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Die Raumflotte von Axarabor #5: Die Fesseln der Sternensee

2018 100 Seiten

Leseprobe

Die Raumflotte von Axarabor #5: Die Fesseln der Sternensee

Wilfried A. Hary

Published by Cassiopeiapress/Alfredbooks, 2018.

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Die Fesseln der Sternensee

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Die Raumflotte von Axarabor -  Band 5

von Wilfried A. Hary

Der Umfang dieses Buchs entspricht 72 Taschenbuchseiten.

Zehntausend Jahre sind seit den ersten Schritten der Menschheit ins All vergangen. In vielen aufeinanderfolgenden Expansionswellen haben die Menschen den Kosmos besiedelt. Die Erde ist inzwischen nichts weiter als eine Legende. Die neue Hauptwelt der Menschheit ist Axarabor, das Zentrum eines ausgedehnten Sternenreichs und Sitz der Regierung des Gewählten Hochadmirals. Aber von vielen Siedlern und Raumfahrern vergangener Expansionswellen hat man nie wieder etwas gehört. Sie sind in der Unendlichkeit der Raumzeit verschollen. Manche errichteten eigene Zivilisationen, andere gerieten unter die Herrschaft von Aliens oder strandeten im Nichts. Die Raumflotte von Axarabor hat die Aufgabe, diese versprengten Zweige der menschlichen Zivilisation zu finden - und die Menschheit vor den tödlichen Bedrohungen zu schützen, auf die die Verschollenen gestoßen sind.

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

Nach dem gleichnamigen Exposé von Marten Munsonius

© Serienidee Alfred Bekker und Marten Munsonius

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Stürze dich mit mir in die Tiefe. Das ist die einzige Chance, mich zu besiegen!“, flüsterte die Stimme in seinem Kopf.

Baldyr Sholan, der Teleporter aus der Psychonauten-Crew um Kommandant Xirr Prromman, war sicher, dass dieses Wesen, das in seinen Kopf eingedrungen war, ihn belog. Und er spürte eine Anspannung in seinen Lenden, die er so schon lange nicht mehr gespürt hatte.

Da war sein Verlangen, seine Begierde, und dort ein unbändiger Wille, ihn zu beherrschen und notfalls sogar zu vernichten.

Daher war er sich sicher, dieser Einflüsterung keinen Glauben schenken zu dürfen, weil die primitive Begierde dahinter viel zu stark war – so stark eben, dass sie sogar auf ihn übergriff...

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Auszug aus dem Logbuch des Entdeckerschiffes SCOUT 1123, vor der dritten Besiedlungswelle:

„...kein intelligentes Leben auf AMOSE. Die Tier- und Pflanzenwelt ist typisch für eine frühzeitliche Welt: Ausgedehnte Dschungel wechseln ab mit gigantischen Farnwäldern und diese wiederum mit trockenen Savannen, staubigen Wüsten und abgrundtiefen Meeren. Einer Besiedlung steht ausdrücklich nichts dagegen. Die Siedler müssen allerdings Schutzmaßnahmen gegen aggressive Raubtiere ergreifen, wie es auf solchen Planeten üblich ist...

...Herausragend zu erwähnen innerhalb der dominanten Spezies sind die KeSan. So genannt nach unserem Exobiologen Kenneth Sandorn. Sie stehen auf der halbintelligenten Entwicklungsstufe früher Menschenaffen, ohne jedoch deren Aussehen zu besitzen: Sie sind eine Mischung aus Pflanze und Tier, ähneln dabei zerbrechlich wirkenden, laubfreien Baumsetzlingen von bis zu einem Meter Höhe, die sich auf dürren Beinästlingen nur mühsam fortbewegen können.

Auffallend ist, dass sie sich dennoch gegenüber den großen, saurierähnlichen Raubtieren, wie sie bereits beschrieben wurden, behaupten können. Kenneth Sandorn bescheinigt ihnen ausgeprägte PSI-Fähigkeiten. Einige Exemplare wurden von ihm betäubt und vor ihrer erneuten Freilassung gründlich untersucht. Er untermauert seine These damit, dass die KeSan weder über natürliche Waffen noch über Werkzeuge verfügen und körperlich viel zu empfindlich sind, um anders als mit ihren PSI-Fähigkeiten überleben zu können...“

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Die Order des Gewählten Hochadmirals war eindeutig:

Geheimauftrag in Sachen AMOSE!

Die Psychonauten-Crew des namenlosen Schiffes von Kommandant Xirr Prromman verbündet sich mit dem Lastenraumschiff SURPRISE unter dem Kommando von Captain Ernest Stillwater. Die SURPRISE nimmt das namenlose Schiff der Crew mit an Bord, wie ein Beiboot.

Ziel der gemeinsamen Mission: Herausfinden, was nach der dritten Besiedlungswelle mit den Siedlern auf AMOSE geschehen ist. Unbedingt möglichst viele Exemplare der PSI-fähigen KeSan zu weiteren Forschungszwecken einfangen, betäuben und unversehrt für weitere Forschungszwecke nach Axarabor bringen!

Ein Auftrag, der naturgemäß für das Psychonauten-Team Unbehagen bereithielt. Und nicht nur bei ihnen. Schon bei der ersten Begegnung mit dem bärbeißigen Raumveteranen Captain Stillwater zeigte sich, wie wenig dieser von ihnen hielt: Für ihn war das eine unzumutbare Blechbüchse, die an Bord zu nehmen schlimmer noch zählte als die Akzeptanz einer ansteckenden Seuche.

Kaum waren sie in einem ausreichend großen Hangar der SURPRISE untergekommen, mussten sie sich auch noch sagen lassen, unter keinen Umständen jemals ihr Raumschiff verlassen zu dürfen.

Sie durften also tatsächlich keinen Fuß auf das „pieksaubere Vorzeige-Lastenschiff“ setzen und mussten die ganze Zeit über an Bord ihrer „rostigen Dreckschleuder von Blechbüchse“ bleiben .

Da war Krisensitzung angesagt.

Vor allem Phillis von den Sternen war außer sich:

„Was bildet sich dieser hirnamputierte Idiot von einem altersschwachsinnigen Captain von...“, begann sie die Debatte.

Es war nicht leicht für Kommandant Xirr Prromman, ihre Hasstirade zu stoppen, doch es gelang ihm schließlich dieses Kunststück.

„Nur mal langsam!“, zischte er. „Es wird bekanntlich nichts so heiß gegessen wie es gekocht wird. Erstens einmal ist die Rede von einem gemeinsamen Auftrag. Dabei sind die Rollen ja eigentlich ganz klar verteilt, ohne dass dies extra noch betont werden müsste: Wir sind für PSI zuständig, dieser seltsame Captain Bärbeißig seinerseits ist ausschließlich dafür da, jene KeSan in einem Stück nach Axarabor zu bringen. Während für die Sicherheit immerhin Major Ssrunn Parsso zuständig ist, übrigens ein Echsenmensch wie ich! In ihm haben wir ganz klar einen wichtigen Verbündeten auf unserer Seite. Nötigenfalls sogar gegen Captain Bärbeißig!“

„Der ist gut: Captain Bärbeißig!“, feixte Derwinia Tuamor. „Ich hatte da an Captain Raubein gedacht, aber Bärbeißig ist eindeutig besser!“

Niemand ging darauf ein. Nur Kanot Borglin, ihr Exmann von vor über hundert Jahren, gönnte ihr einen kurzen Seitenblick. Er konnte sich noch immer nicht damit anfreunden, seine Exfrau – immerhin damals die meistgesuchte Terroristin des Universums – als Crewmitglied ertragen zu müssen. Obwohl er sich dazu zwang, sich das zumindest nicht mehr anmerken zu lassen.

Phillis reichte es nicht ganz, um sich zu beruhigen.

„Dem werde ich auf jeden Fall noch einen Denkzettel verpassen. Ich haue ihm noch eine rein. Mindestens eine! Worauf ihr einen lassen könnt!“

Es hätte nichts genutzt, hätte Xirr sie jetzt genau davor gewarnt. Wenn Phillis sich über etwas ärgerte, war sie kaum zu bremsen. Aber er war sicher, dass die Zeit wieder Ruhe über sie bringen würde.

„Also fliegen wir jetzt sozusagen Huckepack mit dieser SURPRISE nach AMOSE!“, stellte Forsan Kumir fest, der muskelstarrende Schönling, wie Phillis ihn gern nannte. Er nahm es ihr nie krumm, sondern lachte nur darüber. Höchstens dass er mal wieder fragte, wie sie ausgerechnet auf die Idee gekommen war, sich „von den Sternen“ zu nennen. Weil er darauf noch niemals eine Antwort erhalten hatte – zumindest keine einleuchtende.

Xirr nickte ihm zu.

„Alles kein Problem für uns. Wir müssen ja nicht an Bord des Lastenschiffes herumlaufen. Hier haben wir alles, was wir brauchen. Vielleicht, dass wir noch Major Ssrunn Parsso bei uns an Bord begrüßen werden. Ich habe ihn jedenfalls eingeladen.“

„Ihn?“, hakte Derwinia nach.

Xirr zeigte das echsenmäßige Äquivalent eines Lächelns.

„Nein, eigentlich weiblich, aber Major ist als Titel männlich.“

„Aha?“, wunderte sich jetzt Phillis.

Baldyr Sholan, der Teleporter, dürr und wie mumifiziert wirkend, wie sich seine Rasse an den Planeten angepasst hatte, von dem er stammte, winkte ab.

„Eigentlich würden mich eher die Wissenschaftler interessieren, die mit an Bord gegangen sind. Sie sollen sich vor Ort um die KeSan kümmern, abgesichert von der mehrere hundert Köpfe starken Sicherungstruppe unter dem Major. Sie sollen diese seltsamen Wesen also einfangen, betäuben und für die Reise in entsprechende Tanks stecken, Cryotanks nicht unähnlich.“

„Und wozu?“, fragte ihn Forsan direkt.

„Immerhin geht es doch um PSI-Wesen, nicht wahr? Also um etwas, was offiziell zu hundert Prozent geleugnet wird. Und jetzt, nach Jahrtausenden, hat man endlich das mögliche Potenzial entdeckt? Wo kommen diese Wissenschaftler überhaupt her, die es gar nicht geben sollte? Was wissen sie überhaupt über PSI? Ja, wissen sie überhaupt etwas?“

Jetzt lachte Phillis auf einmal.

„Gute Einwände, Baldyr, hätte dir keiner zugetraut.“

„Na, dann danke!“, entgegnete der Teleporter eingeschnappt.

Phillis winkte mit beiden Händen ab.

„Nicht doch, Baldyr, ich meine das wirklich nicht böse, sondern gebe dir recht. Wieso haben die sich noch nicht mit uns in Verbindung gesetzt? Ich meine, was suchen wir dabei überhaupt? Mir erscheint es so, als wären die Rollen völlig klar: Die Wissenschaftler gehen in den Einsatz, beschützt von den Sicherungsleuten. Die Crew von Captain Bärbeißig besorgt den Transport – und wir halten inzwischen die Füße still – und nicht nur die Füße!“

Schon wieder begann sie sich aufzuregen.

„Schluss jetzt!“, herrschte Xirr sie härter an als von ihm gewöhnt. „Wir wollen uns in nichts hineinsteigern. Unsere Rolle ist tatsächlich klar: Wir werden sämtliche Maßnahmen unterstützen, mit unseren eigenen Mitteln. Dafür müssen wir das Schiff überhaupt nicht verlassen. Wir bleiben hier, verzichten auf den Anblick von Captain Bärbeißig – und gut ist es!“

Phillis deutete mit dem Daumen auf ihn und wandte sich an die anderen:

„Klar, zu erwähnen vergessen hat er nur die dringend nötige Beschäftigung mit einem gewissen weiblichen Major!“ Sie zwinkerte mit einem Auge, was Xirr zu einem wilden Schnauben veranlasste.

Aber er beherrschte sich meisterlich und löste die Krisensitzung auf mit den Worten:„Entspannen wir uns. In einer Minute erfolgt der Start der SURPRISE.“

Ein kurzer Blick noch zu dem schmächtigen, zerbrechlich wirkenden Solan Pronn hinüber. Er hatte nichts gesagt. Wie sonst auch immer. Und ihm war nicht anzusehen, was er dachte.

Ob er jetzt überhaupt etwas dachte?

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Die gesamte Reise verbrachte die Psychonauten-Crew an Bord ihres namenlosen Schiffes. Einziger – und sogar ziemlich häufiger – Gast war Major Ssrunn Parsso. Sie zeigte jedoch wenig Interesse an der Crew selbst als vielmehr am Kommandanten der Crew.

Natürlich achteten alle akribisch darauf, wie sich das zwischen den beiden wohl noch entwickeln würde, wobei sie immerhin pietätvoll genug blieben, nicht zu versuchen, die Gedanken des weiblichen Majors zu lesen.

Niemand war am Ende enttäuschter als Phillis, als klar war, dass die beiden Echsenmenschen wirklich nur tiefe Freundschaft füreinander empfanden. Wie zwei Seelenverwandte. Als würden sie sich bereits seit Jahrzehnten kennen. Mehr entwickelte sich dabei nicht.

Und dann schwenkte die SURPRISE in den Orbit um AMOSE ein, und Captain Bärbeißig meldete sich zum ersten Mal seit dem Start per Intercom bei ihnen, wobei er ausdrücklich Kommandant Xirr Prromman zu sprechen wünschte. Nur um ihm in seiner bärbeißigen Art mitzuteilen: „Sie sollen bestimmen mit Ihrer Crew, wo wir landen sollen!“

Xirr ließ sich in keiner Weise aus der Ruhe bringen.

„Tun wir gern, aber erst nachdem Sie uns die eigenen Daten übermittelt haben. Oder wollen Sie diese ernsthaft vor uns geheim halten?“

„Was soll das?“, bellte ihn Bärbeißig an.

„Ich habe keine Ahnung, welches Problem Sie mit uns haben, Captain, aber wir sind auch nicht gerade freiwillig mit Ihnen unterwegs. Glauben Sie mir, da wüsste ich bessere Betätigungen. Und wenn Sie sich schon herablassen, uns um etwas zu bitten...“

„Niemand bittet Sie um etwas. Es ist laut unserer Auftraggeber Fakt, dass es Ihnen obliegt, den Landeplatz zu bestimmen.“

„Und das wollen Sie natürlich auf jeden Fall verhindern?“

Es verschlug dem Captain anscheinend die Sprache.

Xirr sprach einfach weiter:

„Übermitteln Sie uns sämtliche Daten, die Ihnen zur Verfügung stehen. Jetzt! Und vergessen Sie nicht, die Schutzschirme auszuschalten.“

„Die Schutzschirme bleiben eingeschaltet!“

„Dann können wir leider nicht unseren Auftrag erfüllen und werden Mitteilung machen müssen, dass Sie Ihren eigenen Auftrag sabotieren.“

„Das wagen Sie nicht!“

„Abschalten: Jetzt! Daten übermitteln: Jetzt!“, blieb Xirr unerbittlich und unterbrach die Verbindung.

Alle schauten ihn an.

Er winkte lässig mit der linken Hand.

„Wir warten genau eine Minute. Dann bilden wir eine Séance und nehmen Verbindung auf mit dem Telepathen des Gewählten Hochadmirals.“

„Um dem was zu sagen?“, erkundigte sich Kanot Borglin lauernd.

„Dass wir an dieser Stelle die SURPRISE verlassen und zurückkehren nach Axarabor, um weitere Befehle entgegenzunehmen. Es ist nun wirklich nicht mehr länger zu leugnen, dass wir hier zutiefst unerwünscht sind. Also haben wir hier auch nichts weiter mehr verloren.“

„Fehlanzeige!“, rief Phillis von den Kontrollen herüber. „Soeben bekommen wir sämtliche Daten herein: Die Daten aus dem damaligen Logbuch vor immerhin einigen tausend Jahren, die Ergänzung sämtlicher Daten betreffend die sogenannte dritte Besiedlungswelle, die auch diesen Planeten hier heimsuchte, und natürlich die aktuellen Scanergebnisse von hier und jetzt.“

Xirr sah außerdem selbst, dass der Schutzschirm ausgeschaltet wurde. Er hatte diesem unbeliebten Captain natürlich nicht auf die Nase binden wollen, dass dieser Schutzschirm einen Scan auf PSI-Ebene des Planeten nahezu unmöglich machte. Noch war die Ursache nicht erforscht, aber die neuen Schutzschirme hatten zuweilen ein Element, das PSI abschirmte.

Trotzdem war zwar eine telepathische Verbindung nach Axarabor möglich, aber nur in einer vollständigen Séance mit allen sieben Psychonauten an Bord, in Verbindung mit dem Grünschimmel oder Grüni, wie sie den allgegenwärtigen Leuchtschimmel an Bord liebevoll nannten.

„Also gut“, entschied Xirr. „Séance!“

Phillis nahm noch ein paar Schaltungen vor, bevor sie die Bord-KI übernehmen ließ. Obwohl ja eigentlich nichts weiter zu tun war, da sie sich als Gast in einem Hangar befanden.

Alle setzten sich inmitten der Zentrale in den Kreis und reichten sich die Hände.

Nur Kanot Borglin hatte nach wie vor seine Probleme mit dem Händchenhalten, obwohl ihm das niemand mehr ansehen konnte.

Kaum war der Kreis perfekt, als Xirr die mentale Gewalt übernahm und ihrer aller Geister quasi zu einem verschmelzen ließ.

Im nächsten Augenblick gab es für sie keinerlei Begrenzung mehr. Sie blieben zwar körperlich, wo sie waren, verließen geistig jedoch nicht nur ihr Schiff, sondern auch die SURPRISE und befanden sich schon im nächsten Augenblick über dem Planeten.

Während sie tiefer gingen, wurden für sie immer mehr Einzelheiten erkennbar.

Zunächst erschien es so wie in den Beschreibungen des ersten Entdeckerschiffes. Aber dann erschien ihnen der Anteil der Meere an der Gesamtoberfläche deutlich höher. Und auch die Landmassen selbst hatten sich irgendwie verändert. Jetzt gab es zwar immer noch Dschungelgebiete und auch kleinere Wüstenstriche, die allerdings in erster Linie aus Felsenwüste bestanden. Einmal abgesehen von himmelhohen Bergrücken, die im alten Logbuch überhaupt keine Erwähnung gefunden hatten. Was ja nicht bedeuten sollte, dass es sie damals noch nicht gegeben hatte.

Bestimmend auf der gesamten Landfläche von insgesamt drei Kontinenten waren gegenwärtig jedenfalls ausgedehnte Savannen.

Sie hatten jetzt die Informationen erhalten, dass die ersten Siedler auch terranische Tiere und Pflanzen mitgeführt hatten. Das war bei der dritten Besiedlungswelle so üblich gewesen. Zu anderen Zeiten war es streng verboten worden, um nicht die vorhandene Ökologie zu zerstören. Mit Ausnahme von Nutztieren in Gefangenschaft.

Sie rasten mit einer Geschwindigkeit über eine der Savannen, zu der ein Flugobjekt innerhalb der Atmosphäre kaum in der Lage gewesen wäre, ohne echte Schäden an der Oberfläche zu erzeugen. Und da stießen sie auf die ersten großen Tiere, Sauriern nicht unähnlich.

Die meisten waren Pflanzenfresser, die in der kargen Savanne riesige Entfernungen zurücklegen mussten, um überleben zu können. Viele gab es nicht von ihnen. Auch die entsprechenden Raubechsen hielten sich in Grenzen. Dafür wieselte umso mehr Kleingetier am Boden herum, einschließlich einer importierten Kaninchenart, die wahrscheinlich einen Großteil des alten Ökosystems zerstört hatte.

Die Crew konnte während ihrer Séance auf die Datenspeicher ihres Schiffes zurückgreifen, auch wenn sie sich geistig über der Planetenoberfläche befand. Leider fanden sich in den übermittelten Daten keine verlässlichen Hinweise, wo denn die Siedler eigentlich niedergegangen waren. Anscheinend hatte es zwei Schiffe gegeben, doch diese hatten sich niemals wieder zurückgemeldet nach der erfolgten Landung, galten also seitdem als verschollen. Die einzigen Informationen waren vor den Landungen übermittelt worden, bestehend in erster Linie aus eher oberflächlichen Scans.

Diese Savanne hier war eine der möglichen Zielpunkte für eine Landung gewesen. Deshalb wollte sich die Crew ja auch besonders hier einmal umsehen, um herauszufinden, ob es sinnvoll gewesen wäre, die SURPRISE hier landen zu lassen.

Immerhin hatten sie innerhalb ihrer Séance ganz andere Möglichkeiten als die Crew der SURPRISE, die auf ihre technischen Geräte angewiesen war. Zwar gab es auch Aufklärungssonden an Bord, doch diese hätten ungleich länger benötigt. Daher wohl der Befehl, die Psychonauten sollten sich darum kümmern. Obwohl Captain Ernest „Bärbeißig“ Stillwater völlig abweichender Meinung war.

Eines machte die Crew vor allem stutzig: Sie fanden keinerlei Spuren der KeSan!

Das blieb auch so die nächsten Minuten, in denen sie ein Gebiet absuchten vergleichsweise so groß wie das halbe Europa auf der Erde.

Es gab außerdem auch keinerlei Spuren von einem der Siedlerschiffe, die hier verschollen waren.

Gerade beschloss Xirr die Rückkehr zu ihrem Schiff, als plötzlich ein Schrei ertönte, der so viel Grauen beinhaltete, wie es noch keiner von ihnen jemals auch nur für möglich gehalten hätte.

Schlagartig erwachten sie aus der Séance und benötigten bange Sekunden, um überhaupt wieder klar zu werden.

Der Schrei indessen riss nicht ab, und sie benötigten weitere Sekunden, um endlich zu begreifen, dass er aus dem Mund von Derwinia Tuamor stammte.

Im nächsten Augenblick fiel sie haltlos um und rührte sich nicht mehr.

Es war der Zeitpunkt, an dem Xirr feststellte, dass einer aus ihrer Runde fehlte:

Baldyr Sholan, der Teleporter!

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Es war eigentlich völlig unmöglich, dass einer aus der Séance einfach so verschwand. Auch wenn es sich um einen Teleporter handelte. Er war immerhin geistig mit ihnen verbunden gewesen. Es hätte ganz einfach nicht passieren dürfen.

Und doch war es das.

Niemand außer Xirr bemerkte es zunächst, weil jeder nur Augen für die arme Derwinia hatte. Sogar Kanot, der sich gern einredete, sie immer noch abgrundtief zu hassen, spürte, wie sehr er sich um sie sorgte.

Schließlich war sie doch ein wesentliches Crewmitglied geworden! Durch jede Séance wurde ihre Gruppenverbundenheit immer tiefer. Sie konnten beinahe sagen, sie waren wie ein gemeinsamer Geist auch außerhalb einer Séance.

„Wo ist Baldyr, verdammt!“, brüllte in diesem Moment Xirr und weckte damit alle aus ihrer Erstarrung.

Kurz vergaßen sie ihre Sorge um Derwinia und schauten sich vergeblich nach Baldyr um.

„Schnell, Blitz-Séance, nur wir fünf!“, befahl Xirr im nächsten Moment.

Sie gehorchten automatisch. Xirr übernahm wieder als Medium die Koordination.

Sie riefen nach Baldyr.

Keinerlei Resonanz.

Und dann kümmerten sie sich um Derwinia. Sie forschten in ihr, um herauszufinden, was mit ihr los war.

Da war nichts mehr.

Klar, sie war am Leben und erfreute sich körperlich bester Gesundheit, aber ihr Kopf war... leer!

Keinerlei Gedanken!

Nicht etwa eine Gedankenblockade, wie sie es alle vermochten, damit keiner ihre geheimsten Gedanken lesen konnte, solange sie das nicht selber wünschten, sondern einfach nur... Leere.

Als wäre ihr Geist entführt worden.

Einerseits war Baldyr nicht mehr da, weder geistig noch körperlich, andererseits war zwar Derwinias Körper noch an Bord, aber ihr Geist fehlte.

Aber das war doch völlig unmöglich!

Sie konnten noch nicht einmal den geringsten Erinnerungsfetzen aufnehmen, obwohl die Erinnerungen bekanntermaßen überhaupt nicht an den Geist gebunden waren. Da war einfach nur... nichts!

Xirr musste die Séance wieder beenden. Sie waren alle schon über dem Limit. Wenn sie jetzt nicht damit aufhörten, waren sie für Tage nicht mehr einsetzbar. Eine Séance konnte immer nur eine begrenzte Zeitlang abgehalten werden. Sie mussten sich danach wieder neu aufladen mit PSI-Energie.

Beunruhigt schauten sie sich an. Keiner sagte etwas. Wozu auch?

Immer wieder gingen die Blicke zu dem leeren Platz hin, an dem Baldyr fehlte. Aber auch zu der bewusstlosen Derwinia.

In diesem Moment schlug sie die Augen auf und richtete sich in die Hockstellung auf. Sie gönnte niemanden eines Blickes und stierte nur blicklos vor sich hin, wie geistig weggetreten.

Xirr brauchte nicht nach ihren Gedanken zu tasten, um zu wissen, dass sie nicht nur geistig weggetreten aussah, sondern dies auch in der Tat war.

Wie jemand im Koma!

Ja, damit war das durchaus zu vergleichen.

Doch plötzlich erwachte sie irgendwie zu neuem Leben und schaute in die Runde, mit einem Blick, der jedem von ihnen eine Gänsehaut über den Rücken rieseln ließ.

„Wir müssen sofort von hier fliehen! Sie lauert auf uns, und sie kennt keine Gnade!“

„Aber Baldyr...“, setzte Xirr an.

Sie fuhr ihm dazwischen:

„Vergesst Baldyr. Sie hat ihn entführt und wird ihn nicht mehr los lassen!“

„Wer?“, rief jetzt Phillis. Es klang eine Spur zu schrill. „Irgendeine Macht? Die KeSan?“

Die Augen von Derwinia erloschen, wurden blicklos. Sie sank halb in sich zusammen und blieb in dieser Stellung, blind vor sich hin starrend.

Ihr Kopf war wieder leer.

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Baldyr Sholan war Teleporter. Eine Fähigkeit, die er eher selten nutzte, immer in der Angst, dabei entdeckt zu werden. Zwar hatte ihm Xirr mehr als einmal klar zu machen versucht, dass dies absurd war, doch es mochte daran liegen, dass Baldyr diese Fähigkeit erst recht spät an sich bemerkt hatte – und das eigentlich eher zufällig.

Es war auf Axarabor gewesen. Da auf seiner Welt alle wie mumifiziert wirkten, schon kurz nach ihrer Geburt, was also bei ihnen völlig normal erschien, hatte er auf Axarabor mit ungeahnten Problemen zu kämpfen. Obwohl hier die meisten mutierten Menschenabkömmlinge lebten, gemessen an anderen Welten innerhalb des Imperiums. Aber es gab halt immer wieder Minderbemittelte im Geiste, die regelrecht Hetzjagd auf Andersartige machten. Die geringste Abweichung körperlicher oder geistiger Art... und schon war man erklärtes Opfer.

Vor allem normalerweise geistiger Art, dachte er im Nachhinein über diese Rassisten. Denn abweichend von denen intelligenter zu sein, ist nicht wirklich eine Kunst.

Jedenfalls hatten sie ihn arg in Bedrängnis gebracht und ihn mit Todesangst erfüllt. Und da war es passiert, sozusagen auf dem Höhepunkt der Angstmache: Er war einfach von dort verschwunden – um im gleichen Moment in seiner winzigen Bude sich wiederzufinden, die er mit dem wenigen Geld angemietet hatte, das ihm zur Verfügung stand.

Es hatte eine Weile gedauert, bis er sich von dem Schock wieder erholt hatte. Erst viel später hatte ihn die Neugierde gepackt. Er hatte darüber zu recherchieren versucht, was mit ihm passiert war, aber außer jeder Menge dummem Zeug war ihm nichts untergekommen. Offiziell hieß es sogar, so etwas sei völlig unmöglich.

Nun, er wusste es inzwischen besser, und weil ihm niemand helfen konnte – vor allem, weil er sich hier als Fremder natürlich niemandem anvertrauen wollte -, hatte er irgendwann tatsächlich zu experimentieren begonnen.

Erst kurze Sprünge über kurze Distanzen, um sozusagen in Sichtweite zu bleiben.

Es war ihm auf Anhieb gelungen, allerdings nur, wenn er sich selber in entsprechende Panik versetzte.

Bis er herausfand, dass diese Panik nicht wirklich der Auslöser sein musste.

Er wurde immer perfekter, bis es ihm möglich wurde, nahezu jeden Ort aufzusuchen, an den er sich deutlich genug erinnern konnte.

Das war natürlich auch mit Gefahren verbunden: Was, wenn er mitten auf der Straße materialisierte, wenn gerade in diesem Moment ein Fahrzeug seinen Weg kreuzte? Oder wenn er in einem Haus, das inzwischen abgerissen war, nicht mehr materialisieren konnte, sondern dafür zwanzig Meter in der Höhe?

Die Lösung: Äußerste Vorsicht, äußerste Aufmerksamkeit und jeder Zeit zurückteleportieren können, möglichst in nur Sekundenbruchteilen.

Dennoch hatte er die eine oder andere gefährliche Situation meistern müssen. Und war ein paarmal dabei beobachtet worden, was ihn in arge Erklärungsnot gebracht hatte.

Alles dies zusammen hatte dazu geführt, dass er von dieser seiner Fähigkeit lieber Abstand genommen hatte.

Bis er auf Xirr getroffen war, der ihn dazu überredete, sich mit ihm zusammen zu tun. Er war lange Zeit auch der einzige gewesen, dem Baldyr vertraut hatte, und inzwischen gehörten zu den Vertrauten alle hinzu, die Mitglied geworden waren der siebenköpfigen Psychonauten-Crew auf dem Schiff ohne Namen.

Und jetzt stehe ich hier in der Pampa und weiß nicht, wie ich hierhergekommen bin!, dachte er bestürzt.

Er lauschte in sich hinein, um herauszufinden, ob es noch die geringste Resonanz mit den anderen Crewmitgliedern gab.

Waren sie nicht noch vor Sekunden innerhalb einer Séance miteinander verbunden gewesen? Wie konnte diese Verbindung so plötzlich abreißen ohne dass es ihn höllisch schmerzte? Normalerweise war eine so plötzliche Auflösung vergleichbar mit einer Amputation, wenn auch weniger folgenreich. Es tat halt einfach tierisch weh, wie körperlicher Schmerz.

Diesmal nicht!, stellte er fest und schaute sich um.

Das war eindeutig dieselbe Savanne, die sie gemeinsam erforscht hatten, als geistige Einheit. Er war jedenfalls fest überzeugt davon.

Abermals lauschte er in sich hinein.

Nicht nur, dass es keinerlei Resonanz mehr von den anderen gab, er konnte definitiv sagen, dass er nicht aus eigener Kraft teleportiert war.

Aber wie war er sonst hierhergekommen, nicht nur geistig, sondern auch körperlich?

Er schaute an sich hinunter. Der leichte Bordanzug. Ziemlich ungeeignet in dieser Umgebung, aber die Luft war normal atembar und schien keine schädlichen Gase zu enthalten.

Ein Blick in die Runde.

Es war Tag. Die Sonne stand jedoch ziemlich tief.

Details

Seiten
100
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738918960
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v418783
Schlagworte
raumflotte axarabor fesseln sternensee

Autor

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Titel: Die Raumflotte von Axarabor #5: Die Fesseln der Sternensee