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Sammelband 3 Krimis: Mord vor hundert Augen und andere Thriller

2018 400 Seiten

Leseprobe

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Sammelband 3 Krimis: Mord vor hundert Augen und andere Thriller

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Dieses Buch enthält folgende Krimis:

A.F.Morland: Mord vor hundert Augen

A.F.Morland: Das gab ihr den Rest

A.F.Morland: ...dann werde ich dein Henker sein

Der erfolgreiche Grundstücksmakler Lester Richard wird im Theater in der Pause vergiftet. Der als Kellner getarnte Mörder entkommt, obwohl er von dem Privatdetektiv Chris Caron verfolgt wird. Als Caron kurze Zeit später ebenfalls kaltblütig ermordet wird, beauftragt seine Freundin den bekannten Rechtsanwalt und Detektiv Tony Cantrell, beide Morde aufzuklären. Warum hatte Richard einen Privatdetektiv zu seinem Schutz engagiert? War er in üble Geschäfte verwickelt oder wollte seine Witwe ihn loswerden? Das Cantrell-Team gerät in ernste Gefahr, als es die Spur aufnimmt und dem Killer immer näher kommt ...

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Mord vor hundert Augen

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Privatdetektiv Tony Cantrell #13

von A. F. Morland

Der Umfang dieses Buchs entspricht 116 Taschenbuchseiten.

Der erfolgreiche Grundstücksmakler Lester Richard wird im Theater in der Pause vergiftet. Der als Kellner getarnte Mörder entkommt, obwohl er von dem Privatdetektiv Chris Caron verfolgt wird. Als Caron kurze Zeit später ebenfalls kaltblütig ermordet wird, beauftragt seine Freundin den bekannten Rechtsanwalt und Detektiv Tony Cantrell, beide Morde aufzuklären. Warum hatte Richard einen Privatdetektiv zu seinem Schutz engagiert? War er in üble Geschäfte verwickelt oder wollte seine Witwe ihn loswerden? Das Cantrell-Team gerät in ernste Gefahr, als es die Spur aufnimmt und dem Killer immer näher kommt ...

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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1

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Der livrierte Kellner kam völlig ahnungslos in die Personalgarderobe. Oben, im Erdgeschoss, ging soeben der zweite Akt von My Fair Lady über die hervorragend ausgestattete Drehbühne des Musicaltheaters. Bald würde die große Pause sein. Dann kam der Run der Gäste auf das Büfett. Deshalb musste sich der Kellner sputen, um rechtzeitig wieder an Ort und Stelle zu sein. Er öffnete hastig seinen Metallspind, nahm seine Brieftasche aus dem Jackett des Straßenanzugs und schloss die Tür wieder. Da sah er für Bruchteile einer Sekunde den Schatten eines Mannes. Beinahe im selben Moment bemerkte er herumfahrend eine Pistole. Sie beschrieb einen Halbkreis durch die Luft und landete haargenau an der Schläfe des Kellners. Die Wucht des Schlages riss den Getroffenen zur Seite. Er krachte gegen den Garderobenkasten und klappte dann mit einem Seufzer ohnmächtig zusammen. Der Mann, der den Kellner niedergeschlagen hatte, lächelte zufrieden. Er schob die Waffe ins Schulterholster.

Der Mann bückte sich zu dem Bewusstlosen hinunter und riss ihm mit ungeduldigen Bewegungen die Uniform vom Körper. Als er den Kellner bis auf die Unterwäsche ausgezogen hatte, stemmte er den leblosen Körper hoch, öffnete das Spind und stopfte den Mann in das schmale Rechteck hinein. Bevor er die Tür zuklappte, schlug er sicherheitshalber noch einmal mit der Handkante zu.

Dann begann er sich hastig umzuziehen. Die Sachen passten ihm wie angegossen. An der Wand, zwischen zwei Spinden, hing ein großer, schmaler Spiegel. Der Gangster betrachtete sein Spiegelbild mit einem kritischen Blick. Als die Prüfung zu seiner Zufriedenheit ausfiel, wandte er sich um und verließ die Garderobe, um oben am Büfett den Platz des eben aus dem Verkehr gezogenen Kellners einzunehmen.

Die Aktion hier unten war erst das Präludium gewesen. Der Gangster führte weit Schlimmeres im Schilde.

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2

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Zur großen Pause öffneten sich die riesigen Theatersaaltüren, und nahezu sämtliche Besucher bevölkerten das geräumige Foyer.

Man sprach über die Leistungen der Schauspieler. Man verglich die Aufführung mit anderen Inszenierungen und mit der hervorragenden Verfilmung, die vor einiger Zeit mit Rex Harrison und Audrey Hepburn über die Kinoleinwände rund um den Erdball geflimmert war.

Man rauchte und konsumierte so reichlich am Büfett, als befände man sich unmittelbar vor einer Hungerkatastrophe.

Jayne und Lester Richard begaben sich ebenfalls zum Büfett. Ein Mann im weinroten Smoking beobachtete die beiden unauffällig.

„Na, bereust du es, mitgekommen zu sein, Lester?“, fragte Jayne ihren Mann. Sie trug ein schwarzes Samtkleid. Tief dekolletiert, eng geschnitten. Das feuerrote Haar war kunstvoll hochgesteckt. Ein kleines Diadem schmückte den Aufbau. Um den schlanken Hals trug Jayne ein diamantbesetztes, wertvolles Band.

Lester Richard drängelte sich in Richtung Büfett vorwärts.

„Ehrlich gesagt, ich hätte nicht gedacht, dass es so amüsant sein würde.“

Er erntete mehrere böse Blicke, weil er die Leute nicht gerade sanft zur Seite schob.

Der Mann im weinroten Smoking kümmerte sich immer noch mit wachem Interesse um das Ehepaar.

„Möchtest du auch etwas trinken, Liebling?“, fragte Richard seine Frau. „Oder darf es nur ein Kaviarbrötchen sein? Ich komme um vor Durst. Jedes Mal, wenn ich ins Theater gehe, was bei Gott nicht oft vorkommt, muss ich in der Pause unbedingt einen Whisky haben.“

Jayne lachte. „Für mich bitte auch einen. Und ein Kaviarbrötchen.“ Lester Richard nickte. „Gut.“

Er bestellte die Drinks bei dem Kellner, der ihn nach seinen Wünschen fragte. Sie bekam ihr Kaviarbrötchen. Als sie es gegessen hatte, nahm sie den Whisky in Empfang. Sie kämpften sich vom Büfett weg, um anderen Leuten Platz zu machen, und fanden ein verhältnismäßig stilles Plätzchen.

Neben ihnen schnatterte eine aufgedonnerte alte Dame ununterbrochen. Was die nicht alles über jeden einzelnen Schauspieler zu erzählen wusste. Die verstorbene Hedda Hopper, Klatschbase Nummer eins von Amerika, hätte hier eine ernsthafte Konkurrenz zu fürchten gehabt.

„Auf diesen Abend“, sagte Lester Richard zu seiner Frau und klopfte sich die Asche vom Smoking. Er hatte die Zigarette ein wenig ungeschickt gehalten.

„Auf den Abend“, sagte Jayne.

Sie hielt ihm das Glas hin. Er stieß mit dem seinen an. Ihr Blick war traurig, als sie das Glas an die kirschroten Lippen führte.

Sein Lächeln erlosch. Er wusste, weshalb sie traurig war.

„Wir sollten öfter mal ausgehen, Lester.“

„Leider ist es selten möglich“, erwiderte er und wich ihrem Blick beharrlich aus. Er versteckte sich förmlich hinter seinem Glas, hob es hastig hoch und kippte den Drink schnell in den Mund.

Es war kaum eine Sekunde verstrichen, da riss Lester Richard plötzlich bestürzt die Augen auf. Sein Gesicht verfärbte sich schlagartig. Sein Mund öffnete sich, als wollte er schreien. Furchtbare Schmerzen verzerrten seine Züge. Er wankte, fasste sich, nachdem ihm Zigarette und Whiskyglas entglitten und zu Boden gefallen waren, an den Hals, als würde er ersticken, stieß einen röchelnden Laut aus und brach dann wie vom Blitz getroffen zusammen.

Jayne Richard wurde von einer furchtbaren Panik erfasst.

„Um Himmels willen, Lester!“, rief sie schrill. Ihre Stimme hatte einen unnatürlichen Klang.

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3

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Die Putzfrau war ebenso breit wie hoch. Ihr Gesicht war schwammig, die großporige Nase zeigte in Form und Farbe an, dass ihre Trägerin einigen Schnäpschen am Tag nicht abgeneigt war.

Sie betrat die Personalgarderobe mit watschelnden Schritten und betrachtete ihr Konterfei wohlgefällig im Spiegel.

Sie zupfte das weiß-blau getupfte Kleid nach allen Richtungen gerade, strich sich geradezu liebevoll über die prallen Hüften und ging dann weiter.

Als sie den hölzernen Dreibeinhocker erreicht hatte, dem ihr Besuch in der Garderobe galt, sagte sie: „So.“ Dann nickte sie zufrieden und ließ sich vorsichtig auf den Hocker nieder. Sie war sich ihrer Körperfülle und ihres Gewichts sehr wohl bewusst.

Tief atmend genoss sie die wohltuende Ruhe. Kein Mensch war in der Garderobe. Hier konnte man ausgezeichnet rasten. Und essen. Rasten und essen waren ihr Lebensinhalt.

Sie knöpfte das Kleid über dem prallen Busen auf und holte das Brot, das sie da drinnen stecken hatte, zufrieden lächelnd hervor. Ehe sie es auswickelte, wischte sie sich mit dem Ärmel über die Lippen. Dann raschelte sie mit dem Papier und biss herzhaft in das Brot.

Als die Tür zur Garderobe aufgerissen wurde, wäre die Frau an ihrem ersten Bissen beinahe erstickt, so erschreckte sie das.

Ein quirliges schwarzhaariges Mädchen steckte den Kopf zur Tür herein. Sie war für die Bühne zurechtgemacht, mit Flitter behangen und mit einer buschigen gelben Feder im Haar aufgeputzt.

„Hallo, Sally!“, rief das Mädchen.

Die Putzfrau hatte ihr Brot schnell verschwinden lassen wollen. Als sie das Mädchen aber erkannte, ließ sie sich beim Essen nicht weiter stören.

„Hallo!“, erwiderte sie mit vollem Mund. Sie war kaum zu verstehen. „Haben Sie Bob gesehen, Sally?“

„Ich habe niemanden gesehen. Und ich will es auch nicht. Ich habe Pause und will meine Ruhe haben, verstehen Sie, schönes Kind? Mir geht es nicht besonders gut.“ Sie griff sich ans Kreuz und verzog das Gesicht, als müsse man sie bald ins Krankenhaus schaffen. „Mich hat mal wieder die Hexe geschossen, verstehen Sie. Ich bin von der Hüfte abwärts wie gelähmt. Konnte mich gerade noch hierherschleppen. Habe schreckliche Schmerzen. Meine Beine scheinen aus Holz zu sein. Sie gehorchen mir kaum. Ich muss einfach eine Weile verschnaufen, sonst schaffe ich es nicht mehr bis zum Dienstschluss. So ähnlich ist es meiner Schwester ergangen. Sie war das blühende Leben. Eine Frau, die niemals krank war. Nicht ein einziges Mal. Vorige Woche: Thrombose. Ssst! Und weg war sie. Kein Mensch konnte sie retten. Sie hat zu viel gearbeitet. Deshalb mache ich ab und zu ’ne Pause, damit es mir nicht wie meiner Schwester geht.“

„Tut mir leid, Sally ...“

„Schon gut. Ich mochte meine Schwester ohnedies nicht. Hinterlassen hat sie mir auch nichts.“

„Würden Sie Bob sagen, dass ich ihn sprechen möchte, wenn Sie ihn zufällig sehen?“

„Gemacht!“, versprach die dicke Putzfrau. Sie zog die Augenbrauen zusammen und machte eine Miene, die besagte: Kannst dich ganz auf mich verlassen, Mädchen. „Dafür müssen Sie mir aber versprechen, dass Sie mich bei Mr. Lennon nicht verpetzen. Sie haben mich nicht gesehen, ja?“

„Schon versprochen, Sally“, sagte das Girl amüsiert. „Jetzt muss ich gehen, sonst verpasse ich noch meinen Auftritt.“

Die Tür klappte zu.

Sally war mit ihrem Brot wieder allein.

Als sie die Hälfte davon verspeist hatte, hörte sie ein Geräusch, das sie sich nicht erklären konnte. Es war ihr, als hätte sie gehört, wie Stoff über Metall rutschte.

Gleich darauf schlug etwas gegen eine der Spindtüren.

Sally legte das Brot erstaunt weg. Sie erhob sich ächzend und lauschte.

Nun war nichts mehr zu hören. Sie schüttelte nachdenklich den Kopf. Was konnte das bloß gewesen sein?

Sie sah den Hocker an, brachte jedoch nicht genug Willen auf, sich wieder zu setzen. Ihre Neugierde war wachgeworden. Und die war genauso groß und unübersehbar wie Sally selbst. Sie wollte der Sache auf den Grund gehen. Hier stimmte doch irgendetwas nicht.

Die meisten Spinde waren abgeschlossen.

Diejenigen, vor denen kein Schloss hing, öffnete Sally vorsichtig, um hineinzusehen.

Spind Nummer vier brachte die Überraschung. Nachdem sie drei Spinde hinter sich hatte, ohne etwas Verdächtiges entdeckt zu haben, öffnete sie den vierten mit einer geradezu leichtsinnigen Unerschrockenheit.

Als ihr dann ein Mann in Unterwäsche in die fetten Arme fiel, drohte ihr Herzschlag auszusetzen.

Sie brach unter der Last des schlaffen Körpers, der an ihr hing, beinahe zusammen.

Als sie das Blut an der Schläfe des Mannes bemerkte, begann sie hysterisch zu schreien und hörte damit nicht mehr auf.

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4

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Lester Richard lag verkrümmt auf dem Marmorboden des Foyers. Seine Frau kniete weinend neben ihm und strich immer wieder mit zitternder Hand über sein kreideweißes Gesicht. Sein Mund war aufgeklafft. Kleine Schaumflocken und Speichelblasen glänzten auf den schlaffen Lippen. Der Tod war ungemein schnell eingetreten.

Wie eine lebende Wand schoben sich die sensationslüsternen Leute näher an den Toten heran. Die ersten wurden von den anderen, die auch etwas sehen wollten, nach vorn gedrängt. Der Ring um den Toten und seine erschütterte Frau zog sich immer enger zusammen.

Der livrierte Mörder nützte geschickt die allgemeine Verwirrung. Er setzte sich ab, ohne dass sich einer der vielen Menschen, die sich zu diesem Zeitpunkt im Theaterfoyer befanden, um ihn kümmerte.

Zumindest war das seine Meinung.

Es gab jedoch jemand, der ihn nicht aus den Augen ließ. Jener Mann im weinroten Smoking, der die ganze Zeit das Ehepaar Richard bewacht hatte.

Als sich der „Kellner“ davonstahl, begann dieser Mann mit kräftigen Armbewegungen gegen den Strom der Neugierigen zu rudern.

Der Mörder strebte einer Tür zu, die die Aufschrift Notausgang trug. Er klappte den Sicherungsriegel nach oben und stieß die Tür hastig auf. Einen Augenblick später war er verschwunden.

Der Mann im Smoking arbeitete sich erregt vorwärts. Immer wieder trat ihm jemand in den Weg. Immer wieder musste er ausweichen, sich entschuldigen, wenn er jemanden zu hart angerempelt hatte.

Mit wachsender Nervosität erreichte der Mann schließlich ebenfalls den Notausgang. Er fegte die Tür zur Seite und hastete in den dahinterliegenden Gang. Was man den Schauspielern und Regisseuren zu viel an Gagen bezahlte, hatte man hier mit geradezu schottischem Geiz eingespart.

Kein Verputz an den hohen Wänden. Nackter Backstein, so weit das Auge reichte. Es reichte wegen der schlechten Beleuchtung allerdings nicht sehr weit.

Drähte liefen an den Wänden entlang. Man verwendete den Gang als Lagerraum für unnütze Kulissen aus früheren Aufführungen. Vielleicht brauchte man sie in zehn bis zwanzig Jahren wieder. Ein Feuer hätte in diesem Theater jedenfalls nicht ausbrechen dürfen, denn dann wäre dieser Notausgang zur lodernden Falle geworden.

Der Livrierte hatte keinen nennenswerten Vorsprung. Da der Gang einen Knick nach rechts machte, konnte ihn der Verfolger im Augenblick nicht sehen.

Mit vier weiten Sätzen erreichte der Mann im weinroten Smoking die Ecke. Er hatte seine Pistole herausgerissen, brachte die Waffe keuchend in Anschlag und brüllte, dass es gewaltig durch den Korridor hallte: „Stehen bleiben!“

Der Mörder hatte beinahe den Ausgang erreicht.

Es war nicht genau ersichtlich, weshalb er nun tatsächlich stehen blieb. Wahrscheinlich wollte er keine Kugel in den Rücken riskieren.

Er wandte sich ganz langsam um. Mit einem höhnischen Lächeln hob er die Arme, als er die Pistole in der Hand des Verfolgers bemerkte.

Zu beiden Seiten des Korridors standen hohe Säulen aus Pappmaché herum. Riesige Felsen aus dem gleichen Material ließen nur einen kleinen Durchgang frei.

Der Mann im weinroten Smoking kam mir flackerndem Blick vorsichtig näher. Obwohl der Mörder die Arme gehoben hatte, misstraute er ihm. Und das war mehr als ratsam, denn der Livrierte gehörte zur gefährlichsten Gangstersorte.

„Sieh mal einer an, wen wir da haben“, sagte der Killer, als hätte er die Waffe in der Hand und nicht der andere. „Chris Caron. Der Privatdetektiv mit dem niedrigsten Intelligenzquotienten von Chicago.“

Caron verzog das Gesicht zu einem schiefen Grinsen.

„Wird sich sehr bald herausstellen, wer von uns beiden der Dümmere ist, Kammerjäger!“

„Was soll der Quatsch mit der Pistole, Caron?“

„Wir beide treten jetzt die Rückreise an. Hier wird es sehr bald von Polizisten wimmeln, die große Sehnsucht nach einem Übelfinger wie dir haben!“

Der Killer musterte Caron verächtlich. „Willst du dir eine goldene Nase verdienen, oder was? Wir sollten uns arrangieren!“

Chris Caron wurde wütend. Es war eine Zumutung, ihm so einen Vorschlag zu machen.

„Soll ich dir vielleicht die Zähne einschlagen?“

Der Killer behielt die Hände auch weiterhin oben, um den Detektiv nicht zu reizen.

„Hör mal, Lester Richard ist tot, Caron. Daran ist nicht mehr zu rütteln. Er wird auch nicht mehr lebendig, wenn du mich jetzt zwingst, mit dir zu gehen.“

„Immerhin habe ich dann seinen Mörder gefasst“, sagte Caron trotzig.

Er war ein Neuling in der Branche. Ein Erfolg dieser Art konnte auf keinen Fall schaden. Vielleicht wurde man dadurch auf ihn aufmerksam. Er hatte Jobs dringend nötig. Das Geschäft lief nicht besonders gut.

Caron hatte dunkelbraunes, gewelltes Haar. Er war hager. Sein Gesicht war kantig, nicht schön, aber interessant.

„Du hattest den Auftrag, auf Lester Richard aufzupassen, damit ihm nichts passiert“, sagte der Killer.

„Richtig“, antwortete Chris Caron. Dabei hatte er aber danebengehauen.

„Ich weiß Bescheid“, grinste der Mörder. „Du hast es nicht geschafft, auf ihn aufzupassen. Jetzt ist er tot. Du musst dich damit abfinden. Es geht nun mal nicht alles so glatt, wie man es sich vorstellt. Es gibt Schlappen, die man hinnehmen muss. Aber es ist für dich noch nicht alles verdorben, Chris Charon. Ich biete dir eine Chance - sagen wir, weil du mir sympathisch bist. Wenn du mich jetzt gehen lässt, sind für dich fünftausend Dollar drin. Wenn du mich kennen würdest, wüsstest du, dass ich meine geschäftlichen Abmachungen zuverlässig einhalte. Wenn ich also sage, du kriegst fünf Tausender, dann kannst du dich darauf verlassen. Sie sind spätestens übermorgen auf deinem Konto. Ein Hungerleider wie du kann so viel Zaster doch gut brauchen. Ich wette, Lester Richard hat dir für deinen Job nicht mal halb soviel bezahlt.“

Caron starrte den unverschämten Kerl wütend an. „Dafür ist sein Geld sauber. Deines nicht. Ich will es nicht haben. Ich brauche es nicht!“

„Unsinn, Caron. Jeder braucht Geld“, sagte der livrierte Mörder eindringlich.

Chris Caron schüttelte den Kopf. „Wir gehen jetzt.“

Zum ersten Mal glomm echte Wut in den Augen des Killers auf. Bis jetzt hatte er geglaubt, Caron ködern zu können. Nun war er ärgerlich, weil es ihm nicht gelungen war.

„Sei nicht verrückt, Schnüffler!“, sagte er ungehalten. „Ich habe Freunde. Gute Freunde. Sie sind dir in jeder Hinsicht überlegen! Ich rate dir gut! Fordere das Schicksal nicht leichtsinnig heraus. Du hast keine Ahnung, was auf dich wartet, wenn du nicht tust, was ich von dir verlange.“

„Wir gehen!“, wiederholte der Detektiv.

„Das überlebst du nicht, Caron.“

„Wir gehen trotzdem!“

Der Mörder schüttelte fassungslos den Kopf. „Du bist noch verdammt dämlicher, als ich geglaubt habe.“

Caron winkte mit der Pistole.

Der Killer setzte sich zögernd in Bewegung. Als er mit Caron auf gleicher Höhe war, handelte er blitzschnell.

Er sprang den Detektiv an. Seine Handkante sauste nach unten. Er schlug Caron die Waffe aus der Hand. Krachend löste sich ein Schuss. Die Detonation rollte ohrenbetäubend laut durch den Korridor. Die Kugel riss in den Aufbau eines ungarischen Ziehbrunnens ein kleines, kaum wahrnehmbares Loch.

Die Pistole klapperte kreiselnd über den Boden und verschwand hinter einer umfallenden Säule.

Caron schlug wütend nach dem Gesicht des Killers. Der Schlag ging ins Leere. Lester Richards Mörder war unglaublich gelenkig und sehr schnell.

Er verstand weit mehr vom Fighten als Chris Caron. Der Detektiv musste zwei Schlagserien voll nehmen. Treffer für Treffer.

Er krachte nach dem letzten Uppercut gegen eine Kulisse. Sie fiel um. Er fiel mit.

Schon war der Killer über ihm. Der Mann wollte nicht viel Federlesens machen. Er krallte Caron seine Finger in den Hals und versuchte ihn zu erwürgen.

Caron warf sich röchelnd hin und her. Er bekam keine Luft. Der Kehlkopf schmerzte ihn. Sein gerötetes Gesicht war schweißbedeckt. Seine Arme ruderten durch die Luft. Er trommelte mit den Fäusten gegen den muskulösen Körper des Gegners.

Langsam wurde sein Widerstand schwächer. Er hörte ein furchtbares Brausen, das immer lauter wurde und ihn beinahe wahnsinnig machte. Vor seinen Augen tanzten grellbunte Kreise. Er konnte nur noch die Konturen des Mörders erkennen.

Die Atemnot wurde immer schlimmer, war kaum noch auszuhalten.

Mit fahrigen Bewegungen versuchte Chris Caron, sein Leben zu retten.

Doch der Killer war stärker.

Der Kampf wäre für Caron sehr schlimm ausgegangen, wenn nicht in diesem Moment Schritte durch den Korridor gehallt wären.

„Da hat doch jemand geschossen!“, rief ein Mann.

Der Mörder schnellte keuchend hoch.

Caron schnappte gierig nach Luft. Sein Kehlkopf schien zerbrochen zu sein. Es war ein furchtbarer Schmerz. Besonders wenn er schluckte.

„Wir sehen uns wieder, Chris Caron!“, versprach der wütende Killer. Dann wandte er sich hastig um, rannte zum Ausgang und verschwand.

Caron kämpfte sich hustend hoch. Er stand wankend auf den Beinen, als die Leute kamen.

„Haben Sie geschossen?“, fragte ein kleiner Mann mit Brille.

Caron nickte, während er sich mit schmerzverzerrtem Gesicht den lädierten Hais massierte.

„Auf wen haben Sie geschossen?“, fuhr der Brillenträger nervös fort.

„Auf den Mörder.“

„Sie haben den Brunnen getroffen“, stellte ein anderer fest.

„Muss wohl in Zukunft mehr üben“, meinte Chris Caron resigniert.

Dann begannen sich die Zahnräder von allein zu drehen.

Und er war mittendrin in diesem Getriebe.

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Mitternacht.

Lieutenant Rollins' Büro wurde von nüchternem Neonlicht beleuchtet. Das war nicht gerade ein Augenbalsam. Der Lieutenant hatte Augen wie ein Kaninchen. Klein und gerötet. Schlafmangel und zwanzig Stunden intensivste Arbeit hatten dazu beigetragen.

Auf dem Besuchersessel saß Chris Caron. Ebenfalls müde und abgespannt, jedoch immer noch bereit, der Polizei zu helfen.

Die Ermittlungen im Theater waren abgeschlossen. Nun war Caron hier, um seine Wahrnehmungen zu Protokoll zu geben.

Ein Sergeant saß mit einer halb gerauchten Zigarette im Mundwinkel an der Schreibmaschine. Was Caron sagte, tippte er mit einem raffiniert ausgeklügelten Vier-Finger-System mühsam mit.

Harry Rollins bot seinem späten Gast eine Zigarette an und rauchte selbst.

„Sie hatten also den Auftrag, Mr. Richard zu beschützen“, sagte Rollins und setzte sich müde auf die Kante seines Schreibtisches.

„Ich habe mir die größte Mühe gegeben, Lieutenant.“

„Glaube ich Ihnen gern.“

Die Schreibmaschine des Sergeants klapperte monoton.

„Sagte Mr. Richard, vor wem Sie ihn beschützen sollten?“, wollte der Lieutenant wissen.

„Nein.“

„Warum fühlte er sich überhaupt bedroht?“

„Keine Ahnung. Ich weiß nicht einmal, wieso er sich ausgerechnet an mich gewandt hat. Ich meine, ich bin noch nicht lange im Geschäft. Ich bin so gut wie gar nicht bekannt. Meine Adresse steht im Telefonbuch, das ist alles. Die meiste Zeit sitze ich in meinem Büro in der Bross Avenue und schieße Papierflieger durch die Gegend.“

„Eine anstrengende Beschäftigung“, meinte Rollins und drückte die eben erst angebrannte Zigarette im Aschenbecher aus.

„Nicht gerade sehr einträglich“, sagte Chris Caron. „Aber was soll man machen. Jedes Geschäft braucht eben eine gewisse Anlaufzeit. Wenn ich nicht ein paar Cents auf der hohen Kante liegen hätte, wäre der Laden schon längst wieder geschlossen.“

„In diesem finanziellen Notstand taucht plötzlich Lester Richard - sozusagen wie die gute Fee im Märchen - bei Ihnen auf“, sagte Harry Rollins.

Caron nickte. „Es war vor zwei Wochen. Ich spielte gerade wieder mit einem meiner Flieger, darin bin ich nun schon unschlagbar ... Da ging die Tür auf, und Lester Richard trat in mein Büro. Ich hätte ihm mit meinem Flieger beinahe ein Auge ausgeschossen. Schließlich habe ich mit keinem Klienten gerechnet.“

„Was für einen Eindruck machte Richard auf Sie?“, fragte der Lieutenant.

„Einen sehr guten. Er fragte mich, ob ich für einen Job zu haben wäre. Und ob ich das war. Ich hatte einen Auftrag dringend nötig. Er blätterte mir erst mal zweitausend Dollar auf den Tisch, um mich zu beeindrucken. Ich muss gestehen, es ist ihm gelungen. Es war noch niemand in meinem Büro gewesen, der zweitausend Dollar gezahlt hätte. Ich fragte ihn scherzend, weshalb er Weihnachten vorverlegte. Er machte mich mit meiner Aufgabe vertraut. Sie gefiel mir. Ich dachte, die zweitausend Dollar wären leicht verdientes Geld. Ich brauchte bloß ein Auge auf meinem Klienten zu haben. Er deutete nur an, er hätte das Gefühl, dass ihm jemand an den Kragen wollte. Und ich sollte verhindern, dass dieser Jemand seinen Kragen erwischte. Das traute ich mir selbstverständlich zu. Ich wollte mehr wissen. Warum, weshalb, wieso und so. Aber er spuckte keinen Ton mehr aus. Er sagte nur, das, was er mir erzählt hätte, würde für meinen Job reichen. Wenn ich aber unbedingt mehr wissen müsse, um den Auftrag anzunehmen, würde er sich lieber einen anderen Detektiv suchen, der weniger Fragen stellt. Ich nahm die zweitausend Bucks und vergaß alle weiteren Fragen. Von da an musste ich immer zur Stelle sein, wenn er sein Haus verließ.“

„Wie spielte sich das ab?“, erkundigte sich Rollins.

„Er rief mich an. Ich kam.“

„War er oft fort?“

„Ziemlich.“

„Wo?“

Chris Caron nannte einige Adressen. Der Sergeant hetzte sich ab, um sie alle aufs Papier zu bekommen.

„Haben Sie irgendwann mal jemanden bemerkt, der sich für Lester Richard interessierte, Mr. Caron?“

Caron zog hastig an seiner Zigarette und meinte kopfschüttelnd: „Niemand. Ich habe nie jemanden bemerkt. Ich dachte schon, mein Klient würde an Verfolgungswahn leiden. Mir war es egal. Er bezahlte gut. Ich tat ihm den Gefallen.“

„Wie lange sollte das so weitergehen?“, erkundigte sich Lieutenant Rollins.

„Was weitergehen?“

„Die Bewachung.“

„Keine Ahnung.“

„Zweitausend Dollar sind eine Menge Geld, wenn man sie in ein paar Tagen verdient. Wenn man sie sich aber in einem Jahr verdient, werden sie zu einem lächerlichen Betrag.“

Caron nickte. „Da haben Sie recht, Lieutenant. Darüber habe ich auch nachgedacht. Und ich hätte Lester Richard spätestens übermorgen gefragt, wie’s nun weitergehen soll und wie er sich meine weitere Besoldung vorstellt. Leider kam es nicht mehr dazu.“ Er schüttelte den Kopf. „Leicht verdientes Geld!, dachte ich mir immer. Bis heute war es das auch. Und nun passierte wirklich etwas. Ich war nicht in der Lage, es zu verhindern. Dass man ihn im Theater vor so vielen Leuten vergiften würde - damit habe ich am allerwenigsten gerechnet.“

Caron machte einen niedergeschlagenen Eindruck. Es fiel ihm sichtlich schwer, mit diesem Vorfall fertigzuwerden.

„Wenn Ihnen das ein Trost ist: Es war nicht zu verhindern, Mr. Caron“, sagte Lieutenant Rollins.

Caron lächelte verlegen. „Vielen Dank, Lieutenant. Sie brauchen mich nicht zu trösten. Ich weiß, dass ich ein erbärmlicher Versager bin.“

„Denken Sie, mir ist noch nichts danebengegangen?“

„Mag sein. Aber mir geht beinahe alles daneben. Da sollte man sich dann schon so seine Gedanken machen, ob man den richtigen Beruf gewählt hat.“

„Schildern Sie uns den Mörder, Mr. Caron.“

Der Detektiv starrte zur gegenüberliegenden Wand, als könnte er da den Mann noch einmal sehen.

„Ich sah den Kerl heute zum ersten Mal. Er wusste erstaunlich gut über mich Bescheid. Er sprach mich sogar mit meinem Namen an.“

„Können Sie ihn beschreiben?“

„Ich will es versuchen.“ Caron kniff die Augen zusammen. „Er war mittelgroß, muskulös, aber nicht dick. Sein Gesicht war schmal. Schwarze Augen. Schwarzes Haar, das wenige Zentimeter über den Augenbrauen zu wuchern anfing. Die Nase war messerklingenscharf. Seine Lippen waren dünn. Am linken Ohr hatte er eine kleine rote Narbe. Mehr fällt mir im Augenblick nicht ein.“

„Damit lässt sich schon einiges anfangen“, meinte Harry Rollins.

Caron sagte wütend: „Wenn mir der Bursche noch einmal in die Quere kommen sollte, breche ich ihm sämtliche Knochen. Ich versuch’s zumindest.“

Rollins rutschte von der Schreibtischkante und legte dem aufgebrachten Detektiv die Hand auf die Schulter.

„Vergessen Sie nicht, mich anzurufen, wenn Sie ihn haben.“

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6

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Das Büro in der Bross Avenue war nicht bloß Büro. Es war auch gleichzeitig Carons Wohnung. Alles in einem. Damit ersparte er sich die nervenaufreibende Fahrt zum und vom Arbeitsplatz.

Die Sonne schien zum Fenster herein und machte Caron darauf aufmerksam, dass man um diese Zeit eigentlich nicht mehr im Bett liegen sollte.

Chris Caron wälzte sich noch mehrmals hin und her, doch dann wurde ihm so heiß im Bett, dass er sich ächzend zum Aufstehen bequemte.

Gähnend blickte er auf seine Armbanduhr. Es war neun. Er streifte den getupften Pyjama ab und stellte sich unter die Dusche.

Das kalte Wasser schüttelte ihn so lange, bis er total munter war.

Danach kam der allmorgendliche Routinekram: Zähneputzen, Rasieren, Kämmen, Deodorant hier und da. Brennendes Rasierwasser auf die Haut, dass er am liebsten an die Decke gesprungen wäre.

Hinterher machte er ein bisschen Gymnastik, um die Sülze in den Gelenken abzubauen.

Nachdem er angekleidet war, machte er sich ein frugales Frühstück.

Natürlich erschien eine halbe Minute später die rotbraune Katze des Nachbarn. Er konnte sich auf ihren täglichen Besuch verlassen. Sobald sie den Kaffee roch, war sie da, um sich mit einem jämmerlichen Miauen ihre Milch zu erbetteln.

Caron nickte der Katze zu. „Natürlich, du alter Strolch. Ohne dich könnte kein Tag seinen Anfang nehmen, was?“

Er goss die Milch in eine kleine Tasse und schob sie der Katze hin.

Das Tier begann sofort schmatzend zu trinken. Als die Tasse leer war, leckte sich die Katze mehrmals übers Maul und ging über das Fenstersims wieder nach Hause.

„So macht sie es immer“, sagte Chris Caron kopfschüttelnd. „Sie hat noch niemals danke gesagt.“

Er trank den Kaffee. Der Hals schmerzte noch bei jedem Schluck. Er musste sofort wieder an den verfluchten Killer denken. Im selben Augenblick war seine gute Laune beim Teufel.

Grimmig erhob er sich und legte den weinroten Smoking, den er sich eigens für den Theaterbesuch geliehen hatte, sorgfältig zusammen. Der musste heute noch zurückgebracht werden, sonst überstieg die Leihgebühr den Neupreis.

Er holte die Post aus dem Briefkasten und legte sie unbeachtet auf den Schreibtisch. Lustlos schob er sich einen Kaugummi zwischen die Zähne.

Es klopfte an die Tür mit der Milchglasscheibe.

Ein Klient?

Doch nicht schon wieder einer, dachte Chris Caron. Er wusste nicht recht, ob er sich darüber freuen oder ärgern sollte.

Auf jeden Fall warf er die Morgenpost ein bisschen durcheinander, um den Eindruck zu erwecken, dass hier intensiv gearbeitet wurde.

Dann rief er mit einer herrischen Stimme, die er sich für solche Gelegenheiten zugelegt hatte: „Herein!“

Die Tür klappte auf.

Ein elegant gekleideter Mann trat ein. Das Gesicht kam Caron bekannt vor. Es war ein rundes Gesicht. Glatt rasiert. Knopfaugen. Sehr lichte, kaum wahrnehmbare Augenbrauen und ebensolche Wimpern.

Chris Caron riss erfreut und erstaunt die Augen auf, als er das Gesicht richtig eingereiht hatte.

Er sprang auf und kam lachend um den Schreibtisch herum.

„Ray!“, rief er begeistert aus. „Ray Hassall! Der Birnendieb! Mensch, ist das vielleicht eine gelungene Überraschung.“

„Hallo, Chris!“, sagte Ray Hassall lächelnd. „Lange nicht gesehen.“ „Sieben Jahre sind es, was?“, rief Caron und drückte dem Mann die Hand. „Sieben lange Jahre. Oder sind es acht?“

Caron trat zurück, um Hassall besser mustern zu können.

„Tipptopp!“, sagte er anerkennend. „Du siehst sehr gut aus, Ray. Maßanzug, elegante Schuhe. Prima. Einfach prima.“ Er schob ihn zum Besuchersessel. „Komm, setz dich. Willst du einen Drink haben?“

„Wenn du einen spendierst.“

„Natürlich gebe ich einen her. Immerhin bist du ein uralter Freund von mir.“

„So uralt nun auch wieder nicht.“

„Du weißt schon, wie ich das meine. Mann, ist das vielleicht eine Überraschung. Macht einfach die Tür auf und kommt hereinspaziert.“

Caron öffnete seinen Aktenschrank. Die Lade war leer. Fast leer. Auf jeden Fall war sie zweckentfremdet. Es befanden sich eine Whiskyflasche und drei Gläser darin.

Chris Caron stellte zwei Gläser auf den Schreibtisch, nachdem er die Morgenpost einfach zur Seite gewischt hatte. Er füllte sie fast bis an den Rand.

„Cheers!“, sagte er und setzte sich.

„Cheers!“, erwiderte Hassall. Sie tranken.

„Wie geht’s dir immer?“, wollte Chris Caron neugierig wissen. „Wahrscheinlich nicht schlecht. Bist angezogen wie Rockefeller. Damals, vor sieben, acht Jahren, hattest du nicht mal ein Hemd am Leib. Wie hast du das bloß geschafft, Ray?“

Hassall zuckte lächelnd mit den Schultern. „Ich habe ein paar gute Geschäfte gemacht. Man kriegt nach einer gewissen Zeit einen Riecher für gute Sachen. Jetzt kenne ich die richtigen Leute. Dadurch läuft die Geschichte schon beinahe von selbst.“

Caron wiegte beeindruckt den Kopf. „Die richtigen Leute. Na so was ...“

Hassall sah sich in Carons Büro um. „Wie ich sehe, hast du es auch zu etwas gebracht.“

Chris Caron winkte ab. „Du willst mich wohl auf den Arm nehmen, Ray.“

„Du bist immerhin selbstständig.“

„Das ist aber auch schon alles, was ich bin.“

„Du darfst nicht unbescheiden sein, Chris.“

Caron trank und schüttelte unwillig den Kopf. „Wir wollen lieber von dir reden, Ray. Das gibt mehr her. Schon verheiratet? Warst doch immer so scharf auf süße Mädchen.“

Ray Hassall verneinte die Frage. „Ich bin noch zu haben.“

„Kluger Junge.“

„Und wie steht’s mit dir?“

Caron setzte ein verklärtes Lächeln auf. „Ich habe eine ganz reizende Freundin. Willst du sie mal sehen?“

„Gern.“

Caron kramte seine Brieftasche aus der Schreibtischlade und holte ein Foto hervor. Er ließ das Bild über den Tisch flattern.

„Anny Prador heißt sie“, sagte Caron mit stolzgeschwellter Brust. „Sie ist ein Engel.“

„Hübsches Girl“, bestätigte Hassall und gab das Foto zurück.

Caron ließ es sofort wieder in seiner Brieftasche verschwinden.

Er lachte. „Zu anständig für dich, Ray.“ Nun knallte er die Faust auf den Tisch. „He, Ray! Ich mache dir einen Vorschlag. Ich mache meinen Laden dicht, und wir gehen in die Kneipe nebenan. Da reden wir dann ausführlich von alten Zeiten. Ich habe eine Menge Fragen. Du musst mir alles von dir erzählen. Was du in den letzten sieben Jahren gemacht hast. Was sagst du dazu?“

Hassalls Gesicht wurde traurig.

Caron bemerkte die Wandlung, aber er verstand sie nicht.

„Ist irgendetwas nicht in Ordnung, Ray?“

„Tut mir leid, Chris. Wir müssen bleiben.“

„Ich verstehe nicht ...“

Ray Hassalls Rechte verschwand blitzschnell im maßgeschneiderten Jackett. Als sie gleich darauf wieder zum Vorschein kam, starrte Chris Caron fassungslos in die schwarze Mündung eines 45er Colts.

„Ray!“, rief er bestürzt. „Ray! Was soll der Revolver?“

Hassall erhob sich rasch und stieß einen kurzen Pfiff aus.

An der Milchglastür erschien ein Schatten. Gleich darauf wurde die Tür geöffnet.

Ein alter Bekannter trat ein: Lester Richards Mörder. Sein breites Grinsen vermochte nicht über die Gefährlichkeit der Situation hinwegzutäuschen. Auch er hielt eine Waffe in der Hand.

Chris Caron stockte unwillkürlich der Atem. Die Aussichtslosigkeit seiner Lage machte ihm Angst.

Er verstand nun die Zusammenhänge.

„So so“, presste Chris Caron heiser hervor. „Jetzt kennst du also die richtigen Leute.“

Caron war schwer enttäuscht. Dass er in höchster Lebensgefahr schwebte, das erschütterte ihn nicht so sehr wie die Enttäuschung, die ihm durch Hassalls plötzliche Wandlung widerfahren war.

Ray Hassall wirkte verlegen.

„Es tut mir leid, Chris. Ich wollte bei der Sache nicht mitmachen ... Sie haben mich dazu gezwungen. Ich habe viele schwache Punkte, verstehst du? Sie können mich von allen Seiten verdammt hart anpacken. Ich hatte keine andere Wahl.“

„Lass doch den sentimentalen Quatsch!“, rief Ned Lobasa, Lester Richards Mörder. Er warf Hassall einen ärgerlichen Blick zu. Als er dann Caron ansah, verzerrte sofort wieder ein höhnisches Grinsen seine Züge. „Ich habe dich gewarnt, Caron. Aber du superschlauer Bursche wolltest ja nicht auf mich hören.“

Chris Caron starrte nervös auf die beiden Waffen. Sie würden schießen, wenn er sie anzugreifen versuchte.

Aber würden sie nicht auf jeden Fall schießen? Sie waren hergekommen, um ihn zu töten. Ray Hassall, der Judas. Und der andere.

Sollte er nicht irgendetwas Wahnsinniges versuchen, um vielleicht doch noch die Haut zu retten?

Caron erhob sich langsam. Wie in Zeitlupe. Er ließ seine Augen zwischen den beiden Waffen hin und her wandern.

Es war keine Frage, dass sie abdrücken würden. Es war nur die Frage, wann sie es tun würden.

Nach den Augen von Richards Mörder zu schließen, brauchte er nur noch wenige Sekunden auf die Kugel zu warten.

Versager! Du verfluchter Versager!, hämmerte es ununterbrochen in Carons Kopf. Er hatte es nicht geschafft, Lester Richard vor dem Tod zu bewahren. Er hatte es nicht einmal zuwege gebracht, den Mörder unschädlich zu machen, nachdem er ihn schon vor der Pistole gehabt hatte.

Was jetzt passierte, war nur noch der Ablauf einer lebensgefährlichen Kettenreaktion.

Versager! Versager werden umgelegt. Sie waren hier, um das zu tun.

Caron schleuderte ihnen die Schreibtischlampe entgegen und sprang sie wie ein in die Enge getriebenes Tier an.

Ray Hassall wich blitzschnell aus und schlug dem Detektiv seine Waffe hart ins Genick.

Chris Caron krachte bewusstlos auf den Boden.

Ned Lobasa bückte sich augenblicklich. Er setzte dem Ohnmächtigen die Waffe an den Kopf und drückte ab.

Hassall zuckte nervös zusammen, als der Schuss fiel.

Er starrte mit einem unangenehmen Würgen in der Kehle auf den toten Mann, mit dem er vor vielen Jahren eine unbeschwerte Jugend verbracht hatte.

„Halt jetzt keine Gedenkminute, Ray!“, sagte Lobasa ärgerlich. „Er war ein Idiot. Komm! Wir müssen gehen!“

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Er scheint dieses furchtbare Ende vorausgeahnt zu haben“, sagte Anny Prador zu Tony Cantrell. Sie saß dem Anwalt in dessen Arbeitszimmer gegenüber. Cantrell trug eine Brille mit getöntem Glas, durch die er das Mädchen musterte.

Sie war nicht älter als zwanzig. Das Auffallendste an ihr war ihr wasserstoffblondes Haar. Unter der Haarfülle strahlten zwei intelligente Augen aus einem interessanten Gesicht. Sie trug ein leichtes Sommerkostüm aus Leinen, das sich weich an ihre sportliche Figur schmiegte.

Carol Cantrell, die attraktive Frau und Mitarbeiterin des Anwalts, gab dem Mädchen, das mit tränenerstickter Stimme sprach, einen Drink.

Anny Prador nickte ihr dankbar zu und nippte an dem Kognak.

„Er sagte: 'Wenn mir bei diesem Job etwas zustoßen sollte, dann geh zu Rechtsanwalt Cantrell und bitte ihn um Hilfe. Er wird dich nicht abweisen. Cantrell hat noch niemanden abgewiesen, der Hilfe brauchte.' Das waren Chris Carons Worte. 'Sollte auch Lester Richard nicht mehr am Leben sein, dann gib Mr. Cantrell die zweitausend Dollar, die ich nicht zu verdienen imstande war. Ich bin sicher, dass er meinen Mörder und den Mörder von Lester Richard zur Strecke bringen wird'.“

Anny Prador schluchzte. Sie kramte hastig in ihrer Handtasche herum, fand ein Papiertaschentuch und putzte sich die Nase.

„Als ich ihn heute Vormittag in seinem Büro gefunden habe, fielen mir diese Worte sofort wieder ein“, sagte das Mädchen. „Ich wollte nicht, dass er eine Detektei aufmacht. Ich habe ihm gesagt, dass dieser Job sehr gefährlich sein kann. Er hat mich ausgelacht. Er sagte, nur die Detektive im Krimi leben gefährlich. In Wirklichkeit wäre dieser Job nicht gefährlicher als der eines Tankwarts oder Milchmannes.“

Anny holte ein Kuvert aus der Tasche und legte es auf Cantrells Schreibtisch.

„Was ist das, Miss Prador?“, fragte der Anwalt.

„Die zweitausend Dollar. Chris hat sie noch nicht angerührt.“

Cantrell schob dem Mädchen das Kuvert wieder zu. „Meine Mitarbeiter und ich werden Ihnen selbstverständlich helfen, Miss Prador. Wir werden versuchen, den Mörder von Lester Richard und Chris Caron zur Strecke zu bringen. Aber nicht für dieses Geld. Caron hat sich die zweitausend Dollar verdient, indem er sein Leben dafür gegeben hat. Es gehört jetzt Ihnen.“

Anny Prador griff zögernd nach dem Kuvert und schob es in ihre Handtasche zurück.

Cantrell erhob sich, um das Mädchen zu verabschieden. Morton Philby trat in diesem Moment ein.

„Mr. Philby wird Sie nach Hause bringen, Miss Prador“, sagte der Anwalt.

„Aber das ist doch nicht nötig ...“

„Er wird es gern tun, Miss Prador.“

„Oh ja. Ich habe ohnehin in der City zu tun“, bestätigte Morton Philby, der im engsten Kreis wegen seiner Vorliebe für seidene Krawatten Silk genannt wurde.

„Vielen Dank für die Hilfe“, sagte Anny Prador ehrlich gerührt.

„Es ist für uns eine Selbstverständlichkeit, Miss Prador“, erwiderte der Anwalt.

Carol Cantrell reichte ihr zum Abschied die Hand. Dann verließ Anny Prador mit Silk den Cantrell'schen Bungalow.

Philby steuerte seinen Wagen vom parkähnlichen Grundstück und bog wenige Augenblicke später in die Clinton Street ein.

Anny Prador nannte ihm ihre Adresse. Silk durchfuhr Western Springs, den Vorort von Chicago, und steuerte den Wagen bei der ersten Gelegenheit auf den Lake Shore Drive.

Der Michigansee lag vor ihnen wie eine polierte Silberplatte. Der azurblaue Himmel bildete dazu einen großartigen Kontrast.

„Ich habe keine Ahnung, wie es mit mir weitergehen soll“, seufzte Anny und putzte sich wieder die Nase. Ihre Augen waren rotgerändert. Sie hatte viel geweint, ehe sie bei Cantrell erschienen war. „Ich war fast jeden Tag mit Chris zusammen. Nun werden meine Tage öd und leer sein.“

Silk sah das Mädchen voller Mitleid an. „Es klingt banal, Miss Prador: Sie müssen damit fertigwerden.“

Das Mädchen nickte verzweifelt. „Ja, das muss ich. Ich weiß nur noch nicht, wie ich das anstellen soll.“

„Sie können jederzeit zu uns kommen ...“

„Wozu?“

„Wir helfen gern, wenn wir können.“

Anny versuchte ein schwaches Lächeln. Es wurde ein unsäglich hilfloser Ausdruck.

„Vielen Dank, Mr. Philby. Ich glaube, jetzt kann mir niemand helfen.“ Silk steuerte den Wagen über die Abfahrt zu einer Kreuzung.

Nach einem weiteren Kilometer sagte das Mädchen: „Die nächste Straße rechts, Mr. Philby. Dann bin ich zu Hause.“

Er bog ein und hielt an.

Anny Prador holte tief Luft, reichte ihm die Hand und sagte: „Also dann ...“

„Ich bringe Sie noch bis zum Haus.“

„Das ist wirklich nicht nötig, Mr. Philby.“

„Es würde mein Gewissen beruhigen“, meinte Silk.

Er stieg auf der anderen Seite aus.

Anny war so wenig bei der Sache, dass sie beinahe gegen eine Straßenlaterne gelaufen wäre. Silk bewahrte sie davor, indem er sie am Arm nahm und sanft zur Seite schob.

Sie hatten etwa zwanzig Meter bis zu dem Haus zu gehen, in dem das Mädchen wohnte.

Nach zehn Metern hörte Silk einen Motor aufbrüllen. Wenn man nicht erst seit gestern Privatdetektiv ist, weckt so ein Geräusch ein vollkommen gesundes Misstrauen.

Silk schaute in die Richtung, aus der das ohrenbetäubende Brüllen kam.

Da war der Wagen auch schon da.

Er machte soeben einen wilden Satz auf den Gehsteig und kam wie eine Rakete auf Silk und das Mädchen zugeschossen.

„Vorsicht, Anny!“, schrie Silk. Er versetzte dem erschrockenen Mädchen einen Stoß. Leider nicht kräftig genug, wie er gleich darauf feststellen musste. Doch da war es bereits zu spät.

Der himmelblaue Thunderbird wurde unheimlich schnell größer.

Silk hatte gerade noch so viel Zeit, zur Seite zu hechten.

Er hörte einen dumpfen Aufprall und einen schrillen Schrei.

Anny hatte geschrien.

Er sah ihre Arme hochfliegen. Der Wagen musste sie erwischt haben. Sie wirbelte zur Seite und knallte hart gegen die Hausmauer, wo sie wie ein gefälltes Bäumchen umfiel.

Bremsen kreischten. Räder quietschten.

Der Thunderbird stand auf wenige Meter. Silk wollte aufspringen. Da flogen die Türen des hellblauen Wagens auf.

Zwei Kerle stürzten sich auf ihn. Ein Totschläger war der Dritte im Bunde.

Ein fürchterlicher Schlag raubte Silk augenblicklich die Besinnung.

Die Gangster packten ihn, rissen ihn hoch, schleppten ihn zu ihrem Wagen, warfen ihn hinein und brausten mit aufheulendem Motor davon.

Als die ersten Neugierigen die Köpfe aus den Fenstern steckten, war der Spuk schon wieder vorbei.

Anny Prador lag in einer riesigen Blutlache. Es dauerte fünf Minuten, bis sich jemand fand, der sich um das Mädchen kümmerte ...

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Nun, was meinst du als Laie dazu, Butch?“, fragte Cantrell seinen soeben mit der Sache vertraut gemachten Mitarbeiter Jack O’Reilly.

Der blonde Hüne hob grinsend die großflächige Hand.

„Moment! Du scheinst mich mit Silk zu verwechseln. Ich bin der Fachmann.“

„Und welche Meinung vertritt ein solcher?“, erkundigte sich der Anwalt lächelnd.

Butch nahm die Haltung eines eitlen Dozenten an und meinte näselnd: „Frage: Was wissen wir? Antwort: Nichts. Oder so gut wie nichts. Lester Richard fühlt sich irgendwie bedroht und schafft sich einen Leibwächter an, der ihn jedoch nicht gut genug zu beschützen vermag. Heute sind Beschützter und Beschützer tot. Warum? Hier klemmt die Rüstung, würde ich treffend sagen. Ich schlage deshalb vor, wir leuchten mal mit unserer Familienkerze hinter Lester Richards Fassade. Ich schneide mir in aller Öffentlichkeit ein Schlitzohr ab, wenn uns das nicht weiterbringt. Du kannst mich beim Wörtchen nehmen, Chef.“

Cantrell lachte.

Butch hatte heute mal wieder seinen witzigen Tag. Das hieß, dass er gestern ein Restaurant mit guter Küche und hinterher ein hübsches Mädchen besucht hatte. Zumindest hieß es das meistens, wenn Butch sich in dieser Verfassung präsentierte.

Das Telefon schrillte.

„Telefon“, sagte O’Reilly schelmisch.

Cantrell nahm den Hörer ab.

„Cantrell!“

Der Anwalt wurde im nächsten Moment ein wenig blass um die Nase. Seine Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen. Er schnellte hoch, als wäre ein Stromstoß durch die Sitzfläche seines Stuhles gefahren.

Dann warf er den Hörer mit viel Schwung auf die Gabel.

„Lass mich auch zornig sein!“, verlangte Butch neugierig.

„Jetzt legen sich die verdammten Brüder mit uns an“, sagte der Anwalt.

„Du plauderst in Rätseln.“

„Soeben hat man Anny Prador ins Krankenhaus eingeliefert. Ein Wagen hat sie angefahren.“

„Ist sie schwer verletzt?“, fragte O’Reilly. Sein Blick drückte Besorgnis aus.

„Keine Ahnung“, erwiderte Cantrell.

„Und was ist mit Silk?“, fragte Butch, während er sich mit der Hand nervös über den Mund wischte.

„Er wurde gekidnappt“, sagte Cantrell grimmig.

Butch drosch mit der Faust auf den Tisch, als wollte er ihn in den Boden rammen.

„Da hat der Spaß aber ein Ende!”

Sie verließen wie aufgescheuchte Hühner den Bungalow.

Cantrell und seine Frau machten sich auf den Weg ins Krankenhaus.

Butch übernahm es, sich um Lester Richards Witwe zu kümmern.

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Der Swimmingpool hatte die Form eines Halbmonds. Die Fliesen waren türkisfarben. Dadurch bekam auch das glasklare Wasser diese Färbung.

Auf den kleinen Weilen tanzten übermütige Sonnenstrahlen, die ab und zu leicht blitzten, als wollten sie kokett sein.

Im Wasser schwamm eine Badenixe. Geschmeidig und mit sehr ruhigen Bewegungen.

Sie trug einen knallroten Bikini auf der milchkaffeebraunen Haut. Wenn sie ihn auszog und zusammenlegte, konnte sie ihn hinter einer Briefmarke verstecken.

Am Rand des Pools standen Liegestühle. Daneben lärmte ein Radio. Es war nicht gerade Trauermusik, was die Rolling Stones von sich gaben. Doch das war nicht die Schuld der Stones. Schließlich konnten sie nicht wissen, dass Lester Richard nicht mehr unter den Lebenden weilte.

Von Trauer war hier weit und breit keine Spur, stellte Jack O’Reilly einigermaßen erstaunt fest.

Er pflanzte sich neben dem Portable-Gerät auf und wartete darauf, dass Jayne Richard müde wurde. Irgendwann mal musste sie es ja werden. Sie konnte nicht ewig in diesem Tempo im Pool hin und her schwimmen.

Er hatte Zeit.

Sie bekam bald genug und schwamm an den Rand. Als sie ihn bemerkte, erschrak sie leicht, glitt dann mit einer schnellen Bewegung und scheinbar ohne Anstrengung aus dem Wasser und kam graziös tänzelnd auf ihn zu.

Die Wasserperlen glitzerten imposant auf ihrer sonnengebräunten Haut. Ihr Anblick war atemberaubend.

„Ich hätte angeklopft”, sagte Butch und lächelte gewinnend. „Aber das Wasser hat keine Balken. Sind Sie Mrs. Richard?“

„Ja. Bin ich.“

Sie bückte sich und knipste das Radio aus.

Er fragte: „Haben Sie das meinetwegen getan? Mich stören die Rolling Stones nicht.“

„Aber mich.“

„Akzeptiert“, sagte Butch. Sie hatte wirklich nichts von Trauer unter dem Bikini. Es hätte auch keinen Sinn gehabt, wenn sie einen schwarzen Badeanzug getragen hätte. Ihr war einfach nicht nach Trauer zumute, das sah Butch deutlich an ihren Augen. Ihr Blick sprach viel. Bände sogar.

„Ich bin Jack O’Reilly, Mrs. Richard.“

„Was kann ich für Sie tun, Mr. O’Reilly?“

„Ich bin Privatdetektiv.“

„Ach so.“ Sie sagte das beinahe enttäuscht. Keine weiteren Fragen.

Da soll sich einer bei Frauen noch auskennen, dachte Butch.

Vier Meter entfernt war noch ein Liegestuhl aufgestellt. Unter dem Schatten eines malvenfarbenen Sonnenschirms stand eine Bar auf Rädern. Auf dem Liegestuhl lag ein schneeweißer Frotteemantel. Diesen holte sich Mrs. Richard. Butch bedauerte es, dass sie ihn wirklich anzog, statt sich nur ein bisschen trocken zu reiben, wofür er sich nicht ungern zur Verfügung gestellt hätte.

Sie zog den flauschigen Gürtel mit einem heftigen Ruck um die schmale Taille zu. Das war dann das Ende der Vorstellung für schaulustige Privatdetektive.

Sie nahm den Liegestuhl, trug ihn zum Sonnenschirm und sagte einladend: „Bitte setzen Sie sich, Mr. O’Reilly.“

Er trottete hinter ihr her.

„Darf ich Ihnen einen Drink anbieten?“, fragte sie, nachdem er saß.

Bei dieser Hitze nahm er dankend an.

Die Sonne meinte es heute wieder gut mit Chicago. Es war einfach unverständlich, dass sich Jayne Richard bei dieser Temperatur einen Frotteemantel anzog.

Sie ließ ihn die Whiskymarke wählen und füllte ihm ein Glas.

Sie selbst trank nichts.

Vielleicht trinkt sie lieber allein von der Flasche, dachte Butch.

„Es tut mir leid, was Ihrem Mann passiert ist, Mrs. Richard“, sagte Butch im üblichen Beileidston.

Sie nahm das Gerede mit einem kleinen Kopfnicken zur Kenntnis. Man sagte das im Allgemeinen so, ohne sich dabei etwas zu denken.

Ihr machte es nichts aus.

„Sie wundern sich wahrscheinlich darüber, dass ich nicht wie eine echte Witwe in Schwarz gehe und um meinen Mann mit Tränen in den Augen trauere.“

„Allerdings“, gab Butch zu und nippte an dem Drink. Er war vorzüglich und hatte die richtige Temperatur.

„Es wäre geheuchelt, wenn ich das täte“, sagte Mrs. Richard. „Ich hasse Leute, die heucheln. Lester und ich waren nur noch auf dem Papier miteinander verheiratet. Wir sprachen zwar nach wie vor nett miteinander, nannten uns Liebling und Schatz, doch es war nichts weiter als die Wahrung einer gewissen Form, um nicht in Peinlichkeiten abzurutschen. Für die Liebe hatte mein Mann seine Freundin. Er war sehr oft bei ihr. Manchmal öfter als zu Hause. Er hätte mich gestern bestimmt nicht ins Theater eingeladen, wenn dieses Mädchen in der Stadt gewesen wäre.“

„Kennen sie ihren Namen?“

„Natürlich.“

„Wie heißt sie?“

„Paula Lewis.“ Sie seufzte tief. „Es war nicht immer leicht, in ihrem Schatten zu leben, das können Sie mir glauben.“

„Wissen Sie, wo Paula Lewis wohnt?“

„Ellen Street 301.“

Butch staunte. Lester Richard schien seine Frau ziemlich genau informiert zu haben.

Er nippte wieder am Drink.

„Was meinen Sie, Mrs. Richard, ob dieses Mädchen indirekt schuld am Tod Ihres Mannes sein könnte? Eine Eifersuchtsgeschichte oder so.“

„Das weiß ich nicht. Aber es wäre denkbar.“

Butch schaute die attraktive Frau eine Weile prüfend an.

Dann sagte er: „Sie wissen sicher, dass Sie sehr gut aussehen, Mrs. Richard.“

„Ja. Das weiß ich.“

„Wie sieht Paula Lewis aus?“

„Sehr hübsch - nehme ich an. Auch sehr hübsch. Ich habe sie nie gesehen. Warum sollte sich mein Mann in ein hässliches Mädchen verlieben?“

„Er war in sie verliebt?“, fragte O’Reilly erstaunt.

„Bis über beide Ohren. Wie ein kleiner Primaner“, sagte die Frau verbittert.

„Dann hat er wohl auch irgendwann einmal den Wunsch geäußert, sich von Ihnen scheiden zu lassen, nicht wahr?“

„Ja. Das war seine Absicht. Aber ich habe nicht eingewilligt.“

„Warum nicht? Wäre das nicht die beste Lösung gewesen?“

Jayne Richard richtete den Blick trotzig auf den Boden.

„Lester und ich - wir waren einmal sehr arm, müssen Sie wissen, Mr. O’Reilly. Ich besaß ein einziges Kleid und hatte kaum Geld für Lebensmittel. Wir mussten uns schwer nach oben boxen. Mehr als einmal waren wir nahe daran, den ganzen Kram einfach hinzuschmeißen, weil wir dachten, wir würden es nicht mehr schaffen. Dann war es immer der andere, der sagte, man sollte weitermachen. Wir schafften es schließlich mit vereinten Kräften. Und nun, am Ziel angelangt, wollte Lester mir einen Tritt geben. Ich hatte meine Schuldigkeit getan. Er hatte als Grundstücksmakler nach unzähligen Rückschlägen endlich Fuß gefasst, und nun brauchte er mich nicht mehr. Ich konnte gehen. Es ist verständlich, dass ich mir das nicht bieten ließ. Wir trafen eine Vereinbarung: Wir bleiben weiterhin verheiratet. Er darf seine Abenteuer haben. Ich rede ihm in nichts drein.“

Jayne Richard machte eine kleine Pause. Sie nagte an der Unterlippe. Das, was sie nun sagen wollte, war ihr ein wenig peinlich.

„Ganz im Geheimen hatte ich den Wunsch, dass Lester eines Tages zu mir zurückfinden würde. Ich hatte mich an ihn gewöhnt. Verstehen Sie das?“

„Ich glaube schon“, meinte Butch und trank sein Glas leer. Einen zweiten Drink lehnte er ab.

„Na ja“, sagte Jayne Richard. „Es hat nicht sein sollen. Wir haben ihn beide verloren. Paula Lewis genauso wie ich.“

„Wissen Sie, warum man Ihren Mann ermordet hat, Mrs. Richard?“ Die Frau betrachtete nachdenklich ihre langen, roten Fingernägel.

„Ich glaube, er hatte Schwierigkeiten mit seinen Geschäftspartnern“, meinte sie zögernd.

„Verdächtigen Sie seine Geschäftspartner ...“

„Er hat mit mir nicht über seine Geschäfte gesprochen.“

„Warum nicht?“

Die Frau hob die Schultern. „Vielleicht befürchtete er, dass ich mit jemandem darüber reden könnte.“

Butch horchte auf. „Waren die Geschäfte denn nicht sauber?“

Jayne sah ihn mit einem rätselhaften Lächeln an.

„Haben Sie schon mal einen Grundstücksmakler kennengelernt, der ausschließlich saubere Geschäfte macht?“

Diese Gegenfrage war nicht so einfach vom Tisch zu fegen. Der Großteil der Grundstücksmakler laviert sehr oft hart am Rande des Gesetzes herum.

„Wie heißen die Geschäftsfreunde Ihres Mannes, Mrs. Richard?“, erkundigte sich Butch. Nun stellte er das Glas, dass er bis jetzt in den Händen gehalten hatte, weg.

„Da wäre als erster Imogen Chiarella zu nennen. Er ist ebenfalls Grundstücksmakler. Dann der Kreditvermittler Eugene Kelly und Rechtsanwalt Donald Gael. Sie waren vor etwa zwei Wochen hier in unserem Haus. Lester hatte einen heftigen Streit mit ihnen. Danach hat er sie 'rausgeworfen. Tags darauf tauchte Chris Caron, dieser Privatdetektiv, auf.“

„Worüber haben sich die Geschäftsfreunde mit Ihrem Mann gestritten, Mrs. Richard?“

Jayne schüttelte bedauernd den Kopf. „Das weiß ich leider nicht. Ich durfte bei der Besprechung ja nicht dabei sein.“

Bevor Butch ging, sagte er der Frau, dass Chris Caron ebenfalls tot sei.

Jayne Richards gleichgültiges Schulterzucken ging ihm gewaltig gegen den Strich. Ebenso ihre frostige Bemerkung: „Es war sein Risiko.“

O’Reilly war sich nicht ganz klar darüber, was er von dieser seltsamen Frau halten sollte.

„Ich dachte immer, ein Eisberg wäre das Kälteste, was es gibt. Doch Sie, Mrs. Richard, übertreffen diese Kälte bei Weitem. Und ich weiß nicht, ob das sehr für Sie spricht.“

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Mehr als fünf Minuten kann ich Ihnen nicht bewilligen, Mr. Cantrell“, sagte der Arzt im weißen Kittel. „Sie hat viel Blut verloren und ist sehr schwach. Es geht ihr gar nicht gut. Zu den Knochenbrüchen kommt noch ein schwerer Schock ...“

„Wir werden selbstverständlich größte Rücksicht nehmen, Doktor“, versprach Cantrell und begab sich mit Carol in das Zimmer, in dem Anny Prador lag.

Das Mädchen war erschreckend blass. Den gebrochenen Arm hatte man eingegipst. Ebenso das gebrochene Bein.

Als Anny die beiden bekannten Gesichter sah, lächelte sie schwach.

Ihre Stimme war ganz leise und wirkte fast wie ein Flüstern.

„Wer hätte gedacht, dass wir uns so bald schon wiedersehen würden ...“

Carol trat näher an das Mädchen heran. „Wie fühlen Sie sich, Anny?“

„Wenn ich schlecht sagen würde, wäre das noch geprotzt“, versuchte das tapfere Mädchen zu scherzen. Gleich darauf verzog sie das Gesicht, als der Schmerz im Brustkorb, von dem zwei Rippen angeknackst waren, zu heftig wurde. „Was hat der Arzt gesagt?“, wollte Anny wissen, sobald der Schmerz wieder ein wenig abgeebbt war.

„Sie werden bald wieder auf dem Damm sein“, sagte Cantrell zuversichtlich.

„Wenn ich ehrlich sein soll - so fühle ich mich eigentlich nicht.“

„Wir wollen es kurz machen, Anny“, sagte Carol Cantrell. „Sie wurden von einem Wagen niedergestoßen. Können Sie sich vielleicht an Farbe und Typ des Fahrzeugs erinnern?“

Anny Prador nickte langsam. Ihre Stirn war mit einem Pflaster verklebt.

„Es war ein hellblauer Thunderbird“, sagte sie leise, aber bestimmt. „Letztes Modell. Die Nummer weiß ich leider nicht. Es ging alles so schnell. Ich wurde zur Seile geschleudert und krachte gegen die Wand. Komisch. Ich dachte immer, es müsse schrecklich wehtun. Aber der Schock war so groß, dass ich überhaupt nichts spürte. Ich sah, wie der Wagen stehen blieb. Zwei Männer stürzten sich auf Mr. Philby. Sie schlugen ihn bewusstlos und nahmen ihn mit. Gleich darauf verlor ich das Bewusstsein. Als ich zu mir kam, lag ich im Krankenwagen. Ich habe den Arzt gebeten, Sie sofort zu verständigen. Das hat man dann auch getan ...“

Die Tür öffnete sich hinter Carol und Tony Cantrell. Der behandelnde Arzt sagte mahnend: „Die fünf Minuten sind um, Mr. Cantrell.“

Der Anwalt nickte. „Wir gehen schon.“

„Sehen Sie zu, dass Sie bald wieder gesund werden“, sagte Carol.

„Ich werde mir Mühe geben“, antwortete Anny Prador mit Galgenhumor.

Auch der Anwalt fand ein paar aufmunternde Worte für das Mädchen. Dann verließen sie das Zimmer.

Cantrell bat den Arzt, ihn über den Gesundheitszustand des Mädchens auf dem Laufenden zu halten. Der Doktor versprach es.

Als sie wenige Minuten später über den Krankenhausplatz zu ihrem Wagen zurückgingen, fragte Carol: „Was nun?“

„Harry Rollins“, erwiderte Cantrell lakonisch.

Dann fuhren sie los.

Zwanzig Minuten später standen sie im Lift des Polizeigebäudes und fuhren nach oben.

Als sie die Tür zu Rollins’ Streichholzschachtel-Büro aufmachten, zeigte der Lieutenant ein überraschtes Gesicht.

„Spätestens von diesem denkwürdigen Moment an glaube ich an Telepathie“, sagte er und grinste breit.

„Wieso?“, fragte Carol.

„Eben habe ich an euch beide gedacht.“

„Hoffentlich nichts Schlechtes“, meinte Cantrell.

Sie setzten sich. Es kam zu einem kurzen Informationsgespräch, in dessen Verlauf der Lieutenant erkannte, dass er mit dem Cantrell-Team wieder einmal am selben Strang zog. Rollins konnte ein paar weiterführende Punkte beisteuern. Außerdem war er in der Lage, die Beschreibung von Lester Richards Mörder zu liefern.

Cantrell bat den Freund, wenn möglich, jeden hellblauen Thunderbird, Letztmodell, wie einen gefährlichen Bazillus unter die Lupe nehmen zu lassen. Da der Wagen Anny Prador niedergestoßen hatte, war es nicht auszuschließen, dass dieser Zusammenstoß eine kleine Delle hinterlassen hatte.

Die Sache mit Philby ging dem Lieutenant besonders nahe.

„Wenn die Kerle dem Jungen etwas von der Fassade abbrechen, werden sie mich von der unleidlichsten Seite kennenlernen!“, sagte Rollins grimmig. „Ich kann unangenehmer als ein Badepilz sein!“ Cantrell grinste schelmisch. „Das kann ich bestätigen.“

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Am späten Nachmittag fanden sich die Mitglieder des Cantrell-Teams - soweit vorhanden - wieder in Western Springsein.

Butch hatte einen kleinen Abstecher über zwei Snackbars gemacht.

Nun sagte er randvoll gesättigt: „Ihr hättet die lustige Witwe erleben sollen. So etwas von Nichttrauer habt ihr niemals gesehen. Sie machte auf mich den Eindruck, als wäre sie todunglücklich gewesen, wenn der Mordanschlag auf ihren Mann danebengegangen wäre.“

„Meinst du, sie hat deshalb so schlecht über seine Geschäftspartner gesprochen?“, fragte Cantrell. „Will sie einen etwaigen Verdacht von sich ablenken?“

„Daran habe ich auch schon gedacht“, meinte Butch. Er holte seine Zigaretten heraus und brannte sich ein Stäbchen an. „Immerhin hätte sie ein Motiv mit Blitzblankzusatz. Ihr Mann wollte sich von ihr scheiden lassen. Das ganze schöne Geld, oder zumindest ein Großteil davon, wäre für sie flöten gewesen. Sie könnte also jemanden angeheuert haben, der die leidige Sache für sie in Ordnung brachte.“

Cantrell war ein Mann von schneller Entschlusskraft. Er nickte und sagte: „Da bekanntlich Zeit Geld ist, werden wir ab sofort getrennt marschieren. Ich übernehme Imogen Chiarella. Du, Carol, wirst dir den Kreditvermittler ...“

„Eugene Kelly“, half Butch weiter.

„... Eugene Kelly zu Gemüte führen, und Butch wird Rechtsanwalt Gael ein paar dumme Fragen stellen.“

O’Reilly zog die Brauen bitterböse zusammen. „Wenn du damit sagen willst, dass ich zu keinen anderen Fragen fähig bin, Chef, verrate ich Carol, dass du eine Freundin hast!“

Carol Cantrells Kopf ruckte zu Butch herum. „Ist das wahr?“

„Das ist es nicht“, sagte O’Reilly und grinste verschmitzt. „Aber man kann es trotzdem behaupten. Ich wette, er würde es bei aller Klugheit nicht schaffen, sich da glaubhaft herauszureden.“

Butch begann schallend zu lachen. Dass der Putz trotzdem an der Decke blieb, zeigte, dass die Maurer gut gearbeitet hatten.

Das Telefon schrillte mitten in Butchs Lachen hinein.

Erbrach jäh ab.

Cantrell ging zum Apparat.

„Da ruft sie schon an“, meinte O’Reilly und stieß Carol leicht in die Seite.

„Wer?“

„Die Freundin“, erklärte der hünenhafte Schelm.

Der Anwalt meldete sich mit „Cantrell!“

„Hören Sie zu, Cantrell!“, sagte eine unbekannte, wahrscheinlich verstellte Stimme. „Sie sind auf dem besten Wege, in ganz arge Schwierigkeiten hineinzuschlittern. Sie können sich wohl lebhaft vorstellen, dass Morton Philby keine große Freude mit Ihnen hätte, wenn Sie nicht tun, was ich von Ihnen verlange, denn schließlich wäre er es, der eine ganze Menge auszubaden hätte.“

„Was wollen Sie?“, fragte Cantrell glashart. Seine Backenmuskeln zuckten. Er halte ein würgendes Gefühl im Hals.

Carol und Butch sahen ihn gespannt an.

„Sie stehen ab sofort mit Ihrem Schrumpfteam Gewehr bei Fuß, verstanden?“, verlangte der Anrufer. „Mit leicht fasslichen Worten gesagt: Sollten wir merken, dass entweder Sie oder jemand anders aus Ihrer unmittelbaren Umgebung seinen Riechkolben in Dinge steckt, die ihn absolut nichts angehen sollten, machen wir aus Ihrem Freund und Mitarbeiter eine attraktive Säule. Wir gießen ihn in Beton ein! Kapiert?“

Bevor Cantrell etwas erwidern konnte, hatte der Mann aufgelegt.

Cantrell warf den Hörer mit einem unterdrückten Fluch auf die Gabel und gab den Inhalt des Gesprächs wieder.

Butch knirschte hörbar mit den Zähnen und sagte: „Verdammt! Der Junge würde mir ungemein fehlen!“

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Die Luft im Lagerhaus war so stickig und abgestanden, dass es eine Zumutung war, sie einatmen zu müssen.

Silk lehnte sitzend, gefesselt und geknebelt an der Mauer. Er war erst zu sich gekommen, als sie ihn schon verpackt hatten.

Ned Lobasa ging ungeduldig auf und ab. Er würdigte Silk keines Blickes. Ab und zu schaute er nach Ray Hassall, der an einer Polaroidkamera herumwerkte.

„Was ist?“, fragte Lobasa nach einer Weile nervös. „Können wir bald?“

„Ja. Gleich.“

„Ja. Gleich! Ja. Gleich! Das sagst du nun schon seit einer halben Stunde, verdammt noch mal.“

„Ich kann schließlich nicht zaubern.“

„Bei einer halben Stunde kann man bei Gott nicht mehr von Zauberei reden!“, rief Lobasa verärgert.

„Ich kenne mich eben mit dem verfluchten Apparat nicht aus.“

„Gib her!“, sagte Lobasa. Er riss dem Komplicen den Fotoapparat aus der Hand. „Was klappt denn nicht?“

„Weiß ich doch nicht. Der Auslöser geht nicht.“

„Dann hast du eben den Film falsch eingelegt.“

„Blödsinn. Den kann man gar nicht falsch einlegen.“

„Du Rindvieh kannst alles.“

Hassall schwieg zornig. Er, Ned Lobasa! Der große Ned Lobasa! Er konnte alles besser, wusste alles besser, war immer der Bessere. Mit dem Mund. Im Grunde genommen war an ihm genauso wenig dran wie an allen Kerlen, die die Klappe zu weit aufrissen.

Lobasa schlug mit der Faust auf den Apparat. Der Deckel klappte mit einem knirschenden Laut zu. Die Kamera war aufnahmebereit.

„Da!“, sagte Lobasa mit einem triumphierenden Grinsen. „Und dazu brauchst du ’ne halbe Stunde.“

„Draufhauen hätte ich auch können“, maulte Hassall.

„Warum hast du’s dann nicht getan?“

„Weil ...“

„Ach halte doch den Rand, Ray. Können wir jetzt endlich anfangen?“

„Ja doch. Ja.“

Ned Lobasa trat mit einem nervösen Grinsen vor Silk.

„Hör mal, Philby, du hast doch bestimmt nichts dagegen, wenn wir von dir ein paar Fotos für unser Familienalbum schießen.“

Was hätte der geknebelte Silk schon darauf antworten sollen.

Lobasa grinste höhnisch. „Er sagt nichts. Also hat er nichts dagegen.“ Ray Hassall schaute durch den Sucher. Er kniff das zweite Auge so fest zusammen, dass sein Gesicht ganz windschief wurde.

„Mehr nach links, Ned!“, kommandierte er und fuchtelte mit den Armen herum.

Lobasa lachte amüsiert. „Er ist ein wahrer Künstler, Philby. Seine Bilder haben eine starke Aussagekraft. Wirst dich in wenigen Augenblicken selbst davon überzeugen können.“ Wieder schaute Hassall durch den Sucher. „Okay, Ned.“

„Dann wollen wir mal“, meinte Lobasa und hob die Fäuste. Während sich Silk noch die Frage stellte, was das eigentlich werden sollte, bekam er schon die Antwort.

Eine schmerzende Antwort. In vielfacher Ausführung. Lobasa begann wie verrückt auf ihn einzuschlagen. Die Schläge prasselten hart auf ihn nieder. Er konnte sich nicht wehren, musste die Hiebe einfach hinnehmen. Es waren verdammt schwere Brocken darunter.

Der dicke Knebel drohte Silk zu ersticken. Es war die Hölle. Und Ned Lobasa fand kein Ende. Im Gegenteil. Ihm gefiel das brutale Spiel. Er verausgabte sich vollkommen.

Die harten Fäuste des Killers schlugen Silks Gesicht rundherum auf. Eine Geschwulst kam zur anderen.

Silk blutete aus zahlreichen Wunden.

Als Lobasa erschöpft war, war Silk nicht mehr wiederzuerkennen.

Sein aufgeschwollenes Gesicht war blutverschmiert. Er sah kaum noch aus den schmerzenden Augen. Er fühlte sich hundeelend. Reichten die Verletzungen aus, um sterben zu können? Er glaubte es in diesem schlimmen Augenblick.

Ray Hassall schoss seine Bilder. Er hatte geblitzt, während Lobasa gewütet hatte.

Und er fotografierte jetzt, um festzuhalten, was Lobasa angerichtet hatte.

Silk nahm seine Umgebung nur noch durch einen dunkelroten Schleier wahr. Er hatte furchtbare Schmerzen, ohne das Zentrum des Schmerzes lokalisieren zu können.

Lobasa betrachtete grinsend die Sofortbilder. „Ausgezeichnet!“, lobte er.

Es waren darauf nur seine Arme zu sehen. Manchmal sah man ein Stück von seinem Rücken auf dem Foto, doch auf keinem Bild hätte man sagen können, dass hier Ned Lobasa am Werk war.

Silk sah auf den Fotos fast noch schlimmer aus als in Wirklichkeit.

„Wir machen gleich noch ein paar“, sagte Lobasa.

Wieder flammte ein Blitz auf.

„Wer hätte gedacht, dass ein mieser Schnüffler so fotogen ist!“, meinte Lobasa höhnisch.

Nachdem sie acht Bilder gemacht hatten, ließen sie Silk mit seinen großen Schmerzen allein. Keiner kümmerte sich um Morton Philby. Keiner verarztete seine blutenden Wunden.

Man hatte im Augenblick kein Interesse an ihm.

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Das Wohnzimmer war ein kleiner Saal, in dem man zur Not die gesamte Bevölkerung von San Marino unterbringen konnte.

An den Wänden hing alles, was gut und teuer war. Ein Bild von Leherb. Eines von Picasso. Echte antike Waffen. Wandteppiche. Natürlich handgeknüpft und aus Persien.

Die Möbel stammten aus Spanien. Die beiden Geparden zur Linken und zur Rechten von Imogen Chiarella stammten aus Frankreich, wie er mit Stolz betonte.

„Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie mich dieser Verlust schmerzt, Mr. Cantrell“, sagte der Grundstücksmakler mit einem leidenden Blick. Der Anwalt fragte sich, ob da nicht ein Quäntchen Schauspiel dabei war.

Imogen Chiarella war ein Italo-Amerikaner. Seine Mutter stammte aus Bari, wie er betont erklärte. Er war fünfundvierzig, hatte interessante graue Schläfen und einen unsteten Blick hinter der randlosen Brille. Die Nase schien ein wenig zu groß für sein kleines Gesicht, störte aber nicht.

„Wir waren gute Freunde, Lester und ich“, gestand Chiarella freimütig. „Wir sind miteinander sozusagen durch Dick und Dünn gegangen. Es war nicht immer leicht, das können Sie mir glauben.“

„Leicht mit ihm oder auf die Geschäfte bezogen?“, wollte Cantrell wissen.

„Wir waren mehrmals daran, den ganzen Kram hinzuschmeißen“, sagte Chiarella.

Genau dasselbe hatte Jayne Richard Jack O’Reilly erzählt.“

„Doch wir richteten uns immer wieder gegenseitig auf.“

Auch das hatte Jayne Richard gesagt. Doch sie hatte dieses Verdienst sich und ihrem Mann zugesprochen. Nicht Imogen Chiarella. Sie hatte ihn in diesem Zusammenhang überhaupt nicht erwähnt. Dadurch entstand der Eindruck, als hätten nur sie und ihr Mann den geschäftlichen Erfolg errungen.

„Wir waren bis über die Ohren verschuldet“. erklärte Chiarella. „Heute kann ich darüber lachen. Aber damals war uns ganz anders zumute. Wir wollten eigentlich keiner so recht an den Erfolg glauben. Und nun, wo wir es geschafft haben, wird Lester auf eine so heimtückische Weise ermordet.“

„Wissen Sie warum?“, erkundigte sich Cantrell.

„Ich habe mir darüber natürlich Gedanken gemacht, das ist klar.“

„Natürlich.“

„Im Bereich unserer Geschäfte konnte ich kein Mordmotiv finden, Mr. Cantrell.“ Er lächelte ein wenig unsicher. „In einem solchen Fall wäre ja auch mein Leben in Gefahr.“

„Das wäre nicht auszuschließen“, meinte der Anwalt.

Chiarella schüttelte den Kopf. „Nein, nein. Hier brauchen wir den Grund nicht zu suchen.“

„Mrs. Richard hat behauptet, Sie hätten kürzlich einen heftigen Streit mit Lester Richard gehabt, Mr. Chiarella.“

Imogen Chiarella hob eine Augenbraue. In dieser Kunst verstand er sich blendend. Seine Augen zeigten keine Bestürzung, sondern nur waches Interesse.

„So? Hat sie das?“

„Ja.“

Die beiden Geparden lagen flach auf dem Boden. Wenn sie nicht ab und zu leise geschnurrt hätten, hätte man meinen können, sie wären ausgestopft.

„An diesem Streit waren auch Rechtsanwalt Gael und Eugene Kelly beteiligt, sagte Mrs. Richard.“

Der Grundstücksmakler schien mit seinen Gedanken ganz woanders zu sein. Sein Blick war starr auf den dicken Teppich unter seinen Füßen gerichtet.

„Richard soll Sie 'rausgeworfen haben“, sagte Cantrell.

Chiarella wurde lebendig. Sein Gesicht zeigte Empörung.

„Also, das ist doch ...“, wollte er aufbrausen.

„Gab es einen Streit?“, schnitt Cantrell ihm sofort das Wort ab.

Chiarella setzte ein harmloses Lächeln auf, um die Sache, die nicht wegzuleugnen war, zu verniedlichen.

„Nun ja. Es gab eine geringfügige Meinungsverschiedenheit. Das kommt in jedem Unternehmen einmal vor.“

„Worüber konnten Sie sich nicht einigen?“, stieß Cantrell gleich nach.

„Wir diskutierten ein Investitionsproblem.“

„Aha.“

„Das Kapital muss arbeiten, Mr. Cantrell.“

„Das ist eine sehr vernünftige Ansicht. War Lester Richard dagegen?“

Chiarella ließ sich nicht so leicht einpacken. Er war sehr geschickt und ging den gelegten Fußangeln aus dem Wege.

„Es gab verschiedene Meinungen zu diesem Thema“, sagte er ausweichend. „Das ist alles.“

„Lester Richard hat Sie also nicht hinausgeworfen?“

Imogen Chiarella rückte lachend seine Brille zurecht und fuhr sich dann über die große Nase.

„Davon kann keine Rede sein, Mr. Cantrell. Im Gegenteil. Wir haben nach dieser Diskussion sogar noch ziemlich fest gezecht. Keiner war dem anderen böse. Das hat es bei uns überhaupt noch nie gegeben.“

„Dass keiner dem anderen böse war?“, fragte Cantrell lächelnd.

„Ich meine, dass wir einander böse waren. So etwas kam bei uns nicht vor. Wir waren Geschäftspartner, verstehen Sie.“

„Natürlich. Aber wie kommt Mrs. Jayne Richard auf die Idee, ihr Mann hätte Sie hinausgeworfen?“

„Vielleicht hatte sie den Eindruck, weil wir zuerst sehr heftig diskutierten. Es hörte sich vielleicht wie ein Streit an. Als wir dann gingen, waren wir nicht gerade leise. Immerhin hatten wir einiges über den Durst getrunken. Da hat man die Lautstärke leider nicht mehr so unter Kontrolle. Möglicherweise hat das den Anschein erweckt, Lester hätte uns vor die Tür gesetzt. Anders kann ich mir nicht erklären, wieso Mrs. Richard so etwas behauptet.“

Cantrell beobachtete Chiarella seit dem Beginn seines Besuches ziemlich genau. Der Mann machte auf ihn zwar keinen soliden, aber einen eher ruhigen Eindruck, nach anfänglicher Nervosität.

„Besitzen Sie einen hellblauen Thunderbird, Mr. Chiarella?“, fragte Cantrell mit Absicht gerade jetzt. Er ließ sein Gegenüber nicht eine Sekunde aus den Augen.

Doch Chiarella blieb ruhig.

„Nein. Einen solchen Wagen besitze ich nicht, Mr. Cantrell.“

„Wissen Sie zufällig, ob einer Ihrer Bekannten einen Thunderbird fährt?“

Chiarella schüttelte den Kopf. „Da bin ich leider überfragt“, sagte er mit einem verlegenen Lächeln, als wollte er andeuten, dass er dem Anwalt furchtbar gern geholfen hätte.

Cantrell erhob sich und bedankte sich für die freundliche Aufnahme.

Imogen Chiarella wollte das als Selbstverständlichkeit verstanden wissen.

Er ging mit Cantrell zur Tür. Seine Geparden ließen ihn nicht allein. Schnurrend und knurrend erhoben sie sich und trotteten neben ihm her.

An der Tür wandte sich Cantrell rasch um.

„Ach, da fällt mir noch etwas ein, Mr. Chiarella.“

„Bitte, Mr. Cantrell.“

„Ist Ihnen bekannt, dass Lester Richard eine Geliebte hatte?“

Der Grundstücksmakler zögerte einen kleinen Moment. Zu diesem Zeitpunkt wusste Cantrell bereits, dass dieser Mann davon Kenntnis hatte.

Schließlich nickte Chiarella. „Paula Lewis. Er war ganz verrückt nach ihr.“

„Hat er sie geliebt?“

„Er wollte sie heiraten.“

„Aber er war doch verheiratet.“ Imogen Chiarella senkte den Blick. „Mrs. Richard. Ja, das war ein großes Problem für ihn. Wissen Sie, was sie einmal gesagt hat?“

„Was?“

„Sie würde ihn umbringen, wenn er versuchen würde, sie für immer zu verlassen.“

„Hat er es versucht?“

„Sie hat das wohl nur im Zorn gesagt. Vielleicht wollte sie ihm auch Angst ein jagen.“

Cantrell bedankte sich noch einmal für die nette Aufnahme. Dann ging er.

Sobald Chiarella die Tür zugeklappt hatte und Cantrells Wagen fortgefahren war, veränderte sich Chiarellas Gesichtsausdruck schlagartig.

Von Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft keine Spur mehr! Auch die Ergebenheit war von ihm abgefallen wie eingetrockneter Schlamm.

Er wandte sich hastig um.

Schweiß trat auf seine Stirn. Er lief in die Wohnhalle zurück. Seine Geparden sprangen hinter ihm her.

Er stürzte nervös zum Telefon und wählte mit zitternder Hand.

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Der Abend bescherte Morton Philby ein kleines Geschenk.

Die Killer waren noch nicht wiedergekommen. Obwohl Silk furchtbare Schmerzen plagten, ließ er die Zeit nicht ungenutzt.

Nun gelang es ihm, die Handfesseln abzustreifen. Es war ein hartes Stück Arbeit. Eigentlich hatte er nicht geglaubt, dass er es schaffen würde.

Als erstes riss er den würgenden Knebel aus dem ausgetrockneten Mund. Die Luft war noch immer genauso muffig. Trotzdem atmete Silk sie gierig ein. Dann widmete er sich den Fußfesseln.

Er faltete das Tuch auseinander, das sie ihm in den Mund geschoben hatten, und tupfte damit die zahlreichen Wunden vorsichtig ab. Sie brannten, als hätte jemand Salz und Pfeffer hineingestreut.

Mühsam versuchte er aufzustehen. Ein pochender Schmerz durchraste sein Gehirn und verursachte Gleichgewichtsstörungen.

Er tastete sich an der eiskalten Wand nach oben und stand nun auf hölzernen Beinen mit Gummiknien.

Er wusste, dass keine Zeit zu verlieren war. Die Killer waren schon zu lange von hier fort. Sie mussten bald wiederkommen.

Silk stakte an der Wand entlang.

Sein Körper war durch den Schlaghagel stark geschwächt. Die Anstrengung verursachte in Silk nun Übelkeit. Er hatte das Gefühl, sich übergeben zu müssen. Sein Magen krampfte sich zusammen, doch es kam zum Glück nichts hoch.

Erschöpft ging Silk weiter.

Er erreichte die Tür.

Wenn es darauf ankam, war er ungemein zäh. So mancher Ganove hatte sich an ihm schon die Zähne ausgebissen. Es war nicht immer leicht gewesen.

Doch nun winkte die Freiheit.

Die Tür war nicht abgeschlossen. Silk machte sie mit seiner kraftlosen Hand auf. Der schwache Druck genügte. Er trat in den lauen Abend hinaus.

Zum ersten Mal sah er die Umgebung des Lagerhauses. Es stand am Hafen, das hatte er vermutet, denn ab und zu waren die Signale von Schiffen zu hören gewesen.

Die feuchte Luft des Michigansees tat ihm gut. Sie drang wie Balsam in seine Lungen und kühlte sein erhitztes Gesicht, ohne jedoch die Schmerzen zu lindern.

Er schaute zum rabenschwarzen Himmel hinauf. Der Mond hatte sich hinter einer dicken Wolkendecke zurückgezogen. Nur ein paar kecke Sterne fanden Gelegenheit, durch Wolkenlücken zu funkeln.

Ein Wagen wäre jetzt ein Geschenk des Himmels gewesen.

Silk entfernte sich von dem Lagerhaus, in dem ihn die Killer gefangengehalten hatten. Er wankte wie ein Betrunkener. Und er war heilfroh über jeden Schritt, der ihn vom Lagerhaus wegbrachte.

Er dachte an zu Hause. An einen kühlen, schmerzlindernden Drink. An Carol Cantrells zarte Hände, die die Wunden fachkundig behandeln würden. An sein Bett, in das er wie ein Stein fallen würde.

Zwischen den Lagerhausreihen tanzte ein Scheinwerferpaar heran.

Silk griff in die Tasche und holte ein Banknotenbündel hervor.

Hundertfünfzig Dollar, dachte er.

Er wollte den näher kommenden Wagen anhalten und dem Fahrer die hundertfünfzig Dollar anbieten, wenn er ihn dafür nach Western Springs brachte.

Die Scheinwerfer erfassten Silk nun.

Er blieb winkend mitten auf der Straße stehen. Der Mann am Steuer würde einen ordentlichen Schreck bekommen. Doch einen anderen Anblick hatte Silk im Moment nicht zu bieten.

Der Wagen hielt.

Silk ging auf das Fahrzeug zu.

Die Tür auf der Beifahrerseite ging auf. Silk nahm das Geld in die Rechte, um es dem Fahrer gleich unter die Nase zu halten.

Er bückte sich und schaute in das Wageninnere.

„Na, wo soll’s denn hingehen, Mr. Philby?“, fragte jemand höhnisch.

Ned Lobasa zielte mit seiner Pistole auf Philbys rechtes Auge.

„Einsteigen!“

Silk ließ sich enttäuscht und resigniert auf den Beifahrersitz fallen. Die nächsten Stunden waren zu fürchten, denn nun würde der ganze Zauber noch einmal von vorn losgehen ...

„Bist ein richtiger Pechvogel, Philby!“, meinte Ned Lobasa.

„Dass wir auch ausgerechnet jetzt aufkreuzen mussten, was?“, sagte Ray Hassall und grinste spöttisch.

Sie waren wieder im Lagerhaus. Silk ergab sich in sein schlimmes Schicksal. Was hätte er auch anderes tun sollen. Er war zu schwach, um gegen die beiden Killer etwas ausrichten zu können.

Noch hatten die beiden ihn nicht angerührt. Sie verzichteten darauf, ihn wieder zu verprügeln. Vielleicht befürchteten sie, dass Silk ihnen unter den Händen sterben würde. Er war alles andere als ein Riese. Er sah aus wie ein sensibler Künstler, der zwar über eine gewisse Zähigkeit verfügte, mit der Robustheit eines Jack O’Reilly jedoch nicht mithalten konnte.

„Wenn man so wenig Glück hat wie du, sollte man Platzanweiser im Kino werden“, sagte Lobasa höhnisch.

„Manchmal wendet sich das Blatt auch“, meinte Philby mit heiserer Stimme.

Ned Lobasa lachte schallend. „Dein Blatt wendet sich nicht mehr, Philby. Es ist nämlich festgeklebt, verstehst du?“

Ray Hassall griff in die Tasche. Er holte etwas hervor, das aus Metall war und leise klimperte: Handschellen.

Er befahl Silk, die Hände vorzustrecken. Als es Philby nicht gleich tat, riss ihm der Killer beinahe die Arme aus.

Dann ratschten die Handschellen zu.

Hassall hatte hinterher noch mal dasselbe zu bieten. Er bückte sich und fesselte Silks Beine mit den zweiten Achterspangen. Dann richtete er sich mit einem höhnischen Grinsen auf.

Ned Lobasa lachte spöttisch. „Wenn es dir gelingen sollte, die Handschellen abzubekommen, ziehe ich mein Toupet vor dir.“

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Eugene Kelly saß wie eine große, fette Spinne in seinem Büro. Er machte den Eindruck, als warte er auf ein Opfer.

Er war dick und japste in der Minute ungefähr fünfzehn Mal nach Luft. Die Glatze war so groß und rund wie der Vollmond. Sie leuchtete auch ungefähr genauso.

Sein Jackett spannte über der fetten Brust, für die er einen Büstenhalter gebraucht hätte, damit sie nicht so schwer auf seinen aufgequollenen Magen drückte. Sein Hals hing in breiten Wülsten über den schmutzigen Hemdkragen. Das Doppelkinn war weich wie frischer Pudding und zitterte auch so.

Der Raum war sparsam eingerichtet. Ein Aktenregal. Ein Schreibtisch. Vier Stühle. An der Wand statt eines Bildes ein Verzeichnis sämtlicher amerikanischer Kreditinstitute.

Als Carol Cantrell in Kellys Büro trat, richtete sich die Spinne sofort mit einem heimtückischen Lächeln auf.

Kellys Augen leuchteten und versprühten eine falsche Herzlichkeit.

„Willkommen. Herzlich willkommen in Kellys Traumverwirklichungsbüro“, rief er und kam um den Schreibtisch herum.

Donald Duck war besser gebaut als er.

„Mein Motto ist: Jeder Mensch soll so viel Geld haben, wie er braucht, um seine Träume realisieren zu können. Ich verschaffe Ihnen zum Beispiel für eine lächerlich kleine Provision das Geld für eine Weltreise.“

Er betrachtete Carol mit einem geradezu liebevollen Blick.

„Fehlt Ihnen Geld für die Aussteuer? Auch das können Sie bei Kelly kriegen. Oder möchten Sie ein Haus bauen? Sagen Sie Eugene Kelly einfach Ihre Wünsche, und sie werden in Erfüllung gehen.“

Er zog diese Schau mehrmals am Tag ab, ohne sich dabei lächerlich vorzukommen. Es gehörte zu seinem Job. Jede Bewegung, jedes Wort war genau einstudiert. Wie bei einem Schauspieler.

Bei einem schlechten Schauspieler allerdings. Hinterste Provinz. Letztes Loch.

Er geleitete Carol zum Besuchersessel, bat sie, Platz zu nehmen und schob ihr den Stuhl aufmerksam zurecht.

Danach kehrte er jedoch nicht hinter seinen Schreibtisch zurück, denn Eugene Kelly war nicht nur Kreditvermittler, sondern auch - so ganz nebenbei - Lüstling. Und Carol hatte genau das alles an sich, was ihn so richtig anheizen konnte.

Er schlich um sie herum, schnaufte und schnüffelte und verschlang sie vorläufig mit den Augen, um sich den Appetit auf mehr zu holen.

Ihr Kleid war dezent dekolletiert. Kelly quollen die Augen über.

Dann lächelte er verlegen und meinte hüstelnd: „Darf ich mir die Bemerkung erlauben, dass Ihr Parfüm und Ihr Aussehen geeignet sind, einem Mann wie mir den Verstand zu rauben?“

Carol schoss ihn mit einem frostigen Blick ab. „Wollen Sie sich nicht zuerst meine Wünsche anhören, bevor Sie versuchen, mich auf Ihre Couch zu locken?“

Der Fette nickte eifrig. „Aber natürlich. Ich höre. Schießen Sie los.“

Um ihm den Rest seiner schmutzigen Illusionen zu rauben, holte Carol ihre Privatdetektivlizenz aus der Handtasche und hielt sie ihm vor die glotzenden Augen.

„Carol Cantrell. Privatdetektivin.“

Er schluckte beeindruckt und zog sich schleunigst aus dem unmittelbaren Gefahrenbereich zurück.

„Verzeihen Sie meine Entgleisung, Miss Cantrell.“

„Mrs. Cantrell!“, korrigierte Carol.

„Mrs. Cantrell“, echote Kelly verwirrt. „Ja.“

Er setzte sich hinter seinen Schreibtisch und wischte sich die kleinen Schweißtröpfchen von der Stirn. Dabei fuhr er sich auch gleich über die spiegelnde Glatze.

„Es ist mir furchtbar peinlich ...“

„Kommt wohl öfter mal vor, dass Sie die Zwangslage eines jungen hübschen Mädchens mit Ihrer geschickten Tour ausnützen“, meinte Carol spöttisch.

Kelly wollte keine Schwierigkeiten haben. Deshalb schüttelte er sofort heftig verneinend den Kopf. Sein Kinn kam vor lauter Aufregung nicht mehr zur Ruhe.

„Ich hatte keine bösen Absichten, Mrs. Cantrell! Ehrlich!“

Carol winkte lässig ab. „Ich glaube Ihnen zwar nicht, aber das hat auf den Grund meines Besuchs keinen Einfluss.“

Eugene Kelly verlegte sich plötzlich aufs Gedankenlesen. Er meinte, dabei könnte ihm weniger passieren.

„Der Grund heißt Lester Richard, nicht wahr?“

„Allerdings“, sagte Carol erstaunt. „Sie wollen wissen, warum man ihn umgebracht hat.“

„Ja.“

„Das möchte ich selbst wissen“, sagte Kelly nervös. „Wir waren sozusagen ein Erfolgsteam, Lester Richard, Imogen Chiarella, Donald Gael und ich. Es ist nicht gut für das Geschäft, wenn plötzlich einer ausfällt. Es ist nicht leicht, gleich wieder einen vollwertigen Ersatz aufzutreiben. Das Unternehmen wird wahrscheinlich finanzielle Einbußen hinnehmen müssen.“

„Könnte die Konkurrenz hinter diesem Mord stehen, Mr. Kelly?“

Der Dicke zuckte nachdenklich mit den Schultern. „Schwer zu sagen. Ich tippe eher auf etwas anderes ...“

„Auf was?“

„Lester hatte private Schwierigkeiten ...“

„Spielen Sie auf seine Frau an?“, fragte Carol hellhörig. „Wegen seiner Geliebten?“

Kelly schaute Carol verblüfft an. „Sie wissen davon?“

„Wieso verblüfft Sie das?“

„Also ehrlich - ich hätte nicht darüber gesprochen!“, beteuerte Kelly, als wüsste er haargenau, was sich gehörte. „Wenn Sie aber schon Bescheid wissen ... Jeder Mann hat ein Recht ... Ich meine, lassen wir mal den verzopften alten Moralbegriff links liegen. Sie können das nicht verstehen, Mrs. Cantrell. Sie sind eine Frau. Und als solche denken Sie wie alle anderen Frauen.“

„Das ist doch hoffentlich nicht schlimm“, meinte Carol spöttisch.

„Wenn auch sehr viele Frauen diese irrige Anschauung vertreten - wir Männer sind trotzdem keine Altersversicherung, Mrs. Cantrell“, ereiferte sich der Dicke, obwohl er gar nicht verheiratet war, wie er im gleichen Atemzug zu verstehen gab. „Jayne Richard mochte ihren Mann nicht mehr. Wenn er von ehelichen Pflichten sprach, ließ sie ihn regelmäßig abblitzen. Wenn nun aber ein Mann noch ein Mann ist, dann braucht er doch ab und zu ... Ich muss wohl nicht deutlicher werden. Sie verstehen schon, Mrs. Cantrell.“

„Ich glaube, ich begreife, was Sie sagen wollen, Mr. Kelly.“

„Gut. Lester hatte sich dafür eben eine Geliebte zugelegt. Was hätte er denn machen sollen? Anfangs war die Sache für ihn lediglich eine körperliche Angelegenheit. Im Laufe der Zeit ging die Sache aber tiefer. Er wollte das Mädchen heiraten.“

„Sie heißt Paula Lewis, nicht wahr?“

„Ja. Jayne Richard hat ihm aber einen dicken Strich durch seine Rechnung gemacht!“, sagte Eugene Kelly mit verkniffenem Mund.

„Meinen Sie damit, dass seine Frau ...“

„Ich meine gar nichts, Mrs. Cantrell!“, beeilte sich der Dicke schnell zu sagen. „Wenn Sie wollen, fassen Sie es so auf, als hätte ich bloß laut gedacht.“

Hinterher war nicht mehr viel aus Eugene Kelly herauszukriegen. Da hätte einem ein Schotte eher zwei Pfund geschenkt.

Deshalb verabschiedete sich Carol bald von der fetten Kreditspinne.

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Tony Cantrell fand bei seinem Eintreffen in Western Springs die acht Polaroid-Fotos in seinem Briefkasten. Bestürzt betrachtete er die Bilder, auf denen ein jämmerlich zugerichteter Morton Philby zu sehen war. Silk war kaum noch zu erkennen.

„Diese Bestien!“, sagte Cantrell wütend.

Er rief sofort Harry Rollins an, um ihn vom neuesten Schlag der Gangsterin Kenntnis zu setzen.

„Wo brennt’s denn, Freund?“, erkundigte sich der Lieutenant.

Cantrell hatte die Fotos vor sich auf dem Schreibtisch ausgebreitet. Nun schilderte er dem Lieutenant Bild für Bild. Und zwar so plastisch, dass Rollins die Aufnahmen vor seinem geistigen Auge sehen musste, wenn er auch nur ein bisschen Fantasie in die Wiege mitbekommen hatte.

„Mein Gott!“, rief Rollins ehrlich entsetzt, als der Anwalt fertig war. „Der arme Junge.“

„Kann man wohl sagen“, meinte Cantrell.

„Kann man auf den Fotos erkennen, wo die Aufnahmen gemacht wurden?“

„Überhaupt nicht. Sie können in einem Keller entstanden sein. Oder in einer Wohnung. Oder in irgendeiner anderen Räuberhöhle.“

„Verdammt!“, brüllte Harry Rollins ungehalten. „Und wir treten am Platz!“

„Gibt's überhaupt nichts Neues bei dir?“, fragte Cantrell.

„Unser Zeichner ist gerade dabei, nach Chris Carons Angaben eine Skizze von Lester Richards Mörder anzufertigen. Vielleicht bringt uns das weiter.“

„Zu hoffen wäre es. Allein schon in Mortons Interesse“, sagte Cantrell aufgeregt. Er konnte die Fotos nicht mehr länger ansehen. Deshalb raffte er sie mit einer wütenden Handbewegung vom Tisch, während er den Telefonhörer mit einem tiefen Seufzer auf die Gabel zurückfallen ließ.

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Der Abend konnte noch so schön sein. Wenn Butch ihm nicht mit vollem Magen begegnete, sank die Stimmung auf den Nullpunkt.

Aus diesem Grund hatte O’Reilly einen Abstecher in ein kleines Spezialitätenrestaurant gemacht.

Nachdem er das Pariser Schnitzel und die Pommes frites in seinen Magen geschichtet, Hawaii Ananas und eine Portion Eis verdrückt hatte, war er mit sich und der Welt wieder einigermaßen zufrieden.

Nun war auch der Abend auszuhalten. Butch schlenderte pfeifend zu seinem Wagen zurück.

Das Fahrzeug parkte in einer dunklen Seitenstraße. Einen anderen Parkplatz hatte er selbst nach mehrmaligem Umkreisen des Gebäudekomplexes nicht finden können.

Butch hatte die Hände tief in den Taschen vergraben. Er kickte eine leere Konservendose, die irgendjemand einfach aus dem Fenster geworfen hatte, weil der Mülleimer bereits voll war, die Straße entlang. Sie landete scheppernd in der Gosse. Er beachtete sie nicht weiter.

Da war sein Wagen.

Als er auf ihn zuging, trat ihm aus irgendeiner dunklen Nische ein schmalbrüstiger Junge entgegen. Die Kleidung des Burschen ließ sehr zu wünschen übrig. Sie starrte vor Schmutz und hatte wohl schon zweimal zehn Jahre hinter sich.

Die Augen des Jungen zuckten nervös. Er sah die Straße hinauf und hinunter. Außer ihm und Butch war keine Menschenseele zu erblicken.

„He, Kumpel!“, wisperte der Junge.

„Was darf’s denn sein?“, fragte Jack O’Reilly leutselig.

„Kannst du mir ’nen Dollar pumpen?“

„’nen Dollar?“

„Ja.“

Butch zuckte mit den Schultern. „Ich druck mir zwar die Scheine auch nicht gerade selbst, aber ich will heule mal ausnahmsweise nicht so sein.“

O’Reilly holte sein Geld aus der Tasche und fischte einen zerknüllten Dollarschein aus dem Banknotenhäufchen.

Plötzlich hörte er das Klicken eines Messers. Und gleich darauf spürte er einen gefährlichen Stich an der Kehle.

Der Junge hatte ihm mit einem nervösen Lächeln das Messer an die Kehle gesetzt.

„Und damit sich das eine Scheinchen nicht so einsam fühlt, kommst du jetzt mit seinen Freunden 'rüber, Kumpel!“

„Du hast sie wohl nicht alle!“, sagte Butch ärgerlich. „Ich brauch die Kohlen für meine Eigentumswohnung.“

„Kannst mit dem Sparen ja noch mal von vorn an fangen“, meinte der Kerl. „Ich brauche das Geld dringender als du. Hab einen Schuss bitter nötig, verstehst du? Wenn du vernünftig bist, passiert dir nichts. Ich bin kein Killer. Mich interessiert nur dein Moos.“

„Das hat man nun davon, wenn man mal seine mildtätige Ader entdeckt“, sagte Butch mürrisch.

Der Junge nahm ihm die Banknoten aus der Hand. Er schob sie mit einem begeisterten Grinsen in die Tasche seiner durchgewetzten Hose.

Dann nahm er das Messer von Butchs Kehle und wollte verduften.

Doch nun war O’Reilly am Zug.

Er versetzte dem Jungen erst mal eine kräftige Ohrfeige, die ihm sowohl das Denkvermögen als auch das Gleichgewicht raubte. Der Kleine verlor die Herrschaft über seinen Körper. Er flog gegen die Hausmauer, das Messer klapperte auf den Asphalt. Der Junge klapperte hinterher.

Er kam aber sofort wieder taumelnd hoch.

Butch gab ihm das, was ihm gebührte. Er geizte nicht mit Ohrfeigen.

Nachdem er den Dürren so richtig herzhaft verdroschen hatte, lehnte er ihn gegen die Hausmauer und sagte grinsend: „So, Freundchen. Und jetzt gibst du mir mein Geld wieder.“

Der Junge beeilte sich damit, die Scheine ’rauszurücken. Er hatte große Angst vor weiteren Hieben.

Butch schob das Geld in die Tasche, ohne nachzuzählen. Er konnte sicher sein, dass der Dürre alles abgeliefert hatte.

„Ich investiere nämlich nur in gewinnträchtige Objekte“, meinte O’Reilly.

„Der Schlag soll dich treffen, du verdammter Geizhals!“, schrie der Junge.

Butch langte ihm eine. „Siehst du, der Schlag hat wieder mal nicht mich, sondern dich getroffen“, sagte er.

Er wandte sich um, ließ den Jungen einfach an der Wand lehnen, setzte sich in seinen Wagen und fuhr fort.

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Der Park war von fachkundiger Hand gepflegt, das erkannte Butch trotz der Dunkelheit.

In der Mitte dieses Parks, in dem Linden und Kastanienbäume tagsüber kühlen Schatten spendeten, stand Rechtsanwalt Donald Gaels Haus.

Es war kein protziger Bau, aber er hob sich weit aus der Mittelklasse heraus.

Butch klingelte dezent. Die Geschichte mit dem Jungen hatte er bereits vergessen. Es gibt viele von dieser Sorte in den Staaten. Zu viele. Das verfluchte Rauschgift hat sie zu dem gemacht, was sie sind.

Als Donald Gael in der Tür erschien, sagte Butch seinen Spruch artig auf.

Gael war ein Mann knapp über fünfzig. Trotzdem war sein braunes Gesicht beinahe faltenlos. Er schien viel Sport zu betreiben. Sein Händedruck war kräftig und herzlich.

Er trug eine hellbraune Hausjacke und Pantoffel an den Füßen.

Gael forderte Butch auf einzutreten. Sie gingen ins Wohnzimmer. Hier herrschte dunkles Holz vor. Die Wände waren getäfelt. Die Schränke eingebaut.

Ebenso eingebaut war das große Aquarium, in dem sich eine Menge bunt schillernde exotische Zierfische tummelten.

Butch nahm Platz.

Gael sagte mit einem freundlichen Lächeln: „Entschuldigen Sie mich nur einen kleinen Augenblick, Mr. O’Reilly. Ich muss meine Fische füttern.“

Donald Gael drückte auf einen verborgenen Knopf. Das Summen eines Elektromotors war zu hören. Gleichzeitig schob sich das Aquarium aus der Wand. Da das gläserne Rechteck oben offen war, war es dem Anwalt nun möglich, seinen Fischen das Futter hineinzustreuen.

Sie kamen sofort alle nach oben.

„Ich liebe Fische“, sagte Gael. „Sie haben so etwas Beruhigendes an sich.“

„Oh ja. Das haben sie“, pflichtete Butch ihm bei.

„Mir würde niemals einfallen, einen Fisch zu essen.“

O’Reilly verzog das Gesicht zu einem breiten Grinsen.

„Einen von denen würde ich auch nicht verspeisen. Aber angesichts eines serbischen Karpfens würde ich meine ganze fischfreundliche Gesinnung einfach über Bord werfen.“

Während Gael seine Lieblinge fütterte, sah sich Butch im Raum um.

Auf dem Sims eines offenen Kamins stand das schnittige Modell einer weißen Jacht, die den Namen „Jenny“ trug.

Wieder summte der Elektromotor.

Das Aquarium fuhr in die Wand zurück und war bald darauf nur noch ein lebendes Bild.

„So“, sagte der Anwalt. „Jetzt stehe ich Ihnen zur Verfügung, Mr. O’Reilly.“

Gael nahm Butch gegenüber in dem weichen Klubfauteuil Platz.

„Erzahlen Sie mir bitte ein wenig über Ihren Freund Lester Richard“, bat Butch.

„Ich habe ihn und die anderen Geschäftsfreunde in allen Rechtsangelegenheiten beraten. Bei Grundstücksmaklern sind manchmal sehr hohe Beträge im Spiel. Da fallt man leicht auf die Nase, wenn man sich nicht rechtlich abzusichern versteht.“

„Ich würde überhaupt niemals etwas ohne Rechtsanwalt machen“, sagte Butch höflich.

„Dann sind Sie einer von wenigen, die von selbst so klug sind, Mr. O’Reilly. Die meisten werden es erst dann, wenn es schon zu spät ist.“

Auf Butchs direkte Frage, wer Lester Richard auf dem Gewissen haben könnte, wusste der Anwalt keine Antwort.

Von einer Geliebten hatte Gael keine Ahnung. „Ich dachte, Lester würde eine vollkommen intakte, normale Ehe führen“, sagte der Anwalt erstaunt.

Butch versuchte, ihn über diverse Projekte auszuhorchen. Doch der Anwalt sagte nur das, was er sagen wollte. Über die Geschäfte seines ermordeten Klienten schwieg er sich aus.

„Darüber zu sprechen bin ich nicht befugt“, sagte er mit einem um Verständnis bittenden Schulterzucken. „Immerhin bestehen diese Projekte ja noch. Viele von ihnen sind noch nicht abgeschlossen. Es liegt lediglich ein Vorvertrag vor. Außerdem müsste Mr. Chiarella damit einverstanden sein, dass ich darüber spreche ...“

Auch Donald Gael sagte, dass es in Richards Haus lediglich eine erhitzte Diskussion mit leidenschaftlich vertretenen Standpunkten, jedoch keinen ernsthaften Streit gegeben hätte.

Lester Richard hätte sie nicht hinausgeworfen. Sie seien von selbst gegangen, in aller Freundschaft.

Da Gael auf alle Fragen, die ihm Butch stellte, soweit möglich, klare Antworten gab, ohne lange um den heißen Brei herumzureden, war die Unterredung bald zu Ende.

Butch erhob sich. Lächelnd sagte er: „Ich werde Ihnen bei Gelegenheit einen ausgewachsenen Katzenhai für Ihr Aquarium schicken.“

Sie verabschiedeten sich lachend. Der Anwalt bat O’Reilly, ihn zu informieren, wenn er das Rätsel um Lester Richards Tod gelöst hatte.

Butch versprach es, setzte sich in seinen Wagen und brauste davon.

Da der Abend erst angebrochen war, wollte Butch die Zeit noch ausnützen. Er konnte sich das Mädchen, das Lester Richards Ehe gefährdet hatte, aus der Nähe ansehen.

Die Adresse wusste er. Er brauchte nur noch hinzufahren. Das machte er.

Das Gebäude, in dem Paula Lewis wohnte, war noch ziemlich neu.

Die Fassade war glatt und hoch. Gegenüber befand sich eine Bar, in der einige Mädchen zeigten, wie langsam sie sich auszuziehen vermochten, wie ganz groß über dem Eingang mit dem Schlagwort Striptease verkündet wurde.

Man kann ja hinterher mal hineingehen, dachte Butch. Schließlich ist man Junggeselle und niemandem gegenüber Rechenschaft schuldig.

Er fuhr mit dem Lift in den dritten Stock. Er war beinahe schneller da, als er den Knopf losgelassen hatte.

Ein langer Korridor lag vor ihm. Der Boden war mit glatten Kunststofffliesen belegt. Die Wände und die Türen leuchteten in unpersönlichem, sterilem Weiß und erinnerten sehr an den Gang eines Krankenhauses.

Tür Nummer 7 A. Hier war Butch richtig. Er drückte den Klingelknopf und wartete.

Er läutete insgesamt dreimal. Beim dritten Mal schon so stürmisch, dass man eine Wohnung weiter auf ihn aufmerksam wurde und ihm brummig zu verstehen gab, dass Miss Lewis nicht zu Hause wäre.

Krach, dann flog die Tür wieder zu.

Butch murmelte etwas Unfreundliches und fuhr mit demselben Schnelllift wieder nach unten.

Als er aus dem Haus trat, sah er das Barschild wieder aufleuchten.

Da hatte er doch vorhin bestimmte Absichten gehegt. Er hatte sie noch nicht vergessen. Nachdem er sich vergewissert hatte, dass kein Wagen in der Nähe war, der ihn überfahren wollte, überquerte er die Straße und betrat die Bar.

Das Etablissement war gut besucht.

Ein Blondschopf fetzte sich in Zeitlupe die Kleider von der atemberaubenden Figur. Die Oberweite war enorm und nicht einmal von einem Blinden zu übersehen.

Butch sah sich kurz um.

Alle Tische waren besetzt. Bis auf einen. Zwei Gläser standen darauf. Leer. Butch vermutete, dass der Kellner noch keine Zeit gehabt hatte, den Tisch abzuräumen. Kein Wunder bei diesem Betrieb. Er nahm an diesem Tisch Platz, weil auch kein einziger Hocker am Tresen frei war.

Während er nach dem herrlich gebauten Mädchen schielte, griff er zur Getränkekarte.

Der Blondschopf verstand jede Menge davon, den männlichen Zuschauern tüchtig einzuheizen.

Ihr Lächeln, mit dem sie den starren Blicken der Männer begegnete, hatte etwas Triumphierendes, etwas Herausforderndes an sich. Jedermann fühlte sich angesprochen.

Ihr Körper war jung und kräftig. Ihre wohlgerundeten nackten Schultern zuckten im Rhythmus einer schwülen Musik, die im Klangbild die Stimmung vor einem Gewitter ausmalte.

Ein schwarzhaariges Girl nahm ohne zu fragen an Butchs Tisch Platz.

Er war in einer Stimmung, in der er gegen einen kleinen Flirt nichts einzuwenden hatte.

Sein Lächeln fiel dementsprechend unverschämt aus.

„Das nenne ich eine gelungene Überraschung!“, sagte er mit dem Knurren eines wasch- und kochechten Salonlöwen. „Sie sind genau das, was sich meine Hormone jedes Jahr zu Weihnachten wünschen. Leider kann mich der Weihnachtsmann nicht riechen. Er bringt mir immer eine schielende alte Ziege, die ich dann nirgendwo loswerden kann.“

Das Mädchen lachte laut und herzlich.

Butch lachte vergnügt mit. Das Eis schien gebrochen zu sein. Falls überhaupt eines vorhanden gewesen war.

Da klopfte ihm plötzlich eine zentnerschwere Pranke so fest auf die Schulter, dass er an seinem Lachen beinahe erstickt wäre.

Er schaute sofort grimmig auf und sah in ein breites Gesicht, das nur so von Brutalität und Zorn strotzte. Der Kerl versuchte Butchs Schlüsselbein zu zerquetschen.

„Nicht mit meinem Girl, Großmaul!“, knurrte er ganz hinten in der Kehle. „Nicht an meinem Tisch! Und nicht auf meinem Platz!“

Das hatte Butch natürlich nicht wissen können. „Ich hatte wirklich keine Ahnung ...“, sagte er entschuldigend.

„Spar dir die Operette!“, fiel ihm der unsympathische Kerl ins Wort.

Er hatte einen Brustkorb wie eine Litfaßsäule. Er war schwer, muskulös und grobknochig. Und er war verdammt erpicht auf eine handfeste Schlägerei, um seinem Mädchen zu beweisen, dass ihm keiner gewachsen war.

„Du bist hier nicht gefragt, Clown!“, sagte der Kerl. „Also zieh Leine, bevor ich dir die Nase ins Hirn dresche.“

Butch konnte man auf jede erdenkliche Art kommen. Auf diese Art jedoch nicht.

Er grinste breit und blieb sitzen. „Du scheinst heute deinen unversöhnlichen Schlips zu tragen, Quatschkopf.“

Das Mädchen kicherte.

Das machte den Kerl rasend. „Moment! Lustig machen darfst du dich über mich nicht! Das darf man nicht mal dann, wenn man Cassius Clay heißt.“

Seine Finger krallten sich in Butchs Jackett. Das hatte der Hüne nicht gern. Schief in dem Kleidungsstück hängend gab er dem Streitsüchtigen eine letzte Chance.

„Nicht anfassen, mein Junge. Sonst spuckst du deine Zähne in den Sektkübel dort drüben.“

Der Kerl schlug ohne Vorwarnung zu.

Butch war jedoch auf der Hut. Er machte kurzen Prozess mit dem schweren Brocken.

Erst mal ließ er die riesige Faust des Wütenden an seinem Kopf vorbeisausen. Dann schnellte er hoch und brachte zwei Treffer am ungedeckten Körper des Gegners an.

Der Kampfhahn stieß hörbar die Luft aus. Er wollte Butch seine Faust in den Magen rammen, doch O’Reilly blockte den Schlag mit unglaublicher Schnelligkeit ab und konterte seinerseits mit einer harten Doublette.

Ein rasanter Schwinger holte den Kerl von den Beinen. Er fiel nach hinten und krachte mit dem Rücken auf einen Tisch.

Männchen und Weibchen stießen erschrockene Schreie aus.

Das Stripgirl verzichtete hastig darauf, die nunmehr uninteressant gewordenen Reize länger zu strapazieren, raffte die abgelegten Siebensachen zusammen und huschte von der Bühne.

Das Lokal schaute nur noch auf Butch und auf das, was er mit dem Herausforderer machte.

Zwei schwere Treffer genügten, um den Gegner für längere Zeit auszuflippen.

Dann gingen ein paar mutige Männer dazwischen. Sie drängten den angeschlagenen Kerl ab. Er fluchte höllisch und versuchte, die Streitschlichter abzuschütteln, doch sie hievten ihn mit vereinten Kräften hoch und stellten ihn erst wieder ab, als sie draußen auf der Straße waren.

Das Mädchen folgte dem renitenten Burschen mit unschuldsvoller Miene.

Der Geschäftsführer kam. Ein Kerl, der so aussah wie er, konnte nicht einmal von seiner eigenen Mutter viel Sympathie erwarten. Händeringend und dienernd entschuldigte er sich bei Butch wegen des unangenehmen Zwischenfalls.

O’Reilly behandelte den kleinen Mann nicht nur aus physischen Gründen von oben herab.

„Gut“, sagte er wohlwollend. „Ich will noch einmal davon absehen, die Bar schließen zu lassen. Dafür dürfen Sie mir auf Kosten des Hauses einen Highball servieren.“

Der Kellner bekam einen Wink.

Der Highball rollte an.

„So“, meinte Butch zufrieden. „Und jetzt bringen Sie das Kunststück fertig, dass sich Paula Lewis auf diesen Stuhl setzt“, sagte er und wies auf den leeren Stuhl ihm gegenüber. Wenn Paula gleich über die Straße wohnte, war es gar nicht so abwegig, anzunehmen, dass sie sich hier drinnen ab und zu einen kleinen Drink genehmigte. Es konnte auch ein großer sein.

Der Geschäftsführer verdrückte sich mit einem unverständlichen Gemurmel.

Butch war mit seinem Highball allein.

Im Lokal verlor man allmählich wieder das Interesse an ihm. Was ist schon interessant an einem Mann, der friedlich an einem Tisch sitzt und seinen Drink in die trockene Kehle laufen lässt.

Butch bekam aber bald Gesellschaft.

Er sah etwas ungemein Blondes auf sich zukommen. Angezogen. Trotzdem konnte er sich gut vorstellen, wie sie nackt aussah, denn er hatte sie erst vor wenigen Minuten nackt auf der Bühne bewundert.

Sie sagte mit einer rauchigen Stimme: „Hallo.“

Dann nahm sie an seinem Tisch Platz. Butch war das in keiner Weise unangenehm. Als sie dann aber auch noch sagte, dass sie Paula Lewis hieß, schlug es bei ihm dreizehn bis siebzehn auf einmal.

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Ihre Fäuste haben die Durchschlagskraft von Kanonenkugeln“, meinte das Mädchen.

Butch grinste. „Das würde Sie nicht wundern, wenn Sie wüssten, dass meine Mutter die Dicke Berta war.“

Sie trug ein zyklamfarbenes Kleid, das ihren gut gebauten Körper umschmeichelte.

„Ich sah drüben im Wohnhaus nach“, sagte Butch. „Sie waren nicht da.“

„Ich hatte zu arbeiten“, sagte Paula.

„Sie arbeiten hervorragend“, erklärte O’Reilly grinsend. „Ich konnte mich davon überzeugen. Mir kamen beim Zusehen ganz schlimme Gedanken.“

Paula lachte perlend. „Ihr Männer seid ein ganz schlimmes Völkchen.“

„Was euch Girls aber nicht gerade unangenehm zu sein scheint.“

Sie lachte wieder, ohne darauf etwas zu sagen.

„Möchten Sie etwas trinken?“, erkundigte sich Butch.

„Einen Scotch“, sagte das Girl.

Butch winkte den Kellner an den Tisch und bestellte den Drink. Sekunden später war der Scotch da.

Während sie tranken, tasteten sie sich gegenseitig mit den Augen ab. Paula Lewis spielte ihm ein harmloses Mädchen vor, das merkte er sofort. Ein Mädchen mit guten Manieren.

Das war also das Mädchen, das Lester Richard zu ehelichen gedacht hatte.

Kein Wunder, dass Jayne Richard sich nicht scheiden lassen wollte.

„Selbst auf die Gefahr hin, dass Sie ins Schleudern kommen, muss ich Sie in mein Geheimnis einweihen“, sagte Butch und beugte sich etwas vor.

Ihre hellblauen Augen musterten ihn interessiert. Sie schien sich, ihn betreffend, eine Menge Fragen zu stellen. Fragen, auf die sie keine Antwort wusste. Fragen, die sie nicht aussprechen wollte, weil sie fürchtete, durchschaut zu werden.

„Was ist das für ein Geheimnis?“, fragte Paula mit einem Lächeln, das sie naiv und unschuldig erscheinen ließ.

„Ich muss mit Ihnen reden“, sagte O’Reilly. „Womöglich nicht hier.“

Das Girl lachte. „Sie haben anscheinend eine Menge Tricks auf Lager, um bei einem Mädchen zum Ziel zu kommen.“

Butch erklärte grinsend: „Man muss als Junggeselle natürlich sehen, wo man bleibt. Doch heute ist es leider mein Job, der mich in Ihre Arme treibt.“

„Ihr Job?“, fragte das Girl verwundert.

„Ich sage nur einen Namen: Lester Richard!“

Paula wurde schlagartig blass.

„Können wir nach drüben gehen?“, erkundigte sich Butch.

Sie nickte verwirrt.

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Sie hatten es Silk gesagt, was auf ihn wartete. Cantrell war durch nichts zu bremsen. Auch die Fotos hatten nicht erreicht, dass er sich ruhig verhielt und nicht mehr im Schlamm weiterwühlte.

Deshalb hatten sie den Auftrag bekommen, die Drohung wahrzumachen.

Das hatten sie Silk gesagt.

Er sollte im Beton verschwinden.

Ned Lobasa pflanzte sich vor Philby auf und grinste ihn gemein an.

„Na, Junge. Angst?“

Silk schwieg.

„Cantrell, dein Freund und Chef, hat einen Sprung im Teller, weißt du? Oder kannst du dir erklären, was er so komisch daran findet, dich in den Tod zu treiben? Wir müssen dich umlegen, Philby. Cantrell will es so. Wir müssen es tun, damit er sieht, dass man unsere Drohungen nicht so einfach übergehen kann, dass da etwas dran ist, verstehst du?“

Ray Hassall griff zu, hob Silk hoch und stellte ihn auf die Beine. Dann nahm er ihm die Fußfesseln ab, damit er laufen konnte.

„Wir machen jetzt 'ne kleine Fahrt ins Schwarze“, sagte Ned Lobasa aufgekratzt. „Chicago bei Nacht. Ein unvergessliches Erlebnis.“

Sie stießen ihm ihre Kanonen in die Rippen. Er musste vorausgehen.

Draußen stand der hellblaue Thunderbird. Silk musste sich in den Fond setzten. Ray Hassall nahm neben ihm Platz und bedrohte ihn auch weiter mit seiner Waffe.

Lobasa übernahm das Steuer.

Sie durchquerten die Stadt, fuhren den Edens Expressway ein gutes Stück von Norden nach Süden, bogen bei LaBagh Woods nach links ab und waren nach weiteren fünf Minuten am Ziel.

Wie ein monumentales Denkmal der Arbeitsniederlegung lag die nächtliche Baustelle vor ihnen. Man hatte mit Caterpillars tiefe Gruben ausgehoben, dicke Stollen in die Erde getrieben und viel Beton in die Löcher gegossen.

Fertigteile waren zu kleinen Türmen aufgestapelt. Kräne ragten wie schlanke Finger zu den Sternen empor.

Lobasa wandte sich um und kniff ein Auge zu. „Wir sind da, Philby. Hoffentlich sagt dir die Gegend, in der du krepieren wirst, auch ein bisschen zu.“

Er nickte kurz.

Ray Hassall hob daraufhin seine Waffe und knallte sie Silk hinter das Ohr. Philby flog gegen die Seitenscheibe und verlor das Bewusstsein.

Nun nahm Hassall ihm die Handschellen ab. Er stieg aus, zerrte Silks schlaffen Körper aus dem Wagen, lud ihn sich auf die Schulter und stapfte mit Lobasa in Richtung Baustellenzentrum davon.

Sie erreichten einen Brettertrog. Er hatte ungefähr die Ausmaße eines offenen Sargs.

Hassall warf seine Last hinein und richtete sich ächzend auf.

„Verdammte Bandscheiben. Manchmal hat es mich so arg, dass ich nicht mal einen Schnürsenkel binden kann.“

„Wirst eben langsam alt“, meinte Lobasa.

„Quatsch. Alt. Dich wird’s auch noch mal erwischen. So etwas kommt oft über Nacht.“

Hassall schaute sich kurz um.

In einiger Entfernung stand ein mit Schotter beladener Lkw. Dahinter ragte die Schaufel eines Caterpillars hervor. Unmittelbar vor dem Trog, in dem Morton Philby lag, stand eine große Betonmischmaschine.

„Wird ’nen unheimlichen Radau machen, die Maschine, was?“, brummte Hassall besorgt. „In der Nacht ist es so verdammt ruhig.“

„Ist doch egal“, erwiderte Ned Lobasa.

„Wäre es nicht vernünftiger, ihm bloß eine Kugel in den Schädel zu jagen und abzuhauen?“

„Wir haben den Auftrag, ihn in Beton einzugießen“, sagte Lobasa energisch. „Wir kriegen dafür einen zusätzlichen Tausender. Also halten wir uns an die Anweisungen, klar?“

„Und der Nachtwächter?“

„Was willst du denn mit dem Nachtwächter?“

„Na, auf jeder Baustelle ist doch zumindest ein Nachtwächter.“

„Na und?“

„Was ist, wenn er das Gerumpel der Maschine hört und die Bullen anruft?“

Lobasa winkte ab. „Was denkst du, warum ich ausgerechnet diese Baustelle ausgesucht habe?“

„Keine Ahnung.“

„Weil neben dem alten Nachtwächter, der hier Dienst macht, eine Atombombe hochgehen könnte, ohne dass er es merkt. Er hat die chronische Schlafkrankheit. Ich habe ihn schon ein paarmal beobachtet. Er schnarcht richtiggehend in seiner Hütte.“

Details

Seiten
400
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738918618
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v417872
Schlagworte
sammelband krimis mord augen thriller

Autor

Zurück

Titel: Sammelband 3 Krimis: Mord vor hundert Augen und andere Thriller