn die anbiedernde Art dieses Mannes einfach nur nervte.

Ich wandte mich an Ann Longoria, die schweigend dasaß, den Blick in sich gekehrt und wie versteinert wirkend. Für sie musste das alles ein wahrer Albtraum sein.

„Im Moment sind wir dabei, eine Liste derjenigen zusammenzustellen, die vom Tod Ihres Mannes profitiert oder ihn sich gewünscht haben könnte“, sagte ich so sachlich mir dies in der gegenwärtig emotional ziemlich aufgeladenen Stimmung möglich war.

„Mein Mann war stolz darauf, den Ruf eines Hardliners zu haben und in kriminellen Kreisen gefürchtet zu werden“, flüsterte Ann Longoria. Sie verschränkte die Arme vor der Brust und brach schließlich in ein Schluchzen aus. Dann griff sie nach ihrem Taschentuch und wischte die Tränen weg, nur um sich wenig später noch einmal förmlich zu schütteln.

Miles Buchanan legte den Arm ihre Schulter. Sie strich sich eine verirrte Strähne aus dem Gesicht und atmete tief durch.

„Vielleicht ist es einfach das Beste, Sie kommen ein andermal wieder“, glaubte Buchanan. „Bitte! Sie sehen ja, wie mitgenommen Ann im Moment noch ist.“

„Das würde vor allem den Tätern und ihren Auftraggebern nützen“, stellte ich fest.

Miles Buchanan runzelte die Stirn. „Sie gehen davon aus, dass es sich um einen Auftragsmord handelte?“

„Das ist eine Hypothese“, gab ich zu.

„Die meisten von denen, die mit James noch eine Rechnung offen hatten, dürften in irgendeinem Staatsgefängnis sitzen“, glaubte Miles Buchanan.

„Einen Mord kann man leider auch aus einer Haftanstalt heraus in Auftrag geben – vorausgesetzt man hat die nötigen Verbindungen und entsprechende finanzielle Mittel“, gab Milo zu bedenken.

Ich wandte mich der Witwe zu. „Bitte, Mrs Longoria, versuchen Sie darüber nachzudenken, wer Ihren Mann so sehr gehasst haben könnte, dass er ihn tot sehen wollte.“

Ann Longoria zuckte die schmalen Schultern. „Wie schon gesagt, es gab so viele, die ihn hassten. Es verging kaum ein Tag, an dem uns das nicht auf die eine oder andere Weise klargemacht wurde. Mal durch Drohbriefe, dann wieder durch obszöne Anrufe, die uns trotz unserer Geheimnummer erreichten. In letzter Zeit waren es vor allem Emails, die ein krankes Hirn verfasste, das sich Rächer der Gerechten nennt...“

„Davon steht nichts in den Unterlagen“, sagte ich. „Warum hat er sich damit nicht an die Polizei oder an uns gewandt?“

„Das hat er“, widersprach Mrs Longoria. „Die Kollegen vom NYPD fanden heraus, dass ein Mann namens Paco Benitez dahinter steckte.“

„Der Name kommt mir bekannt vor“, meinte Milo.

„Er stand lange auf den Fahndungsseiten der Homepage des FBI“, fand Ann Longoria dafür sofort eine plausible Erklärung. „Benitez war der Mann fürs Grobe eines Drogensyndikats von Exilkubanern. Mein Mann brachte ihn für die nächsten dreißig Jahre ins Gefängnis. Irgendwie hat Benitez es geschafft, über den Internetzugang der Gefängnisbibliothek dafür zu sorgen, dass die private Mail-Adresse meines Mannes einige Zeit ständig verstopft war. Benitez bekam keinen Zugang mehr zum Bibliotheksrechner von Rikers Island, nachdem die Sache aufgedeckt wurde.“

„Wann war das?“ fragte ich.

„Vor drei Wochen hörte der Spuk auf.“ Mrs Longoria schluckte und strich sich mit einer fahrigen Geste eine Strähne ihrer brünetten Haare aus den Augen. „Jedenfalls dachte ich das...“

„Wir werden ohnehin die privaten Sachen Ihres Mannes  durchsuchen müssen“, sagte ich und versuchte ihr damit schonend beizubringen, dass ein ganzes Team unserer Erkennungsdienstler eine Hausdurchsuchung durchführen würde. „Sie wissen sicher, dass das Routine in Mordfällen ist. Schließlich...“

„...war ich lang genug die Frau eines Staatsanwalts!“, vollendete Ann Longoria meinen Satz. Sie erhob sich aus ihrem Sessel. Mit verschränkten Armen stand sie einen Augenblick da, sah mich direkt an und sagte schließlich: „Tun Sie Ihren Job, Agent Trevellian und ziehen Sie diejenigen zur Rechenschaft, die mir meine Mann genommen haben! Ich werde alles tun was notwendig ist, um Sie zu unterstützen.“

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Später trafen noch unsere Erkennungsdienstler Mell Horster und Sam Folder sowie Agent Fred LaRocca ein. Die drei waren zuvor auch an der Durchsuchung von James E. Longorias Dienstzimmer im Amtssitz des District Attorney beteiligt gewesen.

Der Mann musste ein Workaholic gewesen sein.

Longorias privates Arbeitszimmer nahm das gesamte Dachgeschoss des Bungalows ein. Es stellte sich heraus, dass Longoria viele seiner dienstlichen Angelegenheiten zu Hause bearbeitet hatte und offenbar häufig auch am Wochenende und nach Feierabend noch an seinen Fällen tätig gewesen war. Was wir von Mister McKee über Longorias Schicksal erfahren hatten, machte die besondere, über das Normalmaß hinausgehende Engagement für die Strafverfolgung von Verbrechen verständlich – und auch die besondere Verbindung, die Mister McKee zu ihm gehabt zu haben schien.

An der Wand hing ein gerahmtes Kinoplakat, das Clint Eastwood als rächenden US-Marshal in HÄNGT IHN HÖHER zeigte.

„So hat sich James Longoria wohl selbst gesehen“, meinte ich. „Der harte Kerl, der die Verbrecher gnadenlos zur Strecke bringt!“

„Dieses Image dürfte der Hauptgrund dafür sein, dass die Wähler ihn immer wieder in seinem Amt bestätigt haben“, glaubte Milo.

„Vermutlich hast du Recht.“

„Ich denke, was als nächstes ansteht, nachdem wir hier fertig sind, ist ein Besuch auf Rikers Island“, meinte Milo.

Ich nickte. „Wenigstens haben wir da wahrscheinlich einige Dutzend Verdächtige an einem Ort versammelt!“

„Du sagst es!“

Fred LaRocca meldete sich jetzt zu Wort. „Seht euch das mal an!“, meinte er und zog einen Prospekt zwischen den im Arbeitszimmer herumliegenden Unterlagen hervor.

Er reichte ihn mir.

„LIGA FÜR RECHT UND ORDNUNG“, las ich da. Es handelte sich um eine gemeinnützige Stiftung, die Verbrechensopfern half. Der Prospekt enthielt einen Spendenaufruf. Ich deutete auf die Broschüre und fragte: „Was ist daran so außergewöhnlich?“

„Es ist nicht außergewöhnlich, nur interessant“, antwortete Fred LaRocca. „In dem Prospekt ist der verantwortliche Vorstand dieser Stiftung angegeben. Longorias Name ist dabei.“

„Dass dieser Workaholic dazu überhaupt noch Zeit hatte“, staunte Sam Folder.

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Am folgenden Tag lag das ballistische Gutachten vor. Wir saßen in Mister McKees Dienstzimmer und ließen uns die Ergebnisse von unserem Chefballistiker Dave Oaktree erläutern.

Oaktree hatte mit dem Beamer seines Laptops die Vergrößerung der Oberflächenstruktur eines der Projektile an die Wand projiziert, die aus James Longorias Körper stammten.

„Sie können hier deutlich zwei verschiedene Riefungen feststellen“, erläuterte Oaktree. „Eine ist etwas stärker. Sie stammt vom Lauf einer 45er Automatik, die aktenkundig ist. Diese Waffe wurde bei mehreren Schießereien zwischen rivalisierenden Gangs in der South Bronx verwendet. Sie gehörte dem Gang Leader Shane Kimble, den wir ja bereits in der Liste der Verdächtigen führen. Er sitzt wegen Mordes in Rikers Island. Die Waffe, die er damals benutzte, galt als verloren.“

„Es haben wohl alle angenommen, dass Kimble sie in den East River geworfen hat“, meinte ich.

Aber das war offensichtlich nicht der Fall gewesen.

Dave Oaktree ergriff jetzt wieder das Wort. Er markierte mit einem Laserpointer eine bestimmte Linie auf der Abbildung. „Ich wollte eigentlich noch erläutern, was da sonst noch zu sehen ist“, erklärte er.

„Dann fahren Sie fort, Dave!“, wies Mister McKee ihn an.

„Die schwächeren Riefungen, die man hier sieht, stammen vom Schalldämpfer. Der könnte ein Eigenbau sein, was vielleicht Rückschlüsse auf den Täter zulässt. Es müsste dann jemand sein, der sich in der Metallverarbeitung auskennt und über handwerkliches Geschick verfügt.“

„Gang-Mitglieder, die in der Lage sind, ihre Harleys zu tunen, sind nun wirklich keine Seltenheit!“, seufzte Orry. „Und irgendwelche Spoiler-Bleche an ihren aufgemotzten Wagen hinzubiegen, das bekommen auch die allermeisten von denen hin.“

„Aber eigentlich solle man annehmen, dass die harten Jungs aus Kimbles Gefolge, die inzwischen für ihn die Geschäfte auf der Straße führen, genau wissen, dass man eine Waffe nicht mehrfach verwenden kann, wenn man nicht auffallen will“, sagte Fred LaRocca.

„Vielleicht ist es ja gerade das, was die Täter wollen!“, vermutete Mister McKee. „Kimble wird doch von seinen Leuten noch immer als Held verehrt, wie ich den Berichten in dem Dossier entnommen habe, das Max uns dankenswerter Weise zusammengestellt hat.“ Unser Chef hob die Schultern. „Es sieht fast so aus, als wollte hier jemand seine ganz persönliche Markierung hinterlassen...“

„...die sich dazu noch auch auf Kimble bezieht!“, stimmte Milo zu. „Was will uns der Killer damit sagen? Seht her, wer einen Kimble ins Loch bringt, dem ergeht es schlecht oder so ähnlich?“

Mister McKee atmete tief durch und nickte schließlich. „Wäre nicht das erste Mal“, murmelte er düster vor sich hin. Er blickte in die Runde. „Ich denke, es liegt jetzt klar auf der Hand, was als nächstes zu geschehen hat. Wir nehmen uns Kimble auf Rikers Island und seine Komplizen vor, die noch immer frei herumlaufen. Im Übrigen möchte ich noch etwas in eigener Sache sagen.“ Alle Blicke waren jetzt gespannt auf den Mann gerichtet, der unser Field Office seit vielen Jahren im Rang eines Assistant Directors leitete. „Es wird Ihnen allen nicht entgangen sein, wie nahe mir der Tod von James E. Longoria gegangen ist. Ich denke, zu den Gründen habe ich genug gesagt. Mehr braucht niemand von Ihnen darüber wissen. Ich möchte, dass Sie verstehen, weshalb ich in diesem Fall mich persönlich weitgehend heraushalten werde. Ich war weder am Tatort, noch habe ich Longorias Haus betreten, um bei der Durchsuchung und Sicherung von Beweismitteln dabei zu sein. Das wird Sie vielleicht verwundern, aber ich denke, das Wichtigste ist, dass wir gute Arbeit leisten. Persönliche Interessen müssen dahinter zurückstehen. Mich würde nichts mehr reizen, als persönlich auf die Jagd nach dem Mörder von James Longoria zu gehen, aber ich weiß, dass für erfolgreiche Ermittlungsarbeit eine professionelle Distanz nötig ist, die dann einfach nicht mehr gewahrt wäre. Und das kann im Extremfall bedeuten, dass man auf einem Auge blind ist und die entscheidenden Dinge zur Lösung eines Falls nicht sieht. Vielleicht auch gar nicht mehr sehen will. Wie auch immer, ich möchte nur, dass Sie verstehen, dass es kein Widerspruch ist, wenn ich mich einerseits bewusst zurückhalte und Sie Dinge tun lasse, von denn Sie vielleicht erwartet hätten, dass ich sie selbst tun sollte.“ Mister McKee ließ noch einmal den Blick schweifen und sagte dann: „Das wäre alles.“

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Zusammen mit unseren Kollegen Clive und Orry fuhren Milo und ich nach Rikers Island.

In einem Verhörraum trafen wir uns mit Shane Kimble, der in Begleitung von Cheyenne Masters erschien, einer jungen, aufstrebenden Strafverteidigerin, die für die renommierte Kanzlei Richardson, Franklyn & Partners arbeitete. Wer immer diese Kanzlei mit seinem Mandat betraute, durfte nicht arm sein. Zwar war Shane Kimbles Drogenvermögen seinerzeit nach dem Rico’s Act beschlagnahmt worden, aber offenbar hatte er es doch irgendwie geschafft, einige seiner Drogengelder irgendwo in einem sicheren Drittland zu parken. Über Vertrauensleute konnte er dann an die Gelder heran. Es hätte mich persönlich nicht gewundert, wenn die Kanzlei Richardson, Franklyn & Partners selbst ihre Finger in diesem Verschleierungsspiel gehabt hätte. Der seriöse Ruf dieser Kanzlei rührte vor allem aus jener Zeit, als Doug Richardson senior noch persönlich die Geschäfte geführt hatte. Seit nunmehr fünf Jahren hatte der alte Richardson sich jedoch aus dem Tagesgeschäft zurückgezogen und seine Kanzleianteile in die Hände seines Sohnes gelegt, der weit weniger Skrupel zu haben schien. Immerhin waren er geschickt genug, um sich nichts nachweisen zu lassen, aber es pfiffen die Spatzen von den Dächern, dass die Anwälte dieser Kanzlei sich zumindest mittelbar an diversen Geldwäschegeschäften beteiligt hatten.

Shane Kimble war ein großer, breitschultriger Mann, dem anzusehen war, dass er die Zeit auf Rikers Island dazu genutzt hatte, seine Muskeln in den Fitnessräumen dieser Strafanstalt zu stählen. Sein Haar war kurz geschoren. Am Oberarm trug er eine Tätowierung, die ihn als Mitglied der SOUTH BRONX TIGERS auswies, einer Gang, die er lange Zeit angeführt hatte, bis die Ermittlungen von James Longoria dafür gesorgt hatten, dass er nun wohl den Rest seines Lebens hinter Gittern sitzen musste. Er hatte weder mit vorzeitiger Entlassung noch mit Bewährung zu rechnen. Das ging schon allein wegen seines Verhaltens während des Strafvollzugs nicht. Immer wieder war Shane Kimble in Streitigkeiten verwickelt. Er hatte einen Mitgefangenen ins Koma geprügelt. Seit anderthalb Jahren lag der Mann, ein schwarzer Halbpuertoricaner aus der Bronx – nun schon in der Intensivabteilung des Bethesda Hospitals, wo man die Möglichkeit hatte, sich umfassend um ihn zu kümmern.

Shane Kimble ließ sich auf den bereitstehenden Stuhl fallen.

„Nehmen Sie ihm Handschellen und Fußfesseln ab“, wandte sich Clive Caravaggio an einen der Wächter, die ihn bis in den Gesprächsraum begleitet hatten.

Der flachsblonde Italoamerikaner kam sofort und ohne Umschweife zur Sache.

„Wir sind heute hier, weil Staatsanwalt James Longoria gestern Morgen erschossen wurde.“

Shane grinste breit. Er entblößte dabei eine Reihe mit Metallzähnen.

„Ich habe davon gehört!“, bekannte er und lachte heiser. „Gute Nachrichten sprechen sich schnell herum hier drinnen.“

„Wir suchen den Täter und...“

Clive wurde von Kimble grob unterbrochen.

„Was soll der Mist hier?“, tönte der Mann, der sich noch immer für eine der größten Nummern in der Bronx zu halten schien. „Ich habe nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass ich James Longoria nicht leiden kann! Außerdem sollten Sie mal meine Akte genauer studieren, bevor Sie sich mit jemandem wie mir an einen Tisch setzen. Sie hätten dann feststellen können, dass in meinem Fall jeglicher Hafturlaub und was es sonst noch so für Vergünstigungen gibt, ausgeschlossen wurde. Ich habe also ein wirklich wasserdichtes Alibi!“ Kimble erhob sich von seinem Platz und streckte dem Wachmann die Hände hin. „Ich nehme an, dass Gespräch ist damit beendet. Gehen wir besser jeder für sich zur Tagesordnung über.“

„Einen Moment bitte!“, mischte ich mich ein.

Der neben Kimble stehende Wachmann legte ihm eine Hand auf die Schulter und drückte ihn zurück auf den Stuhl.

„Was ist denn noch?“, brummte Shane Kimble. Er verdrehte die Augen. „Zu dem Thema habe ich alles gesagt, was zu sagen ist. Punkt. Ende. Aus.“

„Nein, das ist nicht wahr!“, widersprach ich und riss damit nun endgültig die Gesprächsführung an mich. „Sie haben uns noch nicht erklärt, wieso die Waffe, mit der Sie damals einen Menschen erschossen und mehrere weitere schwer verletzt haben, jetzt plötzlich wieder in Umlauf gebracht wurde.“

Shane Kimble runzelte die Stirn und sah mich mit schiefen Blicken an.

„Wie bitte?“, fragte er, so als hätte er mich nicht verstanden.

„Sie haben richtig gehört“, ergänzte Orry. „Die Waffe, die Sie damals nach Ihrer letzten Schießerei irgendwo versteckt haben müssen, ist wieder aufgetaucht.“

„Aber verdammt noch mal, G-man, geht das nicht in Ihren Schädel hinein? Ich war hier unter Aufsicht und habe die Waffe nicht abgedrückt!“ Er kicherte. „Das werden auch all Ihre Untersuchungen beweisen!“

„Wo befand sich diese Waffe während der letzten Jahre?“, fragte ich.

„Keine Ahnung, G-man!“

„Ich weiß nicht, ob Sie hier drinnen alles haben, was Sie brauchen“, meinte ich. „Aber vielleicht ist es nicht schlecht, wenn die Staatsanwaltschaft weiß, dass Sie kooperieren wollen.“

„Den Teufel werde ich tun!“, erwiderte Shane Kimble.

„Ganz wie Sie wollen!“, sagte Clive. Der flachsblonde Italoamerikaner schien genug von den Ausweichmanövern des  ehemaligen Gang-Anführers zu haben. „Aber wenn sich herausstellt, dass Sie die Verbrechen aus den Mauern von Rikers Island heraus geplant und in Auftrag gegeben haben, dann wird man Sie nicht hier in New York lassen, sondern irgendwo anders hin verlegen. Ich weiß nicht, wie es mit Ihren Besuchsrechten dann noch steht...“

„Glauben Sie wirklich, dass dieser Mord mit meiner alten Waffe begangen worden wäre, wenn ich hinter der Sache stecken würde?“, fragte Shane Kimble zurück. Er lief dunkelrot an und machte eine wegwerfende Handbewegung, die so ausholend und heftig ausgeführt wurde, dass die in der Nähe postierten Wachmänner schon nervös wurden. „Ihr G-men müsst mich für reichlich dämlich halten.“

„Dann sagen Sie uns doch einfach, wo Ihre Waffe die letzten Jahre aufbewahrt wurde und von wem!“, beharrte Clive Caravaggio. „Wenn Sie wirklich jemand in die Pfanne hauen wollte, dann bekommen wir das heraus! Andernfalls hängen Sie nach der derzeitigen Beweislage mit drin, weil jeder glauben wird, dass Sie einen Ihrer Leute losgeschickt haben, damit er mit der alten Waffe ein Zeichen setzt!“

„Das ist doch Unsinn!“

„Rache aus dem Knast mit perfektem Alibi! Aber sobald wir den Kerl haben, der abgedrückt hat, wird der reden und Sie in die Pfanne hauen, bevor er die Schuld allein auf sich nimmt. Da können Sie sicher sein!“

„Hören Sie auf!“

„Mein Mandant könnte behaupten, die Waffe vor seiner damaligen Verhaftung einfach weiterverkauft zu haben“, mischte sich Kimbles Anwältin ein. „Und ich sehe nicht, wie Sie diese Behauptung widerlegen könnten!“

„Bravo. Lady! Geben Sie den Ärschen Zunder!“, rief Kimble. „Ich behaupte einfach, was die Lady sagt und Ihr könnt mich dann mal!“

„Wenn Ihr Mandant dämlich gewesen wäre und unter Geldmangel gelitten hätte wäre das plausibel“, antwortete Clive. „Aber beides wird niemand behaupten wollen. Außerdem stellt sich dann die Frage, wieso er uns den Käufer nicht nennt und mit uns kooperiert!“ Clive wandte sich wieder direkt an Kimble. „Und sagen Sie nicht, dass es nicht auch für Sie nicht noch schlimmer kommen könnte!“

Kimble lehnte sich zurück.

Die Pose großspuriger Lässigkeit war jetzt von ihm abgefallen.

Er schien mit sich selbst zu ringen und brauchte vielleicht nur noch einen kleinen Anstoß, um etwas zu tun, was für einen ehemaligen Gang Leader aus der Bronx so etwas wie den Verlust der Ehre bedeutete.

„Wenn herauskommt, dass ich mit Ihnen zusammenarbeite, bin ich erledigt“, sagte er.

„Hören Sie auf“, mischte sich die Anwältin ein. „Sie setzen meinen Mandanten in unzulässiger Weise unter emotionalen Druck.“

„Ich mache ihn lediglich auf seine Situation aufmerksam“, erklärte Clive.

„Das haben Sie zu genüge getan. Mein Mandant hat seine Position sehr unmissverständlich zum Ausdruck gebracht. Er hat mit dem Tod von James Longoria nichts zu tun. Was das Auftauchen dieser ominösen Waffe angeht, so kann er sich auf den fünften Zusatz zur amerikanischen Verfassung berufen, wonach sich niemand selbst belasten muss. Im übrigen muss ich sagen, das Ihre These, wonach mein Mandant irgendein Rachezeichen oder so etwas setzen wollte, an den Haaren herbeigezogen ist!“

Clive verzog das Gesicht zu einem dünnen Lächeln und wandte sich Cheyenne Masters zu. „Wie sollte sich Mister Kimble durch eine Aussage denn selbst belasten, wenn seine bisherigen Aussagen der Wahrheit entsprechen und er tatsächlich nichts mit dem Mord an Staatsanwalt Longoria zu tun hat?“

„Schon der unangemeldete Besitz dieser Waffe war eine Straftat, die noch nicht verjährt ist!“, gab die Anwältin zu bedenken.

„Ich bitte Sie, das ist nicht Ihr Ernst, Miss Masters!“, stieß Clive aufgebracht hervor. „Angesichts der Strafe, die das Gericht ihrem Mandanten bereits aufgebrummt hat, dürfte...“

„Ich denke, es ist alles gesagt worden, was in dieser Sache von Belang ist. Die Unterredung dürfte damit beendet sein, Gentlemen!“

Shane Kimble lehnte sich zurück und klatschte mit seinen großen, prankenartigen Händen Beifall.

„Richtig so, Lady! Machen Sie die Typen fertig!“ Dann hielt er einem der Wachleute seine Hände über Kreuz entgegen. „Schließt mich wieder in meine Zelle! Ich werde hier seelisch misshandelt!“, schrie er.

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Clive Caravaggio hämmerte mit der Faust gegen die Wand des Besprechungszimmers, nachdem Shane Kimble abgeführt worden war und Cheyenne Masters mit einem triumphierenden Lächeln im Gesicht und ein paar spitzen Bemerkungen auf der Zunge den Raum verlassen hatte.

„Das darf doch alles nicht wahr sein! Was spielt dieser Kerl für ein Spiel?“

„Die Kids in der Bronx sehen in ihm so etwas wie ein Vorbild“, meinte ich. „Jemand, der nur das Pech hatte, von einem Kumpel verraten worden zu sein und deswegen im Knast sitzt.“

Milo nickte. „Wenn er jetzt einen seiner Leute in die Sache hineinzieht, macht er genau das, was Dustin Jennings mit ihm getan hat und er wäre unten durch.“

„Aber was nützt ihm dieser Ruhm?“, fragte Orry kopfschüttelnd.

„Offenbar nützt er ihm mehr, als ihm die Kooperationsverweigerung mit uns schadet“, gab ich zu denken. „Wenn die Gerüchte stimmen, und er wirklich noch Einfluss auf die Geschäfte seiner Gang hat, dann ist der legendäre Ruf, den er genießt ein wichtiger Faktor dabei, wie ich mir vorstellen könnte.“

„Dazu kommt noch, dass er hier auf Rikers Island ja wohl nicht das einzige Mitglied der SOUTH BRONX TIGERS ist, das hier einsitzt“, meinte Milo. „Er hat auf diese Weise immer eine Truppe von Paladinen in seiner Nähe.“

„Männer, die möglicherweise über ihre Anwälte und andere Besuchskontakte eine Verbindung nach draußen herstellen, falls man Kimbles eigene Besuchsmöglichkeiten aus Sicherheitsgründen einschränken sollte!“

Clive atmete tief durch.

„Wir fangen wir also ganz von vorne an.“

„Ich würde sagen, es wird Zeit, dass wir uns diesen Dustin Jennings mal vorknöpfen“, meinte ich. „Ich zumindest wüsste gerne mal seine Version darüber, was damals zu Kimbles Verurteilung führte. Das Verschwinden der Waffe spielte doch sicher auch eine Rolle.“

„Zumindest könnte Jennings dazu eine Aussage machen“, stimmte Clive zu „Dann würde ich vorschlagen, dass du und Milo ihn aufsucht, während Orry und ich einen andere Ansatzpunkt verfolgen.“

„Einen anderen Ansatzpunkt?“, fragte Milo erstaunt und hob dabei die Augenbrauen. „Habe ich irgendetwas verpasst?“

„Orry und ich werden uns die Besucher von Kimble aus dem letzten halben Jahr vornehmen“, meinte Clive.

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Es stellte sich heraus, dass Kimbles Besuchsmöglichkeiten bereits eingeschränkt waren – und zwar auf Antrag von Staatsanwalt James Longoria, der im Zuge der Ermittlungen gegen mehrere andere Mitglieder der SOUTH BRONX TIGERS den begründeten Verdacht gehabt hatte, dass Kimble seine Besuchszeiten dazu nutzte, um die alten Geschäfte weiter zu führen.

Die Besuchslisten aus der Zeit vor dieser Beschränkung legten das nahe. Ehemalige Gangmitglieder und vermutete Partner im Drogengeschäft hatten sich da die Klinke in die Hand gegeben.

Vor drei Monaten war damit jedoch Schluss gewesen.

Die Besuche waren auf Verwandte ersten Grades und seine Anwältin eingeschränkt worden. Mehr hatte Longoria beim Gericht nicht durchsetzen können.

Außer Cheyenne Masters stand noch eine gewisse Teresa Johnson in den Besucherlisten. Sie war die Mutter seines dreijährigen Sohnes namens Edmond. Nach einem DNA-Gutachten, das Cheyenne Masters bei Gericht vorgelegt hatte, war Kimble der Vater dieses Jungen. Der Richter kam zu dem Schluss, dass es die Rechte dieses Jungen in unzulässiger Weise einschränken würde, wenn man ihm den Umgang mit seinem Vater untersagte. Longorias Argumentation, dass auch Teresa Johnson Teil von Kimbles Organisation sein könnte, wurde seinerzeit als nicht ausreichend belegte Behauptung zurückgewiesen.

Teresa Johnson wohnte in einem Apartmenthaus Ecke East 68th Street und York Avenue in der Upper East Side.

Clive und Orry trafen dort etwa zweieinhalb Stunden nach der Unterredung mit Shane Kimble und seiner Anwältin ein.

Das Haus, in dem Teresa Johnson ihre Wohnung hatte, gehörte der mittleren bis gehobenen Kategorie an. Die Brownstone-Fassade war frisch renoviert, und es gab einen privaten Sicherheitsdienst, der rund um die Uhr die Augen offen hielt.

Flure, Empfangshalle und der Bereich vor dem Eingang waren mit Überwachungskameras bestückt.

Mit dem Aufzug fuhren Orry und Clive in den fünften Stock. Wenig später standen sie vor Teresa Johnsons Wohnungstür.

„Ja, bitte?“, fragte eine weibliche Stimme über die Sprechanlage.

„Sind Sie Teresa Johnson?“

„Ja.“

„Clive Caravaggio, FBI. Mein Kollege und ich haben ein paar Fragen an Sie.“

„Liegt irgend etwas gegen mich vor?“, fragte Teresa. „Falls nicht, bin ich nicht verpflichtet, Ihnen zu öffnen.“

„Wir können Sie auch in unsere Dienstgebäude an der Federal Plaza vorladen oder auch zwangsweise vorführen lassen, wenn Ihnen das lieber ist, Miss Johnson“, sagte Clive. „Aber ich denke, Sie sind klug genug, wegen ein paar Routinefragen nicht gleich so einen Aufstand zu machen. Es beschuldigt Sie im Übrigen auch niemand eines Verbrechens, sondern Sie werden nur als Zeugin befragt!“

„In welcher Sache?“

„Glauben Sie, ich spiele hier mit Ihnen Katz und Maus? Da sind Sie im Irrtum. Also öffnen Sie jetzt!“

Einige Augenblicke lang herrschte Schweigen.

„Die scheint auf Cops aller Art ziemlich allergisch zu reagieren“, meinte Orry.

„Wenn sie tatsächlich in Kimbles Geschäften drin hängt, hat sie dazu auch allen Grund!“

„Ich glaube allerdings ehrlich gesagt nicht so richtig daran. Es ist für Kimble doch viel leichter, über seine ebenfalls inhaftierten Gangbrüder, bei denen es keine Besuchsbeschränkungen gibt, Kontakt nach außen zu bekommen!“

„Warten wir es ab, Orry.“

Teresa Johnson meldete sich schließlich wieder. Im Hintergrund war eine Kinderstimme zu hören.

„Halten Sie Ihre Ausweise in die Überwachungskamera oben rechts!“, verlangte sie.

Diesem Wunsch konnten die beiden G-men natürlich nachkommen. In wie fern Teresa Johnson dazu in der Lage war, auf den üblicherweise ziemlich kleinen Bildschirmen solcher  Überwachungsanlagen, noch die Echtheit der ID-Cards zu beurteilen, stand auf einem anderen Blatt.

Sie öffnete.

Teresa Johnson war eine Frau von Ende zwanzig. Das blauschwarze, leicht gelockte Haar fiel ihr bis über die Schultern. Ihr Gesicht war feingeschnitten und die dunkelbraunen Augen beobachteten die beiden FBI-Agenten aufmerksam.

Auf dem Arm trug sie einen etwa dreijährigen Jungen, der den Kopf auf ihre Schulter gelegt hatte.

„Kommen Sie herein“, forderte sie Clive und Orry auf. „Aber schließen Sie die Tür hinter sich.“

Für New Yorker Verhältnisse war Teresas Wohnung sehr groß. Clive schätzte sie über den Daumen auf etwa hundertzwanzig Quadratmeter.

„Was machen Sie beruflich?“, fragte Clive.

„Ich bin Mutter“, erwiderte Teresa. „Ist das nicht auch ein Beruf?“

„Keiner von dem man sich so eine Wohnung leisten kann.“

„Ich dachte, ich wäre nur eine Zeugin und keine Verdächtige.“

„Das ist richtig.“

„Außerdem haben Sie behauptet vom FBI und nicht von der Steuerfahndung zu sein. Ich weiß also nicht, was Ihre Fragen jetzt sollen!“

„Es geht um den Vater Ihres Kindes: Shane Kimble.“

„Das hätte ich mir ja denken können“, murmelte sie. Sie setzte den Kleinen auf den Boden, woraufhin er in den Nachbarraum lief. Teresa verschränkte die Arme vor der Brust und sah Clive direkt in die Augen. „Was wollen Sie Shane denn noch anhängen? Reicht es nicht, dass er für den Rest seines Lebens seinen Sohn nur alle vier Wochen einmal sehen kann? Reicht es nicht, dass Sie ihn nach einem fadenscheinigen Prozess voller Ungereimtheiten verurteilen und lebenslang wegsperren können?“

„Ich will ihm nichts anhängen“, sagte Clive. „Ganz im Gegenteil. Ich möchte ihm helfen.“

„Pah, dass ich nicht lache!“ Sie machte eine wegwerfende Handbewegung und wandte sich ab. Tränen des Zorns stiegen ihr in die Augen. „Ich kann mir schon denken, wie diese Hilfe aussieht! Am Ende wird Shane der Dumme sein und noch schlimmer im Dreck sitzen, als jetzt schon! So enden diese Spielchen doch immer! Na, nur heraus damit! Welche Tricks hat sich die Staatsanwaltschaft denn jetzt ausgedacht, um ihm das Leben zur Hölle zu machen?“

„Es geht um den Mord an Staatsanwalt James Longoria. Sie werden davon gehört haben.“

„Es war unmöglich, nichts davon zu hören“, erwiderte Teresa. „Die Lokalnachrichten im Fernsehen waren davon genauso voll wie die New Yorker Zeitungen und das Radio. Sogar in den überregionalen Networks haben sie davon eine Meldung gebracht.“

„Dann wissen Sie ja, wovon ich rede.“

„Ja – und soll ich Ihnen was sagen? Ich bedaure es kein bisschen, dass es diesen arroganten Sack erwischt hat! Ich sehe ihn noch im Gerichtssaal vor mir. Damals hätte ich ihn umbringen können...“

„Vielleicht sollten Sie überlegen, ob Sie jetzt vielleicht lieber einen Anwalt dabei haben möchten“, mischte sich Orry in ruhigem Tonfall ein.

Sie atmete tief durch und fügte dann hinzu: „Das war damals. Der Zorn ist inzwischen verraucht. Außerdem würde ich so etwas nie tun.“

„Was?“

„Einen Menschen umbringen. Das könnte ich nicht. Selbst jemanden wie Longoria nicht. Außerdem trifft ihn nicht die Hauptschuld.“

„Wen dann?“

„Na, Dustin Jennings natürlich. Um selber nur wegen eines minderschweren Vergehens angeklagt zu werden und schon nach wenigen Jahren wieder raus zu kommen, hat er Shane belastet und dafür gesorgt, dass er lebenslang hinter Gitter kommt. Longoria hätte doch gar nichts gegen ihn in der Hand gehabt, wenn Jennings nicht gewesen wäre! Auf seiner Aussage basierte die Anklage und als klar war, dass sich das Blatt zu Shanes Ungunsten wenden würde, sind natürlich auch andere Zeugen plötzlich umgefallen und haben sich gedacht: Dem können wir ruhig noch mal ans Bein pinkeln, bevor er weggesperrt wird!“

Eine Pause des Schweigens entstand. 

Clive entschloss sich, zum eigentlichen Ausgangspunkt des Gesprächs zurückzukehren und noch mal ganz von vorn zu beginnen. Teresa Johnson hatte sich in Rage geredet und wenn bei dieser Befragung noch etwas herauskommen sollte, dann war es an Clive, dafür zu sorgen, dass ihre kochende Seele wieder auf  Normaltemperatur herunter gekühlt wurde.

„Shane Kimble wurde damals auf Grund von Jennings’ Zeugenaussage angeklagt, das ist richtig. Aber diese Aussage wurde von weiteren Zeugen bestätigt. Außerdem gab es Sachbeweise dafür, dass Kimble am Tatort war.“

„Aber die Justiz hat damals nie die Mordwaffe gefunden!“

„Genau um die geht es jetzt!“, erklärte Orry. „Mit derselben Waffe, mit der Shane Kimble damals gegen seine Konkurrenz vorgegangen ist, wurde auch Longoria ermordet. Ihnen ist doch klar, welchen Schluss wir daraus ziehen müssen.“

„Sie glauben, dass Shane den Mord an Longoria in Auftrag gegeben hat!“, begriff sie sofort.

„Wir müssen das zumindest als Möglichkeit in Betracht ziehen. Der Vater ihres Kindes liebt theatralische Auftritte – und wenn der Mann, den er für seine Verhaftung verantwortlich machte und deswegen abgrundtief hasste mit einer Waffe erschossen wird, die Longoria damals im Prozess vergeblich aufzutreiben versucht hat, dann ist die Symbolik doch eindeutig – ein später Triumph über den Prozessgewinner im Gerichtssaal.“

Sie hielt Clive ihre Hände über Kreuz hin. „Dann sollten  Sie mich auch als Verdächtige betrachten. Schließlich hätte ich genauso ein Motiv, so etwas zu veranlassen!“

„Wir wollen einfach nur wissen, wo die Waffe damals geblieben ist. Dazu gibt es keine vernünftige Aussage in den Prozessunterlagen.“

„Und das fragen Sie ausgerechnet mich?“

„Vielleicht hat Shane Kimble mit Ihnen darüber gesprochen, Miss Johnson. Damals hätten Sie ihm vielleicht geschadet, wenn Sie sich darüber der Polizei oder dem Richter gegenüber geäußert hätten  - aber jetzt wohl kaum noch. Shane Kimble sitzt so oder so lebenslänglich, aber falls es jemanden gibt, der ihm vielleicht nur etwas in die Schuhe schieben will, könnten Sie uns helfen, demjenigen einen Strich durch die Rechnung zu  machen.“

„Sie würden uns gleichzeitig zeigen, dass nicht Sie selbst diejenige sind, die damals die Waffe aufbewahrt hat!“, ergänzte Orry.

„Dafür haben Sie keine Beweise. Und Sie werden auch keinen Richter finden, der mich auf Grund derart vager Anschuldigungen in Haft nimmt...“

Teresa Johnson ging zu dem Telefon, das auf einer Anrichte stand und nahm den Hörer ab.

„Wen rufen Sie an?“, fragte Clive.

„Meine Anwältin.“

„Heißt die zufällig Cheyenne Masters?“

„Ja. Wieso?“

„Sie vertritt auch Shane Kimble – und Sie sollten sich gut überlegen, ob Ihre Interessen im Moment wirklich identisch sind.“

„Außerdem haben Sie Recht“, fügte Orry hinzu. „Wir finden im Moment sicher keinen Richter, der einen Haftbefehl für Sie unterschreibt. Aber es könnte sein, dass die Besuche von Ihnen und Ihrem Sohn auf Rikers Island jetzt ein Ende haben!“

Teresa Johnson legte den Hörer wieder auf. „Hören Sie, ich habe mit dem Mord an Longoria nichts zu tun, warum ruinieren Sie mich?“

„Inwiefern ruinieren wir Sie denn?“, hakte Clive mit gerunzelter Stirn nach.

Sie atmete tief durch, lief einmal quer durch den Raum und ließ sich dann in einen der Polstersessel fallen. Das Kind kam herbeigelaufen und wollte ihr ein Spielzeugauto zeigen. „Jetzt nicht“, sagte sie gereizt, nahm ihn an der Hand und ging mit ihm in den Nachbarraum.

Wenig später kehrte sie zurück.

Sie strich sich das Haar zurück und vermied den direkten Blickkontakt. Vorsichtig schloss sie die Tür zum Nachbarzimmer hinter sich. „Also gut“, sagte sie schließlich. „Ich werde aussagen. Alles, was ich weiß – aber nur dann, wenn nichts an der Besuchsregelung geändert wird!“

„Das liegt erstens nur bedingt in unserer Hand und zweitens geschieht das auch nur, falls sich die Verdachtsmomente gegen Shane Kimble erhärten sollten“, antwortete Clive.

Orry fragte: „Warum legen Sie eigentlich so großen Wert auf den Kontakt Ihres Sohnes zu Kimble?“

„Er ist sein Vater.“

„Aber finden Sie, dass ein Gang Leader aus der Bronx das richtige Vorbild für ihn ist? Er wird größer werden und Fragen stellen.“

„Das wird er so oder so“, murmelte Teresa Johnson ziemlich niedergeschlagen. Sie machte eine ausholende Handbewegung. „Das alles hier ist ziemlich teuer. Shane zahlt zwar Unterhalt für den Kleinen, aber das würde nicht mal reichen, um sich in irgendeinem Rattenloch in der Bronx einzuquartieren. Solange ich ihn regelmäßig mit dem Jungen besuche komme, fließt genug Geld, um das alles hier zu unterhalten.“

„Shane Kimble ist pleite“, sagte Orry kühl. „Sein Vermögen wurde eingezogen, weil es aus Drogengeschäften stammte!“

Sie zuckte die Schultern. „Ich weiß nicht, woher das Geld letztlich kommt. Ich weiß nur, dass es regelmäßig fließt und das genügt mir.“

„Und was ist mit der Waffe?“, fragte Clive. „Sie sollten uns dazu auch etwas sagen.“

Sie zögerte noch, biss sich auf die Lippen und begann schließlich stockend: „Shane hat die Waffe an Dustin Jennings weitergegeben – und zwar mit dem Auftrag, sie verschwinden zu lassen.“

„Das hat Shane Kimble Ihnen erzählt?“, hakte Clive nach.

Sie schüttelte den Kopf. „Nein, ich war dabei und habe es selbst mit angehört.“

„Aber Jennings hat die Waffe offensichtlich nicht verschwinden lassen.“

„So muss es gewesen sein.“

„Nun hat aber Jennings keinerlei Anlass, Longoria den Tod zu wünschen. Schließlich verschaffte der Staatsanwalt ihm durch sein Angebot die Möglichkeit, schon nach relativ kurzer Zeit wieder das Gefängnis zu verlassen!“

„Ich kann Ihnen dazu nicht mehr sagen! Jennings sollte die Waffe verschwinden lassen. Es war nicht das erste Mal, dass er für Shane die Drecksarbeit gemacht hat. Aber offensichtlich hat sich Jennings überlegt, dass er die Waffe besser aufbewahrt!“

„Warum hat er das getan?“, fragte Orry.

„Zwei Wochen nach dem Prozess hat Jennings mich aufgesucht.“

„Was wollte er von Ihnen?“

„Ich sollte Shane sagen, dass er die Waffe hätte und dass er dafür gesorgt hätte, dass sie sofort auftaucht, sobald ihm was passieren würde.“

„Er hat also Angst gehabt, dass Kimble ihn aus dem Gefängnis heraus ermorden lässt!“

„Ja. Seine Anwälte haben Shane Hoffnungen im Hinblick auf eine Revision auf Grund ungenügender Beweiswürdigung gemacht und meinten, dass er vielleicht doch noch mal etwas glimpflicher davonkäme. Aber wenn die Waffe aufgetaucht wäre, hätte er das vergessen können. Wahrscheinlich waren sogar seine Fingerabdrücke darauf. Kein Richter der Welt hätte ihm dann noch irgendeinen Strafnachlass gegeben. So lange die Waffe verschwunden blieb, war es ein schwaches Indizienurteil, das vielleicht zu kippen war.“

„So schwach kann dieses Urteil nun auch wieder nicht gewesen sein“, gab Clive zu bedenken. „Immerhin wurde die Revision schon bei der Anhörung vor der Grand Jury niedergeschlagen.“

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Milo und ich hatten eigentlich vorgehabt, uns in der South Bronx nach Dustin Jennings umzusehen.

Aber ein Anruf aus dem Field Office warf das fürs Erste über den Haufen.

Es war Mister McKee persönlich, der sich am anderen Ende der Leitung meldete. Wir hatten die Freisprechanlage auf ‚laut’ geschaltet, sodass wir beide mithören konnten.

„Die Vernehmung von Dustin Jennings werden Sie ein paar Stunden verschieben müssen“, meinte Mister McKee. „Das muss warten. Ich brauche Sie beide zunächst in Yonkers.“

„Was ist passiert?“, fragte ich nach.

„Auf einem Parkplatz am Madison Expressway ist von den Kollegen der Highway Patrol ein Wagen aufgefunden worden, bei dem es sich wahrscheinlich um den BMW handelt, der bei dem Attentat auf Longoria an der Transverse Road No.1 als Fluchtfahrzeug benutzt wurde. Sie beide sind von unseren Agenten am nächsten dran. Sehen Sie zu, dass mit diesem Wagen kein Unsinn geschieht, bis die Erkennungsdienstler vor Ort sind. Die können ihn dann meinetwegen bis zur letzten Schraube auseinander nehmen.“

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Als wir an dem von Mister McKee angegebenen Parkplatz ankamen, waren die Kollegen der Highway Patrol bereits etwas ungeduldig.

Die beiden Officers, die hier Dienst taten hießen Naismith und O’Bannon.

Wir zeigten ihnen unsere Ausweise.

„Der Wagen ist in der Liste der gestohlenen Fahrzeuge verzeichnet“, sagte O’Bannon. „Eine Halterabfrage ergab, dass er einem gewissen Timothy Allen Garner aus Riverdale gehört.“

„Wir nehmen an, dass es sich um das Fluchtfahrzeug handelt, das beim Mordanschlag auf Staatsanwalt Longoria verwendet wurde“, erklärte ich. „Der erste Teil des Kennzeichens, den sich ein Zeuge merken konnte, stimmt jedenfalls – und die Typenbezeichnung auch.“

O’Bannon nickte leicht.

„Sie haben Recht, dass sind ein paar Zufälle zuviel, würde ich sagen.“

„Ich hoffe, Sie haben nicht versucht, den Wagen zu öffnen.“

„Nein, wir haben nichts angerührt.“

„Am Tatort konnte ein Reifenprofil sichergestellt werden“, mischte sich Milo ein. „Sollte es übereinstimmen, dann ist es der Wagen, den wir suchen – und vielleicht haben wir dann irgendeine mikroskopisch kleine Spur, die uns am Ende zu den Tätern führt.“

„Ich nehme an, wir werden dann nicht mehr gebraucht“, glaubte Naismith.

„Nein. Haben Sie vielen Dank für Ihre Unterstützung. Wir übernehmen von jetzt an.“

Die beiden Highway Patrol Officers schwangen sich auf ihre Motorräder und brausten davon.

Es dauerte eine Weile, bis die Kollegen von der SRD eintrafen. Eigentlich gehörte Yonkers nicht mehr zu ihrem unmittelbaren Einsatzgebiet, aber es kam auch in anderen Fällen durchaus zur Amtshilfe für das Yonkers Police Department. Der Wagen wurde fachmännisch geöffnet und anschließend von den Kollegen nach Spuren untersucht. Jeder noch so kleine Essensrest, jede Haarfaser, buchstäblich jeder Krümel wurde unter die Lupe genommen. Natürlich wurde vor allem nach DNA-Material gesucht, das der Täter vielleicht hinterlassen hatte.

Es reichte, kräftig zu niesen, etwas Haut unbemerkt abzuschürfen oder ein Haar zu verlieren, um genug Material für einen Test zu hinterlassen. Durch die neuen Polymerisationsverfahren konnten auch winzigste DNA-Reste im Labor zu Kulturen herangezüchtet werden, die dann für die herkömmlichen Tests ausreichen.

In diesem Fall mussten später Genproben vom rechtmäßigen Besitzer des BMW, seiner gesamten Familie und allen anderen genommen werden, die möglicherweise Gen-Material im Wagen zurückgelassen hatten, um deren DNA ausschließen zu können.

Dr. Jack Strencioch leitete die SRD-Untersuchung vor Ort und setzte uns genauestens auseinander, was alles noch an Verfahren in diesem speziellen Fall angewendet werden musste.

„Rechnen Sie nicht allzu schnell mit einem Bericht“, meinte er. „Selbst, wenn wir mit Hochdruck daran arbeiten und diesem Fall Priorität einräumen. Allein das Ausschließen sämtlicher Spuren von Personen aus dem Umkreis des rechtmäßigen Besitzers kann sich ziemlich hinziehen, wenn wir nicht alle in Frage kommenden Probanden antreffen. Die Ferienreise eines guten Bekannten, der aber öfter mal mitgefahren ist, kann uns lange aufhalten, wenn Sie verstehen, was ich meine.“

„Wir wären Ihnen auch schon dankbar, wenn Sie die Ergebnisse kleckerweise an uns weiterleiten würden“, erwiderte ich.

Die Erstuntersuchung zog sich ziemlich in die Länge. Ein paar Haare waren sorgfältig eingetütet worden. Die Ausbeute schien auf den ersten Blick nicht groß. Wenn es die Haare des rechtmäßigen Besitzers waren, konnten wir nichts damit anfangen, aber falls sie einem der beiden Täter gehörten, waren sie vielleicht der Schlüssel zu dem ganzen Fall. Dasselbe galt für das Kaugummi, das jemand unter den Sitz geklebt hatte, die Reste einer Mentholzigarette, die im Aschenbecher zu finden gewesen waren und eine kleine Blutspur, die sich auf dem Boden auf der Fußmatte befand.

Ein Abschlepp-Team zog den BMW schließlich auf seine Rampe. Von dort aus ging es direkt in die Labors der SRD.

„Wir sehen uns jede Schraube an dem Wagen an“, versprach Jack Strencioch. „Staatsanwalt Longoria war ein toller Mann. Nicht nur, dass er sich als Staatsanwalt für das Recht einsetzte – auch in seiner Freizeit war er noch für in Not geratene Verbrechensopfer tätig. Wussten Sie, dass er im Vorstand einer Stiftung war, die sich für solche Fälle stark machte?“

„Die LIGA FÜR RECHT UND ORDNUNG“, nickte ich.

„Ja – ich habe mir ein Spendenformular geholt, als ich davon gehört habe. Ich denke, dass hätte Mister Longoria gerne gesehen. Leider können wir ansonsten ja nicht mehr viel für ihn tun.“

„Wir können seinen Mörder dingfest machen“, erwiderte ich.

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Milo und ich waren etwas später auf dem Weg in die South Bronx, als uns Clive über die Ergebnisse der Vernehmung von Teresa Johnson informierte.

Der Druck, Dustin Jennings so schnell wie möglich aufzutreiben, war durch die dabei ermittelten Fakten noch gestiegen. 

Milo hatte die Freisprechanlage laut geschaltet, sodass wir beide mithören konnten.

„Wenn ihr mich fragt, dann hat dieser Jennings irgend ein schmutziges Spiel gespielt, bei dem Shane Kimble auf der Strecke bleiben sollte!“, meinte Clive. „Und der konnte natürlich nichts sagen, denn wenn die Waffe aufgetaucht wäre, hätte er seine letzten Chancen verspielt, in einer Revision besser wegzukommen!“

„Diese Chancen waren doch ohnehin nur minimal“, meinte Milo. „Longoria hatte gute Arbeit geleistet. Ich habe einen Blick in die Urteilsbegründung geworfen. Die Waffe war wirklich das einzige, was fehlte – aber die Indizienkette war auch so wasserdicht genug, um Kimble lebenslang hinter Gitter zu bringen. Dieser Gang Leader ist gegen Freund und Feind rücksichtslos vorgegangen, wenn es um die Durchsetzung seiner zwielichtigen Geschäftsinteressen ging. Mein Mitleid hält sich da in Grenzen!“

„Ich wollte aus Kimble auch weiß Gott kein Unschuldslamm machen“, stellte Clive klar. „Im Übrigen verfügt er selbst aus dem Knast heraus immer noch über immense finanzielle Mittel, wenn man bedenkt, welchen Luxus er allein der Mutter seines Kindes bieten kann!“

„Wäre sicher interessant, den Weg dieses Geldes zurückzuverfolgen“, meinte ich. „Wenn tatsächlich ein Killer engagiert wurde, dann kostet das schließlich auch eine Menge Geld...“

„Ich habe schon mit Max gesprochen. Unsere Innendienstler machen sich an die Arbeit.“

„Auf jeden Fall kann jemand, der trotz der Beschlagnahmung seines Vermögens noch eine Frau und ein Kind in Luxus leben lässt, ohne dass da die Steuerfahndung oder sonst wer misstrauisch wird, es wohl auch hinbekommen, einen Killer zu engagieren, der den Staatsanwalt niederstreckt!“, glaubte Milo.

„Das sehe ich genauso“, meinte Clive.

Er beendete einen Moment später die Verbindung.

„Du siehst ziemlich skeptisch aus“, meinte Milo.

„Irgendwie glaube ich noch nicht, dass wir den richtigen Ansatzpunkt in diesem Fall haben, Milo.“

„Du siehst die Sache zu schwarz. Ich denke, wenn wir Jennings haben, wird sich einiges von selbst klären.“

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Wir erreichten die Adresse, unter der Dustin Jennings laut Angaben seines Bewährungshelfers zu erreichen war. Sie lag in einem Apartmenthaus mit der Nummer 15 an der Elizabeth Road  - nicht zu verwechseln mit der Elizabeth Street in Manhattan.

Jennings wohnte damit mitten in jenem Gebiet in der South Bronx, das bis vor einiger Zeit das Kerngebiet von Kimbles Gang gewesen war.

Aber die Zeiten hatten sich geändert. In der South Bronx bedeutete dies, dass sich die Grenzen zwischen den einzelnen Gang-Territorien immer wieder verschoben. Ganze Straßenzüge wechselten den „Besitzer“, der dann das Recht zu haben glaubte, in dem jeweiligen Gebiet Schutzgelder erpressen und Drogen verkaufen zu können.

Die SOUTH BRONX TIGERS hatten sich ziemlich weit in den Süden zurückziehen müssen. Die Abwesenheit ihres Chefs war dieser Gang offenbar nicht gut bekommen und andere hatten das ausgenutzt.

Wir hatten uns bei den Kollegen der Drogenpolizei DEA schlau gemacht, die diese Szene laufend beobachtete, weil sich daraus immer auch Rückschlüsse auf Verschiebungen bei den großen Syndikaten ziehen ließen. Im Moment gehörte die Elizabeth Road zum Einflussgebiet der BRONX DEVILS, einer Gang die schon früher zu Kimbles stärksten Konkurrenten gehört hatte.

Dass Jennings in deren Gebiet lebte, sprach Bände, wenn man die die Erkenntnisse aus der Befragung von Teresa Johnson berücksichtigte.

Die Elizabeth Road wirkte nicht ganz so schmucklos und heruntergekommen, wie man es von anderen Straßenzügen der South Bronx kannte.

In den letzten Jahren hatte sich hier – zumindest rein äußerlich – eine Menge getan. Aber auch wenn Teile der South Bronx inzwischen saniert waren, so war der Einfluss des organisierten Verbrechens deswegen nicht verschwunden. Er war vielfach nur nicht mehr so offensichtlich.

Ich parkte den Sportwagen direkt vor dem Apartmenthaus, in dem Jennings gemeldet war. Einmal in der Woche musste er sich noch zwei Jahre lang bei seinem Bewährungshelfer melden.

In dem Mietshaus gab es keinerlei Sicherheitselektronik, dafür Graffiti an den Korridorwänden.

Jennings Wohnung lag im dritten Stock und trug die Nummer A 211. Es stand kein Name an der Tür, dafür in großen verschnörkelten Buchstaben FUCK OFF auf der frisch gestrichenen Wand daneben. Für den Sprayer war die weiße Fläche wohl einfach eine zu große Versuchung gewesen.

Ich drückte auf die Klingel.

„Wer ist da?“, rief jemand durch die Tür.

„Mister Dustin Jennings?“

„Kommt drauf an, wer fragt!“

Milo und ich traten zur Seite. Wir hatten die Hände an den Dienstpistolen.

„FBI! Bitte machen Sie die Tür auf!“

Ein ratschender Laut, als ob eine Pump Gun durchgeladen wurde, warnte uns.

Zwei Schüsse krachten kurz hintereinander.

Der Kerl auf der anderen Seite der Tür hatte aus nächster Nähe das dünne Holz durchschossen. Zwei Löcher waren im Holz entstanden. Ich schnellte vor, trat die Tür ein. Sie flog zur Seite.

Ein Mann Anfang dreißig stand dort. Er trug einen dünnen Oberlippenbart und gelocktes, leicht welliges Haar, das er im Nacken zu einem Zopf zusammengefasst hatte.

In dem Moment, als ich ihm gegenübertrat, lud er gerade die Pump Gun zu dritten Mal durch.

„Waffe weg!“, rief ich.

Er feuerte.

Aber mein Schuss traf ihn zuerst, erwischte ihn am Arm, sodass er zur Seite gerissen wurde und sein Schuss daneben ging. Der Oberarm färbte sich blutrot.

Ich trat auf ihn zu und richtete dabei die Dienstpistole vom Typ SIG Sauer P 226 auf seinen Kopf.

Er lehnte gegen die Wand. Seine Hände krallten sich um die Pump Gun. Außerdem trug er noch eine Automatik hinter dem Hosenbund.

Er ließ die Pump Gun sinken und sah offensichtlich ein, dass er keine Chance hatte. Ich nahm ihm nacheinander die Pump Gun und die Automatik ab. Beide Waffen warf ich zur Seite. Milo trat hinzu. Wir durchsuchten den Zopfträger und fanden außerdem noch ein Messer in einem Futteral, das er um den Unterschenkel geschnallt trug. Der Griff ragte dabei nach unten, sodass man es bequem unter dem Hosenbein hervorziehen konnte.

In den Taschen der Jeans steckten ein paar Briefchen mit einem weißen Pulver.

Mit hoher Wahrscheinlichkeit handelte es sich um Kokain. Die geschätzte Menge betrug etwa das Doppelte von dem was die Gerichte als Rauschgiftbesitz für den Eigenbedarf durchgehen ließen.

Ich klärte ihn über seine Rechte auf, damit alles seine Ordnung hatte.

Er kannte die entsprechenden Sätze bei seiner zu vermutenden Vergangenheit sicher in- und auswendig. Jedenfalls hörte er mir nicht zu, sondern fluchte die ganze Zeit leise vor sich hin. Es war wohl einfach nicht sein Tag gewesen.

In der Gesäßtasche steckte ein Motorradführerschein.

Ausgestellt auf den Namen Lucas J. Fielding.

„Wo finden wir Dustin Jennings?“, fragte ich.

„Keine Ahnung! Ich brauche einen Arzt!“, rief Fielding.

„Den bekommen Sie auch – keine Sorge!“ Ich hielt die Kokain-Päckchen hoch. „Aber von hier aus wird es wohl geradewegs in die Gefängnisklinik von Rikers Island gehen!“

Milo hatte schon sein Handy am Ohr, um im Field Office von Fieldings Verhaftung zu berichten, Verstärkung anzufordern und dafür zu sorgen, dass ein Wagen des Emergency Service  möglichst bald eintraf.

Fielding presste die Hand gegen die Wunde an seinem Arm. Sein Hemdsärmel war bereits blutdurchtränkt. Ich leistete Erste Hilfe. Im Bad fand ich Verbandszeug. Milo achtete derweil darauf, dass Fielding keine Dummheiten machte.

In dem ziemlich unaufgeräumten Wohnzimmer stand der Tisch voller Bierflaschen und Schachteln eines Pizza-Service. Auf der Couch lag eine Lederjacke herum, auf deren Rückseite die Aufschrift BRONX DEVILS WILL GET YOU!!! stand – mit drei Ausrufungszeichen.

In der Küche fand ich eine Apparatur zur Herstellung von Crack. Kokain wurde mit Backpulver vermengt und aufgekocht. Crack machte sofort süchtig. Da es auf Grund des geringen Kokaingehalts viel billiger war als normales Kokain, war es vor allem die Droge der Armen geworden.

Ein wahres Teufelszeug, das aus den Süchtigen Zombies machte, die kaum noch einen Gedanken fassen konnten, der sich nicht darum drehte, wie sie an den nächsten „Stein“ gelangen konnten, wie man die braunen Crack-Würfel auf der Straße nannte.

Als ich zurückkehrte sprach ich Fielding darauf an.

„Hey, das gehört alles nicht mir!“, behauptete er.

„Schon klar“, sagte ich. „Das gehört wahrscheinlich alles Dustin Jennings!“

„Natürlich gehört es ihm! Nehmen Sie doch Fingerabdrücke, machen Sie DNA-Tests oder weiß der Geier was noch! Sie werden sehen, dass ich die Wahrheit sage!“

„Aber an den Kokain-Päckchen in Ihren Hosentaschen werden wir wohl Ihre Abdrücke finden, oder?“, hielt ich im entgegen.

Er schluckte.

„Dazu kommt ein bewaffneter Angriff auf zwei FBI-Agenten“, hielt Milo im entgegen. „Da kommt einiges zusammen. Ich würde sagen, dass Sie diesen Stadtteil so schnell nicht wieder sehen werden. Besser Sie geben Ihr Motorrad schon mal in Zahlung. Sie werden das Geld für einen guten Anwalt brauchen!“

„Das ist alles nicht so, wie Sie denken!“, zeterte er und machte eine heftige Bewegung, bei der er sich beinahe den provisorischen Verband wieder herunterriss, den wir ihm angelegt hatten.

„Vorsichtig!“, warnte ich ihn. „Wenn Sie ihre Hände nicht unter Kontrolle haben, müssen wir Ihnen Handschellen anlegen, auf die wir angesichts Ihrer Verletzung verzichtet haben!“

„Ist ja schon gut!“, knurrte er.

„Ich würde sagen, dass jetzt der Zeitpunkt gekommen ist, zu kooperieren und uns nicht mit lächerlichen Märchen abzuspeisen. Wir kriegen das, was wir hier herausbekommen wollen, auch ohne Sie raus und es könnte sein, das wir in ein paar Stunden Ihre Hilfe schon gar nicht mehr brauchen! Sie können dann auch logischerweise vor Gericht nicht mehr davon profitieren! Ist Ihnen das klar?“

Er schwieg jetzt erst einmal. Der dauernde Strom von Flüchen und Gemeinheiten, die über seine Lippen kam, verebbte.

Ich hielt das für ein gutes Zeichen.

„Erste Frage: Was machen Sie in der Wohnung von Dustin Jennings?“, wollte ich wissen.

„Dusty – Dustin – hat mir erlaubt, hier ein paar Tage zu wohnen. Das ist alles. Ich hatte Stress mit ein paar Jungs aus der Nachbarschaft und meine Kumpels meinten, es wäre besser, ich würde für eine Weile den Wohnort wechseln.“

„Jungs aus der Nachbarschaft?“, hakte ich nach. „Sie meinen Angehörige einer anderen Gang!“

„Ach hören Sie doch auf!“

„Sie tragen eine Jacke der BRONX DEVILS!“

„Aber das sagt nichts darüber, ob ich auch Mitglied dieser Gang bin, oder? Ich trage nur eine Jacke mit der Aufschrift BRONX DEVILS – das ist schließlich nicht verboten...“

„Sparen Sie sich den Mist für Ihre Verteidigung“, schnitt ich ihm das Wort ab. „Mit welcher Gang hatten Sie Ärger?“

Er sah mich einen Augenblick lang an.

Offenbar begriff er nun, dass er mir keinen Bären aufbinden konnte.

„Da waren ein paar SOUTH BRONX TIGERS, die auf Ärger aus waren“, berichtete er schließlich nach längerer Pause. „Ich habe einen von denen verdroschen, als er die Grenze überschritt. Das fanden seine Leute nicht so besonders.“

„Die SOUTH BRONX TIGERS – das ist doch die Gang von Shane Kimble“, stellte ich fest.

„Ja, aber seit Kimble hinter Gittern sitzt, hat sich ihr Gebiet halbiert. In zwei Jahren gibt es die nicht mehr, wenn Sie mich fragen.“

Milo sah mich an. „Offenbar hat Dustin Jennings die Seiten gewechselt und lebt hier unter dem Schutz der BRONX DEVILS!“

Ich wandte mich an Fielding.

„Ist das so?“

„Ja“, presste dieser zwischen den Zähnen hindurch.

„Wo ist er?“

„Wahrscheinlich bei seiner Freundin. Rita Aldosari. Lebt ein paar Blocks weiter über einem Billard-Lokal, das ‚The Poole’ heißt. Man muss durch das Lokal gehen, um zu ihrem Apartment zu gelangen. Ich glaube, es liegt im zweiten Stock, aber hundertprozentig sicher bin ich mir nicht. Eigentlich lebt Dusty dort ständig, deswegen hat er auch nichts dagegen, dass ich hier untertauche.“

„Dann gehört das Crack-Kochgeschirr doch Ihnen!“, stellte ich fest.

„Nein!“, widersprach er. „Das müssen Sie mir glauben.“

Ich schüttelte den Kopf.

„Ich muss Ihnen das nicht glauben, Fielding. Und ich denke, Sie brauchen schon ganz großes Glück, wenn Sie eine Jury dazu bewegen wollen!“

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Es dauerte nicht lange, bis der Emergency Service und die Kollegen der City Police eintrafen, die Fielding in Gewahrsam nahmen, um ihn in die Gefängnisklinik von Rikers Island zu bringen. Unsere Kollegen Clive und Orry trafen etwas später ein. Ebenso die Erkennungsdienstler der Scientific Research Division, obwohl deren Labor eigentlich ja in der Bronx angesiedelt war und sie daher keinen besonders langen Weg hatten.

Uniformierte Kollegen der City Police sicherten den Tatort ab und die Erkennungsdienstler des SRD machten in der Wohnung ihren Job.

Sollten sich später die Gerichte darüber streiten, wem das Kokain und die Vorrichtung zur Herstellung von Crack letztlich gehörten!

Beides reichte jedenfalls aus, um sowohl Fielding als auch Dustin Jennings erst einmal festzunehmen.

Beim Einsatzleiter der City Police-Kräfte – einem Lieutenant namens Jay Calder – erkundigte ich mich nach dem Billardlokal mit der Bezeichnung ‚The Poole’.

„Ich würde Ihnen empfehlen, dort nur in Mannschaftsstärke aufzusuchen“, meinte Jay Calder, der die örtlichen Verhältnisse als Beamter im zuständigen Polizeirevier natürlich bestens kannte. „Gerade rund um ‚The Poole’ hat es immer wieder Probleme mit Angehörigen der BRONX DEVILS gegeben, die sich dort häufiger treffen.“

„Die sollen den Drogenhandel hier kontrollieren“, meinte ich.

Lieutenant Calder bestätigte dies.

„Das ist korrekt. Außerdem nehmen sie Schutzgelder. Aber da niemand den Mund aufmacht und bei Anzeigen die Zeugen  regelmäßig ihre Beschuldigungen plötzlich zurückziehen, sind uns und der Justiz die Hände gebunden.“

Ich wandte mich an Clive. „Wie gehen wir vor?“, frage ich.

„Du bist dafür, sofort loszuschlagen, was?“

„Dustin Jennings geht uns durch die Lappen, wenn wir noch länger warten!“

„Jesse hat recht“, pflichtete mir Milo bei. „Eine Aktion wie diese hier spricht sich doch sofort in der Gegend herum!“

„Es wäre mir lieber, wenn wir auf Verstärkung warten und erst losschlagen, wenn wir absolut sicher sind, dass Jennings uns auch in die Falle geht“, war Clives Ansicht. „Jesse, ihr hattet gerade Glück, dass Fielding nicht einem von euch ein Loch in den Bauch geschossen hat!“

Ich schüttelte den Kopf.

„Da war kein Glück, sondern Vorsicht. Ich stelle mich nie vor eine Tür, die nicht dick genug ist, um eine Kugel aufzufangen!“

Clive wandte sich an seinen indianischen Partner.

„Orry?“

„Ich sehe das wie Jesse.“

„Lieutenant Calder?“, drehte sich Clive zu dem Einsatzleiter der City Police um. „Können Sie ein Dutzend Mann entbehren, die sich an dem Einsatz beteiligen?“

„Die sind in ein paar Minuten an Ort und Stelle!“, kündigte Lieutenant Calder an.

„Das wird dann aber kein Einsatz, der still und leise über die Bühne geht“, gab ich zu bedenken.

„Ich weiß“, sagte Clive. „Aber auch, wenn uns der eine oder andere dann keine Aussage mehr macht, wenn wir so massiv auftreten. Die Sicherheit geht vor. Wir werden mit Kevlar-Westen und Headsets in dieses Billard-Lokal hineingehen.“

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Wir fuhren zum Billard Lokal ‚The Poole’. Ich stellte den Sportwagen am Straßenrand ab. Orry und Clive waren mit ihrem Chevy aus dem Fuhrpark unserer Fahrbereitschaft hinter uns.

Zuvor hatten wir bereits Kevlar Westen und Headsets angelegt. Die Waffen waren schussbereit.

Lieutenant Calder meldete sich bei Orry über Funk. Danach waren die zusätzlichen Kräfte der City Police auf dem Weg. Ihre Sirenen hörten wir bereits deutlich.

Wir stiegen aus.

Mehrere Einsatzfahrzeuge der Polizei näherten sich. Uniformierte Beamte sprangen mit der Waffe im Anschlag heraus und gingen in Stellung. Der ganze Block zu dem ‚The Poole’ gehörte, wurde weiträumig abgeriegelt.

Clive betrat als erster das Billardlokal.

Wir hatten 17 Uhr – für ein Etablissement wie ‚The Poole’ natürlich noch viel zu früh. Wie wir wenig später feststellten, wurde es im Moment kaum von Gästen frequentiert.

Wir betraten das Lokal in Begleitung von vier NYPD Officers.

Ich ging auf den Schanktisch zu, hinter dem ein großer, breitschultriger Mann mit Ledermütze, Stachelhalsband und Muskel-T-Shirt die Drinks zusammenstellte.

„Trevellian, FBI!“, stellte ich mich vor und hielt ihm die ID-Card unter die Nase.

„Was wollen Sie? Hier gibt’s keine Drogen und auch sonst nichts, was illegal wäre. Nicht einmal Glücksspiel!“ Der Kerl mit dem Stachelhalsband grinste schief.

„Wir suchen Dustin Jennings!“, erklärte ich. „Er soll öfter hier sein.“

„Schon möglich.“

„Zurzeit wohnt er bei einer jungen Frau, deren Wohnung ein Stockwerk höher ist!“

„Dann frage ich mich, was Sie hier wollen!“

„Weil man dazu durch den Schankraum von ‚The Poole’ muss!“

Eine Treppe führte hinauf.

Milo und Orry gingen bereits hinauf. Sie nahmen immer mehrere Stufen auf einmal. Ich sah dem Kerl mit dem Stachelhalsband die Nervosität an. Seine Muskeln zuckten leicht und wirkten auf verdächtige Weise gespannt. Zweifellos dachte er darüber nach wie er Jennings warnen konnte.

In diesem Augenblick hörten wir draußen ein Motorrad aufheulen.

Das Geräusch kam von der Rückfront des Lokals.

Da machte sich unser Mann gerade aus dem Staub!

Ich zögerte nicht lange, riss die Waffe hervor und stürmte durch eine Tür, von der ich vermutete, dass ich durch sie zu einem Hintereingang gelangen würde. Es war einfach unwahrscheinlich, dass es so etwas ausgerechnet in einem so zwielichtigen Lokal wie ‚The Poole’ nicht gab.

Ich stürmte einen Korridor entlang, vorbei an einer Küche, aus der es nach angebranntem Friteusenfett roch und hatte dann die Tür erreicht, die nach hinten hinausführte.

Sie war abgeschlossen.

Das konnte unmöglich ein Zufall sein!

Ich feuerte mit der SIG auf das Schloss und trat die Tür zur Seite.

Vor mir lag ein trostloser Hinterhof.

Ein paar ausgeschlachtete Wagen standen herum. Daneben ein voll funktionsfähiger Van, über den offenbar Waren für die Küche von ‚The Poole’ angeliefert worden waren.

Ein Motorrad raste auf die Ausfahrt des von drei Seiten durch fünf- bis siebenstöckige Gebäude begrenzten Hinterhofs zu.

Der Fahrer trug einen Helm, sodass von seinem Kopf nichts zu sehen war.

Aber ich wettete, dass es sich um Dustin Jennings handelte. Er hatte uns herankommen sehen und die Situation spätestens in dem Augenblick erfasst, als die Polizeisirenen zu hören gewesen waren. Dann hatte er über die Feuerleiter das Apartment seiner Freundin verlassen, um sich aus dem Staub zu machen.

Mit quietschenden Reifen bremste der Motorradfahrer an der Ausfahrt.

Das Hinterrad brach dabei aus.

„Stehen bleiben! FBI!“, rief ich und feuerte einen Warnschuss ab.

Ich versuchte den Reifen zu treffen, verfehlte ihn aber. Der Flüchtige ließ das Vorderrad des Motorrads hochsteigen. Dann brauste er nach links davon.

Ich spurtete hinterher.

Die mehrstöckigen Häuser, die den Hinterhof von drei Seiten umgaben, waren in einem beklagenswerten Zustand. Ein Teil der Fenster war zersprungen oder mit Brettern vernagelt worden. Höchstens in einem Viertel der Wohnungen lebte überhaupt jemand. Die anderen standen leer.

Wer immer es sich irgendwie zu leisten vermochte zog aus der Gegend weg.

Es gab viele solcher halbbewohnten Ruinen in der Bronx. An einem der Fenster sah ich aus den Augenwinkeln eine Bewegung. Mein Instinkt sagte mir, dass da etwas nicht stimmte. Doch es war schon zu spät. Ein Mündungsfeuer blitzte im Schatten einer Fensteröffnung auf. Dahinter war kurz der Schemen eines Schützen zu sehen.

Die Kugel zischte dicht an mir vorbei und schlug in einen ausgeschlachteten Ford ein, dem man bereits die Reifen und die Frontscheibe genommen hatte. Jetzt ging die Heckscheibe zu Bruch. Ein zweiter Schuss pfiff mir dicht über den Kopf hinweg und schlug ein Daumengroßes Loch in einen überfüllten Müllcontainer.

Ich warf mich hinter den nächsten Müllcontainer und fand dort notdürftigen Schutz, während weiter in meine Richtung geschossen wurde.

Mit knapper Not konnte ich mich retten.

Ich tauchte im nächsten Moment auf der anderen Seite des Containers aus meiner Deckung hervor und feuerte mit meiner Dienstwaffe in Richtung des Fensters, aus dem auf mich geschossen worden war.

Eigentlich hatte ich mehrere Schüsse abgeben wollen.

Aber da war niemand mehr.

Der Kerl war auf und davon.

In der Ferne hörte ich den Klang des Motorrades. Wieder quietschten Reifen, dann Schüsse. Ich rappelte mich auf, war blitzschnell auf den Beinen und rannte dann der Ausfahrt entgegen.

Von der Ausfahrt aus gelangte man in eine schmale Seitenstraße, deren Häuser alle ähnlich verkommen aussahen. Mülltonen schienen hier seit ewigen Zeiten nicht gelehrt worden zu sein. Ratten huschten ungeniert aus Kellerlöchern und es stank erbärmlich.

Der Motorradfahrer war auf und davon.

Ein Polizeiwagen stand quer auf der Straße.

Die beiden Officers der City Police, die offenbar den Streifenwagen angehalten hatten und mit der Waffe im Anschlag in Stellung gegangen waren, lagen jetzt ausgestreckt auf dem Asphalt.

Ein junger Mann mit einer Lederjacke der BRONX DEVILS lag  auf dem Bürgersteig in seiner Blutlache. Seine Hände hielten noch immer ein Sturmgewehr fest umklammert. Es musste sich um den Kerl handeln, der von einem der dem Innenhof zugewandten Fenster aus auf mich geschossen hatte. Er war offensichtlich aus dem Haus gerannt und hatte mit dem neben dem Eingang abgestellten Motorrad davonfahren wollen, als unsere uniformierten Kollegen vom NYPD eingetroffen waren, um ‚The Poole’ auch von der Rückseite aus zu sichern.

Zunächst hatte ich die Maßnahmen, die Clive angeordnet hatte, für übertrieben gehalten, aber im Nachhinein musste ich zugeben, dass er Recht gehabt hatte.

Ich trat auf den am Boden Liegenden zu.

Er lebte noch.

Zitterte.

Ich nahm ihm die Waffe ab und sagte über Funk den Kollegen Bescheid.

Im gleichen Augenblick kam von der anderen Seite ein weiterer Streifenwagen herbei.

Die Beamten öffneten die Türen ihres Chevy, stiegen aus und eilten herbei. Aber auch sie konnten nichts mehr tun.

Weder für ihre niedergeschossenen Kollegen, noch für den jungen Gang-Krieger, dessen Blut über den Asphalt in den Rinnstein lief.

Hier hatte sich eine Tragödie ereignet.

Noch ehe einer unserer Kollegen oder gar der Emergency Service den Ort des Geschehens erreichte, hatte der Schütze mit dem Sturmgewehr sein Leben endgültig ausgehaucht. Seine Augen blickten starr in den grau und bereits etwas dämmrig gewordenen Himmel.

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Etwa eine halbe Stunde später kehrte ich über den Hinterhof zum Lokal ‚The Poole’ zurück.

An einem der Fenster in den Obergeschossen sah ich eine junge Frau. Das dunkle, gelockte Haar hatte sie im Nacken zusammengefasst.

Die Mähne war durch ein Gummi kaum zu bändigen. Sie hatte einen dunkelbraunen Teint und trug ein eng anliegendes, ziemlich knapp sitzendes Kleid, das die perfekten Kurven ihres aufregenden Körpers sehr exakt nachzeichnete. Es enthüllte mehr, als es verbarg.

Ich nahm an, dass es sich um Dustin Jennings’ Freundin Rita Aldosari handelte.

Ich hoffte, dass wir von ihr mehr erfuhren, bezweifelte es aber.

Ihr Blick traf mich, dann sah sie zur Seite.

Ein paar Minuten später stand ich zusammen mit Milo vor ihrer Apartment-Tür.

Es gab keine Klingel. Ich klopfte. Sie öffnete zögernd.

„Jesse Trevellian, FBI!“, mit diesen Worten hielt ich ihr meine ID-Card entgegen. Ich deutete auf Milo. „Dies ist mein Kollege Agent Tucker. Sind Sie Miss Rita Aldosari?“

„Ja, die bin ich“, sagte sie mit einer dunklen, warm klingenden Stimme. Sie nahm die Kette von der Tür und öffnete sie nun ganz. „Kommen Sie herein, bevor Sie mir die Tür eintreten. Das ist es doch, was Sie als nächstes versucht hätten, oder?“

„Nur im Notfall“, verteidigte ich mich.

Mein freundliches Lächeln erwiderte sie nicht. Sie wirkte kalt und abweisend. Aber in gewisser Weise konnte ich das auch verstehen. Schließlich jagten wir den Mann, mit dem sie nach Angaben von Lucas Fielding liiert war.

Wir traten ein.

Sie bot uns erst einen Platz in der Sitzgarnitur aus Kunstleder an und dann einen Kaffee. Wir lehnten beides ab.

„Dustin Jennings soll in der letzten Zeit bei Ihnen gelebt haben. Trifft das zu?“, fragte ich.

„Und wenn schon!“, erwiderte Rita Aldosari mit einem deutlich von Trotz gekennzeichneten Unterton. Meine Befürchtungen sollten sich bestätigen. Sie war nicht bereit, mit uns zu kooperieren.

Noch nicht, wie ich hoffte.

Schließlich würde es zweifellos ziemlich schwierig werden, Jennings zu fassen. Zumindest so lange er klug genug war, im Revier der BRONX DEVILS zu bleiben. Hier war sein Revier, hier kannte er sich aus wie in seiner Westentasche und würde vermutlich auch immer irgendwo Unterschlupf finden, sodass die Sache ziemlich kompliziert für uns werden konnte.

„Wir nehmen an, dass Jennings einige seiner Sachen in Ihrem Apartment zurückgelassen hat“, stellte Milo fest. „Die müssen wir beschlagnahmen.“

Diese Ankündigung nahm Rita Aldosari schweigend hin. Milo ging in das zum Apartment gehörende Schlafzimmer. Die Wände waren in diesem Gebäude sehr hoch.

Mindestens drei Yards schätzte ich auf den ersten Blick. Es musste ein Vermögen kosten, diese Wohnungen zu heizen.

Auf dem Bett standen zwei offenbar in großer Eile gepackte Reisetaschen. Es lag auf der Hand, dass sie Jennings gehörten. Er hatte auf Grund unseres plötzlichen Auftauchens und seiner überstürzten Flucht wohl keine Gelegenheit mehr gehabt, die Gepäckstücke mitzunehmen.

„Haben Sie eine Ahnung, wo Jennings jetzt sein könnte?“, fragte ich an Rita gewandt.

„Wenn ich es wüsste, würde ich es Ihnen bestimmt nicht sagen, G-man!“

„Wir suchen eine Waffe, die Jennings in seinem Besitz haben soll und mit der ein Staatsanwalt ermordet wurde. Es handelt sich um eine 45er Automatik. Wissen Sie etwas darüber?“

„Nein.“

„Sie werden sich allerdings gefallen lassen müssen, dass wir diese Wohnung nach der Waffe durchsuchen.“

Sie verschränkte die Arme vor der Brust „Haben Sie einen Durchsuchungsbefehl?“

„Nein, aber den bekommen wir sehr schnell.“

Sie schluckte.

„Heißt das, Dusty hat jemanden umgebracht?“

„Das wissen wir nicht“, erwiderte ich. „Aber jemand benutzte die verschwundene Waffe aus einem alten Mordfall, um Staatsanwalt Longoria zu töten.“

Rita seufzte hörbar. „Ja, wenn es so ein großes Tier erwischt, dann stellt ihr alles Mögliche auf die Beine! Aber wehe, irgendein kleiner Wicht wird angegriffen oder umgebracht – dann mahlen auch die Mühlen des FBI sehr viel langsamer, oder?“

Ich hatte wenig Lust, mich mit dieser ziemlich kämpferisch wirkenden jungen Frau auf eine Diskussion einzulassen, dazu hatte ich im Moment einfach zu viel um die Ohren.

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Der Konferenzraum befand sich im siebzehnten Stock eines Bürogebäudes am nördlichen Ende der Seventh Avenue. Man hatte einen hervorragenden Blick auf den Central Park.

Miles Buchanan erhob sich.

Er klopfte mit dem Kugelschreiber gegen seine Kaffeetasse, um sich der Aufmerksamkeit der anwesenden Mitglieder des Stiftungsrates der LIGA FÜR RECHT UND ORDNUNG  zu versichern.

Daraufhin kehrte innerhalb weniger Augenblicke Stille ein.

„Ladies und Gentlemen – diese außerplanmäßige Sitzung unseres Stiftungsrates habe ich in meiner Eigenschaft als 2. Vorsitzender und Stellvertreter des ermordeten James Longoria, einberufen. Sie hat den Sinn, ein paar Dinge zu klären, von der die Wahl eines neuen Vorsitzenden nur einer von mehreren Punkten ist, den ich im übrigen ans Ende der Tagesordnung gelegt habe – einfach schon deshalb, weil ich der Auffassung bin, dass zunächst eine Aussprache erfolgt sein sollte.“ Miles Buchanan ließ den Blick schweifen.

Es herrschte absolute Stille. Die Gesichter wirkten betreten und niedergeschlagen.

„Der Tod von Staatsanwalt James Longoria hat die ganze Stadt New York tief getroffen – aber für unsere Stiftung ist dieser Verlust beinahe unersetzlich. Ich trage Eulen nach Athen, wenn ich all die Aufgaben aufzähle, die Mister Longoria für unsere Organisation übernommen hatte. Das Amt des Vorsitzenden ist da nur eine Facette, die nach außen sichtbar war. Aber wenn sich Hilfe suchende Verbrechensopfer an die LIGA wandten, so war er oftmals auch persönlich anwesend, um den Betreffenden zu helfen. Er hat aus der LIGA FÜR RECHT UND ORDNUNG mehr gemacht, als eine bloße Verwaltungsmaschine von Spendengeldern, die ja inzwischen ziemlich reichlich fließen. Und auch da trug Mister Longoria mit seinen hervorragenden Kontakten zu Handel, Industrie und öffentlichen Einrichtungen zum Erfolg erheblich bei. Gleichgültig, wer auch immer sich unter uns bereit erklären sollte, diesen Posten zu übernehmen, er sollte sich der Tatsache bewusst sein, dass es sehr schwer sein wird, diesen gewaltigen Fußstapfen zu folgen, die Mister Longoria für seine Nachfolger hinterlassen hat.“ Erneut machte Buchanan eine Pause. „Wir werden die Entwicklung auf dem Spendenmarkt antizipieren müssen. Dazu werde ich Ihnen auch noch ein Konzept vorstellen, in dem ich mir mal aufgeschrieben habe, welche Neuerungen ich auf die Dauer der nächsten anderthalb Jahre für unaufschiebbar halte! Doch darüber können wir später noch  reden. Ich möchte jetzt zu einem anderen Punkt kommen. Es geht um die junge Frau, die James Longoria im Anblick seines Todes auf dieser Welt zurückgelassen hat und die eigentlich damit rechnen konnte, noch etliche Jahrzehnte mit diesem einzigartigen Mann in Liebe verbunden sein zu können.

Doch der Tod hat Longoria mitten aus dem Leben geholt. Details der polizeilichen Ermittlungen werde ich Ihnen natürlich nicht an diesem Abend um die Ohren schlagen. In den nächsten Tagen und Wochen werden sich da bestimmt neue Erkenntnisse ergeben, über die uns das FBI zu gegebener Zeit informieren wird. Der Punkt, um den es mir geht ist ein anderer. James Longoria hat zu Lebzeiten vielen, durch Verbrechen in Not geratenen Menschen geholfen – und ich finde, genau das sollten wir nun auch bei seiner Witwe tun.“ Zustimmendes Gemurmel entstand, sodass Buchanan fortfuhr: „Mister Longoria hat sich stets mit Hingabe um andere gekümmert, sodass er darüber die eigene finanzielle Absicherung sträflich vernachlässigt hat. Ich, als sein persönlicher Freund, habe ihn immer wieder darauf hingewiesen, aber der Kampf gegen das Verbrechen stand für James einfach absolut im Vordergrund.“

„Soll das bedeuteten, dass Mrs Longoria in finanziellen Schwierigkeiten ist?“, fragte Tom Gallego, ein Geschäftsmann, dem eine Kette von Juwelierläden an der Ostküste gehörte und der sich sowohl persönlich als auch finanziell stark in der LIGA FÜR RECHT UND ORDNUNG engagierte.

„Tatsache ist, dass auf dem Haus eine hohe Hypothek läuft und außerdem in nächster Zeit starke Belastungen auf Mrs Longoria zukommen werden. So wird sie sich auf Grund der Geschehnisse, die den Tod ihres Mannes betreffen, in Psychotherapie begeben müssen und die Leistungen des Pensionsfonds der Stadt New York werden nicht ausreichen, um ihr den Absprung in ein neues Leben zu sichern.“

„Ich sehe keine Einwände, warum wir Mrs Longoria nicht schnell und unbürokratisch helfen sollten“, erklärte Harvey Kuznetzov, ein Kaufhausmogul, dem etwa dreißig Kaufhäuser in New York State, New Jersey und Massachusetts gehörten und der seit einem Jahr im Stiftungsrat mitarbeitete.

Malcolm Houseman, Teilhaber einer renommierten Anwaltskanzlei in Manhattan, der sich auf Schadensersatzansprüche von Verbrechensopfern spezialisiert und dabei gesehen hatte, dass manche Opfer einfach leer ausgingen, meldete sich nun zu Wort.

„Ich denke, in diesem speziellen Fall können wir auf die sonst üblichen Überprüfungen wohl auch verzichten, wenn das hier in diesem Kreis allgemeiner Konsens ist.“

„Davon können Sie ausgehen, Mister Houseman!“, erklärte Margret Stromfield, Schmuckdesignerin aus Chelsey, New York, deren Kreationen weltweit vermarktet wurden. Die fünfundvierzigjährige, sehr elegant wirkende Geschäftsfrau hatte sich entschlossen, die LIGA FÜR RECHT UND ORDNUNG zu unterstützen, nachdem eine Reihe von Einbrüchen in ihrer Firma und die Untreue eines Mitarbeiters sie zeitweilig an den Rand des Bankrotts gebracht hatten.

Eine skeptische Stimme meldete sich jetzt zu Wort. Sie gehörte Ray Dennison, dem Inhaber einer großen Import/Export-Firma in West New York. „Mir sind, wenn ich die Abschlussberichte der letzten Jahre durchgehe, ein paar Dinge aufgefallen, über die wir bei Gelegenheit mal intensiver sprechen sollten. Insbesondere fällt mir auf, dass Zahlungen...“

„Vielleicht sollten wir diesen Punkt zurückstellen, bis die angeforderten Unterlagen unseres Buchprüfers vorliegen“, unterbrach Miles Buchanan den Sprecher. Buchanan ließ den Blick in der Runde schweifen. „Ich meine, wenn wir über die Finanzen diskutieren, dann sollten wir dafür doch auch eine ausreichende sachliche Grundlage haben, oder?“

„Eigentlich gehört das in die heutige Aussprache!“, monierte Harvey Kuznetzov.

„Es tut mir leid, aber der Tod unseres Vorsitzenden James Longoria, der wie ich denke von niemandem hier im Raum vorhergesehen werden konnte, hat zu dieser kurzfristig einberufenen Sitzung geführt. Der Buchprüfer konnte jedoch ursprünglich  davon ausgehen, etwas länger Zeit für seine Unterlagen zu haben und ist dementsprechend einfach noch nicht fertig!“

„Dann schlage ich vor, auch die Wahl des Vorsitzenden auf einen Zeitpunkt zu verschieben, an dem uns diese Unterlagen vorliegen und eine Aussprache darüber stattfinden kann!“, verlangte Ray Dennison und fand damit die Zustimmung der meisten Anwesenden.

Miles Buchanan sah ein, dass er an diesem Abend wohl nichts übers Knie brechen konnte und erklärte sich schließlich ebenfalls einverstanden.

„Selbstverständlich gehen wir davon aus, dass Sie die LIGA FÜR RECHT UND ORDNUNG bis dahin kommissarisch weiterführen!“, stellte Harvey Kuznetzov  klar.

„Natürlich!“, versicherte Buchanan.

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Die Sitzung zog sich noch ziemlich lange hin, auch wenn nur die nicht mehr aufschiebbaren Beschlüsse tatsächlich auch gefasst wurden. Aber der Tod von James Longoria hatte alle Mitglieder des Stiftungsrates tief getroffen und so war das Bedürfnis groß, sich darüber auszutauschen.

Als sich die Versammlung schließlich auflöste, sah Miles Buchanan auf das Display seines Mobiltelefons, das er während der Sitzung stumm geschaltet hatte.

Drei Anrufversuche in Abwesenheit von unbekanntem Anrufer, war auf dem Display zu lesen.

Buchanan atmete tief durch, tippte auf den Menue-Tasten herum und ließ sich die Nummer des „Unbekannten Anrufers“ anzeigen. Er erkannte sie an der Folge der ersten vier Ziffern wieder. Die Nummer gehörte zu einem Prepaid-Handy, bei der man keinen Vertrag bei einem Mobilfunkanbieter unterschrieb, sondern für eine bestimmtes Gesprächsvolumen im Voraus bezahlte.

Buchanan rief die angegebene Nummer zurück.

„Mister Dunham?“, fragte er, als sich eine sehr heisere Männerstimme meldete.

„Wir müssen miteinander reden, Mister Buchanan. Dringend!“

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Das Motorrad raste durch die schmale Gasse zwischen zwei Lagerhäusern und erreichte dann einen asphaltierten Platz, der von Scheinwerfern beleuchtet wurde. Das Tor einer Werkstatthalle stand offen. Dutzende von Harleys waren auf dem Vorplatz oder im Inneren der Halle aufgebockt worden. Männer in Lederjacken mit der Aufschrift BRONX DEVILS WILL GET YOU!!! standen dort, schraubten an ihren Maschinen herum oder beschäftigten sich mit den weniger zahlreich anwesenden, in Leder gekleideten jungen Frauen.

Irgendwo bellte ein Hund.

Dustin Jennings bremste seine Maschine und stieg ab.

Plötzlich kümmerte sich niemand mehr um seine Maschinen. Das Stimmengewirr, das bis dahin die Nacht erfüllt hatte, verstummte. Alle Blicke waren auf den Neuankömmling gerichtet.

„Wo ist Big Brian?“, fragte Jennings.

„Ich bin hier!“, rief Brian Mallone, der Anführer der BRONX DEVILS. Er trat aus dem Schatten hervor. Dicht an seiner Seite hielt sich ein Hund, der große Ähnlichkeit mit einem Wolf hatte. Brian Mallone trug ein Piratentuch. Unter der offenen Lederjacke ragte der Griff einer Automatic hervor, in der linken schwenkte er eine Pump Gun.

„Brian, ich brauche deine Hilfe! Die Cops waren in ‚The Poole’ und haben...“

„Rita, deine Flamme hat mich angerufen und über alles informiert“, meinte Brian Mallone. „Du siehst, ich bin exakt im Bilde. Unser Gang-Bruder Astley ist bei einer Schießerei mit Polizisten ums Leben gekommen, weil er versucht hat, dir den Rücken freizuhalten.“

„Verdammt!“

„Zwei von den Cops haben allerdings auch ins Gras beißen müssen!“

Brian Mallone trat näher an Dustin Jennings heran. Mallone war etwa einen Kopf größer. Er blickte auf Jennings herab.

„Hast du eine Erklärung dafür, weswegen die Cops so ein Theater gemacht haben und selbst das FBI eingeschaltet war?“

„Nein!“

„Hast du schon mitgekriegt, dass Luke Fielding verhaftet wurde?“

„Nein, ich...“ Weiter kam Jennings nicht. Er wich einen Schritt zurück und schluckte.

„Die haben deine wunderschöne Mini-Crack-Fabrik sicher ganz besonders unter die Lupe genommen!“

„Ich muss untertauchen und du musst mir helfen, Brian!“

Ein paar der anderen Gangmitglieder hatten sich inzwischen um ihren Chef gruppiert und wirkten jetzt wie Paladine. Der eine oder andere hatte seine Finger an der Waffe.

Es herrschte eine angespannte Stimmung, die auch der Hund an Mallones Hosenbein zu spüren schien.

Jedenfalls begann er plötzlich zu knurren.

„Ganz ruhig, Devil!“, raunte Brian Mallone. Er kniete nieder, kraulte dem Tier das Fell. „Devil spürt, wenn irgend etwa faul ist, Dusty. Das habe ich dir immer gesagt. Dieses Vieh hat einen sechsten Sinn, der den Menschen irgendwie abhanden gekommen sein muss. Jedenfalls wittert er Arschlöcher und Gefahren auf eine halbe Meile, da kannst du mir glauben!“

Wieder folgte ein quälend langer Augenblick des Schweigens.

„Wir sind Gangbrüder“, sagte Dustin Jennings.

Brian Mallone erhob sich.

Sein Gesicht verzerrte sich zu einer starren Maske der Wut.

„Ich habe dir eben eine klare Frage gestellt und du glaubst wirklich, dass du mich mit irgendeiner Scheißantwort abspeisen kannst! Ich habe dich gefragt, weswegen die Cops so ein Theater rund um ‚The Poole’ veranstaltet haben und außerdem vorher noch in deiner Wohnung aufgetaucht sind! Da müssen bei dir doch wohl die kleinen grauen Zellen mal anfangen zu arbeiten, oder?“

„Ich habe wirklich keine Ahnung! Du weißt, dass ich immer vorsichtig gewesen bin, schließlich läuft noch meine Bewährung und wenn die widerrufen wird, bin ich lange weg!“

„So wie dein ehemaliger Boss – Shane Kimble!“, kommentierte einer der anderen Gangmitglieder Jennings’ Worte in schneidendem Tonfall.

„Es war vielleicht keine gute Idee hier her zu kommen“, murmelte Jennings und machte einen weiteren Schritt auf seine Maschine zu.

„Komisch, deine Freundin hatte den Eindruck, dass das alles mit einer Pistole in Zusammenhang steht... Hast du dazu vielleicht etwas zu sagen?“

„Ich kann das erklären, aber jetzt brauche ich erstmal deine Hilfe. Die Cops stecken mich sonst ins Loch!“

„Ja, und dein spezieller Freund, dieser harte Staatsanwalt schaut sich ja jetzt die Radieschen von unten an! Pech für dich, Dusty. Aber ich habe deinem Arsch schon viel zu oft aus dem Dreck geholfen. Und womit dankst du es mir? Dass du mich mit in deine Schwierigkeiten hineinziehst! Du bist ein Sicherheitsrisiko ersten Ranges geworden...“

„Brian, du verdankst es mir, dass du Kimbles Gebiete übernehmen konntest!“

„Richtig! Aber auch wenn du es bis jetzt vielleicht nicht mitgekriegt hast – wir sind längst quitt!“

Brian Mallone hob die Pump Gun und drückte ab.

Dustin hatte noch in einer taumelnden Rückwärtsbewegung die eigene Waffe unter der Lederjacke hervorziehen wollen, sie aber nicht mehr aus dem Gürtel bekommen.

Mallones Schuss streckte ihn auf den Asphalt.

Er riss dabei seine aufgebockte Maschine um. Ein Rückspiegel knickte ab.

Mallone ging auf den reglos am Boden liegenden Dustin Jennings zu. Er stieß ihn mit dem Fuß an, lud die Pump Gun durch und feuerte sicherheitshalber noch einmal auf den am Boden Liegenden.

Der Hund kam herbei, klettert über den Toten und schleckte an ihm herum.

„Komm da weg, Devil. Du versaust dir dein schönes Fell!“

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Am nächsten Morgen fanden wir uns zu unserer regelmäßigen Besprechung bei Mister McKee ein. An neuen Erkenntnissen lag noch nicht sehr viel vor. Das Gangmitglied, das versucht hatte, mich im Hinterhof umzubringen und später an den Folgen der Verwundungen, die der Mann während seines Schusswechsels mit zwei Kollegen des NYPD erlitten hatte, ums Leben gekommen war, hieß Astley Jackson und war mehrfach wegen einschlägiger Delikte vorbestraft. Allerdings hatte er es in den letzten Jahren vermieden, erwischt zu werden. Vielleicht hatten die BRONX DEVILS ihre Straßenzüge auch einfach nur so gut im Griff, dass keine Anklage mehr zu Stande gekommen war. Umso mehr wurde es Zeit, dass diese Zustände endlich beendet wurden. Aber das war leichter gesagt als getan. Immer dann, wenn es einige zur Aussage bereiten Zeugen gab, wurde es vor Gericht schwierig.

„Ich habe eben eine vorläufige Zusammenfassung der Untersuchungsergebnisse aus den Labors der SRD erhalten“, berichtete Mister McKee und blickte dabei auf einen Computerausdruck. „Es geht dabei insbesondere um den Wagen und die darin gefundenen und verwertbaren Spuren. Erstes Resultat: Es handelt sich tatsächlich um den gesuchten BMW, der an der Transverse Road No. 1 als Fluchtfahrzeug verwendet wurde. Das gesicherte Reifenprofil stimmt einwandfrei überein. Zweites Ergebnis: Der Fahrersitz war so eingestellt, dass wir annehmen müssen, dass der Wagen zuletzt von jemandem gefahren wurde der mindestens ein Meter neunzig, vielleicht sogar größer war. Seine ungefähre Schuhgröße haben wir auch durch einen feuchten Abdruck. Sie beträgt 44 der 45.“

„Tja, man sollte die Gangster verpflichten, ihre Verbrechen jetzt nur noch bei Regenwetter zu begehen. Das erleichtert doch manches!“, konnte sich unser Innendienstler Max Carter eine Bemerkung nicht verkneifen.

Von Mister McKee erntete er dafür jedoch nur einen missbilligenden Blick. Unser Chef fand das ganz und gar nicht lustig.

„Schon gut, Sir“, murmelte Max.

Mister McKee fuhr ohne auf diese Sache noch einmal einzugehen fort: „Die sichergestellte Blutprobe ist noch nicht mit den Genproben aller Familienmitglieder und Bekannten des rechtmäßigen Besitzers abgeglichen worden, sodass wir nach wie vor nicht wissen, ob sie von einem Täter stammt oder nicht. Das kann sich wohl auch noch bis in die nächste Woche hinziehen, denn der Schwiegervater des Besitzers benutzt den Wagen auch ab und zu und ist derzeit auf einer Ferienreise nach Acapulco. Er kommt erst Ende nächster Woche zurück. Aber dafür konnte ein aufgefundenes Haar bereits identifiziert werden. Es stammt von einem Hund, aber weder in der Familie des Eigentümers noch bei seinen Bekannten gibt es Hundebesitzer.“

„Was soll das heißen?“, fragte Milo. „Dass ein Hund mit im Wagen war?“

„Nein, das ist so gut wie ausgeschlossen, weil dann sehr viel mehr Haare zurückgeblieben wären. Dr. Strencioch von der SRD denkt, dass sich das Haar am Hosenbein eines Menschen befand, der Hundebesitzer ist oder häufigen Umgang mit Hunden hat. Genauere Untersuchungen folgen noch. Im Übrigen wurde das Hundehaar dem Fundort nach wohl durch den Beifahrer hineingetragen.“

„Mit anderen Worten: Wir suchen einen über ein Meter neunzig großen Kerl mit großen Füßen und einen Hundefreund“, fasste ich zusammen.

„Ich gebe zu, dass wir schon bessere Täterbeschreibungen hatten – aber das ist immerhin ein Anfang.“

Max Carter schaute in seinen Unterlagen herum und fand schließlich, wonach er gesucht hatte. „Auf Dustin Jennings treffen die Merkmale des Fahrers zu“, stellte er dann fest. „Er ist 1,91 m groß und trägt Schuhe der Größe 45, wie bei seiner erkennungsdienstlichen Behandlung festgestellt wurde.“

„Das wird unsere nächste Aufgabe sein: Jennings dingfest zu machen. Es läuft eine Großfahndung nach ihm. Er kann das Land nicht verlassen und es wird sehr schwer für ihn werden, sich auf die Schnelle neue Papiere zu besorgen! Dazu hat der Fall um die Ermordung Longorias einfach zu viel Wirbel gemacht.“

„Sie haben Recht, da wird sich niemand in die Nesseln setzen wollen, indem er Jennings hilft. Aber ich persönlich glaube gar nicht, dass er die Bronx verlassen wird.“

„Stimmt, solange seine Gang zu ihm hält, hat er dort wahrscheinlich wenig zu befürchten und wir können monatelang die Nadel im Heuhaufen suchen, während er von einem Versteck zum anderen pendelt!“, glaubte Clive Caravaggio. Der Italoamerikaner nippte an seinem Kaffeebecher und stellte ihn dann auf den Tisch.

„Heute Nachmittag ist jedenfalls erst einmal Ihr Erscheinen auf dem St. Joseph’s Cemetery in Riverdale gefragt“, eröffnete und Mister McKee. „Staatsanwalt Longoria wird dort zu Grabe getragen. Wir haben lange und gut mit ihm zusammengearbeitet und ich denke, es wäre angemessen, wenn sich unser Field Office dort in ansehnlicher Stärke zeigt. Dass ein dunkler Anzug mit entsprechender Krawatte Pflicht ist, brauche ich Ihnen ja wohl nicht näher zu erläutern.“ Mister McKee trank nun auch seinen Kaffee leer und blickte dann in die Runde. „Davon abgesehen ist es immer ganz interessant zu sehen, wer sich auf so einer Beerdigung alles zeigt. Im Moment deutet zwar vieles darauf hin, dass Longorias Tod mit diesen Gangs in der Bronx zusammenhängt, aber wir sollten andere Spuren nicht völlig außer Acht lassen. Eine davon dürfte sich übrigens erledigt haben.“

„Wovon sprechen Sie jetzt, Mister McKee?“, fragte ich.

„Von Jason Carlito. Sie erinnern sich: Longoria sorgte für seine Verurteilung wegen Mordes, aber später stellte sich auf Grund verbesserter Methoden zur DNA-Methoden seine Unschuld heraus.“ Eine tiefe Furche erschien auf Mister McKees Gesicht. „Leslie und Jay sind der Sache nachgegangen. Carlito wurde während der Haft drogensüchtig, benutzte ein infiziertes Besteck und war seitdem mit HIV infiziert.“

„War?“, echote ich.

Mister McKee nickte. „Gestern Abend rief mich Robert Thornton an, der bis zur Wahl eines Nachfolgers Longorias Abteilung kommissarisch leitet. Bei ihm hat sich Carlitos Frau gemeldet. Carlito ist gestern an den Folgen seiner Aids-Erkrankung gestorben. Auch wenn er es nach außen wohl ziemlich gut kaschieren konnte,  wurde bei ihm schon vor längerer Zeit das Vollbild der Krankheit diagnostiziert. Mrs Carlito macht die Staatsanwaltschaft für den Tod ihres Mannes verantwortlich.“

„Wer ist schon ohne Fehler?“, meinte Milo. „Wir können nur so gut und sorgfältig wie möglich unsere Arbeit machen und versuchen, nicht betriebsblind zu werden. Aber es ist niemals ausgeschlossen, dass man sich schlicht und ergreifend geirrt hat, sodass ein Unschuldiger hinter Gitter kommt!“

„Aber das Beispiel von Mister Carlito sollte uns allen zeigen, dass man auch die kleinsten Indizien und leisesten Zweifel nicht einfach ignorieren darf, nur weil man den Fall abschließen möchte oder auf Grund von Vorurteilen von der Schuld des Täters überzeugt ist“, ergänzte Mister McKee.

Dem konnte niemand von uns ernsthaft widersprechen.

Wenig später, als wir im Korridor auf dem Weg zu unserem gemeinsamen Dienstzimmer waren, raunte Milo mir zu: „Dafür, dass Mister McKee sich eigentlich weitgehend aus dem Fall heraushalten wollte, hängt er sich für meinen Geschmack aber ziemlich in die Sache hinein!“ 

„Professionelle Distanz ist halt immer ein schwieriges Kapitel“, erwiderte ich.

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Gegen 14.00 Uhr fanden wir uns auf dem St. Joseph's Cemetery in Riverdale ein und mischten uns unter die große, fast unüberschaubare Gruppe der Trauernden, die James Longoria das letzte Geleit geben wollten. Nur ein Bruchteil von ihnen fand in der kleinen Kapelle Platz.

Das NYPD hatte fast fünfzig Beamten bereitgestellt, die für Sicherheit sorgen sollten. Aber das Interesse der New Yorker am Begräbnis Longorias hatten die zuständigen Einsatzleiter augenscheinlich unterschätzt.

An eine Durchsuchung der Trauernden nach Waffen oder dergleichen war schon angesichts der Menge gar nicht zu denken. Daran änderte auch der Umstand nichts, dass man es sich bei den Kollegen der City Police anscheinend doch noch anders überlegte und eine Verstärkung von 25 Mann schickte.

Robert Thornton, der stellvertretende Staatsanwalt, war ebenfalls anwesend. Er hatte Longorias Weg lange begleitet und war mit ihm zusammen aufgestiegen. Jetzt füllte er kommissarisch das Amt des Verstorbenen aus und man gab Thornton auch gute Chancen, die anstehende Wahl eines Nachfolgers zu gewinnen. Die Tatsache, dass man ihn mit der Geradlinigkeit und Härte des Verstorbenen James Longoria identifizierte und er immer als dessen treuer Paladin gegolten hatte, würde ihm nun wohl zu gute kommen.

Thornton hielt sich in der Nähe der schwarz gekleideten Witwe auf, die in Begleitung von Miles Buchanan an der Trauerfeierlichkeit teilnahm. Mrs Longorias Gesicht war durch einen schwarzen Netzschleier verdeckt. Buchanan wirkte etwas nervös, wobei mir nicht ganz klar war, was dafür die Ursache sein mochte.

Longoria war italienischer Abstammung und so hatte eigentlich jeder damit gerechnet, dass die Feier nach katholischem Ritus durchgeführt werden würde.

Das war aber nicht der Fall.

Von Mister McKee erfuhr ich, dass Longorias Mutter eine strenggläubige Methodistin gewesen war und in der Familie in Glaubenssachen das Sagen gehabt hatte.

Der Sarg wurde nach der Feier in der Kapelle hinaus auf den Friedhof getragen und in die Grube gesenkt.

Nacheinander traten die engeren Verwandten und Bekannten ans Grab, warfen dem Verstorbenen ein paar Rosen nach und etwas Erde hinterher.

Die Masse schaute schweigend zu. Ein Posaunenchor spielte ein Kirchenlied. Der methodistische Pfarrer stand mit ziemlich versteinertem Gesicht daneben.

Eine Frau fiel mir auf. Sie hatte drei weiße Nelken in ihrer rechten Hand und drängelte sich vergleichsweise rabiat zwischen den Trauergästen hindurch.

Zunächst wurde niemand auf sie aufmerksam. Ihr Gesicht war im Schatten der Kapuze eines Dufflecoats verborgen.

Dann hatte sie es endlich geschafft, sich bis zum Grab vorzumogeln.

Sie trat vor, warf die Blumen in die Höhe, so dass sie sich zerstreuten und zumeist auf dem Erdhaufen neben dem Grab landeten. „James Longoria war ein Mörder!“, rief sie. „Er hat meinen Mann umgebracht und kein Gericht hat das je geahndet!“

Mir fiel auf, dass sie dauernd eine Hand durch die Öffnung zwischen den Knöpfen ihres Mantels steckte und darunter verbarg.

„Das ist Mrs Carlito!“, meinte unser Kollege Jay Kronburg, der in unserer Nähe stand und sie im Rahmen unserer Ermittlungen ja persönlich kennen gelernt hatte. „Was hat die vor?“

„Wollen wir hoffen, dass sie nur etwas Dampf ablassen will!“, raunte Orry.

„Da müssen wir eingreifen!“, entschied Mister McKee. „Aber Vorsicht, die Frau könnte eine Waffe unter dem Mantel tragen.“

Ich drängelte mich jetzt ebenfalls nach vorn. Einige der Polizisten waren auch schon nervös geworden, aber sie schienen unschlüssig darüber zu sein, in welcher Form man hier eingreifen und die Störerin entfernen konnte, ohne die gesamte Trauerfeier platzen zu lassen.

„Richtet nicht, auf das ihr nicht gerichtet werdet, so steht es in der Bibel, aber das war für Longoria nicht maßgeblich. Dieser eitle und selbstgerechte Mann wäre am liebsten wohl Richter, Staatsanwalt und Henker in einer Person gewesen. Es gefiel ihm, für andere Menschen Schicksal spielen zu können! Bei meinem Mann hat er das getan! Jason Carlito! Merken Sie sich diesen Namen. Er ist nur einer auf einer ganzen Liste von Menschen, die durch diesen so genannten Staatsanwalt zu Grunde gerichtet wurden – einen Mann, der für seine Karriere alles getan hätte! Ihm war die Wahrheit doch gleichgültig! Hauptsache er hatte Erfolge vorzuweisen und konnte für die nächsten Wahlen Punkte machen! Was mit denen geschah, deren Leben er leichtfertig zerstörte, das war ihm völlig gleichgültig. James Longoria hatte kein Gewissen! Nur den absoluten Willen, vor Gericht zu siegen und die Jury mit seinen Angst machenden Phrasen einzulullen! An die widerlichsten Instinkte eines Lynchmobs hat er dabei appelliert! Und jetzt  - jetzt ist er selbst gerichtet worden. Halleluja!“

Mrs Carlito kicherte irre.

Vielleicht hatte sie irgendetwas genommen, um genug Mut für diesen Auftritt aufzubringen.

Die Kamerateams mehrerer lokaler und zumindest eines überregionalen Senders hielten voll drauf. Mrs Carlito hatte wahrscheinlich genau das bekommen was sie wollte. Einen großen Auftritt...

Vorausgesetzt, das war wirklich das Einzige, was sie erreichen wollte.

„FBI, lassen Sie mich durch!“, forderte ich von ein paar Trauernden, die ziemlich perplex waren und wie zu Salzsäulen erstarrt im Weg standen.

„Ich mach das!“, rief Jay Kronburg mir ins Ohr. „Ich kenne Sie schließlich persönlich!“

„Ich hoffe, dass das etwas nützt, Jay!“

„Lass mich vorbei!“

Er drängelte sich an mir vorbei und machte dann einen Schritt auf Mrs Carlito zu.

Diese fuhr in ihren hasserfüllten Tiraden auf James Longoria fort.

„Mrs Carlito! Erkennen Sie mich wieder? Wir haben vor kurzem miteinander gesprochen! Ich bin Agent Jay Kronburg vom FBI Field Office New York!“

Sie machte eine ruckartige Bewegung und riss ihre Hand unter dem Mantel hervor. In ihrer Faust hielt sie einen kurzläufigen  Revolver vom Kaliber .38 der Firma Smith & Wesson, wie er früher die Standardwaffe sowohl beim FBI als auch bei den meisten anderen New Yorker Polizeieinheiten gewesen war.

Sie richtete die Waffe auf Jay.

„Bleiben Sie stehen! Sie wollen mich doch nur austricksen!“

„Bitte, Mrs Carlito! Legen Sie die Waffe auf den Boden, sonst geschieht noch ein Unglück!“

„Das Unglück ist längst geschehen!“, rief sie.

Einer der NYPD-Beamten versuchte sich von der anderen Seite zu nähern.

Mrs Carlito feuerte in die Luft. Ein Raunen ging durch die Menge. Teilweise stoben die Gäste ein paar Schritte zurück, andere duckten sich, um etwas mehr Deckung zu haben.

Mrs Carlito streifte die Kapuze ihres Dufflecoats zurück und ließ den Blick schweifen, so als würde sie etwas suchen.

Oder jemanden, wie mir schlagartig bewusst wurde.

Und dann begriff ich.

Ich stürzte nach vorn, drängte rücksichtslos die im Weg stehenden Trauergäste zur Seite. Ein Raunen ging durch die Menge. Ich hechtete mich auf den stellvertretenden Staatsanwalt Robert Thornton und warf ihn zur Seite. Ein Schuss krachte aus Mrs Carlitos Waffe und ging an uns vorbei in den Boden. Mrs Carlito war einen Moment wie erstarrt. Diesen Augenblick nutzte Jay Kronburg. Er sprang hinzu, hielt sie fest und entwand ihr den 38er.

„Ganz ruhig, Mrs Carlito. Ganz ruhig...“, versuchte Jay Kronburg ihre seelische Verfassung etwas herunterzukühlen. Zuerst wehrte sie sich, dann gab sie ihren Widerstand auf. Sie atmete heftig, rang förmlich nach Luft und wurde schließlich von zwei NYPD-Kollegen abgeführt. 

Robert Thornton erhob sich.

Mit einer fahrigen Bewegung strich er sich den Dreck von dem braunen Kaschmir-Mantel. Das Entsetzen stand ihm noch ins Gesicht geschrieben. Der Schuss, den Mrs Carlito abgegeben hatte, war nur sehr knapp an ihm vorbei gegangen. Dass ansonsten niemand dadurch verletzt worden war, glich einem kleinen Wunder.

„Ich danke Ihnen, Agent Trevellian!“, wandte er sich an mich. Wir kannten uns flüchtig durch die Zusammenarbeit bei verschiedenen Ermittlungen. „Die Frau wollte mich umbringen! Haben Sie mal überlegt, ob sie vielleicht nicht auch Longoria umgebracht haben könnte?“

„Sie selbst wohl kaum“, sagte ich. „Und als Fahrerin des Wagens kommt sie aus anatomischen Gründen auch nicht in Frage, wie wir seit heute wissen.“

„Aber als Auftraggeberin! Vielleicht hat das Ganze ja doch nichts mit diesen Gang-Kriegen in der Bronx zu tun. Ich persönlich verfolge die Ermittlungen Ihres Field Office aus verständlichen Gründen sehr intensiv, aber ich frage mich, ob Sie wirklich den Richtigen auf der Spur sind, oder ob es Ihnen nur darum geht, ein paar schlimme Gangkrieger aus dem Verkehr zu ziehen! Nichts dagegen, aber vergessen Sie nicht, dass der Mörder von Staatsanwalt Longoria vielleicht aus einer ganz anderen Ecke kommen könnte!“

„Hauptsache, Ihnen ist nichts passiert, Mister Thornton“, mischte sich jetzt Mister McKee ein. Er hatte offensichtlich keine Lust, mit Robert Thornton die neuesten Ermittlungsergebnisse zu besprechen. Im Übrigen hatte Thornton jederzeit die Möglichkeit, direkt mit Jack Strencioch von der Scientific Research Division in der Bronx Kontakt aufzunehmen und sich über den Stand der Dinge zu informieren.

Thornton atmete tief durch.

Er strich sich noch ein paar Krümel Erde vom Mantel und ging dann davon.

„Ich finde, ein bisschen mehr Dankbarkeit kann man schon erwarten, wenn man gerade in letzter Sekunde vor einer Kugel gerettet wurde!“, meinte Milo. „Fehlt eigentlich nur noch, dass er seinen Mantel auf deine Kosten reinigen lässt, Jesse. Das würde jedenfalls zu ihm passen.“

„Thornton steht momentan unter sehr großer Belastung“, versuchte Mister McKee, der Milos Worte mitbekommen hatte, ihn zu entschuldigen. „Seit dem Tod von James Longoria ist der Focus der Öffentlichkeit auf ihn gerichtet und jeder Schritt – gerade auch jeder falsche! - wird genüsslich in den Medien breitgetreten. Das ist nicht so einfach für einen Mann, der jahrzehntelang in der zweiten Reihe stand und sich darauf verlassen konnte, dass jemand wie Longoria mit seinem breiten Kreuz vor ihm stand und die Giftpfeile der Kritiker auf sich zog.“

„Wenn er wirklich Longorias Nachfolger werden will, dann muss er dass noch lernen“, lautete mein Kommentar dazu.

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Brian Mallone betrat das Billardlokal ‚The Poole’, in dem um diese frühe Zeit natürlich nichts los war. Ein einsamer Spieler schob mit dem Kö ein Paar Kugeln über den grünen Filz.

Mallone war in Begleitung seines Gefolges gekommen. Schon von weitem hatte der Barkeeper mit dem Stachelhalsband die Motoren der Harleys an ihrem charakteristischen Klang erkannt und ein paar Flaschen auf den Tresen gestellt.

Aber Mallone hatte daran heute ausnahmsweise kein Interesse. Und auch die Kugeln auf den Billardtischen interessierten ihn diesmal nicht.

„Hey Billy, ist sie oben in ihrem Zimmer?“, fragte er.

Der Mann mit dem Stachelhalsband schluckte.

„Wen meinst du? Rita?“

„Wen denn sonst?“

„Ja, ist sie. Die Cops haben ihre Bude auf den Kopf gestellt, aber sonst ist alles in Ordnung mit ihr.“

Mallone mache eine Geste mit der linken Hand. Zwei seiner Männer begleiteten ihn, die anderen postierten sich im Schankraum.

Der Anführer der BRONX DEVILS nahm immer mehrere Stufen und gelangte auf diese Weise schell ins Obergeschoss.

Schließlich stand er vor Rita Aldosaris Tür.

Er klopfte an.

„Wer ist da?“

„Big Brian. Mach auf.“

„Ich will niemanden sprechen.“

„Ich habe gesagt, mach auf!“, fauchte Brian Mallone. Der Anführer der BRONX DEVILS war keinen Widerspruch gewöhnt. Sein Gesicht verzog sich zu einer grimmigen Maske. Er nahm Anlauf und trat mit seinen Springerstiefeln die Tür ein. Sie sprang zur Seite.

Rita Aldosari lag auf der Couch und war gerade damit beschäftigt, Kokain mit einem Röhrchen in ihre Nase zu befördern. Da ein Fenster offen stand, wurde durch das Öffnen der Tür ein Durchzug verursacht. Das kleine Häufchen mit Kokainstaub wurde auseinander geblasen, bevor Rita es in ihre Nase bekam.

Mallone packte sie grob bei den Haaren und schleuderte ihren Kopf zurück. Er warf sie förmlich auf die Couch. Sie starrte ihn entsetzt an.

„Von dem Zeug kannst du nicht genug bekommen, was?“

„Brian...“

„Hör zu! Du solltest niemals vergessen, wer dir den Schnee bisher besorgt hat – und zwar zu einem Preis, der ansonsten auf dem freien Markt alles andere als üblich ist!“

Er umfasste noch immer ihr Handgelenk.

Es schmerzte.

„Du tust mir weh, Brian!“

„Ich breche dir sogar den Arm, wenn mir deine Antworten nicht passen, hast du verstanden?“

„Ja...“

„Was hast du den Cops gesagt?“

„Nichts, was sie nicht schon wussten! Ehrlich! Das würde ich niemals tun!“

„Halt dich in Zukunft auch daran. Du weißt, dass mein Arm dich auch noch aus dem Gefängnis umbringen könnte. Ist dir das klar?“

„Ja.“

„Ein Fingerschnipsen von mir und du bist tot. Gleichgültig wo du bist oder wo ich mich befinde.“

Er ließ sie los. Sie rieb sich das schmerzende Handgelenk.

„Was ist mit Dusty?“, fragte sie.

„Denk einfach nicht mehr an ihn“, sagte Mallone. „Ich glaube, das ist unter diesen Umständen das Beste für dich. Er existiert einfach nicht mehr, kapiert? Verbann ihn aus deinen Kopf, dann geht es dir besser. Es gibt genug gute Jungs aus der Gegend, die scharf auf dich sind. Du bist auf den Scheißkerl nicht angewiesen!“

„Er wollte sich bei mir melden und...“

„Hast du mich nicht verstanden?“, fauchte Mallone sie an. „Dustin wird sich nie wieder bei irgendwem melden, dafür habe ich gesorgt! Der hätte uns alle in Gefahr gebracht. Was ich gerade sage, meinte ich Wort für Wort. Vergiss ihn!“

Rita wurde bleich.

Sie schwieg.

„Und jetzt will ich genauestens von dir wissen, was die Cops dich gefragt und wonach sie gesucht haben, okay?“, fuhr Big Brian fort. „Ich lass mir nämlich von niemandem meine Geschäfte kaputtmachen. Es war schwer genug, dieses Viertel zu erobern. Wir hatte lange Ruhe und das soll, sich nicht ändern, nur weil ein Staatsanwalt ins Gras gebissen hat!“

Sie hatte sich inzwischen wieder aufgesetzt und betrachtete Mallone mit einer Mischung aus Abscheu und Furcht. Sie zitterte leicht und eine Gänsehaut überzog ihren gesamten Körper. Rita wusste nur zu gut, dass Big Brian, wie sich Brian Mallone von seinen Gangmitgliedern gerne nennen ließ, vollkommen unberechenbar war, wenn er in diese Stimmung geriet.

Seine prankenartige Hand schnellte vor und packte sie erneut brutal bei den Haaren.

„Und jetzt erzählst du mir jede Einzelheit, die die Cops von dir wissen wollten!“

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Auf dem Rückweg von der Beerdigung in Riverdale erreichte uns ein Telefonanruf aus dem Field Office.

Es war Max Carter, der dort die Stellung hielt.

„Jesse, hier hat gerade eine junge Frau für dich angerufen. Sie weigerte sich, ihren Namen zu nennen, aber sie wollte unbedingt mit dir sprechen. Warum – darüber weißt du vielleicht mehr.“

„Habt ihr den Anruf zurückverfolgen können?“

„Nicht ganz bis zum Festanschluss. Aber der Anruf kam von einem Festanschluss in der South Bronx, das ist erwiesen. Soll ich euch das Band mit der Aufzeichnung mal vorspielen?“

„Ja, mach das, Max!“

„Die Qualität ist natürlich nicht so besonders, aber vielleicht kommt dir dann eine Idee, wer da was von dir wollte.“

„Das habe ich auch so schon“, murmelte ich.

Nachdem Max uns die Aufzeichnung des Anrufs vorgespielt hatte, hatte ich keine Zweifel mehr.

Es war Rita Aldosari.

„Was hältst du davon, wenn wir einen kleinen Umweg über die South Bronx machen!“, schlug ich vor.

„Wir hätten beinahe Feierabend!“, gab Milo zu bedenken. „Und ob wir in unseren dunklen Anzügen in einen Laden wie ‚The Poole’ passen, sei auch dahingestellt!“

„Mit anderen Worten: Du bist einverstanden!“, stellte ich augenzwinkernd fest.

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Als wir ‚The Poole’ erreichten, standen diesmal ein paar Harleys vor dem Lokal. Wir stellten den Sportwagen am Straßenrand ab und wollten hineingehen. Am Eingang stellte sich uns ein Türsteher mit einer Lederjacke der BRONX DEVILS in den Weg.

„Kein Zutritt für euch!“, knurrte er.

Ich hielt ihm meinen Ausweis unter die Nase. „Ich weiß nicht, ob wir uns darüber wirklich in einer unserer Gewahrsamszellen im Bundesgebäude an der Federal Plaza unterhalten wollen!“, erwiderte ich kühl.

Also trat er zur Seite.

Es war viel Betrieb in dem Billardlokal. Heavy Metal Musik lief in einer Lautstärke, die jede Unterhaltung unmöglich machte. Laserlicht flirrte durch den Raum. Für uns hatte das den Vorteil, dass wir nicht so auffielen. Nach meinem Eindruck waren die meisten Anwesenden wohl junge Leute aus der Umgebung. Jacken der BRONX DEVILS sah ich nur vereinzelt. Wahrscheinlich hielten sich Mallones Leute erst einmal mit Besuchen von ‚The Poole’ zurück, nachdem, was sich hier ereignet hatte. Schließlich mussten sie damit rechnen, dass wir dieses Lokal in der nächsten Zeit ganz besonders im Auge behalten würden.

Wir gingen die Treppe ins Obergeschoss hinauf.

Dabei hatte ich einen guten Überblick über den gesamten Raum. In einer Ecke stieg Zigarettenrauch auf. Schon dafür hätte man den ganzen Laden schließen können, denn nach den Gesetzen der Stadt New York war Rauchen an öffentlichen Orten – und dazu gehörten auch Lokale – verboten.

Aber deswegen waren wir nicht hier.

Ich sah, wie der Türsteher wild gestikulierend mit dem Barkeeper redete, um dessen Hals sich ein Stachelhalsband befand. Sie ruderten beide mit den Armen. Dann verschwand der Kerl mit dem Stachelhalsband in einem Nebenraum. Wahrscheinlich wurde der Gang Leader Brian Mallone umgehend darüber informiert, dass wir unsere Befragungen offenbar noch fortsetzen wollten.

Wenig später standen wir vor Rita Aldosaris Tür.

Ich klopfte.

„Miss Aldosari?“, fragte ich.

Zunächst bekam ich keine Antwort. Ich klopfte noch einmal.

„Miss Aldosari? Bitte öffnen Sie. Hier spricht Jesse Trevellian vom FBI!“

Auf der anderen Seite der Tür hörten wir Bewegungen. Dann wurde die Tür geöffnet.

Ria Aldosari stand da. Ihr Gesicht war kaum wieder zu erkennen, ihre Augen zugeschwollen. Sie war offensichtlich geschlagen worden.

„Kommen Sie herein“, sagte sie tonlos.

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An Pier 64 herrschte reger Betrieb. Ein Kran setzte gerade einen Container in ein Frachtschiff. Alle Augen waren darauf gerichtet.

„Wo ist Mister Dennison?“, fragte ein Mann, der in seinem dreiteiligen Anzug unter all den Hafenarbeitern etwas unpassend wirkte. Immerhin trug er den vorgeschriebenen Sicherheitshelm. „Ray Dennison!“, wiederholte er gegen den Krach. Aber niemand achtete auf den Mann mit dem gelben Schutzhelm. „Mein Name ist Bert Andrews und ich suche dringend Mister Dennison von Dennison Export Import! Hören Sie? Ich brauche seine Unterschrift und zwar jetzt!“

„Habe ich jetzt ja verstanden!“, rief ein Schwarzer. Er wandte sich an seine Kollegen. „Ist Dennison noch da, was meinst du?“

Einer der anderen Männer deutete auf eine Bürobaracke in der Nähe des Piers. „Gehen Sie dort hin! Da ist das Büro!“, meinte der Kerl, der durch seinen dunkelroten Bart auffiel. „Aber wahrscheinlich werden Sie ihn jetzt nicht mehr antreffen.“

„Wieso nicht? Ich dachte, die Ladung sollte heute noch raus! Am Telefon war das alles sehr dringend.“

Der Rotbart runzelte die Stirn, nahm den Helm ab und wischte sich mit dem Taschentuch über den Kopf.

„Hat Mister Dennison das gesagt?“, fragte er.

„Ja.“

„Dann können Sie davon ausgehen, dass es auch wirklich dringend war.“ Er zuckte die Schultern. „Mir hat er gesagt, dass er heute früher weg müsste. Irgend so eine Sache wegen dieser komischen Stiftung, in der unser Boss Zeit und Geld verplempert.“ Plötzlich veränderte sich das Gesicht des Rotbärtigen. Es verzog sich zu einer Maske. „Hey, du taube Nuss! Aus der Sicherheitszone raus!“, schrie er und gestikulierte wild mit den Armen.

Ein Mann in Blaumann und Sicherheitshelm deutete fragend auf den eigenen Oberkörper.

„Natürlich du – oder siehst du da noch jemanden?“ Der Rotbärtige seufzte hörbar. Er wandte sich zu Andrews herum. „Sie sehen ja, dass ich hier gebraucht werde. Fragen Sie in der Baracke nach, sonst kann ich Ihnen auch nicht helfen.“

„Danke.“

Der Mann im Anzug ging die Pier zurück, auf die Baracke zu, an der er bereits vorbeigekommen. Es ärgerte Andrews, dass man ihn kreuz und quer über das Gelände geschickt hatte und offenbar niemand richtig Bescheid wusste.

Ein Mann kam durch die Tür, blickte sich mehrfach um und ging auf einen Ford zu, der mit laufendem Motor wartete. Er öffnete die Beifahrertür und stieg ein. Das Jackett glitt dabei zur Seite. Für einen kurzen Moment bemerkte Andrews das Holster, das darunter zu sehen war. Dann brauste der Ford davon.

Andrews klopfte an die Barackentür.

Keine Reaktion.

Die Tür war nicht richtig ins Schloss gefallen. Er drückte sie zur Seite und betrat das ziemlich chaotisch wirkende Büro. Die Computerbildschirme flimmerten. Auf dem Boden sah Andrews einen Mann in einer Blutlache liegen.

„Oh, mein Gott...“, flüsterte er und griff zum Handy, um die City Police zu rufen.

Es dauerte nicht lange und in der Ferne waren bereits die Sirenen der Einsatzfahrzeuge zu hören, die über die Twelvth Avenue herangefahren kamen.

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Wer hat Sie so zugerichtet?“, fragte ich an Rita Aldosari gewandt.

Sie schluckte und schien darüber nicht reden zu wollen.

Wahrscheinlich hatte es auch wenig Sinn, sie zu ihrer Aussage drängen zu wollen. Behutsam vorgehen!, sagte ich mir. Auch wenn es schwer fiel.

„Sie haben mich anzurufen versucht“, wollte ich die Geschichte von einer anderen Seite aufzuzäumen. „Mein Kollege Agent Carter hat das Gespräch entgegen genommen. Ich war leider verhindert. Aber jetzt können Sie mir sagen, was Sie zu sagen haben. Ich bin ganz Ohr.“

Sie atmete tief durch und schien noch mit sich zu ringen, ob sie am Zug sein sollte oder ob es ratsamer war, den Mund zu halten, die Schmerzen still zu ertragen und ansonsten einfach so zu tun, als wäre alles in Ordnung.

Ich hoffte inständig, dass sie sich für die erste Möglichkeit entschied.

„Sie suchen noch immer Dustin Jennings, nehme ich an.“

„Ja, das ist richtig, Miss Aldosari.“

„Sie können sich die Suche sparen. Er wird Ihnen gegenüber keine Aussage mehr machen können, ganz gleich, was Sie ihn fragen werden.“ Ihre Stimme wurde jetzt brüchig. Sie kämpfte mit den Tränen und barg schließlich das Gesicht in ihren Händen.

„Sagen Sie uns alles, Miss Aldosari. Sie brauchen keine Angst zu haben und wenn Sie wollen, dann bringen wir Sie von hier weg.“

„Er hat Dusty umgebracht!“, stieß sie mit Tränen erstickter Stimme hervor.

„Wer hat Dustin Jennings umgebracht? Nun erzählen Sie die Sache schon von Anfang an!“

Sie fasste sich und fuhr fort: „Ich spreche von Big Brian Mallone. Er hat es mir gegenüber selbst zugegeben, aber das ist natürlich kein Beweis. Wer glaubt am Ende schon einer Kokainsüchtigen wie mir?“

„Brian Mallone, der Anführer der BRONX DEVILS?“

„Ja.“

„Wieso sollte er so etwas tun?“

„Weil Dusty für ein Sicherheitsrisiko geworden ist! Dusty hat sich an seinen Gangboss gewandt, damit der ihm hilft unterzutauchen. Ich habe darauf gewartet, dass er sich meldet. Das tat er aber nicht. Da wusste ich, dass etwas faul war. Als Brian Mallone dann hier auftauchte, um aus mir heraus zu prügeln, was ich dem FBI gesagt habe, ahnte ich, was los ist.“

„Ich verstehe...“

„Das glaube ich kaum.“

„Dann erklären Sie es mir.“ Eine Pause entstand und ich fuhr schließlich fort: „Es geht für uns immer noch um die Waffe“, sagte ich. „Die 45er Automatik, mit der Shane Kimble mindestens einen Mord beging! Jennings hatte diese Waffe – wo ist sie jetzt?“

„Brian Mallone hat sie. Jedenfalls hat Dustin ihm eine 45er verkauft, als er Geld brauchte.“

„Wir haben in Jennings Wohnung eine Apparatur zur Herstellung von Crack gefunden“, gab Milo zu bedenken. „Das ist doch viel einträglicher, als einer Waffe zu verkaufen, die außerdem schon benutzt wurde!“

„Nicht jeder darf hier Crack verkaufen“, sagte Rita Aldosari. „Mit der Herstellung ist es genauso. Big Brian vergibt die Lizenzen dazu, wenn man das so ausdrücken will. Man muss sich erst als Gangmitglied bewährt haben, wenn an die Fleischtöpfe will!“

„Ach so“, murmelte ich.

„Außerdem hatte Dusty jede Menge Schulden bei Big Brian. Schließlich hat er Dusty davor bewahrt, dass seine alte Gang, die SOUTH BRONX TIGERS, ihn einfach kalt machen. Dusty hat doch seinen früheren Boss ins Gefängnis gebracht!“

„Wo finden wir Big Brian?“, fragte ich.

„Seit Sie hier mit großem Aufgebot aufgetaucht sind, ist er ziemlich vorsichtig geworden. Er lässt sich nirgends mehr sehen. Aber ich weiß von Dusty, dass es da einen Treffpunkt gibt, wo sie an ihren Maschinen herumschrauben...“ Sie atmete tief durch. „Ich will, dass Sie diesen Scheißkerl hinter Gitter bringen! Dafür würde ich alles tun!“

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Milo und ich verließen ‚The Poole’ wieder. Rita Aldosari mussten wir zurücklassen. Wir hatten ihr angeboten, sie mitzunehmen, aber sie hatte abgelehnt.

„Ich komme schon klar“, hatte ich Ritas Worte noch im Ohr, als wir uns durch die schwitzende Menge im Billardlokal gedrängt hatten und endlich das Freie erreichten. „Big Brian wird mich nicht noch einmal verprügeln – aber wenn Sie mich mitnehmen würden, dann könnte ich nie wieder hier her nie wieder zurückkehren. Selbst dann nicht, wenn Big Brian hinter Gittern säße. Dazu hat er einfach zu viele Freunde hier und wenn ich mit Ihnen gehe, glaubt mir niemand, dass ich nicht geredet habe!“

Ich hatte ihr gesagt, dass es manchmal vielleicht einfach das Beste war, ein neues Leben zu beginnen, aber davon wollte sie nichts wissen. Ich weiß nicht, was sie hier hielt. Jedenfalls hatten wir keine Möglichkeit, sie dazu zu zwingen uns zu begleiten. Sie war nicht verdächtig und ihre Aussage hatte sie gemacht.

Wir gingen zum Sportwagen.

Ein paar junge Kerle standen um den Wagen herum. Darunter auch ein paar, die eine Jacke mit der Aufschrift der BRONX DEVILS trugen.

„Hey, wie sehen die denn aus! Wie Bestattungsunternehmer!“, feixte einer der Kerle und spielte damit auf die Tatsache an, dass wir noch immer unsere dunklen Anzüge trugen.

„Das sind die Typen vom FBI!“, meinte einer der anderen. Ein Junge, der höchstens vierzehn oder fünfzehn war. Aber schon in schlechter Gesellschaft. „Ich habe den Wagen schon mal gesehen. Das sind die Typen.“

„Wo du recht hast, hast du recht!“, erwiderte ich und zog meine ID-Card. „Wenn ein paar von euch Lust haben, uns zur Federal Plaza zu begleiten, sollen sie nur Bescheid sagen! Allerdings ist es im Fond des Sportwagens schrecklich eng und unbequem. Ansonsten tretet besser ein Stück zurück.“

Wir stiegen ein.

Einer der Kerle kratzte mit einem Totenkopfring über den Lack des Sportwagens und wollte uns damit wohl provozieren. Ich startete und fuhr los. Die Kerle sprangen zur Seite.

„Ich dachte, es gilt bei dir die Null Toleranz Politik, wenn es um den Sportwagen geht!“, meinte Milo.

„Manchmal muss man eben Prioritäten setzen!“, meinte ich und trat das Gaspedal durch.

Wir hatten einen Plan.

Und ich hoffte, dass er aufging.

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Was machen wir jetzt, Big Brian?“, fragte Billy, der Barkeeper aus dem Billard-Lokal ‚The Poole’. Er war reguläres Mitglied der BRONX DEVILS. Dafür brauchte er nur ein Drittel des sonst üblichen Satzes an Schutzgeld an Big Brian bezahlen und hatte außerdem noch die Erlaubnis, Billard-Turniere durchzuführen, bei denen um Geld gespielt wurde. Daran musste er Big Brian allerdings auch beteiligen. Insgesamt kam er so allerdings ganz gut über die Runden.

Nur die Entwicklung der letzten Zeit machte ihm Sorgen.

„Die Aktion des FBI und der City Police hat die Kundschaft vergrault“, monierte er.

„Die kommt schon wieder!“, meinte Big Brian. „Schließlich haben wir alle mal Durst oder Lust auf eine gepflegte Partie Billard, oder? Und die Musik in deinem Laden ist cool.“

„Die Cops schnüffeln überall herum. Ich habe dich ja angerufen, als sie heute am frühen Abend noch mal aufgetaucht sind, um Rita zu verhören.“

„So?“, fragte Big Brian. „Aber die wird nichts sagen“, war er überzeugt. „Die hängt am weißen Pulver und weiß genau, dass sie nichts mehr bekommt, wenn sie nicht pariert. Man mag ja viel über sie sagen können, aber bescheuert ist sie nicht.“

„Wenn du mich fragst, ist sie mindestens ein solches Sicherheitsrisiko wie Jennings...“

„Ja, nur mit einem Unterschied. Ich habe Ritas Bruder versprochen habe, dass ich auf seine Schwester aufpasse, bevor er an den Schussverletzungen starb, die ihm so ein Bastard von den SOUTH BRONX TIGERS beigebracht hatte! Und ich halte mein Wort.“

Es war dunkel und die Mitglieder der Gang hatten sich wie üblich mit ihren Maschinen in ihrer gut ausgerüsteten Werkstatt getroffen, die auf einem stillgelegten Industriegelände einer Firma namens Matthews Inc. lag, dessen Besitzverhältnisse unklar waren.

„Mir wird das Ganze jedenfalls zu heiß“, meinte Billy, der Barkeeper mit dem Stachelhalsband. „Wenn man wegen ’ner Drogensache verknackt wird, hat man zumindest die Chance, irgendwann mal wieder das Tageslicht zu sehen, so fern man keinen Trottel als Anwalt hat. Aber Mord...“

„Früher warst du auch nicht so zimperlich!“, wies Big Brian ihn zurecht.

Billy verzichtete auf eine Antwort.

Er wusste genau, dass er jetzt besser nichts sagte. Big Brian war kurz vor einem seiner cholerischen Anfälle und was dann geschah, konnte niemand vorhersehen.

Das Gesicht des Gang Leaders verzerrte sich zu einer grimmigen Maske.

In diesem Moment klingelte sein Handy.

Big Brian griff zum Apparat und nahm ihn ans Ohr.

„Ja?“

„Hier ist Rita Aldosari!“

„Was willst du?“

„Gerechtigkeit, Brian. Du hast den Mann umgebracht, den ich geliebt habe.“

„Hey, ich habe dir das doch erklärt. Der Kerl hätte uns alle in Gefahr gebracht. Und ich habe es deinem Bruder versprochen, auf dich aufzupassen!“

„Wenn er wüsste, wie du mich zugerichtet hast, würde er sich im Grab umdrehen, Brian. Was bist du nur für ein mieser Bastard!“

„Hey, was ist los mit dir? Ich werde mich von dir nicht beschimpfen lassen! Ich dachte, die Sache wäre geregelt und du wärst wieder in der Spur! Scheint aber nicht so zu sein.“

„Du könntest wenigstens sagen, dass es dir Leid tut.“

„Was? Meinst du die paar Ohrfeigen?“

„Das mit Dusty. Ich habe ihn nämlich wirklich geliebt.“

„Okay, okay, es tut mir leid, aber es war nicht zu vermeiden! Der hätte uns schließlich alle in Schwierigkeiten gebracht und ich habe kein Lust, meine Geschäfte aus dem Knast betreiben zu müssen wie Kimble, das arme Schwein!“

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Rita kannte die Nummer von Brian Mallones Prepaid Handy, wir hatten mit ihr abgemacht, dass sie Big Brian zu einem bestimmten Zeitpunkt anrufen und in ein möglichst langes Gespräch verwickeln sollte. Wir konnten den Standort von Brians Handy dann anpeilen und waren auf diese Weise sicher, dass er sich auch tatsächlich an dem Treffpunkt aufhielt, von dem Rita uns gegenüber gesprochen hatte. Außerdem hatten wir das Gespräch auf Band. Vor Gericht würde Brian Mallone es schwer haben, sein eigenes Geständnis zu widerlegen.

Ein Hubschrauber flog über den Hof, auf dem die Harleys der Gang aufgebockt waren. Etwa dreißig G-men und außerdem zusätzliche Kräfte der City Police nahmen an diesem Einsatz unter unserer Federführung teil.

Alle Straßen und Zugänge zu diesem abgelegenen Industriegelände waren abgesperrt worden.

Wir pirschen uns in schusssicheren Westen und mit Headsets an den Treffpunkt der Gang heran. Die Pistolen hielten wir im Anschlag. Bis das Signal zum Einsatz über Interlink-Verbindung gegeben wurde, warteten wir.

Clive Caravaggio hatte die Einsatzleitung.

Er gab das Signal zum Losschlagen.

Von überall her stürmten wir auf das Gelände vor.

Eine Megafonansage forderte die BRONX DEVILS zum Aufgeben auf. Manche wollten das einfach nicht wahrhaben. Ein paar Schüsse fielen. Pump Guns, automatische Pistolen und Uzi- Maschinenpistolen wurden abgefeuert. Für dreißig lange Sekunden tobte ein Feuergefecht. Mehrere der Gangmitglieder sanken getroffen zu Boden.

Dann sahen die anderen ein, dass sie keine Chance hatten und ergaben sich. Der Reihe nach wurden sie von unseren Leuten festgenommen und man las ihnen die Rechte vor.

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Die Mitglieder der BRONX DEVILS wurden in Transporter der City Police geladen. Jeder von ihnen würde erkennungsdienstlich behandelt werden. Von Jennings fanden wir zunächst keine Spur, aber die Kollegen der SRD sowie unsere eigenen Erkennungsdienstler standen bereit, um notfalls die Nacht durchzuarbeiten. Jede noch so kleine Spur musste ausgewertet werden.

Brian Mallone war leicht an seinem Piratentuch zu erkennen. Das hatte er schon getragen, als er zum ersten Mal straffällig wurde und sein Foto in den über das Datenverbundsystem NYSIS zugänglichen Kriminaldaten gespeichert worden war.

An Brian Mallone heran zu kommen, war gar nicht so einfach. Ein wolfsähnlicher Hund hielt sich dauernd in seine Nähe auf und knurrte jeden, der es wagte, näher als drei oder vier Yards an den Gang Leader heranzutreten.

„Wenn Sie es gut mit Ihrem Hund meinen, dann leinen Sie ihn an und sorgen dafür, dass er ruhig bleibt“, meinte Milo, der mit seiner Pistole in der Hand vor ihm stand. „Andernfalls wären wir gezwungen zu schießen.“

„Ganz ruhig, Devil“, meinte Brian, kniete nieder und kraulte das Tier hinter den Ohren. „Der tut nichts.“

„Das sagen alle“, meinte ich. „Leinen Sie das Tier an, damit wir es auch abtransportieren können!“

„Machen Sie’s das doch selber!“, knurrte Mallone.

„Als Beweismittel ist er für uns lebend oder tot gleich wertvoll“, sagte Milo gelassen. „Wir haben nämlich ein Hundehaar im Fluchtwagen gefunden – und wenn die DNA passt, dann sind Sie nicht nur wegen Mordes an Dustin Jennings dran, sondern auch noch wegen des Anschlags auf Staatsanwalt Longoria!“

Mallone fiel der Kinnladen herunter. Er vergaß erst einmal eine Weile, ihn wieder zu schließen. Jedenfalls gehorchte er schließlich, nahm die Hundeleine, die er über seine Harley gehängt hatte und leinte den Wolfshund damit an.

Unser Kollege Fred LaRoccas nahm das Tier in Obhut.

„Sie müssen verrückt sein, wenn Sie denken, dass ich Staatsanwalt Longoria umgebracht habe!“, stieß Brian Mallone  hervor.

Jay Kronburg hatte schließlich das Privileg ihm die Handschellen anzulegen. Mallone war einer der Letzten, bei dem sie klickten. Ein Wagen des Emergency Service war inzwischen unterwegs, um sich um die Verletzten zu kümmern, die es bei dem aus meiner Sicht völlig unnötigen Feuergefecht gegeben hatte.

Mallone funkelte mich wütend an, konnte aber nichts tun.

Er wurde wie alle anderen auch abtransportiert. Sollten sich die Verhörspezialisten unseres Field Office mit ihm  herumschlagen.

„Sie haben keine Beweise!“, zeterte Mallone, als er abgeführt wurde.

„Jedenfalls haben Sie trotzdem das Recht zu schweigen“, erwiderte ich. „Sollten Sie davon keinen Gebrauch machen, kann alles, was Sie von jetzt an sagen, vor Gericht gegen Sie verwendet werden. Aber ich denke, das wissen Sie ja alles auch schon. Schließlich ist es für Sie doch nicht das erste Mal....“

„Jetzt fehlen uns noch zwei Dinge, Jesse: Die Leiche von Dustin Jennings und die Waffe, mit der Longoria erschossen wurde.“

Ich nickte.

„Alles der Reihe nach! Beides wird schon irgendwann auftauchen!“

Aber was Letzteres anging, so war das ein Irrtum.

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Etwa bis vier Uhr in der Früh blieben wir am Tatort. Ein Dutzend Spezialisten der SRD sowie einige unserer eigenen Erkennungsdienstler unterstützten uns ebenso wie eine gute Hundemannschaft von City Police Kollegen, die die umliegenden Industriegebäude untersuchten. Dieses Gebiet war wie geschaffen, etwas oder jemanden für lange Zeit verschwinden zu lassen. Die alten, nicht mehr in Betrieb befindlichen Industriegebäude boten so viele Verstecke, dass es sehr schwierig war, dort eine Leiche aufzutreiben. Taucher suchten das Gebiet im East River nach dem Toten ab.

Erst kurz vor vier wurde endlich eines der Such-Teams fündig. Es fand ein paar halbverrostete Stahlfässer mit Säure darin. In einem dieser Fässer fand sich der bereits halb zersetzte und mit letzter Sicherheit nur noch anhand seiner DNA und seines Zahnstatus identifizierbare Dustin Jennings.

Ein paar Tage noch und nicht einmal Knochenreste wären von Jennings übrig geblieben.

Darüber hinaus wurden ungezählte Waffen eingesammelt. Die BRONX DEVILS hatten ein Arsenal zur Verfügung, über das manche Infanterieeinheit froh gewesen wäre. Eine Kiste mit Handgranaten gehörte ebenso dazu wie MPis und Sturmgewehre modernster Bauart. Dazu jede Menge Pump Guns, Revolver und Pistolen, darunter etliche automatische Pistolen vom Kaliber 45. Eine davon, so hofften wir, war jene Waffe, mit der James Longoria ermordet worden war.

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Am nächsten Morgen saßen wir ziemlich müde in Mister McKees Besprechungszimmer. Die Neuigkeiten, die er uns mitzuteilen hatte, sorgten allerdings zusammen mit Mandys Kaffee dafür, dass wir sehr schnell wieder hellwach waren.

„Ein Hundehaar aus dem sichergestellten BMW wird derzeit mit ein paar Haaren von Big Brian Mallones Wolfshund verglichen", berichtete er uns. „Ich bin auf das Ergebnis genauso gespannt wie Sie, aber wir werden uns da wohl noch etwas gedulden müssen. Sobald sich Jack Strencioch von der SRD meldet, werde ich Sie darüber in Kenntnis setzen. Was den Mord an Jennings angeht, haben wir Mallones Geständnis aufgezeichnet, dass durch die Mitarbeit von Miss Rita Aldosari entstanden ist. Das allein  würde für eine Geschworenenjury wohl kaum ausreichen, aber es sind ja auch genügend Sachbeweise sichergestellt worden. Außerdem denke ich, dass der eine oder andere Mitwisser sich gerne als Kronzeuge zur Verfügung stellen wird. An Mallones  Harley war ein verdecktes Futteral für eine Pump Gun angebracht. Mit der Waffe, die darin steckte, wurde vor kurzem geschossen. Ob wir dazu auch ein passendes Projektil finden, wird sich zeigen, wenn die Obduktion der sterblichen Überreste aus dem Säurefass durchgeführt wurde. Erst dann wissen wir auch mit letzter Sicherheit, dass es sich tatsächlich um den ermordeten Dustin Jennings handelt.“

„Ist Mallone schon verhört worden?“, fragte ich.

„Nein. Dafür nehmen sich unsere Verhörspezialisten heute Morgen Zeit. Er wird wahrscheinlich alles bis zuletzt abstreiten, aber eigentlich geht es bei ihm nur noch um das Motiv für den Mord an Longoria – denn in der Vergangenheit hatten beide kaum etwas miteinander zu tun. Da hätte Mallone eher Grund gehabt, ein paar andere Richter, Staatsanwälte oder Ermittler umzubringen.“

„Könnte es nicht sein, dass Mallone als Auftragskiller für jemand anderen gearbeitet hat?“

Mister McKee schien sich nicht schlüssig zu sein. „Bisher fehlen uns dafür die Hinweise. Auszuschließen ist das natürlich nicht – aber ich denke, wir können getrost davon ausgehen, dass die Drogengeschäfte der BRONX DEVILS gut genug gehen, sodass Mallone das eigentlich nicht nötig hätte.“

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Den Rest des Vormittags verbrachten Milo und ich in unserem Dienstzimmer. Der Schreibkram hatte sich etwas aufgestaut. Ein Bericht über die Festnahme von Mallone stand beispielsweise noch auf unserer Tagesordnung und verschiedene andere Dinge, um die sich kein G-man wirklich reißt, die aber auch erledigt werden müssen.

Gegen Mittag wurde uns ein Bericht der zuständigen Homicide Squad per E-Mail übersandt, in dem es um den Mord an einem Geschäftsmann namens Ray Dennison ging, der am Pier 64 ein Import/Export-Unternehmen betrieb. Der Bericht war von einem gewissen Lieutenant Sly Garrison verfasst worden und seine Übersendung an uns war ein Routineverfahren. Wir mussten nun beurteilen ob dieser Fall irgendetwas mit laufenden FBI-Ermittlungen zu tun hatte. Aber aus den im Bericht gemachten Angaben ließen sich keine Verbindungen zu anderen Fällen ziehen in denen wir ermittelten. Dass wir den Fall übernahmen war eher unwahrscheinlich, denn es schien sich um einen ganz gewöhnlichen Mordfall zu handeln. Hinweise auf einen Zusammenhang zur organisierten Kriminalität gab es nicht. Falls das Verbrechen jedoch in Zusammenhang mit dem Verstoß gegen ein Bundesgesetz verübt worden war – wobei einer Import/Export-Firma wohl vor allem Zollbestimmungen in Frage kamen – sah die Sache anders aus.

Wir würden die weiteren Ermittlungen von Lieutenant und seinem Team zumindest im Auge behalten.

Max Carter schaute bei uns vorbei. „Ihr sollt mal zu Dirk kommen. Dieser Anführer der BRONX DEVILS erzählt ihm da irgendeine haarsträubende Geschichte und er hätte euch gerne dabei, weil ihr in dem Fall besser drin seid als er!“

„Warum nicht?“, gab ich zurück. „Etwas Abwechslung könnte ich jedenfalls vertragen.“

Wenig später betraten wir das Verhörzimmer, in dem Dirk Baker, einer unser Verhörspezialisten im Field Office, sich redlich darum bemüht hatten, aus Big Brian Mallone eine vernünftige Aussage herauszubekommen.

„Am besten ihr setzt euch zu uns und hört euch mal im Originalton an, was Mister Mallone uns zu sagen hat!“, meinte Dirk.

Offenbar hatte Mallone darauf verzichtet, nur in Anwesenheit eines Anwalts vernommen zu werden.

Der Gang Leader musterte uns.

Er verzog das Gesicht, als er uns erkannte. Offenbar hatte er uns vom Vortag her noch in schlechte Erinnerung.

„Bitte, Mister Mallone. Noch mal alles von vorn“, forderte Dirk Baker. „Meine Kollegen werden bei ihrer Story ganz Ohr sein!“

Mallone atmete tief durch.

Dann brachte er schließlich heraus: „Ich habe nichts mit dem Tod von Staatsanwalt Longoria zu tun. Aber ich könnte Ihnen vielleicht helfen, den Täter zu finden.“

„Ist das vielleicht der letzte Strohhalm, nach dem sie greifen?“, fragte Milo zurück. „Sie wissen genau, dass Sie für den Mord an Jennings verurteilt werden...“

„Über die Sache mit Jennings können wir später reden!“

„Sie entscheiden jetzt also, worüber wir reden?“, versetzte Milo. „Sehr interessant!“

„Lassen wir ihn doch mal sagen was er zu sagen hat!“, mischte ich mich ein.

„So etwas nennt man doch einen Deal, wenn man Straferleichterung vereinbart und dafür mit der Justiz kooperiert.“

„Ja, das ist richtig“, bestätigte ich. „Aber vielleicht sollten Sie sich erst mit einem Anwalt beraten, bevor Sie so etwas in Erwägung ziehen. Außerdem können wir Ihnen keine Straferleichterung versprechen. Wir sind nur die ermittelnde Behörde, nicht die Staatsanwaltschaft. Aber wenn Sie uns einen schmackhaften Knochen hinwerfen, gehen wir vielleicht zu Robert Thornton und können ihn davon begeistern, mit Ihnen eine Abmachung zu treffen.“

„Aber bei Mord ist das schwierig. Da müssten Sie uns wirklich schon etwas ganz besonderes bieten“, ergänzte Milo.

Mallone nickte knapp. Er deutete auf Dirk Baker. „Ich habe Ihrem Kollegen gerade schon gesagt, dass ich Ihnen etwas über die Waffe sagen könnte.“

„Bitte!“, forderte ich ihn auf.

Bislang hatte ich eher das Gefühl, dass Mallone nur heiße Luft verbreiten und sich wichtig machen wollte und ich ärgerte mich schon, überhaupt mit hier her gekommen zu sein.

Aber ich sollte meine Meinung noch revidieren.

„Dustin Jennings hatte eine Automatik aufbewahrt, die er eigentlich für Shane Kimble hätte verschwinden lassen sollen. Hat er aber nicht.“

„So weit kennen wir die Story“, sagte Milo mit einer leichten Spur von Ungeduld.

„Er wollte damit Kimble notfalls unter Druck setzen. Der Dummkopf hoffte ja wohl immer noch auf eine Strafmilderung in der Revision.“

„Ihre Lage ist im Moment nicht viel besser als die von Kimble damals!“, gab ich zu bedenken.

„Doch, das ist sie! Und das werden Sie auch gleich noch begreifen, G-man!“ Er atmete tief durch. Seine Augen flackerten unruhig.

„Dusty Jennings konnte nie mit Geld umgehen. Er war chronisch pleite. Also bot er mir diese Waffe zum Kauf an. Ich hab sie genommen, schließlich weiß ich, dass Kimble aus dem Knast heraus noch immer die Fäden zieht – und wenn ich eine Möglichkeit in der Hand habe, den Typ im Notfall klein zu halten, dann sagte ich nicht nein. Außerdem war das einfach eine tolle Knarre! Schon die abnehmbare Laserzielerfassung war das Geld wert! Jedenfalls tauchte so ein Typ in der Bronx auf, der gezielt nach einer Waffe suchte, die schon benutzt wurde und aktenkundig ist. Hört sich schräg an, oder? Normalerweise suchen alle immer nach dem Gegenteil! Fabrikneue Waffen, die noch nirgends übel aufgefallen sind und deren Projektile nicht jeder zweitklassige Police Lieutenant mit Hilfe seiner Laborkollegen identifizieren kann!“

„Aber hier war es umgekehrt?“ fragte ich.

„Ja. Über ein paar Ecken wurde der Kontakt hergestellt und ich habe die Waffe verkauft. War ein gutes Geschäft.“

„Wie sah der Typ aus, der Ihnen das Eisen abgekauft hat?“, hakte ich nach.

Mallone grinste. „Ich kann mir gut vorstellen, dass Sie das unbedingt wissen wollen, aber heiße Ware hat Ihren Preis, wenn Sie verstehen was ich meine.“

„Das bedeutet, Sie reden nur dann darüber, wenn ein Angebot der Staatsanwaltschaft vorliegt.“

„Darauf können Sie Ihren Hintern verwetten!“

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Thornton ist interessiert“, sagte Mister McKee, nachdem er das Telefongespräch beendet hatte. Wir hatten es mit angehört und waren von daher zumindest über das im Bilde, was unser Chef gesagt hatte. „Er will, dass das Treffen mit Mallone hier im Federal Building stattfindet. Aber er besteht darauf, dass Mallone einen Anwalt dabei hat – und wenn es ein Pflichtverteidiger ist!“

„Noch ist er nicht offiziell angeklagt“, gab ich zu bedenken.

„Ja, aber Thornton fürchtet zu Recht, dass am Ende ein Verfahrensfehler den ganzen Prozess platzen lässt, selbst wenn die Beweislage noch so gut ermittelt wurde!“

„Was will Thornton Mallone denn anbieten?“, fragte Milo. „Ich meine bei Mord...“

„Meinem Eindruck nach räumt Mister Thornton dem Fall Longoria Priorität ein, was ich irgendwie auch verstehen kann.“

„Sollten nicht alle Mörder und Mordopfer vor dem Gesetz gleich sein“, fragte ich.

„Das sind sie auch, Jesse“, wies Mister McKee mich zurecht. „Zumindest für uns. Die Justiz ist manchmal gezwungen Kompromisse zu machen, wenn sich Sachverhalte nicht eindeutig beweisen lassen oder es darum geht, vielleicht einen kleinen Fisch etwas früher laufen zu lassen, um einen ganz großen Hai an die Angel zu bekommen!“

Wir waren sofort nach dem Gespräch mit Big Brian zu unserem Chef gegangen, um ihn über Mallones Aussage zu informieren. Mochte dessen Geschichte im ersten Moment auch wie eine schlecht zurecht gelegte Ausrede von einem großen Unbekannten klingen, die sich bislang durch gar nichts belegen ließ. Sie hatte zumindest eines für sich.

Wir brauchten dann nicht länger nach einem Motiv für Mallone zu suchen.

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Das Treffen zwischen dem stellvertretenden Staatsanwalt Robert Thornton, Big Brian Mallone und einem Anwalt fand noch am Nachmittag statt. Milo und ich nahmen daran ebenfalls teil. Mister McKee erschien mit etwas Verspätung, da ihn zwischenzeitlich wichtige Telefonate an der Anwesenheit hinderten.

„Ich möchte, dass es keine Anklage wegen Mordes gibt“, eröffnete Mallone.

Robert Thornton verzog etwas spöttisch den Mund. „Hatten Sie schon Gelegenheit, sich mit Ihrem Anwalt zu besprechen? Vielleicht ist es besser, Mister O’Carragan macht sich zunächst einmal etwas eingehender mit der Beweislage vertraut und wir treffen uns zu einem anderen Zeitpunkt erneut.“

„Das ist nicht nötig“, erklärte O’Carragan. „Ich habe mir von den Agenten Tucker und Trevellian die Beweislage erläutern lassen und sie mit meinem Mandanten besprochen.“

Thornton hob die Augenbrauen.

„Wie Sie wollen. Aber das, was Ihr Mandant getan hat, sieht nun wirklich nach vorsätzlichem Mord aus. Welchen Grades, werden wir noch entscheiden – aber viele Umstände, die eine Milderung der Straftat oder gar eine Abmilderung der Anklage auf schweren Totschlag rechtfertigen würden, sehe ich nicht.“

„Sie bekämen den Mörder an einem Staatsanwalt auf dem Tablett serviert“, gab O’Carragan zu bedenken. „Mein Mandant würde den Totschlag gestehen – und zwar zu einem Zeitpunkt, da die Beweise gegen ihn zum Teil noch gar nicht vorliegen, sondern von der Staatsanwaltschaft und der Ermittlungsbehörde lediglich angekündigt wurden. Das sollte eigentlich reichen. Totschlag und ein Strafmaß, mit dem mein Mandant leben kann – ansonsten läuft nichts.“

„Wie würde die Aussage aussehen, die Ihr Mandant machen will?“, fragte Thornton.

„Mein Mandant würde zugeben, Dustin Jennings mit seiner Pump Gun getötet zu haben. Die Tat geschah im Affekt aus Ärger über...“ O’Carragan schaute stirnrunzelnd in seine Notizen und wandte den Kopf in Brian Mallones Richtung. „Worüber sind Sie noch mal so in Rage geraten, Mister Mallone?“

„Ist doch scheißegal! Nehmen Sie an oder nicht?“, rief Mallone. „Wollen Sie diesen Staatsanwalt-Killer oder ist es Ihnen gleichgültig, wenn das Rechtssystem derart mit Füßen getreten wird?“

„Interessant, eine solche Bemerkung aus Ihrem Mund zu hören, Mister Mallone. Ihr Vorstrafensregister zeugt nicht gerade davon, dass Ihnen das Rechtssystem dieses Landes sehr viel bedeutet!“

Einige Augenblicke lang herrschte Schweigen.

Die Entscheidung lag bei Thornton. Ich verstand die Zwickmühle ziemlich gut, in der er steckte. Nicht alles getan zu haben, um Longorias Mörder zu fassen, konnte ihn genauso gut den angestrebten Job als Longorias Nachfolger kosten wie es auch nicht besonders gut aussah, einen Mörder und Drogenhändler nur wegen Totschlags anzuklagen, wenn er in Wahrheit etwas ganz anderes verdient hatte.

„Falls Ihre Angaben zur Ergreifung des Täters führen und bis dahin keine Fakten auftauchen, die Ihre Darstellung des Todes von Dustin Jennings völlig unplausibel erscheinen lassen, bin ich mit einer Abmilderung der Anklage auf Totschlag einverstanden“, erklärte Thornton schließlich. Er wandte sich an O'Carragan. „Ihr Mandant muss trotzdem angesichts der Umstände mit einer erheblichen Haftstrafe rechnen. Ich beziehe mich da insbesondere auf die große kriminelle Energie, die er bei dem Versuch eingesetzt hat, die Tat zu vertuschen und die Leiche zu beseitigen. Also rechnen Sie nicht mit all zu viel Rabatt, Mister O'Carragan!“

„Ich will eine deutliche Zusage beim Strafmaß!“, fuhr Mallone dazwischen, noch ehe sein Anwalt dazu etwas sagen konnte.

„Ich glaube, Sie sollten das Angebot annehmen. Etwas Besseres bekommen Sie nicht“, riet ihm jedoch O'Carragan.

Er sah ein, dass er nicht höher pokern konnte.

„Das war ein ziemlich blasser Typ“, berichtete er. „Hatte Sommersprossen, mittelgroß, dünnes, rotstichiges Haar und trug eine Brille mit ziemlich dicken Gläsern. Ach ja – er hatte außerdem eine geradezu panische Angst vor Hunden. Mein zahmer Devil hat ihm nur mal ein bisschen am Bein rumgeleckt, da bekommt der gleich so etwas wie 'ne Art Herzattacke oder wie ich das bezeichnen soll. Der hat aufgeschrien wie ein Mädchen, das Arschloch!“

Milo und ich wechselten einen kurzen Blick.

Ich konnte mich glücklicherweise nicht im Spiegel sehen, aber meinem Kollegen war die Enttäuschung ins Gesicht geschrieben. Ein Hundehasser passte einfach nicht in unsere bisherigen Ermittlungsergebnisse hinein. Und für den Fahrer des Fluchtwagens war dieser blasse, rotgesichtige Mann einfach nicht groß genug.

Es gab zwei Möglichkeiten.

Entweder versuchte uns Big Brian gerade einen Bären aufzubinden oder der Fall war doch noch eine Spur komplizierter, als wir erwartet hatten.

„War der Kerl allein?“, fragte ich.

„Ja. Wir haben uns in einer Bar in Hoboken getroffen, wo uns beide garantiert niemand kannte. An mich wird man sich da vielleicht erinnern. Das war schließlich ein Laden, in dem Harley-Fahrer mit einem Piratentuch auf dem Kopf nicht gerade dem Durchschnitt der Gäste entsprechen. Der blasse Typ passte da mit seiner kleinkarierten Jacke schon viel besser hin. Wirkte aus dem Ei gepellt wie Mamas Liebling.“

„Wie heißt die Bar?“

„Sie trägt den Namen DEAD SAILOR. Die Adresse lautet 411 Jefferson Road. Man findet da nicht einmal für eine Harley 'nen Parkplatz. Meine Maschine war abgeschleppt worden, als ich zurückkehrte.“

„Haben Sie mitbekommen, was für einen Wagen dieser Mann fuhr?“

„Nein. Er wurde von einem Van abgeholt. Wer drin saß, konnte ich nicht sehen, es war schon zu dunkel.“

„Ich bin mir sicher, dass unsere Agenten Ihre Geschichte haarklein überprüfen werden“, meldete sich nun Mister McKee zu Wort. „Und ich will hoffen, dass Sie nicht unsere Zeit verschwendet haben...“

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Zusammen mit unserem Zeichner Prewitt wurde auf der Basis von  Mallones Angaben ein Phantombild des Sommersprossenmannes erstellt.

Unsere Innendienstler um Max Carter würden versuchen, über das Datenverbundsystem NYSIS einen Bildabgleich durchzuführen. Das Phantombild wurde dann mit Millionen von Fahndungsfotos auf Gemeinsamkeiten überprüft. Wenn man die Suche dann noch nach der Deliktgruppe oder weiteren Merkmalen einschränkte, ergaben sich manchmal überraschende Treffer.

In unserem Fall war das leider nicht so.

Wenn unser Täter vor dem Mord an Longoria schon einmal straffällig geworden war, hatte er sich jedenfalls nicht erwischen lassen.

Am Abend fuhren wir nach Hoboken, um Mallones Geschichte zu überprüfen. Als wir auf der New Jersey-Seite aus dem Lincoln Tunnel herauskamen, schaltete ich das Radio an, um Nachrichten zu hören. Es interessierte mich, was die Lokalsender jetzt, einige Tage danach, über den Fall Longorias noch so brachten.

In der Aufmerksamkeit der Medien hatte offenbar ein anderer Mord die Aufmerksamkeit an sich gebunden.

„Ray Dennison wurde nach Auskunft des zuständigen Police Lieutenants in seinem Büro erschossen. Wie der jüngst ermordete Staatsanwalt James E. Longoria engagierte sich auch Dennison stark für die LIGA FÜR RECHT UND ORDNUNG, eine Stiftung zur Unterstützung von Verbrechensopfern...“

Ich drehte lauter, aber mehr brachten sie über den Fall Dennison nicht.

„Hast du das gehört, Milo?“

„Ich habe keine Ahnung, wovon du sprichst, Jesse!“

„Longoria und dieser Dennison, der vor kurzem umgebracht wurde, spielten beide eine wichtige Rolle bei dieser LIGA FÜR RECHT UND ORDNUNG!“

„Hat das was mit unserem Fall zu tun, Jesse?“

„Keine Ahnung. Aber ich finde, der Zufall wird da etwas überstrapaziert.“

„Ein Lotteriegewinn ist weitaus unwahrscheinlicher, als dass zwei Männer, die sich für dieselbe Stiftung engagieren kurz hintereinander umgebracht werden – und trotzdem wird jede Woche ein Hauptgewinn ausgeschüttet!“

„Ich weiß nicht, ob dein Vergleich wirklich passt, Milo.“

Milo seufzte hörbar und wirkte etwas genervt.

„Ein Zusammenhang zwischen Longorias Tod und seiner Tätigkeit bei dieser Stiftung ist an den Haaren herbeigezogen. Da kommt für mich dann doch eher diese Witwe in Frage, die auf dem Friedhof ihren großen Auftritt hatte.“

„Mrs Carlito?“

„Sie hatte genug Hass, um auf Thornton zu ballern – und wahrscheinlich hätte sie auch genug Hass gehabt, um einen Killer zu engagieren, der Longoria umbringt!“

„Woher sollte eine Frau wie sie das Geld dazu haben?“

„Weiß man das genau? Ist sie schon überprüft worden?“

„Nein.“

Eine Weile herrschte Schweigen in unserem Sportwagen. Als wir Hoboken erreichten, setzte Regen ein, der mit Graupel vermischt war. Es war außerdem in der letzten halben Stunde ziemlich dunkel geworden. Die Nässe glitzerte im Licht der Straßenlaternen und bildete ein funkelndes Mosaik.

„Ich werde morgen mal mit diesem Miles Buchanan darüber sprechen“, kündigte ich schließlich an. „Wer weiß, was dabei herauskommt!“

„Warum gerade den?“

„Kennst du sonst noch jemanden aus der LIGA FÜR RECHT UND ORDNUNG, Milo?“

„Nein.“

„Na, also!“

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Eine halbe Stunde lang quälten wir uns durch die verstopften Straßen von Hoboken und erreichten schließlich die Jefferson Road, in der die DEAD SAILOR Bar zu finden war.

Allerdings war ich gezwungen, mit dem Sportwagen in einem der umliegenden Parkhäuser einen Platz zu suchen, was uns eine Viertelstunde Fußmarsch durch das nasskalte Wetter einbrachte. Als wir die Bar erreichten, waren wir ziemlich durchnässt.

Innen war die Atmosphäre dafür um so gemütlicher.

Die DEAD SAILOR Bar war im Stil einer alten Seemannskneipe eingerichtet. An den Wänden hingen Netze und ein Anker. Schiffsmodelle hingen von der Decke und man hatte das Gefühl, sich im Bauch eines Segelschoners zu befinden.

Milo und ich gingen getrennte Wege, zeigten überall unsere Marken und außerdem Fotos von Big Brian vor. Das Phantombild des Sommersprossenmannes hatten wir natürlich auch dabei.

Die größeren Erfolgschancen sahen wir natürlich beim Personal. Leute, die in einer Bar arbeiteten, hatten oft einen guten Blick für Menschen und ein sicheres Gedächtnis für Gesichter.

Ich fand schließlich jemanden, der Brian Mallone vor ein paar Wochen in der DEAD SAILOR Bar gesehen wollte.

Es war einer der Barmixer, ein schlanker, dunkelhaariger Mann mit einem exakt geschnittenen Kinnbart.

Er trug eine dunkle Weste, ein weißes Hemd und eine Fliege, wie es dem Stil des Hauses entsprach. Sein Gesicht verzog sich mit einer Mischung aus Widerwillen und Amüsement, als er das Foto von Mallone sah.

„Dieser Gast hat unsere Bar tatsächlich besucht. Legen Sie mich jetzt nicht auf ein Datum fest, aber das war definitiv bevor wir den Besuch von der Steuerprüfung hatten. So etwas vergisst man nämlich nicht, kann ich Ihnen sagen. Die haben hier das Unterste zu oberst gekehrt und wollten für jeden Strohhalm einen Beleg sehen...“ Ich hörte ihm eine Weile zu und versuchte dann das Gespräch wieder auf den für die DEAD SAILOR Bar so absolut untypischen Gast lenken. „War dieser Mann in Begleitung? Hat er sich mit jemandem getroffen?“

„Ja, hat er. Da saß noch jemand neben ihm. Ich erinnere mich genau, denn das war ein ziemlich schwieriger Kunde, der mit meinen Drinks nicht so recht zufrieden war – und das kommt wirklich selten vor!“

„Was waren das für Schwierigkeiten, die er damit hatte?“, fragte ich.

„Wollen Sie einen probieren? Dann werden Sie sehen, dass sein Gemecker unbegründet war.“ 

„Geht leider nicht. Ich muss noch einen Wagen steuern.“

„Bedauerlich.“

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Wir blieben länger in der Bar, als geplant. Anschließend suchten wir noch eine Snack Bar auf, um etwas zwischen die Zähne zu bekommen.

„Mallones Geschichte gewinnt Konturen“, meinte ich. „Es hat ihn zumindest jemand in der Bar gesehen, in der sich angeblich mit dem Sommersprossenmann getroffen hat.“

„Trotzdem – ich bleibe skeptisch.“

„Und wieso?“

„Möglich, dass Mallone hier war, aber heißt das auch, dass der Rest der Geschichte stimmt? Ich könnte dir auch irgendein Lokal nennen, in dem man sich bestimmt an mich erinnert und dann behaupten, ich hätte mich dort einem unbekannten Mister X getroffen. Das ist doch billig!“

„Gib's zu, du hast gehofft, dass der Fall mit Mallones Festnahme endlich abgeschlossen ist!

„Du etwa nicht?“

„Sicher. Aber wir müssen uns wohl an den Gedanken gewöhnen, dass dem nicht so ist.“

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Am nächsten Morgen erfuhren wir das Ergebnis der Haaruntersuchung. Das Haar im Fluchtfahrzeug stammte definitiv nicht von Brian Mallones Wolfshund namens Devil. Ein weiterer Punkt, der Mallones Darstellung der Ereignisse stützte.

Auch Mister McKee war jetzt der Ansicht, dass die Ermittlungen vielleicht ausgedehnt werden mussten.

„Wenn die DEAD SAILOR Bar nach dem Geschmack dieses Sommersprossenmannes ist, besteht ja vielleicht die Aussicht, dass er dort noch mal auftaucht“, meinte Milo. „Vielleicht sollte man diese Bar observieren lassen.“

„Bisher ist dieser Mann sehr vorsichtig und klug vorgegangen“, widersprach Mister McKee. „Ich glaube also nicht, dass er diese Bar jemals wieder betreten wird.“

„Ein Profi!“, vermutete ich.

Dem widersprach jedoch unser Chefballistiker Dave Oaktree. „Vielleicht ist das jemand, der mit der Annahme von Mordaufträgen sein Geld verdient. Aber es handelt sich nicht um den üblichen eiskalten Mafia-Killer, der sogar noch daran denkt, gebrauchte Papiertaschentücher aus Abfalleimern zu sammeln, um uns dann mit der gesammelten DNA am Tatort zum Narren zu halten.“

„Worauf wollen Sie hinaus?“, hakte Mister McKee nach.

Dave war bislang noch nicht dazu gekommen seine neuesten Erkenntnisse vorzustellen, brannte aber offensichtlich regelrecht darauf.

„Ganz einfach. Wenn man die durch den Lauf der Waffe verursachten charakteristischen Riefungen in unser Datensystem eingibt, dann kommen dabei nur ein paar Schießereien in der Bronx zu Tage. Ich habe jetzt etwas anders gemacht: Statt die Waffe habe ich den Schalldämpfer eingegeben. Das Problem ist, dass die Riefenmuster von Schalldämpfern erst seit kurzem auf ähnliche Weise archiviert werden, wie man das bei Projektilen schon länger macht. Und siehe da, es gab Treffer! Insgesamt vier Morde wurden mit diesem Schalldämpfer begangen – aber jeweils mit einer anderen Waffe. Da die Ermittlungen von verschiedenen Mordkommissionen geführt wurden und der Focus der Aufmerksamkeit immer erst auf den Projektilen liegt, konnte zunächst keine Verbindung gezogen werden.“

„Vielleicht können wir das jetzt“, war Mister McKee zuversichtlich.

„Ich habe die Dossiers schon an Max weitergegeben“, erklärte Dave. „Fall Nummer 1 ist Dan Brooks, ein Buchprüfer aus Brooklyn. Das war Anfang des Jahres. Fall Nummer 2 war Allan E. Eisner, Anwalt für Wirtschaftsrecht in Lower Manhattan. Fall Nummer 3 kennen wir – James Longoria, Staatsanwalt.“

„Und Fall Nummer vier kennen wir auch!“, ergänzte ich und erntete dafür ein paar erstaunte Blicke. „Ray Dennison, Im- und Exportkaufmann aus Manhattan.“

„Hast du einen sechsten Sinn, Jesse?“, fragte Max Carter.

„Nein, ich habe nur etwas Radio gehört...“

„Das muss jetzt aber niemand von uns verstehen, oder?“, fragte Clive Caravaggio.

Mister McKee bedachte mich mit einem verwunderten Blick. „Im Augenblick geben Sie uns allen Rätsel auf, Jesse? Lassen Sie uns an Ihren Gedanken teilhaben!“

„Longoria und Dennison spielten eine wichtige Rolle in der so genannten LIGA FÜR RECHT UND ORDNUNG“, erklärte ich. „Jetzt höre ich von Dave, dass beide mit demselben Schalldämpfer erschossen wurden... Da kann ich nicht mehr an einen Zufall glauben.“

„Bis heute Mittag wissen wir, ob diese Stiftung auch bei den anderen beiden Opfern eine Verbindung darstellt“, kündigte Max Carter an.

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Der Mann mit den Sommersprossen stand an Pier 41. Im Westen war die Manhattan Bridge zu sehen und auf der gegenüber liegenden Seite des East River der stillgelegte Navy Yard im Norden von Brooklyn. Möwen kreischten, obwohl ihre einzige Konkurrenz beim Kampf um die Fische aus einem einzigen Angler bestand.

Der Mann mit den Sommersprossen blickte kurz zu dem Angler, aber dieser schaute nicht zurück.

„Was ist los? Wollen wir hier Wurzeln schlagen, Eric?“, fragte der annähernd zwei Meter große Kerl, der ein paar Yards von dem Sommersprossigen entfernt Steine ins Wasser kickte. Der Geruch von Salzwasser und Algen hing in der Luft. Eine frische Brise wehte vom Atlantik herüber. Sie war eiskalt.

Der Mann, der Eric genannt worden war, holte ein in braunes Papier eingeschlagenes Päckchen unter dem Mantel hervor. Er begann, es auszupacken.

„Mann, Eric bist du verrückt? Weg mit dem Ding und fertig!“

„Ich denke gerade nach, Cal!“

„Für meinen Geschmack ist es ein bisschen kalt dazu.“

Eric hatte das Päckchen ausgewickelt. Eine Waffe kam zum Vorschein. Eine Automatik vom Kaliber 45. Am Ende des Laufs waren ein paar Abriebspuren vom Aufschrauben des Schalldämpfers, den er abgenommen hatte, um ihn wieder zu verwenden.

Eigentlich sollte er die Waffe irgendwo versenken, wo sie in Generationen nicht wieder gefunden werden konnte. Der Grund des East River war eigentlich in dieser Hinsicht ein recht sicherer Ort.

Aber jetzt waren Eric Zweifel gekommen.

„Ich frage mich, ob man mit einer Waffe wie dieser nicht noch etwas mehr anfangen kann!“

„Lass es gut sein, Eric. Wir sind gut bezahlt worden und sollten uns aus dem Staub machen.“

„Es war ganz schön schwierig, eine Waffe zu besorgen, die von jemandem benutzt worden war, der James Longoria nicht mochte. Ich finde, dieser Service ist noch nicht ausreichend gewürdigt worden.“

„Schmeiß das Ding weg, Eric!“

„Nein, Cal!“

„Die Sache ist mir zu heiß. Wenn du das durchziehen willst, bin ich draußen. Ich will nur noch, dass dein Mister Goldesel uns die letzte Rate Bargeld auszahlt und dann bin ich weg!“

„Schade.“

Eric beobachtete, dass der Angler inzwischen seine Sachen gepackt hatte und ging. Er hatte ein paar Yards entfernt ein Fahrrad an einem Geländer angebunden, stieg auf und fuhr davon.

Jetzt waren sie allein auf der Pier. Das Signalhorn eines Frachtschiffs, das den East River hinauffuhr, ließ sie beide zusammenzucken.

Cal sagte irgendetwas. Das Signalhorn verschluckte seine Worte.

Er griff derweil seelenruhig in seine Manteltasche und holte den Schalldämpfer hervor. Schnell war er aufgeschraubt. Auf die Laserzielerfassung verzichtete Eric. Die Distanz war nun wirklich kurz genug, um darauf verzichten zu können.

Cal begriff zu spät, was sein Begleiter vorhatte.

Ein Geräusch, das an ein heftiges Niesen erinnerte, war zu hören.

Der erste Schuss traf Cal im Oberkörper. Der Zweite erwischte ihn am Kopf.

Zwar griff der fast zwei Meter große Mann noch unter seinen Mantel, er schaffte es aber nicht mehr, seine eigene Waffe in Anschlag zu bringen. Durch die Wucht der Treffer taumelte er  zurück und rutschte anschließend die Kaimauer hinunter.

Eric ging an den Rand des Piers und blickte hinunter. Der Wasserstand war im Augenblick ziemlich niedrig. Cals Leiche schwamm reglos im eiskalten Wasser, etwa eine Hand breit unterhalb der Oberfläche.

„Schade, dass du einen so mangelhaften Geschäftssinn hast, Cal“, murmelte Eric. „Aber auf diese Weise brauche ich die letzte Rate auch nicht zu teilen...“

Mit schnellen Schritten ging er davon.

Er hatte die Pier noch nicht verlassen, da griff er bereits zum Handy. 

„Hallo, hier spricht Eric Dunham. Ich glaube, wir haben noch etwas Geschäftliches zu besprechen, Mister Buchanan... Ich wollte gerade schon die Automatik, mit der Longorias getötet wurde, in den East River werfen, aber jetzt habe ich es mir anders überlegt... Wie wäre es, wenn ich das Schießeisen den Cops schicke und ein paar Bastards aus der Bronx ein paar Dollar zahle, damit sie überall herumerzählen, dass Miles Buchanan diese Waffe gekauft hat. Nach einer Woche weiß kein Mensch, was Wahrheit und was ein Gerücht ist, aber dem FBI wird das genügen, um Sie mal ein bisschen genauer unter die Lupe zu nehmen. Inzwischen habe ich nämlich herausgefunden, weswegen Sie James Longoria aus dem Weg haben wollten!“

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Es stellte sich rasch heraus, dass tatsächlich die LIGA FÜR RECHT UND ORDNUNG die Verbindung zwischen allen vier Morden darstellte.

Milo und ich suchten die ehemalige Sekretärin des Buchprüfers Dan Brooks auf, der Anfang des Jahres ermordet worden war. Sie hieß Loreley Harris und arbeitete jetzt für ein Steuerbüro in Queens.

Sie war eine attraktive Endzwanzigerin und machte einen patenten Eindruck.

„Ich weiß nicht, in wie fern die Dinge, über die Sie mich hier befragen, der Verschwiegenheit unterliegen“, sagte sie.

„Es geht um mehrfachen Mord“, erklärte ich ihr, während wir uns in einem Coffee Shop in ihrer Mittagspause trafen. „Da zählt keine Verschwiegenheit mehr – so wichtig die ansonsten in ihrem Job auch sein mag. Wir suchen eine Verbindung zwischen vier Mordopfern. Ihr ehemaliger Arbeitgeber ist eines davon.“

Ich zählte ihr die anderen auf.

Es stellte sich heraus, dass sie sowohl James Longoria als  auch Ray Dennison persönlich kannte, da Brooks für sie gearbeitet hatte. Alan E. Eisner, den Anwalt für Wirtschaftsrecht, war ihr mal auf einem Empfang für die LIGA FÜR RECHT UND ORDNUNG vorgestellt worden. Aber einen professionellen Kontakt zwischen Brooks und Eisner hatte es offenbar nicht gegeben.

„Mister Brooks hat sich sehr für die LIGA eingesetzt“, stellte ich fest.

„Ja. Mister Buchanan kam des Öfteren in unser Büro, um mit Mister Brooks über die Aktivitäten dieser Stiftung zu sprechen. Aber zuletzt hat sich das Verhältnis etwas getrübt.“

„Wieso?“, hakte ich nach.

„Eines Tages kam Staatsanwalt Longoria in unser Büro. Er hatte den Verdacht, dass vom Stiftungsvermögen Gelder abgezweigt würden und bat Mister Brooks eine komplette Buchprüfung durchzuführen – und zwar während einer Geschäftsreise von Mister Miles Buchanan, der im Stiftungsrat den Posten eines stellvertretenden Vorsitzenden innehatte.“

„Hatte Longoria den Verdacht, dass Buchanan hinter der Veruntreuung steckte?“, hakte ich nach.

Loreley Harris nickte. „Ja. Allerdings ergab die Überprüfung durch unser Büro ein unklares Bild. Mister Longoria meinte, dass es insgesamt noch zu wenig sei, um darauf irgendein gerichtliches Vorgehen gründen zu können. So entschied man sich, erstmal weiteres Beweismaterial zu sammeln.“

„Hat man es gefunden?“, fragte ich.

Loreley Harris nickte. „Allerdings! Es kam natürlich zum Krach, als sich herausstellte, dass Buchanan tatsächlich die treibende Kraft hinter den Veruntreuungen war. Er hatte Gelder der Stiftung über ein paar Umwege in irgendwelche maroden Immobilienprojekte gesteckt und jetzt war das Geld weg.“

„Warum hat Longoria Buchanan nicht angezeigt?“, fragte ich.

„Eine gute Frage!“, fand Loreley Harris.

„Ich verstehe das nicht!“, bekannte Milo. „James Longoria war Staatsanwalt, der hätte doch wissen müssen was zu tun ist, um so einen Betrüger hinter Gitter zu bringen!“

„Ja – aber die Stiftung wäre dann am Ende gewesen“, erläuterte uns Brooks’ ehemalige Sekretärin und fuhr anschließend in gedämpftem Tonfall fort: „Longoria hatte sehr viel Idealismus in ihren Aufbau gesteckt. Dieser Mann ist für mich sowieso ein Heiliger. Ich weiß nicht, ob der jemals geschlafen hat... Ich meine, wenn man sich mal ansieht, was der alles so auf die Beine gestellt hat! Das hätten andere nicht auf die Reihe bekommen, wenn sie zwei Leben zur Verfügung hätten!“

„Jedenfalls ist er in diesem Fall wohl vom rechten Weg abgekommen“, fasste ich den Bericht von Loreley Harris zusammen. „Und das war sein Verhängnis.“

Die Sekretärin nickte. „Sie haben vollkommen Recht. Dadurch, dass Longoria und die anderen Buchanan die Chance gaben, seine Schulden zurückzuzahlen, anstatt ihn anzuzeigen, waren sie erpressbar. Und für Longoria galt das ganz besonders. Wie hätten denn seine Chancen ausgesehen, Staatsanwalt zu bleiben, wenn herausgekommen wäre, was für Mauscheleien da mit der LIGA FÜR RECHT UND ORDNUNG gelaufen sind?“

„Seine Karriere wäre zu Ende gewesen“, sagte ich und Loreley Harris stimmte mir da voll und ganz zu.

„Genau! Buchanan hat die Zahlungstermine immer wieder verzögert, da er das Geld erstens nicht hatte und es zweitens auch niemals in eine gemeinnützige Stiftung gesteckt hätte.“

„Vielleicht hatte Buchanan ja noch irgendetwas auf der hohen Kante, womit man einen Lohnkiller bezahlen konnte!“, glaubte Milo.

Loreley Harris verzog verächtlich das Gesicht. „Ich glaube fast, dass er versuchen würde, sich selbst bei solchen Dienstleistungen um die Zahlung zu drücken!“, war sie überzeugt. Dann stoppte sie und sah mich an. „Was meinen Sie, bin ich auch in Gefahr? Schließlich weiß ich über all diese Vorgänge Bescheid...“

„Sie sind wahrscheinlich in einem Prozess gegen Miles Buchanan eine sehr wichtige Zeugin“, nickte ich. „Auszuschließen ist es also nicht, dass Buchanan auch gegen Sie vorgeht. Wir werden dafür sorgen, dass Sie Polizeischutz bekommen.“

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Eric Dunham scheuchte die beiden Hunde davon. Er hasste es, wenn sie sich an seinen Hosenbeinen rieben. Den kleineren der beiden – einen Dackel - erwischte er mit der Schuhspitze. Jaulend zog sich das Tier zurück.

„Eric, was machst du?“

„Nichts, Dad!“

Sein Dad war 94 Jahre alt und litt seit Jahrzehnten an einer fortschreitenden Muskelschwäche. Mit starrem Gesicht und geschlossenen Augen saß er in seinem Rollstuhl. Das Heim, in dem er den Greis – seinen einzigen lebenden Verwandten – untergebracht hatte, verfolgte ein Konzept, dass den Einsatz von Tieren für die Reaktivierung betagter Menschen vorsah. Dad war Farmer gewesen, bevor seine fortschreitende Krankheit ihn gezwungen hatte, seinen Besitz aufzugeben. So war er an den Umgang mit Tieren von jeher gewöhnt und empfand die Gegenwart von Hunden und anderer Haustiere als angenehm.

Eric konnte Tiere hingegen nicht ausstehen. Er hasste den Geruch von Pferde- und Rinderdung ebenso wie das Gekläff von Hunden. Besonders letzteren ging er aus dem Weg, nachdem ihn ein Jagdhund seines Vaters im Alter von dreieinhalb Jahren schwer gebissen hatte.

Das wirkte bis heute nach.

„Wann kommst du wieder, Junge?“, fragte der alte Mann – noch immer mit geschlossenen Augen. Der Kinnlade fiel ihm herunter und blieb dort erst einmal, so als hätte er einfach nur vergessen ihn wieder hochzuziehen.

Einmal die Woche kam Eric Dunham hier her, um seinen Vater zu besuchen.

Aber heute würde es das letzte Mal für lange Zeit sein.

„Ich komme nicht so schnell wieder, Dad.“

„Warum nicht?“

„Weil ich Geschäfte im Ausland zu erledigen habe!“

„Du schreibst mir eine Karte, oder?“

„Ja.“

„Die Schwester wird sie mir schon vorlesen... Verdammt, meine Augen sind so schwach geworden...“

Wenig später war Dad in seinem Rollstuhl eingeschlafen. Das passierte relativ häufig. Vielleicht ist jetzt der richtige Zeitpunkt zu gehen, dachte Eric Dunham. Er erhob sich aus seinem Sessel und ging zur Tür.

Die Hunde winselten.

Bleibt, wo ihr seid, ich denke gar nicht daran, mit euch zu spielen!, ging es ihm durch den Kopf.

Er blickte noch einige Augenblicke zu seinem Vater hinüber und verließ dann das Zimmer.

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Miles Buchanans Immobilienfirma lag in der Lower East Side. Wir hatten einen Durchsuchungsbefehl erwirkt und tauchten mit großer Mannschaft dort auf.

Widerstrebend öffneten uns die wenigen Angestellten die Büros. Zur gleichen Zeit nahmen sich andere Teams seine Privatwohnung ein paar Blocks weiter, sowie sein Büro in einer von der Stiftung LIGA FÜR RECHT UND ORDNUNG angemieteten Etage am Central Park West unter die Lupe.

Eine Sekretärin versuchte uns zunächst abzuwimmeln, aber unsere ID-Cards belehrten sie eines Besseren.

„Wo ist Mister Buchanan?“, fragte ich die Sekretärin, die zunächst versucht hatte, uns abzuwimmeln. Sie druckste ziemlich herum. Als wir ihr die Lage näher erklärten und ihr auch eröffneten, dass sie möglicherweise in eine groß angelegte juristische Auseinandersetzung hineingezogen werden könnte, gab sie schließlich nach. Sie redete wie ein Wasserfall, auch wenn nicht viel an Substanz dabei herauskam.

„Mister Buchanan ist heute nicht im Haus“, behauptete sie.

Unsere Leute hatten nach wenigen Augenblicken die Firmenräume durchsucht und gesehen, dass Buchanan tatsächlich nicht im Firmenbüro war. Das Team um Clive Caravaggio stellte wenig später dasselbe von den Büros der LIGA fest.

„Mister Buchanan hat einen Termin mit einem Geschäftspartner. Ich gehe, davon aus, dass er in etwa ein bis zwei Stunden zurück ist“, glaubte die Sekretärin.

Aber sie war anscheinend die einzige, die daran glaubte.

Wir begannen mit der Durchsuchung der Arbeitsräume.

Milo ging sein Telefonregister und die Speicher der digitalen Telefonanlage durch.

Dabei stellte sich heraus, dass Buchanans letzter Telefonkontakt eine Mobilfunknummer gegolten hatte. Danach hatte er das Büro verlassen und war nicht mehr zurückgekehrt.

„Vielleicht können wir das Gerät ja anpeilen!“, schlug Milo vor. „Es wäre doch sicher interessant zu sehen, mit wem Buchanan sich jetzt treffen will...“

„Vor allem, wenn dieser Gesprächspartner sich mit einem Prepaid-Handy zu tarnen versucht“, stimmte ich zu. „Und Buchanans Handy werden wir ebenfalls anpeilen...“

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Der Treffpunkt war ein Highway-Parkplatz nördlich von Union City. Geschlagene zwei Stunden hatte Buchanan auf Dunham warten müssen. Der Killer hatte ihn von unterwegs aus angerufen und irgendetwas von wichtigen geschäftlichen Terminen gefaselt.

Buchanan glaubte hingegen, dass Dunham ihn nur demütigen wollte.

Eric Dunham nahm den Koffer vom Boden auf. Seine Hand war an der Waffe, deren Lauf aus dem Hosenbund ragte.

„Es ist abgezählt“, erklärte Buchanan.

Der rothaarige, blassgesichtige Mann lächelte kalt.

Er kniete nieder, legte den Koffer auf den Boden und öffnete ihn. Geldbündel lagen fein säuberlich geordnet darin. Noch mal das Doppelte der abgemachten Summe sollte es sein. Dunham nahm eines der Geldbündel und strich mit dem Finger daran längs. Nur der erste Schein war echt. Der Rest war Zeitungspapier.

„Verdammter Hund!“, knurrte Dunham. Er schnellte hoch.

Buchanan riss einen Revolver unter dem Jackett hervor und richtete ihn auf Dunham. Dieser erstarrte zur Salzsäule.

„Und jetzt will ich die Waffe!“, rief Buchanan.

„Vorsicht mit dem Ding da!“, murmelte Dunham. „Sie verletzen sich sonst noch!“

„Ich fackel nicht lange! Die Waffe, sag ich!“

Buchanan feuerte. Der Schuss ging dicht neben dem Koffer in den Boden.

„Okay, okay...“

Dunham griff in seine Innentasche und holte die in braunes Packpapier eingewickelte Waffe hervor. Er warf sie Buchanan vor die Füße.

„Zufrieden?“

„Fast!“

„Was ist noch?“

Dunhams Hand wanderte unauffällig unter das Jackett, um die eigene Waffe aus dem Holster zu reißen.

„Vielen Dank für Ihre Dienste, Mister Dunham – oder wie immer Sie in Wahrheit heißen mögen!“, sagte Buchanan und hob den Lauf der Waffe etwas an. 

Dunham wich zurück.

Aber es war zu spät. Buchanan drückte ab - wie ein Taschenmesser klappte Dunham zusammen, fiel zu Boden und blieb ächzend liegen. Buchanan war ein schlechter Schütze. Selbst auf die relativ kurze Distanz hatte er sein Gegenüber nur an der Seite erwischt. Dunhams Jacke färbte sich rot. Er presste die Hand davor, aber das Blut rann im zwischen den Fingern hindurch. 

Buchanan kam näher, legte noch einmal an. Seine Hand zitterte dabei.

In diesem Augenblick näherten sich mehrere Dienstfahrzeuge der Polizei. Die Wagen fuhren nacheinander auf den Parkplatz. Die Türen gingen auf. Männer und Frauen in den blauen Einsatzjacken des FBI sowie Polizisten der State Police waren an diesem Einsatz beteiligt.

Eine Megafonstimme ertönte und verlangte: „Waffe weg! Hier spricht das FBI!“

Unter den eintreffenden Fahrzeugen war auch ein Sportwagen.

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Sowohl Buchanan als auch der verletzt am Boden liegende sommersprossige Mann waren klug genug, nicht zu schießen, denn das wäre zweifellos ihr Tod gewesen.

Der Verletzte stöhnte auf. Unser Kollege Fred LaRocca entwaffnete ihn. Ein Team des Emergency Service würde sich so bald wie möglich um ihn kümmern.

Sein Äußeres entsprach exakt der Beschreibung, die Big Brian Mallone uns von jenem Mann gegeben hatte, mit dem er sich in der DEAD SAILOR Bar getroffen hatte.

Auch Buchanan ließ die Waffe sinken.

Milo und ich warteten auf ihn, während ein Kollege bereits die Handschellen klicken ließ. Einheiten der New Jersey State Police unterstützten uns G-men bei diesem Einsatz.

Der Führerschein, den wir dem sommersprossigen Mann abnahmen, lautete auf den Namen Eric Dunham.

„Der scheint sogar echt zu sein!“, wunderte sich Milo.

„Mister Dunham, Sie sind verhaftet“, erklärte ich ihm. „Sie werden von uns wegen mehrfachen Mordes angeklagt. Haben Sie mich verstanden?“

„Ja“, erwiderte er tonlos.

Dunham wirkte vollkommen konsterniert. Er schien noch nicht richtig erfasst zu haben, dass seine Karriere als Profikiller vorbei war.

Ein für allemal.

Von seinem Recht zu schweigen machte Miles Buchanan keinen Gebrauch. Wortreich begann er zu erklären, weshalb er sich mit Dunham auf diesem Parkplatz getroffen hatte. Nichts davon ergab irgendeinen Sinn.

„Das Spiel ist aus, Mister Buchanan“, sagte ich. „James Longoria hat bei Ihnen Gnade vor Recht ergehen lassen und Sie nicht wegen Veruntreuung angeklagt, obwohl das seine Pflicht gewesen wäre, als er Ihnen auf die Schliche kam. Aber dasselbe Glück werden Sie nicht ein zweites Mal bekommen! Ganz bestimmt nicht!“

Buchanan schluckte.

Als Anstifter mehrerer Morde würde er sich auf einen langjährigen Aufenthalt auf Rikers Island einstellen müssen.

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In den nächsten Tagen und Wochen begann das juristische Nachspiel dieses Falles. Dunhams Anwalt riet seinem Mandanten dazu, umfassend auszusagen.

Tatsächlich hatte er auch nichts zu verlieren. Als in Brooklyn die Leiche eines Mannes angeschwemmt wurde, der durch dieselbe Waffe wie James Longoria getötet worden war, zog sich die Schlinge um seinen Hals langsam zu, sodass er sich entschloss, seinen Auftraggeber Miles Buchanan stark zu belasten.

Ein paar Wochen später wies uns Mister McKee auf einen Artikel in der New York Times hin. Darin wurde darüber berichtet, dass die LIGA FÜR RECHT UND ORDNUNG aufgelöst worden war.

Der Grund lag auf der Hand.

Die Enthüllungen über diese Stiftung hatten das Vertrauen der Spender vollkommen und vor allem sehr nachhaltig zerstört.

So etwas war irreparabel.

„Eine Stiftung, die einen wirklich noblen Zweck verfolgt und angesichts vieler Verbrechensopfer, die entschädigungslos bleiben, weil die Täter nicht in der Lage sind Schadensersatz zu leisten, geht den Bach runter“, sagte Mister McKee nachdenklich. „Neben der persönlichen Tragik, in die ein an sich so rechtschaffener Mann wie James Longoria geriet, ist dies die zweite Sache, die mich an diesem Fall nicht loslässt!“

ENDE

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Kubinke und der eiskalte Mord

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Ein Harry Kubinke Krimi von Alfred Bekker

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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1

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"Heute nichts zu tun?", fragte der Mann am Currywurst-Stand. "Die Kommissare haben nichts zu tun, das kann ja nur bedeuten, dass es in der Stadt sicher und ruhig ist!" Der Currywurst-Mann grinste. "Wisst ihr, wat icke mir allerdings frage?"

​Kommissar Harry Kubinke und sein Kollege Rudi Meier wechselten einen kurzen Blick.

​"Ich glaube, wir müssen das Gelaber von dem ertragen, Harry", meinte Rudi.

​"Zumindest, wenn wir eine Wurst essen wollen", bestätigte Kubinke.

​"Nun seien Sie doch nicht so empfindlich, Herr Kubinke!", meinte der Currywurst-Mann.

​"Ich bin nicht empfindlich."

​"Ach, nee?

​"Wir wollen eine Wurst", sagte Kubinke.

​"Sie beide zusammen eine Wurst?" Der Curry-Wurst-Mann schüttelte den Kopf. "Also meine Würste sind die größten in ganz Berlin, dafür lege meine Hand ins Feuer, aber dass eine davon für Sie beide reicht, ditte glob’ ich nun nich!"

​ "Ich meinte natürlich jeder eine Wurst", sagte Kubinke.

​ Tief durchatmen!, dachte er. Dafür hat man ja schließlich während der Ausbildung und bei Fortbildungen Kurse in Deeskalationsstrategien und Psychologie belegt. Tief durchatmen und ruhig bleiben. Auch, wenn es schwer fällt! Aber, wenn es um die Wurst geht...

​ "Ich sach ja immer: Ditte is schwierig, wenn man sich nicht klar und deutlich ausdrückt."

​ "Jo", sagte Kubinke.

​ "Jo", sagte Rudi Meier.

​ "Jo", sagte der Curry-Wurst-Mann.

​ Und dann herrschte sogar ein paar Augenblicke lang Schweigen. Nur der Straßenlärm war zu hören. Reifen, die durch Pfützen fahren. In Berlin sowas wie ein natürliches Geräusch.

​ Der Currywurst-Mann sagte schließlich: "Wenn Sie beide nichts tun haben, dann frage ich mir, woran ditte nun liegen kann. Also entweder, die Stadt ist auf einmal friedlich geworden, wat icke kaum globen tue, oder..."

​ "Oder was?", fragte Kubinke.

​ Der Currywurst-Mann stellte den beiden Kommissaren  ihre Portionen hin.

​ "Oder Sie haben einfach nur nicht mitgekriegt, was wirklich in der Stadt los ist und glauben deshalb nur, dass alles in Ordnung wäre. Ditte wäre doch auch nicht unmöglich, oder lieg ich falsch?"

​ "Sie liegen falsch", sagte Kubinke.

​ "Aber die Wurst schmeckt", meinte Rudi Meier. "Damit liegen Sie richtig."

​ "Na, ditte is ja auch schon was", meinte der Currywurst-Mann.

​ Rudis Handy klingelte.

​ Der Kriminalkommissar nahm das Gerät ans Ohr.

​ "Ja?", fragte er kauend.

​ Kubinke sah schon daran, dass sich die Körperhaltung seines Kollegen veränderte, dass es etwas Dienstliches sein musste. Rudi nahm gewissermaßen Haltung an. Kubinke beschloss, jetzt erstmal die Wurst zu genießen. Mittagspausen waren für Kriminalbeamte schließlich kurz genug.

​ Und dass sich diese nicht mehr allzu lang strecken lassen würde, hatte Kubinke auch im Gefühl.

​ "Das war Kriminaldirektor Bock", sagte Rudi.

​ "Das heißt, es gibt Arbeit", stellte Kubinke fest.

​ "Gibt es", bestätigte Rudi.

​ "Erst die Wurst", meinte Kubinke. "Danach stehe ich stehe ich dem Kampf gegen das Verbrechen wieder zur Verfügung. Vorher nicht."

​ "Na dann", sagte Rudi.

​ "Keen Wunder, dass man sich nicht mehr sicher fühlen kann, wenn ditte bei der Polizei die gängige Dienstauffassung ist", lautete der Kommentar des Currywurst-Mannes.

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Tom Balthoff schlug die fellbesetzte Kapuze seines Parkas über den Kopf.  Es war arschkalt geworden. Und zwar ganz plötzlich.

​ Scheiß Wetter!, dachte er.

​ Gestern noch Werte im zweistelligen Celsius-Bereich. Über null wohlgemerkt. Eine Art Vorfrühling. Und heute eine Art Spätwinter. Der April macht was er will, sagte man ja auch. Das Wetter fuhr Achterbahn. Ein Fest für die Meteorologen und all diejenigen, die viel Zeit hatten, um den Himmel anzusehen und jede Veränderung zu registrieren.

​ Balthoff gehörte nicht zu dieser Spezies.

​ Wetterschwankungen dieser Art lösten bei ihm Migräneanfälle aus.

​ Er hatte vorbeugend seine Tabletten dagegen genommen.

​ Denn im Moment konnte er sich alles mögliche leisten - nur keine Migräneanfall.

​ In kommenden Tagen hing vieles davon ab, dass er einen klaren Kopf behielt und eiskalt vorging.

​ Wirklich eiskalt.

​ Kopfschmerzen konnte er nicht gebrauchen.

​ Jetzt kam es wirklich drauf an.

​ Wenn sein Plan aufging, hatte er vielleicht ausgesorgt.

​ Rente mit 67 hatte die politische Klasse der Bundeshauptstadt Berlin für Menschen seines Jahrgangs beschlossen.

​ Aber Balthoff hatte die Absicht, das für ihn andere Regeln galten.

​ Er war 42 Jahre alt und Reporter. Meistens als freier Mitarbeiter oder als sogenannter fester Freier. Zwischendurch war auch mal ein reguläres Arbeitsverhältnis als angestellter Redakteur dringewesen. Aber sowas war nie von Dauer. Da wurde schnell mal innerhalb eines Zeitungsverlages etwas umgruppiert, verschiedene Redaktionen zusammengelegt, mehrere Blätter mit dem demselben Mantelteil ausgestattet und schwupp war man raus.

​ Der nächste Rauswurf war immer nur eine Frage der Zeit.

​ Es ging immer nur darum, wann es geschah, nie darum ob überhaupt.

​ Aber wenn Balthoffs Plan aufging, dann bekam er seine Rente mit 42.

​ Naja, vielleicht ganz.

​ Aber finanziell war er dann jedenfalls die meisten Sorgen erstmal los.

​ Gute Arbeit muss gut bezahlt werden, so hatte er noch die Worte des ersten Chefredakteurs im Ohr, unter dem er gearbeitet hatte. Das war drei Wochen vor dessen Rauswurf gewesen, der damit begründet worden war, dass die Absatzzahlen des Blattes in den Keller gegangen waren.

​ Balthoff hatte gute Arbeit geleistet.

​ Und ja, die würde jetzt belohnt werden.

​ Balthoff hatte lange gebraucht, dass man der Arsch war, wenn man sich an die Regeln hielt.

​ Aber damit war nun Schluss.

​ Zum ersten Mal hatte Balthoff entschieden, nach seinen eigenen Regeln zu spielen.

​ Und das würde ihm den verdienten Erfolg bringen.

​ Endlich.

​ Balthoff atmete tief durch.

​ Er stand jetzt unmittelbar vor dem Verlagsgebäude.

​ Selbst der Pförtner bekommt wahrscheinlich mehr Geld als ein fester Freier wie ich!, dachte Balthoff. Soll sich niemand wundern, wenn da einer auf dumme Gedanken kommt.

​ Es war kalt.

​ So eiskalt.

​ Er spürte ein Kratzen im Hals.

​ Und den beginnenden Migräne-Kopfschmerz.

​ Dann betrat er das Gebäude.

​ Auf dem Flur begegnete ihm sein Chef.

​ War offenbar in Eile.

​ "Ah, da sind Sie ja."

​ "Ja."

​ "Hatte Sie schon gesucht."

​ "Ich bin ein freier Mitarbeiter. Ohne Anwesenheitspflicht und feste Zeiten."

​ "Ja, ja..."

​ "Was ist?"

​ "Ich wollte fragen, wie weit Sie schon sind mit Ihrer Story."

​ "Die Sache ist komplizierter, als ich dachte."

​ "Sie sollen das ganze natürlich wasserdicht machen, aber wir denken natürlich auch an unsere Leser..."

​ Nein, dachte Balthoff.

​ Ihr denkt ans Geld.

​ Genau wie ich.

​ "Haben Sie Geduld", sagte Balthoff. "Tut mir Leid."

​ "Mir auch."

​ "Wieso?"

​ "Naja, ich hätte sonst vielleicht ein gutes Argument gehabt."

​ "Ein Argument? Wofür?"

​ "Für eine Festanstellung."

​ "Ach, ja?"

​ "Die Dingens - also den Doppelnamen von der, kann ich mir immer so schwer merken - ist dich jetzt schwanger und will nach dem Mutterschutz lieber vom Home Office aus was machen."

​ "Ah, ja, verstehe."

​ "Nee, ich weiß nicht, ob Sie wirklich verstehen, was ich meine. Jetzt ist die Sitzung mit dem Verlagsvorstand und ich hätte da vielleicht was für Sie tun können..." Er zuckte mit den Schultern. "Schade eben, nicht wahr?"

​ "Ja, schade", sagte Balthoff.

​ Vielleicht war es doch nicht ganz so schade, dachte Balthoff.

​ Das Angebot kam einfach etwas spät.

​ Und genau genommen war es ja auch noch nicht einmal ein Angebot, sondern nur etwas, das man vielleicht als eine vage Aussicht bezeichnen konnte.

​ Mehr nicht.

​ Früher hätte Balthoff darin einen Lichtblick gesehen.

​ Aber jetzt nicht mehr.

​ Jetzt war er längst auf einem ganz anderen Weg.

​ Ich werde die Geschichte zurückhalten, dachte er. Und ich werde nicht mehr in erster Linie etwas für euch tun, sondern nur noch für mich selbst.

​ Nur für mich selbst!

​ Drei Ausrufezeichen hätte man hinter diesen letzten Gedanken setzen können, der durch Balthoffs Kopf schwirrte und dafür sorgte, dass sich ein hartes Lächeln um seine Lippen bildete.

​ "Naja, wir sehen uns dann sicher nachher noch", meinte sein Chef. "Muss jetzt weg."

​ "Klar.

​ "Bin dann nachher wieder da."

​ "Sicher."

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3

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Eine Villa in Berlin Charlottenburg, ein Ferienhaus mit Aussicht auf einen idyllischen See, nur einen Katzensprung vom Zentrum der Hauptstadt entfernt... Zumindest, wenn nicht gerade ein akuter Verkehrsinfarkt die Stadt lahmlegte oder man klug genug war, die öffentlichen Verkehrsmittel zu nutzen.

Aber wer ist schon klug?

Dr. Anton F. Kwatlowski fand, dass er es in den letzten Jahren zu einigem Wohlstand gebracht hatte. Und das, obwohl er keinesfalls Schönheitschirurg oder Zahnarzt war - sondern Tiermediziner. Und die standen normalerweise vom Einkommen her an unterster Stelle der medizinischen Zunft, es sei denn, sie hatten sich auf das Kurieren kleinerer Wehwehchen von millionenschweren Rennpferden spezialisiert. Aber zu diesen Kreisen hatten Kwatlowski die Beziehungen gefehlt.

Er atmete tief durch, blickte über den mustergültig gepflegten Garten seiner Villa.

Hier war kein Grashalm an der falschen Stelle. Ein Gärtner kam regelmäßig dreimal die Woche, um alles in Ordnung zu halten und darüber hinaus die zahlreichen und häufig wechselnden gärtnerischen Sonderwünsche von Frau Kwatlowski zu erfüllen.

Alles, was du hier siehst, wird dir vielleicht schon bald buchstäblich unter den Fingern zerrinnen!, ging es Kwatlowski grimmig durch den Kopf. Der Puls schlug ihm bis zum Hals. Nein, du hast einfach zu lange dafür gekämpft, um jetzt aufzugeben! Jetzt musst du dir etwas überlegen, dich vielleicht sogar mit sehr harten Bandagen durchzukämpfen.

Kwatlowski zuckte zusammen, als ihn von hinten eine Hand an der Schulter berührte.

"Was ist?", drang die Stimme seiner zweiten Ehefrau Veronika in sein Bewusstsein.

Kwatlowski drehte sich ruckartig zu ihr herum. Sie war Anfang dreißig, er Anfang fünfzig. Ihr Gesicht war feingeschnitten mit hohen Wangenknochen. Das dunkle Haar fiel ihr bis weit über die Schultern. Zwei feste Brüste pressten sich gegen den enganliegenden Stoff ihres Pullovers. Manchmal musste er aufpassen, um sie nicht mit 'Franziska' anzureden - dem Namen seiner ersten Frau. Im Grunde war Veronika eine Art verjüngte Ausgabe seiner ersten Frau.

"Es ist nichts", behauptete Kwatlowski.

"Du schwitzt ja!"

"Ja, mein Gott..."

"Du siehst ja ganz blass aus!"

"Warum sagst denn nichts? Hängt das vielleicht mit dem Reporter zusammen, der vorhin hier war?"

Kwatlowski lächelte breit. "Das war nur ein Wichtigtuer", meinte er. "Der ist nur auf Skandale aus."

"Skandale? Was will er denn dann von dir?"

"Ach, du kennst das doch. Da ist irgendwo mal wieder hormonverseuchtes Fleisch aufgetaucht und jetzt wollte dieser Kerl meine Meinung dazu wissen."

"Das war alles?"

"Ja, verdammt nochmal."

"Anton! Nun hab dich doch nicht so! Man wird ja wohl mal nachfragen dürfen."

Kwatlowski atmete tief durch. "Mir geht es heute nicht besonders gut. Muss wohl am Wetter  liegen. Ich glaube, ich lege mich ein bisschen hin. Nachher habe ich nämlich noch einen wichtigen Termin..."

"Wollten wir heute Abend nicht in die Oper?"

"Ja schon, aber..."

"Das wird also nichts!"

"Nicht traurig sein. Geh ruhig allein hin oder nimm deine Freundin Karin mit, damit die Karte nicht verfällt!"

Kwatlowski ging an ihr vorbei, trat dann durch die Terrassentür ins Haus.

In seinem Hirn arbeitete es fieberhaft.

Ich lasse mir meine Existenz nicht zerstören!, hämmerte es in ihm. Um keinen Preis...

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​4

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Zwei Stunden später wählte Kwatlowski vom Anschluss im Schlafzimmer aus eine Handynummer, die er von einer Visitenkarte ablas.

Es war die Karte des Journalisten.

"Hier Tom Balthoff", meldete sich eine sonore Stimme.

Tom Balthoff, freier Mitarbeiter verschiedener Boulevardblätter und neuerdings Erpresser, so ging es Kwatlowski zynisch durch den Kopf. Aber in dem Job bist du ein Anfänger, Balthoff! Also sieh dich vor!

"Ich bin's, Dr. Kwatlowski", meldete sich der Veterinär.

"Sie haben sich die Sache also überlegt", stellte Balthoff fest. Er lachte heiser. Seine Stimme war rau vom übermäßigen Alkoholgenuss. Auf den Parties, die er besuchte, nahm er beinahe jedes volle Glas mit, das ihm hingehalten wurde. Seine Leberwerte mussten entsprechend sein. Und die Zahl der abgestorbenen Hirnzellen hatte mit Sicherheit jenen Wert überschritten, der ihn noch hätte hoffen lassen können, dass aus ihm eines Tages doch noch ein seriöser Feuilletonist wurde.

"Hören Sie, Balthoff..."

"Ich will eine Million! Darüber lasse ich auch nicht mit mir handeln. Andernfalls können Sie auf den Titelseiten Ihren Namen und Ihr Bild sehen. Vielleicht mit folgender Überschrift: DER HORMON-DOKTOR ENTLARVT! NEUER SKANDAL IN DER SCHWEINEMAST!"

"Woher soll ich eine Million nehmen?"

"Beleihen Sie Ihre Villa oder verkaufen Sie Ihr Ferienhaus am See..."

"Sie sind gut informiert."

"Vergessen Sie das nie, Dr. Kwatlowski. Vergessen Sie das nie...."

"Angenommen ich zahle Ihnen eine Million. Wer garantiert mir, dass Sie nicht weitere Forderungen stellen."

"Was haben Sie nur für eine schlechte Meinung von mir."

"Ja wohl nicht ganz unbegründet, oder?"

"Kwatlowski, Sie können von Glück sagen, wenn Sie aus dieser Sache mit einigermaßen heiler Haut herauskommen. Jahrelang sind Sie von Bauernhof zu Bauernhof gereist und haben Ihre illegalen Medikamentencocktails verkauft. Eine Art Dealer für Junkie-Schweine..." Er kicherte. "Ich kann alles belegen. Ich habe Unterlagen, Fotos, Proben..."

"Ich muss dieses Beweismaterial haben, wenn ich Ihnen eine derart große Summe zahle."

"Dann legen Sie noch eine halbe Million drauf und wir sind handelseinig."

"Sie sind unverschämt."

"Ich kann rechnen, Dr. Kwatlowski. Sie haben mit Ihren Wundermitteln in den letzten Jahren ein Mehrfaches davon eingenommen. Alles, was ich verlange ist ein gerechter Anteil."

Innerlich kochte Kwatlowski.

Alles in ihm krampfte sich zusammen. Er bemerkte, dass seine Hand zu zittern begann. Wenn er jetzt vor mir stünde!, durchzuckte es ihn. Er hätte dann für nichts garantieren können... Durch regelmäßiges Atmen versuchte er, sich wieder zu beruhigen.

Er musste einen kühlen Kopf bewahren.

Eiskalt reagieren.

Nur dann hatte er eine Chance, den Hals aus der Schlinge zu ziehen.

"Ich bin mit Ihren Bedingungen einverstanden", brachte er schließlich über die Lippen.

"Freut mich, das zu hören."

"Aber Sie dürfen mich nie wieder in meiner Villa besuchen! Haben Sie gehört?"

"Sorry, Doc." Tom Balthoff lachte heiser, hustete dann. Vermutlich Raucherhusten, diagnostizierte Kwatlowski. Leider nicht tödlich genug. Der Exitus würde noch zu lange auf sich warten lassen, als dass man einfach so darauf hätte warten können.

Manchmal war die Natur aber auch schrecklich langsam!

Kwatlowski sagte: "Wir müssen uns treffen. Sie bringen die Beweismittel mit und ich..."

"Die anderthalb Millionen", schnitt Balthoff ihm das Wort ab.

Kwatlowski nickte.

"In bar, nehme ich an."

Tom Balthoff nickte ebenfalls.

"Wäre mir lieb."

"Okay."

"Tja, dann..."

"Samstag in einer Woche. Vorher kriege ich das mit meiner Bank nicht zurecht."

"Gut. Aber keinen Tag länger."

"Nun zum Treffpunkt. Mein Ferienhaus kennen Sie ja bereits."

"Ja."

"Kommen Sie nächsten Samstag gegen 17.00 Uhr dort hin. Dort sind wir ungestört."

"Einverstanden."

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Kommissar Harry Kubinke und sein Kollege Rudi Meier betraten das Büro ihres direkten vorgesetzten Kriminaldirektor Bock.

Bock stand mit beiden Händen in den Taschen seiner weiten Flanellhose da. Seine Hemdsärmel waren hochgekrempelt. Die Krawatte hing ihm wie ein Strick um den Hals.

"Guten Morgen", sagte Bock.

"Guten Morgen", murmelten Kubinke und Meier.

Nur wer Kriminaldirektor Bock sehr gut kannte, sah, dass er wahrscheinlich die ganze Nacht durchgearbeitet und noch nicht geschlafen hatte.

Harry Kubinke arbeitete lange genug mit ihm zusammen, um das erkennen zu können. Es waren Kleinigkeiten, die Bock verrieten. Aber man muss schon zugeben, dass er das sehr gut zu verbergen versteht, dachte Kubinke. Er bewahrt Haltung, selbst dann, wenn er vor Müdigkeit auf der Stelle einschlafen würde, falls ein Bett, eine Liege oder auch nur ein einigermaßen bequemer Sessel zur Verfügung stehen würde!

Aber die bequemen Sessel hatten Rudi Meier und Harry Kubinke jetzt besetzt.

Und Kubinke hätte es irgendwie als unpassend empfunden, seinen Platz Kriminaldirektor Bock anzubieten, vielleicht noch garniert mit dem Vorschlag, doch ein kleines Nickerchen zu halten.

"Wir vom BKA ermitteln ja schon seit geraumer Zeit gegen eine Organisation, die die landwirtschaftlichen Betriebe rund um Berlin mit illegalen Tiermedikamenten versorgt", sagte Bock.

"Drogen für Kühe", sagte Kubinke.

"So könnte man es auf den Punkt bringen", gab Kriminaldirektor Bock zu. "Wir wurde gebeten, die Kollegen der Kriminalpolizei zu unterstützen, zumal sich bei den bisherigen Ermittlungen herausgestellt hat, dass es da wohl gewisse, weitverzweigte mafiöse Strukturen gibt. Organisierte Verbrechen im großen Stil. Und im Zentrum dieser Machenschaften steht mutmaßlich ein sehr umtriebiger Tierarzt."

Kriminaldirektor Bock betätigte den Beamer seines Laptops.

Wir sahen auf der Projektion an der Wand ein Gesicht.

Lachend.

Zufrieden.

Im Hintergrund war ein Ferienhaus.

"Er heißt Anton Kwatlowski", sagte Kriminaldirektor Bock. "Eine Villa in Charlottenburg, ein Ferienhaus am See... Er dürfte der mit Abstand geschäftstüchtigste Veterinär sein, der mir je untergekommen ist", meinte Bock.

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Dr. Anton Kwatlowski fuhr die Straße mit geradezu halsbrecherischem Tempo entlang. Es war Samstag Mittag. Veronika hatte etwas herumgemeckert, als er ihr offenbart hatte, dass er das Wochenende im Ferienhaus verbringen wollte. Schließlich war er sogar das Risiko eingegangen, ihr anzubieten, ihn doch zu begleiten. Das hatte sie während ihrer bislang vierjährigen Ehe nur ein einziges Mal getan und sich dabei schrecklich gelangweilt. Wandern und die stundenlange Angelei im nahegelegenen See - das war alles nicht ihr Fall.  Sie doch ganz eindeutig eine Stadtpflanze und kein Landei. Für Natur hatte sie nichts übrig.

Aber Anton Kwatlowski brauchte ab und zu diese Einsamkeit und Ruhe.

Er erinnerte sich noch ganz genau, wie er das Haus zum ersten Mal gesehen hatte. Er war auf dem Weg zu einem Kunden gewesen, dessen Viehbestand er mit einem Koffer voller wachstumsfördernder Mittel versorgt hatte. Für viele der Bauern und Genossenschaften war die Situation prekär. Mit den großen Agrarfabriken andernorts konnten sie nicht mithalten, weder im Preis noch in der Menge. So mussten die Tiere eben schneller wachsen und dabei immer noch nach Möglichkeit den Eindruck machen, als ob sie unter glücklichen Umständen ihr kurzes leben gefristet hatten. Verluste waren tabu. Es wurde gespritzt, was das Zeug hielt, beziehungsweise der Koffer des Hormon-Dealers hergab.

Von einem seiner Kunden, dem  Klaus Wendlinger, dem einer der größten Höfe in der Umgebung gehörte, hatte Kwatlowski seinerzeit den Tipp bekommen, sich das Haus mal anzusehen. Es hatte kurz vor der Zwangsversteigerung gestanden. Den Preis, den Kwatlowski dafür hatte ausgeben müssen, war geradezu lächerlich, wenn man bedachte, dass die Gegend touristisch gut erschlossen war.

Kwatlowski hing seinen Gedanken nach, blickte zwischendurch immer wieder nervös auf die Uhr.

Er hatte einen Plan.

Einen Plan, der mit Tom Balthoffs Tod enden würde. Aber bevor er das Ferienhaus erreichte, gab es noch einiges, was Kwatlowski vorzubereiten hatte.

Plötzlich musste Kwatlowski mit aller Gewalt in die Bremse seines champagnerfarbenen Mercedes SLK treten. Die Reifen quietschten. Von der Seite ergoss sich ein Strom von hunderten von Schafleibern auf die Fahrbahn. Sie blökten durcheinander. Einige wichen vor dem SLK erschrocken zurück und stießen dabei ihre Artgenossen um. Ein Chaos entstand. Mittendrin, wie ein Fels in der Brandung, stand der Schäfer mit hochrotem Kopf und wütendem Gesicht.

Er nahm seinen Filzhut ab, knitterte ihn in der Faust zusammen und brüllte Kwatlowski wütend an. Da der Tierarzt das Verdeck seines SLK auf Grund des sonnigen Frühlingswetters zurückgeklappt hatte, konnte er jedes Wort verstehen. Und das, obwohl ein Hirtenhund andauernd dazwischen bellte.

"Was fällt Ihnen ein! Verflucht noch einmal! Wie kann einer nur so bekloppt sein und nicht aufpassen, was über die Straße herüberkommt!"

"Hätten Sie nicht aufpassen können!", rief Kwatlowski zurück.

Er kannte den Hirten.

Claus Störtemeier hieß er und war in der gesamten Gegend als eine Art Faktotum bekannt. Allerdings auch als Verbreiter von Neuigkeiten und Gerüchten.

Das hat mir gerade noch gefehlt, dass mir der über den Weg läuft!, ging es Kwatlowski ärgerlich durch den Kopf. Dieser Quasselkopf würde überall herumerzählen, dass der allseits bekannte Tierarzt mal wieder in der Gegend war und das Wochenende in seinem Ferienhaus verbrachte.

Einige Sekunden lang dachte Kwatlowski darüber nach, ob er das ganze Unternehmen nicht abblasen sollte.

Er dachte an die Polizei, an die Fragen, die sich zwangsläufig ergeben, wenn...

Nein, du stehst das jetzt durch!, forderte er sich dann selbst auf. So etwas wie absolute Sicherheit gibt es nicht, Anton Kwatlowski! Auch für dich nicht! Du musst das Risiko eingehen, wenn du nicht sehenden Auges in den Abgrund springen willst!

"Geht das nicht ein bisschen schneller?", schrie Kwatlowski dem Hirten dann entgegen.

Dann hupte er, worauf die Schafe aufgeregt blökten und der Hirtenhund sich in seiner bis dahin unumstrittenen Autorität bedroht fühlte.

"Ja, ist dieser Herr Veterinär jetzt vielleicht vollkommen verrückt geworden?", brüllte Claus Störtemeier jetzt zurück. "Macht mir die Tiere auch noch verrückt!"

"Ich hab's eilig!"

"Mann, das dauert halt ein bisschen!"

Fast eine Viertelstunde dauerte es, bis alle Tiere endlich über die Straße gelangt waren.

Kwatlowski ließ den Motor des SLK aufheulen und brauste davon. Wenig später erreichte er das schmucke Holzblockhaus. Er parkte den SLK und stieg aus.

Tief sog er die klare Luft in sich auf. Man hatte eine fantastische Aussicht von hier aus. Reste des Morgennebels hingen noch über dem leuchtend blauen See, auf den man von hier aus eine vollkommen freie Sicht hatte.

Ein Ort wie aus dem Paradies, dachte Kwatlowski. Aus meinem Paradies. Und davon wird mir niemand etwas wegnehmen.

Er sah kurz auf die Uhr (er wusste selbst nicht mehr, zum wievielten Mal an diesem Tag schon) und griff dann zum Handy.

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Kubinke und Meier trafen sich mit Heiner Dresen, dem Leiter einer Polizeidienststelle, irgendwo im Berliner Umland. Bisher hatten Dresen und seine Leute die Ermittlungen in Sachen Veterinär-Mafia geleitete. Aber das Ganze ging wohl langsam über deren Möglichkeiten hinaus.

Und so kamen Kubinke und Meier vom Bundeskriminalamt ins Spiel.

"Also wir haben inzwischen eine ganze Reihe von Personen im Visier, die rund um diesen Kwatlowski eine Rolle spielen."

Dresen hatte ganz altmodisch Dutzende von Porträtfotos an eine Pinnwand geheftet.

Aber es erfüllte seinen Zweck und man hatte einen Überblick.

Es gab außerdem noch Zettel mit Anmerkungen.

Auf manchen standen auch nur rätselhafte Abkürzungen, bei denen sich Kubinke fragte, was sie wohl zu bedeuten hatten.

Soll Dresen uns das erklären, dachte Kubinke. Er hatte jedenfalls keine Lust, das jetzt auch noch selbst herauszufinden.

Dresen fing an einige der Verbindungen zwischen den Personen zu beschreiben.

Manches war bereits eindeutig ermittelt. Manches  war reine Mutmaßung.

"Das ist wie bei einem Eisberg", sagte Dresen.

Kubinke hob die Augenbrauen.

"Ein Eisberg?", fragte er.

"Ja, neun Zehntel unter Wasser und nur ein Zehntel ist sichtbar."

"Ach so."

"Ist hier auch so."

"Das heißt, neun Zehntel kann man nicht beweisen.", stellte Rudi Meier nüchtern fest.

"Kann man noch nicht beweisen", korrigierte Dresen.

"Dann sind Sie anscheinend ein geborener Optimist", sagte Kubinke.

"Sie nicht?"

Kubinke zuckte mit den Schultern.

"Mal so und mal so."

"Wie meinen Sie das?"

"Es wechselt."

"Je nach Lage der Dinge, nehme ich an."

"So ist es."

"Wer ist das da?", mischte sich jetzt Rudi Meier ein und deutete auf eine Person, zu der der Dienstellenleiter Dresen bisher noch keinen Ton gesagt hatte.

"Das? Zuerst war uns das auch ein Rätsel."

"Jetzt nicht mehr?"

"Er heißt Tom Balthoff. Zuerst dachten wir, er würde irgendwie in der ganzen Sache drinhängen, aber..."

"Aber was?"

"Er ist Journalist."

Kubinke hob die Augenbrauen. "Und das war so schwierig herauszubekommen?"

"Er ist unter falschen Namen tätig geworden. Seine Recherchen waren regelrecht——konspirativ, wenn Sie verstehen, was ich meine."

"Ich denke schon", sagte Kubinke.

"Also könnte er uns auch was erzählen", meinte Rudi Meier.

"Wird er aber nicht", sagte der Dienstellenleiter.

"Haben Sie ihn schon gefragt?", fragte Kubinke.

"Nein."

"Warum nicht?"

"Dann hätten wir ihm ja eröffnet, dass wir wissen, wer er ist und was für eine Rolle er spielt."

"Ah, ja...", murmelte Kubinke.

"Und da wir uns da erst seit kurzem einigermaßen sicher sind, dachten wir, dass wir das erstmal vermeiden."

"Hm", murmelte Kubinke.

Er wechselte einen Blick mit Rudi Meier.

Die beiden verstanden sich offenbar ohne Worte.

Einfach durch einen Blick. Kollegiale Telepathie nannte man das wohl. Ein Phänomen, dass sich nach Jahren der Zusammenarbeit mitunter einstellte. Zumindest im günstigen Fall. Es gab natürlich auch den ungünstigen, bei dem sich die betreffenden Kollegen dann nach Jahr und Tag weder riechen noch sehen mochten, sofern es sich irgendwie vermeiden ließ, was im Rahmen des Dienstes naturgemäß nicht ganz so einfach war.

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Später fuhr fuhr Balthoff noch kurz zu seiner Wohnung.

Eine Altbauwohnung in Kreuzberg, ganz oben, unter dem Dach.

Ohne Aufzug natürlich.

So einen Komfort gibt es hier nicht.

Auf dem letzten Absatz standen zwei Männer.

Einer von ihnen zog eine Polizeimarke.

"Herr Balthoff?"

"Ja, was ist?"

"Harry Kubinke, Kriminalpolizei."

"Wurde bei mir eingebrochen? Oder warum warten Sie vor meiner Wohnung?"

"Nein, es geht um etwas anderes", sagte Kubinke. Er deutete auf seinen Kollegen. "Dies ist Kommissar Rudi Meier, mein Kollege."

"Ja.. Und worum geht es nun?"

Tom Balthoff blickte von einem zum anderen. Man sah ihm an, dass er sich aus irgendeinem Grund unwohl fühlte.

"Wollen wir das wirklich hier auf dem Flur besprechen?"

"Nun, ich..."

Eine Frau rief von unten herauf: "Wat is da oben für'n Krach?"

"Da ist nichts", rief Balthoff hinunter.

"Haben Sie Besuch, Herr Balthoff?"

Er seufzte. "Vielleicht gehen wir tatsächlich besser zu mir rein", schlug er dann vor.

"Meiner Rede", meinte Kubinke.

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Balthoff führte Kubinke und Meier in seine Wohnung.

Die Wohnung war klein und etwas übermöbliert. Deshalb wirkte sie sehr eng und vollgestellt. Dem Stil nach wirkten die Möbelstücke so, als würde es sich um Erbstücke handeln, die er irgendwie versucht hatte, in seine Wohnung zu integrieren. Klobige, viel zu ausladende Kommoden, dicke Polstersessel, eine Schrankwand, der man den Charme der Sechziger Jahre ansah.

"Ich habe nicht viel Zeit", sagte Balthoff,

"Was haben Sie denn noch so dringendes vor?", fragte Kubinke "Ohne, dass ich jetzt indiskret sein will.."

"Sie SIND indiskret", sagte Balthoff.

"War nur eine Frage."

"Nur eine Frage, soso..."

"Ich wusste ja nicht, dass ich gleich irgendeinen Nerv berühre."

"Ganz so schlimm ist es auch nicht, Herr... wie war nochmal Ihr Name?"

"Kubinke. Kommissar Harry Kubinke"

Er scheint irgendwie etwas abwesend zu sein, dachte Kubinke. Mit den Gedanken woanders. Das traf es wohl auf den Kopf. Kubinke hätte zu gerne gewusst, was genau Tom Balthoff im Moment gedanklich so sehr beschäftigte.

Aber, um das herauszubekommen, musste er wohl etwas sensibler vorgehen, als bisher.

Auf die direkte Art schien man bei Tom Balthoff nicht ans Ziel zu kommen. Jedenfalls nicht so ohne Weiteres.

Kommissar Rudi Meier ergriff nun das Wort. Und zwar noch ehe Kubinke, der jetzt eigentlich lieber nicht mit der Tür uns Haus gefallen wäre, es hätte verhindern können.

"Um mit der Tür ins Haus zu fallen: Wir ermitteln gegen eine kriminelle Gruppe, die in den illegalen Handel mit Tiermedikamenten verwickelt ist. Von zentraler Bedeutung ist ein Veterinär. Ich wette, ich brauche seinen Namen gar nicht zu nennen..."

"Ich habe ehrlich gesagt nicht die geringste Ahnung, wovon Sie sprechen oder was Sie von mir wollen", sagte Balthoff.

"Wirklich? Wir denken schon."

"Dann klären Sie mich mal bitte auf."

"Sie recherchieren offenbar in demselben kriminellen Umfeld, das wir auch gerade aufzuklären versuchen", stellte Rudi Meier fest.

Balthoff zeigte sich vollkommen unbeeindruckt.

Zumindest äußerlich.

Er zeigte nicht die geringste Regung.

Sein Gesicht wirkte wie erstarrt.

Kubinke musste unwillkürlich an die Folgen von unsachgemäßem Botox-Gebrauch denken, als er Tom Balthoffs starre Züge sah.

Er versteckt sich, dachte Kubinke. Und Rudis ungestüme Eröffnung hat gleich erst einmal dafür gesorgt, dass unser Mann regelrecht in Deckung gegangen ist - was ihm niemand verübeln kann. Zumindest dann nicht, wenn man die Angelegenheit mal aus seiner Perspektive betrachtet.

Kubinke fragte sich, wie er und sein Kollege in dieser Sache noch weiterkommen konnten.

Jetzt.

Nach alledem, was befragungstechnisch schiefgelaufen war.

"Sie wissen genau, dass ich Ihnen über meine Recherchen nichts sagen darf", sagte Balthoff. "So etwas nennt man Quellenschutz. Ich hoffe wirklich, dass Sie auch schon davon gehört haben."

"Haben wir", sagte Kubinke und ergriff damit wieder das Wort und die Initiative.

"Na, ich will Ihnen das persönlich mal glauben, aber ehrlich gesagt hatte ich in der Vergangenheit eher nicht den Eindruck, dass man bei der Polizei Wert auf profunde juristische Kenntnisse legt."

"Es tut mir leid, dass Sie diesen Eindruck gewonnen haben", sagte Kubinke. Er versuchte dabei so viel Verständnis und Empathie in den Klang seiner Stimme hineinzulegen, wie es ihm möglich war.  Kubinke fuhr dann fort: "Sie müssen schlechte Erfahrungen mit der Polizei gemacht haben."

"Wie man’s nimmt" sagte Balthoff.

"Also aus unseren Akten ist kein Grund für dieses Misstrauen erkennbar", meinte Kubinke.

"Sie meinen, ich bin noch nicht mit dem Gesetz in Konflikt geraten."

"Ja", sagte Kubinke.

Und Rudi Meier ergänzte: "Zumindest nicht auf eine Art und Weise, die in irgendeiner Form noch aktenkundig wäre."

Balthoff nickte leicht. "Sie haben recht, es hat da mal ein paar Erlebnisse gegeben... Ich war früher mal in der Hausbesetzer-Szene aktiv, verstehen Sie?"

"Ich denke schon."

"Alles, was da vorgefallen ist, ist allerdings nicht mehr relevant."

"Sie meinen, es ist aus Ihrem Führungszeugnis gestrichen", sagte Kubinke.

"Genau." Er zuckte mit den Schultern. "Ich war jung und wild und hasste die Bullen."

"Verstehe."

"Wirklich? Ich glaube kaum."

"Und jetzt?"

"Na sehen Sie ja, ich bin in der kapitalistischen Tretmühle drin."

"Und Sie verkaufe sich an den Schweinejournalismus", meinte Kubinke. "Oder sagt man das so in Ihren Kreisen?"

"Heiligen Kreisen."

"Da höre ich eine starke Distanzierung heraus."

"Hören Sie, was Sie wollen, Herr Kommissar."

"Herr Kubinke reicht völlig. Wir sind ja nicht in der DDR - und Volkskommissare gibt’s ja zum Glück auch schon lange nicht mehr."

"Kommt sicher alles mal wieder", meinte Balthoff.

"Nun denn, schön zu hören, dass Sie Ihren Frieden mit dem Schweinesystem gemacht haben. Und ich nehme an, für diese Altbauwohnung zahlen Sie auch Miete."

"Sicher."

"Wie schon gesagt, wir dachten, dass Sie uns bei unseren Ermittlungen helfen könnten."

"Sie können sich denken, dass ich das ablehnen muss."

"Unsere Kollegen hatten zuerst den Eindruck, dass Sie in der Sache irgendwie mit drin hängen."

"Und das denken Sie insgeheim immer noch?"

"Nun, nur dass Sie Journalist sind, heißt ja noch nicht, dass Sie nichts damit zu tun haben. Das war eben nur der Schluss der Kollegen - aber der könnte ja falsch sein", sagte Kubinke. "Aber Sie könnten diese Zweifel ja vielleicht ausräumen."

"Ich dachte, es gilt immer noch die Unschuldsvermutung, Herr Kubinke,."

"Tut sie auch."

"Dann wüsste ich nicht, was wir noch zu besprechen hätten."

"Mir würde da so einiges einfallen."

"Dann wäre das allerdings ein ziemlich einseitiger Dialog, Herr Kubinke."

"Schade."

"Und wenn Sie jetzt keinen Haftbefehl, einen richterlichen Durchsuchungsbeschluss oder irgendetwas anderes haben, dem ich mich beugen müsste, würde ich vorschlagen, dass Sie mich jetzt nicht länger aufhalten."

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"Was hältst du von dem Kerl?", fragte Rudi Meier, nachdem er zusammen mit Kubinke doe Wohnung von Tom Balthoff verlassen hatte.

Harry Kubinke hob die Schultern.

Er atmete tief durch.

Ein schneidender, eiskalter Wind fegte zwischen den Häuserzeilen her.

Da kündigte sich ein Wetterwechsel der radikalen Sorte an.

Kubinke hatte das im Gefühl.

"Ich kann den Kerl irgendwie nicht einschätzen", sagte er dann.

"Aber dich stört was an ihm", meinte Rudi Meier.

"Stört dich was, Rudi?"

"Tut es."

"Vielleicht stört uns ja dasselbe."

"Ich könnte mir denken, dass er doch irgendwie in der Sache eine Rolle spielt."

"Meinst du nicht, dass ihn davor sein feines Gewissen als Ex-Hausbesetzer und alternativer Gutmensch ausreichend schützt."

"Davon hat er sich doch nachdrücklich verabschiedet."

"Auch wieder wahr."

"Und wenn er einfach nur seine Story rausbringen will, ohne, dass ihm so Leute wie wir dazwischenfunken?"

"Wie auch immer. Er hilft uns nicht."

"Brauchen wir ihn?"

"Nicht unbedingt."

"Na also!"

Kubinke und Meier hatten ihren Dienstwagen erreicht und stiegen ein.

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"Wo soll ich das Zeug hinbringen?", fragte der Eismann, der seinen Lieferwagen etwa eine Stunde später vor Kwatlowskis Ferienhaus geparkt hatte. Er wollte sich schon mit einer Eisstange in der Hand an Kwatlowski vorbei zum Haus hinbewegen, aber Kwatlowski schüttelte den Kopf.

Im Haus konnte er das Eis nicht gebrauchen.

"Dort hinein!", forderte er und deutete dabei auf den Kofferraum seines SLK.

Der Eismann sah ihn ziemlich verdutzt an.

"Ist das Ihr Ernst?"

"Mein voller!"

Zur Bekräftigung öffnete Kwatlowski den Kofferraum. Der Eismann kam herbei und lud die Stange dort ab. Er wischte sich anschließend mit dem Ärmel über die Stirn. "Die anderen auch in den Kofferraum?", vergewisserte er sich.

Kwatlowski nickte kühl.

"Ja."

Insgesamt drei, dicke, quaderförmige Stangen Eis brachte der Eismann dann noch in den Kofferraum des SLK.

"Sie werden sich den Wagen damit verderben", prophezeite der Eismann.

"Das lassen Sie mal meine Sorge sein", erwiderte Kwatlowski kühl.

Der Eismann hob beschwichtigend die Hände. "Ist ja schon gut, ich wollte Ihnen wirklich nicht reinreden, Herr Doktor..."

"Dann lassen Sie es bitte auch!"

"Aber muss man denn da gleich so stinkig werden? Ich hab's ja nur gut gemeint."

Kwatlowski schloss den Kofferraum und bezahlte dann. Der Eismann blickte nachdenklich auf den SLK. "Sie haben 'ne Riesenparty vor sich, was?"

Kwatlowskis Lächeln war dünn. Sein Mund wirkte in diesem Moment fast wie ein Strich. "Ja, so könnte man es bezeichnen..."

"Warum haben Sie keine Getränke bei uns bestellt? Sie hätten dann Rabatt gekriegt."

"Auf wiedersehen."

Augenblicke später fuhr der Eismann davon. Kwatlowski sah dem Lieferwagen nach, bis man ihn vorübergehend nicht mehr sehen konnte. Später, das wusste Kwatlowski, würde er wieder auftauchen und man konnte seinen Weg dann noch eine ganze Weile beobachten.

Kwatlowski griff zum Handy.

Er wählte die Nummer von Tom Balthoff.

"Hier ist Kwatlowski."

"Nanu, wir waren doch erst später verabredet", wunderte sich der Journalist.

"Ich weiß. Aber es hat sich einiges geändert. Wir müssen den Termin etwas vorverlegen. Und der Treffpunkt ist auch nicht mehr derselbe."

"Wenn Sie glauben, Sie können mit mir irgendwelche Tricks versuchen, dann..."

"Das würde ich mir nie erlauben!", versuchte Kwatlowski den Erpresser zu beschwichtigen.

"Sie wissen, was dann passiert."

"Natürlich."

"Also?"

"Sie fahren nicht erst heute Abend um fünf zu meinem Ferienhaus, sondern jetzt. Ich sende Ihnen die Koordinaten eines Parkplatzes mit hervorragender Aussicht. Liegt etwas abseits."

"Gibt es kein Hinweisschild?"

"Nein."

"Ich glaube nicht, dass ich schonmal dort war."

"Wenn Sie Schwierigkeiten mit dem Weg haben, rufen Sie meine Handynummer an. Fragen Sie auf keinen Fall irgend jemanden. Ich bin in der Gegend bekannt wie ein bunter Hund."

Balthoff lachte.

"Ich weiß."

"Kommen Sie zum Treffpunkt. Ich werde Ihnen die anderthalb Millionen übergeben, sofern Sie das belastende Material bei sich haben. Aber beeilen Sie sich!"

"Gut", kam es nach einigem Zögern von der anderen Seite der Leitung.

Kwatlowski triumphierte innerlich.

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Anton Kwatlowski war als erster auf dem einsamen Parkplatz.

In der Nähe war eine ehemalige Kiesgrube. Jenseits des befestigten Parkplatzplateaus ging es steil bergab. Ein Abgrund.

Die höchste Erhebung im Bereich des Berliner Umlandes hatte 120 Meter.

Nicht gerade alpin.

Dieser  Abgrund war vielleicht dreißig Meter tief.

Und nicht gesichert.

Offenbar hatte jemand die ehemalige Kiesgrube aus DDR-Zeiten aufgekauft und wollte mit dem riesigen Loch etwas anfangen. Der Boden war nämlich mit Beton ausgekleidet. Da sollte irgendwas entstehen. Irgendein großer Komplex. Vielleicht ein Parkhaus, dachte Kwatlowski.  Fragt sich nur, wer hier draußen überhaupt parken will, ging es ihm dann durch den Kopf. Vielleicht war es doch wahrscheinlicher, dass hier ein  Industriekomplex entstand.

Immerhin, das Fundament war schon da.

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Anton Kwatlowski sah ungeduldig auf die Uhr.

Das Eis machte ihm sorgen.

Wenn Balthoff zu spät kam, wäre es geschmolzen.

Aber das Eis spielte in dem Mordplan, den er sich zurechtgelegt hatte, eine entscheidende Rolle.

Es gibt keinen anderen Weg!, sagte er zu sich selbst.

Du hast es oft genug hin und her überlegt.

Du oder er, das ist die Alternative.

Nein, die Sache musste beendet werden.

Ein für allemal.

Kwatlowski zog sich seine dünnen Lederhandschuhe an.

Ein Motorengeräusch brauste auf.

Das war Balthoff.

Er parkte seinen roten Ford und stieg aus.

Balthoff strich sich das etwas zu lange, fettig wirkende Haar zurück. Der Fotoapparat baumelte ihm am Hals. Er ging auf Kwatlowski zu und kam gleich zur Sache.

"Wo ist das Geld?", fragte Balthoff.

Kwatlowski ging ein paar Schritte auf ihn zu.

"Hören Sie, Balthoff...", begann er.

Er hatte Balthoff fast erreicht, da erstarrte der Tierarzt mitten in der Bewegung.

Er blickte abwärts in Höhe seines Bauches und bemerkte den blanken Lauf eines Kleinkaliber-Revolvers in Balthoffs rechter Hand. Der Reporter hatte die Waffe blitzschnell unter seiner Jacke hervorgezogen.

Offenbar war er misstrauisch geworden.

"Bleiben Sie, wo Sie sind", sagte der Reporter.

"Balthoff, was soll das? Wir wollten uns doch einigen!"

"Das ist eine reine Vorsichtsmaßnahme, Herr Dr. Kwatlowski!", erklärte er mit hochrotem Kopf, wobei er das 'Herr Dr. Kwatlowski' eigenartig betonte. "Ich weiß, dass Sie mit allen Wassern gewaschen sind und Ihnen kein Trick zu schmutzig wäre..."

Kwatlowski lächelte schwach. "Balthoff..."

"Keine Tricks! Ich will das Geld."

"Es ist im Wagen!"

"Dann holen wir es jetzt..." Balthoff bedeutete Kwatlowski mit einem Handzeichen, sich umzudrehen. Mit Balthoffs Waffe im Rücken ging er dann vor dem Reporter her und fragte sich, was er tun konnte. Kwatlowski hatte kein Geld für Balthoff und außerdem drohte sein ganzer Plan den Bach hinunter zu gehen. Kwatlowski öffnete den Kofferraum seines Wagens. Balthoff stand hinter ihm und sah auf die Eisstangen.

"Was soll das?", murmelte er.

Jetzt oder nie!, dachte Kwatlowski.

Diesen Moment der Überraschung nutzte er und wirbelte herum.

Der Handkantenschlag traf Balthoffs Kehle und ließ ihn augenblicklich in sich zusammensacken. Die Waffe hielt Balthoff fest umklammert, aber er kam nicht mehr dazu, sie abzudrücken. Kwatlowski sah zufrieden auf den Reporter herab.

Er war tot.

Ein zynisches Lächeln umspielte Kwatlowskis Lippen. Einer wie er, der sich seit Jahren mit Karate fit hielt, brauchte keine Waffe.

Zumindest nicht, wenn er nahe genug an seinen Gegner herankam.

Jetzt durfte er keine Zeit verlieren.

Er durchsuchte den Wagen, fand eine Tasche, in der sich Fotomaterial und andere Unterlagen befanden.

Kwatlowski sah es kurz durch.

Balthoff muss mich geradezu beschattet haben!, durchfuhr es ihn dabei.

In Zukunft musste er vorsichtiger sein, um etwas Ähnliches zu verhindern.

Kwatlowski nahm das Material an sich, verstaute es im Handschuhfach seines SLK.

Und wenn der Hund noch mehr gesammelt und irgendwo anders deponiert hat?, überlegte er. Er musste davon ausgehen. Aber er würde deswegen nichts unternehmen. Mochte das Zeug irgendwo in Frieden auf einer Festplatte schlummern. Wenn Kwatlowski anfing, danach zu suchen, würde er sich nur in Verdacht bringen. Das Laptop des Reporters nahm er auch an sich. Ein befreundeter Hacker, den Kwatlowski ab und zu um Rat fragte, hatte ohnehin schon Balthoffs Cloud-Speicher, Mail-Fächer und was es da sonst noch an interessanten Dingen gab gehackt. Aber der Reporter war vorsichtig gewesen. Dort hatte er das brisante Material gar nicht hochgeladen. Vermutlich hatte er gedacht, offline gespeichert ist am sichersten. Darauf setzte Kwatlowski.

Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie bitte Ihren Strafverteidiger!, dachte Kwatlowski.

Es gab jetzt kein Zurück mehr.

Und das Risiko, dass das doch etwas von dem belastenden Datenmaterial an die Oberfläche gespült wurde, war vertretbar.

Wenig später packte Kwatlowski Balthoffs Leiche und trug sie zu dessen Wagen.

Dann setzte er den Toten ans Steuer. Nun schob er den Ford an den Rand des Parkplatzes. Dort ging ein Hang recht steil hinab.

Kwatlowski schob den Wagen so weit es ging dorthin und zog die Bremse. Anschließend holte Kwatlowski aus seinem Wagen die erste Eisstange.

Er legte sie so unter die Vorderräder von Balthoffs Sportwagen, dass das Eis wie ein Bremsklotz wirkte. Die beiden anderen Stangen platzierte er ähnlich.

Dann löste er sehr vorsichtig die Handbremse und lächelte. Das Eis würde schmelzen und der Wagen in die Tiefe rasen.

Bis zu dem Beton-Fundament am Fuß der ehemaligen Kiesgrube ging es senkrecht in die Tiefe. Knallhart würde das Fahrzeug aufprallen. Der Wagen würde vielleicht explodieren und wenn nicht, dann würde man die Verletzung an Balthoffs Kehle als Unfallfolge deuten. Schließlich konnte die Kehle auch durch das Lenkrad eingedrückt worden sein.

Wahrscheinlich konnte man in der Umgebung den Aufprall weithin hören.

Gut so, dachte Kwatlowski.

Denn wenn es so weit war, würde er sich viele Kilometer entfernt befinden und dafür sorgen, dass sich genügend Zeugen an ihn erinnerten...

Kwatlowski stieg in den Wagen und brauste davon.

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Kwatlowski überlegte, was er tun sollte.

Vielleicht war es das Beste, jetzt einfach nach Hause zu fahren.

Warum sich länger als unbedingt notwendig in der Gegend aufhalten, zumal er in seinem Ferienhaus kein richtiges Alibi hatte.

Er war innerlich stark aufgewühlt, überlegte hundertmal, ob er nicht irgendeinen Fehler gemacht, irgendetwas übersehen hatte.

Ganz ruhig bleiben!, forderte er sich selbst auf.

Du kannst jetzt nichts weiter tun, als abwarten, dass es irgendwo einen lauten Knall gibt. Nichts wird in deine Richtung deuten. Fahr zurück nach Berlin!

Veronika wird fragen, warum ich so früh zurückkehre, sie wird sich etwas wundern und ich werde irgendeine Ausrede erfinden.

Es wäre das erste Mal, dass sie an irgendetwas zweifelt.

Kwatlowski drehte leise das Radio an, während er mit - wie üblich überhöhter Geschwindigkeit - die schmale Straße entlangbrauste.

Er blickte kurz in Richtung des Sees.

Das Sonnenlicht spiegelte sich darin, ließ ihn leuchtend blau erscheinen. Eine Postkartenkulisse.

Dann erreichte er die Tankstelle vom Bördeler.

Eine kleine, freie Tankstelle, die sowohl von ihrer tatsächlichen Lage als auch von ihrer wirtschaftlichen Situation her nahe am Abgrund stand.

Die Tankanzeige zeigte an, dass der SLK eigentlich noch nicht wieder neuen Kraftstoff brauchte, aber Kwatlowski kam der Gedanke, dass ein Besuch beim Bördeler eine gute Gelegenheit war, sich in Erinnerung zu bringen.

Für den Fall, dass es doch Ermittlungen gab, die ihn in den Kreis der Verdächtigen mit einbezogen.

Er fuhr vor die Zapfsäule, stieg aus, tankte den SLK bis oben hin voll.

Dann ging er zum Bördeler herein, der mit ölverschmierter Latzhose hinter der Kasse stand.  Kwatlowski nahm noch eine Zeitung, damit die Rechnung nicht so lächerlich gering blieb.

"Guten Tag, Herr Doktor!", sagte der Bördeler. "Sie sind schon wieder auf dem Rückweg?"

Natürlich hatte der Bördeler mitbekommen, in welcher Fahrtrichtung Kwatlowski unterwegs war. Schließlich bestand seine Hauptbeschäftigung darin, aus dem Tankstellenfenster auf die Straße zu blicken.

"Ja, ja", murmelte Kwatlowski.

"Aber am Wetter kann es nicht  liegen! Das ist doch heute ausgezeichnet für die Jahreszeit!"

"Naja."

"Kalt, aber sonnig!"

"Ich brauche den Sonntag noch, um meine Steuersachen zu ordnen."

"Joa, da weeß icke, wovon Sie reden!", nickte der Bördeler mitfühlend. "Wenn Sie mich fragen, dann nimmt die Bürokratie auch wirklich überhand! Finden Sie nicht auch?"

"Sicher."

In diesem Moment fuhr ein Traktor vor eine der Zapfsäulen. Der Fahrer stieg ab, tankte nach.

Kwatlowski verabschiedete sich vom Bördeler und ging hinaus.

Den Traktorfahrer kannte er.

Es war der Bauer Röder

"Servus! Gut, dass ich Sie treffe!", rief der Bauer Röder und kam auf ihn zu. "Meine Mathilda steht kurz vom Kalben und ich hab das Gefühl, da stimmt was net..."

"Sie wissen, dass ich..."

"Ja, ich weiß! Sie sind mehr für den medikamentösen Aspekt der Tiermedizin zuständig!" Kwatlowski zuckte zusammen. Der Bördeler sprach das aus, als handelte sich um eine ganz normale Dienstleistung. Schon Jahrelang sorgte Kwatlowski dafür, dass das Vieh des Bördelers etwas schneller wuchs, als die Natur das eigentlich vorgesehen hatte.

"Ich würde Sie nicht fragen, wenn der Königkrämer da wär!"

'Der Königkrämer', das war der hiesige Tierarzt. Ein Mann mit Prinzipien und ein Tierarzt im klassischen Sinn. Dafür aber auch ein vergleichsweise armer Hund!, ging es Kwatlowski durch den Kopf.

"Ich sehe mir Ihre Mathilda an!", versprach Kwatlowski.

Warum nicht?, überlegte er. Eigentlich müsste ich dem Bördeler dankbar sein - bietet er mir doch ein perfektes Alibi an.

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Kwatlowski blieb den ganzen  Nachmittag auf dem Bördeler-Hof. Mit der Kuh Mathilda war alles in Ordnung - es waren die Nerven des Bauern, die blank lagen. Aber Kwatlowski sorgte dafür, das sein Aufenthalt auf dem Hof sich etwas in die Länge zog.

Zwischendurch war in der Ferne ein lauter Knall zu hören. Dann, kurze Zeit später ein weiterer.

Kwatlowski horchte auf.

Einige der Kühe wurden unruhig.

"Was war das denn?", fragte Kwatlowski.

"Nato-Truppenübungsplatz", sagte der Bördeler. "Da wird seit kurzem vom Bundeswehr Sprengstoffkommando geübt!"

"Ziemlich laut" 

"Wir haben alle dagegen protestiert, aber da war nichts zu machen!"

"Auch am Samstag?"

"Die holen sich einfach eine Sondergenehmigung!" Er zuckte mit den Schultern. "Ist wie damals in der DDR. Da wurde auf dem Gelände nämlich auch schon geballert und niemand durfte was sagen. Wir waren ja noch inner LPG. Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft - für alle nicht-DDR-gelernten Wessis."

"Ah, ja."

"Unser Chef hat es mal versucht, da was zu drehen."

"Und?"

"Kurze Zeit später hatten wir einen anderen Chef für unsere LPG. So ging das eben."

Kwatlowski nickte verständnisvoll.

Hauptsache, er erinnert sich später noch an die Explosion, denn der Tierarzt war sicher, dass dieser Knall nichts mit der Bundeswehr zu tun hatte.

Später saß Kwatlowski noch bei einem Salat in der guten Schankstube vom Bördeler, der im Nebenberuf die Ortskneipe betrieb...

Ich habe es geschafft!, dachte der Tierarzt. Das Alibi ist perfekt.

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Ein Anruf erreichte Kubinke und Meier.

Sie saßen im Wagen und nahmen das Gespräch über die Freisprechanlage entgegen.

Es war Kriminaldirektor Bock.

"Ein gewisser Tom Balthoff ist tot aufgefunden worden", berichtete Bock. "Die Kollegen sind schon am Tatort."

"Dann werden wir uns am besten auch sofort dorthin aufmachen", sagte Kubinke.

"Glaubst du, es ist ein Zufall, dass Balthoff ausgerechnet jetzt stirbt - nachdem wir mit ihm geredet haben?", fragte Rudi Meier, nachdem das Gespräch mit Kriminaldirektor Bock beendet war.

"Ich glaube jedenfalls, dass es besser gewesen wäre, wenn er mit uns geredet hätte."

"Da sagst du was, Harry!"

"Dann tritt mal das Gaspedal etwas mehr durch! Sonst brauchen wir ja ewig, bis wir ans Ziel kommen!"

Das ließ sich Kubinke nicht zweimal sagen.

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Es wurde spät und Kwatlowski entschied sich dafür, doch nicht nach Charlottenburg zurückzukehren. Wozu auch? Ihm konnte nichts passieren, die gesamte Familie des Bördelers konnte bezeugen, dass er zu dem Zeitpunkt, da Balthoffs Ford in die Tiefe gestürzt war, sich auf dem Hof befunden hatte. Jetzt wollte er in der Nähe bleiben, um besser beobachten zu können, was sich tat...

Auf dem Rückweg zum Ferienhaus fror Kwatlowski ganz erbärmlich, obwohl er sich den Mantel angezogen hatte.

Es war verflucht kalt geworden.

Schon während seines Aufenthalts auf dem Bördeler Hof war ihm der eisige Wind aufgefallen, der plötzlich blies.

Er kehrte erst spät in sein Ferienhaus zurück und war ziemlich überrascht, als jemand vor der Haustür auf ihn wartete. "Ich bin Kriminalhauptkommissar Kubinke ", sagte der Mann und zeigte Kwatlowski seine Marke.

"Guten Tag", sagte Kwatlowski.

Kubinke deutete auf seinen Begleiter.

"Dies ist mein Kollege Rudi Meier."

"Tag!"

"Ich habe es schon einmal versucht, aber da waren Sie nicht zu Hause..."

"Kommen Sie herein", sagte Kwatlowski und rieb sich die Hände. Es war nochmal deutlich kälter  geworden. Gesäßkalt. Eisig. Durchdringend.

"Was ist denn passiert?"

"Kennen Sie Herrn Tom Balthoff?"

"Warten Sie, ich mache die Heizung an..."

"Er ist hier in der Nähe ermordet worden."

"Ermordet?", fragte Kwatlowski. Etwas musste schief gelaufen sein und er fragte sich verzweifelt, was es wohl war.

Der Kommissar nickte. "Von Ihnen, Herr Kwatlowski. Sie hatten einen genialen Plan. Eigentlich hätte man von dem Eis keinerlei Spuren finden dürfen und wir hätten dann auch niemals bei den Eislieferanten der Umgebung nachgefragt, wer sich heute vier große Stangen hat liefern lassen... Wir wären nie auf Sie gekommen, Herr Kwatlowski, wenn Sie das wechselhafte Wetter, das wir zurzeit haben in Ihre Überlegungen mit einbezogen hätten. Drastische Temperaturschwankungen kommen schon mal vor und heute hat es so einen Temperatursturz gegeben. Das Eis ist noch immer nicht geschmolzen... Sie sind übrigens verhaftet!" 

ENDE

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Bount Reiniger stellt eine Falle

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Krimi von Wolf G. Rahn

Der Umfang dieses Buchs entspricht 118 Taschenbuchseiten.

Woody Bonson erwacht in einem Krankenhaus und weiß nicht, wer er ist. Außer zwei dubiose Typen scheint ihn niemand zu kennen, und die behaupten, er sei ein Auftragskiller. Als Opfer eines Verkehrsunfalls ist es nichts Ungewöhnliches, an einem Gedächtnisverlust zu leiden, doch Bonson fühlt sich nicht wie ein Mörder und mit seiner Waffe kann er auch nicht umgehen. Da sein Auftraggeber ihn angeheuert hat, um einen Mord zu begehen, sucht der Mann, den man für Bonson hält, Bount Reiniger auf und bittet den Privatdetektiv um Hilfe. Der clevere Ermittler soll nicht nur seine wahre Identität herausfinden, sondern auch den Mord verhindern ...

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Die Hauptpersonen des Romans:

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Woody Bonson - Man will ihm einreden, dass er ein Killer ist, aber er glaubt nicht daran.

Keith Corrinth - Er geht zwar über Leichen, aber er achtet sehr darauf, dass er sich nicht selber die Hände mit Blut befleckt.

Ross Cash, Skip Braker - Sie sind stolz darauf, schneller gewesen zu sein als die Polizei.

Henry Parga - Er soll eine Viertelmillion und sein Leben verlieren und sucht verbissen nach einem Ausweg.

June March - ist Bounts Assistentin und hilft ihm bei seinen Fällen.

Bount Reiniger - ist Privatdetektiv.

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Sie warteten an der Bushaltestelle. Ihre Mienen waren finster und entschlossen, doch als der Bus kam, stiegen sie nicht ein, sondern ließen zu, dass sich alle anderen an ihnen vorbeidrängten.

Der Bus fädelte sich wieder in den Verkehr ein. Die beiden Männer blickten ihm nach.

„Er wird bald kommen“, sagte der eine und blickte auf seine Armbanduhr. „Man sagt, dass er die Pünktlichkeit liebt.“

Der andere verzog sein Gesicht. „Etwas anderes können wir auch nicht brauchen“, brummte er. „Pünktlich und treffsicher muss er sein, sonst können wir einpacken.“

„Bonson ist einer der Besten“, versicherte der erste. „Der Boss sagt, dass er noch nie von den Bullen erwischt wurde. Eine perfekte Maschine. Allerdings nicht ganz billig.“

„Kennt Corrinth ihn denn?“

„Nur, was man sich über ihn erzählt, aber das genügt. Du kannst dich darauf verlassen. Parga ist schon so gut wie tot.“

Sein Partner zuckte bei diesem Wort nicht zusammen. Es war, als sprächen sie über eine der neuen Shows, die mit schreienden Lichtreklamen beiderseits des Broadway angepriesen wurden.

Eine Show planten sie auch, aber außer ihnen wusste nur noch der Boss, dass es ein tödliches Spiel sein würde.

Der Mann, der ihnen entgegenkam, wirkte reichlich nervös. Immer wie der blickte er sich um, als fürchtete er, verfolgt zu werden. Er wurde von vorübereilenden Passanten angerempelt, doch das machte ihm anscheinend nichts aus. Manchmal grinste er dabei vergnügt. Danach hastete er wieder weiter.

Er hielt direkt auf sie zu. Doch bevor er die Straße überquerte, sah er sich noch einmal um. Er erschrak. Der Kerl musste etwas gemerkt haben. Er folgte ihm in auffälliger Weise, wenn er auch noch keinen Krach schlug. Der Mann begann zu schwitzen. Verdammt! Das konnte ins Auge gehen. Er musste zusehen, dass er von der Bildfläche verschwand. Da drüben war die Bushaltestelle. Er schien tatsächlich Glück zu haben.

Er beschleunigte seine Schritte und stellte erleichtert fest, dass der andere sein Tempo nicht erhöhte. Schon wollte er aufatmen, da lenkte der Kerl seine Schritte zu ihm herüber. Das war kein Zufall mehr. Der Bursche meinte ihn.

Nichts wie weg hier! Der Mann sah sich gehetzt um. Der andere kam näher. Sein Blick verriet nichts Gutes.

Er sprintete los. Einen dicken Mann, der behäbig mit einer Zigarre im Mundwinkel im Weg stand, stieß er beiseite.

Der andere kam hinterher. Der Mann setzte auf seine Schnelligkeit. Er überquerte die breite Straße, ohne noch auf den Verkehr zu achten. Er dachte nur an seinen Verfolger. Er durfte sich keinesfalls erwischen lassen.

Aber er wurde erwischt. Schlimmer, als er sich das vorgestellt hatte.

Die Gefahr näherte sich von der Seite in Form einer schwarzen Limousine, deren Fahrer es anscheinend mindestens so eilig hatte wie er selbst.

Er sah sie erst, als die Menschen beiderseits der Fahrbahn aufschrien. Alle starrten auf ihn. Ihm war, als würde jeder die Wahrheit wissen und auf ihn deuten.

In der nächsten Sekunde wurde er seiner Sorgen enthoben. Neben ihm tauchte ein dunkler, unheimlicher Schatten auf. Er wurde von ihm erfasst und zu Boden geschleudert. Er spürte keinen Schmerz. Alles war plötzlich ganz einfach und klar.

Das Kreischen der Bremsen und das Pfeifen der Reifen hörte er nicht mehr. Hart schlug er mit dem Kopf auf den Asphalt. Dunkle Wellen rauschten über ihn hinweg. Dann versank er in ein bodenloses Nichts.

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Irgendwann erwachte er. Seine Augen tasteten erstaunt seine Umgebung ab. Was sie sahen, konnte er nicht begreifen. Alles um ihn herum war weiß. Weiße Wände, ein weißes Bett, in dem er lag, und auch das flach gebaute Mädchen, das vor ihm stand und steril lächelte, trug einen weißen Kittel.

„Besuch für Sie, Sir“, flötete es. „Fühlen Sie sich schon kräftig genug?“

Was, zum Teufel, war passiert? Er konnte sich beim besten Willen an nichts erinnern. An absolut nichts. In seinem Gehirn war eine Leere, die er nicht auszufüllen vermochte.

Offensichtlich befand er sich in einem Krankenhaus. Das konnte er gerade noch begreifen, denn er fühlte sich in der Tat miserabel. Nur, dass er sich gar nicht an seine Krankheit erinnerte, beunruhigte ihn. Das war doch nicht normal.

War er operiert worden? Aber an welcher Stelle? Magen? Galle? Oder vielleicht nur der Blinddarm? Zum Donnerwetter, was war denn mit ihm los? An irgendetwas musste er sich doch erinnern.

Die Krankenschwester stand noch immer neben seinem Bett und wartete auf eine Antwort. Sie beobachtete ihn mit eigenartigem Gesichtsausdruck. Merkte sie, wie hilflos er war?

Er brachte es nicht über sich, sie einfach nach der Ursache seines Hierseins zu fragen. Vielleicht war er betrunken gewesen, obwohl er nicht sagen konnte, ob er überhaupt jemals übermäßig trank.

Woran erinnerte er sich überhaupt? Wer war er eigentlich?

Diese Frage entsetzte ihn. Himmel! Das gab es doch nicht. Sie mussten einen Eingriff an seinem Gehirn vorgenommen haben. Das war kein normales Krankenhaus. Er war Gangstern in die Hände gefallen. Sie hatten ihn außer Funktion gesetzt. Er war Niemand. Er besaß keine Identität.

„Ist Ihnen nicht gut, Sir? Wollen Sie den Besuch nicht sehen? Dann sage ich den Herren, dass sie später wiederkommen sollen.“

„Nein, nein“, widersprach der Mann hastig, „es ist alles in Ordnung, Schwester. Lassen Sie sie nur herein. Ich bin schon wieder okay.“

Die Magere lächelte. Das Lächeln war genauso farblos wie ihr Kittel. Sie zog sich zurück. Sekunden später traten zwei Männer ins Zimmer, von denen sich der Mann Auskunft über sich selbst erhoffte. Doch als er sie sah, sanken seine Erwartungen. Er hatte die beiden noch nie gesehen. Das hätte er beschwören können. Aber war ihm auch nur der Name eines seiner Bekannten in Erinnerung? War er verheiratet? Leitete er ein Unternehmen, oder schuftete er als Stauer im Hafen?

„Hallo, Bonson!“, sagte der Größere. Er trug einen grauen Anzug, der ihm an den Schultern zu knapp war und auch die Haltbarkeit der Knöpfe über Gebühr strapazierte. Ein wahres Muskelpaket.

„Hallo!“, erwiderte der Mann im Bett lahm. Bonson? Der Name sagte ihm genauso wenig wie diese beiden Gesichter. Aber sie kannten ihn offensichtlich. Solange er nicht herausgefunden hatte, in welchem Verhältnis sie zueinander standen, wollte er nicht zugeben, dass er mit einer Lücke in seinem Erinnerungsvermögen zu kämpfen halte. Vielleicht bedeutete das einen Nachteil für seinen Job. Woher sollte er das wissen?

„Hallo!“, sagte jetzt auch der Kleinere. Er sah schwächlich aus, aber das konnte täuschen. Auf jeden Fall besaß er einen verschlagenen Gesichtsausdruck. Er wirkte wie ein lauernder Fuchs. Aber wer war die Gans? Etwa er selbst?

„Nett, dass ihr mich besucht. Wie lange haben wir uns nicht mehr gesehen?“

Die beiden wechselten erstaunte Blicke. Der Schwächliche grinste ihn frech an. „Du bist verdammt gerissen. Bonson“, stellte er fest. „Du stellst dich ahnungslos, weil du noch nicht weißt, ob du uns trauen kannst.“

Sie nannten ihn Bonson. Sie wussten also, wer er war.

„Kann ich euch denn trauen?“, erkundigte er sich ungerührt.

„Der Boss traut uns. Das sagt genug. Wir sollen dir Grüße von ihm ausrichten. Er bedauert dein Missgeschick und hofft, dass sich deshalb nichts an eurer Vereinbarung ändert.“

„Der Boss? Ich, äh, ich glaube, hier liegt ein Irrtum vor.“

„Du bist wirklich ein gerissener Hund“, stellte der Größere fest. „Du gehst kein Risiko ein. Aber du hast natürlich recht. In unserem Geschäft kann man gar nicht vorsichtig genug sein. Schließlich kennst du uns nicht.“

„Das ist wahr“, meinte Bonson verblüfft. Sie kannten ihn, aber er kannte sie nicht. Wie sollte er nun das wieder verstehen?

„Mein Name ist Braker, aber du kannst Skip zu mir sagen, wenn ich dich Woody nennen darf. Und das“, er deutete auf seinen Begleiter, „ist Ross Cash. Wir hatten vom Boss den Auftrag, dich in Empfang zu nehmen, aber dann hattest du den Unfall, der zum Glück glimpflich verlaufen ist. Du bist doch in Ordnung, oder?“

Woody Bonson beeilte sich zu versichern, dass er sich prächtig fühle. Einen Unfall hatte er also gehabt, und Woody hieß er. Aber woher wussten die Burschen das? Sie hatten ihn doch anscheinend vorher auch noch nicht gekannt.

„Ein Glück“, meinte Ross Cash, „dass du noch nie etwas mit den Bullen zu tun hattest.“

„Mit den Bullen? Na, höre mal!“

„Ich weiß“, lenkte der Kleine ein. „Dieses Thema mögen wir alle nicht. Aber schließlich kann so ein Unfall ganz schön peinlich werden, falls man zufällig auf der Fahndungsliste steht. Ich kann dir sagen, das war vielleicht ein Auflauf an der Unfallstelle. Als die Cops deine Papiere kontrollierten, hat niemand Verdacht geschöpft.“

„Haben sie die etwa behalten?“, fragte Bonson rasch.

„Natürlich nicht“, wusste Skip Braker. „Ich habe genau gesehen, wie sie dir die Brieftasche wieder in die Jacke gesteckt haben. Willst du sie sehen?“

„Klar!“

Braker trat an den eingebauten Schrank, öffnete die Tür und suchte in der Jacke, die dort hing. Sekunden später warf er Bonson eine schmale, lederne Brieftasche aufs Bett.

Dieser klappte sie auf und studierte den Pass, den er darin fand.

Tatsächlich! Er hieß Woody Bonson. Das Foto war schon ziemlich alt. Er hätte sich kaum darauf erkannt.

Bei diesem Gedanken stutzte er schon wieder. Wie sah er überhaupt aus? Er hatte keine Ahnung. Hier musste es doch irgendwo einen Spiegel geben.

Er schlug die Bettdecke zurück und richtete sich auf. Es ging problemlos. Verletzt war er anscheinend nicht, wenn man von ein paar Abschürfungen absah.

Cash und Braker grinsten. Man hatte ihn in ein Nachthemd gesteckt, in dem er alles andere als männlich wirkte.

Als sie seinen wütenden Blick sahen, erstarrte ihr Grinsen. „Prima!“, sagte Skip Braker hastig. „Zum Glück sind deine Knochen heil geblieben. Der Boss wird sich freuen.“

Immer wieder redeten sie vom Boss. Wenn er nur wüsste, wer das war und welchen Job er bei ihm ausübte. Er hatte das dumpfe Gefühl, dass er arbeitslos sein würde, sobald seine Besucher errieten, dass mit ihm doch etwas nicht stimmte. Zum Glück war das von außen nicht zu sehen.

Woody Bonson trat an den Spiegel. Ein fremdes Gesicht blickte ihm entgegen, aber ihm wäre jedes Gesicht irgendwie fremd gewesen. Es hätte ihn kaum gewundert, wenn er sich als Frau entpuppt hätte.

Ein paar Pflaster klebten auf Stirn und Wange. Sein Kinn hatte eine Rasur nötig. Vermutlich hatte er schon stundenlang hier gelegen. Er überlegte, wie er die beiden möglichst unauffällig aushorchen sollte, da erschreckte ihn Ross Cash mit seiner nächsten Frage.

„Hier kannst du natürlich nicht länger bleiben. In welches Hotel sollen wir dich bringen?“

Er wohnte in einem Hotel? Demnach war er Handelsreisender oder etwas in dieser Richtung. Oder Schauspieler? Wenn er nicht bald Klarheit über sich gewann, fuhr er noch aus der Haut.

Unerwartet kam ihm Braker zu Hilfe. „Oder bist du gerade erst angekommen? Dann können wir dir was empfehlen. Im 'West Life' bist du gut aufgehoben. Das ist ein mittleres Haus mit gutem Ruf. Die Bullen interessieren sich nicht dafür. Da hast du deine Ruhe.“

„Einverstanden, wenn es nicht zu teuer ist.“

Braker lachte unangenehm. „Das kann dir doch ganz egal sein. Schließlich kommt der Boss dafür auf. Spesen gehören nun mal dazu. Dafür erwarten wir von dir auch solide Arbeit.“

„Das versteht sich ja von selbst“, versicherte Woody Bonson, ohne den leisesten Schimmer zu haben, wovon er eigentlich redete. Er zog sich das Nachthemd über den Kopf und schlüpfte in seine eigenen Sachen.

„Wir bringen dich hin“, fuhr Braker fort. „Wahrscheinlich hast du das Bedürfnis, dich wieder in einen Menschen zu verwandeln, bevor du dem Boss gegenübertrittst. Wir holen dich dann in zwei Stunden wieder ab. Ist dir das recht?“

„Natürlich, Skip“, sagte Bonson. Er hoffte immer noch, in seinen Taschen weitere Hinweise auf seine Identität und vor allem auf seinen Beruf zu finden.

Seine Zuversicht erhielt aber schon wieder den nächsten Dämpfer. Er fragte sich, in welcher Stadt er sich befand. Er war anscheinend eben erst eingetroffen. Wie sollte er sich zurechtfinden? War er früher schon mal hier gewesen. Der Boss wohnte in dieser Stadt, er selbst aber arbeitete anscheinend normalerweise woanders. Demnach befand sich hier die Zentrale. Kannte ihn der Boss persönlich? Würde er ihm Fragen stellen, auf die er keine Antwort wusste?

Der Arzt hatte nichts dagegen, dass er das Krankenhaus verließ.

„Sie haben mächtiges Glück gehabt, Mister Bonson“, sagte er. „Sie können sich bei dem Autofahrer bedanken, dass er so geistesgegenwärtig reagierte. Sonst würden Sie jetzt vermutlich nicht mehr leben. Kommen Sie in ein paar Tagen nochmal zur Kontrolle vorbei. Sie können das aber natürlich auch durch jeden anderen Arzt erledigen lassen.“

Woody Bonson bedankte sich und folgte den beiden Männern, die ihn zu einem auf dem Parkplatz wartenden Packard brachten.

Ross Cash setzte sich hinters Lenkrad. Skip Braker schob ihn in den Fond und nahm neben ihm Platz. Als der Wagen anfuhr, griff Braker in seine Tasche und hielt Bonson eine Pistole unter die Nase.

Bonson zuckte zusammen. Gangster! Sie hatten ihn reingelegt. Was wollten sie von ihm? Besaß er genug Geld, um damit sein Leben retten zu können?

Skip Braker grinste. „Die Bullen haben sie nicht bemerkt“, erklärte er. „Wir waren schneller. Bei dem Zusammenstoß ist sie dir aus der Tasche gefallen. Das hätte ein paar peinliche Fragen geben können. Steck’ sie ein und pass gut drauf auf.“

Woody Bonson glaubte seinen Ohren nicht zu trauen. Die Waffe gehörte ihm? Was tat er nur mit einer Pistole?

Er brauchte die Frage nicht zu stellen. Ross Cash, der den Wagen gerade vor dem Hotel zum Halten brachte, wandte sich nach ihm um und sagte bedeutungsvoll: „Skip hat recht, Woody. Schließlich kannst du den Burschen nicht mit dem Daumen umlegen.“

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Die Worte klangen in Woody Bonson nach, als er längst in seinem Hotelzimmer allein war. Ihm wollte nicht in den Kopf, was Ross Cash gesagt hatte. Die Pistole in seiner Tasche gehörte ihm, und er sollte damit einen Menschen töten. Das war doch undenkbar.

Er überzeugte sich, ob er auch wirklich die Zimmertür verschlossen hatte. Erst dann zog er die Waffe aus der Jacke. Es handelte sich um eine Walther. Ängstlich bemüht, nicht den Abzug zu berühren, visierte er ein imaginäres Ziel an. Seine Hand zitterte. Das Mordinstrument jagte ihm Schauer des Grauens über den Rücken. Er wehrte sich gegen das Bewusstsein, dass er ein Killer war.

Wie viele Menschen hatte er schon umgebracht? Und wen? Wurde er von der Polizei gesucht? Musste er sich nicht in diesem Zimmer verstecken?

Cash und Braker wollten ihn schon bald wieder abholen. Wann er den Mord ausführen sollte, wusste er noch nicht. Zunächst sollte er den Boss kennenlernen und von ihm vermutlich alles Nähere erfahren.

Er begriff nicht, wie man seine ganze Vergangenheit so absolut vergessen konnte. Der Anblick der Pistole, der Kontakt mit den Griffschalen musste doch seine Erinnerung wecken, aber er hatte das Gefühl, in seinem ganzen Leben noch nie auf einen Menschen gezielt zu haben.

Und doch war ein Zweifel ausgeschlossen.

Woody Bonson legte die Walther vorsichtig auf den Tisch. Er öffnete die Tür zum Bad und freute sich auf die Dusche. Er entkleidete sich und stellte sich unter den dampfenden Wasserstrahl. Das belebte ihn, aber sein Gedächtnis kam dadurch nicht in Schwung.

Während der kurzen Autofahrt hatte er wenigstens mitgekriegt, dass er sich in New York City befand. Er kannte die Stadt. Er musste bereits öfter hier gewesen sein. Oder stützte sich sein Erkennen nur auf Dinge, die er aus Büchern oder Filmen wusste?

Es war zum Verrücktwerden. Er wünschte sich, im Krankenhaus nicht mehr aufgewacht zu sein. Er war ein Mörder und konnte das nicht begreifen.

Ist es möglich, dass ein Unfall, ein Schock einen Menschen derart verwandelt? Hatte er früher kein Gewissen gehabt?

Wer mochte der Mann sein, den er töten sollte? Cash hatte seinen Namen nicht genannt. Vermutlich setzte er voraus, dass er ihn ohnehin kannte.

Aber nein, zum Teufel, er kannte ihn nicht. Er besaß nicht den blassesten Schimmer.

Handelte es sich ebenfalls um einen Gangster, der ihn bereits mit der Waffe in der Faust erwartete? Sollte er für seinen unbekannten Boss die Kastanien aus dem Feuer holen, weil er bedroht wurde?

Er war doch gar nicht fähig, einen gezielten Schuss abzugeben. Seine Hand hatte gezittert. Sobald er die Pistole auf sein Opfer richtete, würde er zweifellos die Nerven verlieren.

Wie hatte er das früher nur fertiggebracht?

Fragen über Fragen. Er war ein Fremder. Er kannte sich nicht, und er verstand sich nicht. Er begann, sich zu hassen.

Woody Bonson frottierte sich ab. Sein Körper fühlte sich jetzt wieder gut, aber sein Geist lag am Boden.

Er zog sich an, und ihm fiel ein, dass er sich rasieren musste, aber keinen Rasierapparat bei sich hatte.

Unten in der Halle hatte er einen Verkaufsstand gesehen. Dort konnte er sich mit dem Nötigsten versehen. Geld besaß er zum Glück. In seiner Brieftasche hatte er eine ansehnliche Anzahl Hunderter gefunden. Mehr, als man mit ehrlicher Arbeit verdienen kann. Er ekelte sich vor dem Geld, an dem vermutlich Blut klebte. Blut, das er selbst vergossen hatte.

Außer dem Geld und dem Pass enthielt die Brieftasche seinen Führerschein und eine Kreditkarte. Ihm fiel ein, dass er früher oder später seine Unterschrift würde geben müssen. Auf dem Tisch lag hoteleigenes Briefpapier. Er probierte seinen Namenszug, doch er erschien ihm fremd. Er war sicher, dass keine Bank einen Scheck von ihm einlösen würde. Es musste zu Schwierigkeiten kommen, wenn er sich nicht schnellstens erinnerte.

Er verstaute die Pistole wieder in der Tasche und verließ das Zimmer. Mit dem Lift fuhr er in die Halle hinunter und kaufte Rasierapparat, Zahnbürste und verschiedene notwendige Kleinigkeiten. Außerdem nahm er zwei Zeitungen mit. Vielleicht las er etwas über seinen Unfall. Vielleicht entdeckte er sein Bild mit einer Fahndungsmeldung. War es nicht möglich, dass er erst gestern seinem blutigen Handwerk nachgegangen war?

Er kehrte in sein Zimmer zurück und studierte die Zeitungen, fand aber nichts, was sich auf ihn bezog.

Er sah auf die Uhr und stellte fest, dass er noch immer nicht rasiert war. Er holte das schleunigst nach. Danach warf er sich aufs Bett und schloss die Augen. Er versuchte, sich zu konzentrieren, um damit sein Erinnerungsvermögen zu überlisten. Welche Beziehung hatte er zu Frauen? Bei seinem Job konnte das eine entscheidende Frage sein. Besaß er Freunde? Freunde, denen er wirklich trauen durfte? Hier in der fremden Stadt vermutlich nicht. Aber wo sonst?

Ihm fiel ein, dass Ross Cash erwähnt hatte, er habe noch nie etwas mit der Polizei zu tun gehabt. Sie mussten also ziemlich genau über ihn informiert sein. Aber lag hier nicht seine Chance? Warum wandte er sich nicht einfach an die Polizei? Wenn sie ihn nicht kannten, hatte er nichts zu befürchten?

Aber was würden sie herausfinden? Wenn ihr Apparat erst einmal in Gang gesetzt war, konnte ihn nichts mehr stoppen. Möglicherweise brachte er damit ein paar Menschen, an denen ihm viel lag, in größte Schwierigkeiten. Nein, da war ein Detektiv schon diskreter. Den konnte man notfalls bestechen, falls seine Nachforschungen zu brenzlig wurde!

Woody Bonson fühlte etwas wie Erleichterung. Er hatte Hilfe in Aussicht. Er musste nur noch den geeigneten Mann finden. Aber wozu gab es ein Telefonbuch?

Er erhob sich und machte sich in dem dicken Wälzer auf die Suche.

Nach einiger Zeit hatte er ein paar Agenturen aufgespürt. Keine von ihnen kannte er. Eine war so gut oder so schlecht wie die andere. Er musste sich auf sein Glück verlassen, das er in den vergangenen Stunden nicht gerade strapaziert hatte.

Er entschied sich, indem er bei geschlossenen Augen mit dem Finger auf die Namen tippte.

„Detektei Reiniger“, las er. „Büro für private Ermittlungen.“ Ihm war nicht ganz klar, womit ein Detektiv normalerweise sein Geld verdient, aber er war überzeugt, dass dieser Reiniger diesmal eine besonders harte Nuss zu knacken haben würde.

Er tippte die angegebene Nummer in die Tasten seines Zimmertelefons. Zweimal die sieben, danach die vier, dann zweimal die drei, die zwei und schließlich ...

Es klopfte leise an der Tür. War das ein Wink des Schicksals? Bewahrte er ihn vor einer Dummheit, die sich nicht wieder rückgängig machen ließ?

Hastig legte er den Hörer zurück und ging zur Tür, um zu öffnen.

Es waren Ross Cash und Skip Braker. Sie waren pünktlich. Fast hätte Woody Bonson vergessen, dass er jetzt seinen Auftraggeber kennenlernen sollte. Jenen Mann, der ihn dafür bezahlen würde, dass er einen Menschen umbrachte.

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Bount Reiniger schickte seine Mitarbeiterin mit einem stummen Blick hinaus. Er hatte vor June March keine Geheimnisse, aber der Mann, der wie ein Häufchen Unglück vor ihm saß, machte auf ihn den Eindruck, als würde er ihm lieber unter vier Augen sein Herz ausschütten.

June verstand sofort und entschwebte mit wackelnden Hüften. Wenig später hörte man ihre Schreibmaschine klappern.

Der Privatdetektiv bot seinem verstörten Gegenüber eine Pall Mall an, und dieser griff erfreut zu. Der Detektiv besaß eine Art, die Ruhe verströmte. Instinktiv fühlte Woody Bonson, dass er keine schlechte Wahl getroffen hatte.

Er machte hastige Züge und genoss Bount Reinigers Rücksichtnahme, weil dieser ihn nicht drängte.

Schließlich aber wollte er reden. Deshalb war er ja hergekommen. Er suchte Hilfe, also musste er auch mit der Wahrheit herausrücken. Zumindest mit dem, was er dafür hielt.

„Mister Reiniger“, begann er umständlich, „Sie werden erstaunt sein, wenn Sie hören, was ich von Ihnen erwarte.“

Bount Reiniger konnte auf die merkwürdigsten und ungewöhnlichsten Aufträge zurückblicken. Er zweifelte, ob ihn Bonsons Wunsch in Erstaunen versetzen würde. Fraglich war nur, ob er auf das Geschäft einging. Er nahm in der Regel nur solche Aufträge an, bei denen es sich nicht nur um eine Laune handelte. Wenn er auch kein Verächter guter Honorare war, so stand bei ihm stets der Sinn seines Einsatzes im Vordergrund. Es gab so viele Verbrechen, die aufgeklärt oder verhindert werden mussten, so viele Menschen, die zu schützen waren, so viele Beutestücke, die auf ihre rechtmäßigen Besitzer warteten, dass er seine Zeit nicht damit verschwendete, nach einer entlaufenen Katze zu fahnden oder eine erwachsen werdende Tochter dazu zu bringen, abends pünktlich nach Hause zu kommen.

„Wir werden sehen“, sagte er ruhig. „Ich bin allerhand gewöhnt.“

Woody Bonson legte eine Pause ein und rauchte die Zigarette zu Ende. Als er den Rest im Aschenbecher ausdrückte, schüttelte er verwundert den Kopf. „Seltsam“, murmelte er, „ich habe nicht mal Feuer bei mir.“

Bount hielt das für keinen Beinbruch, und er hoffte, dass dies nicht das einzige Problem seines Besuchers war. „Wie bitte?“, fragte er.

Woody Bonson sah ihn erregt an, als habe er in diesem Moment das Rad erfunden. „Ich habe weder Zündhölzer noch ein Feuerzeug in meinen Taschen“, erklärte er, „aber ich bin offensichtlich Raucher.“

„Ich kenne viele Raucher, die hier und da in Verlegenheit kommen“, erwiderte der Detektiv. „Ich nehme mich da nicht aus. Wer behauptet, noch nie etwas vergessen zu haben, lügt schamlos.“

Bonson schüttelte den Kopf. Trotzdem sagte er: „Wahrscheinlich haben Sie recht, Mister Reiniger. Ich bin völlig durcheinander. Ich weiß schon nicht mehr, was ich denken soll. Deshalb bin ich hier. Ich bitte Sie herauszufinden, wer ich bin.“

Bount Reiniger blies den Rauch seiner Zigarette in die Luft. Er rauchte lange nicht so hektisch wie sein Gegenüber. Die Eröffnung überraschte ihn allerdings doch einigermaßen.

„Falls Sie mich nicht angelogen haben, sind Sie Mister Woody Bonson und wohnen zurzeit im 'West Life'“, antwortete er. „Nannten Sie mir aus irgendeinem Grund einen falschen Namen?“

„Ich nannte Ihnen den Namen, der in meinem Pass steht und mit dem mich die Leute anreden.“

„So gehe ich normalerweise auch vor. Wo liegt Ihr Problem, Mister Bonson?“

„Ich kann nicht glauben, dass ich dieser Mann tatsächlich bin. Irgendetwas ist im Gange. Ich kenne nur die Gründe nicht. Jedenfalls kann ich unmöglich glauben, dass ich jemals einen Menschen umgebracht haben soll.“

Schlagartig wurde Bount Reinigers Interesse wach. Das hörte sich nicht nach entlaufener Katze an. Dieser Mann wurde offenbar eines Mordes verdächtigt.

„Wen haben Sie angeblich getötet?“, erkundigte er sich.

„Das habe ich noch nicht erfahren. Anscheinend handelt es sich um eine ganze Reihe von Opfern. Ich bin ein perfekter Killer, jedenfalls wird das behauptet.“

Bount schluckte. Seine Erfahrungen mit Killern waren nicht eben dürftig. Er kannte solche mit brutalen Visagen und rücksichtslosem Auftreten genauso, wie Mörder mit typischem Babyface, die weinerlich wirkten, bis sie zur MPi greifen. Woody Bonson stand keinesfalls außerhalb dieser beiden Extreme, und trotzdem unterschied ihn etwas von den Gangstern, die Bount bisher kennengelernt hatte. Wer war schon zu einem Detektiv gelaufen, um sich selbst zu bezichtigen, Menschenleben vernichtet zu haben?

„Von wem wird das behauptet?“, wollte er wissen. „Ich finde, Sie sollten mir ein bisschen mehr erzählen.“ Der andere nickte. Er wirkte unscheinbar, wenn er auch nicht gerade schwächlich war. Ein Dutzendtyp, der einem im Bus erst dann auffällt, wenn er einem zum dritten Mal aufs Hühnerauge tritt. Für einen Killer eine ideale Fassade, aber war auch das Zittern der Hände gespielt?

„Entschuldigen Sie, Mister Reiniger. Vielleicht verstehen Sie, dass ich ziemlich durcheinander bin. Ich setze bei Ihnen Kenntnisse voraus, die Sie unmöglich besitzen können. Es klingt wohl albern, aber ich weiß nicht, wo ich beginnen soll. Meine Geschichte hat keinen Anfang. Mein ganzes Leben hat keinen richtigen Beginn. Genaugenommen fing es erst im Krankenhaus an.“

Bount schmunzelte. „Das ist nicht ungewöhnlich. Dort fing meins auch an, und Millionen neuer Erdenbürger teilen täglich unser Schicksal.“

Woody Bonson winkte unwillig ab. „Das meine ich natürlich nicht. Ich habe erst gestern zu leben begonnen. Gestern, als ich in einem wildfremden Bett in einem wildfremden Hospital zu mir kam. Was davor war, weiß ich nicht. Ich kann mich nur auf die Aussage von Leuten stützen, die ich nicht kenne und von denen ich wünschte, ich hätte sie nie gesehen.“

„Jene Leute, für die Sie ein Killer sind“, vermutete Bount Reiniger.

Bonson nickte bestätigend. „So ist es. Offenbar hatte ich gestern Abend einen Unfall. Ich wurde von einem Auto angefahren und anschließend ins Krankenhaus gebracht. Anscheinend blieb der Unfall nicht ohne Folgen. Die Ärzte haben es nicht gemerkt, aber ich weiß, dass ich mein Gedächtnis verloren habe. Aber nicht nur das. Die Eröffnung, dass ich ein Mörder sein soll, hat mich entsetzt. Ich kann es unmöglich begreifen. Ich müsste doch auch jetzt noch so fühlen wie ein Killer, meinen Sie nicht?“

Bount Reiniger antwortete nicht sofort. Er überlegte, ob dieser Mann ihm eine Komödie vorspielte oder ob sich wirklich alles so verhielt, wie er behauptete.

Er war kein Arzt, aber wegen seiner ausgezeichneten Verbindung zu Captain Rogers und der Mordkommission wusste er eine Menge über die Psychologie von Gewalttätern. Er hatte eine Ahnung von Bewusstseinsspaltung und von Schockwirkungen, die einen Menschen in manchen Belangen verändern können. Er hütete sich, sich ein Urteil zu bilden, bevor er den Dingen nicht genauer auf den Grund gegangen war.

„Mit anderen Worten“, sagte er endlich, „Sie fühlen sich eher wie ein Opfer.“

Woody Bonson atmete auf. „Ich habe nicht gedacht, dass Sie meine Empfindungen so exakt analysieren könnten. Das beweist mir, dass Sie der Mann sind, der mir helfen kann.“

„Dazu muss ich noch mehr wissen, Mister Bonson.“

„Ich weiß“, antwortete der andere fast kläglich, „aber ich werde keine große Hilfe sein. Alles, was ich über mich weiß, habe ich Ihnen gesagt. Das war alles.“

„Dann erzählen Sie mir von den Männern, die Sie besser zu kennen scheinen.“

„Was wollen Sie hören?“

„Alles. Wer sind die Leute? Wo und unter welchen Umständen haben Sie sie kennengelernt? Werden Sie von ihnen erpresst?“

Woody Bonson zog sich die nächste Zigarette aus der dargebotenen Kiste. Seine Erregung war nur geringfügig abgeklungen. Nach den ersten Zügen begann er zu berichten. Er erzählte von Skip Braker und Ross Cash, die ihn erst ins Hotel und später zum Boss gebracht hatten.

„Ein unangenehmer Mensch”, sagte er mit verzerrtem Gesicht. „Er ist der personifizierte Zynismus. Ein Menschenleben bedeutet für ihn nur dann etwas, wenn es sich zufällig um sein eigenes handelt. Immerhin ist er zu feige oder unfähig, den Mord selbst auszuführen, den er von mir verlangt.“

Bount pfiff leise durch die Zähne. „Sie sollen jemanden töten?“

„So ist es. Man hatte mich offenbar erwartet. Braker und Cash wurden nicht zufällig Zeuge meines Unfalls. Sie sollten mich in Empfang nehmen. Sie hoben auch die Pistole auf, die mir aus der Tasche gefallen sein soll, damit sie nicht der Polizei in die Hände fiel.“

„Wen sollen Sie töten?“

„Das weiß ich noch nicht, Mister Reiniger. Ich hatte Angst, danach zu fragen, denn ich habe keine Ahnung, ob darüber nicht längst am Telefon oder über Mittelsmänner gesprochen wurde. Ich hätte mich verraten. Wenn die Gangster merken, dass ich ihre Erwartungen nicht erfüllen kann, aus welchen Gründen auch immer, werden sie mich aus dem Weg schaffen. Das traue ich diesen Männern jedenfalls ohne Weiteres zu.“

„Wie heißt der Boss?“

Woody Bonson hob seufzend die Schultern. „Das ist wieder so ein kritischer Punkt. Braker und Cash redeten ihn nur mit Boss an. Deshalb verhielt ich mich genauso, denn er stellte sich mir nicht vor. Vermutlich müsste ich wissen, mit wem ich das Vergnügen habe.“

„Aber Sie können ihn beschreiben.“

Das tat Bonson. Er schilderte den Mann mit der Halbglatze und den gefährlich glitzernden Augen so plastisch, dass Bount meinte, ihn vor sich zu sehen. Auch Cash und Braker wurden in allen Details beschrieben. Bount war zufrieden. Er hoffte, dass Toby Rogers damit würde etwas anfangen können.

Er hatte noch einige Fragen.

„Wo haben Sie den Boss getroffen? Am einfachsten ist es, ihn in einer überraschenden Blitzaktion festzunehmen. Er wird zwar den Mordauftrag bestreiten, aber die Polizei wird ihn schon zum Reden bringen. Auf diese Weise erfahren Sie dann auch etwas über Ihre Vergangenheit, denn irgendwie muss der Mann ja mit Ihnen Kontakt aufgenommen haben.“

„Sie werden mich allmählich verwünschen, Mister Reiniger“, sagte Bonson kläglich. „Ich bin keine große Hilfe. Aus Sicherheitsgründen fand das Treffen an einem neutralen Ort statt. Ich wurde zu einer Bank im Central Park gebracht. Dort saß der Boss und wartete bereits auf mich.“

„Das ist allerdings Pech. Wann werden Sie ihn wiedersehen?“

„Zu gegebener Zeit, wie er sich ausdrückte. Er setzt sich mit mir in Verbindung, sobald der richtige Zeitpunkt gekommen zu sein scheint.“

„Demnach steht der genaue Termin für den Mord noch nicht fest?“

„Stimmt. Soviel ich herausgehört habe, geht es um eine Menge Geld, und das wird nicht jeden Tag zu holen sein.“

„Auf jeden Fall sollten Sie mich umgehend informieren, sobald die Bande erneut mit Ihnen Kontakt aufnimmt.“

Woody Bonson sprang erschrocken auf. „Heißt das, Sie wollen, dass ich mit Verbrechern zusammenarbeite, Mister Reiniger?“

Bount beschwichtigte ihn. Gleichzeitig aber ließ er keine Zweifel über die Gefährlichkeit seines Vorschlags.

„Sie sind freiwillig zu mir gekommen, Mister Bonson“, sagte er, „und alles, was Sie in Zukunft tun werden, soll freiwillig bleiben. Sie wollen, dass ich herausfinde, wer Sie sind. Gesetzt den Fall, dass mir das gelingt, dann gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder Sie sind ein Killer gewesen oder Sie waren keiner und alles beruht auf einem Irrtum. Um das möglichst schnell herauszufinden, werde ich mich der Hilfe der Polizei bedienen müssen.“

„Fingerabdrücke und so?“

„Auch das. Natürlich nur, wenn Sie damit einverstanden sind. Zwingen werde ich Sie dazu nicht. Ich muss Ihnen im Gegenteil sagen, dass für Sie die Gefahr besteht, dass Sie sich selbst der Polizei ausliefern. Ich kann keinen Mörder decken. Das Gegenteil ist mein Beruf.“

„Das war mir bereits klar, als ich mich entschloss, zu Ihnen zu kommen“, versicherte Bonson gefasst. „Nur, weil ich aus tiefstem Herzen überzeugt bin, dass nichts gegen mich vorliegen kann, habe ich mich dazu durchgerungen. Die Gangster hatten übrigens davon Kenntnis, dass ich noch nie mit der Polizei in Berührung gekommen bin. Aber ich glaube ihnen schon längst nicht mehr alles.“

„Sie haben eine bestimmte Vermutung?“

Der andere nickte. Er zog seinen Pass aus der Jacke und hielt ihn über den Schreibtisch. „Schauen Sie sich das Foto an, Mister Reiniger. Erkennen Sie mich darauf? Das bin ich nicht. Niemals. Dieser Bursche dort ist um Jahre jünger als ich.“

„Wie alt sind Sie?“, fragte Bount Reiniger schnell.

„Vierundvierzig.“

„Woher wissen Sie das?“

Woody Bonson sah den Detektiv verwundert an, bevor er den Sinn der Frage erfasste. „Sie haben recht. Woher weiß ich das? Ich kann es mir nicht erklären. Mit den Gangstern habe ich jedenfalls nicht über mein Alter gesprochen.“

„Und nach dem Pass sind Sie erst zweiundvierzig.“

Bount war sich im Klaren, dass Bonson das auch selbst hatte ausrechnen können. Hatte er ihm mit voller Absicht ein falsches Alter unterjubeln wollen? Gehörte das zu seiner Rolle, die er zu spielen suchte? Oder war nur für einen winzigen Augenblick sein Gedächtnis wieder in Aktion getreten? Wenn das der Fall war, dann würde es nicht bei diesem einen Mal bleiben. Er bat den Mann, ihn unverzüglich zu benachrichtigen, falls er sich an weitere Details erinnerte.

„Lassen wir Ihr Alter außer Acht“, schlug er vor. „Das Foto dürfte schon alt sein. Viele Menschen erkennen sich auf Fotografien kaum wieder.“

„Man hat mir den Pass in die Jacke geschmuggelt“, behauptete Bonson. „Ich bin nicht Woody Bonson. Ich bin kein Mörder.“ Er zog die Walther aus der Tasche. „Hier! Angeblich habe ich das Ding verloren. Ich kann überhaupt nicht damit umgehen. Auch die Pistole gehört mir sowenig wie die Brieftasche, die man vorher mit Banknoten füllte, damit ich den Mund halte.“ Er öffnete die Tasche und gab damit den Blick auf ein ansehnliches Geldbündel frei.

„Alle Achtung!“, sagte Bount Reiniger. Gleichzeitig aber hielt er es für ausgeschlossen, dass jemand Gelegenheit gehabt haben konnte, Bonsons Brieftasche gegen eine fremde auszutauschen, obwohl zweifellos unzählige Neugierige die Unfallstelle umstanden hatten.

„Jedenfalls erwartet man einen Mord von Ihnen“, sagte er nachdenklich. „Wo aber ein Mörder ist, da ist auch ein Opfer. Falls Sie aus irgendeinem Grund die Tat nicht ausführen, wird sich ein anderer finden, verstehen Sie?“

„Das kann mir dann egal sein.“

„Dem Opfer nicht. Es wird von einem anderen bestimmt nicht lieber umgebracht als von Ihnen. Ich möchte dieses Verbrechen verhindern und dabei gleichzeitig die Schuldigen schnappen. Das ist der Grund, warum ich Ihnen den Vorschlag gemacht habe, den Kontakt zu diesen Leuten nicht abzubrechen. Ich weiß nicht, wie gefährlich das für Sie werden kann. Das sage ich Ihnen ganz offen. Andererseits müssten Sie zumindest die Stadt verlassen, um nicht mehr behelligt zu werden.“

„Wohin sollte ich gehen? Ich habe Angst vor mir selbst.“

„Eben. Ihr bester Schutz ist, die Gangster hinter Gitter zu bringen. Dazu müssen wir der Polizei die Gelegenheit geben zuzuschlagen. Überlegen Sie mal! Diese Leute engagieren doch wohl deshalb einen Killer, weil sie selbst nicht in der Lage sind, diese Tat durchzuführen. Man dürfte Ihnen also eine gewisse Hochachtung entgegenbringen.“

„Das ist tatsächlich richtig. Der Boss war ausgesucht höflich. Ich konnte mich aber nicht des Verdachts erwehren, dass es sich um die Höflichkeit einer Giftschlange handelte.“

„Fassen wir zusammen! Sie behaupten, nicht Woody Bonson zu sein. Das zu beweisen ist meine Aufgabe. Daneben werde ich versuchen, den Mord zu verhindern und. die Auftraggeber und möglichen Mittäter zur Strecke zu bringen. Bleibt nur noch der echte Bonson. Gibt es ihn überhaupt? Warum hat er nicht selbst die Verabredung eingehalten? Wo hält er sich zurzeit auf? Das ist ein mehr als abendfüllendes Programm, aber wenn wir ehrlich zusammenarbeiten, müsste es zu schaffen sein. Meinen Sie nicht?“

Woody Bonson sah alles andere als glücklich aus. Die Vorstellung, erneut mit den Gangstern zusammentreffen zu müssen, behagte ihm ganz und gar nicht.

Auch Bount Reiniger wäre eine andere Lösung wesentlich lieber gewesen. Er setzte seine Mandanten nur ungern einer Gefahr aus. Er wollte auch die weiteren Schritte zuvor mit Toby Rogers besprechen, bevor er sie einleitete. Solange der geplante Mord nicht akut wurde, war seiner Ansicht nichts zu befürchten. Danach allerdings musste alles höllisch schnell gehen, damit es kein böses Erwachen gab.

Bonson hatte sich nach zähem Ringen entschlossen, auf Bount Reinigers Vorschlag einzugehen. Der Mann machte einen vertrauenerweckenden Eindruck auf ihn. Es war gut, ihn auf seiner Seite zu wissen.

„Einverstanden“, sagte er. „Ich werde tun, was Sie für richtig halten.“

„Sie gehen mit mir zur Polizei?“

„Wenn es unbedingt sein muss.“

„Einen besseren Schutz können Sie sich gar nicht wünschen. Vielleicht erübrigt sich dadurch bereits, dass Sie die Gangsterrolle weiterspielen. Ihre Beschreibungen von den drei Verbrechern müssten ausreichen, um die Halunken aufzuspüren. Falls nicht, so sollten Sie versuchen, uns Gegenstände zu beschaffen, auf denen die Burschen ihre Fingerabdrücke hinterlassen haben. Das kann zum Beispiel ein Zündholzbriefchen sein. So etwas lässt sich unauffällig einstecken.“

„Ich werde es versuchen“, versprach Bonson. „Allerdings trug der Boss bei unserer Begegnung Handschuhe. Ich fürchte, er macht keinen Fehler.“

„Fehler macht jeder“, sagte Bount Reiniger hart. „Wenn nicht diesen, dann eben einen anderen. Ich brauche noch ein Foto von Ihnen. Das erleichtert meine Suche nach Ihrem wahren Ich.“

Bonson schüttelte mutlos den Kopf. „Außer dem Passbild trage ich kein Foto bei mir, und das wird Ihnen wenig helfen.“

„Richtig, aber meine Mitarbeiterin ist eine ausgezeichnete Fotografin. Sie wird mit der Sofortbildkamera jetzt ein paar Aufnahmen von Ihnen schießen, mit denen ich hausieren gehen kann. Zu dumm, dass Sie sich an gar nichts erinnern können. Der Anfang wird nicht leicht sein.“

„Ich weiß“, sagte Woody Bonson leise, „aber noch mehr fürchte ich mich vor dem Ende.“

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Ein Gespräch mit Toby Rogers, dem Leiter der Mordkommission Manhattan C/II, brachte dessen Einverständnis für Bount Reinigers Plan.

Der Dicke glaubte nicht so recht, dass Bonson völlig unschuldig und ahnungslos in diese Geschichte hineingeschlittert war. Er witterte eine Schweinerei, bei der Bonson kräftig mitmischte.

Deshalb war er sehr enttäuscht, als die erkennungsdienstlichen Ermittlungen beim Vergleich mit dem Verbrecherarchiv kein Ergebnis brachten.

„Das sagt noch gar nichts“, brummte er. „Leider sind bei uns nicht sämtliche schrägen Vögel registriert. Außerdem behauptet Bonson ja selbst, noch nie mit der Polizei in Berührung gekommen zu sein. Nur aus diesem Grund hat er es riskieren können, sich an dich zu wenden. Vielleicht will er mit diesem Trick seine neue Identität quasi amtlich bestätigt haben. Das ist besser als ein falscher Pass.“

„Da gäbe es gefahrlosere Wege“, fand Bount Reiniger. „Diese Möglichkeit wäre doch reichlich riskant.“ Toby Rogers lachte böse. „Du glaubst ja gar nicht, was sich diese Halunken alles einfallen lassen. Manche sind besonders begierig, die Polizei in ihre Machenschaften zu verwickeln. Das stärkt ungeheuer ihr Selbstbewusstsein.“

Der Dicke war aber fair genug, alles zu tun, um Bonsons wirkliche Identität zu ermitteln. Er setzte sich mit dem Krankenhaus in Verbindung, in das der gedächtnislose Mann eingeliefert worden war, und erfuhr dadurch die Unfallstelle. Während er selbst die Beamten ausfindig machte, die den Unfall protokolliert hatten, begab sich Bount Reiniger zum Broadway, um, mit Fotos von Woody Bonson bewaffnet, dessen Weg zurückzuverfolgen. Auch June March spannte er für diese zeitraubende Tätigkeit ein. Am Abend war das Ergebnis niederschmetternd. Beide hatten nicht einen einzigen Hinweis erhalten. Nicht mal einen falschen.

Auch Toby Rogers tappte mit den Beschreibungen, die Bonson von den drei Gangstern gegeben hatte, im Dunkeln. Trotz der Phantombilder, die er hatte anfertigen lassen und die er den infrage kommenden Dezernaten zugestellt hatte, liefen keine positiven Meldungen ein. Die Verbrecher existierten entweder nicht in der Weise, wie sie geschildert worden waren, oder aber sie waren zumindest in New York unbeschriebene Blätter.

Einen bescheidenen Erfolg errang der Captain, als er seinem Freund Bount Reiniger mitteilen konnte, dass der Pass, den Bonson bei sich getragen hatte, eine gutgemachte Fälschung war.

„Unsere Experten behaupten, dass es sich um eine Arbeit von Bunk Mellow handelt. Er wurde erst vor einem halben Jahr aus dem Gefängnis entlassen.“

„Na, dann werde ich mich eben mal mit ihm in aller Freundschaft unterhalten“, schlug Bount Reiniger vor. „Kannst du mir auch noch verraten, wo man den Künstler am sichersten ausgräbt?“

Der Captain hatte zumindest eine Vermutung. „Am wohlsten fühlte er sich bisher in New Orleans“, wusste er. „Wenn du am French Market nach ihm fragst und nicht ausgerechnet wie ein Schnüffler aussiehst, müsstest du ihn mit einer Portion Glück aufspüren. Aber bilde dir nur nicht ein, dass er einen seiner Kunden verpfeift. Lieber geht Mellow selbst wieder in den Knast. Seine Freunde wissen das zu schätzen und sorgen entsprechend für ihn.“

„Also ein richtiger Engel, wie? Ich bin schon mächtig gespannt auf diese Seele von Mensch.“

Noch gespannter wurde Bount Reiniger, als er auf dem Flugplatz erfuhr, dass am Vortag ein gewisser Mister Woody Bonson von New Orleans nach New York geflogen war. Sein Name stand in einer der Passagierlisten. Eine nähere Beschreibung dieses Mannes erhielt der Detektiv allerdings nicht.

Die Spur wurde langsam warm, und Bount hoffte, dass sie schon bald heiß werden würde.

Bevor er nach New Orleans flog, vergewisserte er sich bei Woody Bonson, dass die Gangster noch nicht wieder an ihn herangetreten waren. New Orleans war kein Reizwort für den Mann. Sein Gedächtnis setzte bei diesem Namen nicht wieder ein, aber das hatte noch nichts zu sagen.

Er schärfte Bonson ein, sich schleunigst an June oder direkt an Captain Rogers zu wenden, sobald er Hilfe brauchte. Bount selbst hoffte, im Laufe des nächsten Tages wieder zurück zu sein. Bis dahin wollte er der Lösung des Rätsels ein Stück näher gekommen sein.

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In den Hallen des French Market roch es nach Abfällen und feuchter Pappe, nach Obst, Kohl und Schweiß. Es war noch sehr zeitig. Die Touristen, die sich diese farbenprächtige Attraktion nicht entgehen ließen, lagen noch in ihren Hotelbetten und schliefen ihren Rausch aus, den sie sich am Vorabend in einer der rauchigen Jazzkneipen geholt hatten.

Trotzdem war das Menschengewirr unüberschaubar. Es wurde geschrien und geflucht, geschoben und gestoßen und manchmal auch zugeschlagen. In einer Ecke hinter riesigen Körben kreischte eine Frau auf. Wenig später klatschte es, und ein schmieriger Bursche torkelte verstört hinter den Körben hervor.

Karren bahnten sich ihren Weg durch die engen, mit Händlern und Käufern vollgestopften Gänge. Es wurde gefeilscht, anzügliche Bemerkungen flogen hin und her. Irgendwo fiel ein Stapel mit Orangenkisten um. Das Durcheinander war unbeschreiblich.

Bount Reiniger war nicht zum ersten Mal hier. Trotzdem war er immer wieder von diesem atemberaubenden Bild fasziniert. Er fühlte sich auf einen orientalischen Basar versetzt, aber er wusste auch, dass sich hier wie dort hinter der schreienden Fassade dunkle Elemente verbargen, deren Lebensinhalt es keineswegs war, frische Gurken oder Sellerie an den Mann zu bringen.

Er ließ sich eine Weile treiben und beobachtete die Menschen, bevor er einen Halbwüchsigen ansprach, der gerade dabei war, kistenweise Bananen zu stapeln.

Er hielt ihm eine Fünfdollarnote unter die nicht ganz saubere Nase und raunte: „Bring mich zu Bunk Mellow!“

Der Bursche ließ sich in seiner Tätigkeit nicht stören. Dem Geldschein schenkte er lediglich einen flüchtigen, verächtlichen Blick. Bount Reiniger merkte, dass er etwas drauflegen musste.

Auch zehn Dollar konnten den Arbeitseifer des Jungen nicht bremsen. Erst als Bount nochmals verdoppelte, griff die Hand, deren Rücken zerstochen war, blitzschnell zu und verschwand in der Unergründlichkeit einer ausgebeulten Hosentasche.

„Bist du 'n Bulle?“, fragte er misstrauisch.

Bount Reiniger tat beleidigt. „Dich haben sie wohl mit Affendreck gefüttert“, giftete er. „Ausgerechnet ’n Bulle. Das hätte mir gerade noch gefehlt. Wenn ich die Typen ins Herz geschlossen hätte, brauchte ich Bunk nicht. Klar?“

„Klar!“, echote der Halbwüchsige, setzte sich aber trotzdem nicht in Bewegung.

„Was ist los?“, wollte Bount Reiniger wissen. „Sind dir die Füße eingeschlafen?“

„Das nicht“, kam es frech zurück, „aber bis zu Bunk Mellow ist ein weiter Weg, und neue Schuhe werden immer teurer.“

Bounts Hand schoss blitzschnell vor und verkrallte sich in dem speckigen Hemd des Bürschchens. „Hör mal ganz andächtig zu“, sagte er drohend. „Du hast keinen Touristen vor dir, den du ausnehmen kannst. Ich habe einen anständigen Preis gezahlt und erwarte dafür eine reelle Gegenleistung. Andernfalls siehst du morgen so verbogen aus wie deine Bananen.“

Der Bursche begann zu schwitzen. Seine schwarzen Augen huschten nach rechts und links. Er erhoffte sich Hilfe, aber niemand achtete auf ihn und den Fremden.

Bount Reiniger dirigierte ihn vor sich her und achtete darauf, dass er ihm in dem Gewühl nicht entwischte.

Er versuchte es nicht. Sie verließen die Hallen und wandten sich nach Osten. Vor einem Haus in der Barracks Street blieb der Bursche stehen und deutete auf ein Kellerfenster.

„Da!“, sagte er unfreundlich.

Bount Reiniger nickte. „In Ordnung, Sir. Du kannst abhauen. Ich will nicht, dass du Schwierigkeiten kriegst. Die bekommst du erst, falls du mich angelogen hast. Dann werde ich dich nämlich finden und in eine zermatschte Banane verwandeln. Verlass dich drauf.“

Der Halbwüchsige riss sich los und rannte davon. Die Erleichterung war ihm deutlich anzumerken.

Bount Reiniger betrat den finsteren Hausflur und tastete sich zur Treppe. Das Geländer fühlte sich klebrig an. Angeekelt zuckte er zurück. Behutsam stieg er die ausgetretenen Stufen hinunter. Einen Lichtschalter konnte er nirgends entdecken.

Auch unten war es dunkel. Lediglich hinter einer Tür schimmerte das Licht einer Lampe hervor.

Entschlossen griff Bount Reiniger nach der Klinke und drückte sie herunter. Die Tür war verschlossen.

Er klopfte.

Das hastige Rascheln von Papier war zu vernehmen. Eine Schublade quietschte, dann wurde ein Stuhl zurückgeschoben. Schlurfende Schritte näherten sich.

Auf der anderen Seite der Tür drehte sich ein Schlüssel im Schloss. Ein Lichtschein fiel auf Bount Reinigers Gesicht. Er sah zwei misstrauisch zusammengekniffene Augen, die ihn eulenartig musterten.

„Was willst du?“, erkundigte sich der Mann mürrisch.

„Deine Hilfe, Bunk.“

Der andere, ein älterer Mann mit schmutzig grauen Haaren und gelblichem Gesicht, riss die Augen weit auf. „He! Kennen wir uns?“

„Wir haben einen gemeinsamen Bekannten.“

„Tatsächlich?“, sagte Bunk Mellow uninteressiert.

„Woody“, half Bount Reiniger nach. „Woody Bonson.“

Er hatte nicht erwartet, dass der Fälscher die Bekanntschaft zugeben würde. Damit behielt Bount recht.

„Nie gehört“, behauptete Mellow. Bount Reiniger grinste verständnisvoll. „In deinem Alter lässt das Gehör allmählich nach“, gab er zu. „Dafür sind deine Augen umso besser. Ich schätze, dass du das hier kennst.“ Er zeigte den Pass vor, den er von seinem Auftraggeber erhalten hatte.

„Das ist ein Pass“, erklärte Mellow. „Dein Intelligenzquotient ist verblüffend. Meiner ist auch nicht schlecht. Ich weiß, dass der Pass von dir ist. Alle Achtung, Bunk! Wenn ich mal in Schwierigkeiten komme, werde ich mich an deine Adresse erinnern.“

„Du spinnst, Mann. Ich habe damit nichts zu tun. Verschwinde! Ich kenne keinen Bonson.“

„Demnach hätte Woody mich angelogen. Das glaube ich aber nicht. Ein Sterbender sagt die Wahrheit.“ Bunk Mellow kratzte sich am Schädel. „Ein Sterbender?“, wiederholte er bestürzt. „Ist er tot?“

„Leider“, behauptete Bount Reiniger. „Der Junge hatte Pech. Ist an einen Auftraggeber geraten, der ihn skrupellos verheizt hat. Das hat er nicht überlebt.“

„Wie kommst du an seinen Pass?“

„Er hat ihn mir selbst gegeben. Wenn Woody ein Ding drehte, schleppte er keine Papiere mit rum. Reine Vorsichtsmaßnahme. Leider hat sie ihm nichts mehr genützt. Er ist tot, und ich sitze mit seiner Hinterlassenschaft da und suche seine Erbin. Blödsinnigerweise hat er sie immer nur Baby genannt, aber soviel ich weiß, wohnt sie hier in New Orleans.“

Das war natürlich ein billiger Bluff, aber Mellow fiel anscheinend darauf herein.

„Den Pass kannst du wegwerfen“, sagte er.

„Es ist nicht nur der Pass.“

„Was sonst noch?“

„Zwanzig Riesen.“

Bunk Mellows Augen begannen zu glänzen. „Baby hat er sie genannt?“, hakte er nach.

„Stimmt. Vermutlich weiß die Kleine noch gar nicht, dass Woody den Löffel abgegeben hat.“

„Komm rein!“, forderte ihn der Fälscher auf. „Vielleicht kann ich doch etwas für dich tun. Wird aber ’ne Weile dauern.“

Bount Reiniger folgte ihm in das spärlich eingerichtete Zimmer, dessen einziger Luxus ein Telefonapparat war. Diesen steuerte Mellow an und hob den Hörer ab.

„Was hast du vor?“, wollte Bount wissen.

„Ich hole Baby her.“

Bount Reiniger zeigte seine Zähne. „Pass mal auf, du alter Fuchs. Falls du deine eigene Tochter hier antraben lässt, dann bist du schief gewickelt. Ich werde Baby ein paar gezielte Fragen stellen, und wenn sie die nicht präzise beantworten kann, rücke ich keinen Cent heraus. Kapiert?“

„Ich habe keine Tochter“, sagte Bunk Mellow beleidigt. „Das hat man nun von seiner Gefälligkeit.“

„Vergiss es“, räumte Bount Reiniger ein. Er beobachtete den Alten genau, während dieser telefonierte. Er sprach mit einem Ted und ließ Laura ausrichten, dass jemand sie sprechen wolle. Das Telefonat dauerte nicht lange. Außer ein paarmal ja und nein gab Mellow nichts mehr von sich. Dann legte er auf.

Er wandte sich wieder seinem Besucher zu und erklärte: „Laura könnte das Girl sein, das du suchst. Versprechen kann ich es natürlich nicht. Meine Kunden breiten nicht ihre Lebensgeschichte vor mir aus.“

Bount Reiniger nickte nur. Er setzte sich auf einen wackligen Stuhl und behielt die Tür im Auge. So ganz traute er dem Alten nicht.

Während er wartete, versuchte er, noch etwas über Bonson zu erfahren, doch der Fälscher schüttelte nur immer wieder den Kopf. Aus ihm war nichts herauszuholen.

Nach einer knappen halben Stunde wurde es im Treppenhaus laut. Eine schrille Frauenstimme kreischte auf und schrie um Hilfe. Schläge fielen.

Bount Reiniger schoss in die Höhe und warf seinen Stuhl um. Mit einem Satz war er an der Tür und riss sie auf. Im Treppenhaus war es noch immer stockfinster.

Die Frauenstimme war im Erdgeschoss zu hören. Bount stürmte aus dem Zimmer und rannte auf die Treppe zu.

Da donnerte etwas mächtig Stabiles auf seinen Kopf. Der Halunke musste ihn neben der Tür erwartet haben. Gleichzeitig wusste Bount, dass Bunk Mellow ihn offensichtlich doch hereingelegt hatte, aber diese Erkenntnis kam ein paar Augenblicke zu spät.

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Seine Kniekehlen wurden weich. Bount knickte ein, schaffte es aber gerade noch, seinem Körper einen seitlichen Schwung zu geben. Dadurch rutschte der folgende Hieb an seinem Arm entlang und riss ihm den Ärmel des Sakkos auf.

Die Wut, überlistet worden zu sein, mobilisierte in Bount Reiniger ungeahnte Kräfte. Das musste auch sein unsichtbarer Gegner erfahren, der schon nicht mehr mit einer Gegenwehr gerechnet hatte. Als Bounts Faust ihr Ziel fand, brüllte der Gangster wütend auf und gab sich vor Schreck die nächste Blöße.

Bount Reiniger schlug erneut zu. Er visierte die Höhe an, in der er ungefähr den Kopf des Angreifers vermutete. Tatsächlich stieß er auf bärtigen Widerstand, und aus dem haarigen Wald quoll ein wilder Fluch.

Von der Treppe kamen eilige Schritte. Der Bursche erhielt Verstärkung. Es sah nicht gut aus für den Detektiv, der in einer blitzsauberen Falle steckte.

Bount ließ seine Fäuste sprechen. Seine Augen gewöhnten sich an die Dunkelheit, und er nahm den Bärtigen schemenhaft wahr. Nun konnte er auch besser treffen.

Das half ihm allerdings nichts, denn nun wurde er von zwei weiteren Seiten angegriffen, und oben vom Treppenpodest aus feuerte Laura, oder wie immer sie heißen mochte, ihre Komplizen an: „Zeigt es ihm, Jungs! Onkel Bunk hat gesagt, dass er ’ne Menge Scheine bei sich hat.“

Dieser Erzgauner! Er verstand sein Geschäft noch besser, als Bount angenommen hatte. Die angeblichen zwanzigtausend Dollar waren als Köder wohl zu fett gewesen.

Jemand versuchte, ihn von hinten zu würgen, während ein anderer ihm die Beine wegreißen wollte.

Bount Reiniger tat dem zweiten den Gefallen und ging zu Boden. Dadurch war der Würger gezwungen, ihn loszulassen, wofür sich Bount mit einem wirkungsvollen Haken bedankte.

Dafür wurde er selbst ein paarmal getroffen. Eine Hand fummelte an ihm herum und schob sich in sein Sakko, um nach der Brieftasche zu tasten.

Bount Reiniger packte zu und warf sich herum.

Der Typ rollte von ihm weg und kroch auf die Treppe zu. Unterdessen bearbeiteten ihn die beiden anderen weiter, aber auch er blieb ihnen nichts schuldig.

Trotz des unausgewogenen Kräfteverhältnisses gelang es Bount, den Kampf ausgeglichen zu gestalten. Von den ersten Treffern hatte er sich schnell erholt. Inzwischen war er wieder voll da und nutzte jede Gelegenheit, seine Gegner ins Leere laufen zu lassen.

Er hatte sich wieder vom Boden aufgerafft und erwartete den nächsten Angriff in geduckter Haltung. Als er die Faust kommen sah, nahm er den Kopf gedankenschnell beiseite und konterte.

Der zweite Gauner verzog sich heulend. Oben an der Treppe wurde er von Laura wütend empfangen und nicht mit Lobeshymnen überhäuft.

„Ihr Schlappschwänze!“, fauchte sie. „Drei starke Kerle und werden mit einem einzigen Typ nicht fertig. Wenn ich das geahnt hätte, hätte ich die Sache selbst in die Hand genommen.“

„In die Hand bestimmt nicht“, krächzte der Verletzte wütend und verzog sich.

Bount Reiniger war weniger an den Schlägern als an Bunk Mellow interessiert. Er glaubte nicht mehr daran, dass Laura und ihre Stiere etwas mit Woody Bonson zu tun hatten. Auf seinen Trick war er selbst ausgetrickst worden. Er durfte sich nicht beklagen.

Aber Mellow musste mehr wissen. Der Lump sollte reden.

Dazu aber musste sich Bount erst mal den letzten Halunken vom Hals schaffen, und das war zweifellos der hartnäckigste. Und der gemeinste!

Im letzten Augenblick sah Bount Reiniger das Messer aufblitzen. Zum Ausweichen war es zu spät. Er warf sich dem Angreifer entgegen und blockte dessen Arm ab.

In der Nähe seines Handgelenks spürte er einen kurzen Schmerz. Dann schlug er zu. Zweimal, beim dritten Mal drosch er daneben. Sein Gegner zog es auch vor zu türmen. Das Messer, das ihm aus der Hand gefallen war, ließ er liegen.

Bount Reiniger jagte hinter ihm her die Treppe hoch. Er musste sich davon überzeugen, dass dieser Weg frei war. Er verspürte wenig Lust, in einen zweiten Hinterhalt zu geraten.

Laura und die Ihren hatten die Lust an ihm verloren. Von ihnen war nichts zu entdecken. Lediglich ein paar Blutstropfen hatten sie zurückgelassen.

Bount Reiniger wollte ins Haus zurückkehren, da fiel sein Blick auf das offene Kellerfenster.

Verdammt! Der alte Mellow hatte bestimmt keine frische Luft in sein Zimmer lassen wollen.

Bount jagte zurück und fand seine Befürchtung bestätigt. Der Vogel war ausgeflogen. Bunk Mellow hatte auf seine alten Tage noch erstaunliche Kletterkünste bewiesen. Den Inhalt der Tischschublade hatte er mitgenommen. Darin hatten sich vermutlich weitere gefälschte Papiere befunden.

Bount war sich im Klaren, dass er auf den Verbrecher nicht zu warten brauchte. Der würde sich vorläufig in dieser Gegend nicht mehr blicken lassen. Er hätte auf seine Spur besser aufpassen müssen. Er ärgerte sich über sich selbst, aber da war nichts mehr zu ändern.

Sein Blick fiel aufs Telefon. Er rief die Polizei an und schilderte den Fall. Er bat um die Fahndung nach Bunk Mellow, damit von ihm die Wahrheit über Woody Bonson in Erfahrung gebracht werden konnte.

Man forderte ihn auf, auf die Beamten zu warten, und er vertrieb sich die Wartezeit mit einem Ferngespräch nach Manhattan. Er wollte wissen, ob er sich noch länger in New Orleans aufhalten konnte.

„Ich bin froh, dass du anrufst, Großer“, hörte er June sagen.

„Ist was passiert?“

„Noch nicht, aber Bonson hat die Nachricht bekommen, dass er sich bereithalten soll. Offenbar geht es bald los.“

„Wird er überwacht?“

„Selbstverständlich. Doch die Gangster haben sich noch nicht wieder bei ihm blicken lassen. Sie haben sich telefonisch bei ihm gemeldet.“

„Das Telefon muss ebenfalls überwacht werden.“

„Ist veranlasst. Kommst du zurück?“

„Mit der nächsten Maschine. Ich habe hier kein Glück gehabt. Mellow war ziemlich gerissen. Ich überlasse ihn der Polizei. Vielleicht bringen die etwas aus ihm heraus. Aber dazu muss sie ihn erst mal schnappen.“

Zwei Polizisten standen in der offenen Tür, als Bount den Hörer auf legte.

„Mister Reiniger aus New York?“, fragte der eine.

Bount Reiniger wiederholte, was er bereits am Telefon gesagt hatte. Er übergab den Beamten den gefälschten Pass und eines der Fotos, die June geschossen hatte.

„Sollte uns freuen, Ihnen helfen zu können“, versicherte der Beamte, aber sein Gesicht drückte nicht gerade Zuversicht aus.

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Auch Toby Rogers' Ermittlungen drehten sich im Kreis. Er hatte in der Zwischenzeit sämtliche Vermisstenmeldungen durchackern lassen. Es befand sich kein Mann darunter, auf den die Beschreibung Woody Bonsons gepasst hätte.

Das gab Bount Reiniger zu denken. „Ein Mann, mit dem alles in Ordnung ist, müsste doch nach zwei Tagen vermisst werden“, fand er.

Der Captain gab ihm recht, aber ändern konnte er es auch nicht.

June beschränkte sich auf den weisen Kommentar, dass ein gewisser Bount Reiniger ebenfalls manchmal über beängstigende Zeiträume verschwand und sie mit ihren Sorgen allein ließ. „Wenn ich dann jedes Mal die Polizei alarmieren würde, brauchte ich eine eigene Leitung zu Toby.“

Woody Bonson unterbrach die Spekulationen durch seinen Anruf.

„Mir ist ein Name eingefallen, Mister Reiniger“, verkündete er. „Völlig aus heiterem Himmel. Ich weiß selbst nicht, was ich damit anfangen soll. Vielleicht stammt er nur aus einem kürzlich gesehenen Film, vielleicht gehört er aber auch zu einer Frau, die ich kenne.“

„Eine Frau?“, fragte Bount Reiniger gespannt.

„Elvira Lesley. Ich habe von ihr geträumt. Beschreiben kann ich sie allerdings nicht.“

Bount Reiniger bat, ihm den ganzen Traum zu erzählen, aber es handelte sich lediglich um zusammenhanglosen Unsinn, der auf einen überfüllten Magen oder Angstzustände schließen ließ, die in Bonsons augenblicklicher Situation nur zu verständlich waren.

Ein Tiefenpsychologe hätte möglicherweise interessante Schlüsse daraus gezogen. Für Bount Reiniger und Toby Rogers war nur eine Frage von Bedeutung: Existierte diese Frau in Wirklichkeit oder lediglich in Bonsons Fantasie. Bount nahm sich vor, sie zu suchen. Der Name konnte nicht allzu häufig sein. Falls sie jedoch ausgerechnet in Kalifornien oder Oregon lebte, waren seine Erfolgsaussichten ziemlich mager.

June March machte sich über das Telefonbuch her und kam mit der Nachricht, dass in New York City allein neun Elvira Lesleys ein Telefon besaßen. Hinzu kamen noch zahlreiche Männer mit diesem Familiennamen, um deren Frau es sich handeln konnte.

„Das wird ein hübsches Stück Arbeit für dich, Kleines“, stellte Bount Reiniger fest. „Ich wünsche dir mehr Erfolg, als mir in New Orleans beschieden war. Es könnte ja sein, dass unser Klient mit dieser Elvira verheiratet ist. Hoffentlich freut sie sich dann wenigstens, ihn wiederzubekommen.“

June klemmte sich den Hörer ans Ohr und klapperte eine Nummer nach der anderen ab. Sie traf Verabredungen und legte den Frauen die Fotos vor, die sie von Woody Bonson angefertigt hatte. Sie war eine ausgezeichnete, misstrauische Beobachterin. Sie traute sich zu, zu spüren, wann sie belogen wurde. Die Frauen, die sie besuchte, machten durchweg einen ehrlichen Eindruck auf sie.

Bount Reiniger rief in New Orleans an und erkundigte sich, ob die Jagd nach Bunk Mellow erfolgreich war, erhielt allerdings einen negativen Bescheid. Mit nichts anderem hatte er gerechnet. Der Fälscher war ein durchtriebener Fuchs. Zweifellos verfügte er in der Hafenstadt am Mississippi über genügend Schlupflöcher und auch über Freunde, die bereit waren, ihn zu verstecken.

Bount Reiniger wollte danach June bei ihrer Suche nach Elvira Lesley helfen, als das Telefon klingelte.

Es war Woody Bonson, und seine Stimme klang äußerst erregt. „Heute Abend soll es losgehen“, stieß er hervor. „Ich habe gerade meine Instruktionen erhalten.“

„Telefonisch?“, erkundigte sich Bount Reiniger misstrauisch. Bonsons Apparat wurde überwacht. Von einem derartigen Gespräch hätte er längst Kenntnis erhalten. Spielte ihm der Mann ein großangelegtes Theater vor?

„Ja, telefonisch. Ich bin im 'New Life' zum Essen. Anscheinend lässt mich der Boss beobachten, sonst hätte er mich hier nicht erreichen können.“

„Glauben Sie, dass er auch weiß, dass Sie mit mir Verbindung aufgenommen haben?“, fragte Bount besorgt.

Woody Bonson zögerte. „Ich kann mir nicht vorstellen“, antwortete er schließlich, „dass er Verdacht schöpft. Sonst hätte er mir kaum den kompletten Plan anvertraut. Er ist nur sehr vorsichtig und benutzt die gleiche Verständigungsart nicht zweimal hintereinander. Dass er mich beobachtet, ist nur verständlich. Immerhin geht es um eine Viertelmillion, von der ich übrigens fünfzigtausend Dollar erhalten soll.“

„Und wen sollen Sie dafür töten?'

„Einen Mann namens Henry Parga.“

„Den Makler?“

„So ist es.“

„Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Mann wie Parga eine derartige Summe mit sich herumschleppt. Seine Transaktionen wickelt er bargeldlos ab.“

„Diesmal nicht. Der Boss  tut mir leid, dass ich seinen Namen immer noch nicht herausgefunden habe - hat Informationen, dass Parga ein Immobiliengeschäft in Mexiko abschließen will. Die Leute drüben wollen Bares sehen. Sie haben wohl mit amerikanischen Partnern schlechte Erfahrungen gemacht. Morgen früh fliegt Parga nach Chihuahua. Heute Abend muss er das Geld von der Bank holen. Es befindet sich die ganze Nacht über in seinem Haus.“

„Und da sollen Sie es holen?“

„Eine Stunde vor Mitternacht ist geplant. Ich soll Parga aufsuchen und ihn erschießen, nachdem ich ihn mit vorgehaltener Waffe gezwungen habe, den Tresor zu öffnen. Ross Cash und Skip Braker werden sich für den Fall, dass etwas schiefgeht, in der Nähe aufhalten. Ich glaube allerdings eher, dass der Boss um die Viertelmillion fürchtet.“

„Und wo ist der Übergabeort?“

„Im Prospect Park in Brooklyn. Man wird mich dort an einer noch nicht näher bezeichneten Stelle erwarten. Das hängt ganz von der herrschenden Situation ab. Aber dazu wird es ja wohl nicht kommen. Ich nehme an, dass Sie Cash und Braker vorher festnehmen werden.“

„Das wäre ein äußerst unsicheres Geschäft“, erklärte Bount Reiniger. „Vermutlich beobachten die beiden schon jetzt Pargas Haus, um sicherzugehen, dass er sich in der Nacht dort aufhält. Deshalb ist es fast nicht möglich, das Gebäude von der Polizei umstellen zu lassen. Die Gangster würden das zweifellos merken und verschwinden. Vor allem aber brauchen wir den Boss, und der lässt sich am Tatort bestimmt nicht blicken. Ich habe mit Captain Rogers alles genau besprochen. Auch er ist der Meinung, dass der Mord durchgeführt werden soll. Natürlich nur zum Schein. Wir werden mit Parga alles genau besprechen. Wenn er einverstanden ist, holt er das Geld, dessen Nummern für alle Fälle registriert werden, und lässt es in seinem Haus griffbereit liegen. Er selbst wird sich irgendwo im Keller in Sicherheit bringen. Er muss im Haus bleiben, damit alles echt aussieht. Wenn Sie kommen, brauchen Sie nur zum Schein einen Schuss abzugeben und mit dem Geld zum Prospect Park zu fahren. Dort werden unverzüglich genügend Beamte in unauffälliger Verkleidung in Aufstellung gehen. Liebespaare, Pennbrüder und ähnliche Typen. Sie werden den Boss fassen, sobald Sie in Sicherheit sind.“

Woody Bonson war alles andere als begeistert. „Um mich selbst hab ich eigentlich weniger Angst“, meinte er, „aber ist es nicht leichtsinnig, echtes Geld für dieses Spiel zu benutzen? Die Gangster sind raffiniert. Im Dunkeln kann es dem Boss durchaus gelingen, den Beamten zu entwischen.“

„Das ist wahr, aber dafür werden die Nummern der Scheine notiert. Wir können nicht riskieren, Sie mit Attrappen hinzuschicken. Das würde Sie gefährden, zumal Sie möglicherweise gleich an Ort und Stelle ausgezahlt werden sollen. Der Boss würde den Betrug merken, bevor die Polizei eingreifen kann. Nein, Ihre Sicherheit ist oberstes Gebot. Ich stelle Ihnen auch jetzt noch anheim, aus dem Theater auszusteigen. Wir könnten einen Doppelgänger kostümieren, der Ihre Rolle übernimmt. In der Nacht könnte das klappen.“

Bonson räusperte sich. „Ich gebe zu, Mister Reiniger“, sagte er, „dass mir nicht ganz wohl ist in meiner Haut. Aber ich vertraue Ihnen und hoffe vor allem, dass ich damit beweisen kann, dass ich kein Killer bin. Dieser Gedanke ist für mich wie ein Alpdruck. Ich kann keine Hilfe erwarten, ohne selbst etwas dafür zu tun. Im Übrigen glaube ich, dass der Boss vor dem Killer Bonson einen Heidenrespekt hat. Der ist wahrscheinlich erst recht froh, wenn alles vorüber ist.“

„Also gut!“, sagte Bount Reiniger. „Halten Sie sich genau an die Anweisungen und informieren Sie mich, falls noch eine Änderung eintritt. Wenn Sie nichts mehr von mir hören, spielt Parga mit, ansonsten melde ich mich bei Ihnen. Kehren Sie jetzt besser wieder ins Hotel zurück.“

„Die folgenden sechs Stunden werden die schlimmsten meines Lebens sein“, meinte Woody Bonson, „aber ich will alles in Kauf nehmen, wenn Sie herausbekommen, wer ich in Wirklichkeit bin. Haben Sie schon diese Elvira Lesley gefunden?“

Bount Reiniger musste verneinen, aber er versprach, die Suche fortzusetzen.

Er informierte Toby Rogers, und der übernahm es, den Makler Henry Parga von dem geplanten Verbrechen in Kenntnis zu setzen.

Der Mann war entsetzt und überlegte, woher der Gangster die Information mit dem Mexiko-Geschäft haben konnte. Er ließ sich aber davon überzeugen, dass diese Frage momentan von untergeordneter Bedeutung war. Auch seine in Erwägung gezogene umgehende Flucht würde das Problem nicht lösen. Die Gangster behielten ihn im Auge, und sie würden einen anderen Weg finden, an das Geld heranzukommen, aber dann hatte die Polizei vielleicht keine Möglichkeit zum Eingreifen.

Henry Parga war ein intelligenter Mann. Nach Überwindung des Schocks erklärte er sich mit Toby Rogers' Vorschlägen einverstanden. Er hing an seinem Leben mehr als am Geld. Da er aber beides hergeben sollte, war er froh, sich wenigstens vor der tödlichen Kugel in Sicherheit bringen zu können. Dass nichts mit der Viertelmillion passierte, wollte er inständig hoffen.

Kurz bevor die Bank schloss, holte er das Geld in einer unauffälligen, abgeschabten Reisetasche ab und kehrte damit ins Haus zurück. Er dachte nicht daran, bis zur Nacht zu warten, und verbarrikadierte sich in einem Kellerraum, nachdem er sich mit allem Erforderlichen versehen hatte. Die Tasche mit dem Geld stellte er an einen Ort, der Woody Bonson telefonisch mitgeteilt wurde.

Unterdessen zog eine Schar von abenteuerlich aussehenden Polizisten im Prospect Park auf. Die Beamten wechselten ständig, sodass auch ein ungewöhnlich misstrauischer Beobachter keinen Verdacht schöpfen konnte. Die Falle für den Boss war ausgelegt. Er brauchte nur noch hineinzutappen.

Bount Reiniger hatte noch einige Stunden Zeit, bevor auch er sich am Übergabeort einfinden wollte. Bis dahin konnte er sich um Elvira Lesley kümmern. Er suchte sich verschiedene Adressen heraus, die sich alle in Queens befanden und die er bequem auf einer Route erreichen konnte. Ein zusätzlicher Vorteil bestand darin, dass er bei der Gelegenheit an Henry Pargas Haus vorüberkam. Er fuhr gerade so langsam, dass er nicht auffiel, und hielt nach Ross Cash, Skip Braker und deren von Woody Bonson erwähnten cremefarbenen Packard Ausschau. Wie erwartet, entdeckte er aber nichts. Vielleicht waren die Gangster tatsächlich nicht in der Nähe. Bount hielt es allerdings für wahrscheinlicher, dass sie geschickt genug waren, sich nicht blicken zu lassen.

Bount Reiniger hatte sich längst Gedanken über Woody Bonsons möglichen Beruf gemacht. Sein Anzug stammte nicht gerade vom besten Schneider, doch war er immerhin anständige Konfektionsarbeit. Die Absätze seiner Schuhe waren etwas schief, was nicht auf übermäßigen Wohlstand schließen ließ. Vielleicht war er aber auch nur Junggeselle und achtete auf diese Dinge nicht.

Besonders überraschend war seine ausgezeichnete Beobachtungsgabe. Die Beschreibungen, die er von den drei Gangstern geliefert hatte, zeugten entweder von einer blühenden Fantasie oder davon, dass sich Bonson die Menschen, mit denen er zu tun hatte, sehr genau ansah.

Es kamen nach seiner Meinung verschiedene Berufsgruppen in Betracht.

Ein Polizist oder Detektiv war er wohl nicht. Dazu hätte er besser mit einer Schusswaffe umgehen müssen. Aber ein bildender oder darstellender Künstler konnte er sein. Maler, Schauspieler oder Schriftsteller leben davon, ständig äußere Eindrücke in sich aufzunehmen und sie zu verarbeiten. Aber auch ein Vertreter, ein Barmixer oder ein Verkäufer kamen infrage. Oder auch ein Gangster. Warum nicht?

Arthur Lesley stand als Schauspieler im Telefonbuch. Ihm galt Bounts erster Besuch. Ein Schauspieler auf Tournee, so überlegte er, wird von seiner eigenen Frau nach zwei Tagen noch nicht vermisst. Vielleicht wurde in einer ganz anderen Stadt nach ihm gesucht.

Seine Theorie brach aber in sich zusammen, als ihm der Schauspieler selbst die Tür öffnete. Er war weder mit Bonson identisch, noch hatte er Ähnlichkeit mit ihm.

Arthur Lesley war ein abgetakelter Mime mit schütteren Haaren und verlebten Zügen. Offensichtlich hungerte er nach einer angemessenen Rolle, denn er hielt Bount Reiniger für einen Theateragenten und bat ihn überschwänglich näher zu treten.

„Sie haben großes Glück, Mister Reiniger“, erklärte er mit der Gebärde eines britischen Königs. „Zufällig sind ein paar Termine bei mir freigeworden. Um welches Stück handelt es sich? Oder ist es ein Film?“ Bount Reiniger musste den Mann enttäuschen, und er tat es so schonend wie möglich. Überraschenderweise schlug die Laune Arthur Lesleys nicht um. Vermutlich war er heilfroh, nicht vors Publikum treten zu müssen, denn seine Alkoholfahne verriet, dass er längst einen neuen Freund gefunden hatte.

Reden hörte er sich aber immer noch gern, und er bat Bount Reiniger in die Wohnung. „Sie trinken doch ein Gläschen mit mir“, bettelte er. „Wie hieß der Mann, den Sie suchen?“

„Woody Bonson.“ Bount Reiniger folgte ihm und hielt nach einer Frau Ausschau, doch er hörte nur das Plätschern von Badewasser. Er hatte einen ungünstigen Zeitpunkt erwischt.

Um den Mann gesprächig zu halten, lehnte Bount Reiniger einen kleinen Bourbon mit viel Wasser nicht ab. Er musste heute einen klaren Kopf haben, wenn der Boss in die Falle gehen sollte.

Er zog die Fotos aus seiner Brusttasche und breitete sie vor Arthur Lesley aus, der nur einen flüchtigen Blick darauf warf.

„Kenne ich nicht“, behauptete er und schenkte sich mit zitternder Hand nach. „Ist er auch Künstler?“

„Ja“, log Bount Reiniger und veranlasste den Trinker, wenigstens noch ein zweites Mal hinzusehen.

„Nein“, beharrte er. „Ich habe ein gutes Gedächtnis für Gesichter. Das hier ist mir unbekannt.“

Bount Reiniger wagte einen Vorstoß. „Vielleicht kann sich Ihre Frau erinnern.“

Arthur Lesley setzte sein Glas hastig ab und verschüttete dabei einen Teil des Whiskys. „Mary?“, fragte er verblüfft. „Woher soll sie ihn kennen? Sie hat in ihrem Leben nur unbedeutende Rollen gespielt. Den dritten Engel von vorn, eine Kammerzofe oder die Leiche im ersten Akt, wenn Sie verstehen, was ich meine. Ihre größte Leistung war die Peggy in Scotts „Gläsernem Wald“. Sie hat nie die erforderliche Begeisterung für unseren Beruf entwickelt. Sie versteht auch nicht, dass ich die Kamera verabscheue, weil ich das Publikum brauche.“

„Würden Sie sie trotzdem fragen?“, drängte Bount Reiniger. Er wollte nicht fortgehen, ohne alles versucht zu haben, obwohl eine Mary jedenfalls nicht die Frau war, die er suchte.

Arthur Lesley nahm noch einen Schluck und erhob sich. Er sammelte die Bilder zusammen und grinste. „Weil Sie es sind, Mister Reiniger“, meinte er gönnerhaft. „Aber kommen Sie mir ja nicht nach. Mary ist nackt, und so darf sie nur ihr Arthur sehen. Jeden anderen würde sie umbringen. Sie ist ja so scheu.“ Bount Reiniger hatte kein Interesse an der scheuen Nackten. Er wartete geduldig, dass der Mann zurückkehrte, und blickte sich im Zimmer um. Er wollte Woody Bonson ein paar Details mitteilen, um dessen Erinnerungsvermögen anzuregen, aber es sah ganz so aus, als hätte er hier eine Niete gezogen. Hoffentlich war June inzwischen erfolgreicher.

Aus dem Badezimmer klangen laute Stimmen. Mary Lesley fauchte ihren Mann gehörig an. Bount glaubte, ganz deutlich die Worte „besoffener Trottel“ verstanden zu haben. Besonders harmonisch schien das Eheleben mit der scheuen Leiche aus dem ersten Akt nicht gerade zu verlaufen.

Eine Tür schlug ins Schloss, dann kam Arthur Lesley im wahrsten Sinne des Wortes wie ein begossener Pudel zurück. Er tropfte vor Nässe, und die Fotos hatten auch einen gehörigen Schwung abbekommen.

„Tut mir leid“, murmelte der Schauspieler verlegen und griff nach der Flasche. „Die trocknen ja wieder. Ich weiß gar nicht, warum Mary so wild wurde. Sie hasst es ganz einfach, in der Badewanne beobachtet zu werden. Manchmal ist sie direkt unnahbar.“

„Was hat sie zu den Bildern gesagt?“, forschte Bount Reiniger, der nicht gekommen war, um weitere Ergüsse über sich ergehen zu lassen.

„Welche Bilder? Ach so! Nein, nein, wie ich schon vermutet habe, dieser Mensch ist Mary unbekannt. Trinken Sie noch einen mit mir. Ich muss Ihnen unbedingt erzählen, wie mich der große Bushong nach Los Angeles holen wollte. Sie kennen doch Bushong?“

Bount kannte ihn nicht, ahnte aber, dass es sich um einen Film oder Theatergewaltigen handelte, der möglicherweise nur in der Einbildung des Mimen existierte. Er hatte genug Zeit geopfert. Vom Wagen aus wollte er versuchen, June im Büro zu erreichen. Außerdem musste er mit Toby Rogers in Verbindung bleiben. Danach würde er zu Gary Lesley, dem Schausteller, und, falls ihm noch genügend Zeit blieb, zu Ron Lesley fahren, der unter keiner Berufsbezeichnung im Telefonbuch stand.

Er nahm die tropfnassen Fotos an sich, bedankte sich für die Mühe und den Whisky und verzog sich schleunigst. Hinter sich hörte er das enttäuschte Maulen des redefreudigen Schauspielers, der ihm keine Hilfe gewesen war.

Er ging zu seinem Mercedes 450 SL und stieg ein. Er griff zum Hörer des Autotelefons, als sein Blick auf eine Blondine fiel, die ihn durch das Fenster an der Beifahrerseite anstarrte.

Er beugte sich hinüber und ließ die Scheibe herunter.

„Kann ich Ihnen irgendwie helfen, Ma’am?“, erkundigte er sich. Er stellte routinemäßig fest, dass sie erwartungsvolle Augen besaß. Hoffentlich erwartete sie nicht zu viel von ihm!

„Wo ist er?“, fragte sie mit dunkler Stimme.

„Wer?“

„Gerald.“

Bount überlegte, was für Geralds er kannte und entschied sich für einen Pizzabäcker in der 38sten Straße.

„Meinen Sie Gerald Tanner?“

„Sie wissen genau, dass ich von Gerald Harmon spreche“, konterte die Blondine angriffslustig. „Wo ist der Lump? Er soll mich kennenlernen.“

In Bount Reiniger wurde einiges munter. „Sie sind Mrs Lesley?“, vermutete er. Sie musste die Badewanne überstürzt verlassen haben, um ihn abzufangen.

„Ich bewundere Ihren Scharfsinn, Mister Reiniger“, entgegnete sie spitz. „Ist Gerald ein Freund von Ihnen, oder hat er Sie auch nur schamlos belogen?“

Bount Reiniger öffnete die Autotür und sagte: „Ich glaube, wir haben genügend Gesprächsstoff. Unterhalten wir uns hier, oder fahren wir auf einen Drink?“

Die Blondine stieg ein, wobei ihr Rock bedenklich über die Knie rutschte. Sie besaß ansehnliche Knie, und sie war auch noch längst nicht so alt wie ihr Mann. Bount schätzte sie auf höchstens Ende Dreißig. Zur Erneuerung ihres Make-ups war sie durch das abrupt unterbrochene Bad noch nicht gekommen, aber Reste von Wimperntusche verrieten, dass sie damit nicht sparsam umzugehen pflegte.

Sie roch nach Lavendelöl. Ihre Haare waren noch feucht. Ihr Busen hob und senkte sich unter dem Pullover in schnellem Rhythmus. Sie war sichtlich erregt.

„Ich will nicht trinken“, stieß sie wütend hervor. „Ich will diesen verdammten Betrüger. Haben Sie das kapiert?“

Bount Reiniger zog eines der Fotos aus der Tasche. „Sie meinen diesen Mann?“, vergewisserte er sich. „Ich kenne ihn nämlich unter einem anderen Namen.“

Das war Wasser auf die Mühlen der Blondine. „Das weiß ich auch inzwischen“, fauchte sie, „dass er mit falschen Namen operiert. Mit falschen Namen und mit falschen Versprechungen. Er ist ein mieser Hochstapler, und ich bin auch noch auf ihn hereingefallen. Ich hätte wissen müssen, dass er nicht das ist, was er zu sein vorgab.“

„Und was gab er vor?“

Mrs Lesley ballte die Hände. An einem Finger blitzte ein Ring mit einem bemerkenswert großen Stein. Bemerkenswert schon deshalb, weil er unmöglich echt sein konnte. „Bei mir hat er sich als Regisseur eingeschmeichelt. Er stellte mir eine Rolle in seinem nächsten Film in Aussicht. Das war das, worauf ich schon lange wartete. Sie haben ja Arthur kennengelernt. Ich wollte es weiter bringen als er. Gerald kam mir wie gerufen.“

„Aber er löste sein Versprechen nicht ein“, ahnte Bount Reiniger, für den Woody Bonson plötzlich in einem völlig neuen Licht erschien. In einem reichlich fragwürdigen Licht.

„Der Halunke verdrehte mir den Kopf“, gab die Frau verächtlich zurück. „Das ist nicht schwer, wenn man mit einem Mann wie Arthur verheiratet ist. Gerald sprach von gewissen Schwierigkeiten. Ich müsste dem Produzenten tadellose Fotos vorlegen. Der beste Fotograf sei gerade gut genug. Wissen Sie, was ein guter Fotograf verlangt? Gerald bot mir an, mit einem Freund zu reden. Ich hätte nur die Kosten für das Filmmaterial zu zahlen. Immerhin zweihundertfünfzig Dollar.“

„Sie gaben ihm das Geld?“

„Natürlich!“

„Und die Aufnahmen?“

„Kamen nie zustande. Ich bin sicher, dass der befreundete Fotograf überhaupt nicht existiert, genauso wenig, wie Gerald Regisseur ist. Anderen Frauen hat er andere Märchen erzählt. Ich kann Ihnen sogar ein paar Namen nennen. Mit zweien habe ich gesprochen. Er trat dort mit ähnlichen Tricks auf und ergaunerte sich jedes Mal eine gewisse Summe.“

„Können Sie sich vorstellen, dass ein Mann wie Gerald Harmon, oder wie auch immer sein tatsächlicher Name sein mag, von einer Sekunde auf die andere sein Gedächtnis verliert?“, wollte Bount wissen.

Sie sah ihn groß an, dann lachte sie grell. „Das kann ich mir sogar sehr gut vorstellen. Jedes Mal, wenn er zu einer anderen Frau geht, hat er vergessen, was er den anderen vorgelogen hat.“ Sie senkte die Stimme zu einem Flüstern, als sie hinzufügte: „Und dabei war er so süß.“

Woody Bonson, dachte Bount Reiniger, du bist ja ein übler Gauner. Fragt sich nur, ob du auch mir eine Komödie vorgespielt hast. Das möchte ich dir nicht raten, denn mit dem bevorstehenden Tod eines Menschen treibt man keinen Spaß.

„Er hat Sie nicht vergessen, Mrs Lesley“, sagte er. Es sollte tröstend klingen. „Allerdings hatte ich eine Frau erwartet, die Elvira heißt.“ Jetzt schluchzte sie. „Hat er wirklich von mir gesprochen? Das kann ich gar nicht glauben. Ja, es stimmt. Ich habe mich Elvira genannt. Eine Schauspielerin, die eine Hauptrolle spielen will, obwohl sie Mary heißt, ist doch unmöglich. Wenn es wenigstens Marilyn wäre. Aber meine kleine Lüge hat ihn wenigstens nicht zweihundertfünfzig Dollar gekostet. Arthur darf natürlich von alledem nichts wissen. Sie müssen mir versprechen, ihm nichts über unsere Unterhaltung zu sagen.“

Bount beruhigte sie. „Er wird nichts erfahren. Dafür müssen Sie mir aber die Namen der anderen Frauen sagen und, wenn es geht, auch ihre Adressen.“

„Wenn Sie mir sagen, wo Gerald steckt.“

„Passen Sie auf! Er steckt momentan in gewissen Schwierigkeiten. Wenn er die überwunden hat, werde ich ein Treffen arrangieren. Im Augenblick ist das ausgeschlossen.“

Mary Lesley zögerte noch. Immer wieder blickte sie Bount Reiniger von der Seite an und überlegte, ob sie seinen Worten trauen durfte.

Endlich hatte sie sich zu einem Entschluss durchgerungen. „Also gut!“, sagte sie leise. „Ich will Ihnen glauben. Auf eine Enttäuschung mehr oder weniger kommt es jetzt auch nicht mehr an. Wenn es so weit ist, übermitteln Sie mir auf irgendeinem Weg eine Nachricht. Ich werde dann am gleichen Tag ab acht Uhr abends im „Swing Bird“ warten.“

„Sie sind großartig“, lobte Bount Reiniger. Er gab ihr Papier und einen Kugelschreiber, und Mary Lesley schrieb fünf Namen und die dazugehörigen Anschriften auf.

„Jede von denen kann Ihnen mit Sicherheit weitere Namen nennen“, sagte sie und gab dem Detektiv den Zettel.

Bount bedankte sich, als sie seinen Wagen verließ. Sie warf ihm noch einen Pulsschlag erhöhenden Blick zu, bevor sie verschwand, und Bount stellte fest, dass jeder unter einer scheuen Ehefrau eben etwas anderes versteht.

Die übrigen Lesleys konnte er also von seiner Liste streichen. Er rief in seinem Büro an, erreichte June aber nicht. Offensichtlich war sie noch auf Tour.

Er meldete sich bei Toby Rogers und erfuhr, dass der Einsatzplan keine Änderungen erfahren hatte. Alles sollte wie vorgesehen ablaufen.

Bount fuhr zu seinem Büro zurück. Er wollte sich noch umziehen, bevor er ebenfalls zum Prospect Park fuhr. Er prüfte seine Automatic und steckte auch noch die Ersatzpistole ein, da es sich um mindestens drei Gangster handelte und er möglicherweise keine Zeit zum Nachladen haben würde.

Aus tiefstem Herzen wünschte er allerdings, dass es zu keiner Schießerei kommen würde. Das Gesetz hatte gerechte Strafen für Leute vorgesehen, die einen Killer anheuern. Er wollte nicht zum Vollstrecker werden. Rechnen musste er natürlich mit dem Schlimmsten.

Bount Reiniger überlegte, ob er Woody Bonson über die ersten Erfolge seiner Nachforschungen informieren sollte, doch dann zog er es vor, sich lieber erst ein genaueres Bild zu verschaffen. Er wusste nicht, wie der Mann die Nachricht aufnahm. Vielleicht beging er dadurch noch in letzter Minute einen Fehler, durch den die Gangster entkommen konnten.

Aus diesem Grunde rief er ihn lediglich im Hotel an, um ihm zu versichern, dass alles programmgemäß ablief. Er erhielt seinerseits die beruhigende Auskunft, dass Bonson noch zwei Stunden schlafen wolle, um später ausgeruht zu sein.

Günstige Bedingungen. Nach menschlichem Ermessen konnte kaum etwas schiefgehen. Die Gangster würden runde Augen machen, wenn sie verhaftet wurden.

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Keith Corrinth machte schon ein paar Stunden früher runde Augen. Der Mann mit der Halbglatze und den glitzernden Augen hatte diesen Plan ausgeheckt. Er hatte lange genug darüber gebrütet und war, wie Bount Reiniger, der Überzeugung, dass alles glatt laufen würde.

Woody Bonson war ihm als perfekter und vor allem zuverlässiger Mann empfohlen worden. Einen Betrug hatte er von ihm nicht zu befürchten. Ein Killer lebt von seinem Ruf. Er hatte zwar eine sichere Hand und ein scharfes Auge, aber nicht die Fähigkeiten, gewinnbringende Pläne auszuknobeln. Er war auf Aufträge angewiesen, die er fehlerlos erfüllte.

Auch Keith Corrinth hatte nicht die Absicht, Bonson übers Ohr zu hauen. Allein der Gedanke bereitete ihm Unbehagen. Der Killer würde sich zu wehren wissen. Das wollte er nicht herausfordern.

Alles in allem handelte es sich also um ein faires Abkommen, bei dem jeder zufrieden sein würde. Außer Henry Parga natürlich. Der Ärmste verlor nicht nur sein Leben, sondern auch noch eine Viertelmillion, aber darüber hätte sich allenfalls Parga selbst Sorgen machen können, doch der ahnte nichts von seinem bevorstehenden Tod.

Fünfzig Mille für Bonson, jeweils fünfundzwanzig für Cash und Braker, die zurzeit Pargas Villa beschatteten, und der kleine Rest von hundertfünfzig Riesen für ihn selbst. Nein wirklich, wer wollte sich da noch beschweren!

Keith Corrinth, der Boss dieses Unternehmens, war rundherum zufrieden.

Das änderte sich schlagartig, als ein Besucher in sein Büro trat und ihn mit „Hallo, Corrinth!“ begrüßte.

Keith Corrinth war Geschäftsmann. Die Partner, mit denen er zu tun hatte, waren üblicherweise honorige Leute, vor denen er sich nicht zu fürchten brauchte. Dieses Gesicht jedoch erinnerte ihn an einen Schocker im Fernsehen. Die Augen des Mannes waren so kalt wie Gletschereis.

Corrinth war alarmiert. Bei ihm gab es nicht viel zu holen. Deshalb war er ja von Zeit zu Zeit zu einer unorthodoxen Auffrischung seiner Finanzen gezwungen. Aber er wusste auch, dass schon manch einer wegen ein paar lumpiger Dollar umgelegt worden war. Der Mörder schrieb das auf die Verlustseite, das Opfer allerdings erst recht.

Er wollte kein Opfer sein, und deshalb tastete seine linke Hand nach der Schublade, während er mit der rechten seinem Besucher gequält grinsend eine Zigarre anbot.

Der Mann war nicht besonders groß, aber atemberaubend schnell. Er hielt plötzlich eine Pistole mit Schalldämpfer in der Hand. Auch auf seinem Gesicht stand ein Lächeln, als er warnte: „Falls du fünfzig Riesen aus der Schublade holen willst, Corrinth, bin ich einverstanden. Ansonsten wird sich deine Vorzimmermieze morgen einen neuen Boss suchen müssen. Wäre doch schade. Ich meine, um die Kleine.“

Keith Corrinth verabschiedete sich von seiner Gesichtsfarbe. Er wusste nicht, was dieser Überfall zu bedeuten hatte, doch dass er ihn nicht überleben würde, stand für ihn fest.

„Wer ... wer sind Sie?“, fragte er stockend.

Der Mann mit der Pistole schien aus Stein gemeißelt zu sein. Lediglich seine schmalen Lippen zuckten, als er fast belustigt sagte: „Mein Name ist Woody Bonson. Wir hatten ein gemeinsames Geschäft vereinbart. Ich bin hier, um es durchzuführen. Es war gar nicht so einfach, dich aufzuspüren. Der Name, den du mir am Telefon genannt hast, steht jedenfalls nicht an der Tür deines Büros.“

Keith Corrinth starrte den anderen fassungslos an. Er hörte zwar die Worte, aber er begriff sie nicht.

„Welchen Namen habe ich genannt?“, fragte er keuchend.

„Joshuah Barrings“, kam es leise. „Dein Gedächtnis lässt zu wünschen übrig.“

Corrinth wäre noch bleicher geworden, wenn das noch möglich gewesen wäre. „Woody Bonson“, stammelte er und legte brav beide Hände auf den Tisch zum Zeichen, dass er nichts Hinterhältiges im Sinn hatte.

„Sage ich doch“, erwiderte der andere. Er ließ jetzt die Pistole verschwinden und stemmte die Fäuste gegen die Hüften. „Ich habe das Gefühl, wir haben uns einiges zu erzählen.“

Langsam kehrte die Farbe in Keith Corrinths Gesicht zurück. Es wurde beängstigend rot, als er keuchte: „Wer, zum Teufel, ist dann der andere?“

Der Mann, der behauptete, Woody Bonson zu sein, lauschte gespannt dem Bericht, den Corrinth für ihn parat hielt. Als der geendet hatte, konnte auch der Killer seine Wut nur mühsam unterdrücken.

„Er hatte meinen Pass, sagst du?“

„Und eine Pistole“, bestätigte der Mann mit der Halbglatze. „Ich kann Cash und Braker keinen Vorwurf machen. Sie mussten ihn für dich halten. Oder ...“, er beäugte argwöhnisch den Burschen mit den eisigen Augen, „... ist er doch der echte Woody Bonson? Er hatte den Pass. Womit kannst du dich ausweisen?“

Er hatte gar keine Zeit, wieder schreckensbleich zu werden, so schnell zauberte Bonson die Pistole in seine Hand und drückte ab. Der Schalldämpfer verschluckte das hässliche Geräusch. Dafür klirrte es unmittelbar hinter Corrinths Kopf. Eine schlanke Vase war zu Bruch gegangen.

„Hiermit pflege ich mich auszuweisen“, stellte der Killer ruhig fest. „Wünschst du eine weitere Legitimation, Boss? Da ich leider keine Vasen mehr sehe, müsste ich diesmal deine Stirn als Zielscheibe benutzen.“

„Geschenkt“, japste Keith Corrinth. „Aber wie kommt der Kerl an deinen Pass? Und wer ist er in Wirklichkeit? Doch nicht etwa ein Bulle?“

„Ein mieser, kleiner Taschendieb ist er“, schnarrte Bonson wütend. „Im Straßengedränge hat er mir die Brieftasche geklaut. Ich habe es zu spät gemerkt, bin ihm aber schleunigst gefolgt. Gerade wollte ich ihn am Kragen packen, als so ein wild gewordenes Auto dahergerast kam und mich auf den Kühler nahm. Zum Glück ging es glimpflich aus, aber ich habe mich schleunigst verdrückt, bevor die Bullen auftauchten. Mit denen verbindet mich nämlich keine innige Liebe. Den Pass konnte ich verschmerzen. Bunk Mellow in New Orleans macht mir wieder einen neuen.“

„Aber warum hast du dich nicht früher gemeldet?“, wollte Keith Corrinth mit einem Rest von Argwohn wissen.

„Ich sagte doch schon, dass ich Mühe hatte, dich zu finden. Außerdem hatte ich ein paar Prellungen abbekommen. Die wollte ich auskurieren. Für meinen Job wollte ich topfit sein. Ich konnte schließlich nicht ahnen, das ihr ohne mich anfangen würdet.“

Keith Corrinth erhob sich mühsam. Er war erst fünfzig, aber er wirkte jetzt wie ein Greis.

„Ich fasse es nicht“, sagte er stöhnend. „Der Lump hat nicht ein einziges Mal zu erkennen gegeben, dass er nicht der ist, für den wir ihn halten. Was bezweckt er damit?“

Woody Bonsons Augen wurden schmal. „Vielleicht hat er euch längst an die Bullen verpfiffen, und die lauern schon auf euch.“

„Das glaube ich nicht. Cash und Braker hätten etwas gemerkt und mich verständigt. Ich fürchte eher, dem Gauner sind die Erträge seiner Taschenspielertricks zu mager geworden. Die fünfzig Riesen reizen ihn, und er wird die Rolle zu spielen versuchen.“

„Kann er denn überhaupt schießen?“

„Ich habe ihn natürlich nicht auf die Probe gestellt. Ich weiß nur, dass er eine Schusswaffe besitzt und dass er alles verderben kann, wenn er auch nur den geringsten Fehler macht.“

„Das würde dich ärgern, wie?“

„Welche Frage! Natürlich würde mich das ärgern. Im Prinzip ist mir egal, wer Parga umlegt, Hauptsache, ich bekomme das Geld.“

Bonson grinste tückisch. „Das ist genau meine Einstellung. Ich habe die Absicht, meinen Anteil zu kassieren, ob ich diesen Parga nun abserviere oder nicht.“

„Willst du den anderen töten?“

„Vielleicht lässt sich das nicht vermeiden. Ich habe aber eine bessere Idee. Der Lump wird noch sein blaues Wunder erleben.“

Keith Corrinth wurde neugierig. Woody Bonson entwickelte seinen Plan, und als er damit fertig war, stimmten beide ein teuflisches Gelächter an.

Der Mann ohne Gedächtnis ahnte nicht, dass der echte Woody Bonson aufgetaucht war. Hätte er das gewusst, wäre er bestimmt nicht mehr so zuversichtlich gewesen. Und keinesfalls wäre er nach Queens hinausgefahren, um so zu tun, als würde er einen Menschen töten.

In der vergangenen Stunde hatte er sich immer wieder die vorgesehenen Abläufe vor Augen gehalten. Zunächst musste er warten, bis die Straße frei war. Dann hatte er so zu tun, als würde er die Tür zur Villa mittels Gewalt öffnen. In Wirklichkeit hatte ihm ein Bote einen Umschlag mit dem passenden Schlüssel gebracht. Alles musste echt wirken, denn mit größter Wahrscheinlichkeit beobachteten ihn Ross Cash und Skip Braker, diese beiden ekelhaften Typen, die ihn für ihresgleichen hielten.

Das konnten sie aber nur tun, so lange er sich auf der Straße befand. Sobald er in die Villa eingedrungen war, mussten sie glauben, was sie hörten.

Er würde zunächst in aller Ruhe die bezeichnete Reisetasche suchen. Dann gab er einen Schuss in die Luft ab, und nach angemessener Zeit verließ er ohne Hast das Haus, um mit dem Geld zum Prospect Park zu fahren.

Hier würden ihn unzählige Polizisten beobachten und sicher auch Bount Reiniger, dem er bis zu diesem Zeitpunkt glaubhaft bewiesen haben würde, dass er nicht etwa hinter dem Geld her war. Danach würde der Detektiv hoffentlich seine wirkliche Vergangenheit aufhellen.

Die Geldübergabe war der kritische Moment. Die Gefahr, dass sich die drei Gangster ihres Mitwissers entledigen wollten, um damit obendrein ihren eigenen Anteil zu erhöhen, durfte trotz des Respekts, den sie dem Killer anscheinend zollten, nicht völlig ignoriert werden. Hier musste er sich auf seine unsichtbaren Bewacher verlassen.

Danach war zumindest dieser Teil des Abenteuers überstanden. Es war bewiesen, dass er kein Verbrecher war. Aber wer war er wirklich?

Außer dem Namen dieser Elvira Lesley war ihm nichts eingefallen, so sehr er sich auch bemühte. Sein Gehirn war wie leergefegt. Die Vorstellung, unter Umständen nie wieder in sein früheres Leben mit seinen Freunden zurückzukehren, brachte ihn fast um den Verstand. Aber hatte er den nicht ohnehin schon verloren?

Der falsche Woody Bonson fühlte die geladene Walther in seiner Tasche. Sie jagte ihm Furcht und Grauen ein, aber er musste sie mitnehmen. Ohne sie konnte er den vereinbarten Schuss nicht abfeuern, und die lauernden Killer würden den Verrat wittern.

Er benutzte die Subway und fuhr bis zur Pennsylvania Avenue. Hier musste er aussteigen und nur noch wenige hundert Yards zu Fuß gehen.

Wie mochte Mister Parga zumute sein? Sicher bangte er um sein Geld. Hoffentlich hatte er es sich nicht doch noch anders überlegt und machte ihm Schwierigkeiten.

Nein, daran durfte er nicht denken. Alles würde glattgehen. Bount Reiniger hatte es versprochen.

Er bemühte sich um einen möglichst gelassenen Schritt. Keinesfalls durfte er auffallen. Nicht bei den unbeteiligten Passanten und nicht bei den versteckten Gangstern, die ihn schließlich für einen ausgekochten Profi halten sollten.

Sie waren nirgends zu sehen, aber irgendwo steckten sie. Er spürte ihre Nähe fast körperlich.

Reiniger hatte ihm das Haus genau beschrieben, und er fand es ohne Schwierigkeiten. Nirgends brannte Licht. Es sah so aus, als wäre Henry Parga schon zu Bett gegangen. Kein Wunder! Am nächsten Tag wollte er ja schon in aller Frühe nach Mexiko fliegen.

Der Mann musste noch etwas warten, weil ein einsames Auto die Straße entlangfuhr. Der Fahrer beachtete ihn jedoch nicht. Die glühenden Rücklichter verschwanden in der Ferne.

Er sah sich noch einmal nach allen Seiten um. Dann schritt er zur Tat.

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Als er vor der Tür stand, wurde er bedeutend ruhiger. Das aufreibende Warten war endlich vorüber. Es gab kein Zurück mehr.

Er fragte sich, wo Ross Cash und Skip Braker steckten. Mit Sicherheit in einem der gegenüberliegenden Häuser. Sie konnten jede seiner Bewegungen verfolgen. Er musste den Sicherheitsschlüssel so geschickt halten, dass sie ihn nicht als solchen erkannten, sondern für einen Dietrich hielten. Zweifellos benutzten sie einen starken Feldstecher.

Er nahm die Hand mit dem Schlüssel aus der Tasche und blickte scheu zur Seite. Er durfte die Tür nicht zu rasch öffnen. Das würde auffallen und Argwohn erregen.

Zwei Autos fuhren in schneller Folge hinter ihm vorbei. Er erschrak und wäre am liebsten davongelaufen. Doch dann erinnerte er sich daran, dass er nichts Verbotenes tat. Er besaß die offizielle polizeiliche Genehmigung für diesen Einbruch, und ein Unbeteiligter konnte ohnehin keinen Argwohn schöpfen. Henry Parga war eingeweiht. Er musste nur darauf achten, dass keiner der Nachbarn Krach schlug, die den wirklichen Eigentümer des Hauses kannten.

Nichts geschah. Alles blieb ruhig. Nicht nur die Fenster im Parga'schen Haus waren dunkel.

Er stocherte einige Zeit mit dem Schlüssel in der Luft herum, ehe er ihn ins Schloss stieß.

Die Tür öffnete sich von selbst. Offensichtlich hatte Parga sie nur angelehnt, weil er nicht sicher war, ob die Übergabe des Schlüssels noch rechtzeitig geklappt hatte.

Vorsichtig zwängte er sich durch den Spalt und schloss die Tür hinter sich. Jetzt nahm er sich Zeit zum Aufatmen. Das Bewusstsein, von den beiden Gangstern nicht mehr beobachtet zu werden, war beruhigend.

Licht durfte er nicht anschalten. So verhielt sich kein Profi. Er benötigte auch kein Licht, denn Bount Reiniger hatte ihm die Lage der Räumlichkeiten exakt geschildert. Sein Gedächtnis arbeitete ausgezeichnet. Leider nur seit dem Zeitpunkt des Unfalls. Was davor lag, befand sich nach wie vor im undurchdringlichen Dunkel.

Die Reisetasche mit der Viertelmillion befand sich angeblich im Backrohr in der Küche, und die Küche lag hinter der zweiten Tür auf der linken Seite des Ganges. Er tastete sich vor und fand die Küche.

In der Küche roch es nach Putzmittel. Hier war erst vor kurzem saubergemacht worden. Der Mann musste grinsen. Wenn die Putzfrau zufällig das Geld im Backrohr entdeckt hatte, war ihre Ehrlichkeit bestimmt auf eine harte Probe gestellt worden.

Aber diese Überlegungen erwiesen sich als überflüssig. Die Tasche war noch da, und sie war mit Banknoten vollgestopft. Ehrfürchtig ließ er einige Bündel durch seine Hände gleiten. Dann schloss er die Tasche und richtete sich auf.

Er überlegte sich, dass er nun im Arbeitszimmer Licht machen musste. Die Beobachter sollten draußen glauben, er hielte Parga mit seiner Pistole in Schach und zwang ihn zur Herausgabe des Geldes. Das geschah zweifellos nicht im Finstern.

Das Arbeitszimmer befand sich schräg gegenüber von der Küche. Er überquerte den Gang und stolperte. Während seine freie Hand einen Halt suchte, fluchte er leise. Offenbar halte die Putzfrau einen zusammengerollten Teppich mitten im Weg liegengelassen.

Er stieg über ihn hinweg, und seine Haare sträubten sich. Das war kein Teppich. Etwas war gegen sein Bein gefallen. Er bückte sich und zuckte entsetzt zurück. Eine Hand, eine kalte, leblose Hand lag auf dem Boden.

Die Putzfrau. Sie musste einen Schwächeanfall erlitten haben. Das erklärte auch, warum die Haustür nicht versperrt war. Parga befand sich irgendwo im Keller und hatte nichts davon gemerkt, dass diese Frau Hilfe brauchte. Hoffentlich kam sie jetzt nicht zu spät.

Er stellte die Reisetasche ab und tastete weiter. Aber er zuckte abermals zurück. Bei der Bewusstlosen handelte es sich um keine Frau. Es war ein Mann.

Hastig suchte er nach seinem Feuerzeug. Er hatte sich in der Zwischenzeit mit Zigaretten und Feuer versorgt. Als die kleine Flamme aufzuckte, wurde ihm übel. Er kannte den Mann nicht, der ein wenig verkrümmt vor ihm lag, doch ihm wurde klar, dass für ihn jede Hilfe zu spät kam. Sein Gesicht war schauderhaft zugerichtet. Jemand musste aus allernächster Nähe auf ihn geschossen haben. Der Mann war tot.

Darüber, dass es sich nur um Parga handeln konnte, bestand kein Zweifel. Er war ermordet worden, und jeder würde glauben, dass er es getan hatte. Wer denn sonst?

Der Mann, der nicht glaubte, dass er der Killer Woody Bonson war, zitterte am ganzen Körper. Er überlegte, was er tun sollte, aber ihm fiel kein Ausweg ein. Vor dem Haus warteten Cash und Braker auf den Schuss und vor allem auf das Geld. Der Boss hatte bestimmt schon im Prospect Park Stellung bezogen. Überall wimmelte es dort vor Polizei. In spätestens einer Stunde würde der Mord bekannt sein, nämlich dann, wenn man Henry Parga die Tasche mit dem Geld zurückbrachte. Dann konnte er sich drehen und wenden, wie er wollte, man würde ihm nicht glauben, dass er mit dem Mord nichts zu tun hatte. Er war Bonson, der Killer, also hatte er den Mann auch umgebracht.

Ihm blieb nur die Flucht. Gehetzt blickte er sich um, als fürchtete er die Häscher bereits hinter sich.

Zur Straße hin wurde das Haus beobachtet. Wenn er dort auftauchte, lief er den Gangstern in die Arme. Sie würden unangenehme Fragen stellen und nicht danach fragen, ob er mit einer Schusswaffe umgehen konnte oder nicht. Sie würden ihn umlegen.

Natürlich konnte er so tun, als sei nichts geschehen. Dann bluffte er die Gangster, lieferte sich aber der Polizei aus, die ihm das verlorene Gedächtnis nicht länger abnehmen würde.

Wie er sich auch entschied, er war immer der Dumme. Nur wenn er sich davonstahl und irgendwo versteckte, besaß er eine winzige Chance. Allerdings musste er dann die Hoffnung aufgeben, jemals zu erfahren, wer er in Wirklichkeit war. Ohne Pass kam er über keine Grenze, und vermutlich waren schon jetzt sämtliche Flughäfen und Ausfallstraßen gesperrt, um die mögliche Flucht der Gangster zu unterbinden. Er hockte in der Falle.

Sein Blick fiel auf die Reisetasche, die neben dem Toten stand. Eine Viertelmillion! Dafür bekam man eine ganze Menge Pässe, und damit musste es auch gelingen, New York zu verlassen. Auf irgendeinem Frachter würde es schon einen Platz für ihn geben. Ein paar tausend Dollar durfte der ruhig kosten. Das Geld ließ er jedenfalls nicht hier. Henry Parga brauchte es nicht mehr, und wenn es dem Mörder in die Hände gefallen wäre, hätte eben der es mitgenommen.

Er machte sich keine Gedanken darüber, wer hinter dem Verbrechen stehen mochte. Leute wie der Makler sind naturgemäß gefährdet. In gewissen Kreisen spricht sich schnell herum, wenn es dort etwas zu holen gibt. Aber wer schaut schon in ein Backrohr?

Der Mann griff nach der Tasche und stieg über den Leichnam hinweg. Er öffnete die Tür zum Arbeitszimmer und orientierte sich rasch bei dem dürftigen Licht des Feuerzeugs. Danach löschte er die winzige Flamme.

Die Fenster waren von innen durch Alarmeinrichtungen gesichert. Es war kein Problem, den Kontakt zu unterbrechen. Nun konnte er ein Fenster vorsichtig öffnen.

Er hielt inne und lauschte. Kein verdächtiger Laut war zu hören. Vielleicht hatte er doch noch Glück. Cash und Braker lauerten auf den Schuss. Sie mussten damit rechnen, dass es einige Zeit dauert, bis er Parga aus dem Bett geholt und gezwungen hatte, den Safe zu öffnen. Momentan schöpften sie sicher noch keinen Verdacht.

Dann sah er den Schatten. Sie waren da. Jedenfalls einer von ihnen. Sie gingen auf Nummer Sicher. Einen Mann mit einer Viertelmillion ließen sie nicht aus den Augen. Sie würden ihm bis zum Prospect Park folgen.

Er konnte ihnen nicht entrinnen. Er war zu Fuß und später auf die Subway angewiesen. Es fiel ihnen leicht, sich an ihn zu hängen. Ja, wenn er einen schnellen Wagen zur Verfügung gehabt hätte!

Er stutzte. Parga besaß jedenfalls mindestens einen Prachtschlitten in der Garage. Er brauchte sich nur zu bedienen. Der Schlüssel dafür würde zu finden sein.

Um die Garage zu erreichen, brauchte er das Haus nicht zu verlassen. Es existierte eine Verbindungstür am Ende des Ganges. Den Wagenschlüssel hatte Parga vermutlich in der Tasche. Wenn ihm auch davor graute, den Toten erneut anzufassen, so hielt er sich doch vor Augen, daß es immerhin um sein eigenes Leben ging.

Er kehrte auf den Gang zurück und durchwühlte die Taschen des Erschossenen, doch er fand keine Autoschlüssel.

Verdammt! Was sollte er jetzt tun? Lange durfte er sich hier nicht mehr auf halten. Seine Lage wurde von Minute zu Minute kritischer.

Ihm kam ein Hoffnungsgedanke. Viele Menschen ziehen den Schlüssel gar nicht ab, wenn der Wagen in der Garage steht Vielleicht hatte Henry Parga zu dieser Gruppe gehört.

Er eilte den Gang entlang und öffnete die Verbindungstür. Automatisch schaltete sich die Garagenbeleuchtung ein. Der kupferrote Lack eines fast neuen Jaguar glänzte auf. Ein toller Schlitten, mit dem er den müden Packard der Gangster spielend abhängen konnte.

Noch mehr aber freute er sich über den Zündschlüssel, der tatsächlich im Schloss steckte.

Der Mann atmete tief durch. Mit entschlossenem Schwung warf er die Reisetasche hinter die Sitze des Cabriolets.

Auf dem Beifahrersitz lag die Ultraschall-Fernbedienung für das Garagentor. Er drückte auf den Knopf, und nahezu geräuschlos hob sich der gewaltige Flügel.

Gleichzeitig startete er den Motor. Die Maschine brummte wollüstig auf. Der Wagen vibrierte ganz leicht. Es war ein tolles Gefühl.

Er gab Gas, als das Tor nicht mal zur Hälfte in der Höhe war. Ihm war klar, dass die Beobachter längst gemerkt hatten, dass er sich verdrücken wollte, wenn sie auch nicht den wahren Grund hierfür kannten. Der offene Wagen bot ihm wenig Schutz vor ihren Schüssen. Er musste ganz einfach schnell sein.

Wie erwartet, glitt von der Seite aus der Dunkelheit ein Wagen heran. Es war ein cremefarbener Packard. Sie hatten ihn entdeckt und durchschaut. Wenn sie ihn erwischten, half ihm das ganze Geld hinter dem Sitz nichts mehr. Sein Leben war dann keinen Cent mehr wert.

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Die Fahndung lief auf vollen Touren. Ein Funkspruch jagte den anderen. Nach menschlichem Ermessen konnte es keiner Maus gelingen, New York unbemerkt zu verlassen. Überall lauerte die Polizei, um den Killer zu schnappen.

Bount Reiniger hatte die Meldung betroffen entgegengenommen. Zwar war ihm durch das Gespräch mit Mary Lesley bewusst geworden, dass sein Klient kein unbeschriebenes Blatt war, doch es sind zweierlei Stiefel, ob jemand eine gutgläubige Frau um ihre Hoffnungen und zweihundertfünfzig Dollar betrügt oder ob er einen Menschen aus nächster Nähe kaltblütig über den Haufen schießt und mit einer Viertelmillion verschwindet

Immer wieder fragte sich Bount, warum Bonson erst zu ihm gekommen war und die Aufmerksamkeit der Polizei auf sich gezogen hatte, wenn er das Verbrechen doch ausführen wollte. Was hatte er damit bezweckt? Wollte er nur, dass ihm die Gangster vom Halse gehalten wurden, damit er nicht zu teilen brauchte?

Die Aktion im Prospect Park war geplatzt, weil Bonson nicht erschienen war. Natürlich hatte sich auch der unbekannte Boss nicht gezeigt. Als die Meldung über Funk durchgekommen war, dass der Killer mit dem Geld und Pargas Jaguar verschwunden war und eine männliche Leiche zurückgelassen hatte, war das Unternehmen abgebrochen worden.

Im Hause Henry Pargas erfuhren sie dann ein paar Einzelheiten. Der Makler hatte sich schon am frühen Abend in den Keller zurückgezogen. Hier hatte er bis zum Morgen ausharren wollen.

Er war hellhörig geworden, als über ihm der Jaguar angelassen wurde. Das war nicht verabredet gewesen. Er hatte begriffen, dass da etwas nicht vereinbarungsgemäß lief.

Er hatte noch einige Zeit gezögert, ehe er die Treppe hinaufgestiegen war. Die offene Verbindungstür zur Garage hatte seine Befürchtungen bestätigt. Als er den Leichnam entdeckte, wäre er fast in Panik geraten. Er hatte keinen Schuss gehört, und erkannte den Toten nicht, sofern er das bei dem entstellten Gesicht überhaupt beurteilen konnte. Das Geld war natürlich verschwunden. Er hatte sofort die Polizei verständigt.

„Die Identität des Toten ist noch nicht ermittelt“, sagte Toby Rogers zu Bount Reiniger mit grimmigem Gesicht. „Jedenfalls ist Bonson ausgesprochen brutal zu Werke gegangen. Er hat seinem Opfer nicht die leiseste Chance gelassen.“

„Sofern es überhaupt Bonson war“, wandte Bount Reiniger ein. Er fand einiges an diesem Mord merkwürdig.

Der Captain sah ihn verblüfft an. „Wer soll es denn sonst gewesen sein?“, erkundigte er sich. „Wir haben den Halunken ja selbst zu Parga geschickt. Wir wussten sogar, dass er sich im Besitz einer Pistole befand. Wie ich das Brown klarmachen soll, ist mir momentan noch schleierhaft. Wenn wir Pech haben, kostet das mich meinen Job und dich die Lizenz, Bount. Und dabei müssen wir immer noch von Glück sagen, denn den armen Teufel in Pargas Haus hat es das Leben gekostet.“

„Fragst du dich gar nicht, wer der Mann eigentlich ist und was er bei dem Makler wollte? Parga kann sich seine Anwesenheit zumindest nicht erklären.“

„Die erste Frage werden unsere Leute zweifellos bald beantworten können“, versicherte der Dicke. „Das ist aber momentan nicht so wichtig. Zweifellos hat Bonson ihn für Parga gehalten, als er ihn erschoss. Ich stelle mir das Ganze so vor. Bonson, oder welchen Namen er in Wirklichkeit tragen mag, kam zu dir, um dir eine rührende Geschichte zu erzählen. Ich kann dir keinen Vorwurf machen, dass du darauf hereingefallen bist, denn ich muss an meine eigene Nase fassen. Er wollte das Geld holen und hatte nur ein Problem: Henry Parga. Diesen Mann musste er dazu bringen, das Geld herauszurücken. Vielleicht schaffte er es, vielleicht stellte sich der Makler aber auch quer oder wehrte sich gar. Ihn .niederzuschießen, war leicht, doch dann war Bonson nicht in der Lage, den Tresor zu öffnen, und kam nicht an das Geld heran. Also dachte er sich diesen Trick aus, damit wir ihm die Viertelmillion auf den Präsentierteller legten und auch noch Parga aus dem Weg räumten. Das war genial. Vielleicht existierten die drei Gangster tatsächlich, es ist aber auch möglich, dass er das Ding alleine gedreht hat. Beides bietet keinen Vorteil für uns. Bonson ist weg, das Geld ist weg, und der Mann ist tot.“

Die Version leuchtete ein. Trotzdem weigerte sich Bount Reiniger, sie sich zu eigen zu machen. Er wehrte sich nicht dagegen, hereingelegt worden zu sein. Das passierte auch ihm hin und wieder. Schließlich musste er in seinem Beruf manches Risiko eingehen. Es war vielmehr seine Überzeugung, dass ein Mann wie Bonson, der sich bei Mary Lesley Gerald Harmon genannt und mit viel Aufwand eine lächerliche Summe erbeutet hatte, nicht im nächsten Augenblick ein eiskalter Killer und durchtriebener Gangster werden konnte. Die Methoden passten nicht zu ein und demselben Mann.

Um diese Theorie zu erhärten, wollte er jene Adressen aufsuchen, die Mary Lesley ihm angegeben hatte. Er rechnete damit, von einem windigen Gauner zu hören, nicht aber von einem brutalen Gangster, der über Leichen ging.

Toby Rogers ahnte die Gedanken seines Freundes. Immerhin kannten die beiden sich lange genug, sodass nicht jedes Wort zwischen ihnen ausgesprochen werden musste. Er schüttelte trübsinnig den Kopf, als er sagte: „Du musst dich daran gewöhnen, dass du diesmal aufgelaufen bist. Bonson hat unsere Hilfe für ein gemeines Verbrechen benutzt. Daran führt kein Weg vorbei.“

Bount Reiniger erinnerte sich, dass sein Klient selbst davor gewarnt hatte, echte Dollarnoten zu verwenden. Er hatte sich lange gesträubt, die Rolle des Killers weiterzuspielen. Das konnte nicht alles Theater gewesen sein.

Er hielt das dem Captain entgegen, doch Toby Rogers sah die Fakten, und die bestanden aus einer Leiche und einem geflohenen Mörder, der zu allem Überfluss zweihundertfünfzigtausend Dollar Reisegeld mitgenommen hatte und der sich auch mehrere Stunden nach der Tat weder bei der Polizei noch bei Bount Reiniger gemeldet hatte.

Bount Reiniger fragte Henry Parga, ob er den Schuss gehört habe, und dieser verneinte.

„Aber den Motor des Jaguar haben Sie nicht überhört“, meinte der Detektiv misstrauisch.

Der Makler, dessen Gesicht noch ziemlich bleich aussah, hob die Schultern. „Wahrscheinlich hat er einen Schalldämpfer benutzt, damit die Nachbarn nicht aufmerksam wurden.“

„Aber für die Gangster sollte der Schuss das Signal sein, dass alles geklappt hatte“, widersprach Bount Reiniger. „Das passt nicht zusammen.“ Eine telefonische Meldung kam, die Toby Rogers' Vermutung unterstrich.

„Der Doc hat das Geschoss im Schädel des Toten sichergestellt“, verkündete er. „Die Ballistiker bestätigen, dass es sich nach Kaliber und Charakteristik bei der Tatwaffe um eine Walther Pistole gehandelt haben dürfte. Woody Bonsons Waffe ist eine Walther.“

„Aber es ist nicht die einzige Pistole dieses Typs in den Staaten“, beharrte Bount Reiniger. „Steht noch immer nicht fest, wer der Tote ist? Vermutlich handelt es sich um einen Einbrecher, der in dem Haus nichts zu suchen hatte.“

Der Captain hängte sich ans Telefon und brüllte ein paar aufmunternde Worte in die Muschel, die seiner seelischen Verfassung entsprachen. Anschließend lauschte er andächtig, wobei sein breites Gesicht alle Schattierungen der Verwunderung und Ratlosigkeit durchlief.

Schließlich legte er den Hörer auf und gab seine eben gewonnenen Erkenntnisse weiter: „Bei dem Toten handelt es sich um einen gewissen Bram Francis. Er ist den Kollegen vom Einbruchsdezernat nicht unbekannt.“

„Das dachte ich mir“, warf Bount ein. „Dann besorge dir eine neue Denkmaschine“, riet der Captain. „Francis wurde nämlich nicht in Pargas Haus erschossen, sondern erst dorthin geschafft, als er bereits tot war. Das steht einwandfrei fest. Nach dem eigentlichen Tatort wird noch auf Grund der Kleidung anhaftender Erdspuren gesucht.“

Bount Reiniger stieß die Luft aus. „Damit dürfte alles klar sein“, fand er. Eine gewisse Erleichterung war aus den Worten zu hören.

„Nichts ist klar“, brummte der Dicke. „Für den Richter spielt es keine Rolle, wo Bonson den Mann umgelegt hat.“

„Aber der Grund spielt eine Rolle, Toby. Es mag viele Gründe geben, warum Bonson diesen Francis erschoss. Mit voller Absicht oder gezwungenermaßen. Bei einem Streit, aus Rache, Habgier, Angst oder in Notwehr. Aber nenne nur einen vernünftigen Grund, warum er den Leichnam in Pargas Haus geschleppt haben soll.“

„Das ist nicht das Einzige, was ich in diesem Fall nicht begreife“, bekannte der Captain zerknirscht, „aber Bonson wird es schon wissen.“

„Ich auch, Toby.“

„Tatsächlich?“

„Die Leiche war für Bonson bestimmt. Er sollte sie finden und durchdrehen.“

„Aber wer sollte ein Interesse daran haben?“

„Ross Cash, Skip Braker und der Boss zum Beispiel. Vielleicht sogar der richtige Bonson.“

„Du glaubst noch immer dieses Märchen?“

„Jetzt mehr als vorher. Die Leiche ist der Beweis. Es muss schon ein besonders eiskalter Typ gewesen sein, der diese abscheuliche Tat ausgeführt hat. Wahrscheinlich hatte Bram Francis nur das Pech, dem Killer als Erster über den Weg zu laufen. Sonst wäre es eben ein anderer gewesen.“

„Aber warum, um alles in der Weit?“

„Ich schätze, die Gangster sind darauf gekommen, dass Bonson gar nicht der Mann ist, den sie erwarteten.“

„Was soll sie jetzt plötzlich darauf gebracht haben?“

„Dreimal darfst du raten. Natürlich der echte Woody Bonson. Vermutlich ist er aufgetaucht und hat den Irrtum aufgeklärt. Die Gangster kennen vielleicht nicht die Beweggründe unseres Mannes, aber sie wissen, dass sie ihm gegenüber ihre Karten aufgedeckt haben. Er braucht nur zur Polizei zu gehen, dann sieht es schlecht für sie aus. Dass er es längst getan hat, wissen sie ja nicht. Sie haben keine Ahnung, mit wem sie es zu tun haben. Also verhindern sie, dass er sich an die Polizei wenden kann.“

„Unsinn, Bount. In diesem Fall würde er ja erst recht unsere Hilfe brauchen.“

„Das ist wahr. Aber wenn du dich in die Lage eines Mannes versetzt, der angeblich sein Gedächtnis verloren hat, der bestreitet, ein Killer zu sein, und nicht erklären kann, wieso er über eine Leiche gestolpert ist, dann glaubst du nicht mehr an diese Hilfe.“

„Der Vergleich zwischen dem Geschoss und seiner Waffe hätte eindeutig über Schuld oder Unschuld entschieden.“

„Das brauchst du mir nicht zu erklären. Ich weiß das. Aber unser Mann weiß das offenbar nicht. Zumindest ist er zu durcheinander, um darüber nachzudenken.“

„Aber er war geistesgegenwärtig genug, mit dem Geld abzuhauen.“

„Richtig! Und das macht mich unruhig, Toby. Er befindet sich zweifellos auf der Flucht. Vor uns, aber auch vor den Gangstern. Der Boss lässt sich bestimmt nicht um die Viertelmillion betrügen. Er wird alles dransetzen, um das Geld zurückzuholen, und ich fürchte, dass wir bald einen Leichnam finden, dessen Gesicht genauso entsetzlich aussieht wie das von Bram Francis.“

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Er kann die Stadt nicht verlassen.“ Keith Corrinth schnaubte vor Wut. Ross Cash und Skip Braker hatten ihm gestanden, dass sie bei der Verfolgungsjagd den Kürzeren gezogen hatten. „Wir müssen ihn kriegen. Versteht ihr? Wir müssen! Ich lasse mich nicht bestehlen.“ Er wandte sich an Woody Bonson. „Es wäre klüger gewesen, du hättest ihn gleich umgelegt, anstatt ihm die Leiche vor die Füße zu packen. Dann wäre längst alles ausgestanden.“

Bonsons kalte Augen glitzerten gefährlich. Tadel vertrug er nicht. Besonders nicht von einem Mann, der sich tagelang von einem Taschendieb hatte an der Nase herumführen lassen. Er scheute sich auch nicht, diese Gedanken offen auszusprechen, und Keith Corrinth hütete sich, ein Wort dagegen zu sagen. Der Killer mit der blitzschnellen Hand war ihm zu gefährlich. Mit dem legte er sich nicht an. Sie würden sich im Guten trennen. Nur dann hatte er von ihm nichts zu befürchten.

Dazu aber musste er ihn auszahlen. Fünfzigtausend Dollar waren vereinbart. Woody Bonson ließ keinen einzigen Dollar nach.

„Der Gedanke war ja nicht übel“, lenkte er ein. „Wenn alles gelaufen wäre, wie wir geplant hatten, hätten wir den Burschen jetzt fest in der Hand. Er wäre vielleicht sogar eine Bereicherung für die Gang, denn raffiniert ist er, das muss man ihm lassen. Erst spielt er uns deine Rolle vor, und dann trickst er diese beiden Schafsköpfe“, er zeigte auf Cash und Braker, die mit finsteren Mienen vor ihm standen, „wie zwei blutige Anfänger aus.“

„Er hat uns alle ausgetrickst“, verteidigte sich Ross Cash. „Erst haben wir ihn überschätzt, als wir ihn für Woody hielten, und danach haben wir ihn unterschätzt. Das gilt für uns alle, Boss. Mir ist da so einiges durch den Kopf gegangen.“

„Darauf bin ich nicht neugierig“, fuhr ihn Corrinth an. „Ich will das Geld.“

„Das können wir in den Rauch schreiben“, erklärte der Schwächliche düster.

„Bist du wahnsinnig?“, schrie Corrinth. Seine Augen traten dabei aus den Höhlen.

Auch Woody Bonson ruckte herum, aber er griff nicht zur Waffe.

Ross Cash hatte Mühe, nicht zu zittern. Genau wie Skip Braker spürte auch er den Unterschied zwischen dem Killer und jenem Mann, den sie dafür gehalten hatten. Sie wussten vom Boss, wie gefährlich Bonson war, wenn man ihn reizte. Der andere hatte sich dagegen so harmlos wie ein Busschaffner ausgenommen.

„Der Kerl muss mit den Bullen zusammengearbeitet haben“, behauptete er. „Skip und ich haben die Tasche im Jaguar genau gesehen. Es war dieselbe Tasche, die Parga ein paar Stunden zuvor aus der Bank schleppte. Die Tasche mit dem Zaster.“

„Das habt ihr uns schon ein paarmal erzählt“, fauchte der Boss.

„Darum geht es ja gerade.“

„Wieso hatte der Lump die Tasche, ohne auch nur einen Schuss abgegeben zu haben?“, fuhr Cash fort. „Wieso wollte er erst aus dem Fenster steigen und türmte dann mit dem Wagen? Ich sage euch, er ist ein Spitzel. Er sollte uns in eine Falle locken. Im Prospect Park hat bestimmt eine Hundertschaft auf den Moment der Geldübergabe gewartet. Die Tasche stand für das Schwein bereit. Wahrscheinlich hatte er sogar einen Schlüssel für das Haus. Parga hätte doch etwas merken müssen, als Woody erst die Leiche anschleppte und als dann auch noch der andere nach dem Geld suchte. Aber nichts dergleichen. Der saubere Herr wusste genau, was in dieser Nacht lief. Von der Leiche ahnte er natürlich nichts, weil er bestimmt irgendwo hockte und vor Angst schlotterte, es könnte ihm doch noch was passieren. Ich wette, das Geld ist längst bei der Polizei.“

Die anderen schwiegen betreten. Das hörte sich eine ganze Menge logisch an. Aber eben nicht alles. Keith Corrinth hielt durchaus für möglich, dass sich das meiste so verhielt, wie Ross Cash vermutete. Sie waren an einen Spitzel geraten. Wahrscheinlich zufällig, denn Ross und Skip hatten den Halunken angesprochen und beileibe nicht umgekehrt. Möglich, dass die Falle im Prospect Park ausgelegt gewesen war. Aber der Mann war nicht erschienen. Er hatte entweder andere Order erhalten oder es sich selbst anders überlegt. Er tippte auf die zweite Möglichkeit.

„Das Geld in der Tasche einfach zur Polizei zu bringen hätte keinen Sinn gehabt“, sagte er. „Noch dazu im offenen Wagen. Wozu hätte sich der falsche Bonson dieser Gefahr aussetzen sollen? Das Geld war im Safe sicher aufgehoben. Nein, wenn er mit den Bullen unter einer Decke steckte, dann sollte er zum Prospect Park kommen, damit ich hätte überwältigt werden können. Das hat er aber nicht getan. Also ist er mit der Tasche stiften gegangen. Sicherlich auch zum Leidwesen der Bullen, die ihn fieberhaft suchen werden.“

„Demnach brauchen wir nur schneller zu sein als sie“, sagte Woody Bonson leise und grinste dabei niederträchtig.

„So ist es“, bestätigte der Mann mit der Halbglatze. „Wie wir wissen, ist er nicht ins Hotel zurückgekehrt. Wir werden uns mal ein bisschen in seinem Zimmer umsehen. Vielleicht finden wir einen Hinweis, wo wir ihn suchen müssen. Und diesmal werden wir ihm ein Süppchen kochen, an dem er sein ganzes Leben lang zu kauen haben wird.“

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Toby Rogers mit seinen Leuten jagte den Mann, von dem keiner wusste, wer er war.

Und genau das wollte Bount Reiniger herausfinden. Ihm war klar, dass die Polizei bessere Möglichkeiten als er besaß, einen kupferroten Jaguar mit bekannter Zulassungsnummer aufzuspüren oder einen Mann, für den eine exakte Personenbeschreibung und sogar Fingerabdrücke vorhanden waren. Er sah seine Chance darin, die wahre Identität des angeblichen Woody Bonson herauszufinden. Wenn auch die befragten Ärzte im Krankenhaus eingeräumt hatten, dass das eingelieferte Unfallopfer nicht auf ein intaktes Gedächtnis untersucht worden sei und dass es demzufolge tatsächlich abhanden gekommen sein könnte, so blieb nach wie vor die Möglichkeit eines großen Schwindels.

Realität blieben die fünf Namen, die Bount Reiniger von Mary Lesley erhalten hatte. Dort wollte er anknüpfen. Wenn er Glück hatte, fand er eine Spur, die zu dem derzeitigen Versteck des Gesuchten führte.

Bount machte sich Sorgen. Er war überzeugt, dass auch die betrogenen Gangster nicht die Hände in den Schoß legten. Immer wieder sah er das Gesicht des Erschossenen vor sich. Dieser Killer kannte kein Erbarmen.

Sein Weg führte den Detektiv zuerst zu Winnie Falk, einer spindeldürren Dreißigerin mit unvorteilhafter Brille.

Sie beäugte den unangemeldeten Besucher, und da er zu gut aussah, entschied sie, dass es sich nur um einen Heiratsschwindler handeln konnte. Auf ein Exemplar dieser Gattung war sie erst kürzlich hereingefallen.

Als Bount Reiniger ihr seine Karte zeigte, wurde ihr Misstrauen eher noch größer. Unter einem Privatdetektiv stellte sich Winnie Falk jedenfalls etwas Schlüpfriges, Unanständiges vor.

Bount stellte fest, dass er besser June hätte mitnehmen sollen, aber das blonde Mädchen war damit beschäftigt, die Angestellten des „West Life“ über ihren Gast auszufragen, in der Hoffnung, dass sich daraus irgendwelche Anhaltspunkte für seinen Verbleib ergaben.

Bount redete wie ein Buch. Schließlich brachte er die Fotos zum Vorschein und zerstörte damit alles wieder, was er so mühsam aufgebaut hatte.

Die Dürre griff nach den Fotos, starrte sie an und stieß einen spitzen Schrei aus. „Terry!“ Gleich darauf funkelte sie Bount an. „Was haben Sie mit diesem Schuft zu tun? Ich hatte also recht, dass ich Ihnen nicht traute. Sie sind das gleiche Schlitzohr wie er.“

„Terry?“, fragte Bount Reiniger, ohne sonderlich überrascht zu sein. „Sind Sie sicher, dass dieser Mann nicht Gerald heißt?“

„Ich werde wohl Terry Blind kennen“, empörte sich die Frau. „Immerhin steht sein Name auf einem Schuldschein über vierhundert Dollar, die er mir abgeknöpft hat. Auf die chinesische Vase, die er mir dafür besorgen wollte, warte ich heute noch.“

Fast hätte Bount gelacht. Sein Schützling schien wirklich ein ganz durchtriebener Gauner zu sein. Hier zweihundertfünfzig Dollar, dort vierhundert, das war ein netter Nebenverdienst, und die Geschädigten gingen meist nicht mal zur Polizei.

Nur das Superding, das er jetzt gestartet hatte, passte nicht in diesen Rahmen. Damit hatte er sich fraglos übernommen.

Winnie Falk war nicht getröstet, als sie erfuhr, dass auch andere Frauen dem Burschen ins Garn gegangen waren. „Wenn ich den erwische“, versprach sie, „kratze ich ihm die Augen aus. Oder“, fügte sie verschämt hinzu, „er muss mich heiraten. Er hat so treue Augen. Finden Sie nicht?“

Bount interessierte sich weniger für die Augen des Verschwundenen als für seinen weiteren Lebenswandel, aber die Frau konnte ihm nicht weiterhelfen. Sie hatte Terry in einer Cafeteria kennengelernt, in der täglich Hunderte von Menschen verkehrten. Sie waren auf chinesisches Porzellan zu sprechen gekommen, und der Mann hatte sie mit einem sensationell günstigen Angebot geködert. Mehr wusste sie über ihn nicht. Sie konnte Bount auch keine weiteren Adressen nennen.

Damit war er auch vorläufig noch versorgt. Nachdem er sich telefonisch erkundigt hatte, ob die Suche nach dem Flüchtigen schon etwas ergeben hatte, was Toby Rogers verneinte, begab er sich zu Jane Stokes.

Jane Stokes war das ganze Gegenteil von der dürren Winnie Falk. Sie brachte spielend zwei Zentner auf die Waage. Ihre Stimme war lärmend. Bount konnte sich nur schwer vorstellen, dass auch sie von dem Burschen hereingelegt worden war.

Die Frau betrachtete interessiert die Fotos. Dann reichte sie sie zurück und erklärte: „Das ist George Daniels. Ich kenne ihn flüchtig. Sind Sie ein Freund von ihm?“

Bount Reiniger nannte sich einen guten Bekannten. Darauf wurde er in die Wohnung gebeten, in der es nach feuchten Windeln roch.

„George hat mir nie von Ihnen erzählt“, sagte Jane Stokes und bot ihrem Besucher einen Platz an.

Bount versank in einem mächtigen Sofa, was die Frau mit einem süßen Lächeln quittierte. Sie selbst setzte sich mit ihrer imposanten Rückseite lediglich auf die äußerste Kante eines Stuhls, den Bount aus tiefstem Herzen bedauerte.

Er hätte besser getan, ein paar Gedanken auf sein eigenes Schicksal zu verschwenden, doch alles schien in Ordnung zu sein, wenn Jane Stokes ihre Unterhaltung auch mit einer Lautstärke führte, als wollte sie die ganze Nachbarschaft daran teilhaben lassen. Besonders den Namen George Daniels hob sie immer wieder besonders hervor.

Bount hielt es für besser, der Frau keinen reinen Wein einzuschenken. Viele Zeugen können sich verständlicherweise an nichts mehr erinnern, wenn von einem Kapitalverbrechen die Rede ist, bei dem es sogar um einen Mord geht. Wer will schon darin verwickelt werden.

Er versuchte, sein Gegenüber geschickt auszuhorchen, und wusste schon nach den ersten Sätzen, dass dieser George, der sich auch Terry, Gerald und Woody nannte, hier sogar zwölfhundert Dollar an Land gezogen hatte. Er hatte als Vertreter an die Tür geklopft, mit dem uralten Trick einen Schwächeanfall vorgetäuscht und, während Jane Stokes hilfsbereit ein Glas Wasser geholt hatte, die Schubladen einer Kommode ausgeräumt. Mit dem Inhalt war er auf Nimmerwiedersehen verschwunden.

„Wird Ihnen zufällig ebenfalls schlecht, Mr. Reiniger?“, fragte sie giftig. „Mein Mann und meine Söhne werden für eine kleine Erfrischung sorgen.“ Sie lachte gellend und stieß den Stuhl zurück.

Hinter ihr tauchten drei Gestalten auf, gegen die sie sich wie eine Schwindsüchtige ausnahm. Die Männer waren offenbar durch ihr lautstarkes Gezeter angelockt worden, und sie kamen nicht, um Konversation zu treiben.

„Ist er das?“, krächzte der vorderste, ein Fleischklumpen ungeheurer Ausdehnungen mit engen, tückischen Augen.

„Das ist ’n Freund von ihm“, jaulte die zierliche Jane. „Er hat den gleichen Trick probiert.“

Das war zwar eine glatte Lüge, aber das interessierte die Stokes Gladiatoren nicht im Geringsten. Sie hatten lange auf die Stunde der Rache gewartet. Jetzt war sie endlich da. Ihnen war es gleich, wen sie traf.

Der Kerl mit den kleinen Augen war anscheinend Janes Angetrauter. Hinter ihm standen seine Söhne, die ihre Eltern, was ihre Leibesfülle betraf, in den Schatten stellen wollten. Ihr Gesichtsausdruck war nicht sehr intelligent. Das machten sie mit Fäusten wett, mit denen sie mühelos einen Bullen skelettieren konnten. Waffen trugen sie keine. Die brauchten sie auch nicht.

Bount setzte zu einer Erklärung an, aber auf einen Wink des Vaters rückten alle drei gegen ihn vor. Ihre Ohren waren so klein, dass sie ihm bestimmt nicht zuhören würden.

Bount handelte blitzschnell. Er warf sich nach hinten und kippte mitsamt dem Sofa um. Er vollendete die Rückwärtsrolle und landete auf den Füßen, während die Angreifer gegen das Sofa prallten und enttäuscht losbrüllten.

Damit hatte er die Stokes aber noch längst nicht überlistet. Sie umrundeten das Sofa und rückten nun von beiden Seiten gegen ihn vor. Er befand sich regelrecht zwischen ein paar Mühlsteinen, die keine Mühe haben würden, ihn zu zermalmen.

Bount Reiniger wandte sich der Seite zu, auf der er es mit nur einem Gegner zu tun hatte. Es war einer der Söhne, kaum zwanzig, aber so voluminös wie ein Flusspferd. Der Bursche hatte den Mund halb geöffnet und grinste blöd. Er freute sich sichtlich auf das bevorstehende Vergnügen.

Bount Reiniger teilte diese Freude nicht. Er hatte schließlich noch einiges zu erledigen. Mit einer Gehirnerschütterung war er nicht mehr aktionsfähig.

Seine einzige Chance bestand im überraschenden Angriff.

Der kam so plötzlich, dass der Stokes Sohn nur verwundert seinen massigen Kopf schüttelte, als ihn zwei Faustschläge trafen. Nennenswerte Wirkung hinterließen sie allerdings nicht.

Hinter Bount lachten Vater und Sohn.

„He, Bud!“, röhrte der Jüngere. „Pass auf, dass dich das Schwergewicht nicht auseinandernimmt.“

„Du hast mich tatsächlich geschlagen, du Kümmerling“, stieß der Getroffene verblüfft hervor. „Das tust du nur einmal. Jetzt geht es dir dreckig. Pass auf!“

Bount Reiniger passte aber nicht auf. Seine Fäuste schnellten bereits vor und suchten sich diesmal Stellen am Körper des anderen aus, bei denen der Schmerz nicht so ohne Weiteres abzuschütteln war.

Bud verzog sein feistes Gesicht zu einer schmerzverzerrten Grimasse. Er sah direkt weinerlich aus. Er hatte wohl noch nicht oft erfahren, wie es ist, wenn man Prügel einstecken muss.

Bount Reiniger ruhte sich auf seinen Erfolgen nicht aus. Es widerstrebte ihm zwar, sich mit diesen Kolossen zu prügeln, von denen er lediglich eine Auskunft hatte haben wollen, doch zu langen Erklärungen ließen sie es nicht kommen. Ihre Wut über den Halunken, der sie dreist bestohlen hatte, hatte sich so aufgestaut, dass sie unbedingt Dampf ablassen mussten.

Zum Glück kannten die Stokes den Begriff der Fairness. Sie fielen nicht alle über ihn her, zumal sie überzeugt waren, dass Bud allein mit dem Gegner fertig wurde.

Bud griff auch an, aber er erwischte Bount Reiniger, der sich mit einer schnellen Körperdrehung in Sicherheit brachte, nicht. Wie ein tolpatschiger Bär tappte er herum. Dabei steckte er ein paar weitere Schläge ein.

Jetzt wurde er böse. So sprang man nicht mit einem Stokes um. Er rannte los und breitete beide Arme aus. Bount Reiniger musste sich darin fangen und festgehalten werden.

Aber Bount duckte sich im letzten Augenblick, und die rasende Lawine rollte wirkungslos über ihn hinweg.

Bud prallte gegen seinen Bruder, und da er mächtigen Schwung drauf hatte, bildeten die beiden auf dem Boden ein Knäuel, das sich nur unbeholfen entwirrte.

Hatte Bount Reiniger geglaubt, nun den Rücken freizuhaben, so sah er sich getäuscht. Der Vater hatte inzwischen die Seiten gewechselt und stand plötzlich vor Bount, als dieser das Sofa umrunden wollte.

„Das hast du dir so gedacht“, brüllte er. „Hier kommst du nicht raus, du Dreckskerl! Zwölfhundert Dollar hat uns dein Freund geklaut, und du wolltest mit der gleichen Masche bei Jane landen. Für .diese Unverschämtheit kriegst du einen Denkzettel, den du nicht so schnell vergisst. Das verspreche ich dir.“

Für Bount wäre es leicht gewesen, einfach die Automatic zu ziehen und die wild gewordenen Fleischberge zur Vernunft zu bringen, doch er zielte nicht bewusst auf unschuldige Menschen, die sich aus gutem Grund auch noch im Recht glaubten. Immerhin waren sie tatsächlich betrogen worden.

Der alte Stokes walzte heran, aber er beging nicht den gleichen Fehler wie sein Sohn. Er passte auf, dass Bount Reiniger ihm nicht entschlüpfte.

Bount war sich darüber im Klaren, dass der gleiche Trick kaum zweimal hintereinander klappen würde. Deshalb besann er sich auf seine Judofähigkeiten und bereitete sich auf einen Hebeschwung vor. Er wich der vorzuckenden Faust mit einer Kopfbewegung aus und packte dann mit beiden Fäusten zu. Rasch drehte er sich halb um seine Achse und kippte vornüber, während er einen Ausfallschritt machte. Er stieß einen kurzen Schrei aus, denn trotz der Hebelwirkung kostete es ihn seine ganze Kraft, dieses Ungetüm über sich hinwegzuschleudern.

Zum Glück war das Zimmer hoch genug. Der Körper flog mit elegantem Schwung durch den Raum und landete auf den beiden Brüdern, die es mit viel Mühe geschafft hatten, ihre Arme und Beine zu entwirren. Wütendes Gebrüll war die Folge.

Bount Reiniger genoss den denkwürdigen Anblick nicht. Er sprang über das Sofa hinweg und war froh, dass die Auseinandersetzung nicht länger gedauert hatte. Mit seinen Fäusten hätte er gegen die drei Kolosse nichts ausrichten können.

Aber er hatte sich zu früh gefreut, denn Jane, das Zweizentnerpüppchen, war auch noch da, und sie schlug zu, bevor er mit ihrem Angriff rechnete.

Sie traf ihn voll und mit der ganzen Kraft ihrer Säulenarme. Bount wurde quer durch den ganzen Raum getrieben und krachte gegen die Tür, die gehorsam aufflog und seine Reise nicht weiter behinderte.

Sein Kopf verwandelte sich augenblicklich in einen Hornissenschwarm, durch den ein Bär getappt war. Er brummte und schmerzte und schien anzuschwellen.

Jane Stokes lachte polternd hinter ihm. Sie folgte ihm nicht. Dazu war sie vor Lachen nicht fähig, aber sie griff sich das nächsterreichbare Wurfgeschoss und schleuderte es hinter ihm her.

Als es auf seinem Rücken zerschellte, stellte Bount fest, dass es sich um eine Bodenvase gehandelt hatte. Sie brach ihm fast das Rückgrat. Glücklicherweise nur fast.

Jedenfalls spürte Bount Reiniger keine Lust, sich weiter mit der streitbaren Familie anzulegen. Hier würde er nichts Wissenswertes erfahren, und vom Krankenhaus aus konnte er weder den Gauner mit den vielen Namen schnappen, noch den Killer, der Bram Francis auf dem Gewissen hatte.

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Er versuchte, June March und Toby Rogers zu erreichen, doch es klappte bei keinem. June hielt sich vermutlich noch immer im „West Life“ auf, während der Captain alle Hände voll zu tun hatte, die umfangreiche Fahndung zu organisieren. Da auch Lieutenant Myers von keinen Erfolgen zu berichten wusste, hielt es Bount für am sinnvollsten, die nächste Adresse aufzusuchen. Er hoffte, nicht wieder auf solche Catcher-Typen zu stoßen, die ihre Wut über den Gauner an ihm auslassen wollten.

Er fuhr zu Harriet Hammersmith und stellte erleichtert fest, dass die Frau nicht nur schlank, sondern auch offensichtlich sanft war. Sie machte einen sympathischen Eindruck, den die beiden Kinder, die den fremden Besucher mit großen Augen neugierig ansahen, noch unterstrichen.

Bount, der ein wenig lädiert aussah, nannte seinen Namen und erkundigte sich vorsichtshalber nach dem Herrn des Hauses.

„Mein Mann ist unterwegs“, antwortete Harriet Hammersmith. „Wollten Sie ihn sprechen?“

„Nein, ich glaube, dass Sie mir eher weiterhelfen können. Ich habe ein paar Fotos mitgebracht, und ich möchte Sie bitten, mir einiges über diesen Mann zu erzählen.“

Die Frau nahm die Bilder, und ihre Hände begannen zu beben. Sie schickte die Kinder aus dem Zimmer und die beiden gehorchten sofort. Sie waren glänzend erzogen.

„Sie sind von der Polizei, nicht wahr?“, sagte sie dann.

Bount Reiniger schüttelte den Kopf. „Ich bin Privatdetektiv. Ich habe inzwischen herausgefunden, dass dieser Mann unter den verschiedensten Namen Betrügereien ausgeführt hat. Nach meinen Informationen gehören Sie ebenfalls zu den Geschädigten. Ich kann Ihnen zwar nicht versprechen, ob Sie Ihr Geld zurückbekommen, aber ich hoffe, dass es mir mit Ihrer Hilfe gelingt, den Burschen aufzuspüren. Er hält sich momentan versteckt.“

Harriet Hammersmith betrachtete die Fotos genauer. Schließlich schob sie sie zurück. „Ihre Informationen sind falsch“, erklärte sie ruhig. „Ich gehöre keineswegs zu den Geschädigten. Ich kenne den Mann überhaupt nicht. Wer soll das sein?“

Bount Reiniger spürte, dass sie log. Ihre innere Erregung war fast greifbar. Wenn sie leugnete, auf den Gauner hereingefallen zu sein, dann sicher aus Stolz. Vielleicht aber auch aus Angst, ihr Mann könne davon erfahren.

„Mrs Hammersmith“, sagte Bount Reiniger eindringlich. „Sie können mir vertrauen. Was Sie mir erzählen, wird gegen Ihren Willen niemand erfahren. Ich habe Ihren Namen von einer Leidensgenossin, die mit ihren anderen Angaben immer recht hatte. Dieser Mann, er nannte sich bisher Gerald Harmon, Terry Blind und George Daniels, hat verschiedene Frauen um unterschiedlich hohe Beträge betrogen. Er war auch bei Ihnen. Warum wollen Sie das nicht zugeben? Vielleicht kennen Sie weitere Namen. Der Mann hat sich inzwischen auf etwas eingelassen, was mich zwingt, ihn zu finden.“

Die Frau sah ihn an. Sie hatte graue Augen, und um ihre Mundwinkel zuckte es. „Es tut mir wirklich leid, dass ich Ihnen nicht helfen kann“, sagte sie fast tonlos: „Bei mir hätte dieser Mann gar nichts holen können. Es reicht ja bei uns knapp zum Leben. Was glauben Sie, warum mein Mann andauernd fort ist? Er versucht immer wieder, zusätzlich ein paar Dollar heranzuschaffen. Die Kinder kosten viel Geld. Betsy ist zwölf und möchte so gern aufs College, und Jim kommt nächstes Jahr in die Schule. Der Kleine entwickelt einen Appetit, hinter dem sich ein Berglöwe verstecken kann. Haben Sie auch Kinder, Mister Reiniger? Dann wissen Sie, dass da kein Dollar übrigbleibt.“

Bount gestand, dass er ledig sei. Er erzählte überhaupt eine Menge über sich und seinen Beruf, denn er hoffte, dadurch auch Harriet Hammersmith zum Reden zu bringen. Doch sie blieb dabei, den Mann auf den Fotos noch nie gesehen zu haben.

Bount konnte sie nicht zwingen, etwas anderes zu sagen, wenn er auch sicher war, dass sie mit der Wahrheit hinterm Berg hielt. Er verstand, dass es ihr bei den schlechten finanziellen Verhältnissen besonders unangenehm sein musste, von einem Gauner hinters Licht geführt worden zu sein.

Er verabschiedete sich von der trotz allem sympathischen, freundlichen Frau und gab ihr seine Karte. Vielleicht dachte sie doch noch über alles nach und rang sich zu einem Anruf durch.

Ihm blieben noch zwei weitere Adressen, die er von Mary Lesley erhalten hatte. Er hoffte, dass nicht auch diese Spuren im Sand versickerten.

Harriet Hammersmith begleitete ihn zur Wohnungstür. Betsy und Jim hielten sich im Gang auf. Sie spielten miteinander und ließen den fremden Mann artig vorbei.

Bount hatte einen Gedanken. Vielleicht hatte eines der Kinder den Gauner gesehen. Das Mädchen war vielleicht gerade in der Schule gewesen, doch der Kleine war seine Chance.

Direkt fragen wollte er nicht. Er war sicher, dass die Frau eine ehrliche Antwort verhindert hätte. Also ließ er eines der Fotos wie unabsichtlich fallen, und das Mädchen bückte sich prompt danach und hob es auf.

Betsys Augen wurden größer. Fragend blickte sie ihre Mutter an.

„Gib es dem Herrn zurück!“, sagte Harriet Hammersmith mit ungewohnter Schärfe. „Und dann geht euch waschen. Es wird Zeit, ins Bett zu gehen.“

Betsy gehorchte. Sie gab Bount das Foto, aber in ihren dunklen Augen stand eine Frage. Sie schlich zu der Tür, hinter der sich vermutlich das Bad befand, und zog ihren Bruder hinter sich her.

Jim drehte sich noch einmal nach Bount Reiniger um. „Schenken Sie mir das Bild, Sir?“, bettelte er. „So ein schönes Foto von Dad habe ich noch nie gesehen.“

Harriet Hammersmith presste mit einem Aufschrei beide Hände vors Gesicht. Betsy zog den kleinen Jim schleunigst weiter. Aber es war heraus. Der unschuldige Junge hatte noch nicht begriffen, was gespielt wurde.

„Natürlich darfst du es behalten, Jim“, sagte Bount Reiniger und gab ihm das Foto. Ernst sah er die Frau an, die nur mühsam ein Schluchzen zurückdrängte. „Wenn Sie Ihrem Mann wirklich helfen wollen“,.sagte er eindringlich, „dann müssen Sie es jetzt tun.“

Sie gingen ins Wohnzimmer zurück, und als Bount die Tür geschlossen hatte, sank die Frau weinend auf einen Stuhl.

„Sie dürfen ihn mir nicht wegnehmen“, sagte sie mit erstickter Stimme. „Die Kinder brauchen ihren Vater. Er ist nicht wirklich schlecht. Was er tut, das tut er nur für uns. O Gott! Was hat er jetzt schon wieder angestellt?“

Bount Reiniger bemühte sich, die verzweifelte Frau zu beruhigen. Er überlegte, was er ihr sagen durfte, merkte aber schnell, dass er mit der vollen Wahrheit herausrücken musste, wenn er ihr Vertrauen erringen wollte.

Harriet Hammersmith war entsetzt, als Bount Reiniger geendet hatte. Sie hob abwehrend die Hände und sagte schluchzend: „Cole ist immer etwas leichtsinnig gewesen, aber niemals würde er einen Menschen töten. Er ist nicht gewalttätig. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich sein Wesen durch den Unfall so grundlegend verändert haben soll.“

„Er ist mit einer Viertelmillion auf und davon“, erinnerte Bount Reiniger.

„Das tat er, weil er keinen Ausweg wusste. Bedenken Sie, dass ihn die Leiche völlig durcheinandergebracht haben muss. Er weiß doch, dass ihm niemand glauben wird. Er ist ein Betrüger, wenn er auch noch nie erwischt wurde.“

Bount teilte diese Ansicht. Er erfuhr, dass Cole Hammersmith Vertreter für einen Lexikonverlag war. Er bereiste den ganzen Osten. Deshalb war es nicht verwunderlich, dass niemand eine Vermisstenanzeige aufgegeben hatte. In diesem Beruf hatte er gelernt, die Menschen, mit denen er ein Geschäft abschließen wollte, genau zu beobachten. Das erklärte seine exakten Personenbeschreibungen von den Gangstern. Und seine schief gelaufenen Absätze.

Bount tat die Frau leid. Sie hatte ihren Mann schützen wollen. Jetzt musste sie erfahren, dass er in viel größeren Schwierigkeiten steckte. Wenn die Gangster ihn erwischten, sah es nicht gut für ihn aus. Killer, die ihr Opfer bis zur Unkenntlichkeit verunstalteten, würden nicht zögern, einen Mann voll Blei zu pumpen, der sie um eine Viertelmillion betrogen hatte.

Harriet Hammersmith begriff, dass es jetzt auf sie ankam. Sie nannte zahlreiche Namen von Bekannten und Plätze, an denen sie in letzter Zeit mit Cole gewesen war. Doch das alles würde nur etwas nützen, wenn sich der Gauner zumindest unbewusst an etwas davon erinnerte und dort Zuflucht suchte. Versagte sein Gedächtnis weiterhin, konnte er sich irgendwo im riesigen New York aufhalten. Ihn zu finden, wäre reiner Zufall.

Bount Reiniger setzte auf die registrierten Banknoten, die der Mann erbeutet hatte. Sobald er eine davon ausgab, würde die Polizei davon erfahren. Allerdings war zu befürchten, dass Hammersmith zunächst versuchte, illegal die Stadt zu verlassen. Die ersten Scheine würden also in dunkle Kanäle fließen, und bis die Polizei die Spur aufnehmen konnte, konnte viel geschehen sein, was sich nicht mehr rückgängig machen ließ.

Bount versprach der verzweifelten Frau, sie auf dem Laufenden zu halten. „Was Ihr Mann bisher getan hat, lässt sich alles reparieren“, versicherte er. „Es gibt allenfalls ein paar Adressen in der Stadt, bei denen er sich erst wieder blicken lassen sollte, wenn er seine Schulden bezahlen kann.“

„Und wenn die Gangster ihn vorher umbringen?“, fragte Harriet Hammersmith verzagt.

Bount ging nicht direkt auf die Frage ein. „Es ist ein Wettlauf“, bekannte er. „Ein Wettlauf gegen einen Killer. Ich habe mir vorgenommen, ihn zu gewinnen.“

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Cole Hammersmith wusste noch immer nicht, wer er war. Er hatte keine Ahnung von seinen beiden Kindern und auch nicht davon, dass sich eine Frau um ihn sorgte.

Die anfängliche Genugtuung, Ross Cash und Skip Braker mit dem schnellen Wagen abgehängt zu haben, war einer tiefen Ratlosigkeit gewichen. Was sollte er jetzt tun? Zu gerne wäre er einfach wieder zu Reiniger gegangen, aber der Detektiv würde ihm genauso wenig glauben wie die Polizei.

Von dem auffälligen Jaguar hatte er sich noch in der Nacht getrennt. Er hatte ihn einfach in einem Parkhaus stehen lassen. Der Wagen hätte seine Verfolger auf sich gezogen.

Er musste die Stadt schleunigst verlassen, aber er durfte nicht den Fehler begehen, sich einfach ein Flugticket zu kaufen. Darauf warteten sie ja nur. Sie würden ihn verhaften, und selbst wenn er sie davon überzeugen konnte, dass er Parga nicht getötet hatte, so blieb immer noch der Geldraub. Der brachte ihm etliche Jahre ein.

Noch größer als die Sorge vor der Polizei war allerdings seine Angst vor den Gangstern. Längst hatte er sich gefragt, wer Parga erschossen hatte, und er war zu keiner einleuchtenden Antwort gekommen. Instinktiv brachte er zwar den Boss und dessen Komplizen damit in Verbindung, doch er sah keinen Sinn darin, warum sie ihn dann noch hingeschickt hatten. Es war zum Verrücktwerden.

Mit dem Flugzeug konnte er die Stadt also nicht verlassen. Auch alle Straßen würden kontrolliert werden. Er überlegte, ob er sich in den Auflieger eines Trucks schmuggeln könnte, ohne dass der Fahrer etwas davon merkte. Aber den Gedanken verwarf er gleich wieder. Er war nicht sehr beweglich. Er schleppte eine schwere Tasche mit sich herum. Die wollte er natürlich nicht zurücklassen.

Vielleicht ging es mit dem Schiff. Eine Passage als Blinder Passagier traute er sich zwar nicht zu, aber wenn er ein paar Scheine springen ließ, fand er bestimmt einen Stauer, der ihn auf irgendeinem Frachtkahn unterbrachte, ohne viele Fragen zu stellen. Diese Burschen verdienen auch nicht gerade glänzend.

Es war noch nicht zu spät. Den ganzen Tag über hatte er sich in einem Abbruchhaus aufgehalten. Erst gegen Abend hatte er gewagt, sein Versteck zu verlassen, um sich etwas zu essen zu kaufen. Danach war er sofort wieder zurückgekehrt. Er hatte das Gefühl gehabt, als starrte ihn jeder an. Das war sicher nur Einbildung, aber es machte ihn nervös und unsicher. Doch gerade das durfte er sich nicht erlauben.

Cole Hammersmith wartete die Dämmerung ab. Er stopfte sich die Jacke mit Banknotenbündeln voll. Falls er durch einen unglücklichen Umstand die Reisetasche verlor, wollte er nicht völlig mittellos dastehen.

Die Tasche! Die Polizei kannte sie, und die Gangster hatten sie zweifellos ebenfalls gesehen. Es war besser das Geld umzupacken. Er ging in ein Kaufhaus und suchte sich einen Koffer geeigneter Größe aus. Damit verschwand er in der Toilette und kam Minuten später wieder heraus. Die leere Tasche nahm er mit. Er stopfte sie unterwegs in einen überquellenden Müllcontainer.

Anschließend begab er sich zum Hafen. Dabei beobachtete er ständig seine Umgebung. Er wusste, dass er sich im Nachteil befand, weil er nicht mehr motorisiert war, aber er sträubte sich dagegen, einen Wagen zu stehlen. Er hätte auch gar nicht gewusst, wie man eine Zündung kurzschließt. Er bezweifelte, ob er vor seinem Unfall derartige Fähigkeiten besessen hatte.

Er sah den Hafenarbeitern bei ihrer Schufterei zu. Sie beluden gerade einen Frachter. Ein bärtiger Kerl mit einem Schutzhelm auf dem Kopf brüllte seine Kommandos, und viele Hände packten zu, um die Kisten vom Kranhaken zu lösen oder neue anzuhängen.

Der Mann ohne Gedächtnis traf seine Wahl. Sie fiel auf einen kleinen Burschen, der wie ein Ausländer aussah. Mexikaner vielleicht oder Venezolaner. Wenn er fluchte, tat er das mit hartem Akzent. Cole Hammersmith wartete, bis er eine kleine Pause einlegte, um sich eine Zigarette anzuzünden. Dann schob er sich an den Dunkelhaarigen heran und sagte: „Hallo!“

Der andere musterte ihn fragend und blies ihm eine dicke Rauchwolke ins unrasierte Gesicht.

„Suchst du ’nen Job bei uns?“

„Ich brauche kein Geld“, gab Hammersmith zurück. „Du auch nicht?“ Der Stauer wurde hellhörig. „Ich unterhalte mich gern mit Leuten wie dir. Leider schielt schon Miller zu uns herüber. Das ist ein Schinder. Ich muss weitermachen. In 'ner Stunde ist hier Feierabend. Dann findest du mich im 'Streetlight'. Okay?“

„Ist der Frachter dann noch da?“, erkundigte sich Hammersmith hastig.

Der Dunkelhäutige grinste verstehend. „Keine Angst! Der legt erst nach Mitternacht ab. Er hat Fracht für Uruguay, aber das interessiert dich sicher nicht.“

Uruguay!, dachte Cole Hammersmith. Uruguay ist weit. Dort finden sie mich nicht, und leben kann man in diesem Land sicher auch nicht schlechter als hier, wo einem die Leichen vor die Füße fallen.

Er machte sich noch keine Gedanken darüber, was es kosten würde. Notfalls gab er dem Mann die Hälfte des Geldes. Vielleicht sogar alles.

Er nickte dem anderen zu und wandte sich ab. Er nahm sich vor, pünktlich zu sein.

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Er war auch pünktlich. Die Angst, den Frachter nach Uruguay zu verpassen, trieb ihn lange vor der Zeit in das „Streetlight“, eine üble Spelunke, in der die Luft so dick war, dass man sie schneiden konnte.

Der Stauer war noch nicht da. Cole Hammersmith genehmigte sich ein Bier, das er in kleinen Schlucken trank. Er wollte nüchtern bleiben. Das würde er brauchen.

Der Mann auf den er wartete, kam fast eine Stunde zu spät. „Hat ‘n bisschen länger gedauert“, sagte er gleichgültig. „Dachte mir, dass du warten würdest.“ Er grinste unverschämt und bedachte den Koffer, der neben Hammersmith auf dem Fußboden stand, mit einem begehrlichen Blick.

Der Bursche konnte nicht wissen, was er enthielt, aber er ahnte es wohl. Stand vielleicht schon etwas in den Zeitungen von dem Raubmord? Erst jetzt fiel ihm ein, dass die Polizei sicher seine Personenbeschreibung veröffentlicht hatte.

Der Stauer bestellte ebenfalls ein Bier und fuhr fort: „Die Zeiten sind lausig. Wenn jeder dem anderen ein bisschen hilft, sind sie gleich leichter zu ertragen. Findest du nicht auch?“

„Meine Meinung!“

„Ich habe Familie. Die kostet viel Geld.“

„Wie viel Geld?“

Der Schwarzhaarige leerte sein Bierglas, bevor er antwortete: „Zehn Riesen für mich, und genauso viel für den Mann, der dich auf dem Frachter verstecken und für deine Verpflegung sorgen wird. Wie du später durch den Zoll kommst, ist dein Problem, aber schwimmen wirst du ja wohl können.“

Cole Hammersmith nickte. Er war angenehm überrascht. Er hatte befürchtet, dass es teurer werden würde. „Einverstanden“, sagte er. „Wie läuft das Ganze ab?“

Der andere hielt ihm die offene Hand hin. „Zuerst kriege ich meinen Anteil. Vorher läuft gar nichts.“

„Und dann?“

„Dann bringe ich dich zu Perez. Perez kümmert sich um alles weitere. Natürlich erst, wenn du auch ihn bezahlt hast. Danach brauchst du dich eine Zeit lang um nichts mehr zu kümmern. Hast du Papiere?“

Cole Hammersmith verneinte. Den Pass, der ihm so fremd vorgekommen war, hatte ihm Bount Reiniger abgenommen und nicht wiedergegeben. Er würde früher oder später einen Ersatz brauchen.

„Kostet nochmal zehn Scheinchen“, stellte der andere fest. „Perez hat gute Verbindungen.“

„Sieht fast so aus.“ Ein ansehnliches Geldbündel wechselte vorsichtig seinen Besitzer. Der Stauer sah zufrieden aus. Er ließ die Dollars unter seiner Jacke verschwinden und erhob sich.

„Gehen wir! Mein Freund wartet schon auf dich. Und natürlich auf die Mäuse.“

Cole Hammersmith zahlte und stand ebenfalls auf. Er nahm den Koffer, in dem sich noch immer der weitaus größte Teil der Beute befand. Wenn er an den überraschenden Reichtum dachte, konnte er sich nicht darüber freuen. Vielleicht kam das noch.

Sie verließen die Kneipe, und der Mann, von dem Cole Hammersmith nicht einmal den Namen wusste, wandte sich nach links.

„He! Ich dachte, wir gehen zum Hafen?“

„Denken ist Glückssache. Aber keine Angst! Mein Freund wird sich auf alle Fälle um dich kümmern.“ Der Bursche lachte höhnisch, und jetzt merkte Cole Hammersmith endlich, dass er betrogen worden war.

Das ärgerte ihn zwar, aber es war noch kein Beinbruch. Die zehntausend, die ihm nicht mal gehörten, konnte er verschmerzen. Er musste eben den nächsten Versuch starten.

Doch dazu kam es nicht mehr. Hinter dem Dunkelhaarigen wuchsen plötzlich zwei Gestalten auf, die er nur zu gut kannte. Es waren Ross Cash und Skip Braker.

Er erschrak. Wie kamen die beiden ausgerechnet jetzt hierher? Doch dann kapierte er, dass ein Gangsterboss über gute Beziehungen verfügen muss. Die reichen überallhin, auch zum Hafen.

Natürlich hatten die Verbrecher längst überall nach ihm gesucht. Der Kerl, der ihn hereingelegt hatte, hatte schnell geschaltet. Es war nützlich, einem Gangsterboss einen Dienst zu erweisen. Die zehntausend Dollar durfte er vermutlich behalten.

Diese Überlegungen spulten blitzschnell in seinem Gehirn ab. Ihm war klar, dass er schnellstens verschwinden musste. Er verfügte zwar nicht mehr über den Jaguar, aber auch Skip und Ross waren zu Fuß.

Gehetzt blickte er sich um und wollte davonjagen, aber da trat der Boss aus einer Nische, und neben ihm stand ein Kerl, den er noch nie gesehen hatte und trotzdem erkannte. Es war der Mann, dessen Foto im Pass Woody Bonsons klebte. Das musste der echte Killer sein.

Der Gangster hatte keine Waffe in der Hand. Trotzdem kam Cole Hammersmith nicht auf die Idee, seine Walther zu ziehen, und sich den Fluchtweg freizuschießen. Er dachte gar nicht daran, dass er eine Pistole besaß.

Er ahnte nicht, dass ihm das das Leben rettete, Woody Bonson war viel zu schnell für ihn. Er hätte ihm keine Chance gelassen.

„Ich freue mich, dich wiederzusehen“, sagte der Boss zynisch, „auch wenn das hier nicht der Prospect Park ist, an dem wir uns eigentlich treffen wollten. Aber das Geld hast du ja offenbar bei dir, wenn du es auch nicht nach Uruguay bringen wirst. Woody, leg’ ihn um!“

Diese Aufforderung war an den Killer gerichtet, und dieser zog genussvoll eine Pistole aus der Tasche und richtete sie auf sein Opfer. Es war ebenfalls eine Walther. Zweifellos hatte er damit Henry Parga abgeknallt.

Cole Hammersmith konnte vor Angst kaum sprechen. Er rührte sich nicht. „Ich ... ich wollte dich nicht betrügen. Es war ... die Leiche. Jemand war vor mir bei Parga und hat ihn erschossen. Ich hatte ganz einfach Angst.“

„Dazu hast du auch allen Grund“, fauchte Woody Bonson kalt. „Du mieser kleiner Typ hast die Frechheit besessen, mir die Brieftasche zu klauen, und dann hast du dich für mich ausgegeben. Dabei bist du ein hinterhältiger Polizeispitzel. Gib es zu!“

Ross Cash und Skip Braker standen inzwischen dicht hinter ihm. Es gab kein Entrinnen. Der Verräter war verschwunden. Er hatte seine Aufgabe erledigt.

„Das ist nicht wahr“, keuchte Hammersmith.

„Nicht?“, höhnte Bonson. „Wer bist du sonst?“

„Ich weiß es nicht“, erwiderte der Bedrängte kläglich. „Durch den Unfall habe ich mein Gedächtnis verloren. Als Skip und Ross mich aus dem Krankenhaus holten, wusste ich überhaupt nicht, was sie von mir wollten.“

„Das Gedächtnis?“, sagte der Boss. „Du willst uns wohl auf den Arm nehmen?“

„Es ist die Wahrheit. Ich schwöre es.“

„Wozu das lange Palaver, Corrinth?“, meinte Woody Bonson ungeduldig. „Schicken wir ihn zu den Fischen und teilen uns das Geld. So stimmt die Richtung.“

„Du bekommst deinen Anteil“, versprach Corrinth. „Aber zuvor soll uns dieser Halunke noch verraten, wie er überhaupt an das Geld gekommen ist, wenn er uns nicht an die Bullen verpfiffen hat. Ich möchte wissen, was hier gespielt wird. Vielleicht lasse ich dann noch mit mir reden und schenke ihm sein Leben.“

Cole Hammersmith glaubte zwar nicht, dass der Gangster es ehrlich meinte, aber es war seine einzige Chance. Vielleicht erkannten die vier, dass er völlig ungefährlich für sie war. Sollten sie ihn doch nach Uruguay schicken. Dann waren sie sicher vor ihm. Ihm war nichts lieber, als sie möglichst schnell zu vergessen. Gegen eine solche Gedächtnislücke hatte er nichts einzuwenden.

Er erzählte die ganze Wahrheit, und die Verbrecher hörten mit unterschiedlichen Mienen zu. Ihnen war schwer anzusehen, was sie von seiner Story hielten. Als er geendet hatte, kratzte sich Skip Braker am Hinterkopf und stellte fest: „Das ist das verrückteste Märchen, das ich jemals gehört habe.“

„Ich warte noch immer auf dein Kommando, Boss“, brachte sich der Killer in Erinnerung.

Keith Corrinth hob die Hand. „Du hast also sogar einen Detektiv bemüht, wie?“, schnarrte er. „Was wird der jetzt von seinem Auftraggeber halten?“

„Natürlich denkt er, dass ich Parga umgebracht habe.“

„Das wollen wir hoffen, nicht wahr, Woody? Übrigens handelt es sich nicht um Henry Parga. Woody hat sich einen x-Beliebigen ausgesucht, um dich zu erschrecken. Er war nämlich mächtig sauer auf dich und wollte verhindern, dass du zur Polizei rennst. Dass du mit dem ganzen Zaster abhaust, hatten wir allerdings nicht erwartet. Ja, was machen wir jetzt mit dir? Du bist eine Gefahr für unsere Sicherheit. Das siehst du doch bestimmt ein?“

„Ich werde euch nicht verraten“, beteuerte Cole Hammersmith. „Wenn ihr mich aus der Stadt herausbringt, seid ihr mich los.“ Genauso gut hätte er auf ein Reiterstandbild einreden können. Sie hörten ihm überhaupt nicht zu.

„Woody möchte dich gern umlegen“, sagte Keith Corrinth. „Dafür spricht eine ganze Menge. Andererseits muss ich zugeben, dass es dir gelungen ist, uns über Tage hinweg zu narren. Solche Leute sollte man sich warmhalten. Wenn du also bereit bist, bei uns mitzumischen, vergessen wir die Sache und ziehen einen Schlussstrich.“

Das ist ein Trick!, dachte Cole Hammersmith. Was bezweckt der Schuft damit? Er weiß doch genau, dass ich die erste Gelegenheit benutzen würde, um mich bei Bount Reiniger zu melden. Ich kann ihm jetzt den wahren Mörder nennen.

„Das klingt verlockend, Boss“, sagte er zögernd, „aber ich kann mir nicht vorstellen, dass du mir vertraust.“

Der Boss funkelte ihn an. Es wirkte nicht unfreundlich. „Ich kenne nur einen einzigen Mann, dem ich bedingungslos vertraue. Dieser Mann heißt Keith Corrinth, und das bin ich selbst. Ich weiß, dass Ross und Skip mich verpfeifen, wenn ihnen die Bullen mehr bieten, als sie von mir bekommen. Zum Glück wird das nie der Fall sein. Woody würde mir, ohne mit der Wimper zu zucken, eine Kugel in den Rücken schießen, wenn ich versuchen würde, ihn um seinen Anteil zu betrügen. Du siehst, es hängt immer von einem selbst ab, ob man dem anderen vertrauen kann oder nicht. So verhält es sich auch mit dir. Ich werde dafür sorgen, dass du keine Möglichkeit mehr hast, dich bei den Bullen auszuheulen. Dann können wir die besten Partner werden. Was hältst du davon?“

„Hört sich sehr großzügig an, Boss.“

„So bin ich nun mal. Kennst du Li, den Chinesen?“

Cole Hammersmith zuckte mit den Schultern. „Vielleicht habe ich ihn vor meinem Unfall gekannt. Jetzt kann ich mich jedenfalls weder an ihn noch an andere Leute erinnern. Was ist mit ihm?“

„Du wirst ihn noch heute Nacht sehen. Ich mag ihn nicht besonders, denn er hat schon einige meiner Geschäfte verdorben.“

„Und was soll ich bei ihm?“

„Beweisen, dass du zu uns gehörst. Du gehst kein Risiko ein, denn er wird dich gar nicht sehen, wenn du ihn erschießt. Aber diesmal wirst du nicht allein hingehen. Woody wird dich begleiten, und der verfügt über eine ganz besondere Überzeugungskraft, falls du es dir doch noch anders überlegen solltest.“

Cole Hammersmith bekam einen Schreck, den er sich aber nicht anmerken ließ. Er hatte sich ja gleich gedacht, dass da etwas faul sein würde. Niemals schoss er auf einen Menschen. Dazu würde ihn auch Bonson nicht zwingen können. Sicher war der Chinese ebenfalls ein Lump, aber das änderte nichts daran, dass er zum Mörder werden würde, falls er ihn tötete.

Das hatte sich Corrinth raffiniert ausgedacht. Damit hatte er ihn ganz in der Hand, denn mit einem Mord auf dem Gewissen konnte er freilich nicht mehr zur Polizei gehen.

„Nun?“, drängte Keith Corrinth.

„Ich mach's!“, erklärte Cole Hammersmith. Insgeheim hoffte er, dass sich doch noch eine Möglichkeit ergab, dem Killer zu entkommen.

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Viel hatte June March im Hotel „West Life“ nicht erfahren. Lediglich, dass sich vorher bereits zwei Männer nach einem Gast namens Woody Bonson erkundigt hatten, auf die die Beschreibung von Ross Cash und Skip Braker haargenau passte.

„Sie sind also hinter ihm her“, stellte Bount Reiniger fest, „scheinen seine Spur aber ebenfalls verloren zu haben.“

„Das ist kein Wunder“, sagte June. „Mit dem Jaguar ist er ihnen haushoch überlegen.“

Captain Rogers wusste inzwischen, dass der Jaguar in einem Parkhaus in der 38sten Straße entdeckt worden war. Für ihn stand fest, dass Hammersmith das Fahrzeug gewechselt hatte, um seine Spur zu verwischen.

„Aber er kommt nicht aus der Stadt raus“, versicherte er.

„Nein“, meinte Bount. „jedenfalls nicht auf einem der offiziellen Wege.“

„Du rechnest damit, dass er sich illegal hinausschleusen lässt?“

„Geld genug hat er dafür, und ihr könnt unmöglich jeden Waggon, jeden Truck und jeden Kahn so gründlich durchsuchen, dass er nicht eine reelle Chance besitzt, es tatsächlich zu schaffen. Nur eins spricht dagegen.“

„Was?“

„Er ist ein kleiner Gauner und kein Profi großen Stils. Er kennt kaum die richtigen Leute. Er wird es zwar versuchen, doch ich bezweifle, dass er dabei Glück hat. Die Unterwelt verfügt über ein ausgezeichnetes Informationssystem. Sobald er den ersten Kontakt aufnimmt, erfährt dieser Boss davon. Wir dagegen nicht. Die Gang besitzt den entscheidenden Vorteil.“

„Ich habe mehr Leute angefordert“, berichtete Toby Rogers. „Sie untersuchen vor allem jene Piers, von denen heute noch ein Frachter ablegt. Es müsste mit dem Teufel zugehen, wenn sie ihn nicht vor den Gangstern schnappen.“

„Auf die Mitwirkung des Teufels verlasse ich mich lieber nicht, Toby. Ich begebe mich selbst auf die Suche.“

„Und was kann ich tun, Großer?“, erkundigte sich June.

„Du rufst Wilkie und unsere ganzen anderen Freunde an und erzählst ihnen, wonach wir suchen. Sie sollen gefälligst ihre Sehventile aufsperren und uns Bescheid geben, falls sie etwas Interessantes zu sehen oder zu hören kriegen. Du darfst ruhig eine Erfolgsprämie aussetzen.“

„Wie hoch?“

„Von einem Whisky ab aufwärts. Das überlasse ich deinem Fingerspitzengefühl. Du erreichst mich jederzeit. Ansonsten melde ich mich bei dir ab.“

Die Blondine schnappte sich bereits den Hörer. Sie wusste, dass es auf jede Sekunde ankam, und von diesen Kostbarkeiten wollte sie keine vergeuden.

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Seine Hoffnungen hatten sich bisher nicht bestätigt. Woody Bonson ließ ihn keine Sekunde aus den Augen. Schon bei der geringsten Bewegung, die nach Flucht aussah, hatte der Killer seine Pistole in der Hand und grinste dabei, als ginge es um die selbstverständlichste Sache der Welt, wenn man einen Menschen umbrachte.

Cole Hammersmith musste weiter warten. Irgendwann würde der Zeitpunkt kommen, an dem die Aufmerksamkeit Bonsons nachließ. Was konnte dem Mann schon daran liegen, ihn umzulegen. Er hatte doch keinen Vorteil davon.

Cole Hammersmith war außerstande, sich in die Psyche eines Mörders hineinzuversetzen. Er begriff noch immer nicht, dass Woody Bonson einen bezahlten Job ausübte und dabei nicht nach dem Warum fragte. Er hatte von Keith Corrinth den Auftrag, einen Mann zu erschießen, sobald dieser sich nicht an ihre Vereinbarung hielt. Das war Grund genug, den Stecher durchzuziehen.

Sie befanden sich in Chinatown. Die ganze Gang war diesmal dabei. Ross Cash und Skip Braker hatten wieder den Packard genommen, der Boss, Bonson und Hammersmith waren im metallic blauen Chrysler gefahren.

Jetzt betraten sie das „Chinese Lantern“, ein für diese Gegend erstaunlich exklusives Lokal, hinter dessen Fassade es allerdings gärte. Li, der Besitzer, verdiente seine tägliche Reisration nicht überwiegend durch den Ausschank alkoholischer Getränke, sondern durch den Verkauf von Rauschgift, das Betreiben einer Spielhölle und durch ein gutgehendes Bordell.

Li war erfolgreich und listig. Aber das genügte ihm nicht. Hin und wieder spürte er das Bedürfnis, anderen Großen einen Schaden zuzufügen. Sie sollten wissen, dass sie sich vor ihm in Acht zu nehmen hatten. Er griff dabei nicht zu offenen Gewaltaktionen, sondern intrigierte und war dabei meistens erfolgreich.

Auch Keith Corrinth hatte er schon manches lukrative Geschäft verdorben, und Corrinth war nicht der Mann, der sich das auf die Dauer gefallen ließ. Cole Hammersmith hatte nun also den Auftrag erhalten, Li zu töten.

Der Boss kannte sich in den Räumlichkeiten leidlich gut aus. Er hatte recht, wenn er sagte, dass kein Risiko dabei war, auf den Chinesen zu zielen. Man brauchte nur den Moment abzupassen, wenn sich Li in der Bar aufhielt. Es gab einen Nebenraum. Von dort aus ließ sich der Anschlag ungefährdet ausführen. Der Chinese rechnete nicht mit einem Attentat in seinen eigenen Räumen.

Der Plan war klar. Keith Corrinth würde den Chinesen in der Bar in ein Geschäft verwickeln. Cash und Braker fiel die Aufgabe zu, den Nebenraum abzusichern, damit der Todesschütze nicht gestört wurde. Cole Hammersmith erreichte diesen Raum über einen Schleichweg, den der Boss über einen Mittelsmann herausgefunden hatte, ohne von Lis Leuten erwischt zu werden. Es gab wirklich nichts Einfacheres auf der Welt, als den Mann mit dem Zopf ins Jenseits zu befördern.

Aber Cole Hammersmith weigerte sich, es zu tun. Er war kein Mörder, das wusste er seit dem Auftauchen des echten Woody Bonson genau. Leider hatte er noch nicht die geringste Ahnung, wie er verhindern sollte, dass er einer wurde ohne selbst ins Gras zu beißen.

Er stand in dem abgedunkelten Raum und konnte durch einen Sehspalt den ganzen Barraum beobachten. Dies war eine von vielen Sicherheitseinrichtungen, die der Chinese hatte einbauen lassen, um Überraschungen vorzubeugen. Nun sollte er ausgerechnet dadurch die größte und letzte Überraschung seines Lebens erfahren.

Woody Bonson stand neben dem Mann mit der Walther. Auch er hielt jetzt seine Waffe in der Hand, doch er legte sie noch nicht an. Weder auf Hammersmith noch auf Li.

Keith Corrinth stand neben dem Chinesen. Sie sprachen angeregt miteinander und lachten sogar ab und zu. Niemand hätte geglaubt, dass sich die beiden alles andere als gut verstanden, und dass der Amerikaner das Todesurteil über den Asiaten gesprochen hatte.

„Worauf wartest du noch?“, zischte der Killer. „Die Gelegenheit ist günstig. Du drückst ab, und bei dem allgemeinen Durcheinander, das anschließend in der Bar entsteht, verschwinden wir ungesehen von hier. Du riskierst überhaupt nichts.“

Nur mein Gewissen, dachte Cole Hammersmith. Ich könnte nie wieder froh sein. Dieser Chinese hat mir nichts getan. Warum sollte ich ihn töten? Nur um mein eigenes Leben zu retten?

„Du weißt, was der Boss gesagt hat“, erinnerte Woody Bonson gehässig. „Entweder Li oder du. Es gibt nur diese beiden Möglichkeiten. An deiner Stelle würde ich nicht zögern.“

Der Boss! Diesem Schuft hatte er sein ganzes Elend zu verdanken. Hatte er nicht viel eher den Tod verdient als Li?

Cole Hammersmith schwenkte die Walther unmerklich und hatte nun Keith Corrinth vor dem Lauf. Er zielte genau auf die Stelle zwischen dessen glitzernden Augen. Langsam krümmte er seinen Finger.

Er erschrak und hätte um ein Haar abgedrückt. Was tat er? Auch Corrinth durfte er nicht töten. Auch das wäre Mord. Selbst wenn Corrinth genau solch ein Verbrecher war wie Li und beide keine Lücke in der Menschheit hinterlassen würden. Aber sie waren nun mal Menschen. Er konnte es nicht tun.

„Schieß!“, hörte er Woody Bonsons Stimme dicht neben seinem Ohr. Er spürte, wie sich etwas Hartes in seine Seite drückte. Da begriff er, dass er ein toter Mann war, falls er sich weigerte die Tat auszuführen, oder den Boss niederschoss.

Der Lauf der Walther wanderte wieder zu dem Chinesen zurück, der gerade sein fistelndes Lachen hören ließ. Es klang unangenehm, aber noch unangenehmer würde der Schuss klingen. Und trotzdem blieb ihm keine andere Möglichkeit. Er musste es tun.

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Bount Reiniger hatte sämtliche Namen und Plätze, die ihm Harriet Hammersmith genannt hatte, notiert. Nun fuhr er diese Stationen in der Hoffnung ab, irgendwo auf den Gesuchten zu stoßen. Er war sich im Klaren, dass das eine sehr vage Hoffnung war.

Während er seinen Mercedes 450 SL durch die nächtlichen Straßen peitschte, hatte er das Bild der entsetzten Frau vor Augen, die nicht glauben konnte, dass ihr Mann ein Killer war. Und er sah die ernste Betsy und den kleinen, ahnungslosen Jim, denen er den Vater erhalten wollte.

Die Hafengegend ließ er aus. Dort arbeiteten Toby Rogers' Männer. Wenn es etwas zu finden gab, würden sie es finden, wenn auch vielleicht zu spät.

Bount Reiniger blickte auf die Uhr. Er war schon annähernd drei Stunden unterwegs. Eine Stecknadel in dem berühmten Heuhaufen zu finden, musste ein Kinderspiel dagegen sein. Er hätte tausend Augen gebraucht und einen Wagen, mit dem er überall gleichzeitig war.

Sekunden später erfuhr er, dass er tatsächlich über mehr Augen verfügte als nur über seine eigenen. June March, die unermüdlich im Büro die Stellung hielt, rief ihn an und war mächtig aufgeregt.

„Stell dir vor, eben hat der blasse Joss angerufen. Er hat den cremefarbenen Packard vor dem „Chinese Lantern“ entdeckt.“

Bount Reiniger war wie elektrisiert. „Irrtum ausgeschlossen?“, fragte er.

„Die Zulassungsnummer stimmt. Es könnte höchstens sein ...“

„Ich fahre hin“, unterbrach sie Bount Reiniger und hängte ein. Er befand sich in der Christopher Street, musste also nach Südosten fahren. Hoffentlich kam er nicht zu spät!

Er stellte alle Geschwindigkeitsrekorde in den Schatten. Direkt vor dem chinesischen Lokal war kein Parkplatz mehr frei, aber er entdeckte den Packard und war zuversichtlich, wenigstens die beiden Gangster Cash und Braker zu schnappen und aus ihnen mehr herauszupressen.

Er stellte den Mercedes gut hundert Schritte entfernt ab und kehrte zurück. Er warf nur einen flüchtigen Blick in den Barraum. Hammersmith hatte ihm die beiden gut beschrieben. Er hätte sie sofort erkannt. Sie waren nicht da.

Aber einen anderen Mann sah er, von dem er ebenfalls eine Beschreibung hatte. Am Tresen stand der Boss mit der Halbglatze und unterhielt sich mit einem Chinesen, bei dem es sich offensichtlich um den Besitzer handelte.

Bount Reiniger hatte genug gesehen. Die lauernden Blicke des Gangsters waren ihm nicht entgangen. Immer wenn der Chinese in eine andere Richtung gesehen hatte, war sein Blick zu dem Flaschenregal gewandert, als wollte er sich mit ihm unterhalten.

Der Detektiv wusste zwar nicht, was hier ablief, aber er konnte sich allerhand zusammenreimen. Offenbar befand sich hinter dem Regal ein Raum, dem das besondere Interesse des Gangsters gehörte. Der Chinese schien davon nichts zu ahnen.

Bount Reiniger zog sich schleunigst zurück. Er betrat wenig später das Gebäude durch einen Hintereingang. Mit Hilfe seines verblüffenden Orientierungssinnes gelang es ihm, den Gang zu finden, der direkt zu dem Barraum führen musste.

Ein paar lahme Gestalten hingen hier herum und rauchten. Sie schenkten ihm kaum einen Blick. Aber Bount Reiniger wusste, dass sie sich verstellten. In Wirklichkeit waren sie nicht hier, um die Luft zu verräuchern. Das hätten sie auch in einer schöneren Umgebung tun können. Es handelte sich eindeutig um Ross Cash und Skip Braker. Sie standen Schmiere. Das war klar.

Bount hielt die Hände in den Taschen. Er torkelte auf die beiden zu und grinste einfältig. Als er sich auf gleicher Höhe mit dem schwächlichen Ross Cash befand, riss er die rechte Faust aus der Tasche und donnerte sie ihm unters Kinn. Gleichzeitig hielt er seine Automatic in der Linken und stieß sie Braker in den Bauch.

„Ein Ton, und es war dein letzter“, raunte er. Auf Cash achtete er nicht mehr. Der eine Schlag hatte den Burschen völlig ausgepunktet.

In Skip Braker zuckte jeder Nerv, aber er war nicht verrückt genug, sein Lebensende zu beschleunigen. Ihm konnte nicht viel passieren. Da drin befand sich ja Woody Bonson. Mit dem konnte es keiner aufnehmen.

„Wo ist der Mann, den ihr für Bonson gehalten habt?“, fragte Bount Reiniger kaum hörbar.

Braker kapierte sofort. Das musste ein Bulle sein oder dieser Schnüffler, an den sich der Idiot gewandt hatte. Ihm war auch klar, dass sie der Wagen draußen auf der Straße verraten hatte. Doch was machte das jetzt schon. Er schickte diesen Narren einfach zu Bonson hinein, und der erledigte alles weitere. Der Killer war sagenhaft schnell.

„Da drin“, sagte er. „Wir haben ihn gefesselt, damit er nicht türmt.“

„Sehr weise“, meinte Bount Reiniger und griff nach der Türklinke. Er sah nicht das teuflische Grinsen des Gangsters.

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Die Hand zitterte. Cole Hammersmith dachte daran, was mit ihm geschah, wenn er das Ziel verfehlte, und zwang sich zu größerer Ruhe.

„Jetzt!“, zischte Woody Bonson. „Er steht genau richtig. Du kannst gar nicht danebenschießen.“

Der Killer hatte recht. Bei der kurzen Distanz war das unmöglich. Cole Hammersmith biss die Zähne zusammen. Es gab für ihn keinen Ausweg. Er nahm die zweite Hand zu Hilfe, und nun bewegte sich die Mündung nicht mehr.

Als er den Zeigefinger krümmte, spürte er den Widerstand. Er war nicht groß. Man brauchte kaum Kraft, ihn zu überwinden und damit ein Menschenleben auszulöschen.

Er erreichte den Druckpunkt und schloss die Augen. Er wollte sein Opfer nicht stürzen sehen.

„Woody, schieß!“, schrie jemand hinter ihm. Die Tür wurde aufgerissen. Licht fiel auf ihn. Er war wie betäubt.

Der Killer schoss gedankenschnell, aber gleichzeitig raste eine rötliche Feuerzunge auf ihn zu. Jemand schrie gellend auf.

Bonson riss Hammersmith an sich und benutzte ihn als Deckung, aber da war Bount Reiniger schon mit mächtigen Sprüngen bei ihm. Er schlug unerbittlich zu.

Woody Bonson hatte den Mann fallen sehen. Nur aus diesem Grunde hatte er nicht gleich zum zweiten Mal abgedrückt. Er begriff noch, dass er den Falschen getroffen haben musste. Zu mehr reichte es nicht mehr. Bounts Haken schickte ihn auf eine lange Reise mit schönen Träumen, in denen viele bunte Dollarscheine eine Hauptrolle spielten.

Bount Reiniger suchte den Lichtschalter. Er sah sofort, dass Skip Braker tödlich getroffen war. Sein Instinkt, der ihm geraten hatte, sich nach dem Öffnen der Tür sofort zu Boden zu werfen, hatte den Detektiv vor der Kugel des Killers bewahrt.

Bount nahm dem todbleichen Mann die Pistole aus der Hand.

„Ich muss zu Harriet und den Kindern“, stieß Cole Hammersmith hervor.

„Zu Harriet?“, wiederholte Bount überrascht. „Sie erinnern sich?“

Der andere sah ihn fassungslos an. Erst jetzt wurde ihm bewusst, was seine Worte bedeuteten.

„Ich ... ich kann das gar nicht begreifen“, stammelte er. „Es ist, als hätte jemand einen dicken Vorhang beiseite gezogen. Ich bin Cole Hammersmith, ein Vertreter, aber fast wäre ich zum Killer geworden.“

„Und diesem Schock haben Sie vermutlich Ihr Gedächtnis zu verdanken“, sagte Bount erleichtert. Er kümmerte sich um die bewusstlosen Gangster und legte ihnen Handschellen an.

„Der Boss ist in der Bar“, erklärte Hammersmith. „Sie müssen ihn fangen. Er heißt Keith Corrinth.“

Bount winkte ab. „Ich bin sicher, dass die Polizei inzwischen das Gelände umstellt hat. Der Halunke entkommt uns nicht.“

Tatsächlich war die Polizei von June March alarmiert worden. Aber die Beamten hatten eine negative Nachricht. „Hier ist in den letzten Minuten keiner herausgekommen. Es muss einen Verbindungsgang zu den Nachbargebäuden geben.“

Bount fluchte innerlich. Er kehrte in den Barraum zurück, und sein Gesicht verzog sich zu einem Strahlen. Vor dem Tresen stand noch immer Keith Corrinth. Li, der Chinese richtete einen schweren Revolver auf ihn.

„Sie haben sich viel Zeit gelassen, meine Herren“, sagte der Asiat vorwurfsvoll. „Als ich die Schießerei hinter mir hörte, stand für mich fest, dass nur mein lieber Freund Corrinth dahinterstecken konnte. Befreien Sie mich bitte von seiner Gegenwart.“

Keith Corrinth spuckte Gift und Galle, was ihm aber nichts nützte. Er wurde abgeführt.

„Ich bringe Sie zu Ihrer Familie, Mister Hammersmith“, sagte Bount, als alle Formalitäten erledigt waren.

Cole Hammersmith sah noch immer wie ein Gespenst aus. Die Erkenntnis, dass er nur durch das Erscheinen des Detektivs daran gehindert worden war, einen Menschen zu töten, überwältigte ihn.

„Ich muss Ihnen noch etwas sagen, Mister Reiniger“, erklärte er mit bebender Stimme. „Ich bin kein ehrlicher Mensch. Ich bin ein Betrüger, und jetzt weiß ich auch, dass ich nur dadurch in diese verhängnisvolle Lage geraten bin. Ich habe Bonson die Brieftasche gestohlen und wurde deshalb für ihn gehalten. Ich glaubte, mit ein paar kleinen Gaunereien meinen Kindern ein angenehmeres Leben bieten zu können, aber jetzt habe ich gelernt, dass zu einem angenehmen Leben ein sauberes Gewissen gehört. Ich will alles zurückzahlen, was ich erschwindelt habe, und wenn ich Tag und Nacht dafür schufte. Betsy und Jim sollen sich einmal nicht wegen ihres Vaters schämen müssen.“

Er schluchzte hemmungslos und ließ sich von Bount zum Wagen bringen.

Bount nahm sich vor, mit allen Opfern, die Hammersmith begaunert hatte, zu sprechen. Wenn sie auf eine Anzeige verzichteten, würde es Cole Hammersmith leichter werden, sein Versprechen einzulösen.

ENDE

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Der Hunderttausend-Dollar-Job

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Krimi von Wolf G. Rahn

Der Umfang dieses Buchs entspricht 117 Taschenbuchseiten.

Ein junges Mädchen läuft Bount Reiniger spätabends vor das Auto. Bevor der Privatdetektiv ihr helfen kann, verschwindet sie spurlos. Tags drauf wird Reiniger von Gordon Hepford, dem Vater des Mädchens, beauftragt, die verschwundenen Tagebücher seiner Tochter Sarah wiederzufinden. Offensichtlich ist der Inhalt höchst brisant, denn Sarah wird vor den Augen ihres Vaters und Reinigers entführt. Die Gangster fordern die Herausgabe der Tagebücher gegen Sahras Freilassung, denn die Kidnapper sind davon überzeugt, der Detektiv habe sie – doch der steht vor einem Rätsel ...

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Die Hauptpersonen des Roman:

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Gordon Hepford - Er sorgt sich mehr um seinen Ruf als um seine Tochter.

Sarah Hepford - Ihre Beobachtungen finden wenig Beifall. Ein Platz im Hudson ist für sie schon reserviert.

Nat Gilbert - Er ist entschlossen, schon in jungen Jahren das ganz große Geld zu verdienen.

Daniel Hurston - Er versteht es, Druck auszuüben. Dabei sitzt ihm selbst eine Laus im Pelz.

Mickey, Blacky, Bull - Verrat wird bei ihnen hart gesühnt.

June March - ist Bounts Assistentin und hilft ihm bei seinen Fällen.

Bount Reiniger - ist Privatdetektiv.

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Bount Reiniger befand sich in ausgezeichneter Stimmung. Nach langer Zeit hatte er wieder mal Muße für einen Theaterbesuch gefunden. Die Aufführung von „Evita“ war ein Volltreffer gewesen. Jetzt überlegte er, ob er den Abend noch durch einen kurzen Barbesuch verlängern sollte. Für den morgigen Tag stand nichts Dringendes an. Das Gespräch mit Boyd Findow war erst für den Nachmittag vereinbart.

Er fuhr mit seinem Mercedes 450 SL vom Broadway herunter, denn hier stockte der Verkehr wie immer, wenn die Theater ihre Besucherströme ausspien.

Die Straße glänzte. Es hatte ein wenig geregnet, doch es reichte nicht aus, die Hitze, die in den Wolkenkratzerschluchten hing, zu vertreiben

Bount gähnte. Er entschloss sich, doch nach Hause zu fahren. Einmal richtig auszuschlafen, war auch etwas, was er sich nicht oft gönnte. Das war mehr wert als ein Drink und eine Plauderei mit einem flüchtigen Bekannten, den er unweigerlich getroffen hätte.

Er fuhr jetzt auf der 69sten Straße. Sie war frei, und er konnte etwas mehr Gas geben. Der Motor brummte zufrieden auf.

Plötzlich sah Bount einen Schatten vor seinen Wagen huschen. Instinktiv trat er auf die Bremse, denn zum Ausweichen war es zu spät.

Die Reifen wimmerten auf und radierten über den Asphalt. Bount blickte in zwei aufgerissene Augen, die direkt auf ihn zurasten. Dann erfolgte ein dumpfer Laut. Der Wagen kam zum Stehen.

Bount zerbiss einen Fluch, während er auf die Straße sprang, um sich zu vergewissern, was passiert war. So viel stand fest: Jemand war ihm direkt vor den Kühler gelaufen. Entweder in voller Absicht oder aus Unaufmerksamkeit.

Es handelte sich um ein Mädchen mit kurzen, braunen Haaren. Es war höchstens sechzehn Jahre alt, wenn es auch einen gut entwickelten Eindruck machte. Die Augen hatte es geschlossen, doch es atmete. Bount fühlte den Puls und suchte nach einer Verletzung. Der Zusammenstoß war nicht sehr stark gewesen. Er hoffte, dass er ohne ernstliche Folgen geblieben war.

Ein Auto fuhr an ihm vorbei und hupte. Der Fahrer begriff nicht, was hier geschehen war.

Nennenswerte äußere Verletzungen konnte Bount nicht entdecken. Lediglich ein paar Schrammen hatte das Mädchen davongetragen. Trotzdem war es besser, wenn sich ein Arzt darum kümmerte.

Bount betrachtete das hübsche Gesicht, während er sich bemühte, das Mädchen zu sich zu bringen. Was mochte der Grund für diese kopflose Tat gewesen sein? Verzweiflung? Angst? Oder nur Zerstreutheit und übergroße Eile? Auf jeden Fall hätte es schlimm ausgehen können.

„Hören Sie mich?“, fragte er immer wieder und klopfte ihr leicht auf die Wange, die ziemlich schmutzig war.

Seine Bemühungen hatten endlich Erfolg. Das Mädchen schlug die Augen auf, hübsche, aber ängstliche, braune Augen.

Offensichtlich kam es mit der Situation nicht zurecht. Es begriff nicht, was geschehen war.

„Sie sind mir vor den Wagen gelaufen, Miss, aber Sie haben noch einmal Glück gehabt. Wie fühlen Sie sich?“

„Ich ... ich weiß nicht. Wer sind Sie?“

„Mein Name ist Bount Reiniger. Ich bringe Sie jetzt zu einem Arzt und anschließend nach Hause. Stützen Sie sich auf meinen Arm. Sie brauchen keine Angst zu haben.“

Bount sagte das nicht ohne Grund, denn das Mädchen riss die Augen entsetzt auf, als hätte er es mit seiner Pistole bedroht.

Er hob sie hoch, da sie keine Anstalten traf, sich aufzurichten.

In diesem Augenblick sprang ihn etwas von hinten an, und eine wütende Stimme krächzte: „Lass sie los, du Dreckskerl!“

Bount taumelte und versuchte, nicht zu stürzen, da er das Mädchen hielt.

Er erhielt den nächsten Hieb, der mit Kraft und Wut geführt wurde. Ihm blieb nun nichts anderes übrig, als sich seinem unerwarteten Gegner zu stellen.

So vorsichtig wie möglich ließ er das Mädchen los und schnellte herum. Seine Hände waren geballt, bereit zuzuschlagen.

Es gelang ihm gerade noch, einen Schlag abzuwehren, der voll sein Kinn getroffen hatte. Er schlug den Arm zur Seite und konterte geschickt.

Der Angreifer war ein langmähniger blonder Bursche, dessen Gesicht wutverzerrt war. Er war vielleicht achtzehn Jahre alt. Auf irgendeine Weise schien er zu dem Mädchen zu gehören. Vielleicht hatte er aber auch nur die falschen Schlüsse aus Bounts Bemühungen um die Angefahrene gezogen.

„Lassen Sie uns drüber reden“, schlug Bount vor.

Doch der Bursche wollte nicht reden, und wenn, dann mit den Fäusten. Das verstand er erstaunlich gut. Er veranstaltete ein wahres Trommelfeuer, von dem Bount allerdings den größten Teil abblockte und die passende Antwort nicht schuldig blieb.

„Sie geht dich nichts an“, schrie der Langmähnige. „Lass die Finger von ihr, sonst lernst du mich richtig kennen.“

Auf Drohungen reagierte Bount Reiniger für gewöhnlich aggressiv. So auch diesmal. Er war sich keiner Schuld bewusst. Nur seiner Reaktionsschnelligkeit hatte das Mädchen es zu verdanken, dass es noch lebte oder zumindest nicht schwer verletzt war. Er wollte helfen und hatte nicht nötig, sich von einem hergelaufenen jungen Bengel zur Rechenschaft ziehen zu lassen.

Mit scharfem Auge erspähte er eine Deckungslücke und schoss eine Gerade hinein.

Sein Widersacher stieß einen gurgelnden Laut aus. Er brauchte einige Zeit, um den Treffer zu verdauen.

Diese Zeit gewährte ihm Bount aber nicht. Er hatte nicht die Absicht, die Auseinandersetzung länger als nötig auszudehnen. Er hatte sich entschieden, sein Bett aufzusuchen, und das würde er auch tun, sobald er das Mädchen versorgt hatte. Von diesem Lümmel mit der Löwenmähne ließ er sich nicht aufhalten.

Er schickte einen Haken hinterher, was ein schmerzgequältes Ächzen zur Folge hatte.

„Dich erwische ich schon noch“, versprach der Angeschlagene und schüttelte seine Fäuste. Gleichzeitig aber zog er sich zwei Schritte zurück. Er zeigte Respekt vor seinem Gegner, den er überrumpelt zu haben glaubte.

„Hau ab!“, rief Bount Reiniger. „Burschen deiner Machart habe ich schon vor mir hergejagt, als ich noch in die Schule ging.“ Er ging auf den anderen zu, und seine Miene versprach nichts Angenehmes.

Da nahm der Halunke seine Beine in die Hand und rannte davon. Er überquerte die Straße mit langen Sätzen. Auf der gegenüberliegenden Seite wandte er sich noch einmal um und zeigte ein grimmiges Gesicht. Er hob einen faustgroßen Pflasterstein auf und schleuderte ihn in die Richtung des Detektivs.

Bount fing das Geschoss mit beiden Händen auf. Er wollte verhindern, dass es die Karosserie seines Wagens beschädigte.

„Wir sehen uns wieder, Opa!“, brüllte der Junge zornig. „Du wirst noch bereuen, dass du mich angefasst hast.“

Damit verschwand er endgültig, und Bount maß seiner Drohung keine Bedeutung bei. Falls er und das Mädchen zusammengehörten, würde es ihm erklären müssen, wie alles zusammenhing. Ansonsten war eine zweite Begegnung einigermaßen unwahrscheinlich.

Bount kehrte zum Wagen zurück, um nun endlich die Unbekannte zum Arzt zu fahren, aber sie war verschwunden. Offensichtlich hatte sie die Zeit des kurzen Kampfes benutzt, sich unbeobachtet davonzustehlen.

Im ersten Moment ärgerte sich Bount darüber, aber schon bald schloss er daraus, dass das Mädchen demnach keine ärztliche Hilfe benötigte. Das war ein gutes Zeichen.

Allerdings blieb die Sorge, dass es sich vielleicht doch in voller Absicht vor seinen Wagen geworfen hatte und diesen Versuch wiederholen könnte.

Der Gedanke ließ ihn nicht los. Bount warf sich hinter das Lenkrad und ließ den Motor aufheulen. Er suchte die umliegenden Straßen ab, hatte aber keinen Erfolg. Nirgends entdeckte er die Fremde. Sie blieb wie vom Erdboden verschluckt. Allem Anschein nach hatte sie der überstandene Schreck von weiteren Unüberlegtheiten abgehalten.

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Trotzdem ließ ihm das Erlebnis keine Ruhe. Bount ließ am nächsten Morgen von June March einen ganzen Stapel Zeitungen besorgen und daraufhin durchsehen, ob eine Notiz von einem Selbstmordversuch eines jungen Mädchens zu finden war.

Er selbst setzte sich mit Toby Rogers, dem befreundeten Leiter der Mordkommission Manhattan C/II, in Verbindung. Toby sollte sich ein bisschen bei den Kollegen umhorchen. Ein Verkehrsunfall mit mehr oder weniger schweren Auswirkungen hätte bekannt sein müssen.

Unfälle hatte es in der vergangenen Nacht eine ganze Reihe gegeben, doch bei keinem war ein Mädchen beteiligt gewesen, auf das Bounts Beschreibung passte.

„Ich glaube, du brauchst darüber nicht nachzugrübeln“, meinte der schwergewichtige Captain. „Wahrscheinlich kam die Kleine gerade aus einer Disco und war in Gedanken noch bei ihrem Freund, als sie dir vor den Wagen lief. Sie ist davongerannt, weil ihre Eltern vielleicht nichts davon wissen dürfen. Sie kann es auch mit der Angst zu tun bekommen haben, als du dich plötzlich zu prügeln anfingst.“

„Angefangen hat der Bengel“, stellte Bount richtig. „Aber vermutlich hast du recht, Toby. Meine Sorge ist unbegründet. Wie geht es dir sonst so? Kein Mangel an Arbeit?“

Toby Rogers ließ ein giftiges Lachen hören. „Das bleibt ein Wunschtraum. Grüße June von mir!“

„Werde ich besorgen.“ Bount legte den Hörer auf und richtete June die aufgetragenen Grüße aus.

Seine blonde Mitarbeiterin hatte sich inzwischen durch den Zeitungsstapel gewühlt. Ohne Erfolg.

Bount war erleichtert und wandte sich einigen Akten zu, die er noch durcharbeiten wollte, bevor er sich mit Boyd Findow unterhielt.

Lange konnte er aber nicht in Ruhe arbeiten.

June befand sich gerade in der kleinen Küche, die sich an sein Büro anschloss, um einen Kaffee zu bereiten, als das Telefon anschlug.

„Detektei Reiniger“, meldete er sich. „Büro für private Ermittlungen.“

Der Mann am anderen Ende der Leitung vergaß, seinen Namen zu nennen. Er kam gleich zur Sache.

„Sind Sie an einem guten Geschäft interessiert, Mister Reiniger?“

„An Geschäften bin ich immer interessiert“, gab Bount zurück. „An guten ganz besonders. Was kann ich für Sie tun?“

„Verkaufen Sie mir die Bücher! Sie können ohnehin nichts damit anfangen, aber für zehn Riesen haben Sie vermutlich eine Verwendung.“

Bount war alles andere als ein Langsamdenker, doch diesmal war er überfordert.

„Von welchen Büchern sprechen Sie?“, erkundigte er sich.

Er hörte ein meckerndes Lachen, das aber gleich wieder verstummte. „Stellen Sie sich nicht ahnungslos. Ich meine die Tagebücher, die sich in Ihrem Besitz befinden. Wenn Ihnen zehn Riesen zu wenig sind, dann nennen Sie mir Ihren Preis. Man kann schließlich über alles reden.“

„Das ist grundsätzlich richtig, Mister, doch es ist schwierig, über Dinge zu reden, von denen man nichts weiß. Ich führe kein Tagebuch, und wenn, dann würde ich es bestimmt nicht verkaufen. Ich fürchte, Sie haben sich in der Adresse geirrt.“

„Diese Sorge quält mich nicht. Ich weiß genau, dass Sie die Bücher haben. Warum wollen Sie ein Geheimnis daraus machen? Sie sind doch ein kluger Kopf.“

„Es gibt Ausnahmen“, erklärte Bount. Es war ihm ein Rätsel, was der Unbekannte eigentlich meinte. „Falls Sie nicht bereit sind, deutlicher zu werden, halte ich es für das Beste, unser kleines Gespräch zu beenden. Ich gehöre zu den Menschen, die für ihr Geld hart arbeiten müssen.“

„Zwanzigtausend, und dafür brauchen Sie überhaupt nicht zu arbeiten. Wie gefällt Ihnen das?“

Bount fischte sich eine Pall Mall aus der Packung und zündete sie an. Er blies den Rauch über den Schreibtisch. Sein Gesicht war angespannt.

„Sie bieten mir zwanzigtausend Dollar für ein paar Bücher, die ich nicht besitze?“

Der andere wurde eine Spur lauter. „Sie wiederholen sich, Reiniger. Wenn Sie den Preis in die Höhe treiben wollen, brauchen Sie das nur zu sagen. Aber Ihr dämliches Gequatsche schmeckt mir nicht. Ich lasse mich nämlich nicht gern für dumm verkaufen. Verstanden?“

„Sie sprechen ja laut und deutlich. Aber durch Schreien allein wird Ihr Ansinnen nicht verständlicher.“

„Sie halten sich offenbar für sehr gescheit. Dabei vergessen Sie aber, dass es immer einen noch Gescheiteren gibt. Ich biete Ihnen ein faires Geschäft an. Wenn Sie das ablehnen, kann ich auch ungemütlich werden. Verdammt ungemütlich sogar. Das sollten Sie bei Ihrer Entscheidung berücksichtigen. Ich bekomme die Bücher. So oder so. Sie finden Ihren Meister.“

„Und wer sind Sie?“

„Probieren Sie’s lieber nicht aus, Reiniger. Ich mache Ihnen jetzt mein letztes Angebot. Fünfzigtausend Dollar in bar. Sie erhalten das Geld im Austausch gegen die Bücher. Danach werden wir nie wieder etwas miteinander zu tun haben. Wenn Sie kein Narr sind, erklären Sie sich einverstanden.“

Fünfzigtausend Dollar in bar! Wer zahlte eine derartige Summe für ein paar Tagebücher? Was stand in diesen Büchern? Sicher waren es nicht nur belanglose Aufzeichnungen, wie sie Teenager über ihre ersten Liebeserlebnisse festzuhalten pflegten.

Schlagartig klingelte es bei Bount Reiniger. Teenager? Hatte er nicht erst gestern mit einem jungen Mädchen Kontakt gehabt? Es war durchaus denkbar, dass der Anrufer das beobachtet hatte und nun der Meinung war, dessen Tagebücher befänden sich in seinem Besitz.

Dadurch wurde auch die Erregung der Kleinen verständlicher. Sie fühlte sich bedroht.

Bount Reiniger dachte an den langmähnigen Burschen, der ihn angegriffen hatte. War er der Unbekannte am Telefon? Dieser Schluss drängte sich geradezu auf, wenn er auch die Stimme nicht wiedererkannte.

Auf jeden Fall hielt er es für angebracht, ab sofort etwas diplomatischer vorzugehen. Ihn schreckte nicht die Drohung des anderen, doch wenn jemand bereit war, fünfzigtausend Dollar zu zahlen, dann war er auch entschlossen, seinen Willen durchzusetzen. Unter Umständen musste das Mädchen es büßen, falls er auf stur schaltete.

„Ihr Angebot kommt ein wenig überraschend für mich“, lenkte Bount zögernd ein. „Ich kenne Sie nicht und weiß nicht, ob ich Ihnen trauen kann. Wie haben Sie sich die Übergabe vorgestellt?“

Der Anrufer lachte zufrieden. „Na also! Das hört sich ja schon vernünftiger an. Das möchte ich Ihnen auch geraten haben. Ich schlage vor, wir treffen uns an einem Ort, an dem keiner den anderen hereinlegen kann. Sie bringen die Bücher und ich das Geld. Während Sie die Mäuse zählen, vergewissere ich mich, ob Sie mir keine Fälschungen andrehen wollen. Danach trennen wir uns wieder und vergessen unser kleines Geschäft. Was halten Sie davon?“

„Hört sich vernünftig an“, meinte Bount Reiniger.

„Das ist es auch, Reiniger. Ich habe kein Interesse, Sie zu betrügen. Allerdings erwarte ich, dass auch Sie ein ehrliches Spiel spielen, sonst ...“

„Sonst können Sie ungemütlich werden, ich weiß. Wo wollen wir uns treffen?“

„Kennen Sie den Flushing Cemetery?“

„Drüben in Queens?“

„Richtig. Ich erwarte Sie dort in zwei Stunden. Kommen Sie allein! Falls Sie einen Trick versuchen, wird es Ihr letzter sein.“

„Ihre Argumente sind wirklich sehr anschaulich“, sagte Bount Reiniger spöttisch. Insgeheim überlegte er, ob der Mann in so kurzer Zeit fünfzigtausend Dollar in bar auftreiben konnte. Vermutlich hatte er das gar nicht vor. Er warnte zwar vor Tricks, doch zweifellos wollte er sich selbst nicht an die Spielregeln halten.

„Ich bin mit dem Treffpunkt einverstanden“. erklärte er, „nicht jedoch mit der Zeit.“

„Wieso nicht?“

„Sie haben anscheinend vergessen, dass ich ein Detektivbüro unterhalte. Ich verdiene meine Brötchen damit, dass ich anderen Menschen meine Dienste anbiete. Mein Terminkalender ist für diese Woche ausgebucht. In zwei Stunden treffe ich mich mit einem wichtigen Klienten.“

„Zahlt er Ihnen auch fünfzig Riesen?“ Der Mann am anderen Ende der Leitung schnaufte verächtlich. „Sagen Sie dem Kerl ab.“

„Wie stellen Sie sich das vor? Man rechnet mit meiner Zuverlässigkeit. Ich gehe nicht mit Ihnen ein Geschäft ein, um mich auf der anderen Seite zu ruinieren. Ich will versuchen, ob ich einen Termin verschieben kann. Das bedarf aber einer genauen Prüfung. Schließlich liegt es weder in Ihrem noch in meinem Interesse, irgendwelchen Verdacht zu erregen.“

„Wie lange brauchen Sie?“, kam es argwöhnisch.

„Melden Sie sich morgen wieder, oder geben Sie mir am besten Ihre Telefonnummer, dann kann ich Sie anrufen.“

„Diesen Vorschlag meinen Sie doch wohl nicht ernst, Reiniger. Also gut, ich melde mich morgen früh. Ihrer Gesundheit und weiteren Arbeitskraft zuliebe sollten Sie bis dahin mit keinem Menschen über unsere Abmachung reden. Falls Sie glauben, mich austricksen zu können, werden Sie eine unangenehme Überraschung erleben. Beweisen Sie, dass Sie tatsächlich so klug sind, wie einige Leute Sie einschätzen. Es lohnt sich.“

Das Knacken in der Leitung verriet, dass der Mann aufgelegt hatte.

Bount Reiniger hielt noch immer gedankenverloren den Hörer in der Hand, als ihm June die Tasse mit dem dampfenden Kaffee vor die Nase stellte.

„Schlafende soll man zwar nicht stören“, sagte sie, „trotzdem möchte ich dich darauf aufmerksam machen, dass es unweigerlich eine Überschwemmung auf deinem Schreibtisch gibt, wenn dir jetzt der Hörer aus der Hand fällt.“

„Ich schlafe nicht“, behauptete Bount brummig.

„Du sahst aber so aus. Hat dich der Anruf ermüdet?“

Bounts Augen blitzten. „Ganz im Gegenteil, Kleines. Er hat mich aufgeweckt. Ich habe eine Ahnung, dass ich in nächster Zeit hellwach sein muss. Jemand hat mir eine Rolle in einem Stück zugedacht, von dem ich das Drehbuch noch nicht kenne.“

„Und was wirst du tun?“, erkundigte sich June, setzte sich auf die Schreibtischkante und schlug ihre schlanken Beine übereinander.

Bount zögerte nur kurz, bevor er antwortete: „Ein Schauspieler muss improvisieren können, selbst wenn ihm die erforderlichen Requisiten fehlen. Ich werde meinen Part gelernt haben, bis sich der Vorhang öffnet, und bis dahin will ich auch meine Mitspieler kennen.“

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Bount besaß über sein Vorgehen noch keine konkreten Vorstellungen. Nur eines stand für ihn fest: Er dachte nicht daran, sich von irgendjemandem Vorschriften machen zu lassen. Schon gar nicht, wenn dieser Jemand ein achtzehnjähriger Kraftprotz war, der mit größter Wahrscheinlichkeit ein linkes Ding plante.

Er besprach den Fall mit June, und sie teilte seine Ansicht, dass der unbekannte Anrufer alles andere im Sinn hatte als ein ehrliches Geschäft.

„Wenn du wenigstens den Namen der Kleinen wüsstest“, meinte sie.

„Weiß ich aber nicht. Sie hat ihn mir nicht verraten und war so schnell verschwunden. Im Übrigen ist es bisher nur eine Vermutung, dass sie mit den bewussten Tagebüchern etwas zu tun hat.“

„Aber eine ziemlich wahrscheinliche Vermutung. Kannst du dir vorstellen, dass sie in ein Verbrechen verwickelt ist?“

Bount hob die Schultern. „Darüber kann ich unmöglich urteilen. Sie hat ja kaum ein paar Worte gesprochen und war sehr erregt. Dem Aussehen nach ist sie nichts weiter als ein nettes Mädchen, doch danach kann man heute leider nicht gehen. Ich werde eine Beschreibung von ihr anfertigen, und dann klappern wir sämtliche Discotheken im Umkreis der 69sten Straße ab. Vielleicht haben wir Glück und erfahren etwas über sie.“

„Es ist auch möglich, dass sie in der Gegend wohnt“, gab June zu bedenken.

„Kluges Kind“, lobte Bount. „Ich habe auch nicht die Absicht, bis zum Abend zu warten. Selbstverständlich werden wir uns schon vorher erkundigen. In jedem Haus. Wir müssen ganz einfach eine Spur finden.“

„Das wird ein schönes Stück Arbeit“, sagte June ahnungsvoll, „und kein sehr abwechslungsreiches. Was hältst du davon, wenn uns Wilkie ein bisschen dabei hilft?“

Bount grinste. Wilkie Lenning war sein Freund und gelegentlicher Mitarbeiter. Er kannte sich im Discomilieu bestens aus, und wenn es darum ging, ein hübsches Mädchen aufzuspüren, zeigte er besonderen Ehrgeiz.

„Gute Idee“, sagte er anerkennend. „Du kannst ihn gleich anrufen und auf seine Aufgabe vorbereiten. Hoffentlich ist er nicht schon wieder umgezogen.“

June hängte sich ans Telefon, erreichte den ewigen Wandervogel aber nicht.

Unterdessen sprach Bount eine exakte Beschreibung des Mädchens ins Mikrofon des Diktiergerätes und war selbst überrascht, an wie viele Einzelheiten er sich noch erinnern konnte. Er verfügte eben über eine scharfe Beobachtungsgabe und ein ausgezeichnetes Gedächtnis. Beides war in seinem Beruf unerlässlich und hatte ihm schon oft wertvolle Dienste geleistet.

June tippte den Text später in die Maschine und stellte gleich genügend Durchschläge her.

Bounts Terminkalender war keineswegs so ausgefüllt, wie er den Anrufer hatte glauben machen wollen. Ihm lag lediglich daran, Zeit zu gewinnen, damit er seine Position verbessern konnte. Er rief sogar Boyd Findow an und bat ihn um Verschiebung ihrer Unterredung.

Mister Findow, der befürchtete, bei einem größeren Immobiliengeschäft betrogen zu werden, war zwar ungehalten, zeigte aber schließlich doch Verständnis, als Bount ihm anvertraute, dass es um Leben und Tod ging.

„Ganz so schlimm ist es hoffentlich nicht“, meinte er danach zu June, „aber Findows Sorgen dulden einen geringfügigen Aufschub. Notiere bitte, dass ich ihn morgen Nachmittag um vier Uhr erwarte. Bis dahin muss die andere Frage geklärt sein. Länger lässt sich mein großzügiger Partner kaum hinhalten.“

June verschwand wieder im Vorzimmer, weil es geläutet hatte, und Bount versuchte noch einmal, ob er Wilkie Lenning irgendwo erreichte.

Man nannte ihm die Adresse eines Tonstudios, in dem Wilkie angeblich für eine Schallplattenfirma ein paar Aufnahmen machen sollte. Diese Information stellte sich zwar als richtig heraus, doch der Gitarrist war schon wieder fort. Es hatte technische Schwierigkeiten gegeben.

Bount war ärgerlich. Wilkie wäre eine große Hilfe gewesen. Er konnte nicht länger warten. Vielleicht gelang es ihm, ihn von unterwegs zu erreichen. Er hatte auf alle Fälle ausrichten lassen, dass er angerufen werden wollte, und wie er Wilkie kannte, nahm er eine solche Bitte ernst.

Bount wollte eben June rufen, aber da steckte sie bereits den blonden Wuschelkopf durch die Verbindungstür und meldete einen neuen Klienten.

„Warum hast du nicht einen späteren Termin mit ihm vereinbart?“, fragte Bount ungehalten. „Du weißt doch, dass wir jetzt keine Zeit haben. Wir müssen das Mädchen finden. Das ist momentan unsere wichtigste Aufgabe.“

„Vielleicht hörst du dir doch erst mal an, was Mister Hepford auf dem Herzen hat“, meinte seine Volontärin unbeirrt.

Bount wusste aus Erfahrung, dass June ein ausgezeichnetes Gespür für wichtige und belanglose Dinge besaß. Wenn sie ihm diesmal widersprach, musste sie einen triftigen Grund dafür haben.

„Also gut“, sagte er seufzend. „Er soll reinkommen. Aber wenn er mich nur unnötig aufhält, ziehe ich dir den Hosenboden stramm.“

June ließ ein fröhliches Lachen hören. „Verstanden, Daddy!“, sagte sie.

Dann verschwand sie, und Sekunden später erschien ein gut gekleideter Herr von ungefähr fünfzig Jahren in der Tür, der einen erregten Eindruck machte. Er war mittelgroß, von gedrungener Gestalt, und seine dunkelblonden Haare waren auf dem besten Weg, sich von seinem Kopf zu verabschieden. Er hatte die wenigen Strähnen mühsam zu einer Frisur geordnet.

Seine Augen wurden durch eine dicke Brille verkleinert. Dadurch wirkten sie noch aufgeregter, was durch seine fahrigen Bewegungen noch unterstrichen wurde.

„Nehmen Sie bitte Platz, Mister Hepford“, bat der Detektiv. „Ich nehme an, dass Ihnen meine Mitarbeiterin gesagt hat, dass wir uns momentan ziemlich im Stress befinden. Ich kann Ihnen nicht versprechen, dass ich Ihren Auftrag sofort übernehmen kann. In einigen Tagen jedoch werde ich wieder Zeit für Sie haben. Worum geht es?“

Der Besucher räusperte sich verlegen. Offensichtlich wusste er nicht, wie er beginnen sollte. Diese anfängliche Scheu, mit seinen persönlichen Problemen zu einem wildfremden Menschen zu kommen, erlebte Bount Reiniger bei vielen seiner Kunden. Die weitaus meisten hatte er schnell davon überzeugen können, dass er ihr Vertrauen verdiente.

„Mein Anliegen, Mister Reiniger, wird Ihnen vielleicht etwas läppisch vorkommen“, begann Hepford schleppend, „doch ich versichere Ihnen, dass ich Sie nicht nur aus einer Laune heraus um Hilfe bitte. Ich bin im Immobiliengeschäft tätig, und ich darf sagen, dass mein Name in dieser Branche einen guten Klang hat. Man kennt mich und weiß meine Arbeit zu schätzen. In gewisser Weise kann man uns beide vergleichen. Wenn jemand einen Privatdetektiv benötigt, stößt er unweigerlich auf Sie, Mister Reiniger. Geht es um eine schwierige Grundstückstransaktion, fällt früher oder später mein Name.“

Bount blieb äußerlich vollkommen ruhig. Doch in seinem Gehirn begannen sich die Räder zu drehen. Hatte dieser Mann etwas mit Boyd Findow zu tun, der ebenfalls seinen Rat in einem Immobiliengeschäft gesucht hatte? War Hepford dessen Partner, dem er misstraute?

Doch diese Gedanken wischte Hepford mit seiner nächsten Erklärung vom Tisch.

„Je bekannter und erfolgreicher man ist“, fuhr er fort, „umso breitere Angriffsflächen bietet man für zwielichtiges Gesindel. Ich denke, Sie verstehen, was ich damit meine.“

Bount sah seinen Besucher forschend an. Er versuchte, in dessen Gesicht zu lesen, aber Hepford ließ ihm für Spekulationen keine Zeit.

„Ich fürchte, dass ich erpresst werden soll.“

Etwas Ähnliches hatte sich Bount gedacht. Er bot seinem Gegenüber eine Pall Mall an, die er dankbar entgegennahm. Nachdem er ihm Feuer gegeben hatte, zündete er sich selbst eine Zigarette an, und die ersten Züge rauchten sie schweigend.

Bount pflegte seine Kunden normalerweise nicht zu drängen. Erpressung war ein Verbrechen, bei dem er für gewöhnlich seine Hilfe nicht versagte. Wenn Hepford tatsächlich so erfolgreich war, ging es vermutlich um bedeutende Beträge, die sich irgendein Halunke unter den Nagel reißen wollte.

Das Dumme war nur, dass er den Fall unmöglich sofort übernehmen konnte. Das unbekannte Mädchen ging ihm nicht aus dem Kopf. Er fürchtete, dass der langmähnige Bursche der Kleinen noch eine Menge Unannehmlichkeiten bereiten würde.

„Gibt es einen dunklen Punkt in Ihrer Vergangenheit, mit dem man Sie erpressen könnte?“, erkundigte er sich. „Ich schlage Ihnen vor, mir die volle Wahrheit zu sagen. Nur so kann ich Ihnen wirklich helfen.“

„Ich habe auch nicht vor, Ihnen etwas zu verschweigen“, versicherte Hepford. „Sonst hätte ich mich erst gar nicht an Sie gewandt. Allerdings trifft Ihre Vermutung nicht zu. Ich habe eine strenge, aber ausgezeichnete Erziehung genossen. Meine Eltern prägten mir schon frühzeitig ein, dass man wirkliche, dauerhafte Erfolge nur auf dem geraden Weg erzielen kann. Nein, es gibt nichts, was ich verbergen müsste, und auch meiner Frau gegenüber habe ich ein reines Gewissen. Wir haben keinerlei Geheimnisse voreinander. Ich habe nie einen Anlass gesehen, sie zu betrügen.“

„Was ist es also dann?“ Bount wurde langsam unruhig. Die Zeit rann dahin. Jene Zeit, die er mit viel Mühe seinem unbekannten Anrufer abgerungen hatte.

„Es handelt sich um meine Tochter Sarah“, erklärte Hepford und senkte unwillkürlich seine Stimme, als fürchtete er, belauscht zu werden. „Sie ist ein liebes, anständiges Mädchen, die meiner Frau und mir viel Freude macht. Aber die Jugend unterliegt heutzutage anderen Gesetzen als wir früher. Man kann sie auch schließlich nicht zu jeder Stunde beaufsichtigen. Kurz und gut, Sarah ist da vor einiger Zeit in schlechte Gesellschaft geraten. Sie hat an gewissen Partys teilgenommen, die sie in ihrer Unerfahrenheit völlig falsch einschätzte. Immerhin ist sie erst fünfzehn. Sie war klug genug, schnell zu erkennen, dass sie damit ihren Ruf ruinieren würde, und stieg schleunigst aus, aber sie war harmlos genug, ihre Erlebnisse in ihrem Tagebuch festzuhalten. Dieses Buch, genau genommen handelt es sich um zwei Stück, wurde ihr gestohlen.“

Bount hatte Mühe, seine Überraschung nicht zu zeigen. Dass es hier ebenfalls um Tagebücher ging, war bestimmt kein Zufall. Er ging jede Wette ein, dass es sich um genau jene Unterlagen handelte, für die jemand fünfzigtausend Dollar zahlen wollte.

Fast hätte er Hepford gefragt, ob er selbst dieser Jemand sei, doch dann sagte er sich, dass darin keine Logik lag, und schwieg.

„Sie werden begreifen, Mister Reiniger“, sagte Hepford und atmete schwer, „dass diese Bücher nicht ohne Grund verschwunden sind. Man will mich unter Druck setzen. Meine Tochter hat mich ohne böse Absicht und ohne es zu wissen in eine schwierige Lage gebracht. Niemand wird danach fragen, ob auf den Partys etwas geschehen ist, dessen sich eine Hepford schämen müsste. Sarahs Anwesenheit allein genügt dem Erpresser und denen, denen er seine Informationen preisgeben würde, falls ich nicht zahle.“

„Er ist also bereits mit Forderungen an Sie herangetreten“, vermutete Bount Reiniger.

Hepford schüttelte den Kopf, und eine seiner kunstvoll drapierten Haarsträhnen fiel ihm ins Gesicht.

Mit einer hastigen Bewegung schleuderte er sie zurück, wodurch er allerdings die ganze lächerliche Frisur in Unordnung brachte. „Nein“, sagte er. „Noch hat er keine Verbindung mit mir aufgenommen. Ich möchte ihm zuvorkommen. Bevor er begreift, was er in den Händen hat und sich seine Strategie zurechtlegt, sollen Sie ihm seine Beute abjagen. Ich hoffe, dass seine Vorsicht und sein Misstrauen im Moment noch nicht so groß sind.“

„Ich verstehe. Sie erwarten also von mir, dass ich Ihnen die gestohlenen Tagebücher wiederbeschaffe, die Ihre Tochter kompromittieren könnten.“

„Exakt. Von Ihrer Sekretärin habe ich Ihre Honorarforderungen erfahren. Ich bin damit einverstanden und versichere Ihnen, dass ich mich bei Ihrer Spesenabrechnung nicht kleinlich verhalten werde. Mir liegt daran, dass die Sache schnell aus der Welt geschafft wird. Die gedankenlose Dummheit meiner Tochter kann mir enormen Schaden zufügen. Ein guter Ruf, besonders bei einem Mann, der auf das Vertrauen seiner Geschäftspartner angewiesen ist, ist schneller zerstört, als man ihn jemals wieder aufbauen könnte.“

„Da gebe ich Ihnen recht“, bestätigte Bount, nur um etwas zu sagen. Er brauchte etwas Zeit, um seine Gedanken zu ordnen. Diese Tagebuchgeschichte wurde immer verzwickter, und er war weit davon entfernt, alles zu glauben, was man ihm erzählte.

Selbstverständlich war es möglich, dass sich alles so verhielt, wie Hepford behauptete. Andererseits boten sich noch weitere Erklärungen an, warum er an den Tagebüchern so interessiert war. Vielleicht hatte er selbst an den bewussten Partys teilgenommen. Vielleicht erschien sein Name dort, und er wurde aus diesem Grunde erpresst. Die erste Frage, die er klären musste, war also, ob es sich bei Sarah wirklich um Hepfords Tochter handelte.

Der geheimnisvolle Anruf fand nun ebenfalls seine Begründung. Zweifellos steckte einer jener Männer dahinter, deren Namen gleichfalls in den Büchern vermerkt waren. Sicher auch ein Geschäftsmann mit untadeligem Leumund, der in aller Heimlichkeit Spaß an neckischen Spielen mit blutjungen Partnerinnen fand.

Bount beschloss, Hepford zunächst nichts von diesem Anruf zu sagen. Erst wollte er sich Gewissheit verschaffen, worum es tatsächlich ging. Sein Besucher war zweifellos an der Wiederbeschaffung der Bücher interessiert. Sein wahres Motiv spielte dabei vorläufig keine Rolle. Er besaß ein Interesse daran, die richtige Spur zu finden.

„Haben Sie irgendeinen Verdacht“, erkundigte sich der Privatdetektiv, „wer für den Diebstahl in Frage kommt?“

Hepford verzog bekümmert sein Gesicht.

„Natürlich habe ich mir diese Frage längst gestellt, Mister Reiniger“, bestätigte er, „aber ich bin zu keinem Ergebnis gelangt.“

„Beschäftigen Sie Personal, das Zugang zu dem Zimmer Ihrer Tochter hat?“

„Allerdings. Doch für diese Leute lege ich meine Hand ins Feuer. Sie sind schon seit vielen Jahren in unseren Diensten. Ich traue weder Emily noch Brad eine Schurkerei zu. Im Übrigen“, er grinste wie ein ertappter Gauner, „habe ich heimlich ihre Zimmer durchsucht, jedoch nichts gefunden.“

„Das beweist noch nichts“, widersprach Bount. „Natürlich würden sie die Bücher nicht in Ihrem Haus lassen, sondern zum Beispiel in einem Schließfach deponieren. Wer könnte von dem Inhalt der Tagebücher gewusst haben? Stehen irgendwelche Namen darin?“

„Diese Fragen kann ich Ihnen nicht beantworten.“

Bount war überrascht. „Haben Sie Ihre Tochter nicht danach gefragt?“

Hepford biss sich auf die Unterlippe. „Ich muss zugeben, dass Sarah nicht bereit war, mit meiner Frau oder mir über den Inhalt zu sprechen. Sie schämt sich schrecklich und möchte das Ganze so schnell wie möglich vergessen.“

„Aber sie hat Ihnen doch von den Partys und dem Verschwinden der Bücher erzählt.“

„Das hat sie allerdings, doch nur, weil wir sie in einem ziemlich erregten Zustand zur Rede stellten. Sie weinte und schwor, dass sie keine Einzelheiten preisgeben würde. Ich halte es auch für das Beste, wenn sie an die peinlichen Erlebnisse nicht mehr erinnert wird. Meine Tochter ist sehr sensibel, müssen Sie wissen.“

„Aber sie dürfte die Einzige sein, die uns weiterhelfen kann“, vermutete Bount. „Ich muss auf alle Fälle mit ihr sprechen.“

Hepford zeigte ein betretenes Gesicht. „Lässt sich das nicht vermeiden, Mister Reiniger?“

„Ich fürchte nein. Da Sie selbst keine Angaben machen können, muss ich mich an Ihre Tochter halten. Sie haben übrigens nicht zufällig ein Foto von ihr bei sich?“

„Ein Foto? Nein. Oder warten Sie. Ich glaube, da müsste ein Familienbild sein.“ Er kramte in seiner dicken Brieftasche und reichte Bount schließlich eine etwas zerknitterte Fotografie, auf der vier Menschen zu sehen waren.

Hepford selbst war gut darauf zu erkennen. Neben ihm stand eine etwas unscheinbare Frau, die Bount auf vierzig oder etwas älter schätzte. Ein jüngerer Mann wurde durch das Ehepaar halb verdeckt. Er hatte sein Gesicht zur Seite gewandt und blickte nach rechts. Dort stand ein Mädchen, das Bount auf Anhieb wiedererkannte. Das Foto konnte vor noch nicht allzu langer Zeit geschossen worden sein.

Er tippte mit dem Finger darauf und fragte: „Ist sie das?“

Hepford nickte heftig. „Das ist Sarah. Auf diesem Bild lacht sie, doch das hat sie momentan verlernt. Ich bitte Sie wirklich, das Mädchen aus Ihren Ermittlungen herauszuhalten. Ich könnte mir vorstellen, dass Sie vielleicht in ihrem Zimmer auf Hinweise stoßen. Sicher existieren außer den Tagebüchern noch andere Notizen.“

„Haben Sie schon danach gesucht?“, wollte Bount wissen.

„Nur flüchtig. Dann fiel mir ein, dass sich besser ein Fachmann darum kümmern sollte. Werden Sie mir helfen?“

Bount hatte sich längst entschlossen, den Fall zu übernehmen. Im Grunde steckte er ja schon seit der vergangenen Nacht mittendrin. Allerdings nahm er sich vor, auf alle Fälle auch mit Sarah zu reden. Er hatte sie kennengelernt. Immer wahrscheinlicher wurde, dass sie vor dem Langmähnigen davongelaufen war. Zweifellos brauchte sie am ehesten seine Hilfe. Sie durfte ganz einfach nicht mit ihren Schwierigkeiten allein gelassen werden.

Falls sie ihn wider Erwarten nicht auf eine brauchbare Spur führte, musste er sich wohl oder übel an den Anrufer halten. Er ahnte jetzt schon, dass es mit dem beachtliche Schwierigkeiten geben würde.

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Die Hepfords besaßen ein Haus im äußersten Osten von Queens, nahe der Stadtgrenze.

Bount vereinbarte mit seinem Auftraggeber, dass sie gemeinsam dorthin fahren würden, damit er unverzüglich die Ermittlungen aufnehmen konnte. Um beweglicher zu sein, benutzte er seinen eigenen Wagen, Hepford fuhr mit ihm.

„Mein Chauffeur wartet in der Nähe des Tishman Buildings auf mich“, sagte Hepford. „Er braucht nicht zu wissen, dass ich die Hilfe eines Privatdetektivs benötige. Ich sage ihm Bescheid, dass er nach Hause fahren kann, und erwarte Sie dann in der 52sten. Unterwegs können wir noch miteinander reden.“

Bount war einverstanden.

Nachdem sich Hepford vorübergehend verabschiedet hatte, gab Bount June den Auftrag, Informationen über den Mann einzuholen.

„Mich interessiert, ob er jemals mit dem Gesetz in Konflikt geraten ist. Es ist möglich, dass er mir die volle Wahrheit gesagt hat. Genauso denkbar ist aber auch das Gegenteil. Ich werde das Gefühl nicht los, dass es ihm nicht recht wäre, wenn ich Sarah zu heikle Fragen stelle. Irgendetwas verschweigt er mir. Dass du äußerst diplomatisch vorgehen musst, brauche ich wohl nicht extra zu betonen.“

„Das versteht sich von selbst“, bestätigte die Blondine. „Immerhin müssen wir ihm dankbar sein. Durch sein Auftauchen sparen wir uns die Suche nach Sarah.“

„Stimmt. Darüber bin ich auch sehr erleichtert.“

„Du hast Mister Hepford nicht erzählt, dass du seine Tochter bereits kennengelernt hast?“

„Ich habe vorläufig nicht die Absicht, ihm mehr zu verraten, als er seinerseits für nötig hält. Erst wenn ich davon überzeugt bin, dass er sämtliche Karten auf den Tisch gelegt hat, werde auch ich ihm reinen Wein einschenken.“

June March lächelte vielsagend. „Du verfolgst einen bestimmten Plan. Habe ich recht?“

Bount seufzte. „Ich wollte, es wäre so, aber im Augenblick sehe ich nur einen riesigen Heuhaufen vor mir, in dem ich die berüchtigte Stecknadel aufspüren soll.“

„Am einfachsten wäre es doch abzuwarten, bis Hepford tatsächlich erpresst wird. Dann bieten sich ganz andere Möglichkeiten zum Eingreifen.“

„Daran habe ich auch schon gedacht“, gab Bount zu. „Doch ich sehe noch eine andere Version. Falls wirklich von anrüchigen Partys in den Tagebüchern die Rede ist, könnte er daran interessiert sein, die Unterlagen mit den Namen in seine Hände zu bekommen und damit selbst im Trüben zu fischen.“

June blickte ihren Boss ungläubig an. „Du meinst, dass er selbst irgendwelche Leute erpressen möchte?“

„Es ist nur eine Vermutung. Vielleicht gehen seine Immobiliengeschäfte längst nicht so gut, wie er uns glauben machen möchte. Ein kleiner Nebenverdienst ist da nicht zu verachten.“

„Deshalb willst du also wissen, ob er sich schon mal an krummen Dingern versucht hat.“

„Du bleibst eine der beiden Klügsten in unserer Detektei“, erklärte Bount und zwinkerte ihr zu. Im nächsten Moment verließ er das Büro und konzentrierte sich auf seine Aufgabe.

Er fuhr mit dem Lift in die Tiefgarage, holte den Mercedes aus der Box und fuhr zu dem vereinbarten Treffpunkt, an dem Hepford bereits auf ihn wartete.

„Ich bin so froh, dass Sie mir helfen wollen, Mister Reiniger“, betonte er. „Ich möchte Ihnen, vor allem auch im Namen meiner Frau, danken. Sie ist ein herzensguter Mensch, aber einer Situation, die nicht in ihre gewohnte Ordnung passt, steht sie hilflos gegenüber.“

„Für einen Dank ist es noch zu früh“, erinnerte ihn Bount Reiniger, während er den Wagen in südlicher Richtung lenkte. „Vorläufig stehen wir ganz am Anfang.“

Er bemühte sich, das Gespräch wachzuhalten und ein paar Details aus Hepford herauszulocken, aber entweder wusste der Geschäftsmann tatsächlich nicht mehr oder aber, er verhielt sich äußerst geschickt.

Am Times Square bog er in die 42ste Straße ein und fuhr nach Osten. Er benutzte den Queens Midtown Tunnel und erreichte auf diesem Weg den anderen Stadtteil jenseits des East Rivers.

Über den Long Island Expressway kam er ziemlich dicht am Flushing Cemetery vorbei. Dort sollte er den anonymen Anrufer treffen, der ebenfalls an den Tagebüchern interessiert war.

Wieder drängte sich Bount Reiniger die Frage auf: In wessen Besitz befanden sich diese Aufzeichnungen eines Teenagers im Moment, und welches Geheimnis bargen sie?

Als er das Hepford'sche Haus sah, begriff er, dass dieser Mann eine Menge zu verlieren hatte. Seine Geschäfte schienen tatsächlich ausgezeichnet zu gehen. Ein niederträchtiger Erpresser konnte ihn im Handumdrehen ruinieren.

„Wenn Sie zur Rückseite des Hauses fahren“, sagte Hepford, „finden Sie ausreichenden Parkplatz. Dort ist Ihr Wagen auch vor der Sonne geschützt. Wir können dann gleich den Hintereingang benutzen. Das ist bequemer.“

Bount lenkte den Silbergrauen um den Gebäudekomplex herum.

Hepford hatte nicht übertrieben. Der von weit ausladenden Akazien überschattete Parkplatz bot Raum für mindestens zwölf Fahrzeuge. Ein einsamer blutroter Dodge war momentan der einzige Benutzer. Trotz der übersichtlichen Anlage stand er so, dass er fast die ganze Zufahrt versperrte. Bount musste seine ganze Geschicklichkeit aufbieten, um mit dem anderen nicht zu kollidieren.

Hepford zog die Stirn in Falten. „Besuch?“, wunderte er sich. Damit hatte er offensichtlich nicht gerechnet. „Am besten, Sie stellen Ihren Wagen dort hinüber.“ Er deutete auf die äußerste Ecke des asphaltierten Platzes. „Dort ist das gute Stück vor solchen Anfängern sicher.“

Gewohnheitsmäßig wendete Bount den Mercedes und stellte ihn so ab, dass er im Bedarfsfall sofort losfahren konnte.

Als er den Motor abstellte und den Zündschlüssel abzog, erstarrte er, und auch Hepford stieß einen Schreckensruf aus.

Aus dem Haus traten drei Männer. Ihnen gehörte offenbar der Dodge. Sie machten einen üblen Eindruck, und Bount war sicher, dass jeder von ihnen in der Verbrecherkartei mehrerer Polizeidienststellen zu finden war oder aber zumindest dorthin gehörte.

Während der Erste, ein stämmiger Kerl mit brutalem Gesicht, zum Wagen lief und die hintere Tür aufriss, schleppten die beiden anderen ein Mädchen herbei, das sich heftig wehrte, aber gegen die Übermacht nichts auszurichten vermochte: Sarah!

„Mein Kind!“ Hepford war totenblass geworden. Er war unfähig, sich zu rühren. Der Schreck lähmte ihn.

Anders verhielt sich Bount Reiniger. Wenn er auch nicht damit gerechnet hatte, dass das Mädchen, das er vor wenigen Stunden fast überfahren hätte, aus ihrem Elternhaus entführt werden würde, so gab es bei ihm keine messbare Reaktionszeit. Er riss die Automatic aus der Schulterhalfter, schrie Hepford zu, in Deckung zu gehen, und sprang aus dem Wagen.

Natürlich hatten ihn die Gangster ebenfalls entdeckt und bemühten sich nun, ihr Opfer schnellstens in dem Wagen zu verfrachten. Bount hatte keine Möglichkeit, von seiner Waffe wirkungsvoll Gebrauch zu machen.

„Lasst das Mädchen los!“, rief er schneidend. „Wenn ihr ihm auch nur ein Haar krümmt, werdet ihr das Lachen verlernen.“

Die Verbrecher waren unangenehm berührt, in die Mündung einer Waffe zu blicken. Sie hatten sich ihren Coup problemloser vor gestellt.

Sie tauschten blitzschnelle Blicke, erkannten aber sofort ihren Vorteil. Sie hatten ja ihre Geisel. Ihr unerwartet aufgetauchter Gegner konnte überhaupt nichts unternehmen. Hier diktierten sie, was zu geschehen hatte.

Wie auf Kommando rissen die beiden Kidnapper, die Sarah hielten, das Mädchen nach vorn, dass es einen lebenden Kugelfang bildete.

„Schieß doch!“, höhnte einer. Seine borstigen, roten Haare standen ihm nach allen Seiten vom kugeligen Kopf weg. Er besaß Froschaugen, doch zum Lachen war sein Anblick keineswegs. Besonders jetzt nicht.

Sein Kumpan griff blitzschnell unter seinen zu weiten Pullover und förderte einen Revolver zutage, den er offensichtlich im Hosenbund versteckt gehabt hatte. „Mit solchen Dingern können wir auch ganz gut umgehen“, behauptete er, und Bount Reiniger glaubte es ihm aufs Wort.

Er sah Sarahs erschrecktes Gesicht und überlegte fieberhaft, wie er dem Mädchen helfen konnte, ohne es zu gefährden. Noch wusste er nicht, wie die Halunken in einer ausweglosen Situation reagieren würden.

„Beeilt euch endlich!“, plärrte der Dritte, der inzwischen den Motor angelassen hatte.

Die beiden anderen gehorchten. Sie zerrten Sarah zum Auto. Bount Reiniger benutzte den Augenblick, in dem der Mann sein Schießeisen senkte, weil er seinem Partner helfen musste, das widerstrebende Mädchen ins Innere zu stoßen, um sich mit ein paar schnellen Schritten in die Nähe des Hauses zu bringen.

Hier gab es die Hintertür, die ihm Deckung bot und gleichzeitig eine leidliche Kontrolle der Gangster erlaubte.

Die Kidnapper durchschauten seine Absicht.

Der Revolvermann, ein Kerl, an dem alles eckig war, gab einen Schuss ab, und Bount hechtete durch die offene Tür, wobei ein Glassplitterregen auf ihn niederging. Das Geschoss hatte eine Fensterscheibe zertrümmert.

Ein Fluch folgte.

Sarah schrie auf und wimmerte anschließend. Einer der Burschen hatte sie ins Gesicht geschlagen, um ihren Widerstand zu brechen.

Bount schob sich ein Stück aus seiner Deckung heraus. Er wollte einen der Reifen zerschießen und damit die Flucht vereiteln.

Zwei Schüsse trieben ihn wieder zurück. Trotzdem wagte er sich erneut vor. Er musste es tun, denn wenn das Mädchen erst einmal entführt war, ließ es sich schwer wiederfinden. Die Autonummer, die er sich gewohnheitsmäßig einprägte, half ihm sicher nicht weiter. Es sollte ihn wundern, wenn der Dodge nicht gestohlen worden war.

Mister Hepford kauerte noch immer im Mercedes. Er schlug die Hände vors Gesicht. Mehr tat er nicht für die Befreiung seiner Tochter. Er hatte auch keine Möglichkeit.

Der Dodge fuhr an. Die Türen flogen krachend zu.

Bount Reiniger richtete sich blitzschnell auf und zielte auf den ihm zugewandten Hinterreifen. Gleichzeitig drückte er ab.

Er spürte einen Schlag gegen den Arm, und eine Stimme kreischte in sein Ohr: „Du Mörder! Du elender Bandit! Was hat dir meine Tochter getan? Gib sie frei!“

Bount Reiniger sah voller Wut, dass der Dodge ungehindert davonraste. Seine Kugel hatte durch den Überraschungsangriff der aufgebrachten Frau nicht getroffen. Er schickte zwar noch eine weitere Kugel hinterher, doch er wusste schon vorher, dass er damit nur Munition verschwendete.

Die Frau klammerte sich an ihn und versuchte mit aller Kraft, ihn zurückzuhalten, denn sein erster Gedanke war, dass er den Gangstern folgen müsse.

„Verdammt!“, schrie er und schüttelte die Frau ab. „Ich will Ihrer Tochter helfen. Lassen Sie mich endlich los, sonst ist es zu spät.“

Mrs. Hepford konnte unmöglich wissen, wer er war. Sie hielt ihn für einen der Kidnapper, was die Automatic in seiner Hand nur zu bestätigen schien.

Für lange Erklärungen war jetzt der ungeeignetste Zeitpunkt. So leid ihm dies auch tat, er musste die Frau etwas grober anfassen, als er dies normalerweise getan hätte. Sie gefährdete das Leben ihrer Tochter, obwohl sie es schützen wollte.

Er richtete die Pistole auf sie, und sie prallte prompt zurück. Zitternd blickte sie ihn an. Jetzt glaubte sie erst recht, einen Gewaltverbrecher vor sich zu haben, aber diesen Irrtum konnte er später immer noch aufklären.

Er lief zum Mercedes und rief Hepford schon von Weitem zu: „Steigen Sie aus und kümmern Sie sich um Ihre Frau! Ich versuche, die Gangster einzuholen. Weit können Sie noch nicht sein.“

Diese Vermutung entsprang einem Wunschdenken. In Wirklichkeit wusste Bount Reiniger genau, dass er kaum eine Chance besaß, den blutroten Dodge wiederzufinden. Eine halbe Minute Vorsprung reichte diesem Lumpenpack, um spurlos unterzutauchen und bei passender Gelegenheit den Wagen zu wechseln.

Trotzdem versuchte er es. Da Hepford für seine Begriffe viel zu träge reagierte und ihn mit Fragen und Vorwürfen bestürmen wollte, versetzte er ihm einfach einen Stoß und beförderte ihn damit aus dem Wagen. Rücksichten konnte er momentan nicht nehmen.

Der Mercedes 450 SL vollführte einen Satz. Bount trat das Gaspedal durch, jagte vom Parkplatz herunter, am Haus vorbei und raste die Auffahrt hinunter.

Die Automatic legte er neben sich auf den Beifahrersitz. Von dort konnte er sie jederzeit erreichen.

Ihm war klar, dass sich die Kidnapper ohne Einsatz von Waffengewalt nicht zur Herausgabe ihres Opfers überreden lassen würden.

Doch er brauchte die Pistole nicht. Wie schon befürchtet, bekam Bount Reiniger den Dodge nicht mehr zu Gesicht. So sehr er sich auch bemühte, so sehr er seine Augen aufhielt und den Wagen immer wieder in neue Steinstraßen peitschte, es war aussichtslos. Da er nicht einmal die Richtung kannte, in die sich die Entführer gewandt hatten, wäre es ein Zufall gewesen, wenn er Erfolg gehabt hätte. Der Zufall aber war nicht auf seiner Seite.

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Nach über einer Stunde kehrte er zu den Hepfords zurück. Das Bewusstsein, dass ausgerechnet die besorgte Mutter die Entführung ermöglicht hatte, ärgerte ihn gewaltig.

Trotzdem bemühte er sich, Ellen Hepford zu trösten und ihr immer wieder zu versichern, dass den Gangstern wahrscheinlich sowieso die Flucht gelungen wäre, obwohl er davon keineswegs überzeugt war.

Ellen Hepford sah etwas älter aus als auf dem Foto, das er gesehen hatte. Sie wirkte abgehärmt, obwohl ihr Mann ihr zweifellos ein Leben ermöglichte, das zumindest frei von finanziellen Sorgen war. Sie trug ein schlichtes, aber nicht gerade billiges Hauskleid. Ihre schon angegrauten Haare hatte sie hochgesteckt. Dadurch wurde eine sehr hübsche, frauliche Nackenpartie sichtbar.

Ihre Augen waren vom Weinen gerötet. Von ihrem Mann hatte sie die wahren Zusammenhänge erfahren, und sie konnte sich gar nicht beruhigen, dass ausgerechnet sie einem Privatdetektiv ins Handwerk gepfuscht hatte.

Bount Reiniger hatte eine Menge Fragen.

„Kennen Sie einen der Männer, die an der Entführung beteiligt waren?“ Beide schüttelten den Kopf.

„Ich habe gar nicht gemerkt, dass sie kamen“, berichtete Ellen Hepford stockend. „Emily hatte keinen Besuch gemeldet. Es kommen täglich so viele Lieferanten ins Haus, um die ich mich niemals kümmere. Erst als ich Sarah schreien hörte, begriff ich, dass etwas Furchtbares passiert sein musste. Ich rannte zu ihrem Zimmer und stieß unterwegs auf Emily. Die brutalen Kerle hatten sie niedergeschlagen. Sie war bewusstlos. Sarahs Zimmer fand ich leer. Ein Sessel und die Stehlampe waren umgeworfen worden. Alles deutete auf eine handgreifliche Auseinandersetzung hin. In diesem Moment hörte ich draußen einen scharfen Knall. Ich ahnte, dass dies ein Schuss war, und mir blieb fast das Herz stehen. Ich raste die Treppe hinunter und sah Sie, Mister Reiniger. Sie hielten eine Pistole in der Hand. Für mich stand fest, dass Sie auf meine arme Tochter zielten. Wenn ich gewusst hätte ...“ Sie brach wieder in Tränen aus.

Gordon Hepford verhielt sich ziemlich ruhig. Ihm wurde klar, dass er sich nicht gerade wie ein Held aufgeführt und die Befreiungsversuche einem Fremden überlassen hatte.

Bount Reiniger wandte sich an ihn und wiederholte seine Frage. „Sie hatten Gelegenheit, sich die Halunken genau anzusehen“, meinte er. „Ist Ihnen keiner bekannt vorgekommen?“

„Nein.“

„Hat Ihre Tochter von Leuten gesprochen, deren Beschreibung auf die Kidnapper passen könnte?“

„Sarah ist ein liebes, aber sehr verschlossenes Kind“, bekannte der Mann. „Wenn sie mit jemandem sprechen wollte, dann tat sie es mit ihrem Tagebuch. Ich selbst hatte auch immer wenig Zeit, mich um ihre Freunde oder Bekannten zu kümmern.“

„Ich habe ein gutes Verhältnis zu Sarah“, meldete sich die Mutter schluchzend. „Wir haben oft miteinander gesprochen, doch nie hatte ich den Eindruck, dass sie in Gefahr sein könnte. Was haben die Schufte nur mit dem armen Kind vor?“

In diesem Punkt konnte sich Bount Reiniger lediglich auf Spekulationen stützen. Er wusste noch zu wenig über den Fall, wenn auch beinahe jede Stunde eine neue Überraschung für ihn bereithielt.

„Ich will Sie nicht beunruhigen“, sagte Bount zögernd. Ihm tat vor allem die Frau leid, die sich zumindest für ihre Tochter eingesetzt hatte, während Gordon Hepford sich passiv verhalten hatte und mit seiner eigenen Angst kämpfte. „Aber ich halte es für richtig, Ihnen meine Befürchtungen offenzulegen. Nur so, glaube ich, kommen wir zu den notwendigen Informationen, die uns hoffentlich zu den Entführern Ihrer Tochter bringen.“

„Reden Sie, Mister Reiniger“, verlangte Hepford. Er machte jetzt wieder einen etwas forscheren Eindruck. Er brauchte nicht mehr mit einer verirrten Kugel zu rechnen. „Wir sind auf alles gefasst.“

Ellen Hepford schluchzte auf und wandte sich ab. Ihr gebeugter Rücken zitterte.

„Ich sehe drei Motive für die Entführung“, begann Bount Reiniger. „Es könnte sich um Männer handeln, die Ihre Tochter zu Handlungen zwingen wollen, gegen die sie sich auf den Partys gesträubt hat.“

Die Frau sah ihn mit entsetzten Augen an. Sie konnte das mögliche Schicksal ihres Kindes nicht fassen.

Bount Reiniger lenkte aber sofort wieder ein. „Für sehr wahrscheinlich halte ich das jedoch nicht. Der Aufwand und das Risiko, das die drei eingegangen sind, erscheint mir dafür einfach zu groß. Eher halte ich für möglich, dass sie ein Lösegeld erpressen wollen.“

„Aber sie haben doch schon die Tagebücher“, warf Gordon Hepford ein. „Die würden als Druckmittel völlig ausreichen.“

„Doppelt genäht hält besser“, widersprach Bount Reiniger mit unbewegtem Gesicht. „Außerdem steht gar nicht fest, dass sich die Bücher im Besitz dieser Männer befinden. Vielleicht sind sie nur ebenfalls hinter ihnen her und wollen Sarah zwingen, sie ihnen zu beschaffen.“ Er hielt es jetzt für an der Zeit, von dem Telefonanruf zu berichten, und er bekannte auch, dass er bereits am Vortag Sarah auf ziemlich ungewöhnliche Weise kennengelernt hatte.

Die Hepfords kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus.

„Was ich befürchtet habe“, sagte der Mann immer wieder. „Man will mich erpressen und ruinieren. Dieser Langmähnige, von dem Sie sprachen, gehört vermutlich zu den Kidnappern, und diese haben Sie auch angerufen.“

„Das könnte sein“, gab ihm Bount Reiniger recht. „Doch dann muss es noch eine zweite Partei geben, die die Bücher tatsächlich gestohlen hat. Mich wundert, dass man noch nicht mit Forderungen an Sie herangetreten ist, Mister Hepford, oder verschweigen Sie mir etwas?“

Gordon Hepford brauste auf: „Wie kommen Sie darauf, Mister Reiniger? Immerhin geht es um das Leben meiner Tochter, und ich bin aus freien Stücken zu Ihnen gekommen. Selbstverständlich habe ich Ihnen alles gesagt, was ich weiß. Dass es sehr wenig ist, tut mir selbst leid, doch ich kann es nicht ändern.“

Bount Reiniger stellte noch einige Fragen, die Sarahs Lebensgewohnheiten, ihren Umgang, ihre Lieblingsdiscotheken und eventuelle Sorgen betrafen, doch die Ausbeute war mehr als mager. Betroffen mussten die Hepfords erkennen, wie wenig sie im Grunde von ihrer Tochter wussten. Eine Erfahrung, die Eltern immer wieder machten, wenn sie mit erschreckenden Situationen konfrontiert wurden.

„Sie müssen unbedingt zum Flushing Cemetery gehen“, sagte Gordon Hepford. „Das verlange ich. Wenn Sie nichts verderben, muss Ihnen wenigstens einer der Schufte in die Hände fallen.“

Bount Reiniger kniff die Augen zusammen. Diese Sprache gefiel ihm nicht. Er ließ sich nicht herumkommandieren, schon gar nicht von einem Mann, der bis jetzt wenig getan halte, das Rätsel um die verschwundenen Tagebücher zu entschleiern.

„Sie vergessen bei Ihrer Forderung zweierlei“, sagte er mit gewellter Schärfe. „Sarah befindet sich in der Gewalt von Gangstern. Jede Niederlage können sie an ihr abreagieren. Und außerdem nützt uns der Anrufer nur bedingt etwas, denn er besitzt ja die Tagebücher nicht.“

„Sie wollen also die Verabredung nicht einhalten?“, erkundigte sich Hepford empört.

Bount Reiniger musterte ihn abschätzend. Ihm gefiel nicht, dass dem Mann offenbar mehr an den Tagebüchern als am Leben seiner Tochter lag. Ellen Hepford hatte immer wieder betont, dass sie gern auf das Haus und allen Besitz verzichten würde, wenn nur Sarah unversehrt zurückkäme. Die drohende Erpressung erschreckte sie wesentlich weniger als ihren Mann.

Immer mehr verdichtete sich bei Bount der Verdacht, dass es bei Sarahs Aufzeichnungen keineswegs nur um die Partys ging. Das Interesse Hepfords an der Wiederbeschaffung der Bücher schien einen Grund zu haben, den er noch nicht kannte und von dem möglicherweise auch die Frau keine Ahnung hatte.

„Was ich morgen tun oder nicht tun werde“, sagte er ruhig, „hängt vom weiteren Verlauf des heutigen Tages ab. Für mich steht die Sicherheit Ihrer Tochter absolut im Vordergrund. Ich werde nichts unternehmen, was ihr Leben gefährden könnte. Um jedoch die richtigen Entscheidungen treffen zu können, fehlen mir noch die notwendigen Informationen. Ich möchte deshalb zunächst mit Ihrem Personal reden.“

„Die wissen nichts“, erklärte Hepford ungehalten. Die Rüge schluckte er nur ungern.

„Das werden wir nach den Gesprächen wissen“, wies ihn Bount Reiniger erneut zurecht. „Sie sprachen in meinem Büro von zwei Angestellten.“

„Emily und Brad“, sagte Ellen Hepford. Sie hatte sich etwas beruhigt. Der große Mann, der so selbstbewusst agierte und sogar auf eine Weise mit Gordon sprach, wie es nur wenige wagten, flößte ihr Vertrauen ein. „Emily hat sich wieder leidlich von ihrem Schrecken und dem Hieb erholt. Der Arzt war bei ihr. Er hat ihr für den heutigen Tag Ruhe verordnet, aber Ihre Fragen kann sie Ihnen sicher beantworten, Mister Reiniger.“

„Bringen Sie mich zu ihr“, bat Bount. Er sah in der besorgten Mutter eine Verbündete, obwohl Hepford seine Sorge wahrscheinlich nur nicht richtig zeigen konnte. Er war eben ein kühl rechnender Geschäftsmann, der gewohnt war, seine Gefühle zu verbergen.

Emily versorgte bei den Hepfords den Haushalt. Sie war bereits über sechzig, doch als Bount Reiniger ihr seine erste Frage stellte, entpuppte sie sich als wahres Energiebündel, das manche Jüngere spielend in die Tasche steckte. Den Schock hatte sie abgeschüttelt und pfiff auf die verordnete Ruhe. Ihr einziger Gedanke galt der jungen Sarah, die sie offenbar sehr in ihr Herz geschlossen hatte.

Sie schilderte den Überfall und wusste sogar zu berichten, dass sich zwei Gangster mit Mickey und Bull angeredet hatten. Dann war alles unheimlich schnell gegangen. Der Schlag auf den Kopf hatte sie an weiteren Beobachtungen gehindert.

Sie schilderte Sarah als höfliches, hilfsbereites Mädchen, das lediglich in letzter Zeit etwas zurückhaltender geworden war.

„Irgendetwas schien sie zu bedrücken“, meinte die Haushälterin und wischte eine Haarsträhne aus ihrem erhitzten Gesicht, „aber sie sprach nicht darüber, obwohl ich ein paarmal das Gespräch darauf zu lenken versuchte. Sie lachte gern, aber Mädchen in ihrem Alter haben nun mal Probleme, die sie nicht mal mit ihrer besten Freundin besprechen wollen.“

Emily nannte ein paar Namen von Gleichaltrigen, über die Sarah hin und wieder gesprochen hatte. Bount Reiniger notierte sie sorgfältig, wenn die Frau auch keine einzige Adresse wusste. Von den Entführern hatte sie keinen gekannt. Sie wusste auch nicht, wer hinter dem Verbrechen stehen konnte.

Noch unergiebiger lief die Unterhaltung mit Brad ab. Brad, ein dürrer Mann mit einer beängstigend großen Hakennase, die ihm ein Raubvogelaussehen verlieh, stellte sich als verschlossen heraus. Er betrachtete den Detektiv fast feindselig und wertete seine Fragen als persönliche Angriffe.

„Ich mache meine Arbeit“, erwiderte er brummig, „um alles andere kümmere ich mich nicht. Ich habe Miss Hepford nur ein paarmal nach Manhattan hinübergefahren, aber meistens stand ich Mister Hepford zur Verfügung.“

Brad bekleidete die Stelle eines Chauffeurs und war darüber hinaus für alle Arbeiten im Garten zuständig. Seine großen Hände befanden sich in ständiger Bewegung. Er war nervös, das ließ sich nicht übersehen.

Bount Reiniger wendete einen Trick an, mit dem er den Mann gesprächiger zu machen hoffte. Er stachelte seinen Ehrgeiz an.

„Ich schätze Sie als intelligenten Mann ein“, sagte er, „der über eine ausgezeichnete Beobachtungsgabe verfügt. Sicher sind Ihnen Dinge aufgefallen, die man nachträglich mit den durchgeführten Verbrechen in Zusammenhang bringen könnte. Zum Beispiel müssen die Kidnapper mit den Örtlichkeiten leidlich vertraut gewesen sein. Wahrscheinlich haben sie sich schon vorher in der Gegend herumgetrieben. Vielleicht hat einer von ihnen sogar einmal die Rolle eines Lieferanten übernommen, um sich Zutritt ins Haus zu verschaffen. Sie können sich sicher daran erinnern.“

„Den Schmus können Sie sich sparen, Mister“, entgegnete Brad abweisend. „Ich habe keine Zeit, mir die Augen nach fremden Leuten auszugucken. Dafür bezahlt mich Mister Hepford nicht. Wenn Sie was wissen wollen, müssen Sie Emily fragen. Die hat so große Augen wie der Harlem Lake im Central Park und Ohren, denen nichts entgeht. Ich habe sie oft erwischt, wenn sie mit Miss Hepford gequatscht hat, anstatt das Haus in Ordnung zu halten.“

„Aber während der Fahrten nach Manhattan hat das Mädchen doch sicher auch mit Ihnen geredet“, beharrte Bount Reiniger.

Brad funkelte ihn böse an. „Wollen Sie mir etwas anhängen? Ich bin doch nicht blöd. Bei Mädchen dieses Alters halte ich mich zurück. Da kriegt man nur Ärger. Diese kleinen Luder machen sich einen Spaß daraus, unsereins in schwierige Situationen zu bringen. Nein, danke! Nicht mit mir!“

„Er wurde von seinem früheren Arbeitgeber gefeuert, weil er sich angeblich an der halbwüchsigen Tochter des Hauses vergriffen hatte“, erklärte Gordon Hepford, nachdem Brad an seine Arbeit zurückgekehrt war. „Er beteuerte allerdings, dass das Mädchen ihn provoziert habe. Eine kleine Lolita, die es aufregend fand, dass sie schon mit dreizehn in der Lage war, einen Mann zugrunde zurichten.“

Bount Reiniger kannte derartige Fälle, die nicht der Strafverfolgung unterworfen waren und die doch zum Teil Verzweiflungstaten mit kriminellem Ausgang zur Folge gehabt hatten.

„Halten Sie es für denkbar, dass Brad etwas mit der Sache zu tun hat?“, wollte er daher wissen.

„Ausgeschlossen!“, versicherte Gordon Hepford.

„Unmöglich!“ Seine Frau gab ihm in diesem Punkt recht. „Brad hat noch nie unser Vertrauen enttäuscht, und Sarah hat ihn bestimmt zu keinem Übergriff ermutigt.“

„Die Vokabeln ausgeschlossen und unmöglich habe ich schon vor langer Zeit aus meinem Wortschatz gestrichen“, meinte Bount Reiniger ernst. „Ich habe Menschen kennengelernt, die sich so gut zu kennen glaubten wie sich selbst, und doch wussten sie herzlich wenig voneinander. Auf unserer guten, von manchem Sturm geschüttelten Erde gibt es kein größeres unerforschtes Geheimnis als den Menschen. An ihm wird man noch in Tausenden von Jahren herumrätseln.“

„Aber wenn man seit Jahren mit einem Menschen zusammenlebt, weiß man zumindest, ob es sich um eine verbrecherische Natur handelt“, entgegnete Ellen Hepford. „Für Brad trifft das nicht zu. Er liebt seine Arbeit und ist ein gebranntes Kind.“

„Gerade deshalb könnte sich ein Hass gegen diese jungen Dinger in ihm aufgestaut haben, und an Sarah möchte er ihn nun abreagieren.“ Bount Reiniger war weit davon entfernt, einem Unschuldigen ein Verbrechen anzuhängen. Er verfolgte nur jede Möglichkeit. Brad verkörperte eine dieser Möglichkeiten, und sogar eine recht plausible.

Nur wenige kannten sich so gut im Hause Hepford aus wie der Chauffeur. Er konnte sich durchaus die Tagebücher angeeignet haben. Für ihn war es verhältnismäßig leicht, seinen Arbeitgeber zu erpressen, und mit seiner Hilfe ließ sich das Risiko der Entführung verringern. Er hatte nur seinen Komplizen mitzuteilen brauchen, dass sich Hepford nicht im Haus befand.

Fraglos nur eine Theorie, aber eine, die wie angegossen passte.

Bount Reiniger hatte etwas gegen Lösungen, die zu glatt aussahen. Deshalb hütete er sich davor, Brad stärker als jeden anderen zu verdächtigen. Allerdings nahm er sich vor, ihn im Auge zu behalten. Dass er dem Mann nicht sympathisch war, war ihm nicht entgangen.

Emily kam und meldete ein Telefongespräch für Mister Reiniger.

Bount stutzte, doch dann vermutete er, dass es sich nur um June handeln konnte. Sie wusste ja, wo er zu erreichen war.

„Sie können von der Bibliothek aus sprechen, Mister Reiniger“, sagte Gordon Hepford und zeigte ihm den Raum, der mit Büchern, überwiegend wirtschaftswissenschaftlichen Werken, vollgestopft war.

Bount nahm den Hörer ab und meldete sich. Es war tatsächlich June. Sie hatte ihren Auftrag erfüllt und berichtete nun, dass Hepford weder vorbestraft noch mit dem Gesetz in Konflikt geraten war. Zumindest nicht im Staate New York.

Bount erstattete seinerseits Bericht und gab seiner Mitarbeiterin die Beschreibungen der drei Kidnapper durch. Außerdem die Namen Mickey und Bull, die Emily aufgeschnappt hatte.

„Setz’ dich mit Toby in Verbindung“, bat er. „Vielleicht kann er mit den Angaben etwas anfangen. Wir müssen die Lumpen schnellstens aufspüren, aber die Polizei soll sich auf jeden Fall noch zurückhalten. Sarah darf nicht noch zusätzlich gefährdet werden.“

Er gab ihr auch noch die Personalien des Chauffeurs durch, damit auch dessen Vergangenheit etwas genauer unter die Lupe genommen werden konnte. Er wollte sich nicht auf die subjektiven Aussagen verlassen.

Anschließend ließ er sich Sarahs Zimmer zeigen.

Er fand es so vor, wie Ellen Hepford es geschildert hatte. Auch jetzt waren deutliche Kampfspuren nicht zu übersehen. Außerdem waren ein paar Schubladen herausgerissen und deren Inhalt über den mit einem dicken Teppich belegten Fußboden verstreut.

Die Gangster hatten etwas gesucht, und Bount Reiniger war überzeugt, dass es sich dabei um die Tagebücher gehandelt hatte.

Er entsann sich, dass die Verbrecher Handschuhe getragen hatten. Es handelte sich also um ausgefuchste Profis. Fingerabdrücke hatten sie mit Sicherheit nicht hinterlassen. Es war daher nicht erforderlich, besonders vorsichtig zu Werke zu gehen.

Er durchsuchte das Zimmer systematisch und ließ auch nicht den kleinsten Winkel aus. Es war eine typische Teenagerbude, in der Schallplatten und Poster eine dominierende Rolle spielten. Weder Zigaretten noch Alkohol war irgendwo versteckt, und schon gar nicht stieß Bount Reiniger auf Rauschgift. Sarah hatte offensichtlich nichts zu verbergen.

Ihm fiel ein schmales Buch in die Hand, das zahlreiche Namen und Adressen enthielt. Einige Namen kannte er. Sie gehörten bekannten Popstars und TV-Schauspielern. Auch in dieser Schwärmerei unterschied sich Sarah nicht von den anderen Mädchen ihres Alters. Sie brauchte Vorbilder, von denen sie träumen konnte.

Bount Reiniger steckte das Buch ein. Er hoffte, dass nicht nur die Prominenz darin Eingang gefunden hatte.

Als er schon die Suche beenden wollte, außer dem Notizbuch war ihm nichts von Bedeutung in die Hände gefallen, richtete er abschließend sein Augenmerk auf den beachtlichen Plattenstapel. Darin steckte eine Menge Geld.

Er nahm ein paar Platten zur Hand, studierte die Covers, um sich ein Bild über Sarahs Geschmack zu machen und dadurch anschließend leichter auf die in Frage kommenden Lokale zu stoßen.

Als er eines der Alben aufschlug, rutschte eine postkartengroße Fotografie heraus. Das Bild zeigte einen jungen Mann mit strahlendem Lächeln.

Bount hob den Kopf und wandte sich an die Hepfords, die hinter ihm standen und ihn beobachteten.

„Kennen Sie ihn?“, fragte er.

Gordon Hepford zwinkerte nervös mit den Augen. „Nein“, versicherte er ein bisschen zu schnell. „Nie gesehen. Das ist sicher auch einer von diesen verrückten Sängern. Der sieht ja richtig high aus.“

„Und Sie?“, wollte Bount von der Frau wissen.

Ellen Hepford zögerte mit ihrer Antwort. Das Bemühen, sich zu erinnern, war ihr deutlich anzumerken. Schließlich aber schüttelte sie doch den Kopf.

„Nein, ich kenne ihn auch nicht, Mister Reiniger, aber ich finde, er hat Ähnlichkeit mit dem Burschen, von dem Sie uns erzählt haben.“

Bount blickte sie durchdringend an. „Er ist es“, bestätigte er. „Ich erkenne ihn genau wieder. Sarah muss ihn gut kennen. Er hat ihr eine Widmung auf die Rückseite der Fotografie geschrieben, die nicht auf eine Zufallsbekanntschaft schließen lässt.“ Er reichte der Frau das Foto.

„In Liebe. Dein Nat“, las Ellen Hepford mit fassungslosem Staunen. „Davon habe ich nichts gewusst“, gestand sie. „Sarah hat mir nie von ihm erzählt. Das begreife ich nicht.“ Ihre Augen wurden wieder wässrig.

Bount tröstete sie. „Das muss nichts zu bedeuten haben. Eine heimliche Liebe ist nun mal schöner, als wenn man andere daran teilhaben lässt.“

„Aber ich bin doch ihre Mutter.“ Dieses Thema gedachte der Detektiv nicht zu erörtern. Es war ein Problem, mit dem jede Mutter früher oder später fertigwerden musste.

Viel mehr beschäftigte ihn die Tatsache, dass die Liebe zwischen den beiden Menschen am gestrigen Abend zumindest gestört gewesen war. Alles deutete darauf hin, dass Sarah vor ihrem Nat davongelaufen war, was fast ihren gewaltsamen Tod bedeutet hätte.

Auf dem Bild war keine Adresse angegeben, doch in dem kleinen Buch, dass Bount in der Brusttasche verstaut hatte, war ein gewisser Nat Gilbert verzeichnet, der in der Bayside Avenue wohnte. Nicht allzu weit vom Flushing Cemetery entfernt, stellte Bount Reiniger insgeheim fest. Längst hatte er sich zu seinem nächsten Schritt entschlossen.

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Gordon Hepford kam nicht auf die Idee, ihn um Rat zu fragen, ob er die Polizei einschalten sollte, und Bount schnitt dieses Thema nicht an, da er den Fall längst in zuverlässigen Händen wusste. Toby Rogers würde alles Erforderliche in die Wege leiten, ohne Sarah unnötig zu gefährden. Er selbst würde den Captain mit allen erforderlichen Informationen versorgen. Bei einem Entführungsfall mussten technische Möglichkeiten und menschliches Fingerspitzengefühl Hand in Hand gehen, sollte der Erfolg gewährleistet werden.

Als Bount das Hepford'sche Haus verließ, prallte er fast mit dem Chauffeur zusammen, der dicht vor der Hintertür stand und ein bitterböses Gesicht zeigte.

Im ersten Augenblick war Bount der Meinung, dass es sich Brad anders überlegt hätte und mit einer Aussage herausrücken wollte. Er wurde aber unverzüglich eines Schlechteren belehrt.

„Sie hetzten also die Polizei auf mich, Reiniger“, stieß der Hagere hervor. Er bebte vor Zorn, und es sah aus, als würde er sich in der nächsten Sekunde auf den Privatdetektiv stürzen.

Bount kapierte sofort. „Die neugierigen Ohren, die Sie Emily nachgesagt haben, können Sie also ebenfalls aufweisen“, meinte er spöttisch. „Sie haben am Fenster gelauscht, während ich telefonierte.“

„Sie haben ja laut genug gesprochen.“

Das stimmte nicht. Bount hatte sich Mühe gegeben, seine Anweisungen an June sehr leise weiterzugeben. Brad hatte seinen Namen nicht zufällig aufgeschnappt.“

„Ich bin Detektiv“, erinnerte Bount Reiniger. „Meine Aufgabe ist es, Sarah unversehrt zu ihren Eltern zurückzubringen. Dabei halte ich mich an jeden, der seine Unschuld nicht beweisen kann.“

„Also auch an mich.“

„Selbstverständlich, Brad. Ich glaube Ihnen ganz einfach nicht, dass Sie so wenig wissen, wie Sie behaupten.“

„Ich habe das Mädchen nicht angefasst“, fauchte Brad. „Ihr könnt mir auch nicht wieder etwas anhängen. Und wenn ihr es doch versucht, dann muss ich mich zur Wehr setzen.“

Er ballte die Hände und riss sie nach oben.

Bount Reiniger stand genau, in der Schlagrichtung, doch er federte nur geringfügig zurück, und der Hieb ging ins Leere. Gleichzeitig packte er zu und umklammerte die Handgelenke seines Gegenübers, bevor dieser sie wieder herunternehmen konnte.

Mit unerbittlichem Griff zwang er den Chauffeur in die Knie. Er setzte dabei eine Drehung der Arme ein, die schmerzte, aber absolut ungefährlich war. Derartige Griffe kannte er zur Genüge.

Brad begann zu schwitzen. Er riss und zerrte an der Klammer, doch Bount ließ nicht los.

„Hören Sie mir jetzt mal gut zu!“, befahl der Detektiv, ohne dass sein Lächeln aus dem Gesicht verschwand. „Ich kann Ihre Erregung verstehen. Keinem ist es angenehm, wenn er in den Kreis Verdächtiger einbezogen wird. Besonders dann nicht, wenn es sich um eines der verabscheuungswürdigsten Verbrechen handelt, um Kidnapping. Aber jeder ehrliche Mann, der nichts zu verheimlichen hat, lässt das gern über sich ergehen, wenn er dadurch hilft, den wirklichen Täter zur Strecke zu bringen.“.

„Sie können bequem salbungsvoll daherreden“, sagte Brad giftig. „Sie sind ja vermutlich nicht vorbestraft.“

„Und Sie sind es?“

Brads Schweigen war auch eine Antwort.

„Die Hepfords wissen vermutlich nichts davon.“

„Hätte ich ihnen das vielleicht auch noch auf die Nase binden sollen?“, brauste der Chauffeur auf. „Ich war ja froh, dass sie mich trotz der Affäre mit dem liebestollen Flittchen eingestellt haben. Einen weiteren Flecken auf meiner Weste hätten sie bestimmt nicht akzeptiert. Ich spreche aus Erfahrung. Was glauben Sie, wie lange ich nach einem Job gesucht habe?“

Bount Reiniger ließ den Mann los und dieser rieb sich mit einer Grimasse seine schmerzenden Handgelenke.

„Ich begreife Ihr Problem, Brad, und ich versichere Ihnen, dass die Hepfords von mir nichts erfahren werden, falls Sie wirklich nichts mit den verschwundenen Tagebüchern und der Entführung zu tun haben.“

„Das habe ich nicht, verdammt noch mal!“

„Okay, okay!“, beschwichtigte ihn Bount. „Das stellt sich zweifellos heraus. Falls Sie noch einen Rat von mir annehmen, so sollten Sie bei einer günstigen Gelegenheit den Hepfords trotzdem reinen Wein einschenken. Es ist nicht gut, mit einem derartigen Geheimnis zu leben und mit der Furcht, es könnte jemand kommen, der die Wahrheit ans Licht bringt. Ihre Sandwichgeber haben Ihnen gegenüber Vertrauen bewiesen, deshalb haben sie auch Ihr Vertrauen verdient. Denken Sie mal drüber nach, Brad! Das ist besser, als mit dem Kopf oder gar mit den Fäusten durch die Wand gehen zu wollen.“ Bount Reiniger blinzelte dem Chauffeur vielsagend zu und ließ ihn dann stehen. Seine Meinung über ihn hatte er noch nicht geändert, aber er begann, ihn besser zu begreifen.

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Während er zur Bayside Avenue fuhr, hielt Bount ständig nach dem roten Dodge Ausschau, aber er entdeckte ihn nicht. Das hatte er auch nicht erwartet, lediglich gehofft.

Nat Gilbert wohnte in einem dreistöckigen Haus zur Untermiete. Sein Namensschild bestand aus einem Heftpflasterstreifen, der neben der Haustür klebte.

Bount erwartete nicht, dass ihn der langmähnige Bursche freundlich empfangen würde. Er war auf einen Angriff gefasst, während er die Treppe bis zur zweiten Etage emporlief.

Sarah hatte sich da einen ziemlich aggressiven Freund ausgesucht. Das Mädchen tat ihm leid. Es hatte einen verängstigten Eindruck auf ihn gemacht, und jetzt befand es sich in der Gewalt skrupelloser Gangster, die auch vor Waffengewalt nicht zurückschreckten. Gehörte Nat zu ihnen? Er würde es gleich erfahren.

Doch Bount Reiniger erfuhr es nicht. Nat Gilbert war nicht zu Hause.

„Seit gestern Nachmittag war der nicht mehr hier“, wusste die Vermieterin, eine auf jugendlich getrimmte Fünfzigerin, die stolz auf ihre gefärbten Haare und die falschen Zähne war, die sie bei jeder Gelegenheit entblößte.

„Bleibt er öfter über Nacht weg?“, erkundigte sich Bount.

Die Frau musterte ihn mit unverhohlenem Interesse. Er gefiel ihr offensichtlich, und sie beeilte sich, ihm einen Kaffee anzubieten. Als Bount höflich ablehnte, zog sie einen Flunsch und schmollte wie ein Teenager.

„Ich vermiete nur an anständige Leute, nicht an Rumtreiber, hinter denen man herlaufen muss, wenn die Miete fällig wird. Mister Gilbert ist ein häuslicher Typ. Ich habe mir wegen seines Ausbleibens schon Sorgen gemacht. Hoffentlich ist ihm nichts zugestoßen.“

Ihre Besorgnis wirkte tatsächlich echt. Bount vermutete, dass sie ein Auge auf den Jüngling geworfen hatte. Vielleicht ließ sie sogar für ein paar Zärtlichkeiten mit sich über die Miete reden.

„Kennen Sie dieses Mädchen?“, fragte er und zog ein Foto aus der Tasche, das ihm die Hepfords zur Verfügung gestellt hatten. „Hat er es vielleicht mal mitgebracht?“

Die Frau warf einen unwilligen Blick auf das Bild. Sie versteifte sich und drückte ihren Busen in Bounts Richtung. Sie konnte genügend vorweisen. „Das junge Gemüse wollte ihn mal besuchen“, sagte sie verächtlich, „aber er war nicht da. Ich habe der Kleinen gesagt, dass sie für so etwas noch zu jung ist. Da hat sie fast geheult.“

„Sonst haben Sie sie nie gesehen?“

„Nein.“

„Hat Mister Gilbert jemals von ihr gesprochen?“

„Daran würde ich mich erinnern. Ich erzählte ihm lediglich von ihrem Besuch, und danach blockierte er zwanzig Minuten lang das Telefon.“

„Er hat sie vermutlich angerufen. Worüber haben sie gesprochen?“

Die Frau sah den Detektiv empört an. „Was wollen Sie mir unterstellen? Glauben Sie etwa, dass ich meine Mieter bespitzele?“

„Natürlich nicht“, lenkte Bount lächelnd ein. „Aber in so einer Wohnung kann man doch gar nicht verhindern, dass man mit anhört, was der andere spricht, so peinlich einem das auch sein mag.“

Sie warf ihm einen tastenden Blick zu. Offensichtlich war sie sich nicht ganz klar darüber, ob er sich über sie lustig machen wollte oder nicht.

Als Bount eine Fünfdollarnote zeigte, kapierte sie, dass es ihm ernst war. Er wurde Zeuge einer atemberaubend schnellen Greifbewegung und konnte den Schein gerade noch rechtzeitig loslassen, sonst wäre er in Fetzen gegangen.

„Also?“, bohrte er.

„Wahrscheinlich werden Sie mir das nicht glauben, Mister“, meinte sie zweifelnd, „aber es ist die volle Wahrheit. Sie redeten über Schulbücher.“

„Über Schulbücher?“, fragte Bount Reiniger verblüfft. „Könnten es nicht vielleicht Tagebücher gewesen sein?“

Die Frau überlegte kurz. Dann schüttelte sie entschieden den Kopf. „Nein, nein! Ich habe deutlich gehört, wie Nat, ich meine Mister Gilbert, gesagt hat: 'Nach der Schule warte ich auf dich. Bringe die Bücher mit. Sie interessieren mich.' Er ist ja so wissbegierig, müssen Sie wissen.“ Bount Reiniger machte sich seine eigenen Gedanken über diese Art von Wissensdurst, er behielt sie aber für sich. Für ihn stand fest, dass es sich bei dem Telefonat um die Tagebücher gehandelt haben musste, die jetzt für solche Aufregung sorgten.

„Wann war das?“, erkundigte er sich.

„Wann war was?“

„Wann hat Mister Gilbert dieses Telefongespräch mit seiner Freundin geführt?“

„Freundin? Dass ich nicht lache! Das ist doch noch ein Kind.“

„Wann?“, beharrte Bount.

„Vorgestern“, entgegnete die Frau mürrisch.

„Und hatten Sie später den Eindruck, dass er die Bücher erhalten hat?“

„Wollen Sie mich auf den Arm nehmen? Was interessieren mich diese albernen Schwarten. Ich war nie besonders gut in der Schule. Dafür kenne ich mich in anderen Dingen umso besser aus.“ Sie wippte bezeichnend mit den Hüften und schenkte Bount einen glutvollen Blick, der ihn allerdings nicht entzündete.

Er bat, Gilberts Zimmer sehen zu dürfen, und die Frau erklärte sich erst dazu bereit, als er ihr mit einem weiteren Geldschein signalisierte, dass er auf ihrer Seite stand.

Bount hatte keine Ahnung, wonach er eigentlich suchen sollte. Befanden sich die bewussten Bücher in Nat Gilberts Besitz? Wenn sie wirklich so wichtig waren, dann ließ er sie bestimmt nicht hier herumliegen.

Tatsächlich fand Bount sie nicht, und er entdeckte auch nichts, was auf eine fleckige Weste Gilberts hingewiesen hätte. Dafür gewann er den Eindruck, dass der Benutzer dieses nicht gerade luxuriös eingerichteten Zimmers nicht die Absicht hatte, in absehbarer Zeit zurückzukommen. Mancherlei deutete darauf hin. Zum Beispiel das Fehlen einer ledernen Reisetasche, die angeblich immer auf dem Kleiderschrank gestanden hatte.

Das sprach nicht gerade für Nat Gilberts Harmlosigkeit. Der Bursche hatte sich klammheimlich verdrückt.

Bount Reiniger erkundigte sich nach etwaigen Freunden des Verschwundenen, doch damit konnte ihm die Vermieterin nicht helfen. Sie interessierte sich für ihren Untermieter, nicht aber für dessen Bekanntenkreis.

Er stand also wieder ganz am Anfang. Seine einzige Spur war im Sande verlaufen. Jetzt bedauerte er es, dass er den Anrufer auf morgen vertröstet hatte. Vielleicht meldete er sich gar nicht mehr, weil die Ereignisse sich überholt hatten. Was dann?

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8

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Sarah Hepford war vor Angst wie von Sinnen. Sie begriff das alles nicht. Sie wusste nur, dass die drei Kerle, die sie nicht gerade mit Samthandschuhen angefasst hatten, Verbrecher waren.

Ihre Entführung aus ihrem Elternhaus erschien ihr wie ein Alptraum, doch er war grausame Wirklichkeit.

Es gab kein Erwachen und erleichtertes Aufatmen.

Sie hatte keine Ahnung, wo sie sich momentan befand. Die Gangster hatten sie brutal in dieses finstere Loch gestoßen, in dem es so stank, dass ihr übel war, und dessen Steinboden sich klebrig anfühlte.

Ein paarmal glaubte sie, ein feines Geräusch zu vernehmen. Es hörte sich an, als huschten Ratten durch die Dunkelheit. Dieser Gedanke allein war dazu angetan, ihr eine Gänsehaut über den Rücken zu jagen. Ihr war bekannt, dass diese Biester keine Furcht vor einem Menschen kannten, wenn nur ihr Hunger groß genug war. Und hungrig waren sie nach ihrer Information immer.

Sie hatte gehofft, dass sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnen würden. Irgendwo musste sich doch ein Lichtschimmer zeigen. Doch sie befand sich nach ihrer Schätzung nun schon mindestens zwei Stunden hier, und noch immer war es absolut schwarz um sie her.

Man hatte ihre Fragen nicht beantwortet. Nur einer, dieser Widerling mit den borstigen, roten Haaren, hatte höhnisch gelacht und prophezeit, dass es nur an ihr läge, ihre Situation schon bald zu verbessern. Einzelheiten hatte auch er nicht genannt.

War sie allein? Oder lauerten die Gangster vor ihrem Gefängnis und warteten, bis sie mürbe war?Mürbe wofür? Hing es mit diesen seltsamen Gesprächen zusammen, die sie zwar ihrem Tagebuch anvertraut, deren Sinn sie aber nicht verstanden hatte. Zweifellos war es um Geschäfte gegangen. Davon hatte sie keine Ahnung.

Sarah fror. Aus den Steinen unter ihr kroch eisige Kälte. Sie hätte sich gerne bewegt, wäre wenigstens in dem Raum auf und ab gegangen, doch mit gefesselten Armen und Beinen war das nicht zu bewerkstelligen.

Das Mädchen kämpfte gegen die aufsteigenden Tränen. Sie fühlte sich so grenzenlos verlassen. Niemand half ihr. Wer sollte auch ahnen, wo sie sich aufhielt?

Sie hatte gleich zu Beginn ihrer Gefangenschaft versucht, ihre Fesseln zu lockern und sich davon zu befreien. In Filmen, die sie gesehen hatte, oder in Büchern schafften das die bedrängten Helden fast immer, wenn schon kein unerwarteter Retter auftauchte. Ihre Kraft reichte dafür aber nicht aus. Das einzige Ergebnis waren zerschundene Handgelenke, die nun wie Feuer brannten und bei jeder neuerlichen Bewegung entsetzlich schmerzten. Es war aussichtslos.

Nat hätte es wahrscheinlich geschafft. Er war sehr stark, eigentlich schon brutal, wie sie erst gestern hatte erfahren müssen. Trotzdem wünschte sie sich, dass er sich um sie kümmern würde. Sie war bereit, ihm alles zu verzeihen.

Sarah dachte auch an den Mann, unter dessen Auto ihr Leben beinahe geendet hätte, weil sie in ihrer Aufregung nicht auf den Straßenverkehr geachtet hatte. Bount Reiniger hieß er, und er hatte wie ein echter Freund gewirkt. Trotzdem war sie vor ihm davongelaufen, als er sich mit Nat geprügelt hatte. Sie hatte sich vor seinen Fragen gefürchtet. Einem wildfremden Mann hätte sie sich niemals anvertrauen können.

Vielleicht war das ihr entscheidender Fehler gewesen, zumal Reiniger offenbar gar nicht so fremd war. Dad kannte ihn. Beide waren gerade aufgekreuzt, als die Kidnapper sie ins Auto zerrten. Reiniger halte sich so gar mit den Gangstern angelegt, doch was hätte er gegen drei Mann ausrichten sollen?

Und Dad? Er hatte keinen Finger gerührt, obwohl er gesehen hatte, dass sie sich in Gefahr befand.

Er hatte sich in den letzten Tagen überhaupt so seltsam benommen. Noch heute konnte sie nicht begreifen, warum er sich so für ihre Tagebücher interessierte und völlig aus dem Häuschen war, als sie behauptete, sie seien verschwunden. Er musste doch verstehen, dass sie dort Dinge hineingeschrieben hatte, über die sie mit einem Mann nicht diskutieren wollte. Nicht mal mit ihrem Vater. Er und Mam hatten ja keine Ahnung, was sie für Nat empfand, und das brauchten sie auch nicht zu wissen.

Aber auch Nat hatte sich für die Bücher interessiert. Sie hatten deswegen sogar diesen hässlichen Streit gehabt. Und nun hockte sie hier und wartete, ohne zu wissen warum.

Sie spürte nagenden Hunger, obwohl sie genau wusste, dass sie bei diesem Gestank keinen Bissen heruntergebracht hätte.

Wollte man ein Lösegeld für sie erpressen? Wahrscheinlich. Hoffentlich setzten sie die Summe nicht so hoch an, dass Dad Schwierigkeiten bekam, sie aufzutreiben.

Und wenn er zahlte, war das eine Garantie für ihre Freilassung? Sie hatte doch oft genug in den Zeitungen gelesen, dass die Opfer einer Entführung umgebracht wurden, obwohl sämtliche Forderungen der Kidnapper erfüllt worden waren.

Wieder lauschte Sarah dem unheimlichen Pfeifen aus irgendeiner Ecke. Die Biester hatten vermutlich auch Hunger, und sie konnten den Vorteil für sich buchen, keine Ekelgefühle zu kennen.

Sollte sie schreien? Sicher befand sie sich in einem Keller, und kein Mensch würde sie hören. Allenfalls lockte sie ihre Bewacher an, und vor denen hatte sie Angst. Ihr war klar, dass sie von ihnen nichts Angenehmes erwarten konnte.

Während Sarah Hepford noch überlegte, wie sie sich verhalten sollte, hörte sie Stimmen, die näher kamen.

Sofort krampfte sich ihr Herz zusammen. Die Angst war wieder unvermindert da. Sie glaubte nicht an ihre Rettung.

Trotzdem brach es aus ihr heraus. „Hilfe!“, schrie sie, so laut sie konnte. „Helft mir doch!“

Tatsächlich hörte man sie. Die Stimmen verstummten, und gleich darauf näherten sich Schritte.

Sarah hielt den Atem an.

Ein Schlüssel drehte sich und ließ einen metallenen Laut hören, der schmerzhaft in den Ohren kreischte.

Endlich fiel Licht in den Raum. Gelbes, trübes Licht, aber Sarah blendete die ungewohnte Helligkeit. Sie schloss die Augen und drehte den Kopf zur Seite.

„Da ist ja unser reizendes Vögelchen noch“, sagte eine unangenehme Stimme, die sie bereits kannte. Alle vagen Hoffnungen stürzten wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Hatte sie sich wirklich eingebildet, es würde jemand anderes zu ihr kommen als die Gangster?

Diesmal waren sie zu viert. Den breitschultrigen Mann mit dem gestutzten Schnauzbart und der poppigen Krawatte kannte sie noch nicht. Er machte keinen so brutalen Eindruck wie die anderen.

„Was fällt euch ein?“, sagte er ärgerlich. „Warum habt ihr sie gefesselt? Habt ihr keine Ahnung von Gastfreundschaft?“

Der Kerl mit den borstigen, roten Haaren sah ihn verdutzt an. „Die hätte bestimmt verrückt gespielt, Boss. Wir wollten nicht, dass sie zu randalieren anfängt.“

Der Boss schüttelte vorwurfsvoll den Kopf. Seine glatten Haare waren sorgfältig gescheitelt. Mit den Fingern schnippte er ein unsichtbares Stäubchen vom Ärmel seines Jacketts.

„Du hättest doch nicht randaliert, nicht wahr?“, meinte er freundlich und lächelte Sarah sogar ermutigend zu.

„Was ... was wollen Sie von mir?“, fragte das Mädchen angstvoll. Vielleicht hatte sie Glück. Dieser Mann schien mit der Handlungsweise der anderen keineswegs einverstanden zu sein.

„Wenn ich richtig informiert bin, Mädchen, ist dein Vater ein tüchtiger Geschäftsmann.“

Sarah nickte stumm. Es ging also tatsächlich um ein Lösegeld.

„Du kennst dich also einigermaßen mit Geschäften aus“, fuhr der Schnauzbärtige fort. „Ich möchte nämlich mit dir ins Geschäft kommen.“

„Mit mir?“ Sarah staunte. „Aber ich besitze ja nichts, was von Wert wäre. Das Einzige ist eine Stereoanlage, aber die ...“

„Den Dudelsack kannst du behalten“, unterbrach sie der Mann. „Ich spiele mir meine Melodien selbst, und ich bestimme auch, wer danach zu tanzen hat.“

Die drei Gangster lachten und grinsten sie unverschämt an, dabei hatten sie eben erst einen Tadel einstecken müssen.

„Lassen Sie mich bitte frei“, bat Sarah. „Ich möchte nach Hause.“

„Das sollst du auch, Mädchen. Ich bringe dich sogar selbst dorthin. Vorher möchte ich aber die Bücher haben, das wirst du verstehen.“

Nein, das verstand Sarah nicht, und sie sagte es auch.

„Dann will ich dir das erklären. In deinen Tagebüchern stehen ziemlich interessante Dinge, und auf Interessantes war ich schon immer scharf. Also, wo hast du die Schwarten?“ „Ich ... ich besitze sie nicht mehr. Sie wurden mir gestohlen.“

„Wie unangenehm! Und von wem?“

„Von ...“ Sarah zögerte Das Glitzern in den Augen des Fremden warnte sie. „Ich weiß nicht.“

Der Schlag warf sie zurück. Plötzlich veränderte sich der Klang der Stimme, und auch aus dem Gesicht des Mannes war jede Freundlichkeit verschwunden.

„So, du weißt es nicht“, schrie er unbeherrscht. Er packte sie mit beiden Fäusten und riss sie zu sich hoch. „Das solltest du dir aber noch mal ganz genau überlegen, sonst sehe ich für deine Zukunft schwarz.“

Was er mit dieser Andeutung meinte, war nicht schwer zu erraten. Sie brauchte sich nur die drei Killer hinter ihm anzusehen. Einer von ihnen, sie hatten ihn Bull genannt, hielt bereits seinen Revolver in der Hand und spielte wie unbeabsichtigt damit. Sein Gesicht drückte Vorfreude aus.

Ihre Wange brannte. Dennoch überlegte sie, ob sie weiterhin leugnen sollte. Wenn sie Nat verriet, musste er es sicher büßen, und das wollte sie auf keinen Fall.

„Versuche gar nicht erst, mir eine Komödie vorzuspielen“, warnte sie der Gangster. „Ich bin nämlich ziemlich gut im Bilde. Ich weiß, dass dein Freund sich die Bücher unter den Nagel gerissen hat. Aber dann hat es einen Zusammenstoß mit einem gewissen Reiniger gegeben. Gestern Nacht war das, und so wie ich Reiniger einschätze, hat er den Kram jetzt. Ich brauche nur deine Bestätigung, Mädchen. Allerdings muss sie auch der Wahrheit entsprechen, sonst geht es dir schlecht.“

Reiniger? Dieser Bount Reiniger, dem sie vor den Kühler gelaufen war und der sich so für sie eingesetzt hatte? Wie sollte er zu ihren Tagebüchern kommen? Von Nat hatte er sie bestimmt nicht bekommen. Das stand fest.

Andererseits schien dieser Bount Reiniger ein Mann zu sein, der sich nicht die Butter vom Brot nehmen ließ. Er würde mit den Gangstern eher fertig werden als Nat. Der riskierte zwar gern eine große Lippe, im Grunde aber war er ein bellender Hund, der nicht beißen konnte.

Aber durfte sie einem Unbeteiligten diese brutale Bande auf den Hals hetzen? Konnte das für ihn nicht beträchtliche Unannehmlichkeiten nach sich ziehen? Vielleicht sogar den Tod?

Bei diesem Gedanken erschrak sie, aber der Mann schrieb dieses Entsetzen seiner Drohung zu. Er lachte höhnisch. „Nicht wahr, jetzt kriegst du das große Zittern. Also heraus mit der Sprache! Wer hat die Bücher? Gilbert oder Reiniger?“

Sarah Hepford schwieg. Sie focht einen inneren Kampf aus.

„Sollen wir sie uns vornehmen, Boss?“, erkundigte sich der Rothaarige erwartungsvoll.

„Halts Maul!“, befahl der Angeredete. „Ihr kriegt schon noch Arbeit. Spart eure Kräfte.“ Er wandte sich wieder an das Mädchen. „Nun?“

Sarah sah ihn stumm an. In ihren Augen lag die Bitte, sie in Ruhe zu lassen.

Da schlug er erneut zu. Es störte ihn nicht, dass er ein halbes Kind vor sich hatte, das sich nicht einmal hätte wehren können, wenn es nicht gefesselt gewesen wäre.

„Wer?“, schrie er wild und hob wieder die Faust.

„Reiniger“, flüsterte Sarah kaum hörbar. „Er hat die Bücher von Nat.“

„Ist das auch wahr?“, fragte der Mann misstrauisch.

Sarah mied seinen Blick. Sie nickte und schluchzte dabei. Sie kam sich erbärmlich vor, aber sie war nicht stark genug, es mit diesen Gangstern aufzunehmen.

„Also hatte ich doch recht“, stellte der Schnauzbärtige mit Genugtuung fest. Triumphierend musterte er das Mädchen. Ein Gedanke schien ihn zu beschäftigen, doch er behielt ihn für sich.

„Lassen Sie mich jetzt frei?“, wollte Sarah zaghaft wissen.

Spöttisches Gelächter war die Antwort.

„Das könnte dir so passen, Mädchen. Erst wollen wir uns davon überzeugen, ob du mich auch nicht angelogen hast. Es täte mir echt leid um dich. Du bist nämlich ganz niedlich. Mit dir könnte man noch etwas anfangen.“

Der stämmige Mickey grinste verstehend. „Stimmt genau, Boss“, erklärte er.

„Quatsch, du Idiot! Das meine ich nicht.“

Alle lachten wiehernd.

„Ach so“, sagte Mickey nach einer Weile. „Jetzt kapiere ich. Das ist gar kein übler Gedanke. Eine saubere Lösung, und wir gehen allen Komplikationen aus dem Weg.“

Sarah verstand kein Wort. Sie ahnte nicht, worum es ging, und das war gut so.

„Ich ... ich habe nicht gelogen“, versicherte sie leise. Sie fürchtete, dass man ihr die Unwahrheit ansah. Früher oder später musste sie ja sowieso ans Licht kommen. Und was geschah dann mit ihr? Machte der Schnauzbärtige seine Drohung wahr? Zuzutrauen war es ihm jedenfalls. Er ließ sich nicht von einer Fünfzehnjährigen auf der Nase herumtanzen.

„Das wird sich ja herausstellen, Mädchen. Du bleibst einstweilen hier, Blacky! Gib ihr was zu essen!“

„Soll ich sie losbinden oder füttern, Boss?“, fragte der Rothaarige und kam mit einem Päckchen näher.

„Nimm ihr die Fesseln ab“, entschied der Breitschultrige. „Raus kommt sie hier sowieso nicht. Wir haben keine Zeit, sie zu bedienen. Ich möchte, dass das, was wir zu erledigen haben, unverzüglich über die Bühne geht.“

„In Ordnung, Boss.“ Der Rothaarige näherte sich dem verängstigten Mädchen mit einem Messer in der Hand. Mit dem Daumen prüfte er genussvoll die Schneide, und Sarahs Entsetzen steigerte sich.

Er trennte die Fesseln durch und warf ihr das Verpflegungspäckchen vor die Füße.

„Da!“, sagte er hämisch. „Genieße es! Wenn du versucht hast, uns für dumm zu verkaufen, ist das deine Henkersmahlzeit.“

Die Männer verließen lachend den Raum, und Sarah Hepford hörte, wie sich hinter ihnen der Schlüssel im Schloss drehte. Sie war wieder gefangen und musste warten, bis die Gangster kamen, um sie für ihre Lüge zu bestrafen.

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9

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Bount wollte nicht glauben, dass er nicht vorankam. Es war wie verhext. Nirgends fand sich eine Spur zu dem verschwundenen Mädchen oder zu Nat Gilbert.

Zwar hatten June und er schon eine beträchtliche Anzahl von Discotheken und Rockschuppen abgeklappert, aber um diese Zeit trafen sie dort noch nicht die Leute, die ihnen eventuell hätten weiterhelfen können. Es war einfach noch zu früh.

In einer Bar hatte Bount mit dem Namen Nat Gilbert Erfolg gehabt. Man hatte ihm dort eine Adresse genannt, doch diese Anschrift hatte sich als überholt herausgestellt. Eine ehemalige Freundin von ihm wohnte dort, aber die beiden hatten sich schon vor geraumer Zeit getrennt.

„Ich trete doch nicht mit Kindern in Konkurrenz“, erklärte Vivian Bound, eine kesse Blondine mit üppigen Proportionen schnippisch. „Nat hat plötzlich seine Vorliebe für die Jugend entdeckt. Angeblich war ja nichts dahinter. Die reine, lautere Freundschaft sozusagen. Aber mir kann man so etwas nicht erzählen. Schließlich bin ich nicht von gestern.“

Nein, diesen Eindruck machte Vivian wirklich nicht. Ob sie allerdings mit ihrem Argwohn recht hatte, wollte Bount nicht untersuchen. Für ihn war entscheidend, dass Vivian jeden Kontakt zu Nat Gilbert verloren hatte und ihm demzufolge nicht sagen konnte, wo er am ehesten zu finden war.

Bount rief bei den Hepfords an, doch dort hatten sich weder die Kidnapper noch der mutmaßliche Erpresser gemeldet.

Sein nächster Anruf galt Toby Rogers. Der Captain hatte herausgefunden, dass Brad Stocker, Hepfords Chauffeur und Gärtner, zweimal vorbestraft war. Einmal wegen versuchter Vergewaltigung einer Minderjährigen.

„Ein Motiv hätte er auf jeden Fall, sich die kleine Hepford unter den Nagel zu reißen“, meinte der Leiter der Mordkommission. „Er könnte wieder mal seinem alten Hobby nachgehen, oder aber ihn treiben Rachegedanken. Sollen wir uns den Knaben mal näher ansehen?“

Bount war dagegen. „Stocker macht auf mich einen intelligenten Eindruck“, erklärte er. „Ich traue ihm zu, dass er die Tagebücher hat, um gegebenenfalls Kapital daraus zu schlagen, aber er wird kaum so töricht sein, sich an Sarah zu vergreifen, wo er genau weiß, dass der Verdacht wegen seiner einschlägigen Vergangenheit auf ihn fallen muss. Er hätte es nicht nötig gehabt, mir seine Vorstrafe zu beichten, denn er hatte ja keine Ahnung von meiner guten Verbindung zur Polizei. Ich schließe ihn zwar nicht völlig aus dem Kreis der Verdächtigen aus, aber mir ist es lieber, wenn deine Leute momentan noch nicht in Erscheinung treten. Damit würden wir möglicherweise nur die wahren Täter kopfscheu machen. Konntest du etwas über die Identität der Entführer herausfinden?“

Toby Rogers hatte den Computer ganz schön auf Touren bringen lassen, aber viel war nicht dabei herausgesprungen.

„Deine Angaben waren ein bisschen dürftig“, bemängelte er.

„Ich hatte leider nicht genügend Zeit, mir die Herren genauer anzusehen“, verteidigte sich Bount.

„Stämmige und eckige Gangster, die brutal aussehen, laufen in New York in Massen herum. Ein ansehnlicher Anteil davon lässt sich Mickey oder Bill rufen. Das sind vermutlich nicht ihre richtigen Namen.“

„Also nichts?“, fragte Bount enttäuscht.

„Kann ich noch nicht sagen“, räumte der Dicke ein. „Der borstige Rothaarige ist schon ein bisschen ergiebiger. Zwar habe ich auch hier eine lange Liste von infrage kommenden Typen, aber ich habe sie mir mal näher angesehen. Für Kidnapper kommen höchstens drei davon in Betracht. Alle anderen lassen vermutlich von diesem heißen Geschäft die Finger.“

„Um wen handelt es sich?“, wollte Bount gespannt wissen. Er war bereit, die Namen und eventuell zusätzliche Angaben zu notieren.

„John Carpenter ist erst vor drei Monaten aus dem Gefängnis entlassen worden. Er hatte zweieinhalb Jahre zu verbüßen. Außer einem Mord konnte ihm schon so ziemlich alles nachgewiesen werden. Ihm traue ich eine Entführung ohne Weiteres zu.“

„Kennst du seine jetzige Adresse?“

„Die kenne ich, aber ich schlage vor, dass du uns den Burschen überlässt. Lieutenant Breadmiller hat schon seine Erfahrungen mit ihm gesammelt. Er weiß genau, wie er ihn anzupacken hat. Wenn sein Alibi nicht hieb- und stichfest ist, findet Breadmiller das binnen kürzester Zeit heraus.“

„Einverstanden, Toby. Hauptsache, du hältst mich auf dem Laufenden. Was ist mit den anderen?“

„Jess Hall hat bereits eine Entführung hinter sich. Er wurde bei der Lösegeldübergabe geschnappt. Auch sonst ist er kein Kind von Traurigkeit. Wo es einen unsauberen Dollar zu holen gibt, ist er mit von der Partie. Er hat nur einen Schönheitsfehler.“

„Er ist ein Lump.“

„Das sowieso. Nein, bisher hat er fast ausschließlich allein gearbeitet. Das bedeutet zwar nicht, dass er für alle Ewigkeit seine Methode beibehält, aber von allen dreien halte ich ihn für den unsichersten Kandidaten.“

„Gib mir trotzdem seine Anschrift.“ Toby Rogers nannte die mutmaßliche Adresse. „Diese Angabe erfolgt ohne Gewähr“, fügte er hinzu. „Jess Hall ist ein unruhiger Vogel. Er bleibt nie lange an einem Platz. Am längsten hat er es bis jetzt im Gefängnis ausgehalten, doch da musste ihm auch gut zugeredet werden.“

„Bleibt noch Nummer drei.“

„Blacky Farson. Eigentlich heißt er Angus Farson. Blacky wird er nur von seinen Freunden und seit einiger Zeit von uns genannt.“

„Hat das einen besonderen Grund?“

„Es ist wegen seiner Haare.“

„Spinnst du?“, erkundigte sich Bount verdrossen. „Ich suche keinen Schwarzhaarigen. Mein Mann hatte eine Borstenfrisur, die in grellstem Rot leuchtete.“

„Und genau deswegen hat sich Angus Farson die Haare schwarz gefärbt. Er hat dazu wohl ein ungeeignetes Mittel benutzt, weil das Rot immer wieder vorschimmerte. Die Folge war, dass er Gefahr lief, eine Glatze zu bekommen. Da hörte er schleunigst mit der erfolglosen Tarnung auf. Sein Kopfschmuck blieb zwar geschädigt, aber er behielt ihn wenigstens. Jetzt sind seine Haare so rot wie früher, aber sie sind so struppig wie eine Toilettenbürste. Das handelte ihm aus Spott den Spitznamen Blacky ein, und der wird ihm wohl ewig anhaften.“

„Na fein“, sagte Bount ungeduldig. „Nachdem du mir seine halbe Lebensgeschichte erzählt hast, kannst du vielleicht auf das Wesentliche kommen. Wo finde ich den Strolch?“

„Das weiß ich nicht. Tut mir leid.“

„Und das wagst du mir an den Kopf zu werfen? Ist er nicht gemeldet?“

„Gemeldet ist er schon, aber unter dieser Anschrift ist er schon lange nicht mehr zu erreichen. Er wurde mit Daniel Hurston in Verbindung gebracht, einem Gangster, der lange Zeit in der Rauschgiftszene tätig war, aber von Hurston hat man seit über einem Jahr nichts mehr gehört. Er dürfte uns von seiner Gegenwart befreit haben, um eine andere Stadt heimzusuchen. Vielleicht ist Blacky mit ihm gezogen.“

„Beweise gibt es für diese Annahme aber nicht“, vermutete der Detektiv.

„Da hast du recht. Trotzdem existiert er für uns momentan nicht.“

„Bleibt mir also zunächst nur Jess Hall“, stellte Bount fest. „Das ist nicht viel, aber ich rechne mit weiteren Informationen von dir, falls du etwas Neues erfährst.“

„Viel Hoffnungen kann ich dir leider nicht machen“, antwortete Toby Rogers. „Auf jeden Fall erfährst du, was wir aus Carpenter herausgeholt haben.“

Bount legte den Hörer auf und setzte sich in Bewegung, um Jess Hall einen Besuch abzustatten, als ihn das Läuten des Telefons wieder zurückholte.

Ärgerlich drehte er sich um. Er wollte keine Zeit verlieren.

Nachdem er sich gemeldet hatte, wurden seine Lippen schmal.

„Mit wem quatschen Sie denn so lange, Reiniger? Ich habe schon dreimal versucht, Sie zu erreichen. Ich habe meine Zeit nicht gestohlen.“

„Sie?“, vergewisserte sich Bount überrascht. „Sie wollten sich doch erst morgen früh wieder melden.“

„Ich hab’s mir eben anders überlegt. Ich traue Ihnen nicht. Sie haben Zeit genug gehabt, Ihre Termine zu regeln. Ich will Sie sofort sehen. Mit den Büchern natürlich. Ich weiß jetzt genau, dass Sie sie besitzen.“

„Hatte ich das nicht schon zugegeben?“

„Möglich, aber ich verlasse mich lieber auf meine eigenen Informationen. Damit fahre ich besser.“

„Wie Sie meinen“, gab Bount knapp zurück. „Was erwarten Sie jetzt also?“

„Das habe ich doch schon gesagt, Mann. Sie fahren jetzt los, und in einer halben Stunde treffen wir uns. Ich bringe das Geld mit. In einer Minute kann unsere kleine Transaktion erledigt sein.“

„Das würde ich begrüßen. Woran werde ich Sie erkennen? Der Friedhof ist groß, und wir sind vermutlich nicht die einzigen Besucher.“

Der Anrufer schnaubte verächtlich. „Es genügt, wenn ich Sie erkenne, Reiniger, und da können Sie unbesorgt sein. Im Übrigen treffen wir uns nicht auf dem Flushing Cemetery.“

„Nicht? Aber sagten Sie nicht heute früh ...?“

„Mein Gedächtnis funktioniert noch, Reiniger“, konterte der Fremde. „Ich bin auf Ihre Hilfe nicht angewiesen. Aber ich bin auch kein Idiot. Wer weiß, ob es dort nicht längst vor verkappten Bullen wimmelt. Falls Sie sich der Mühe unterzogen haben, eine Falle für mich aufzubauen, muss ich Sie enttäuschen. Das war eine glatte Fehlinvestition.“

„Also wo?“

„Im Central Park. Ich erwarte Sie irgendwo an der nördlichen Seite des Pool. Ich weiß Pünktlichkeit zu schätzen. Und vor allem Ehrlichkeit. Also versuchen Sie lieber nicht, mich reinzulegen. Ich beobachte Sie, und ich kann verdammt unangenehm werden, wenn Sie ...“

„Sehr einfallsreich sind Sie jedenfalls nicht“, bemängelte Bount gelassen. „Diesen Spruch kann ich jetzt schon singen. Wenn Sie ehrlich sind, werde ich es auch sein. Mir liegt an keiner längeren Geschäftsverbindung mit Ihnen.“

„Das haben Sie sehr schön gesagt, Reiniger. Also dann! In dreißig Minuten können Sie sich so viele hübsche Dinge leisten, wie man für fünfzigtausend Dollar kaufen kann.“

Der Anrufer beendete mit einem trockenen Lachen das Gespräch.

Bount dachte nicht mehr an Jess Hall, den er eigentlich hatte aufsuchen wollen. Er war froh, dass sich der Unbekannte früher, als verabredet, gemeldet hatte, wenn er sich auch nach dem Grund hierfür fragte.

Hatte er durch seine Ermittlungen, die ihm erfolglos erschienen waren, den Mann nervös gemacht? Oder war sich der Bursche vorher seiner Sache doch nicht so sicher gewesen und hatte, wie angedeutet, erst jetzt den entscheidenden Hinweis erhalten? Aber von wem? Wer konnte der Meinung sein, dass er, Bount Reiniger, sich im Besitz der Tagebücher befand? Hepford? Wohl kaum. Brad Stocker? Ausgeschlossen war diese Vermutung nicht. Nat Gilbert? Ihm würde er diesen Verdacht auch zutrauen. Sarah? Sie hatte ihn doch nur zweimal ganz kurz gesehen und konnte unmöglich ahnen, was er mit diesem Fall zu tun hatte.

Während er den Mercedes 450 SL aus der Tiefgarage holte, drängte sich Bount ein anderer Gedanke auf. War es nicht denkbar, dass man ihm absichtlich den Schwarzen Peter in die Schuhe schieben wollte? Zum Beispiel hatte der wahre Besitzer der Bücher ein Interesse daran, von sich selbst abzulenken.

Auch Sarah konnte gezwungen worden sein, den Namen preiszugeben und hatte unter Umständen in einer Notlüge Zuflucht gesucht, um einen anderen zu decken. Dieser Andere konnte eigentlich nur Nat Gilbert sein.

So betrachtet, ergab sich ein durchaus logisches Bild. Gilbert besaß die Bücher. Sarah wollte ihn aus irgendeinem Grund nicht einmal an ihren Vater verraten. Vielleicht, weil ihre Eltern nichts von dieser Beziehung wissen sollten. Der Anrufer hatte Sarah entführt und unter Druck gesetzt, um Gewissheit zu erlangen, dass er das Geschäft auch mit dem richtigen Mann abwickelte.

Obwohl es sich nur um eine Theorie mit vielen Wenns und Abers handelte, passte sie recht gut zu seinem augenblicklichen Wissensstand. War aber der Entführer mit dem Anrufer identisch, so würde er es mit drei Gangstern zu tun bekommen, statt mit nur einem. Wahrscheinlich sogar noch mit einem vierten, denn die drei Kidnapper waren ihm ja nun bekannt, und das wussten sie auch.

Es gab also allerhand zu bedenken, als er die achte Avenue hinauffuhr. Eines der größten Probleme dabei war, dass er schon bald zugeben musste, die Tagebücher überhaupt nicht zu besitzen. Auf die Reaktion durfte er gespannt sein.

Bount hatte ein Päckchen bei sich. Es enthielt tatsächlich zwei kunstlederne Tagebücher, die von einem romantischen Mädchen mit Erlebniserinnerungen gefüllt worden waren. Die Verfasserin hieß jedoch nicht Sarah Hepford, sondern Molly Blyth und war eine Freundin von June March. June hatte die Bücher in aller Eile besorgt. Bount hoffte nur, dass sie einer ersten oberflächlichen Prüfung standhielten.

Der Pool im nordwestlichen Teil des Central Parks war ein kleinerer See in Höhe der 102ten Straße. Bount Reiniger stellte seinen Wagen in der Nahe ab und blieb noch etwas sitzen, um sich einen ersten Überblick zu verschaffen. Er suchte die Gesichter der drei Kidnapper, konnte aber nicht eines entdecken.

Er halte noch etwas Zeit. Er zog die Automatic aus der Schulterhalfter und steckte sie in die Jackentasche. Dort stand sie ihm griffbereit zur Verfügung, sobald dies erforderlich wurde.

Er klemmte sich das Päckchen unter den linken Arm, sodass es unschwer zu erkennen war. Er wollte den Gegner von seiner redlichen Absicht überzeugen, wenn er auch an nichts anderes dachte, als wie er den Mann in seine Gewalt bekommen konnte.

Die Menschen, die er sah, machten allesamt einen unverdächtigen Eindruck, was aber noch nichts besagen wollte.

Bount Reiniger verließ den Mercedes und schloss ihn sorgfältig ab. Er wollte bei seiner Rückkehr keine unangenehme Überraschung erleben.

Er schlenderte am Ufer des Pools auf und ab. Dabei beobachtete er besonders scharf die Bäume in nächster Nähe. Er rechnete damit, dass ihn sein Gegner von dort aus im Auge behielt, falls er die Verabredung überhaupt ernst genommen hatte.

Als der Mann mit dem jovialen Schnauzbart und der poppigen Krawatte auf ihn zukam, ohne ihn dabei anzusehen, wusste Bount Reiniger instinktiv, dass das Warten ein Ende hatte. Das musste er sein. Er war ganz sicher.

Der Mann ging dicht an ihm vorbei, sprach ihn jedoch nicht an und schenkte ihm nur einen flüchtigen Blick.

Bount wollte nicht glauben, dass er sich geirrt hatte. Er witterte Gefahr im Rücken und zuckte blitzschnell herum.

Keine Sekunde zu früh, denn gerade in diesem Augenblick griff eine Hand nach dem Päckchen unter seinem Arm und riss es an sich. Gleichzeitig landete eine Ladung Dreck in seinem Gesicht, so dass ihm die Augen tränten.

Bounts Hand stach in die Jackentasche, um die Automatic hervorzuholen.

Der andere lachte höhnisch auf und lief davon. Er war nicht mehr der Jüngste, entwickelte aber ein erstaunliches Tempo.

„Bleiben Sie stehen, Mann!“, fauchte Bount Reiniger. „Wir hatten Ehrlichkeit bei diesem Handel vereinbart.“

„Wenn Sie sich daran gehalten haben, sollte mich das freuen, Reiniger“, spottete der andere und rannte weiter. Direkt auf die Bäume zu, zwischen denen er leichter zu entkommen glaubte.

Bount war hinter ihm.

Ein paar Spaziergänger verfolgten die Jagd amüsiert. Es blieb unklar, ob sie die richtigen Schlüsse zogen. Im Central Park konnte man die tollsten Dinger erleben. Auch bei Tage.

Bount war schnell. Schneller als der Dieb, der seine fünfzigtausend Dollar vergessen hatte, und wenn auch seine Augen noch teuflisch brannten, so würde er ihn doch noch vor den Bäumen eingeholt haben.

Plötzlich wuchsen zwischen den Stämmen drei Gestalten auf. Bount sah sie nur flüchtig, aber ihre Visagen hatten sich ihm unauslöschlich eingeprägt. Es handelte sich um Sarahs Entführer. Besonders den Kerl mit den borstigen, roten Haaren und den hervorquellenden Froschaugen erkannte er sofort wieder.

Im Nu wurde dem Detektiv klar, dass er mit seinen Annahmen ins Schwarze getroffen hatte. Offensichtlich stammte die Information, er besitze die Tagebücher, tatsächlich von dem Mädchen. Sobald der Betrug entdeckt wurde, würde es der Kleinen schlecht ergehen.

Bount hielt jetzt die Automatic in der Hand und stürmte weiter. Er hielt sich genau hinter dem Dieb und hinderte die Gangster dadurch am Schuss.

„Schießt doch, ihr Idioten!“, plärrte der Flüchtende. War er der Boss oder auch nur einer der bezahlten Halunken, hinter denen ein anderer stand? Nat Gilbert war kaum der andere. Der Junge war noch zu grün, um eine Bande erwachsener Verbrecher zu befehligen.

Bount Reiniger sah es zwischen den Bäumen aufblitzen. Ein paar Leute schrien. Sie rannten in die entgegengesetzte Richtung. In eine Schießerei zu geraten, war immer gefährlich.

Bount warf sich zur Seite und versuchte gleichzeitig, einen Schuss abzugeben. Auf eine lange Auseinandersetzung durfte er sich nicht einlassen. Sie waren immerhin zu viert, und er würde so schnell keine Unterstützung erhalten, selbst wenn jemand sofort die Polizei informierte.

Sämtliche Kugeln gingen fehl. Auch seine. Aber Bount schoss unverzüglich erneut. Er hielt auf die Beine jenes Gangsters, der für ihn am günstigsten stand.

Er sah, wie der Kerl taumelte und sich mit schmerzverzerrtem Gesicht an einem Baumstamm festklammerte. Dann musste Bount sich selbst in Sicherheit bringen, denn das Blei zwitscherte wie eine Schar munterer Vögel um seinen Kopf.

Die Burschen verstanden ihr Handwerk. Wenn der Halunke mit den gestohlenen Büchern nicht noch zwischen ihnen gewesen wäre, hätten sie ihn zweifellos getroffen.

Die Gegend um den Pool war plötzlich wie leer gefegt. Sogar am jenseitigen Ufer wurde es still. Das machte die Angelegenheit keineswegs erfreulicher.

Bount Reiniger hechtete hinter einen überfüllten Papierkorb. Neben ihm spritzte Dreck hoch. Die Kerle schossen sich langsam auf ihn ein.

Auch der Bursche mit dem Schnauzer hielt inzwischen einen Revolver in der Faust. Er hatte jetzt die Bäume erreicht und schickte Bount eine Kugel hinüber, die aber zu hastig abgefeuert worden war.

Bount Reiniger zielte sorgfältig. Er wollte diesen Mann. Er sah ihn für den wichtigsten an. Außerdem hatte er die verhängnisvollen Bücher, die Sarah gefährlich werden konnten.

Als er abdrückte, stolperte der Gangster über eine Wurzel und rettete sich dadurch. Bount hörte noch ein höhnisches Gelächter, dann tauchte er zwischen den Bäumen unter und überließ den anderen das Feld.

Bount Reiniger hatte es nun noch mit zwei Mann zu tun. Der dritte kroch auf allen vieren auf die Büsche zu. Bount hatte ihn am Bein erwischt. Er durfte ihm keinesfalls entkommen. Dieser Mann musste ihm alles sagen, was er wissen wollte.

Bount trieb die beiden Übriggebliebenen mit seinen Schüssen zurück, während er sich selbst keine Blöße gab.

Als sie nachladen mussten, hatte auch er Gelegenheit, sein Magazin zu wechseln. Er tat das so schnell, dass er früher fertig war als sie und sich dadurch einen uneinholbaren Vorteil verschaffte.

Die Gangster erkannten das und zogen es vor, das Weite zu suchen. Ihre Beute hatten sie ja. Das war ihnen wohl die Hauptsache.

Bount verfolgte sie noch, doch sie warfen sich in den unscheinbaren Wagen, der bereits mit laufendem Motor auf sie wartete und hinter dessen Lenkrad der Tagebuchräuber saß. Bevor sie die Türen schließen konnten, raste das Fahrzeug bereits davon.

Bounts Gesicht wurde kantig, als er sich umdrehte und sah, dass der Angeschossene mit beiden Händen seinen Revolver hob, um ihn in den Rücken zu schießen. Er fiel in sich zusammen, doch der andere drückte nicht ab. Er war total entnervt, als er sich allein sah.

Er markierte den Toten, doch diese Rolle nahm ihm Bount Reiniger nicht ab. Ein Unterschenkeltreffer war nicht tödlich.

Bount legte die Automatic nicht aus der Hand, als er sich dem Verletzten näherte. Mit dem Schuh stieß er den Revolver außer Reichweite.

Er bückte sich und untersuchte die Wunde. Nach seiner Beurteilung war das Schienbein durchschlagen. Vermutlich gesplittert. Das tat zweifellos weh.

„Können Sie laufen. Bull, wenn ich Sie stütze?“, erkundigte er sich.

Der Eckige zuckte zusammen. „Woher wissen Sie meinen Namen, Reiniger?“, wollte er wissen.

„Sie kennen meinen doch auch, Bull“, gab Bount gelassen zurück. „Wir Detektive sind nun mal ungeheuer klug. Daran müsst ihr euch gewöhnen. Es ist töricht, uns hereinlegen zu wollen. Wusste das Ihr Boss nicht?“

„Ich ... ich sage nichts.“

Bount sah fast fröhlich aus. „Sie reizen mich direkt zum Wetten. Ich bin nicht hergekommen, um mir eure hübschen Visagen anzusehen. Wenn mir schon die fünfzig Riesen durch die Lappen gehen, erwarte ich wenigstens ein paar Informationen.“

„Nicht von mir“, beharrte der Gangster stur.

„Das kommt ganz drauf an, wie schnell Sie zu einem Arzt gebracht werden wollen. Ich könnte mir vorstellen, dass Ihr Bein eine Behandlung braucht.“

„Verdammt!“

„Ich bringe Sie zu einem Doc“, versprach Bount. „Noch bevor ich die Polizei informiere. Aber erst wird geplaudert. Wo habt ihr das Mädchen? Lebt es noch?“

„Ich kann schweigen.“

Bount lächelte böse. Er setzte den Lauf seiner Automatic auf das Knie des gesunden Beins. „Und ich kann schießen“, verriet er. „Wenn es um das Leben eines unschuldigen Mädchens geht, kenne ich keine Skrupel. Also heraus mit der Sprache. Wo steckt die Kleine?“

Er hätte zwar nie abgedrückt, aber der Gangster schloss von sich auf andere.

Auf der Stirn des Verbrechers bildeten sich jene Schweißperlen, die Bount immer wieder bei jenen Strolchen sah, die keine Möglichkeit hatten, sich an einem Schießeisen festzuhalten. „Wir ... wir lassen sie frei“, stammelte Bull. „Das schwöre ich. Der Boss wollte nur die Tagebücher.“ „Warum? Was steht in den Büchern so Wichtiges, dass deswegen auf Menschen geschossen werden muss?“

Der andere schwieg. Seine Augen irrten umher, aber er erhielt keine Hilfe. Seine Kumpels hatten ihn im Stich gelassen.

„Reden Sie!“, befahl der Detektiv. „Wenn ich den Mund aufmache, bringen mich die anderen um.“ „Mickey?“

„Natürlich. Und Blacky. Und vor allem der Boss.“

„Daniel Hurston.“ Bount erinnerte sich, dass Toby Rogers diesen Namen im Zusammenhang mit dem roten Blacky genannt hatte.

Die Wirkung war beachtlich. „Sie wissen tatsächlich eine ganze Menge, Reiniger“, stotterte Bull entgeistert. „Dann wissen Sie auch, was in den Büchern steht.“

„Kann schon sein. Trotzdem möchte ich von Ihnen die Bestätigung. Ich habe die Dinger gelesen. Demnach sitzt Hurston ganz schön dick in der Tinte.“

Auch das war ein Bluff, zu dem allerdings nicht viel Fantasie gehörte. Wenn Daniel Hurston schon so scharf auf die Unterlagen war, dann mussten sie ganz einfach für ihn eine Gefahr bedeuten. Das war logisch.

„Und alles nur wegen der kleinen Hepford“, bestätigte Bull zähneknirschend. „Das Biest hat die Gespräche belauscht und diese prompt in ihrem Tagebuch verewigt. Blödsinnigerweise hat sie davon auch noch ihrem Macker erzählt. Sie selbst war ja zu naiv, als dass sie den Sinn begriffen hätte. Nat Gilbert aber kapierte sofort, von welcher dicken Sache da geredet worden war, und er brachte die Bücher in seine Hand. Na, das wissen Sie ja, denn Sie haben sie ihm ja wieder abgenommen.“

Bount Reiniger überlegte angestrengt. Von welchen Gesprächen war die Rede? Hatte Sarah Daniel Hurston belauscht? Mit wem hatte er gesprochen und vor allem worüber?

„Okay!“, erklärte er. „Sie sagen mir da nicht viel Neues. Wissen möchte ich aber, wie Sie erfuhren, dass sich die Bücher in Gilberts Besitz befanden.“

Der Gangster sah ihn erstaunt an. „Na, weil der Dreckskerl es gewagt hat, uns zu erpressen. Bei seinem ersten Anruf erzählte er uns genau, wann die nächste Ladung Chilenen illegal ins Land gebracht werden sollte und an wen die Ahnungslosen wieder verschachert werden sollten. Der Boss war vielleicht platt. Er hatte ja keine Ahnung, dass sein Gespräch mitgehört worden war. Als er dann erfuhr, dass Gilbert auch noch von früheren Unternehmen wusste und der Halunke eine halbe Million Schweigegeld forderte, mussten wir natürlich handeln.“

„Natürlich“, sagte Bount Reiniger ernst. „Menschenhandel ist schließlich ein Broterwerb, von dem die Polizei besser nichts erfährt. Es ist sehr leichtsinnig, sich bei Gesprächen über diese Dinge belauschen zu lassen.“

„Der Boss war auch mächtig wütend und hat gesagt, dass Hepford ein unfähiger Idiot ist.“

„Hepford?“

„Na klar! Wenn er schon von daheim telefoniert, dann soll er sich wenigstens vergewissern, dass ihn keiner hört.“

„Dann wurde Hepford vermutlich ebenfalls erpresst.“

„Bestimmt“, bestätigte der Gangster und stöhnte. Sein Bein bereitete ihm beträchtliche Schmerzen.

Also Gordon Hepford. Er hatte dem Mann von Anfang an nicht getraut, doch dass seine Weste derart schmutzig war, überraschte Bount doch. Der Gangster wusste vermutlich ganz genau, wer hinter der Entführung seiner Tochter steckte. Hatte er deshalb keinen Finger gerührt, weil er seinem schmierigen Geschäftspartner Hurston immer noch vertraute? Oder war er bereit, seine Tochter zu opfern, wenn er dadurch seinen eigenen Kopf retten konnte? Bei dem Gedanken an den angeblichen Biedermann wurde Bount speiübel.

„Hat Sarah nicht mit ihrem Vater gesprochen?“, forschte er.

Der Eckige schnitt eine Grimasse. „Sie sprach mit Gilbert, weil sie sich nicht auskannte. Der wollte die Bücher sehen und erkannte, dass da was zu holen war. Wahrscheinlich machte er eine Andeutung über krumme Geschäfte ihres Vaters. Als Hepford die Bücher von ihr sehen wollte, weil sich Gilbert inzwischen bei ihm mit Forderungen gemeldet hatte, verlangte sie diese von ihrem Freund zurück. Doch der weigerte sich, und es kam gestern Nacht zum großen Krach. Gilbert drohte ihr sogar, und sie lief aus Angst vor ihm davon.“

„Woher wissen Sie das alles so genau, Bull?“, erkundigte sich Bount Reiniger misstrauisch.

„Ganz einfach. Hepford hat unseren Boss natürlich sofort angerufen, als er erpresst wurde. Die beiden hatten keine Ahnung, wer das Schwein sein konnte. Hurston hatte die Idee, Sarah zu beobachten, um festzustellen, mit wem sie sich traf. Wir wurden also Zeuge ihres Streits und sahen auch, wie sie Ihnen direkt vors Auto rannte. Als Sie dann den Burschen zusammenmischten, konnten wir uns denken, dass die Bücher den Besitzer gewechselt hatten. Das hat uns das Mädchen übrigens bestätigt.“

Genau, wie Bount sich das vorgestellt hatte.

„Wo ist Sarah?“, bohrte er erneut. Die Schuldigen waren ihm jetzt sicher. Wichtig war nur noch, dass dem Mädchen nichts passierte.

„Ich sagte doch, dass wir sie laufen lassen, wenn die Bücher echt sind.“

Dass sie es nicht waren, würden die Kidnapper schnell festgestellt haben. Vielleicht wussten sie es in diesem Augenblick bereits.

„Ich will den Ort wissen“, donnerte Bount Reiniger und riss den Verbrecher an den Schultern hoch.

Bull stierte ihn entsetzt an. Seine Augen weiteten sich, dann nahmen sie einen eigenartigen Ausdruck an. Er antwortete nicht, er stöhnte nur noch. So große Schmerzen konnte er unmöglich haben. Der Bursche markierte nur.

Bount schüttelte ihn. Der Körper wurde plötzlich schlaff, und der Kopf kippte auf die Brust.

Erst da begriff Bount, dass er einen Toten hielt.

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Er hatte den Schuss nicht gehört. Wahrscheinlich hatten sie einen Schalldämpfer benutzt, um ihren Kumpan am Reden zu hindern. Vielleicht hatte der Schuss auch gar nicht dem Gangster, sondern ihm gegolten. Auf jeden Fall war der Einschuss am Rückenteil von Bulls Pullover deutlich zu erkennen, und das Blut, das aus dem kleinen Loch heraussickerte, lieferte den letzten Beweis.

Bount Reiniger zerquetschte einen Fluch. Längst hatte er nach dem Heckenschützen Ausschau gehalten, doch der Kerl war wie vom Erdboden verschluckt. Eine Verfolgung also sinnlos.

Bount wusste jetzt zwar eine Menge mehr, nur nicht das Wichtigste. Wo wurde Sarah festgehalten?

Ob Hepford es ahnte? Jetzt musste dieser Lump reden. Er hatte die Frechheit besessen, sich einen Detektiv anzuheuern, um das gefährliche Belastungsmaterial zurückzubekommen. Dadurch wollte er wohl besonders unschuldig erscheinen. Beinahe wäre ihm das auch gelungen. Dummerweise hatte ihm sein Partner einen Strich durch die Rechnung gezogen.

Bount ging zu seinem Wagen und informierte über Autotelefon die Polizei. Er wartete, bis der Streifenwagen und die Spurensicherung eintrafen und stand Rede und Antwort. Er verwies auf Captain Rogers, der über den Fall bereits informiert war.

Danach raste er nach Queens. Er wollte verhindern, dass ihm der wichtige Vogel davonflog.

Gordon Hepford fiel aus allen Wolken und aus der Rolle. Als nur Minuten nach Bount Reiniger Toby Rogers mit seinen Männern eintraf, um den Makler zu verhaften, schrie er unflätig und nannte Bount einen miesen Verleumder, dessen Schuld es sei, dass man seine Tochter entführt habe. Die Beschuldigungen gegen ihn bezeichnete er als geradezu lächerlich.

„Wo sind denn Ihre Beweise“, plärrte er, und die Augen hinter seiner Brille funkelten wie die einer Eule. „Sie erzählen uns Dinge, die ein Verbrecher behauptet haben soll. Seit wann wird einem Gangster mehr geglaubt, als einem ehrlichen Staatsbürger? Außerdem ist er tot, und niemand kann Ihre Behauptungen nachprüfen. Der unbekannte Schütze dürfte auch nur eine Erfindung von Ihnen sein, Reiniger. Vielleicht haben Sie den Mann sogar selbst abgeknallt, um hinterher die wildesten Gerüchte aufbringen zu können.“

„Um zu erkennen, dass der Schuss aus größerer Entfernung abgefeuert wurde, bedarf es nicht mal einer aufwendigen forensischen Untersuchung“, meldete sich der Captain. „Alles Übrige dürften die Tagebücher Ihrer Tochter bestätigen, auf die Sie so scharf waren.“

„Und in denen angeblich von schlüpfrigen Partys die Rede ist“, ergänzte Bount. „Ich habe den Eindruck, dass Ihnen das Verschwinden Sarahs sehr gelegen kommt. Möglicherweise haben Sie es sogar selbst veranlasst, damit das Mädchen nicht verhört werden kann.“

„Sie sind ja total übergeschnappt, Reiniger“, würgte Gordon Hepford hervor. Seine Frau stand neben ihm. Klein und bleich. Sie weinte fassungslos. An diesem Tag hatte sie das Schicksal schwer getroffen. Offenbar hatte sie keine Ahnung von den finsteren Machenschaften ihres Mannes gehabt.

„Finden Sie Sarah“, bat sie Bount flüsternd. „Bringen Sie mir mein Kind zurück. Alles kann ich zur Not verlieren, aber nicht das Mädchen. Ich flehe Sie an.“

Bount biss die Zähne aufeinander. Gerade diese Frau hatte geglaubt, einen Menschen, mit dem sie Jahre ihres Lebens geteilt hatte, genau zu kennen. Wie oft wurden die Gutgläubigen enttäuscht!

Gordon Hepford verlangte energisch nach seinem Anwalt, was ihm nicht abgeschlagen wurde.

„Den werden Sie brauchen“, brummte Toby Rogers. „aber den Kopf kann er Ihnen auch nicht aus der Schlinge ziehen. Sagen Sie uns jetzt, wo Sie das Versteck vermuten, in dem Ihre Tochter festgehalten wird.“

„Woher soll ich das wissen?“, brauste der Beschuldigte auf.

„Denken Sie nach, Hepford!“, mahnte Bount. „Sie kennen Daniel Hurston. Sie wissen um seine Möglichkeiten. Wir kennen ihn ebenfalls. Als Rauschgifthai war er skrupellos wie kaum einer. Als Menschenhändler wird er kaum zahmer geworden sein. Sarahs Leben ist in Gefahr. Begreifen Sie das noch immer nicht?“

„Das ist einzig und allein Ihre Schuld, Reiniger. Sie haben alles verpfuscht.“

Bount Reiniger hielt es nicht für nötig, sich zu rechtfertigen. „Wenn Ihnen schon nichts an Ihrer Tochter liegt“, sagte er wütend, „dann spucken Sie wenigstens aus, wo sich Hurston verkrochen hat.“

„Ich kenne keinen Hurston.“

„Sie haben mit ihm telefoniert und wahrscheinlich nicht nur das.“

„Mich rufen jeden Tag viele Leute an. Wenn ich die alle kennen müsste, wäre ich arm dran. Sie müssten das am besten wissen, Reiniger. Ihnen geht es doch ähnlich.“

„Killer merke ich mir“, widersprach Bount Reiniger eisig. Der Hass gegen diesen glatten Burschen, den das Schicksal seines einzigen Kindes anscheinend überhaupt nicht berührte, wuchs immer stärker in ihm.

Sie redeten noch eine Zeitlang auf Hepford ein, aber der Makler blieb dabei, dass die ihm zur Last gelegten Vorwürfe aus der Luft gegriffen seien.

Toby Rogers ließ ihn abführen, nachdem er mit seinem Rechtsanwalt telefoniert hatte.

Ellen Hepford war eine gebrochene Frau, und noch jemanden traf die Tatsache, dass Hepford ein Verbrecher sein sollte, schwer.

„Jetzt habe ich geglaubt, wenn ich meine Weste sauber halte, kann sich für mich alles noch zum Guten wenden“, sagte Brad Stocker verdrossen, „und was passiert mir? Ich finde ausgerechnet bei einem der größten Lumpen von New York City einen Job. Kein Wunder, dass er großzügig über meine Vergangenheit hinweggesehen hat. Diesmal habe ich zwar nichts ausgefressen, aber ich bin doch wieder der Dumme. Hier wird kein Chauffeur mehr gebraucht, und woanders wird man mich nicht nehmen. Zu meinen Vorstrafen kommt noch erschwerend hinzu, dass ich für einen Gangster gearbeitet habe. Wen interessiert schon, dass ich nichts davon ahnte?“

„Vorläufig bleiben Sie noch bei uns, Brad“, sagte Ellen Hepford stockend. „Noch ist nichts bewiesen.“

„Es wird bewiesen, Ma’am, verlassen Sie sich drauf. Mister Reiniger ist kein Dummkopf, wenn ich das auch noch vor ein paar Stunden geglaubt habe. Der gibt keine Ruhe, bis er das letzte Mosaiksteinchen zusammengetragen hat.“

Davon war auch die Frau überzeugt. Sie wehrte sich nur noch gegen die grausame Wahrheit.

„Wenn wir uns wirklich von Ihnen und Emily trennen müssen“, versicherte sie, „werde ich Sie weiterempfehlen, Brad. Bei uns haben Sie sich nichts zuschulden kommen lassen. Alles andere, was Sie mir vorhin gebeichtet haben, zählt nicht für mich. Dafür haben Sie gebüßt.“

Sicher dachte sie daran, wie viele Jahre ihr Mann würde büßen müssen. Vor allem aber bewegte sie die Sorge um ihre Tochter, und mit dieser Sorge stand sie nicht allein.

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Die Suche nach John Carpenter und Jess Hall können wir uns also sparen“, stellte Toby Rogers später fest, nachdem sie das Hepford'sche Haus verlassen hatten. „Der rothaarige Bursche ist demnach tatsächlich dieser Blacky, der noch immer für Hurston arbeitet. Der Teufel mag wissen, wo sich der Halunke verkrochen hat. Unsere Hoffnung, er würde New York in Zukunft verschonen, hat sich nicht erfüllt.“

„Wir müssen ihn unbedingt finden“, sagte Bount. „Ich gebe für Sarah keinen verbogenen Cent, wenn Hurston den Schwindel mit den Tagebüchern entdeckt. Sonst übrigens auch nicht. Alles deutet darauf hin, dass er sich gründlich mit seinem Partner entzweit hat, denn Hepfords Schuld ist es, dass sie entdeckt wurden.“

„Aber traust du Hepford zu, dass er seine Tochter kampflos aufgibt?“, fragte Toby kopfschüttelnd. „Immerhin ist es sein Kind und nicht irgendjemand, den er für harte Dollars verschachert.“

„Seine Motive und Beweggründe zu analysieren, ist Aufgabe eines Kriminologen“, fand Bount Reiniger. „Möglicherweise glaubt er nicht, dass Hurston ernst machen könnte.“

„Oder er hat selbst den Auftrag erteilt, die lästige Schwätzerin einstweilen aus dem Verkehr zu ziehen. Dann braucht er sich nicht um sie zu sorgen.“

Bount schüttelte heftig den Kopf. „Das glaube ich nicht, Toby. Die Gangster haben von Sarah erfahren, dass ich die Tagebücher besitze, obwohl sie genau weiß, dass das nicht stimmt. Ich fürchte, dass sie zu dieser Aussage gezwungen wurde. Wenn Hepford tatsächlich seine Tochter in Sicherheit wähnt, so ist jedenfalls Hurston nicht bereit, sich an seine Abmachungen zu halten. Er ist zweifellos der Geschicktere und der Profihaftere von beiden. Er hat Bull eiskalt abservieren lassen, weil er damit rechnete, dass der Mann seinen Mund nicht halten würde. Genauso wird er mit Sarah verfahren.“

„Und mit Nat Gilbert“, ergänzte der Captain, „falls er den Erpresser in die Finger bekommt.“

„Zweifellos. Der Junge hat sich da auf ein riskantes Spiel eingelassen. Ich habe ihn flüchtig kennengelernt und glaube, dass Erpressung dieser Größenordnung ein paar Nummern zu groß für ihn ist. Aber immerhin besitzt er die Tagebücher, und die brauchen wir, um Hepford einen Strick drehen zu können. Irgendwann wird er sich mit Hurston treffen, weil dieser die Bücher von ihm verlangen wird. Dann sollten wir zur Stelle sein, um zuzugreifen. Leider ist Nat Gilbert untergetaucht. Es ist zum Verzweifeln.“

„Natürlich werden wir Hepford nach allen Regeln der Kunst ausquetschen, doch davon verspreche ich mir nicht viel. Falls sein ehemaliger Partner Sarah umbringen will, hält er sie bestimmt nicht an einem Ort versteckt, der Hepford bekannt ist.“

Bount überlegte. „Können wir nicht vielleicht über den Dodge an die Schurken herankommen?“, meinte er. „Bis jetzt glaubte ich, dass der Wagen gestohlen ist, aber dann hätten sie sich längst von ihm getrennt. Hast du in dieser Richtung etwas in Erfahrung gebracht?“

Der Dicke bejahte. „Der Wagen ist vielleicht nicht gestohlen, aber auf jeden Fall sind die Nummernschilder falsch. Außerdem kennen wir ja die Besitzer. Nur der Aufenthaltsort ist uns fremd.“

Bount konnte es nicht fassen. Er hatte schon ein paar heiße Spuren besessen. Jedes Mal hatten sie sich in letzter Sekunde als falsch erwiesen. Zweifellos war nun auch sein Kontakt mit Hurston abgebrochen. Der meldete sich bestimmt nicht mehr bei ihm.

Was konnte er nur tun? Sarah, dieses harmlose Ding, das, ohne es zu ahnen, in ein Wespennest gestochen hatte, war zum hilflosen Spielball gnadenloser Gangster geworden. Wenn man sie nicht tötete, so wurde sie außer Landes gebracht und halte eine zweifelhafte Karriere in einem schmierigen Liebesschuppen vor sich.

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Die Gangster hockten um einen runden Tisch herum und studierten die erbeuteten Tagebücher. Niemand verlor ein Wort über Bull, den sie zum Schweigen gebracht hatten, bevor er ihren Schlupfwinkel verraten konnte. Er war dämlich genug gewesen, sich von diesem Reiniger erwischen zu lassen. Die Konsequenzen hatte er sich selbst zuzuschreiben. In diesem Geschäft konnte man kein Risiko eingehen.

„Verstehst du das, Boss?“, maulte Mickey, den das Lesen sichtlich anstrengte. „In diesen Schwarten ist doch überhaupt nicht die Rede von uns.“

„Von Hepford auch nicht“, stellte Blacky fest. „Die Namen, die hier drinstehen, kenne ich überhaupt nicht.“

Daniel Hurston wurde ebenfalls nervös. Er las die eng beschriebenen Seiten nun schon zum zweiten Mal, aber auch ihm kam es vor, als sollte er auf den Arm genommen werden.

„Diese jungen Dinger benutzen manchmal eine Geheimsprache, wenn sie sich interessant machen wollen“, meinte er gedehnt.

Die beiden anderen sahen ihn verblüfft an.

„Eine Geheimsprache?“, echote Mickey. „Du meinst so eine Art Code, den kein Fremder versteht?“

„Das meine ich. Was das Luder heimlich erlauscht hat, muss ihm wichtig erschienen sein. So wichtig, dass es die Notizen verschlüsselte.“

„Das ist doch Quatsch!“, meckerte Blacky, hielt sich aber erschrocken den Mund zu, als er den strafenden Blick Daniel Hurstons auf sich gerichtet sah. „Ich ... ich meine“, stotterte er verdattert, „mit diesem verschlüsselten Geschwätz könnte uns doch niemand erpressen.“

„Tut es aber, du Genie, oder hältst du die Forderung nach einer halben Million für einen Witz?“

„Jedenfalls für keinen guten.“ „Weißt du, worüber ich mich wundere, Boss?“, meldete sich Mickey wieder.

„Spuck’s aus, wenn’s interessant ist.“

„Ich denke schon. Dieser Nat Gilbert ist doch angeblich die große Liebe von dem Mädchen.“

„Die weiß doch nicht, was für ein Schuft das ist.“

„Das meine ich doch gar nicht“, wehrte sich Mickey ärgerlich.

„Was sonst?“

„Soweit ich diese kleinen Mädchen kenne ...“

„Kennst du denn solche Kinder?“ Blacky feixte. „Lass das deine Gila lieber nicht hören. Die kratzt dir sonst glatt die Augen aus.“

„Würdest du endlich mal dein geistloses Maul halten?“, keifte der Stämmige. „Sonst dresche ich es dir zu, dass du es bis zum nächsten Schaltjahr nicht mehr aufbringst.“

„Habt ihr wirklich nichts anderes zu tun, als euch gegenseitig anzupflaumen?“, fauchte Hurston giftig. „Lass Mickey ausreden. Manchmal hat er ja einen Geistesblitz.“

Mickey wuchs ein beträchtliches Stück. Er warf dem Rothaarigen einen triumphierenden Blick zu und räusperte sich.

„Ich meine das so, Boss. Was schreibt denn ein Teeny für gewöhnlich in so ein verdammtes Tagebuch?“

Der Schnauzbärtige hob die Schultern. „Weiß ich doch nicht. Aus dem Alter bin ich heraus. Außerdem habe ich mich auch früher nicht mit solchem Schwachsinn abgegeben.“

„Ich auch nicht, Boss. aber um sich das vorzustellen, braucht man gar nicht viel Fantasie.“

Daniel Hurston überlegte kurz, ob er diese Bemerkung übelnehmen sollte. Dann kam ihm die Erleuchtung. Seine Augen blitzten auf.

„Du meinst Liebesabenteuer. Gebrochene Herzen, Ärger in der Schule und mit den Alten zu Hause und so weiter.“

„Genau. Wenn aber ein Freund wie Nat Gilbert existiert, erscheint auch ohne Frage in den schriftlichen Ergüssen der Verliebten sein Name.“

„Hört sich logisch an.“

„Ist logisch, Boss. Und nun frage ich dich, hast du diesen verdammten Namen auch nur ein einziges Mal gelesen?“

„Nein.“

„Was folgerst du daraus?“

„Das Mädchen liebt den Bengel gar nicht.“

Mickey schüttelte fassungslos den Kopf. Wollte der Boss ihn veralbern?

„Aber nein“, sagte er unwillig, „das bedeutet, dass wir es nicht mit den Tagebüchern von Sarah Hepford zu tun haben, sondern mit Fälschungen.“

Jetzt wurde auch Blacky wieder munter. „Das wäre die größte Lumperei, die bisher einer mit uns versucht hat“, erklärte er.

Daniel Hurston wollte es nicht glauben. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass Reiniger in der kurzen Zeit zwei dicke Bücher mit albernem Blödsinn vollgeschmiert hat, nur um uns zu foppen.“ Er blätterte aufgeregt in den Tagebüchern und stutzte plötzlich. „Hat er auch nicht“, murmelte er und deutete auf ein Datum, das in sauberer Mädchenschrift ganz oben auf einem Blatt geschrieben stand. „Die Gurken sind schon mehr als zehn Jahre alt.“

„Dieses Schwein!“, zischte Mickey, und es war allen klar, dass er damit Bount Reiniger meinte. „Er hat uns hereingelegt.“

Auch Blacky war sauer. „Er wollte fünfzig Riesen kassieren für nichts und wieder nichts.“

„Die hätte er sowieso nicht bekommen“, beruhigte ihn Hurston mit kaltem Lächeln.

„Das macht nichts, Boss. Jedenfalls muss er dafür büßen.“

Daniel Hurston grinste gemein. „In diesem Punkt gebe ich dir recht, Blacky. Vorher aber schnappen wir uns die kleine Kanaille, die genau gewusst hat, was sie tat, als sie uns an den Schnüffler verwies.“

„Schicken wir sie mit den anderen über den großen Teich?“, wollte Mickey wissen.

„Über den ganz großen. Mit der möchte ich keinen Ärger mehr haben. Mit der machen wir kurzen Prozess.“

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Nat Gilbert legte den Hörer auf. Was er soeben erfahren hatte, brachte sein ganzes, mühsam aufgebautes Konzept durcheinander.

Gordon Hepford war verhaftet worden. Man war dem Halunken auf die Schliche gekommen. Auch ohne seine Hilfe. Verdammt!

Hepford tat ihm nicht etwa leid. Seine Machenschaften stanken zum Himmel. Es war nur recht und billig, wenn er dafür bezahlen musste. Doch vorher hatte er selbst ihn noch zur Kasse bitten wollen. Das war nun nicht mehr möglich. Er hatte sich zu lange vertrösten lassen. Er hätte viel energischer agieren müssen.

Für diese Erkenntnis war es leider nun zu spät. Das schöne Geld konnte er an den Kamin schreiben.

Jedenfalls das von Gordon Hepford. Aber es blieb ja noch die andere Seite, und der würde er jetzt gewaltig auf die Zehen treten. Ein zweites Mal wartete er nicht, bis ihm die Bullen zuvorkamen.

Er wählte die Nummer, die er inzwischen auswendig kannte, und musste lange warten, ehe sich jemand meldete.

„Sitzen Sie auf den Ohren, Hurston?“, meckerte er.

„Ach, Sie sind es schon wieder. Sie haben Pech, ich wollte gerade gehen.“

„Hoffentlich zur Bank, um die Mäuse abzuheben.“

„Wovon sprechen Sie?“, kam es gleichgültig.

„Von der halben Million, die ich verlange. Ich warte nicht länger. Ich will jetzt das Geld sehen, sonst plaudere ich heute noch mit meinen Freunden von der Polizei. Das ist Ihnen bestimmt nicht ganz angenehm.“

„Wissen Sie, was ich glaube?“

„Ich bin gespannt.“

„Ich bin überzeugt, dass Sie die Bücher gar nicht mehr besitzen. Die hat jetzt ein gewisser Reiniger. Er ist Privatdetektiv.“

„Spinnen Sie? Bilden Sie sich ein, ich gebe die Dinger aus der Hand?“

„Freiwillig wahrscheinlich nicht.“

„Und unter Gewalt auch nicht. Nur gegen eine halbe Mille. Soll ich Ihnen ein paar Passagen vorlesen? Vielleicht kommen Sie dann wieder auf den Teppich zurück.“

„Das halte ich für äußerst unwahrscheinlich, Gilbert. Ich kann mich einfach nicht mit Ihrem Preis anfreunden.“

„Versuchen Sie es trotzdem, Hurston. Sie haben gar keine andere Wahl.“

„Ich denke doch. Und ich bin sogar sicher, dass Sie mein Angebot sehr großzügig finden werden.“

„Geben Sie sich keine Mühe, mich hinzuhalten. Darauf falle ich nicht mehr herein.“

Daniel Hurston ließ sich nicht beirren. Mickey und Blacky standen neben ihm. Sie warteten ungeduldig, dass sie endlich losfahren konnten.

„Ich biete Ihnen statt der halben Million das Leben Ihrer Freundin Sarah.“

„Sarahs Leben?“ Nat Gilbert war perplex. „Wollen Sie die etwa entführen?“

„Ist bereits geschehen, mein Junge. Wir wollten sie gerade umlegen, aber wir überlegen es uns noch mal, wenn Sie sich verhandlungsbereit zeigen.“

„Was erwarten Sie konkret?“

„Einen simplen Tausch. Wir treffen uns. Sie bringen die Bücher mit. Die richtigen Bücher, versteht sich. Und ich komme mit Sarah. Sie wird wohlbehalten sein. Höchstens ein wenig verängstigt, aber das gibt sich wieder. Wir tauschen unsere Geschenke, und jeder ist zufrieden.“

„Sie bluffen, Hurston.“

„Rufen Sie bei den Hepfords an und erkundigen Sie sich“, schlug der Schnauzbärtige ölig vor. „Man gibt Ihnen sicher bereitwillig Auskunft, was dort heute geschehen ist.“

Nat Gilbert wollte schon sagen, dass er das gerade getan habe und dort das einzige Gesprächsthema Hepfords Verhaftung sei. Doch dann überlegte er sich, dass Hurston erst recht zahlungsunwillig sein würde, wenn er erfuhr, dass die Polizei seinen Partner schon geschnappt hatte. Er konnte sich ausrechnen, dass es ihm ebenfalls bald an den Kragen gehen würde.

„Das erübrigt sich, Hurston“, sagte er langsam. „Bilden Sie sich allen Ernstes ein, ich tausche die kleine Hexe gegen eine halbe Million ein? Machen Sie mit ihr, was Sie wollen. Sie ist mir sowieso schon auf die Nerven gegangen. Ich will Geld sehen, und zwar in einer Stunde. Kapiert?“

Für einen Moment war Daniel Hurston sprachlos. Mit dieser Kaltschnäuzigkeit hatte er nicht gerechnet. Anscheinend hielt ihn Gilbert nicht für fähig, das Biest umzulegen. Da sollte er sich getäuscht haben. Und auch sonst würde er noch sein blaues Wunder erleben. Einmal war auch seine Geduld zu Ende.

„Sie müssen im Preis runtergehen“, bat er fast kleinlaut. In Wirklichkeit aber sah er wie ein reißendes Tier vor dem Sprung aus. „In so kurzer Zeit kann ich allenfalls hunderttausend flüssig machen.“

„Hunderttausend?“ Nat Gilbert hätte vor Freude am liebsten gejubelt. Mit einer so hohen Summe hatte er gar nicht gerechnet. Trotzdem sagte er mürrisch: „Das glaube ich Ihnen nicht, Hurston. Ich nehme das als Anzahlung. Natürlich erhalten Sie dafür auch nur den halben Gegenwert. Ein Buch. Das andere kriegen Sie bei der endgültigen Abrechnung.“

Die Abrechnung ist näher, als du ahnst, dachte Daniel Hurston. „Wo kann ich Sie treffen?“, erkundigte er sich.

„Kennen Sie den Container Terminal an der Lower West Side?“

„Selbstverständlich.“

„Dort warte ich auf Sie. Ich werde mich erst zeigen, wenn ich mich davon überzeugt habe, dass Sie mir keine Falle stellen wollen.“

„Das begreife ich.“

„Okay, Hurston. Dann also in einer Stunde. Ach, und bestellen Sie Sarah einen Gruß von mir. Sagen Sie ihr, es täte mir leid, aber man kann nun mal nicht alles haben.“

Er legte den Hörer auf und fühlte sich unheimlich clever. Heute hauste er noch zwischen diesen hässlichen Containern, aber morgen würde er bereits irgendwo unter Palmen faulenzen und hielt eine glutäugige Schöne im Arm, die nicht so dämlich war wie Sarah Hepford.

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Sarah rann der Schweiß in Bächen den Rücken herunter. Seit die Gangster sie mit ihrer kärglichen Mahlzeit allein gelassen hatten, war sie nicht mehr zur Ruhe gekommen.

Als sie hoch über sich die Lüftungsklappe entdeckt hatte, während der Lichtschein von draußen ihr Gefängnis notdürftig beleuchtete, hatte sie der Gedanke an eine mögliche Flucht nicht mehr losgelassen.

Sie hatte sich die Stelle genau gemerkt und hoffte nur, dass die Verbrecher ihren Blick nach oben nicht bemerkt und die richtigen Schlüsse daraus gezogen hatten.

Sie hatte ein paar Minuten gewartet, nachdem sich die verhassten Stimmen in der Ferne verloren. Dann war sie zur Tat geschritten.

In der Schule war sie eine gute Turnerin, aber an einer senkrechten Mauer wie eine Spinne hochklettern konnte sie auch nicht.

Dass sie die Klappe nicht erreichte, auch wenn sie sich auf Zehenspitzen stellte, war ihr schnell klargeworden, nachdem sie sich fast die Schultergelenke ausgekugelt hatte.

Nach einer vorübergehenden Mutlosigkeit war der Ehrgeiz in ihr erwacht. Sie wollte es schaffen. Sie musste hier herauskommen, bevor ihre Peiniger zurückkehrten und sie wegen ihrer Lüge zur Rechenschaft zogen.

Es gab in dem ganzen Raum nichts, auf das sie sich stellen konnte. Keinen Eimer, keine Kiste, nicht mal eine erbärmliche Blechdose.

Wirklich nicht? Aufgeregt wühlte sie in dem Päckchen, das ihr der eine Gangster hingeworfen hatte. Tatsächlich. Es befanden sich zwei Coladosen darin. Sie waren nicht sehr groß, aber wenn sie sie übereinanderstellte, ergab das eine Höhe von einem ganzen Fuß. Das konnte reichen.

Die folgenden Minuten verbrachte sie mit einem halsbrecherischem Balanceakt. Sie ging sehr behutsam zu Werke, stieß die Büchsen mehrmals um, versuchte es aber immer wieder.

Mit einer Hand stützte sie sich an der Mauer ab. Ein Fuß ruhte auf dem wackligen Podest, der andere sorgte für das Gleichgewicht, und die freie Hand tastete nach dem Drehknebel über sich. Mit den Fingernägeln konnte sie ihn gerade erreichen, doch das langte nicht, um ihn herumzudrehen und damit die Klappe zu öffnen.

„Hilf mir“, flüsterte sie immer wieder mit schluchzender Stimme. „Lieber Gott, so hilf mir doch!“

Statt ihrem Ziel näher zu kommen, knautschten sich plötzlich die Dosen unter ihr zusammen. Klebrige Brühe spritzte heraus. Das provisorische Podest war zerstört.

Sarah wurde schwindlig. Das durfte nicht wahr sein. Sie hatte ja den Fluchtweg schon gespürt. Ihr musste etwas Neues einfallen.

Sie zwang sich, etwas zu essen, um sich zu stärken. Sie würgte sogar das Fischsandwich hinunter, obwohl sie Fisch nicht mochte. Zu trinken hatte sie nichts mehr. Das Cola schwamm auf dem Boden.

Verzweifelt zermarterte sie sich ihr junges Gehirn und versuchte immer wieder, die Tür zu öffnen, obwohl sie wusste, dass das für sie unmöglich war.

Ihre klebrige Hand ruhte auf dem Drehknauf. Da kam ihr die Erleuchtung.

Sie zog ihre Schuhe aus und stemmte ihre Arme gegen die beiden Seiten der Türöffnung. Auf diese Weise erreichte sie einen festen Halt. Sie schwang einen Fuß auf den Drücker und schob sich weiter in die Höhe, bis sie wieder aufrecht stand, diesmal allerdings fast einen Yard über dem Steinfußboden.

Jetzt hätte sie eine dritte Hand benötigt, um nach dem Knebel der Lüftungsklappe zu greifen. Da sie diese nicht besaß, musste sie sich wohl oder übel mit einer Hand loslassen, wodurch ihr ganzer Halt zum Teufel ging. Blitzschnell suchte sie nach dem Griff, verfehlte ihn und stürzte in den Raum hinunter.

Sie wollte verzweifeln, doch sie sagte sich, dass man nicht schon nach dem ersten missglückten Versuch die Flinte ins Korn werfen durfte. Also kletterte sie erneut auf den Knauf, versuchte wieder ihr Glück und landete zum zweiten Mal auf dem Fußboden.

Dieses Spiel wiederholte sich siebzehn Mal. Beim achtzehnten Versuch spürte Sarah den kalten Drehknebel zwischen ihren Fingern und klammerte sich daran fest wie an einen Rettungsanker.

Sie musste eine Weile ausruhen, denn vor Erschöpfung zitterte sie am ganzen Körper. Dann versuchte sie, den Knebel zu drehen, was ihr jedoch nicht gelang.

Tränen stiegen ihr in die Augen. Sollte die ganze Schufterei umsonst gewesen sein?

Von irgendwoher vernahm sie Stimmen. Es durchrieselte sie eiskalt. Jetzt war alles aus. Sie kamen zurück. Kein Zweifel, dass es sich um die vier Gangster handelte, die sie für ihre verzweifelte Lüge bestrafen wollten. Wie diese Strafe aussah, konnte sich Sarah inzwischen lebhaft ausmalen.

Sie dachte an zu Hause, an ihre Eltern, die sich sicher um sie sorgten, vor allem ihre Mutter. Sie dachte an Emily und Brad und auch an Bount Reiniger, der gestern ihren Tod verhindern konnte und sie, das kleine Mädchen, inzwischen bestimmt längst vergessen hatte. Vor allem aber dachte sie an Nat Gilbert, der immer so nett zu ihr gewesen war, auch wenn er sich in letzter Zeit irgendwie verändert hatte.

Nat war stark. Er würde sie hier herausholen, wenn er wüsste, wo sie sich befand. Am liebsten hätte sie so laut geschrien, dass er es hätte hören müssen.

Draußen kamen die Männer näher. Sie konnte schon die einzelnen Stimmen unterscheiden. Das etwas krächzende Organ gehörte dem Widerling mit den borstigen, brandroten Haaren, und die scheinbar so sanfte Stimme passte zu dem Kerl mit dem Schnauzbart.

Stimmen konnten täuschen. Dieser Mann war keineswegs sanft. Sie kannte zwar seinen Namen nicht, denn die anderen hatten ihn nur mit Boss angeredet, aber dass er böse und gewalttätig war, hatte sie am eigenen Leib erleben müssen.

„Wir machen es kurz und schmerzlos“, hörte Sarah ihn gerade sagen. „Ihr Alter wird nie erfahren, in welches Dreckwasser wir ihre Leiche gestoßen haben.“

Sie hatte sich nicht getäuscht. Sie kamen, um sie umzubringen. Aber warum nur? Was hatte sie ihnen getan? Ihre harmlosen Tagebücher konnten doch unmöglich der Grund für einen Mord sein.

Ob sie diesen Bount Reiniger auch ermordet hatten? Zweifellos! Sie waren ja zu viert und er nur allein. Als sie feststellten, dass er die verdammten Bücher nicht besaß, hatten sie ihn umgebracht, und sie war schuld an dem Tod dieses Mannes, den sie nur zufällig kennengelernt hatte.

Dieser Gedanke raubte Sarah Hepford nahezu den Verstand. Was hatte sie getan? Sie hatte doch nicht den Tod eines Menschen gewollt.

Aber wie hätte sie sich sonst verhalten sollen? Hatte sie eine andere Möglichkeit gehabt? Hätte sie ihren Nat ans Messer liefern sollen? Niemals! Nat würde auch für sie sein Leben in die Waagschale werfen, wenn es darauf ankam, davon war sie fest überzeugt.

„Verzeihen Sie mir, Mister Reiniger“, murmelte das Mädchen verzweifelt. Dann rüttelte es erneut an dem Knebel, der offenbar festgerostet war.

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Die Killer hatten es nicht besonders eilig. Ihnen blieb ja noch fast eine ganze Stunde, bis sie sich ihr nächstes Opfer holten.

„Wir nehmen ihre Leiche mit“, erklärte Daniel Hurston, „und können dann beide an der gleichen Stelle versenken. Das spart uns 'ne Menge Arbeit. Um diese Zeit ist der Treffpunkt wie ausgestorben. Keiner wird uns beobachten.“

„Prima Idee, Boss!“, lobte Blacky. „Und wann holen wir uns Reiniger?“

„Der kommt auch noch dran“, versprach der Schnauzbärtige. „Den dürfen wir auf keinen Fall laufen lassen. Er weiß zu viel. Außerdem lasse ich mir nicht von einem hergelaufenen Schnüffler auf der Nase herumtanzen. Der soll mich kennenlernen.“

„Vielleicht hat ihm Bull sogar unseren Schlupfwinkel verraten“, sagte Mickey argwöhnisch.

Hurston widersprach: „Das glaube ich nicht. Dann wäre der Typ schon längst bei uns aufgetaucht. Er weiß ja, dass wir die Hepford in unserer Gewalt haben. Aber sonst wird der Idiot ihm eine Menge verraten haben. Ich ärgere mich, dass wir nicht früher umgekehrt sind, um Bull zu erledigen. Das war ein Fehler.“

„Bull war kein Verräter“, meinte Blacky.

Hurston lachte geringschätzig. „Jeder wird zum Verräter, wenn er hofft, dadurch seine eigene Haut zu retten. Auch du, Blacky.“

„Niemals, Boss!“, empörte sich der Rothaarige.

Daniel Hurston winkte ab und schwieg. Er kannte die Menschen besser. Jedenfalls die, die zu seiner Klasse gehörten.

„Ich bin immer noch der Meinung, dass es besser wäre, sie alle drei aufs Schiff zu schleppen und mit den anderen zu verkaufen. Leichen können wieder auftauchen, auch wenn man sie noch so tief versenkt. Aber wer einmal in den Minen landet, nach dem kräht kein Hahn mehr. Außerdem brächten sie auch noch einen Gewinn. Mit denen würden wir einen guten Preis erzielen. Kräftige Männer sind gefragt, und nach der Kleinen reißen sich die Kerle ohnehin. Was meinst du, Boss?“

Hurston war nicht der Mann, der seine Befehle stur durchpaukte. Er hatte auch stets ein offenes Ohr für die Vorschläge seiner Leute. Dieses Thema, das Mickey anschnitt, hatte er allerdings schon selbst genauestem durchdacht und anschließend zu den Akten gelegt.

„Es hört sich verlockend an“, gab er zu, „aber es geht nicht. Wenn man solche Dinge überstürzt, gehen sie schief und gefährden das ganze Unternehmen. Die Bullen passen zu scharf auf. Wir können die „Meteora“ nicht länger festhalten. Heute Nacht muss sie auslaufen, sonst erregt sie womöglich Verdacht. An ihrer Ladung verdienen wir genug. Da kommt es auf drei mehr oder weniger nicht an. Sie würden lediglich das Risiko in die Höhe treiben.“

„Wahrscheinlich hast du recht, Boss“, räumte der Stämmige ein. „Mir tut es nur immer wieder leid, wenn so etwas Niedliches wie die Kleine zu Fischfutter verarbeitet wird, obwohl sie noch für eine Menge Spaß bei den Minenarbeitern sorgen könnte.“

Jetzt wurde Hurston wild. „Sie ist nicht niedlich, sondern eine niederträchtige Schlange. Sie hat es gewagt, mich anzulügen, obwohl ich sie ausdrücklich gewarnt hatte. Sie hat sich ihren Tod selbst zuzuschreiben.“ Die Männer blieben stehen und lauschten.

Blacky grinste gehässig. „Hört ihr den Lärm? Sie randaliert. Wahrscheinlich hofft sie, dass sie jemand hört und herausholt.“

„Genau das haben wir ja vor“, sagte Hurston. „Sie vergeudet nur ihre Kräfte. Diese Tür könnten nicht mal wir ohne Hilfsmittel sprengen, und Krach schlagen kann sie, so viel sie will. Hier draußen hört sie kein Mensch.“

Als hätte Sarah Hepford das auch eingesehen, wurde es plötzlich still. Die Männer grinsten sich an.

„Na also!“, sagte Mickey.

Daniel Hurston gab Blacky einen Schlüssel und nahm seinen Revolver aus der Tasche. „Schließ auf!“, befahl er kalt. „Sobald sie herauskommt, schießen wir.“

„Und wenn sie nicht kommt?“

„Dann holen wir sie uns.“

„Wir sollten ihr doch noch Grüße von Gilbert ausrichten“, erinnerte Mickey.

Hurston kniff die Augen zusammen. „Das können wir auch noch, wenn sie tot ist. Vorwärts!“

Er nahm mit dem Revolver Aufstellung und zielte auf die Tür. Mickey postierte sich so, dass das Mädchen unmöglich an ihnen vorbeilaufen konnte. Auch er hielt jetzt ein Schießeisen in der Hand.

Blacky nahm seine Taschenkanone in die Linke, während er den Schlüssel herumdrehte und die Tür mit dem Fuß aufstieß.

„Verdammte Schweinerei!“, fluchte er. „Sie ist fort.“

Daniel Hurston traten die Augen aus den Höhlen. Er glich in dem Moment auf verblüffende Weise Blacky mit seinen Froschaugen. Er stieß Mickey zur Seite und stürzte zur Tür.

„Bist du verrückt?“, fragte er keuchend. „Sie kann sich doch nicht in Luft aufgelöst haben. Die Tür war verschlossen und von außen verriegelt.“

Blacky deutete nach oben.

Jetzt sah auch Hurston die hin und her pendelnde Lüftungsklappe, durch die ungewohnt viel Frischluft strömte.

„Das gibt es nicht“, stöhnte er. „Um die aufzukriegen, hätte sie zaubern müssen.“

„Vielleicht hat sie von außen Hilfe erhalten?“, zog Mickey in Erwägung.

„Von wem denn?“

„Was weiß denn ich. Jedenfalls ist sie weg. Das hätte ich dem scheinheiligen Luder nicht zugetraut. Sie hat uns tatsächlich reingelegt.“

Daniel Hurston explodierte. „Was steht ihr hier noch herum wie die Ölgötzen? Weit kann sie noch nicht sein. Wir haben sie doch eben noch gehört. Los, bewegt euch! Wir müssen sie finden. Und dann nehme ich sie mir höchstpersönlich vor. Darauf kann sie sich jetzt schon freuen.“

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Sarah Hepford hörte diese Drohung nicht, aber sie wusste, dass ihre Flucht noch lange nicht geglückt war. Die Dinge, die sie mit angehört hatte, jagten ihr einen Schrecken nach dem anderen ein.

Zwar war daraus hervorgegangen, dass Bount Reiniger offensichtlich noch lebte, aber sein Tod war genauso beschlossen wie der ihre. Und noch von einem Dritten war die Rede gewesen. Von Nat? Davon war sie überzeugt.

Sie musste unbedingt beide Männer warnen. Aber wie sollte sie das anstellen? Die Gangster hatten ihre Flucht, die sie in buchstäblich letzter Sekunde doch noch geschafft hatte, inzwischen entdeckt und suchten nach ihr.

Sarah kauerte hinter einem Bretterstapel und wagte kaum zu atmen. Ihrem Gefängnis war sie zwar entronnen, doch es war ihr zu spät gelungen. Sie konnte nicht fortlaufen, ohne augenblicklich entdeckt zu werden. Sie besaß nicht die Illusion, den Kerlen entkommen zu können. Dazu war sie viel zu geschwächt.

Sie hörte ihre Stimmen. Sie riefen sich gegenseitig zu, wie sie ihr Opfer umbringen wollten, sobald sie es aufgespürt hatten. Es waren mordgierige Bestien. Nie hatte sie geglaubt, dass es so etwas in Wirklichkeit gab, obwohl sie davon täglich in den Zeitungen gelesen hatte. Man begriff das erst, wenn man selbst davon betroffen wurde.

Durch eine Ritze des Bretterstapels konnte sie die Killer beobachten. Sie kamen immer näher. Ihre Revolver hielten sie bereits in den Händen.

Sie durfte nicht warten. Sie musste davonlaufen, selbst auf die Gefahr hin, dass man dann sofort auf sie schießen würde.

Sie hatte keine Ahnung, wo sie sich hier befand. Die Gegend sah trostlos aus und kam ihr unbekannt vor. Hilfe hatte sie hier nicht zu erwarten.

„Ich schaue mal da drüben nach“, hörte sie den Stämmigen rufen. Er deutete genau in ihre Richtung. Innerhalb der nächsten zwanzig Sekunden musste er sie entdecken.

Panik ergriff sie. Sie wartete noch einen winzigen Augenblick, dann jagte sie los.

Das Gebrüll hinter ihr bewies, dass sie sich nicht getäuscht hatte. Jetzt war sie der Hase, den die Hunde hetzten. Drei ungezähmte Hunde. Wo der vierte war, wusste sie nicht. Vielleicht hatte er den Auftrag, Nat oder Bount Reiniger zu töten.

Sie rannte um ihr Leben, und die Gangster waren hinter ihr. In ihren Füßen war Blei, jedenfalls schien ihr das so. Sie glaubte, nicht von der Stelle zu kommen.

Dann peitschte der erste Schuss auf. Die Kugel schwirrte einen Yard neben ihr gegen eine leere Blechtonne und verursachte ein Geräusch, das sie nie vergessen würde.

Flüche erklangen, danach weitere Schüsse. Vor ihren Füßen spritzte der Dreck auf.

Sarah Hepford hetzte weiter. Sie versuchte, nicht daran zu denken, was um sie herum geschah. Die Angst würde sie sonst lähmen.

In unendlicher Ferne entdeckte sie eine Straße. Sie war leer. Niemand benutzte sie. Anscheinend befand sie sich am Ende der Welt.

Sollte sie zur Straße laufen? Dort war sie ohne jede Deckung und konnte sich nirgends verstecken.

Aber eine Straße war gleichbedeutend mit dem Gedanken an ein Ziel. Unwillkürlich lenkte sie ihre Schritte dorthin, und als sie auch noch von weitem Motorenbrummen vernahm, erhöhte sie ihr Tempo.

Die Killer blieben ihr auf den Fersen und holten weiter auf. Schüsse fielen nur noch vereinzelt. Sie sparten Munition. Vor allem aber wollten sie keine Aufmerksamkeit erregen, denn auch sie hatten das sich nähernde Fahrzeug wahrgenommen.

Es handelte sich um einen wackligen Kastenwagen, auf dem alles mögliche Gerümpel schaukelte. Anscheinend wollte hier jemand seinen Müll abladen. Sarah erkannte eine unmoderne Nähmaschine, eine altersschwache Leiter und sehr viele Pappkartons.

Der Kastenwagen verließ die Straße und hielt nun direkt auf sie zu.

Ein freudiger Schreck durchzuckte sie. Sie winkte mit den Armen, und sie sah, dass der Fahrer, ein verknitterter Bursche, sie bemerkte.

Sie warf einen Blick zurück. Die Killer waren stehen geblieben und redeten erregt miteinander.

Der Kastenwagen hielt neben ihr.

„Na, Kleine, du bist wohl deinen Eltern davongelaufen.“

„Nehmen Sie mich bitte mit“, stieß Sarah hervor. „Ich werde verfolgt.“

Der Bursche verzog sein Gesicht und sah zu den Gangstern hinüber, die eine drohende Haltung einnahmen.

„Hör mal zu, ich möchte keinen Ärger. Außerdem habe ich keinen Platz. Wer weiß, was du ausgefressen hast. Sind das Polizisten?“

„Mörder.“

Der Mann lachte. „Der Witz ist gut.“ Doch schlagartig versteinerte sich sein Gesicht. Er hatte die Waffen bemerkt. „Klettere hinten rauf!“, krächzte er.

Er wartete nicht mehr ab, ob sie seiner Aufforderung folgte, sondern riss das Lenkrad herum und wendete die Müllschaukel. Wie von Furien gehetzt, gab er Gas. Sarah hatte Mühe, sich noch rechtzeitig zwischen dem ganzen Gerümpel in Sicherheit zu bringen.

Als sie die wutverzerrten Gesichter der drei Verbrecher sah, konnte sie zum ersten Mal wieder zaghaft lächeln.

Der Wagen fuhr nicht besonders schnell. Dazu war er bei seinem Alter nicht mehr in der Lage.

Sarah sagte sich, dass die Gangster mit Sicherheit ebenfalls motorisiert waren und ihnen vermutlich folgen würden.

Tatsächlich tauchte schon nach kurzer Zeit weit hinten ein blutroter Dodge auf, der sich schnell näherte.

Die Gegend kam ihr jetzt bekannt vor. Sie glaubte zu wissen, wo sie sich befand. Hier in der Nähe wohnte Nat.

An einer Kreuzung musste der Wagen noch langsamer fahren.

Sarah fasste sich ein Herz und sprang. Sie stürzte nieder, überschlug sich, raffte sich aber rasch auf und hastete davon. Sie hoffte inständig, dass die Gangster ihr Manöver nicht beobachtet hatten.

Sie rannte weiter und erreichte atemlos die Bayside Avenue, in der Nat Gilbert wohnte. Einmal hatte sie ihn besucht, allerdings nicht angetroffen. Hoffentlich hatte sie heute mehr Glück.

Das Glück war ihr nicht hold.

„Der ist verschwunden“, sagte die Vermieterin bissig und betrachtete kopfschüttelnd das Mädchen, das in schmutzigen Jeans und zerrissenem Pullover vor ihr stand. Dass sich die Göre nicht schämte, in diesem Aufzug bei ihr aufzukreuzen.

„Verschwunden?“, fragte Sarah verzweifelt. „Aber er kommt doch wieder.“

„Das glaube ich nicht. Er hat das Wichtigste mitgenommen. Übrigens hat heute schon mal jemand nach ihm gefragt. Nach dir auch.“

Sarah erschrak zutiefst. „W... wer war das?“

„Hat seinen Namen nicht genannt. Sah aber nicht übel aus.“

„Ein Mann?“

„Natürlich ein Mann. Hast du Angst, eine Frau könnte sich für deinen Nat interessieren?“

„Haben Sie ihm etwa gesagt, dass Nat wahrscheinlich am Container Terminal zu finden ist?“

Die auf jung getrimmte Fünfzigerin stutzte. „Wie sollte ich? Das habe ich doch selbst nicht gewusst. Ich habe ihn wieder weggeschickt. Zufrieden?“

Das Mädchen atmete auf. Sie war sicher, dass niemand anderes als einer der Gangster hier gewesen war, um Nat aufzuspüren. Wenn sich ihre Vermutung bestätigte, traf sie ihn am Terminal. Dort hatte er schon früher hin und wieder übernachtet, wusste sie. Sie musste zu ihm, um ihn zu warnen.

Sie bedankte sich überstürzt und eilte die Treppen hinunter.

Die Frau blickte ihr kopfschüttelnd hinterher. „Brich dir nur nicht den Hals“, murmelte sie spöttisch. „Wie kann man nur einem Mann so hinterherrennen?“

Sie schloss die Wohnungstür, und als sie zur Küche ging, blieb ihr Blick am Telefon hängen. Sie zögerte nur kurz. Dann hob sie den Hörer ab und wählte eine Nummer. Ihr Gesicht war hart geworden.

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Wilkie Lenning meldete sich telefonisch und wollte wissen, warum Bount nach ihm gesucht hatte.

Bount erzählte es ihm. Er nannte ihm Namen und Fakten, aber damit wusste Wilkie nichts anzufangen.

„Wenn du trotzdem etwas für mich zu tun hast“, meinte der Gitarrist, „brauchst du es nur zu sagen.“

„Du kannst dich ein bisschen in den Kneipen umhören“, bat Bount. „Über wen du etwas erfährst, ist mir egal. Am dringendsten brauche ich natürlich den Aufenthaltsort von Nat Gilbert oder Daniel Hurston. Lass mal deine Beziehungen spielen. Ich habe es bisher leider vergeblich versucht.“

Nach diesem Telefonat wandte sich Bount Reiniger wieder dem Notizbuch zu, das er in Sarahs Zimmer entdeckt halte. Mindestens dreißig Leute hatte er in der Zwischenzeit angerufen. Keiner hatte ihm weiterhelfen können. Er fürchtete, dass sich daran auch nichts ändern würde.

Er rief Toby Rogers an, der versprochen hatte, Gordon Hepfords Anwalt überwachen zu lassen, sobald dieser mit seinem Klienten gesprochen hatte.

Leider hatte sich die Hoffnung, dass sich dieser anschließend mit Daniel Hurston in Verbindung setzen würde, um ihm eine Nachricht von dem Inhaftierten zu übermitteln, nicht bestätigt.

„Er ist sofort zu seiner Kanzlei gefahren“, berichtete der Captain missmutig. „Die Genehmigung, sein Telefon anzuzapfen, habe ich leider nicht erhalten, aber wir bleiben weiter am Ball.“

„Und was spricht Hepford?“, wollte Bount wissen. „Schaltet er noch immer auf stur?“

„Leider. Anscheinend ist er ziemlich sicher, dass wir die Tagebücher nicht finden, und ohne die können wir ihm nichts anhaben. Wir werden ihn wieder laufen lassen müssen.“

„Und Sarah? Denkt er gar nicht an seine Tochter?“

„Doch, doch. Er jammert uns die Ohren voll, aber ich bin überzeugt, dass die Entführung für ihn nicht überraschend kam. Beweisen können wir ihm das allerdings nicht.“

„Hoffentlich weiß er, mit welch hohem Einsatz er spielt“, sagte Bount verbittert. „Es gibt wohl kaum etwas Verabscheuungswürdigeres, als seine fünfzehnjährige Tochter als Schachfigur zu benutzen. Wie leicht kann der Gegner sie schlagen, um daraus einen strategischen Nutzen zu ziehen. Halte mich weiter auf dem Laufenden, Toby.“

Der Leiter der Mordkommission versprach es. Auch er war mit den bisherigen Ergebnissen seiner Ermittlungen keineswegs zufrieden.

Bount legte den Hörer zurück und bat June um einen Kaffee.

Sie hatte ihn bereits gekocht, denn sie wusste sehr genau, wann ihr Boss eine geistige Anregung benötigte.

Als das Telefon läutete, griff Bount mit wenig Hoffnung nach dem Hörer. Schon nach wenigen Sekunden sprang er jedoch auf. Seine Mutlosigkeit war wie weggeblasen.

„Sie hätten sie festhalten müssen“, sagte er. „Bitte? Nein, natürlich bin ich Ihnen sehr dankbar für Ihren Anruf. Was sagen Sie? Sie versuchen schon seit zwanzig Minuten, mich zu erreichen? Es war immer besetzt?“ Bount wurde blass. Ein zwanzigminütiger Vorsprung war kaum aufzuholen. Sarah hatte zwar den weiteren Weg zum Container Terminal, aber mit einem Taxi war sie in diesem Moment vermutlich schon dort.

Er feuerte den Hörer auf die Gabel und gab der verdutzten June March ein paar Erklärungen, während er bereits aus dem Büro stürzte. Wahrscheinlich kam er wieder zu spät, aber versuchen musste er es auf alle Fälle.

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Nat Gilbert blickte auf die Armbanduhr. Neben ihm lagen die beiden Tagebücher, die ihm hunderttausend Dollar einbringen sollten. In seiner Jackentasche wusste er eine Pistole.

Es war nur ein mickriges Ding, und er besaß auch lediglich ein zur Hälfte gefülltes Magazin dafür, aber es reichte aus, um sein Opfer von Dummheiten abzuhalten. Daniel Hurston sollte erst gar nicht auf die Idee kommen, ihn betrügen zu können.

Dabei hatte er keine Ahnung, dass er selbst betrogen werden sollte. Die Bücher, die Sarah ihm ausgehändigt hatte, enthielten viel nichtssagendes Blabla eines Schulmädchens. Es tauchten zwar ein paar Namen auf, doch aus dem ganzen Text konnte man beim besten Willen keinem einen Strick drehen.

Aber das war auch nicht nötig. Die Hauptsache blieb, dass die Betroffenen sich einbildeten, die Aufzeichnungen seien für sie äußerst gefährlich.

Ob Sarah sich tatsächlich in Hurstons Gewalt befand? Na, wenn schon! Darauf konnte er keine Rücksicht nehmen. Sie hatte sich einfach zu mickrig benommen.

Nat Gilbert lauschte, ob er einen Wagen hörte. Nein, nichts. Der Lärm auf dem West Side Express Highway übertönte zwar die meisten anderen Geräusche, aber er besaß ein feines Ohr. Das brauchte man, wenn man erfolgreicher sein wollte als die anderen. Und dieses Ziel hatte er sich nun mal gesteckt. Dass er es so leicht und mühelos würde erreichen können, hatte er zwar nicht geahnt, aber er war deswegen nicht böse.

Zwei Ratten huschten dicht an ihm vorbei. Fast hätte er sie mit den Händen berühren können. Er ekelte sich nicht vor diesen Biestern. Sarah dagegen hatte Angst vor ihnen.

Zum Teufel mit Sarah. Er musste sie endlich vergessen. Das war nur eine Spielerei, eine romantische Anwandlung, die er sich heute nicht mehr erklären konnte. Morgen gehörte ihm die Welt. Und natürlich sämtliche Weiber, die darauf zu Hause waren.

Sein Körper straffte sich. Er zog sich etwas weiter hinter seinen Container zurück. Über ihm hing der riesige Greifer des Portalkrans. Trotzdem fühlte sich Nat Gilbert keineswegs klein und unbedeutend.

Die Entscheidung würde in den nächsten Minuten fallen. Er hatte die Autotür gehört. Sein Partner kam. Er war pünktlich. Er wollte offenbar nichts riskieren.

Eilige Schritte näherten sich.

Der Langmähnige klemmte sich die beiden Bücher unter den Arm. Die rechte Hand behielt er in der Jackentasche seines Jeansanzugs. Er fühlte sich wie ein Profi.

Er hörte, dass der Mann allein kam. Ein zufriedenes Lächeln glitt über sein Gesicht.

Im nächsten Moment verzerrte es sich jedoch. Er trat hinter seinem Container hervor und schrie wütend: „Was, zum Teufel, willst du hier? Habe ich mich nicht deutlich genug ausgedrückt? Hunderttausend Dollar habe ich verlangt. Mit dir kann ich nichts anfangen. Das kannst du Hurston bestellen.“

Sarah Hepford, die noch ganz außer Atem war, glaubte ihren Ohren nicht zu trauen. Sie war erleichtert, Nat unversehrt vor sich zu sehen. Seine hasserfüllten Worte begriff sie einfach nicht.

„Ich bin hier, um dich zu warnen, Nat“, stieß sie hervor. „Sie sind hinter dir her. Sie wollen dich umbringen.“

Der Blonde lachte grell. „Umbringen? Mich?' Da müssen sie früher aufstehen. Weißt du, was das hier ist?“ Er zog die Pistole aus der Tasche und streckte sie dem Mädchen, das erschrocken zurückwich, entgegen. „Damit haben sie nicht gerechnet. Sie haben mich unterschätzt.“

„Was hast du mit ihnen zu tun, Nat?“ Sarah kam langsam näher. So voller Hass und Zorn kannte sie ihren Nat gar nicht. Aber sie musste das verstehen. Er hatte ja keine Ahnung, was sie in den letzten Stunden durchgemacht hatte.

„Ich hole mir von ihnen meinen Lohn. Dein Vater konnte leider nicht mehr zahlen. Den haben die Bullen schon vorher geschnappt. Das war natürlich ärgerlich.“

„Wovon redest du eigentlich?“, fragte Sarah verständnislos. „Dad hat nichts mit der Polizei zu tun. Er ist ein ehrlicher Mann.“

Wieder lachte Nat Gilbert. „Ein Lump ist er, aber das hast du dummes Huhn ja nicht kapiert. Er schleust ahnungslose Einwanderer, die sich ein besseres Leben erhoffen, illegal in die Staaten und vermittelt sie, genauso gesetzwidrig selbstverständlich, an eine Bleimine, in der sie schon nach kurzer Zeit verrecken. Und Daniel Hurston, in dessen liebevoller Obhut du dich befunden hast, ist sein Partner.“

Allmählich begriff Sarah die furchtbaren Zusammenhänge. Hatten die Killer nicht von einem Schiff gesprochen, das noch in dieser Nacht auslaufen sollte? Schlagartig wurde ihr auch klar, dass Nat sie verraten hatte. Verkauft für hunderttausend Dollar.

„Das ist nicht wahr“, wimmerte sie. „Sag, dass du lügst. Dad hat nichts Schlechtes getan.“

„Natürlich nicht.“ Die höhnische Stimme erklang hinter ihr und ließ sie entsetzt herumfahren. „Natürlich hat er nichts Schlechtes getan. Immerhin haben wir dadurch einen Batzen Geld verdient. Tut mir selbst leid, dass dein Alter aus dem Geschäft aussteigen musste, doch das hat er sich selbst zuzuschreiben. Er war so blöd, sich belauschen zu lassen. Von seiner eigenen Tochter. Ist das nicht irre?“

Da stand einer der Männer, vor denen sie geflohen war, und Sarah wusste im gleichen Augenblick, dass es sich um jenen Mister Hurston handelte, mit dem ihr Vater diese geheimnisvollen Telefonate geführt hatte, deren Sinn ihr unklar geblieben war.

„Wieso bringen Sie mir das Mädchen, Hurston?“, fauchte Nat Gilbert. „Die Bücher gebe ich Ihnen nur gegen Bares. So haben wir es vereinbart. Wo ist das Geld?“ Er fuchtelte drohend mit der Pistole herum, und als Sarah sein verzerrtes Gesicht sah, traute sie ihm zu, dass er sogar jetzt schießen würde, obwohl sie genau in der Schusslinie zwischen ihm und Hurston stand.

Daniel Hurston traf keine Anstalten, in Deckung zu gehen. Er vergrub seine Hände in den Hosentaschen und kam ein paar Schritte näher.

„Selbstverständlich werden Sie angemessen bezahlt, Gilbert“, versicherte er eifrig. „Sind das die Bücher?“

„Das sind sie. Ich habe beide mitgebracht, damit Sie sehen, dass ich sie tatsächlich besitze. Für die heutige Anzahlung erhalten Sie aber nur eins.“

„Alles klar“, erwiderte Hurston. „Du Dreckskerl sollst deine Anzahlung bekommen. Gebt sie ihm!“

Die beiden Schüsse klangen wie ein einziger.

Nat Gilbert ließ die Bücher fallen und stürzte. Die Kugeln hatten ihn in den Rücken getroffen. Er hatte keine Chance gegen die Killer besessen.

Sarah Hepford schrie auf. Was sie bisher nur in ihren schlimmsten Erwartungen befürchtet hatte, war grausame Wirklichkeit geworden.

„Und nun zu dir, du kleines, raffiniertes Miststück“, sagte der Gangsterboss mitleidlos. „Du hast uns ganz schön in Atem gehalten. Alle Achtung! Dein Vater wäre stolz auf dich, wenn er es erführe. Er glaubte, wenn wir uns deiner annehmen, könntest du nichts ausplaudern. Ich bin aber der Meinung, dass du erst als Leiche mit Sicherheit stumm bist. Tut mir leid! Die Hepfords gehören nun mal zu den Verlierern.“

Er nahm die rechte Hand aus der Hosentasche. Sie hielt eine Pistole, und Sarah kreischte auf. Jetzt konnte ihr nichts mehr helfen. Keine Lüftungsklappe, kein Kastenwagen. Sie war so gut wie tot.

Ein Schuss peitschte auf, aber es war Daniel Hurston, der schrie und sich die blutende Hand hielt.

Hinter ihm tauchte ein Mann auf, den Sarah flüchtig kannte und der anscheinend immer im entscheidenden Moment auf den Plan trat: Bount Reiniger.

Instinktiv warf sie sich auf den Boden, denn sie wusste zwei weitere Killer hinter sich.

Mickey und Blacky fluchten lästerlich, als sie den Detektiv gewahrten. Sie schossen auf ihn, aber Bount Reiniger benutzte geschickt jede Deckung und heizte ihnen seinerseits gehörig ein.

Als sie ihre Felle davonschwimmen sahen, ließen sie ihren angeschossenen Boss im Stich und wandten sich zur Flucht.

Weit kamen sie allerdings nicht. Die ersten Polizeisirenen heulten auf. Toby Rogers, der von June March in aller Eile informiert worden war, hatte alle verfügbaren Streifenwagen aufgeboten. Sie riegelten den Terminal ab und brauchten keinen einzigen Schuss abzugeben, um die Gangster zu überwältigen.

Daniel Hurston brauchte einen Arzt. Bount Reiniger hatte genau die Schusshand getroffen und so in letzter Sekunde einen weiteren, sinnlosen Mord verhindert.

Sarah Hepford brach weinend zusammen. Diese letzten Stunden würde sie so schnell nicht vergessen können. Sie hatte einen Freund und ihren Vater verloren und beinahe auch ihr junges Leben.

Unter Nat Gilberts Leichnam lagen die beiden roten Tagebücher, die für so viel Aufregung gesorgt hatten.

Bount Reiniger nahm sie an sich. Er war gespannt auf ihren Inhalt.

Als er zu dem Mädchen zurückkehrte und auch Toby Rogers auftauchte, dessen Gesicht zufrieden strahlte, erlebten sie eine weitere Überraschung.

„Das Schiff“, stammelte Sarah. „Man muss es aufhalten. Es darf nicht auslaufen. Es sind viele Menschen an Bord, die in den Bleiminen zugrunde gehen werden.“

Bount Reiniger wurde hellhörig. War nicht von Menschenhandel die Rede gewesen?

„Was für ein Schiff, Sarah?“, drängte er. „Wo liegt es?“

Das Mädchen schüttelte mutlos den Kopf. „Das weiß ich nicht, aber ich habe mir den Namen gemerkt, den Mister Hurston erwähnte. Meteora heißt es. Es soll diese Nacht seine schreckliche Fahrt antreten.“ Daniel Hurston heulte vor Wut auf. „Hätte ich dir doch gleich den Mund gestopft“, kreischte er. „Wer konnte aber auch ahnen, dass ausgerechnet du die Raffinierteste von allen bist?“ Sarah brauchte dringend Ruhe, doch zunächst musste sie ihre Aussage zu Protokoll geben.

Als sie später ihrem Vater im Polizeigefängnis gegenüberstand, wandte sich dieser von ihr ab. Er schämte sich vor seiner Tochter.

Wesentlich gesprächiger wurde er beim Anblick Daniel Hurstons und dessen beider Komplizen.

„Du wolltest sie also umbringen, du Schwein“, schrie er. „Habe ich sie dir dafür anvertraut?“

„Ich hätte es wirklich tun sollen, Hepford“, fauchte der Gangster und verbiss seinen Schmerz, der in der zerschossenen Hand pochte. „Und auch von dir hätte ich mich rechtzeitig trennen müssen. Du hast alles verdorben. Deiner Geschwätzigkeit haben wir den Schlamassel zu verdanken, zu Narr.“

„Du selbst bist der Narr“, ereiferte sich Hepford. „Von mir hätten die Bullen kein Sterbenswörtchen erfahren, aber du musstest ja dein Maul unbedingt so weit aufreißen. Jetzt müssen wir alle die Suppe auslöffeln, die du uns eingebrockt hast.“

„Ich?“, kreischte Hurston. Er sah längst nicht mehr so gepflegt und seriös aus wie früher. „Deine saubere Tochter hatte doch ohnehin alles aufgeschrieben. Bildest du dir ein, die Bullen können nicht lesen? Den Menschenhandel hätte uns keiner beweisen können, nicht mal dieser verdammte Reiniger. Schuld sind nur die Tagebücher.“

„Und ein paar Narren, die wirklich geglaubt hatten, diese Bücher könnten ihnen gefährlich werden“, meldete sich Toby Rogers, der inzwischen die Unterlagen hatte überprüfen lassen. „Mit dem Material hätte kein Staatsanwalt Anklage erheben können. Das Mädchen hatte nicht die geringste Ahnung, was sie belauscht hatte. Euer Pech! Ihr habt euch selbst entlarvt. Selbstverständlich sind wir euch dafür sehr dankbar. Ihr habt uns eine Menge Scherereien erspart.“

Die Gangster blickten sich entgeistert an.

„Ich bringe dich um“, keifte Gordon Hepford.

„Wenn ich dich zwischen die Finger kriege, drehe ich dir deine miese Visage nach hinten.“ Hurston ließ sich nicht lumpen.

Der Captain beschwichtigte sie. „Man wird dafür sorgen, dass ihr während eurer langjährigen Haft nicht die gleiche Zelle erhaltet“, versprach er. „Vielleicht irre ich mich, aber ich habe den Eindruck, als sei die Freundschaft merklich abgekühlt.“

Bis das letzte Protokoll unterzeichnet war, vergingen fast zwei Stunden. Danach ließ Bount es sich nicht nehmen, Sarah Hepford nach Hause zu bringen. Ihre besorgte Mutter hatte er bereits telefonisch über den verhältnismäßig guten Ausgang der fingierten Entführung informiert.

Als er den Mercedes in Richtung Queens steuerte, fühlte er sich trotz dieses schlimmen Tages seltsam erleichtert. Man hatte ihm mitgeteilt, dass die Polizei das Auslaufen der „Meteora“ hatte verhindern können. Vielen ohnehin bedauernswerten Menschen war ein noch ärgeres Schicksal erspart geblieben.

Sarah kauerte neben ihm auf dem Beifahrersitz. Vor Erschöpfung war sie eingeschlafen.

Sie war so jung. Das ganze Leben lag noch vor ihr. Den weitaus schlimmsten Teil hatte sie endlich überstanden.

ENDE

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Von oben herab

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Krimi

Horst Bosetzky schrieb als -ky

Der Umfang dieses Buchs entspricht 385 Taschenbuchseiten.

Von der amerikanischen Kommission zur Untersuchung von Flugunfällen wird Patricia Turquette nach Berlin Tempelhof beordert, wo ein Kleinflugzeug unter rätselhaften Umständen abgestürzt ist - technisches Versagen? Oder ein terroristisches Attentat? Und welche Rolle spielen die ausgeflippten Kunstfilmer, die in den verödeten Hallen des Flughafens einen Film über den mysteriösen Tod des Papstes Johannes Paul I. drehen? Für Patricia entwickelt sich der vermeintliche Routinefall rasch zu einer geheimnisvollen und lebensgefährlichen Geschichte - und schließlich zu einem Psychodrama, das sie in der aufwühlenden Atmosphäre des wiedervereinigten Berlin an den Rand einer Identitätskrise treibt.

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

©  Cover nach einem Motiv von Pixabay mit Steve Mayer, 2017

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Prolog

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Die beiden Schweizer Gardisten vor den Gemächern des Papstes starrten wie Wachsfiguren auf die Schäfte ihrer aufgepflanzten Hellebarden. Einige Bagarozzi eilten vorüber, Mitglieder des römischen Klerus in schwarzen Soutanen und mit dickbesohlten Schuhen, das schwarze Birett auf dem bebrillten Kopf. Schwarze Mistkäfer, wie die Kinder sie nannten.

Die Bagarozzi blieben stehen und flüsterten.

»Wann wird uns der Heilige Geist endlich den Dienst erweisen und ihn zu sich rufen ...?«, fragte der eine und blickte an den Gardisten vorbei auf die Tür, hinter der sie ihren Papst vermuteten.

»Möglichst, bevor er zu großen Schaden anrichten kann ...«

»Die CIA soll Interesse an seinem Abgang haben, weil er einen Wink über die Mörder von Aldo Moro bekommen haben soll ...»

Pater Magee öffnete die Tür und winkte die drei Bagarozzi in die Zimmer des Papstes.

Kaum waren sie verschwunden, schlenderten zwei Männer vorbei, die zwar Maßanzüge trugen und den Geruch von Geld und Macht verströmten, deren Gesichter aber nicht unbedingt als feingeschnitten und durchgeistigt zu bezeichnen waren.

Der eine, der Logengroßmeister war, zeigte dem anderen ein kleines Tütchen, wie man es im Flugzeug bekam, um seinen Kaffee zu süßen.

»Meine Dosis Digitalis. Zu schlucken, wenn es keinen anderen Weg mehr gibt ... Tödlicher Herzanfall ...«

»Eine perfekte Mordwaffe.«

»Aber nur, wenn keine Autopsie durchgeführt wird.«

Beide verstummten, als Erzbischof Paul Marcinkus auf sie zugeeilt kam und sie mit offenen Armen empfing.

*

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»OKAY!« PAUL ARAPAHOE, der Regisseur, sprang auf und war mit dem ersten Take schon recht zufrieden. »Das muss alles nur noch mehr nach einer tödlichen Prozession aussehen, eisiger wirken. Ein ritueller Tanz. Der Mann, der Papst, ist umstellt von Leuten, die seinen Tod herbeiwünschen, herbeiführen wollen. Pause, bis unsere Produzentin da ist und mir sagt, ob wir überhaupt noch weitermachen können!« Er merkte, dass sein Amerikanisch von nur wenigen Schauspielern verstanden wurde. »Scheiße, ich lass mich nie wieder auf einen Low-Budget-Film ein! Diese whore von Lejeune!«

Hella Lejeune, Professorin für Fernsehspiel und Film an der Hochschule für Bildende Künste (HdK) und Berliner Prominente, saß in dieser Sekunde in einer Taxe, die in Richtung Flughafen Tempelhof fuhr, in dessen verödeten Hallen Paul Arapahoe den größten Teil des Filmes drehen sollte. Sie kam eben von einem Fleischwarenfabrikanten im Südosten Berlins, der ihr geholfen hatte, die letzte Finanzierungslücke zu schließen. Es war zum Totlachen. Das erste Viertel des Geldes hatte sie von einem erzkatholischen Onkel in Jülich geerbt; das zweite Viertel kam aus den Töpfen der bundesdeutschen Filmförderung, wo die Ober-Cineasten bei ihrem Stoff reihenweise ihren künstlerischen Orgasmus bekommen hatten; das dritte Viertel sollte an sich vom Fernsehen kommen, aber da gab es noch Schwierigkeiten; und der Rest nun von einem Mann, der sein Geld mit Würstchen aller Art verdiente und mit dem sie zweimal geschlafen hatte.

Es war ein Jungmädchentraum, eine Obsession, der helle Wahnsinn, aber ihr Leben war eigentlich nur auf das eine Ziel ausgerichtet gewesen: zum Film zu gehen, einmal Produzentin zu sein. Sie hatte als Scriptgirl begonnen, an der Film- und Fernsehakademie studiert, als Regieassistentin gearbeitet und im OFF-Theater Neukölln selber auf der Bühne gestanden, dann kleine Fernsehspiele inszeniert, in vielen Serien als Statistin mitgewirkt und dabei noch die Zeit gefunden, mit der Praxis der Film- und Fernseh-Produktion ein brillantes Standardwerk zu schreiben, das ihr dann auch die Professorenstelle an der renommierten Hochschule eingebracht hatte.

Der große Traum aber war und blieb, einen Kunstfilm, einen Kultfilm zu schaffen, von dem man noch in Ewigkeiten sprechen würde. Ein kleiner Film, produziert mit einem vergleichsweise winzigen Etat, sollte sie von den stinkigen OFF-Schuppen der Szene und dem Kleinen Fernsehspiel des ZDF wegführen, sollte die große Kino-Welt erobern und für Europa die wichtigsten Oscars erringen. Das Thema war brisant genug, und mit Paul Arapahoe hatte sie einen Regisseur gefunden, der größer werden konnte als alle Heiliggesprochenen seiner Filmemacherzunft.

»Ham Se't eilich?«, fragte ihr Taxifahrer, als linker Hand von ihnen das Riesenareal des Flugplatzes Tempelhof ins Blickfeld geriet. »Wann woll'n Se'n fliejen?«

»Fliegen? Gar nicht. Meine Leute drehen da.«

»Hoffentlich dreh'n se nich durch!«, lachte der Mann und erzählte ihr einiges von der Geschichte des steinernen Ungetüms.

Endlos zog sich die gigantomanische Fassade am Columbiadamm dahin, schien nur die Kulisse eines Hollywood-Filmes zu sein, war aber innen nicht hohl, sondern ausgefüllt mit Hallen, Gängen, Zimmern, Kellern und dergleichen, war 1934 als >Luftstadion< und Luftkreuz geschaffen worden, Hitlers >Zentralflughafen Tempelhof<, mitten in der Stadt, das größte Gebäude Europas. Neunundzwanzig Gebäudeteile, wie der Taxifahrer wusste, mit einer Gesamtfläche von einer Million Quadratmetern. Drei Kilometer musste man laufen, eine gute halbe Stunde, ehe der Koloss umrundet war. Er diente heute der U.S. Air Force und einigen kleinen zivilen Fluggesellschaften als Basis, die Manager in Provinzstädte flogen. Es sollte Winkel hier geben, die seit Mai 1945 kein Mensch mehr betreten hatte. Gerüchte waren im Umlauf, die von zehnfachen Unterkellerungen wussten und dass es da gruselige Katakomben gäbe, die voller Knochen waren und geheime Nazi-Akten bargen.

Die Lejeune hörte nicht mehr hin, überließ sich ihren Assoziationen, ließ sich treiben ...

Tempelhof ... Es waren ebenso der Name wie die kamelfarbenen Steine, die ihre Fantasie erregten, sie an versunkene Städte der Azteken und Tolteken, der Inkas und der Mayas denken ließ. An den Tempel der Krieger in Chichén Itzá, die Nischenpyramide in Tajin, den Sonnentempel in Machu Picchu oder die Festung Sacsayhuamán. Ob sich hier in Tempelhof auch Räume befanden, die über und über bedeckt waren mit geronnenem Menschenblut, einem schrecklich ekligen Gott wie Huitzilopochtli geopfert? Mit herausgerissenen Menschenherzen, die bluteten und dampften? Gab es in den Kellern etwas Ähnliches wie den Heiligen Brunnen, den Cenote von Chichén Itzá, wo man Jünglinge und junge Mädchen hinabstürzte, um den Zorn des Regengottes zu mildern?

Und wenn noch versprengte Nazi-Führer hier lebten, sich tief unter der Erde ein letztes Reich geschaffen hatten?

»Da sind wa!« Der Taxifahrer hielt vor der alten, in diesem Sommer noch stillgelegten Abflughalle. »Soll ick warten, bis Se wieder ...?«

»Nein, danke, mein eigener Wagen steht gleich da drüben.« Sie zahlte, stieg aus, zeigte dem amerikanischen Wachsoldaten ihre Legitimationskarte und machte sich auf, durch das Labyrinth der Gänge und Treppen zum Drehort zu gelangen.

Paul Arapahoe, der Regisseur, zeigte sich überaus glücklich über die neu angeschafften Gelder, die er nun, wie sie lachend meinte, da in der nahen Hasenheide der Turnvater Jahn mit diesem Spruch sein Werk begonnen hatte, »frisch, fromm, fröhlich, frei« verpulvern dürfe. Er bedankte sich und reichte ihr den Tagesspiegel hinüber. Sie überflog den angekreuzten Artikel.

Gotteslästerung oder einen Oscar für Jesus? Die Berliner Filmprofessorin Hella Lejeune will das Unmögliche schaffen und mit den Mitteln eines Low-Budget-Films Hollywood das Fürchten lehren. Spannung, Tragik, Geheimnis, Dramatik, große und kleine Schicksale, ernsthafte Liebesgeschichten und harter Sex - ihr Streifen >Von oben herab< soll vielen und damit allen etwas bringen. Es geht um den Tod des Papstes Johannes Paul I. - Um Mord oder Nicht-Mord. Tankred T. Terletzki, bekannt geworden u. a. durch den Tatort >Zurückbleiben<, die Geschichte des Berliner S-Bahnmörders, und seinen Papst Roman Roma Locuta, hat das Drehbuch geschrieben. Er will dabei harte Fakten mit Elementen des Musicals, des Revue-Films à la Cabaret und des Zadek'schen Theaters zu einer eigenen Kunstform mischen. Der Witz an der Sache ist, dass der HERR seinen eingeborenen Sohn - in Gestalt des Detektivs Jesus Bond - auf die Erde schickt, um den vermeintlichen Mord an seinem Stellvertreter aufzuklären.

Gedreht wird da, wo es in Berlin derzeit am billigsten ist, in den geheimnisvollen Hallen des alten Tempelhofer Flughafens. Als Regisseur konnte der amerikanische Geheimtipp Paul Arapahoe gewonnen werden, der mit >Down by the banks of the Ohio< schon Filmgeschichte schreiben konnte. Für ihn ist der Drehort so >mystisch, poetisch und verrückt<, wie es zu seinem Thema nicht besser passen könnte (»Und ganz Berlin ist ja derzeit das reinste Irrenhaus!«).

Die Lejeune nickte, hätte es aber gerne noch ein wenig dicker gehabt. Nun ja. Ihre Armbanduhr piepte, und sie musste ins Büro zurück. Beim Fernsehen hatten einige der Herren kalte Füße bekommen und wollten ihr die bewilligten Gelder wieder streichen. »Sequenzen, die ausschließlich aus knallhartem Sex bestehen, haben keine ersichtliche Funktion. Der Zuschauer möchte, dass seine Erwartungen - gerade im Hinblick auf seine Religion und die Institution des Papsttums - ernst genommen werden. Dies verhindert der Film aber durch ein Zuviel an Ironie und Satire, ja, Karikatur. Statt eines faktengestützten ernsthaften Films darf es auf keinen Fall ein Kabarett geben! Mit Blick auf die Einschaltquoten sollten wir den ironischen Erzählton erheblich zurückfahren, um der ernsten Lesart unmissverständlich den Schwerpunkt zuzuordnen ...« Der Brief lag auf dem Tisch, und es musste nachverhandelt werden.

Die Lejeune stand auf und verließ das improvisierte Studio, ehe Paul Arapahoe zum zweiten Mal um absolute Ruhe bat. Obwohl ihre Leute überall bunte Pfeile an die Wände geklebt hatten, geriet sie immer wieder in Gefahr, sich zu verlaufen.

Sie musste wieder an die mysteriösen Geschichten denken, die ihr der Taxifahrer vorhin erzählt hatte, und für einen Augenblick hatte sie die Vision, dass Hitler und Goebbels seither hier lebten und man damals nur ihre toten Doubles gefunden hatte. Was für ein Stoff!

Mit der Frage, ob dies wohl machbar sei und wer es schreiben respektive spielen könne, trat sie auf den Platz der Luftbrücke hinaus, der für sie etwas von ... ja, nicht mehr den Tempelanlagen der südamerikanischen Indianerkulturen, sondern ... einer römischen Arena an sich hatte. Seltsam unwirklich. Gleich musste ein Kampfwagen angerast kommen, Ben Hur mit den Zügeln in der Hand.

Quatsch, da stand ihr blauer BMW.

Alle vier Räder waren abgeschraubt.

Wie im Film ...

Nein, das war real.

Unter einen Scheibenwischer war ein Blatt Papier geklemmt.

LETZTE WARNUNG!

Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder des, das oben im Himmel, und des, das unten auf Erden, oder des, das im Wasser unter der Erde ist (2. Buch Mose, 20/4).

EUER FILM ABER IST EINE EINZIGE GOTTESLÄSTERUNG, UND WENN IHR IHN DREHT, WERDEN WIR EUCH ALLE VERNICHTEN!

Der Herr wird unter dich senden Unfall, Unruhe und Unglück in allem, was du vor die Hand nimmst, was du tust, bis du vertilgt werdest und bald untergehst ... (5. Buch Mose, 28/20)

Denn der Herr, dein Gott, ist ein verzehrendes Feuer ... (5. Buch Mose, 4/24)

UND DIESES FEUER WIRD EUCH IN DER TAT VERZEHREN, WENN DIE DREHARBEITEN NICHT AUF DER STELLE EINGESTELLT WERDEN!

LOGE 3

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»Sitzt Papa da im Flugzeug drin?«

»Gott, Barbra, du hast doch selbst gesehen, wie er eingestiegen ist!« Mareike Rampling fasste ihre Vierjährige fester bei der Hand und fiel dann, als könnte es ihr Mann auf der Runway draußen hören, unwillkürlich ins Englische zurück, das sie trotz ihrer vielen Ehejahre noch immer nicht perfekt beherrschte. »You make me very nervous today. Come on, let's go to ... to the others ...«

»Hat Papa auch 'n Fallschirm um?«

»He don't need someone.«

»Ich hab’ meinen Papa aber lieb ...«

In der ersten Maiwoche des Jahres 1990 erlebte das Rollfeld des altehrwürdigen Zentralflughafens Berlin Tempelhof eine Premiere ganz besonderer Art. Statt einer altersgrauen Boeing 727 der PAN AM, die den Anflug für den Fall übte, dass in Tegel einmal Nebel herrschen sollte, oder einer möwengleichen Fairchild Aircraft Metro III hob ein plumper Spatz vom Boden ab, schraubte sich mit wahrem Stuka Dröhnen in die Luft, um über dem Tempelhofer Damm und den Güterbahnhofsgleisen dahinter schon die nötige Höhe zu erreichen. Die Maschine erwies sich für den Kenner als eine Sea Fury aus England, war noch in den Farben der Royal Navy belassen, seegrau-hellblau, und nur am Leitwerk mit dem Emblem der kleinen, aber feinen East West International Berlin/USA versehen worden.

An jener Stelle, wo im September 1903 beim Konkurrenz-Fliegen der ersten Aviatiker der Welt Latham im Wettkampf mit Bleriot, Rogier, Dornier und anderen seinen Antoinette-Eindecker nach Berlin-Johannisthal gestartet hatte, zum ersten und damals noch von der Polizei als groben Unfug bestraften Überlandflug der Welt, zehn Kilometer mochten es gewesen sein, stand nun Wolfhard Stradow inmitten mäßig interessierter Journalisten und gab sich alle Mühe, gute PR für seine Gesellschaft zu machen.

»Sie wissen, meine Damen und Herren, dass die East West auf Geschäftsleute setzt, die den Massenbetrieb bei den großen Airlines in Tegel und in Schönefeld endgültig satt haben. Wer will schon in Hamburg, Frankfurt, München oder Stuttgart ewig auf verstopften Straßen im Leihwagen sitzen, um zu seiner Besprechung in irgendeiner Klein- oder Mittelstadt zu gelangen. Mit unseren Maschinen dagegen, den bewährten SA 227AC Metro III der Fairchild Aircraft, sind die Leute dagegen im Nu, wie im Fluge eben, in der Provinz, vor Ort, am Standort ihrer Firmen, in Kassel beispielsweise oder Paderborn ...«

»Dann dürfen also nur Manager bei Ihnen exklusiv ...?«, fragte eine Journalistin vom Stadtradio des SFB.

Stradow lachte, zögerte aber sekundenlang mit einer schlagfertigen Antwort, weil er gerade Mareike Rampling mit der Tochter am Arm die Treppe zum Rollfeld herabsteigen sah. »Nein, Sie natürlich immer, aber auch jeder andere Passagier jedes anderen Geschlechts, wenn er nur zahlen kann, nicht stockbesoffen ist, keine ansteckenden Krankheiten hat und, was die Waffen betrifft, nur geistige mit an Bord nehmen will.«

Ein junger Mann von der taz machte ihm das Leben schwer. »Und mit Ihrem Jagdbomber draußen, wat woll'n Se’n da unta Beschuss nehm' mit: Walta Mompa und die Jrünen, wenna die nächste Wahl ooch noch jewinnen sollte?«

»Hawkers letzter Propellerjäger, die Sea Fury - das ist der Gag unseres Chefpiloten Andrew M. Rampling, der jetzt gerade seine Ehrenrunde über Wilmersdorf und Schöneberg fliegt. Er ist ein begeisterter Flieger und Sammler alter Maschinen. Und mit dieser hier hat es seine ganz besondere Bewandtnis. Lassen Sie mich ein wenig ausholen ...« Wolfhard Stradow suchte den Blickkontakt zu Mareike Rampling, die nun herangekommen war, und fuhr erst fort, als sie ihm kurz zugenickt hatte. »Im September 1946 startete die erste bei Hawker in England gebaute serienmäßige Sea Fury F Mk.X zu ihrem Jungfernflug. In den nächsten Jahren übernahm die Royal Navy nicht weniger als 615 Maschinen dieses Typs, der sich im Korea-Krieg als der erfolgreichste Jagdbomber überhaupt bewähren sollte und damit den Sieg des Westens ...«

»Wie schön ...«, brummte der junge Mann von der taz. »Aber warum heißt'n Ihre Gesellschaft nach was Russischem?«

»Wieso nach was Russischem?«, fragte Stradow ahnungslos zurück.

»Na, Iswestija, das ist doch eine russische Zeitung, Prawda und Istwestija - oder?«

Als die mit dem höherem IQ auflachten, wusste er, dass man ihn ausgetrickst hatte. »East West, ja - nicht schlecht, werd' ich mir merken! Danke ... Also, zurück zur Sea Fury ... 1946 kam es zwischen dem Hersteller und der Regierung des Irak zu Gesprächen über eine zweisitzige Trainerversion ... Technische Details habe ich hier für Sie auf diesem Blatt zusammengetragen ...«Er schob die druckfrischen Fotokopien, die aussahen wie ein Bastelbogen zum Ausschneiden für Kinder, in die Finger seiner Gäste. »Für alle Interessent...« Nun hob er die Stimme, um das große I eunuchenhaft herauszukicksen. »... Innen! Das Triebwerk - ein Bristol Centaurus XVIII. Die Spannweite - elf Meter einundsiebzig!«

Gut getimt setzte nun knapp hundert Meter über ihnen Andrew M. Rampling zur Platzrunde an.

Mareike Rampling hatte sich ein wenig von Stradow und seiner Journalistengruppe abgesetzt und war in Richtung der Runway 27R gegangen, die Tochter im Schlepp.

»Kann Papa uns sehen?«

»Na klar. Take your kerchief and wave ...«

»Wat soll ick?«, fragte Barbra in schönstem Kita-Berlinisch zurück.

»Dein Kopftuch nehmen und winken!«

»O, yes, I'll do it!« Sie tat es und freute sich riesig, als ihr Vater oben zum Zeichen, dass er es bemerkt hatte, mit den Tragflächen wackelte. »Schade, det so 'n Fluchzeuch nich tutet.«

»... dass so ein Flukzeuk nicht tutet!« Mareike Rampling, geborene Meyerdierks, kam aus Bremen, wo sie auch ihren Mann kennengelernt hatte, und verabscheute jedes Berlinern, bekämpfte das zum ch gemachte g ihrer Kleinen immer damit, dass sie es zum k überbetonte. »Guten Tak, liekt meine Puppe noch da? Nicht liecht ...«

Barbra nahm es sich zu Herzen. »Geht Papa wirklik in 'n Zoo mit mir, wenn er wieder unten ist?«

Mareike Rampling stöhnte auf. »Na sicher, versprochen ist versprochen. You can trust him.«

Wolfhard Stradow war mit den Presseleuten vollauf zufrieden. Die East West hatte in diesen Tagen und Wochen schwer zu kämpfen. Zwar versprach das Berlin-Geschäft, wenn sich die Stadt nun wieder zur Metropole entwickeln würde, ein großer Knüller zu werden, doch zu viele Konkurrenten waren angetreten, sich ihr Stück vom großen Kuchen zu sichern, und da wurde mit allen Mitteln gefightet, auch mit mafiosen. Er sah Rampling hinterher, wie er in Richtung Treptow zog, nach Osten also, um dann von der Neuköllner Seite her wieder anzufliegen, über die Hermannstraße und die Friedhöfe hinweg.

»Wenn Mister Rampling gelandet ist, steht er Ihnen selbstverständlich für alle Fragen zur Verfügung.«

»Wirklich für alle?«, fragte der freie Mitarbeiter, der für die taz was schreiben wollte.

Stradow war schon wieder etwas unruhig geworden, fürchtete eine neue pazifistische Attacke. »Natürlich«, sagte er nur kurz.

»Es ist ja ein Zweisitzer, dieser Vogel, und ich hab' eine Freundin, die ist ganz wild darauf, mal in der Luft zu ...«

Stradow lachte um viele Phon zu laut, um den empfindlichen Gemütern von der bürgerlichen Presse das folgende Verb nicht zumuten zu müssen. »Nein, nein, die Sitze sind da hintereinander ...«

»Warum ist denn der zweite Sitz heut frei geblieben?«, kam es prompt vonseiten der BZ.

»Nun ...« Stradow wäre es sehr lieb gewesen, wenn ein Vertreter des rotgrünen Senats dort Platz genommen hätte, doch der Regierende und seine Senatorinnen hatten wenig Interesse daran gehabt, in einem Jagdflugzeug zu sitzen. Dies laut zu sagen, wäre natürlich im Hinblick auf die angepeilten wirtschaftlichen Hilfen außerordentlich dumm gewesen. Also musste er sich ins Private flüchten. »Vorgesehen war ja eigentlich Paul Arapahoe, der berühmte Regisseur aus den USA. Er besitzt nicht nur einige Anteile der East West International, sondern er will - Sie werden das sicher schon erfahren haben - eine unserer Maschinen in seinem neuen Film einsetzen ...«

»Ah, die Geschichte, in der der Papst ermordet wird, Johannes Paul I. - die will er drehen, ja?«, kam es vom Tagesspiegel.

»Ja, teils hier in Berlin, aufm Flugplatz und bei der CCC Film, teils in Rom, klar, und da fliegt das Team dann selbstverständlich mit einem unserer Metroliner hin ...« Er zeigte auf eine in der Nähe geparkte Fairchild SA 227AC, auf die gerade ein rundliches Männlein im blauen Overall zuhielt; nicht zu Fuß, sondern auf einem gelben Elektrokarren, auf dem er sich wie bei einem Formel-I-Rennen zu fühlen schien. »Huiiiii, wie der Wind!«, rief Stradow hinüber und erklärte den anderen seinen kindlichen Aufschrei damit, dass das ihr hochgeschätzter Techniker sei, und der höre auf den komischen Namen Huy.

«... nun mal nicht ablenken von dem zweiten Sitz. Warum nicht ein Berliner Spitzenpolitiker?« Die Morgenpost, das andere große Springer-Blatt, insistierte unbeirrt auf einer Klärung.

»Weil Paul Arapahoe unbedingt selber mitfliegen wollte, um auch PR zu machen für sich und seinen neuen Film. Aber heute Morgen ist er im Stau stecken geblieben und konnte daher mit den Dreharbeiten erst später ... Vor einer Stunde haben wir das erfahren, und da ließ sich natürlich im Schöneberger Rathaus keiner mehr finden ... Also sollte Mrs. Rampling mitfliegen, die Frau unseres Chefpiloten. Sie sehen sie da vorn am Catering Wagen mit ihrer Tochter. Aber sie hatte gerade einen Migräne-Anfall und sich gar nicht wohl gefühlt ...« Jetzt konnte er es wagen, von diesem Thema wegzukommen. »Ja, soviel dazu. Lassen Sie mich nun noch ein paar Worte zu Tempelhof und zum Anflug der Sea Fury sagen. Rampling hat das Rufzeichen EW twenty two eighty six und kommt jetzt mit einem Kurs von 268° herein, über das Funkfeuer Planter 327 DIP hinweg ...«

Mareike Rampling hatte sich auf das Trittbrett des Catering Wagens gesetzt und sah die Maschine ihres Mannes hummelgroß über den Dächern Neuköllns.

»Mama, du zitterst ja.« Ihre Tochter hatte sich eng an sie gekuschelt.

»It's every time very exciting.«

»Don't worry, be happy!«, lachte Barbra, die nach der Streisand hieß und gerne sang. »Kann ich zu Papa reinklettern, wenn er wieder unten ist?«

»Ja, das kannst du.«

Wolfhard Stradow hatte sich schon wieder einklinken müssen, denn eine etwas verschlafene Dame vom Volksblatt wollte partout noch etwas wissen über den Sinn der künftigen Rundflüge mit der Sea Fury. »Dürfen denn da auch ganz normale Sterbliche mit oder nur illustre Gäste?«

»Wie schon gesagt: natürlich jedermann und ... jede Frau!« In Berlin war es notwendig, dies immer wieder zu betonen. »Wenn er, wenn sie's zahlen kann.«

»An was haben Sie denn da gedacht?«

»Nun, das hängt ein wenig von Angebot und Nachfrage ab, wer von unseren befreundeten Firmen seinen Mitarbeitern und Gästen als Auszeichnung so etwas spendiert. Mit dreihundert Mark wird man aber schon rechnen müssen, exklusiv wie so was ist ...«

»Ah, ja.«

»Sehen Sie, wir ...« Stradow stockte, denn Rampling, der eben noch im ganz normalen Sinkflug hereingekommen war, riss plötzlich die Sea Fury so steil nach oben, als wollte er zum Looping ansetzen, als hätten feindliche Flaks soeben das Feuer eröffnet. In die Ah- und Oh-Rufe um sich herum kommentierte Stradow cool und souverän, Rampling wolle nun all sein fliegerisches Können zeigen. »... auch auf dieser Maschine, wenngleich das vorher gar nicht abgesprochen war.«

Er brach vollends ab, denn zwar war es Rampling gelungen, die überalterte Maschine wieder in eine halbwegs stabile Fluglage zu bringen, doch schon machte er so irre Schlenker nach links und nach rechts, als hätten ihn wahnsinnige Seitenwinde gepackt.

»Gott, nein!«

Alles schrie auf, als die Sea Fury jetzt steil nach unten schoss, aufröhrte, wie sie es aus Nazi-Wochenschauen kannten, das mörderische Dröhnen der Sturzkampfbomber, die Melodie des Todes.

Tief bohrte sie sich ins Gräberfeld des St. Thomas Friedhofs, explodierte sofort, ließ schrecklich unaufhaltsam das Feuer folgen, die Säule mit dem schwarzen Rauchpilz obenauf.

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Alexander Huy hockte schon seit dem frühen Morgen im Cockpit der dritten und ältesten SA 227AC, die die East West International Berlin/USA besaß, und immer wieder erschien das Management an Bord, um ihn und seine Kollegen anzufeuern. Nach dem tragischen Tod ihres Chefpiloten war Berlin-Tempelhof erst einmal gesperrt worden, und sie hatten ihre Flüge in den westfälischen wie fränkischen Raum absagen müssen. Die um ihre Termine gebrachten Geschäftsleute begannen allmählich Amok zu laufen.

»... sie verlangen alle, dass ich ihnen die Taxe nach Tegel bezahle und da 'n Ticket hinterlegen lasse, und schwören, nur noch mit den Großen zu fliegen!« Wolfhard Stradow griff zu einer der herumliegenden Spucktüten und konnte sich damit jedes weitere Wort über seine augenblickliche Befindlichkeit ersparen.

Huy legte das Structural Repair Manual der Metro III auf den Copiloten-Sitz und sah ihn schräg von unten an. »Sollten Sie nicht eh gefeuert werden?«

»Wenn ich gehe, dann geht ihr auch - kaputt nämlich! Ich hab's satt, wie die mich hier behandeln! Immer von oben herab.«

»Da dürften Sie nicht der Einzige sein, der davon seine Bauchschmerzen hat«, bemerkte Huy.

Stradow rieb sich einen himbeerblassen Joghurtfleck vom Schoß seines blauen Anzugs. »Werdet ihr's denn schaffen, dass die 4011 nach Kassel raus kann - 11 Uhr 30?«

»Ich hab' sogar auf meine Frühstückspause verzichtet ...« Huy wandte sich dem Armaturenbrett zu und wiederholte murmelnd, was er eben im Flughandbuch gelesen hatte: »Both battery bus relays will remain open until either battery switch is moved to RESET, then ON ...«

»Na, dann ...« Stradow kletterte wieder aufs Flugfeld hinaus. Durch das Kabinenfenster hindurch sah ihn Huy zum East-West-Büro hinübergehen, ein schöner Mann, wie er fand, beeindruckend und wie aus einem Hollywood-Film. Er hätte die eine Hälfte seines Lebens dafür gegeben, in der anderen so auszusehen wie sein Sales Manager. Solchen Männern gehörte die Welt. Und wenn sie einmal in Turbulenzen steckten, der nächste Höhenflug war ihnen sicher. Jobs und Frauen, alles spitzenmäßig.

Huy quälte sich weiter mit den Leh Battery Switches herum, denn obwohl der linke Stromkreis infolge einer kalten Lötstelle deutlich fehlerhaft war, ging das entsprechende Fault Light nicht an.

Er stöhnte auf, ließ sich in den Pilotensitz fallen und beschloss, nichts weiter zu unternehmen, bis seine Kollegen aus dem Restaurant zurückgekommen waren. Er griff zu seiner augenblicklichen Lieblingslektüre, einem dicken Wälzer von H. J. Stammei über die Polizeiwaffen von heute und morgen. Sein Traum war es, den nächsten Jahresurlaub zu nutzen, um in die USA zu fliegen und sich dort die Vorderschaftrepetierflinten zu kaufen, die in seiner Sammlung noch fehlten. Das waren Schrotflinten, mit denen man sich mühelos ein halbes Dutzend Angreifer vom Leibe halten konnte, ohne sie gleich töten zu müssen. Die kleinen Schrotkugeln durchschlugen einen Täter nämlich nicht. Er stellte sich vor, eine Flite King Riot in der Hand zu halten, und zielte auf seine Kollegen, als sie lachend auf seine Maschine zusteuerten.

Als sie Huy bemerkten, lästerten sie sofort: »Hast du wieder Sandy gesehen und alles stehen und liegen lassen!?« Alexander Huy kam nicht an gegen ihre Frotzeleien, musste einen halben Tag lang nach einer Antwort suchen, die witzig und schlagfertig war, während die anderen nur Sekunden brauchten.

Hunni, der Chefingenieur, eigentlich Hans-Dieter Hundertmark, ein Enddreißiger mit dunklem Vollbart und Glatze, sah ihn fragend an. »What's now ...?« Er sprach die beiden Worte nicht mit, auf die sich das reimte, doch Huy war sich sicher, dass alle Kollegen sie dachten: What's now, Schweinchen Schlau?

»Weiterhin Probleme mit dem >battery fault light on<«, erwiderte Huy mit gepresster Stimme und Handflächen, die so schweißbedeckt waren, wie sich das die Erfinder des Lügendetektors immer gewünscht hatten. »Da sollten jetzt alle mal ...« Er stockte, denn unten stolzierte Sandy, ihre Chefstewardess, auf das Flugfeld hinaus. Sie kam, um die Fluggäste in Empfang zu nehmen, die in ihrer geleasten Saab SF 340 von Neukölln her einschwebten, dicht über die Stelle hinweg, wo die Trümmer von Ramplings Maschine weit verstreut auf dem St. Thomas Friedhof lagen. Seine Moralvorstellungen verboten Huy, nachts Hand an sich zu legen und sich wollüstig stöhnend zu erleichtern. Immer wieder kam es aber vor, dass er sich gegen seinen Willen und seine Gebete fast schmerzhaft entlud, wenn Sandy in seinen Träumen erschien und sich ihr enger blauer Rock beim Bücken die karibikbraunen Schenkel hochschob. »Sie ist lieblich wie eine Hinde und holdselig wie ein Reh. Lass dich ihre Liebe allezeit sättigen und ergötze dich allewege in ihrer Liebe ...«

»Das ist doch keine Hindu-Frau!«, lachte Hundertmark. »Sie ist nur so braun, weil sie drei Wochen lang auf Tobago rumgelegen hat!«

»Sprüche Salomos«, erklärte Alexander Huy. »Fünftes Kapitel. Hinde oder Hindin, das ist die alte Bezeichnung für 'ne Hirschkuh ...«

»Über einen solchen Vergleich wird sie aber echt glücklich sein, und Sodomie ist ja nun auch nicht mehr das Wahre. Außerdem ist sie wirklich so, wie die Stewardessen früher gewesen sein sollen: Gehen in die Luft, Vögeln gleich ...«

Huy zuckte zusammen, merkte aber noch an, dass Salomo bereits gewarnt habe, die Lippen der Hure seien süß wie Honigseim, aber hernach bitter wie Wermut und scharf wie ein zweischneidiges Schwert. Er fand sich aber halbwegs getröstet, als Hundertmark fast feierlich erklärte, Sandra sei alles andere als eine solche, nur einfach sinnenfroh, ansonsten aber voll dem neuen Leitwert verpflichtet, der sogenannten sukzessiven Monogamie: Einem Einzigen für zwei bis drei Jahre treu und fest ergeben sein, dann dem Nächsten ebenso. Ihre Warteliste sei lang, und er möge sich bald anmelden, wenn er noch eine Chance haben wolle, bevor sie ins Altersheim käme.

»Der kriegt doch eh nur Frauen zwischen siebzig und scheintot!«, lachten sie ringsum, bevor sie wieder an die Arbeit gingen.

Knappe zwei Stunden später hatten sie es endlich geschafft, und Alexander Huy war so müde wie ansonsten nur vor einer heraufziehenden Grippe, konnte aber noch nicht nach Hause fahren, da die eben in Straßburg gestartete Saab 340 Schwierigkeiten mit dem Wetterradar gemeldet hatte. So war er in den Erste-Hilfe-Raum gegangen, hatte sich auf der ledernen Liege ausgestreckt und den Vorhang zugezogen.

Zum Schlafen kam er aber nicht, denn kaum hatte er die Augen geschlossen, erschienen Sandy, Stradow und Mochau, ihr neuer Pilot, um hier ungestört zu rauchen. Huy sah keinen Grund, sich bemerkbar zu machen, war auch gespannt auf das, was sie zu reden hatten, und bekam es wie im Hörspiel mit.

Sandy: Überall werden die Raucher vertrieben.

Stradow: Allzu viel Erfahrung auf der Metro III hast du ja nicht.

Mochau: (lacht auf) Ich weiß: Heute ist Dienstag!

Sandy: Wieso? Ist nicht Donnerstag?

Stradow: Du, das ist 'n Uralt-Scherz ... Der Tower in Frankfurt /Rhein-Main. Kommt eine Lufthansa-Maschine, und der Captain fragt nach der genauen Zeit, um seine Borduhr stellen zu können. Antwort an ihn: »Gleich ist es elf Uhr, fünfzehn Minuten und einundfünfzig Sekunden ... jetzt!« Kommt ein spanisches Flugzeug, und der Kapitän fragt den Tower nach der genauen Zeit. »Oh, well«, kommt die Antwort, »es ist kurz vor zwölf!« - »Vielen Dank für die genaue Zeitangabe«, meint der Kapitän. Befindet sich schließlich eine Charter-Maschine aus Zentralafrika im Anflug auf Rhein-Main, und auch deren Pilot will die genaue Zeit wissen. »Aber selbstverständlich«, sagt der Lotse im Tower. »Heute ist Dienstag.«

Sandy: (lachend) Ach so, jetzt versteh’ ich.

Mochau: Trotzdem werd' ich die Clear-Air-Turbulenzen bei euch hier schon meistern.

Stradow: Viel Glück beim Step Climb jedenfalls!

Mochau: Danke!

Sandy: Wann is'n Ramplings Beerdigung?

Stradow: Keine Ahnung ...

Mochau: Wen schickt die FAA zur Untersuchung rüber?

Stradow: Wissen wir noch nicht. Die hochverehrte Federal Aviation Administration hat noch nichts verlauten lassen.

Mochau: Ich hab' vorhin mal mit dem kleinen rotblonden Männchen gesprochen ...

Stradow: Alexander Huy. Oben hui, unten pfui ...

Sandy: Komm, hör auf!

Stradow: Wie der dich immer anstarrt, so was von horny!

Mochau: Was ist der ...?

Stradow: Dein Englisch, Mann! Horny gleich geil. Nee, nee, was das Fachliche betrifft, ist das 'n Klassemann. Unser Schweinchen Schlau ...

Sandy: Lass ihn in Ruhe, der ist schon in Ordnung.

Stradow: Sandy mag ihn, weil er so fromm ist. Statt in der BILD-Zeitung liest er dauernd in der Bibel.

Mochau: Wenn bei der East West nur noch beten hilft, dann ...

Stradow: Wenn Huy der Boss hier wäre, würde sie ihn glattweg heiraten ... Das ist bei ihr so wie damals bei der Sophia Loren und ihrem Carlo Ponti ... Hui, Huy!

Sandy: Na und! Und was kann er'n dafür, dass er so heißt.

Mochau: Hat er denn 'n Vietnamesen als Vorfahren?

Sandy: Ach, quackie! Huy ist urdeutsch, der Huy oder Huywald, das ist 'n Höhenzug in'er Nähe vom Harz ...

Mochau: Ach, ja, wie schön. Übrigens: Was sind denn das für Filmleute, die hier andauernd rumturnen?

Stradow: Das ist 'ne deutsch-amerikanische Co-Produktion, 'ne ganz heiße Sache ... >Von oben herab<  die Ermordung des Papstes Johannes Paul I. So ein Kunstfilm ...

Mochau: Was hat'n die East West mit'm Film zu tun?

Stradow: Die haben 'ne Metro III von uns gemietet. Fast umsonst, aber dafür machen sie nachher weltweit Werbung für uns.

Mochau: Für was brauchen die denn so 'ne Maschine?

Stradow: Teils um das Team nach Rom zu fliegen, wenn da gedreht werden soll, im Vatikan, teils aber auch, um hier in Tempelhof was zu machen. Jesus Bond, das ist der große Detektiv von denen, und der kommt im Flugzeug von oben herab, um im Aufträge des Chefs den Mord an seinem Stellvertreter aufzuklären. Ja ...

Sandy: Der den Jesus Bond spielt, ist 'n Deutscher, die Entdeckung aus der DDR, aus so'm kleinen Nest an'er Havel, aber 'n irrer Typ! Utz von weiß ich was, alter preußischer Adel!

Stradow: Biste schon voll auf ihn abgefahren, was?

Sandy: Hat ich in meiner Sammlung noch nicht, sag's doch!

Mochau: Ich glaub', ich werd' mich wohl fühlen hier ...

Stradow: Willst du noch eine?

Mochau: Danke, ich muss los, mir das Wetter holen ...

Damit gingen sie wieder, und Alexander Huy schaffte es, für eine halbe Stunde tief und fest zu schlafen. Dann kam die Maschine aus Straßburg herein, und ihr moskitohaftes Dröhnen ließ ihn wieder zu sich kommen.

Auf dem Vorfeld, noch unter dem weit ausladenden Hallendach, standen einige der Filmleute im Pulk beisammen. Huy hätte einen kleinen Bogen gemacht, um ihnen zu entgehen, doch in diesem Augenblick kam ihm Mochau entgegen und fragte ihn, wer denn von denen wer sei. Er hielt die aufgeschlagenen Seiten der zitty in den Händen, der illustrierten Stadtzeitung, wo das Projekt unter der Überschrift »Hella und ihr Blasphemie Orchester« groß und mit flapsiger Ironie herausgestellt war.

Huy war mürrisch. »Die Dame da ist die Produzentin, Hella Lejeune.«

»Ah!« Mochau freute sich. »Die kenn' ich von der Talkshow her ...« Und er las vor, was unter ihrem Foto stand. »Ebenso korpulent wie kompetent. Ihre Vorfahren sind mal als Hugenotten nach Berlin gekommen. 1572 konnten sie im letzten Augenblick Paris verlassen, ehe die Katholiken mit dem Blutbad der Bartholomäusnacht begannen. Nichtsdestowenigertrotz dreht sie nun ihren Jesus Bond und lässt unsern Christus zum größten Detektiv aller Zeiten werden. >Wer anders als er<, so die tapfere Lejeune, >könnte den vatikanischen Augiasstall ausmisten?< Ach ja, die Rache der späten Jahre ...«

Huy stöhnte auf. »Jesus Bond ... Alberner geht's ja nun wirklich nicht mehr!«

»Nun, es scheint mir aber Methode zu haben ...« Mochau zeigte auf das Porträt eines Mannes um die fünfzig, der durch seine grauen Koteletten wie durch seinen fast gürtellangen Zopf auffiel. »Das ist der Drehbuchautor, der da neben der Lejeune steht und isst?«

»Der Terletzki, ja.«

Mochau las wiederum aus dem ziffy-Text. »TTT - Tankred T. Terletzki - dreht auch stets als Erster durch, weil er immer alles umschreiben muss. Die Leute vom Set sind nämlich bis heute nicht ganz sicher, was sie eigentlich wollen: eine Art Dokumentarfilm über die Verquickung von Mafia und Vatikan oder eine >Real-Groteske<, wie Terletzki das nennt. >Gott zu lästern<, sagt er, >ist die heute einzig noch mögliche Form des Glaubens. Nur dadurch, dass er mich für mein Tun gehörig straft, beweist er mir, dass er existiert.< Wird es also volle Kinos geben?«

Huy nickte. »Das haben die doch eiskalt kalkuliert.«

Mochau blickte überrascht auf Huy, zeigte aber dann gleich wieder auf einen mehr als massigen Mann, der im Hemd des Quarterbacks der San Francisco 49'ers angetreten war und die rechte Hand so hielt, als hätte er sich gerade seinen Helm vom Kopf genommen. »Und das da ist sicherlich der Regisseur?«

»Ja.«

»Paul Arapahoe, zwei Oscars letztes Jahr. Eigentlich Paul Golumbiewski, aber zu seinem großen Glück hat sich unter seinen diversen Urgroßvätern auch ein waschechter Indianer befunden, einer, der das berüchtigte Sand-Creek-Massaker überlebt haben soll. Daher die Namensumwandlung. Nun hat der >Der mit der Kamera schläft> das Kriegsbeil ausgegraben und zieht gegen Rom.« Mochau schien beeindruckt. »Den möcht' ich mal genauer kennenlernen!«

»Dann sehen Sie doch zu, dass Sie das Filmteam in vierzehn Tagen nach Rom fliegen können.«

»Okay, danke!« Mochau freute sich und riet noch schnell, wer der Mann war, der den Jesus Bond spielte. »Der Hagere, Dunkelhaarige da?«

»Genau!«

Mochau ging nun ins Büro zurück, und Alexander Huy stellte sich ebenso lustvoll wie verbittert vor, dass er dort sofort mit Sandy bumsen würde, sie über den Schreibtisch gebeugt, ihm das Hinterteil entgegengestreckt.

»Hey, hallo, aufwachen!« Terletzki, der Drehbuchschreiber, hieb ihm auf die Schulter, als wolle er einen Zaunpfahl in die Erde rammen.

Huy stöhnte auf und rieb sich die Bandscheibe. »Was gibt's denn!?«

»Alarmstufe 1. Die Lejeune hat vorhin 'ne Bombendrohung erhalten: Entweder ihr stoppt die Dreharbeiten - oder ihr fliegt alle in die Luft! Schluss mit der Blasphemie!«

Alexander Huy fuhr zusammen. »Eine Bombendrohung wegen dem Film?«

»Des Filmes, ja ...« Terletzki schloss die Augen. »Jetzt kann ich die ganze Scheiße wieder umschreiben, weil sie nun das große Muffensausen kriegen ...«

Huy kam nicht mehr zu einer Erwiderung, denn Hundertmark und Stradow standen an der aus Kassel gekommenen Maschine und winkten aufgeregt nach ihm. »Du, ich muss ... Die haben wahrscheinlich unterwegs 'n Propeller verloren ...«

»Kommste nachher ins Relais, was trinken?«

»Na, sicher!« So viele Freunde hatte er nicht. »Erst will ich aber noch mal nach Hause.«

Alexander Huy bewohnte am Neuköllner Weigandufer anderthalb nicht eben komfortable Zimmer: Risse in der Decke, schlecht schließende Fenster, andauernd geborstene Rohre, dafür aber einen schönen Blick auf die Treptower Brücke hinunter, den Kanal, die Bäume, über noch erhaltene Lauben und flache Industriebauten hinweg bis nach Treptow hinüber. Gegenüber in den Neubauten dominierten die Deutschen: Rentner, Pensionäre, aber auch jüngere Leute mit halbwegs gut bezahlten Jobs und hoffnungsvoller Brut im Kinder wie im Mittelklassewagen, während bei ihm im Altbaubereich die Kücükoglus, Öczans und Petrakis längst die Oberhand gewonnen hatten.

Als er an diesem Tag seine Wohnung aufgeschlossen hatte, strebte er sofort zu seiner Fernsehecke und drückte sich auf dem Eurosport-Kanal wie gewohnt American Football ins Haus, genoss es, wie die bunten Riesenkörper aufeinanderprallten, dass es krachte, sah sich selbst als Quarterback zum touch down losrennen, so gewaltig, dass die Gegner, die ihn tackeln wollten, wie Slalomstangen kippten.

Später brühte er sich einen bitterstarken Kaffee, trank ihn heiß und hastig und stieg von der ersten in die dritte Etage hinauf, wo Gerda Gusicke schon ungeduldig wartete, im Staatsdienst alt und grausam dick geworden, vom vielen Sitzen massig, mehlfarben, ein Klumpen Teig, nicht ausgerollt. Hatte im Sozialamt so vielen armen Teufeln ihre Anträge in engstirnigem Hass abschlägig beschieden, dass sie nun mit fünfundsiebzig Jahren fast täglich in die Kirche wollte, ihren himmlischen Schöpfer gnädig zu stimmen. Alexander Huy war es zugefallen, sie zum Beten in ihre Gemeinde zu fahren, für einen praktizierenden Katholiken wie ihn etwas Selbstverständliches.

»Na, Frau Gusicke, was sagt der Arzt, der Zuckerspiegel wieder gesunken?«

»Ja, Gott sei Dank, Herr Huy, ich kann sogar wieder meine Schokolade futtern.«

»Dann komm' Sie mal huckepack!« Und er führte, schleppte, wuchtete die übergewichtige Frau, der er gerade bis zur Schulter reichte, die Treppe hinunter, keuchte schon, als er seine Wohnungstür passierte, kam sich vor wie als Dreijähriger an der Hand seiner Mutter und war mit seinen Kräften so ziemlich am Ende, als er sie schließlich in seinen Golf hineingepresst hatte wie einen Luftballon in einen Briefkastenschlitz, verletzte sich dabei am Schloss die rechte Hand, dass es erheblich blutete, hörte, wie vom Himmel her Johannes zu ihm redete: Denn es kommt die Stunde, in welcher alle, die in Gräbern sind, werden seine Stimme hören und werden hervorgehen, die da Gutes getan haben ...

Inzwischen war es auch Zeit geworden, an die Verabredung mit Terletzki im »Relais de poste« zu denken.

Das »Relais de poste« lag im 14. der inzwischen 23 Groß-Berliner Stadtbezirke, in Neukölln, dem ehemaligen Rixdorf, in »Rixdorf is Musike«, und zwar an einer Stelle, am Richardplatz nämlich, an der sich wohl niemals eine >Umspannstelle für Postkutschenpferde< befunden hatte, die aber dennoch historisch hochkarätig war. Hier hatte nicht nur in der Mitte des 13. Jahrhunderts ein märkischer Pionier namens Richard die ersten Häuser seines >Torps< errichten lassen; hier waren 1737 vom preußischen Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. auch die ersten Gastarbeiter angesiedelt worden, böhmische Protestanten, des Glaubens wegen aus ihrer angestammten Heimat vertrieben. So hatte es bis 1873 neben Deutsch-Rixdorf ein Böhmisch-Rixdorf gegeben, und noch heute erinnerte das eine oder andere Kirchlein und Haus um Richardplatz und Straße herum an das »Böhmische Dorf« von damals und ließ den Besucher glauben, in einer märkischen Kleinstadt wie Jüterbog oder Dahme zu sein.

In dieser Nische nun, in einer alten böhmischen Scheune, hatten findige Berliner Gastronomen ein Restaurant eröffnet, das auf die gutbetuchte grüne und altlinke Schickeria zielte, Studienräte und Lehrerinnen, um mit den größten Quantitäten anzufangen, Professoren und Bibliothekare, Designer und Maler, Journalisten und Redakteure, Schauspieler, Filmemacher und Autoren  auch hier, ohne es mit dem großen I noch einmal extra zu betonen, die Frauen mit landesüblich niedrigen Quoten dabei.

Als Alexander Huy sich an originalen wie nachgebauten Postkutschen, Wachsfiguren-Kutschern und ausgestopften Pferden zum Zweiertisch im letzten Winkel durchgekämpft hatte, saß Terletzki schon beim Fernet Branca und schrieb den Wandspruch ab, der in altfränkischen Lettern über den Klotüren stand:

Uff den Sonntag freu' ick mir; denn da jeht et raus zu ihr, feste mit verjnüchtem Sinn, Pferdebus nach Rixdorf hin.

Dort erwartet Rieke mir - ohne Rieke keen Pläsier!

»Damit hat Littke-Carlsen, ein sogenannter Tanzparodist, im Jahre 1889 den sogenannten Rixdorfer aus der Taufe gehoben«, erklärte Terletzki, der geborener Neuköllner war, »was mal so was war wie der Lambada heute ... Was hast du denn da gemacht?« Er meinte die aufgeschürfte Stelle an der Hand, und Huy musste ihm erzählen, wie ihm das passiert war, als er die dicke Gusicke ...

Schließlich kamen sie auf den Film zu sprechen, und Terletzki, im Hauptberuf Oberstudienrat für Deutsch und Geschichte mit Vertretungsstunden im Fach Religion, nervte Huy auch an diesem Abend wieder mit seiner déformation professionelle, jener Eigenschaft nämlich, alles Gesagte drei- bis viermal wiederholen zu müssen, auf dass auch der dümmste Schüler eine Chance bekam.

»Wir gehen also davon aus, dass der Papst Johannes Paul I. wirklich ermordet worden ist. Du erinnerst dich an die fetzige Eröffnung. Klassisches Tatort-Muster, vergleiche auch die Schwarze Serie Hollywoods, jedoch sofort konterkariert und transzendiert mit zwei besonderen Effekten: Kardinal Villot verliest das offizielle Bulletin zum Tode des Papstes Johannes Paul I. - gleich Albino Luciani. Der feierlich aufgebahrte Papst liegt neben ihm. Villot, ein Franzose übrigens, sagte ... Warte mal ...« Er brauchte ein paar Sekunden, um die besagte Stelle in seinem überdicken Drehbuch zu finden. »Am frühen Morgen dieses 29. September 1978 gegen 5 Uhr 30 ging der Privatsekretär des Papstes auf der Suche nach dem Heiligen Vater, den er entgegen aller Gewohnheit nicht in der zu seinen Privatgemächern gehörenden Kapelle angetroffen hatte, in das Schlafzimmer des Papstes und fand ihn bei eingeschaltetem Licht tot im Bett sitzend, wie jemand, der sich anschickt, etwas zu lesen. Der Arzt Dr. Renato Buzzonetti, der sofort herbeieilte, bestätigte, dass der Tod eingetreten war, und zwar vermutlich gegen elf Uhr abends, ein plötzliches, als Folge eines akuten Myokardinfarkts zu deutendes Ableben.«

»Ich weiß, ich weiß«, brummte Alexander Huy.

Terletzki war nicht mehr zu bremsen. »Da schnellt bei mir im Drehbuch der aufgebahrte Papst plötzlich hoch und ruft mit nach oben gerichtetem Blick, dass das doch alles nicht stimme, die Wahrheit eine ganz andere sei. Eine irre Sache, du! Oder? Und sagt dann ganz cool und entschieden: >In dieser Firma muss mal aufgeräumt werden!< Im Vatikan also ...«

Während Terletzki seinen dritten doppelten Fernet Branca hinunterstürzte, bestellte sich Alexander Huy das Übliche, das heißt, ein Postillon-Frühstück und ein Mineralwasser, und fragte, was schwieriger sei, ein Drehbuch oder ein richtiges Buch zu schreiben.

»Das eine ist so, als müsstest du Chinesisch lernen, das andere, das Drehbuch, ist wie Englisch lernen: vergleichsweise simpel. Dafür bringt es aber auch drei- bis fünfmal soviel Geld.«

»Ich könnte das nicht«, sagte Huy.

»Brauchste doch nur Sid Fields Screenwriter's Workbook zu lesen, dann haste das alles drauf. Erster Akt: die Exposition. Dabei nach etwa 25 Seiten der Plot Point 1, das heißt, das Ereignis, das in die Geschichte eingreift und sie in eine andere Richtung lenkt. Bei mir in >Von oben herab< ist das die Stelle, an der sich der tote Papst erhebt und sagt, dass er nun seinen Tod selber klären will. Dann kommt der zweite Akt: die Konfrontation, der Konflikt, wo sich dem Helden alle möglichen Hindernisse in den Weg stellen, die er überwinden muss. Bei uns im Film sind das alle die Szenen, wo die Mafia, die Loge P2 und insbesondere Kardinal Marcinkus Jesus Bond bedrohen. Dann der Plot Point 2, mit dem der entscheidende Hinweis zur Lösung gegeben wird. Bei uns das mit der Vatikan-Bank, mit der die Dunkelmänner ihre schmutzigen Gelder reinwaschen. Kommt der dritte Akt: die Auflösung ...« Zu der kam er aber nicht mehr, weil der Ober die Speisen brachte.

Alexander Huy nutzte die Chance, das Thema zu wechseln und Terletzki auf einen für ihn unfassbaren Stilbruch hinzuweisen. »... 'ne deutsche Umspannstation soll das hier sein, die preußische Post zur Zeit der französischen Besatzung, Napoleon und so weiter - und was haben sie hier für Gewehre an'er Decke hängen: Perkussionsfeuerwaffen der U.S. Army. Oben 'n Remington US-Percussionmodell von 1841 etwa, Kaliber .54. Unten eins von 1863, Kaliber .58. Mann!«

»Was'n? Ein Waffennarr biste?« Terletzki schien nicht sehr begeistert.

»Ja, und?«

»Klar, Omnipotenzträume eines nicht eben groß geratenen Mannes«, analysierte der Autor, während er nach einem neuen Fernet winkte. »Der Gewehrlauf als riesengroßer Phallus, jederzeit nachzuladen. In meiner Jugend gab's ja mal diese Tausend-Schuss-Theorie ...«

»Was für 'ne Theorie?«

»Dass jeder Mann von der Natur nur tausend Schuss mitbekommen hat, und dann ist Schluss mit jeder Samenproduktion.«

»Wie witzig ...« Huy bedauerte schon, auf die Gewehre ausgewichen zu sein, wurde aggressiv. »Manche Leute kennen ja nicht mal den Unterschied zwischen einem Gewehr und einer Flinte!«

»Ich zum Beispiel. Gibt's denn da einen?«

»Und ob!« Huy stach in sein Spiegelei und ließ es zerfließen. »Ein Gewehr, Herr Lehrer, ist eine Langfeuerwaffe mit einem gezogenen Lauf, also einem, der innen spiralförmige Führungsrillen enthält. Dadurch dreht sich das Geschoss und bekommt eine stabilere Flugbahn. Eine Flinte dagegen hat einen glatten Lauf, aus dem man in aller Regel auch nur Schrotkugeln verschießt. Was wissen Sie über die Reichweiten, Terletzki?«

»Keine Ahnung.«

»Setzen, Fünf!«

»Erzähl schon!«

»Gewehre von zwei bis 3000 Meter, bei Schrotkugeln dagegen kann man nur zwischen 35 und 65 Metern sicher treffen. Nach 300 Metern sind sie völlig harmlos ...«

»Werd ich mir mal merken, wenn mich einer ...«, spottete Terletzki. »Die Schwierigkeit besteht nur darin, einen so großen Vorsprung zu gewinnen.«

Huy war ein wenig eingeschnappt. »Ich denke, ihr Schriftsteller, ihr wollt immer alles wissen ...«

»Erzähl mir lieber was von dir. Ich sitz' ja schon seit drei Jahren an meinem großen Entwicklungsroman; spielt alles hier in Neukölln. Vielleicht kann ich dich auch mit hineinbringen, verfremdet natürlich. Wir Schreiberlinge hauen ja alle in die Pfanne, die wir kennen, vermarkten und benutzen sie, schlachten sie alle aus ...« Er lachte und leckte sein Fernet-Branca-Glas leer. »Ich bin ja im Hauptberuf Lehrer, und wenn ich das richtig erahne, bist du immer schon einer gewesen, der die Aggressionen seiner Mitschüler auf sich gezogen hat. Sie haben dich gepiesackt und verprügelt, weil du anders ausgesehen hast als sie und dich auch im Denken und Reden deutlich abgehoben hast. Ihre pubertären Sauereien hast du nicht mitgemacht, nie die Worte Ficken oder Vögeln in den Mund genommen, nie nach den Mädchen gegrapscht. Das war streng tabu für dich, dafür hätten deine Eltern dich halbtot geprügelt. Sie haben dich streng katholisch erzogen. Stimmt doch alles, oder?«

»Warum fragst du mich denn, wenn du eh schon alles weißt?« Huy starrte auf die Zinken seiner Gabel und bog sie auf dem Tellergrund zurecht. »Ist's aber die Wahrheit, dass die Dirne nicht ist Jungfrau gefunden, so soll man sie heraus vor die Tür ihres Vaters Hauses führen, und die Leute der Stadt sollen sie zu Tode steinigen ...«

»Wie nennt man so was: bibelfest! Möcht' ich auch mal sein. Aber lenk nicht ab: Hast du auch jetzt noch ständig Angst, dass sie dich hänseln?«

Huy lachte auf. »Das tun sie doch, ohne dass ich da jedes Mal ausflippe ...«

»Gut, gut! Wozu aber die Waffensammlung zu Hause? Damit du dich wehren kannst, wenn dich wieder mal einer in den Schwitzkasten nehmen oder in die Eier treten ...«

»Na hör mal!«

»Immer lieb und züchtig sein«, sagte Terletzki und bewies nun seinerseits ein wenig Bibelkenntnis. »Und wer sich selbst erniedrigt, der soll erhöht werden.«

»Lukas 14, Vers 11, wenn ich mich nicht irre.« Alexander Huy trank den Rest seines Mineralwassers aus. »Ich bin zufrieden mit dem, was ich bin, und vor allem damit, wie ich bin.«

»Ich nicht«, sagte Terletzki. »In keinerlei Hinsicht.«

So saßen sie noch ein Weilchen beisammen.

Als Huy die Treptower Brücke erreichte, war es bereits zwanzig Minuten nach Mitternacht. Bedingt vor allem durch den Kanal und den Grünstreifen an seinem südlichen Ufer, war die Gegend so geartet, dass sich auch weniger furchtsame Gemüter nach einem Leibwächter sehnten, wenigstens aber danach, schon zu Haus im warmen Bett zu liegen - zumal wenn es wie heute leichten Regen gab und die nassen Steine das diffuse Licht des Großstadthimmels schluckten, sich aber auch die Strahlen der Straßenlaternen und Hausnummerleuchten irgendwo im feuchten Dunst verloren. Er hatte erst weit hinten einen Parkplatz gefunden und musste gute zweihundert Meter am Kanal entlanglaufen, an Lauben vorbei, unheimlich und dunkel, dann die offene Einfahrt eines Werkes passieren, das Dachpappen produzierte und entsprechend roch, mit siedend heißen Kesseln auf Opfer wartete, den Blick nach Südosten gerichtet, wo der Kanal in einem schwarzen Schlund verschwand, die Welt zu Ende schien.

Das war aber nicht Huys einzige Not, denn irgendwie war seinem Magen oder seiner Galle das rustikale Essen des »Relais de poste« gar nicht gut bekommen, und sosehr er auch dagegen ankämpfte, den Schließmuskel zusammenpresste, ihm war klar, dass er es bis zur Toilette nicht mehr schaffen würde. Also hockte er sich zur Notlandung, wie er es nannte, hinter die hoch aufgemauerten Geländer am Beginn der Treptower Brücke, getarnt zudem von grünen Recycling Containern, die Tempotücher schon aus der Tasche gerissen.

Während er sich nun erleichterte, ging sein Blick durch einen schmalen Spalt zur Ecke Weigandufer und Treptower Straße hinüber, seinem Häuserblock, wo vor einiger Zeit eine eher einfache Pizzeria aufgemacht hatte. Aus der nun trat ein Südländer, wahrscheinlich ein Italiener, knapp vierzig vielleicht, der vom hellen Maßanzug wie vom Gehabe her nicht so recht in diese Gegend passen wollte, hielt auf einen flachen Alfa zu, der mitten auf der Brücke stand. Kaum hatte er den Schlüssel im Schloss, schoss vom Ende der Treptower Straße her, wo noch die graue Mauerwand aufragte, ein unauffällig grauer Mercedes heran und hielt abrupt an seiner Seite. Zwei Männer sprangen heraus, blaue Jeans und schwarze Lederjacken, Wollmützen mit Schlitzen über die Köpfe gezogen, Pistolen in der Hand, und stürzten auf den noblen Italiener zu. Der schrie, erst Italienisches, dann »Hilfe!« und »Entführung!«, wehrte sich mit aller Kraft.

Huy riss die Hose hoch und rannte auf die kleine Gruppe zu, schlug lang hin auf dem glitschigen Pflaster, bekam das Opfer am linken Fuß zu fassen und hielt den Knöchel so fest umklammert, dass sie ihn nicht mehr losreißen konnten. Die beiden Täter drohten Huy und schleiften ihn mit, schrien auf ihn ein, traten ihm brutal in die Nieren, in die Hoden, gegen die Schläfe.

»Knall ihn ab!«

»Loslassen, Idiot du!«

Nein, er tat es nicht.

Bis die beiden Schüsse fielen.

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Beim Einchecken war sie als die gefürchtete Flugunfallforscherin erkannt worden, und die Bodenstewardess hatte ihr den begehrten Platz am Notausstieg gegeben. Wohl deswegen war es Patricia Turquette mehr als peinlich, dass sie sich ihre schweißnassen Hände an Rock und Sitz abwischen musste. Normalerweise war die berühmte Angst vorm Fliegen für sie nur Anlass zu ätzendem Spott; heute aber hätte sie die Tür herausreißen und über die Tragfläche hinweg aus der Maschine springen können. Warum nur? Nicht wegen des hohen Alters der Boeing 727, die sie nach Berlin bringen sollte. Auch nicht, weil zwei Araber hinter ihr saßen und ein Anschlag auf eine amerikanische Airline immer im Bereich des Möglichen lag. Es gab einfach keinen rationalen Grund. Und dennoch wurde sie das Gefühl nicht los, in einem Weltraumschiff zu sitzen und geradewegs Kurs zu nehmen auf ein Schwarzes Loch. Berlin schien ihr ein Ort, der sie vernichten sollte, eine Riesengefahr, nicht zu definieren, nicht zu fassen, aber irgendwie vorhanden.

Sie rollten zum Start, und als sie nach hinten blickte, sah sie einen Jumbo der Lufthansa wegen des Seitenwindes so hart aufsetzen, dass die Pneus ungewöhnlich qualmten, während dahinter die Landescheinwerfer der nachfolgenden Maschinen wie Sterne am Morgenhimmel funkelten. Der Psychologie-Professor neben ihr faltete verstohlen die Hände unter der Zeitung. Wahrscheinlich hatte er erfahren, dass sich 1% aller Flugunfälle beim Startvorgang ereignet hatten, obwohl dieser gerade 21,8% der Gesamtflugzeit in Anspruch nahm. Und Psychologe war er sicher nur in der Hoffnung geworden, sich selbst therapieren zu können. Sie nahm sich vor, ihn nachher mit der Botschaft zu erfreuen, dass der Landeanflug mit 32,4% und die Landung schließlich mit 24,5% aller Unfallanteile noch um einiges gefährlicher waren.

»Meine Damen und Herren, Kapitän Blacklick und seine Besatzung heißen Sie herzlich willkommen an Bord unserer Boeing 727! Unser Flug nach Berlin wird 55 Minuten dauern. Für den Start bitten wir Sie, sich anzuschnallen und die Sitzlehnen senkrecht zu stellen. Die Notausgänge sind mit dem Wort EX1T bezeichnet. Deren Handhabung ersehen Sie aus den Sicherheits-Vorschriften ...«

Nun folgten die Tanzübungen der Stewardessen, und Patricia sah bereits die Trümmer ihrer Maschine im großen Hangar liegen, so wie es die Auslegeordnung nach einem Crash verlangte. Bei der Convair CV990 Coronado der Swissair, die am 21. Februar 1970 einer von PFLP-Terroristen gelegten Brandbombe zum Opfer gefallen war, hatte man an die anderthalb Millionen Trümmerstücke einsammeln können.

Endlich kam das Ready For Take Off, und sie hoffte, dass Mr. Blacklick bei der VI-Berechnung nicht geschlafen hatte, denn die Piste war durch den einsetzenden Sprühregen bestimmt recht glitschig geworden, und ihre Maschine hatte durch Schmutz auf Rumpf und Flügeln sicherlich einiges an Gewicht gewonnen und an Auftrieb verloren. Zudem hatte er beim ungeduldigen Einschwenken vom Rollweg auf die Runway einige Dutzend Meter an Start und möglicherweise auch Bremsstrecke eingebüßt. Leider - oder glücklicherweise - wusste sie nicht, ob man auf dem Rhein-Main-Flughafen in Frankfurt die Lampenträger, auf denen die Scheinwerfer der Anflugbefeuerungen montiert waren, so gebaut hatte, dass sie beim Aufprall einer Maschine zusammenklappten, ohne diese aufzuspießen. Wann war es gewesen, dass eine Boeing 727 der Eastern Airlines beim Anflug auf den New Yorker John-F.-Kennedy-Airport in einen Scherwind geraten war und die Beleuchtungsanlage am Pistenende berührt hatte? Im Juni 1975 wohl. 113 der 124 Menschen an Bord waren damals umgekommen.

Patricia konzentrierte sich auf den Psychologie-Professor neben ihr. War die Aufwölbung seines Hosenschlitzes eine Folge des eng angezogenen Sicherheitsgurtes - oder hatte ihn gar angesichts ihres hochgerutschten Rockes eine kleine Erektion gepackt? Vor lauter Aufregung hatte sie das Gefühl, ihre Hände würden ihr nicht mehr gehorchen wollen, würden den Stoff seiner schwarzen Jeans wegreißen wie Mull und seinen steifen Schwanz bloßlegen ... Seit der Trennung von Carl hatte sie es nicht mehr gemacht, und dreizehn Monate waren eine lange Zeit. Einmal nur wieder einen Blitz im Taschenkalender für eine Wahnsinnsnummer! Ihre Tochter hätte ihr wieder vorgeworfen, wie der letzte Macho zu denken. Warum denn nicht?

Mr. Blacklick schaffte es ohne jede Mühe, den alten Vogel quer über der Startbahn West hochsteigen zu lassen. Patricia sah hinunter und glaubte, die Startbahngegner noch immer kämpfen zu sehen, hatte sogar in Columbus (Ohio) einiges von deren Demos mitbekommen, vor allem aus dem SPIEGEL, den sie fast jede Woche las, um ihr Deutsch auf den letzten Stand zu bringen.

Der Psychologie-Professor schien zu glücklich verheiratet, um sich wenigstens in Gedanken einen Quickie mit ihr vorstellen zu können. Als sie seine heruntergefallene Bordkarte aufhob und ihm dabei wie der letzte Vamp in die preußisch blauen Augen schaute, blickte er verschämt zur Fasten-Seat-Belt-Anzeige hinauf. Danke, bitte und aus. Ihr blieb nichts weiter übrig, als sich etwas Lesbares zu suchen, vielleicht zum x-ten Male den Brief ihrer Tochter.

Liebe Mom! Du hältst nichts von Wahrsagerinnen, ich weiß es, aber Sarah hat mir heute wieder gesagt, dass ich Dich vor Deiner Reise nach Deutschland noch einmal nachdrücklich warnen soll. Es wird die Hölle für Dich werden, und Du wirst umkommen dabei! Bitte, bitte, lass es!

Patricia steckte den Brief in die Tasche zurück. Quatsch, das alles! Anjelica wurde immer hysterischer, aß und trank kaum noch etwas aus Angst, sich zu vergiften, badete nicht mehr im Freien, weil sie fürchtete, in den vergifteten Gewässern würden ihr Haut und Fleisch bis auf die Knochen abgefressen werden, und am liebsten hätte sie nur noch durch Gasmaskenfilter oder aus Taucherflaschen geatmet. Und dass Sarah als Jüdin ein Deutschlandtrauma hatte, war nur allzu verständlich.

Sie schaffte es, die dunklen Gedanken beiseite zu drängen und sich am Steigflug zu erfreuen, diesen immer wieder herrlichen Augenblick zu genießen, wenn der Flugzeugrumpf durch die Wolkendecke bricht, plötzlich über einem ganz anderen Planeten zu kreisen, Lichtjahre von der Erde entfernt, vielleicht inmitten der Plejaden, dicht vorbei an der Kupferscheibe des Aldebaran. Doch kaum war das No-Smoking-Transparent erloschen, kam die Angst anfallartig zurück. Diesmal stürzt du ab! Diesmal sind die Dämonen die Sieger! Tu alles im Leben, mein Kind, nur eines nicht: Geh niemals nach Berlin! Die Stimme ihrer Mutter. Die letzten Worte auf der Intensivstation. Völlig überraschend auf Deutsch. Warum denn nicht? Keine Antwort mehr.

Patricia riss ihr Tischchen aus der Lehne des Vordersitzes. Humbug alles, Wahnfantasien, parapsychologischer Mist! Wenn Menschen eine Situation als real definieren, dann ist sie für ihr Handeln auch real - so hatte sie es als Thomas'sches Theorem auf der Universität zu Ann Arbor gelernt. Aber sie tat das eben nicht, und damit basta! Und ausgerechnet Carl tröstete sie: Man kann nicht tiefer fallen als in die Hand Gottes! Sein Standardsatz. »Verpiss dich, du Arsch!«

Sie hatte es so laut gesprochen, dass der Psychologe neben ihr erst zusammenzuckte und dann murmelte: »Koprolalie, wie?«

Sie lachte. »Was, bitte: Kopra oder Kobra? Südsee oder Schlange ...«

Der Grauhaarige ließ seine Fachzeitschrift sinken. »Nein, nein: kópros, griechisch: Kot, Schmutz. Und Koprolalie: die abartige Neigung zum Aussprechen obszöner Wörter, meist aus dem analen Bereich. Entschuldigung, aber ich habe meine Dissertation darüber geschrieben.«

»Und der Doktorvater hat >So 'ne Scheiße!< gerufen ...« Sie wurde richtiggehend albern, doch er konnte nicht anders, als mit leichter Kränkung anzumerken, dass er dafür eine glatte Eins bekommen hatte. Dass sie es nicht geschafft hatte, ihn aus der Reserve zu locken, wurmte sie nun ein wenig, und sie rächte sich dadurch, dass sie aus dem Fenster blickte und sachverständig anmerkte, dass man wohl, stiege der Captain auf mehr als siebentausend Meter Höhe, mit CATs rechnen müsste.

»Dem Musical?«, fragte er, und es klang doch wie der Versuch eines Flirts.

Patricia gluckste amüsiert, fühlte sich gut und gerne halb so alt wie sie war. »Schön wär's! Nein, CAT ist eine >Clear Air Turbulence<, einer der hinterlistigsten Killer im Luftfahrtgeschäft. Kennen Sie nicht die Geschichte vom Fujiyama, vom Mai 1966? Eine Boeing 707 der BOAC brach mitten über dem Vulkan auseinander, urplötzlich und fast ohne jedes Wölkchen am Himmel. 124 Tote. Meistens aber stürzt man nur ein paar tausend Meter in die Tiefe, bis die Maschine wieder stabilere Luft unter den Tragflächen hat. Man darf nur nicht zu schnell werden. Es gibt da sogar einen Fall, bei dem ein Pilot in seiner Not im Sturzflug einfach die Schubumkehr ...«

Der Psychologe schluckte. »Geht denn das?«

»Eigentlich nicht, und es hat ihn auch ein Triebwerk und einen Teil des Flügels gekostet, doch dann ist ihm noch die Notlandung auf einem Militärflughafen geglückt.« Patricia sah nach rechts. »Mach' ich Ihnen etwa Angst?«

»Nein, nein. Ich bin nur etwas irritiert, weil ... Na, ich brüte gerade über einem Vortrag zum Thema >Zeichen und Symptome akuter Psychosen< ...«Er sah sie prüfend an.

Patricia zuckte zusammen. Das war gut gekontert. Was wusste er von ihren Ängsten und Beklemmungen? Hatte er mitgelesen, als sie Anjelicas Brief ...? War er von diesen dunklen Mächten, von denen sie da redete, ausgeschickt worden, sie schon in Frankfurt abzufangen? Totaler Unsinn! Dennoch fragte sie ihn, wie er denn drauf käme, sie als potentielle Psychopathin zu sehen.

»Weil Sie vom Thema Absturz gar nicht mehr loskommen!«

»Gott, das ist schließlich mein Beruf!« Erleichtert verriet sie es ihm. »Ich bin Unfallforscherin beim NTSB, beim National Transport Safety Board.«

»Ah ...« Er freute sich, voll im Bilde zu sein. »Da sind Sie sicherlich wegen der abgestürzten Sea Fury auf dem Weg nach Berlin?«

»So ist es.« Sie lehnte sich zurück. »Mal sehen, warum Andrew Rampling wirklich ...«

Er musterte sie trotz aller Hemmungen ein wenig intensiver. »Aber als Amerikanerin, da sprechen Sie doch ein viel zu gutes Deutsch?«

»Was wollen Sie, ich bin geborene Berlinerin, 1951 in Neukölln auf die Welt gekommen. Und erst 1953 mit meiner Mutter in die Staaten rüber ...« Sie erzählte ihm weiter, dass sie anfangs noch Deutsch gesprochen hätte, bis zu ihrem vierten Lebensjahr so etwa, dann aber absolut nicht mehr. »Und was soll ich Ihnen sagen - als ich mit zwanzig einen Deutschkurs begonnen habe, war ich im Nu wieder drin!«

»Ich habe einen Freund, der ist Linguist, den sollten Sie mal ...« Er brach ab, denn nun gerieten sie tatsächlich in eine Zone übler Turbulenzen, und das gerade begonnene Ausschenken des heißen Morgenkaffees musste wieder unterbrochen werden.

Patricia hoffte nur, dass die Mechaniker beim letzten Check auch wirklich alle Strukturteile des Rumpfes sorgfältigst nach verborgenen Rissen abgesucht hatten, denn ihre Maschine ächzte mehr als beängstigend, als sie sich durch die heranbrandenden Luftmassen unbeirrt nach Osten kämpfte. Alles verbog sich irgendwie, vibrierte, wollte zerbrechen. Und es wurde eher noch schlimmer, als sie im Sinkflug auf die knapp 3000 Meter hinuntergingen, die im immer noch vorhandenen Luftkorridor nach Berlin vorgeschrieben waren. Das alles hielt ihn so sehr in Atem, dass ihr Nachbar erst jetzt die Frage stellte, die sie bei allen Männern, die ihr je begegnet waren, immer schon in den ersten drei Minuten ihrer Bekanntschaft vernommen hatte: Wie sie denn >als Frau< zu einem solchen Job gekommen sei, überhaupt auf die Idee, sich um abgestürzte Flugzeuge zu kümmern. Ob es denn wohl Nekrophilie bei ihr sei, das leidenschaftliche Angezogensein von allem Toten?

»... eher das von allem Lebendigen. Mein großes Idol als junges Mädchen ist mein Vater gewesen, und der war Pilot. Zuerst bei der U.S. Air Force in Berlin-Tempelhof, einer der berühmten Blockade-Flieger und stillen Helden, später dann bei mehreren kleineren Airlines im Mittleren Westen tätig. Da wollte ich natürlich nur eines: So bald wie möglich selber fliegen. Was ich dann auch getan habe.«

»Ich bin als junger Mensch nur einmal geflogen«, lachte er. »Von der Schule!«

Sie erzählte ihm, dass es bei ihr auf einer einmotorigen, aber schon recht anspruchsvollen Beech F33 Bonanza begonnen hätte. Dutzende von Flugstunden auf der zweimotorigen Beech E55 Baron und der Beech C90 King Air seien dann dazugekommen. »Dazwischen auch eine kleine Kunstflugausbildung. Mit dem Privatpilotenschein geht es los, dann kommt der für Berufspiloten mitsamt der IFR-Lizenz und schließlich der für Linienflüge ...«

»Aber Ihr Papa hat Sie erst einmal bei der Air Force untergebracht, oder?«

»Ja, angefangen hab' ich da als Copilotin. Worauf ich dann studiert habe: Germanistik, haha! Dann kam die Tochter ... bis mich dann die Liebe zur Fliegerei wieder einholte, nach der Scheidung von Carl. Los ging es als Testpilotin bei einer der größeren Airlines, doch das ist mir dann ein bisschen zu riskant geworden, und so bin ich dann zur NTSB gegangen.«

»Muss doch schlimm sein, nicht selber zu fliegen, sondern sich darauf verlassen zu müssen, dass der Kollege vorne ...«

»Der will doch auch überleben.«

»Ich habe immer Angst, dass da mal ein Kamikazeflieger vorne sitzt ...«

»Warum fahren Sie da nicht mit der Bahn?«

»Mal abgesehen davon, dass es auf den Bummelzuggleisen in der Noch-DDR von Frankfurt nach Berlin mehr als sieben Stunden dauern würde - die Angst als Lust ist es, die Angstlust! Das Geflogenwerden als Spiel mit dem Tode ... Jede Sekunde kann es krachen, kann alles aus und vorbei sein.«

»Gerade hier im Luftkorridor. Siehe Zagreb, wo die beiden Piloten so präzise auf der zugewiesenen Höhe und auf der Mittelachse der Luftstraße UB5 geflogen sind, dass sie frontal ... Eine Trident 3 der BA mit 63 Menschen an Bord und eine DC9 der Inex Adria mit 113 Insassen ...«

»Eine kleine Unaufmerksamkeit der Fluglotsen unten, und die Katastrophe ist da ...«

»Ja: niemand kennt Tag noch Stunde.«

Damit war ihre Kommunikationslust erst einmal erschöpft, und Patricia fragte sich, warum um alles in der Welt sie diesen Mann vor einer knappen halben Stunde noch so attraktiv gefunden hatte. Gab es überhaupt einen Menschen, der länger als einen Tag und eine Nacht ein Rätsel, ein Geheimnis war, sich nicht in allen seinen Gefühlen, Reaktionen und Handlungen ausrechnen ließ wie eine ganz gewöhnliche Maschine?

Sie flogen eine lange Viertelstunde mitten durch die Regenwolken, bis ihr das Aufleuchten der No-Smoking-Warnung ankündigte, dass Mr. Blacklick und seine Crew mit dem Landeanflug auf Berlin-Tegel begannen. Kurz vor der Stadtgrenze gab es dann auch wieder freie Sicht, und sie presste ihr Gesicht ans Plastikfenster. Noch immer waren Todesstreifen und Grenzbefestigungen deutlich auszumachen. Sie hatte sich in Frankfurt einen Berliner Stadtplan gekauft und sich während der Wartezeit das Wesentlichste auch schon eingeprägt, wusste also, dass sich links unter ihr auf einem kleinen Berg kein zweites Taj Mahal erhob, auch keine Moschee mit ihren Kuppeln, sondern lediglich die vorgeschobenste Radarstation ihrer Landsleute. Auch den Grunewald konnte sie orten, den Funkturm mit dem ICC, den Kurfürstendamm, den Tiergarten schließlich mit der austernförmigen Kongresshalle, mit dem Reichstag und dem Brandenburger Tor. Fast am Horizont und parallel zu ihrem Kurs erkannte sie die Landebahn des Flughafens Tegel, 112.30 TGL - CH 70, wie sie sich erinnerte. Sie wunderte sich, welch weite Schleife sie nach Osten zogen - wahrscheinlich wegen des starken Flugverkehrs am Morgen. Als ihre Maschine ein wenig nach rechts hinüberrollte, konnte sie über die fünf anderen Passagiere hinweg sogar den Tower von Berlin-Tempelhof erkennen und am Ende der südlichen Runway auch die Stelle, wo Andrew Rampling abgestürzt war.

»Da unten liegt Neukölln.« Ihr Nachbar hatte seine Fachzeitschrift zusammengefaltet und in die Aktentasche gesteckt. »Wo Sie aufgewachsen sind.«

»In der Ossastraße unten, ja ...«

»Das ist nicht weit weg vom Flugplatz.«

Patricia schloss die Augen. Sie sah sich durch ein endlos langes Schloss laufen. Sie machte eine Tür auf, die nächste und noch eine, und immer wieder kamen neue Türen. Es war entsetzlich, denn jeder Schritt löste neue Folterqualen aus, starke neuralgische Schmerzen, doch irgendwo da hinten war die Antwort auf alle ihre Fragen zu finden: warum sich nur immer wieder ein Riesentier, ein Riesenschatten auf sie senkte und sie vernichten wollte. Warum sie manche Nacht nicht einzuschlafen wagte, warum sie Stimmen hörte, warum sie immer wieder schreiend in den Abgrund stürzte und ihr Psychiater fürchtete, ihr Organismus könnte sich eines Tages dadurch zu retten suchen, dass er den kranken Teil ihres Selbst vom gesunden abspaltete, sie also zur Schizophrenen machte.

Als die Boeing dann plötzlich über die linke Tragfläche abkippte, sich für Sekunden wie eine Luftmine in den Boden bohren wollte, da schrie sie auf, da litt sie anfallartig unter Atemnot. Die ineinandergeschachtelten Mietskasernen, die Hinterhöfe taten sich auf wie die Wände eines Riesenkraters, und dieser Krater wollte sie verschlucken.

»Ist Ihnen schlecht?« Der Psychologe beugte sich zu ihr herüber, und sie wusste, dass er ihr weder die Testpilotin noch die Amerikanerin mit ihren Wurzeln in Deutschland glaubte.

Es ging vorbei, und als sie dann den Ostberliner Fernsehturm umrundet hatten und sicher auf dem Gleitpfad waren, hatte sie sich gänzlich gefangen und fuhr, als ihr Nachbar sich freute, dass ja nun bald alles überstanden sei, munter fort mit ihren Horrorgeschichten.

»Von wegen überstanden! Weiß man, wie's in Tegel mit dem Microburst steht?«

»Womit?«

»Mit den Scherwinden in Bodennähe. Erinnern Sie sich nicht an die Lockheed 1011 TriStar der Delta 1985 beim Anflug auf Dallas? Wo eine Fallbö den ganzen großen Vogel wie ein Spielzeug ...? Auf den Boden geschmettert und ... Nur 27 von 163 Insassen haben's damals überlebt.«

Der Psychologe konnte nur noch aufstöhnen, und Patricia, immer noch wild entschlossen, ihren Deutschland-Aufenthalt nicht zu beenden, ohne mindestens zehn Liebesabenteuer gehabt zu haben, wusste nun endgültig, dass es ein solches mit diesem Mann nicht geben würde.

Zu Zeiten ihres Vaters hatte es zwar Abstürze von sogenannten Rosinenbombern gegeben, und auch einen russischen MiG-Piloten hatte es in den fünfziger Jahren erwischt, doch der zivile Luftverkehr nach und von Berlin war bislang von jeder Katastrophe verschont geblieben - abgesehen mal von dem, was sich über DDR-Gebiet und in Berlin-Schönefeld, am Ostberliner Flughafen also, abgespielt hatte. Warum also sollte ausgerechnet heute etwas schiefgehen? Mit jedem Tag, an dem nichts passierte, wuchs aber andererseits die Wahrscheinlichkeit, dass es doch einmal ...

Natürlich verlief die Landung in Tegel ohne jede Komplikation.

Sie verabschiedete sich mit einem fast unfreundlichen »Hallo!« vom Psychologen, und auch der wünschte ihr nur nebenher einen »schönen Aufenthalt in der alten deutschen Reichshauptstadt« und hatte wohl auch Angst vor mehr. Kaum waren sie in der Halle mit dem Förderband erschienen, hing er schon am Halse seiner Ehefrau, umringte ihn eine umfangreiche Brut und spielte heile Welt.

Patricia sah eine Journalistenschar auf sich zueilen, und es überlief sie ein heißer Schauer. So wichtig nahm man hier das Ende des unglücklichen Sea-Fury-Piloten! Doch dann stürzten alle an ihr vorüber und hatten es auf einen jungen Menschen abgesehen, den sie vorhin, als sie in Frankfurt an Bord gegangen war, gar nicht wahrgenommen hatte. Wahrscheinlich war er als VIP erst ganz zum Schluss eingestiegen, als die Stewardessen den Vorhang zur Ersten Klasse schon vorgezogen hatten. Wenn sie den nur schon vorher gesehen hätte! Ein Traum von Mann, ein Märchenprinz! Der Typ, auf den sie ein für allemal geprägt worden war!

Ihr Vater! Der Held, der Tag für Tag sein Leben aufs Spiel setzte, um die Berliner vor dem Kommunismus, vor den roten Horden zu retten.

Den musste sie haben. Und wenn sie Berge versetzen oder ihren ersten Mord begehen musste.

»Mistress Turquette?« Ein Mann vom weltweit genormten Managertyp trat auf sie zu. »Wolfhard Stradow mein Name, East West International ...«

Sie freute sich spontan, dass jemand da war, sie abzuholen, denn nichts fürchtete sie nach einer Landung mehr, als mutterseelenallein in eine fremde Stadt hinaus zu müssen, war sich jedes Mal sicher, dort für alle Zeiten spurlos zu verschwinden. Es war dieselbe Angst, die sie hin und wieder spürte, wenn sie nachts allein in einer einmotorigen Maschine von Columbus nach Cincinnati flog: Dass sie plötzlich von einer magischen Kraft gezwungen wurde, höher und höher zu steigen, in den Weltraum hinaus, und sich dort im endlosen Dunkel für alle Zeiten zu verlieren. Ihre Freude wurde aber, kaum war sie aufgekommen, schon wieder getrübt, denn zum einen war ihr dieser Stradow ziemlich unsympathisch, einer dieser aalglatten Macher, der seine Dümmlichkeit hinter einem amerikanisierten Outfit verbarg, und zum anderen war sie darauf gedrillt, hinter jeder freundlichen Geste einer vom Absturz betroffenen Airline sogleich eine unstatthafte Einflussnahme zu wittern.

»In Berlin ist es im Augenblick leichter, einen Traummann zu finden als 'n Hotelzimmer«, sagte Stradow in einem Englisch, das ganz passabel war. »Wir haben es aber geschafft, noch etwas für Sie aufzutreiben. Gleich am Zoo.«

»Im Zoo wäre mir auch recht gewesen«, erwiderte sie, noch auf Englisch, um dann, mit der Anmerkung, sie wolle es üben, auf Deutsch hinzuzufügen, dass sie Löwen über alles liebe.

»Das sind ja auch wirklich schöne Kuscheltiere«, lachte Stradow und bot ihr an, sie ins Hotel zu fahren.

»Gerne, ja ...« Womit sie sich wieder auf den Mittdreißiger konzentrierte, der mit ihr in Tegel angekommen war und noch immer im Lichte der Scheinwerfer stand und glücklich unter seiner Publicity litt. »Das ist doch keineswegs der Bundeskanzler, oder?«

»Das?« Stradow drehte sich um. »Das ist Deutschlands neuer O. W. Fischer oder Willy Birgel. Der Messias ...«

»Für den deutschen Film?«

»Weiß ich nicht ... Nein, der spielt den Messias in dem Film >Von oben herab<, den Jesus Bond.« Er erklärte ihr in knappen Worten den Inhalt des Films wie auch, was seine East West International damit zu schaffen hatte. «... alter preußischer Landadel: Utz von Buberow!«

Patricia sah über das Rollfeld hinweg ins Havelland hinaus, dorthin, wo in den grünen Weiten von Wiesen und Büschen das Gut derer von Buberow lag. Fünfzehn Jahre waren es her, da hatte sie ihre große Arbeit geschrieben. Fontane und der märkische Adel. Dann hatte sie der Germanistik Lebewohl gesagt, um sich ganz dem Fliegen zuzuwenden, der Luft und Raumfahrt, einem gänzlich anderen Studium. Was sie dazu getrieben hatte, war ihr immer unbegreiflich geblieben. Nie hatte das Ganze einen Sinn ergeben. Oder doch? Sollte die Antwort hier in Berlin zu finden sein, liefen hier die Stränge zusammen?

Utz, welch ein Name, welche Kraft in diesem Namen! Aber schmal war der Mann, leptosom, sensibel und sanft, erschien ihr viel zu schwach, um erfolgreich zu sein. Wie passte das zusammen?Ihre beiden Koffer kamen, und das Profane ihres Jobs machte allem Grübeln schnell ein Ende. Stradow hatte seinen Firmenwagen in der Nähe geparkt, und eine knappe Viertelstunde später rollte sie über die Stadtautobahn Richtung Euro Hotel, sah die roten Backsteinquader der Siemens AG und knapp dahinter die Spree.

Stradow musste bremsen. »Wieder mal 'n Stau am Funkturm vorne. Seit sich die Ossis hier rumtreiben dürfen, sind unsere Straßen nur noch verstopft. Diese ganzen Trabbi Stinker!«

»Das klingt ja nicht begeistert. Ich denke, die Deutschen freuen sich alle über ihr einig Vaterland?«

»Auf der Straße feiern sie's, und zu Hause fluchen alle.«

Sie war gespannt auf diese neue deutsche Schizophrenie, fand aber schon vorab, dass es Berlin ohne Mauer so ging wie einem Sänger, der vor allem deswegen Weltkarriere gemacht hatte, weil er blind war, und nun plötzlich sein Augenlicht zurückgewonnen hatte: Was war denn Besonderes an ihm?

Auch das Hotel unterschied sich durch nichts von vergleichbaren Häusern in New York, Paris oder London, aber vielleicht war das sein großes Plus. Hätte es stinken und verwanzt sein sollen?

Wolfhard Stradow fragte sie, ob er unten warten und sie gleich nach Tempelhof mitnehmen solle, doch sie bedankte sich nach kurzem Zögern, wollte erst einmal ein Weilchen mit sich alleine sein. Er schien ein wenig enttäuscht, hatte möglicherweise gehofft, sie ins Zimmer begleiten zu dürfen. Vorhin im Flugzeug, in ihrer Erregung, hätte sie bestimmt nichts dagegen gehabt, jetzt aber empfand sie seine Blicke eher als Belästigung.

»Bis nachher dann.« Stradow trollte sich.

»Okay, ja. Und schönen Dank fürs Abholen.«

Sie bekam ein Doppelzimmer in der 11. Etage und hatte einen herrlichen Blick auf den Tiergarten, auf Siegessäule, Kongresshalle, Reichstag und die Ostberliner Bauten. Dennoch warf sie sich aufs Bett, rollte sich zusammen und wusste nicht mehr, wo sie war und wer sie war, flog verloren durch die Weltraumweiten, war nichts weiter als ein Klumpen Traurigkeit. Aber alles blieb kontrolliert, und wenn sie zehnmal weggetreten wäre, der Autopilot hätte sie sicher geführt, bis ihre depressiven Schübe abgeklungen waren.

Ein Summton, ein Fiepen, ein Singen ließ sie erschrecken. Automatisch dachte sie an ein akustisches Cockpit-Signal, dass sie vielleicht zu schnell gesunken war oder den Winkel beim Steigen zu steil ... Nein, das Telefon! Sie robbte zum Hörer und riss ihn herunter. Ihre Tochter, was war passiert, drüben war es doch noch Nacht! Nein, die Rezeption, ein Journalist würde sie gern sprechen. Okay, sie legte auf und eilte nach unten.

Ein junger Mensch vom SFB, freier Mitarbeiter und ungeheuer cool, hatte eine ebenso technisch dürftige wie schmuddelige Ausrüstung mitgebracht und wollte für eine der Magazinsendungen einige Statements von ihr - warum denn Rampling ausgerechnet jetzt, wo es um die Zukunft des Tempelhofer Flugfeldes ging ...?

Sie gab ihm einen Wink, sein Band noch nicht laufen zu lassen. »Ich weiß wirklich nicht, wovon Sie reden.«

Er erklärte ihr, dass die Rot-Grünen meinten, jetzt im vereinten Deutschland diesen Flugplatz nicht mehr zu brauchen, und auf seinem Gelände viel Spontanbiotope und schöne Wohnungen forderten, während CDU und vor allem FDP Tempelhof für die nun scharenweise anfallenden Privat- und Firmenjets zur Verfügung stellen wollten. So sei der Absturz der Sea Fury ein Politikum geworden, möglicherweise ein politisch motiviertes Verbrechen.

Patricia sagte, dass sie das alles schon interessiere, sie aber auf das setze, was die Trümmer der Maschine verrieten, auch der Obduktionsbericht sei noch abzuwarten.

»Na, dann ...« Der junge Interviewkünstler mühte sich, während er ihr das Mikro fast in den Rachen steckte, den ON-Knopf seines Gerätes zu finden, schaffte dieses schließlich auch. »Patricia Turquette - das amerikanische National Transportation Safety Board, das NTSB, hat Sie zur Untersuchung des Flugzeugabsturzes am alten Zentralflughafen Tempelhof nach Berlin geholt. Warum? Und so kurz vor der völligen Souveränität der Bundesrepublik?«

»Die Aufklärung eines Flugzeugabsturzes ist zwar primär Sache des Landes, auf dessen Territorium sich der Crash ereignet hat, aber routinemäßig werden auch Experten aus dem Heimatland der beteiligten Airline herangezogen. Da die East West International ja eine amerikanische Gesellschaft ist ...«

»Sie kommen aus Columbus, Ohio. Wie wollen Sie da ein Gespür für die speziellen Berliner Verhältnisse ... äh ... entwickeln?«

»Ich bin geborene Berlinerin, und mein Vater war in Tempelhof auf der U.S. Air Force Base stationiert. Ich bin schon im Kinderwagen übers Rollfeld geschoben worden.«

»Halten Sie Sabotage für möglich, um Tempelhof als Flugplatz zu disqualifizieren?«

»Für Spekulationen ist es zu früh.«

»Rampling soll aber Zeugenaussagen zufolge geradezu irrwitzig geflogen sein ...«

»Wenn eine Maschine abstürzt, meinen die einen Zeugen, sie sei 100 Meter hoch geflogen, während andere von 1000 Metern sprechen. Das will also gar nichts besagen.«

»Dann hoffen wir, dass Sie und Ihre deutschen Kollegen bald die Wahrheit herausfinden werden.«

Damit war das Interview beendet, und mit ein paar Floskeln ging man wieder auseinander. Patricia fuhr in ihr Zimmer hinauf und holte das Dartspiel aus dem Koffer. Die Scheibe war schnell an der Badezimmertür befestigt, und indem sie sich auf ihre Würfe konzentrierte, schaffte sie es, nicht noch einmal von einer Woge aus Angst und Apathie davongetragen zu werden.

Vor ihrem Hotel wehte die Berliner Fahne, weiß-rot mit dem schwarzen Bären darin. Vielleicht hatte dies die Assoziationen ausgelöst. Dieses Berlin war wie eine große dunkle Höhle für sie, in der die fürchterlichsten Tiere lauerten. Es dauerte nahezu zwei Stunden, bis sie die Kraft gefunden hatte, sich ins Labyrinth der Straßen und Schächte hinabzuwagen. Wenn sie mit einer Taxe nach Tempelhof gefahren wäre, hätte sie sich noch stärker wegen ihrer Schwäche gehasst. Carl, Psychiater von Beruf, hatte ihr immer wieder versichert, dass ihre Furchtlosigkeit schon neurotische Züge trage. Sie war viele hundert Male mit dem Fallschirm abgesprungen, sie hatte in reißbrettfrischen Maschinen gesessen und nach Ausfall all ihrer Triebwerke notlanden müssen, sie war in einer F100 der berühmten >Skyblazers< Loopings geflogen - nie hatte sie eine solche Todesangst verspürt wie an diesem Morgen in Berlin. Der Bär hatte die Tatze erhoben, und jeden Augenblick konnte es aus sein mit ihr.

Der Eingang zur Station Wittenbergplatz war wie ein griechischer Tempel gestaltet. Sie kämpfte ein Weilchen mit dem Automaten, der sich aber weigerte, ihren Zwanzigmarkschein anzunehmen. Auch das nahm sie als ein böses Omen. Diese Stadt wollte sie nicht. In einem Anflug von Trotz beschloss sie schwarzzufahren. Wenigstens etwas Nervenkitzel! Vor dem bunten Liniennetzplan angekommen, brauchte sie sehr lange, um herauszufinden, dass sie die grüne Linie, die 1, Richtung Schlesisches Tor zu nehmen und an der Station Hallesches Tor in die violette 6 umzusteigen hatte. Eine Fremde in Berlin. Dann aber, als die schmalen gelben Wagen mit bösen Schleifgeräuschen in den Bahnhof rollten, war ihr alles wieder merkwürdig vertraut. Sie lag im Kinderwagen. Die Türhälften glitten zur Seite, und ihre Mutter hob die Räder vorne etwas an, denn der Boden des U-Bahnwagens war eine Handbreit höher als die Plattform des Bahnhofs. Sie kam etwas ins Rutschen und schrie. Aber da schrie noch jemand mit ihr ...

»Nach Schlesisches Tor! Beim Ein- und Aussteigen beeilen bitte! Zurückbleiben!«

Patricia brach der Schweiß aus, als der Tunnel sie verschluckte. Soeben - das fühlte sie genau - war sie ganz nahe dran gewesen, die große Antwort auf alle ihre Fragen zu finden. Eine lange Straße, ein geheimnisvolles Haus ... Sie hatte sich auf die Zehenspitzen gestellt, um durchs Fenster zu sehen - da war sie von einem starken Arm hinweggerissen worden. Dieser Idiot von Zugabfertiger! Wer hatte da zusammen mit ihr geschrien? Sie versuchte, das Bild zurückzurufen, doch es misslang. Vielleicht fuhr sie gar nicht im Berliner U-Bahnnetz umher, sondern lag zu Hause in Ohio im Bett und träumte diese Szene nur. Im Fieber, im Wahn. Ihre Hand ging zur roten Notbremse hinauf. Bringt mich in die Klinik, schnell! Ich weiß nicht mehr, wer ich bin und wo ich bin! Es kostete sie eine wahnsinnige Anstrengung, den Griff vor ihren Augen nicht zu packen, sondern statt seiner nur eine der Haltestangen zu umklammern. Noch elender wurde ihr zumute, als der Zug den Tunnel verließ und sie auf Hochbahngleisen weiterfuhren. Tief unter ihr lag der Landwehrkanal, und sein Wasser hatte die Farbe des Hades. Beim Umsteigen am Halleschen Tor verspürte sie den heißen Impuls, über das leichte Gitter zu springen und in seinen Fluten zu versinken. Fest presste sie sich an das gelbe Blech des Zuges, um nicht mehr hinunterblicken zu müssen. Sie sah sich nach der Hand der Mutter angeln, doch sie fand keine Arme mehr ...

Patricia hetzte die Treppen hinunter und lief im Joggertempo durch den schmalen Tunnel, der zur Anschlusslinie führte. Vielleicht wurde es besser, wenn sie ihren Kreislauf in Schwung brachte, Blut ins Gehirn. Der wenige Schlaf, die Zeitumstellung - sie suchte krampfhaft nach rationalen Gründen für all das, was war.

Im blaugrauen Bahnhof der Nord-Süd-Linie, wo es nur Neonlampen gab, fiel ihr erst so richtig auf, wie deutlich sich die Mehrzahl der Ossis von den Westberlinern unterschied. Die Ossis, den Begriff hatte sie beim Flug über den Atlantik zum ersten Mal gelesen, waren durchweg bleicher, hatten Gesichter, die man teigig nennen konnte, vielleicht auch deswegen, weil ihre scheußlichen Jeansjacken, stonewashed Imitate zumeist, sie so blass und ärmlich wirken ließen. Die Frauen aus der, wie sie öfter sagen hörte, Noch-DDR, sprachen leiser und blickten viel verunsicherter umher als die aus dem Westen, und die Männer waren durchweg blond und dumpf, glichen irgendwie den Horror-Nazis, wie sie die Amerikaner so gern in ihren Filmen zeigten. O Gott, so ihr Urteil, welch Rückschritt für die Westdeutschen, die doch gerade dabei gewesen waren, die besten Europäer und Kosmopoliten zu werden. Als sie den Zug nach Alt-Mariendorf bestieg, überfiel sie ein beträchtlicher Ekel vor diesen neuen Über-Deutschen.

Am Platz der Luftbrücke stieg sie aus und kam in der Nähe des Luftbrückendenkmals wieder ans Tageslicht. Aus dem Fotoalbum wusste sie, dass ihr Vater 1951 bei dessen Einweihung als Ehrengast dabei gewesen war. The Air-Lift-Memorial, commemorating the Berlin Blockade of 1948/49 and the Allied airlift which brought in supplies to the beleagured city. Sie ging um die drei Zacken der >Hungerharke< herum, Symbole der Luftkorridore nach Norden, Westen und Süden, und las, dass unter den 77 Toten, die es gegeben hatte, auch 31 Amerikaner waren. Sie dachte an ihren Vater, den Major und Historiker Thomas K. Turquette, der es überlebt hatte, und daran, wie sehr ihr Leben von dem Versuch geprägt war, so zu werden wie er. Carl hatte immer gelästert, dies sei die berühmte Identifikation mit dem Aggressor, und ihre Krankheit bestünde darin, in allem wie ein Mann sein zu wollen: Du Macho mit der Möse!

Patricia riss sich los und ging zögernd hinüber zum sandfarbenen Ungetüm des Flughafengebäudes. Unter der amerikanischen Flagge am Eingang patrouillierten Soldaten. Eine große weiße Tafel über ihnen verkündete: Welcome on Tempelhof Central Airport. Sie wusste, dass das Reichsluftfahrtministerium der Nazis hier ein gigantisches >Luftstadion< errichten wollte, das die Gestalt eines Riesenadlers hatte. Fertig geworden waren nur Teile davon, aber auch diese schienen ihr erdrückend genug. Sie sprach ein Ehepaar an, das aus dem Air-Force-Casino kam, und erfuhr, dass die privaten Fluggesellschaften weitab vom militärischen Teil und ein erhebliches Stück hinter der Haupthalle untergebracht waren.

Dort am Tempelhofer Damm wurde sie schon von Wolfhard Stradow erwartet, der sie sofort zu Robert Brocton führte, dem Chef der East West International: ein ehemaliger PAN AM-Pilot, der sich vor etwas über zehn Jahren mit zwei geleasten Turboprop-Maschinen selbständig gemacht hatte. Ebenso smart wie dynamisch, ein bisschen James Stewart, ein bisschen John Wayne, machte er einen durchaus guten Eindruck auf sie, und er brauchte gar nicht extra zu betonen, dass der Verlust auch nur einer Maschine der absolute Ruin für ihn sei.

»Der Absturz der Sea Fury kann schon das Aus für uns bedeuten, fünfzig Arbeitsplätze könnten verschwinden, obwohl wir ja diesen Winzling nie im Liniendienst verwenden wollten, klar. Die Rundflüge über Berlin - knapp zweihundert Mark je Passagier - hätten ja finanziell kaum etwas gebracht, aber ich hatte mir davon eine prima Werbung versprochen. Außerdem, Rampling war ein absolutes Ass als Flieger!«

»Ich weiß.« Patricia wich seinem Zigarettenrauch aus. »Ich habe seine Biografie immer wieder studiert: überall erstklassige Beurteilungen. Und kerngesund ist er auch gewesen.«

»Es bleibt mir ein Rätsel, wie ein so erfahrener Mann ...«

»Was wissen Sie denn über die letzten Sekunden?« Sie lehnte sich ein wenig zurück, fühlte sich in diesen Räumen wieder sicher, genoss den Halt, den ihr die Investigatorrolle gab.

Brocton sah auf das Rollfeld hinaus, wo gerade eine seiner SA 227AC von Neukölln her einschwebte, über die Absturzstelle hinweg. »Die Untersuchungskommission des Luftfahrt-Bundesamtes ist ja schon sehr fleißig gewesen, aber was die Braunschweiger bis jetzt herausbekommen haben, ist nicht viel. Wir hatten ja starken Wind, und es könnte sein, dass er mit vollem Klappenausschlag ausschweben wollte ...«

»Ist die Maschine zu kopflastig geworden?«

Details

Seiten
1600
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738919103
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v418818
Schlagworte
ferien thriller paket krimis zeuge verteidigung seiten

Autoren

  • Autor: Alfred Bekker

    Alfred Bekker (Autor)

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Titel: Ferien Thriller Paket 14 Krimis: Zeuge der Verteidigung und andere Krimis auf 1600 Seiten