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Bestie ICH in Mexiko

©2018 400 Seiten

Zusammenfassung

Als ich an der mexikanischen Küste von Bord des Schiffes „Walküre“ ging, ahnte ich noch nicht, dass sich von diesem Zeitpunkt an mein komplettes Leben für immer verändern würde. Ich war jung und suchte nach waghalsigen Abenteuern. Denn in Mexiko herrschten instabile politische Verhältnisse, und eine Revolution folgte der anderen. Im Moment waren es die Yaquitruppen des Generals Pancho Villa, die auf dem Vormarsch waren – und diesen mutigen Soldaten wollte ich mich anschließen. Ich wusste nichts von Krieg, Gewalt, Blut und Terror – aber all dies sollte ich bald am eigenen Leib erleben. Es war eine Zeit, die ich niemals mehr vergessen werden, und deshakb will ich davon erzählen. Mit meinen eigenen Worten ...
BESTIE ICH IN MEXIKO ist vielleicht der bekannteste autobiografische Roman von Ernst F. Löhndorff. Mit wortgewaltiger Sprache und faszinierenden atmosphärischen Schilderungen beschreibt der Schriftsteller seine Zeit als Soldat und Offizier in diesen unruhigen Jahren. Man spürt in jedem Kapitel, wie nah Löhndorff selbst an den geschilderten Ereignissen war – und genau das macht diesen Roman auch heute noch zu einem sehr bedeutenden Juwel in der deutschsprachigen Abenteuerliteratur.

Leseprobe

ERNST F. LÖHNDORFF

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BESTIE ICH IN MEXIKO

IMPRESSUM

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach Motiven von Pixabay, 2018

Redaktion und Korrektorat: Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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ALS ICH AN DER MEXIKANISCHEN Küste von Bord des Schiffes „Walküre“ ging, ahnte ich noch nicht, dass sich von diesem Zeitpunkt an mein komplettes Leben für immer verändern würde. Ich war jung und suchte nach waghalsigen Abenteuern. Denn in Mexiko herrschten instabile politische Verhältnisse, und eine Revolution folgte der anderen. Im Moment waren es die Yaquitruppen des Generals Pancho Villa, die auf dem Vormarsch waren – und diesen mutigen Soldaten wollte ich mich anschließen. Ich wusste nichts von Krieg, Gewalt, Blut und Terror – aber all dies sollte ich bald am eigenen Leib erleben. Es war eine Zeit, die ich niemals mehr vergessen werden, und deshakb will ich davon erzählen. Mit meinen eigenen Worten ...

BESTIE ICH IN MEXIKO ist vielleicht der bekannteste autobiografische Roman von Ernst F. Löhndorff. Mit wortgewaltiger Sprache und faszinierenden atmosphärischen Schilderungen beschreibt der Schriftsteller seine Zeit als Soldat und Offizier in diesen unruhigen Jahren. Man spürt in jedem Kapitel, wie nah Löhndorff selbst an den geschilderten Ereignissen war – und genau das macht diesen Roman auch heute noch zu einem sehr bedeutenden Juwel in der deutschsprachigen Abenteuerliteratur.

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Santa Rosalia

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Satt leuchtende Sterne hingen tief vom Himmel und spiegelten sich im stillen Wasser des Hafens. Vereinzelte Fische schleuderten silberglänzende Leiber über die Oberfläche, um mit leichtem Klatschen in ihr Element, das blinkende Kreise schlug, zurückzufallen.

Aus schwarzen Schatten, die riesige Segelschiffsrümpfe über schillernde Fluten gossen, schob sich sachte ein Boot, in dessen Hinterteil eine zusammengekauerte Gestalt das Ruder führte. Sprühend tropfte das Wasser wie flüssiges Silber von dem Holz, und hinter dem Fahrzeug wirbelte breites, grünlich phosphoreszierendes Kielwasser.

Ich hing, die erkaltete Pfeife zwischen den Zähnen, im Netz unter dem Klüverbaum, und meine Augen verschlangen das zauberische Bild des exotischen Hafens, der so still und verträumt vor mir lag. Den ganzen Tag hatten wir in glühender Sonnenhitze gearbeitet, um unser Schiff, die stolze Viermastbark „Walküre“, die am frühen Morgen in den kleinen Hafen eingeschleppt wurde, an der Kaimauer zu vertäuen.

Zwei Wochen schon lagen wir weit draußen auf Reede mit anderen Seglern, die ihre Ladung gelöscht hatten und nun auf das Ende des eben in Europa begonnenen Krieges warteten. Die „Walküre“ war von uns schmuck überpinselt worden, und während wir draußen an der Bordwand auf luftigen Gestellen klebten, mit den Beinen im lauen Wasser schlenkerten und unsere Fäuste den Farbquast führten, blickten wir sehnsüchtig nach dem Land hinüber, das so nahe und doch für uns so unerreichbar lag. Bisher war der Alte, wie wir unseren Alkohol liebenden Kapitän nannten, immer allein mit den Steuerleuten an Land gefahren und hatte uns aus nur ihm bekannten Gründen den Urlaub verweigert.

Zwei Wochen lagen wir draußen und blickten sehnsüchtig nach der Küste.

Es hatte böses Blut auf der „Walküre“ schon seit der Ausreise von Liverpool her geherrscht, aber nun war alles vergessen und verziehen, denn wir lagen an der fremden Hafenmauer ... morgen gab es Geld, und die Freuden der mexikanischen Spelunken und Bordelle warteten.

Ich blickte zum flimmernden, opalfarbenen Himmel empor und ließ die vergangenen fünf Monate nochmals an meinem geistigen Auge vorbeiziehen... Hundertunddreißig Tage waren es gewesen, und während der ganzen Zeit hatten wir nichts als Wasser und Horizont um uns gehabt.

Wasser, das so grün wie Smaragd schimmerte, in satter Türkisfarbe blendete oder tief ultramarin wie ein ungeheurer seelenvoller Teppich um die „Walküre“ bläute. Manchmal war es dunkel, fast schwarz, von den schneeigen Schaumadern durchzuckt, wenn der Sturm sein gewaltiges Lied sang ... bald war es wie rotes, lebendes Gold, wenn der Westen in grellen Flammen stand; oder es wogte wie gleißendes Gewimmel ineinander verschlungener, mit den Schwänzen spielender Silberschlangen um uns, wenn in feuchten, drückenden Nächten der runde, orange-gelbe Mond wie eine chinesische Papierlaterne vom Tropenhimmel hing und die mit weißen, in seinem Licht perlmuttfarbenen Leinwandpyramiden bekleideten Rahen in der Windstille ächzten, während das Gewirre der Wanten und Taue eine wunderbare, feine, schwarze Filigranarbeit auf das helle Deck zeichneten.

Hundertunddreißig Tage Wasser und Horizont!... Selten, nur selten belebte die Öde ein ferner Segler oder der dunkle Rumpf eines aufkommenden Dampfers mit unendlich langer, bläulicher Rauchfahne.

Nur einmal hatten wir Land gesehen in dichtester Nähe. Das war, als wir Kap Hoorn an der äußersten Spitze von Südamerika umsegelten. Da hingen wir oben in den vereisten Rahen, die knarrend hin und her schlugen, hoch über der wilden See, unsere blutenden, wundgescheuerten Hände mühten sich mit den Segeln, die im Wind wie steife, hartgefrorene und knisternde Bretter standen, und ein wütender Schneesturm zerrte mit Macht an uns, um uns in den brüllenden Kessel hinabzuschleuderten, und warf uns eisige, wie Nadeln stechende Schneekristalle ins Gesicht.

Das Meer, blauschwarz, mit ungeheuren Schaumkronen geschmückt, donnerte und klatschte gegen die Schiffswände, die Albatrosse schwebten mit ausgebreiteten Fittichen unter bleigrauen Wolken und ließen sich triumphierend kreischend vom Sturm tragen. An Backbord ragten die Berge Feuerlands aus den wilden Fluten. Ein unbeschreiblicher Anblick von düsterer, grauenhafter Majestät!

In den Himmel greifende Gigantenberge, von flatternden Nebeln umkränzt, mit schwarzen steilen Abhängen und breiten, blau glänzenden Gletschern, die bis in die tobende, mit furchtbarer Wut anprallende Brandung hingen und von denen die riesigen, meilenlangen, in ganzer Breite andonnernden Wogen manchmal häusergroße Eisungetüme abbröckelten und zusammenschmetterten.

Das war das erste Land, seit wir die englische Küste verlassen hatten. Dann umfing uns der Stille Ozean mit seiner blauen Fläche, seinen fliegenden Fischen und den Herden schwimmender Boniten ... mit seinen unbeschreiblich prachtvollen, in allen Farben spielenden Sonnenuntergängen, die den Himmel mit wundervollem Schmelz überzogen.

Wochen vergingen, und wieder näherten wir uns dem Land, bei Kap San Lucas, das wie eine gelbe Löwentatze in blaues Wasser hinausgriff. Wir kreuzten im smaragdenen Golf von Kalifornien die Westküste von Mexiko aufwärts längs einer einförmig braunen, von keinem Grün belebten, trostlosen Kette von Gebirgen. Vorbei an gelben, steinigen Inseln, die gleich umgekehrten Schüsseln auf dem Wasser schwammen und auf denen große Scharen graviätischer Pelikane wie die friederizianischen Grenadiere in Reih und Glied standen.

Stetig strebten wir dem nahen Ziel zu. Beide Anker wurden ausgeschwungen und alles klar zum Löschen gemacht, da erhielten wir Windstille, die in Gegenwind umschlug, und nun mussten wir Meile für Meile im Zickzack den Golf aufwärts kreuzen. Ungeduldig stampfte der Alte auf und ab, der Segelmacher kratzte am Mast und pfiff, um nach traditionellem Aberglauben den günstigen Wind zu rufen.

Wir, die Mannschaft, dieses toll zusammengewürfelte Konglomerat aus aller Herren Länder, wir brassten alle Augenblicke die Rahen in den ewig wechselnden Wind und hingen fluchend und schweißtriefend in den Tauen, verdammten Gott, den Teufel und alle guten wie bösen Mächte wegen dieser langsamen Segelei; denn wir waren hundertunddreißig Tage nicht an Land gewesen, hatten uns brutalisieren lassen und uns gegenseitig brutalisiert, hatten grün angelaufenen Sabzspeck mit Hartbrot, aus dem wir erst immer die fetten Maden klopfen mussten, gegessen und fades Regenwasser getrunken, hatten, als uns der Tabak ausging, Tee mit Seegras aus den Matrazen geraucht... wir wollten Land nicht nur sehen, sondern auch unter den Füßen spüren.

Ich klopfte die Pfeife aus, turnte über die Reling und hockte mich rittlings auf die Ankerwinde. Über das Vordeck konnte ich in die offene Tür des Mannschaftsraumes sehen. Der gelbe Lichtkreis der Petroleumlampe ließ mich Kurt, den Leichtmatrosen erkennen, der auf einer Kiste saß und das Matrosenklavier spielte.

Durch das Stimmengemurmel drangen die schrillen Klänge eines Gassenhauers. Ab und zu unterbrach ein wieherndes Gelächter der in kommenden Genüssen schwelgenden Seeleute die Musik. Plötzlich brachen die Töne ganz ab, eine harte Faust schmetterte auf den Tisch, und ich hörte Hein, den Bremer, der ein tiefes, wie aus einem Keller hervordröhnendes Organ besaß, von den übrigen begleitet, das alte Seglermatrosenlied von den Goldbänken des Sacramento brüllen: „Blow boys blow, for California ...“

Danach trat eine Pause ein, jemand las mit singender Stimme etwas vor, wurde jedoch nach wenigen Sätzen durch einen wüsten Fluch abgeschnitten, und klirrend brach die Lampe; aus der Türöffnung, die sich nun schwarz von der weißen Wand abhob, flog, wie aus einem Katapult geschleudert, eine Gestalt ins Freie, schlug zu Boden, raffte sich wieder auf und sprang mit dumpfem Brüllen zurück in den gähnenden Rachen der Dunkelheit.

Polternd und stöhnend wälzte sich nun eine quirlende Masse auf das vom Sternschimmer matt erleuchtete Deck, wunderlich fuhren Arme mit geballten Fäusten oder gespreizten Fingern daraus hervor, um dröhnend auf bäumende Körper zu fallen. An den niederen Wänden des Deckhauses huschten gigantische Schatten mit Windmühlenflügeln auf und nieder, hin und her. Flüche und Geschrei tobten, und mir hämmerte plötzlich das Blut in den Schläfen.

Ich wollte mich hinabstürzen; ein gebieterisches Verlangen tobte in mir, das Verlangen, mich in den Knäuel zu werfen und blindlings auf alles, was mir unter die Fäuste kam, loszuschlagen, um all den stillen Groll und die nagende Wut zu verlieren, die sich in Menschen aufspeichern, die lange Monate auf ein paar schwimmenden Planken zusammengepfercht waren, Menschen, die sich gegenseitig in und auswendig kennen ...

Schon lief ich hinab auf das Vorderdeck, da kamen die drei Steuerleute von achtern angestürzt und sprangen in das Gefecht. Flerr Jacobs, der erste Offizier, ergriff einen eisernen Pumpenschwengel vom Mast und schrie, dass er jedem den Schädel damit einschlagen würde, wenn die Balgerei nicht sofort ein Ende nehme. Diese Drohung, verbunden mit den Knüffen des Herrn Ryce, des zweiten Steuermanns, eines haarigen Schotten - seine Hände glichen an Umfang großen Schinken - schafften schnell Ruhe.

Der keuchende Haufen entwirrte sich, atemlos lehnten die Leute an der Reling oder umgaben die Offiziere. Aus dem dunklen Raum schlichen zaghaft die beiden Schiffsjungen. Ryce fragte, was denn eigentlich im Gange sei.

„Der Hein, that bloody dutchman, der las uns vor, dass sich die britische Flotte nicht aus dem Kanal heraus traut. Das lassen wir Engländer uns natürlich nicht gefallen!“, knurrte Henry, ein langer Matrose, dessen Backe ein Messerstich zierte, den er einmal in einer Hafenkneipe von Valparaiso erhielt.

„Boys, wir sind doch keine Kinder, dass wir uns das Leben sauer machen sollen, nachdem wir monatelang zusammen herumschwammen, weil drüben im alten Lande ein bisschen Krieg ist!“, meinte Jacobs unter beistimmendem Gemurmel und holte eine vierkantige Flasche aus der Tasche, die er dem Engländer bot. Dieser entfernte den Korken, schnüffelte misstrauisch daran und führte sie zum Mund. Der Steuermann fiel ihm lachend in den Arm, als er gar nicht mehr absetzen wollte.

Mit tiefem Grunzen der Befriedigung ließ jener die Flasche fahren, und nun ging der feurige Stoff von Mann zu Mann, mit Ausnahme der beiden Jungen, auch ich nahm einen Schluck des brennenden Fusels, der den die amerikanische Westküste befahrenden Seeleuten unter dem Namen Pisco bekannt ist.

Jacobs eröffnete nun den Engländern, dass sie im Laufe der kommenden Woche abbezahlt würden; sie könnten dann mit einem der kleinen mexikanischen Schoner nach Guyamas, der anderen Seite des Golfs, hinüberfahren und dort ihren Konsul weiter für sie sorgen lassen.

Die Nachricht löste ungeheuren Jubel unter den Beteiligten aus. Wir anderen blickten neidisch auf sie, die das Glück hatten, die alte „Walküre“ zu verlassen. Martin, ein blonder Schwede mit Augen wie Vergissmeinnichtblumen, fragte, ob auch die Skandinavier gehen könnten, da die „Walküre“ als deutsches Schiff durch den Krieg ja aufläge, und brummte einen ellenlangen Fluch hervor, als er eine abschlägige Antwort erhielt.

„Väterchen Steuermann, wie sieht es denn an Land aus?“, fragte Wassinka, der Russe.

Ryce erwiderte lachend: „Well, ich bin zum ersten Mal hier! Aber ich sage euch, dass das alte Salpeternest Iquique unten an der Westküste ... obwohl nur ein Haufen im Sand vergrabener Häuser und Lehmmauern ... tausend mal schöner ist als dieser Ort, den die Kerle Santa Rosalia nennen ...“

„Gibt’s denn nichts zu trinken? Sind keine Unterröcke zu haben?“, meinte der erste Sprecher.

„Dass die Weiber bei der blutigen Hitze Unterröcke anhaben, glaube ich nicht... aber Langhaarige, die darauf warten, euch das sauer verdiente Geld aus den Taschen zu fischen, sind genug zu haben! Hässlich und fett wie die Walfängertonnen,“ lachte der Steuermann.

„Well, ihr werdet es ja selbst sehen!... sonderbare Zustände! In einer Straße stehen eine Menge kleiner mit Wellblech gedeckter Hütten, und neben den Türen hängen in Nischen die ewigen Lampen und bunte Madonnenbilder. Darunter hocken auf Schemeln weibliche Fettklumpen... wie verunglückte Plumpuddings zur Weihnachtszeit in Oid England ... in grelle, aber verwaschene Seide gewickelt... Arme, Hals und Gesicht gepudert... ich sage euch, was so eine an Puder auf dem Leib trägt, damit kann man ein ganzes fünfmastiges Vollschiff befrachten! Wie ausgegrabene Leichen sehen sie aus, denn braun sind sie von Natur, und durch den Puder werden sie blau und violett! ...“

„Macht nix, nevermind, Steuermann!“, unterbrach der Schotte den Bremer. „Schon zweimal lag ich hier vor Anker und kenne das! Sie sind fett, aber so übel nicht und sehr gefällig den Seeleuten gegenüber! Hat man kein Geld, so nehmen sie Kleider, für die Ihnen der Jude in Hamburg keinen roten Cent gibt. Das letzte mal, als ich hier war, bin ich bei der Margarita — sicher ist sie noch drüben, es sind keine zwei Jahre her — die ganze Nacht für ein Dutzend weißer Taschentücher geblieben und kriegte noch frei zu saufen! Wenn es Ihnen komisch vorkommt, dass an den Bordelltüren Heiligenbilder hängen und ewige Lampen brennen, so stecken Sie nur die Nase in die Hütten. Dort werden Sie die Heiligen auch über den Betten sehen, und kein Mensch hier findet etwas Besonderes daran. Die Weiber sind eben bigott, ihre Männer sind mehr auf Revolutionen geeicht!“

„Hör’ jetzt mit deinen Weibern auf!“, brummte der Schwede: „Herr Ryce soll lieber erzählen, ob es etwas zu trinken gibt!“

„Einen Tropfen?“, fragte der Offizier: „Yes, genug! Bier, süßen, dicken Wein und brennenden Schnaps. Aber nur in der Woche! An Sonntagen könnt ihr Alkohol nur bis um die Mittagsstunde erhalten; nachher bekommt ihr Sodawasser!“

„Warum das?“, riefen erboste Stimmen.

Jacobs, der so lange den Zuhörer spielte, sprach gewichtig: „Wegen euch Janmaaten! Über ein Dutzend Schiffe liegen hier, und die Mannschaft besteht nicht gerade aus Leuten, die einer Sonntagsschullehrerin Freude machen würden. Wenn ihr den ganzen Sonntag saufen könntet, so würde das Nest hier bald auf dem Kopf stehen. Aber ihr dürft ja in der Woche abends an Land und könnt euch dann reichlich entschädigen.“

„Lasst nur, Maaten, sorgt nicht, wir werden auch Sonntags unseren Tropfen kriegen! Wir gehen einfach jeder mit einigen Flaschen zu den Mädchen, da stört uns keiner, ich kenne das!“, lachte der Bremer.

„Nehmt euch nur in acht, dass ihr mit dem Militär nicht in Konflikt kommt!“, warnte Jacobs, „es liegen einige Hundert von den Revolutionären hier, die die Herren spielen. Die Kerle sehen aus wie die Vogelscheuchen! Uniform besitzt keiner, jeder trägt, was er hat, meist eine zerlumpte Hose, schmierige Hemden, riesige zerknitterte Hüte und an den braunen Füßen rohe Sandalen. Um den Arm haben sie rote Lappen, sind jedoch mit sehr tüchtig aussehenden Waffen über und über behangen. Ich ließ mir sagen, dass die mit derselben Gemütsruhe einen Menschen zusammenschießen, wie ich hier mit dem Fuß eine Kakerlaken zertrete.“

Ryce lachte dazwischen: „Als wir an Bord gingen, saßen die Offiziere der Truppen vor dem Hotel Moderno und schnatterten wie die Affen; uns kam das Lachen an, als wir die Helden sahen! Mit großen goldenen Achselklappen und breiten roten Streifen an zerrissenen Hosen, mächtige Strohhüte auf den Köpfen, kanonenähnliche Revolver um die Bäuche, langen Messern und rostigen Säbeln, so saßen die Herren beim Wein!“

Der Erzähler schwieg, sog heftig an der Pfeife und verließ uns nach einigen Scherzworten, gefolgt von seinen Kollegen. Der eine Junge wurde ihnen nachgeschickt, um einen neuen Lampenzylinder zu holen. Dann gingen auch wir in unsern gemeinsamen Schlaf- und Wohnpalast.

In dem engen, niederen Raum, um dessen Wände die Kojen, je eine über der anderen, liefen, saßen wir auf unseren Kisten, die aus Platzmangel die Bänke vertraten, um den schmalen Tisch, rauchten unsere Pfeifen mit scharfem mexikanischen Blättertabak und lauschten dem Bremer Hein, wie er in einer Mischung von Plattdeutsch und Englisch den Ort Santa Rosalia beschrieb. Doch bald kroch einer nach dem anderen in die Koje.

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ICH TRAT WIEDER AN Deck, um der dumpfigen, stickigen Luft, welche die in einen kleinen Raum gepferchte Menschheit, die von den Kojen baumelnden durchschwitzten Arbeitskleider und unter dem Tisch an Nägeln hängenden, mit Tran geschmierten Seestiefel auströmten, zu entrinnen. Ich durfte auch nicht schlafen, weil ich Wachtmann war, der die ganze Nacht bis sechs Uhr früh aufbleiben musste, um die Ankerlampen instand zu halten.

An die Reling gelehnt, sah ich über Bord. Unbeweglich ruhten schlanke Segelschiffskörper auf dem Wasser, die weißen, geschnitzten Meermänner und Seeweibchen ihrer Gallionsfiguren schimmerten matt, und die hohen Masten schienen das sternflimmernde Firmament, das sich wie ein unermessliches Prachtzelt über alles ausdehnte, zu stützen und zu tragen. In Santa Rosalia blinkten verstreute Lichter bis hoch hin an den Berg gleich winzigen Glühwürmchen. Rechts von mir, wo die großen Hochöfen der Schmelze standen, flackerte es blutig rot durch die Nacht, und dumpfes, rollendes Poltern drang an mein Ohr. Die Pumpe, die den Ort mit Wasser versorgte, stampfte rhythmisch.

Morgen wollte ich an Land gehen. Mich lockte das Neue, das Abenteuerliche des Landes, das seit Jahren von Revolution durchtobt wurde. Schon als wir draußen auf Reede lagen, erschienen mir die braunen Menschen, die in gebrechlichen Booten hinausfuhren und uns Apfelsinen verkauften, mit den kühn blitzenden Augen, den weißen Prachtgebissen, den malerischen Lumpen und riesigen Hüten, so verlockend.

Wenn ich dann über den sonnenbeschienenen Streifen Wasser nach den nahen Bergen sah, die in nackter Kahlheit wie eine im Guss erstarrte Eisenmasse aus dem Meer tauchten, wenn ich die steilen Geröllhänge mit den blassgrünen Riesenkakteen und die darüber kreisenden Aasgeier ... die kleinen Lehm- und Strohhütten an die rötlichen Felsen geschmiegt ... wenn ich dies alles erblickte, dann ging etwas in mir auf wie ein Tor. Ich fühlte, ich würde hindurchtaumeln durch dieses Tor, hinein in die Freiheit, fort von diesem Höllenschiff, diesem schwimmenden Gefängnis, in welchem alle Laster und hässlichen Eigenschaften der Welt in Gestalt von Menschen zusammengesperrt waren.

Was hatte ich, noch nicht sechzehn Jahre alt, auf diesem Schiff, das den stolzen Namen „Walküre“ führte, alles erleben und durchkosten müssen! Wie hatten wir uns gegenseitig brutal das Leben verbittert, hatten gehungert, gearbeitet wie die Galeerensklaven, tyrannisiert von einem trunkenen Kapitän. Wie die Tiere lebten wir, bis wir selbst auf das Niveau von Tiermenschen herabsanken, deren einzige Unterhaltung sich um Alkohol und Weiber drehte.

Und nun herrschte drüben Krieg, und die „Walküre“ konnte den schützenden, neutralen Hafen nicht verlassen ... Dies alles ging durch mein Hirn, als ich an der Reling lehnte, und immer fester wurde der Plan in mir, das Schiff zu verlassen, fortzulaufen. Wieder gaukelten bunte, lockende Bilder prächtiger Tropenlandschaften vor meinen Augen.

Ein Knall wehte matt über das Wasser - schreckte mich aus meiner Versunkenheit. Rollende Gewehrsalven folgten, deutlich sah ich drüben das Aufblitzen der Schüsse, die nun in ein unregelmäßiges Rottenfeuer übergingen. Zwischendurch hörte ich wildes Geschrei; gellende, in hoher Fistelstimme ausgestoßene Jubelrufe ließen mein Blut schneller durch die Adern kreisen, und ein unbändiges Verlangen, teilzunehmen an diesem wilden Leben, durchtobte mich. Nach einiger Zeit flaute das Schießen ab; nur manchmal noch knallte hoch in den Bergen, wo die Häuser von Providencia, den großen französischen Kupferminen, klebten, ein einzelner Schuss. Monotones Summen drang herüber, und schrille Rufe gellten.

Bei uns an Bord schlief alles, keiner hatte etwas gehört. Der Tau fiel dicht herab und bildete auf Deck kleine Rinnsale; fröstelnd holte ich meine dicke Lotsenjacke und schlüpfte mit den bloßen Füßen in die plumpen Holzschuhe, die ich während der langen Reise geschnitzt hatte. So schritt ich klappernd die Planken entlang und begrüßte den Mond, der draußen auf der Reede mit spiegelblanker Scheibe auftauchte und einen breiten Silberfächer über die See deckte. An Land begannen die Hähne zu krähen, in den Schluchten hallte der dröhnende, posaunenartige Schrei eines Esels wider und brach sich in hundertfachem Echo.

In der Kombüse machte ich mir eine Blechtasse des dünnen, unschuldigen Schiffskaffees zurecht, warf einige Zwiebäcke hinein, schöpfte die dicke Lage fetter, weißer Maden, die durch die heiße Flüssigkeit hervorgetrieben wurden, ab ... und hielt, ohne darüber Ekel zu empfinden, denn ich hatte fünf Monate Segelschiffskost genossen, mein frugales Mahl. Danach füllte ich den Herd und nahm draußen mit frischer glimmender Pfeife meine einsame Runde auf. Ungeduldig wartete ich auf den Tag, damit ich ein paar Stunden schlafen konnte, um dann auf Nimmerwiedersehen an Land zu gehen.

Es war mir bekannt, dass ich ein schwieriges Unternehmen vorhatte, denn auf der ganzen Halbinsel, die Deutschlands Größe fast erreichte, gab es nur etwa zwei Dutzend winzige Städtchen, die in ungeheurer Entfernung voneiander lagen, sonst war alles eine öde Bergwüste, wasser- und vegetationslos, mit Ausnahme der Strecken, wo die großen Leuchterkakteen wuchsen. Auf der ganzen Reise, während der dienstfreien Sonntagnachmittage, hatten wir oft die Möglichkeiten des Desertierens besprochen und kamen immer zu dem Endpunkt, dass es unmöglich sei, ohne genügend Geld und Sprachkenntnisse fortzulaufen. Dutzende von missglückten Beispielen, die wir bei unseren mit Heftigkeit geführten Debatten bis in die geringsten Details erörterten, überzeugten uns von den zu erwartenden Schwierigkeiten.

Langsam schritt ich in meinen Holzpantinen auf und ab. Und ich fühlte, dass mich nur noch wenige Stunden von der Freiheit trennten, dass ich bald mit jenen Menschen mit den dunklen Augen in den Rinaldogesichtern verkehren würde, dass ich ihr Leben führen und ihre Abenteuer erleben sollte. Ausgelassene Fröhlichkeit bemächtigte sich meiner; ich nahm die Pfeife aus dem Munde, ließ einen klirrenden, langgezogenen Jodler, wie ich ihn während meiner Kindheit in den Voralpen hörte und lernte, durch die Nacht klingen und freute mich am Echo, das sich in den nahen Bergen brach, vervielfältigt zurückhallte, um endlich seufzend oben in den Schluchten zu ersterben.

Der Morgen kam. Schnell geschieht in jenen Gegenden der Übergang der einzelnen Tageszeiten. Eben sah ich noch einen schmalen, feurigen Streifen hinter mir, von dem viele Lichtstrahlen wie schüchterne Finger über die See streichelten und in das verschwommene Düster der Küste tauchten, die Hänge erkletterten und goldene Reflexe um die starren Gipfel woben; und als ich die Ankerlampe vom Mast geholt und gelöscht hatte, da stand auch schon die Sonne prächtig über dem Meer, und urplötzlich war alles in glänzende Lichtfluten gebadet.

Fischerkähne glitten aus dem Hafen, aus den Häusern und Hütten stiegen weiße Rauchwölkchen in Spiralen nach oben, und der hohe Schornstein stoß eine qualmende, dunkelbraune Wolke aus. Ich weckte den Koch und kroch gähnend in meine Koje. Einer, durch mein Kommen halb wach gemacht, wälzte sich stöhnend auf die Ellbogen und stierte mich aus blöden, glanzlosen Augen an. Ein leises „Damned!“, dann warf er sich zurück und fiel alsbald wieder in das Schnarchkonzert ein. Müde wie ich war, dauerte es nicht lange, bis ich den Schlaf fand.

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DIE SONNE SANDTE HEIßE Strahlen durch das kleine Bullauge meiner Kojenwand, und das Klappern, mit dem der Junge den Tisch rüstete, weckte mich. Ich trat hinaus, goss mir einen Eimer Wasser über Kopf und Brust. Erfrischt begab ich mich in den Raum zurück und setzte mich an den Tisch, wo schon die meisten der Kameraden, halb bekleidet wie ich, missmutig in den Frikadellen umherstocherten.

Hein fluchte: „Kann denn der Speckritter nichts anderes machen als die ewigen faulen Frikadellen? Heute am Feiertag, wo wir doch das elende Zeug seit zwei Wochen jeden Tag dreimal essen! Wozu kommt denn immer die Stange Eis an Bord, um das Fleisch wenigstens frisch zu erhalten. Das Zeug, was wir heute wieder bekommen, läuft ja bald vom Teller weg, so verrottet ist es! Lauf zum Koch, Billy be damned! Lauf, mein Sohn, und frage ihn, warum wir jeden Tag faules Beef essen müssen, das von Maden so lebendig ist, dass wir nur einen Sattel auflegen brauchen, um darauf an Land zu reiten!“, rief er dem Jungen zu, der den sonderbaren Namen „Billy be damned“, Willy sei verdammt, erhielt, sobald er in Liverpool an Bord kam, weil seine ersten englischen Worte, die er bei allen passenden und unpassenden Gelegenheiten anwandte, Billy be damned gewesen waren!

Der Junge lief hinaus und kam zurück.

„Der Koch meint, dass das Eis dazu dient, um des Alten Bier kalt zu halten!“

„Den Alten soll der Böse holen samt seinem Bier, von dem wir doch keinen Tropfen erhalten! Was haben sie hinten zum Frühstück?“, fragte Hein auf des Jungen Nachricht.

„Eierpfannkuchen und Orangenjam!“, antwortete Billy be damned und leckte sich lüstern die Lippen.

Hein erhob sich resolut und kippte den Inhalt seines Tellers zum Fenster hinaus.

„Die Plattfische können den Kram futtern, ich gehe an Land essen!“

Der Beifall, der seinen Worten folgte, wurde durch den ersten Offizier, der den Kopf zum Oberlicht hinabsenkte und rief, es gäbe Vorschuss, unterbrochen.

Die wenigen Schläfer, die noch in den Kojen lagen, schälten sich eilends aus den Decken, als sie das magische Wort hörten, und zusammen begaben wir uns auf das Achterdeck, wo der Kapitän unter dem Sonnensegel saß. Vor sich hatte er die Mannschaftsliste neben einer Stahlkassette, sein Arm berührte eine halbvolle Bierflasche, die auf dem Tischchen stand. Das Auszahlen ging rasch. Jeder Matrose, der Koch, die Zimmerleute, der Meister und der Segelmacher erhielten dreißig Pesos, die Leichtmatrosen zwanzig und die Jungen fünf.

Mit den Worten: „Supt nich to veel!“ entließ uns der Alte und überhörte Hein, der lachte: „Wenn du man nich to veel supst, min leewe Jung!“ ...

Nun warfen sich die meisten in die schon seit Wochen bereit gehaltenen Sonntagskleider. Sechs Mann wurden vom Steuermann abgeteilt, um als Ankerwache an Bord zu bleiben, trotzdem dies in dem geschützten Hafen nicht nötig war. Eilig strebten die Urlauber über die Landungsplanke, und die Zurückbleibenden spuckten missmutig über die Reling.

Gemächlich kleidete ich mich an, steckte Pfeife und Tabak zu mir, ein kleines englisch-spanisches Wörterbuch, ein Geschenk des dritten Steuermanns, erhielt seinen Platz in der Brusttasche; alles andere, selbst meinen Taufschein, ließ ich zurück, warf noch einen Blick in den Raum, der so lange meine Heimat war, und schritt hinaus, über die Planke, den Kai entlang, der Stadt Santa Rosalia zu.

Ich ging allein, wie es auch die anderen von mir gewohnt waren. Einen Freund, an den ich mich enger anschloss, besaß ich nicht an Bord, hatte auch noch nie in meinem Leben einen solchen gehabt. Soweit ich in meine Kindheit zurückdenken konnte, immer war ich einsam gewesen.

Während meiner Schulzeit in der alten Kaiserstadt Wien blieb ich immer allein. Von klein auf ein Grübler, pflegte ich gern allein auf einer Waldwiese zu liegen und in den blauen Himmel zu starren oder hinter dem Ofen zu sitzen und Bücher zu verschlingen, wahllos, was ich in dem großen Schrank finden konnte. Ich las viel, was ich nicht hätte in die Finger nehmen dürfen, und zergrübelte mir oft tagelang den Kopf über mir unverständliche Stellen. So wurde ich früh reif.

Mit zwölf Jahren rauchte ich wie ein Vollmatrose den scharfen österreichischen Kommisstabak, stieg den Mädchen nach, las Maupassant, Zola und Goncourt und begriff auch alles, was ich las, vergiftete mir jedoch keineswegs die Seele damit, obwohl ich manchmal einen unaussprechlichen Ekel vor dem Leben bekam.

Gern und mit Genuss schwänzte ich die Schule, wo ich nur konnte. Wenn es regnete, so lief ich stundenlang in der riesigen Stadt umher und drückte die Nase platt an den Spiegelscheiben der großen Buchläden. War das Wetter gut, so befand ich mich in Kaiser Franz Josefs Tierpark in Schönbrunn vor den Käfigen der exotischen Bestien, von denen es eine große Menge dort gab. Da stand ich vor den Löwen und Tigerkäfigen und durchbohrte die Tiere mit den Augen, bis sie blinzelnd wegschauten oder gähnend die blutroten Rachen aufrissen.

Oder ich wanderte in die Berge des schönen und nahen Wiener Waldes, lag in den Auen an den Bächen und sah zu, wie die düsteren Trauermäntel an den Blumenkelchen nippten oder auf den Sonnenstrahlen gaukelten. Ich fing und züchtete Raupen und haschte mit Vorliebe die goldäugigen Blindschleichen oder die marmorierten Ringelnattern. Oft hatte ich eines der Tiere in meiner Tasche oder wand den schuppigen, kühlen Leib um meinen Hals und war untröstlich, wenn meine Gefangenen mir entkamen.

Einmal schwänzte ich mehrere Wochen hintereinander die Schule, was in dem gemütlichen Wien sehr leicht möglich war; aber die Sache kam heraus, und die Folgen, verbunden mit anderen Umständen, ließen meinen Wunsch, zur See zu fahren, plötzlich in Erfüllung gehen. Aber ich blieb immer isoliert, immer allein und wollte auch allein sein.

An Bord der „Walküre“ auch. Während der ersten Wochen auf diesem Schiff packte mich ein ungeheurer Ekel. Das, was ich bisher in Büchern las und nur ahnte, das hörte ich nun deutlich Tag für Tag bei den Mahlzeiten von den Kameraden mit zynischer, brutaler Offenheit erörtern. Was ich an schlüpfrigen französischen Schriftstellern nicht begriffen hatte, das ergänzten jene gerne und bereitwillig. Mit drastischer Gewissenhaftigkeit klärte man mich über alles auf.

Ich lernte gemeine Lieder singen und von Weibern reden wie der Pferdehändler über seine Tiere. Fast hätte ich am eigenen Leibe erfahren, wie weit sich menschliche unnatürliche Leidenschaft verirren kann. Wir waren erst wenige Wochen in See. An Bord hatten wir einen sogenannten Meister, einen Schlosser, denn es gibt viel auf einem großen Segler zu schweißen und zu hämmern, auch muss er im Hafen die Dampfwinden in Ordnung halten. Diesem Meister hatte ich oft den Blasebalg seiner primitiven Feldschmiede getreten, und bald merkte ich, wie er, der erst grob und brutal gewesen, plötzlich anfing zu schmeicheln und schön zu tun. Ich ließ ihn gewähren, denn ich wusste nicht, worauf sein Gebaren hinauslief. Bis er eines Abends im Zwielicht des Mannschaftsraumes, in dem wir beide uns zufällig allein befanden, deutlich und handgreiflich wurde. Zuerst war ich verblüfft und entsetzt, dann aber überkam mich eine rasende Wut. Ich ergriff den großen, vollen, zehn Liter fassenden Teekessel und schmetterte ihn in das lüsterne Gesicht vor mir. Der Mann taumelte zurück und ging mir dann zu Leibe.

Dem großen, breitschultrigen Mann war ich nicht gewachsen, und es wäre mir übel ergangen, wenn die anderen nicht, durch den Lärm angezogen, herbeigestürzt wären und ihn weggerissen hätten. Ich erzählte die Ursache des Falles.

„Hundesohn!“, fauchte Hein den Meister an, und einer der Engländer rief mir ermunternd zu: „Give it to him, gib es ihm, Bismarck, und das nächste Mal nimmst du nicht den Teekessel, sondern den Hammer und schlägst dem Sohn einer Hündin den Schädel ein!“

In einem Anfall innerer Wut versetzte ich wie abwesend: „Yes, das nächste Mal kriegt er den Hammer!“

Jemand lachte im Hintergrund: „Seht euch nur den Bismarck an! Wütend wie ein Stier, und hat ein ganz glattes Gesicht. Boys, das ist ein Schlimmer! Dem merkt man nie an, was er denkt. Und du, mach, dass du an Deck kommst!“, brüllte er den Meister an, dem das Blut aus der Nase lief, denn mein Teekessel hatte ihn gut getroffen.

Und eben dieser Mann, dem ich immer nur mit Wut und Misstrauen begegnete, der lief jetzt den staubigen Kai zwischen den schmalspurigen Schienen hinter mir her und rief: „Bismarck! Bismarck! Warte doch!“

Ich ließ ihn verwundert herankommen.

„Geh’ mit mir! Ich will dir das Nest zeigen und gebe einen aus!“, sagte er.

Ich überlegte Sekunden, bevor ich antwortete: „Allright, komm!“

*

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DEN ANFANG DES KAIS erreichend, bogen wir in die Straße, die am Wasser entlangführte. Rechts lag die Schmelze, und ich sah braune, halbnackte Männer die glühende, brennende Schlacken in einrädrigen Schubkarren transportierten und einen steilen Hang hinabkippten. Am Wasser, wo aus Brettern und Balken eine Landungsbrücke zurechtgezimmert war, standen lachende Fischer, sie hatten die Beinkleider hochgekrempelt und trugen große runde Strohhüte. Ihre Oberkörper und die Hände waren mit Blut besprenkelt, und nähertretend erkannten wir, dass sie eben zwei riesige Seeschildkröten, wohl jede einen Meter lang, geschlachtet hatten. Das dunkle, bläuliche Fleisch lag, von Legionen Fliegen besät, in Fetzen auf dem Strand.

Die staubige, holprige Straße bog scharf aufwärts, die ersten Häuser zeigten sich. Gleich am Anfang stand ein viereckiges Gebäude mit grünen Tieren, darüber ein Riesenschild mit zwei gemalten Löwenköpfen und der Aufschrift „Cantina del Leon“ dazwischen. Ein wackliges Kirchlein, einige hundert kleine Häuser, die Gebäude der Minengesellschaft und die auf einer Anhöhe liegenden, von Zackenmauern umkränzten Kasernen - das war Santa Rosalia. Den Hintergrund bildeten braune, mit wenigen Kakteen bewucherte Berge. Am Abhang eines solchen hing der Ort Providencia, eine Art Vorstadt des Hafens, in dem die Minenarbeiter wohnten.

Langsam schlenderten wir durch den dicken Staub. Überall sah man Seeleute. Dazwischen drängten sich halbwüchsige Jungen mit flachen Blechen voller zuckerglasierter Kuchen auf den Köpfen ... Limonadenverkäufer, Wasserträger, die ihr melodisches „Agua!“ riefen, zierliche Senoritas in himmelblauen oder erdbeerfarbenen Seidenkleidern, die hübschen Gesichter entstellt durch dicke Lagen Puder, Honoratioren auf kleinen, langmähnigen Pferdchen, mit silberbestickten Sätteln und mit den riesigen Sporen klingelnd, galoppierten durch die Menge. Blinde oder verkrüppelte Bettler hockten im Staub, und kleine Trupps schwarzer und brauner Esel, hochbepackt mit Holzknüppeln, schwankten gemächlich einher.

Überall standen, saßen oder lagen Soldaten in bunten Lumpen. Jeder trug sein Gewehr bei sich, und alle rauchten. Oft saß eine solche Gesellschaft, die Waffen neben sich, würfelnd und Karten spielend mitten im Weg. Vergebens suchten meine Augen einen Baum oder grünen Busch. Nichts, kein einziger Grashalm, nur Sand, Steine, Staub, Fliegen und unzählige Zigarettenstummel.

Da erblickte ich eine kümmerliche Gartenanlage. Ein paar staubbedeckte Sträucher, denen man es ansah, dass sie nicht wachsen wollten und konnten, umgaben einen weißen, nach allen Seiten offenen Pavillon. Hart daneben am Gitter staute sich eine Menschenmenge, meist Seeleute. Wir drängten näher und standen vor einem schmutzig-weißen, an vielen Stellen blutdurchtränkten Laken, welches, den Umrissen nach zu schließen, eine menschliche Gestalt verbarg. Daneben hockte, kreuzbeinig wie ein Türke, ein Soldat, das Gewehr über dem Knie, die Zigarette im Mundwinkel.

„Was ist denn hier los?“, fragte ich.

„Theater, Panoptikum!“, lachte jemand, und ein anderer erklärte: „Die Soldaten haben in der Nacht ihren Kommandanten erschossen. Warum, das mag der liebe Gott wissen. Habt ihr denn nicht das Geknalle gehört heute in aller Frühe?“

Jetzt wusste ich, was das Schießen bedeutete, das mich an Bord aus meinen Grübeleien aufschreckte.

„Aber warum liegt denn der Leichnam noch da?“, staunte der Meister.

„Weil die Kerle hier alle so entsetzlich faul sind! Vielleicht hatten sie auch gerade keine Zeit, weil sie eine interessante Kartenpartie haben!“, ertönte die Antwort. „Aber passt auf, gleich beginnt die Vorstellung. Genau wie beim Wachsfigurenkabinett auf der Reeperbahn in Hamburg, der Kerl, der den Toten bewacht, wird gleich zu euch kommen, um einzukassieren!“

Kaum hatte er ausgeredet, als sich der Soldat aus seiner bequemen Stellung erhob, den Zigarettenstummel fortwarf und den Schießprügel an den Stein lehnte. Er nahm den zerknüllten Hut vom Kopf, hielt mir denselben hin und zeigte zwei prachtvolle Zahnreihen, als sich seine Lippen öffneten. Eifrig redete er auf mich ein.

Ich warf dem Mann, der bald auf mich einlachte und sprach, bald wild mit der Faust nach den Überresten seines gewesenen Kommandanten drohte, ein Zehncentavostück in den Hut. Andere folgten meinem Beispiel.

Lachend ging er zurück, drehte sich sorgfältig eine neue Zigarette, brannte sie an und zog dann das Tuch hinweg. Vor uns lag ein nackter Leichnam in einer dicken Kruste geronnenen Blutes. Ein Auge stand offen, desgleichen der Mund, während das andere halb aus der Höhle hing. Summend kamen die Fliegen und bedeckten in Scharen den Körper, dessen Oberleib von unzähligen Kugeln durchbohrt und durchsiebt war.

Langsam zog der Mexikaner wieder das Tuch darüber, hockte sich hin und begann eine neue Zigarette zu drehen. Es war der erste auf diese fürchterliche Art zugerichtete Tote, den ich erblickte. Trotzdem der Anblick ohne Zweifel scheußlich war, empfand ich kein Grauen, nur eine Art Neugierde, und obwohl sich die Gedanken in meinem Hirn blitzschnell überstürzten und mir sagten, dass mir das gleiche Los blühen könne, wenn ich meinen Plan, mich in diese Anarchie zu stürzen, nicht aufgab, so schreckte mich das mahnende Beispiel nicht ab. Mein Begleiter zog mich fort, dem Hotel zu, wo wir uns bei einigen anderen Seeleuten niederließen und Wein bestellten.

Wir kamen mit diesen in Unterhaltung und tauschten unsere Erlebnisse von See aus, das alte Lied von harter Arbeit, schlechter Nahrung und Tyrannisierung.

Heiß brannte die Sonne vom leuchtenden Himmel auf den Platz vor uns, der, es war um die Mittagsstunde, fast ausgestorben von Menschen dalag. In Klumpen zu dreien und zu vieren hockten hässliche Aasgeier am Boden oder torkelten schwerfällig einher.

Der Meister forderte mich auf, mit an Bord zum Essen zu gehen, brach aber, als ich dies ausschlug, allein mit den Worten auf: „Na, Bismarck, du scheinst dich ja unter den Halsabschneidern sehr wohl zu fühlen. Bist ein komischer Kerl!“

Noch eine Weile blieben wir sitzen, dann erhoben wir anderen uns gemeinsam, nachdem einer den Vorschlag machte, uns die Bordelle anzusehen. Langsam durch die Straßen wandernd, bogen wir in ein enges, kurzes Gässchen, das an einem Geröllhang endete. Kleine Häuser, wie Streichholzschachteln, aus Lehm gebaut, umgaben den Weg. Aus einigen drang Gitarren klimpern, Weiberkreischen und Lachen.

In manchen Türrahmen saßen oder lehnten neben bunten Heiligenbildern Frauen; die einen mager wie Skelette, andere unförmlich dick, alle mit geschminkten, maskenhaft starren Gesichtem, in den Ohren große, bis auf die Schultern fallende Goldreifen, gekleidet in weiße oder zartfarbene, glatt vom Körper hängende Seide.

Sie winkten und lachten, als wir vorbeizogen. Eine kam heraus, trippelte mit hohen Absätzen über die Straße und hing sich an einen der Kameraden, der sich fluchend und lachend von ihr mitziehen ließ. Eine andere entblößte, als wir uns an ihrer Türe vorbeischoben, den Oberkörper. An ihrem Haus, im Schatten der Mauer, lag schnarchend ein betrunkener Matrose in Arbeitskleidern, die Ärmel über die muskulösen, tätowierten Arme gestreift, mit Holzpantoffeln an den Füßen. Seine rechte Hand umkrampfte eine leere Flasche. Fliegen umsummten den Schläfer und bedeckten ihm Mund und Augen.

Von den drei Mann, die mit mir kamen, war einer nach dem anderen verschwunden, der letzte wurde eben von einem in hellblaue Seide gewickelten Weib in ihre Hütte gezogen. Das eintönige Klimpern der Gitarre und lachende Stimmen, die mir bekannt erschienen, lockten mich in ein Haus. Noch vom Sonnenlicht geblendet, vermochten meine Augen in dem dunklen, fensterlosen Raum nichts zu unterscheiden, doch eine helle Öffnung, die sich scharf abgrenzte, zeigte mir den Weg. Jetzt befand ich mich im Hof, der von hohen Brettern umgeben, zur Hälfte von einer verschlissenen Markise überdacht wurde.

Lautes Geschrei hieß mich willkommen. Auf bunten Decken, über sandigen Boden gebreitet, ruhten fünf Weiber und einige Matrosen, darunter Hein, der Bremer, und der Engländer Henry. Viele Flaschen standen umher neben Tellern voller Datteln und Kuchen.

Hein lehnte mit dem Rücken gegen die Hauswand und hielt ein Weib, aus deren offener Bluse eine volle, samtbraune Brust quoll, im Arm. Der Engländer ließ sich von einer anderen in den Haaren krauen, während zwei mir unbekannte Seeleute mit zwei Mädchen in malerischen Stellungen danebenlagen. Alle schrien, sangen und führten abwechselnd die Flaschen zum Mund und bemühten sich, der Gitarrespielerin, die allein auf einer zerbrochenen Kiste saß, Dattelkerne und Apfelsinenschalen in den Halsausschnitt zu werfen.

„Setz dich und trink, Bismarck, mein Sohn!“, sagte Hein dröhnend, reichte mir die Flasche, und zog mich, der ich wegen des genossenen Weines ziemlich benommen war, nieder. Die Gitarrespielerin hörte auf und legte sich eng neben mich.

Jeder sprach, brüllte oder sang. Die Mädchen konnten uns nicht verstehen und wir sie auch nicht, aber das Stimmengewirr schwieg keine Sekunde. Als ich trank, merkte ich, dass der brennende Fusel sofort in meinen Kopf stieg. Ich wollte fortlaufen, aber die anderen hielten mich fest.

Schwerfällig erhob sich nach einer Weile Hein, stand schwankend auf den gespreizten Füßen und rief mir zu: „Komm, Bismarck, du bist ein kräftiger Junge, du magst mir helfen. Wir wollen meine Margarita einmal voll Schnaps füllen!“

„Das kannst du doch allein machen!“, antwortete ich sehr erstaunt.

„Quatsch! Ich kann sie nicht kriegen, es ist mir, als ob sie immer in der Luft herumfliegt, oder bin ich so betrunken, dass ich dies nur glaube?“

Er krebste mit der Flasche in der Hand in verschiedenen Richtungen in der Luft herum, sank zu Boden und berührte zufällig sein Mädchen, das aber mit einer kraftlosen Bewegung die Flasche fortschob.

„Siehst du!“, lallte Hein. „Aber komm, wir wollen ihr die Gottesgabe eintrichtern, wenn sie nicht will!“

„Lass den Bismarck, der ist an seinem braunen Pfefferkuchen mit der Gitarre angeklebt. Armer Boy, sie wird ihn ausplündern!“, fiel der Engländer ein und wollte aufspringen, sank jedoch mit den Worten zurück: „Damned, bin ich müde! Go to sleep ... to ... sie ... eep.“ Schon schnarchte er dröhnend.

Hein stierte einen Augenblick auf ihn nieder und ließ sich dann quer über Margarita fallen und murmelte leise: „Der Englishman hat recht, Bismarck... schlafen, schlafen... Nimm die Margarita, sollst sie haben... Teufel, wie brennt mir der Magen!“

Er schwieg. Die beiden anderen saßen sich gegenüber und tranken sich in schneller und stummer Wechselfolge zu, unterstützt von ihren Mädchen, welche Kehlen wie irländische Matrosen haben mussten. Laut schnarchte Henry mit offenem Mund, um den die Fliegen summten. Seine Freundin kauerte neben ihm, unbeweglich wie eine Statue, in ein weinrotes Kleid, das von der rechten Schulter fiel, gehüllt, und ununterbrochen tropften Tränen aus ihren Augen und kollerten blitzend über die Stofffalten.

Der genossene Alkohol zog mir flimmernde Schleier vor den Blick und hämmerte toll in meinen Schläfen. Die Arme der Mexikanerin umzirkelten mich. Ich schob ihr Gesicht von mir weg, um es zu betrachten. Durch den Nebel, den die höllischen Geister des Schnapses vor meine Netzhaut zogen, schimmerte das gelbliche, durch den Puder violette Oval mit der niederen Stirn, den schwarzen Augen und roten Lippen. Durch die Wangen hatten Schweißtropfen Furchen gezogen. Dichter und dichter schmiegte sie sich an mich, und in mir schrie die Stimme des Blutes.

Drüben tranken sich die beiden immer noch zu, während ihre Gesellschafterinnen gespannt und, wie es mir trotz meiner Benebeltheit erschien, höhnisch herübersahen. Meine Gedanken wurden etwas klarer, ich versuchte unbeholfen nachzudenken, warum sie mich verhöhnen mochten. Da fühlte ich eine Hand in der Tasche, in der mein Geld noch völlig intakt ruhte. Schnell packte ich zu, und aufkreischend schleuderte das Weib seinen Körper von mir weg. Und gleichzeitig packte mich eine kalte berechnende Wut, die den Lockruf des Blutes, der eben noch meinen Körper beherrschte, wegscheuchte, dass die Trunkenheit wie ein Mantel von mir fiel.

Ich stand auf und näherte mich der Geflüchteten, die wimmernd an der Mauer lehnte, zu betrunken, um weiter zu flüchten. Mit einem Mal sah ich, dass sie ein hässliches, dürres Geschöpf war, und Ekel stieg in meine Kehle.

Während der ganzen Zeit lag Hein unbeweglich über Margarita quer ausgestreckt. Den offenen Mund des Engländers mit den riesengroßen gelben Zähnen umsäumten schwarze Fliegen. Noch immer hockte sein Weib zusammengekauert da und starrte ins Leere. Ihre Augen waren trocken von Tränen, und wo diese vorher hinabgerieselt waren, da zogen sich unzählige Risse und Furchen durch die gepuderten Wangen, und das unbewegliche Gesicht sah aus wie eine im Winkel des Speichers stehende verstaubte und vertrocknete Tonmaske.

Die beiden Matrosen tranken sich wortlos zu. Da murmelte der eine etwas, legte sich auf die Seite, barg das Antlitz im Arm und schnarchte. Sein Kamerad sah ihn erstaunt an, stierte dann auf mich und prostete mir mit den abgezirkelten Bewegungen einer Marionette zu.

Ich wurde plötzlich so müde. „Fort, nur fort!“ murmelte ich mechanisch und wankte über den Hof, um durch das Haus auf die Straße zu kommen. In der Tür drehte ich mich noch einmal um.

Der stumme Trinker hockte neben seinem Freund und prostete einer unsichtbaren Person zu. Rasch eilte ich in die Hütte.

Es war ein einziger Raum; Gestelle, mit Segeltuch bekleidet, bildeten die Betten, kleine Kisten und Blechkoffer die Möbel. Die Wände ohne Bewurf, der Boden harter Lehm, überall hingen brennende Lämpchen unter bunten Madonnen. Auf einem Kissen, über welches ich stolperte, lag ein Rosenkranz aus silbernen Perlen. Ich trat in die Sonne, die mir sofort die Kraft raubte; es wurde mir schwarz vor den Augen, und der Alkohol rauschte wie ein Wasserfall durch mein Hirn. Ich riss mich gewaltsam zusammen, erstieg den Abhang und sank hinter einen Felsklotz.

*

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MATT UND WIE ZERSCHLAGEN erwachte ich. Der Tag ging schon zur Neige. Der Abhang, wo ich vor Stunden zu Boden fiel, ruhte im violetten Schatten der dahinter ansteigenden Berge. Mühsam erhob ich mich und hielt meinen Kopf.

Zu meinen Füßen gruppierten sich die grauen und gelben Häuser der Stadt; dahinter breitete sich die See aus, schimmernd und ruhig wie ein Spiegel. Die Segler, die im Hafen oder draußen auf der Reede ankerten, glänzten, von der untergehenden Sonne beleuchtet, im roten Abendgold. Ein kleiner, zweimastiger Schoner glitt sachte wie ein Schwan durch die Einfahrt.

Ich strebte dem Hotel Moderno zu, wo ich mich durch viele Becher eisigen Sodawassers erfrischte. Es herrschte wieder buntes Menschengewoge in dem Städtchen. Ein Matrose von der „Walküre“ rief mir im Vorbeigehen zu, ich sollte machen, dass ich an Bord käme und die Ankerlampe anzünden. Ich lachte schallend, dass er mich verwundert betrachtete, aber eine Menschenwoge riss uns auseinander. Trompetenschmettern und laute Trommeln lenkten aller Aufmerksamkeit auf den Platz vor dem Hotel.

Soldaten kamen! Voran schritten eine Menge Spielleute, die mit den scharrenden Sandalen den Staub aufrührten. In einigem Abstand von ihnen kamen Offiziere, bunt und theatralisch herausgeputzte Männer, die stolz um sich blickten und die Schnurrbärte zwirbelten. Bogenlampen schütteten blaues Licht über die Szene.

Wahllos waren die abenteuerlichen Gestalten mit Goldschnüren und Tressen übersät. Einer, ein breitschultriger, blatternarbiger Mann in blauer Jacke, die von Goldschnüren strotzte, und schmutzigen weißen Hosen mit breiten roten Streifen daran, ragte aus den übrigen besonders hervor. An der Front des Riesenhutes, den eine rote Schleife schmückte, blitzten drei goldene Sternchen, und an seinen Schuhen trug er mächtige Rädersporen.

Hinter der Gruppe marschierte ein langer Zug Soldaten, je drei Mann in einer Reihe, die in mannigfachen und vielfarbenen Lumpen steckten. Alle besaßen nur Hemd, Hose, Sandalen und große Strohhüte jeder Form. Um den Oberkörper trug jeder drei weiße Patronengurte aus Segeltuch, die Gewehre schleppten sie auf den Schultern oder in der Hand, wie es ihnen behagte. Sie lachten und plauderten während des Marsches, und einige rauchten aus Pfeifen, die sie sicher von Seeleuten erhielten.

Auf einen Wink des Pockennarbigen schwiegen die Spielleute, und er wandte sich an das Publikum, während die Soldaten eine Art Viereck um den Platz bildeten, um den die ganze Bevölkerung von Santa Rosalia stand. Beifallsgeschrei erbrauste. Der Redner riss den Hut vom Kopfe und brüllte, sich überschlagend: „Viva la revolucion! Viva Mexico!“

Gellend und jubelnd fiel alles in den gleichen Ruf ein. Ein Höllenspektakel! Soldaten schossen in die Luft, und die Leute hüpften in wahnsinniger Erregung auf den Fußspitzen und brüllten, und wieder und wieder hallte der Ruf: „Viva la revolucion!“ ...

Da schaffte der Pockennarbige mit einer erneuten Handbewegung Stille, rollend ging das aufgescheuchte Echo in den Bergen schlafen. Kommandorufe schallten, und die Soldaten öffneten ihre Mitte. Zwei von ihnen schoben einen Karren heran, dessen Form mir merkwürdig bekannt vorkam, und genauer hinsehend, erkannte ich staunend einen Leierkasten auf Rädern. Während der folgenden Szene musste ich das Lachen, das mir sicher sehr übel bekommen wäre, mit aller Gewalt unterdrücken.

Einer der Offiziere schritt an den Karren und fasste die Kurbel. Befehle gellten, und er begann zu orgeln. Zu den Klängen eines Walzers marschierten die Soldaten im Kreis, sichtlich, aber vergeblich, bemüht, gleichen Schritt zu halten. Ich machte, dass ich fortkam. Was war das doch für ein seltsames Volk!

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ICH GING HINAB ZUM Hafen.

Zwei von einem Feuer fantastisch beleuchtete Gestalten hantierten an einem Kanu. Ich drückte dem einen ohne Vorrede einen Pesoschein in die Hand und fragte auf englisch, worunter ich ein paar spanische Brocken mischte, ob sie mich nicht auf die andere Seite des Golfes, nach der neunzig Seemeilen entfernt liegenden Stadt Guaymas, bringen könnten. Die beiden lachten und zeigten die weißen Zähne. Endlich begriffen sie mich, als ich Hände und Füße pantomimisch zu Hilfe nahm. Die Faust nach der „Walküre“, die unweit lag, schüttelnd, knirschte ich mit den Zähnen, stampfte den Boden und rief: „No! No!“ Dann wies ich auf einen kleinen mexikanischen Schoner und lachte: Guaymas!

In ihren Augen leuchtete es auf, und sie lachten schallend, dann erwiderte einer, der energisch mit dem Kopfe nickte: „Mulege.“

Ich begriff ihn nicht und wiederholte meine Pantomime. Eifrig nickten sie und machten nun die Bewegung des Geldzählens. Fünf Pesos zog ich aus der Tasche und zeigte diese.

„Zu wenig, zu wenig!“, entnahm ich ihren verächtlichen Gesten, und der Sprecher befühlte prüfend meinen Ärmel und machte deutliche Zeichen, ich solle die Jacke ausziehen.

Ich nahm die darin befindlichen Gegenstände heraus und reichte sie hin, er zog sie sofort freudig an und klatschte sich auf die Schenkel. Die fünf Pesos schob er mir wieder zurück. Er verblüffte mich durch diese Handlung, und innerlich schätzte ich mich glücklich, die Jacke, die ich wegen ihrer Dicke erst an Bord lassen wollte, angezogen zu haben. Mochte er sie behalten, ich fror in diesem Klima in meinem Wollhemd nicht, und die Hauptsache war, dass ich von der „Walküre“ fortkam. Sie winkten mir nun, in das halb an den Strand gezogene Kanu zu steigen.

Nach wenigen Paddelschlägen legten wir an die Seite eines kleinen Schoners, der vielleicht zehn Meter lang war, an und erkletterten das niedere Deck. Ich folgte meinen Führern durch eine kleine Falltür in den Raum, wobei ich, als ich mich aufrichten wollte, heftig mit der Stirn gegen einen Balken prallte. Eine Kerze flackerte auf, und ich sah, dass ich auf vollen Säcken stand.

Man winkte mir, mich niederzulassen. Wein, Brot und gebratene Fische wurden mir vorgesetzt, und meine Gastgeber versuchten mit mir zu plaudern, was aber durchaus nicht ging, so dass wir alle drei in ein schallendes Gelächter ausbrachen. Nachher bedeutete man mir, ich solle mich hinlegen und schlafen.

Vergebens suchte ich in dem Raum eine ebene Stelle und streckte mich, so gut es ging, quer über zwei Säcke. Ich war müde und kümmerte mich wenig um das Drücken, das sie mir verursachten, ebensowenig um den Umstand, dass meine Beine höher lagen als der Oberkörper. Ich sah noch die beiden Mexikaner murmelnd um die Kerze sitzen, und der neue Besitzer meiner Jacke streichelte oft liebkosend über den blauen Stoff.

Jemand weckte mich, indem er meinen Fuß packte. Die Kerze brannte trüb; mein neuer Freund führte mich an Deck, und wenige Schritte brachten uns an den Bug des Schiffes, wo ich auf ein Zeichen meines Begleiters den winzigen, kinderleichten Anker Hand über Hand aus der Tiefe zog. Wir hissten den Klüver und das trapezförmige Großsegel, und langsam glitt das Schiffchen, von schwacher Landbrise getrieben, durch den Hafen und die Ausfahrt. Der andere Mexikaner saß am Steuer.

Ich trat zu ihm und fragte: „Guaymas?“

„No ... Mulege!“, ertönte die Antwort, und es wurde mir klar, dass der Mann irgendeinen Hafen im Süden meinte, denn dorthin hielt der Kurs. Sanft schaukelte das Fahrzeug auf und nieder. Einen letzten Blick tat ich auf die ankernden Seeschiffe. Mächtig und riesenhaft ruhten sie auf der Flut.

Ich wandte mich nach vorn. Wir segelten dicht an der Küste hinab nach Süden. Lang streckte ich mich neben den Rudersmann und sah über die niedere Reling in das sternflimmernde Wasser. Glucksend schlugen kleine Wellen gegen die Bordwand. Der Kielsog rauschte, und leise klatschte das Segel. Ich streckte mich behaglich aus und blickte zufrieden nach der zackigen, bizarr geformten, tiefschwarzen Küste. Der Steuerer summte ein eintöniges Liedchen, und glücklich schloss ich nach kurzer Zeit die Augen.

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Orangen und Datteln

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Schmerzendes Tageslicht und murmelnder Wellenschlag ließen mich die Lider emporschlagen; ich sprang auf die Füße.

Wie eine Schnecke kroch das Schiffchen die Küste entlang über das von schwacher Brise leicht gekräuselte Wasser. Die Mexikaner saßen an der Kombüse, einer oben und nach vorne zu offenen, innen mit Eisenblech ausgeschlagenen Kiste. Das Steuer regierte sich selbst.

„El Tiburon!“, murmelte der Mexikaner, der neben der Ruderpinne saß, und wies mit der Hand auf die dunkle, spitze Rückenfinne eines Hais, der große Bogen zog. Rauchend reckten wir uns auf den heißen Planken. Die beiden waren schweigsame Menschen, die in den Himmel starrten und unzählige Maishülsenzigaretten vertilgten.

Nach Stunden, während wir immer weiter nach Süden trieben, erhoben sich beide und spähten aufmerksam in die Runde. Plötzlich warf der eine die wenigen Kleider ab und sprang lautlos über Bord. Ich konnte den braunen Körper sehen, wie er bis auf den Grund tauchte und wie ein riesiger, seltsamer Fisch über die Seesterne glitt. Pustend kam er nach oben und schwamm neben dem Schiff, das kaum Fortgang machte, her. Der andere deutete jetzt aufgeregt über Bord in die Tiefe, in der die Sonnenstrahlen sich brachen und zerteilten, dass es aussah, als ob Tausende winziger, goldener Motten dort unten tanzten. Der Schwimmer tauchte zurück, brachte eine spitze Muschel, riesig wie eine Burgunderrübe, an die Oberfläche und warf sie an Deck. Dann schwang er sich nach.

Zum Mittagsmahl hatten wir wieder den angenehmen Tee, mit Klumpen dunkelbraunen Zuckers gesüßt, dazu Maisfladen nebst der Muschel, die, in heißer Asche gedämpft, einen köstlichen Bissen abgab, groß genug für uns drei.

Dann legten wir uns faul nieder und rauchten schweigsam. Langsam zog der „Panadero“ seine Bahn.

Ich wünschte, dass die Fahrt nie enden möge; dieses bebende Dahingleiten auf dem träumenden Wasser, immer weiter hinein in den bläulichen Horizont, das schien mir das Herrlichste zu sein, von dem je ein Mensch, der in dem übervölkerten Europa sein wie ein Uhrwerk geregeltes Leben ging, träumen durfte. Doch ist es eingerichtet in der Welt, dass das Schöne nie zu lange währt, damit wir nicht seiner überdrüssig werden. Entweder verwandelt es sich in Hässlichkeit oder es wird noch schöner, noch überwältigender.

Die Schwankungen des Schiffes wurden stärker, die beiden Segel füllten sich, und schnell furchte der „Panadero“, eine lange Schaumbahn hinter sich, durch die Wogen, die jetzt in breiten glänzenden Rücken, von denen der Wind den Schaum abriss und als blitzende Demantgeschmeide fortschleuderte, rollten. Weiß brandete die See gegen die nahe Küste. Stärker und stärker blies es. Für ein großes Schiff wäre es eine steife Segelbrise gewesen, doch für dieses kleine Ding, auf dem wir uns befanden, bedeutete es einen tüchtigen Sturm.

Stehen konnten wir nicht, liegen auch nicht, wir wären in beiden Fällen einfach über die niedere Reling gerollt. In hockender Lage balancierend, warfen wir im gegebenen Moment den Leib vorwärts, um dem Stampfen des Schiffes, das jetzt wie verrückt auf und nieder hüpfte, zu begegnen. Gleich einem Korken tanzte das Fahrzeug über das Meer, bald tief in einem Wellental, bald hoch oben auf dem Kamm der Woge.

Gleichmütig hockte der Steuerer, hutlos, mit flatternden Haaren zwischen Reling und Ruder geklemmt, an der langen Pinne. Wir beiden stemmten uns zwischen Kombüse und Mast. Mein Gefährte lachte mit blitzenden Augen, und ich blickte über die sich überstürzende Wasserfläche und hätte am liebsten mit den Möven, die mit einem Mal überall flatterten, vor Lust und wilder Freude eingestimmt in ihre triumphierenden Schreie. Zeitweilig trieben wir in gefährliche Nähe des Landes, wo das Wasser mit gierigen Zungen die schrägen Hänge emporleckte oder donnernd gegen die Felsen prallte, aber unermüdlich kämpfte sich das wackere Fahrzeug nach Süden.

Gegen Abend legte sich der Wind, und der „Panadero“ taumelte jetzt wie ein Betrunkener durch die hohe Dünung. Hatten wir vorher gestampft, so rollten wir jetzt in der Windflaute in dem immer noch erregten, schwerfällig wogenden Meer von einer Seite auf die andere. Doch der kaum verspürbare Luftzug genügte, um uns langsam, aber unaufhaltsam vorwärts zu bringen. So trieben wir im sinkenden Abend einer Wolkenwand entgegen, abenteuerlich und bizarr geformt, wie kühne Burgen und schwarze Ungeheuer einer fantastischen Tierwelt.

Spät am Abend umfuhren wir ein Kap, das einem Zuckerhut glich, hinter dem die Küstenberge im weiten Bogen eine riesengroße Bucht bildeten, in der sämtliche Schiffe der Welt Platz gefunden hätten. An der Innenseite des Kaps segelten wir auf das Land zu. Der Wind starb, und wir brachten das Schiff mit Hilfe der langen Riemen vorwärts.

Ein schmaler Flusslauf nahm uns in seine Arme. Silbern zog sich sein Band durch ein enges Tal. Zu beiden Seiten ragten niedere Berge, auf deren Höhen vereinzelte rötliche Lichter wie von offenen Feuern flackerten. Ich konnte eine Straße, die neben dem Wasser herlief, erkennen. Schwarze, unförmliche Massen lagen vorn.

Ein Kanu, mit zwei Mann besetzt, kam uns entgegen. Meine Gefährten wechselten einige Worte mit den Insassen, dann waren sie vorbei, lautlos, wie von Geisterhänden getrieben. Es war erstickend heiß. Das Rudern mit den langen schweren Riemen, wobei man nicht sitzen, sondern knien musste, strengte an, und ich atmete auf, als wir an eine Biegung kamen, hinter der mehrere schwarze Schiffsrümpfe neben einer Flottille von Einbäumen unbeweglich auf dem Wasser ruhten.

Wir zogen die Ruder ein, und aufklatschend fiel der Anker über die Seite. Die beiden hatten es eilig; ohne auszuruhen, brachten sie das Kanu zu Wasser. Wir stießen ab, glitten schnell in schräger Richtung gegen das Ufer und ließen die wie in einem Dornröschenschlaf liegende Flotte hinter uns.

Vergebens versuchte ich, Häuser oder Menschen zu entdecken. Nur auf dem anderen Ufer, wo ich die Straße gesehen hatte, glühten einige Feuer. Schwüle, süß duftende Luftwellen umfingen uns, als das Kanu scharrend anlegte. Wir drängten rauschend durch kniehohe Büsche, kamen auf ebenen Boden, und plötzlich endete der Himmel über uns und machte einem dunklen ineinander verflochtenen Gewirr Platz, durch das einzelne Sterne leuchteten. Zu gleicher Zeit schlug uns ein betäubendes, schrill und eintönig schwirrendes Zirpen zehntausender Grillen entgegen. Rechts und links wölbten sich schlanke Stämme und verloren sich über uns im Dunkel, aus dem manchmal ein langer gefiederter Wedel hernieder hing. Die spitzen harten Blätter streiften mein Gesicht. Die feuchtwarme Luft duftete süß.

Lautlos schritten wir auf weichem Boden durch geheimnisvolles Dunkel, in dem die grünlichen Pünktchen der Leuchtkäfer gaukelten. Stellenweise durchbrachen einzelne Mondstrahlen gleich silbernen Pfeilen das dichte, unbewegliche Blätterdach, und kurze Strecken des uns begleitenden Flusslaufes glänzten wie geschliffenes Spiegelglas, über das sich hohe schlankstämmige Palmen mit Federkronen beugten. Die Grillen musizierten, dass die Luft förmlich erzitterte. Manchmal schwiegen sie sekundenlang wie auf ein Signal alle zur gleichen Zeit; dann hörte ich es im Wasser, von dem leise Unkenrufe herwehten, klatschen und plätschern wie von großen Körpern. Wildtauben gurrten schlaftrunken, und zeitweilig quoll aus dem Dunkel vor uns ein klagender, unsäglich schwermütiger Vogelruf, als ob eine irrende Seele der Nacht ihr Leid erzählen wolle.

Roter Feuerschein spielte in der Ferne durch die Stämme. Über einen niederen Zaun drangen wir durch raunende Büsche und überquerten auf einem Baumstamm einen flüsternden schmalen Wasserlauf. Zu beiden Seiten wuchsen hohe, breitblätterige, mit langen traubengleichen Bananenbündeln bedeckte Stauden, die wir beiseite schieben mussten. Dann stolperten wir durch ein kurzes, von Furchen durchzogenes Feld, über das der Mond blonde Helle goss.

Das Feuer brannte drüben unter niederen Bäumen, aus denen buschige Palmen ragten; dahinter zeichnete sich scharf ein Berg vom Himmel ab. Die Mexikaner stoßen ein paar schrille Rufe aus, die drüben beantwortet wurden; ein Hund kam uns kläffend entgegen ...

Mein Auge fiel auf ein romantisches Bild. An den Stamm einer Palme gelehnt stand ein Indianer mit nacktem Oberkörper, die Hand horchend am Ohr, der angestrengt zu uns herblickte. Züngelnde Reflexe des lodernden Feuers umspielten den braunen Körper und warfen karminrote Schlaglichter darauf. Zwei andere Gestalten, die bis an das Kinn in Decken gehüllt, die Gesichter im Schatten der großen Hüte, auf Kisten um die brennenden Scheite saßen, erhoben sich. Sie schüttelten meinen Gefährten die Hände, umarmten sie und deuteten eifrig auf mich. Dann drückten sie auch mir die Rechte und zogen mich nieder.

Der eine war ein alter Mann mit pergamentartigem Gesicht und langem, schneeweißen Patriarchenbart; malerisch hatte er eine rote Decke um sich geschlagen. Sein Nachbar, dessen Züge eine überraschende Ähnlichkeit mit ihm zeigten, nur bedeutend jünger schien er zu sein, ließ seine Decke, die ein rotes und gelbes Sonnenmuster bildete, von den Schultern fallen; Feuerschein irrlichterte über die Metallteile des großen Revolvers, den er im Gürtel trug.

Der Indianer hatte sich mir gegenüber auf den Boden gekauert und starrte mich unverwandt durch das Feuer mit großen glänzenden Augen an. Aus dem Dunkel hinter ihm trat noch ein Indianer, eng in eine Decke gewickelt, und hockte sich stumm neben seinen Stammesgenossen. Die vier Mexikaner sprachen lebhaft miteinander und deuteten manchmal laut lachend auf mich. Der Junge mit dem Revolver gab mir eine Zigarette und rief dem Indianer etwas zu. Dieser tauchte sofort in das Dunkel zurück, und an mein Ohr drang das unverkennbare Geräusch einer Kaffeemühle. Er kam dann wieder und balancierte geschickt einen schwarzen Topf auf die Glut.

Bald tranken wir glühend heißen, starken Kaffee. Meine Reisegenossen standen dann auf, drückten mir die Hände und bedeuteten mir, ich solle hier bleiben; dann verschwanden sie im Dunkel der Nacht. Die beiden anderen sprachen jetzt ununterbrochen zu mir. An meiner Pfeife saugend, bemühte ich mich vergebens, etwas zu begreifen oder zu verstehen; wie ein Wasserfall sprudelten ihnen die Worte über die Lippen.

Der Revolverträger redete nun ernsthaft auf mich ein, wiederholte immer wieder einen kurzen Satz und zeigte mir einen Banknotenschein. Endlich verstand ich den Sinn. Ich sollte hier bleiben und im Monat zehn Pesos Lohn erhalten. Warum und wofür ich diese Summe bekäme, konnte ich den Reden des Mexikaners nicht entnehmen; aber ein Blick in die Runde, auf das mondglänzende Feld, die befiederten Häupter der Palmen, auf die ganze Szenerie, der die beiden in ihre Decken gehüllten Mexikaner, die um die glühenden Überreste des Feuers sitzenden Indianer einen romantischen Reiz gaben, und ich hielt dem Frager die Rechte hin, die von ihm und dem Alten kräftig gedrückt wurde.

Der letztere erhob sich dann, stützte sich auf einen Stock und machte Gesten, ihm zu folgen; nach wenigen Schritten in die Dunkelheit hielt er vor einem Gestrüpp. Eine Art Bettstelle stand da im Freien, halb von einer Strohmatte, die an den Ästen des Busches gefestigt war, überdacht.

Er reichte mir eine Matte und einen aufgeschlitzten Jutesack und ließ mich mit wiederholtem Buena noche ... gute Nacht! einfach stehen. Ich hörte, wie er sich gähnend auf sein Bett warf, legte mich auf die Matte und zog die improvisierte Decke, die für meine große Figur ungenügend war, über mich. Ich fröstelte, denn der Tau rieselte ununterbrochen wie feiner Regen vom Himmel, und meine Kleider wurden schwer und feucht. Der Boden um mich war davon gänzlich nass, und mit leiser Wehmut dachte ich an meine Jacke. Das Konzert der unermüdlichen Grillen und das Summen einiger Moskitos, die mich entdeckten, sangen mich in traumlosen Schlaf.

*

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EIN SUMMENDES, SCHWIRRENDES Geräusch, das mir in den Ohren tönte, weckte mich und ließ mich aufschauen. Die Sonne stand am fleckenlosen Himmel und zog flimmernde, weiß-goldene Fluten über dunkelgrüne, wogende Palmendächer. Wieder summte und sauste etwas in meiner nächsten Nähe.

Ich wälzte mich auf die Seite, dem Berg zu, dessen dunkles Massiv vorher in der Nacht sich drohend hinter mir erhoben hatte und der nun braun, steinig und kakteenbewachsen im hellsten Glanz dalag, und sah zwei zierliche Kolibris um dornige Sträucher schwirren. Die sausenden Schwingen der Tierchen, die so schnell ruderten, dass sie unsichtbar waren, führten die leuchtenden Körperchen mit den langen Schnäbeln blitzschnell durch ihr Element. Bald surrten sie unbeweglich schwebend über den Büschen, dass ihre Körper im Wechsel rubinrot und metallisch blau schimmerten, bald zuckten sie wie sprühende Feuerfunken in neckischem Spiel auf und nieder.

Eine Weile ließ ich mich von der Sonne behaglich durchwärmen. Dann erhob ich mich gähnend und ging dem Klang von menschlichen Stimmen, die seitwärts von mir laut wurden, nach. Unter niederen Bäumen mit kugelförmigen Kronen saßen um das Feuer meine Gastgeber beim Kaffee. Sie zogen mich neben sich und reichten mir eine Schale des heißen Getränkes. Mein Auge ruhte auf dem Feld, wo die beiden Indianer mit glänzend braunen nackten Oberkörpern harkten. Hinter ihnen zog sich der Bachrand hin mit den Reihen Früchte tragender Bananenstauden, den silbergrauen und hellbraunen Palmenstämmen, die kerzengerade nach oben ragten oder sich im graziösen Bogen neigten; von den sattgrünen Häuptern hingen befiederte Schäfte.

Es war warm, treibhausartig und süß wie die Blumen, die ich vergeblich suchte, duftend. Der Alte wies lächelnd über sich, und sein Sohn griff nach oben und reichte mir darauf eine große, grün und gelb gefleckte Orange. Jetzt bemerkte ich, dass alle die Bäume, in deren Schatten wir saßen, damit besät waren. Jeder einzelne, die schweren Äste mit Stangen gestützt, trug Hunderte der köstlichen Früchte; meist alle grün, zwischen denen überreife gleich goldenen Bällen hervorglühten.

Viele standen noch in der Blüte mit weißen, zartrosa angehauchten Blumenkelchen, deren Duft mir so aufgefallen war, geschmückt. Von Zeit zu Zeit rieselte eine der großen Blüten herab wie ein Schmetterling. Andere Bäume blühten und fruchteten zu gleicher Zeit. Ich hatte noch nie gehört, dass es so etwas gäbe und betrachtete staunend die Bäume, die mit Blüten und Früchten übersät waren.

Der alte Mexikaner, immer noch in seine feuerrote Decke gehüllt, einen Korb am Arm, humpelte jetzt, auf seinen hohen Stock gestützt, davon. Seine gebückte Gestalt verschwand schnell zwischen den Stämmen, und ich ging an der Seite seines Sohnes Pablo, der langsam meinem Schlafplatz zustrebte. Dort, hart am Berg, lag eine freie Strecke, von dichten Hecken umgeben, aus der wenige Palmen zum Himmel strebten.

Mit grob geflochtenen Matten aus Palmwedeln, die über Klötzen lagen, hatte man eine Reihe von Plattformen aufgerichtet. Auf diesen waren Haufen von Datteln in allen Stadien der Reife ausgeschüttet.

Da lagen solche, eben vom Mutterstamm geschnitten, wie große Traubenbündel hellgelb und glatt gleich Hühnereiern.

Pablo bückte sich oft, ergriff ein Bündel der gelben glatten Früchte, unter denen aber schon viele runzlige saßen, und schüttelte es, so dass die letzteren abfielen.

Wieder durchquerten wir die Orangerie, auf deren anderer Seite mit Stein überrieselte und mit Kakteen bewachsene Abhänge, durchzogen von dürren Schluchten, einen scharfen Kontrast zu dem Paradies von Palmen und grünen Bäumen um uns bildeten. Eine alte verfallene Ruine ragte auf rundem Flügel inmitten des Grüns; die Hecke trug eine Unmenge winziger, violetter Blumensterne, und dazwischen rankten Granatapfelbüsche, schwer von grünen großen Früchten.

Eine pflückte ich, um mir die saftigen Körner, die wie rosige Zähne in der Schale ruhten, schmecken zu lassen. Der Mexikaner redete fortwährend, zeigte mit der Hand auf Bäume und Sträucher und sprach langsam und deutlich ihre Namen aus.

Soweit mein Auge reichte, überall das prachtvolle Grün unzähliger Palmen, das sich am Fluss entlang hinaufzog, der durch das schmale, vielleicht einen Kilometer breite Tal schläfrig der See zuströmte ... Ein fruchtbarer, wahrhaft paradiesischer Fleck Erde, inmitten einer öden, wasserlosen Gebirgswelt.

Mein Begleiter zeigte dorthin, wo die Massen der Palmen, im Morgenwind wogend den Blick behinderten, und erklärte, dass dort oben Mulege, eine Stadt, wie ich seinen Gesten entnahm, läge.

Um die Mittagsstunde saßen wir wieder auf den Kisten um das Kochfeuer. Eine wunderliche Gestalt trat da in den Gesichtskreis. Es war der Alte, eng in seine Decke gehüllt, mit dem Korb am Arm; an dem äußeren Ende seines Stocks, den er wie ein Gewehr über die Schulter trug, baumelte ein großer grünlicher Klumpen.

Nunio, der Indianer, nahm die Last ab und leerte den Korb. Es kamen verschiedene Brote zum Vorschein, auch eine Tüte, aus der Nunio eine Anzahl rötlicher Bohnen in den brodelnden Kochtopf warf. Dann befasste er sich mit dem Klumpen, den ich als Rindermagen, den sogenannten Laub- oder Blättermagen erkannte. Er schlitzte ihn mit dem Messer auf, schüttete den Inhalt, verdautes Gras, das in den zackigen Hautfalten hing, heraus, spülte das Fleisch im Bach und warf dann die einzelnen Fetzen in den Topf zu den Bohnen.

Nach dem Mahl, das mir des strengen Geschmackes und der vielen Pfefferschoten wegen wenig behagte, reichte mir der Patriarch zum Geschenk eine Decke oder Zerape, ein schönes Stück einheimischer Wirk- und Färbekunst, auf rosigem Grund das mexikanische Wappen mit dem Adler, der die Schlange zerbeißt. Die Leute hier schienen bunte Farben zu lieben, wie ich an den Decken und leuchtenden Hemden der übrigen sehen konnte.

Darauf gingen sie an die Arbeit in das Feld zurück.

Pablo blieb mit mir am Feuer sitzen, von wo aus wir rauchend den Arbeiten der übrigen zusahen. Später strichen wir wieder durch das „Huerta“, wie er das Grundstück nannte.

Am Bachestreckten wir uns lang hin und schlürften das kühle, aber etwas faulig nach Schlamm schmeckende Wasser. Pablo bedeutete mir auch, dass das Nass nicht gesund sei, und eine Ahnung von kommenden Fiebern beschlich mich.

Wir verließen das Huerta und kletterten in den Bergen umher, wo die flimmernden Hitzewellen über den Kakteen tanzten. Diese wie aus einer Handwurzel sprießenden fingerartigen, ledrig grünen Stämme, die in weiten Abständen große Stacheln trugen, erinnerten mich an vielarmige Kronleuchter. Sie erreichten oft die Höhe von über zehn Metern. Die meisten hatten in halber Höhe runde Öffnungen, in welche spechtartige Vögel aus und ein hüpften. Auch gab es Kakteen, die wie Korallen verästelt, am Boden gleich Schlangen krochen und weite Flächen bedeckten.

Pablo wich diesen eng mit wahrhaft furchtbaren Widerhaken besäten Pflanzen vorsichtig aus.

Tiefe Stille herrschte, kein Vogel zwitscherte in dieser grausigen und doch von einer gewaltigen Majestät erzählenden Öde.

Nur von der grünen, unter uns liegenden Pflanzung her schallte ein sonderbarer, spottender Vogelruf, der sich oftmals wiederholte.

Ein schrill schmetternder, in den Bergen vielfach tremolierender Schrei zog unsere Aufmerksamkeit nach der Richtung, aus der er zu uns herüberwehte ... Auf schmalem Viehpfad trabte ein malerischer Reiter heran. Jauchzend gab er dem fahlgelben, langhaarigen Pony die Sporen und schwenkte den großen spitzen Strohhut. Dicht vor uns parierte er das Tier, sprang ab und schüttelte uns die Hände. Sein Gesicht war das meines Begleiters in verjüngter Ausgabe.

„Ernesto!“, stellte Pablo vor, deutete auf mich, und „Gajo!“ rief er, indem er seinem Bruder auf den Rücken schlug. Dieser wies lächelnd die perlweißen Zähne. Heimlich bewunderte ich ihn, wie er mit den großen silberverzierten Sporen klirrend und stolpernd, das Pferd mit dem durch Fransen und Metallköpfen verzierten stuhlähnlichen Sattel am Zügel, mit uns dem Huerta zuging.

Die sinkende Nacht mit Sternenschein und Grillengesang fand uns alle um die züngelnden Flammen. Der große schwarze Hund saß gegenüber, aus seinem offenen Rachen pendelte die blutrote Zunge. Neben ihm stampfte Gajos Gelber und malmte trockene Datteln.

Dem Beispiel der Mexikaner gemäß, hatte ich trotz der Wärme meine Zerape mit dem Landeswappen um die Schultern drapiert. Der Alte, den alle, selbst seine Söhne, Don Juanito nannten und mit unverkennbarer Ehrfurcht behandelten, lehnte mit dem Rücken an einer Palme, erzählte etwas und zog in den Pausen an dem glimmenden Maisstengel.

Jeder suchte nun sein Lager auf. Pablo streckte sich in eine schmale Hängematte, die beiden Indianer tauchten wieder lautlos in das Dunkel, und ich stolperte meinem Schlafplatz zu.

Am nächsten Morgen war ich etwas erstaunt, als der alte Don nach dem Kaffee mir freundlich eine Harke in die Hand drückte und mir auf einem Stück Feld zeigte, wie ich damit saubere und gerade Furchen ziehen könne. Nach einigen Versuchen gelang es mir leidlich, und im Schweiße meines Angesichtes harkte ich, von den anderen unterstützt, wütend weiter, bis das Mittagsmahl eine willkommene Pause brachte.

Nach dem Essen ging es an die Arbeit, die bis in die sinkende Sonne fortgesetzt wurde. Wieder aßen wir Kuhmagen, dazu einen Tee aus frischgepflückten Apfelsinenblättern; müde, von dem ungewohnten Bücken vollständig erschöpft, sank ich bald darauf auf meine Matte und zog den mexikanischen Adler bis an die Nasenspitze. Ich wusste nun, warum ich zehn Pesos im Monat erhalten sollte, und schlief unter tiefsinnigen Betrachtungen ein.

*

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SO VERSTRICHEN VIELE Tage; ich verlor die Zeitrechnung. Von Sonnenaufgang bis Untergang zogen wir Furchen, pflanzten in die Löcher, die der Alte mit dem Stock bohrte, Zwiebeln, säten Tomaten und versenkten in tiefe, viereckige Gruben, die wir mittels einer Brechstange schwitzend herstellten, die Schößlinge vom Zuckerrohr.

Gajo kam selten auf seinem Pferd angeritten. Einmal brachte er mir ein Buch, nach dem ich begierig griff. Es war ein sehr zerknüllter und vergilbter Band von Jules Verne mit Bildern, und da ich das betreffende Werk noch gut in Erinnerung hatte, machte ich mich daran, die spanische Sprache zu erraten, was mir mit Hilfe der in meinem Kopf rostenden französischen Kenntnisse leidlich gelang.

Tag für Tag Kuhmagen und Orangensud. Ich mochte das Zeug schließlich nicht mehr riechen.

Auch Reiten lernte ich. Gajos Pferd, das keinen Fremden im Sattel duldete, warf mich sofort ab, aber wütend über den Spott der anderen, schwang ich mich mit schmerzenden Knochen wieder hinauf und wurde so oft abgeworfen, dass dem Tier schließlich die Sache zu bunt wurde und es mich ruhig auf seinem Rücken sitzen ließ.

An Sonntagen erhielten wir Besuch aus Mulege, wo ich bisher noch kein einziges Mal weilte. Es kamen ganze Trupps von Frauen mit ihren Töchtern und Kindern auf Eseln geritten, die Töpfe mit allem möglichen Proviant mitbrachten.

Einen dichten Kreis schwarzäugiger Schönen um mich, saß ich anfangs schüchtern und blöde auf meiner Kiste in ihrer Mitte und ließ mir die Leckerbissen, die sie schnatternd bereiteten, von ihnen buchstäblich in den Mund schieben, denn sie hielten mich lachend einfach fest.

Don Juanito lehnte an der Palme in seiner flammenden Decke, strich sich schmunzelnd den Bart, die beiden Indianer spielten Karten, und die zahlreichen mitgekommenen Kinder standen um mich und lutschten an den Fingern, oder sie tollten umher und schleuderten die Goldorangen, von denen noch einzelne gleich roten Bällen in den geplünderten Bäumen saßen, weit durch die Lüfte, um sie geschickt zu fangen ... Wenn dann der Abend kam, packten meine Besucherinnen ihre Utensilien wieder zusammen, schwangen sich nach Männerart auf ihre Eselchen und trabten unter vielen: „Adios, adios, Ernesto!“ davon.

An einem Morgen, wir setzten gerade die Tomatenstecklinge um, warf ich die Harke, mit der ich die Pflänzchen leicht mit Erde bedeckte, zornig in weitem Schwung über das Feld und erklärte dem mich erstaunt ansehenden Patriarchen in gebrochenen Worten, ich müsste in die Stadt, um neue Kleider zu kaufen.

Er nickte, betrachtete mein ramponiertes Äußeres, und gab mir aus einem Beutelchen, das er auf der Brust trug, einen Zehnpesoschein. Pablo fing mit des Indianers Hilfe zwei Esel. Aus Stricken stellten wir eine Art Halfter her, schwangen uns auf die bloßen Rücken und ritten in dem schattigen Palmenweg aufwärts dem Fluss zu durch eine Tür, die ich noch nie bemerkte. Palmen und grüne, verwildert aussehende Gärten, durch Hecken in Grundstücke geteilt, begleiteten uns, und auf dem Fluss schwammen bunte Einbäume.

Eine Stimme rief uns an; wir stiegen ab und drangen durch die Hecke zu einem schattigen Plätzchen, wo unter Bäumen ein junger Mexikaner eben die letzte Hand an ein schönes, scharfgebautes Kielboot legte. Mit Pablo plaudernd, übergoss er auch mich mit Fragen und deutete begierig auf meine blaue Schirmmütze, die ich immer noch trug.

Nachdem wir zu dritt viele Zigaretten geraucht und lange gefeilscht hatten, brachen wir beide wieder auf. Hinter uns betrachtete Nacho, der Bootsbauer, sein Bild im Spiegel des Tümpels, und ich trug stolz auf dem Haupt seinen meterbreiten, von einer verblichenen Goldschnur umsäumten Filzhut, den ich für die Mütze getauscht hatte. Der Hut, aus steifem Filz gefertigt, war das größte Exemplar, das ich bisher in Mexiko, diesem Land der großen Hüte, sah; er hatte ein ziemliches Gewicht, und es war mir anfangs, als ob mein Kopf nicht fest säße, sondern wie ein Mandelkern in der Schale schlottere.

Nach kurzem Ritt hielt Pablo den Esel an und deutete auf den lieblichen Anblick, der sich zwischen Palmen plötzlich vorne auftat. Über den Fluss schwang sich eine luftige, geländerlose Brücke in kühnem Bogen, und dahinter breitete sich das Tal von Mulege aus wie der Bauch einer schmalen, aber gigantischen Flasche, deren flachen Boden ein nackter, bläulicher Tafelberg bildete. Die ganze Senkung davor war ein grüner, lachender Garten. Ein kegelförmiger, kakteenbewachsener Hügel mit einer schneeweißen, altertümlichen Kirche, in deren breitem, gedrungenen Turm eine Glocke gegen den blauen Himmel in ihrem Mauerrahmen hing, hob sich aus der Mitte. Rechts davon lagen in buntem Durcheinander einige Hundert grauer und hellfarbiger Häuschen eng zusammengeballt, kerzengerade Rauchwolken stiegen daraus empor, die sich oben in der Bläue zerteilten.

Wir durchquerten den Fluss, dessen kristallene Wasser der Esel Bäuche netzten, galoppierten an der Außenseite des Häuserhaufens entlang und drangen durch eine Pforte in einen von Gebäuden umschlossenen Garten. Verwitterte Stufen führten uns zu einer Veranda hinauf, wo uns zwei schwarzgekleidete Frauen lächelnd empfingen.

Die eine gebückt, mit runzligem Antlitz, die andere bedeutend jünger: Pablos Mutter und seine Schwester Cuca. Ich kannte nun die ganze Familie des Patriarchen mit der feuerroten Decke.

In einem höchst einfachen Zimmer, dessen getünchte Wände mit Heiligenbildern geschmückt waren, ruhten wir eine Weile, tranken breiigen Kakao und rauchten. Auch die beiden Frauen führten die Maishülsen fleißig zum Mund, entsetzten sich aber, als ich meine Pfeife rauchte. Pablo zeigte mir ein illustriertes Werk, das die Regierung des Indianerpräsidenten Benito Juarez behandelte, und stolz wies sein Finger auf die Wand, wo eine Lithographie des kleinen, unscheinbaren Indianers mit dem kalten Gesicht hing.

Gesättigt gingen wir beide durch die Vordertür und befanden uns plötzlich inmitten des Städtchens auf sonnenbeschienener Straße. Ein im Kehricht schnüffelnder Esel, faul in der Sonne sich dehnende struppige Köter, im Sand spielende Kinder und zwei Soldaten, die mit kratzenden Reiserbesen - ihre Flinten lehnten an der Mauer - die Straße fegten, dass der Staub wirbelte, bildeten die einzigen Geschöpfe von Mulege, die mir sofort ins Auge sprangen.

Die Straße, die wir nun durchschritten, bestand aus kleinen Häusern mit vergitterten, ebenerdigen Fenstern; aus den offenen Türen lugten zerzauste, aber bildhübsche Mädchenköpfe, oder alte Mexikaner lehnten darin. Die Frauen, die Sonntags mit den Kochtöpfen und Eseln auf die Pflanzung zu kommen pflegten, schienen meinen Ruf in dem ganzen Städtchen, durch dessen Gassen mich Pablo führte, verbreitet zu haben. Demi alle die spärlichen Menschen, die wir sahen, Männer, Frauen und Kinder, kannten meinen Namen.

Selbst die an den Ecken lungernden Soldaten, die, ebenso zerlumpt wie jene in Santa Rosalia, mit den Mädchen scherzten oder faul im Sand lagen und Zigaretten rauchten, kannten mich, denn freundlich brüllte einer: „Hallo, Ernesto!“ und hielt mir seine ziemlich schmutzige Hand hin.

Die Soldaten gehörten einer anderen Partei an als die in Santa Rosalia, um ihre Hüte schlangen sich Bänder in den Landesfarben grün, weiß und rot, auf welchen die Worte: „Viva la constitucion!“ gedruckt waren.

Mulege erschien mir ein idyllisches Nest mit malerischem Schmutz. Die kleinen Häuschen, viele verwittert, grau, weiß oder in zartfarbenen Wasserfarben gestrichen, rosa, hellblau, grün oder orange, lagen so ruhig da, als träumten sie einem in weiter, unwirklicher Ferne liegenden Erwachen entgegen. Doch auch in diesem stillen, von der übrigen Welt abgebröckelten Fleckchen Erde gab es Feindschaft unter seinen Bewohnern, denn ich sah winzige Häuser, wo zwei hadernde Familien unter das gleiche Dach gepfercht waren und diesen Hader mit ergötzlicher Tragikomik den Blicken der Welt preisgaben, indem etwa die eine Hälfte der Mauer in sattem Blau prangte, während die andere erdbeerfarben glühte.

Es gab einige Läden, die meisten mit den Aufschriften chinesischer Besitzer. Sauber gekleidete, intelligente Asiaten standen hinter langen Tischen inmitten ihrer Erzeugnisse und Waren. Man konnte hier alles erhalten. Früchte, Brot und andere Lebensmittel paarten sich im Durcheinander mit bestickten Pantoffeln, Stiefeln, Sporen, Reitsätteln und Waffen.

Billiger Juwelenkram, Madonnenbilder, Heiligenstatuen aus Gips, Rosenkränze lagen brüderlich vereint mit Kämmen, Puderdosen und Käsen. Nach dem Beispiel anderer Anwesender setzten wir uns auf den Ladentisch und trommelten mit den Absätzen dagegen. Ich ließ mir Kleider vorlegen, Khakibeinkleider und bunte Hemden in großen Schachbrettmustern, wie sie in Mulege üblich waren. Plötzlich fiel mein Auge auf Pistolen, die wie ein Zwiebelbündel an einer Schnur aufgereiht von der Decke hingen. Die größte, einen einfachen, fünfschüssigen Trommelrevolver mit Holzgriff, ließ ich mir geben, nahm dazu einen Waffengürtel voller Patronen und ein Bündel Tabak und war mein Geld bis auf den letzten Centavo los.

Da alle Männer, die ich bisher in Mulege gesehen, ein solches ungefüges Schießding an der Hüfte hängen hatten, hielt ich es für eine Ehrenpflicht, diesem Beispiel zu folgen, obwohl ich mir den Kopf zerbrach, warum die Leute des Städtchens, die sicher alle, gleich meinem Patriarchen nebst Söhnen, Datteln ernteten und Zwiebeln neben anderen pflanzlichen Erzeugnissen anbauten, so schwer bewaffnet gingen.

Doch sah es auf jeden Fall malerisch und romantisch aus, wenn man, einen großen Hut auf, mit dem Schießeisen umgeschnallt, einherstolzierte, auch hoffte ich, dass ich doch einmal sehen würde, dass die Revolver nicht nur zum Staat dienten und beschloss, bei solchen Fällen dabei zu sein.

In Don Juanitos Behausung fanden wir Besuch vor. Ein halbes Dutzend Frauen und Mädchen wartete auf uns in der Stube, wo der Präsident Juarez von der Wand kalt auf sie herablächelte. Ich zog mich in den Garten zurück, machte im Schutze breitblättriger Bananenstauden Toilette, um so an der Damenvisite teilzunehmen. In Schaukelstühlen nahmen wir süßen Kakao und Gebäck zu uns. Zwölf rote Lippenpaare arbeiteten wie die Mühlenräder.

Die ganze Zeit, während der ich Kuchen kauen musste und wie eine, allerdings recht große, Puppe behandelt wurde - denn für mein Alter war ich beträchtlich groß und sah auf die Männer von Mulege, die ich bisher traf, herab -, hatte ich an meinen neuen Revolver, der mir jetzt das Wichtigste erschien, gedacht, und kaum waren jene fort, als ich ihn auch schon in die Hand nahm, die Trommel spielen ließ und mich an dem bläulichen Glanz des Metalls freute.

Denselben Abend lehnten wir zu dritt - Gajo war zu uns gestoßen - am Schanktisch in den „Tres barilitos“, jeder ein Gläschen Tequila, einen einheimischen Schnaps, vor sich und schauten den Soldaten zu. Diese spielten Billard. Ein Teil umgab den Farotisch, wo schmutzige Karten von schmutzigen Fäusten auf die Platte gehämmert wurden, wo die Kugel rollte und sich das Rad mit den roten und schwarzen Nummern drehte. Wieder wunderte ich mich, warum außer den Soldaten die Leute alle so schwer bewaffnet gingen.

Der Alte zum Beispiel, der eben eintrat und dessen gutmütiges, von der Sonne gegerbtes Gesicht verriet, dass er ein ehrbarer Plantagenbesitzer war, trug den schweren Revolver griffbereit im Gürtel. Doch noch keine Viertelstunde hatte er am Spieltisch verbracht, als dort ein wildes Fluchen und Durcheinander entstand und dieser gemütlich aussehende Alte vom stürzenden Stuhl aufsprang und seinem Widerpart, einem jungen Menschen, dem die Haare verwegen in die Augen fielen, eine Kugel in die Brust jagte.

Das schien nichts Neues, denn während des Dramas, das nur Sekunden dauerte, warf sich alles platt auf den Boden; mich riss eine Hand am Kragen nieder, und ich sah noch, wie der Wirt und sein Gehilfe hinter dem Schanktisch blitzschnell wie in einer Versenkung verschwanden.

Schwer aufatmend stoß der Schütze die Waffe in den Gürtel zurück und richtete seinen Gegner, der mit dem Oberkörper auf dem Tisch lag, in die Höhe. Wir sprangen alle auf und drängten uns heran. Aus der Brust des Niedergeschossenen sickerte das Blut wie ein roter Quell. Ein Mann, der ein Polizist sein musste, kam zur Tür herein, nahm den Revolver des Toten, trank einen Schnaps und ging vergnügt wieder fort. Der Wirt und sein Gehilfe packten den Körper an den Fersen und schleiften ihn zur Seitentür hinaus, dann streute jemand etwas Sand auf die dunkle Blutlache am Boden, und alles ging normal weiter.

Nach einer Stunde begaben wir uns hinaus und sahen den Toten immer noch an der Hausnummer liegen. Ein Hund, vielleicht sein eigener, beschnüffelte ihn gerade, setzte sich auf die Hinterbeine, hob den Kopf und sandte ein langes Klagegeheul zu den Sternen.

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DURCH DIE DUNKLEN GASSEN, in denen es keine Beleuchtung gab, und wo überall plaudernde Menschen vor den Türen saßen, strebten wir einem langgestreckten Haus zu, aus dem Lichtfluten und die Töne einer hastigen, aufreizenden Musik drangen, und traten ein. Der Fußboden bestand aus gestampftem Lehm, an den Wänden zogen sich niedere Bänke hin; auf einem Bretterpodium hockten auf Kisten die Musikanten, zwei Geiger, zwei Gitarrespieler und einer mit der Ziehharmonika. Auf den Bänken saßen Männer, die in die Hände klatschten oder einer von Mund zu Mund gehenden Flasche zusprachen.

Unter den Tänzern, es drehten sich meist Mann mit Mann, befanden sich nur zwei Frauen: hübsche schwarzhaarige Geschöpfe mit blitzenden Reifen in den Ohren. Aus dem Grinsen, mit dem Pablo auf beide deutete, entnahm ich, dass die zu der großen Vereinigung der gefälligen Schwestern, wie Cervantes, der geistreiche Autor des Don Quixote, sie nennt, gehörten.

Eines der Mädchen zog mich bei den folgenden Tänzen in das Gewoge, doch ich riss mich schnell los, denn die wilden Drehungen machten mich, der ich Nichttänzer war, schwindlig. Ihr schmales Gesicht mit den sanft geschwungenen Brauen und den sich um Stirn und Hals ringelnden schwarzen Locken, die einen bläulichen Glanz besaßen, hatten etwas Verlockendes, seltsam Exotisches.

Der Fusel schmeckte abscheulich; aber die Musik mit Tönen, wie ich sie nie gehört, bald klagend und schmollend, bald jauchzend, schlug mich in Bann. Bis tief in die Nacht hinein weinten und jubelten die Instrumente, stampften die Füße und wirbelten die Kleider. Torkelnd, lachend und Schüsse in die Luft feuernd, brach endlich der ganze Schwarm auf. Pablo, der mit dem schmalgesichtigen Mädchen immer geflüstert und auf mich gedeutet hatte, hielt mich zurück, als ich mich dem Haufen anschließen wollte, führte mich zu ihr hin und lief dann schnell hinaus. Lächelnd, als ob ich ein Kind sei, fasste sie mich fest an der Hand, blies die fünf Erdöllampen eine nach der anderen aus, und dichtes Dunkel hüllte uns ein. In der Ferne verhallten die letzten Stimmen.

Sie zog mich in die ausgestorbene Gasse, die im Mondlicht lag. Im Schatten der Mauern führte mich das Mädchen ungeduldig fort und legte oft den Finger auf die Lippen. Willenlos folgte ich. Wiederholt blieb sie stehen und sah sich ängstlich um. Ein Abhang hob sich vor uns. Sie kletterte, immer meine Hand haltend, voran. Geröll rieselte hinter uns in die Tiefe; eine Grille zirpte irgendwo. Hunde heulten.

Nach einigen langen Minuten erreichten wir aufatmend die Höhe und standen vor einem Häuschen, ganz aus Palmwedeln geflochten, mit dunkel gähnender Türöffnung; sie lehnte mich an die knisternde Wand, legte nochmals den Finger auf die Lippen und schlüpfte hinein. Ich blickte auf den stillen Ort, der sich an die dunklen, unübersehbaren Massen der Plantagen schmiegte. Streckenweise blitzte der Fluss, und auf dem Bergkegel, der aus den Palmen ragte, lag blinkend wie frischgefallener Schnee, hervorgezaubert durch die Wunderlampe eines mexikanischen Aladin, die Kirche.

Ein leichtes Geräusch hinter mir. Eine Vision in der Zaubernacht - vor dem dunklen Viereck der Tür stand ein mattbrauner, wunderbar fein geformter Frauenkörper wie eine Antike in purer Nacktheit, nur in weiche Mondstrahlen gehüllt, die den schimmernden Leib umrieselten, die um die steilen Brüste spielten.

Durch Schleier vor den Augen sah ich, wie das exotische Wesen auf mich zuschwebte und meine Hand fasste. Dunkel breitete sich um mich; die Türöffnung war ein Viereck aus Opal ... zwei Arme umschlangen mich, zwei Lippen brannten auf den meinen, und aufstöhnend sank ich nieder, als der gewaltige, zum ersten Mal in meiner Seele aufflammende Taumel der Sinne über mir zusammenschlug.

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ES BEGANN IM OSTEN zu grauen und zu dämmern. Die Grillen waren zur Ruhe gegangen, der Unkenchor auf den schlammigen Grund getaucht, als ich scheu über den Zaun von Don Juanitos Pflanzung kletterte und auf mein Lager schlich, um noch etwas der Ruhe zu pflegen. In den Palmen raunte und schmeichelte der Morgenwind und kühlte meine Schläfen.

Don Juanito bemerkte, als ich zur Kaffeezeit an das Feuer trat, mein übernächtiges Aussehen und sah mich wehmütig und vorwurfsvoll an. Er war einsilbig an diesem Morgen und schien Pablo, der gegen Mittag mit den beiden Eseln aus der Stadt kam, heftige Vorwürfe zu machen.

Als die anderen in das Feld gingen und auch ich seufzend die Harke ergreifen wollte, bedeutete mir der gutmütige Alte, schon wieder freundlich mit den Augen zwinkernd, ich solle heute nur ausruhen. Auch Pablo blieb am Feuer sitzen. Wir kochten starken Kaffee und begossen unseren Katzenjammer damit.

Nach mehreren Stunden Schlaf, wir verschliefen das Mittagessen, das wie immer aus Kuhmagenbrühe bestand, gingen wir in die Schlucht, wo die Rinderschädel lagen, und verschossen unsere sämtlichen Patronen. Ich schoss anfangs sehr schlecht, denn der große Revolver muckte sehr. Aber jeder Schuss wurde besser, und im blitzschnellen Ziehen der Waffe war ich Pablo schnell über, worüber er sehr staunte. Nachher warfen wir Lasso, aber diese Kunst muss man von jung auf lernen, sonst bleibt man immer ein Stümper.

Das Abendessen schmeckte mir nicht. Schon wiederholt war es bald heiß und bald kalt über mich gelaufen. In Kopf und Gelenken lastete eine dumpfe, bleierne Schwere.

Das war das Fieber, die Malaria, die in meinen Körper schlich. Der Patriarch, dem ich mich anvertraute, murmelte erschreckt vor sich hin: „El morongo!“

Nunio musste noch in der Dunkelheit in die Berge, aus denen er nach einer Stunde zurück kehrte, und der Alte bereitete aus den fleischigen Kräutern, die jener mitbrachte, einen Tee, der mir in kurzer Zeit die Feuchtigkeit aus den Poren trieb. Mein Schlaf in dieser Nacht glich einer Betäubung.

Es folgten viele Wochen, in denen mich das Fieber in den Klauen hatte. Wochen und Monate verstrichen und brachten mich dem Tode nahe. In den regelmäßigen Anfällen, ich lernte sie genau nach der Zeit einteilen, denn sie traten mit der Pünktlichkeit und Regelmäßigkeit eines genau gehenden Uhrwerkes auf, befielen mich zweimal am Tag stundenwährende Schüttelfröste.

Ich lag unter einer Dattelpalme. Bevor die Anfälle kamen, pflegte ich in die prallste Sonne zu kriechen ... ich wurde so schwach, dass ich nicht mehr aufrecht gehen konnte ... und mich mit allen verfügbaren Decken und Matten zu bedecken. Aber es nützte nichts. In der Sonne, unter den vielen Decken, flog mein Körper wie im Krampf, meine Zähne klapperten, und ich stöhnte verzweifelt und hilflos im Banne der Eiseskälte, die auf mir lastete. War der Anfall vorüber, dann musste ich immerfort trinken.

Dezember und Januar verstrichen. Es gab Tage, wo es wie mit Mulden vom Himmel herabgoss. Der Fluss trat aus seinem flachen Bett und reckte sein Wasser bis dicht an mein Lager. Man hatte eine Strohmatte auf vier Pfählen über mir errichtet, worunter ich auf über Baumstämme gebreiteten, steinhart getrockneten und knisternden Häuten lag. Das Regenwasser tröpfelte durch das primitive Dach, meine Decke wurde feucht und schwer, und eisige Kälte drang bis in mein innerstes Mark.

Ich litt unsagbar, aber mit der Zeit wurde ich gleichgültig. Ich dachte an nichts, nur an den Tod, der Erlösung brachte und nun doch bald kommen musste; in den Augen der Mexikaner las ich mein Schicksal. Meine Angehörigen wähnte ich tot, denn Briefe erhielt ich nicht, auch in Santa Rosalia, wo alles Post bekam, war ich zu meinem Erstaunen leer ausgegangen, und zum Überfluss brachte Gajo mir eine amerikanische Zeitung, die als Packpapier ihren Weg nach Mulege fand, worin ich las, dass Karlsruhe, der Wohnsitz der Meinen, durch feindliche Fliegerbomben dem Erdboden gleichgemacht war. Es war mir egal, denn von meinen Angehörigen hatte es keiner verstanden, die richtige Saite in meinem Innern anzuschlagen.

Sterben! ... Was sollte ich auch noch! ...

Eines Morgens banden sie mich auf den Esel und führten mich in die Stadt, wo ich in Don Juanitos Haus, zum ersten Mal seit Monaten, unter einem richtigen Dach wohnen sollte.

Aber die bedauernden, klagenden Weiber, die um mein Lager saßen, naschten und rauchten und sich Geschichten von Sterbenden erzählten, trieben mich schon am ersten Tag davon.

Als in der Nacht alles schlief, wankte ich unbemerkt davon und traf gegen Morgen wieder auf der Plantage ein. Don Juanito schlug die Hände über dem Kopfe zusammen, rief alle Heiligen an und flößte mir gleich eine große Kalebasse eines widerlich schmeckenden Tees ein.

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IN DEN NÄCHSTEN TAGEN wurde es plötzlich besser mit mir. Meine Natur hatte sich durchgerungen. Die Fieberanfälle traten schwächer und weniger pünktlich auf, setzten manchmal ganz aus, und glücklich kroch ich schon an einem Stock unter den Bäumen dahin, welche weiße duftende Schmetterlingsblüten wie zum Gruß über mich ausgegossen. Nach Wochen begann ich wieder meine Schießübungen aufzunehmen. Aber ganz wich das Fieber nicht aus meinem Körper. Bis Pablo auf den glücklichen Gedanken kam, mich mitzunehmen in die Berge auf den Rancho, wo er schon seit Wochen tätig war.

Zu Pferd ritten wir mit klirrenden Sporen flussab, drangen, am Meer angekommen, seitwärts in die braunen Berge der Bai hinein und erreichten in kurzer Zeit den einsam liegenden Rancho, eine Strohhütte neben dem Corral, der großen, aus Steinhaufen bestehenden Einfriedigung. Von der Hütte hatte man einen wundervollen Ausblick über in roter Blüte stehende Kakteenfelder auf den blauen Bogen der Bai mit der Zackenlinie der sie begrenzenden Berge.

Hier hausten wir beide allein. Pablo trieb des Morgens die Kälber, zwanzig buntscheckige Tiere, in die Berge, kam zurück, und dann kochten wir unser einfaches Mahl und starrten rauchend über das flammende Kakteenfeld. Gegen Abend holten wir die Tiere gemeinsam zurück, und bei Anbruch der Nacht kamen die Kühe, magere Geschöpfe, die den ganzen Tag in der Wildnis das spärliche Gras weideten.

Wenn der rötliche Morgenstern noch am Himmel strahlte, erhoben wir uns und melkten, nachdem wir erst die Euter durch die Kälbchen ansaugen ließen. Es war eine mühselige Arbeit; die halbwilden Tiere stießen oft den Eimer um und erhielten dafür krachende Fußtritte gegen die Rippen. Hatten die Tierchen vollends ihren Durst gestillt, so trieben wir die Mütter eine Strecke in die Büsche, worauf sie von selbst fort wanderten. Nach dem Frühstück gingen wir mit den Kälbern in der entgegengesetzten Richtung davon und teilten, zurückgekehrt, die Milch ein; zur Hälfte füllten wir sie in bauchige Flaschen, die ich in einem Sack nach Mulege zu den beiden Frauen in Don Juanitos Haus trug.

Die trockene Luft und die viele Milch, die ich trank, taten Wunder, und die zwei Stunden zur Stadt mit dem schweren Sack wurden für mich ein Spaziergang. Pferde gebrauchten wir selten, wir hatten diese in die Wildnis laufen lassen, und wenn wir sie haben wollten, so dauerte es oft Tage, bis wir sie fangen konnten oder überhaupt erst fnnden.

Wochen vergingen unter diesen Beschäftigungen, da brach die Wildheit, die in mir schlummerte, wieder aus. In der letzten Zeit trieb ich die Kälber immer allein in die Berge und pflegte bis am Abend, wo ich sie wieder heimtrieb, bei ihnen zu bleiben, während Pablo kochte und die Milch zur Stadt trug. Die Tiere, die mutwillig nach allen Seiten in eine unbeschreibliche und für Menschen oft undurchdringliche Wildnis ausbrachen und ihre Mütter suchen wollten, brachten mich manchmal in schäumende Wut, das kleinste, ein liebliches gelb und weiß geschecktes Tierchen, das ich immer zu streicheln pflegte, hatte wieder und wieder die mit unsäglicher Mühe zusammengehaltene Herde verlassen, um auf eigene Faust spazierenzugehen.

Ich musste über riesige Felsblöcke klettern und mich durch Kakteenpflanzungen drängen. Die Armgelenke schmerzten mir vom Steineschleudern, und meine Stimme hatte ich überbrüllt, dass ich keinen Ton mehr hervorbrachte. Vollends in Verzweiflung geriet ich, als mir wieder ein großer Kakteenknollen mit spitzen brennenden Widerhaken durch das Schuhleder drang und ich ihn mit Gewalt aus dem Fleisch reißen musste, denn anders gingen diese Höllenpflanzen nicht heraus, wo sie einmal saßen - da machte das Kalb einen neuen Ausbruchsversuch.

Den Revolver aus dem Futteral reißen und ihm eine Kugel zwischen die Rippen jagen, dass es verendet auf dem Geröll lag, war das Werk einer Sekunde.

Am Abend trieb ich meine Schar mürrisch heim und dachte an das Tierchen, welches ich nicht mehr streicheln konnte.

Was würde Pablo sagen, denn vor zwei Tagen hatte uns erst ein Silberlöwe ein anderes Tier geholt.

„Wo ist das scheckige Böckchen?“, fragte er sofort. Schweigend wies ich auf meine Waffe und zeigte nach der Richtung, aus der ich kam. Wut verzerrte seine Züge, und mit dem geflochtenen Riemen, den er in der Hand hielt, versetzte er mir einen schmerzhaften Streich gegen die Beine. Im nächsten Moment lag der doppelt so alte, aber bei weitem nicht so kräftige Mexikaner am Boden, und wütend ließ ich ihm den eigenen Riemen auf das Gesicht klatschen. Die Haut sprang unter den Hieben sofort auf.

Indem ich meine Decke von der Corralmauer nahm, schritt ich in die Dunkelheit, dem Viehpfad nach Mulege zu. Hinter mir hörte ich Pablo brüllen und seinen Revolver entleeren.

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GEGEN ZEHN UHR TRAF ich in der Stadt ein. In den „Drei Fässchen“ setzte ich, wie in grimmem Hohn, meinen letzten Peso auf die Nummer dreizehn, denn ich wusste, dass diese Nummer, die mein Geburtsdatum war, mir noch niemals Glück brachte, aber ich wollte auch ohne das Glück fertig werden. Den Peso verlor ich mit der ersten Umdrehung der Faroscheibe. Mit den Besuchern, die ich alle kannte, kam ich in Unterhaltung und erzählte, was mir begegnete. Ich war nun annähernd ein halbes Jahr in der Gegend, kannte alle Einwohner und sprach ihre singende, klare Sprache ebenso fließend und melodisch wie sie.

Einige schüttelten die Köpfe, als ich beschrieb, wie ich Pablo behandelte, die meisten jedoch riefen laut Beifall und gaben mir recht. Derselbe Alte, der bei meinem ersten Besuch den Spieler erschoss, zog mich beiseite und flüsterte, ich solle mich vor Kugeln, die aus dem Dunkel kämen, hüten.

Ich war stolz, und durch den Freilikör übermütig, erklärte ich schallend, dass mir niemand in der Waffe zuvorkommen würde. Viele schwiegen, zwei Soldaten klopften mir auf die Schulter, da schob sich ein großer, dunkelhäutiger Mann dicht an mich und meinte verächtlich: „Bilde dir nicht zu viel ein, dummer hergelaufener Junge! Was willst du überhaupt bei uns? Mensch ohne Heimat? Zieh!“, und seine Hand fuhr nach der Waffe.

Schon während er sprach, wusste ich, dass ich ihn töten würde, und eine seltsame Lustigkeit stieg in mir hoch. Was ich nun tat, das führte ich mit den abgemessenen, aber blitzschnellen Bewegungen eines Automaten aus. Die Hand des Dunklen befand sich noch im Abwärtsfahren nach seiner Waffe, als auch schon die meine mit einer Schnelligkeit, über die ich selbst staunte, emporzuckte, und mit kalter Berechnung drückte ich ab. Mit dem Knall fiel der Dunkle röchelnd auf sein Gesicht; der Hand entsank der Revolver, den er schon halb aus dem Gürtel gezogen hatte.

Umwendend, hielt ich mich schussbereit, aber ich sah nur erstaunte und verblüffte, keine drohenden Gesichter. Zwei Gestalten, die Freunde des Dunklen, schlichen zur Tür hinaus. Mir war es, als ob jemand einen eiskalten Eimer Wasser über meinen Kopf goss.

Da wich der Bann. Man drehte den Liegenden auf den Rücken; noch gurgelte und stöhnte er und verdrehte die Augen, aber das Leben floss unaufhaltsam mit dem Blut aus dem Körper. Die große Bleikugel des schwerkalibrigen Revolvers, aus dichter Nähe gefeuert, hatte sich plattgeschlagen und eine handgroße Wunde gebohrt.

Von verschiedenen Seiten wurde mir zugetrunken, während ich immer noch auf den stillen Mann zu meinen Füßen starrte. Der Polizist der Stadt erschien, hörte uns zu, nahm den Revolver, der auf dem Boden lag, trank zwei Schnäpse auf Kosten des Alten, nickte und verließ wieder den Raum. Der Wirt und sein Gehilfe traten in Funktion, sie schleiften den Körper in die Nebengasse; dann spendierte der Alte eine Runde.

Später zog er mich hinaus; ich musste mit ihm kommen. Sein Haus lag an der Plaza. Dort hauste er mit einer uralten Schwiegermutter nebst Frau und halb erwachsener Tochter. Diesen stellte er mich vor. Die Frauen bekreuzigten sich, und die Ahne ließ die Perlen ihres Rosenkranzes durch die Finger gleiten.

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BEI DON RAMON BLIEB ich nicht lange. Er besaß eine Zuckerrohrpflanzung am Rand der Lagune, welcher der Fluss entströmte, am äußersten Ende des Tals am Fuß des Tafelberges. Das Zuckerrohr war geerntet, und ich harkte gerade allein den sandigen Boden zwischen verstreut stehenden Dattelpalmen, um ihn zur Aufnahme von Melonensamen vorzubereiten, da knallte von der anderen Seite des Schilfs ein peitschenheller Schuss, und eine Kugel klatschte über mir in das faserige Holz der Palme. Ich hatte schon oft in dem Schilfdickicht Schüsse gehört, wenn Leute auf Enten Jagd machten, aber jene schossen mit Schrot, das gab einen ganz anderen Knall.

Dennoch harkte ich ruhig weiter, nur durch die Zähne auf den unvorsichtigen Menschen fluchend. Es knallte wieder, und dieses Mal schlug die Kugel, dicht an meinem Ohr vorbeisingend, nochmals in die Palme, während ich den sausenden Luftzug spürte.

Eine dritte wartete ich nicht ab, warf mich platt auf den Boden und lauerte lange. Nach einiger Zeit entfernten sich drüben dumpfe Hufschläge.

Ich war fest überzeugt, dass der Schütze Pablo war, denn die Warnung des alten Ramon hatte ich nicht vergessen; auch Gajo, der mir eines Abends in der Straße begegnete, warnte mich vor seinem Bruder.

Lange lag ich und wartete, aber drüben rührte sich nichts mehr. Da die kurze Dämmerung nahte, schritt ich nachdenklich der Stadt zu. Ich beschloss, Don Ramon und meinen Arbeitsplatz, wo ich bequem wie eine der schwarzen Enten weggeputzt werden konnte, zu verlassen. Dieser Gedanke war mir schon vor Tagen gekommen, denn zu deutlich hatte ich gemerkt, dass die Rosenkranz betende Ahne mich mit ihrer sechzehnjährigen Enkelin zu verheiraten gedachte.

Ich wusste zwar, dass die Mexikaner verhältnismäßig früh heirateten, und ich war für mein Alter außergewöhnlich groß und auch gesetzt, aber heiraten, das verursachte mir ein Grauen, schon der Gedanke allein machte mich beklommen; richtige Liebesgedanken waren mir auch noch nie durch den Kopf gegangen. Die Hütte auf dem Hügel, wo mir einst jene in Mondlicht gehüllte Vision erschien, hatte ich nie mehr aufgesucht.

Und wenn schon, philosophierte ich, dann diese Ramona mit den krummen Beinen ganz gewiss nicht!

Beim Abendbrot brachte ich meinen Wunsch, dieses gastliche Haus zu verlassen, vor. Murmelnd betete die Alte den Rosenkranz; die heiratslustige Ramona blickte mich scheu von der Seite an, als ich meine Pistole ölte, und der Hausvater grübelte lange.

Am anderen Tag brachte mich Ramon zu Don Franzisco Cuesta, dem reichsten Mann von Mulege.

„Was willst du tun?“, fragte Don Franzisco. „Ich weiß noch nicht, was ich beginne, habe aber den Vorsatz, bei dem Chinesen anzufragen, Don Franzisco!“

„Was, bei dem Chino? Der wird dich kaum nehmen, denn er beschäftigt nur Landsleute; und wenn er’s tut, so verhungerst du oder stirbst an seinen Leckerbissen. Da bekommst du nur Reis!“, lachte der Mexikaner. Als er meine enttäuschte Miene bemerkte, fuhr er fort: „Wenn du Lust hast, kannst du bei mir bleiben, aber überleg’ nicht lange, sondern entschließe dich!“

„Ich habe nichts zu überlegen, Don Franzisco. Wo mein Haupt zur Nacht auf den Boden sinkt, da ist meine Heimat, und die mag nun bei Ihnen sein!“, versetzte ich unbedenklich.

Don Franzisco führte mich in das kühle Gebäude, schenkte mir den unvermeidlichen Schnaps ein und erklärte mir bei einer Zigarette, was er von mir verlange. Er habe acht Arbeiter, die sich, wenn er ihnen nicht nachliefe, irgendwo in den Schatten der Bäume schlichen, um zu rauchen. Da müsste ich hinterher sein.

Er, Don Franzisco, würde entweder jeden Tag auf eine Stunde kommen, um mir die nötigen Anweisungen zu erteilen, oder ich solle am Abend den Rotschimmel satteln und zu ihm reiten.

Erwartungsvoll schloss Don Franzisco seine Erklärungen.

Am Nachmittag führte er mich überall umher. Auf seinem Grundstück wuchsen viele Palmen, ein Olivenhain, den man gerade aberntete, Orangen- und Zitronenbäume, Quitten und Mangos, Zuckerrohr, Mais und Tomaten. Ins Haus zurückgekehrt, nahm er von der Wand ein Kuhhorn und entlockte diesem mit den Lippen dumpfe, schaurig hallende Töne. Seine Leute kamen von allen Seiten faul und lässig angeschlendert. Darunter auch die zwei Chinesen, die ich schon beim Holztransport kennengelernt hatte. Aus der Küche, einem auf Pfählen ruhenden Mattendach, patschte barfuß eine schmutzige, junge, schon ziemlich fette Indianerin, braun wie Schokolade.

Don Franzisco hielt eine Ansprache, dass sie mir in allen Stücken zu folgen hätten, und dass die Faulenzerei nun vorbei sei. Grunzend nickten sie und drehten sich Zigaretten. Mit dem Sinken der Sonne verließ Don Franzisco die Pflanzung. Gleich nach seiner Entfernung watschelte die Indianerin herbei und blies auf dem Kuhhorn. Es war der Ruf zum Abendessen.

In einer hübschen, mit Weinlaub umrankten Laube stand ein langer roher Holztisch, von Bänken umgeben, um den wir Platz nahmen. Von meinem Ehrenplatz am Ende der Tafel beteiligte ich mich nur spärlich an der Unterhaltung. Ebenso schnell und unbewusst, wie ich mich in die Rolle eines mit dem gemeinen Volk Brüderschaft trinkenden Rowdys fand, so schnell und spielend fand ich mich auch in meinen neuen Majordomo-Rang, und richtete so schon am ersten Abend die Schranke auf, die zwischen uns sein musste.

Nach dem Essen spazierte ich, meine geliebte Pfeife rauchend, durch die Olivenallee, einem schönen Weg, auf den Sternenschein und Mondlicht breite weiße Streifen malten.

Ich klopfte die Pfeife aus und schritt summend zurück, um einen Schlafplatz zu suchen. Das Gebäude, das vor Zeiten einmal von der Familie meines Patrons bewohnt wurde, war bis unters Dach mit allen möglichen Gegenständen vollgepfropft. Die Indianerin führte mich in den einzigen leeren Raum des Hauses, in dessen Ecke eine Lagerstatt zurechtgemacht war. Eine Decke erblickend, fragte ich, wer denn hier schlafe und wessen Bett das sei. „Es mio, Don Ernesto!“, war die Antwort, und grinsend deutete die Dicke auf sich.

Das gefiel mir nicht; vor diesem barfüßigen Weib, dessen fetter Körper als einzige Bekleidung in einem langen, in allen Farben spielenden, schmutzstarrenden Hemd steckte, graute mir. Ich ließ sie stehen und fand bald ein weiches Plätzchen in der halboffenen Scheune auf knisterndem, betäubenden Heu. Ich streckte mich bequem aus, das Entkleiden hatte ich vor sechs Monaten verlernt; nur die weichen, absatzlosen Hirschhautschuhe abstreifend, Strümpfe kannte ich auch nicht mehr, schob ich den Revolver nach vorne und schloss zufrieden die Augen.

Als die Sonne draußen aus dem Meer stieg, suchte ich die Küche auf, wo das Weib schon Kaffee bereit hatte. Die Peones gingen an die Arbeit, ich folgte ihnen. Einige harkten das grüne Moos vom Boden des Bachbetts, damit das Wasser schneller fließen konnte, die Chinesen legten neue Gruben für das Zuckerrohr an, und der Rest erntete Oliven, die in offene, mit Salzlake gefüllte Tonnen geschüttet wurden. Ich schritt von einem zum anderen und trieb die Leute an, als wenn ich ein geborener Sklaventreiber wäre.

Das Leben in seiner jetzigen Form gefiel mir ausnehmend.

Gleichmäßig drehte sich das unsichtbare Rad des Lebens. Ich galoppierte oft an den Abenden auf dem feurigen Schecken oder dem etwas heimtückischen Rotschimmel in die Stadt und ließ mich auch mehrmals in den „Drei Fässchen“ sehen, nachdem mein Zahltag, der vierzig Pesos brachte, gekommen war.

Ich ließ das Pferd im Stall des Hauses meines Patrons und fing an, gleich den jungen Mexikanern, mit klirrenden Sporen um die Plaza zu stolzieren und nach den Mädchen, die paarweise auf den Bänken saßen, zu äugen.

Ramona, die Enkelin der Ahne mit dem Rosenkranz, erschien häufig mit einer Freundin, aber ich wurde geschickt darin, sie zu umgehen. Ihren Vater sprach ich einige Male, lehnte aber seine Einladungen wohlweislich ab. Pablo, an den ich gar nicht mehr dachte, lief mir eines Abends über den Weg. Er war sternhagelvoll betrunken und lachte, als er mich sah: „Komm, Majordomo! Komm, lass uns eins trinken!“

Ich war wie aus den Wolken gefallen, als er seinen Arm unter den meinen schob und mich in die „Drei Fässchen“ führte. Großer Lärm und Beifall empfing uns beim Eintreten.

„Pablo Meza und der wilde Ernesto sind wieder Freunde!“, hieß es. Pablos Bruder, der hübsche Gajo, kam kurz nach dieser Episode mit einem jungen Mädchen auf die Plantage geritten; er überraschte mich, als ich gerade versuchte, eine Orange vom Ast zu angeln. Mich nach mexikanischer Sitte umarmend, rief er seiner aus dem Sattel kletternden Begleiterin zu: „Sieh, Mercedes, das ist er! Das ist Ernesto, der das Fieber hatte!“

Leise flüsterte er mir ins Ohr: „Sei nicht zögerlich, Freund, sie fragt jeden Tag nach dir!“

Das Mädchen, eine sechzehnjährige Schöne, deren weiße Hautfarbe verriet, dass viel reines spanisches Blut in ihren Adern floss, sah mir offen ins Gesicht und reckte mir die Hand mit den Worten hin: „Ach, was für schöne Augen hat doch dieser fremde Junge!“

Ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte. Gajo half mir aus der Verlegenheit, indem er sich nach meiner Tätigkeit erkundigte. Ich führte die beiden überall umher, war jedoch einsilbig, und die Reden, die ich mühselig hervorbrachte, klangen unbeholfen und holprig.

Mercedes schwieg meist, sah mich ununterbrochen an. Einmal wiederholte sie lachend: „Was für schöne Augen!“ und wollte sich vor Lustigkeit ausschütten, als ich, mit rotem Kopf, die Zigarette mit dem glühenden Ende in den Mund steckte.

Aus dem Gespräch, dessen Kosten Gajo allein trug, hörte ich, dass sie des alten Rosas Tochter war. Rosas gehörte ebenfalls zu den oberen Zehntausend von Mulege, große Herden von ihm weideten in den Bergen, und in der Stadt besaß er einen der drei existierenden Läden.

Herzlich froh war ich, als die beiden fortritten, hätte sie aber doch gern zurückgerufen, denn die dunklen Kirschenaugen der Schönen gefielen mir. Beim Abschied hatte sie mit ihrer weichen Stimme gesagt: „Komm heute Abend zur Plaza! Du streichst immer so allein umher.“

Ein Taschentuch, das erste, welches ich seit Monaten sah, flatterte noch lange, bis die Bäume meine Besucher verdeckten.

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DIE STRAßEN WAREN AUSGESTORBEN, als ich mich nach der Plaza begab. An einer Mauer las ich im Licht eines Zündholzes ein Plakat. Die Schauspielertruppe der im Süden liegenden Stadt La Paz gab ein Gastspiel.

Das Gastspiel wurde im Freien auf der Plaza, um die sich die Einwohner drängten, abgehalten; jeder brachte seinen Stuhl mit. Rauchend saßen die Männer mit den großen Hüten neben ihren in Kopftücher gehüllten Frauen, die ebenfalls an den glimmenden Zigaretten sogen. Es brannten Pechfackeln, die flackernden Schein über die Versammlung gossen.

Mercedes saß mit einer Freundin ziemlich weit vorne.

„Ah, Ernesto, bist du doch gekommen!“, murmelte sie leise, und ich stotterte ein verunglücktes: „Buenas noches ... guten Abend!“

Das Spiel ging unterdessen weiter. Auf der ebenerdigen Bühne gestikulierten und sprachen jetzt ein halbes Dutzend Personen. Es dauerte Stunden, ich rutschte auf meinem Sitz unruhig hin und her und hatte die Augen mehr auf Mercedes als auf die Spieler gerichtet. Die Zuschauer hatten sich verlaufen, die Fackeln waren bis auf kleine schwelende Stümpchen niedergebrannt; nur noch wenige junge Leute promenierten um die Plaza oder saßen auf den Bänken um das Viereck, da spazierte ich mit Mercedes langsam um den Zementstreifen. In kurzem Abstand schritt Gajo mit ihrer Freundin.

„Hat dir das Theater gefallen, Ernesto?“, fragte Mercedes, zu mir aufblickend, und der Wahrheit gemäß entgegnete ich, dass ich das ganze dumm und langweilig fand.

„Du bist ein hübscher Junge, Ernesto, aber wild bist du, wie die Wölfe unserer Berge! Wie hast du’s mit dem armen Pablo gemacht! Und sein Vater, der gute Don Juanito, der fragt immer nach dir, denn er wollte dich zu seinem Sohn machen. Schäm dich, du grausamer Junge!“

„Aber ich bin doch kein Waisenknabe!“, versetzte ich verblüfft über die mir unbekannten Adoptionspläne des Alten in der roten Decke. „Und,“ fuhr ich fort, „hat er mich nicht beinahe umgebracht mit seinem Bitterwasser und der Kuhmagenbrühe?“

Kichernd lachte sie: „Und was hast du mit der armen Ramona gemacht, die weint sich ja die Augen aus!“

„Ramona?“, wiederholte ich erstaunt, denn ich dachte nicht an des alten Ramon Tochter.

„Gebenedeite Jungfrau! Hast du schon deinen Aufenthalt bei Don Ramon vergessen? Was bist du doch für ein Mensch!“

„Nein,“ knurrte ich grimmig. „Nur zu gut erinnere ich mich an die beiden Kugeln, die über mir in die Palme klatschten, und an die zahnlose Urgroßmutter mit dem Totengesicht, die mit gelben Fingern den Rosenkranz zählte und mich mit der Ramona verheiraten wollte!“

Laut lachte Mercedes, dass die vor uns Gehenden die Köpfe wandten, und meinte: „Du bist ein wilder Junge, Ernesto! Und warum hast du das kleine, liebe Kälbchen getötet und den Kartenspieler in den ,Drei Fässchen' erschossen?“

Ich fühlte, wie mir das Blut in die Wangen stieg, und rief ärgerlich: „Weil meine Eltern nicht verstanden, mich zu erziehen, weil meine Mutter zu schwach war und ich meinen Vater nicht als Vater ansah, sondern als einen Menschen, vor dem ich immer furchtbare Angst besaß, wurde ich wild und verbittert schon zur Zeit, da andere Kinder noch spielen. Und das Tierchen hatte mich geärgert. Heute tut es mir leid, mehr als du denkst, aber ich ließ noch nie jemand in meine Gedanken schauen. Und hätte ich den Mann nicht getroffen, der übrigens ein berüchtigter Spieler und Revolverheld war, so wäre ich jetzt nicht hier, denn ich kam ihm nur zuvor.“

Eine Weile herrschte verlegenes Schweigen zwischen uns, dann begann sie wieder: „Wie gefällt es dir in Mexiko, und wie gefallen dir die Mexikanerinnen, sind sie schön?“

Unbewusst gab ich zur Antwort: „Schön und herrlich ist euer Land, wie kein zweites auf Erden, das weiß ich, obwohl ich es noch fast gar nicht kenne, aber du bist die Schönste!“

Ich hätte mir am liebsten die Zunge abgebissen, als die Worte heraus waren.

„Ernesto!“, rief sie und schlug mir leicht auf die Hand. Kühner geworden, wagte ich jetzt schüchtern, ihren weißen, bis zum Ellenbogen bloßen Arm zu streicheln. Unsere Hände kamen in Kontakt, dann riss sie die ihre los: „Sei vorsichtig, Ernesto! Es sind überall Leute im Dunkeln. Aber morgen, manana!“

„Was ist morgen?“, drang ich ungeduldig, und lachend entgegnete sie: „Nun, morgen gehen wir wieder um die Plaza spazieren!“

Das Paar vor uns blieb stehen und wartete. Die dünne Stimme der Kirchenglocke rief elfmal.

„Dios, schon elf Uhr!“, sagte Gajo, und zu viert verließen wir den Platz. Ich bat Mercedes um ein Buch, und sie versprach, am kommenden Tag einige hinaus auf meine Plantage zu schicken. Mit wiederholten: „Buena noche!“ trennten wir uns.

Anschließend spornte ich mein Tier durch das aufrauschende Wasser des Flusses, dass die blitzenden Tropfen wie Diamanten sprühten, und dumpf schlugen die Hufe über den Boden des Palmenweges.

Vor dem Einschlafen vermeinte ich immer das weiße Gesicht mit dem bläulichen Alabasterschimmer und den großen Augen von Mercedes zu sehen.

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AM NÄCHSTEN MITTAG kam ein barfüßiger Junge geritten, der die versprochenen Bücher brachte.

Ich leitete das Einbringen von Granatäpfeln, zog mich aber früher als sonst zurück, um einen Blick in die Bücher zu werfen, Werke übersetzter Franzosen. Langatmige Liebesgeschichten, wie ich sie hasste.

Am Abend galoppierte ich in die Stadt und wandelte nach wenigen Minuten glücklich mit Mercedes um die Plaza.

Ich musste von Europa erzählen und staunte oft über die naiven Fragen. Ob sich die Frauen in Deutschland auch die Lippen malten, denn diese Kunst wurde in dem weltentlegenen Mulege fleißig geübt. Wiederholt meinte sie neckisch: „Sind die Mexikanerinnen schön?“

Und immer wieder sprach ich im Brustton der Überzeugung: „Du bist die Schönste!“

Das gefiel ihr und ich durfte, wenn keine Passanten in der Nähe waren, ihre kleine Hand fassen und streicheln. Über uns strahlte der Mond, und die Sterne flimmerten. Wenn sie dann schmeichelte: „Ernesto mio, was hast du für schöne Augen!“ und nachdenklich hinzufügte: „Sie sind ganz anders wie die unseren,“ dann fühlte ich mich zu allen Tollheiten fähig, die sie verlangen mochte.

Einmal waren wir unversehens von der mondbeschienenen Plaza abgekommen und befanden uns plötzlich im Düsteren neben dem Bach, der plätschernd über die Steine hüpfte. Ich konnte mich nicht mehr beherrschen und legte sanft den Arm um ihre Schultern, erwartete zwar allen Ernstes eine Ohrfeige, war aber überrascht über die Wildheit, mit der sie mich plötzlich umschlang und meine Lippen küsste. Bebend lag der zierliche Körper in meinen Armen, ich hörte, wie ihr Herz pochte, die großen Augen sogen sich in meinen Blick, und leise flüsterte sie: „Ernesto mio!“

Noch nie war ich so glücklich gewesen, aber plötzlich befiel mich eine ungeheure Verblüffung, denn sie rang sich los und gab mir eine kräftige Ohrfeige, dass mir die Backe wie Feuer brannte. Eben wollte ich meiner Empörung Luft machen, da lachte sie mich so berückend an, dass ich meine Wange gar nicht mehr spürte; sie zog mich langsam zur Plaza zurück, indem sie mit dem Finger oft nach der Kirche deutete, die blendend weiß auf dunkler Höhe ruhte, und murmelte verheißungsvoll: „Wenn dort oben die Glocke läutet, Ernesto mio!“

„Willst du mich dann heiraten?“, fragte ich.

Silbern lachend haschte sie meine Hand und erwiderte: „Heiraten denn die Leute bei euch so jung?“

Bei dieser rätselhaften, spottenden Antwort blieb sie und mehr konnte ich mit allem Betteln nicht aus ihr herausbringen.

Auf dem Heimritt zerbrach ich mir fast den Kopf; und es dauerte lange, bis ich die Augen schloss, weil ich nicht erraten konnte, was Mercedes mit dem Glockengeläut meinte.

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MERCEDES ERFÜLLTE MEIN ganzes Sinnen und Trachten. Abend für Abend war ich bei ihr auf der Plaza. Oft konnte ich nicht recht klug werden aus dem sonderbaren Mädchen. Bald zog sie mich ins Dunkle, umarmte mich glühend und flüsterte kosend: „Ernesto mio!“, bald stoß sie mich lachend weg und nannte mich ein plumpes Tier mit wilden Augen, wobei sie spöttisch die Lippen schürzte.

Stieg mir dann das Blut zu Kopf und wollte ich wütend und verzweifelt fortlaufen, so hielt sie mich an der Hand fest, führte mich an den geschwätzigen Bach, sah mir lange in die Augen und murmelte: „Wenn die Glocke läutet, Ernesto!“

Dann hätte ich ihr vor Seligkeit zu Füßen fallen mögen, und wenn wir wieder um die Plaza wandelten, drang ich in sie, mir die Worte zu deuten und geriet wieder in wilden Zorn, denn ich bekam nur ein beschwichtigendes: „Bald, bald!“ zur Antwort.

In den folgenden Nächten knirschte ich während des Heimrittes mit den Zähnen, feuerte die fünf Schüsse meines Revolvers in die Luft, dass das Echo rollend hallte und gab dem Rotschimmel die Sporen, dass er stöhnend durchging.

Und jeden Abend zog es mich unwiderstehlich nach der Stadt. Am Tag lief ich oft wie im Traum umher. In den Mittagspausen las ich in den Büchern, doch wären sie nicht Mercedes Eigentum gewesen, das ihre Hände berührten, so hätte ich die alten Schwarten fluchend ins Feuer geschleudert. So aber hockte ich und las die langweiligen Romane, die von schwülstigen Liebeserklärungen strotzten. Ich sprach fließend spanisch, aber die zierlichen Floskeln und sorgfältig aufeinander aufgebauten Sätze mit Worten, die man im alltäglichen Gebrauch nicht anwendet und von denen diese Bücher wimmelten, machten mir schwere Arbeit.

Don Franzisco sah mich oft erstaunt an, wenn ich ihn um die Erklärung dieses oder jenes Wortes bat; seine Frau, ein blasses, leidendes Geschöpf, die meist an einem brennenden Kohlenbecken saß und die durchsichtigen, durchgeistigten Hände darüber hielt, sagte lächelnd: „Ernesto ist enamorado ... verliebt!“

„Mercedes?“, brummte ihr Mann, und ich machte, dass ich hinaus kam. Mercedes brachte mir immer neue Schmöker und tyrannisierte mich, indem ich immer über deren Inhalt genauen Bericht abstatten musste.

„Morgen sollst du wissen, wann die Glocke läutet!“, sprach eines Abends Mercedes unverhofft beim Abschiednehmen zu mir. Jener Tag wollte kein Ende nehmen, der Abend überhaupt nicht kommen, doch endlich befand ich mich bei ihr.

Schweigend führte sie mich an den Bach, lief über die Planke voraus und blieb dann am Fluss stehen und wies mit der Hand auf das jenseitige Ufer, wo dunkle Bäche und Palmen seufzten.

„Dort ist der Garten Leonardos!“, begann sie. „Nachts ist niemand darin, denn Leonardo wohnt im Ort. Du wirst morgen tief in der Nacht dein Pferd durch den Fluss führen, drüben die kleine Pforte öffnen und das Tier im Gebüsch anbinden. Morgen und vielleicht übermorgen auch! Verstehst du?“

„Aber ...“ stotterte ich.

„Schweig, Ernesto mio, mach es mir nicht schwer,“ unterbrach sie mich. „Dann gehst du durch den Fluss, er ist flach, und wartest auf dieser Seite, bis oben im Turm die Glocke läutet... die Mitternachtsglocke! ... Nach dem letzten Schlag begibst du dich hinter unser Haus in den Hof, du kennst es ja, schwingst dich über die Mauer. Der Hund und der zahme Puma sind angebunden, aber sie dürfen dich überhaupt nicht hören. Das zweite Fenster rechts ist offen, dort findest du Mercedes!“

Das letzte hatte sie mir, der ich in ungeheurem Staunen versunken dastand, schon im Fortspringen zugerufen, und ich war allein auf dem Streifen feuchten Sandes am Wasser, das unhörbar zu meinen Füßen floss.

*

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WAR MIR DER VORHERIGE Tag unendlich erschienen, so wollte der jetzige nie ein Ende nehmen. Und am Abend blickte ich alle Augenblicke nach den Sternen, ob es nicht bald Zeit zum Aufbruch sei. Kurz vor Mitternacht galoppierte ich flussaufwärts. Ein Kanu kam mit leisen Paddelschlägen den Wasserstreifen hinab.

An der Brücke kreuzte ich den Fluss, ritt langsam und nach allen Seiten spähend aufwärts und öffnete die kleine Pforte, die mir Mercedes bezeichnet hatte. Den Rotschimmel band ich an den Stamm einer Palme, hing ihm den Maissack um, dass er fressen konnte, schlüpfte aus den Schuhen und durchwatete das flache, kühle Wasser.

Mit klopfendem Herzen zog ich drüben die Schuhe wieder an und wartete auf die Mitternachtsschläge. Grillen zirpten am jenseitigen Ufer, und dicht bei mir klagte eine Unke. Da schlug die Glocke droben an, und kaum war der letzte Schlag verhallt, pirschte ich mich vorsichtig durch die Straßen nach dem mir bekannten Gebäude.

Der Hof glänzte im Mondlicht, nichts rührte sich. Vorsichtig schwang ich mich auf die Mauer, die in weiten Abständen mit Scherben und Flaschenhälsen bestreut war, und stand aufatmend unten. Vor mir hob sich die Fensteröffnung dunkel von der Mauer ab.

Da flammte innen ein Licht auf, flackerte Sekunden, um schnell zu erlöschen. Auf den Zehenspitzen schlich ich näher.

„Mercedes!“, hauchte ich, und zwei weiße Arme tauchten aus dem dunklen Viereck, ich schwang mich hinauf und wurde vollends hineingezogen.

Im Hof winselte mit einem Mal der Hund und schüttelte klirrend seine Kette.

Und nun begannen jene Nächte, die mich wie orientalische Märchen umfingen und in einen endlosen Rausch versetzten. Nacht für Nacht band ich den Rotschimmel oder den Schecken an jene Palme, watete durch den Fluss, um beim letzten Glockenschlag wie ein Dieb über die Mauer zu klettern nach dem Fenster, wo mich weiche Arme in die Dunkelheit zogen, und, wenn vom Turm drei Schläge hallten, mich loszureißen und unter dem seufzenden Blätterdach, halb wachend, halb träumend, heimzureiten.

Weiße Mosaiken blendenden Mondlichtes breiteten bizarre Teppiche vor die polternden Hufe des Tieres, wenn es langsam der Plantage zuschritt, und die Grillen sägten eintönig im tiefen Dunkel der Sträucher; die Luft roch nach Orangenblüten, und wie ein lebendes Wesen wand sich der schillernde Wasserlauf durch den Hain.

Ich zählte am Tag die Stunden und Minuten, während der Wochen selbst die Tage und atmete auf, wenn die Nacht ihre weiche, sternbesetzte Schleppe über die Oase deckte.

*

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WIE SEIFENBLASEN PLATZTEN eines Tages die bunten, farbenglühenden Zaubernächte von Mulege.

Wieder war ich, als die an den Abschied mahnenden drei Schläge tönten, über den Hof geschlichen und schwang gerade ein Bein über die Mauer, da schlug der hölzerne Laden am Nebenfenster polternd gegen die Wand. Aufheulend sprang der Hund aus der Hütte, der geschmeidige, goldgelbe Leib des Pumas schob sich aus der Ecke in das Mondlicht, und die Stimme des alten Rosas fluchte: „Caramba! Wart’, verfluchter Deutscher, ich will dir das Wiederkommen verleiden!“

Eine schweflige Feuerzunge bleckte aus dem Zimmer, und mit dem Donner des Schusses klatschte eine Ladung Schrot neben mir in die Lehmmauer. Im Nu war ich drüben, eilte durch die Straßen und galoppierte verstört heimwärts.

Don Franzisco machte am anderen Mittag ein ernstes Gesicht und zog mich beiseite.

„Ernesto, du machst ja schöne Geschichten in unserem stillen Mulege!“, begann er, und halb beschämt, halb trotzig sah ich ihn an.

„Erst traktierst du Pablo mit der Peitsche, tötest seine Kälber, knallst Menschen kaltblütig zusammen ... nun, damit hast du der Stadt einen guten Dienst erwiesen,“ unterbrach er sich und fuhr fort: „damit nicht zufrieden, steigst du bei Nacht und Nebel in die Stube der Tochter eines der angesehensten Bürger!“

Er wartete auf eine Entschuldigung, redete aber, da ich verbissen schwieg, weiter:

„Der alte Rosas ist beim Alkalden gewesen und hat verlangt, dass dieser dich einsperren und nach Santa Rosalia zurückschicken lässt!“

„Was hat der Alte mit Mercedes gemacht?“, tat ich zum ersten Mal den Mund auf.

„Mercedes? Die ist gut aufgehoben, und ich schätze, sie ist schon unterwegs nach Guaymas. Sei ruhig, Ernesto, die hübsche Katze hat schon mehr solcher Streiche verübt!... Aber höre jetzt weiter. Ich kam zum Alkalden, als ihm der alte Rosas in den Ohren lag, und habe die beiden beruhigt. Morgen führt dich der Epifano, der Kuhjunge, nach La Purisima hinauf in die Berge; mein Schwager, der schon von dir hörte, hat dort einen Laden, da kannst du Kaffee und Zucker abwiegen. Bist du zufrieden, Ernesto?“, schloss er schmunzelnd seine lange Rede.

Die Gedanken überstürzten sich in meiner Einbildung. Fort von Mulege sollte ich, hinauf nach La Purisima, dem Städtchen im Gebirge?

„Und Mercedes hat schon öfter solche Streiche gemacht?“, fragte ich mich. Und nun schwamm sie auf dem Golf und ließ sich drüben in Guaymas von ihrer Tante trösten? Da lachte ich und fühlte, wie die Elastizität und der glückliche, schrankenlose Leichtsinn zurückkehrten in meine Seele, die so lange in schwülen Träumen lag. „Es gilt, Don Franzisco, ich reite in die Berge zu Ihrem Schwager, gleich jetzt, wenn Sie wollen!“

„Du bist ein sonderbarer Junge, Ernesto!“, meinte er kopfschüttelnd. Wenige Minuten später trugen uns die Pferde nach Mulege. Frauenköpfe fuhren aus den Türen und sahen mir kichernd nach.

Ich ritt davon und verfolgte den vor mir liegenden, mit Geröll und Kiesel besäten Pfad, der in die schwarzen Schluchten führte. Während des ganzen Rittes, der durch eine einsame Bergwelt ging, traf ich keine Seele. Das einzige Geräusch verursachten die klappernden Hufe meines Tieres. Geier begleiteten mich, Kolibris schwirrten über Kakteen, die Sonne strahlte in Weißglut.

Die Nächte lag ich allein am Feuer, wo ich die mitgenommenen Maisfladen anwärmte. Ich lag auf dem Rücken, einen Stein als Stütze unter dem Kopf, und schaute in das blitzende Firmament, regelmäßig den Rauch meiner Pfeife ausstoßend, bis ich müde war und mich auf die Seite legte, um noch wie im Traum das schrille Konzert der Coyoten zu hören.

Schon am Abend des dritten Tages sah ich von einem Hochplateau in weiter Ferne den kobaltblauen Streifen des Meeres; am folgenden Nachmittag lag Loreto zu meinen Füßen. Es waren nur wenige Häuser am Rand breiter Sanddünen mitten in die Palmen hineingestreut.

Auf einem Rancho stillte ich meinen brennenden Durst, da ich schon am Abend vorher das letzte Wasserloch getroffen hatte, und verkaufte dem Ranchero, der mich verwundert betrachtete, nach langem Feilschen meinen Schimmel für zweitausend Pesos. Pferde waren billig in jenen Gegenden, und für die Summe konnte ich, wenn ich wider Erwarten keine Gastfreundschaft traf, einige wenige Tage existieren.

Ich begrüßte die vielen Palmen wie alte Freunde, sah aber gleich, dass die üppige, schwüle Feuchtigkeit von Mulege hier nicht herrschte. Straßen gab es nur zwei ganz kurze, die übrigen wenigen Häuser lagen überall unter Palmen verstreut und versteckt. Alles lag wie ausgestorben im heißen Sonnenschein.

In einer chinesischen Kneipe trank ich ein Glas Wein und fragte dabei den Mongolen über die hiesige Lage aus. Was er erzählte, klang wenig verlockend. Das ganze Nest, hier Stadt oder Pueblo genannt, zählte kaum hundert Einwohner. Der Chinese wies resigniert auf die Straße, wo außer einigen schlafenden Hunden kein Lebewesen zu sehen war. Ich setzte mich an einen kleinen Tisch und stopfte eine Pfeife.

Schweren Trittes, gewichtig, schob sich ein großer Mann in die Tür, der von dem Chinesen respektvoll gegrüßt wurde. Er setzte sich an meinen Tisch, und schnell kamen wir ins Gespräch. Bald hatte ich dem Mexikaner erzählt, was ich bisher in Mulege getrieben hatte und ging nach längerer Zeit mit dem Mann, der mein neuer Arbeitgeber geworden war, in seinen Laden.

So kam es, dass ich der Ladenhüter und Verkäufer von Don Juan Perpuli wurde, dessen Vater, ein Italiener, vor vielen Jahrzehnten einmal die Woge des Schicksals an diesen weit entfernten Ort schwemmte und zurückließ.

*

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FAUL LEHNTE ICH AN der Theke oder kauerte rauchend an der Tür in der Sonne und bediente gähnend die wenigen Kunden, die hauptsächlich kamen, um „el aleman“, den Deutschen, zu betrachten. Loreto war ein Ort des Träumens und des süßen Nichtstuns. Die Bewohner schliefen Tag und Nacht; auf den Straßen sah man nie einen Menschen.

Die Mahlzeiten nahm ich im Hause Don Juans ein, der eine junge, hellhäutige Frau besaß, und wurde von dieser, die immer im Schaukelstuhl saß, naschte oder sich mit ihrem Baby beschäftigte, ausgefragt; sie hatte eine fünfzehnjährige Schwester, braun wie eine Vollblutindianerin. Außerdem lungerten im Hof noch einige Arbeiter umher. Don Juan war nach hiesigen Verhältnissen reich, er besaß auch einen Schoner.

Ich konnte schon oft nach dem Mittagessen den Laden schließen, weil doch niemand mehr kam, und war dann mir selbst überlassen. Der Hausherr war in Geschäften nach Guaymas gesegelt. Freunde fand ich unter den Fischern, die meist im Schatten ihrer Kanus lagen und rauchten. Wenn sie sich aus ihrer Trägheit aufrafften, fuhr ich manchmal mit ihnen zum nächtlichen Fischfang, wobei wir vorn im Bug in einem weitmaschigen Eisenkorb brennende Holzscheite führten, deren Schein die Beute anzog. Ich liebte diese nächtlichen Fahrten auf dem glatten Wasser, das von den Feuern zinnober- und karminrot glänzte.

Gegenüber der Bucht ragte die lange Felseninsel Carmen, auf der zahlreiche Salinen und Salzbergwerke ausgebeutet wurden, aus dem blassgrünen Wasser.

Die Mahlzeiten im Haus wurden mir immer unangenehmer. Donna Maria brachte wieder die verfängliche Frage auf, ob die Mexikanerinnen schön seien und deutete schalkhaft lächelnd auf ihre, trotz der braunen Haut, wie mit Blut übergossene Schwester.

Zornig lief ich eines Tages zum Hafen hinab. Der Motorschoner „El San Juan de Guaymas“, der heilige Johann von Guaymas, hatte den Abend vorher Anker geworfen. In einem Kanu paddelte ich hin, schwang mich auf das niedere Deck und fragte drei, mich anstarrende Burschen nach dem Kapitän.

Stumm zeigten sie nach achtern, wo eine winzige Luke in den Schiffsraum führte. Ich kletterte einige Leiterstufen hinab, blieb gebückt stehen, um nicht anzustoßen, und befand mich vor dem Kapitän, der eben eine Kiste geschlossen hatte und sich rasch umdrehte. Bissig fragte er: „Was willst du?“

„Ich möchte nach Guaymas fahren!“, lächelte ich und hielt ihm diplomatisch eine Pappschachtel mit Zigaretten hin. Er griff eine heraus, zündete sie an und knurrte etwas milder:

„Ich fahre nicht nach Guaymas! Wer bist du - doch kein Mexikaner?“

Kurz antwortete ich: „Ich bin ein aleman, von den Seglern in Santa Rosalia!“

Sein Gesicht hellte sich auf und er meinte: „Da bist du ja Seemann! Höre, Pedro, der faule Knochen - mögen die Haie an ihm satt werden! - ist an Land geblieben! Du kannst seine Stelle haben!“

„Wohin fährt das Schiff?“

Vertraulich legte mir der kleine Mann die Hand auf die Schulter.

„Wohin? Überall! Wir holen Holz in der Bai von Mulege, wir fangen Haifische im Golf, bringen Chinesen nach der Mündung des Coloradoflusses, damit sie über die amerikanische Grenze flüchten können, wir laden Schnaps an der Küste und fahren damit nach La Paz. Willst du mit?“

Ohne einen Moment zu zögern, bejahte ich. Haifische fangen, Chinesen schmuggeln und wieder einmal auf der wogenden Wasserfläche zu schaukeln, dem konnte ich, der ich immer Neues suchte, nicht widerstehen.

In der Dämmerung fuhr ich an Land, schmuggelte meine Decken aus dem Laden, auf dessen Theke ich zu schlafen pflegte, schloss ab und legte den Schlüssel auf die Mauer. Am Abend hievten wir Anker, hissten die Segel, und mit schwellender Leinwand zog der „San Juan de Guaymas“ durch die rauschende Flut.

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Der heilige Juan und seine Leute

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Es ging an dem linken Ufer des Golfs aufwärts nach der Höhe von Mulege, wo wir bei dem Zuckerhutkap wendeten, um in die Bai zu segeln. Im Abstande von hundert Metern passierten wir die Stelle, an der ich mit dem Indianer Nunio lagerte und Holz fällte.

Leise begann der Motor zu puffen, um uns in endlosem Rhythmus über die blaue, von kahlen Felsenbergen umrahmte Fläche zu bringen. Unweit einer spitzen Landzunge warfen wir Anker in das klare durchsichtige Wasser. Ein Einbaum, besetzt mit Männern, schoss heran, einsame Holzfäller aus dem in der Wildnis liegenden Örtchen Commondu.

Zwei Tage lagen wir an dem Holzstapelplatz und stauten dicke Holzknüppel in den Bauch des Schiffchens, und als dieser nichts mehr fasste, schichteten wir in Meterhöhe das Deck voll.

Schwerbeladen brachte uns die Schraube an die Flussmündung von Mulege. Das Holz wurde zum größten Teil an Land geschafft, und meine Kameraden gingen in die Stadt, da der Kapitän Vorschuss gab und einige Tage hier ankern wollte. Ich fühlte kein Verlangen nach der Stadt und blieb allein an Bord.

Von den paar Schiffen, die neben dem „San Juan“ lagen, kamen einige der Leute zu mir mit Blechflaschen voll Mescal, einem einheimischen Schnaps, dessen eigentümliche, einschläfernde, von Träumen verschönerte Wirkung ich nun zum ersten Mal kennenlernte. Verschiedene Bekannte aus der Stadt suchten mich auf, um mich zu bewegen, in die „Drei Fässchen“ zu kommen, aber mich hatte schon die faule, Tabak rauchende, glückliche Gleichgültigkeit der mexikanischen Küstenmatrosen ergriffen, sowie das Mescaltrinken, dessen Träume mir nie gehabte Sensationen gaben.

Am letzten Abend raffte ich mich aber doch auf, und schlaftrunken paddelte ich mit dem Kanu flussaufwärts. Bei der Plantage Don Franziscos band ich den Nachen an, ging durch die Olivenallee, deren schmale Blätter im Licht der Gestirne seidig glänzten, und trat in das dunkle Haus.

Kein Mensch war zu sehen, alles schien zu schlafen. Ich schritt nach dem Gemach der Indianerin, tastete auf dem Fensterbrett nach der immer dort stehenden Kerze, fand sie und zündete sie an.

Der gelbe Schein beleuchtete ein Bündel, offenbar ein menschliches Wesen, das in Decken gerollt auf der Erde lag.

„Luisa!“, rief ich und berührte die Gestalt mit der Fußspitze. Aus der Decke schälte sich das breite, stumpfsinnige Gesicht der Braunen, sie schlug die einzelnen Falten vollends zurück und stand endlich schlaftrunken vor mir. „Ist Don Franzisco im Pueblo?“

„Nein, Don Ernesto, er ritt nach Santa Rosalia!“, bekam ich zur Antwort, und gähnend zeigte Luisa ihre Zähne in der ansehnlichen Mundhöhle.

Ich wandte mich gelangweilt zur Tür und ließ die erstaunte Indianerin hinter mir. Als ich mich zum Kanu zurückwandte, beschlichen mich wehmütige Gedanken. In den Palmen flüsterte es so geheimnisvoll, denn es waren dieselben Palmen, die mich in meiner frohen Zeit unter sich sahen, wenn ich meinem Märchentraum zueilte.

Den Kahn durch einzelne Paddelbewegungen in der Richtung haltend, trieb ich unendlich langsam auf dem Rücken des Flusses meinem Schiff entgegen, und die ganze Zeit, während der ich die Hand in dem kühlen Wasser nachschleifen ließ und versonnen in die Tiefe blickte, folgte mir ein feines Gesicht mit lockenden Augen dicht unter der Wasserfläche, die es wie ein glänzender Rahmen umgab; die Tropfen und die spielenden Wellen, die gegen das Kanu stoßen, murmelten ohne Rast: „Ernesto, Ernesto!“ Tauchte ich dann die Paddel mit heftigem Schwung ein, um dem Spuk zu entrinnen, so verzog sich das weiße Gesicht zu einer höhnischen Fratze, und das flüsternde Wasser schien zu klirren und zu tönen.

Verstimmt erkletterte ich den „Heiligen Johann“ und nahm einen Schluck Mescal, um bald in die herrlichsten Träume zu sinken.

*

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SONNENSCHEIN, BLITZEND am Bug aufsprühendes Wasser, blauer, fleckenloser Horizont und schneeige, geblähte Segel verschwammen in wonnetrunkener Farbensymphonie, als der „Heilige Johann“ mit einer Ladung Blechgefäße in die Bai segelte, um Mescal zu holen.

Das Schiff war voller viereckiger Blechbehälter, deren Öffnungen durch Holzstückchen verkorkt waren und deren jedes drei mexikanische Gallonen zu je drei Litern fasste. Wir wollten Mescal laden, um die Ladung nach La Paz, dem Venedig der Halbinsel, fern im Süden am Kap San Lucas, das in den Stillen Ozean ragt, zu bringen. Mescal wurde in einigen Staaten der Republik in großen Mengen verkonsumiert, war jedoch in geordneten Zeiten verboten, aber das Verbot wurde sehr lax gehandhabt. Der Genuss dieses aus dem destillierten Saft einer Agavenart hergestellten Schnapses ruft schwere Träume hervor, ähnlich wie Opium oder das im Land viel gerauchte Hanfpräparat Marihuana.

Jetzt, zu Revolutionszeiten, kümmerte sich kein Mensch um das Verbot, und der starke, ungemein billige Schnaps wurde überall fabriziert und in den Handel gebracht.

Unweit der Stelle, an der wir einst das Holz einnahmen, gingen wir vor Anker und rochen sofort an der nach Alkohol duftenden Luft, dass wir uns in der Nähe einer Mescalbrennerei befanden. Nachdem der Kapitän mehrere Schüsse in die Luft gefeuert hatte, erschienen einige schwankende Gestalten am Ufer, winkten jauchzend und paddelten in einem Einbaum heran.

Je näher die wunderliche Gesellschaft, die aus drei Männern, vier Frauen und vier Kindern bestand, kam, desto deutlicher wurde es uns, dass sie alle betrunken waren. Im Zickzack schoss das Fahrzeug heran, oft setzten die Ruderer mit ihrer Arbeit aus, schwenkten die breiten Paddel über den Köpfen und schrien so laut, dass die Berge des jenseitigen Ufers in Aufruhr gerieten und rollendes Echo zurückschleuderten.

Krachend prallte das Kanu gegen den „Heiligen Johann“, dass die darin kauernden, singenden Menschen durcheinanderfielen und laut aufbrüllten. Mit dem Bootshaken angelte ich das Fahrzeug an unsere Seite, und die Insassen krochen an Deck, umarmten uns, lachten dann blöde, um in einen vierstimmigen Gesang zu Ehren der heiligen Jungfrau einzufallen, jedoch mit solch gellenden Stimmen, dass wir uns entsetzt die Ohren zuhielten. Noch nie hatte ich solch betrunkene Menschen gesehen, die gleichzeitig so harmlos waren.

Nun begannen endlose Verhandlungen. Obwohl der Kapitän den Kauf schon vor Monaten abschloss, als die Schnapsbrenner, die aus Mulege stammten, noch dort weilten, musste er wieder von vorn anfangen zu feilschen. Nach Stunden war es soweit, dass wir die trunkene Gesellschaft in ihr Kanu zurückbündelten und sie an Land brachten. Sofort ließen wir unsere zwei Kanus zu Wasser und führten nach und nach die Blechkannen an Land, während die trunkene Familie schon geschäftig umfüllte. Die Brenner hatten ihre Destille, wie es üblich war, unter freiem Himmel.

Die Pflanze wuchs im nahen Gebirge, wurde abgezapft, der Saft unten am Lagerplatz in einem großen Kessel, dem ein gewundenes Kupferrohr entstieg, destilliert und in Fässer gefüllt, um von dort aus in unsere Blechkannen weitergeleitet zu werden. Die Leute weilten schon vier Monate in der Wildnis, jetzt waren sie fertig und wollten mit dem Rest des Schnapses, sobald sie nüchtern waren, nach Mulege zurück.

Nüchtern schien keiner mehr seit Wochen zu sein. Das Oberhaupt der Familie, Don Agapito genannt, ein kräftiger Mann mit blutunterlaufenen Augen, musste schon das Delirium haben, denn er erzählte uns, dass er häufig graue Punkte, die sich in Ratten und Mäuse verwandelten, vor den Augen sähe.

Als ich ihm sagte, dass diese Ratten von dem Schnaps herrührten, lachte er ungläubig und schwur beim Heiligen Ignazio, dem Schutzpatron der Halbinsel, dass gerade der Mescal das beste Mittel gegen sein Übel sei.

Wir arbeiteten wie die Wilden. Die Hälfte von uns füllte die Behälter, die anderen brachten sie in die Boote und von dort an Bord, um sie gleich regelrecht zu verstauen. Viele der Blechkannen waren undicht, auch schlossen die primitiven Stöpsel nicht gut. Mit aufgehender Sonne fielen wir todmüde auf den Boden, bis uns die Tageshitze weckte; dann ging es wieder an die Arbeit.

Zwei Tage dauerte die Arbeit, bis der „Heilige Johann“ voller Schnaps war. Auch das Deck war mit den Kannen bedeckt. Die ewig trunkenen Brenner umarmten uns zum Abschied voller Rührung, gaben uns noch eine halbe Schildkröte mit, der Anker wurde gehievt, die Segel aufgezogen, und mit Hilfe des Motors glitten wir schwerbeladen durch die Bai, kreuzten um das Kap, brachten nun den Motor in Ruhe, und in einer Entfernung von drei bis vier Kilometern von der Küste segelte das Schiff, von gleichmäßiger, schwacher Brise getrieben, nach Süden.

Plötzlich begannen alle von uns, einschließlich des Kapitäns, Mescal zu trinken. In kurzer Zeit waren wir alle so betrunken wie die Schnapsbrenner, die wir eben verlassen hatten. Keiner war mehr fähig, das Steuer zu halten. Sich selbst überlassen, trieb der „Heilige Johann“ über die grünen, sanft gewellten Wasser, lag manchmal, wenn der Wind aus den Segeln kam, still wie festgenagelt oder beschrieb graziöse Bogen, kam oft in gefährliche Nähe der Steilküste, wo uns die Brandung zu Spänen zerschmettert hätte, segelte jedoch im letzten Moment, wenn uns schon der Schaum an Deck spritzte, frei, als ob ein Schutzengel das Steuer ergriff. Wir sahen diese Gefahren wohl, kümmerten uns aber nicht darum.

Alle Mann saßen wir auf der Luke, umgeben von Schnapsbehältern und hatten einen solchen vor uns stehen, aus dem wir tranken. Zu gleicher Zeit anfangend, fielen wir auch ziemlich zur gleichen Zeit in Schlaf, während der „Heilige Johann“ mit uns seine verrückten Drehungen und Bogen beschrieb.

Die Sonne eines neuen Tages weckte uns; wir kochten starken Kaffee, und der Kapitän, der wie alle Golfschiffer, seinen Kurs ausschließlich nach Kompass und Landmarken richtete, betrachtete staunend die Küstenberge und fluchte dann, dass wir in der Nacht nicht nach Süden, sondern nach Norden gefahren waren, indem wir statt wie beabsichtigt golfabwärts, diesen aufwärts segelten. Wir wendeten, und eine Zeitlang hielten wir richtigen Kurs, dann begann die Zecherei wieder, und es ging noch toller zu als am vergangenen Tag, der „San Juan“ konnte machen, was er wollte. Es war uns gleich, ob er südlich, nördlich oder auf die Felsen ging.

Es wurde uns zuviel Arbeit, den Schnaps immer erst in die Tassen zu füllen, zumal unsere Finger bald zu kraftlos waren, um dies zu tun, denn wir sahen alle doppelt. Deshalb priesen wir uns glücklich, in Mulege einen Haufen Bambusstöcke zum Feueranzünden an Bord genommen zu haben; wir schnitten diese oberhalb ihrer gelenkartigen Knoten ab und jeder tauchte sein auf diese Weise erhaltenes Rohr in die Schnapskanne und sog daran, so oft er Lust bekam. Der „Heilige Johann“ machte unterdessen, was ihm beliebte, fuhr hin und her, lag still oder segelte wieder ein Stückchen ganz vernünftig nach Süden.

Stürme gab es in dieser Jahreszeit nicht, sonst wäre es uns übel ergangen.

Wir sogen an den Röhren, lachten und sangen in brüllendem Chor. Wenn der eine von den Geistern des Alkohols übermannt auf Deck sank, so erhob sich schon ein anderer und nahm seine Stelle ein. Gegessen wurde kaum, denn was wir im Rausch zustande brachten, war entweder roh oder angebrannt.

Nach einigen Tagen dieser ununterbrochenen Orgie, als wir gerade einträchtig um die Schnapskanne hockten, näherte sich uns der Schoner „Juan Lanzacorta“, den ich schon in Mulege gesehen hatte. Er setzte ein Boot aus, und dieses kam mit zwei Mann besetzt heran. Die beiden stiegen an Deck und sahen sich erstaunt um. Unser Kapitän erhob sich taumelnd und fiel dem anderen Schiffsführer um den Hals.

Dieser sah kaum, dass unsere gesamte Ladung aus Schnaps bestand, als er mit den Worten: „Gleich, amigo, gleich!“ mit seinem Begleiter in das Boot sprang und auf den „Juan Lanzacorta, Johann kurze Lanze“, zuhielt.

Lange blieb das Boot nicht weg. Wir sahen, wie drüben die Segel an Deck gelassen und aufgerollt wurden, so dass der Schoner still auf dem Wasser ruhte, dann kehrte das Boot mit fünf Mann wieder. Der Kapitän des „Johann kurze Lanze“ kam mit seinen Leuten an Bord des „Heiligen Johann“, um an dem Gelage teilzunehmen. Viel Zeit mit Vorstellungen wurde von keiner Seite verloren. Die Besucher kletterten an Bord, tuchten unsere Segel ebenfalls auf, orientierten sich, wo die Bambusstengel lagen, erhielten einen Behälter voll Mescal und gruppierten sich gleich uns, um an den Röhren zu saugen.

Schnell sank die Sonne, Sternenschein betupfte die leicht gewellte Fläche mit Silberpunkten, die weißen Umrisse des Nachbarschiffes glänzten wie Schnee herüber. Wie sich zwei Holzstückchen in einem Teich einander nähern, um endlich zusammenzukommen, so zogen sich nach dem gleichen Prinzip die beiden Schiffe einander an, aber es ging unendlich langsam.

In der Nacht wurden wir alle geweckt und hörten staunend von dem anderen Schiff, das wir verlassen glaubten, ein wütendes, gellendes Geschrei und wilde Drohungen herüberklingen.

Don Soto, der fremde Kapitän, erklärte lachend, dass er einige Passagiere von La Paz nach Mulege bringe, zwei Plantagenarbeiter mit ihren jungen Frauen. Sie waren allein auf dem Schiff, das in dichter Nähe einer ziemlichen Brandung schaukelte, die weiß von der Küste herüberschäumte, und zerbrachen sich wohl die Köpfe, warum Kapitän und Mannschaft nicht wiederkehrten. Wir brachen in ein schallendes Gelächter aus, drüben antworteten sie mit Flüchen auf unsere Scherze.

Wir fielen wieder in Schlaf, ohne uns weiter um die Schreienden zu kümmern, und am anderen Vormittag saßen wir beim Gelage, als sich der „Juan Lanzacorta“ scharrend an unsere Bordwand legte. Die vier Passagiere kamen wütend herübergesprungen, wurden jedoch mit einem Heiligengesang - etwas anderes kannten die Mexikaner außer einigen Liebesliedern nicht - empfangen und saßen, durch unsere Umarmungen schnell beschwichtigt, in wenigen Minuten einträchtig mit uns Schnaps trinkend auf der Luke, während die beiden Frauen sich bald absonderten und uns ein Mahl bereiteten.

Wir befestigten die beiden gleich großen Schoner aneinander, und Bord gegen Bord lagen der „Heilige Johann“ und „Johann kurze Lanze“ beisammen, küssten sich den rundlichen Achtersteven, scharrten sich die weiße Farbe von den Rümpfen und krachten manchmal gefährlich zusammen.

Zwei Tage blieben die Schiffe zusammen und wurden von einer Unterströmung langsam nach Süden getrieben, wir kamen dem Ziel näher, während die Nachbarn den schon zurückgelegten Weg noch einmal machten; aber nie packte uns die Brandung; über den beiden Fahrzeugen schwebte ein unsichtbarer Schutzengel, der stets im letzten Moment das Unheil von uns abwandte.

Die beiden Frauen hielten sich am nüchternsten und keiften Tag und Nacht, da sie Angst hatten, dass sie in ihrem Leben nicht mehr das Ziel erreichten. Ihr unaufhörliches Zetern und die Hiebe mit Knüppeln, die Eimer Wasser, die sie ihren seligen Eheherren und den Schiffern des „Johann kurze Lanze“ über die Köpfe gossen, während wir uns vor Lachen wälzten, setzten es durch, dass das andere Schiff uns verließ. Man half uns noch unsere Segel wieder hochzubringen, küsste uns umschichtig, und die Schiffe trennten sich.

Ich saß eine Zeit am Steuer, führte das Schiff nach Süden, obgleich ich keine Ahnung hatte, wo wir uns eigentlich befanden. Aber der Kapitän besaß seine Kennzeichen an den uns begleitenden Küstenbergen und lallte auf meine Frage, wie weit es nach La Paz sei: „In zwei bis drei Jahren sind wir vielleicht dort, Brüderchen, wenn uns die Heiligen eine gute Reise gönnen. Meinst du, dass sie so gütig sein werden und den Schnaps nicht ausgehen lassen in dieser Zeit?“

Er redete Unsinn; ich wusste, man brauchte von der Bai bis La Paz bei einigermaßen günstigem Wind sieben bis acht Tage. So lange waren wir aber schon unterwegs, das rechnete ich in meinem benebelten Hirn aus. Allerdings ahnte ich, dass der „Heilige Johann“ oft, da er sich selbst überlassen war, rückwärts statt vorwärts segelte, und zwei Tage lang hatten wir mit dem anderen Schoner fast stillgelegen.

Auf der Luke saßen die anderen und tranken. Der Kapitän winkte mit dem triefenden Bambusrohr, und lachend ließ ich das Steuer fahren, dass die Segel klatschen und setzte mich zu ihnen.

Wir wären überhaupt nie nach La Paz gekommen, sondern daran und dem Kap vorbeigesegelt und im Ozean irgendwo verunglückt, wenn uns nicht der Motorschoner „Anita“ überholt hätte. Die Leute, denen unser nach Schnaps riechendes Schiff, das wie ein Traumwandler über die See gondelte, auffiel, kamen heran, sahen die Bescherung, und da sie auch nach La Paz fuhren, nahmen sie uns unter lautem Hallo ins Schlepptau. Der Hafen war nur wenige Stunden entfernt, und wir kamen noch glatt vor Anker, aber schon war auch die Besatzung des anderen Schiffes, denen unser Kapitän dankbar einige Gallonen Schnaps schenkte, sternhagelvoll betrunken.

Bis wir den Hafen erreichten, hatte uns irgendeine unbegreifliche Macht aufrecht erhalten, aber jetzt klappten wir buchstäblich zusammen. Acht Tage währte dieser Zustand bei uns allen, bis wir schwach und mit schmerzenden Knochen aufstehen konnten. Von La Paz bekam ich wenig zu sehen, denn während der acht Tage, die wir im Hafen blieben, lag ich teilnahmslos entweder im Sonnenbrand oder im Mondglanz auf den Decksplanken und wurde während dieser Zeit gleich meinen Kameraden von fremden Leuten gefüttert.

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AM NEUNTEN TAG LICHTETEN wir den Anker und ließen La Paz, die Lagunenstadt mit ihren teils im Wasser stehenden Häusern, hinter uns, um den Golf aufwärts zu segeln. Fast dreitausend Liter Mescal hatten wir nach der Stadt gebracht und hundert Liter waren mindestens von uns vertilgt worden. Noch roch der „Heilige Johann“ nach Schnaps wie ein übernächtiger Zecher.

In des Golfs Mitte, von beiden Seiten durch niedere, nur bei klarem Wetter sichtbare Küstenstriche zackig begleitet, zogen wir die Segel ein, und sanft taumelte das Schiff über die glasgrüne Dünung ...

In der Nähe taucht ein Südwal, wie ein riesiges, schwarzes Felsstück, von dem silbernschäumendes Waser abtrieft, mit halbem Rücken aus der Tiefe über die Oberfläche, versinkt, um zischende, schnaubende Geiser hochzuschleudern. In schräger Richtung über den Golf wandern Herden von Delfinen, viele Hunderte, pfeilschnell im ewigen Wechsel auf und niedertauchend.

Rings um das Schiff prickelt und kocht manchmal die Oberfläche wie Mineralwasser in unzähligen Bläschen, wenn Millionen von winzigen, halb durchsichtigen Fischen, an und übereinandergedrängt, Leib an Leib, in dichten Wolken, durch irgend etwas in der Tiefe erschreckt, von ihren Korallenweidegründen nach oben drängten.

Beruhigt sich die langgestreckte Dünung des Meeres, bis es sich nur in schwachen Atemzügen regt, so tauchen die spitzen Rückenflossen der Haie auf, um langsam um den „Heiligen Johann“ zu kreisen; Schildkröten ruhen schlafend auf dem Wasser, um plötzlich wie Steine hinabzusinken, und in der Morgendämmerung schnellt der riesige platte Leib des Teufelsrochens mit dem harpunenbewehrten Schwanz hoch in die Luft, um aufklatschend, dass es wie ein ferner Kanonenschuss durch die Stille hallt, zurückzufallen. Wie eine weiße, auf dem Golf träumende Möve ruht der „Heilige Johann“ unter opal farbenem Frühhimmel...

Das waren unsere Jagdgründe.

Ein starker Haken an einem Kettenende, das in ein sich um seine Achse drehendes Seil überging und an dem ein Fischchen oder auch nur ein weißer Lappen befestigt war, klatschte über die Seite; die Hyänen der See schossen sofort darauf zu, drehten sich auf den Rücken, öffneten den mächtigen, mit fünf Reihen dräuender Zähne bewaffneten Rachen, schnappten zu und waren gefangen.

Während der Fisch um seine Freiheit kämpfte, wie ein Pfeil in die Tiefe schoss, dass das Seil rauchend über die Rolle lief, oder nach vorn strebte, das Schiff fortzog oder mit dem Schwanz knallend die Oberfläche peitschte, sich wie rasend um den Haken drehte und hoch aus dem Wasser schnellte, führte der Kapitän das Steuer, und wir vier stiegen in das Kanu, um uns leise dem Tier zu nähern und den geeigneten Moment abzuwarten, wo es uns die weiße Seite zeigte, um ihm die scharfe, dreischneidige Lanze tief ins Herz zu stoßen. Oft gelang es auch, die gierigen Raubfische, die schon heranschossen, wenn man einen Gegenstand über Bord warf, von dem Schiff aus mittels glücklicher Stöße zu töten.

Die Fangzeit näherte sich ihrem Ende. Der Herbst mit seinen von der Coloradomündung nahenden, gefährlichen Stürmen, den sogenannten Chuvascos, die, plötzlich aus heiterem Himmel fallend, die friedliche Wasserfläche in einen brüllenden Hexenkessel verwandeln, war gekommen.

In dieser Zeit segelten wir nach Guaymas.

Die große Bucht von Guaymas öffnete sich vor dem Schnabel des „San Juan“, um nach schmaler Einfahrt sich nochmals in eine fast geschlossene Bucht, in der zwei Inseln schwammen, aufzutun. Auf der einen Seite dieses schmalen Einlasses ruhte ein nackter gigantischer Felsklotz im Wasser. Eine weiße Häusermasse breitete sich am Fuß eines Berges aus, der, braunrot und kahl, täuschende Ähnlichkeit mit dem in fratzenhaftem Schmerz erstarrten Gesicht eines Riesen besaß.

Ein Dutzend Schoner lag am Bollwerk, in der Mitte des Hafens ankerte ein Hamburger Vollschiff, die „Lassbek“, und ein kleiner Dampfer lud an einer Holzpier Kohlen aus Eisenbahnwaggons, in die die Krallen zweier Kräne hineingriffen. Kanus ruhten in großer Anzahl auf einem Streifen glitzernden, halbmondförmigen Sandes. Gegenüber den Zollhäusern, von denen die Landesflagge schlaff in der Hitze herabhing, legten wir uns vor Anker.

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MIT ABRAHAM, DEM CHILENEN, spazierte ich durch die Stadt, die mich an Mulege erinnerte, nur dass alles viel größer war. Bäume gab es wenige, selten eine Palme, diese dann aber in sehr hohen Exemplaren. Guaymas besaß auch eine große, schöne Plaza, wo zu den Klängen eines vorzüglichen Streichorchesters eine Menge hell gekleideter Senoritas und junger Leute promenierten.

Wir mussten schon früh an Bord sein; Kapitän Palacio hatte uns ausdrücklich eingeschärft, nicht in den Kneipen zu versumpfen, da wir mit der Mitternachtsflut in See stechen wollten. Abraham erzählte mir auf mein Befragen, dass der „Heilige Johann“ mit vierzig Chinesen zur Coloradomündung gehe, wo diese von Führern in Empfang genommen und nach „Mexicali“, dem Spielerparadies der Halbinsel, gebracht werden sollten. Auf den umliegenden Baumwollplantagen wurden sie einstweilen beschäftigt, bis man sie einzeln über die Grenze nach Kalifornien paschte.

„Vierzig Chinesen?“, wiederholte ich ungläubig. „Wir haben ja selbst kaum Platz auf dem Schiffchen, wo wollt ihr denn mit vierzig Chinesen hin?“

„Das wirst du schon sehen!“

Auf dem Weg zum Bollwerk begegneten uns überall Soldaten, die man aber nur an den Waffen als solche erkannte, mit dunkelbraunen, intelligenten Zügen, prächtige, hochgewachsene Menschen.

„Yaqui-Indianer!“, erklärte mein Begleiter auf meine Frage. „Es sind die größten Teufel der Revolution, und schwer ist der Ort gestraft, den sie einnehmen oder wo sie im Quartier liegen! ...“

Im Heckverschlag des „Heiligen Johann“ saßen der Kapitän und zwei dicke Zollbeamte beim Wein, und später stieß noch ein Brillen tragender, elegant gekleideter Japaner zu ihnen; die vier führten eifrige, geflüsterte Gespräche.

Um die Mitternachtsstunde legten zwei lange, mit leise murmelnden Gestalten gefüllte Boote an, und auf einen Befehl des Japaners begannen die Insassen lautlos an Bord zu steigen.

Eine trübe Kugellaterne leuchtete. Pedro warf brummend den Lukendeckel ab, packte die einzeln über die Reling Kletternden brüsk am Kragen, zeigte ihnen die Leiter und stieß sie in den Raum. Tiefes Schweigen herrschte. Ich staunte, wie der dunkle Schiffsbau, der doch so klein war, Gestalt nach Gestalt verschluckte. Da trat Pedro zurück und die Folgenden mussten an Deck bleiben.

Überall waren Chinesen. Jeder Fußbreit wurde von ihnen besetzt; Schritt für Schritt ging ich nach achtern, dort glitt eben das letzte Boot mit dem Japaner in die Nacht zurück. Ich kroch in den Verschlag, der dem Kapitän als Kajüte, der Maschine als Maschinenraum und dem Koch als Proviantkammer diente.

Ich überraschte den Kapitän, wie er bei Kerzenschein mit liebevollen Gesten über eine Reihe kleiner, in Strohmatten gehüllter und mit chinesischen Schriftcharakteren bedeckter Kisten strich.

Er fuhr zusammen: „Was willst du, Ernesto?“

„Ich finde keinen Platz mehr an Deck, überall liegen Chinesen. Wie viele sind es eigentlich?“

„Vierzig Stück, Gevatter, und nicht schlecht sind sie zusammengepfercht. Aber die Kerle machen keine Arbeit, verpflegen müssen sie sich selbst und bringen ein schönes Stück Geld, denn jeder bezahlt zwölf amerikanische Dollars!“

„Wie lange brauchen wir bis zur Mündung des Colorado?“, setzte ich meine Fragen fort.

„Vier Tage, Ernesto! Die sind schnell vorbei, glaub mir’s.“

„Wenn aber der Sturm, der Chuvasco, uns packt, mit all den Leuten an Bord, unter denen wir uns ja nicht rühren können, was dann?“, meinte ich hartnäckig.

„Ich habe eine kiloschwere Wachskerze dem San Pedro, dem Schutzpatron aller Seeleute, gestiftet und werde ihm eine neue kaufen, wenn ich das Opium hier,“ er wies auf die Kisten, „losgeworden bin. San Pedro ist stark und mächtig, und es wird uns nichts passieren!“

Gegen meinen Willen lachte ich: „Ja, Kapitän, San Pedro ist stark!“

„Was schwatzst du, Ernesto? Jesus Maria und Dreifaltigkeit! Ich glaube, du hast schon mitten in der Nacht Mescal getrunken; doch komm an Deck, der Morgenstern wird bald strahlen, und wir müssen den Anker hochziehen!“

An Deck getreten, rief er: „Abraham, ist alles fertig?“

„Si, si, Senor!“, wehte die Antwort zurück.

Ich balancierte auf der Reling, um nicht auf Chinesen zu treten, nach vorn, und wir zogen mit der Hebelvorrichtung den Anker aus dem schlammigen Grund. Ohne Segel schnurrte der „Heilige Johann“ in wenigen Minuten durch den Hafen in die Bucht, und als der Morgenstern rötlich am Himmel stand, schaukelten wir draußen im Golf gen Norden.

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ABRAHAM ZÜNDETE DIE Seitenlampen an, nahm dann die Kugellaterne und leuchtete in den Raum hinab. „Ernesto, sieh!“, kicherte er, und über Chinesen stolpernd, erreichte ich den Lukenrand, um mich hinüber zu beugen.

„Madre Santisima!“, entschlüpfte es unwillkürlich meinen Lippen; da lagen die Chinesen, eng nebeneinander, wie die Sardinen in der Büchse zu beiden Seiten des Kielbaumes, an die schrägen Schiffsspanten gelehnt, mit den Füßen gegen den Kielbaum gestemmt.

Einige stöhnten, sie möchten gern an Deck kommen.

„Kein Platz!“, entgegnete Abraham lakonisch.

Pedro, der Steurer, hielt jetzt auf des Kapitäns Veranlassung mehr in die Mitte des Golfs hinein, wo sich die von den Küsten abstoßende Dünung nicht so bemerkbar machte. Ein Schoner, dessen grüne und rote Seitenlaternen schon geraume Zeit sichtbar waren, rauschte dicht an uns vorbei.

„Ahoi, ,San Juan!“, hallte eine Stimme über das Geplätscher und Schnalzen der Wogen.

„Ahoi, ,Gustavo‘! Wie sieht’s im Golf aus?“, brüllte unser Kapitän zurück.

„Alles in Ordnung. Gute Fahrt!“, tönte es schon halb verweht, und der Gegensegler lag hinter uns.

Später löste ich Pedro vom Ruder ab; dieser kroch zu den anderen in den Verschlag, wo Kapitän Palacio schon auf seinen Opiumkisten schlief. Der „Heilige Johann“ mit seiner seltsamen Ladung war jetzt in meiner Gewalt, und ich führte ihn über die ruhiger werdende Wasserfläche seinem Ziel zu, bis Abraham, die Decke hoch an den Mund geschlagen, mich ablöste und die hohe Felseninsel Tiburon hinter uns in die gleißende Flut tauchte.

Wie das Gespensterschiff aus Hauffs Märchen, so sah das Deck des „Heiligen Johann“ mit den daraufgestreuten Chinesen am Tag aus. Guter Laune, sangen die Gelben wunderbar quiekende Lieder, schwatzten oder knabberten an getrockneten Fischen, die sie als Proviant mit sich führten. Es waren alles Kulis in blauen Blusen, Schnürenjäckchen und den charakteristischen Schuhen, einige besaßen sogar noch Zöpfe.

So verging die zweite Nacht. Wir hatten das rechte Ufer des Golfs außer Sicht bekommen und näherten uns nun seinem linken, an dem wir entlang segelten. Da kam der Chuvasko.

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SEIT EINIGEN STUNDEN in der Bretterkajüte liegend, sah ich dem Kapitän zu, wie er fluchend vergeblich an den Zündkerzen des versagenden Motors herumschraubte. Beide sprangen wir auf und prallten mit den Köpfen heftig zusammen, als plötzlich eine bleierne Schwüle wie ein lebender Strom zur Tür hereinpresste und es gleichzeitig dunkel wurde.

„Heiliger Pedro! El Chuvasco!“, schrie Palacio. An Deck stürzend, sahen wir über uns eine tiefschwarze Wand herabhängen, aus der mit einem Mal nach allen Seiten und gegeneinander schweflige Blitze flammten, dazu hallten klirrende Donnerschläge, als ob ganze Berge von Porzellantellern umstürzten. Schlag auf Schlag und Blitz auf Blitz. Entsetzt deutete der Steurer nach vorne. Schräg auf uns zu rollte mit rasender Geschwindigkeit ein gewaltiger, schwarzer Wasserwall, dem große Schaumflocken wie Tischtücher vorausflogen. Um uns lag die See noch ganz ruhig, die Segel schlugen in der Windstille langsam hin und her; auf den Mastspitzen geisterte Sankt Elmsfeuer.

„Die Segel, die Segel herunter!“, kreischte der Kapitän, schrill den Donner durchschneidend, und über Chinesenleiber und angstverzerrte, schlitzäugige Gesichter stürzten wir nach den Masten. Ein sausender Windstoß kam uns zuvor. Knallend rissen die Tücher aus den Lieken und wirbelten davon.

„Festhalten! Festhalten, Ernesto!“, brüllte mir eine Stimme ins Ohr. Eisern umschlang ich mit Händen und Füßen den schlanken Mast. Gellend heulten noch einmal die Chinesen. Da kam laut rollend der Wall, hob uns wie mit gewaltiger Faust hoch empor unter schaurigem Toben, Zischen und Prasseln, zu dem der Donner den Begleitmarsch gab, dass es klang, als wären sämtliche Höllen entfesselt worden. Krachend stürzten Tonnen Wassers herab, wie mit hundert Händen riss und zerrte es an mir, ich atmete und schluckte Wasser. Das Wasser dröhnte mir in den Ohren und biss salzig in meinen Augen.

Plötzlich wurde der Druck leichter, ich bekam wieder Luft in die Lungen und blickte zögernd, verwundert und dabei spuckend und hustend um mich.

Der „San Juan“ trieb in einem milchigen, schäumenden, zischenden und brüllenden Kessel, dessen Wasserfläche der Sturm mit ungeheurer Gewalt von oben niederdrückte und beherrschte. Wütend trotzte das Meer dem bändigenden Luftdruck, gewann manchmal die Oberhand, und eine rauschende, schneeweiße Riesenfaust prallte gegen das Schiff, griff mit gierigen, blitzenden Fingern über Deck, um dann, wie vor Freude schnalzend, im Zurückschnellen jedesmal ein paar Chinesen mitzunehmen, deren dunkle Körper für Sekunden im Gischt herumwirbelten, bis sie verschwunden waren.

Abraham kämpfte sich von vorne zu mir heran.

„Wo sind die anderen?“, heulte ich ihm ins Ohr.

Er machte eine Bewegung nach der See hin, die mit uns spielte wie die Katze mit der Maus. Seinen Mund dicht an meiner Ohrmuschel, brüllte er: „Die Luke, die Luke!“

Wieder klatschte eine blitzende Schaummasse über und riss zwei Chinesen aus der Mitte ihrer übrig gebliebenen Kameraden. Wir stürzten an die Luke. Unten schoss eingedrungenes Wasser kochend hin und her und leckte an kreischenden Menschen empor, die mit verzerrten Gesichtern bei jeder Schwankung zusammenprallten.

Schrill jammerten sie auf, aber schon hatten wir den Deckel auf die Öffnung geschmettert und sperrten sie in die Hölle der Dunkelheit, wo das Wasser schon mit ihren Leibern spielte.

Die wenigen Chinesen, die noch unversehrt an Deck blieben, klammerten sich an die beiden stehengebliebenen Masten und an die Boote. Da öffnete sich über uns der Himmel, gab ein großes, lachend blaues Loch frei, aus dem die Sonne strahlte, und verwandelte die schäumende Wasserfläche in ein weites, gleißendes, prächtig in allen Farben glitzerndes Kristallfeld. Wasserstaub, der die Luft erfüllte, leuchtete in vielen Regenbogen, die wie Ketten aneinander hingen und herrliche, bunte Bogen über den zischenden Kessel zogen.

„Sandküste! Gelobt sei Gott und die Jungfrau Maria!“, kreischte Abraham wieder in mein Ohr und wies nach vorn, wo das Meer mit langen Zungen eine flache, sandige Küste emporleckte. Ich konnte seine Freude nicht recht verstehen, denn ob wir auf den Sand aufstoßen oder gegen die Steilküste krachten, das schien mir so ziemlich egal zu sein; bei der See konnten wir kein Boot aussetzen und mussten in beiden Fällen ertrinken.

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DAS GEWITTER HATTE sich verzogen, und der Sturm brauste nun unter blauem, lachendem Himmel. Die Luft war diesig von dem aufgeschleuderten Wasserstaub, der überall wie Diamanten glitzerte.

Schnell trieben wir gegen die Küste. Das Steuer war abgeschlagen, und jede Woge, die den Bug des Schiffes traf und aus der Richtung schleuderte, dass die nächste querschiffs anprallte, hätte bewirkt, dass wir umkippten, und wie ein Baumstamm in der See über und über rollten.

Abraham winkte erregt, und ich folgte ihm in die kleine Schiebetür der Kajüte. Dort beschloss ich, eine letzte Pfeife zu rauchen, bevor das Ende kam. Im niederen Raum, in dem das Tosen der entfesselten Elemente wie mächtiges, unaufhörliches Stöhnen erscholl, lag Kapitän Palacio auf den Opiumkisten, die er mit den Händen krampfhaft umklammerte; seine Beine rutschten oder flogen mit den Bewegungen des Schiffes pendelartig von einer Seite auf die andere.

Das lustige, verschmitzte, ein wenig an einen Faun erinnernde Gesicht des Alten war nicht wiederzuerkennen. Weiße, zusammengeklebte Haarbüschel hingen ihm in die Stirn und verliehen ihm ein groteskes Aussehen; das Kinn, weit vorgeschoben, lag fast auf der Brust.

Ich rüttelte ihn. Blöde sah er an mir vorbei, arbeitete mit den Wangenmuskeln und lallend kam es von seinen Lippen: „Der Chuvasko ... Opium, viel Opium ... heiliger Pedro, eine Kerze weihte ich ...“

Ich schüttelte ihn nochmals und schrie, um das Klatschen der mit erneuter Wucht draußen anprallenden Wogen zu übertönen: „Kapitän Palacio, wir treiben auf die Küste!“

Plötzlich fiel er zurück auf die Opiumkisten. Fürchterlich brüllte er: „Ah, die Küste!... O gebenedeite Jungfrau, bitte für mich armen Sünder!... Zehn Wachskerzen sollst du haben ... zehn! Nein ... zwanzig ... fünfzig .. . hundert!...“

Er sprang auf und tanzte in der engen Kajüte umher.

Details

Seiten
400
Jahr
2018
ISBN (ePUB)
9783738918915
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (März)
Schlagworte
bestie mexiko
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Titel: Bestie ICH in Mexiko