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Die Spur des weißen Todes #2: Suche nach einem Phantom

2018 200 Seiten

Leseprobe

Die Spur des weißen Todes – Teil 2 – Suche nach einem Phantom

Hans-Jürgen Raben

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MAFIA-THRILLER IN VIER Teilen mit dem Geheimagenten Steve McCoy

2. Teil

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IMPRESSUM

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author

© Cover: Fernado Cortes de Pablo 123/RF mit Steve Mayer, 2018

Korrektorat: Kerstin Peschel

© dieser Ausgabe 2018 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Klappentext:

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Ein Menschenleben scheint ihnen nichts zu bedeuten. Sie setzen sich über alles hinweg ...

Die geheimen Fäden der Mafia, der gefährlichsten Verbrecherorganisation der Welt, reichen über den ganzen Globus. Sie ziehen eine Spur des Todes, des weißen Todes, hinter sich her. Der nackte Terror ist ihr Freund. Zeugen werden erpresst und eingeschüchtert. Andere werden gekauft und bestochen. Wenn alles nichts hilft, schickt man einen Killer. Die Verantwortlichen bleiben dabei oft im Verborgenen, führen ein nach außen harmloses Leben. Niemand kennt ihren wahren Namen, keiner weiß wie sie aussehen. Sie bleiben ein tödliches Phantom.

Solch einem Menschen, der zahllose Morde zu verantworten hat, von dem er nur die Stimme kennt, jagt Steve McCoy, der Geheimagent und Einzelgänger, von Amsterdam bis nach Marseille nach. Ihm will er das Handwerk legen und wird dabei selbst zur Zielscheibe des Verbrechens. Er hat geglaubt der Jäger zu sein und ist dabei schon längst der Gejagte. Wo Steve auftaucht, scheinen sie ihn bereits zu erwarten ...

***

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1. Kapitel

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Juni 1986, in der Nähe von Amsterdam

Steve McCoy veränderte die Position, da ihm das linke Bein einzuschlafen drohte. Vom Boden drang Feuchtigkeit unter seine Kleidung.

Er hob das starke Nachtglas wieder an die Augen und regulierte die Schärfe ein wenig. Das Gehöft lag so dicht vor ihm, als ob er es mit den Händen berühren könnte.

Alles war ruhig. Und doch konnte dort der Tod lauern.

Dieses Anwesen barg ein geheimes, chemisches Labor, in dem aus Morphinbase Heroin hergestellt wurde. Es befand sich in der Nähe von Amsterdam, lag aber völlig einsam.

Und dieses Labor gehörte der Mafia.

Dabei war nicht auszuschließen, dass sogar Rico Fontana, ein gefährlicher Mafioso, sich dort drüben aufhielt. Er war der Mann, der einen neuen und schwunghaften Rauschgifthandel aufziehen wollte. Sein derzeitiger Boss, der Chicagoer Mafiaboss Lucio Aurelio, hatte sich mit Europäern zusammengetan, um eine neue Rauschgiftlinie, eine Connection, in die Vereinigten Staaten aufzubauen.

Die Verteilerstelle hatte Steve bereits ausgehoben. Es schien ihm, als ob es schon weit zurückläge, und dabei war es erst gestern gewesen, dass er in einem Antiquitätenladen die Leiche eines Holländers gefunden hatte, der unter dieser Tarnung das Heroin vertrieb, das aus dem Labor kam, das er nun vor Augen hatte.

Steve ließ seinen Blick wandern. Das Anwesen war vermutlich ein ehemaliger Bauernhof. Es bestand aus zwei Gebäuden, die rechtwinklig zueinander standen. Ein Lieferwagen war auf dem Hof geparkt.

Steve drehte den Kopf, als hinter ihm Motorengeräusch laut wurde.

Die Scheinwerferbahnen eines Autos näherten sich. Dies war nicht gerade eine vielbefahrene Gegend.

Steve veränderte seine Position erneut und rutschte auf dem Damm, der mit niedrigem Gebüsch bewachsen war, tiefer in Deckung.

Die Lichtstreifen huschten kurz über ihn, dann bog der Wagen in die Zufahrt des Anwesens ein. Ein Hupsignal ertönte, und in dem Gebäude, das wohl als Wohnhaus diente, öffnete sich eine Tür.

Steve richtete sein Nachtglas auf die Stelle. Den Mann, der dort in der Tür stand, kannte er nicht. Es musste dieser van Laar sein, der Chemiker. Er wohnte hier schon länger.

Das wusste Steve aus Nachforschungen, die seine Dienststelle unter dem Tarnnamen Department of Social Research inzwischen angestellt hatte. Eine Telefonnummer, die Lucio Aurelio auf einen Zettel gekritzelt hatte, hatte den Holländer verraten. Die Mafia hatte van Laar unter Druck dazu gebracht, für sie zu arbeiten.

Der eben angekommene Wagen hielt, und die Scheinwerfer erloschen. Es war ein amerikanischer Station Car. Steve ließ seinen Blick zurückwandern. Ihm war etwas aufgefallen.

*

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DAS NUMMERNSCHILD! Es war ein französisches. Er speicherte die Nummer, denn die beiden letzten Ziffern verrieten das Departement, in dem der Wagen zugelassen war.

Zwei Männer stiegen aus. Van Laar ging auf sie zu, und sie schüttelten sich die Hände. Also mussten sie schon früher miteinander zu tun gehabt haben. Einer der Männer hielt locker eine Maschinenpistole in der Hand. Und das mitten im friedlichen Holland.

Steve konnte aus der Entfernung natürlich nicht verstehen, worüber gesprochen wurde, dass es um etwas Illegales ging, stand für ihn fest.

Die beiden Neuankömmlinge machten sich an der Heckklappe ihres Wagens zu schaffen und wuchteten kurz darauf eine offensichtlich schwere Kiste heraus, die sie zum Haus schleppten.

Der Mann mit der MPI trennte sich auch jetzt nicht von seiner Waffe, obwohl er doch wissen musste, dass ihm von dem Holländer keine Gefahr drohte.

Als alle drei im Haus verschwunden waren, konnte Steve rätseln, welche Fracht angekommen war. Auf jeden Fall bewegten sich die Gangster reichlich unverfroren. Sie schienen keine Sorge vor irgendwelchen Kontrollen zu haben.

Steve richtete sich auf und lockerte seine angespannten Muskeln. Schließlich hatte er hier schon ein paar Stunden verbracht und darauf gewartet, dass irgendetwas geschah. Seine Aufgabe war klar umrissen: Feststellen, was Lucio Aurelio mit seinem Anhang in Holland trieb, und ihm anschließend das Geschäft verderben.

Aurelio hatte sich mit einem Franzosen zusammengetan, eigentlich einem Korsen, über den Steve nicht sehr viel wusste. Augenscheinlich war er der Lieferant des Rohstoffs. Aurelio besaß das Labor und eine gut getarnte Verteilerstelle. Das heißt, die hatte er bis gestern besessen.

Und außerdem gab es noch den geheimnisvollen Mister Lee, von dem Steve nur die Stimme kannte. Wahrscheinlich war er der Mörder des Mannes im Antiquitätengeschäft, da er sich betrogen glaubte. Steve hatte nämlich das Heroin in seinen Besitz gebracht, bevor weiteres Unheil damit angerichtet werden konnte.

Steve überprüfte seine Beretta und stieg vorsichtig den Hang des Dammes hinunter. Der Boden war glitschig, und er hatte keine Lust, ausgerechnet jetzt auszurutschen.

Glücklicherweise gab es dort drüben keinen Hund. Das hatte er schon festgestellt. Er näherte sich dem Anwesen relativ unbesorgt. Die Leute dort drin hatten bestimmt keinen Verdacht geschöpft, und außerdem hatten sie mit den Neuankömmlingen zu tun.

Steve erinnerte sich, dass seine junge Kollegin Sheila York hier gefangen gehalten worden war. Nur durch einen verzweifelten Schachzug hatte Steve sie befreien können. Er hatte sich im Gegenzug Lucio Aurelio geschnappt und einen Austausch verlangt. Vor Wut kochend, musste Rico Fontana diese Bedingung annehmen.

Sheila York war immer noch in Amsterdam. Steve hatte jedoch beschlossen, sie bald in die Staaten zurückzuschicken. Ihre Tarnung war geplatzt, sodass ein weiterer Einsatz sinnlos schien. Um dennoch weiter mitzumischen, war sie nicht professionell genug.

Steve schlug einen leichten Bogen um das Haus und näherte sich dem ehemaligen Wirtschaftsgebäude von der Seite. Meist gab es bei solchen Gebäuden mehrere Eingänge, und er hoffte, einen davon zu finden, durch den er eindringen konnte.

Diesmal hatte er Pech. Alle Fenster und Türen waren gut gesichert. Ohne größere Hilfsmittel konnte er hier nichts machen.

Er blickte hoch und sah die Dachluke. Er schätzte die Entfernung ab. Es war möglicherweise zu schaffen. Allerdings würde er sich dabei seinen Anzug ruinieren. Steve seufzte. Der Neue würde eben auf die Spesenrechnung kommen.

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2. Kapitel

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Rico Fontana deutete auf die Kiste. „Wie viel ist es?“

Einer der beiden Neuankömmlinge spielte den Wortführer. Sein Englisch klang ziemlich schlimm. „Es sind dreißig Kilo. Beste Ware. Erst kürzlich von unserem Lieferanten übernommen.“

Sein Kumpel stand schweigend an der Wand. Er hatte bisher den Mund noch nicht aufgemacht. Vielleicht sprach er außer Französisch keine andere Sprache. Von seiner Maschinenpistole hatte er sich nicht getrennt.

Fontana nickte. „Ich wusste gar nicht, dass ihr auch einen Lieferanten habt. Ich dachte, eure Organisation importiert die Ware direkt.“

Der Franzose zuckte mit den Schultern. „Wir haben sogar mehrere Lieferanten. Manchmal fällt auch einer aus. Dann muss Ersatz da sein. Die Geschäftslage im Mittleren Osten ist im Moment recht gut. Durch die Lage im Iran sind mehrere Verbindungswege – besonders aus Afghanistan – gekappt. Wir sind in der glücklichen Situation, eine Quelle zu besitzen, die für ihre eigene Sicherheit hervorragend sorgen kann. Und außerdem können wir das liefern, was diese Leute am dringendsten brauchen.“

„Geld natürlich“, meinte Fontana.

Der Franzose lachte. „Nein, Waffen! Sie haben Geld genug, aber keiner traut sich, diesen Leuten mit Waffen und Munition unter die Arme zu greifen. Da müssen wir eben einspringen – und sie bezahlen uns mit diesem vorzüglichen Stoff.“

Fontana verzog nachdenklich das Gesicht. „Wir haben auch schon solche Gegengeschäfte gemacht. Ich nehme an, dass ihr ein paar schnelle Boote im Mittelmeer besitzt, mit denen sich manches unauffällig transportieren lässt.“

Der Franzose gluckste. „Ihr habt eure Methoden, wir haben unsere. Lassen wir es dabei.“

Fontana grinste. „Unsere Bosse arbeiten gut zusammen. Ich dachte, wir könnten Vertrauen zueinander haben.“

Der Franzose wurde ernst. „Sie sollten wissen, dass es in diesem Geschäft wenig Vertrauen gibt. Ware gegen Geld heißt die Devise. Wir Korsen haben im Übrigen den Ruf, dass man uns nur einmal übers Ohr hauen kann.“

Fontana zuckte mit den Schultern. „So habe ich es nicht gemeint. Ich schlage vor, wir trinken erst mal ein Gläschen und dann packen wir das Zeug aus.“

Sie drehten die Köpfe, als van Laar den Raum betrat. Er sah sich unsicher um, dann streckte er die Hand aus und ging auf den Franzosen zu. Sie schüttelten sich die Hände.

„Ihr kennt euch?“, wunderte sich Fontana.

„Wir arbeiten seit Jahren zusammen“, sagte van Laar leise. „Nie hat es einen Zwischenfall gegeben, aber kaum seid ihr Amerikaner im Geschäft, gibt es Schwierigkeiten.“

Fontana machte einen Schritt nach vorn. „Ich warne Sie, Mister van Laar! Sie reden ziemlich dummes Zeug. Es hat einen unglücklichen Zufall gegeben. Das kommt vor. Die Lage wird auch wieder bereinigt. Keiner von uns braucht sich Sorgen zu machen.“

„Und wo sind die beiden Typen, die hier waren? Sie haben erzählt, sie seien in die Staaten zurückgefahren, weil hier alles so gut klappt. Aber das glaube ich Ihnen nicht.“

Er zog aus seiner Brusttasche einen herausgerissenen Zeitungsartikel. „Sie können es selbst lesen. Hier steht, dass bei einem nächtlichen Feuergefecht mit der Polizei zwei amerikanische Gangster zur Strecke gebracht wurden. Einer ist tot, der andere schwebt in Lebensgefahr. Man weiß noch nicht, was sie in Holland gewollt haben, aber sie stehen im Verdacht, einem Verbrechersyndikat anzugehören.“

Van Laar hob den Kopf. „Und dann folgt noch eine Beschreibung der beiden, die haargenau auf Ihre beiden Leute passt. Und Sie erzählen uns, es sei alles in Ordnung!“

Die Franzosen hatten dem Dialog interessiert gelauscht. Der Sprachkundige übersetzte seinem Kumpel in raschen Worten die Unterhaltung. Dann fragte er: „Wird sich das auf uns auswirken? Ich möchte eine ehrliche Antwort, Mister Fontana.“

„Also schön, die beiden haben Mist gebaut. Sie haben dafür bezahlt. Das spielt für uns aber keine Rolle. Es waren leicht ersetzbare Werkzeuge. Die Polizei hat keine Ahnung, warum sie hier waren. Auf uns fällt nicht der Schatten eines Verdachtes.“

„Sie waren also Werkzeuge“, stellte van Laar bitter fest. „Wie ich?“

Fontana machte eine wütende Handbewegung. „Schluss jetzt! Wir sind doch hier nicht im Kindergarten! Packt jetzt den Stoff aus. Ich muss ihn überprüfen, und dann werden Sie, Mister van Laar, sich in Ihr Labor begeben. Ich möchte die Ware schnellstens auf den Weg bringen.“

Van Laar lächelte schwach. „Hoffentlich ist dort alles in Ordnung. Ich habe heute mehrfach versucht, meinen Freund, den Antiquitätenhändler, telefonisch zu erreichen. Er geht nicht an den Apparat. Das ist nicht seine Art, und er muss heute im Laden sein.“

„Geben Sie mir die Nummer!“, befahl Fontana.

Van Laar sagte sie ihm, und Fontana ging zum Telefon. Er wählte und lauschte. Endlich wurde auf der anderen Seite abgehoben.

„Na bitte!“, sagte Fontana triumphierend. „Er ...“

Dann legte er auf, als hätte er eine Giftschlange in der Hand. „Es war eine andere Stimme.“

„Sie haben ihn ebenfalls geschnappt“, sagte van Laar. „Es ist alles aus. Wir haben keine Chance mehr.“

„Unsinn!“, funkte Fontana dazwischen. „Wir brauchen jetzt als Erstes den Stoff. Ich weiß auch so, wie ich unseren Endabnehmer erreiche. Der Boss wird entscheiden, was als Nächstes geschieht. Van Laar, machen Sie sich jetzt an die Arbeit. Wir haben nicht die ganze Nacht Zeit.“

Der Angesprochene gehorchte und machte sich daran, das Paket zu öffnen. Der eine Franzose half ihm dabei. Die Männer arbeiteten schweigend. Jeder im Raum spürte, dass die Atmosphäre spannungsgeladen war.

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3. Kapitel

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Steve zwängte sich durch den Einstieg und ließ sich auf den Boden fallen. Es war nur eine kurze Distanz, und er kam völlig geräuschlos auf. Vorsichtig schob er sich weiter vorwärts, denn die hölzernen Bohlen, die den Boden bildeten, sahen so aus, als würden sie jeden Moment knarren und ihn damit verraten.

Mitten auf dem Boden, der mit allerlei Gerümpel vollgestellt war, entdeckte er die Luke, die ins Innere des Hauses führte. Er hob sie ein Stück an und spähte hinunter. Unter ihm lag eine Diele. Zwar stand an der Wand auch eine Leiter, die konnte er jedoch nicht erreichen.

Er musste einen Sprung riskieren, das konnte bei der schwachen Beleuchtung auch riskant sein. Nur von draußen fiel Licht herein. An den dunklen Stellen konnte sich jedes mögliche Hindernis verbergen.

Gerade als er springen wollte, hörte er von draußen Schritte. Vom Haupthaus kam jemand herüber. Eine Tür knarrte und kurz darauf ging das Licht an. Steve hatte die Luke rasch wieder zufallen lassen und nur einen kleinen Spalt freigehalten, durch den er blicken konnte.

Es war der Holländer, und er schleppte einen Stapel Pakete.

Draußen hörte man andere Stimmen, und eine mit französischem Akzent sagte: „Sollen wir ihm nicht helfen?“

„Nein, das schafft Mister van Laar schon alleine.“

Steve zuckte zusammen, denn diese Stimme kannte er zur Genüge. Rico Fontana!

Die anderen blieben draußen, und der Holländer schlurfte in die Tiefe des Schuppens. Wahrscheinlich wollte Fontana den Franzosen keine Geheimnisse verraten, indem er sie in den Schuppen ließ. Steve indessen hatte durchaus die Absicht, sich der Sache anzunehmen.

Mehrmals machte der Holländer seinen Weg, und jedes Mal trug er weitere Pakete hinein. Schließlich hatte er wohl alles untergebracht und kam nicht wieder zum Vorschein.

Steve öffnete die Luke wieder und sprang hinunter. Federnd kam er auf und schlich in die Richtung, in der van Laar verschwunden war. Er kam an das Ende des Flures. Verwundert sah er sich um, bis ihm auffiel, dass sich hier noch gar keine Wand befinden durfte, wenn er sich den Grundriss des Gebäudes vor Augen hielt.

Er legte sein Ohr an die Bretter, die ihm den Weg versperrten und lauschte. Er hörte gedämpfte Geräusche. Also befand sich van Laar dahinter, und Steve konnte sich schon denken, was er dort trieb. Doch das hatte Zeit. Van Laar würde nicht so schnell wieder herauskommen, wenn dort tatsächlich sein chemisches Labor lag – und daran hatte Steve keinen Zweifel.

Er verließ zunächst das Nebengebäude und lief zum Haupthaus hinüber, umrundete es und überprüfte die Rückseite. Hier war alles dunkel.

Plötzlich stutzte er. Ein Fenster war geöffnet. Er trat davor und blickte hinein. Kurz entschlossen schwang er ein Bein über das Fensterbrett und kletterte über die Brüstung.

Er blieb wie vom Blitz getroffen stehen, als ihn plötzlich aus der Dunkelheit eine weibliche Stimme ansprach. Es war Holländisch, und er verstand kein Wort.

Seine Hand zuckte zur Beretta und brachte sie in Anschlag. „Sprechen Sie englisch“, flüsterte er gepresst.

„Wer sind Sie?“, kam es ebenso flüsternd zurück.

„Mein Name tut nichts zur Sache“, entgegnete er. „Gehören Sie zum Haus?“

„Ich heiße Helen van Laar“, kam es zurück, und Steve kam es vor, als hätte sie es bedauernd gesagt.

„Sie haben keine Angst vor mir“, stellte Steve fest. Er konnte ihren Umriss jetzt ausmachen. Sie saß auf einem Sessel mit dem Gesicht zum Fenster. Ihre Gesichtszüge waren nicht zu erkennen.

„Warum sollte ich Angst haben?“ Sie lachte leise. „Für Ihr Erscheinen gibt es nur eine Erklärung. Ich habe darauf gewartet, schon seit Tagen. Seit diese schrecklichen Amerikaner bei uns sind, wusste ich, dass diese Geschichte nicht gutgehen kann. Ich nehme an, Sie sind so eine Art Polizist. Ein amerikanischer Polizist.“

„Schon möglich“, meinte Steve. „Aber ich verstehe Ihr Verhalten trotzdem nicht. Ich bin ein Fremder und steige bei Ihnen durchs Fenster ein. Das müsste Sie doch überraschen!“

„O nein! Ich habe fast darum gebetet, dass endlich jemand kommt, der diesen Kerlen das Handwerk legt. Ich ertrage ihre Anwesenheit nicht länger. Sie müssen weg!“

„Und Ihr Mann? Er ist doch Ihr Mann?“

„Sicher“, murmelte sie. „Doch er ist schwach. Versprechen Sie mir, dass Sie diesen Spuk beenden, dann erzähle ich Ihnen, was ich weiß.“

„Wird Sie in der Zwischenzeit niemand vermissen? Und haben Sie immer noch keine Angst, dass ich einer der Gangster sein könnte?“

Steve sah, wie sie in der Dunkelheit den Kopf schüttelte. Ihre Stimme klang brüchig. „Ich gehe das Risiko ein. Es ist sowieso zu spät. Ich werde Ihnen helfen.“

Sie unterbrach sich kurz und machte eine Pause. Steve steckte die Pistole weg, die er noch in der Hand hielt. Er war auf eine merkwürdige Frau gestoßen. Sie musste sehr verzweifelt sein.

„Mein Mann hat in seinem privaten Labor schon seit vielen Jahren Heroin hergestellt. Immer nur kleine Mengen. Er hat dabei nicht viel verdient. Wir wussten, dass es nicht richtig ist, aber wir haben weitergemacht, weil es so einfach war. Die Morphinbase erhielten wir in Abständen geliefert. Es waren Holländer wie wir. Das fertige Heroin brachte mein Mann nach Amsterdam.“

„In ein Antiquitätengeschäft an der Prinsengracht“, ergänzte Steve.

„Sie wissen davon?“, fragte sie ohne Überraschung. „Ja, das ist richtig. Dort wurde das Zeug verkauft. Wir selbst haben es nie probiert. Und dann kamen eines Tages die Amerikaner. Sie ermordeten die Leute, die uns beliefert hatten, und zwangen meinen Mann, ab sofort für sie zu arbeiten. Sie drohten ihm, mich umzubringen. Er musste weiter Morphinbase in Heroin umwandeln, jetzt sogar viel größere Mengen.

Der Transportweg blieb der Gleiche – und dann ging wohl einiges schief. Mein Mann erzählte mir, dass es ein Feuergefecht mit der Polizei gegeben hat, bei dem zwei der Gangster getroffen wurden. Sein Bekannter, der Antiquitätenhändler, meldet sich nicht. Als Nächste sind wir dran.“

„Der Händler ist tot“, sagte Steve. „Man wird ihn inzwischen gefunden haben. Ich weiß nicht, wer ihn ermordet hat, doch ich habe einen Verdacht.“

„Bestimmt waren es diese Amerikaner.“

Steve schüttelte den Kopf. „Nein, das glaube ich nicht. Ich denke, es könnte ein gewisser Mister Lee sein. Ich habe nur seine Stimme gehört. Er hat das Heroin von diesem Händler gekauft.“

„Mister Lee“, sagte sie gedehnt. „Ja, ich habe den Namen schon gehört. Er ist auch Amerikaner, lebt jedoch schon seit vielen Jahren in Europa. Ich habe ihn einmal gesehen.“

„Würden Sie ihn wiedererkennen?“

„Ich glaube schon. Das ist nicht schwer – wenn man weiß, wie er aussieht. Er ist ziemlich dick, müssen Sie wissen.“

„Wo finde ich ihn?“

Sie stand auf und ging dicht an ihm vorüber. Steve nahm einen Hauch von Parfüm wahr. Am Fenster blieb sie stehen. „Ich werde Ihnen helfen. Im Gegenzug müssen Sie dafür sorgen, dass diese Bande hier endgültig verschwindet und dass meinem Mann nichts geschieht.“

„Er hat sich schuldig gemacht.“

„Ja, doch es gibt immer eine Möglichkeit, Geschehenes wiedergutzumachen. Sonst könnte es noch viel schlimmer werden.“

Steve überlegte einen Augenblick, schließlich nickte er. „Gut, ich werde sehen, was ich tun kann. Jetzt erzählen Sie mir bitte, wie viele Leute im Haus sind und wo sie sich aufhalten.“

„Von den Amerikanern ist nur noch einer da, allerdings der Schlimmste. Ein gewisser Rico.“

„Den kenne ich.“

„Mein Mann ist im Labor. Dort wird er auch die ganze Nacht zubringen, denn er muss die neue Ware verarbeiten. Weiterhin sind da noch die beiden Franzosen, die das Zeug gebracht haben. Wir hatten schon früher einmal mit ihnen zu tun. Ich weiß, dass es Gangster sind, sie haben sich jedoch immer anständig verhalten. Diese drei sitzen im Wohnraum und trinken Genever. Soweit ich weiß, wollen die Franzosen heute Nacht noch zurückfahren.“

„Schläft dieser Rico auch hier?“, erkundigte sich Steve, denn allmählich nahm ein Plan Gestalt an.

„Ja. wir haben genügend Platz. Auch die anderen beiden haben hier geschlafen. Ich kann Ihnen den Raum zeigen.“

„Sie müssen sich jetzt in Sicherheit bringen. Ich werde warten, bis die Franzosen verschwunden sind, anschließend schnappe ich mir Rico. Hier wird er bestimmt nicht mit mir rechnen. Ihr Mann ist in seinem Labor zunächst nicht gefährdet. Können Sie zu ihm gehen?“

Sie überlegte. „Nein! Er ahnt nichts von meinen Überlegungen. Er würde nicht verstehen, was ich jetzt tue. Erst wenn alles vorbei ist, wird er begreifen. Wenn ich zu ihm gehe, wird er etwas Unberechenbares tun, und Rico wird die Gefahr wittern. Sie werden Ihren Job schon allein erledigen müssen.“

„Das bin ich gewohnt. Es wäre jedoch am besten, wenn Sie sich in der Nähe des Hauses verstecken würden.“

„Gut. Ich zeige Ihnen noch den Wohnraum.“

In der engen Kammer roch es muffig. Die Einrichtung war ziemlich einfach. Eine Schlafstelle, ein Schrank, ein Tisch, zwei Stühle. Hier also hauste Rico Fontana.

Die drei Ganoven unten schienen noch nicht daran zu denken, langsam aufzuhören. Sie befanden sich genau unter ihm. Er konnte sie verstehen, wenn sie laut genug sprachen.

Helen van Laar hatte inzwischen das Haus verlassen. Erst zum Schluss hatte er ihr Gesicht gesehen. Sie war keine Schönheit, doch sie machte einen entschlossenen Eindruck. Wenn ihr Mann zu feige war, sich zur Wehr zu setzen, würde sie die Sache übernehmen. Steve hatte ihr jedes Wort geglaubt, zumal er für einiges bereits eine Bestätigung hatte.

Heute wollte sich Steve Rico Fontana schnappen. Der Rest war danach ein Kinderspiel. Es war allerdings zu riskant, in den Wohnraum zu gehen. Sie waren immerhin zu dritt. Und einer besaß eine Maschinenpistole. Deshalb hatte Steve beschlossen, Rico hier oben zu erwarten. Die Überraschung würde umso größer sein.

Steve tastete nach der Beretta, die feuerbereit auf seinen Knien lag. Er wartete.

Erst eine weitere halbe Stunde später schien man dort unten an Aufbruch zu denken. Steve verstand nur einzelne Worte. Die meiste Zeit über hatten die Gangster über Belangloses gequatscht. Aber jetzt wurde er aufmerksam.

„Ihr fahrt heute noch nach Marseille zurück?“, fragte Fontana.

„Sicher, wir wechseln uns ab, das ist kein Problem. Torro ist ein sehr guter Fahrer.“

Steve registrierte den ungewöhnlichen Namen. Auch solche Einzelheiten konnten wichtig sein.

„Bestellt unseren Freunden die schönsten Grüße, wenn ihr wieder in Marseille seid. Auch wenn es hier ein paar Anfangsschwierigkeiten gibt – wir werden die Lage schnell im Griff haben. Diesen hysterischen Holländer brauchen wir nur so lange, bis wir einen besseren Ersatz haben. Seine Tage sind gezählt.“

Es gab ein paar undefinierbare Geräusche, bis Fontana sich wieder meldete: „Halt! Wartet noch. Ich habe noch etwas.“

Sekunden später hörte Steve ihn die Treppen hochkommen. Sein schöner Plan war im Eimer! Denn die beiden Franzosen waren immer noch da, und sie würden todsicher mitkriegen, dass hier einiges nicht stimmte.

Steve sah sich in dem engen Raum um, doch es gab kein Versteck, das groß genug gewesen wäre.

Die Tür wurde aufgerissen, und ehe Steve rufen konnte: „Hände hoch!“ fiel bereits ein Schuss. Die Kugel pfiff dicht an ihm vorbei und zerschlug die Fensterscheibe.

Zu feinsinnigen Überlegungen war jetzt keine Zeit. Irgendwie musste Fontana bemerkt haben, dass sich jemand in seinem Zimmer aufhielt. Sein Schatten war nur ganz kurz vor der Tür zu sehen gewesen. Da brüllte er auch schon los: „Hier oben ist jemand! Holt euch die Frau und passt auf, dass van Laar in seinem Labor bleibt!“

Von unten hörte man Füße trappeln, und die beiden Franzosen taten offenbar, was der Mafioso von ihnen forderte.

„Komm mit erhobenen Händen raus!“, befahl Fontana inzwischen.

Steve grinste. Wenn der andere gewusst hätte, wer sich in seinem Zimmer aufhielt, wäre er durch die Tür gestürmt und hätte den Abzug nicht eher losgelassen, bis das Magazin leer gewesen wäre.

Steve kniete sich in eine Combat-Haltung und umklammerte den Kolben der Beretta mit beiden Händen. Er hielt die Waffe völlig ruhig. Auf diese Entfernung war ein Fehlschuss kaum möglich.

Fontana wiederholte seine Aufforderung, doch Steve hielt natürlich den Mund. Ein zweiter Mann kam die Treppe hoch.

„Die Frau ist nicht da. Wir haben alle Räume durchsucht. Vielleicht ist sie dort drinnen?“

„Unsinn! Sieh dir doch die Spuren an!“

Jetzt sah auch Steve, was ihn verraten hatte. Direkt vor der Tür war der Boden mit einem weißen Puder bestreut. Vielleicht Mehl. Von seiner Position aus konnte er es zwar nicht sehen, aber sein Fußabdruck musste bildschön zu erkennen sein.

„Was ist mit van Laar?“, fragte Fontana.

„Er ist drüben. Torro steht vor der Tür. Hier, ich habe die Maschinenpistole mitgebracht.“

„Das scheint mir ein bisschen übertrieben“, lachte Fontana. „Na schön. Hey, du da drinnen! Du hast es gehört. Komm lieber raus, ehe du von einer Salve zersiebt wirst.“

„Vielleicht ist jetzt niemand mehr drinnen“, meinte der Franzose.

„Eben war der Kerl noch da. Ich habe ihn ja ganz kurz gesehen, als ich die Tür aufgerissen habe. Er saß auf einem Stuhl und sah zur Tür.“

„Hast du ihn getroffen? Ich sehe jetzt nach.“ Vorsichtig schob sich der Kopf des Franzosen um die Ecke.

Steve feuerte, und das Geschoss wirbelte Holzsplitter der Türfüllung durch die Gegend.

„Verdammter Mist!“, fluchte Fontana. „Gib mir die MPI! Dieses Schwein werde ich jetzt erledigen.“

„Nein“, erwiderte der Franzose. „Das werde ich selbst erledigen. Er hat auf mich geschossen.“ Seine Stimme klang ehrlich erschüttert.

Steve wechselte seine Position. Er durfte nichts sagen, denn Fontana kannte seine Stimme. Er musste versuchen, das fröhliche Wiedersehen möglichst lange hinauszuzögern.

Mit einem Satz sprang der Franzose in den Türrahmen, und im gleichen Augenblick spuckte die Maschinenpistole Blei. Der Schütze bestrich den ganzen Raum, und die Geschosse zerhackten die spärliche Einrichtung – was bei diesen Möbeln nicht sehr schade war.

Steve hatte sich sofort fallen lassen und rollte sich herum. Die Kugeln schlugen einen halben Meter über ihm ein. Wie die meisten Schützen, die nicht an eine Maschinenpistole gewöhnt waren, hielt auch der Franzose seine Waffe zu hoch. Der Rückstoß tat ein Übriges, sodass der Rest der Salve fast in die Decke schlug.

Bei einer theoretischen Feuergeschwindigkeit von sechshundert Schuss in der Minute, die dieses Modell besaß, brauchte der Franzose genau drei Sekunden, um das dreißigschüssige Magazin leer zu ballern. Eine viel zu kurze Zeit, um sich auf ein genaues Zielen einzustellen.

Als der Hammer wirkungslos klickte, sprang Steve auf. „Waffe fallen lassen und Hände hoch!“

Der Franzose fluchte und schleuderte die Maschinenpistole auf Steve, der sich rasch wegduckte, als die kiloschwere Waffe auf ihn zuflog.

In der gleichen Sekunde erschien Rico Fontana auf der Schwelle. Aus seiner Kehle kam ein tierischer Laut. Er hatte einen schweren Revolver im Anschlag und feuerte sofort.

Die Beretta bellte ebenfalls. Der Franzose schrie auf und fiel gegen Fontana, der gerade wieder abdrückte. Er fing die für Steve gedachte Kugel auf und riss Fontana um, der damit aus Steves Gesichtsfeld verschwand. Seine Ohren dröhnten noch von den Explosionen der Maschinenpistole in dem engen Raum. Beißender Rauch reizte seine Nase.

Vorsichtig ging er zur Tür und blickte um die Ecke. Fontana hatte sich gerade wieder hochgerappelt und hastete die Treppe hinunter. Im Laufen drehte er sich um und feuerte wieder zwei Mal.

Steve ging in Deckung, und die Geschosse schlugen irgendwo am Ende des Flures ein. Der kleine Raum sah aus wie ein Trümmerhaufen. Es konnte nicht viel anders aussehen, wenn ein Orkan durchgetobt wäre.

Er beugte sich zu dem Franzosen nieder und drehte ihn auf die Seite. Der Mann war tot. Da gab es keinen Zweifel. Steves Kugel hätte ihn nur außer Gefecht gesetzt, aber Fontanas Kugel hatte ihn getötet.

Steve hörte, wie Fontana durch das Haus eilte und zur Haustür hinausrannte. Er beugte sich aus dem Fenster und sah den Mafioso über den Hof rennen. Sein Ziel war das Labor.

Torro, der zweite Franzose, stand neben seinem Auto und starrte genau auf Steve. Er drehte sich wortlos um und stieg in seinen Wagen. Für einen gezielten Schuss war es für eine Pistole zu weit.

Fontana brüllte dem Franzosen wilde Flüche hinterher, aber der ließ sich dadurch nicht beeindrucken. Der Motor wurde gestartet, und mit durchdrehenden Reifen schoss der amerikanische Schlitten davon. Fontana drohte mit der Waffe hinterher, wagte aber nicht zu schießen. Schließlich handelte es sich um einen Verbündeten.

Dann drehte er sich zu Steve um und feuerte wieder. Auch dieser Schuss war schlecht gezielt. Steve schoss nicht zurück, sondern rannte ebenfalls die Treppe hinunter.

Fontana war bereits in dem anderen Gebäude verschwunden. Steve sprintete durch die offene Tür und warf sich sofort zur Seite.

Es war keine Falle. Im Hintergrund sah er Licht. Ein Stück der falschen Wand schob sich zur Seite, und in dem breiter werdenden Spalt erkannte Steve das Labor. Dort stand van Laar in weißem Kittel und mit einer Atemmaske und hob fragend die Arme.

„Daran bist du schuld!“, brüllte Fontana mit überschnappender Stimme, und ehe Steve reagieren konnte, krachte der Revolver.

Van Laar wurde um seine Achse gewirbelt und fiel mit ausgebreiteten Armen mitten in die chemischen Apparaturen hinein. Glas klirrte, und augenblicklich wallte Dampf auf.

Steve machte einen Schritt nach vorn, um diesen wahnsinnigen Mafioso endgültig zu stoppen, als das Labor explodierte!

Steve sah den Feuerball und die sich mit rasender Geschwindigkeit ausbreitenden Flammen. Gleich darauf packte ihn die Wucht der Explosion und schleuderte ihn zu Boden. Die Beretta verschwand irgendwo, und er knallte ziemlich heftig mit dem Hinterkopf auf.

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4. Kapitel

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Er wusste nicht, wie lange er dort gelegen hatte. Als er den Kopf endlich wieder hob, stellte er fest, dass es nur wenige Sekunden gewesen waren. Im Labor tobte ein wahrer Feuersturm, und von Rico Fontana war keine Spur zu entdecken.

Steve stemmte sich schwankend hoch und suchte als Erstes seine Pistole. Ohne Waffe Rico Fontana gegenüberstehen hieße, sein Schicksal herauszufordern. Er fand sie zwischen zwei Kartons.

Es war unmöglich, näher an das Labor heranzukommen. Die Hitze war zu groß! Schließlich sah er, wie Fontana geflüchtet war. Durch den Explosionsdruck war die getarnte Tür völlig herausgeflogen und hatte ein Fenster zerschlagen. In der Wand war ein riesiges Loch.

In diesem Augenblick sprang draußen ein Automotor an. Steve raste zum Ausgang, doch er kam wieder zu spät. Rico Fontana wendete den Wagen bereits. Steve feuerte sein restliches Magazin auf die Reifen leer. Bei dieser schlechten Beleuchtung traf jedoch nicht ein einziger Schuss.

Inzwischen prasselten die Flammen höher und schlugen bereits aus dem Dach. Steve wusste, dass die Explosionsgefahr bei einem Labor, das Heroin herstellte, groß war, aber er hatte so etwas noch nie erlebt.

Offensichtlich hatte der stürzende van Laar die Reaktion in Gang gesetzt. Ihm konnte indes niemand mehr helfen. Erst hatten ihn die Schüsse getroffen, und kein Mensch konnte eine solche Flammenhölle überleben.

Ein schriller Schrei ertönte, und Steve fuhr herum. Helen van Laar sah mit geweiteten Augen auf das Bild aus Rauch und Feuer. Steve trat neben sie und legte den Arm um ihre Schultern.

„Ist er da drin?“, fragte sie stockend.

„Ja. Wir können nichts mehr für ihn tun.“

„Wie ist es passiert? Mein Mann wusste, auf welche Gefahren er sich einlässt.“ Ihre Stimme klang unbewegt, und in ihren Augen standen keine Tränen. Sie war bereits durch ihre eigene Hölle gegangen.

„Ihr Mann ist von Rico Fontana erschossen worden“, erklärte Steve. „Ich konnte es nicht verhindern. Er ist geflohen.“

„Warum hat er das getan? Was gibt es nur für Menschen? Mein Mann hatte nie eine Chance, nicht wahr?“

Sie sah ihn fragend an. Auf ihrem Gesicht lag der rötliche Schein des Feuers. Steve blickte zu den lodernden Flammen hinüber, die das Labor auslöschten und das Rauschgift, das sich darin befand.

„Wir haben immer eine Chance“, antwortete er leise. „Aber was Ihr Mann auch getan hat, er hat dafür bezahlt. Behalten Sie ihn in der besten Erinnerung. Und jetzt müssen wir gehen. Man wird die Flammen bald von Weitem sehen und die Feuerwehr schicken. Irgendjemand wird für dieses Drama eine Erklärung finden müssen.“

„Gut.“ Sie löste sich von ihm. „Ich komme mit Ihnen. Ich werde bei Ihnen bleiben, bis wir den Mörder meines Mannes gefunden haben. Es dauert drei Minuten, bis ich ein paar persönliche Sachen zusammenhabe.“

Sie sah ihn fragend an. „Haben Sie überhaupt einen Wagen?“

Er nickte. „Ich hole ihn inzwischen. Ich habe ihn dort drüben hinter dem Deich versteckt. Beeilen Sie sich.“

Details

Seiten
200
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738919028
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (Juni)
Schlagworte
spur todes suche phantom

Autor

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Titel: Die Spur des weißen Todes #2: Suche nach einem Phantom