Lade Inhalt...

Bleiche Lady & Kaltes Grauen: Zwei Patricia Vanhelsing Romane

2018 350 Seiten

Leseprobe

Bleiche Lady & Kaltes Grauen: Zwei Patricia Vanhelsing Romane

Alfred Bekker

Published by BEKKERpublishing, 2017.

image
image
image

Bleiche Lady & Kaltes Grauen

image

Zwei Patricia Vanhelsing Romane

von Alfred Bekker

Der Umfang dieses Buchs entspricht 210 Taschenbuchseiten.

Dieses Buch enthält folgende zwei Romane:

Bleiche Lady

Kaltes Grauen

image
image
image

Copyright

image

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2015 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

image
image
image

Bleiche Lady

image

von Alfred Bekker

Mein Name ist Patricia Vanhelsing und – ja, ich bin tatsächlich mit dem berühmten Vampirjäger gleichen Namens verwandt. Weshalb unser Zweig der Familie seine Schreibweise von „van Helsing“ in „Vanhelsing“ änderte, kann ich Ihnen allerdings auch nicht genau sagen. Es existieren da innerhalb meiner Verwandtschaft die unterschiedlichsten Theorien. Um ehrlich zu sein, besonders einleuchtend erscheint mir keine davon. Aber muss es nicht auch Geheimnisse geben, die sich letztlich nicht erklären lassen? Eins können Sie mir jedenfalls glauben: Das Übernatürliche spielte bei uns schon immer eine besondere Rolle.

In meinem Fall war es Fluch und Gabe zugleich.

image
image
image

1

image

Grau und moosbewachsen erhoben sich die düsteren Mauern des verwinkelten Schlosses. Die Türme ragten spitz in den Nachthimmel und hoben sich gegen den Vollmond ab, dessen fahles Licht dem Schloss die Aura unvorstellbaren Alters zu verleihen schien. Schwarze Wolken zogen wie drohende Ungeheuer von Osten heran. Graue Nebel krochen wie gestaltlose böse Geister über den Boden und umlagerten die grauen Mauern wie Spinnweben.

Das Licht des Mondes spiegelte sich in dem dunklen, modrigen Teich, der sich vor dem Schloss befand. Eine junge Frau stand dicht an der kniehohen Ummauerung, die den Teich begrenzte und blickte auf die spiegelglatte Wasseroberfläche. Ihr eigenes, totenbleiches Gesicht blickte ihr entgegen. Ihre Augen vermittelten den Eindruck tiefer Melancholie. Das blonde Haar fiel ihr auf die schmalen Schultern, die von dem fließenden Stoff ihres dunkelroten Kleides bedeckt waren. Sie atmete tief durch. Ihr Blick bekam dabei etwas Schmerzvoll-Sehnsüchtiges.

"Tom...", flüsterte sie. "Geliebter..." Sie schluckte und eine Träne rann ihr über das fast weiße Gesicht. Und in Gedanken fügte sie hinzu: Wo mag deine Seele jetzt sein?

Nichts geht verloren, auch durch den Tod nicht. Davon bin ich überzeugt... Aber wir wurden durch ein grausames Schicksal getrennt! Getrennt durch die Abgründe von Raum und Zeit... Die junge Frau ballte die Fäuste. Sie schloss die Augen, während ihre Tränen die Wangen hinunterliefen.

Erinnerungen stiegen in ihr auf.

Das Gesicht eines Mannes erschien vor ihrem inneren Auge. Dunkles Haar umrahmte seine sympathischen Züge. Der Blick seiner grüngrauen Augen ging ihr durch und durch.

"Ich liebe dich, Tom", flüsterte sie. Sie glaubte beinahe körperlich zu spüren, wie seine Hände die ihren berührten. Ein wohliger, warmer Schauer überlief ihren Rücken. Eine Empfindung, die so völlig im Gegensatz zur düsteren, kalten Umgebung stand...

Ich rufe dich!, ging es ihr durch den Kopf. Wo immer du auch sein magst, ich rufe dich... deine Seele!

Einen Augenblick lang stand sie mit geschlossenen Augen da. Und im Geist hörte sie Tom ihren Namen flüstern.

"Mary..."

Es klang wie Musik in ihren Ohren. Sein dunkles Timbre verzauberte sie.

Für einen Moment verlor sie sich in diesen Empfindungen, verlor sich in dem Gefühl der tiefen Liebe, die sie empfand. Bis langsam aber sicher wieder die düstere Erkenntnis in ihr aufstieg, dass das alles nichts weiter als eine Illusion war. Eine Vorspiegelung ihres Geistes. Sie war allein, so schrecklich allein...

Oh, Tom...

Einsamkeit.

Ein schreckliches Gefühl, das sie in einer großen dunklen Woge zu überschwemmen und mit sich zu reißen drohte. Sie fröstelte.

Auf der bleichen, zarten Haut ihrer Unterarme fror sie jetzt.

Sie öffnete die Augen, blickte ihr eigenes Spiegelbild in dem düsteren, modrigen Teich an und sah dann zu den uralten Mauern des Schlosses hinüber.

Delancie Castle, der uralten Stammsitz ihrer Familie, die einst als normannische Grafen mit Wilhelm dem Eroberer auf die britischen Inseln gekommen waren.

Ein verfluchtes Gemäuer, dachte sie. Ein verfluchter Ort... Mehr und mehr zog sich nun die dunkle Wolkendecke über den Himmel. Der Mond verschwand jetzt phasenweise dahinter. Ein kühler Wind kam auf und strich eisig über das Land. Die glatte Wasseroberfläche auf dem Teich kräuselte sich leicht und das Spiegelbild wurde zerstört.

Modergeruch trug der Wind an ihre Nase.

Der Geruch des Alters und des Verfalls.

Des Todes!, dachte sie schaudernd.

Und das Grauen legte sich wie eine eiserne Hand um ihr Herz. Eine Hand, die unerbittlich und fest zudrückte. Das Atmen fiel ihr schwer.

Irgendwo in der Ferne leuchtete etwas grell in den dunklen Wolkengebirgen auf.

Ein Blitz.

Es schien, als ob sich nun ein Gewitter ankündigte. Das dumpfe Grollen des Donners bestätigte diese Vermutung. Und während sie die ersten Regentropfen auf der totenbleichen Haut spürte, sah sie andere Bilder vor ihrem inneren Auge. Es waren ebenfalls Erinnerungen.

Keine Szenen des Glücks und der Liebe.

Nein, Augenblicke des blanken Schreckens...

Eine dunkle Kapuze hatte man ihr über den Kopf gezogen. Hände hatten sie wie in einem Schraubstock gepackt. Sie war gefesselt.

Sie glaubte, noch einmal zu spüren, wie der Henker ihr den groben Strick um den Hals legte, hörte die Worte des Reverends, die ihre verdammte Seele ins Jenseits begleiten sollten und das schreckliche, harte Geräusch, als der Galgen betätigt wurde.

Wie eine Puppe hing sie im Wind, schwang hin und her...

"Nein!", schrie Mary in die Nacht hinein. Sie fuhr sich mit den Händen über das blasse Gesicht, so als hätte sie sich davon überzeugen müssen, dass sie noch existierte. Sie raufte sich das schulterlange, blonde Haar, während ihre Augen weit aufgerissen waren. Eine Mischung aus Wahnsinn und Schrecken leuchtete aus ihnen.

"Nein!", schrie sie und versuchte verzweifelt , die grausamen Bilder aus ihrer Erinnerung abzuschütteln. Sie schluckte, berührte tastend ihren Hals.

Mein Gott...

Sie glaubte, den Abdruck des groben Hanfseils auf ihrer Haut zu spüren.

Der Puls schlug ihr bis zum Hals.

Sie fühlte, dass sie am Abgrund stand. An einem Abgrund des Wahns, der wie ein großer finsterer Schlund vor ihr gähnte. Der Regen wurde stärker.

Dicke Tropfen benetzten ihre weiße Haut und die Haare. Sie umrundete den Teich, raffte ihr langes Kleid zusammen und lief auf die grauen Mauern von Delancie Castle zu. Aber sie lief nicht auf das eindrucksvolle Portal des Schlosses zu, sondern hielt mitten in ihrem Weg an, und wandte sich dann nach links.

Sie zitterte.

Etwas bewegte sich dort, zwischen den Büschen. Etwas Dunkles, das nur als bloßer Schemen zu sehen war. Sie hörte Schritte. Vielleicht ein Tier...

"Lady Mary!", rief dann eine heisere Stimme durch die Nacht. Sie kam vom Portal her.

Ein grauhaariger Butler stieg die steinernen Stufen hinab, auf denen sich das Moos bereits heimisch zu fühlen begann. Der Butler trug einen Schirm in der Linken.

"Lady Mary, kommen Sie! Sie werden sich den Tod holen!“

Inzwischen prasselte der Regen nur so herab.

Aber Mary schien das nicht zu kümmern.

Wie entrückt stand sie da, fast wie zur Salzsäule erstarrt.

Und ihre bleichen Lippen murmelten immer wieder einen Namen.

"Tom!"

image
image
image

2

image

Ich erwachte schweißnass mitten in der Nacht. Wirre Träume hatten mich in meinen Kissen hin und her wälzen lassen. Ich hatte einfach keine Ruhe gefunden, so sehr ich es auch versucht hatte.

Und als ich dann schließlich doch eingeschlafen war, hatten sich vor meinem inneren Auge Szenen entfaltet, die mir den kalten Angstschweiß auf die Stirn trieben. Bilder von unglaublicher Intensität, die mir mindestens so real erschienen, wie der Mond, der wie ein großes Oval am Himmel stand. Von meinem Bett aus konnte ich ihn durch das Fenster scheinen sehen.

Er wirkte wie das große, kalte Auge eines Riesen, der mich aus großer Ferne musterte.

Der Puls schlug mir bis zum Hals.

Das Nachthemd klebte an meinen Schultern. Schwer atmend schlug ich die Bettdecke zur Seite. Langsam begriff ich, dass das, was ich gesehen hatte, nichts weiter als ein Traum gewesen war.

Ich trat zum Fenster, öffnete es und einen Augenblick später wehte der kühle Hauch der Nacht von draußen herein. Das brachte mich wieder etwas zur Besinnung.

Ein Gesicht erschien vor meinem inneren Auge. Jenes Gesicht, das ich in meinem Traum immer wieder vor mir gesehen hatte.

Ich konnte nicht genau sagen, was mich an diesem Gesicht so sehr geängstigt hatte. Dieses Gefühl namenloser Furcht war einfach da. Und war mit diesem Gesicht verbunden. Es handelte sich um das totenbleiche Antlitz einer Frau. Ihre Züge waren feingeschnitten und wirkten wie aus Elfenbein modelliert. Eine hübsche Frau, ohne Zweifel. Aber so...

...tot!

Mir schauderte bei dem Gedanken an sie.

Wie eine kalte, glitschige Hand kroch dieses Gefühl meinen Rücken empor. Gänsehaut überzog meine Unterarme. Hast du dieses Gesicht schon einmal gesehen?, ging es mir durch den Kopf. Ich zermarterte mir förmlich das Hirn über diese Frage. Nein, dachte ich. Aber ich war mir nicht hundertprozentig sicher.

Dieses blasse Gesicht war die einzige Erinnerung, die mir aus meinem Alptraum geblieben war. Alles andere war nicht mehr als ein Konglomerat aus düsteren Farben, leckenden Schatten, Mondlicht und einem finsteren Gemäuer. Ein Detail war da allerdings noch...

Der Strick!

Wie eine Galgenschlinge hatte er um ihren Hals gelegen. Warum hat dich dieser Traum so aufgewühlt?, fragte ich mich. Ich sah keinen wirklichen Grund dafür. Und doch schlug mein Herz wie wild. Selbst jetzt, da der kühle Hauch dieser winddurchtosten Nacht eigentlich alle Traumgespenster hätte verscheuchen müssen.

Ich brauchte nur die Augen zu schließen.

Dann stand es wieder vor mir, dieses bleiche Gesicht einer elfenbeinhäutigen Frau, die mir wie ein Bote des Todes erschien.

Schon im ersten Moment, nachdem ich erwacht war, hatte ich gewusst, dass es sich um einen jener Träume handelte, die meine leichte übersinnliche Gabe mir sandte. Eine Gabe, mit deren Hilfe ich schlaglichtartig in Träumen, Tagträumen und Ahnungen die Abgründe von Raum und Zeit überwinden konnte. Diese Frau wird in deinem Schicksal irgendwann in nächster Zeit eine Rolle zu spielen beginnen!, wurde es mir klar. Und ich wagte kaum daran zu denken, welche Bedeutung vielleicht hinter den Bildern verborgen lag, die mir im Traum vorgegaukelt worden waren.

image
image
image

3

image

Später setzte ich mich in einen der klobigen Sessel in meinem Schlafzimmer und schlief ein. Wie ein Stein. Es war der Schlaf der Erschöpfung. Am Morgen erwachte ich trotzdem früh. Eine innere Unruhe hatte mich geweckt. An weitere Träume konnte ich mich nicht erinnern.

Nur an diesen einen...

Ich zog mich an und fühlte mich seltsam benommen. Das Gesicht dieser Frau ging mir nicht aus dem Sinn. Aber sobald ich in der Redaktion der LONDON EXPRESS NEWS angekommen war, würde mich die Hektik und der Stress, die mein Job als Reporterin bei diesem großen Londoner Boulevardblatt mitbrachte, schon zu genüge ablenken.

Ich ging die Treppe hinunter ins Erdgeschoss von Tante Lizzys Villa, in der ich die obere Etage bewohnte. Tante Lizzy hieß eigentlich Elizabeth Vanhelsing und war meine Großtante. Nachdem ich schon früh meine Eltern verlor, zog sie mich wie eine eigene Tochter auf.

Seit dem Tod meiner Eltern wohnte ich hier, in dieser verwinkelten und etwas unheimlich wirkenden viktorianischen Villa, deren größter Teil von Tante Lizzys berühmtem Okkultismus-Archiv eingenommen wurde.

Tante Lizzy war bereits auf den Beinen.

Sie brauchte nicht viel Schlaf und es kam durchaus vor, dass sie ganze Nächte in der Bibliothek verbrachte und in alten, okkulten Schriften forschte.

Ich traf sie in der Küche, wo sie den Tee auf ihre unverwechselbare Weise zubereitete. Das war ein Ritual, an dem nicht das Geringste geändert werden durfte.

"Hallo, Patricia", begrüßte sie mich lächelnd. Dann zog sie die Augenbrauen empor. "Du siehst nicht gerade besonders frisch aus."

"So fühle ich mich auch nicht."

"Schlecht geschlafen?"

Ich nickte.

"Kann man wohl sagen."

Ich nahm die volle Teekanne und ging damit zum Tisch, den Tante Lizzy bereits für das Frühstück gedeckt hatte. Wir setzten uns, und sie sandte mir einen sehr ernsten Blick zu.

"Ein Traum?", fragte sie.

"Ja", nickte ich.

Mehr brauchte ich nicht zu sagen. Tante Lizzy wusste nur zu gut über meine Gabe Bescheid. Sie war es gewesen, die mich einst als erste darauf aufmerksam gemacht hatte.

"Willst du mir erzählen, was du gesehen hast, Patti?"

"Das Gesicht einer Frau."

"Kennst du sie?"

"Ich glaube nicht. Aber hundertprozentig sicher bin ich mir auch nicht. Die Frau war sehr bleich. Wie eine Tote beinahe. Sie hatte blondes Haar und eine Henkerschlinge um den Hals..."

"Gibt es sonst noch irgendwelche Einzelheiten, an die du dich erinnerst?"

"Nein." Ich zuckte die Achseln. "Aber ich werde dieses Gesicht einfach nicht mehr los... Es scheint mich zu verfolgen. Ich brauche nur die Augen zu schließen und sehe es wieder vor mir. Es wirkt so real..."

"Was empfindest du dabei?", fragte Tante Lizzy, während sie den Tee einschüttete.

"Bedrohung", sagte ich spontan. "Und dann dieser Strick um ihren Hals..." Ich musste unwillkürlich schlucken. "Was auch immer er bedeuten mag, es kann kaum etwas Gutes sein. Weder, wenn man ihn symbolisch versteht, noch wenn diese Szene tatsächlich eintreten sollte..."

"Du musst wachsam sein und alles um dich herum aufmerksam beobachten", riet Tante Lizzy mir. Sie nahm dabei meine Hand. "Dieser Traum hat zweifellos eine Bedeutung, aber im Moment ist es nicht mehr als ein Schlaglicht... Es fehlt der Zusammenhang."

"Ja." Ein Gefühl der Kälte erfasste mein Inneres. Unbehagen hatte sich in mir ausgebreitet. Etwas wird geschehen, dachte ich. Schon sehr bald...

Es hatte keinen Sinn solch düstere Ahnungen einfach verscheuchen zu wollen oder sie zu ignorieren. Das hatte ich früher versucht, als ich meine Gabe noch nicht als Teil meiner selbst akzeptiert hatte. Ich musste mich dem stellen, was auf mich zukam. Es gab keine andere Möglichkeit.

image
image
image

4

image

In der Redaktion der LONDON EXPRESS NEWS herrschte die übliche Hektik. Ich traf mit leichter Verspätung ein, wofür mein kirschroter Oldtimer-Mercedes verantwortlich war. Er hatte sich gehörig Zeit gelassen, bis endlich der Motor angesprungen war.

Ich hoffte nicht, dass das gute Stück - ein Geschenk von Tante Lizzy - jetzt langsam seine Mucken bekam. Ich betrat mit schnellem Schritt das Großraumbüro unserer Redaktion, das beinahe eine ganze Etage im Verlagsgebäude an der Lupus Street einnahm. Ziemlich direkt hielt ich auf meinen Schreibtisch zu, hängte die Handtasche über den Sessel des Drehstuhls und schaltete das Computerterminal ein. Dann atmete ich tief durch, nahm mir eine Tasse des dünnen Redaktionskaffees und wartete, bis das Logo unserer EDV auf dem Computerschirm erschien.

Unser Chefredakteur Michael T. Swann hatte als einziger ein Extra-Büro. Ich sah aus den Augenwinkeln heraus, wie sich dort gerade die Tür öffnete. Aber nicht unser allgewaltiger Chef trat mit den gewohnt hochgekrempelten Hemdsärmeln heraus, sondern mein Kollege Jim Field.

Jim war wie ich 26 Jahre alt und galt als der Starfotograf der LONDON EXPRESS NEWS. Sein blondes Haar war wie gewöhnlich ungebändigt und stand wirr herum, nachdem er sich mit der Hand hindurchgefahren war. Sein Jackett war knitterig, das Revers von den Riemen der Kamerataschen völlig ruiniert. Und seine Jeans wirkte wie ein Museumsstück für Woodstock-Veteranen.

Jims Kopf war hochrot.

Eigentlich war er ein stets gutgelaunter und zu witzigen Bemerkungen aufgelegter Mann. Aber in diesem Moment stand ihm der Ärger ins Gesicht geschrieben.

"Glauben Sie vielleicht, die NEWS ist das einzige Blatt, das Bilder druckt?", rief er empört in das Büro hinein, so dass man es bis zu meinem Schreibtisch hören konnte. Der Geräuschpegel im Großraumbüro legte sich etwas. Das Stimmengewirr wurde leiser.

Swanns Erwiderung war nicht zu verstehen.

Jim machte eine wegwerfende Handbewegung.

Und dann ging er davon.

Direkt auf meinem Schreibtisch zu.

Die Tür zu Swanns Büro wurde von innen ziemlich unsanft geschlossen.

Als Jim mich sah, stoppte er mitten in der Bewegung. Dann zwang er sich zu einem Lächeln.

"Hallo, Patti!"

"Was ist denn los, Jim?"

Jim verdrehte die Augen. "Du kennst Swann doch..."

"Sicher..."

"Er regt sich auf, nur weil er die Bilder ein bisschen später auf dem Tisch liegen hatte. Mein Gott, was gut werden will, muss manchmal auch die nötige Zeit dazu haben! Aber für Swann zählt die Minute. Als ob es um den Untergang der LONDON EXPRESS NEWS oder gar des Abendlandes ginge!" Er atmete tief durch. Dann ging er an die Kaffeemaschine.

"Vielleicht genehmige ich mir auch mal einen Becher von dem Gebräu!"

"Aufgeregt hast du dich ja auch genug!"

"Na ja..."

"Wenn du mich fragst, brauchst du eher einen Beruhigungstee. Earl Grey, lang durchgezogen..." Jim schüttelte den Kopf.

"Darauf werde ich nie umsteigen", meinte er. "Ist mir zu spießig. Außerdem..."

Ich sah ihn an.

"Was?"

"Man muss zu oft auf die Toilette. Und du weißt ja, als Pressefotograph hat man ja sowieso schon häufig genug das Pech, das die wirklich wichtigen Dinge immer dann passieren, wenn man den Finger nicht am Auslöser hat." Wir lachten beide.

Jim schien bei allem Ärger über Michael T. Swann seinen Humor wiedergefunden zu haben.

Dann deutete er in Richtung von Swanns Bürotür.

"Trotzdem", meinte er. "Ich frage mich, ob ich mir so etwas bieten lassen muss!"

"Du kennst Swann doch. Er wird sich beruhigen - und du dich auch!"

"Vermutlich hast du recht, Patti! Bist du eigentlich so vernünftig auf die Welt gekommen oder hat sich das erst später entwickelt?"

"Na, hör mal!"

Er grinste.

"War ja nur 'ne Frage", lachte er dann. Er sah auf die Uhr. "Ich muss jetzt los. Eine Standpauke von Swann reicht mir am Tag!"

Er wollte gehen, aber ich hielt ihn noch einen Moment zurück.

"Jim..."

"Ja?"

"Hast du Tom heute morgen schon gesehen?"

"Ja. Aber du bist heute ein bisschen spät dran. Er ist schon unterwegs."

"Schade."

Jim grinste breit. "Na, ich denke ihr seht euch doch oft genug. Außerhalb der Bürozeiten in der Redaktion wohlgemerkt!"

Ich lächelte milde und hob die Augenbrauen.

"Hast du noch nichts davon gehört, dass wir neuerdings 26 Stunden täglich in der Redaktion anwesend sein müssen? Da wird die Zeit schon mal ziemlich knapp, um sich anschließend noch zu treffen!"

Jim zwinkerte mir zu. Das war ein Spaß nach seinem Geschmack.

"Fragt sich, ob das eine neue Sparmaßnahme des Verlages ist oder Mr. Swann sich nachts allein in diesem großen Haus fürchtet..."

Wir bemühten uns beide, so dezent zu lachen, dass man es nicht bis in Mr. Swanns Büro hören konnte. Die Milchglasscheibe in der Bürotür war nämlich nicht gerade das, was man heutzutage unter einer guten Schallisolierung verstand.

image
image
image

5

image

Ich verbrachte die nächsten anderthalb Stunden damit, Routinearbeiten zu erledigen. Unter anderem bearbeitete ich verschiedene Pressemeldungen so, dass daraus Artikel für unsere Zeitung wurden, gestaltete Überschriften und Unterzeilen zu den Bildern.

Ich war dermaßen konzentriert, dass ich für eine Weile alles andere vergaß.

Selbst das leichenblasse Gesicht der jungen Frau, der man einen Strick um den Hals gelegt hatte.

Meine Finger glitten über die Computertastatur, und ich schrak zusammen, als plötzlich der Griff zweier Hände meine Schultern erfasste.

"Hallo, Patti", begrüßte mich eine Stimme mit unverwechselbarem, dunklen Timbre. Eine Stimme, deren Klang mir durch und durch ging und mir einen wohligen Schauder über den Rücken trieb.

Ich drehte mich herum.

"Tom...", flüsterte ich und sah in ein paar grüngrauer Augen. Tom Hamilton - ehemals Korrespondent für eine große Nachrichtenagentur - war seit einiger Zeit genau wie ich als Reporter für die LONDON EXPRESS NEWS tätig und inzwischen hatte ich mich unsterblich in diesen gutaussehenden, dunkelhaarigen Mann verliebt.

Unsere Lippen trafen sich zu einem kurzen Kuss.

"Ich hoffe, du hast mich auch richtig vermisst", raunte er mir zu.

"Du hast ja keine Ahnung, wie sehr", erwiderte ich und strich ihm leicht über das Kinn. "Bist du wenigstens einer interessanten Story auf der Spur?"

Tom machte eine wegwerfende Geste.

"Ich war in Old Baily. Wegen einer Gerichtsreportage. Leider ist man über die Personalien des Angeklagten nicht hinweggekommen. Die Verhandlung ist vertagt worden, und ich frage mich jetzt, wie ich aus der ganzen Sache noch einen Artikel mache..."

Ich erhob mich aus meinem Drehstuhl. Tom fasste mich am Oberarm und half mir auf. Unsere Blicke verschmolzen miteinander. Ich wünschte mir in diesem Moment, allein mit ihm zu sein. Nur wir beide, seine Arme um meine Schultern, unsere Körper so nah, dass jeder den Herzschlag des anderen spüren konnte...

Aber wir befanden uns leider an einer der unromantischsten Örtlichkeiten in ganz London: dem Redaktionsbüro der LONDON EXPRESS NEWS.

Tom strich mir eine Strähne aus dem Gesicht, die sich aus meiner Frisur herausgestohlen hatte.

"Leider werde ich den Rest des Tages wohl mehr oder weniger in den Katakomben verbringen müssen..." Mit den Katakomben meinte er das Archiv unseres Verlages, das sich im Keller befand.

"Was ist mit heute Abend?"

Er lächelte.

"Das geht in Ordnung."

"Ich freue mich drauf!"

"Ich mich auch."

"Um acht Uhr hole ich dich zu Hause ab, okay?"

"Ja..."

"Gehen wir nach dem Kino noch essen?"

"Aber zur Abwechslung mal nicht italienisch." Tom lachte. Er hatte eine Vorliebe für italienisches Essen, die ich normalerweise auch durchaus teilte. Und so waren wir vorwiegend in eines der zahlreichen italienischen Restaurants gegangen, die es in London gab. "Okay...", sagte er sanft.

"Weißt du, ich kann einfach für eine Weile keine Pasta mehr sehen", erwiderte ich. "Genug ist einfach genug!"

"Bis nachher!"

Er küsste mich zärtlich auf die Wange. Und dann sah ich ihm nach, wie er sich in Richtung der Tür bewegte, um auf den Flur und dann in den Aufzug zu gelangen. Ich hatte Schmetterlinge im Bauch und fragte mich, ob dieses intensive Gefühl wohl irgendwann nachlassen oder sich ewig erhalten würde. Ein toller Mann, dachte ich. Und sein Herz gehörte mir. Ich würde es so schnell nicht loslassen.

image
image
image

6

image

Es war ein gewöhnlicher Tag in der Redaktion, an dem nichts besonderes mehr geschah.

Oder vielleicht doch.

Ich bekam nämlich ein dickes Lob von Michael T. Swann, der sich eine Reportage von mir vorgenommen und eigenhändig redigiert hatte. Und mit Lob ist Swann nicht sehr verschwenderisch. Vielleicht wollte er mich aber auch darüber hinwegtrösten, dass er meine Reportage auf die Hälfte zusammengestrichen hatte, weil plötzlich ein wichtiger Anzeigenkunde mit einem Großauftrag gekommen war. Es hatte leicht zu nieseln begonnen, als ich am frühen Abend das Verlagsgebäude verließ.

Einen Schirm hatte ich nicht dabei, denn der Tag hatte sonnig und warm begonnen. So blieb mir nichts anderes übrig, als den Parkplatz so schnell wie möglich zu überqueren. Ich atmete tief durch, hielt meine Handtasche fest und spurtete los. Dabei versuchte ich, darauf zu achten, nicht gerade in eine Pfütze zu treten. Aber es war schon zu spät. Ich fühlte, wie das Wasser in meinen linken Turnschuh eindrang. Zu Hause würde ich mich ohnehin für den Abend umziehen. Das war mein einziger Trost in dieser Sekunde. Den kirschroten Mercedes 190 hatte ich am äußersten Rand des Parkplatzes abgestellt. Da ich am Morgen ja etwas zu spät dran gewesen war, hatte es einfach keine andere Möglichkeit mehr gegeben. Und dabei hatte ich noch froh sein können, überhaupt eine Parkmöglichkeit zu finden.

Ich spurtete die lange Reihe von Pkws entlang und hielt dann kurz inne.

Der Regen wurde stärker. Das Haar klebte mir bereits am Kopf. Graue Wolken hatten den Himmel wie ein schmutziges Tuch überzogen. Es war verhältnismäßig dunkel geworden. So dunkel, dass die Helligkeitsmelder der Straßenbeleuchtung reagierten. Die Laternen leuchteten auf.

In einer Entfernung von gut fünfzig Metern sah ich eine Gestalt.

Eine Frau.

Irgend etwas war an ihr, das meinen Blick unwillkürlich fesselte.

Und gleichzeitig spürte ich jenes charakteristische Unbehagen, das stets mit meinen Ahnungen einherging. Ich lief nicht weiter, stand nur da und riss die Augen auf. Eine junge Frau mit blondem, fast schulterlangem Haar und einem Gesicht, das hübsch und feingeschnitten war. Aber bleich. So blass wie das Antlitz einer Toten. Wie aus Elfenbein modelliert wirkte dieses Gesicht. Die Erkenntnis traf mich wie ein Schlag vor den Kopf, dass ich niemand anderen vor mir hatte, als jene Frau, die ich Traum gesehen hatte.

Ihr Kleid war fast knöchellang. Es war dunkelrot und reich verziert. Es entsprach nicht dem, was derzeit modern war. Ich glaubte zu erkennen, dass es aus schwerem Samt oder einem ähnlichen Stoff gefertigt war. Ein Winterkleid, das überhaupt nicht in die Jahreszeit passte.

Aber das schien die bleiche Frau nicht zu kümmern. Obwohl es seit Einsetzen des Regens etwas abgekühlt hatte, war es noch immer sommerlich warm. Viel zu warm für so ein Kleid.

Die bleiche Frau schien das ebenso wenig zur Kenntnis zu nehmen wie den Regen, der auf sie hernieder prasselte und immer stärker wurde.

"Heh, Sie!", rief ich.

Sie schien mich nicht zu hören.

Ich kniff die Augen etwas zusammen.

Seltsam, dachte ich. Der Regen schien sie nicht zu berühren. Die Haare hätten ihr genau wie mir längst tropfnass am Kopf kleben müssen. Aber das war nicht der Fall. Ich fühlte, wie mir der Puls bis zum Hals schlug. Ich winkte ihr zu.

Sie wandte den Kopf in meine Richtung. Ihr Blick schien traurig, fast schmerzvoll zu sein.

Ein kalter Schauder ging mir über den Rücken. Eine Aura des Todes schien sie zu umgeben. Ich lief los. Direkt in ihre Richtung. Ich musste einfach wissen, wer sie war und was sie hier, vor dem Gebäude der LONDON EXPRESS NEWS wollte.  Es muss eine Bedeutung haben, dass sie hier ist, durchfuhr es mich. Ich spürte es. Ganz deutlich. Vor meinem inneren Auge war dann wieder jene Traumsequenz präsent, in der ich sie mit dem Strick um den Hals gesehen hatte.

Dem Strick des Henkers...

Ich lief immer schneller, weil ich das Gefühl hatte, dass sie mir ansonsten entwische. Wie ein Schatten, ein Geist, ein flüchtiges Gas, das sich mit Händen nicht greifen lässt...

Ich rutschte aus, taumelte kurz, konnte mich aber auf den Beinen halten. Eine Moment lang hatte ich zu Boden geblickt und die bleiche Frau aus den Augen verloren.

Jetzt sah ich auf, ließ den Blick schweifen und... Wo ist sie?, ging es mir durch den Kopf.

Panik stieg in mir auf.

Ich glaubte, mein Herz schlagen hören zu können. Hektisch ließ ich den Blick umherschweifen, während im Hintergrund die Geräusche des Londoner Straßenverkehrs zu hören waren.

Sie ist weg!

Ich wollte es nicht wahrhaben, lief mit schnellen Schritten zu jener Stelle, an der ich sie gerade noch gesehen hatte. Aber von der bleichen Frau war nirgends etwas zu sehen. Keine Spur.

Vielleicht hast du nur geglaubt, sie zu sehen, ging es mir durch den Kopf. Eine Halluzination, mehr nicht... Ich mochte nicht so recht daran glauben. Durch meine übersinnliche Gabe hatte ich zwar hin und wieder Visionen, aber im allgemeinen wusste ich sehr genau zwischen Vision und der Realität des Hier und Jetzt zu unterscheiden. Ganz auszuschließen war diese Möglichkeit natürlich nicht. Und dann war da noch ein anderer, schrecklicher Gedanke, der langsam aber sicher an die Oberfläche meines Bewusstseins stieg, obwohl ich ihn weiß Gott lieber unter der Oberfläche gehalten hätte.

Was, wenn du die Kontrolle verlierst, Patti?

Das Grauen erfasste mich und legte sich wie eine eisige Hand um mein Herz. Das Gefühl von Enge und tödlicher Bedrohung machte sich in mir breit. Ein Gefühl, als ob ich dem Ersticken nahe war. Ich atmete tief durch.

Du wärst nicht die erste, die über eine außersinnliche Begabung verfügt und daran zerbricht, rief ich mir ins Gedächtnis.

In Tante Lizzys Archiv fanden sich Dutzende von Pressemeldungen und Berichte über derartige Fälle. Menschen, die über besondere, parapsychische Begabungen verfügt hatten, dann in die Fänge von Geheimdiensten oder okkulten Zirkeln geraten waren und schließlich mehr oder minder wahnsinnig geworden waren.

Es war ein schmaler Grad, auf dem ich wandelte. Nicht erst seit heute.

Aber zuvor war es mir meistens nicht so bewusst gewesen. Ich blickte in den grauen Regen.

Meine Kleider klebten mir am Leib, und ich musste niesen. Es hat keinen Sinn!, durchzuckte es mich. Ich gab mir einen Ruck, drehte mich herum und ging in Richtung meines 190er Mercedes.

Und doch...

Wer war sie?

Diese Frage blieb.

Und während ich Schritt für Schritt vorwärts ging, hatte ich das Gefühl, als würde ich im selben Moment beobachtet... Ich glaubte, den Blick eines totenblassen Gesichts auf meinem Rücken spüren zu können. Ich drehte mich herum, aber da war niemand zu sehen.

Ein Unbehagen blieb...

Ein unangenehmes Kribbeln in der Magengegend. Und die Ahnung, dass ich die bleiche Lady nicht zum letzten Mal gesehen hatte...

image
image
image

7

image

Als ich zu Hause eintraf, stand ein Wagen in der Einfahrt von Tante Lizzys Villa. Es war der Lieferwagen eines Schreinermeisters und ich fragte mich, wofür Tante Lizzy ihn wohl bestellt haben mochte. Das Parkett in der Bibliothek sah nicht mehr besonders gut aus, aber wenn es ausgewechselt werden sollte, bedeutete das unter anderem auch, dass sämtliche Bücher in der Zwischenzeit anderswo gelagert werden mussten. Und das konnte ich mir nun beim besten Willen nicht vorstellen.

Erstens befanden sich in Tante Lizzys Sammlung okkulter Literatur so seltene und kostbare Lederfolianten, dass ich mir kaum denken konnte, dass Tante Lizzy sie etwa im Keller zwischenlagern würde. Zumal sie einen Großteil dieser Bücher selbst liebevoll restauriert hatte! Und zweitens füllte Tante Lizzys Sammlung so gut wie die ganze Villa aus und selbst im Keller wäre kaum noch genügend Platz gewesen.

Meine okkultfreie Zone!, ging es mir dann siedendheiß durch den Kopf.

Vielleicht hatte Tante Lizzy daran gedacht, die Stapel von staubigen Büchern in der Zwischenzeit in meinen Räumen zu lagern!

Ich dachte mit Schrecken daran.

Der Staub würde mich vermutlich unablässig niesen lassen. Ich ging zur Haustür, trat ein und ging den Flur entlang. Aus der halboffenen Tür zur Bibliothek hörte ich die Stimmen von Tante Lizzy und einem Mann.

Ich kam näher, blickte durch den Spalt und sah, wie beide sich an dem eigenartigen antiken Schreibtisch zu schaffen machten, den Tante Lizzy vor einiger Zeit erworben hatte. Der Schreibtisch hatte an den Ecken jeweils furchteinflößende Schnitzereien. Köpfe mit zahnbewehrten, weit aufgerissenen Mäulern, die groteske Kreuzungen zwischen menschlichen und tierischen Elementen zu sein schienen. Angeblich sollte sich im Inneren dieses antiken Stücks ein Geheimfach befinden und Tante Lizzy versuchte schon seit längerem vergeblich, dessen Geheimnis zu lüften. Bislang war ihr das allerdings trotz aller Mühe nicht gelungen.

Offenbar hatte sie sich nun einen Spezialisten ins Haus geholt, der zumindest etwas mehr von Möbelstücken verstand, als sie selbst.

Der Tischler hantierte an dem guten Stück herum, und Tante Lizzy zeterte lautstark herum. Sie befürchtete offenbar, dass der Tischler zu grob damit umging und eventuell die kostbaren und in ihrer Skurrilität wirklich einzigartigen Schnitzereien beschädigt würden.

"Mr. Groves! So seien Sie doch etwas vorsichtiger!"

"Ma'am, ich gehe seit Jahrzehnten mit Holz um und habe noch nie etwas kaputtgemacht!"

Tante Lizzy seufzte hörbar. "Ich habe ein schwaches Herz, Mr. Groves, und Sie müssen schon entschuldigen, aber es fällt mir sehr schwer, mitanzusehen, wie Sie mit diesem guten Stück umgehen..."

"Wie ein Fachmann, Ma'am!"

"Mr. Groves..."

"Das ist ein Stück Holz, Ma'am. Kein zerbrechliches Baby!" Ich wandte mich vom Türspalt ab und ging möglichst geräuschlos nach oben, wo meine Räume lagen. Ich zog mir die nassen Klamotten aus, duschte mich und stand dann schließlich vor meinem Kleiderschrank.

Mein Gott, was soll ich nur anziehen?, fragte ich mich. Mein Blick ging zur Uhr. Acht Uhr rückte unaufhaltsam näher. Und dann wollte Tom mich ja schließlich abholen. Ich seufzte, nahm eines der Kleider aus dem Schrank, hielt es mir kurz an und warf es dann auf das Bett. Ich wusste genau, dass keine zehn Minuten vergehen würden, bis sich dort ein ganzer Garderobenberg gebildet hatte...

Das Rote? Das Lindgrüne?

Ich hielt plötzlich inne.

Eine Erinnerung tauchte wie ein Schlaglicht in mir auf. Ich sah die bleiche Lady vor mir, wie sie im Regen stand und doch nicht nass wurde. Ein kalter Schauder überkam mich unwillkürlich, und ich wünschte mir in dieser Sekunde nichts so sehr, als mir nur darüber Sorgen machen zu müssen, ob ich für heute etwas Vernünftiges zum Anziehen finden würde... Mit unerbittlicher Gewalt drängten sich dann Bilder vor mein inneres Auge.

Bilder, für die meine Gabe verantwortlich war. Ich spürte es ganz deutlich.

Eine Vision!

Wieder sah ich die blassgesichtige Frau vor mir. Im Hintergrund ein düsteres Gemäuer. Ihr bleiches Gesicht spiegelte sich in einem dunklen Teich.

Die junge Frau schmiegte sich an die breite Brust eines dunkel gekleideten, aristokratisch wirkenden Mannes mit schmalem Oberlippenbart.

Ich sah die Augen dieses Mannes vor mir.

Sie waren grüngrau.

Ein Schrecken durchfuhr mich.

Nein!

Ich musste schlucken und zitterte.

Tom...

Es war nicht sein Gesicht, nur seine Augen und sein Blick. Ja, er war es. Ich fühlte es.

Dann war alles vorbei. Die Vision war verflogen wie ein böser Traum. Ich stand verwirrt da, fühlte mich ein wenig schwindelig. Und dabei fragte ich mich, was Tom mit dieser bleichen Lady zu tun hatte, die mich bis in meinen Schlaf verfolgte.

image
image
image

8

image

"Gehst du noch weg?", fragte mich Tante Lizzy, als ich endlich fertig war und die Treppe hinunterkam. Ich hatte ein lindgrünes, schlichtes Kleid an, dazu eine Perlenkette. Vielleicht war ich für den Besuch im Kino ein bisschen overdressed, aber ich hatte Lust darauf. In meinem Job ist es wichtig praktische Sachen zu tragen. Flache Schuhe und Jacken mit zahlreichen Taschen. Dazu Jeans.

Aber an diesem Abend wollte ich etwas stilvoller daherkommen.

Ich präsentierte mich Tante Lizzy und drehte mich einmal herum. "Na, sehe ich gut aus?"

"Deinem Tom Hamilton werden die Augen aus dem Kopf fallen", war Tante Lizzy überzeugt.

"Das will ich nicht hoffen, denn dann kann er mich ja gar nicht mehr bewundernd anschauen."

Wir mussten beide lachen.

Der Tischler war längst gegangen. Durch den Spalt in der Tür zur Bibliothek erhaschte ich einen Blick auf das Chaos, das dort herrschte.

Tante Lizzy zuckte mit den Schultern, als sie meinen Blick sah. "Da denkt man, dass so ein Mann sein Handwerk gelernt hat und dann..." Sie atmete tief durch und griff sich in die Herzgegend. "Für mich war das jedenfalls für heute genug der Aufregung."

"Das Geheimfach habt ihr nicht gefunden?"

"Nein. Langsam beginne ich an meinen Kenntnissen über Antiquitäten zu zweifeln!"

"Vielleicht hättest du diesen Mr. Groves einfach machen lassen sollen..."

"Bist du des Wahnsinns? Sieh dir die Bibliothek an! Bei einem seiner stümperhaften Versuche, das Geheimnis dieses raffinierten Möbelstücks zu entschlüsseln, ist er ziemlich unsanft gegen eines der Regale gekommen. Ein Buch fiel um. Santinis Magische Welten, glaube ich. Du weißt ja, was für ein dicker Klotz das ist. Naja, und dann ging es wie mit den berühmten Dominosteinen..."

Ich nickte.

Dann sah ich zur Uhr.

"Wenn ich zurückkomme, helfe ich dir aufräumen, Tante Lizzy!"

"Lass nur! Du weißt, dass ich eigentlich niemanden in meiner Ordnung herumpfuschen lasse. Ein Gutes hatte das ganze aber!"

"Ach ja?" Ich sah sie erstaunt an. In Tante Lizzys Augen blitzte es.

Sie bedeutete mir mit einer Handbewegung, ihr in die Bibliothek zu folgen. Einige runde Tischchen fanden sich dort, die einem immer nur leid tun konnten, wenn Tante Lizzy sie mit schweren, ledergebundenen Folianten befrachtete. Manche dieser Tischchen waren daher schon ziemlich aus dem Leim gegangen und es war nur eine Frage der Zeit, wann der erste unter ihnen schlicht und ergreifend zusammenbrach. Auf den ersten dieser Tische hatte Tante Lizzy ein dünnes Bändchen mit verblichener Umschlagzeichnung gelegt. Die Fadenheftung löste sich bereits in ihre Bestandteile auf und als Tante Lizzy es in die Hand nahm und aufschlug, erhob sich eine Wolke feinen, grauen Staubes in die Luft.

Ich musste niesen.

Millionen kleiner Milben produzierten diesen Staub und hatten sich in Tante Lizzys Archiv häuslich eingenistet. Aber ein echter Bücherfreund denkt besser nicht an diese Dinge...

"Hier", sagte sie und hielt das Bändchen empor. "Dies ist ist die sogenannte SCHULE DER UNSTERBLICHKEIT, eine Schrift des britisch-indischen Geistersehers und Okkultisten John Pranavindraman. Er wurde 1848 in Bombay geboren und reiste als junger Mann nach London. Während eine Reise auf den Kontinent soll er angeblich mit Hermann von Schlichten zusammengetroffen und später mit ihm korrespondiert haben. Allerdings ist dieser Briefwechsel nicht erhalten geblieben. Es spricht viel dafür, dass die Briefe bei demselben Hausbrand vernichtet wurden, der aller Wahrscheinlichkeit nach auch den zweiten, bislang verschollenen Band von Herman von Schlichtens Hauptwerk Absonderliche Kulte verschlang..." Tante Lizzy atmete tief durch und sah mich an. "Ich glaube, ich schweife etwas ab", gestand sie dann ein.

"Nun..."

"Du wirst jetzt sicher andere Gedanken im Kopf haben. Aber Pranavindramans SCHULE DER UNSTERBLICHKEIT könnte für Mr. Hamilton von Interesse sein... Der Autor beschreibt darin ähnliche Konzentrationstechniken, wie dein geliebter Tom sie im Tempel von Pa Tam Ran erlebte..."

Ich ergriff das Buch, blätterte in den halbzerfallenen Seiten.

Vor seiner Tätigkeit bei den LONDON EXPRESS NEWS war Tom bei einer großen Nachrichtenagentur angestellt gewesen. Unter anderem hatte es ihn auch in den Dschungel Südostasiens verschlagen, wo er im Dreiländereck von Thailand, Kambodscha und Laos zu einem geheimnisvollen Tempel gelangt war, dessen Mönche ihm mit Hilfe ihrer besonderen Konzentrationstechniken zu der Fähigkeit verholfen hatten, sich an frühere Leben zu erinnern.

Tom war dutzendfach wiedergeboren worden.

Seit seiner Kindheit litt er unter merkwürdigen Träumen. Erst die Mönche von Pa Tam Ran hatten ihn erkennen lassen, worum es sich dabei wirklich handelte. Um Erinnerungsbruchstücke aus früheren Leben.

"Ich gebe das Buch nicht gerne aus der Hand, aber Mr. Hamilton schätze ich als zuverlässig genug ein, mir den Band unbeschadet zurückzugeben", hörte ich Tante Lizzy sagen.

"Ich werde es ihm geben", sagte ich. "Aber erst morgen..." Tante Lizzy lächelte.

"Ich verstehe", murmelte sie.

image
image
image

9

image

Um Punkt acht Uhr holte Tom Hamilton mich ab.

Der Regen hatte aufgehört, so als wollte er uns damit einen Gefallen tun.

Ich ließ mich von ihm zu seinem Wagen, einem Volvo führen. Bevor ich einstieg, schlang ich die Arme um seinen Hals und zog ihn an mich. Unsere Lippen verschmolzen zu einem leidenschaftlichen Kuss.

"Du siehst blendend aus", hauchte Tom mir ins Ohr. In einem Kino in der Nähe des Picadilly Circus sahen wir uns eine Komödie mit Leslie Nielsen an. Etwas, das die Lachmuskulatur gründlich traktierte und den Stress des Tages von einem abfallen ließ.

Am in Arm gingen wir dann später durch enge Nebenstraßen zum Wagen zurück. Nebel war von der Themse herausgekrochen und hatte sich durch die Straßen Londons gequält wie ein vielarmiges Kriechtier. Die Wolkendecke am Himmel hatte sich hingegen fast gänzlich aufgelöst. Hin und wieder zogen dunkle Schatten am Firmament entlang und verdeckten die Sterne. Der Mond stand hell und oval am Himmel. Wie das Auge eines übermächtigen Wesens, das uns beobachtete, gleichgültig wo auch immer wir waren.

Es war nicht kalt in dieser Nacht.

Nur feucht.

Als wir den Volvo erreichten, schreckte ich kurz zusammen, als ich an einer Ecke die Gestalt einer Frau im langen Kleid sah...

Ein bleiches Gesicht wurde für den Bruchteil einer Sekunde vom Mond beschienen.

"Tom!", rief ich und deutete in jene Richtung. Tom sah mich an und runzelte die Stirn.

"Patti, was ist los?"

"Da war jemand..."

Wir starrten gemeinsam in jene Richtung, in der ich die bleiche Lady gesehen hatte. Es war nichts zu sehen. Kein Mensch. Und schon gar keine Lady in einem langen, schweren Samtkleid...

"Vielleicht sehe ich schon Gespenster", murmelte ich.

"Kann das eine deiner Visionen gewesen sein?", fragte Tom.

Ich schüttelte den Kopf. "Nein, das glaube ich nicht. Die kann ich im allgemeinen eindeutig als solche erkennen... Aber ich hatte eine Vision... Einen Traum..."

Ich sah ihn an. Das Mondlicht spiegelte sich in seinen Augen.

"Willst du darüber sprechen, Patti?" Außer Tante Lizzy gab es niemanden, mit dem ich über meine Visionen sprechen konnte. Niemanden, dem ich mich so weit anzuvertrauen wagte.

"Wir wollen uns an diesem Abend amüsieren, Tom! Und nicht über schwerwiegende Probleme nachdenken. Die sind morgen früh auch noch da..."

Er strich mir über das Haar.

Sein Lächeln verzauberte mich jedesmal aufs Neue. Auf der linken Wange bildete sich dabei ein kleines Grübchen, das ihm einen schelmischen Gesichtsausdruck verlieh.

"Erzähl mir ruhig, was dir im Kopf herumspukt und dich so beschäftigt. Das spüre ich doch ganz genau. Schon den ganzen Abend..."

"Ich habe mir Mühe gegeben, es zu vergessen!"

"Was für dich wichtig ist, hat auch für mich eine Bedeutung, Patti..."

Ich nestelte am Revers seiner Jacke herum und erklärte dann: "Ich habe eine Frau gesehen. Sie trug ein aufwendiges Samtkleid und wirkte wie... wie eine Lady. Sie war jung, das Gesicht war hübsch und ebenmäßig wie bei einer Statue. Aber sie war bleich wie eine Tote... Ich sah sie mit dem Strick des Henkers um ihren Hals... Und ich traf sie vor dem Verlagsgebäude der NEWS. Sie stand im Regen und schien nicht nass zu werden, starrte mich nur an."

"Hast du mit ihr gesprochen?"

"Nein. Ich wollte es tun, aber sie war schon nicht mehr da, als ich..." Ich brach ab. Ich schwieg von der zweiten Vision, in der ich die bleiche Lady zusammen mit einem Mann gesehen hatte, dessen Augen mich an Tom erinnerten.

Ich schluckte unwillkürlich.

Toms grüngraue Augen musterten mich nachdenklich. Immer, wenn ich in diese Augen sah, hatte ich das Gefühl, in einen tiefen See voller Geheimnisse zu blicken. Augen, die so vieles gesehen hatten.

Ein kalter Schauder erfasste mich.

Ich war mir jetzt absolut sicher, dass es seine Augen gewesen waren, die jenem Fremden in meiner Vision gehört hatten. Daran gab es keinerlei Zweifel. Und mir war auch klar, dass das etwas zu bedeuten hatte. Etwas, das mit meinem oder seinem Schicksal in unmittelbarer Verbindung stand.

"Komm", sagte ich. "Wir wollten noch essen..." Tom sah mich noch einen Augenblick lang fragend an. Dann nickte er.

"Aber nicht italienisch", sagte er. "So war es doch, oder?"

"Ja."

"Dann lass dich mal überraschen!"

image
image
image

10

image

Wir fuhren in die Außenbezirke Londons, hinaus aus dem eigentlichen City Bereich und hinein in das, was man gemeinhin als Greater London bezeichnete. Nach und nach hatte die Riesenstadt das Umland quasi aufgefressen und immer weitere Gemeinden in sich aufgenommen. Es wurde sehr dunkel. Wir kamen durch enge Straßen, die mit Kopfsteinpflaster bedeckt waren, und ich hatte das Gefühl, als ob in diesem Teil Londons der Strom ausgefallen wäre...

Ich hatte einige Zeit träumend auf dem Beifahrersitz gesessen und nicht so auf den Weg geachtet. Jetzt sah ich um so interessierter heraus.

"Sag mal, wohin entführst du mich denn heute Abend?"

"Komisch, bei Tag war das viel leichter zu finden..."

"Soll das heißen, dass du dich verfahren hast?"

"Aber, Patti!"

"Es war ja nur eine Frage..."

"Ich bin mir sicher, richtig abgebogen zu sein, aber..." Er sprach nicht weiter.

"Was ist los?", fragte ich.

"Nichts... Vielleicht suchst du doch mal den Stadtplan aus dem Handschuhfach. Meine Güte, ich hätte nie gedacht, dass ich den so bald wieder brauche! Schließlich lebe ich doch schon eine ganze Weile hier!"

"Und ich bin hier aufgewachsen", gab ich zu bedenken.

"Trotzdem verfahre ich mich noch mindestens einmal pro Woche!"

"Du Ärmste!"

"Du meinst, wenn man sich im Regenwald Südostasiens zurechtfindet, kann einem das nicht passieren, ja?" Wir lachten beide. Aber es war kein fröhliches, befreites Lachen. Es wirkte seltsam gequält. Irgend etwas stimmte nicht, auch wenn noch keiner von uns es offen auszusprechen wagte. Ich spürte ein unangenehmes Kribbeln in der Magengegend. Eine leichte Gänsehaut legte sich über meine Unterarme.

Irgend etwas geht in diesem Augenblick vor sich!

Ich spürte es ganz deutlich.

Tom fuhr die Straße entlang, die immer schlechter und schmaler wurde. Das Kopfsteinpflaster war teilweise lückenhaft. Und an den Rändern brach es schroff ab. Diese Straße sah nicht gerade so aus, als wäre sie von einem Meister seines Fachs geschaffen worden...

Die Häuser wirkten seltsam grau und in den Mauern zeigten sich im Licht der Scheinwerfer Risse, in die sich Moos gesetzt hatte. Die Häuser waren alt. Selten handelte es sich um mehrgeschossige Bauten.

Nirgends gab es noch eine Beleuchtung.

Wir ließen die Häuser hinter uns.

Zu beiden Seiten der schmalen Straße war nichts als Finsternis. Der Mond war hinter einer dunklen Wolke verschwunden.

Ich blickte mich um. Das Lichtermeer der nahen City... Wo war es geblieben?

Ein beklemmendes Gefühl machte sich in mir breit. Aber so sehr ich auch in die Schwärze dieser unheimlichen Nacht blickte - ich konnte nicht ein einziges Licht erkennen. Keine Autobahn, auf der sich die Lichtpunkte wie Perlen an einer Schnur aufreihten. Nicht die regelmäßigen Muster aus sternähnlichen Gebilden, bei denen es sich um die Fenster großer Wolkenkratzer und Bürotürme handelte. Nicht das pulsierende Flackern von Neonreklame, die rund um die Uhr in Betrieb war.

"Mein Gott, wo sind wir hier?", fragte ich.

"Bei der nächsten Tankstelle werde ich mal nachfragen", erklärte Tom.

Aber es kam keine Tankstelle mehr.

Es kam zunächst einmal überhaupt nichts. Kein Gebäude, kein Straßenschild, kein anderes Fahrzeug. Der Pferdemist auf dem Pflaster verwunderte mich zwar etwas, war aber noch kein Zeichen, das Besorgnis in mir auslöste.

Erst später sollte ich begreifen.

Wir fuhren in eine große schwarze Wand aus purer Dunkelheit hinein. Nebel kroch die Straßenböschung empor und waberte über das unebene Pflaster.

"Tom, lass uns umdrehen!", forderte ich. Angst stieg langsam in mir auf. Das Gefühl, dass hier etwas nicht stimmte, verstärkte sich. Ich fragte mich, was es war, fand aber keine Erklärung. Verwirrung herrschte in mir. Vor meinem innere Auge sah ich das Antlitz der bleichen Lady.

Es lächelte.

Und in ihren stahlblauen Augen blitzte es auf eine Weise, die mir nicht gefiel.

Dieses Traumbild stand nicht länger als den Bruchteil einer Sekunde vor meinem inneren Auge und doch erschreckte es mich bis tief ins Mark.

"Sofort anhalten, Tom!"

"Aber, Patti!"

"Tom!"

"Ich verspreche dir, dass ich drehe, sobald ich die Gelegenheit dazu habe. Irgendwann muss ja mal eine Abzweigung oder so etwas kommen."

Aber auch die kam nicht.

"Tut mir leid, Patti, aber ich glaube, wir sind hier wirklich nicht richtig...", gestand Tom dann ein. "Seltsam... Wir sind hier doch immer noch in London, aber man sieht buchstäblich... nichts!"

Der einzige Trost war mir in diesem Moment, dass ich nicht die einzige war, die das merkwürdig fand.

image
image
image

11

image

Tom stellte den Wagen am Straßenrand ab. Wir stiegen aus und sahen uns etwas um. Tom leuchtete mit einer Taschenlampe, die er aus dem Handschuhfach geholt hatte in der Umgebung herum. Aber viel war auch so nicht zu erkennen. Der Strahl schien von der allgegenwärtigen Finsternis verschluckt zu werden.

Wir lauschten in die Nacht hinein.

Wir hörten nichts, als den Ruf einer Eule. Ansonsten herrschte eine geradezu gespenstische Stille. Nichts vom Lärm der Großstadt schien bis hier her dringen zu können. Wir vernahmen nicht einmal das unablässige Rauschen, das von den Stadtautobahnen ausging, die London wie ein Geflecht aus dicken Adern durchzogen.

"Hast du eine Ahnung, wo wir hier sein könnten?", fragte ich.

"Tut mir leid, Patti!"

"Das geht hier nicht mit rechten Dingen zu, Tom..."

"Was willst du damit sagen?"

"Ich weiß nicht..."

Ich legte den Stadtplan auf die Kühlerhaube des Volvos. Tom leuchtete mit dem Strahl seiner Lampe darauf herum. Aber auch das Kartenstudium machte uns nicht klüger. "Eigentlich müssten wir genau hier sein!", stellte Tom fest und deutete mit der Kuppe seines rechten Zeigefingers auf eine ganz bestimmte Stelle.

"Dem Plan nach ist das ein dicht besiedeltes Gebiet...", gab ich zu bedenken.

"Ich weiß." Tom zuckte die Schultern. "Nur ist hier leider nichts davon zu sehen..."

Eine Bewegung ließ mich den Blick heben.

"Da!", rief ich.

In der Dunkelheit glaubte ich, eine Gestalt erkennen zu können. Ein schwarzer Schemen hob sich düster gegen die Nacht ab und bewegte sich. Ich nahm Tom die Lampe aus der Hand. Der Lichtkegel kreiste im nächsten Moment in der Umgebung herum und dann...

Für den Bruchteil eines Augenblicks sah ich sie. Ihr bleiches Gesicht.

Das Glitzern ihrer Augen...

Ich zögerte nicht eine Sekunde, sondern rannte los. Erst die Böschung hinunter, dann über den tiefen weichen Boden, der hier vorherrschte. Es musste sich um einen umgepflügten Acker oder etwas ähnliches handeln. Mein Schuhwerk war nicht gerade passend für diese Gelegenheit, aber ich achtete nicht darauf.

Ich wollte jetzt endlich Klarheit.

Endlich wissen, was hier gespielt wurde.

"Patti!", rief Tom hinter mir hier. Ich hörte seine Schritte in meinem Rücken. Die Tatsache, dass er in meiner Nähe war, gab mir Sicherheit.

Ich lief weiter in jene Richtung, in der ich die bleiche Lady zu sehen glaubte. Noch war da ihre dunkle Gestalt. Ein schwarzer Umriss. Nebelschwaden krochen mir entgegen. Sie hüllten auch die Gestalt bis etwa in Höhe der Kniekehlen ein. Ich leuchtete noch einmal mit der Taschenlampe.

Aber die Lampe begann plötzlich zu flackern.

Das Licht wurde gelblich.

Dann erlosch sie.

Und gleichzeitig spürte ich die Anwesenheit einer geistigen Kraft als dumpfen Druck hinter meinen Schläfen. Tom hatte mich indessen eingeholt.

"Was ist mit der Lampe?"

"Keine Ahnung... Die Batterien!"

"Die waren neu", gab Tom zu bedenken. Er nahm mir die Lampe ab und versuchte, sie wieder zum Leuchten zu bringen. Vergeblich.

In diesem Augenblick schimmerte der Mond matt durch die graue Wolkendecke.

Ein kühler Wind blies über die Ebene, die vor uns lag. Eisig blies es uns entgegen. Ich hatte das Gefühl, als würde binnen wenige Augenblicke die Temperatur um mindestens zehn Grad fallen...

Ein unbarmherziger Eishauch, der uns beide erfasste. Ich fror bis in das tiefste Innere meiner Seele. Toms Arm spürte ich um meine Schultern. Aber selbst seine Nähe schien gegen diese unmenschliche Kälte nichts ausrichten zu können.

Wir gingen auf die Gestalt zu.

Ich griff nach Toms Hand. Sie fühlte sich so kalt an, dass es mich erschreckte.

Wo waren wir nur hingeraten?

Mein Atem ging schneller. Er kondensierte als graue Wolke vor meinem Mund...

Ein grauenhafter Ort...

Der Schrei einer Krähe durchschnitt die unheimliche Stille. Die Gestalt bewegte sich nicht.

Wie ein Schatten stand sie da. Unbeweglich.

"Wer bist du?", fragte ich laut. Der Klang meiner Stimme kam mir verloren und schwach vor. In meinem Hals kratzte es. So sehr ich mich auch bemühte. Ich konnte vom Gesicht der Gestalt nichts erkennen. Sie hatte eine Kapuze über den Kopf gezogen, so dass sich ein geradezu undurchdringlicher Schatten bildete.

Ihr Gewand ging bis zum Boden.

Wir traten auf sie zu.

Sie zeigte keinerlei Reaktion.

Angst kroch mir wie eine kalte, glitschige Hand den Rücken hinauf und hielt mich fest in ihrem unerbittlichen Griff. Aber die Neugier war stärker. Ich wusste, dass diese Frau für mein Schicksal wichtig sein würde...

Dann zuckten wir beide zusammen.

Aus dem dunklen Schatten, den wir anstelle ihres Gesichts sahen, kam etwas Dunkles hervor.

Ein krächzender Laut ließ mir das Blut in den Adern gefrieren, während mich das nervöse Schlagen schwarzer Schwingen reflexartig den Arm heben ließ, um mich zu schützen.

Ein großer, krähenartiger Vogel schnellte auf uns zu. Tom riss mich nieder. Wir duckten uns, und das Tier stob über uns hinweg. Wir sahen der Krähe nach. Sie verschwand in der Nacht. Ihr krächzender Schrei war noch ein paar Mal zu hören. Dann verlor er sich in der Stille dieses unheimlichen Ortes. Tom trat an die Gestalt heran.

Er legte die Kapuze zurück.

Es war kein Gesicht, was sich uns im fahlen Licht des matt durch die Wolken hindurch glänzenden Mondes darbot. Nur Stroh...

"Eine Vogelscheuche", stellte Tom etwas irritiert fest.

"Das kann nicht sein!", stieß ich hervor. "Ich habe doch gesehen, wie..." Ich brach ab. Welchen Sinn hatte es, an dem zu zweifeln, was unwiderlegbar war. Das Stroh dieser Puppe lag zum Greifen vor uns. Ich berührte es mit der Hand, um die letzten Zweifel zu verscheuchen.

"Ich habe sie gesehen", sagte ich noch einmal.

"War es diese bleiche Frau, von der du erzählt hast?"

"Ja."

"Bist du dir sicher?"

"Ja. Hast du sie denn nicht gesehen?" Tom sah mich ernst an. Seine Hände nahmen meine Schultern. Ich zitterte vor Kälte.

"Ich habe jemanden gesehen. Oder glaubte es zumindest..."

"Woher kommt diese Kälte... Das ist ja furchtbar..."

"Komm, lass uns zum Wagen zurückgehen", meinte Tom.

"Ja."

"Hattest du das Licht an deinem Volvo angestellt?"

"Ja, warum?"

"Müsste man die Scheinwerfer nicht bis hierher leuchten sehen?"

"Ja, natürlich..."

Tom kniff die Augen zusammen.

Mein Puls beschleunigte sich.

Der Wagen hob sich nur noch als ein dunkler Schatten gegen die Nacht ab. Bodennebel kroch die Böschung hinauf und umgab ihn wie Spinnweben.

Ich schmiegte mich an Tom, und gemeinsam gingen wir zurück in Richtung Straße. Etwas helles rieselte derweil vom Himmel herab. Wir hielten an. Ich hielt die Hand hoch und fing es mit ungläubigem Gesicht mit der Handfläche auf. Es fühlte sich kalt und glitschig an.

"Schneeflocken", flüsterte ich.

Auch Tom stellte das überrascht fest.

Er schüttelte verwundert den Kopf.

"Vor ein paar Minuten hatten wir doch noch Sommer..."

"Jedenfalls sind wir dafür angezogen!" Wir sahen uns an. Keiner von uns hatte eine vernünftige Erklärung für das, was hier vor sich ging. Aber für uns beide stand fest, dass es etwas Außergewöhnliches war. Etwas, das vielleicht mit dem zu tun hatte, was man das Übersinnliche nannte...

"Für einen Moment konnte ich die Anwesenheit einer großen geistigen Energie spüren", sagte ich. "Ich weiß nicht, wo wir hier sind, Tom, aber ich fühle, dass wir uns in großer Gefahr befinden..."

"Abwarten, Patti!", versuchte Tom mich zu beruhigen. Aber ich kannte ihn gut genug, um zu merken, dass auch bei ihm unter der ruhigen Fassade bohrende Fragen an ihm nagten. Wir erreichten die Straße.

Der Wagen lag noch immer als düsterer Schatten vor uns. Seltsam!, dachte ich. Die Form...

Irgend etwas störte mich.

Fiebrige Unruhe erfasste mich.

Der dicke grauweiße Nebel reichte uns bis zu den Knien. Wir traten näher. Und dann sahen wir es beide. Dies war nicht Toms Volvo.

Dies war ein Pferdefuhrwerk mit einem defekten Rad, das am Straßenrand abgestellt worden war.

"Das ist unmöglich!", rief Tom. "Das ist völlig unmöglich!" Zum ersten Mal hörte ich so etwas wie die Ahnung von Verzweiflung im dunklen Timbre seiner Stimme mitschwingen. Ich hatte nicht einmal mein Handy dabei, um Tante Lizzy anrufen zu können. Der Apparat befand sich in meiner Handtasche und die hatte ich in dem Volvo gelassen, der jetzt auf so geheimnisvolle Weise verschwunden zu sein schien.

image
image
image

12

image

In immer dickeren Flocken begann Schnee vom Himmel zu rieseln. Und es war eisig kalt. Unser Atem gefror zu weißgrauen Wolken, und wir klammerten uns aneinander, um wenigstens unsere gegenseitige Wärme zu spüren. Der Wagen war weg.

Ganz gleich, wie absurd uns das erscheinen mochte. Es war eine Tatsache, an der kein Zweifel erlaubt war. Etwas, womit wir uns abzufinden hatten.

Es schien genauso gegen alle Logik und jedes Naturgesetz, wie der eigenartige Wechsel der Jahreszeiten, der innerhalb von Augenblicken geschehen war.

Frostige Gedanken schlichen sich bis in den letzten Winkel der Seele, erfassten mich völlig. Ich dachte an die Spekulationen über den nuklearen Winter, der Berechnungen zufolge eintrat, wenn Dutzende von Atombomben tonnenweise Staub in die Atmosphäre wirbelten und auf diese Weise das Sonnenlicht abgefiltert wurde.

Prozesse, wie man sie auch für den Fall eines Meteoriteneinschlags oder eines gigantischen Vulkanausbruchs vermutete.

Aber das eine solche Katastrophe sich in einem derartigen Tempo vollzog erschien mir unwahrscheinlich.

Andererseits... Wo waren all die menschlichen Ansiedlungen geblieben? Wo die Millionenstadt London geblieben?

Die Kälte ließ meine Gedanken zu Eis erstarren. Ich glaubte eher an die Wirkung von übersinnlichen Kräften, als an all die anderen Katastrophenszenarien.

"Tom, was machen wir jetzt?"

"Dort hinten ist ein Licht", sagte er. Ich bewunderte ihn dafür, in dieser Lage noch immer Ruhe bewahren zu können. Das einzige, was mich von der Hysterie abhielt war die furchtbare Kälte, die wie ein lähmendes Gift wirkte.

Ich folgte Toms ausgestreckter Hand. Sein anderer Arm umfasste meine Schulter, die dadurch die einzige warme Region meines Körpers zu sein schien. Ich zitterte und versuchte zu verhindern, dass die Zähne allzu sehr aufeinander klapperten. Die Kälte, die uns in diesem Augenblick peinigte, schien alles zu durchdringen.

Ich blinzelte und versuchte zu erkennen, worum es sich bei dem fernen Licht handelte, das Tom mir gezeigt hatte.

"Das war doch gerade noch nicht da", stellte ich fest. Ich war mir sicher.

"Was weiß ich", meinte Tom. "Jetzt ist es da. Ich glaube, es ist..." Er zögerte. Dann setzte er plötzlich hinzu: "Ein Haus!"

"Wir sollten dort nicht hingehen, Tom!" Ich weiß nicht, weshalb ich das plötzlich sagte. Aber da war auf einmal ein sehr starkes Gefühl in mir. Eine Ahnung, vielleicht. Ich war mir nicht sicher. Jedenfalls glaubte ich die Gefahr beinahe körperlich spüren zu können, die von jenem Haus - oder was auch immer es auch sonst sein mochte - ausging.

"Komm schon, Patti! Wir erfrieren hier! Eine Lungenentzündung ist das mindeste..."

Er hatte recht. Ich wusste es. Und es gab nicht ein einziges Argument, dass ich seinen Worten entgegenzusetzen hatte. Und doch blieb da dieses Unbehagen, das sich von meinem Magen aus verbreitete. Tom nahm mich bei der Hand.

Sie war eiskalt, so wie die meine.

Sei keine Närrin!, sagte ich mir insgeheim.

"Tom", flüsterte ich.

Ich sah ihn an.

Das Mondlicht spiegelte sich in seinen grüngrauen Augen, die mich auf ihre eigentümliche Weise ansahen.

Sein Lächeln war verhalten.

Nase und Ohren waren bereits rot gefroren.

"Was ist Patti?"

"Ich habe Angst."

Er wirkte nachdenklich, antwortete aber nicht.

image
image
image

13

image

Wir gingen schweigend dem Licht entgegen, das größer wurde und sich in mehrere Lichtpunkt aufteilte. Es handelte sich tatsächlich um ein Haus, wie wir bald feststellten. Die Fenster waren erleuchtet.

Es war ein verwinkeltes Gebäude, das mich unwillkürlich an ein Schloss erinnerte. Erst, als wir uns noch weiter genähert hatten, wurde erkennbar, wie groß es war. Turmartige Erker reckten sich spitz in den Nachthimmel. Das Gemäuer war grau und rissig. Moos schimmerte graugrün im Licht des Mondes. Es wucherte die Wände empor und hatte sich in den Rissen eingenistet.

Vor dem düsteren Schloss befand sich ein Teich mit dunklem, spiegelglatten Wasser. Das Schloss spiegelte sich darin. Schnee rieselte hinein. Die Flocken schwammen auf der Oberfläche.

Tom blieb plötzlich stehen.

Er schien nicht mehr auf die Kälte zu achten. Ich sah sein Gesicht, sah, wie sich plötzlich Anspannung und Verwirrung darin zeigten.

"Was ist los, Tom?"

"Dieser Ort..."

"Was ist damit?"

Er sah mich sehr ernst an.

"Ich habe das Gefühl, schon einmal hiergewesen zu sein. Vor langer Zeit..."

"In einem anderen Leben?"

"Ja, ich denke schon. Aber..." Er schüttelte den Kopf.

"Vielleicht täusche ich mich, aber dieses Gebäude sieht aus wie Delancie Castle..."

Die Art und Weise, wie er diesen Namen aussprach gefiel mir nicht.

"Warum soll das nicht möglich sein?", fragte ich und presste die blaugefrorenen Lippen aufeinander.

"Weil es Delancie Castle nicht mehr gibt. Es fiel einer Bombardierung im zweiten Weltkrieg zum Opfer und wurde danach nicht wieder aufgebaut..."

Wir umrundeten den Teich.

An was für einen bizarren Ort waren wir nur gelangt? Ein Ort, über dem die Aura unvorstellbaren Alters wie Glocke aus grauem Dunst hing.

Wir schritten die breiten Steinstufen des Portals empor. Der Treppenaufgang wirkte hochherrschaftlich. Die steinernen Handläufe endeten in grimmig dreinschauenden Löwenköpfen. An der zweiflügeligen dunklen Holztür prangte ebenfalls ein Löwe, der allerdings vergoldet war. Ein schwerer Metallring hing ihm in der Nase. Mit ihm konnte man gegen das Holz klopfen.

Tom griff nach dem Ring.

Die Schläge hallten dumpf im Inneren des Schlosses wieder. Es dauerte einen Augenblick, bis endlich Schritte zu hören waren.

Schleppende Schritte, so als ob jemand ein Bein etwas nachzog.

Die Tür wurde geöffnet.

Sie war nicht verriegelt.

Ein großgewachsener Butler mit hagerem Gesicht und bewegungsloser, starrer Miene trat uns entgegen. Sein Gesichtsausdruck war regungslos. Seine Haut wirkte pergamentartig und bleich. Das Haar leichengrau. Er zog eine seiner dünnen, kaum sichtbaren Augenbrauen in die Höhe.

Der Blick seiner wässrig-blauen Augen war gleichermaßen durchdringend und prüfend.

Ein Blick, so kalt wie das Wetter in dieser unheimlichen Nacht.

"Guten Abend, Sir", sagte der Butler mit heiserer Stimme.

"Sie werden bereits erwartet.."

"Erwartet?", echote Tom.

"Willkommen auf Delancie Castle", sagte der Butler. Seine Stimme schien dabei wie Eis zu klirren. Tom rieb die Hände gegeneinander. "Es ist ziemlich kalt draußen..."

"Ja, der Winter wird sicher hart."

"Winter?", echote ich.

"Folgen Sie mir bitte in den Salon. Wie mögen Sie den Tee?"

Sowohl Tom, als auch ich waren im ersten Moment viel zu verwirrt, um darauf eine Antwort geben zu können.

"Wir sind jedenfalls froh, nicht mehr da draußen zu sein", meinte ich.

"Ja, das verstehe ich gut", erwiderte der Butler düster.

"Eine schauderhafte Nacht..."

Wir folgten dem Butler durch die große, hohe Empfangshalle. Dann ging es einen breiten Treppenaufgang hinauf. Die Wände waren mit Portraits behängt. Großformatige Bilder, die in verschiedenen Techniken und Stilen angefertigt worden waren. Bleiche, traurig aussehende Gesichter blickten uns von diesen Gemälden an.

"Die Ahnengalerie der Delancies", murmelte Tom. "Mein Gott, es ist wirklich wahr... Ich bin wieder hier..."

"Erklär es mir, Tom!"

"Nein, nicht jetzt, Patti. Später..." Die Parkettbohlen knarrte unter unseren Schritten, so als würde dieses Gebäude förmlich aufstöhnen.

Der Butler führte uns in einen hell erleuchteten Salon. Es gab kein elektrisches Licht, nur Kerzen, Kronleuchter und ähnliches. Mir fiel das erst auf den zweiten Blick auf. Eine Gesellschaft gut gekleideter Damen und Herren starrte uns an.

Die Herren trugen Anzüge mit langen Schößen, wie man sie um die Mitte des 19. Jahrhunderts getragen hatte. Die Kragen waren hochgestellt und als Krawatten dienten breite Schleifen. Manche dieser Gentlemen trugen die Koteletten bis zur Kinnbeuge.

Die Damen trugen lange Kleider, die beinahe den Boden berührten. Die Haare waren zu kunstvollen Frisuren aufgesteckt. Juwelen glänzten an ihren Hälsen und den zierlichen Händen, mit denen sie ihre langstieligen Gläser hielten.

Schwarzgekleidete Diener liefen mit übervollen Tabletts herum und sorgten dafür, dass jedermann zu trinken bekam. Der Geruch von Zigarrenqualm erfüllte den Raum.

Und dann sah ich sie.

Jene Frau, die mir im Traum begegnet war. Und vor dem Verlagsgebäude der LONDON EXPRESS NEWS. Dieses geheimnisvolle, blasse Phantom, dessen Haar der Regen nicht zu benetzen vermocht hatte.

Das blonde Haar fiel ihr bis zu den Schultern herab. Ein mattes Lächeln erschien auf ihrem farblosen, aber wie aus Elfenbein gearbeiteten Gesicht. Es war eine kalte Schönheit, die sie ausstrahlte. Und die Art und Weise, wie sie lächelte, konnte einem das Blut in den Adern gefrieren lassen. Ich konnte die mentale Energie spüren, die an diesem Ort vorhanden war.

Eine sehr starke, sehr geballte übersinnliche Kraft mit einer Intensität, wie ich sie selten zuvor erlebt hatte. Sie ging auf uns zu und ihre Augen hingen wie hypnotisiert an Tom.

Nichts anderes schien die junge Frau wahrzunehmen. Das langstielige Sektglas, das sie zuvor mit abgespreiztem kleinen Finger in der Rechten gehalten hatte, stellte sie so ungeschickt auf eines der Tabletts, dass der betreffende Diener alle Mühe damit hatte zu verhindern, dass es zu Boden fiel.

Sie erreichte uns.

Von mir nahm diese bleiche Lady zunächst nicht die geringste Notiz.

Ein verklärtes Lächeln erschien auf ihrem hübschen Gesicht, während ihr Blick in den grüngrauen Augen von Tom Hamilton zu versinken schien. Auf eine Weise, die mir einen Stich ins Herz versetzte. Mit wachsendem Unbehagen beobachtete ich, was weiter geschah.

"Ich habe lange auf dich gewartet, Tom", flüsterte sie voller Inbrunst. "Aber ich habe nie den Glauben verloren. Den Glauben an unsere Liebe, Tom..."

"Lady Mary Delancie!", entfuhr es Tom. Offenbar kannte er diese Frau tatsächlich!

So wie ihm auch dieses unheimliche Schloss wohlbekannt zu sein schien. Schatten, die ihn aus einem anderen Leben verfolgten. Einem Leben, von dem ich nichts wusste...

"Warum so kühl, Tom? Oder bevorzugt Ihr jetzt die förmliche Anrede, Sir William Thomas Millroy?" Sie trat näher an ihn heran, so nahe, dass es mir nicht gefiel.

Ihre Hand hob sich, berührte das Revers seiner Jacke. Mit einer fast zärtlichen Bewegung strich sie ihm eine Schneeflocke weg.

"Ihr nanntet mich Mary", flüsterte sie. "Ich werde nie vergessen, mit welcher Inbrunst ihr mir diesen Namen ins Ohr gehaucht habt... Mein Gott, es ist fast nicht zu glauben! Ihr seid wirklich hier. Endlich - nachdem ich mich so lange nach Euch gesehnt habe..."

Sie näherte sich ihm noch weiter. Aber Tom fasste zart ihre Schultern und schob sie ein Stück von sich weg.

"Ich bin nicht mehr Sir William Thomas Millroy", sagte er sehr ernst.

"Natürlich seid Ihr es! Eure Seele mag einen anderen Körper gefunden haben, aber Ihr seid noch immer derselbe! Über den Abgrund von Zeit und Raum hinweg, habe ich Euch gerufen! Und Ihr habt hier hergefunden! Wenn das nicht eine schicksalhafte Fügung ist, dann weiß ich nicht, für welches Ereignis man diesen Begriff sonst gerechtfertigterweise verwenden könnte! Tom!" Sie sah ihn geradezu beschwörend an. Sehnsucht, Angst, Verzweiflung und - ja, auch Liebe spiegelten sich in ihren Augen. "Ihr gehört zu mir! Zu niemand anderem. Ich habe auf Euch gewartet... Eine Ewigkeit lang. Aber jetzt wird wieder Freude und Liebe auf Delancie Castle einkehren. Dieses Haus wird wieder aufblühen - durch Eure Gegenwart..."

Tom wandte den Kopf in meine Richtung.

Ich hatte das alles mit wachsendem Unbehagen mitangesehen. Die Art und Weise, wie Lady Mary von Toms Anwesenheit auf diesem Schloss sprach, ließ mich innerlich frösteln. Es hatte etwas Endgültiges.

Tom trat auf mich zu.

Er nahm mich bei der Hand. Dann drehte er sich in Richtung von Lady Mary.

"Darf ich Ihnen Miss Patricia Vanhelsing vorstellen?", meinte er dann.

Lady Marys bleiches Gesicht musterte mich mit kalter, unter der Oberfläche verborgener Leidenschaft. In Ihren Augen flackerte kurz etwas auf. Etwa, das ich nur als Hass identifizieren konnte.

Ich reichte ihr die Hand.

Sie zögerte.

Dann gab sie mir die ihre.

Sie fühlte sich eiskalt an. Wie die Hand einer Toten. Ein prickelndes Gefühl durchlief meinen Arm. Der kalte Schauer einer unheimlichen Kraft, die von dieser Frau auszugehen schien. Mir schauderte unwillkürlich. Sie war ohne Zweifel der Ursprung jener geistigen Energie, die ich zuvor gespürt hatte.

Sie musste übersinnliche Kräfte besitzen.

"Wir haben uns bereits einmal gesehen, nicht wahr?", sagte ich.

Sie starrte mich an.

Lady Mary antwortete nicht.

"Erinnern Sie sich nicht? Vor dem Gebäude der LONDON EXPRESS NEWS in der Lupus Street, London... Es regnete. Sie starrten mich an..."

Lady Marys Gesicht versteinerte.

"Schon möglich", sagte sie dann kühl. "Aber ich erinnere mich nicht. Darf ich fragen, wer Sie sind und welche Rolle Sie in Toms Leben spielen?"

"Ich bin Journalistin bei den LONDON EXPRESS NEWS."

"Eine Frau als Journalistin? Sehr unwahrscheinlich." Ihr Lächeln bekam eine grausame Note. "Ich schlage vor, dass Sie versuchen, etwas intelligenter zu lügen, Miss Vanhelsing."

"Es ist die Wahrheit."

"Nun, wie auch immer. Ich lese schon seit Jahren keine Zeitungen mehr. Seit der Zeit, als..."

"Als was?", fragte ich.

"Seit die Zeitungen nicht sehr günstig über mich zu berichten begannen und nicht nur meinen Namen, sondern auch den meiner Familie hemmungslos in den Schmutz zogen." Ein kurzer Blick glitt zwischen mir und Tom hin und her. Dann setzte Lady Mary hinzu: "Aber Ihr Berufsstand ist nicht der einzige Grund, weshalb Sie nicht mit meiner Sympathie rechnen können, Miss Vanhelsing..."

"Lassen Sie uns telefonieren, dann sind Sie uns schnell los!", sagte ich. Obwohl ich ahnte, dass das unmöglich war. Aber es war ein letzter, verzweifelter Versuch.

"Telefonieren? Ich weiß nicht, was das sein könnte, Miss Vanhelsing. Aber eins steht fest: Sie können in dieser Winternacht nicht hinausgehen. Nicht so unzureichend - um nicht zu sagen, unzüchtig - angezogen, wie Sie jetzt sind. Nein, Sie beide werden meine Gäste sein...Es ist alles vorbereitet..."

Wie sie das letzte Wort aussprach, gefiel mir nicht. Vorbereitet.

Sie legte eine besondere Betonung hinein.

Ehe ich etwas erwidern oder fragen konnte, brandete plötzlich Applaus im Salon auf.

Ich hatte das Gefühl, Teil einer schlechten Inszenierung zu sein.

"Was wird hier gespielt, Tom?", fragte ich verzweifelt in das Klatschen der anwesenden Herrschaften hinein, die plötzlich ihre Blickrichtung änderten. Ein junger, hochgewachsener Mann mit gelocktem Haar und einem dunklen Oberlippenbart betrat den Raum. Er trug einen Frack. An seiner Kleidung schien alles bis auf den Millimeter genau ausgerichtet zu sein. Das Stecktuch, die Brosche, die Schleife... Er wirkte etwas steif in seinem Auftreten. Sein Gesicht war von derselben, eigentümlichen Blässe wie das aller anderen im Raum.

Er hob leicht die Hand, um die Ovationen entgegenzunehmen. Lady Mary hakte sich bei Tom unter.

"Das ist Dostan Radvanyi, den der Kritiker der Times für den größten lebenden Pianisten hält. Selbst Chopin soll sich lobend über ihn geäußert haben... Lauschen wir seinem virtuosen Spiel..."

Dostan Radvanyi verbeugte sich, schritt zum Flügel, setzte sich und begann dann in die Tasten zu greifen.

Dissonante, unheimliche Harmonien, die einen an die Dunkelheit in der Tiefe der Meere oder den finsteren Schlund einer unergründlichen Höhle denken ließen, drangen an mein Ohr.

Ich beobachtete die Gesichter der anderen Anwesenden. Sie wirkten angestrengt und sehr konzentriert. Lady Marys Blick wurde etwas verklärt. Sie wandte den Kopf und sah zu Tom herüber.

Wo sind wir hier?, ging es mir schaudernd durch den Kopf. Auf Delancie Castle. Aber was bedeutet das schon? Der Name eines grauen Gemäuers, mehr nicht...

Ich fühlte mich, wie in einem schrecklichen Alptraum gefangen.

Aber gleichzeitig herrschte die Gewissheit in mir, dass ich aus dieser Alptraumwelt nicht durch ein einfaches Erwachen entkommen konnte.

image
image
image

14

image

Lady Mary sah Tom an.

"Es ist spät geworden, aber ich bin überzeugt davon, dass wir noch viel Zeit haben werden." Sie seufzte. "Ich weiß, du wirst etwas verwirrt sein und es wird dir gewiss nicht leicht fallen, dich an das Leben auf Delancie Castle zu gewöhnen."

"Sie irren sich, Lady Mary", sagte Tom. "Ich werde nicht hierbleiben. Es mag sein, dass ich dich geliebt habe in einem anderen Leben. Aber jetzt bin ich nicht mehr Lord William Thomas Millroy, sondern Thomas Hamilton, ein Mann, der in einer anderen Zeit lebt. Und eine andere Frau liebt."

"Das alles hat keine Bedeutung", behauptete Lady Mary Delancie mit einem Lächeln, dessen Süßlichkeit durch eine grausame Note verwässert wurde. "Wie gesagt, Tom. Du bist verwirrt. Aber du wirst noch erkennen, was deine wahre Bestimmung ist. Heute Nacht jedenfalls wirst du hier bleiben, denn es gibt keine Möglichkeit zur Rückkehr. Und das wisst ihr!" Sie machte eine kurze Pause. Ihr Blick wirkte ernst. Sie atmete tief durch. Sie hatte mit einer Bestimmtheit gesprochen, die mich erschreckte.

Als ob bereits jetzt feststünde, das alles genau so geschieht, wie sie es gesagt hat!, ging es mir schaudernd durch den Kopf.

Dann sagte sie schließlich: "Der Butler wird euch eure Quartiere zeigen."

Der Butler trat etwas heran.

Sein Gesicht blieb wie gewohnt regungslos und maskenhaft.

"Wenn die Herrschaften mir bitte folgen wollen", sagte er dann.

Lady Mary hauchte: "Ich wünsche dir eine gute Nacht, Tom."

Tom erwiderte nichts.

Wir folgten dem Butler durch einen langen Flur. Dann ging es eine steile Treppe hinauf, deren einzelne Stufen unter unserem Gewicht knarrten. Tom wandte sich an den Butler und fragte ihn: "Woher wusste Lady Mary, dass wir hier auftauchen würden?"

Der Butler hielt auf einem Absatz an. Er drehte sich halb herum. "Sie wusste es einfach, Sir."

"Verfügt sie vielleicht über so etwas wie eine übersinnliche Begabung?", fragte ich.

"Ich bin nicht befugt, über meine Herrschaft zu sprechen", erwiderte der Butler dann im Tonfall klirrender Kälte. "Das sind alles Fragen, die Sie Lady Mary selbst stellen sollten. Aber ich bin gewiss, dass sich dafür noch ausreichend Gelegenheit ergeben wird."

Der Flur, den wir jetzt betraten, war sehr hoch. Er wirkte herrschaftlich.

Der Butler entzündete einige Lampen, die alles in ein weiches Licht tauchten. Dann hatten wir eine große, schwere Tür erreicht, deren Holz mit absonderlichen Schnitzereien versehen war. Eigenartige Fabelwesen rankten sich empor. Ihre Gesichter waren derart überzeugend aus dem Holz herausgearbeitet worden, dass man befürchten konnte, sie würden jeden Augenblick zum Leben erwachen. Dämonenhafte, fratzenartige Gesichter, die uns auf eine Weise anzustarren schienen, die mir nicht gefiel.

"Hier ist ihr Quartier, Lord Millroy", sagte der Butler. Er schloss die Tür auf.

Wir betraten den Raum.

Es war ein sehr weitläufiges, herrschaftlich eingerichtetes Gästezimmer.

Das breite Himmelbett war mit denselben Fabelwesen verziert wie die Tür. Die Möbel waren zierlich und wirkten sehr zerbrechlich und kostbar. Überdimensionale Ölgemälde hingen an den Wänden. Düstere Landschaftsbilder, die Motive aus der Umgebung zeigten.

Es war auch ein Bild darunter, das Delancie Castle zeigte, jenes graue, unheimliche Gemäuer, dessen Gefangene wir nun zu sein schienen - auch wenn das so deutlich niemand sagte. Der Butler deutete auf eine kunstvoll geflochtene Kordel über dem Nachttisch.

"Wenn Sie etwas wünschen, Sir, dann läuten Sie doch bitte nach mir!"

"In Ordnung", sagte Tom.

Dann wandte sich der Butler an mich.

"Für Sie habe ich ein anderes Quartier."

"Aber..."

"Kommen Sie. Es liegt nebenan."

"Ich werde dich begleiten", sagte Tom. Der Butler wandte ihm einen strengen Blick zu. "Wenn Sie finden, dass sich das schickt, Lord Millroy!"

"Das finde ich durchaus!", erwiderte Tom eisig. So traten wir hinaus auf den Flur. Ich fühlte nach Toms Hand. Sie fühlte sich kalt an - so wie alles in dieser furchtbaren Alptraumwelt kalt zu sein schien. Die Wände dieses grauen Gemäuers strahlten eine klamme Kälte ab, wie man sie ansonsten in einer unterirdischen Gruft vermuten würde. Draußen schien der nasskalte englische Winter zu herrschen und ich spürte, dass diese unheimliche Kälte nach und nach auch von meinem Inneren Besitz zu ergreifen begann. Der Butler brachte uns zu jenem Zimmer, das als mein Quartier vorgesehen war. Es unterschied sich von dem, welches man für Tom vorbereitet hatte, nur in unwesentlichen Details. Ich rieb die Hände gegeneinander.

Der Gedanke, hier die Nacht verbringen zu müssen, sorgte dafür, dass sich meine kleinen Nackenhärchen aufrichteten. Aber ich registrierte auch, dass in der Tür von innen ein Schlüssel steckte.

"Die Kleider in den Schränken können Sie in Anbetracht ihrer etwas unzureichenden Bekleidung gerne benutzen, Miss Vanhelsing", erklärte der Butler. "Das gilt übrigens auch für Sie, Lord Millroy."

"Mein Name ist Hamilton", erwiderte Tom.

"Welchen Namen Sie auch immer zu tragen vorgeben - hier auf Delancie Castle sind Sie niemand anderes als Lord Millroy. Jeder kennt Sie hier unter diesem Namen..." Ich deutete auf den Kamin.

"Können Sie für etwas Wärme sorgen?", fragte ich den Butler.

"Sehr wohl. Wie Sie wünschen. Ich werde frische Holzscheite heranschaffen. Auch für Ihr Zimmer, Lord Millroy." Der Butler verschwand durch die halbgeöffnete Tür, die jetzt mit einem knarrenden Geräusch ins Schloss fiel. Ich fasste Tom bei den Schultern.

Er nahm mich in den Arm, und ich schmiegte den Kopf an seine breite Brust.

"Tom, was geschieht hier?"

"Ich weiß es nicht..."

"Aber du warst einst jener Lord Millroy, mit dessen Namen dich hier jeder anredet?"

"Ja", sagte Tom. Er seufzte. "Es ist gut hundertfünfzig Jahre her, seit ich dieses Schloss zum ersten Mal betrat... Das Schloss der Familie Delancie. Damals ein Landsitz, heute muss das Gebiet längst ein Teil von London sein..."

"Du meinst, wir haben eine Art Zeitreise unternommen?", fragte ich.

"Es hat fast den Anschein... Andererseits..."

"Was?"

"Es gibt kleine Details, die nicht stimmen." Tom ging zur Tür, berührte mit den Fingern leicht die Schnitzereien. Die grimmigen Gesichter dieser zweifellos ziemlich unfreundlichen Fabelwesen passten tatsächlich nicht in den Stil dieses Schlosses. "Diese Schnitzereien zum Beispiel..." Ich sah Tom fragend an.

"Wo sind wir? In einer Art Schattenwelt? Im Reich der Toten?"

"Ich habe keine Ahnung."

"Ich habe eine starke übersinnliche Präsenz gespürt", murmelte ich. "Lady Mary scheint über besondere Kräfte zu verfügen... Tom, alles, was hier geschieht, wirkt so irreal. Die Gäste, die auf diesem Schloss weilen, sehen aus wie lebende Tote..."

"Nicht zu vergessen, dass die Jahreszeit abrupt gewechselt hat, als wir hier her kamen." Er sah mich an, fasste meine Schultern und der Blick seiner grüngrauen Augen tat mir gut. Er war so warm und voller Liebe. "Ganz gleich, wo wir auch sind, ob in einer anderen Dimension, der Vergangenheit oder einem Alptraum - wir gehören zusammen. Ich möchte, dass du das weißt."

"Du hast diese Lady Mary geliebt", stellte ich fest.

"In einem anderen Leben. Ich war ein anderer Mensch damals - und auch sie hatte nichts mit jenem Geschöpf gemein, das jetzt aus ihr geworden zu sein scheint."

"Sie scheint anders zu empfinden, Tom."

"Mag sein. Ich kann es nicht ändern. Aber für mich ist sie nur eine Erinnerung..."

"Tom, was ist damals geschehen? Erzähl mir die ganze Geschichte!"

"Das werde ich."

"Lady Mary war die Frau aus meiner Vision!", sagte ich. "Ich sah sie zuerst im Traum und später im Regen, vor dem Verlagsgebäude der LONDON EXPRESS NEWS. Der Regen schien ihr Haar nicht benetzen zu können. Es war seltsam... Sie stand da, als ob sie auf jemanden wartete. Ich habe mich gefragt, was sie von mir wolle. Jetzt weiß ich, dass sie deinetwegen dort gewesen sein muss..."

Tom hob die Augenbrauen.

Dann nickte er.

"Ja, das ist gut möglich..."

"In meinem Traum sah ich sie mit einem Strick um den Hals! Dem Strick des Henkers!"

Tom atmete tief durch.

"Sie wurde hingerichtet, Patti."

"Weshalb?"

"Weil sie einen Menschen getötet hat. Aber das alles geschah, nachdem ich selbst bereits verstorben war..."

"Du sprichst in Rätseln!"

Schritte waren jetzt zu hören.

Tom verstummte.

Der Butler kehrte zurück. Er schaffte Holzscheite heran, schichtete sie im Kamin auf und schaffte es nach ein paar Minuten schließlich, das Feuer zu entzünden. Das Holz knackte. Er wandte sich an Tom.

"Ich werde auch in Ihrem Kamin einheizen, Lord Millroy", versprach er. Wir warteten, bis seine Schritte im Flur verhallt waren.

Tom wandte sich mir zu.

"Ich war damals Lord Millroy, ein entfernter Verwandter und einziger Erbe von Sir Giles Farnsworth, dem ein großer Besitz hier ganz in der Nähe gehörte. Sir Giles hatte Brüder, Cousins und Neffen in seinem Testament übergangen und mich, seinen Großneffen zum Alleinerben eingesetzt. Die Übergangenen versuchten, das Testament vor einem Londoner Gericht anzufechten, was ihnen allerdings misslang. Ich nahm Farnsworth Manor in Besitz und lernte dabei Lady Mary kennen, die zusammen mit ihrem Bruder Willard dieses Schloss bewohnte. Ihre Mutter war bei ihrer Geburt gestorben, während ihr Vater ein paar Jahre zuvor einer tückischen Krankheit erlegen war..."

"Du hast dich in Lady Mary verliebt!"

"Wir hatten sogar vor, zu heiraten, Patti. Obwohl ihr Bruder Willard mich als seinen Feind betrachtete. Vermutlich fürchtete er, dass ich nach einer Heirat Ansprüche auf Teile des Delancie-Vermögens erheben könnte..."

"War Willard unter den Herren im Salon?", fragte ich. Tom schüttelte den Kopf.

"Nein, ich habe ihn nirgends gesehen..."

"Könnte das auch einer der kleinen Unterschiede sein, die dieses Delancie Castle von jenem unterscheidet, dass du damals betreten hast?"

"Möglich."

"Was geschah weiter?"

"Nun, meine übergangenen Anverwandten besuchten mich eines Tages auf Farnsworth Manor. Sie packten mich und stürzten mich aus dem Fenster des dritten Stocks. Ich habe die nachfolgenden Ereignisse viel später erst durch intensive Nachforschungen rekonstruieren können. Jedenfalls hielt die Polizei alles für einen Unfall, und meine Mörder konnten Farnsworth Manor untereinander aufteilen. Aber Lady Mary glaubte nicht an einen Unfall. Trauer, Wut und der Gedanke an Rache müssen sie beherrscht haben. Sie lud ihre neuen Nachbarn auf Delancie Castle zum Tee und vergiftete sie. Die Polizei arbeitete in diesem Fall sehr viel sorgfältiger als in meinem, was vielleicht auch daran lag, dass Willard Delancie ihr ein paar entsprechende Hinweise gab. Jemand anders kommt für die anonymen Nachrichten jedenfalls kaum in Frage, die die untersuchenden Beamten ihren Akten nach erreichten. Willard wollte den Delancie Besitz nun wohl endgültig für sich allein. Er versuchte, seine Schwester für geisteskrank erklären zu lassen, das Gericht wollte dem nicht folgen. Sie wurde als Mörderin gehenkt. Den Berichten nach starb sie sehr gefasst und lächelte zufrieden, als ihr die dunkle Kapuze über das Gesicht gezogen wurde. Ihr Leichnam verschwand später auf nie geklärte Weise. Man machte Schlamperei dafür verantwortlich und glaubte, ein übereifriger Totengräber ihrer Majestät hätte Lady Marys sterbliche Überreste einfach zusammen mit den Gebeinen eines anderen hingerichteten Mörders in ein namenloses Armengrab versenkt."

"Eine furchtbare Geschichte..."

"Leider entspricht sie der Wahrheit."

"Lady Mary liebt dich noch immer, Tom. Und sie wird dich nicht gehen lasen. Um keinen Preis. Sie wirkt zu allem entschlossen!"

Ich blickte düster auf die Flammen, die jetzt die Holzscheite emporzüngelten. Es knisterte und knackte. Ich näherte mich ein wenig dem Feuer.

Die Flammen schienen mir einen eigenartig farblosen Eindruck zu machen.

Ich streckte die kalten Hände etwas vor, um mich zu wärmen. Aber von diesem Kaminfeuer schien keinerlei Wärme auszugehen.

Es war gespenstisch.

Kalte Flammen brannten dort, die nicht die geringste Hitze zu verbreiten schienen.

Ich streckte Hände noch etwas weiter vor.

"Patti!", rief Tom entsetzt.

Die Flammen züngelten um meine Hände herum. Sie hätten mich verbrennen müssen. Ein unerträglicher Schmerz hätte mich erfassen und wie wahnsinnig aufschreien lassen müssen. Aber ich empfand - nichts.

Die Flammen tanzten - und meine Haut rötete sich nicht einmal. Selbst die Gänsehaut, die mir bis über die Ellbogen reichte, blieb erhalten!

"Was immer das sein mag - Feuer ist es nicht", sagte ich und zog meine Hände zurück.

image
image
image

15

image

Lady Mary Delancie ging hinaus in die Nacht. Das Schneerieseln hatte aufgehört. Ein eisiger Wind pfiff jetzt um die Zinnen von Delancie Castle.

Bleich stand der Mond wie ein großes, ovales Auge am Himmel und schien auf sie herabzublicken.

Zuerst spiegelte er sich in der dunklen Oberfläche des Teichs.

Aber dann...

Etwas Schwarzes schien die Wasseroberfläche zu überziehen. Wie ein dunkles Leichentuch. Einem Vorhang gleich legte sich dieses finstere Etwas über das Spiegelbild und verhängte es gewissermaßen. Dann war da nur noch eine einzige, dunkle Oberfläche zu sehen.

Lady Mary stand starr vor dem Teich, den Blick in die Finsternis dieser unergründlichen Tiefe gerichtet. Ein Schlund, so schwarz wie das Nichts zwischen den Sternen... Sie hob die Hände, breitete sie aus...

Und die glatte, wie schwarzes Leder wirkende Oberfläche des Teiches begann sich zu heben. In Lady Marys Augen verschwand jetzt jegliche Farbe. Nur noch Dunkelheit war dort. Kein Flecken weiß blieb auf ihren Augäpfeln zurück, die jetzt aussahen, wie dunkle Höhlen.

Ihr Gesicht war eine grimassenhafte Maske geworden. Fast tierhaft verzog sie den Mund, und ein dumpfes Knurren kam aus ihrer Brust. Ein Laut, der an Wölfe oder Raubkatzen erinnerte.

Ein dämonischer Anblick.

Nichts hatte dieser Anblick noch mit jener schönen Frau gemein, als sie vor kurzem erst im Salon von Delancie Castle erschienen war.

Ihre Haut war jetzt nicht mehr weiß. Sie verfärbte sich ins Grünliche. Und sie leuchtete.

Man hatte den Eindruck, dass ihr gesamter Körper fluoreszierte.

Ein geisterhaftes Leuchten umgab sie, strahlte vor allem von ihrem Gesicht und ihren Händen ab.

Die Teichoberfläche hob sich weiter und formte einen Umriss, der entfernt an eine menschliche Gestalt erinnerte. Eine Gestalt, der man ein schwarzes Laken über den Kopf geworfen hatte.

Dann schoss je ein Lichtstrahl aus ihren Augen heraus. Grellweiß wie Platin waren diese Strahlen. Sie trafen die schwarze Gestalt etwa eine Handbreit unterhalb jener Rundung, an der sich ihr Kopf befinden mochte.

Zwei Augen bildeten sich.

Augen, die leuchteten wie geschmolzenes Platin. Ein Lichtquelle, die alles überstrahlte und die jeden bis zur Blindheit blenden musste, der es wagte, direkt in diese Helligkeit zu sehen.

Die Gestalt schien jetzt durch den Teich zu waten, dessen Wasser plötzlich zähflüssig wie Sirup geworden war. Der Düstere kam ans Ufer, wankte an Land. Er stand vor Mary, deren Haut noch immer zu strahlen schien. Er wandte den Kopf, sah sie mit seinen grell-leuchtenden Augen an.

Sie muss sterben!, ging es Lady Mary durch den Kopf. Sie muss sterben, aber ich muss auf der Hut sein. Sie hat große Kräfte, auch wenn sie vielleicht nicht weiß, WIE groß sie sind... Immerhin waren diese Kräfte zu groß, um verhindern zu können, dass sie ihrem geliebten Tom hier her folgt...

Ein grunzender Brummlaut ging von dem Düsteren aus. Der Düstere wusste, was er zu tun hatte.

Lady Mary lächelte wie eine Teufelin.

Und dann lachte sie.

Ein schauderhaftes Gelächter, das die Nacht durchhallte und mit dem klagenden Wind zu einer schauderhaften Symphonie verschmolz.

Der Düstere wandte sich ab.

In Richtung des Schlosses.

Mit etwas unsicher wirkenden Schritten ging er auf das Portal von Delancie Castle zu.

Ein schmatzendes Geräusch entstand, als seine Füße die steinernen Stufen erstiegen.

"Töte!", flüsterte Lady Mary. "Töte!"

Details

Seiten
350
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738918717
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v418138
Schlagworte
bleiche lady kaltes grauen zwei patricia vanhelsing romane

Autor

Zurück

Titel: Bleiche Lady & Kaltes Grauen: Zwei Patricia Vanhelsing Romane