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Western Sammelband 4 Romane: Bill Warbow, der Glücksritter und andere Western

von Alfred Bekker (Autor:in) Frank Callahan (Autor:in) Leslie West (Autor:in) Carson Thau (Autor:in)
2018 500 Seiten

Zusammenfassung

Western Sammelband 4 Romane: Bill Warbow, der Glücksritter und andere Western
Alfred Bekker, Frank Callahan & Leslie West & Carson Thau

Diese Buch enthält folgende Romane:

Carson Thau: Trail ohne Wiederkehr

Alfred Bekker: Die Todesreiter vom Rio Pecos

Frank Callahan: Bill Warbow, der Glücksritter

Leslie West: Schamane der Zeiten

Als die Männer der O'Malley-Ranch ihre Tiere zum jährlichen Round up zusammengetrieben haben, fällt die Bande von Barry Walton über sie her. Waltons Männer reiten mit Uniformen, die sie von einem Army-Transport erbeutet haben und behaupten einfach, dass die O'Malley-Herde beschlagnahmt sei. Es kommt zum Kampf. Gordon O'Malley und zwei seiner drei Cowboys kommen ums Leben. Nur sein Sohn Jed O'Malley kommt davon - und schwört blutige Rache.

Cover: Edward Martin

Leseprobe

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Western Sammelband 4 Romane: Bill Warbow, der Glücksritter und andere Western

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Alfred Bekker, Frank Callahan & Leslie West & Carson Thau

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DIESE BUCH ENTHÄLT folgende Romane:

Carson Thau: Trail ohne Wiederkehr

Alfred Bekker: Die Todesreiter vom Rio Pecos

Frank Callahan: Bill Warbow, der Glücksritter

Leslie West: Schamane der Zeiten

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ALS DIE MÄNNER DER O'Malley-Ranch ihre Tiere zum jährlichen Round up zusammengetrieben haben, fällt die Bande von Barry Walton über sie her. Waltons Männer reiten mit Uniformen, die sie von einem Army-Transport erbeutet haben und behaupten einfach, dass die O'Malley-Herde beschlagnahmt sei. Es kommt zum Kampf. Gordon O'Malley und zwei seiner drei Cowboys kommen ums Leben. Nur sein Sohn Jed O'Malley kommt davon - und schwört blutige Rache.

Cover: Edward Martin

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author / Cover: Edward Martin

© dieser Ausgabe 2015 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Trail ohne Wiederkehr

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Chaco #42

Western von Carson Thau

Der Umfang dieses Buchs entspricht 109 Taschenbuchseiten.

Chaco, das Halbblut, hat sich von dem jungen Offiziersschüler Captain Shatner anwerben lassen, um eine Ladung Winchester zum Fort Tonto sicher zu geleiten. Dort angekommen, stellen sie fest, dass der Kommandant Colonel Edwards dem Whisky verfallen ist und nicht mehr dafür sorgt, dass das Fort richtig gesichert ist. So gelingt es der Bande von General Padilla, die Ladung mit den Gewehren zu rauben.

Shatner will diese Gewehre zurück, denn Padilla hat die Absicht, die Kisten mit den Winchestern an die Apachen zu verkaufen. Auch dafür kann er Chaco gewinnen, indem er ihm weitere Dollars zusagt. Doch dieser Ritt wird zu einem Himmelfahrtskommando ...

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© Cover: Edward Martin/Schottland, 2018

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Die Hauptpersonen des Romans:

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Captain Herman Shatner — Der junge Offiziersschüler von der Ostküste hat noch Ideale — und er ist bereit, dafür zu kämpfen.

Colonel Edwards — Der Kommandant von Fort Tonto ist dem Whiskey verfallen.

General Padilla — Er hält sich für Mexikos rechtmäßigen Präsidenten — und die Apachen sollen ihm dabei helfen, seinen Traum zu verwirklichen.

Fernando Robles — Seit die Apachen seine Familie töteten, ist er ein anderer Mensch geworden.

Chaco — Für gutes Geld begibt er sich auf ein Himmelfahrtskommando.

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Erbarmungslos brannte die weiße Sonne auf die zerhackte Felslandschaft nördlich der Mexiko-Grenze. Der Himmel war hellblau und wolkenlos. In den Canyons, die das steinige Hochland kreuz und quer durchschnitt, staute sich die Hitze.

Der Lautrec-Canyon maß auf seiner Sohle dreißig Fuß im Durchmesser. Zwei Pferdewagen hätten - ohne sich dabei zu stören - bequem nebeneinander herfahren können. Die himmelwärts ragenden Steilwände bedeckte ein hauchdünner Schleier aus rötlich glimmerndem Staub. Ihre glatte, abweisende Oberfläche wurde an einzelnen Stellen von kleineren, höhlenartigen Auswaschungen durchbrochen, die teilweise mit natürlichen Brustwehren aus Fels versehen waren.

Immer wieder hoben die Männer ihre nervösen Blicke zu diesen Höhlen. Der Gedanke, sie über sich und in ihrem Rücken zu wissen, ließ sie krampfhaft die Schäfte ihrer Winchesters umklammern.

Die Apachen hatten ihre Reservation verlassen. Plündernd durchstreiften sie ihre alte Heimat, das Land der erloschenen Vulkane und felsigen Spitzen - kahl und schwer zugänglich für den weißen Mann mit seinen Wagen und Maultieren.

„Glauben Sie, dass sich dort oben welche versteckt halten?“, fragte Captain Shatner seinen Scout. Shatner war ein großer, gertenschlanker Bursche, mager und hellhäutig, mit ernsten blauen Augen. Seine Uniform saß ihm wie angegossen, und er war so stolz auf sie, dass er sich trotz der drückenden Hitze nicht entschließen konnte, den gelb besetzten Umhang abzulegen.

„Wie sollten sie hinaufgekommen sein?“, erwiderte Chaco. „Die Höhlen sind vom Canyon aus nicht zugänglich.“

„Vielleicht gibt es andere Zugänge“, sagte Shatner.

„Vielleicht ...“ Chaco dachte eine Weile nach. Dann vollführte er eine abwehrende Geste mit der Hand.

„Und selbst wenn es ist einfach nicht die Art der Apachen, aus dem Hinterhalt anzugreifen, wenn sie nicht sofort zu ihrer Beute können. Es gäbe tausend bessere Stellen für einen Überfall als diese hier. Die Apachen sind auf schnelle Beute aus.“

Shatner zögerte. Seine Augen hinterließen einen unglücklichen Eindruck. „Und wenn - und wenn sie uns nur so überfallen würden - ich meine, nur um uns zu töten?“

„Damit muss man natürlich rechnen“, erwiderte Chaco. „Trotzdem glaube ich, dass sie uns vorerst einmal in Ruhe lassen werden. Sie sind hungrig. Die Essenrationen aus der Reservation werden ihnen inzwischen fehlen. Die Farmer sollten sich vor ihnen in Acht nehmen.“

Shatner blickte seitlich am Hals seines Pferdes hinunter auf den Boden. Die schweren, eisenbeschlagenen Räder des Schlutter-Wagens, der keine fünf Yards vor ihm von drei Maultiergespannen gezogen wurde, hinterließen weißliche Kratzspuren auf dem steinigen Grund. Die Räder knirschten, und die Tiere schnaubten.

„Gehen Sie!“, sagte Chaco. „Beruhigen Sie Ihre Männer! Bis zu James Freemans Farm ist es nur noch eine Meile.“

Shatner warf Chaco einen unsicheren Blick zu, gab seinem Pferd die Fersen und trieb es vor zu Sergeant Wheeler, der die Zügel des Maultiergespanns in seinen mächtigen Pranken hielt. Chaco blieb am Ende der kleinen Kolonne und beobachtete, wie Captain Shatner auf seine Untergebenen einredete.

Es handelte sich um ein kleineres Kommando. Zwei Mann ritten an der Spitze, zwei flankierten den Wagen, und Chaco bildete mit Shatner für den letzten Rest des Weges durch den Canyon die Nachhut. Gegen Mittag sollten sie James Freemans Farm erreicht haben. Dort würde sie Colonel Edwards erwarten, der Kommandant von Fort Tonto, um sie den Rest des Weges mit einer Eskorte zu begleiten. Shatner hatte um diese Verstärkung gebeten, denn er traute den Indianern nicht, und der Schlutter-Wagen enthielt tausend brandneue Winchester - in zwanzig Holzkisten zu je fünfzig Gewehren gestapelt und durch eine Segeltuchplane gegen den Staub geschützt.

Shatner hatte Chaco in einem kleinen Nest namens Escarcega aufgetrieben, wo das Halbblut gerade nach Arbeit suchte. Für zweihundert Dollars hatte er sich bereit erklärt, den Waffentransport durch das Apachengebiet nach Fort Tonto zu führen. Die regulären Armee-Scouts waren von Shatners Kommando weggelaufen, nachdem sie von dem Ausbruch aus dem Reservat erfahren hatten.

Shatner redete noch immer zu seinen Männern. Inzwischen war er bei den Spitzenreitern angelangt. Der Canyon verjüngte sich immer mehr, und die Wände warfen einen angenehm kühlenden Schatten auf den hitzegeladenen Felsboden. Chaco trieb sein Pferd vor zu Shatner.

„Ist irgendetwas?“, fragte der Junge nervös.

„Gar nichts“, erwiderte Chaco beruhigend. „Ich schlage nur vor, dass wir zwei wieder die Spitze übernehmen. Wir sind gleich da.“

„In Ordnung. - Cooper, Wylie.“ Shatner deutete mit seiner Kinnspitze über die rechte Schulter, und die beiden Spitzenreiter setzten sich nach hinten ab.

„Sie kennen Freeman?“, fragte Chaco den jungen Captain.

„Nur dem Namen nach“, erwiderte Shatner. „Edwards schlug die Farm als Treffpunkt vor.“

Etwa fünfzig Yards vor ihnen liefen die beiden Wände des Lautrec Canyons zusammen und bildeten einen schattigen Winkel. Am Fußende befand sich ein Durchbruch, den das Wasser in Millionen von Jahren ausgewaschen hatte.

„Hinter dem Loch liegt Freemans Farm“, sagte Chaco. „Im Redondo-Tal.“

„Kennen Sie ihn denn?“, fragte Shatner.

„Aus der Ferne“, sagte Chaco. „Er mag keine ...“

„... Indianer?“, fiel ihm Shatner ins Wort.

Chaco warf ihm einen gleichgültigen Blick zu. „Erraten.“

„Ich werde mit ihm darüber reden“, sagte Shatner entschlossen.

„Das ist Ihr Problem“, erwiderte Chaco. Er zügelte seinen Morgan-Hengst kurz vor dem Durchbruch und sprang ab. Vor seinen Füßen befand sich eine Feuerstelle. Er bückte sich.

„Halt!“ Shatner streckte den Männern hinter sich die gespreizte Hand entgegen. Dann wandte er sich wieder an Chaco. Erwartungsvoll blickte er ihn vom Pferd an.

Chaco hatte die Aschenreste zwischen seinen Fingern zerdrückt. Er griff nach einem verkohlten Knochen und erhob sich.

„Und?“, fragte Shatner ungeduldig.

„Apachen“, sagte Chaco gelassen. „Vor zwei Tagen. Vielleicht vor drei. Dies ist ein Hundeknochen.“ Er zerbrach den Knochen zwischen zwei Fingern und warf ihn zurück zwischen die auffliegenden Aschenreste.

„Sie essen Hunde?“, fragte Shatner ungläubig.

„Hat man ihnen das auf Westpoint nicht beigebracht?“, fragte Chaco mit verhaltenem Grinsen. „Sie sollten’s mal probieren. Es gibt Situationen, in denen ein Hund die feinste Delikatesse der Welt ist.“

Shatner verzog angeekelt sein Gesicht.

„Wie viele waren es?“, fragte er dann.

„Nicht viele“, erwiderte Chaco. „Höchstens vier. Freeman wird mehr darüber wissen. Ich vermute, dass sie seine Farm von hier aus beobachtet haben.“

„Dann ist er ...“ Shatner traute sich für eine Weile nicht weiterzureden. „... vielleicht tot?“ Die letzten Worte flüsterte er beinahe.

„Wir werden es herausfinden“, sagte Chaco und zog sich in den Sattel seines Morgan-Hengstes. Dann trieb er das Tier vorsichtig in die kühle Öffnung des Durchbruchs.

„Weiter!“, rief Shatner den Soldaten über die Schulter zu und schloss dann zu Chaco auf.

Ächzend setzte sich der Schlutter-Wagen mit den Gewehren in Bewegung. Wheeler feuerte die trägen Maultiere von seinem Kutschbock aus an und schlug mit den verlängerten Enden der Zügel auf ihre schweißglänzenden Kruppen. Nach weniger als zehn Yards ritt Shatner neben Chaco wieder ins Freie. Sie hielten ihre Pferde auf einem Vorsprung an und blickten hinunter.

Der Durchbruch mündete am unteren Ende der zusammengeschlossenen Steilwände des Lautrec Canyons ins Redondo-Tal. In drei sanften Serpentinen wand sich der Trail auf die grasbewachsene Sohle hinunter. Das Tal war nicht besonders groß und von rötlichen Felsen umragt, deren obere Enden in bizarre Türmchen ausliefen. Nach Norden hin ging es in die Kreosot-Ebene von Fort Tonto über, am Südende befand sich eine schmale Öffnung in Richtung Mexiko.

„Gott sei Dank“, sagte Shatner. „Freeman lebt.“ Er wies auf das kleine Blockhaus in der Mitte des Tals. Es stand im Schatten einiger Cottonwoods. Am Holm vor der Veranda waren fünf Pferde festgemacht. Drei von ihnen trugen Armeesättel. Soeben traten Männer ins Freie, legten die Hand über die Augen und blickten zu Chaco und Shatner hinauf.

„Es sind nur drei Soldaten“, sagte Shatner verwundert. „Edwards hatte mir eine Eskorte versprochen.“

„Vorsicht!“, dröhnte es in seinem Rücken.

Chaco und Shatner trieben ihre Pferde einige Schritte den Trail hinunter, und hinter ihnen polterte Wheeler mit den Gewehren aus der Öffnung des Durchbruchs.

„Sie winken!“ Shatner winkte zurück. „Wann werden wir unten sein?“, fragte er.

„In circa fünfzehn Minuten“, erwiderte Chaco.

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James Freeman war ein gedrungener, muskelbepackter Mann. Ein zottiger, dünner Bart verdeckte die Hälfte seines Gesichts. Seine Nase war spitz und seine Augen grau und stechend. Drei Skalps baumelten von seinem Gürtel vor der schmutzigen Hose. Indianerskalps.

„Der Indianer kommt mir hier nicht rein“, sagte er und stieß die Doppelläufe seiner Parker in Richtung Chaco.

Er stand am Staketenzaun vor seinem Haus - breitbeinig, fast grinsend. Seine linke Hand spielte mit den Skalps.

„Hören Sie, Mister Freeman“, sagte Shatner. „Mister Chaco ist unser Scout.“ Er stieg von seinem Pferd und legte seine Hand auf den Zaun. „Er ist doch genauso ein Mensch wie.“

„Kommen Sie rein, junger Mann!“, unterbrach ihn Freeman kichernd. „Kommen Sie ruhig rein! Es wird Ihnen nichts passieren. Nur der Indianer bleibt draußen.“

„So verstehen Sie doch, Mister Freeman ...“

„Schon gut, James“, erklang eine sonore Stimme in Freemans Rücken, und ein alter Mann trat an den Zaun. „Das Halbblut ist unser Scout.“ Er war rotgesichtig und hatte gelbliche, rissige Hände. Die Streifen auf seinem aufgeknöpften Armeerock wiesen ihn als Colonel aus. Unter einer fleckigen Bluse wölbte sich sein Bauch über dem Hosenbund.

„Colonel Edwards ...?“, fragte Shatner zögernd.

„Richtig, mein junger Freund“, sagte der Rotgesichtige träge. „Und Sie sind Captain Shatner, wie? Alles glattgelaufen?“

„Jawohl, Sir. Keine Feindberührung bis jetzt.“ Shatner salutierte.

„Rühren Sie sich, mein junger Freund, rühren Sie sich!“, sagte Edwards nervös. „Bloß nicht zu viel Förmlichkeiten.“

„Jawohl, Sir.“ Shatner stand bequem.

„So ist’s schon besser.“ Edwards legte seine Hand auf Freemans Schulter, und dieser senkte seine Flinte.

„Sir?“ Shatner trat verlegen von einem Fuß auf den anderen. „Erlauben Sie mir eine Frage.“

„Fragen Sie, junger Freund.“

„Ich erwarte eine Eskorte von mindestens fünfzehn Männern mit Ihnen. Warum sind Sie nur mit zweien gekommen? Die Apachen sind auf dem Kriegspfad. Unsere Waffen wären ein gefundenes Fressen für sie.“

Edwards vollführte eine wegwerfende Geste mit der Rechten.

„Captain - haben Sie bis jetzt Schwierigkeiten mit Indianern gehabt?“

„Nein, Sir. Aber ...“

„Kein Aber. Sie sind wie unser guter James hier.“ Er rüttelte Freeman an der Schulter. „Er sieht auch überall Gespenster. Glauben Sie mir, die Ge...“ Ein plötzliches Rülpsen unterbrach seine Worte. Er hustete ein paar Mal und spuckte aus. „Entschuldigung.“

Shatner blickte betreten zu Boden. Edwards holte rasselnd Luft.

„Die Apachengefahr wird bei weitem übertrieben. Sie kommen von der Militärakademie, mein Junge. Was wissen Sie schon über die Gefahren des Westens?“ Edwards legte eine Pause ein, um Luft zu holen.

Ein dumpfes, klatschendes Geräusch ertönte von der Hinterfront des Schlutter-Wagens. Wheeler lief, um nachzusehen.

„Verdammt!“, erklang seine Stimme hinter dem Wagen, und er kam mit einem Pfeil in der Rechten wieder zum Vorschein. „Den hab ich eben rausgezogen.“

Shatner blickte Edwards mit verstohlenem Triumph in die Augen. Der Colonel drehte sich ärgerlich zur Seite.

Chacos Kopf hatte sich sofort zum oberen Rand der Ostwand erhoben. Sein Blick suchte zwischen den Felstürmen. Gegen das gleißende Sonnenlicht erkannte er eine Gruppe von drei Indianern. Sie wirkten starr und leblos, als wären sie selber aus Stein.

Ein Schuss detonierte. Dann noch einer.

„Verdammte Bastarde!“, kreischte Freeman. „Wagt euch nicht noch einmal zu mir herunter!“

Chaco fuhr herum.

Der kleine Mann hatte seine Schrotflinte abgefeuert und schwenkte jetzt die Skalps in seiner Rechten über dem Kopf.

„Seht her, was ich mit den anderen Viehdieben angestellt habe!“

Edwards fiel ihm in die Arme.

„Beruhige dich, James. Mit einer Schrotflinte kannst du hier gar nichts ausrichten. Sie sind zu weit weg.“

Chaco blickte nochmals hinauf. Die Indianer waren verschwunden.

„Da! Sie haben sich in ihre Löcher verkrochen, diese Ratten!“, rief Freeman triumphierend.

„Wir gehen besser ins Haus“, sagte Edwards.

„Können wir rein?“, fragte Shatner.

„Kommen Sie!“ Edwards öffnete das Tor.

Die Kolonne setzte sich in Bewegung. Als sie den Hauptraum des Blockhauses betraten, sprangen zwei Soldaten in aufgeknöpften Uniformen von einem Holztisch auf. Einer von ihnen hielt ein halbgefülltes Whiskeyglas in der Hand, der andere hatte seins rechtzeitig abstellen können und torkelte leicht. Auf dem Tisch standen zwei weitere Gläser und eine halbleere Flasche.

„Kathy!“, rief Edwards. „Wir haben Besuch bekommen! Bring noch ein paar Gläser!“

Am Ende des Raums wurde ein Jutevorhang zurückgeschlagen, und eine junge Frau erschien. Sie hatte weizenblondes Haar, das zurückgebunden war. Die Augen waren hellblau. Sie war barfuß und trug ein weißes Baumwollkleid. Im nächsten Moment hatte sie einen Haufen Gläser aus einer wackeligen Anrichte auf den Tisch gezaubert und begann, sie aus der Flasche zu füllen. Edwards griff nach seinem Glas.

„Übrigens“, sagte er zu Shatner und wies auf die beiden Soldaten, „darf ich vorstellen? Private Biggs und Soldat Olson. Sie werden zusammen mit mir den Transport nach Fort Tonto geleiten.“ Er kippte den Whiskey mit einem Zug hinunter. „Was ist, Captain? Trinken Sie nicht?“

„Nicht im Dienst“, erwiderte Shatner frostig.

Edwards zuckte mit den Schultern und griff nach einem zweiten Glas.

„Auf Ihr Wohl!“ Seine Augen wirkten verschwommen. „Und auf das der Army!“

Shatner schaute geniert beiseite. Er suchte nach irgendeinem Thema, um von seiner Verlegenheit abzulenken.

„Mister Freeman“, begann er schließlich. „Wir haben am Durchbruch des Lautrec Canyons die Reste eines Apachenlagerfeuers gefunden. Sind Sie in letzter Zeit irgendwie belästigt worden?“

„Sie haben es versucht.“ Der Alte grinste hässlich. „Vorgestern Nacht habe ich drei von den Brüdern in meinem Hühnerstall aufgespürt. Aber ich hab’s ihnen gezeigt.“ Er streichelte den Lauf seiner Flinte. „Das ist alles, was von ihnen übriggeblieben ist.“ Er deutete auf die Skalps an seinem Gürtel.

„Und das nur, weil sie ein paar Hühner stehlen wollten?“ Shatner war vor Erstaunen der Mund aufgeklappt. „Haben Sie sie zumindest anständig beerdigt?“

Freeman spuckte verächtlich aus.

„Meine Schweine haben dafür gesorgt. Sie hätten mal sehen sollen, wie ...“

„Genug davon!“, unterbrach ihn Shatner.

„Man muss diese Burschen ein für allemal abschrecken“, murmelte Freeman trotzig. „Bei mir lässt sich keiner mehr sehen.“

„Sie fürchten nicht, dass sie sich an Ihnen rächen werden?“, fragte Shatner.

„Sie sollen es nur wagen.“ Freeman stieß den Lauf seiner Flinte vor. Er war die Selbstsicherheit in Person.

Eine peinliche Pause entstand. Chaco betrachtete die junge Frau, die die ganze Zeit über mit dem Rücken an die Wand gelehnt stand. Aufgeregt musterte sie die Gesichter der vielen Fremden. Anscheinend gab es selten Besuch hier draußen. Sie warf Chaco einen kurzen Blick zu, und der Schatten eines Lächelns huschte über ihr Gesicht. Dann blickte sie in Richtung Shatners, der sie erst jetzt richtig zu bemerken schien. Er errötete leicht und zeigte sich irgendwie überrascht.

„Wer ist die Frau?“, fragte er Edwards fast flüsternd.

„Das ist Kathy“, brummte der Colonel. „James’ Tochter.“

Shatner schritt auf sie zu und schlug die Hacken zusammen.

„Ich bin entzückt, Sie kennenzulernen, Miss Freeman. Darf ich mich vorstellen? Captain Herman Shatner.“ Er griff nach ihrer Hand, beugte sich vor und drückte einen Kuss darauf. Verwirrt zog Kathy ihre Hand zurück und verschwand hinter dem Jutevorhang.

Edwards lachte röhrend und kippte einen weiteren Whiskey hinunter.

„Wir sind hier nicht in Boston oder New York, junger Freund. Mit Ihren feinen Sitten werden Sie unsere Mädchen nur verwirren.“

Jetzt platzte auch Private Biggs mit seinem Lachen heraus.

„Bestimmt denkt Sie, es war etwas Unanständiges.“

Alle außer Chaco fielen in das Lachen ein.

„Schluss jetzt!“, rief Shatner mit unerwartet schneidender Stimme. „Es wird Zeit für uns, aufzubrechen.“ Er schritt auf Freeman, der sich am Tisch niedergelassen hatte, zu und blickte ihm starr ins Gesicht.

„Mister Freeman“, begann er, „in Anbetracht der besonderen Gefahr, in die Sie sich und Ihre Tochter durch Ihr unüberlegtes und voreiliges Handeln gebracht haben, muss ich Sie im Interesse Ihrer eigenen Sicherheit - und der Ihrer Tochter natürlich - ersuchen, mit uns nach Fort Tonto zu kommen. Ich bin sicher, Sie werden dort ein vorübergehendes Unterkommen finden, bis die unmittelbare Gefahr vorüber ist - nicht wahr, Colonel Edwards?“

Edwards nickte träge. „Von mir aus.“

Freeman starrte den jungen Soldaten für einige Sekunden verblüfft an. Dann wurden seine Augen plötzlich zu kleinen Schlitzen.

„Damit Sie ungestört an ihr rumfummeln können, was?“, stieß er hervor.

Shatner wurde rot im Gesicht. „Ich versichere Ihnen, Sir“, stotterte er, „ich habe nie ...“

„Ich habe Sie gleich durchschaut“, unterbrach ihn der jähzornige Alte. „Sie - Sie Indianerfreund! Bis jetzt hab ich noch sehr gut alle meine Interessen wahrnehmen können - und die meiner Tochter! Machen Sie, dass Sie hier rauskommen! Ich kann selber auf uns aufpassen!“ Er holte mit der Flinte aus und wollte Shatner, der wie gelähmt vor ihm stand, den Schaft vor die Brust schlagen. Aber Chaco riss ihm die Waffe aus der Hand und schleuderte sie in die Ecke.

„Dreckiger Indianer!“ Freeman fummelte an seinem Stiefel, um ein Messer daraus hervorzuziehen. Chaco traf ihn an der Kinnspitze, und samt Stuhl ging er bewusstlos zu Boden. Shatner schüttelte seine Benommenheit ab.

„Wir gehen“, sagte er kurz angebunden.

„Das wird wohl das Beste sein“, sagte Colonel Edwards und stöhnte, während er in Richtung Chaco blickte.

Shatner wagte es nicht mehr, einen zweiten Blick auf Kathy zu werfen, die hinter dem Vorhang vorgestürzt war und sich über ihren Vater beugte. Er fürchtete, es könnte falsch verstanden werden.

Angstvoll schaute das Mädchen zu dem Halbblut auf, und Chaco wusste, dass es zwecklos war, sie jetzt noch zum Mitkommen zu überreden.

Ungeduldig rief Edwards die Männer nach draußen. Die Whiskeygläser auf dem Tisch waren alle geleert.

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Die Sonne stand tief am westlichen Horizont. Die Konturen von Fort Tonto tanzten im flirrenden Hitzehauch des Zephir in der Ferne. Weiter westlich lagen - wie schwarze Punkte - die Häuser von Esquerilla. Der Staub drang durch die Kleidung auf die Haut und brannte in den Augen. Die Männer hatten ihre Halstücher vor den Mund gebunden.

„Sie werden einen Bericht über uns schreiben?“, fragte Edwards, der neben Shatner ritt.

„So lautet mein Auftrag“, erwiderte der Captain.

„Ich hoffe, dass Sie der erste Eindruck nicht trügt.“ Der Colonel hustete. „Warten Sie erst, bis Sie den Empfang sehen, den wir Ihnen in Tonto bereiten!“

„Einen Empfang? Sie haben sich wegen mir doch keine extra Umstände gemacht?“, fragte Shatner unbehaglich.

„Nichts Besonders. Warten Sie erst mal ab!“, sagte Edwards geheimnisvoll.

„Eine Frage, Colonel: Man sagte mir, dass die Apachen Waffen in die Hände bekommen haben. Wer hat sie ihnen verkauft?“

„Padilla, vermute ich.“

„Padilla?“

„Er hält sich hauptsächlich in Mexiko auf. Früher war er Revolutionär und versuchte, den Präsidenten zu stürzen. Heute raubt er seine Landsleute aus. Manchmal dringt er auch auf unser Gebiet vor, denn in Mexiko gibt’s nicht immer viel zu holen. Wir sind ein paarmal gegen ihn ausgerückt, aber er zieht sich zu schnell wieder zurück. Was kann man da machen?“

„Padilla“, murmelte Shatner für sich. „Ich frag mich, ob er von unseren Gewehren weiß.“

„Wie sollte er?“, fragte Edwards spöttisch.

„Die Indianer könnten es ihm gesagt haben. Sie haben uns beobachtet. Sie haben sie heute gesehen.“

„Das glaube ich nicht“, sagte Edwards ungeduldig. „Hören Sie mir bitte einmal gut zu, Captain! Sie haben in Westpoint vielleicht eine Menge guter und nützlicher Theorie gelernt, aber hier draußen können Sie die vergessen. Hier zählt die Erfahrung. Und Erfahrung habe ich weiß Gott. Wissen Sie eigentlich, wie lange ich schon in diesem verdammten Höllenloch hier schmore?“

„Wie lange, Sir?“

„Ach - das würden Sie doch nicht verstehen“, sagte Edwards ärgerlich. „Ich habe die Nase auf jeden Fall gestrichen voll. Entschuldigen Sie mich jetzt bitte.“ Er ritt ein paar Schritte voraus, um allein zu sein. Shatner ließ sich zurückfallen auf die Höhe des Schlutter-Wagens, den Chaco jetzt lenkte. Sergeant Wheeler saß neben ihm und döste.

„Ich mache mir Sorgen um sie“, sagte Shatner und starrte vor sich auf den Boden.

„Kathy?“, fragte Chaco.

Shatner nickte.

„Es gibt nichts, was Sie für sie hätten tun können.“

Shatner schwieg. „Sie erinnert mich an jemanden“, sagte er nach einer Weile. „Warten Sie!“ Er kramte in seiner Uniformjacke und zog ein kleines, goldgerahmtes Porträt hervor, das er Chaco reichte. „Ruth Brown - meine Verlobte.“

Die Frau auf dem Photo ähnelte Kathy Freeman tatsächlich, nur war sie besser gekleidet und frisiert und wirkte irgendwie berechnender. Aber Chaco wollte Shatners Illusionen nicht zerstören.

„Ich darf doch?“ Wheeler griff nach dem Foto, und Chaco überließ es ihm. Der Sergeant stieß einen anerkennenden Pfiff aus.

„Sie hätten sie bestimmt jetzt gerne hier, was Captain?“

Shatner nickte traurig.

„Ich hätte meine Bessie auch gerne bei mir.“

„Aber für eine Frau ist es eben zu hart hier draußen“, sagte Shatner.

„Ich glaube, Bessie würde sich hier sehr wohlfühlen.“

„Trotz der Hitze?“

„Die macht ihr gar nichts aus. Sie würde den ganzen Tag rumhetzen und Hasen jagen. Ich hätte nur Angst, dass sie mir von einer Klapperschlange gebissen wird.“

„Kann Ihre Frau denn mit einem Gewehr umgehen?“, fragte Shatner erstaunt.

„Meine Frau? Bessie ist mein Hund.“

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Sie erreichten Fort Tonto in der Dämmerung. Chaco lenkte den Wagen durch das Palisadentor über die Lagerstraße auf den Exerzierplatz. Der Magazinverwalter kam schlaftrunken aus seiner Unterkunft, nachdem Edwards ihn mehrere Male gerufen hatte. Er nahm Chaco die Zügel ab und kümmerte sich um die Gewehre. Captain Shatner sah sich auf dem Exerzierplatz um. Die Außenfront der ihn umgebenden Baracken war mit Lampions verziert, und ein sommersprossiger Soldat befestigte soeben brennende Kerzen darin.

„Darf ich Sie zu mir bitten?“ Colonel Edwards wies mit seiner rechten Hand auf ein Holzhaus mit Veranda, von dessen Dach die US-Flagge wehte. Chaco begab sich mit Shatner auf den Weg, während die übrigen Soldaten Biggs und Olson in die Mannschaftsunterkünfte folgten.

Mehrere Soldaten schleppten Tische auf den Exerzierplatz, auf denen unzählige Gläser klirrten. Die Sonne war untergegangen, und nur noch das flackernde Licht der Lampions erhellte den festgetretenen Lehmboden.

„Wir haben uns erlaubt, ein kleines Fest für Sie zu geben“, sagte Edwards und rückte Shatner einen Stuhl auf der Veranda zurecht. „Seely muss bald eintreffen.“ Er zog eine goldene Taschenuhr aus der Jacke und ließ den Deckel aufspringen.

„Seely?“

„Seely Johnson. Unser Marketender. Er bringt die Getränke und andere kleine Überraschungen.“ Edwards grinste geheimnisvoll. „Aber setzen Sie sich erst mal, Captain! Sie müssen verdammt müde sein.“

„Es geht, Colonel. Ich hätte gerne vorher die Mannschaft begrüßt.“

„Ganz wie Sie wünschen“, sagte Edwards und ließ nach dem Trompeter rufen.

Nach langem Hin und Her war der Mann endlich aufzutreiben und blies zum Sammeln. Stückweise tauchten die Soldaten auf dem Paradeplatz auf. Es dauerte einige Zeit, bis jeder seinen richtigen Platz gefunden hatte, und selbst dann noch wirkte der Haufen völlig durcheinander. Shatner erhob sich von seinem Stuhl und zog sich die Jacke glatt.

„Männer“, begann er, „ich weiß, dass das Leben hier draußen sehr hart für euch sein muss. Ich werde das auf jeden Fall dem Verteidigungsminister in Washington gegenüber herausstreichen, wenn ich meinen Bericht abliefere. Trotzdem finde ich, dass ihr euch ein bisschen mehr am Riemen reißen könntet. Vor allem, wo die Apachen jetzt ...“ Weiter kam er nicht.

Das Palisadentor flog auf, und laut johlend lenkte ein kahlköpfiger Zwerg einen Planwagen in den Hof. Sofort stürzten die Männer aus ihrer Formation und rannten auf den Wagen zu. Die ersten sprangen bereits auf die Ladefläche. Gekreische wurde laut, und sie zerrten bunt aufgetakelte Mädchen ins Freie. Andere wuchteten Kisten mit Whiskey und Wein auf den Hof. Der Zwerg sprang ab und humpelte auf das Haus des Colonels zu.

„Na, Edwards?“, rief er schon von weitem. „Hab ich zu viel versprochen?“ Keuchend hievte er sich auf die Veranda. „Der Spaß kostet allerdings mindestens zweihundert Dollar. Für eine Nacht  versteht sich.“

„Du wirst schon auf deine Kosten kommen, Seely“, sagte der Colonel hastig und warf einen ermunternden Seitenblick auf Shatner. „Und Sie, Captain, hoffe ich, auch ...“

Shatner starrte wie gelähmt auf den Hof.

„Ich - ich bin verlobt“, sagte er eher aus Verlegenheit.

Ohne dass Shatner es sehen konnte, verzog Edwards den Mund.

„Deswegen werden Sie doch wohl hoffentlich ein Gläschen Punsch mit mir trinken können?“, sagte er mit zynischem Unterton. Der Koch schleppte gerade eine Karaffe voll auf die Veranda.

„Ein Gläschen schon“, sagte Shatner und setzte sich. „Aber dabei bleibt es.“

„Seien Sie doch nicht so griesgrämig, Captain! Heute Abend wollen wir feiern.“

„Vielleicht wäre es ganz gut, wenn Sie trotzdem das Tor schließen ließen, Colonel“, warf Chaco ein.

„Das Tor - ach so!“ Edwards rief mehrere Male in die wild durcheinanderlaufenden Männer hinunter, bis sich endlich jemand fand, der die Torflügel zuwuchtete.

Edwards verschwand mit dem Marketender in seinem Haus, um ihm die zweihundert Dollar auszuzahlen.

„Wann soll ich Sie ausbezahlen?“, fragte Shatner Chaco. „Wann wollen Sie weiter?“

„Wenn es geht, würde ich heute ganz gern hier übernachten. Morgen früh zieh ich weiter. Am besten zahlen Sie mich dann aus.“

„Das wird sich machen lassen.“ Shatner nickte für sich selbst und schien in eine Art Verzweiflung gestürzt. „Ich wünschte, sie würden die Gefahr ernster nehmen.“

„Zumindest könnten einige Wachen aufgestellt werden“, sagte Chaco. „Ich habe niemanden auf den Palisadengängen entdecken können.“

Shatner ging über den Hof, um sich zu überzeugen. Dann lief er zurück auf die Veranda. „Tatsächlich! Ich werde Colonel Edwards sofort darauf hinweisen.“

Er klopfte mehrmals an die Tür des Hauses und trat, da ihm niemand antwortete, kurz entschlossen ein. Die Männer im Hof hatten untereinander ein Wettrennen vereinbart. Jeder sollte auf seinem Rücken ein Mädchen tragen. Aufgeregt durcheinanderredend schob sich die Menge auf Colonel Edwards Haus, den Startpunkt, zu. Ziel war das Tor. Die ersten Männer hatten sich bereits ihre Mädchen aufgeladen. Andere versuchten es immer wieder. Sie brachen entweder zusammen, oder die Mädchen stellten sich zu ungeschickt an und fielen auf den Boden. Dabei kreischten sie jedes Mal laut auf. Ununterbrochen gingen die Whiskeyflaschen herum. Die Stimmung wurde immer ausgelassener. Ein Mädchen stieß einen Soldaten beiseite, der besoffen am Boden lag und sich ihren Rock über den Kopf gezogen hatte. Zwei andere gerieten wegen eines Ohrrings aneinander, den sie am Boden gefunden hatten, und die eine riss ihrer Rivalin das halbe Kleid vom Leib. Das Mädchen mit dem halben Kleid lief jammernd über den Hof. Sie suchte Seely Johnson, um sich bei ihm zu beschweren. In der Mitte des Exerzierplatzes brach sie zusammen. Niemand außer Chaco schien den Pfeilschaft zu bemerken, der neben ihrer Wirbelsäule aus dem Rücken ragte.

Chaco wich in den schützenden Schatten des Verandadachs zurück. Seine Augen suchten den Wehrgang über den Palisaden ab. Für Sekunden konnte er Schatten erkennen, die sich aber blitzschnell wieder wegduckten.

Schreiend stob die Menge auseinander. Drei Männer und zwei Mädchen lagen plötzlich mit Pfeilen in der Brust im Staub. Eines der Mädchen versuchte noch, die Hand an den Pfeil zu heben, aber sie erstarrte mitten in der Bewegung, und ihre Hand fiel zurück auf den festgestampften Lehmboden.

Chaco feuerte.

Einer der Schatten torkelte und stürzte auf den Paradeplatz. Er hatte ein dunkles Gesicht, schrägstehende schmale Augen, strähniges, langes Haar und ein handbreites Baumwolltuch um die Stirn - ein Apache.

Die Tür hinter Chaco flog auf. Das Gesicht von Colonel Edwards tauchte kurz auf und war im nächsten Moment wieder verschwunden. Shatner sprang neben Chaco in den Schatten. Er hielt seinen Army-Colt in der Rechten.

„Was ist los?“, stieß er hervor.

„Apachen“, sagte Chaco kurz. „Chiricahuas. Ich habe nicht mehr als sechs zählen können. Wir müssen sie aus den Wehrgängen vertreiben.“

„Wie ist es möglich, dass so eine kleine Gruppe es wagt ...“

„Sie werden den Mädchentransport gesehen haben. Die Apachen sind nicht dumm. Wahrscheinlich wissen sie besser, wie es um Tonto steht als Edwards.“

Die meisten Soldaten waren vom Exerzierplatz verschwunden. Einige wenige feuerten blindlings mit ihren Colts in die Nacht und hielten die Mädchen als Schutzschilder vor sich gepresst.

„Nehmen Sie den Westaufgang“, sagte Chaco. „Ich nehme den neben dem Tor.“

Shatner nickte krampfhaft und begab sich auf den Weg. Chaco sprang von der Veranda und lief geduckt in den Schatten der Lagerstraße. Immer wieder musste er Männern ausweichen, die besoffen am Boden schnarchten. Der Hahn eines Colts klickte hinter ihm.

„Hab ich dich endlich, verfluchter Apache!“, lallte eine Soldatenstimme.

Chaco wirbelte herum. Er konnte den Schuss nicht mehr verhindern. Er streifte ihn am Oberarm und riss das Hemd auf. Der Rückschlag riss dem Betrunkenen die Waffe aus der Hand. Chaco brauchte ihn nur leicht anzutippen, und er fiel zu Boden. Die Wunde brannte. Chaco biss die Zähne zusammen und kämpfte sich zur Holztreppe des Palisadenaufgangs neben dem Tor vor. Vorsichtig schlich er die knarrenden Stufen hinauf. Unendlich langsam schob er seinen Kopf durch die Lukenöffnung im Wehrgangboden. Nichts war zu sehen. Er schwang sich geräuschlos auf die Bretter und lief geduckt auf den östlichen Wachturm zu. Dann fiel ihm das Hanfseil auf. Es war um einen der Dachpfosten des Wachturms geschlungen und endete zwischen einigen Kreosotsträuchern vor den Palisaden. Er blickte hinaus in die Ebene. In etwa dreihundert Yards Entfernung ritten sie. Es waren fünf, und sie zogen ein leeres Pony hinter sich her.

Chaco legte auf die Apachen an, aber er versagte sich den Schuss. Sie waren bereits zu weit entfernt.

Er hörte Schritte in seinem Rücken. Shatner.

„Nicht schießen!“, flüsterte er. „Ich bin’s.“

Der Captain steckte seinen Colt weg und blieb neben Chaco stehen.

„Ich habe niemand entdecken können“, sagte er.

„Da hinten.“ Chaco zeigte hinaus auf die Ebene. Shatner fluchte.

„Vielleicht ist es besser so“, sagte Chaco. „Wenn sie geblieben wären, hätten sie womöglich noch das Fort übernommen.“

„Sie sind verwundet!“ Shatner erschrak beinahe.

„In Esquerilla soll es einen Arzt geben“, sagte Chaco. „Es ist nur eine Fleischwunde.“

„Captain Shatner! Captain Shatner!“ Es war der Bass von Wheeler, der über den Paradeplatz dröhnte. „Kommen Sie schnell ins Magazin!“

„Hier geht’s lang.“ Chaco riss den Jungen zurück, der einige Schritte in Richtung Westabgang gerannt war. „Oder wollen Sie einen Umweg machen?“

Shatner folgte Chaco zur Treppe neben dem Tor.

„Gehen Sie schon vor!“ Chaco lief zurück zum Wachturm und kappte das Enterseil der Apachen mit seinem Bowiemesser. Als er vor dem Magazin ankam, sah er Shatner und Wheeler auf der Ladefläche des Schlutter-Wagens stehen. Die Planen waren weggezogen und eine der Kisten aufgerissen.

„Es fehlen fünf Gewehre“, sagte Wheeler. „Außerdem haben sie drei Päckchen Munition mitgehen lassen.“

„Jetzt wissen sie also von den Waffen“, sagte Shatner. „Das hier ist der Beweis. Ich hoffe, Edwards wird den Ernst der Lage endlich begreifen.“

„Wo ist er überhaupt?“, fragte Wheeler.

„Wahrscheinlich hält er sich unter seinem Schreibtisch versteckt“, sagte Shatner spöttisch und wunderte sich sogleich über seine plötzliche Respektlosigkeit gegenüber dem Vorgesetzten.

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5

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Die wenigen Häuser von Esquerilla waren aus Adobelehm gebaut und ordneten sich sternförmig um die Plaza, an der auch der Saloon lag. La Peseta Loca stand über dem Eingang, und das Gebäude fungierte zugleich als Hotel. Chaco schlang die Zügel seines Morgan-Hengstes um den Haltebalken und schritt auf den Eingang zu. Er zerteilte den Lederschnürenvorhang mit seiner Linken und musste sich beim Eintreten bücken, um nicht mit dem Kopf anzustoßen.

Er war der einzige Gast. Der Wirt, ein rundlicher Mexikaner, schreckte aus einer Art Halbschlummer hoch und begann, wie eine aufziehbare Puppe mit einem Putzlappen seine Theke zu wischen, die aus einem Brett über zwei Fässern bestand. Nachdem er das eine Weile getan hatte, blickte er - scheinbar uninteressiert - zu Chaco auf.

„Was es darf sein, Senor?“

„Wo gibt’s hier einen Arzt?“, fragte Chaco.

„Ah - Senor haben Schwierigkeiten und suchen eine Arzt. Aber vielleicht Senor erzählen Pedro seine Schwierigkeiten zuerst? In Peseta Loca schon manche Kranke wieder gesund geworden.“ Und mit einer geheimnisvollen Geste zeigte er auf die bunte Flaschenmischung in seinem Rücken.

„Ich brauche keinen Quacksalber, sondern einen richtigen Arzt“, sagte Chaco. „Gibt’s hier einen in Esquerilla?“

„Gibt es richtige Arzt“, sagte der Keeper und zog darauf ein sorgenvolles Gesicht, „aber: mucho, mucho Dinero - kostet viele Geld. In Peseta Loca erfolgten Heilung viel billiger.“

„Seine Adresse.“

„Cömo?“

„Wo - wohnt - er?“

„Ah - gleich neben el Almacen auf andere Seite von Plaza. Nicht weit - aber mucho Dinero.“

El Almacen. Chaco erinnerte sich, außer dem Saloon auch einen kleinen General Store auf der Plaza gesehen zu haben. Er stieß sich von der Theke ab und ging auf den Ausgang zu.

„Senor wollen nicht probieren Medizin von Pedro?“

Chaco musste lächeln. „Später!“ rief er über die Schulter. Er wollte gerade den Lederschnürenvorhang wieder zerteilen, als Schüsse auf der Plaza krachten. Instinktiv zuckte er zusammen, und seine Rechte fuhr zum Peacemaker. Pedro kam aufgeregt hinter der Theke hervorgewatschelt und blieb neben Chaco stehen. Vorsichtig schob er die Lederschnüre einen Spalt auseinander und spähte ins Freie. Drei völlig zerlumpte Männer stürzten aus dem General Store auf die Plaza. Der mittlere feuerte immer wieder hastig zurück in den Store. Die anderen beiden trugen beide Arme vollgepackt mit Konservendosen und keuchten unter dieser Last auf ihre Pferde zu. Dort ließen sie ihre Beute fallen und fummelten fieberhaft die Satteltaschen auf. Dann sammelten sie die Dosen wieder ein und verstauten sie in den Taschen. Der dritte gab ihnen dabei die ganze Zeit Feuerschutz. Schließlich schwangen sie sich in ihre Sättel und verließen die Plaza auf schnellstem Wege. Der wütende Besitzer des General Stores steckte seinen Kopf aus der Tür. Als er sah, dass die Räuber weg waren, trat er mit einem urtümlichen Harpers-Ferry-Vorderlader auf die Veranda und feuerte ihn in die Richtung ab, in der er die Flüchtenden vermutete.

„Ach, ist schon zweite Mal, dass gute Frank Connor ausgeraubt wird“, seufzte der Barkeeper.

„Kennst du die Banditen?“, fragte Chaco.

„Ist Hank Alcott und seine Männer. Waren früher berüchtigte Bande. Haben ausgeraubt Züge und Banken. Jetzt stehlen nur noch Konservenbüchsen, um genug zu essen zu haben - seit gute Frank hat angefangen zu saufen.“

„Wohl zu viel von deiner Medizin, was?“ Chaco grinste den Barkeeper an.

Pedro zuckte mit den Schultern. „Hank Alcott sein erwachsene Mann. Ich ihm nicht kann verbieten, sich tot zu trinken.“

Chaco wäre fast mit einem dunkelhäutigen Mexikaner zusammengestoßen, als er ins Freie treten wollte. Für einen kurzen Moment blickte der Fremde Chaco ins Gesicht. Seine Augen wirkten wie verloschene Kohlen. Dann stieß er das Halbblut plötzlich von sich und drehte ihm den Rücken.

Er war von gepflegtem Äußeren, trug einen sauberen Anzug, ein weißes Hemd und einen Hut nach Art der Rancher. Sein Haar war dicht und schwarz. Irgendetwas hinderte Chaco, diesen Mann zur Rede zu stellen. Vielleicht war es der verborgene Schmerz, den sein Gesicht ausgestrahlt hatte, und die tiefe Trauer, die seine Person umgab.

Chaco überquerte die Plaza und hielt auf die Praxis des Arztes zu.

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6

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So, das wär’s. Macht zwei Dollar.“

Doc Cranshaw hatte Chacos Armwunde mit Jod gereinigt und sauber verbunden. Während der ganzen Prozedur hatten seine Gesichtsmuskeln immer wieder krampfhaft gezuckt, denn ständig musste er lauthals seiner Frau antworten, die aus ihrem Schlafzimmer im Obergeschoss die verschiedensten Fragen zu ihm hinunterbrüllte.

Chaco zog einen Lederbeutel hervor und bezahlte den Arzt.

„Vielen Dank, junger Mann. Und seien Sie in Zukunft etwas vorsichtiger.“

„Jonathan! Ist er schon weg?“, fragte die Stimme von oben.

„Entschuldigen Sie mich.“ Der Arzt geleitete Chaco zur Tür. „Ich muss jetzt leider rauf.“ Sein Gesicht zuckte wieder. Er öffnete die Tür. „Also - auf Wiedersehen!“

Chaco trat hinaus in die Sonne. Die Plaza war menschenleer. Das einzige Geräusch rührte von einem kleinen Springbrunnen her, der in der Mitte plätscherte. Der Morgan-Hengst stand noch immer vor der Peseta Loca angebunden und wischte mit dem Schweif die Fliegen fort. Die ganze Szene wirkte irgendwie friedlich und geruhsam, und trotzdem spürte Chaco die Gefahr, die unter dieser harmlosen Oberfläche lauerte. Er holte seinen Tabaksbeutel hervor und drehte sich eine Zigarette, während seine Augen jeden Inch der Plaza absuchten. Hinter dem Schnürenvorhang des Saloons zeichnete sich ein Schatten ab. Auf einmal rief die Stimme des Barkeepers etwas Aufgeregtes in Spanisch. Der Schatten wurde immer größer. Ein weiterer kam hinzu, und sie kämpften miteinander. Dann stürzte Pedro - von jemandem gestoßen - auf die Plaza. Er fing sich mit beiden Händen ab und wirbelte herum.

„Tun Sie es nicht, Senor Robles!“, rief er in Richtung der Lederschnüre.

Fast im gleichen Moment schoss eine Feuerlanze durch die Schnüre. Die Kugel verfehlte Chaco um wenige Inches, prallte am metallenen Mauerschild von Doc Cranshaw ab und jaulte als Querschläger über die Plaza. Geduckt hechtete Chaco in die Deckung des Brunnens. Wieder herrschte diese gespenstische Stille. Chaco tastete sich vorsichtig zum unteren Rand seiner Deckung vor. Er sammelte einige Kiesel und warf sie ins Sonnenlicht.

Sofort zerpflügten vier Kugeln den Boden. Chaco nahm eine Hand voll Kiesel, holte tief Luft, warf sie vor und schnellte gleichzeitig hoch. Der Mann, der ihn eben angerempelt hatte, stand in der Saloontür. Er war im Begriff, auf den Kieselwurf zu schießen, aber sein Colt hatte Ladehemmung.

Chaco feuerte. Der Colt flog dem Mann aus der Hand, und er hob wortlos die Arme. Er blickte Chaco direkt in die Augen und schien ihn doch gleichzeitig nicht zu sehen.

„Na los“, sagte er nach einer Weile tonlos. „Worauf wartest du? Erschieß mich. Du tust mir damit einen Gefallen.“

Als Pedro sah, dass die unmittelbare Gefahr vorüber war, erhob er sich zögernd.

„Ich holen Sheriff“, sagte er und machte sich hastig aus dem Staub.

Vorsichtig näherte sich Chaco dem Mann, den Peacemaker im Anschlag behaltend. Er hatte ihn noch nie zuvor in seinem Leben gesehen.

„Warum hast du das getan?“, fragte er. „Warum hast du auf mich geschossen?“

Der Mann starrte ihn dumpf an.

„Du wirst doch einen Grund gehabt haben.“

„Keinen, den du verstehen würdest“, lautete die Antwort. Dann sagte der Mexikaner kein Wort mehr, so sehr sich Chaco auch bemühte, etwas aus ihm herauszuquetschen.

Chaco traute ihm nicht. Vielleicht war diese Gleichmut nur gespielt, und der Fremde hielt irgendwo eine Waffe versteckt. Er hielt seinen Colt aus der notwendigen Ferne auf ihn gerichtet, bis Pedro mit dem Sheriff eintraf. Sheriff Olson war ein ruhiger Mensch mit rundem Gesicht.

„Da ist ihnen ja ein toller Fisch ins Netz gegangen“, sagte er zu Chaco, und er legte dem Mexikaner Handschellen an. „Das ist Fernando Robles. Gestern hat er eine ganze Papago-Mission massakriert. Über fünfzig Indianer sind dabei umgekommen. Vier Kinder waren darunter. Schade, dass noch keine Belohnung auf ihn ausgesetzt ist. Sie hätten sich sonst ein hübsches Sümmchen verdienen können.“

Jetzt wurde Chaco einiges klar. Dieser Robles war ein notorischer Indianerhasser. Allein deswegen hatte er auf Chaco geschossen, und deswegen hatte er ihn in der Saloontür auch so plötzlich von sich gestoßen.

Olson führte ihn ab. „Wollen Sie mich begleiten?“, fragte er Chaco im Weggehen. „Dann können Sie sich überzeugen, dass er hinter Schloss und Riegel kommt.“

Doch Chaco winkte ab. Robles ging willenlos vor dem Sheriff her.

Olson wandte sich noch einmal an das Halbblut: „Ob Sie ihn nun zusätzlich noch anklagen oder nicht - gehängt wird er auf jeden Fall - darauf können Sie Gift nehmen.“ Und mit diesen Worten verschwand er in einer Seitenstraße.

„Caramba“, Pedro wischte sich den Angstschweiß von der Stirn. „Ich schwören, Senor, ich haben versucht, ihm Angriff unmöglich zu machen. Aber er war stärker.“

Chaco klopfte dem kleinen Mexikaner beruhigend auf die Schultern. „Schon gut, Pedro.“

„Wollen Senor jetzt vielleicht einen kleinen Drink in meiner Cantina einnehmen?“ Leicht vornübergebeugt vollführte Pedro mit beiden Händen eine einladende Geste. Chaco nickte lächelnd und folgte dem eilfertigen Mexikaner.

Etwas bewegte sich hinter ihm, aber es war nur Frank Connor, der jetzt, wo die Luft wieder rein war, dem Sheriff nachlief, um den Überfall auf seinen Store zu melden.

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7

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Chaco nahm zwei Tequilas zu sich und begab sich dann auf den Weg nach Fort Tonto, um sich sein Geld abzuholen. Bei seinem Aufbruch nach Esquerilla heute Morgen hatte Shatner keine Zeit gefunden, ihn auszuzahlen - im Fort ging alles drunter und drüber. Aber Chaco hatte sowieso vorgehabt, von Esquerilla aus über Tonto weiterzureiten, und die verspätete Auszahlung bereitete ihm daher keine besonderen Umstände.

Die Sonne hatte ihren höchsten Punkt erreicht, als er die letzten Häuser von Esquerilla hinter sich ließ. Am Horizont vor ihm flimmerte die braune Kette der Little Monk Hills, hinter denen die Ebene von Fort Tonto lag. Am wolkenlosen Himmel kreisten Bussarde, die dann und wann auf ein Sonora-Hörnchen oder eine Springratte niederstießen.

Chaco zog sich seinen Calispelhut tiefer in die Stirn und ließ den Hengst in einen gemächlichen Trab verfallen. Er versuchte, jede überflüssige Bewegung von seiner Seite zu vermeiden, denn sie hätte nur unnötigen Schweiß gekostet. In weniger als zwei Stunden erreichte er die ersten Ausläufer der Little Monk Hills - kahle Felsenrücken, auf denen ab und zu ein Salamander oder Fransenleguan in der Sonne döste.

Chacos Gedanken schweiften zu Hank Alcott. Er fragte sich, ob die beiden Konservendiebe die einzigen Mitglieder seiner Bande waren. Ohne Frage war seine Bande ziemlich weit heruntergekommen, wenn sie es mittlerweile schon nötig hatte, Nahrung zu stehlen.

Am Wegesrand sah Chaco eine Konservenbüchse liegen. Alcott war also den gleichen Weg wie er geritten. Chaco trieb seinen Morgan-Hengst vom normalen Trail ab, um einer eventuellen Falle aus dem Weg zu gehen. Das Pferd war zwischen den ersten Hügeln durchgeritten, als Hufschläge an Chacos Ohren drangen. Sie rührten von mehr als drei Pferden. Alcott konnte es also nicht sein.

Chaco schlang die Zügel des Tieres um eine Yuccapalme und robbte vorsichtig den steinigen Flachhang des Hügels vor ihm hinauf. Im Schatten von zwei Juniperen suchte er Deckung. Schräg unter ihm verlief der Haupttrail nach Mexiko, der auch an James Freemans Haus vorbeiführte. Eine größere Gruppe von Mexikanern raste auf ihm in voller Karriere gen Süden. Alle trugen sie grüne, an manchen Stellen abgewetzte Samtanzüge und sombreroartige schwarze Hüte, die ihnen der Reitwind vom Kopf gerissen hatte. Wie verlorene Heiligenscheine hingen sie an Hutbändern hinter den Köpfen.

Chaco traute seinen Augen nicht, als er erkannte, was sie in ihrer Mitte führten.

Es war der Schlutter-Wagen, den er und Shatner nach Fort Tonto geleitet hatten - und die Gewehrkisten befanden sich vollzählig auf der Ladefläche.

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Chaco war den flüchtenden Mexikanern einige Meilen gefolgt, ohne von ihnen gesehen zu werden, hatte sich dann aber entschlossen, nach Tonto zurückzukehren. Was ging ihn die ganze Sache überhaupt noch an? Sein Auftrag war mit der Ablieferung der Waffen im Fort erledigt gewesen. Für mehr wurde er nicht bezahlt. Es hatte ihn nur interessiert, welche Richtung die Reiter einschlagen würden, und er hatte sich in seinen anfänglichen Vermutungen nicht getäuscht: Sie hielten auf die mexikanische Grenze zu.

Chaco erreichte Fort Tonto am späten Nachmittag. Das Äußere der Anlage wirkte verwahrlost wie eh und je, die Palisadengänge waren unbemannt, und die Torflügel knarrten lose im Abendwind. Chaco ritt in gemächlichem Trab in die Lagerstraße ein. Nirgendwo war eine Menschenseele zu sehen, doch vom Paradeplatz drangen Rufe an sein Ohr. Er glaubte, Colonel Edwards’ Stimme wiederzuerkennen.

Die gesamte Mannschaft von Fort Tonto war auf dem Exerzierplatz angetreten und verfolgte neugierig das Schauspiel, das sich ihr bot. Die Uniformen der Männer wirkten schmutziger, als sie es am Morgen gewesen waren. Einige Soldaten trugen fleckige Verbände am Kopf und an den Armen. An der Südwand des Hofes stand ein Mexikaner, der die gleiche abgewetzte grüne Uniform trug, wie Chaco sie bei den Männern gesehen hatte, die mit den gestohlenen Gewehren nach Mexiko geflüchtet waren. Die Augen des Mannes waren mit einem weißen Baumwollstreifen verbunden und seine Hände auf den Rücken gefesselt. Ein Peloton von fünf abgewrackten Unteroffizieren hatte sich mit Schussbereit angelegten Winchestern in ungefähr fünfzehn Yards Entfernung vor dem Delinquenten aufgebaut. Immer wieder äugten sie von ihren Visieren zu Colonel Edwards hinüber, der mit gezogenem Säbel auf seiner Veranda stand und versuchte, würdevoll zu wirken.

Shatner konnte Chaco unter den anwesenden Männern nicht entdecken. Auch Wheeler war nirgends zu sehen.

Der Säbel in Edwards Hand fing leicht zu zittern an. Der Colonel holte schnappend Luft, griff nach einem Whiskeyglas, das neben ihm auf dem Geländer stand, und stürzte den goldgelben Inhalt die Kehle hinunter. Dann warf er dem Hinrichtungskommando einen kurzen Blick zu, wandte sich von ihnen ab und ließ den Säbel blitzartig durch die Luft nach unten sausen. Aus allen fünf Läufen blitzte es auf. Der Mexikaner bäumte sich auf, wurde nach hinten geschleudert und ging reglos zu Boden.

„Befehl ausgeführt!“, schmetterte einer der Unteroffiziere und salutierte in Richtung Veranda.

Zögernd drehte sich Edwards um und warf einen kurzen Blick auf den Toten. Sein Gesicht verzog sich leicht angeekelt.

„Bringt ihn weg!“, rief er in die Mitte seiner Männer. „Ich kann ihn nicht mehr sehen!“

Zwei Soldaten lösten sich aus der Menge und schleppten den leblosen Körper des Mexikaners vom Hof. Edwards räusperte sich, und der Rest der Männer blickte erwartungsvoll in seine Richtung.

„Das Urteil des Feldgerichts ist ausgeführt“, sagte er. „Tod dem Banditen. Es wird Padilla eine Lehre sein. Abtreten jetzt! Und jemand soll die Tore schließen! Nolan und Parker - ihr sorgt für das Grab!“

Die lockere Formation der Männer löste sich auf, und sie verschwanden in alle Richtungen vom Exerzierplatz. Edwards ließ sich stöhnend in einen Schaukelstuhl sinken, der für ihn auf der Veranda aufgestellt war. Das Holz ächzte und knarrte, als er anfing zu schaukeln.

Chaco hatte sein Pferd dem Stallmeister überlassen und ging jetzt auf die Veranda zu.

„Wo ist Shatner?“, rief ihm Edwards entgegen. „Ich dachte, er wäre mit Ihnen gekommen.“

„Wie kommen Sie denn auf diese Idee?“

„Gleich nach dem Überfall ist er mit Wheeler losgeritten, um Sie in Esquerilla zu suchen. Er hält große Stücke auf Sie und will, dass Sie ihm weiterhelfen.“

„Wobei denn?“

„Was weiß ich. Irgendeinen Plan wird er schon haben. Auf jeden Fall will er verhindern, dass Padilla die Gewehre an die Apachen verkauft.“

„Padilla hat sich die Gewehre geholt?“

Edwards nickte, als ob es ihn nichts anginge.

„Wer war der Mann, den Sie eben haben hinrichten lassen?“

„Einer von Padillas Bande. Wir haben ihn gefangengenommen. Er hat sich den Tod verdient. Der Urteilsspruch des Feldgerichts war einstimmig.“

„Weiß Shatner davon?“, fragte Chaco, der sich nicht vorstellen konnte, dass der junge Captain dem Todesurteil gegen einen Gefangenen zugestimmt hätte.

„Er wird davon erfahren“, sagte Edwards gleichgültig. „Wenn er zurückkommt. Wieso haben Sie ihn eigentlich auf Ihrem Weg von Esquerilla nach Tonto nicht getroffen? Ich kann mir nicht vorstellen, wie sie beide sich verfehlt haben sollten.“

„Ich habe Padilla und den Waffentransport noch einige Meilen verfolgt und bin so vom direkten Weg abgekommen.“

„Ihr Geld können Sie jedenfalls erst kriegen, wenn Shatner wieder da ist. Ich weiß nicht, wieviel er Ihnen versprochen hat.“

„Versprochen hat er mir gar nichts. Er hat es mir garantiert. Doch erzählen Sie mir eins: Wie war es möglich, dass Padilla sich die Waffen holen konnte? Sie befanden sich doch vor dem Magazin  innerhalb der Palisaden.“

Edwards zuckte gleichgültig mit den Schultern.

„Wer wird das hinterher schon genau sagen können?“ Er erhob sich aus seinem Stuhl. „Entschuldigen Sie mich jetzt bitte. Ich habe noch im Büro zu tun. Sicherlich wird Shatner bald eintreffen. Der kann es Ihnen dann ja erzählen.“ Mit diesen Worten verschwand er im Inneren des Hauses.

Chaco ließ sich auf dem Geländer der Veranda nieder, drehte sich eine Zigarette und wartete. Am Rande des Paradeplatzes fegte ein Soldat die Stelle, auf der der Hingerichtete niedergesunken war, mit einem Reisigbesen sauber.

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Shatner traf kurz vor Einbruch der Dämmerung ein. Mit ihm ritten zwei Männer. Die füllige Gestalt des rechten verriet Sergeant Wheeler. Erst als sie den Exerzierplatz schon halb überquert hatten, erkannte Chaco den linken. Er traute seinen eigenen Augen nicht.

Es war Fernando Robles!

„Ah - Mister Chaco!“, rief Shatner erfreut. „Ich bin froh, Sie hier zu sehen. Ich habe ganz Esquerilla nach Ihnen abgesucht. Wo haben Sie nur gesteckt?“

Chaco spuckte einige Tabakkrümel aus.

„Ein Waffentransport hat mich vom Weg abgebracht. Ich bin ihm einige Meilen gefolgt - aus der Ferne, denn die Wachmannschaft sah nicht gerade freundlich aus.“

Shatners Gesicht verdunkelte sich. „Sie wissen also davon?“

„Wie konnte es passieren?“, fragte Chaco. Dabei ließ er Robles keine Sekunde aus den Augen.

Shatner stieg vom Pferd und band es am Haltebalken fest. Er schien nach Worten zu suchen. „Wie soll ich es Ihnen sagen, Mister Chaco?“, begann er schließlich verlegen. „Heute Morgen auf jeden Fall - kurz nachdem Sie weggeritten waren.“

„Niemand hat mir gesagt, dass ein Indianer dabei mitmacht“, fiel Robles Shatner auf einmal ins Wort, und er musterte Chaco durch zusammengekniffene Lider.

Chaco wich einige Schritte zurück, um den Mexikaner besser ins Auge fassen zu können. Robles saß noch immer auf seinem Pferd, und er trug eine Waffe.

„Achte in Zukunft auf deine Worte!“, sagte Chaco. „Und vor allem lass deinen Colt da stecken, wo er niemandem wehtut!“

Um die Mundwinkel des Mexikaners zuckte es. Seine Hand schwebte eine Weile regungslos in der Luft, dann fuhr sie zum Colt. Aber Chaco hatte bereits gezogen.

Der Mexikaner verharrte regungslos.

„Absteigen!“, sagte Chaco mit ruhiger Stimme.

Robles zögerte, dann folgte er dem Befehl des Halbbluts. Sein Colt glitt zurück in die Halfter.

Shatner verfolgte die ganze Szene, ohne ein Wort zu sagen. Robles stand wenige Schritte von Chaco entfernt, die Hände möglichst weit von seinen Hüften weghaltend.

„Und jetzt wirst du deinen Waffengurt abschnallen“, sagte Chaco. „Aber ganz langsam. Lass dir ruhig Zeit.“

Mit seiner Linken löste der Mexikaner die Gürtelschnalle und zog die Schlaufe daraus hervor. Sein Gesicht verriet Anspannung. Er hielt den Waffengurt in der ausgestreckten Linken. Mit einer plötzlichen, ruckartigen Bewegung schleuderte er ihn Chaco ins Gesicht.

„Lass uns die Sache ohne Waffen regeln, Bastard!“ Er stürzte blindlinks auf das Halbblut zu.

Chaco stieß seine geballte Linke vor und traf den Angreifer an der Kinnspitze. Benommen taumelte Robles zurück. Wheeler, der inzwischen von seinem Pferd gestiegen war, fing ihn auf, bevor er zu Boden ging.

„Bringen Sie ihn zum Sanitäter!“, sagte Shatner. „Der wird ihn wieder aufpäppeln.“

„In Ordnung, Sir.“ Der stämmige Sergeant schleppte den schlaffen Körper des Mexikaners über den Paradeplatz zu den Baracken.

„Ich habe ihn in Esquerilla beim Sheriff abgeliefert“, sagte Chaco zu Shatner. „Wie ist er wieder aus dem Jail gekommen?“

„Ich habe ihn herausgeholt“, sagte der junge Captain. „Es hat mich einige Überredungskraft gekostet. Sheriff Olson ist ein gesetzesfürchtiger Mann. Aber schließlich hat er eingesehen, dass es so besser ist.“ Shatner war auf die Veranda gestiegen. Chaco folgte ihm.

„Wissen Sie überhaupt, was er auf dem Kerbholz hat?“, fragte er Shatner. „Er ist ein notorischer Indianerhasser. Er hätte mich fast umgebracht, nur weil ich ein Halbblut bin.“

„Das müssen Sie verstehen ...“

„Verstehen?“

„Er ist nicht immer so gewesen. Bis vor drei Tagen war er der friedlichste Mensch der Welt. Er besitzt eine kleine Farm nördlich von Esquerilla in den Arelle Hills. Dort wohnte er mit seiner Frau Angie und seinen beiden Kindern Kitty und Hank. Sie waren beide noch nicht alt genug, um zur Schule zu gehen ...“

„Und was hat das mit mir zu tun?“, unterbrach ihn Chaco.

Shatner hob die Hand, als wolle er Chaco um Geduld bitten.

„Vorgestern Morgen ritt Robles nach Esquerilla, um einige Besorgungen vorzunehmen. Als er mittags auf seine Farm zurückkehrte, da - es widerstrebt mir, es Ihnen so genau erzählen zu müssen, aber anders würden Sie Senor Robles nicht verstehen - kurzum: Er fand seine Kinder mit eingeschlagenem Schädel. Sie waren tot. Seine Frau lebte noch. Er fand sie in einem grauenvollen Zustand im Stall. Sie konnte ihm noch erzählen, dass Apachen die Farm überfallen hatten. Auf ihr Flehen hin hat er sie dann erschossen.“ Shatner legte eine Pause ein. „Robles war wie von Sinnen“, fuhr er fort. „Jetzt können Sie sich vielleicht vorstellen, wieso er die Papago-Mission überfiel.“

Chaco schwieg. Er hatte schon viele schlimme Dinge in seinem Leben gesehen, und er wusste, dass die Grausamkeit für die Opfer die Gleiche war - egal wie man sie hinterher erklärte.

„Und warum erzählen Sie mir das alles?“, fragte er nach einer Weile.

„Weil ich Ihre Hilfe brauche - Ihre und die von Senor Robles.“

„Und wofür?“

„Nun - Sie wissen, dass uns Padilla heute Morgen die Waffen gestohlen hat. Er ...“

„Wie war es möglich, dass er die Waffen stahl?“, unterbrach ihn Chaco.

Shatner vollführte eine kleine, pendelnde Bewegung mit seinem Oberkörper, als ob die Antwort ihm peinlich sei. „Das Tor war offen, und die Mannschaft schlief ihren Rausch aus“, sagte er schließlich knapp.

„Nachdem man Sie hinausgelassen hatte, wurde vergessen, den Verriegelungsbalken wieder vorzuschieben. Padilla hatte ein leichtes Spiel - glauben Sie mir.“ Shatner zog ein saures Gesicht. „Es hilft nichts, Dingen nachzutrauern, die man nicht mehr ändern kann. Außerdem haben wir auch noch ein bisschen Glück gehabt und einen von Padillas Männern gefangengenommen. Von ihm erfuhren wir, dass Padilla vorhat, die Waffen an die Apachen zu verkaufen. Können Sie sich vorstellen, was das bedeutet: tausend Winchester in den Händen dieser - dieser ...“

„Wilden - das wollten Sie doch sagen, oder?“

Shatner blickte irritiert und irgendwie schuldbewusst zu Chaco auf.

„Ich bin kein Indianer“, sagte das Halbblut. „Prägen Sie sich das gut ein!“

Shatner lächelte erleichtert.

„Aber ein Weißer bin ich auch nicht.“

Shatners Lächeln erstarb, und er räusperte sich.

„Jetzt zu meinem Plan: Ich will Padilla die Gewehre wieder abjagen - und zwar bevor er sie an die Apachen verkaufen kann. Dafür brauche ich Ihre Hilfe, Mister Chaco.“

„Und wofür die von Robles?“

„Er ist früher einmal ein Mitglied von Padillas Bande gewesen, zu der Zeit, als es noch Revolutionäre waren. Er kennt das Gebiet hinter der Grenze wie kein zweiter, und er ist mit den Eigenheiten von Padilla vertraut. Dazu hat er starke persönliche Motive, den Gewehrverkauf an die Apachen zu vereiteln. Erstens hasst er die Indianer, und zweitens wird er nicht mehr ins Gefängnis müssen, wenn er von diesem Kommando heil zurückkehrt.“

„Und Sheriff Olson?“

„Er ist eingeweiht und einverstanden. Der Friedensrichter auch.“

„Und wer sagt Ihnen, dass ich einverstanden bin?“

Shatner zuckte mit den Schultern. „Niemand. Ich wollte Ihnen bloß ein Angebot unterbreiten.“

„Was für ein Angebot genau?“

„Dass Sie mit Wheeler, Robles und mir nach Mexiko reiten, um die Waffen wieder herauszuhauen.“

„Wieviel?“, fragte Chaco.

„Edwards ist bereit, noch mal fünfhundert zu zahlen.“

„Vergessen Sie es! Robles rettet mit dieser Mission sein Leben. Was glauben Sie, wieviel mein Leben wert ist — fünfhundert Dollar?“

„Warten Sie einen Moment!“ Shatner verschwand im Haus des Colonels. Nach fünf Minuten tauchte er mit Edwards wieder auf. Edwards räusperte sich.

„Ich bin bereit, Ihnen siebenhundert zu zahlen.“

„Ich will eintausendfünfhundert.“

Edwards tat einige Schritte zurück und wehrte mit den Händen ab.

„Ausgeschlossen. Wo soll ich das ganze Geld hernehmen?“

„Nehmen Sie es aus der Soldkasse“, sagte Chaco kalt. „Schließlich werde ich die Arbeit ausführen, die eigentlich Ihren Männern zufiele.“

„Es ist meinen Männern verboten, auf mexikanischem Hoheitsgebiet zu operieren“, sagte Edwards pikiert.

„In Ordnung, Colonel“, sagte Chaco, „vergessen wir’s. Es war sowieso nicht meine Idee.“

Shatner holte tief Luft. „Jetzt reicht’s aber, Colonel Edwards, Sir!“, platzte er heraus. „Sie haben das gesamte Fort zu einem Sauhaufen verkommen lassen. Die Soldaten sind noch nicht einmal in ihren eigenen vier Wänden vor Angriffen sicher. Sie haben sich unter der Nase tausend Gewehre stehlen lassen, während Sie Ihren Suff ausschliefen. Und jetzt sträuben Sie sich gegen die letzte Chance, die wir haben, dem Feind diese Gewehre wieder abzujagen. Colonel Edwards, ich sage Ihnen, wenn Sie Mister Chaco die verlangten eintausendfünfhundert nicht zahlen, und zwar aus der Soldkasse, wie er es vorgeschlagen hat, dann werde ich einen Bericht über Sie nach Washington schreiben, dass man Sie im Verteidigungsministerium nicht einmal als Pförtner beschäftigen würde. Sie wären erledigt - Colonel Edwards!“

Edwards versuchte, gerade zu stehen. Bei den letzten Worten war sein Gesicht bleich wie ein Laken geworden. Er wischte sich mehrmals mit der flachen Hand über den ausgetrockneten Mund. Dann zwang er ein gleichgültiges Lächeln in seine Züge.

„Was erhitzen Sie sich so, junger Mann? Ihr Freund soll das Geld haben. An mir soll das Unternehmen nicht scheitern. Ihr Unternehmen, Captain! Vergessen Sie nicht, vorher die Uniform auszuziehen!“ Er wandte sich zum Gehen.

„Wo Sie schon die Spendierhosen anhaben“, rief ihm Chaco nach, „wir brauchen noch eine Wagenladung voll Dynamit oder Schießpulver und zwei Gatling Guns.“

„Alles, was Sie wollen“, sagte Edwards, ohne sich umzudrehen. Jeder Widerstandswille in ihm war erloschen.

„Wofür brauchen Sie das Dynamit?“, fragte Shatner.

„Ich werde es Ihnen gleich erzählen“, erwiderte Chaco. „Lassen Sie uns erst sehen, was unser Indianerhasser macht!“

„In Ordnung“, sagte Shatner und wandte sich ein letztes Mal an Edwards, der schon in der Tür zu seinem Haus stand. „Lassen Sie den Gefangenen in mein Quartier führen, Colonel! Ich will ihn auf der Expedition dabeihaben.“

„Den Gefangenen - äh - habe ich hinrichten lassen.“

„Was haben Sie getan? Sie ... Sie ...“

„Das Feldgericht hat das Todesurteil gefällt. Ein Exempel sollte statuiert werden.“

„Was für ein Feldgericht? Sind wir im Krieg? Und für wen wollten Sie ein Exempel statuieren? Für die Soldaten vielleicht? Dann hätten Sie den Wachhabenden erschießen lassen sollen!“

„Ich dachte, als Abschreckung für Padilla - damit er nie wieder ...“

„Seien Sie lieber ruhig, Colonel! Je weniger Sie sagen, desto besser. Tun Sie, worum Sie gebeten wurden, und hoffen Sie auf das Beste!“

„Jawohl, Sir.“ Edwards hätte fast salutiert. Ohne ein weiteres Wort verschwand er im Inneren seines Hauses.

Shatner fluchte, während er mit Chaco auf sein Quartier zusteuerte.

„Ich hatte gerade erst mit dem Verhör angefangen. Er hätte uns vielleicht noch sagen können, wann der Waffenverkauf stattfinden soll. Aber Edwards muss ihn erschießen lassen ... Ich hoffe, wir kommen nicht zu spät.“

„Haben Sie wenigstens herausgekriegt, wo der Verkauf vor sich gehen soll?“, fragte Chaco.

„In Padillas Hauptquartier“, erwiderte Shatner. „Irgendwo südlich der Grenze. Robles weiß, wo es liegt.“

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Shatners Zimmer war winzig klein. Eine Bettstelle und eine Kommode mit Waschschüssel stellten die einzigen Einrichtungsgegenstände dar. Chaco saß auf dem Bett, und Shatner zog sich gerade Zivilkleidung an, als Wheeler und Robles den Raum betraten.

Robles rieb sich seine Kinnspitze und warf Chaco einen kurzen, uninteressierten Blick zu. Dann setzte er sich neben ihn. Sein Gesicht wirkte starr und beherrscht.

„Haben Sie ihm den Plan genau erklärt?“, fragte Shatner Sergeant Wheeler.

Der stämmige Mann nickte. Auch er trug mittlerweile Zivilkleidung. Shatner wandte sich an Robles.

„Und Sie - kann ich davon ausgehen, dass Sie mit uns zusammenarbeiten werden? Auch mit Mister Chaco?“

Robles wirkte gespannt. „In Ordnung“, presste er hervor. „Wann soll es losgehen?“

„Heute Nacht“, sagte Shatner. „Wheeler, kümmern Sie sich um Ausrüstung und Proviant! Mister Chaco wünscht einen Wagen voll Dynamit und zwei Gatling Guns. Colonel Edwards weiß Bescheid. Besorgen Sie es also!“

„Wofür denn das Dynamit und die Gatlings?“

„Für Padilla“, sagte Chaco. „Er wird glauben, dass wir ihm das Zeugs verkaufen wollen. So zerstreuen wir seinen Verdacht. Stimmt’s, Robles?“

„Die Idee ist nicht schlecht“, sagte der Mexikaner. „Aber solch eine fette Beute wird auch andere Banditen anziehen. Im Grenzland wimmelt es nur so von ihnen.“

„Haben Sie eine bessere Idee?“, fragte Chaco.

„Keine bessere“, erwiderte der Mexikaner. „Ich wollte nur darauf hinweisen, dass Ihre auch ein paar Haken hat. Aber wir sollten so verfahren.“

„In Ordnung“, sagte Shatner. „Gehen Sie, Wheeler, und besorgen das Notwendige!“

„Zu Befehl, Sir.“ Der Sergeant trat ab.

Shatner fasste den Mexikaner in die Augen.

„Mister Robles“, sagte er. „Versprechen Sie mir, dass es zwischen Ihnen und Mister Chaco während unserer Operation zu keinen Schwierigkeiten kommen wird.“

Robles winkte ab. „Solange Mister Chaco mich in Ruhe lässt, sehe ich nicht, was unsere Zusammenarbeit gefährden sollte.“

Der Captain wandte sich an Chaco: „Ich hoffe, Mister Chaco, dass auch Sie ...“

„Shatner“, fiel ihm Chaco ins Wort. „Ich kann auf mich selber Acht geben.“ Mit diesen Worten erhob er sich. „Ich erwarte Sie in einer Stunde auf dem Paradeplatz.“

Er verließ Shatners Zimmer und trat hinaus in die Nacht. Die Luft war angenehm warm. Ein glimmernder Schleier aus Milliarden von Sternen überzog den Himmel. Der Exerzierplatz lag menschenleer im silbrigen Schein des Mondlichts. Aus der Ferne drangen die Geräusche der Wüste an sein Ohr, das Gezirpe der Grillen und das gelegentliche Heulen der Kojoten.

Chaco hatte den Eindruck, dass die Gereiztheit aus Robles verschwunden war. Der Mexikaner wusste, dass das Gelingen der Operation auch vom Mitwirken des Halbbluts abhing, und jetzt, wo er diesen Sachverhalt endlich erfasst hatte, wollte Robles seine eigenen Überlebenschancen nicht durch unüberlegtes Handeln verringern. Auch war es ihm - wie Chaco - völlig klar geworden, dass auf dieser Expedition jeder vom anderen und seinen besonderen Fähigkeiten abhing. Alle diese Gründe sprachen dafür, dass Robles mit Chaco zusammenarbeiten würde. Das Halbblut wusste aber, wie unberechenbar Menschen sein konnten, dass sie in einem Wutanfall oder aufgrund einer plötzlichen Eingebung unter Umständen bereit waren, ihr Leben aufs Spiel zu setzen, was ihnen dann keine zwei Minuten später schon wieder leid tat. Chaco entschloss sich daher, während der ganzen Unternehmung ein Auge auf Robles zu haben.

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Die ersten Streifen Morgenrot verfärbten den Horizont. Die Umrisse der Berge schälten sich aus der Nacht und grenzten den Himmel in einer schwarzen, zackigen Kette gegen die Erde ab. Am Firmament verblassten die letzten Sterne.

Die vier Männer waren seit Mitternacht unterwegs. Wheeler lenkte den Wagen. Das Dynamit und die Gatlings waren unter Planen festgezurrt. Chaco und Shatner ritten voraus, Robles bildete die Nachhut. Vor ihnen stiegen in einigen Meilen Entfernung Rauchwolken auf.

„Indianer?“, fragte Shatner. Er trug Bluejeans und ein rotes Baumwollhemd.

Chaco zuckte mit den Schultern.

„Es kommt von Freemans Farm“, sagte er nach einer Weile.

„Mein Gott.“ Shatner schluckte. „Glauben Sie, dass die Indianer vielleicht ...“ Er wagte nicht weiterzusprechen.

„Ich glaube gar nichts, bis ich es gesehen habe“, sagte Chaco. „Vielleicht verbrennt Freeman seinen Misthaufen.“

„Hoffentlich“, sagte Shatner schwach. Chaco zeigte auf den Boden vor ihnen.

„Sehen Sie die Wagenspuren? Padilla ist durch das Redondo-Tal nach Mexiko geflüchtet. Er muss bei Freeman vorbeigekommen sein. Vielleicht hat der Alte ihn gesehen.“

„Glauben Sie, Kathy ist mir immer noch böse? Ich meine - wegen des Handkusses?“, fragte Shatner Chaco.

„Sie ist Ihnen nicht böse gewesen“, antwortete das Halbblut. „Sie war nur verwirrt.“

„Glauben Sie wirklich?“ Der Gedanke schien Shatner zu gefallen. Eine Weile lächelte er still vor sich hin. „Ich freue mich, Sie wiederzusehen. Sie ist ein hübsches Mädchen.“ Dann erschrak er über seine Worte und blickte Chaco verlegen an. „Sie werden ihr doch nicht erzählen, was ich eben über sie gesagt habe, oder?“

„Das müssen Sie schon selber tun“, antwortete Chaco.

Die Rauchwolken verringerten sich und waren schließlich beinahe ganz verschwunden. Das Blockhaus der Farm war aus der Ferne zu erkennen, und je näher sie kamen, desto deutlicher wurde, was sie befürchtet hatten.

Shatner sagte es mit trockenem Mund als Erster: „Mein Gott, die Farm ist ausgebrannt!“ Er gab seinem Pferd die Fersen.

Chaco setzte ihm nach und hatte ihn bald eingeholt.

„Tun Sie das nicht noch einmal!“, rief er dem jungen Captain zu.

„Was denn?“, fragte Shatner verwirrt.

„Sie sollten sich nicht so ohne weiteres von unserer Gruppe entfernen“, sagte Chaco. „Das bringt uns alle in Gefahr. Vor allem aber Sie. Was, zum Beispiel, hätten Sie getan, wenn auf der Farm Apachen lauern - im Hinterhalt?“

„Entschuldigung“, sagte Shatner verdrießlich. „Ich habe mir nur Sorgen gemacht, um ... um Kathy.“

„Um die brauchen Sie sich keine Sorgen mehr zu machen“, sagte Robles, der inzwischen mit Wheeler zu Chaco und Shatner aufgerückt war. „Sie ist bereits tot.“

„Woher wollen Sie das wissen?“, begehrte Shatner auf.

„Glauben Sie mir“, sagte Robles unbeirrbar, „sie ist tot.“ Und mit diesen Worten ritt er weiter  auf das schwelende Hauptgebäude von Freemans Farm zu.

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Freeman saß unter einem Cottonwoodbaum. Rohhautschlingen umspannten seine Fußgelenke und waren an kleinen Holzpflöcken festgezurrt, die in die Erde geschlagen worden waren. Die Arme waren zurückgebogen und hinter seinem Rücken an den Baumstamm gefesselt. Freeman war tot.

„Was für ein Massaker.“ Shatner blickte sich verzweifelt um.

Der Stall und die Scheune von Freemans Farm waren völlig abgebrannt. Das Dach des Blockhauses war eingestürzt, und seine Wände schwelten in der Mittagsglut. Ascheflocken flogen durch die Luft.

„Ich habe sie gefunden!“, rief Robles und trat hinter den Resten des Blockhauses hervor.

„Kathy? Wo ist sie? Ich will sie sehen!“ Shatner rannte ihm entgegen. Aber Robles hielt ihn zurück. „Es wird besser sein, wenn Sie sich mit Wheeler um Freeman kümmern. Kathy werden Mister Chaco und ich beerdigen.“

„Dann ist sie also ...“

Robles nickte. „Fangen Sie jetzt an, Captain! Je mehr Sie darüber nachdenken, desto schlimmer wird es.“ Und nach einer Pause: „Ich habe selber die Erfahrung gemacht.“

Mutlos begab sich Shatner zurück zu dem Leichnam Freemans.

„Holen Sie die Spaten aus dem Gepäck!“, sagte er tonlos. „Wir wollen gleich anfangen.“

Chaco begleitete Robles hinter das Haus. Kathys Leiche lag im Schatten der Westwand. Robles starrte reglos auf die Überreste von Katherine Freeman.

„Indianer“, murmelte er und hob den Blick zu Chaco. „Welchem Stamm gehörte Ihr Vater an?“

„Mein Vater war ein Weißer“, erwiderte Chaco, „meine Mutter eine Pirna.“

„Eine Apachin also“, fiel ihm Robles ins Wort.

„Dies hier waren Chiricahuas“, sagte Chaco und beugte sich über die Leiche. „Gehen Sie, und holen Sie uns etwas Segeltuch! Wir wollen sie nach vorne tragen.“

Robles besorgte eine Plane vom Wagen, und sie schlugen den verstümmelten Körper von Katherine Freeman darin ein. Dann trugen sie ihn vor das Haus. Shatner und Wheeler waren im Schatten eines Cottonwoodhains damit beschäftigt, die Gräber auszuheben.

„Ich würde sie gerne noch einmal sehen“, sagte Shatner zu Chaco. Aber das Halbblut schüttelte den Kopf. „Die Indianer haben sie skalpiert“, sagte er zur Erklärung. „Der Anblick würde Sie nächtelang verfolgen.“

„Warum haben sie das nur getan?“, fragte Shatner betroffen. „Warum sind sie so grausam?“

„Sie sind eben anders.“ Chaco nahm den Calispelhut vom Kopf und strich mit der gespreizten Hand durch sein schweißverklebtes Haar. „Außerdem dürfen Sie nicht vergessen, was Freeman den Apachen angetan hat. Es ist doch nur logisch, dass man sich an ihm gerächt hat.“

„Aber Kathy ...“

„Was soll ich darauf antworten, Captain? Was passiert ist, können wir nicht mehr ändern. Graben Sie jetzt! Wir wollen sie schnell unter die Erde bringen.“

In diesem Moment stürzten die Außenwände des Blockhauses in sich zusammen. Eine Funkenwolke stob empor, verblasste aber im gleißenden Sonnenlicht. Heiße, kaum sichtbare Flammen umleckten die kreuz und quer liegenden Balken. Eine rußige Flocke verfing sich zwischen Shatners Augenwimpern und hinderte ihn am Weitergraben. Chaco nahm ihm die Schaufel aus der Hand und vollendete mit Wheeler die Arbeit.

Im Laufe einer halben Stunde hatten sie die Leichen beerdigt. Aus Astwerk und Rohhautschnüren verfertigte Robles zwei Kreuze, die er ins Kopfende der Erdhügel bohrte.

Shatner bestand darauf, ein paar Worte aus seiner Feldbibel vorzulesen.

„Aber das hätten Sie tun müssen, als die Gräber noch nicht zugeschüttet waren“, sagte Robles.

„Das macht nichts.“ Shatner blätterte in dem kleinen schwarzen Buch, bis er etwas Passendes gefunden hatte, und las es dann murmelnd ab: „Der Herr ist mein Hirte. Es wird mir an nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Au. Er ...“

Seine Worte klangen hinaus in die Einöde und vermischten sich mit den Geräuschen der Wüste. Robles, der neben Chaco stand, stieß das Halbblut leicht in die Seite und wies mit seiner Kinnspitze in Richtung des Talrandes.

Hoch oben zwischen den Felsen beobachteten sie drei Indianer auf ihren Pferden. Sie standen dort wie Denkmäler aus uralter Zeit.

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Sie ritten bis zum Einbruch der Dämmerung. Unversehrt waren sie durch den schmalen Hinterausgang des Redondo-Tals in die Tiefebene des südlichen Strauchsteppengürtels gelangt. Vor ihnen lag die sanfte Hügelkette der Apparousas und dahinter der Rio Rosquez - die Grenze nach Mexiko.

Chaco hatte sich mehrmals umgesehen, aber nirgends die Spuren von Apachen entdecken können. Das hatte allerdings nicht viel zu bedeuten, und er warnte die Männer vor leichtsinnigem Verhalten. Sie hatten die ersten Ausläufer der Apparousas erreicht, als die ersten Streifen Abendrot den westlichen Horizont verfärbten. In einem ausgetrockneten Arroyo schlugen sie ihr Nachtlager auf. Der Arroyo lag im Schatten eines zerklüfteten Felsmassivs, das mit Krüppelfichten und dornigem Buschwerk bestanden war. Nach Osten hin erstreckte sich das wirre Gestrüpp des Chapparral.

Die Reiter entsattelten ihre Pferde, hobbelten sie an und legten ihnen Nasensäcke mit Fressen um, die Wheeler auf dem Wagen bereitgehalten hatte. Als Essen für die Männer zog der Sergeant gesalzenen Speck, Hartbrot und vier Streifen Beef Jerkey hervor. Dann stellte er einen eisernen Dreifuß auf den rötlichen Arroyoboden und hängte einen schweren, schwarzwandigen Topf ein.

„Ich hole Feuerholz“, sagte er kurz und begann, den Hang hinaufzuklettern. Bald war er im Dämmerlicht verschwunden. Robles saß mit dem Rücken gegen ein Wagenrad. Er hatte sich Schuhe und Strümpfe ausgezogen und ließ seine Zehen in der Luft spielen.

„Was werden wir mit den Gewehren tun, wenn wir erst mal bei Padilla sind?“

„Wir werden sie uns schnappen“, sagte Shatner kurz entschlossen.

„Was heißt das: ,schnappen‘?“

„Na ja, wir nehmen sie uns, und ab damit.“

„Einfach so.“

„Meinen Sie, dass es Schwierigkeiten geben wird?“, fragte Shatner besorgt.

Robles vollführte eine ratlose Geste mit den Händen.

„Was weiß ich? Es wird nicht einfach sein.“

„Wir können das vor Ort entscheiden“, sagte Chaco. „Im Notfall könnten wir die Gewehre immer noch in die Luft sprengen.“

„Zeug genug haben wir ja dafür“, sagte Robles und tätschelte die Planken über seinem Kopf.

Das Gespräch erstarb. Chaco stand auf und zog die Planen über den Gatlings zurück. Wheeler hatte beim Abladen des Proviants die Maschinengewehre freigelegt.

„Haben Sie Angst, dass uns jemand beobachtet?“, fragte Shatner.

„Ich bin nur vorsichtig“, erwiderte Chaco und setzte sich gegenüber dem Wagen an die Arroyowand. Er zog seinen Peacemaker aus der Halfter, leerte die Patronenkammern und reinigte sie und den Lauf. Dann lud er die Waffe von neuem und wollte sie gerade wegstecken, als er bemerkte, wie Robles ihn anstarrte. Im ersten Moment glaubte er, der Mexikaner habe Angst, er wolle ihn erschießen. Doch dann bemerkte er, dass Robles trotz all seiner Starrheit ihm etwas zu sagen versuchte. Er benutzte dafür seine Augen. Und die signalisierten Gefahr. Gefahr in Chacos Rücken.

Auch Shatner, der inzwischen neben Chaco an die Arroyowand gelehnt saß, hatte begriffen. Wortlos legte er seine Hand auf den Knauf des Revolvers.

Die Dämmerung war kurz davor, in Nacht überzugehen. Die Welt hatte sich in wirbelndes Graublau gehüllt, und nur noch die Umrisse waren zu erkennen.

Jetzt hörten sie die Schritte. Sie kamen den Hang hinunter. Lose Steine prasselten in den Arroyo. Sie fielen Chaco und Shatner vor die Füße. Wer immer den Hang hinuntersteigen mochte, er konnte Chaco und Shatner nicht sehen, denn sie befanden sich für ihn im toten Winkel des Arroyo. Er würde glauben, Robles der noch immer an der gegenüberliegenden Wand vor dem Wagenrad saß, sei allein. Die Schritte näherten sich bis an den Rand des Arroyos. Dort hielten sie an.

„Tut mir leid, Mister Robles“, dröhnte der Bass von Wheeler. „Sie haben mich beim Holzsammeln überrascht.“

„Du hältst die Fresse“, fuhr ihn eine krächzende Stimme an.

„Darf ich fragen, mit wem ich die Ehre habe?“, erkundigte sich Robles höflich.

„Das geht dich gar nichts an, dreckiger Mex“, erwiderte die krächzende Stimme. „Sag mir lieber, was du da in deinem Wagen hast!“

„Oh ...“ Robles zuckte mit den Schultern. Dann hielt er Chaco und Shatner die gespreizte Hand entgegen und warf ihnen einen blitzschnellen Blick zu. „Was soll da schon drauf sein. Zucker, Mehl und Bohnen. Viele, viele Bohnen.“

„Was versucht er uns zu sagen?“, flüsterte Shatner, der ganz dicht neben Chaco gekrochen war.

„Es sind fünf Mann“, sagte Chaco schnell. „Sie nehmen die rechten zwei. Ich nehme die linken drei. Ich gebe Ihnen ein Zeichen, wenn es soweit ist.“

Shatner nickte mit zusammengekniffenen Lippen.

„Ich glaube dir nicht, Greaser“, krächzte die Stimme von oben. Ich werde zwei von meinen Jungs runterschicken, damit sie nachsehen.“

„Das würde ich lieber nicht tun, Sir“, sagte Robles.

„Und warum nicht?“

„Weil es mir nicht gefällt. Ich lass niemanden an meiner Ware rumschnüffeln.“

Die Stimme lachte kurz und schnappend.

„Für jemanden, der in fünf Minuten tot ist, bist du erstaunlich munter, Amigo.“

„Nimm dein Maul nicht so voll!“, entgegnete Robles. Dabei saß er die ganze Zeit ruhig gegen das Wagenrad gelehnt. Die krächzende Stimme brauchte einige Zeit, um zu antworten.

„Hör gut zu, Greaser! Slimey und Mucus werden jetzt zu dir runtersteigen und sich den Wagen genauer angucken. Und du wirst nichts dagegen unternehmen, verstanden? Sonst ist dein Freund hier oben auf einmal alle seine Probleme los.“

„Ganz wie du willst“, entgegnete Robles. „Ich habe dich gewarnt. Sie sollen kommen.“

„Slimey! Mucus!“

„Okay, Boss!“ Zwei paar Stiefel schoben sich über den Arroyorand.

„Jetzt!“, zischte Chaco.

Zusammen mit Shatner federte er hoch. Ihre Colts bellten gleichzeitig auf. Die beiden Männer sanken zur Seite. Schatten tanzten am Rand des Arroyos.

„Auf den Boden, Wheeler!“, schrie Chaco.

Er schoss auf den linken äußeren Schatten. Er sah, wie Wheeler sich zu Boden warf. Shatner erwischte zwei andere, und den letzten traf Robles. Dann war es wieder so still wie noch vor wenigen Minuten. Wheeler erhob sich stöhnend. Shatner lief auf ihn zu und stützte ihn.

„Fünf - waren das alle?“, fragte er.

Der stämmige Sergeant nickte.

„Ich hätte besser aufpassen sollen“, presste er hervor.

Chaco drehte den leblosen Körper eines der fünf Banditen herum. Er musste ein Streichholz zu Hilfe nehmen, um das Gesicht zu erkennen.

Es war Hank Alcott - der Lebensmitteldieb. Chaco erkannte ihn an seinem unrasierten Gesicht.

Plötzlich sah er aus seinen Augenwinkeln einen Schatten davonhasten.

„Halt!“, rief er in Richtung der Kassia-Akazie, wo er ihn gesehen hatte, und zog seinen Colt.

Der Schatten blieb für einige Sekunden erschrocken stehen und rannte dann geduckt weiter.

Chaco gab einen Schuss ab. Der Schatten erstarrte und kauerte sich zu Boden.

Vorsichtig ging Chaco näher. Der Schatten rührte sich nicht. Schließlich lag er direkt vor Chacos Füßen.

„Steh auf!“, sagte Chaco scharf.

Der Schatten bewegte sich nicht. Chaco bückte sich und schüttelte ihn an der Schulter.

Plötzlich schnellte die Gestalt hoch und versuchte, davonzulaufen. Chaco riss ihn an der Hand zurück. Erst jetzt erkannte er, dass es sich um eine Frau handelte. Ihr kleiner Mund war vor Angst weit aufgerissen, und ihr Atem ging in kaum hörbaren Stößen. Es war eine Chiricahua-Apachin.

Chaco zog sie mit sich hinunter in den Arroyo, wo die anderen inzwischen ein Feuer angelegt hatten. Im flackernden Licht konnte er erkennen, wie ihr Gesicht aussah. Es war von leicht mongolischem Schnitt. Sie hatte dunkle, mandelförmige Augen und pechschwarzes, langes Haar. Sie war schlank gewachsen, trug ein rotes, weißgepunktetes, dünnes Calicokleid und zeigte die vollen Rundungen eines jugendlich straffen Körpers.

„Wo kommt sie her?“, fragte Robles, dessen Augen vor Misstrauen zu kleinen Schlitzen geworden waren. „Es ist eine Chiricahua.“

Chaco beugte sich zu ihr hinunter.

„Von wo kommst du?“, fragte er leise, und er wiederholte die Frage im Dialekt der Pirnas, als sie ihm nicht antwortete. Aber das Mädchen schwieg. Mehrere Male öffnete sie ihren Mund und gestikulierte mit der Hand davor.

„Das hilft gar nichts“, sagte Robles und hockte sich neben die Indianerin.

Plötzlich griff er nach ihrem Haar und riss ihr den Kopf in den Nacken.

„Sag mir sofort, wo der Rest von deinem Stamm lauert, du kleine Schlampe. Sag es mir, oder ...“ Er griff nach einem glühenden Holzscheit. Die Indianerin stieß ein dünnes, pfeifendes Stöhnen aus.

Chaco riss Robles den Holzscheit aus der Hand und befreite das Haar der Chiricahua aus dem Griff des Mexikaners.

„Was soll das?“, fluchte Robles. „Anders wird sie nie reden.“

„Sie kann überhaupt nicht reden“, sagte Chaco. Er drückte den Kopf der Indianerin zurück und zeigte auf eine verwachsene Quernarbe in der Mitte des Halses. „Sie ist stumm.“

Robles brummte etwas Unverständliches und setzte sich ein paar Inches zurück. Chaco ließ den Holzscheit in seiner Hand ausglühen und zog mit dem verkohlten Ende einige Striche auf den Boden, um der Indianerin zu zeigen, was er von ihr erwartete. Er sah sie fragend an, und als sie nickte, drückte er ihr den Holzstock in die Hand.

„Dein Name“, sagte er laut und deutlich, damit sie es notfalls auch von seinen Lippen lesen konnte. Sie zögerte einen Moment. Dann kritzelte sie unbeholfen die Buchstaben Tehuaci auf den Arroyoboden.

„Tehuaci“, sagte Chaco und streichelte ihr über das Haar. Sie lächelte ihn an.

„Wo kommst du her?“, fragte das Halbblut weiter.

Hank Alcott, Dienerin - schrieb sie auf den Boden. Chaco fragte sie weiter aus, und es ergab sich, dass man sie als kleines Kind mit halb durchschnittener Kehle ausgesetzt hatte. Sie wurde von einem Trapper gefunden und bei der Missionsstation San Xavier del Bac abgeliefert, wo sie aufwuchs. Die Halswunde hatte sich wie durch ein Wunder nicht als gefährlich erwiesen - nur sprechen sollte sie ihr Leben lang nicht können. Als sie die Missionsstation mit achtzehn Jahren verließ, um Arbeit zu suchen, fiel sie bei einem Postkutschenüberfall Hank Alcott in die Hände, der sie als eine Art Sklavin und Mädchen für alles in sein Hauptquartier hier in den ApparousaMountains verschleppt hatte.

„Ich wusste gar nicht, dass Apachen ihre Kinder aussetzen“, sagte Shatner.

„Wenn das Kind unwillkommen ist“, sagte Chaco. „Es kann vorkommen.“

„Hast du noch Kontakte mit Indianern?“, fragte Robles Tehuaci auf einmal von hinten.

Manchmal, war ihre Antwort.

„Da - sie gibt es selber zu. Bestimmt weiß sie, wann die Waffen an die Apachen verkauft werden sollen.“

„Woher sollte sie es wissen?“, fragte Chaco.

„Sie hat immer noch Kontakt zu ihren Leuten.“

„Na und? Das ist nichts Besonderes. Ab und zu wird mal einer vorbeikommen, und dann sagen sie sich guten Tag.“

„Der Waffentransport ist hier vorbeigekommen. Sie weiß davon. Bestimmt weiß sie auch, wann der Verkauf stattfinden soll. Aber sie sagte es uns nicht, weil sie will, dass alle Weißen und zivilisierten Menschen für das büßen sollen, was Alcott ihr angetan hat.“

Tehuaci schüttelte heftig den Kopf bei diesen Worten. Chaco beruhigte sie.

„Lasst das Mädchen für heute in Ruhe“, sagte er. „Sie hat genug durchgemacht.“

Robles zog sich mit versteinertem Gesicht zurück.

„Wheeler, erstatten Sie bitte noch Bericht, bevor wir uns schlafen legen!“, sagte Shatner.

„Zu Befehl, Sir.“ Wheeler berichtete, dass er beim Holzsuchen ziemlich nahe an eine Höhle geraten sei, die sich auf halber Hanghöhe befinde. In ihr schien sich Alcotts Hauptquartier zu befinden. Die Banditen wären dann zu fünft auf ihn gestürzt und hätten ihn überwältigt.

Chaco spielte mit dem Gedanken, sich Alcotts Hauptquartier genauer anzugucken, doch er verwarf ihn wieder. Die Bande war einfach zu unbedeutend gewesen. Was mochte er in ihrer Höhle schon groß aufstöbern? Leere Konservenbüchsen wahrscheinlich.

Shatner übernahm die erste Wache. Er löschte das Feuer mit Sand, und der Rest legte sich schlafen. Tehuaci kroch zu Chaco unter die Decke.

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Sie hatten die Berge durchquert, und vor ihnen lag das gewundene Cottonwoodband, das den Verlauf des Rio Rosquez anzeigte.

Sie ritten in der gewohnten Reihenfolge - Robles als Nachhut, Chaco und Shatner vor dem Wagen. Tehuaci saß neben Wheeler auf dem Kutschbock. Ihr Gesicht drückte weder Furcht noch Interesse aus. Sie führten die Pferde zum Wasser und ließen sie saufen. Im Schatten der Bäume schlugen sie ihren Rastplatz auf.

Die Spuren des Schlutter-Wagens waren deutlich auf dem felsigen Grund zu sehen. Vor dem Fluss bogen sie nach Westen ab, und Chaco entschloss sich, ihnen für eine Weile allein zu folgen, um herauszufinden, wo Padilla den Rio Rosquez überquert hatte. Sie liefen über fünf Meilen parallel zum Fluss und endeten an einer breiten Furt. Auf der mexikanischen Seite setzten sie sich durch gelbgebranntes Mesquitegras fort.

Chaco kehrte zurück.

Eine merkwürdige Stimmung lastete auf dem Lager, als er eintraf. Die drei Männer - vor allem Shatner - wichen seinen Blicken aus. Tehuaci saß - den übrigen den Rücken zugewandt - am Fluss und starrte in das träge dahinziehende Wasser. Robles blickte als Erster auf. Eine Art triumphierendes Lächeln umspielte seine Lippen.

„In zwei Tagen“, sagte er zu Chaco.

„Was ist in zwei Tagen?“ Das Halbblut stieg vom Pferd und löste den Bauchgurt des Sattels.

„In zwei Tagen wird Padilla die Waffen an die Apachen verkaufen.“

Chaco zögerte. Dann nahm er den Sattel vom schweißfeuchten Rücken seines Pferdes.

„Und woher wissen Sie das?“, fragte er Robles, ohne zu ihm hinüberzublicken.

„Die Indianerin hat es mir gesagt. Das heißt, sie hat es mir aufgeschrieben.“ Robles zeigte vor sich auf den Boden. Zwei kleine Striche waren in den Fels geritzt.

„Sie hat es mit meinem Messer getan“, sagte Robles.

Chaco sah ihm in die Augen. Sie wirkten kalt und triumphierend.

„Mit dem Messer ...“, sagte Chaco tonlos. Er schritt hinüber zu Tehuaci. Behutsam legte er seine Linke auf ihre Schulter, aber sie schüttelte sie unwirsch ab. Chaco ging neben ihr in die Hocke. Sie wandte sich von ihm weg. Das Halbblut streckte seine Rechte aus, griff nach ihrem Kinn und drehte das Gesicht gewaltsam zu sich. Es war tränenverklebt. Eine rote Schramme lief quer über die linke Backe. Alle Zuversicht war aus den Augen verschwunden. Sie sprühten Chaco Wut und Verachtung entgegen.

Er ließ los, und blitzartig schnellte das Gesicht wieder von ihm weg. Der Körper des Mädchens wurde von Weinkrämpfen geschüttelt. Chaco erhob sich. Shatner war ihm auf halbem Wege entgegengegangen und machte einen unsicheren Eindruck.

„Es ... es war notwendig“, stotterte er. „Wie hätten wir sonst erfahren, dass ...“ Aus Verlegenheit brach er mitten im Satz ab. Entschlossen schritt Chaco auf ihn zu und holte zum Schlag aus.

„Halt!“, rief Robles. „Lass den Jungen! Ich habe die Wahrheit aus ihr heraus gekitzelt. Was kann er dafür?“

„Zumindest hätte ich etwas dagegen unternehmen können“, meinte Shatner kläglich.

„Warum denn?“, sagte Robles. „Wir wollten es doch alle wissen. Es ist wichtig für uns. In zwei Tagen müssen wir unser Ziel erreicht haben. Ich schlage vor, dass wir sofort aufbrechen.“

Chaco schwankte. Er sträubte sich, die grausame Wahrheit von Robles’ Worten zu akzeptieren, aber es blieb ihm keine andere Wahl. Tehuaci hatte sie belogen.

„Ziehen wir weiter!“, sagte er tonlos.

Sie brachen auf und folgten dem Lauf des Flusses bis zur Furt. Die drückende Stimmung wollte nicht verfliegen. Sie lastete auf ihnen und machte jedes Gespräch unmöglich. Als sie das Nachtlager aufschlugen, hatten sie außer dem Notwendigsten kein überflüssiges Wort miteinander gewechselt. Robles bot sich freiwillig an, die Wache für ihre erste Nacht auf mexikanischem Boden zu übernehmen.

In dieser Nacht verschwand Tehuaci. Chaco bemerkte es, als er die Wache von Robles übernahm.

„Was hätte ich tun sollen?“, fragte ihn der Mexikaner. „Auf sie schießen? Sie wollte gehen, und ich habe sie gelassen. Es war ihr gutes Recht.“

„Sie wird uns verraten“, sagte Chaco.

„An wen denn?“

„Was weiß ich. Ich werde versuchen, sie zurückzuholen.“

Er war keine zwei Meilen geritten, als sich sein Pferd den Vorderhuf brach. Er musste es erschießen. Dann schleppte er den Sattel zurück zum Rastplatz. Gegen vier Uhr morgens traf er ein. Es blieben ihm gute zwei Stunden zum Schlafen. Sein einziger Trost bestand darin, dass Tehuaci zu Fuß geflohen war. Er hoffte, dass sie nicht weit genug kam, um in den nächsten zwei Tagen irgendein Unheil anzurichten. Andererseits wusste er, wie wenig die Hoffnung allein ihm bisher in seinem Leben geholfen hatte.

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Langsam stieg die Sonne über eine nahe Hügelkette im Osten. Der Tau glitzerte in den Gräsern, und wenig später flammte die ganze Ebene auf und strahlte in gelblichen Farben. Ein heißer Tag war angebrochen. Sie nahmen ihr Frühstück ein und zogen weiter. Robles hatte die Führung übernommen. Niemand außer Chaco schien sich über die Flucht Tehuacis Sorgen zu bereiten.

Sie ritten nach Südosten. Die Landschaft wurde hügeliger, und sie durchquerten die Schatten von Bodenwellen. Mächtige Sanguaro-Kakteen hoben sich gegen das gelbliche Gras ab. Aus der Ferne wirkten sie wie klagende Indianergottheiten, die ihre Hände zum Himmel erhoben hielten. Nach Westen hin wurde die Landschaft immer unübersichtlicher. Bodensenken und kleine Täler entzogen sich dem Einblick des Vorüberreitenden. Aus der Ferne war der gackernde Schrei des Truthahngeiers zu hören. Doch nirgendwo sah man einen am Himmel fliegen.

Chaco wusste, dass die Apachen es liebten, den Ruf dieses Vogels nachzuahmen, wenn sie sich ihrer Beute sicher waren.

Gegen die Mittagszeit wurde die Hitze des Hochsommertages zu einer dreitausend Fuß hohen Säule, die senkrecht auf den Männern lastete und ihnen fast den Atem nahm. Sie ritten in eine grasbewachsene Bodensenke hinab und beschlossen, dort unten eine Mittagspause einzulegen. Das nächste Wasserloch lag zwar noch drei Meilen entfernt, aber vor allem Shatner und Wheeler fühlten sich wie zerschlagen. Wheelers Gesicht war schweiß überströmt, als er sich vor dem schattenzugewandten Hinterrad des Wagens niederließ. Auch Shatner suchte den Schatten und ließ sich einfach ins Gras fallen. Aber es verschaffte ihm wenig Linderung, denn der Boden war glühend heiß.

Chaco stieg vom Kutschbock, auf dem er seit dem Verlust seines Pferdes mit Wheeler geritten war, und behielt den einsamen westlichen Senkenhang im Auge. Seit einiger Zeit schon glaubte er, von dort Geräusche zu hören, nur konnte er sich nicht genau erklären, welche. Auch Robles blickte die Senke hinauf. Chaco bückte sich und half Shatner, einen Dorn aus der Hand zu ziehen, den dieser sich beim Fallenlassen in den Ballen gerannt hatte. Er war gerade damit fertig, als Robles ihn vorsichtig an die Schulter tippte und ihm bedeutete, aufzustehen. Die Augen des Mexikaners waren ausdruckslos, als er mit seiner Kinnspitze auf die westliche Hangkante wies.

Wie aus dem Nichts war eine Armee von Indianern aufmarschiert. Chaco schätzte sie auf fünfzig oder sechzig Mann. Sie saßen auf kleinen, drahtigen Ponys. Reglos standen sie am Rand der Senke und starrten auf den Wagen mit dem Dynamit hinab. Sie waren klein, untersetzt, schmalschulterig und dickbäuchig. Ihre Kleidung war uneinheitlich, denn sie war nicht nach einer Stammesregel zusammengesetzt, sondern stammte von ihren Opfern. Sie waren mit Pfeil und Bogen ausgerüstet. Keiner von ihnen trug ein Gewehr - zumindest nicht sichtbar.

„Mein Gott“, stieß Shatner schwach hervor. „Jetzt sind wir so gut wie tot.“

Chaco ging an die Hinterfront des Wagens, schlug die Planen für einen Moment zurück und zog ein weißes Abdecktuch von einem der Sirupfässchen, die Wheeler als Proviant eingepackt hatte. Das Tuch in der Hand schwenkend, trat er langsam vor den Wagen.

„Was haben Sie vor?“, fragte Shatner.

„Keine Fragen jetzt!“, sagte Chaco kurz über die Schulter. „Wheeler, holen Sie den Petroleumkanister vom Wagen!“

Die Reihen der Apachen gerieten in Bewegung. Ein Reiter löste sich aus ihnen und kam langsam den Hang herunter, und ihm folgte in einigen Schritten Entfernung - Tehuaci!

„Jetzt wissen Sie, warum wir sie hätten bei uns behalten sollen“, sagte Chaco kurz zu Robles.

Der Mexikaner zeigte keine Reaktion auf diese Worte. Der Indianer hielt in zehn Yards Entfernung und sprang von seinem Pony. Sein Gesicht war mit Wüstendreck beschmiert. Er trug einen Lendenschurz und spitz hochgebogene, hochschaftige Mokassins. Und seinen Oberkörper umspannte das Kleid von Kathy Freeman!

„Er hat sie umgebracht!“, presste Shatner hervor. „Er war dabei!“

Robles hielt ihn zurück.

Ein breites Grinsen zerteilte das Gesicht des Chiricahua und enthüllte eine Reihe schwarz angefaulter Zähne. Tehuaci war von ihrem Pony gestiegen, und sie stand jetzt neben ihm.

„Wie heißt du?“, fragte ihn Chaco in der kehligen Sprache der Mescaleros.

„Rennender Wolf.“ Er grinste und zeigte auf sein zerzaustes Haar. „Fell von Wolf.“ Dann lachte er. Chaco lachte mit ihm. Anscheinend lachte Rennender Wolf sehr gerne, denn es dauerte fast fünf Minuten, bis er sich über seinen Witz beruhigt hatte.

Schlagartig brach das Lachen des Indianers ab. Er zeigte mit seiner schmutzigen Rechten auf den Wagen. „Donnerstäbe?“

„Was will er wissen?“, fragte Shatner.

„Ob wir Gewehre auf dem Wagen haben“, sagte Chaco.

„Wie kommt er darauf?“

„Sie wird es ihm gesagt haben“, sagte Robles und blickte verächtlich in die Richtung Tehuacis.

Wheeler hatte inzwischen einen kleinen Petroleumkanister vom Wagen geholt. Abwartend stand er neben den Pferden.

„Donnerstäbe?“ Rennender Wolf wurde ungeduldig.

Chaco schüttelte den Kopf, doch Tehuaci zog den Indianer zum Wagen, zog die Planen zurück und zeigte ihm die Gatlings.

„Donnerstäbe?“ Rennender Wolf schien nicht zu begreifen. Eine Gatling hatte er noch nie in seinem Leben gesehen.

Tehuaci versuchte, ihm zu erklären, dass die Gatlings weit besser als gewöhnliche Gewehre waren. Aber da sie nicht reden konnte, verwirrten ihre Gesten den Indianer nur. Zuerst bemühte er sich, herauszufinden, was sie meinte. Doch seine Geduld reichte nicht besonders weit, und er stieß sie einfach beiseite. Tehuaci fiel auf den Boden und verstauchte sich ihre linke Hand. Ein schwaches Röcheln drang über ihre Lippen.

Rennender Wolf gab den Indianern ein wütendes Zeichen. Wie auf Kommando nahmen sie ihre Bögen vom Sattel und legten Pfeile auf die Sehnen.

„Donnerstäbe!“

Tehuaci musste ihm von den Gatlings erzählt haben, während er wohl verstanden hatte, dass es sich um Winchester oder ähnliche Modelle handelte. Wie konnte man ihm seinen Irrtum wieder ausreden? Er würde jeden Versuch in diese Richtung als Verrat auffassen.

Robles stand vor der hangabgewandten Seite des Wagens. Er hatte die Planen zurückgeschlagen, dass sie bis auf den Boden hingen. Er winkte den Indianer zu sich hinüber. Rennender Wolf blickte Chaco fragend an. Das Halbblut nickte ihm zu.

„Donnerstäbe?“

Chaco nickte nochmals. Begierig schritt Rennender Wolf auf Robles zu.

Der Mexikaner hatte sein Bowiemesser gezogen und zeigte mit der Spitze auf eine Dynamitkiste vor sich – so, als ob sie Gewehre enthielte. Mit dem Messer löste er eines der Bretter und schälte eine Dynamitstange aus ihrer Verpackung. Die Stange hielt er dem Rennenden Wolf unter die Nase und legte sie dann - äußerst geheimnisvolltuend - auf den Boden. Er winkte den Indianer zu sich herunter. Neugierig folgte Rennender Wolf der Aufforderung. Er war jetzt dem Blick seiner Männer entzogen. Auch zwischen den Wagenrädern konnten sie ihn nicht sehen, da die herunterhängende Plane ihn vor ihrem Blick verbarg. Mit einer ruckartigen, drehenden Bewegung stieß Robles von unten zu. Der Chiricahua stöhnte kurz auf und fiel tot auf den Rücken.

„Jetzt das Petroleum!“, zischte der Mexikaner Chaco zu.

Chaco hatte Wheeler den Kanister inzwischen aus der Hand genommen.

„Bringt die Pferde hinter den Wagen!“, rief er den anderen zu.

Die Indianer warteten immer noch auf das Auftauchen von Rennender Wolf.

„Das Mädchen!“, rief Robles. „Bringt das Mädchen zu mir! Sie wird uns sonst verraten!“

Chaco tat so, als suchte er etwas im Gras. Er beschrieb einen kleinen Halbkreis über den Hang. Dabei hielt er, vor den Augen der Indianer verdeckt, den Petroleumkanister an seiner linken Seite und ließ ihn glucksend leerlaufen. Aus den Augenwinkeln sah er, wie Shatner die verletzte Tehuaci hinter den Wagen zog.

Wann würden die Apachen den Trick endlich erraten? Wann würden sie das Spiel durchschauen?

Chacos Nerven waren bis zum Zerreißen gespannt. Er wusste, dass über fünfzig Pfeile auf ihn gerichtet waren. Immer wieder glaubte er, sie von hinten heransirren zu hören. Der Kanister in seiner Linken wurde immer leichter. Endlich hörte er die letzten Tropfen auslaufen. Die ganze Zeit schon hatte er das Streichholz in seiner Rechten gehalten. Kurz entschlossen riss er es an seinem Daumennagel an und ließ es auf die feuchte Petroleumspur fallen. Blitzartig schoss eine weißglühende Feuerwand hoch. Mit unglaublicher Geschwindigkeit fraß sie sich den Hügel hinauf.

Chaco stürzte auf die Deckung zu, die der Wagen bot. Er hörte die Pfeile in seinem Rücken die Luft durchpfeifen. Die ersten bohrten sich neben ihm in den Boden. Ihre Führungsfedern schwelten.

Mit einem riesigen Sprung hechtete er hinter den Wagen. Im nächsten Moment erzitterte das Gefährt unter den einschlagenden Pfeilen. Einige bohrten sich weiter hinten ins Erdreich, doch keiner verletzte die Menschen, die hinter dem Wagen Deckung gesucht hatten.

„Für einen zweiten Angriff haben sie keine Zeit!“, rief Chaco. „Wir müssen uns beeilen, sonst fliegt der Wagen in die Luft!“

Shatner, Wheeler und Robles sprangen auf.

„Wheeler!“, rief Chaco. „Sie kommen mit mir und dem Mädchen auf den Wagen! Shatner und Robles, ihr nehmt die Pferde!“

„Die Ponys!“, rief Shatner. „Wir müssen sie retten!“

Vor der Flammenwand kämpften die Ponys von Tehuaci und Rennender Wolf mit dem Tode.

„Wir müssen uns selbst retten!“, rief Chaco. „Los jetzt!“

Er hob die benommene Tehuaci auf den Wagen, sprang neben Wheeler auf den Kutschbock und peitschte mit dem verlängerten Zügelende auf das Zuggespann ein. Laut aufwiehernd stoben die Pferde davon. Der Wagen ächzte und krachte. Wheeler wurde auf dem Kutschbock hin und her geworfen. Tehuaci lag zwischen den Dynamitkisten und den Gatlings und hielt sich krampfhaft an der Verschanzung fest. Chaco warf einen Blick über die Schulter. Jetzt verfolgte die Flammenwand auch sie. Verzweifelt trieb er die Pferde an, um den Wagen aus der Gefahrenzone zu bringen. Er wagte nicht, daran zu denken, was passieren würde, wenn das Dynamit Feuer fing.

Shatner und Robles hetzten auf ihren Pferden voraus, die Köpfe dicht an den schweißnassen Hälsen der Tiere. Der Mexikaner setzte sich an die Spitze. Anscheinend wusste er den Ausweg aus diesem Inferno. Von hinten her wuchs die Hitze an. Die Luft flimmerte, in verzerrenden Schwaden vor Chacos Augen. Die Umrisse von Robles und Shatner waren nur noch undeutlich zu erkennen. Er musste sich konzentrieren, um sie nicht mit den Ascheflocken zu verwechseln, die jetzt überall herumflogen.

Für eine Weile beschlich ihn der Gedanke, dass die beiden sich absetzten, um bei der Explosion des Dynamitwagens in Sicherheit zu sein. Er feuerte die Pferde an wie ein Wahnsinniger.

Ein kurzer Blick über die Schulter zeigte ihm, dass sich Tehuaci noch immer auf der Ladefläche befand. Wenn sie jetzt hinunterfiel, konnte ihr niemand mehr helfen.

Die beiden Vorreiter hielten auf ein schwarzes Etwas zu, das sich aus der gelben Graseinöde abhob  Büsche - vielleicht Bäume. Chaco folgte ihnen blindlings ...

„Stopp den Wagen! Mein Gott! Halt ihn an!“, schrie Robles.

Chaco wusste nicht, wie es geschehen war, aber auf einmal befand der Wagen sich im Wasser. Ohne groß darüber nachzudenken, zog er den Bremshebel an. Die Hinterräder blockierten. Die Pferde brüllten auf, ihre Hinterbeine knickten ein. Endlich standen sie still. Chaco sprang vom Kutschbock und stand bis zu den Hüften im Wasser.

„Schnell!“, rief Robles. „Die Planen! Wir müssen sie nass machen, um die Ladung vor der Hitze zu schützen!“

Tehuaci sprang vom Wagen, und die Männer rissen wie in Trance die Segeltuchplanen von den Dynamitkisten und tränkten sie mit Wasser. Dann wuchteten sie die schweren Tücher zurück. Tropfend hingen sie über die Wagenränder.

„Das Feuer kommt!“

Die Männer und das Mädchen sprangen unter den Wagen. Nur noch ihre Köpfe ragten aus dem Wasser. Erst jetzt fand Chaco Zeit, sich umzusehen. Durch die Holzspeichen des rechten Hinterrads erkannte er einige Mesquitesträucher. Sie umgaben das Wasserloch, in dessen Mitte sich der Wagen jetzt befand. Im nächsten Moment standen sie auch schon in hellen, heißen Flammen. Ein Gluthauch schlug Chaco ins Gesicht; die nasse Plane über den Dynamitkisten dampfte. Für die nächste Minute schien die Welt um das Wasserloch aus einem einzigen Flammenmeer zu bestehen.

Dann war alles vorbei. Der Boden war schwarz, und hier und da flammte ein kleines Feuer auf. Da es aber keine Nahrung fand, war es schnell wieder erloschen.

Chaco kam als Erster wieder zu sich.

„Die nasse Plane muss runter!“, rief er. „Schnell! Sonst verdirbt das Dynamit!“

Die Männer zogen den feuchten Stoff, der inzwischen ziemlich heiß geworden war, von den Kisten. Über dem ausgebrannten Gerippe eines Mesquitestrauchs breiteten sie ihn zum Trocknen aus. Tehuaci stand einige Schritte abseits und sah ihnen zu.

„Was wollen wir mit ihr machen?“, fragte Shatner.

„Das werden Sie gleich sehen.“ Robles zog sein Messer und schritt auf die Indianerin zu.

„Warten Sie!“, rief Chaco. „Was haben Sie mit ihr vor?“

„Ich werde ihr eine Lehre erteilen, die sie ihr Lebtag nicht vergisst!“

„Rühren Sie sie nicht an!“ Chaco war zwischen Robles und Tehuaci getreten. Im Gesicht des Mexikaners zuckte es.

„Sie nehmen sie also auch noch in Schutz? Nach allem, was sie uns angetan hat? Sie hat uns verraten!“

„Wenn Sie sie nicht gequält hätten, hätte sie es vielleicht nicht getan.“

„Woher wollen Sie das denn wissen? Und außerdem: Mit dem Termin für den Waffenverkauf rückte sie erst heraus, nachdem ich ihr Gesicht zeichnete.“

„Und wenn schon. Lassen Sie sie jetzt in Frieden! Gerade weil wir nur noch Zeit bis morgen haben, sollten wir uns nicht mit kleinlichen Rachegelüsten aufhalten.“

„Und was haben Sie mit ihr vor? Wollen Sie sie etwa mitnehmen?“

„Natürlich. Oder würden Sie sie lieber in der Wüste zurücklassen?“

„Na und?“ Robles spuckte aus. Chaco warf ihm einen kurzen, verächtlichen Blick zu.

„Reiten wir weiter!“, sagte er zu Shatner und nahm Tehuaci bei der Hand. „Sie kommt zu mir auf den Wagen.“

Robles wagte es nicht, einzugreifen. Wortlos ließ er das Halbblut mit der Indianerin passieren.

„In Ordnung“, sagte Shatner. „Reiten wir weiter! Die Planen sind auch schon wieder trocken.“

Tehuaci warf Chaco einen aus tiefster Seele dankbaren Blick zu, als er sie auf die Ladefläche des Wagens hob.

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Das Hauptquartier Padillas lag in den Bergen der Sierra Madre. Sie konnten es nur noch rechtzeitig erreichen, wenn sie die Nacht durchritten. Je weiter sie vorrückten, desto trostloser wurde die Landschaft. Kahle Bergrücken zogen sich von Nordwesten nach Südosten. Dazwischen befanden sich flache, ausgetrocknete Mulden voller Staub und Geröll. Wanderdünen versperrten den Weg, und ihr feiner, fliegender Sand brannte in den Augen. In der Nacht warf das freistehende Wurzelgewirr der Sumachsträucher gespenstische Schatten.

Am nächsten Tag ging die Sonne in aller Frühe auf. Ihre ersten, schwachen Strahlen tasteten über das verödete Land und brachen sich in einem kleinen Wassertümpel, der sich umsäumt von einer Gruppe Yuccas in einer felsigen Bodensenke angesammelt hatte.

„Wir sollten die Pferde saufen lassen“, sagte Shatner, dem man die durchwachte Nacht ansah.

„Reicht die Zeit?“, fragte Chaco Robles.

„Sie muss“, erwiderte der Mexikaner. „Unsere Pferde sind praktisch am Ende.“

„Wie weit ist es noch bis zu Padillas Hauptquartier?“

„Etwa fünf bis acht Meilen. Wir können uns eine kleine Pause leisten.“

Vorsichtig lenkte Chaco das Gespann zu dem Tümpel hinab. Die Nähe des Wassers machte die Tiere nervös. Unten angelangt, schirrte er sie ab. Zum Saufen fanden sie alleine.

Die Männer ließen sich auf den Steinen vor dem Wasserloch nieder. Tehuaci nahm zu Füßen Chacos Platz.

„Wenn alles gutgeht, erreichen wir Padillas Hauptquartier heute Mittag“, sagte Robles. „Ich schlage vor, dass ich mit ihm die Verhandlungen führe. Ich werde ihm erklären, dass wir Waffenhändler sind. Ihr seid meine Geschäftspartner. Es sollte nicht schwer sein, herauszufinden, wo er die Gewehre versteckt hält. Während ich die Verhandlungen führe, werdet ihr die Sprengladungen anbringen.“

„Wieso wollen Sie die Verhandlungen führen?“, fragte Shatner.

„Ich kenne seine Marotten. Ich werde ihm Honig um den Bart schmieren.“

„Marotten?“

„Er hat viele. Eigentlich könnte man sagen, dass er verrückt ist. Er kann es immer noch nicht verkraften, dass sein Putschversuch in Mexico City vor fünf Jahren gescheitert ist. Seine Männer müssen ihn mit El Presidente anreden, und manche sagen, dass er mittlerweile überzeugt ist, er sei’s wirklich.“

„Ein Verrückter“, brummte Wheeler. „Das fehlte uns gerade noch.“

„Täuschen Sie sich nicht“, sagte Robles. „Auf seine Art ist er höllisch intelligent. Sonst hätte er sich niemals so lange auf seinem wackeligen Thron halten können.“

„Dann sind seine Männer eben auch alle verrückt.“

„Von mir aus“, erwiderte Robles. „Aber sie sind gefährlich.“

„He! Guckt mal, wer da kommt!“ Shatner zeigte auf den südlichen Felshang der Senke.

Von dort stieg ein zerlumpter Mexikaner zu ihnen herunter. Seine schmutzig weiße Baumwollkleidung war an Knien und Ellbogen aufgerissen. Ein zerfledderter Sombrero saß auf seinem struppigen Haar und verdeckte die Hälfte seines stoppelbärtigen Gesichts. Über der linken Schulter trug er einen verknoteten Fichtenast, an dem ein Bündel mit Habseligkeiten hing.

Grinsend entblößte er sein tadellos weißes Gebiss und ließ sich auf der anderen Seite des Tümpels auf einem Felsbrocken nieder.

„Buenas tardes, Senorita. Buenas tardes, Senores. Ich möchte mich nur ein wenig hier ausruhen. Ist es gestattet?“ Er grinste nochmals. Dann streifte er seine Sandalen ab und ließ die Füße ins Wasser hängen.

Robles war bleich geworden.

„Ich traue ihm nicht“, flüsterte er zu Chaco und Shatner. „Ich kenne diese Sorte. Stellt die Gatlings auf. Aber er darf sie nicht sehen!“

Chaco und Shatner machten sich am Wagen zu schaffen. Sie hüllten die Gatlings in Planen und wuchteten sie von der Ladefläche.

„Ah - die Senores haben Dynamit geladen“, sagte der Fremde, als er die Kisten sah. „Darf man fragen, wohin die Reise gehen soll?“

„Immer nach Süden“, sagte Robles kurz angebunden.

„Aha.“ Der Mexikaner blickte versonnen vor sich in den Tümpel. „Schön kühl, das Wasser.“ Er hob seinen Kopf. „Übrigens - Esteban ist mein Name. Esteban Rodriguez. Ich komme gerade aus dem Süden. Wo wollt ihr denn genau hin?“

„Wieso willst du das wissen?“, fragte Robles.

Rodriguez stülpte die Lippen vor. „Vielleicht kann ich euch den richtigen Weg zeigen. Ich weiß viele Abkürzungen.“

„Nicht nötig“, erwiderte Robles. „Wir haben Zeit.“

„Niemand erwartet euch?“ Die Frage kam wie aus der Pistole geschossen.

„Nein.“ Robles beobachtete den Mexikaner scharf. Der schien mit der Antwort sehr zufrieden zu sein.

Chaco und Shatner hatten die Gatlings in einer geschützten Felsnische aufgebaut, die den Nordhang auf halber Höhe durchbrach. Soeben schleppten sie zwei Munitionskisten hinauf. Die Maschinengewehre waren von Planen verdeckt.

Rodriguez hatte Chaco und Shatner keine Sekunde aus den Augen gelassen.

„Was tun Ihre Freunde da oben?“, fragte er Robles.

„Oh - sie bauen zwei Maschinengewehre auf“, erwiderte der Mexikaner gelassen.

Rodriguez’ Gesicht verdunkelte sich für Sekunden, doch dann grinste er wieder.

„Beinahe hättest du mir Angst gemacht, Amigo“, sagte er. „Aber jetzt bin ich wieder fröhlich.“ Er fing an zu lachen und blickte sich zum Südhang um. Dort standen auf einmal fünf zerlumpte mexikanische Reiter. Sie waren bis an die Zähne bewaffnet.

„Oh“, sagte Rodriguez und brach mitten im Lachen ab. „Große Überraschung.“ Er schien bester Laune zu sein. „Und jetzt, Senor - aber Sie haben mir Ihren Namen ja noch gar nicht gesagt!“

„Sanchez“, sagte Robles.

„Gut, Senor Sanchez, ich möchte mit Ihnen gerne über Geschäftliches reden.“

„Rede nur!“, sagte Robles. „So viel, wie du willst.“

Rodriguez nahm sich sein Bündel vor und nestelte es auseinander. Er zog zwei breite Waffengurte daraus hervor, beide voll mit Patronen bestückt, die er sich kreuzweise über die Brust legte. Dann beförderte er zwei silbern glänzende Peacemaker Colts ans Sonnenlicht und steckte sie in die Halfter.

„Ich hoffe, Senor Sanchez“, sagte er, „wir werden uns jetzt besser verstehen.“

„Ich habe dich von Anfang an ganz gut verstanden“, erwiderte Robles.

„Umso besser“, gab der Bandit zurück. „Ich will das Dynamit.“

„Wieviel?“, fragte Robles.

„Was meinen Sie damit, Senor Sanchez, wieviel?“

„Wieviel willst du mir dafür bezahlen?“

„Ah, Senor belieben zu scherzen.“ Rodriguez brach wieder in Gelächter aus, das er aber schlagartig abbrach. „Hör gut zu, Amigo! Ich biete dir dein Leben. Was sagst du dazu?“

„So gut ist noch keiner bezahlt worden“, gab Robles zurück. „Trotzdem ist mir der Preis zu niedrig.“

„Was willst du mehr?“, fragte Rodriguez tückisch.

„Nicht viel“, sagte Robles zu dem Banditen. „Dein Leben.“

Der Mexikaner zuckte zusammen bei diesen Worten seines Landsmanns.

„Der Preis ist mir zu hoch, Amigo.“

„Dann mach dich lieber aus dem Staub!“

Chaco und Shatner standen hinter den Gatlings. Sie hatten die Maschinengewehre vorschriftsmäßig munitioniert und warteten auf den richtigen Moment zum Zuschlagen.

Wheeler und Tehuaci saßen neben Robles auf Felsen. Verglichen mit dem Mexikaner hinterließen sie einen ängstlichen Eindruck. Robles war die Ruhe selbst. Wheeler warf immer wieder kurze Blicke zu Chaco und Shatner hinauf.

„Ich soll mich also aus dem Staub machen, Amigo.“ Dem Banditen verschlug es für einige Sekunden die Sprache. Doch dann fand er sie wieder, und wie üblich lachte er erst einmal. Dabei zeigte er mit seiner Rechten auf den Nordhang hinter Robles. Robles warf einen kurzen Blick über die Schulter, und er sah, dass weitere fünf Reiter aufmarschiert waren. Drohend blickten sie von oben auf ihn hinunter. Rodriguez schien das sehr komisch zu finden.

„Noch größere Überraschung“, prustete er.

Die neu aufgetauchten Reiter konnten von Chaco und Shatner aus ihrer Stellung nicht gesehen werden. Wheeler begriff das als Erster. Er wandte sich kurz um und legte die Hände an den Mund. „Aufpassen, Captain!“, rief er hinauf. „Über Ihnen ...“ Die restlichen Worte riss ihm ein Gewehrschuss von den Lippen. Die Hände noch immer am Mund, knickte er nach vorne ein und fiel auf sein Gesicht. Der Fels unter ihm verfärbte sich rot.

Chaco und Shatner zerrten die Planen von den Maschinengewehren, und die Gatlings in ihren Händen hämmerten los. Sie belegten die Reiterreihe ihnen gegenüber mit Sperrfeuer, rissen die fünf Männer aus ihren Sätteln und schleuderten sie zu Boden. Robles hatte einen Schuss auf Rodriguez abgegeben. Der Bandit lag tot im Wasser. Jetzt kauerte Robles im Schatten eines Felsblocks, um vor den Angreifern vom Nordhang gedeckt zu sein.

Tehuaci hatte sich hinter einem kleinen Felsen versteckt und wagte es kaum zu atmen.

Wheeler lag tot zwischen Robles und Tehuaci, seine Hände im Staub verkrampft.

„Es müssen noch welche am Nordhang sein“, flüsterte Chaco zu Shatner. „Genau über uns. Das hat Wheeler uns zu sagen versucht.“

Shatner blickte aus der zurückweichenden Öffnung der Felsnische nach oben. Alles, was er sah, war der Himmel.

„Es wird schwierig sein, sie von hier aus zu bekämpfen“, sagte er. „Wir können nicht auf sie schießen, ohne unsere Deckung zu verlassen.“

Chaco spielte mit dem Gedanken, die Gatlings zu benutzen. Aber sie waren zu unförmig für einen Überraschungsangriff.

Robles guckte kurz hinter seiner Deckung zu ihnen hinauf. Doch er zuckte sofort wieder zurück. Dort, wo sich eben noch sein Kopf befunden hatte, sprengte eine Kugel ein Stück Stein weg. Den Bruchteil einer Sekunde später war Robles wieder da und feuerte. Ein Stöhnen drang von der Hangkante. Dann rollte ein dicklicher Mexikaner an Chacos und Shatners Versteck vorbei in die Senke. Vor Robles’ Felsen blieb er liegen. Er war tot.

Robles warf vier Steine in das Wasserloch.

„Noch vier Mann“, sagte Chaco zu Shatner. „Wir müssen es versuchen.“

Der Captain kniff die Lippen zusammen und nickte ihm zu. Chaco sammelte einige Felsbrocken, die umherlagen, und türmte sie zu einem kleinen Haufen im Nischenausgang auf.

„Was soll das?“, fragte Shatner.

„Helfen Sie mir lieber! Wenn wir die Steine alle auf einmal den Hang hinunterstürzen, wird das die Kerle da oben für einige Sekunden ablenken.“

Der Captain zog ein verwundertes Gesicht. „Meinen Sie wirklich?“

„Was ich meine, ist ganz unwichtig“, erwiderte Chaco. „Wir müssen es versuchen.“

„In Ordnung.“ Shatner half ihm.

In fünf Minuten hatten sie einen beträchtlichen Haufen aufgetürmt. Während dieser Zeit hatte Robles von unten mehrere Schüsse auf die Banditen abgegeben, aber keinen von ihnen getroffen.

Tehuaci kauerte noch immer regungslos hinter ihrem Felsen.

„Sie nehmen die rechten, ich die linken“, sagte Chaco zu Shatner.

„Okay“, sagte der Captain mit zitternder Stimme.

„Sind Sie soweit?“

„Es kann losgehen.“

Chaco holte tief Luft und versetzte dem Steinhaufen einen kräftigen Tritt. Fast gleichzeitig sprang er aus der Nische auf den Hang. Aus den Augenwinkeln sah er, dass Shatner dasselbe tat. Mit dem Colt in der Hand wirbelte Chaco herum. Seine Augen flitzten die Hangkante über ihm entlang. Die vier Mexikaner standen wie versteinert.

Chaco schoss, traf zwei. Sie sanken zusammen.

Shatner erwischte nur einen. Der andere feuerte zurück. Shatners Colt hatte Ladehemmung. Chaco verlor das Gleichgewicht, taumelte, fiel nach hinten.

„Robles!“, schrie er. „Schießen Sie! Mein Gott! Er zielt auf den Dynamitwagen!“

Es schien ihm eine Ewigkeit, bis er den Colt aufbellen hörte, und doch war es nur der Zeitraum, in dem er zu Boden ging. Er fing sich mit den Händen ab und rollte den Hang hinunter.

„Ich hab ihn erwischt!“, hörte er Robles rufen.

Zwischen den Steinen, die er hin untergestoßen hatte, blieb Chaco liegen. Tehuaci sprang auf und rannte zu ihm. Sie streichelte sein Haar und versuchte, etwas zu sagen. Aber nur ein schwaches Pfeifen drang über ihre Lippen. Robles stieß sie beiseite und drehte das Halbblut um.

„Ich bin völlig in Ordnung“, sagte Chaco und sprang auf.

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Sie hatten Wheeler unter einem Steinhaufen begraben. Shatner las einige Worte aus seiner Feldbibel. Dann zogen sie weiter. Bald ragten um sie die zackigen Steilwände der Sierra Madre empor, und gegen Mittag bogen sie in einen riesigen Canyon ein. Nachdem sie ihn halb durchquert hatten, versperrte ihnen ein zehn Yards hoher Holzpalisadenzaun den Weg.

„Hier beginnt das Königreich Padillas“, sagte Robles mit fast ehrfurchtsvoller Stimme und hob seinen Kopf zum linken der beiden Wachtürme, die ein machtvolles Tor flankierten.

„Ho!“, rief er hinauf. „Wir wollen mit dem Präsidenten sprechen!“

Am oberen Ende flog eine kleine Luke auf, und der Kopf eines Mexikaners erschien.

„Was wollt ihr von ihm?“, brüllte er hinunter.

Robles zeigte mit seiner Rechten auf den Wagen.

„Wir haben ihm etwas anzubieten! Dynamit und Waffen!“

„Wartet!“ Der Kopf verschwand, und die Luke flog krachend zu. Mehrere Minuten verstrichen.

„Werden Sie uns reinlassen?“, fragte Shatner. Das Sonnenlicht erreichte nicht den Boden des Canyons, und er fror.

„Bestimmt“, sagte Robles. „Solch einen dicken Brocken wird sich Padilla nicht durch die Finger gehen lassen.“

„Aber wird er ihn uns abkaufen? Ich meine: Wird er nicht versuchen, uns das Zeugs einfach zu klauen?“

„Ist doch völlig egal“, sagte Robles. „Hauptsache, wir kommen erst mal rein. Schließlich haben wir nicht vor, ein Geschäft mit ihm abzuwickeln.“

In diesem Moment schwangen die Torflügel nach innen. Das plötzlich einfallende Licht verschreckte die Zugpferde, und Chaco musste sie beruhigen. Begleitet von vier Männern in abgewetzten grünen Samtanzügen, schritt ihnen ein großer, schlanker Mexikaner im silberbestickten schwarzen Samtanzug der spanischen Großgrundbesitzer entgegen. An seiner Seite schleifte ein Säbel über den Boden.

„Fernando!“, rief er Robles mit ausgebreiteten Armen zu. „Es ist gut, dich wieder bei uns zu haben!“ Und er drückte ihn an seine Brust. Robles erwiderte die Begrüßung. Beide Männer klopften sich für einige Zeit freudig auf den Rücken. Dann befreite sich Robles aus der Umarmung.

„Gut siehst du aus, Rodrigo“, sagte er zu dem Mexikaner. „Ich habe gehört, der Präsident hat dich zum Vizekanzler befördert.“

Mit gespielter Bescheidenheit winkte der schlanke Mann ab.

„Nicht der Rede wert.“ Er warf einen schnellen Seitenblick auf Chaco, Shatner und Tehuaci. „Doch sag mir, was führt dich zu uns? Gerade heute sind wir sehr beschäftigt.“

„Man sagte mir, dass ihr jetzt Waffengeschäfte mit den Apachen abwickelt ...“

Rodrigo stieß ihn zurück. „Du weißt davon?“ Seine Augen wurden zu kleinen Schlitzen.

Robles schüttelte den Kopf und lächelte.

„Rodrigo - vertraust du mir etwa nicht mehr? Natürlich weiß ich noch, was der Präsident für Geschäfte tätigt. Und deswegen bin ich auch hier. Ich will ihm eine Wagenladung Dynamit und zwei Maschinengewehre anbieten, damit er sie an die Apachen weiterverkaufen kann.“

Das Misstrauen verschwand so schnell von Rodrigos Gesicht, wie es darauf aufgetaucht war. „Wie konnte ich nur eine Sekunde an dir zweifeln, mein Bruder? Komm! Ich will dich dem Präsidenten vorstellen. Er ist noch immer unser aller Vater.“ Er schob Robles förmlich an den Schultern durch das Tor. Gleichzeitig gab er den Männern seiner Eskorte ein Zeichen, dass sie Shatner, Chaco, Tehuaci und den Wagen ins Lager geleiten sollten.

Chaco lenkte den Wagen. Zu seiner Rechten saß wortlos ein Mann der Eskorte. Zwei weitere gingen nebenher. Der vierte bewachte Shatner und Tehuaci, die zu Fuß folgten. Shatner hatte sein Pferd und das von Robles hinten an den Wagen gebunden.

Die Torflügel erzeugten einen merklichen Luftzug, als sie sich hinter ihnen schlossen. Der Mexikaner, dessen Kopf sie in der Turmluke gesehen hatten, ließ den wuchtigen Verriegelungsbalken an einem Flaschenzug in die Halterungen sinken.

Je weiter sie vordrangen, desto mehr wichen die Canyonwände auseinander. Schließlich dehnten sie sich zu einem riesigen, halbkreisförmigen Areal, in dem der Canyon sackgassenartig endete. Hier befand sich das Hauptquartier Padillas.

Chacos Augen fielen auf ein riesiges, stuckverziertes Barockschloss, das sich in der Mitte des Platzes erhob. Es hatte starke Ähnlichkeit mit dem Präsidentenpalast in Mexico City. Aus dem Portal trat ihnen ein feister, manikürter Mexikaner in rotem, goldbesticktem Samtanzug entgegen: Padilla - El Presidente.

Erst jetzt erkannte Chaco, dass der Palast nur gemalt war. Die überdimensionale Leinwand wurde von einem Holzgestell getragen und war so angebracht, dass die Tür des riesigen Bildes mit der des kleinen Blockhauses dahinter übereinstimmte. Vor dem gemalten Palast erstreckte sich ein endlos langer Tisch, gedeckt mit Silberbesteck, Porzellantellern und Kristallgläsern - alles Kostbarkeiten von Padillas Raubzügen, wie Chaco vermutete. Die Enden der weißen Tischtücher bewegten sich im Wind, und die gefüllten Weinkaraffen glühten rot im Sonnenlicht.

Langbeinige, schlanke Mexikanerinnen in dünnen, tief ausgeschnittenen Seidenkleidern trugen soeben dampfende Schüsseln mit Süßkartoffeln, Mais, Weintrauben und Brot auf. Rechts vor dem Tisch drehten zwei Männer einen halben Mastochsen über einem Holzkohlenfeuer. Abseits, im Schatten der Leinwand, saß ein Kammerorchester, das die ganze Szene in Töne von Debussy tauchte. Ungestört von der Musik liefen überall Männer in grünen Samtanzügen herum - die Mitglieder von Padillas Bande. Am Tisch hatte noch niemand Platz genommen.

Chaco hielt den Wagen einige Schritte vor dem Tisch an. Padilla hatte Robles entdeckt. Ein entzücktes Lächeln erschien auf seinem sorgfältig gepflegten Gesicht.

„Fernando! Mein Sohn!“ Eilfertig machte er einen Bogen um den Tisch, der ihnen im Wege stand, und lief dann direkt auf Robles zu. Dabei hüpfte sein fetter Bauch vor ihm auf und ab und brachte ihn immer wieder aus dem Schritt.

„Fernando ...“ Mit scheinbarer Seligkeit schloss er Robles in seine Arme. Beinahe hätte er ihm einen Kuss gegeben.

„Wie schön, Sie wiederzusehen, El Presidente“, sagte Robles. „Sie, und alle meine alten Freunde.“

Padilla nickte. „Eine große Familie“, sagte er mit Tränen in den Augen. Dann wandte er sich zu dem riesigen Bild in seinem Rücken. „Was hältst du davon?“, fragte er Robles.

„Es ist großartig, El Presidente“, erwiderte der Mexikaner.

„Ich weiß, ich weiß.“ Padilla schwoll der Kamm. „Aber nächstes Jahr“, sagte er auf einmal mit geheimnisvoller Stimme, „nächstes Jahr werde ich mir einen richtigen Palast bauen lassen. Aus Stein, verstehst du, Fernando?“

Robles nickte ehrfürchtig.

„Man hat mich mein Leben lang verkannt“, fuhr Padilla trotzig fort. „Aber bald werde ich reich genug sein, um mir alles leisten zu können, was ich will. Dann werden sich die Massen von dem Verräter in Mexico City abwenden und mir zurufen: ,Es lebe Padilla! Es lebe unser wahrer Präsident‘ Noch leben sie im Irrtum. Aber bald, wenn ich genügend Geld habe, werden ihnen die Augen schon aufgehen. Ihnen und den Verrätern in Mexico City.“ Er hatte sich bei den letzten Worten dermaßen erhitzt, dass er eine Pause einlegen musste, um Luft zu holen. Dann blickte er sich kurz um, als befürchte er, belauscht zu werden. Mit gesenkter Stimme sagte er zu Robles: „Die Geschäfte gehen gut. Es geht langsam wieder aufwärts mit mir. Vor allem in den letzten Tagen.“ Er kicherte.

„Ich habe davon erfahren, mein Präsident“, sagte Robles zutraulich. „Ich bin auch deswegen gekommen. Ich habe Ihnen ein großartiges Angebot zu unterbreiten. Zwei automatische Gewehre und dreißig Kisten Dynamit. Was glauben Sie, wieviel Sie von den Apachen dafür bekommen würden?“

Bei dem Wort Apachen zuckte Padilla zusammen und warf einen schnellen Blick zu Rodrigo, der sich im Hintergrund hielt. Als dieser beruhigend abwinkte, lächelte der feiste Mann wieder. Dann fasste er Chaco, Shatner und Tehuaci ins Auge.

„Was sind das für Leute, die du mitgebracht hast, Fernando?“

„Geschäftspartner“, antwortete Robles ungezwungen.

„Sie sind mir willkommen“, sagte Padilla, nachdem er eine Weile nachgedacht hatte. „Aber lassen wir das Geschäftliche erst einmal beiseite. Wir können später darüber reden. Du sollst heute mein Gast sein, Fernando. Du und deine Freunde.“ Mit einer großzügigen und einladenden Geste zeigte er auf die gedeckte Tafel.

„Es ist mir eine Ehre, El Presidente“, sagte Robles mit gespielter Begeisterung.

Padilla winkte seinen „Vizekanzler“ zu sich heran.

„Sorg dafür, dass der Wagen untergebracht wird!“, flüsterte er ihm mit gesenkter Stimme zu. Dann wandte er sich wieder an Robles. „Darf ich dich und deine Freunde zu Tisch bitten, Fernando? Ich hoffe, du wirst mir das Vergnügen nicht verweigern und heute zu meiner Rechten sitzen, mein Sohn.“

„Ihr Wunsch ehrt mich, mein Präsident“, sagte Robles und verbeugte sich andeutungsweise.

Auf einen Befehl von Rodrigo hin versuchten zwei von Padillas Männern, Chaco die Zügel für das Gespann aus den Händen zu nehmen. Das Halbblut weigerte sich. Einer der Männer holte zum Schlag aus, aber Chaco blockte ihm den Unterarm ab und schickte ihn mit einem trockenen Uppercut ins Land der Träume. Ricardo blickte ratlos in die Richtung Padillas.

„Was ist denn los mit deinem Kutscher?“, fragte der wahnsinnige Mexikaner Robles. „Meine Männer wollen ihm helfen, seinen Wagen unterzustellen, und er schlägt sie ohnmächtig ..

„Vielleicht hätten Ihre Männer ihn vorher fragen sollen, mein Präsident. Er ist sehr eigen mit seinem Wagen. Auch ist er davon überzeugt, dass niemand anders als er selbst mit dem Zuggespann umgehen kann. Ich glaube, er würde heute keinen Bissen hinunterbringen, wenn er sich nicht mit eigenen Augen davon überzeugt hätte, dass seine Pferde gut versorgt sind. Ihre Männer meinen es natürlich bestens. Sie wollen ihm helfen. Aber am besten wäre ihm geholfen, wenn er seine Pferde selber in den Stall bringen könnte. Ihre Männer können ihm ja zeigen, wo er hinfahren muss, mein Präsident.“

Rodrigo schien der Gedanke nicht zu gefallen.

„Sie wissen, mein Präsident, dass dies bei uns nicht üblich ist. Besucher sollten nicht mehr Einblick kriegen als unbedingt notwendig.“

Padilla dachte für eine kurze Zeit nach. Man glaubte fast zu sehen, wie ein verrückter Gedanke den anderen hinter seiner Stirn ablöste. Dann fand das Lächeln wieder zurück auf sein rosiges Gesicht.

„Besucher“, sagte er, „Besucher - Fernando ist doch kein Besucher. Er gehört zu uns. Er ist unser Freund. Und wenn sein Kutscher die Pferde selbst in den Stall bringen will, dann werde ich ihn nicht daran hindern. Schließlich geht mir nichts über das Wohlergehen meiner Gäste.“

„Aber mein Prä...“

„Schluss jetzt!“, fuhr Padilla Rodrigo auf einmal an. „Du tust, was ich dir sage!“

Der „Vizekanzler“ wich erschrocken einige Schritte zurück. Das Gesicht von Padilla hatte sich von einer Sekunde auf die andere völlig verändert. Es sah unerbittlich aus, steinhart und heimtückisch.

„Kommen Sie!“, sagte Rodrigo tonlos zu Chaco. „Hier geht’s lang. Folgen Sie mir!“

Er ging voraus. Chaco löste die Bremse und trieb die Pferde an. Er folgte Rodrigo um den Tisch und hinter das riesige Gemälde. Im Schlagschatten der überdimensionalen Leinwand erkannte er das Stallgebäude, schräg dahinter das zweistöckige Mannschaftshaus und unmittelbar hinter dem Bild eine kleine Blockhütte, in der Padilla zu leben schien.

Rodrigo sperrte die Tür zum Stall auf, und Chaco lenkte den Wagen hinein. Rechts und links befanden sich lange Reihen mit Pferdeboxen. Weiter hinten bot sich genügend Raum, den Wagen abzustellen. Als Chaco den Stall wieder verließ, blickte er sich genauestens um. Und eben das hatte Rodrigo verhindern wollen. Aber Padilla war seinem „Vizekanzler“ in den Rücken gefallen. Warum? Chaco konnte sich die Freizügigkeit des „Präsidenten“ nur damit erklären, dass Padilla nicht damit rechnete, irgendeiner seiner Gäste um Robles würde das Bandenhauptquartier jemals wieder lebend verlassen.

In der Nordkurve des Box Canyons wies die Granitwand mehrere Aushöhlungen in Bodenhöhe auf. Die kleineren waren mit Geäst vollgestellt, einige mit schweren Holztüren versperrt, die größte aber - unmittelbar gegenüber dem Stallausgang - war mit palisadenartigen Holzgittern versehen. Drei Banditen standen davor Wache. Sie hinterließen einen angespannten Eindruck. Als Chaco dem Gitter zu nahe rückte, bedeuteten sie ihm mit den Läufen ihrer durchgeladenen Winchester, dass er sich aus dem Staub machen solle.

„Kommen Sie besser!“ Rodrigo zog ihn an seinem rechten Arm einige Schritte fort. Aber Chaco hatte bereits alles Nötige gesehen: Hinter dem Holzgatter befand sich der gestohlene Schlutter-Wagen.

Der größte Teil der Mannschaft hatte mittlerweile am Tisch Platz genommen. Dabei war aber nur die dem Palastbild zugewandte Seite der Tafel besetzt. Die gegenüberliegenden Stühle wurden nach Chacos Vermutung für die Apachen freigehalten, die jeden Moment eintreffen mussten.

Chaco fand einen Platz an der Ecke zwischen Shatner und Tehuaci.

Große Fleischstreifen wurden von dem halben Ochsen geschnitten, und die Mädchen trugen sie auf. Keiner am Tisch gab sich die Mühe, mit dem bereitgelegten Silberbesteck zu essen - auch Padilla nicht. Nach alter Gewohnheit griffen die Männer, die nichts anderes als Desperados in Anzügen waren, mit beiden Händen zu.

„Als du von uns gingst, Fernando“, sagte Padilla zu Robles, der neben ihm saß, „hatten wir noch nicht einmal eine Tischdecke.“ Er schob sich einen fettigen Fleischbrocken in den Mund und drückte eine Süßkartoffel hinterher. „Und heute - sieh es dir an! Wir haben sogar für jede Speise eine Extraschüssel!“ Er griff nach dem mittlerweile völlig fettverschmierten Kristallglas neben seinem Teller und stürzte den restlichen Wein, den es enthielt, mit drei Schlucken die Kehle hinunter.

„Juanita!“ Auf seinen gebrüllten Befehl rannte eines der Mädchen mit einer Weinkaraffe herbei. Padilla stellte sein Glas fast auf die andere Seite des Tisches, damit sie sich beim Einschenken weit vorbeugen musste. Behaglich lehnte er sich zurück und betätschelte mit seinen fettverschmierten Fingern ihren Hintern. Das Mädchen kicherte, und der „Präsident“ gab ihr einen kleinen Klaps.

„Du hast mich lange nicht mehr in meinem Palast besucht, mein Täubchen.“

„Sie haben auch lange nicht mehr nach mir gefragt, Senor“, erwiderte das Mädchen.

Urplötzlich griff Padilla in ihre langen, schwarzen Haare und riss den Kopf mit einem Ruck zu sich hinunter. Das Mädchen stieß einen Schrei aus.

„Wie heiße ich?“, fragte Padilla und sprühte bei diesen Worten seinen Speichel in ihr Gesicht.

„Senor - äh - El Presidente Padilla“, wimmerte das Mädchen.

Padilla ließ ihr Haar los und streichelte über ihr Gesicht.

„So ist’s brav, mein kleiner Augapfel. Ich weiß, dass dir dieser kleine Fehler nur aus Versehen unterlaufen ist, aber in Zukunft vermeide ihn besser. Sonst ...“ Er brach mitten in der Rede ab und legte seine Stirn in Falten, als ob er sich eine besonders abschreckende Strafe überlegen wollte. Doch nichts schien ihm einzufallen.

„Na ja“, sagte er nach einer Weile. „Du wirst es auf jeden Fall erleben.“ Er stieß das Mädchen von sich weg. „Geh jetzt! Arbeite weiter!“ Er starrte eine Weile dumpf auf seinen Teller. Seine Männer wurden immer unruhiger. Anscheinend erwarteten sie einen Wutausbruch.

Plötzlich fing Padilla an zu lachen. Sein Wanst tanzte vor ihm auf und ab.

„Ihr habt doch nicht geglaubt, dass das eben alles ernst gemeint war?“, prustete er heraus. „Das war doch alles nur Spaß!“ Er konnte sich kaum noch halten vor Lachen. „War das nicht komisch?“

„Ja, El Presidente. Sehr komisch.“ Rodrigo fiel mit in das Lachen ein. Demonstrativ lachte er die Männer rechts und links von sich an, bis auch sie pflichtschuldigst mitlachten. Mit Ausnahme von Chaco, Tehuaci, Robles und Shatner lachte die ganze Gesellschaft. Rodrigo kreischte förmlich und blickte immer wieder beifallheischend zu Padilla hinüber.

„Ruhe!“, schrie der General aufeinmal. „Haltet endlich eure dämlichen Mäuler! Was ist hier komisch? Wer hat euch gesagt, dass ihr lachen sollt?“

Schlagartig verstummten die Männer. Padilla seufzte und wandte sich dann an Robles.

„Du musst nämlich wissen, mein lieber Fernando, ich bin von einem Haufen Idioten umgeben. Wenn ich lache, dann glauben sie, mitlachen zu müssen. Du hast nicht mitgelacht. Deine Freunde auch nicht. Ich habe es ganz genau gesehen.“ Sein rechter Mundwinkel zuckte bei diesen Worten. „Ich werde es mir merken.“

Der kleine Vorfall hatte den Appetit der Männer nicht im Geringsten geschmälert. Laut schmatzend und unter Zuhilfenahme beider Hände griffen sie zu. Niemand störte sich an der Musik, die unentwegt weiterspielte.

„Aber erzähl mir!“, sagte Padilla zu Robles. „Wie ist es dir auf deiner Reise zu mir ergangen? Hat es Schwierigkeiten gegeben? Die Ware, die du anzubieten hast, ist nicht schlecht. Sollte niemand versucht haben, sie dir abzunehmen?“

„Natürlich hat es Probleme gegeben“, sagte Robles. „Aber wir haben sie alle gelöst. Mit vereinten Kräften. Eine Sache bereitet uns allerdings Kopfzerbrechen, mein Präsident ...“

„Sprich, mein Sohn!“

„Es sind die Apachen. Südlich der Grenze hat es einen unerfreulichen Zusammenstoß zwischen ihnen und uns gegeben. Sie wollten unsere Ware haben, ohne dafür zu bezahlen. Wir hatten keine andere Wahl. Wir mussten sie in die Flucht schlagen. Und jetzt muss ich hören, dass sie jede Minute hier eintreffen werden ...“

„Wer hat dir das gesagt?“

„Ich habe es mir gedacht, mein Präsident. Für wen sonst dieses Festbankett? Doch wohl nicht für uns. Heute Morgen wusstet ihr ja noch nicht einmal, dass wir kommen würden.“

„Das ist wahr. Was aber befürchtest du von den Apachen, mein Sohn?“

„Dass sie sich an uns rächen werden. Und das nur, weil wir unseren Besitz verteidigt haben. Wer, so frage ich mich die ganze Zeit, könnte sie daran hindern?“

„Ich natürlich.“ Padilla warf sich in die Brust.

„Aber, mein Präsident! Würden Sie wirklich - ich meine - wer hätte zu hoffen gewagt ...“ Robles hinterließ einen gekonnt verwirrten Eindruck.

„Keine Bange, junger Freund.“ Väterlich legte ihm Padilla die Hand auf die linke Schulter. „Niemandem wird hier ein Haar gegen meinen Willen gekrümmt  und dir, mein Sohn, bin ich gut gesinnt. Fühle dich so sicher wie in Abrahams Schoß!“

Chaco erinnerte sich, dass der Abraham in der Bibel bereit gewesen war, seinen Sohn besonderen Umständen zu opfern. Was hatte Padilla vor? Es war schwer zu sagen. Chaco fragte sich auch, welche Pläne Robles verfolgte. Ihnen blieb nicht mehr viel Zeit, die Gewehre zu zerstören.

Mit gespenstischer Schnelligkeit hatten die Männer Padillas Gewehre unter dem Tisch hervorgezogen. Ihre fettigen Finger legten knackend die Repetierbügel um. Die ganze Szene mutete an, als ob sie schon lange eintrainiert worden war. Und jetzt sah Chaco auch den Grund dieser plötzlichen Aktion: Aus dem Canyon tauchten die ersten Indianer auf. Sie ritten auf kleinen, drahtigen Ponys. Ihre Gesichter glänzten von ranzigem Fett, das sie gegen die Sonne aufgetragen hatten. Um Kopf und Haare trugen sie farbige Stoffbänder, die Oberkörper der meisten waren unbekleidet. Sie wurden von einer untersetzten, breitschulterigen Gestalt in knallrotem Flanellhemd angeführt.

„Taza“, sagte Padilla aus der Mitte seiner Männer, „alter Freund. Hast du das Geld mitgebracht?“

Der Anführer der Horde wies auf einen schmutzigen, kleinen Mann, der sein Pferd links neben ihm zum Stehen gebracht hatte und dessen breiter Oberkörper in einem eng geschnürten Frauenkorsett steckte.

„Das Loco. Schatzmeister von Taza.“

Loco griff in eine der prall gefüllten Satteltaschen, die rechts und links von seinem Pony hingen, zog eine Hand voll Dollarnoten daraus hervor und warf sie mit einem glucksenden Lachen über sich in die Luft. Der Wind ergriff sie und trug sie davon.

Einige von Padillas Männern warfen ihre Gewehre beiseite und liefen dem Geld nach. Aber ein kurzes gebrülltes Kommando ihres „Präsidenten“ ließ sie erstarren und zurück in Formation springen.

„Warum El Presidente uns bedrohen mit Waffen?“, fragte Taza vorwurfsvoll. „Wir kommen in Frieden.“

Mit einer feierlichen Geste befahl Padilla seinen Männern, die Waffen zu senken. Die Apachen für ihren Teil sprangen von den Ponys, streiften Pfeil und Bogen von ihren Schultern und befestigten sie an dem spärlichen Gerüst ihres Indianersattels.

„Wo sind Gewehre?“, fragte Taza. Auch er und Loco waren abgestiegen.

„Erst lass uns essen“, sagte Padilla mit einladender Geste. „Ihr seid alle meine Gäste.“

Unbehaglich blickte sich Taza um. Nicht alle Männer Padillas hatten ihre Waffen aus der Hand gelegt. Entlang der Canyonwände standen in regelmäßigen Abständen Wachen, die die Indianer im Auge behielten. Obwohl ihr Anführer noch zögerte, hatten sich die ersten Indianer - angelockt von der wohlriechenden Vielfalt der Speisen - bereits an der Tafel niedergelassen. Sie langten mit beiden Händen zu und ließen es sich schmecken.

„Komm Häuptling! Setz dich!“ Padilla zeigte auf den Stuhl ihm gegenüber, und sowohl Taza als auch sein „Schatzmeister“ leisteten der Aufforderung Folge.

Erst jetzt schien der Apachenanführer Chaco, Shatner und Robles wiederzuerkennen. Das Halbblut hatte schon lange gemerkt, dass es sich um die gleichen Indianer handelte, die sie Tags zuvor in die Flucht geschlagen hatten - nicht zuletzt an dem nervösen Verhalten Tehuacis, die anscheinend fürchtete, von ihren Stammesbrüdern als „Verräterin“ abgeurteilt zu werden.

Taza erstarrte. Durch einen kurzen Blickaustausch mit Loco versicherte er sich, dass er sich nicht getäuscht hatte. Dann forderte er Padilla auf, ihm die „Mörder“ von Rennender Wolf auszuliefern. Der „Präsident“ zögerte. Die Möglichkeit, Chaco, Shatner und Robles auf einen Schlag loszuwerden und dadurch die freie Verfügungsgewalt über das Dynamit und die Gatlings zu haben, schien ihm sehr verlockend. Aber er zögerte noch.

Loco entwickelte sich unterdessen zum begeisterten Weintrinker. Er leerte mindestens ein Glas pro Minute. In der Zwischenzeit drehte er den Kristallstängel des Kelchglases unentwegt zwischen Daumen und Zeigefinger der rechten Hand. Seit einiger Zeit starrte Robles auf diese Hand. Sie war ringgeschmückt - auf jedem Finger steckte ein verschiedenes Modell, eines kostbarer als das andere. Aber Robles Blick war wie magisch von einem schlichten, glatten Goldring angezogen, auf den ein Name eingraviert war. Loco trug ihn an seinem kleinen Finger. Robles bat den Indianer, ihm seine Hand zu zeigen, und als dieser sich weigerte, riss der Mexikaner sie mit Gewalt zu sich hinüber.

„Angie“, buchstabierte er mit zitternder Stimme von dem Ehering. „Du Schwein! Du hast sie umgebracht!“

In Chacos Hinterkopf blitzte für Sekunden die Erinnerung auf, dass Angie der Name von Robles’ Frau gewesen war.

Robles hatte seinen Colt gezogen.

Loco sprang entsetzt auf.

Robles drückte ab. Sechsmal. Sein Gesicht war wie aus Stein gemeißelt.

Das Korsett um Locos Oberkörper platzte auf. Er taumelte zurück und fiel. Ein empörter Aufschrei entrang sich den Kehlen seiner Stammesbrüder.

Chacos Hand fuhr zum Peacemaker.

„Keine falsche Bewegung, Bastard!“, rief eine Stimme in seinem Rücken. „Oder ich lasse meine bleiernen Freunde zu dir sprechen!“

Chaco erstarrte mitten in der Bewegung. Die Stimme klang, als ob sie es ernst meinte. Padilla musste den Mann von Anfang an auf ihn abgestellt haben, anders konnte sich Chaco sein plötzliches Auftauchen - zur richtigen Zeit, am richtigen Ort - nicht erklären.

Auch Shatner hatte so einen „Schutzengel“, der ihm in diesem Moment seinen Colt abnahm.

Chaco wollte sich gerade umdrehen, um den Mann in die Augen zu fassen, als ihn ein schwerer Schlag am Hinterkopf traf und in die Ohnmacht riss.

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Wild durcheinanderjohlende Stimmen holten ihn aus der schwarzen Nacht zurück, die ihn für ungewisse Zeit aller irdischen Sorgen enthoben hatte. Vorsichtig öffnete er die Augen. Das Sonnenlicht schmerzte. Er konnte sich nicht bewegen. Von Kopf bis Fuß gefesselt lag er am Boden. Unzählige Stiefel versperrten ihm die Sicht. Ab und zu konnte er durch die entstehenden Lücken das gequälte Gesicht von Fernando Robles erkennen. Ein Lasso lag um seinen Oberkörper, und er wurde von Taza auf seinem Pony über die Erde geschleift. Immer, wenn der Indianeranführer auf die Reste des Holzklobenfeuers zusteuerte, grölte die Menge besonders.

Robles bemühte sich, seinen Kopf einzuziehen, so gut es ging. Seine Haare waren bereits überall angesengt, sein Gesicht an den meisten Stellen verbrannt. Sein rechtes Auge schien schwere Schäden abbekommen zu haben.

Taza schnitt die Wurfschnur des Lassos durch und ließ Robles, der der Ohnmacht nahe war, am Boden liegen. Einige Männer trugen ihn weg. Die Stiefel vor Chacos Gesicht wichen zur Seite, und der grinsende Taza ritt mit einem neuen Lasso auf das hilflos daliegende Halbblut zu. Im nächsten Moment spürte Chaco die Wurfschlinge um seinen Hals. Blitzschnell zog sie sich zusammen. Es schmerzte. Schwarze Ringe tanzten vor seinen Augen.

„Halt!“, rief eine Stimme. „Du bringst ihn noch um, und er hat nichts mehr von dem Spaß!“

„Ooh!“, riefen andere mit gespieltem Bedauern. „Das wäre aber schade!“

Jemand lockerte die Schlinge um seinen Hals und legte sie einige Inches tiefer um den Oberkörper an. Sie straffte sich, und Chaco wurde ruckartig fortgerissen. Er spürte, wie ihm der Boden langsam die Kleider vom Leib riss. Heißer Schmerz durchfuhr all seine Glieder. Tausend grinsende Gesichter tanzten vor seinen Augen. Verzerrtes Gelächter drang wie aus großer Ferne an seine Ohren. Bald sah er Steinbrocken auf sich zu sausen, bald glühende Holzstücke, und er versuchte, einfach abzuschalten, bis sich schließlich das Ganze in einen riesigen, alles zermalmenden Strudel verdrehte, in dem er nicht mehr war, als ein treibendes Stück Holz. Erst als man ihn in einen dunklen, kalten Raum warf, kam er wieder voll zu sich.

„He, Chaco? Sind Sie’s?“ Es war die Stimme Shatners. Sie klang ziemlich geschwächt.

„Haben sie dich auch in der Mangel gehabt, mein Junge?“, fragte Chaco. In der Finsternis konnte er nichts erkennen, aber er hörte, wie sich der Captain ihm näherte.

„Es geht. Mir haben sie nicht so viel zugesetzt wie Robles, glaub ich. Er liegt hier unten und ist ohnmächtig.“

„Ich bin nicht ohnmächtig“, klang die Stimme des Mexikaners vom Boden. „Ich sammle nur Kräfte.“ Die nächsten Worte sprach er mehr zu sich selbst: „Ich muss sie erwischen. Ich muss. Jetzt gibt es kein Zurück mehr.“

„Wo sind wir hier überhaupt?“, fragte Shatner.

„In einem ihrer Felslöcher in der Canyonwand“, sagte Chaco. „Sie haben eine Holztür vorgesetzt. Ich habe die Tür heute Mittag von außen beobachten können. Sie ist bewacht.“

„Sind die Indianer noch da?“, fragte Shatner.

Chaco tastete sich zu den Holzbohlen der Tür vor und legte sein Ohr darauf.

„Es scheint, dass sie feiern.“

„Natürlich werden sie feiern“, fluchte Robles. Er lag noch immer am Boden. „Sie haben ja auch allen Grund dazu - tausend Gewehre und wer weiß wie viel Geld, das dieser Taza dafür zusammengestohlen hat - wenn das kein Grund zum Feiern ist ...“

„Pst!“, rief Chaco und vergaß für einen Moment all seine Schmerzen.

„Was ist?“, fragte Shatner flüsternd.

„Ich kann es nicht genau sagen. Irgendetwas tut sich vor der Tür.“

Nach einigen Sekunden waren kratzende Geräusche zu hören. Dann öffnete sich die Tür einen Spalt, und Tehuaci huschte herein. Sie hielt ein blutiges Messer in ihrer Rechten. Sie atmete schnell wie ein gehetztes Tier und stand für eine Weile ratlos da. Dann ließ sie das Messer fallen.

„Wa...warum hat sie das für uns getan?“, fragte Robles erstaunt.

„Schauen Sie sie sich doch an!“ Chaco hielt das Mädchen in den Lichtspalt der Tür. Ihre Kleidung war an den meisten Stellen zerrissen. „Die Apachen haben sie mit uns gesehen. Jetzt behandeln sie sie ohne Respekt und Würde. Sie ist Freiwild geworden - eine Verräterin.“

„Uns hat sie auch verraten“, sagte Robles.

Chaco wusste nicht, was er darauf antworten sollte. Er schenkte Robles einfach keine weitere Aufmerksamkeit. Behutsam näherte er sich dem Türspalt und spähte ins Freie. Sein Blick fiel auf die Rückfront des Mannschaftshauses. Es war kein Mensch zu sehen.

Der Wächter!, schoss es ihm durch den Kopf. Tehuaci hatte ihn erstochen. Wenn jemand seine Leiche draußen vor der Tür sah, würde er sofort wissen, was los ist.

Chaco schob seinen Kopf aus dem Spalt, erkannte den leblosen Körper links unten an der Felswand und zerrte ihn hastig hinter die Tür.

„Was haben Sie vor?“, fragte Shatner.

„Ich werde mir den grünen Samtanzug anziehen“, sagte Chaco. „Der Rest wird sich finden.“

Als er versuchte, sein Hemd auszuziehen, merkte er, dass es nur noch in Fetzen an seinem wunden Oberkörper klebte. Auch seine Hosen waren völlig zerrissen. Mit Mühe zwängte er sich in den Samtanzug, der ihm um einiges zu klein war. Der tote Mexikaner trug einen Colt, und Chaco legte den silberbeschlagenen Waffengurt an. Dann hob er das Messer auf, das Tehuaci hatte fallen lassen, und wischte es an seinen ausgezogenen Kleiderresten sauber.

„Und jetzt?“, fragte ihn Shatner.

Chaco spähte erneut aus dem Türspalt. Es dämmerte. Schräg hinter dem Mannschaftshaus waren die Stallungen zu erkennen. Der Weg dorthin erschien problemlos vom Gefängnis aus - niemand war zu sehen. Wie aber verhielt es sich mit dem Eingang des Stallgebäudes, der für Chaco nicht einsehbar war? Sicherlich würde er bewacht sein.

„Was sehen Sie?“, fragte Robles.

„Niemand da.“

„Wo kommt dann der ganze Lärm her?“

„Sie feiern. Aber vor der Leinwand. Ich kann sie nicht sehen.“

Die Musik hatte sich vom Klassischen ins Volkstümliche gewandelt, und das Kammerorchester hörte sich immer mehr an wie eine Gruppe von Mariachis. Männer grölten, und Mädchen kreischten. Der Wein schien in Strömen zu fließen. Was hatte Padilla vor? Wollte er die Indianer so betrunken machen, dass sie es nicht mehr merkten, wenn er ihnen das Geld stahl? Sicherlich stellte es kein allzu großes Problem dar, eine Horde plündernder Apachen mit Alkohol volllaufen zu lassen, bis sie die Besinnung verloren.

Chaco hatte eine Idee. Er wandte sich an Shatner und Robles.

„Wir werden die Waffen hochgehen lassen“, sagte er, „uns das Geld schnappen und die ganze Sache Padilla in die Schuhe schieben.“

„Du spinnst“, war die spontane Antwort von Robles.

„Wie sollte das möglich sein?“, fragte Shatner vorwurfsvoll.

„Indem wir alle uns die Uniform von Padillas Leuten besorgen - grüne Samtanzüge. Die Männer da draußen sind inzwischen dermaßen besoffen, dass sie uns nicht erkennen werden. Außerdem wird es gleich dunkel.“

„Und wie soll die Sache genau vor sich gehen?“ Robles zeigte auf einmal Interesse.

„Wenn wir die Uniformen erst anhaben, dann werden wir einen Versuch unternehmen, das Geld zu stehlen, und zwar so, dass die Apachen es sehen und denken, Padilla hat den Befehl dazu gegeben. Gleichzeitig jagen wir den Dynamitwagen in das Waffenlager und lassen es hochgehen. Wenn wir es geschickt anstellen, werden die Apachen glauben, dass Padilla auch dafür verantwortlich ist. Die Konsequenz ist ...“

„... dass die beiden Hyänen sich gegenseitig zerfleischen werden“, ergänzte ihn Robles. Stöhnend richtete er sich auf.

„Aber wie kommen wir hinterher wieder ’raus?“, fragte Shatner. „Gesetzt den Fall, alles klappt: Die Apachen werden uns für Padillas Männer halten und uns angreifen wie alle anderen.“

„Natürlich“, sagte Chaco. „Wir müssen eben versuchen, unsere Haut zu retten. Was sollten wir sonst tun? Die Uniformen ausziehen und vorgeben, wir wären neutral? Es gibt keinen anderen Weg.“

Shatner zögerte. Er kämpfte mit der Angst. Chaco kannte dieses Gefühl. Es würde immer stärker werden, wenn der junge Mann nicht schnell eine Entscheidung traf.

„Shatner“, sagte Chaco. „Wir haben keine andere Wahl. Ohne Ihre Hilfe werden wir es nie schaffen. Entscheiden Sie sich!“

„In Ordnung“, sagte der Captain. „Was müssen wir als Erstes tun?“

„Zuerst besorgen wir uns die Uniformen“, sagte Robles.

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Mit Einbruch der Nacht schlichen sie sich aus ihrem Gefängnis. Geduckt rannten sie über den Hinterhof auf die Stallungen zu. Im Längsschatten des Gebäudes gingen sie in die Hocke. Die Hüftnaht von Chacos Samthose platzte auf.

An der Frontseite wurden Stimmen laut. Trunkene Männerstimmen. Ihren Worten nach waren sie damit beschäftigt, zwei Fackeln rechts und links des Stalltors anzubringen.

Chaco, Shatner und Robles pirschten sich zur Ecke des Gebäudes vor. Tehuaci hielt sich im Hintergrund. Die drei Männer warteten, bis die Fackeln aufflammten, dann sprangen sie um die Ecke. Es war kein besonders großes Problem, mit den zwei betrunkenen Mexikanern fertig zu werden. Sie versuchten, sich mit einigen täppischen Armbewegungen zu verteidigen, und lagen im nächsten Moment bewusstlos am Boden. Shatner und Chaco schleiften sie in den Stall. Robles hielt ihnen das Tor auf, und erst jetzt erkannte Chaco, wie schwer der Mexikaner verletzt war. Vor allem der Kopf wies schwere Schürfungen auf. Das rechte Auge war zugequollen und blutverkrustet.

„Gucken Sie weg!“, sagte Robles. „Ich brauche kein Mitleid. Mein rechtes Auge ist erblindet. Aber es ist mir egal. Egal! Verstehen Sie? Ich will jetzt nur noch eins: den ganzen verdammten Laden hier in die Luft jagen.“

Chaco und Shatner trugen die bewusstlosen Mexikaner in eine leere Pferdebox. Dort zogen sie ihnen die Anzüge aus, fesselten und knebelten sie. Darauf entledigten sich Robles und Shatner ihrer zerfetzten Kleidung und legten die grünen Samtanzüge an.

„Als Erstes müssen wir herausfinden, wo das Geld aufbewahrt wird“, sagte Chaco. „Ich schlage vor, dass wir uns dafür unter die Menge mischen.“

„Das könnt ihr ja machen“, sagte Robles. „Nehmt vor allen Dingen die Indianerin mit!“ Er zeigte auf Tehuaci, die wortlos im Schatten einer Pferdebox stand. „Ich werde mich hier inzwischen um den Dynamitwagen kümmern.“

„Was haben Sie mit ihm vor?“, fragte Shatner.

„Ich werde ihn so präparieren, dass ich ihn noch hier im Stall zünden kann. Die Zeit bis zur Explosion muss ausreichen, um den Wagen bis vor das Waffenlager zu fahren und dort umzukippen.“

„Und wie wollen Sie alleine ihn umkippen?“

„Ich brauche nur eine scharfe Kurve zu fahren, und er liegt auf der Seite. Aber lassen Sie mich nur machen ...“

„Sehen wir uns das Festtreiben mal näher an!“ Chaco zog Shatner hinter sich her zum Notausgang. Tehuaci folgte ihnen.

„In fünf Minuten sind wir wieder zurück!“, rief er Robles noch zu, bevor er durch die Tür nach draußen verschwand. Der Mexikaner achtete nicht weiter darauf und machte sich an dem Dynamitwagen zu schaffen.

Der Hinterausgang des Stalls führte auf den Platz seitlich von Padillas kleinem Blockhaus. Vor ihnen erhob sich die vom Fackellicht gespenstisch erhellte Leinwand in den nachtschwarzen Himmel. Überall erkannte man auf ihr die Schatten der Menschen, die sich auf der anderen Seite amüsierten. Musik und Gekreische drang aus allen Richtungen an ihre Ohren. Sie verharrten am Rand der Leinwand. Schließlich tat Tehuaci ein paar Schritte vor, um nachzusehen, ob die Luft rein war. Sie winkte die Männer zu sich, die Situation schien ungefährlich zu sein.

Chaco und Shatner verließen die Deckung der Leinwand. Vor ihnen breitete sich ein Bild völliger Haltlosigkeit aus. Mädchen und Männer wälzten sich auf dem Tisch zwischen Geschirr und Essenresten. Fast jeder Indianer trug eine Weinflasche mit sich herum. Wenn sie keinen Korkenzieher fanden, schlugen sie einfach den Flaschenhals ab und scherten sich nicht, ob die Glaszacken sie beim Trinken verletzten. Trotzdem hatten sowohl Padilla als auch Taza dafür gesorgt, dass einige ihrer Männer nüchtern blieben.

Die Apachen bewachten ihre Ponys, die zusammengedrängt am Eingang in das Wohnareal des Box Canyons standen. Chaco erkannte das Pferd des „Schatzmeisters“ in der Remuda. Von dort würden sie sich das Geld also holen müssen.

Padilla hatte seine Wachmannschaft in einer Art Halbkreis entlang der Canyonwand bis etwa in Höhe der Leinwand aufgestellt, so dass sie das Geschehen von allen Seiten überblicken konnte.

Niemand bemerkte Chaco und Shatner in dem allgemeinen Trubel. Was Tehuaci anbetraf, so erregten weder ihre An- noch ihre Abwesenheit besondere Aufmerksamkeit. Chaco bedeutete der Indianerin, dass sie sich weiter unter den Feiernden aufhalten solle. Er selber zog sich mit Shatner zurück. Im Stall besprachen sie die letzten Feinheiten mit Robles. Der Mexikaner hatte den Wagen in der Zwischenzeit fertig präpariert und angeschirrt. Er saß bereits auf dem Kutschbock.

„Wir werden uns jetzt rüberschleichen und das Pony mit dem Geld stehlen“, sagte Chaco. „Sobald Sie zwei kurz hintereinander abgegebene Schüsse hören, legen Sie los.“

„In Ordnung, in Ordnung“, sagte der Mexikaner gequält. „Beeilen Sie sich nur! Ich kann’s nicht mehr lange aushalten.“ Er schien starke Schmerzen zu haben. Die zu kleine Samtjacke bedeckte seinen Oberkörper nur unvollkommen. Über seiner Brust klaffte sie auseinander, und der Anblick glich dem einer offenen Wunde.

„Werden Sie es auch schaffen?“, fragte Shatner besorgt.

„Machen Sie, dass Sie rauskommen!“ Robles brüllte beinahe. „Tun Sie Ihren Job, ich tue meinen! Aber, bei Gott, beeilen Sie sich!“

„Aber ...“ Shatner verbiss sich, was er sagen wollte.

„Gehen wir.“ Chaco schritt auf die Hintertür zu. Shatner folgte ihm.

„Viel Glück!“, rief Robles ihnen nach, als sie bereits im Freien waren. Es waren die letzten Worte, die sie von ihm hören sollten.

Vorsichtig schlichen Chaco und der Captain an den Rand der Leinwand, überblickten die Situation und traten dann kurz entschlossen in den Lichtkreis der Fackeln. Auf den ersten Blick hatte sich nichts verändert, doch dann sahen sie, dass Padillas Wachmannschaft ihre Posten verlassen hatte und sich in der Nähe der Pony-Remuda zusammenrottete.

Was mochten sie vorhaben?

Ehe Chaco und Shatner groß darüber nachdenken konnten, fielen zwei Schüsse kurz hintereinander. Zwei der indianischen Pferdebewacher sanken tot zu Boden. Die anderen versuchten sich zu wehren, aber mit ihren Colts erstickten Padillas Männer jeden Widerstand im Keim. Die Verwirrung der Indianer nutzend, stahlen sie das Pony mit dem Geld aus der Mitte der Pferde und rannten mit ihm quer über den Platz, wo Padilla, umgeben von einem Wall von Männern, vor seinem „Palast“ wartete.

Langsam dämmerte Chaco Padillas Plan. Der verrückte „Präsident“ hatte von Anfang an vorgehabt, den Indianern das Geld abzunehmen, während er die Gewehre für sich behalten wollte. Natürlich hatte er auch das Dynamit und die Gatlings fest für sich eingeplant, und er hatte die Indianer als Vorwand dazu benutzt, sich Chacos, Shatners und Robles’ zu entledigen.

Mit glänzenden Augen nahm der dicke Fettwanst das Pony in Empfang. Nervös fummelte er die Satteltaschen auf. Mit beiden Händen zog er das Geld daraus hervor.

„Mein Palast“, keuchte er. „Ich werde mir einen Palast damit bauen, größer und schöner als den in Mexico City.“ Mit sehnsüchtigem Blick hob er seine Augen zu der riesigen Leinwand in seinem Rücken.

Plötzlich zuckte er zurück.

„Mein Palast“, stammelte er. „Er brennt!“

Eine Schar von Brandpfeilen hatte die Leinwand durchbohrt und in Flammen gesetzt. Sie war von einer Gruppe Indianer abgeschossen worden, die sich im Halbdunkel der Hauptplatzzufahrt versteckt gehalten hatte. Chaco konnte Taza unter ihnen erkennen. Auch der Apachenanführer schien einen eigenen Plan zu verfolgen, und er begann jetzt, seine Trümpfe auszuspielen.

„Mein Präsident! Mein Präsident! Er hat uns reingelegt!“

Einer von Padillas Männern hatte weiter in den Satteltaschen gewühlt, und anstatt des Geldes beförderte er jetzt nur noch getrocknetes Gras ans zuckende Licht der Fackeln. „Die Taschen sind fast ganz mit Gras vollgestopft!“

„Mil Diablos!“ Padilla fuhr wütend herum. Jetzt sah auch er die Pfeilschützen. „Er versucht uns hereinzulegen! Er will die Gewehre stehlen! Seine besten Männer hat er im Hinterhalt versteckt gehalten!“

Die ersten von Padillas Männern sanken mit Pfeilen in der Brust zu Boden. Der „Präsident“ schrie wütende Befehle. Die Männer seiner Wachmannschaft, die nicht mitgetrunken hatten, stolperten irritiert über den Hof und schossen auf alles, was nach Indianer aussah. Das riesige Bild des Palastes stand in hellen Flammen. Die Konturen des gemalten Gebäudes wurden immer undeutlicher, verfärbten sich erst braun, dann rot und schließlich schwarz, bevor der Wind die Aschereste davonriss.

„Mein Gott!“, stieß Shatner hervor und zeigte auf die Nordwand des Box Canyons. „Da fährt er.“

Robles hatte die ersten zwei Schüsse, die Padillas Männer auf die Indianer abgegeben hatten, als das vereinbarte Signal aufgefasst, und jetzt raste er mit dem Dynamitwagen auf die Höhle zu, in der die Gewehre gelagert waren. Die Pferde laut anfeuernd, stand er sprungbereit auf dem Kutschbock. Die Wachtposten vor dem Waffendepot legten auf ihn an. Er schien sie nicht zu sehen - vielleicht auch nicht sehen zu wollen. Sein Körper zuckte unter den Kugeln, knickte aber nicht ein, sondern blieb aufrecht stehen. Kurz bevor der Wagen das Holzgatter der Höhle erreichte, riss Robles das Gespann herum. Die Tiere wieherten gequält auf und brachen zur Seite aus. Ihre Beine gaben nach, doch der kippende Wagen schob sie weiter. Die ersten Kisten Dynamit fielen von der Ladefläche vor das Gatter, dann stürzte der ganze Wagen seitlich hinterher. Robles, in die Brust getroffen, fiel zwischen die Kisten.

Chaco erblickte Tehuaci in der Menge. Er rannte auf sie zu und riss sie ohne ein Wort zu Boden, warf sich fast im gleichen Moment über sie. Hinter ihm blitzte es auf. Der Donner der Explosion war ohrenbetäubend, und die Druckwelle, die folgte, zerriss ihm fast das Trommelfell.

Sobald der erste Schock vorüber war, hob Chaco den Kopf.

Die Männer, vom Druck der Explosion zu Boden geschleudert, lagen da wie tot. Der kräftige Luftstoß hatte alle Fackeln ausgeblasen. Nur mattes Sternenlicht erhellte die Szene. Dort, wo die Gewehre gelagert hatten, befand sich nur noch ein schwarzes Loch in der Felswand. Keine fünf Yards entfernt lag Shatner. Er hob gerade sein Gesicht vom Erdboden. Aus seinem rechten Ohr floss Blut.

„Wir müssen weg - jetzt!“, rief Chaco ihm halb flüsternd zu und sprang in die Hocke.

„Aber - wo ist Robles?“ Benommen richtete sich der junge Captain auf.

„Den geht das hier alles nichts mehr an!“ Chaco half auch Tehuaci auf die Beine. Die Indianerin hatte Nasenbluten. Shatner torkelte auf ihn zu.

„O Mann  wir haben es geschafft! Wenn ich das alles in Westpoint erzähle - niemand wird mir glauben! Und erst Ruth - sie wird nicht nein sagen - wir heiraten gleich, wenn ich zurückkomme ...“ Er begann, wirres Zeug zu reden.

„Reißen Sie sich zusammen!“ Chaco schüttelte ihn an den Schultern. „Noch sind wir nicht draußen!“

„Aber wir haben es geschafft“, lallte Shatner und grinste. „Was wollen wir mehr? Die ganzen verdammten Gewehre sind zur Hölle gefahren - und Robles mit ihnen ...“

Chaco blickte sich für einen Augenblick um. Die ersten Männer kamen wieder zu sich. Kurz entschlossen riss er Shatner mit sich. Tehuaci folgte ihnen.

Unbemerkt gelangten sie in die Canyonschlucht, die zum Ausgang führte. Chaco fing zwei umherlaufende Indianerponys ein, setzte Shatner auf das eine und stieg mit Tehuaci auf das andere. In wenigen Minuten würden sie den Palisadenzaun erreicht haben.

Sie hatten die Hälfte des Weges bewältigt, als die Schießerei in ihrem Rücken wieder losging. Padilla und Taza gaben sich den Rest. Jeder hatte versucht, den anderen zu überlisten, und beide standen sie jetzt mit leeren Händen da. Ihre Wut kannte keine Grenzen mehr, und sie würden nicht eher ruhen, bis sie sich gegenseitig vernichtet hatten.

Der mächtige, schwarze Palisadenzaun erhob sich vor ihnen in den matt glimmernden Sternenhimmel. Die Wachtürme schienen unbesetzt. Nur um sicherzugehen, schlug Chaco eine Kontrolle vor.

„In Ordnung“, sagte Shatner, der inzwischen wieder etwas mehr zu Sinnen gekommen war. „Nehmen Sie den rechten, ich nehm den linken.“

Die Ponys ließen sie bei Tehuaci, die sich mit den Tieren in einer Felsnische versteckte.

Eine Leiter führte den rechten Wachturm hinauf. Chaco nahm drei Sprossen auf einmal, zog sich mit beiden Händen hinauf. Oben befand sich eine Holzplattform, die von Schutzwänden umgeben war. Die Luken in den Wänden waren geöffnet. Man konnte den ganzen Canyon von hier aus überblicken. Am Ende, wo die Männer kämpften, sah Chaco die Mündungsfeuer aufblitzen.

Plötzlich hörte er einen Schuss in nächster Nähe. Das Geräusch kam aus dem anderen Turm. Chaco stürzte zur Nordluke und blickte hinüber. Er sah kämpfende Schatten. Ein weiterer Schuss fiel. Ein Mann schrie auf und fiel den Leiterschacht hinunter.

War es Shatner?

Chaco sah einen Schatten im anderen Turm. Der Schatten beobachtete ihn.

„Shatner?“, rief Chaco. „Sind Sie es?“

Der Schatten antwortete nicht. Chaco war gewarnt. Er hechtete zur Seite. Keine Sekunde zu spät. Drüben blitzte ein Mündungsfeuer auf. Die Kugel verfehlte Chaco um den Bruchteil eines Inches. Er hörte sie neben sich ins Holz klatschen. Noch im Zurückspringen hatte er gezogen. Jetzt schoss er. Alle sechs Schuss auf einmal.

Er hörte etwas den Leiterschacht hinunterpoltern. Den Schatten sah er nicht mehr. Unten angelangt, sah Chaco, dass Shatner tot war. Er hatte einen Bauch- und einen Kopfschuss abgekriegt. Doch selbst wenn er diese Schüsse überlebt hätte - der Sturz von der Plattform hätte ihm den Rest gegeben.

Nur wenige Schritte von ihm entfernt lag der tote mexikanische Turmwächter, der Shatner erschossen hatte. Chacos Kugeln hatten ihn in der Brust getroffen.

Schüchtern war Tehuaci aus ihrem Versteck getreten. Sie führte die Ponys mit sich.

„Wir nehmen Shatner mit und beerdigen ihn draußen irgendwo“, sagte Chaco zu ihr. „Wir müssen uns beeilen, damit sie uns nicht auch noch erwischen.“

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20

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Sie beerdigten Shatner in einem Waldstück am Rande der Sierra Madre.

Ihre weitere Reise verlief problemlos, sah man von den Schmerzen ab, die die Schürfwunden bei Chaco verursachten. Innerhalb von vier Tagen erreichten sie Esquerilla.

Doc Cranshaw pflegte ihn wieder gesund. Sooft es seine Frau erlaubte, suchte er Chaco in der Peseta Loca auf, wo das Halbblut ein Unterkommen gefunden hatte. Tehuaci wich keine Sekunde von Chacos Bett.

Bald kamen ihm die Canyonfestung des verrückten „Präsidenten“, die Apachen und der Dynamitwagen nur noch wie ein böser Traum vor.

Colonel Edwards hatte ihn gleich am ersten Tag seiner Ankunft in Esquerilla aufgesucht. Er zeigte sich zwar betroffen, aber in Wirklichkeit erleichterte ihn der Tod von Captain Shatner sehr. Jetzt brauchte er keine kritischen Berichte mehr zu befürchten, die Shatner vielleicht über ihn und Fort Tonto nach Washington geschickt hätte. Freudig zahlte er Chaco die vereinbarten tausendfünfhundert Dollar und ließ sich nie wieder sehen. Chaco war sich sicher, dass es auf Tonto weiterging wie gehabt. Nichts, gar nichts hatte sich verändert. Edwards würde sich jederzeit wieder tausend Gewehre unter der Nase wegstehlen lassen.

Irgendwie empfand Chaco bei diesem Gedanken Mitleid mit Shatner. Er hatte den Jungen gemocht. Er war sich sicher, Shatner wäre für ihn durchs Feuer gegangen. Und nicht nur für ihn. Aber war ihm irgendjemand dankbar dafür? Es hatte fast den Anschein, dass die meisten froh waren, ihn los zu sein. Sogar seine Verlobte.

Edwards hatte bei seinem Besuch einen Brief von ihr an Shatner dagelassen. Chaco öffnete das Kuvert. Ruth Slesar schrieb, dass es ihr sehr leid tue, aber dass sie sich inzwischen mit jemand anderem - einem Rechtsanwalt - verlobt habe, denn schließlich könne sie „nicht ewig“ auf Shatners Rückkehr warten. Dabei durfte Shatner nach Chacos Berechnung höchstens zwei Monate von Boston weggewesen sein. Irgendwie war Chaco froh darüber, dass dem jungen Mann dieser Schock erspart blieb.

Kathy Freeman - sie wäre vielleicht die richtige Frau für Shatner gewesen. Aber sie hatte sterben müssen. Und warum? Weil sie ihren Vater nicht im Stich lassen wollte.

Menschen wie Kathy und Shatner hatten es nicht leicht auf dieser Welt. Chaco hatte es immer wieder erfahren müssen. Und deswegen hatte er sich für die Einsamkeit entschieden.

Sanft strich Chaco über Tehuacis Haar. Sie saß neben seinem Bett und blickte ihn aus tiefen, schwarzen Augen an. Eine Einsamkeit, die er nur in den seltensten Fällen mit jemand zu teilen bereit war ...

ENDE

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Die Todesreiter vom Rio Pecos

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von Alfred Bekker

Als die Männer der O'Malley-Ranch ihre Tiere zum jährlichen Round up zusammengetrieben haben, fällt die Bande von Barry Walton über sie her. Waltons Männer reiten mit Uniformen, die sie von einem Army-Transport erbeutet haben und behaupten einfach, dass die O'Malley-Herde beschlagnahmt sei. Es kommt zum Kampf. Gordon O'Malley und zwei seiner drei Cowboys kommen ums Leben. Nur sein Sohn Jed O'Malley kommt davon - und schwört blutige Rache.

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Der harte Schlag eines Gewehrkolbens ließ Gordon O'Malley zurücktaumeln und einen Augenblick später zu Boden gehen.

Der Schlag war völlig unvermutet gekommen und hatte den Rancher voll erwischt. Jetzt drehte sich alles vor seinen Augen.

Er lag im Staub und versuchte, sich aufzurichten, während das arrogante, hässlich grinsende Gesicht eines Blaurocks auf ihn herabblickte. Gordon drehte ein wenig den Kopf und sah dann aus den Augenwinkeln heraus, wie eine Hand zum Revolver griff.

Es war sein Sohn Jed.

"Nein, Jed! Lass das Eisen stecken!", beschwor der Rancher ihn. Und dann wandte Gordon sich an seine drei Cowboys, die etwas abseits standen und deren Hände ebenfalls an den Revolvergriffen waren. "Für euch gilt das auch!", stellte Gordon klar.

Der Rancher war kein Mann, der sich gerne etwas gefallen ließ, aber gegen diese Kolonne von Army-Kavalleristen die Revolver zu ziehen, war Selbstmord.

Gordons Blick hing an seinem Sohn.

Jed O'Malley schluckte. Er war fünfundzwanzig, hochgewachsen und hellhaarig. In seinem Gesicht zuckte es kurz. Die Wut stand ihm im Gesicht geschrieben, aber er behielt kühlen Kopf. Die Muskeln und Sehnen seines Körpers entspannten sich dann. Der 45er Revolver, den er tiefgeschnallt an der Seite trug, blieb an seinem Ort.

Indessen war Gordon wieder auf den Beinen.

Der Blaurock sah den Rancher mit einem gemeinen Grinsen um die Lippen an.

"Na, vernünftig geworden, Kuhtreiber?", versetzte er schneidend. "Besser du machst hier keine Schwierigkeiten, sonst müssen wir andere Saiten aufziehen..."

Aber der Uniformierte kam nicht mehr dazu fortzufahren.

Details

Seiten
500
Jahr
2018
ISBN (ePUB)
9783738918588
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (März)
Schlagworte
western sammelband romane bill warbow glücksritter

Autoren

  • Alfred Bekker (Autor:in)

    1239 Titel veröffentlicht

  • Frank Callahan (Autor:in)

  • Leslie West (Autor:in)

  • Carson Thau (Autor:in)

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Titel: Western Sammelband 4 Romane: Bill Warbow, der Glücksritter und andere Western