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Zeuge der Verteidigung: Kriminalroman

2018 180 Seiten

Leseprobe

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Zeuge der Verteidigung

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Roman von Glenn Stirling

Der Umfang dieses Buchs entspricht 164 Taschenbuchseiten.

Dr. Winter macht mit seiner Frau Helga Urlaub am Wörther See. Beide freuen sich auf eine gemeinsame erholsame und vor allem ruhige Zeit. Dann stirbt genau in dem Hotel, in dem sie sich befinden, die reiche Vera Riemer aus heiterem Himmel. Weil sie noch gerufen haben soll, dass man sie ermorden will, geht man dem nach, denn es ist Gift im Spiel. Nun verdächtigt man den Schwiegersohn der Frau, Dr. Michael Simon ...

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Prolog

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Als Dr. Winter Vera Riemer zum letzten Male lebend sah, war noch früher Vormittag. Maria Wörth und der Wörther See lagen im vollen Licht der Morgensonne. Auf der Sonnenterrasse war Vera Riemer der einzige Gast, der sich bereits in den Liegestuhl gelegt hatte und dem Sonnenanbeten frönte. Sie trug wie immer ihre dunkle Sonnenbrille und war damit beschäftigt, ihre welke Haut mit Sonnenöl einzureiben. Im Vorbeigehen grüßte Dr. Winter, und sie erwiderte diesen Gruß freundlich mit der Bemerkung: „Dieses herrliche Wetter muss man ausnutzen. Wer weiß, wie lange es noch anhält.“

Für Vera Riemer sollte es nur mehr ein paar Stunden anhalten.

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1

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Dr. Winter war selbst auf gutes Wetter eingestellt. Er trabte das kurze Stück bis zum Liegeplatz des Segelbootes, wo Helga schon auf ihn wartete. Im kurzärmeligen weißen Hemd und weißen Shorts, die Segeljacke unter dem Arm geklemmt, wirkte er sportlich und jung. Auch Helga, seine Frau, bot einen erfrischenden Anblick. Ihr blondes Haar leuchtete wie Gold in der Sonne. Sie trug ein weißes T-Shirt und Shorts, und im Augenblick machte sie die Takelage des geliehenen Bootes seeklar.

„Lass doch, Helga, das mach’ ich doch“, rief Florian Winter. „Warum beeilst du dich so?“

„Ach, ich möchte dieses herrliche Wetter ausnützen.“

„Alle Welt entwickelt einen Stress, nur um das schöne Wetter auszunützen. Wir haben doch den ganzen Tag vor uns. Das Barometer steht hoch, und der Wörther See ist groß genug, um stundenlang segeln zu können.“ Ein paar Minuten später blähten sich die weißen Segel, Helga warf die Leine los, und das Boot zog wie ein stolzer Schwan in den See hinaus.

Helga war dabei, ihr Gesicht einzucremen.

„Heute zieh ich das T-Shirt aber nicht aus. Etwas Sonnenbrand habe ich mir gestern doch eingefangen“, verkündete sie.

Florian sagte gar nichts. Er überließ später auch Helga, die leidenschaftlich segelte, die Pinne und machte sich’s auf dem Vordeck bequem. Seit langer Zeit ein richtiger erholsamer Urlaub. Es war genau das, was er liebte. Einfach an nichts denken müssen, dösen, sich treiben lassen, kein Programm haben. Helga hingegen war immer aktiv. Mit dem von einem Kollegen geliehenen Boot zu fahren, bereitete ihr die allergrößte Freude. Und sie verstand es geschickt, zu segeln. Ganz selten brauchte sie dazu Florians Hilfe. Er war froh darüber, und sie wusste es. Während er döste oder las, spielte sie den Kapitän des kleinen Schiffes.

Sie war glücklich wie noch nie zuvor im Leben. Der erste Urlaub, den sie als Florians Ehefrau mit ihm verbrachte, war der Höhepunkt ihrer bisherigen Liebe geworden. Die Nächte mit Florian hatten Träume Wirklichkeit werden lassen, wie sie das so schön und vollkommen nicht für möglich gehalten hätte. In diesem Urlaub hatte sich Florian völlig verändert. Während ihn sonst sein Beruf ständig unter „Dampf“ hielt, hatten sie nun den ganzen Tag und auch die Nächte Zeit füreinander, konnten ihr Glück mit Hingabe genießen, ohne Hunderte von Verpflichtungen, wie es sonst zu Hause der Fall war.

Helga beobachtete ihren Mann, der vorn auf dem Bauch lag und in glückseliger Tatenlosigkeit vom Deck herunter auf die Bugwelle schaute, die, leise rauschend, am Schiffsleib vorbeigischtete.

„Bist du glücklich?“, rief ihm Helga zu.

„Stör mich nicht in meinen Meditationen!“, frotzelte er, stemmte sich dann aber hoch, wandte sich ihr zu und sagte: „Also, wenn du mich fragst, halt’ ich es für ein Glück, dass diese Kreuzfahrt im Mittelmeer geplatzt ist.“

„Allmählich denke ich das auch. Und damals, als wir die Mitteilung bekamen, dass diese Reise nicht stattfinden kann, bin ich fast in Tränen ausgebrochen.“

„Siehst du, so geht es oft im Leben. Manchmal hält das Schicksal für einen einfach die besseren Karten bereit.“ Florian lachte. „Stell dir vor, wenn wir auf dem Schiff wären, müssten wir uns am Tag mehrmals umziehen. Und hier? Können wir so, wie wir jetzt sind, einfach irgendwo essen gehen, so richtig faul sein.“

„Dann versteh’ ich nur Eines nicht. Deine Arzttasche hast du trotzdem mitgenommen.“

„Das ist doch die Notfalltasche. Die habe ich immer bei mir.“

„Wozu, wenn du Urlaub machst? Die brauchst du doch nicht.“

Er lachte. „Ich hoffe nicht, dass ich sie brauche. Aber ich hab’ sie einfach dabei. Es könnte ja mal sein, dass du etwas hast.“

Sie lachte. „Was soll ich denn haben?“ Dann wurde sie wieder ernst. „Hoffentlich kommt im Hotel niemand auf die Idee, dich einmal zu holen, wenn etwas ist. Da sind ein paar ältere Frauen, die schielen schon immer so nach dir. Manchmal denke ich, die überlegen noch, was sie sich einfallen lassen können, um dich einmal konsultieren zu dürfen.“

Er schmunzelte. „Eifersüchtig?“

„Auf diese alten Damen? Iwo, so mein’ ich das nicht. Höchstens auf die Zeit, die sie mir stehlen, weil du mit ihnen zu tun hast.“

„Ich glaube nicht“, meinte Florian beruhigend, „dass jemand auf die Idee kommt, mir auf den Zahn zu fühlen.“

„Sollen sie sich an diesen jungen Arzt wenden, an diesen Doktor Simon.“

„Ach, du meinst den Schwiegersohn von Riemers?“

Sie nickte. „Die Frau von dem kann ich ja nicht ausstehen. Eine arrogante Ziege ist das; einfach widerlich.“

„Mein Gott, sie ist noch sehr jung. Simon ist ja auch noch jung.“

Sie lachte. „Der schöne Michael. Hast du mal bemerkt, wie dem die Mädchen nachschauen?“

„Wie schmeichelhaft für ihn“, erwiderte Florian lachend. „Auf alle Fälle bin ich der Meinung, dass er es als eine Ehre ansieht, wenn ihn die älteren Damen konsultieren.“ Er lachte. „Vielleicht hat er auch das richtige Rezept für sie. Schließlich ist er ein Anästhesist. Er kann sie in den Schlaf wiegen.“

Jetzt lachten sie beide. Aber dann erkundigte sich Helga: „Anästhesist? Dann kennt ihn Schimanski wahrscheinlich.“

„Nicht nur wahrscheinlich, er kennt ihn wirklich. Die beiden haben natürlich dauernd gefachsimpelt. Übrigens ist der Vater von Simon ein ganz bekannter Toxikologe.“

„Wie interessant!“, rief Helga. Florian machte eine verächtliche Handbewegung.

„Nun reicht mir das aber. Ich bin im Urlaub! Jetzt will ich nichts mehr davon wissen!“ Er blickte voraus, deutete auf das vor ihnen liegende Pörtschach und fragte: „Wollen wir da anlegen und ein Eis essen?“

„O Gott, schon wieder ein Eis!“, stöhnte Helga. „Denkst du eigentlich ein bisschen an meine Linie?“

„Hm!“, machte er und wandte sich enttäuscht nach ihr um. „Also, dann kein Eis!“

Sie lächelte. „Also, doch ein Eis! Ich fahr’ genau auf den Bootshafen zu.“

„Du, da vorn schwimmen welche. Pass auf, dass du die nicht unterbutterst!“, warnte Florian.

„Ich bin doch nicht blind“, erwiderte sie pikiert.

In diesem Augenblick näherte sich von achtern aus ein Motorboot. Es kam sehr schnell vorbeigeschossen. Hinten hing ein Wasserskifahrer an der langen Leine. Das Boot kam ziemlich dicht an der Jolle der Winters vorbei.

Helga stieß eine wütende Verwünschung aus, während Florian heiter auf die Insassen des Bootes blickte, in denen er am Steuer die junge dunkelhaarige Frau von Dr. Michael Simon erkannte und neben ihr ihren Vater Edgar Riemer. Sein schlohweißes Haar wehte im Fahrtwind. Er warf einen Blick herüber zur Jolle, hob die Hand zum Gruß, während seine Tochter überhaupt nichts dergleichen tat.

An der langen Leine schoss jetzt der Wasserskiläufer vorbei. Er winkte herüber. Es war der blonde Dr. Michael Simon, von dem sie gerade gesprochen hatten. Es ging vorbei wie ein Spuk, und Helga meinte wütend: „Sieh dir das an! Die schießen haarscharf an den Schwimmern lang. Also diese Frau ... richtig verantwortungslos. Sieh doch, sagst du nicht selbst, dass das gewissenlos ist? Wie kann man so dicht an den Schwimmern vorbeifahren. Die können doch mit ihrem Boot einen Menschen glatt umbringen, wenn sie über ihn hinweg fahren.“

„Das passiert hier am Wörther See, wie ich gehört habe, jedes Jahr ein paarmal, dass Menschen von Booten verletzt werden“, stellte Florian fest. „Aber hier ist es noch einmal gutgegangen. Sie zieht ja wieder hinaus zum See.“

Sie sahen beide, wie das Motorboot einen weiten Bogen zog und nun wieder in Richtung Klagenfurt verschwand, den Wasserskiläufer noch immer hinter sich.

„Diese Dinger gehören verboten“, meinte Helga. „Krach, Gestank und gefährlich dazu.“

„Ärgere dich doch nicht! Damit vermiest du dir selbst den Urlaub“, versuchte Florian sie zu besänftigen. Dann deutete er voraus: „Da! Dort ist der Steg! Da ist noch alles frei. Mach da fest!“

„Hilfst du mir beim Segel bergen?“, fragte sie.

„Was bekomme ich dafür?“, scherzte er. „Spendierst du mir dann ein Eis?“

„Geizkragen! Geizkragen!“, frotzelte sie ihn.

Kurz darauf machten sie das Boot fest, und wenig später saßen sie am kleinen runden Tisch vor dem Eiscafé im Schatten des  Sonnenschirms und löffelten ihr Eis.

„Es schmeckt großartig“, stellte Helga fest. „Und das ist das Schlimmste daran. Wenn ich erst einmal angefangen habe, könnte ich gar nicht mehr aufhören.“

Er gab ihr darauf keine Antwort, blickte an ihr vorbei auf ein Plakat. Dann deutete er diskret darauf und fragte: „Sag mal, Helga, hättest du Lust, dass wir hier herüber zum Tanzen gehen?“

Helga strahlte. „Hast du denn Lust?“

„Sonst würde ich dich nicht fragen, Helga.“

„Und wie kommst du plötzlich darauf?“

„Dort, das Plakat. Heute Abend großer Tanz, hier in diesem Café. Sie haben wahrscheinlich noch einen Saal. Man muß Tischkarten haben. Soll ich uns einen Tisch bestellen?“

Sie fand das großartig, wunderbar.

„Aber dann müssen wir mit dem Auto fahren, nicht wahr?“

„Ganz um den See herum“, meinte er lächelnd. „Aber das können wir auch anders haben. Was hältst du davon, wenn wir mit dem Boot kommen?“

„Mit dem Boot? Zum Tanzen?“

„Warum eigentlich nicht? Es ist ja kein Sturm auf dem See. Wir kommen her, gehen tanzen und fahren abends zurück. Und das Schönste ist, wir dürften sogar etwas trinken. Niemand kann uns den Führerschein fürs Segelboot wegnehmen.“ Er lachte.

„Das ist eine großartige Idee. Du, das machen wir“, entgegnete Helga. „Ich freue mich riesig!“

„Ich geh’ mal hinein und sehe, dass ich Tischkarten bekomme“, erklärte Florian und stand auf. Er verschwand im Café und nach einer Weile kam er aus dem Café heraus auf die Terrasse und setzte sich wieder an den Tisch.

„Es hat funktioniert“, erklärte er. „Ich habe zwei schöne Plätze. Die haben tatsächlich einen Saal dahinten, und es ist gar nicht so teuer. Eine gute Kapelle soll es auch sein, die spielt. Also sieh dich schon im Geiste mit mir heute Abend hier tanzen.“

Sie lächelte. „Auch Walzer?“

Er verzog das Gesicht, als hätte er Zitrone geschlürft. „Wenn es sein muss?“

„Und linksherum?“, fragte sie strahlend.

„Was habe ich dir, mein liebes Kind, getan, dass du mich so hart bestrafen willst“, antwortete er lachend.

Später gingen sie zu ihrem Boot, legten wieder ab und fuhren hinaus auf den See. Gegen Mittag aßen sie den Inhalt ihres Lunchpaketes und fuhren noch bis weit in den Nachmittag hinein auf dem See kreuz und quer herum. So um die Mittagszeit hatten sie Dr. Simon allein mit dem Motorboot auf dem See fahren sehen.

Helga hatte weiterhin das Kommando, und Florian lag vorn, las oder döste oder unterhielt sich mit Helga.

„Wir müssen sehen“, schlug sie vor, „dass wir heute ein wenig früher als sonst ins Hotel kommen. Du weißt doch, was wir heute Abend vorhaben?“

„Ich bin zu faul, um auf die Uhr zu sehen“, erwiderte er. „Wie spät ist es eigentlich?“

„Schon vier.“

„Schon? Wir könnten doch noch länger auf dem See ...“

„Aber Florian! Dann wird alles so eine Hetzerei. Du kannst das nicht leiden und ich auch nicht.“

„Du hast recht. Also, nimm Kurs auf Maria Wörth.“

Als sie ihr Boot am Steg des Hotels festmachten, warf Florian einen Blick zum Hotel hinüber und entdeckte auf der Terrasse drei Polizisten, dann trat noch ein Mann in Zivil dazu.

„Hoppla! Was ist denn da los?“

„Was denn?“, fragte Helga.

„Polizei am Hotel. Jetzt kommen noch mehr.“

Zwei weitere Polizisten tauchten auf. Gebannt schauten Helga und Florian zum Hotel hin, als plötzlich eine der Terrassentüren geöffnet wurde und zwei Männer mit einem Zinksarg herauskamen. Ein Wagen rollte in diesem Augenblick rückwärts den Weg neben dem Hotel entlang zur Terrasse und hielt. Das Fahrzeug sah aus wie ein Leichenwagen.

„Da ist jemand gestorben“, entfuhr es Helga.

„Das sieht nach etwas anderem aus, sonst wäre keine Polizei dabei“, entgegnete Florian.

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2

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Giftmord?“, fragte Inspektor Ernst und blickte den korpulenten Polizeiarzt interessiert an.

„Ohne Zweifel. Nur welches Gift und woher, das ist die Frage“, erwiderte der Arzt.

Ein paar Sekunden schwiegen sie und hingen ihren Gedanken nach. Inspektor Ernst blickte durch die Scheiben hinaus auf die sonnenüberflutete Terrasse, auf das Gewimmel der Boote auf der weiten blauen See bis hinüber zum anderen Ufer, wo Fensterscheiben im Sonnenlicht blitzten.

Der große grauhaarige Mann wandte sich wieder um. Er sah den dicken Polizeiarzt an und blickte schließlich auf die Stelle, wo ein Nummernkegel auf dem Sessel stand. Hier war die Tote gefunden worden. Von hier hatte man sie weggebracht.

„Ich kann beim besten Willen an Ihren Giftmord nicht glauben. Wie kommen Sie nur darauf?“, meinte Ernst.

Das breite Gesicht des Polizeiarztes wandte sich ihm zu.

„Ich habe festgestellt, dass eine Lähmung des vegetativen Nervensystems erfolgte. Das deutet einwandfrei auf Gift. Vielleicht auf ein Schlangengift. Kobra zum Beispiel. Meines Erachtens ist die Injektion subkutan erfolgt, also dicht unter die Haut.“ Der Polizeiarzt wischte sich ein paar Schweißperlen von der Stirn. „Mein Gott, ist das warm hier“, stöhnte er. „Ich glaube, es ist mit einer Bürste getan worden.“

„Mit einer Bürste?“ Ernst runzelte die Brauen. „Wie kommen Sie auf eine Bürste?“

„Ganz einfach. Das Gift wird auf die Borsten gebracht und dann mit dieser Bürste auf die Haut geschlagen. Zum Beispiel auf die rechte Hand. So war es bei der Frau. Ich meine, das mit der Bürste ist eine Hypothese.“

„Eine Hypothese?“, meinte Ernst zweifelnd. „Ich glaube eher, eine Vermutung. Gibt es denn Hinweise?“

Der Polizeiarzt zuckte die Schultern. „Nehmen wir einmal an, ich hätte recht. Das Gift ist auf die Bürste gekommen, da wird die Bürste auf die Hand geschlagen, die Borsten bringen das Gift unmittelbar in die Haut und unter die Haut. Ich erinnere mich, dass wir als Kinder oft solchen Blödsinn gemacht haben. Und es gibt da auch zwei Fälle in meiner Praxis, wo auf eben diese Weise ...“

„Gibt es einen Beweis?“, fragte Ernst forschend.

Der dicke Polizeiarzt zuckte abermals die Schultern.

„Das weiß ich ja nicht. Aber womöglich hat Worsow schon etwas gefunden.“

„Eine Bürste. Wie kommen Sie nur auf diese Bürste?“

„Weil ich aus meiner Praxis als Polizeiarzt das schon zweimal hatte, dass Gift auf eine Bürste gebracht worden war, dann hat der Täter die Bürste auf die Haut des Opfers geschlagen. Das hinterlässt kaum Spuren. Eine rote Stelle, mehr nicht. Eine Schwellung danach. Und das trifft ja auch bei der Hand der Toten zu.“

„Nun ja, wir werden sehen“, brummte Ernst, blickte dann auf die Tür und sagte: „Falls Sie gehen, Herr Doktor, schicken Sie mir Worsow herein. Ich denke, wir sehen uns gleich noch.“

Der Polizeiarzt nickte dem Inspektor zu, nahm seine Tasche und ging hinaus.

Wenig später trat ein junger schlanker Mann mit Goldrandbrille ein. Er hätte ein Buchhalter, ein Assistenzarzt oder sonst etwas sein können, nur wie ein Kripobeamter sah er gar nicht aus. Aber genau das war er. Inspektor Ernst sah seinen jungen Kollegen gespannt an.

„Schießen Sie los, Worsow! Wie ich Sie kenne, haben Sie sich schon warm gelaufen. Also?“

Worsow nickte nur und begann: „Die Tote ist zweiundsechzig Jahre alt, chronisch herzleidend, etwas Zucker, sehr vermögend. Ihr und dem Ehemann gehörte früher ein Kaufhaus in Bremen. Sie haben es verkauft und leben von den Zinsen, das heißt, alles geht auf das Konto der Frau. Edgar Riemer, so der Name des Mannes, besitzt keinen Pfennig. Er hat früher mal einen Offenbarungseid geleistet. Seitdem läuft alles auf die Frau, und sie soll es sehr ausgekostet haben, die Herrschaft über das Geld zu besitzen. Ich hatte den Zimmerkellner beim Wickel. Der berichtet von täglichem Streit, seit die Riemers im Hause sind. Das ist seit etwa drei Wochen der Fall. Außerdem ist da noch eine Adoptivtochter. Dreiundzwanzig Jahre, verwöhnt, wie sie oft heute sind. Aber sie benimmt sich, nach Meinung des Personals, noch wie eine Sechzehnjährige. Arrogant, egozentrisch, nun ja. Aber sie versteht sich ganz gut mit ihrem Stiefvater, das heißt, ich habe an der Rezeption erfahren, dass es der Stiefvater ist und sie eine Adoptivtochter. Sonst im Hause halten sie alle für Vater und Tochter. Sie ist übrigens verheiratet mit einem Arzt.“

Ernst hatte sich Notizen gemacht, sah jetzt auf und blickte Worsow überrascht an.

„Ein Arzt? Was für ein Arzt?“

„Ein Anästhesist, Doktor Michael Simon. Sie heißt natürlich auch Simon, jetzt, seit sie dessen Frau ist. Er ist Anästhesie-Assistenzarzt in einer Klinik in Bremen. Vorher war er in Bonn. Da hat er, wie ich erfuhr, auch studiert. Er stammt auch von dort.“

„Haben Sie irgendwo ein Medikament, eine Chemikalie oder sonst etwas gefunden, dass auf Gift hinweist?“, wollte der Inspektor wissen.

„Nichts“, erklärte Worsow. Er lachte geringschätzig. „Ohne den Kellner wären wir vermutlich gar nicht hier. Der Arzt, den die Hotelleute geholt hatten, war auf Kreislaufkollaps gekommen. Von Gift keine Rede.“

„Ja, das wissen wir ja schon. Ich habe vorhin mit diesem Arzt gesprochen. Der ist empört über die Behauptung, es könnte ein Mord vorliegen. Aber unser Polizeiarzt ist da erheblich anderer Ansicht. Immerhin, bis jetzt haben wir noch keinerlei Beweise.“

„Vielleicht doch“, widersprach Worsow. „Der Zimmerkellner hat zwei Dinge bemerkt. Einen umfangreichen Streit zwischen Riemer und seiner Frau, als die schon das Frühstück aufs Zimmer bestellt hatten. Der Kellner hatte sogar gezögert, hineinzugehen, weil sie sich so zankten. Na ja, und dann noch einmal einen Streit am Vormittag. Sie hatte gewollt, dass ihr Mann mit ihr zusammen auf der Terrasse bleibt und sich sonnt. Aber er wollte mit seiner Tochter, also seiner Adoptivtochter“, korrigierte sich Worsow und fuhr fort, „auf den See hinaus. Die Tochter hatte wohl ein Motorboot gemietet. Sie und ihr Mann fuhren Wasserski. Er ist jedenfalls mitgefahren, und seiner Frau hat es nicht gepasst.“

„Das ist die Vorgeschichte. Wie ist es dann weitergegangen. Wieso hat dieser Zimmerkellner den Verdacht ...“

„Augenblick“, beschwichtigte Worsow seinen Vorgesetzten, „das will ich ja gerade erzählen. Mittags waren sie dann zum Essen alle wieder beieinander. Und da geschah die Sache mit dem Fisch.“

„Mit dem Fisch?“ Ernst wurde hellhörig. Er dachte sofort an eine Lebensmittelvergiftung.

Ohne darauf zunächst einzugehen, berichtete Worsow weiter: „Frau Riemer war nach dem Essen wieder hinaus auf die Terrasse gegangen. Aber sie hatte wohl irgendetwas vergessen, kam dann zurück und wollte in ihr Zimmer. Sie ging dann anschließend auf dem Flur hin und her, und dann hörte der Kellner sie keuchen und stöhnen. Er kam gerade mit dem Personallift und sah, wie Frau Riemer auf die Tür ihres Zimmers zuwankte und nach Luftschnappen stöhnte: ,Das war Mord! Sie wollen mich umbringen! Dieser Mordfisch!‘ Und dann stürzte sie ins Zimmer, und der Kellner hörte Herrn Riemer rufen: ,Was hast du dir denn diesmal einfallen lassen? Hör doch mit diesem verdammten Theater auf!‘ Auch die Stieftochter, die irgendeine Besorgung gemacht hatte, kam in diesem Augenblick zurück, trat auch ins Zimmer der Riemers. Sonst wohnt sie ja mit ihrem Mann nebenan. Und der Kellner hörte sie noch sagen: ,Um Himmels willen, lass dich bloß nicht wieder von ihr auf den Arm nehmen, Paps! Das spielt sie doch nur!‘ Aber es war kein Spiel. Als die Riemers nach dem Arzt riefen, lag die Frau bereits im Sterben.“

Inspektor Ernst strich sich übers Kinn.

„Kobragift oder so ähnlich, hat Doktor Schopowetz gesagt. Aber woher? Fisch? War Fisch beim Frühstück oder Mittagessen?“

„Haben wir sofort untersuchen lassen. Es sind Anchovis als Garnierung auf den Russischen Eiern gewesen. Die Russischen Eier waren Vorspeise.“

„Vorspeise mittags?“

„Ja, mittags. Und nur sie hatte Russische Eier. Die anderen haben Königinpastete gegessen.“

„Wie interessant. Und sonst hat niemand im Lokal Russische Eier ...“

„Herr Inspektor, die Sardellen rochen tadellos. Die sind natürlich noch im Labor und werden untersucht.“

„Ich will von Ihnen wissen, ob noch jemand Russische Eier als Vorspeise gegessen hat.“

„Ich glaube ja. Insgesamt sechs Portionen. Aber wer im Einzelnen ...“

„Die anderen haben also keine Russischen Eier gegessen, nur die Frau. Merkwürdig schon. Ist das das Einzige, was Sie herausgefunden haben, Worsow, was die anderen nicht gegessen haben? Gibt es sonst noch etwas, außer den Russischen Eiern.“

„Nein. Hauptgericht war Braten mit Knödel und Kraut. Davon hat sie selbst nur genascht. Nur die Tochter und der Schwiegersohn haben herzhaft davon gegessen. Riemer selbst soll auch nicht viel gegessen haben. Jedenfalls sagt der Kellner, das Meiste wäre zurückgegangen.“

„Nachspeise?“

„Kompott. Das haben alle aufgegessen.“

„Ich werde noch mit Riemer sprechen. Wie steht es um ihn? Sehr mitgenommen?“

„Eigentlich nicht. Er ist ernst, aber ich habe das Gefühl, er trauert nicht einmal“, meinte Worsow.

Der Inspektor zuckte die Schultern, räusperte sich und erklärte: „Ich rede gleich mit dem Mann, vielleicht auch mit der Tochter und dem Schwiegersohn. Dieser Schwiegersohn ... haben Sie da etwas in Erfahrung gebracht, was über das hinausgeht, was Sie mir erzählt haben?“

„Eigentlich nicht. Ach ja, eines habe ich noch erfahren. Sein Vater ist eine Koryphäe. Ein Toxikologe, ganz bekannter Mann. Müssten Sie vielleicht schon gehört haben. Professor Simon.“

„Toxikologe?“ Inspektor Ernst überlegte, schüttelte aber dann den Kopf. „Kann sein, kann nicht sein. Auf diesem Gebiet bin ich nicht sehr bewandert. Aber Toxikologen sind ja Experten für Gift, nicht wahr?“

Worsow nickte. „Das allerdings. Und bedenken Sie, auch Anästhesisten verstehen etwas davon.“ Inspektor Ernst winkte ab. „Worsow, zaubern Sie keine Gespenster ins Bild! Wir machen es uns nur unnötig kompliziert.“

Die Tür ging auf, und der dicke Polizeiarzt, Dr. Schopowetz, kam herein. Er sah sich suchend um. „Meine Lesebrille“, sagte er und entdeckte sie schließlich auf der Kommode. Er ging darauf zu, wollte sie einstecken, da sagte Inspektor Ernst: „Sagen Sie mal, Doktor, kennen Sie eigentlich die Geschichte mit dem Fisch? Anchovis auf den Russischen Eiern.“

Dr. Schopowetz sah ihn verständnislos an. „Fisch, Russische Eier? Ich begreife nichts.“

„Sie hat Russische Eier gegessen, auf denen Anchovis waren.“

,,Na und?“, fragte Dr. Schopowetz verwundert.

Inspektor Ernst blickte Worsow an.

„Erklären Sie dem Doktor, was die Frau vor ihrem Tod gesagt hat.“

„Der Zimmerkellner hat gehört, wie sie sagte: ,Das war Mord. Sie wollen mich umbringen. Dieser Mordfisch.‘ Das hat der Zimmerkellner gehört“, berichtete Worsow.

„Wann hat sie den Fisch gegessen?“, wollte der Doktor wissen.

„Heute, zu Mittag. Es waren ein paar Sardellen, nicht viel“, erklärte Worsow.

Der Doktor winkte ab. „Das ist doch Unfug. Daran kann sie doch nicht gestorben sein. Wer verdorbenen Fisch ist, stirbt doch nicht unmittelbar danach.“

Inspektor Ernst kraulte sich am Kinn. „Das stimmt übrigens.“

Der Polizeiarzt wandte sich Worsow zu.

„Bei Botulismus dauert es schon sechzehn Stunden, ehe sich überhaupt Beschwerden einstellen.“

„Botulismus?“, fragte Worsow.

„Ja.“ Dr. Schopowetz ging einen Schritt auf Worsow zu. „Das ist der Name für eine bakterielle Lebensmittelvergiftung von Fleisch, Fisch oder Gemüsekonserven. Und das beginnt nicht mit einem Kreislaufkollaps, sondern zunächst mit einer Augenmuskellähmung, Schluckbeschwerden, intestinaler Lähmung und anschließend Obstipation. Es dauert eine Woche, bis durch Lähmung des Atemzentrums der Tod eintritt. Aber soweit lässt man es in der Regel gar nicht kommen. Dagegen gibt es Botulismusserum, und die Erreger, das Clostridium botulinum, verursacht natürlich ein Gift. Und diese Toxine führen dann, aber eben erst nach einer Woche, zur Lähmung des Atemzentrums.“

„Dann fällt der Fisch ja als Ursache weg“, stellte Worsow fest.

„Ja, den können wir jetzt vergessen“, meinte Inspektor Ernst. „Aber wie kommt sie nur auf den Fisch?“

„Zumal der Fisch angeblich tadellos war, wie alle sagen. Und andere haben das ja auch gegessen“, meinte Worsow. „Das ist ja die Crux.“

„Also fällt der Fisch weg. Reden wir nicht mehr davon! Sie kann es sich ja nur eingebildet haben, die Beschwerden, dass die womöglich auf den Fisch zurückgehen. Manchmal glauben Leute, die Fisch nicht besonders mögen, dass irgendwelche Magenbeschwerden davon herrühren könnten.“ Ernst sah den Polizeiarzt hilfeheischend an, aber der schüttelte den Kopf.

„Kann sein, kann nicht sein. Als Ursache kommt es jedenfalls nicht in Frage. Die Frau ist an einem schnellwirkenden Gift gestorben. Ich sagte ja, Kobra, also Schlangengift. Das wäre eine Möglichkeit. Es gibt natürlich noch andere. Aber der ganze Vorgang erinnert mich an den Tod eines Menschen infolge des Bisses einer Kobra. Nur, dass es eben nirgendwo eine Bissstelle gibt. Nur an der Hand. Und es ist von der Hand ausgegangen. Deswegen ist die Theorie mit dem Fisch Quatsch.“ Dr. Schopowetz machte eine ungeduldige Handbewegung. „Wie kommen Sie nur auf diesen Fisch?“

„Weil sie das gesagt hatte“, erklärte Inspektor Ernst.

„Ich glaube an etwas anderes“, meinte Dr. Schopowetz. „Sagen Sie mal, wo war denn eigentlich der Schwiegersohn, als die Geschichte passiert ist?“

„Er war nicht dabei. Er war weg. Mit dem Motorboot unterwegs. Deswegen haben sie ja auch einen anderen Arzt geholt. Vielleicht hätte er sonst helfen können.“

„Hätte er womöglich. Ich habe ihn vorhin zufällig getroffen. Eben erst. Wir haben miteinander gesprochen. Er ist ein Sohn eines bemerkenswerten Mannes. Ich hatte zufällig einmal mit seinem Vater zu tun.“

„Der Vater ist ein Wissenschaftler, Professor Simon“, sagte Inspektor Ernst.

Dr. Schopowetz nickte. „Genau das ist er. Mehr als das. Einer der fähigsten Toxikologen in ganz Europa.“

„Also doch!“ Inspektor Ernst blickte Dr. Schopowetz interessiert an. „Dann hat er mit Giften zu tun.“

„Das ist sein Spezialgebiet. Er ist ein Experte.“ Dr. Schopowetz lächelte. „Trotzdem will mir sein Sohn nicht abnehmen, dass hier ein Schlangengift als Todesursache in Frage kommt. Und ausgerechnet das macht mich stutzig.“

„Wieso?“, wollte Inspektor Ernst wissen.

Das ohnehin schon breite Gesicht des korpulenten Arztes schien, als er lächelte, noch breiter zu werden. „Wissen Sie“, begann er, „der Sohn eines berühmten Toxikologen kann nicht so ahnungslos sein, was Gifte angeht, wie dieser Doktor Michael Simon tut. Er hält es für unmöglich, dass hier ein Schlangengift vorliegt und wollte mir eine andere Theorie aufdrängen, und zwar sollte ich ihm glauben, diese Frau habe einen Suizidversuch gemacht.“

„Selbstmord? Das ist doch ausgeschlossen. Dazu passen doch die Worte dieser Frau nicht.“

„Reden Sie selbst mit ihm!“

Fünf Minuten später saß Inspektor Ernst dem jungen blonden Arzt gegenüber. Er wirkte reichlich nervös. Er trug noch immer die Bermuda-Shorts und das T-Shirt, mit denen er vom See gekommen war. Das T-Shirt trug Embleme und Aufschrift eines Klagenfurter Wasserskivereins.

„Herr Doktor Simon“, begann Inspektor Ernst, „Sie haben Zweifel an der Erkenntnis unseres Polizeiarztes geäußert, dass es sich um Schlangengift handelt, durch das Ihre Schwiegermutter ums Leben gekommen ist.“

„Da muss ich Sie korrigieren“, widersprach Dr. Simon. „Ich zweifle gar nicht daran, dass sie durch Gift ums Leben gekommen ist. Ich zweifle nur daran, dass es sich um Mord handeln soll. Sie haben meine Schwiegermutter nicht gekannt. Sie hätte“, er lächelte versonnen, „immer sehr viel Sinn für Theatralik, für die große Schau. Sie liebte die Schau. Sie hing auch sehr am Leben.“

„Ach. Und trotzdem glauben Sie, dass es ein Selbstmordversuch war?“

Dr. Simon nickte. „Es war kein Selbstmordversuch, bei dem sie sich tatsächlich umbringen wollte. Sie wissen ja, dass sehr viele Suizidtäter im Grunde gar nicht sterben wollen, vor allem die Tablettentäter tun es oft, um sich damit wichtig zu machen, um scheinbar konsequent zu sein, wenn sie das vorher angedroht hatten. Meine Schwiegermutter wollte sich sicher nicht umbringen. Ich sagte ja, sie hing viel zu sehr am Leben. Sie wollte nur ein bisschen Selbstmord begehen, wenn Sie verstehen, was ich damit meine.“

„O ja, ich verstehe es. Sie wollte also einen Selbstmord androhen.“

„So ähnlich. In der Hoffnung, dass die Dosis so gering ist, dass ihr einfach nichts passieren würde.“

„Interessant. Und wie, glauben Sie, ist das vonstatten gegangen?“

„Ich kenne die Theorie Ihres Polizeiarztes. Doktor Schopowetz meint, sie hätte es mit einer Bürste getan. Es wäre eine Möglichkeit. Vielleicht hat sie das getan.“ Er lächelte wieder. „Als ich ein Junge war, habe ich das auch manchmal gemacht. Wir nannten das als Schuljungen eine Mutprobe. Erst haben wir den Arm solange geschlenkert, bis ordentlich Blut hineinlief und der etwas anschwoll, und dann wurde mit einer Bürste auf den Unterarm geschlagen, so dass, als logische Konsequenz, durch diese winzigen Öffnungen der Haut, Blutperlen drangen. Übrigens eine fantastische Art, um sich zu infizieren. Insofern kann ich der Theorie Ihres Polizeiarztes schon folgen. Nur ist es eben nicht von einem anderen getan worden, vermutlich hat sie es selbst getan.“

„Und wie, glauben Sie, passen dann Ihre in höchster Todesangst, ausgestoßenen Worte: ,Das ist Mord! Die wollen mich umbringen‘, oder so ähnlich, dazu“, meinte Inspektor Ernst.

„Ich sagte ja, sie liebte die Schau. Es hat auch einen Zeugen gegeben, sonst wüssten Sie davon nichts, nehme ich an. Und diesen Zeugen hat sie womöglich gesehen. Wenn meine Theorie stimmt, dass es ein Pseudoselbstmord werden sollte, der dann leider ein richtiger Selbstmord geworden ist, dann hatte sie diesen Zeugen einkalkuliert.“

„Und warum? Was soll das bedeuten?“, wollte Inspektor Ernst wissen.

„Es kann bedeuten, dass sie damit uns, ich meine damit ihren Mann, ihre Tochter und mich, eins auswischen wollte. Sie hat uns öfters eins auswischen wollen, und mehr als einmal ist ihr das auch geglückt.“

„In anderen Worten, es herrschte also ein gespanntes Verhältnis zwischen ihr einerseits, ihrem Mann, ihrer Tochter und Ihnen andererseits.“

„Ich kann mich da nicht so sehr beklagen. Mit mir verstand sie sich noch halbwegs“, berichtete Dr. Simon weiter. „Ich habe oft so eine Art Mittelsmann gespielt, habe die Verbindung hergestellt, zwischen ihr und ihrer Tochter und umgekehrt.“

„Es gab also viel Streit zwischen der Toten und ihrer Tochter“, stellte Inspektor Ernst fest.

„Richtig. Es gab sogar wahnsinnig viel Streit. So viel, dass ich mehrmals schon überlegt habe, ob ich mit meiner Frau nicht nach Bonn ziehen soll. Da bin ich früher gewesen, und da stamm’ ich auch her.“

„Interessant“, meinte Inspektor Ernst. „Aber die Sache hat auch einen Haken, mein Lieber. Wie ist denn Frau Riemer an das Gift gekommen?“

Dr. Simon zuckte die Schultern. „Woher soll ich das wissen?“

„Es ist ein sehr ausgefallenes Gift, nicht wahr. Wir wissen ja noch nicht einmal, was für Gift es ist, aber wir werden das in kurzer Zeit wissen. Denn Sie können sich vorstellen, dass unser Institut das bald herausgefunden hat. Ja, und dann erhebt sich die Frage erneut, und wir werden darauf eine Antwort finden. Sie können mir glauben, Herr Doktor Simon, dass wir diese Antwort finden.“

„Was sehen Sie mich dabei so an?“

„Sie sind ein Mann, der durchaus in der Lage ist, ein Gift einzuschätzen, wie es wirkt. Vielleicht stimmt etwas von Ihrer Theorie, vielleicht aber ist da wer gewesen, der das Gift vertauscht hat. Vielleicht haben Sie Ihre Schwiegermutter beraten?“

„Beraten?“ Dr. Simon schüttelte verständnislos den Kopf. „Was soll das bedeuten?“

Inspektor Ernst lehnte sich zurück, verschränkte die Arme vor der Brust und sah den jungen Arzt durchdringend an.

„Sie haben einen Vater, wie wir inzwischen ermittelt haben, der als Experte auf diesem Gebiet gilt. Und da muss man annehmen, dass auch Sie mehr über Toxikologie wissen, als viele andere Leute. Ihnen ist natürlich auch als Anästhesist bekannt, dass bestimmte Gifte so und solange brauchen, bis sie wirken, und andere wieder in der und der Dosis wirkungslos sind, oder das Gegenteil davon.“

„Natürlich. Das habe ich auch nicht bestritten. Was wollen Sie nur damit sagen? Sie haben erklärt, ich hätte meine Schwiegermutter beraten.“

„Sagen Sie mal, Herr Doktor Simon“, fragte Inspektor Ernst plötzlich, „führen Sie eigentlich eine gute Ehe? Und wie lange sind Sie denn verheiratet?“

„Wir sind drei Jahre verheiratet“, erwiderte Dr. Simon. „Und meine Ehe ist normal gut. Sie wäre noch wesentlich besser, wenn meine Schwiegermutter nicht so oft versucht hätte, uns auseinanderzubringen.“

„Dann hätten wir ja fast ein Motiv?“

„Ein Motiv?“ Dr. Simon sah den Inspektor fragend an. „Meinen Sie mich?“

„Zum Beispiel“, erklärte Inspektor Ernst. „Sie hätten ein Motiv. Die Frau hat ihre Ehe gefährdet. Richtig?“

„Richtig ist, dass sie meine Ehe gefährdet hat. Das heißt, dass sie versucht hat, sie zu gefährden. Erfolglos. Allerdings gab es öfters echte Belastungsproben.“

„Sehen Sie, und das meine ich. Also hätten Sie ein Motiv.“ Der Inspektor erhob sich. „Danke, Herr Doktor Simon.“ Er beugte sich vor, lächelte. „Übrigens muss ich Sie bitten, das Haus nicht zu verlassen. Wir könnten Sie noch gebrauchen.“

„Gebrauchen?“

„Für ein Verhör.“

„Sagen Sie mal, Herr Inspektor, soll das heißen, dass Sie mich verdächtigen?“, fragte Dr. Simon empört.

Der Inspektor richtete sich auf zu voller Größe, sah Dr. Simon streng an und erklärte: „Zunächst verdächtigen wir jeden, der hier in Frage kommt. Das ist doch klar, nicht wahr? Also, machen Sie keine Schwierigkeiten! Bleiben Sie hier in der Nähe! Und jetzt will ich mit Ihrem Schwiegervater reden ...“

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Eine Zimmernachbarin hatte es Dr. Winter und seiner Frau erzählt, als die auf dem Weg zu ihrem Zimmer waren. Diese Nachbarin war eine Frau Mitte fünfzig und schien einen ganzen Urlaub lang auf so eine Story gewartet zu haben. Sie schien glücklich, ja, überglücklich, sie jetzt anbringen zu dürfen.

Mit Fisch sei Frau Riemer vergiftet worden. Sie wüsste es ganz genau. Und sie wusste angeblich auch, dass die Polizei einen sicheren Verdacht zu haben schien. Einer der Kellner sollte der Mörder sein. Die Polizei verhöre ihn schon geraume Zeit.

Es kostete Dr. Winter einige Mühe, die Neuigkeiten um sich sprudelnde Nachbarin loszuwerden und mit Helga ins Zimmer zu gehen.

Als er die Tür hinter Helga schloss, stöhnte er: „Mein Gott, die sind wir glücklich los! Eine solche Sache ist an sich schon schlimm genug, und dann diese verdammte Quatscherei. Ich glaube, Helga, wir ziehen uns um und verschwinden. Wir wollten ja sowieso nach Pörtschach. Es gibt keinen Grund, warum wir es nicht jetzt schon tun sollten. Wir können ja irgendwo zu Abend essen und ...“

Plötzlich klopfte es. Florian und Helga sahen sich an, Helga zuckte die Schultern, und Florian fragte: „Ja, wer ist da?“

„Kann ich Sie mal sprechen? Hier ist Simon.“

„Der Kollege“, flüsterte Florian Helga zu, zuckte die Schultern und machte dann die Tür auf.

Draußen stand Dr. Michael Simon. Ein wenig blass und gar nicht mehr der strahlende Sportsmann vom Vormittag. Eher kam er Florian wie ein Student vor dem Examen vor.

„Entschuldigen Sie, dass ich hier einbreche. Aber ich bin in ziemlichen Schwierigkeiten und wollte Sie bitten, mich einmal anzuhören.“

„Mein Mann ist ein Spezialist für Schwierigkeiten“, meinte Helga sarkastisch und begrüßte Dr. Simon.

„Wir haben nicht allzu viel Stühle hier. Setzen Sie sich doch!“, schlug Florian vor.

„Nein. Ich will Sie auch nicht lange aufhalten. Sie haben gewiss etwas vor. Aber hier ist eine scheußliche Sache passiert.“

„Wir haben natürlich davon gehört. Aber die Darstellung stammt von einer Zimmernachbarin.“

„Es ist Folgendes: Meine Schwiegermutter ist keines natürlichen Todes gestorben. Die Polizei und ein Polizeiarzt vermuten einen Giftmord. Ganz offensichtlich ist das Gift irgendwie von der Hand aufgenommen worden.“

Dr. Winter hob verblüfft die Brauen. „Von der Hand? Eine Spritze? Eine Verletzung?“

„Es ist keine Verletzung zu sehen. Jedenfalls behauptet das der Polizeiarzt. Ich habe die Tote überhaupt nicht zu Gesicht bekommen. Sie ist schon weggebracht worden und soll in Klagenfurt untersucht werden. Jedenfalls haben weder der hiesige Landarzt noch dieser Polizeiarzt etwas feststellen können. Der Landarzt hat total daneben getippt und Kreislaufkollaps diagnostiziert. Der Polizeiarzt immerhin eine Vergiftung, die subkutan an der Hand in den Körper gebracht worden sein soll. Es ist mir völlig unerklärlich. Ich kann es wirklich nicht fassen.“

„Es war von einem vergifteten Fisch die Rede“, bemerkte Helga.

„Ja, das stimmt sogar. Sie selbst hat, sagt mein Schwiegervater, berichtet auch meine Frau, von einem Fisch gesprochen und von Mord. Mein Schwiegervater und meine Frau waren ja da. Ich bin gar nicht dagewesen. Ich war auf dem See. Aber ein Zimmerkellner hat es noch gehört, und der benachrichtigte später auch die Polizei.“

„In den Augen unserer Nachbarin“, meinte Helga spöttisch, „ist der Zimmerkellner allerdings der Verbrecher.“

„Der hat überhaupt nichts damit zu tun. Jedenfalls glaube ich das nicht. So wenig wie ich etwas damit zu tun habe. Allerdings werde ich verdächtigt. Weil mein Vater ein bekannter Toxikologe ist, meint man, ich müsse etwas mit dieser Vergiftung zu tun haben. Man vermutet Schlangengift, speziell solches, wie die Kobra ausspritzt.“

„Haben Sie selbst denn eine Vermutung“, erkundigte sich Florian.

Dr. Simon zuckte die Schultern. „Nicht die geringste. Das Sinnloseste ist die Geschichte mit dem Fisch. Sie hat sinngemäß gesagt, ich bin ermordet worden, oder, es ist Mord gewesen, die wollen mich umbringen, ein Mordfisch.“

„Ein Mordfisch“, murmelte Helga nachdenklich, sagte aber nichts weiter.

„Ich weiß nicht einmal, was sich im Einzelnen alles zugetragen hat. Als ich hier ins Hotel zurückkam“, berichtete Dr. Simon weiter, „sind gleich zwei Polizisten auf mich zugesprungen und haben mich veranlasst, zu dem Inspektor zu gehen. Und der kam dann mit hundert Fragen. Sie sind zu zweit hier. Außerdem war noch der Polizeiarzt da. Aber der ist vorhin weggefahren, kurz bevor ich zu Ihnen kam. Ich weiß mir in dieser Sache keinen Rat. Zu allem Überfluss zwingen sie uns jetzt, hier im Hotel zu bleiben. Wir können nicht einmal etwas unternehmen. Nun gut, wir hätten sowieso nichts weiter unternommen. Aber es gibt eine Menge zu tun, was meine Schwiegermutter angeht. Wir müssen allerlei veranlassen. Sie ist tot und ...“

„Entschuldigen Sie, Herr Kollege, wenn ich Sie so nennen darf“, begann Florian, „aber Sie haben doch, als Sie hier hereinkamen, eine Vorstellung davon gehabt, wie ich Ihnen womöglich helfen könnte. Wir haben etwas vor, heute Abend, und ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie mir das sagen würden, in welcher Form wir Ihnen helfen könnten.“

„Es ist uns vorerst nicht erlaubt zu telefonieren. Aber genau das müssten wir tun. Die Österreicher haben eine seltsame Ansicht, oder eigenartige Gesetze. Ich müsste das Recht haben, einen Anwalt zu zitieren. Aber sie behaupten, ich wäre weder festgenommen, noch stünde ich unter direktem Verdacht. Und aus Gründen der Verdunklungsgefahr sei das Telefonieren für mich verboten.“

„Das klingt schizophren, aber es gibt mitunter diese kuriosen Vorschriften“, meinte Florian. „Sie wollen also, dass ich irgendwo für Sie anrufe.“

„Genau das möchte ich. Und zwar einmal meinen Vater. Der ist, hoffe ich, in Bonn. Er könnte veranlassen, dass in irgendwelcher Weise eine Untersuchung der Toten durchgeführt wird.“

„Sagen Sie mal“, mischte sich Helga ein, „wie hat es eigentlich Ihr Schwiegervater ertragen?“

Dr. Simon warf einen prüfenden Blick auf Helga, als müsse er sich vergewissern, dass sie geeignet sei, sich die Wahrheit anzuhören. Er machte eine nervöse, fahrige Handbewegung und erwiderte: „Um das zu erläutern, müsste ich aus der Schule plaudern. Aber gut, Sie sollen ja wissen, wofür Sie es tun. Die beiden verstehen sich nicht gut. Sie leben nebeneinander her. Die Schwierigkeit ist die, dass mein Schwiegervater vor vielen Jahren schon das Heft aus der Hand gegeben hat, in finanzieller Hinsicht. Er hat einen Offenbarungseid hinter sich. Damals musste meine Schwiegermutter einspringen. Alles, was da war, gehörte auf dem Papier ihr. Damals hat sie noch gar nicht gewusst, was sie besitzt. Aber mit der Zeit ist sie dahintergekommen. Und dann hat sie das als Trumpf ausgespielt, mehr und mehr. Ich glaube, dass diese Abhängigkeit, in die mein Schwiegervater dadurch geraten ist, natürlich nicht gerade das Fundament einer guten Ehe sein konnte. Meine Frau hat, aus dem gleichen Grunde, ihre Adoptivmutter auch nicht besonders geliebt. Zudem war seinerzeit die Adoption hauptsächlich auf Drängen meines Schwiegervaters erfolgt. In anderen Worten, meine Frau ist ein Adoptivkind und nicht das leibliche Kind der beiden. Sie hat sehr unter meiner Schwiegermutter leiden müssen. Und daraus entstand dann ein Streit nach dem anderen, bei dem wiederum meine Schwiegermutter von der fixen Idee beseelt wurde, die beiden würden sie furchtbar hassen und wollten sie lieber tot sehen. Natürlich gab es Momente dieses Hasses, aber tot ...“

„Und Sie? Sie selbst?“, fragte Helga und blickte Dr. Simon nachdenklich an.

„Nach Meinung des Inspektors bin ich verdächtig“, erklärte Dr. Simon. „Aber es ist ein absoluter Blödsinn. Ich bin davon genauso überrascht worden wie jeder andere hier im Hause. Ich habe sie nicht besonders gemocht. Das gebe ich zu. Aber ich bin wahrscheinlich noch derjenige gewesen, der sich mit ihr am besten verstanden hat. Ich habe auch immer versucht, auszugleichen. Und es gab Zeiten, wo beide Parteien, wenn ich es mal so nennen darf, derart miteinander verfeindet gewesen sind, dass ich als einziger noch mit allen geredet habe und den Verbindungsmann spielen musste. Mir hat das nichts ausgemacht. Und sonst, normalerweise, bin ich den ganzen Tag in der Klinik und komme erst abends nach Hause. Da ist das Schlimmste immer schon vorbei. Nur im Urlaub macht sich das alles doppelt bemerkbar.“

„Wohnen Sie denn im Hause Ihrer Schwiegereltern?“, fragte Florian.

Dr. Simon nickte. „Leider war ich lange dazu gezwungen. Ich bin ja noch in der Fachausbildung, habe meine Assistentenzeit erst vor zwei Jahren begonnen. Ich bin übrigens noch vor einem Jahr in Bonn gewesen, daheim, auf dem Venusberg in der Universitätsklinik; bin jetzt in Bremen, mehr oder weniger um meiner Frau zuliebe. Hätte ich nur damals nicht nachgegeben, dann wären wir in Bonn geblieben, und hätten vieles von dem, was sich inzwischen hier alles ereignet hat, gar nicht mitbekommen. Seit kurzem haben wir eine eigene Wohnung nahe der Klinik.“

„Haben Sie denn selbst einen Verdacht?“, erkundigte sich Dr. Winter.

Dr. Simon schüttelte den Kopf. „Niemals war es mein Schwiegervater. Und natürlich auch nicht meine Frau.“ Er lachte leise. „Mein Schwiegervater hatte nach dem Krieg Kaninchen. In der schlechten Zeit, wissen Sie. Er konnte sie selbst nicht einmal schlachten. Das musste ein Nachbar tun. Und er hat auch trotz Hungerzeit nie davon gegessen. Die anderen konnten den Braten verzehren. Ein solcher Mann bringt niemanden um. Ich glaube das einfach nicht.“

„Wer hätte denn die Möglichkeit, an ein solch hochwirksames Gift zu kommen, das kurze Zeit, nachdem es aufgenommen wurde, zum Tode führt? Und dann noch über die Haut?“

„Der Polizeiarzt sagte subkutan an der Hand. Entweder am Finger oder am Handrücken. Ich hab’ keine Ahnung. Ich kenn’ es nur von seinen Erzählungen her. Er hat nicht allzu viel gesagt“, berichtete Dr. Simon.

„An der Hand. Links oder rechts?“

„Selbst das weiß ich nicht genau“, musste Dr. Simon bekennen.

„Wenn es eine Schlange gewesen ist, nehmen wir einmal an, es wäre eine Schlange gewesen, dann gibt es doch die Bissstelle“, sagte Helga.

„Natürlich“, bestätigte Dr. Winter. „Aber hier war keine Bissstelle, nicht wahr?“

„Nein. Nur die Schwellung der Hand. Der Polizeiarzt hatte sogar eine ganz tolle Theorie. Er meinte, man könnte mit einer Bürste, auf die vorher dieses Gift gebracht worden ist, auf die Hand geschlagen haben. Wissen Sie, was ich meine?“

„Ja“, erwiderte Dr. Winter. „Ich weiß, was Sie meinen. Gab es denn nähere Hinweise auf so eine Methode?“

Dr. Simon zuckte die Schultern. „Ich sagte Ihnen ja, ich habe die Tote nicht gesehen.“

„Augenblick mal!“, rief Helga plötzlich, ging um die beiden Männer herum auf die Tür zu. „Wartet hier!“, sagte sie, öffnete die Tür, trat hinaus auf den Flur, und die beiden Männer sahen sich verwundert an. Dr. Winter zuckte die Schultern.

„Ich weiß nicht, was es bedeuten soll.“

Plötzlich rief Helga draußen vom Flur. „Kommt doch mal ’raus!“

Dr. Winter zuerst und dann auch der junge Dr. Simon traten auf den Flur und sahen Helga am hinteren Ende. Dort stand am Fenster ein großes Aquarium. Sie deutete darauf.

„Hier! Ich glaube, ich hab’ die Erklärung.“

„Erklärung?“ Dr. Winter ging rasch den Flur entlang, gefolgt von Dr. Simon. Dann standen sie zusammen mit Helga vor dem Aquarium am anderen Ende des Flurs. Es befand sich unmittelbar am Fenster. Die schon tief stehende Sonne schien von draußen durch das Aquarium hindurch. Das Wasser schimmerte wie Gold. Die Fische darin glänzten. Viele von ihnen hielten sich unter den Blättern. Vielleicht um vor der Wärme der Sonne Schutz zu suchen. Ein Fisch allerdings schwamm in der Helligkeit herum, ein herrlich funkelnder schöner Fisch.

„Wisst ihr, was das ist?“, begann Helga.

In dem Augenblick sagte Dr. Simon. „Da liegt ja der Ring! Da liegt der Ring meiner Schwiegermutter! Da unten am Boden! Sehen Sie, der Rubin!“

„Tatsächlich“, rief Dr. Winter und blickte auf den rotfunkelnden Stein, der unten halb vom Sand schon vergraben, am Boden des Aquariums lag. Ein Ring mit einem Rubin!

Helga deutete oben auf die Platte, die das Aquarium verschließen sollte. Sie war ein Stück verschoben.

„Wo ist der Kommissar?“

„Kommissar?“, fragte Dr. Simon verwundert, den Helga bei ihrer Frage angesehen hatte. „Es ist ein Inspektor.“

„Das ist doch ganz egal“, meinte Helga. „Begreifst du jetzt, Florian?“, wandte sie sich an ihren Mann. Er schüttelte verständnislos den Kopf. „Wieso? Warum soll ich begreifen?“

„Was da drinnen schwimmt, ist ein Rotfeuerfisch. Da, dieser schöne!“

„Na und?“

Auch Dr. Simon wusste nicht, was Helga damit sagen wollte.

Sie lachte, aber es klang gar nicht fröhlich, sondern eher wütend.

„Holt den Inspektor, sage ich euch! Das ist ein Rotfeuerfisch, und der ist im höchsten Grade giftig! Giftig wie eine Kobra!“

„Was sagst du da?“, rief Dr. Winter. Und Dr. Simon war keines Wortes mächtig. Er schluckte und starrte wie fasziniert auf diesen herrlichen Fisch, der da mit ruckartigen Bewegungen im Aquarium hin und herschoss.

„Du meinst ...“ Dr. Winter fuhr sich mit der Hand an die Schläfe, als könne ihm das beim Nachdenken helfen. „Du meinst also, die Frau hätte hier ins Aquarium gegriffen?“

Helga nickte eifrig. „Natürlich“, sagte sie, „um ihren Ring herauszuholen. Ich weiß zwar nicht, wie er hineingelangt ist, aber sie wird hineingefasst haben. Es ist mir unbegreiflich, wie ein Hotel solch ein Aquarium mit diesem giftigen gefährlichen Fisch aufstellen kann. Hier, wo Gäste, vor allen Dingen, wo Kinder an das Tier herankommen. Jeder, der ins Wasser greift, ist in Lebensgefahr. Seht ihr die Stacheln? Sie sehen aus wie Strahlen am Rücken, aber es sind Flossen. Auch die Brust- und die Bauchflossen sind so, dass sie aussehen wie Strahlen. Und diese Strahlen sind in Wirklichkeit Stacheln, die Giftdrüsen besitzen. Hochwirksame Giftdrüsen.“

„Warten Sie! Bitte, warten Sie hier!“, rief Dr. Simon und lief sofort zur Treppe, jagte förmlich hinunter.

„Ich staune über dich, dass du das weißt“, meinte Dr. Winter bewundernd und sah Helga mit deutlichem Respekt an. Sie lächelte bescheiden. „Ich geb’ ja auch Biologie, wie du weißt. Und eine Biologielehrerin sollte das eigentlich wissen.“

„Man wird alt wie eine Kuh und lernt immer noch dazu“, murmelte Dr. Winter. „Damit wäre der Fall wohl sicher gelöst. Ein Unfall also. Und hier werden schon wieder alle möglichen Leute verdächtigt. So sind die Menschen.“

Zusammenfassung

Zeuge der Verteidigung
Roman von Glenn Stirling

Der Umfang dieses Buchs entspricht 164 Taschenbuchseiten.

Dr. Winter macht mit seiner Frau Helga Urlaub am Wörther See. Beide freuen sich auf eine gemeinsame erholsame und vor allem ruhige Zeit. Dann stirbt genau in dem Hotel, in dem sie sich befinden, die reiche Vera Riemer aus heiterem Himmel. Weil sie noch gerufen haben soll, dass man sie ermorden will, geht man dem nach, denn es ist Gift im Spiel. Nun verdächtigt man den Schwiegersohn der Frau, Dr. Michael Simon ...

Details

Seiten
180
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738919097
ISBN (Buch)
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (Mai)
Schlagworte
zeuge verteidigung kriminalroman

Autor

Zurück

Titel: Zeuge der Verteidigung: Kriminalroman