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Arztroman Sammelband: Drei Romane – Der Arzt mit den heilenden Händen und andere Romane

von A. F. Morland (Autor:in) Glenn Stirling (Autor:in)
2018 450 Seiten

Zusammenfassung

Arztroman Sammelband: Drei Romane – Der Arzt mit den heilenden Händen und andere Romane
Dieses Buch enthält folgende Romane:

A.F.Morland: Die Frau, die Dr. Kayser belog

Glenn Stirling: Kleiner Engel – großes Herz

Glenn Stirling: Der Arzt mit den heilenden Händen

Nach dem Tod ihres Mannes muss Marianne Stich das Geschäft allein führen. Sie ist vollkommen überfordert mit der Arbeit und der großen Verantwortung, zumal sie von ihrer Tochter Monika keine Hilfe erhält. Die Unternehmerin ist ständig ist die in Sorge, dass die Konkurrenzfirma Kühn ihr die Kunden wegnimmt. Da macht ihr Körper den Stress nicht mehr mit – Fieber, Ohnmacht und eine seltsame Bläschenerkrankung bringen sie in die Paul-Ehrlich-Klinik. Dort ist nicht klar, ob Marianne Stich eine schwere Virusinfektion hat oder ob die Symptome psychosomatischer Natur sind. Der Dermatologe Dr. Karl versucht, seine Patientin auf unorthodoxe Weise zu heilen: durch mitfühlende Gespräche und mit seinen heilenden Händen ...

Leseprobe

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Arztroman Sammelband: Drei Romane – Der Arzt mit den heilenden Händen und andere Romane

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Dieses Buch enthält folgende Romane:

A.F.Morland: Die Frau, die Dr. Kayser belog

Glenn Stirling: Kleiner Engel – großes Herz

Glenn Stirling: Der Arzt mit den heilenden Händen

––––––––

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NACH DEM TOD IHRES Mannes muss Marianne Stich das Geschäft allein führen. Sie ist vollkommen überfordert mit der Arbeit und der großen Verantwortung, zumal sie von ihrer Tochter Monika keine Hilfe erhält. Die Unternehmerin ist ständig ist die in Sorge, dass die Konkurrenzfirma Kühn ihr die Kunden wegnimmt. Da macht ihr Körper den Stress nicht mehr mit – Fieber, Ohnmacht und eine seltsame Bläschenerkrankung bringen sie in die Paul-Ehrlich-Klinik. Dort ist nicht klar, ob Marianne Stich eine schwere Virusinfektion hat oder ob die Symptome psychosomatischer Natur sind. Der Dermatologe Dr. Karl versucht, seine Patientin auf unorthodoxe Weise zu heilen: durch mitfühlende Gespräche und mit seinen heilenden Händen ...

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de 

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Die Frau, die Dr. Kayser belog

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Arztroman von A. F. Morland

Der Umfang dieses Buchs entspricht 107 Taschenbuchseiten.

Während eines Kurzurlaubes am Gardasee mit ihrer Halbschwester Marietta trifft Nadine Fischer, eine junge Krankenschwester der Seeberg-Klinik, ihre alte Liebe Renee wieder. Sie hatte ihm seinerzeit den Laufpass gegeben, weil er ihr ständig untreu war, aber sie war darüber hinweggekommen und hatte ihren Peter kennen- und lieben gelernt. Das junge Paar war inzwischen verlobt, doch seit einiger Zeit befindet sich die Beziehung in einer Krise, denn Peters übermäßiger Alkoholkonsum stört Nadine sehr. Als ihr Renee an diesem malerischen Urlaubsort plötzlich gegenübersteht, entflammt die alte Leidenschaft wieder und sie gibt seinem Werben schließlich nach – was nicht ohne Folgen bleibt ...

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Prolog

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Ferien am Gardasee! Einmal alles vergessen, Kummer und Sorgen daheim lassen und nur unbeschwert in den Tag hinein leben ... für die junge Krankenschwester Nadine ist ein Traum Wirklichkeit geworden. Sie verlebt wunderschöne Tage in Italien, ist fröhlich und unbeschwert. Für eine Weile kann sie ihre Ängste vergessen, für eine Weile muss sie nicht darüber nachgrübeln, ob ihr Verlobter Peter wirklich der Richtige für sie ist. Natürlich, sie liebt ihn - aber er hat Fehler, mit denen sie einfach nicht klarkommt. Und so ist die junge Frau voller Zweifel und innerer Herzensqualen. Und dann, ganz unerwartet, steht sie dem Mann gegenüber, der ihr einst viel bedeutete, der sie aber belogen und betrogen hat. Jetzt schwört er Besserung, beteuert, Nadine mehr als alles andere auf der Welt zu lieben. Und die junge Frau fällt auf diese schönen Worte herein ...

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Wat hamse denn so allet vor, Chef?“, erkundigte sich Gudrun Giesecke nach Ordinationsschluss. Der letzte Patient hatte vor fünf Minuten die Grünwalder Arztpraxis verlassen, und die beiden Arzthelferinnen - Schwester Gudrun und Schwester Marie-Luise - bereiteten sich aufs Heimgehen vor.

„Oh, das überlasse ich alles den Seebergs“, erwiderte Sven Kayser lächelnd. „Was immer sie möchten, wird mir recht sein.“

„Hamse schon ein Quartier jebucht?“, erkundigte sich Gudrun.

Sven Kayser schüttelte den Kopf. „Nein, wir fahren einfach ins Blaue.“

„Na, hoffentlich erlebense da man keen blaues Wunder.“

„Bestimmt nicht“, sagte Dr. Kayser und zog seinen weißen Arztkittel aus. „Machen Sie sich keine Sorgen, Icke.“

Es war Mittwoch. Vom Donnerstag - das war ein Feiertag - bis zum Sonntag wollte Dr. Kayser sich mit seinen Freunden Ruth und Ulrich Seeberg am größten See Italiens, dem Gardasee, erholen. Ausspannen, relaxen, neue Kräfte tanken, gut essen und trinken ...

Der Grünwalder Arzt freute sich schon sehr auf dieses verlängerte Wochenende. Die letzten Tage und Wochen waren extrem arbeitsintensiv gewesen. Ein kleiner Ausstieg aus dem Alltagsstress würde dem praktischen Arzt und Geburtshelfer mit Sicherheit gut tun.

„Waren Sie schon mal am Gardasee, Gudrun?“, erkundigte sich Sven, während er den Kittel aufhängte.

„Ja“, antwortete seine Helferin.

„Aber det liegt so lange zurück, dat es schon fast nich mehr wahr is.“ Marie-Luise Flanitzer schaltete sich ein. Sie war noch nicht einmal halb so alt wie ihre Kollegin, bildhübsch und gertenschlank.

„Mein Mann und ich waren vor zwei Jahren da“, erzählte sie.

„Wo haben Sie gewohnt?“, fragte Dr. Kayser. „In Riva?“

Schwester Marie-Luise schüttelte den Kopf. „In Malcesine. Von da aus haben wir dann unsere Ausflüge gemacht. Bis nach Verona sind wir gekommen. Und einmal sind wir um den See herumgefahren.“

„Welche Seite hat Ihnen besser gefallen?“, wollte Sven Kayser wissen. „Das Westufer oder das Ostufer?“

„Auf jeden Fall das Ostufer“, antwortete die junge Arzthelferin, ohne lange nachzudenken. In ihre Augen stahl sich ein schwärmerischer Ausdruck. „Jeder einzelne Ort hat einen wunderschönen Kern mit romantischen Gässchen und idyllischen Plätzen mit kleinen Bars, Trattorias und Restaurants. Ich wüsste nicht zu sagen, wo es mir am besten gefiel, denn es war überall zauberhaft.“

„Was muss man unbedingt gesehen haben?“, erkundigte sich Dr. Kayser.

„Von Malcesine führt eine Seilbahn auf den Monte Baldo“, erzählte Marie-Luise Flanitzer. „An einem klaren Tag ist der Blick auf den See ein unvergessliches Erlebnis. Und in Sirmione, auf dieser schmalen Halbinsel, die wie eine Nadel vom Süden her in den See hineinsticht, waren mein Mann und ich ebenfalls schwer begeistert.“

Gudrun Giesecke schmunzelte. „Na, da hamse für die paar Tage ja schon ’n reichhaltijes Programm, Chef.“ Schwester Marie-Luise wurde von ihrem Mann abgeholt. Sie wünschte Dr. Kayser einen erholsamen Kurzurlaub und verließ dann das Doktorhaus in der Gartenstraße.

„Und was werden Sie in den kommenden Tagen anstellen?“, erkundigte sich Sven bei seiner grauhaarigen Mitarbeiterin.

„Ick?“ Gudrun schüttelte den Kopf. „Nüscht. Ick halte während Ihrer Abwesenheit in unserer Rejion die Stellung, wenn’s jenehm is.“

Nachdem sich auch Gudrun Giesecke verabschiedet hatte, suchte Dr. Kayser seine Privaträume auf und begann zu packen.

Das Telefon läutete und unterbrach ihn in der Arbeit.

„Hoffentlich ist es kein Patient“, murmelte der Arzt. „Das käme mir jetzt reichlich ungelegen.“ Er nahm den Hörer ab. „Dr. Kayser.“

Am andern Ende war Dr. Ulrich Seeberg, der Chef der renommierten Seeberg-Klinik am Englischen Garten. „Na, mein Lieber, hast du schon gepackt?“

„Bin gerade dabei.“

„Um sechs Uhr holen wir dich ab“, sagte Dr. Seeberg. „Wenn wir gut über den Brenner kommen, sind wir um zehn Uhr am Gardasee.“

„Habt ihr schon gepackt?“

„Unsere Koffer stehen bereit.“

„Dem Vernehmen nach wird der Wettergott uns verwöhnen“, sagte Dr. Kayser.

Sein Freund lachte. „Was könnte dann noch schiefgehen?“

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Zur selben Zeit beendete Schwester Nadine ihre Arbeit in der Seeberg-Klinik. Die Kollegin, die sie ablöste, wünschte ihr erholsame Tage, denn sie wusste, dass Nadine Fischer erst am nächsten Mittwoch wieder zum Dienst erscheinen würde.

Die vierundzwanzigjährige Krankenschwester bedankte sich und zog sich um. Ihr langes blondes Haar war während der Arbeit stets zu einem Zopf geflochten.

Als sie die Seeberg-Klinik verließ, trug sie ihr Haar offen. Es umrahmte in weichen Wellen ihr bezauberndes Gesicht, und goldene Reflexe tanzten auf den wippenden Spitzen.

Die bildhübsche Krankenschwester war seit einem halben Jahr verlobt. Peter Moser hieß ihr zukünftiger Ehemann. Er war Architekt von Beruf. Ein gut aussehender, höchst attraktiver Mann von achtundzwanzig Jahren, der eigentlich nur einen Fehler hatte: Er trank zu gern, und das missfiel Nadine so sehr, dass sie in letzter Zeit nicht mehr sicher war, ob sie ihn tatsächlich heiraten sollte.

Peter behauptete zwar, er hätte kein Problem mit dem Alkohol, doch Nadine glaubte ihm das immer weniger. Wenn er getrunken hatte, wurde er zynisch und suchte Streit, und es fielen dann manchmal Worte, die er nicht zu ihr gesagt hätte, wenn er nüchtern gewesen wäre.

Vorgestern war Nadine mit ihm essen gewesen. Er hatte sich schon leicht „illuminiert“ bei ihr eingefunden, und sie konnte nicht umhin, ihm das vorzuhalten.

„Manche Aufträge kriegt man nur, wenn man mit den richtigen Leuten einen heben geht“, hatte er sich verteidigt.

„Du findest immer einen Grund, einen heben zu gehen“, hatte sie sich beschwert.

„He, was hast du, Kleines?“ Er hatte sein charmantestes Lächeln aufgesetzt. „Keine Panik, ich hab alles im Griff.“

„Es vergeht kein Tag, an dem du nichts trinkst.“

„Mein Gott, hältst du mich deshalb etwa für einen rettungslos verlorenen Säufer? Ich könnte jederzeit damit aufhören.“

„Kannst du nicht.“

„Klar kann ich das.“

„Versuch es doch mal!“

Peter hatte die Schultern gehoben. „Wozu? Ich weiß, dass ich dem Alkohol nicht verfallen bin, und das genügt mir.“ Er hatte über den Tisch nach ihrer Hand gegriffen und sie gedrückt. „Komm schon, Liebling, verdirb uns nicht den schönen Abend.“

Wie um sie zu ärgern, hatte er sich einen weiteren doppelten Scotch bestellt. Und dann noch einen. Und Nadine hatte daraufhin beschlossen, ihn für eine Weile nicht zu sehen.

Sie hatte ihrer Halbschwester Marietta vorgeschlagen, ein paar Tage zu verreisen. Marietta war von dieser Idee sofort begeistert gewesen und hatte gesagt: „Ich muss bloß Mutter fragen, ob sie nichts dagegen hat.“

Die Mutter von Nadine und Marietta hatte eine gut gehende Brillenfabrik, und Marietta leitete die PR-Abteilung des Unternehmens.

Auch Nadine hätte da arbeiten können, doch sie hatte es vorgezogen, Krankenschwester zu werden, und ihre Mutter hatte diesen Wunsch respektiert.

Natürlich hatte die Mutter nichts dagegen gehabt, dass die Schwestern miteinander verreisten. Im Gegenteil, es freute sie, dass die beiden sich so gut verstanden.

Und so stand nun ein Trip an den Gardasee auf dem Programm. Nadine blieb kurz stehen und ließ ihren Blick schweifen. Wo war Marietta? Sie hatte gesagt, sie würde sie abholen. Mit dem tollen Kabrio, das sie sich vor fünf Wochen gekauft hatte.

Da kam das silberne Fahrzeug auch schon auf Nadine zugerollt. Marietta hob die Hand und winkte. Nadines Züge hellten sich auf. Sie winkte zurück.

Marietta Heck hielt ihr Auto neben Nadine an. Sie hieß Heck, weil sie schon mal verheiratet gewesen war. Leider nur vier Wochen. Dann hatte ihr geliebter Ehemann einen tödlichen Unfall mit dem Motorrad gehabt. Ein Jahr lang war Marietta in psychiatrischer Behandlung gewesen. Nun war sie über den tragischen Verlust zwar hinweg, jedoch noch lange nicht fähig, eine neue Beziehung einzugehen.

„Hallo, da bin ich“, sagte Marietta. Ihr pechschwarzes Haar befand sich unter einem seidenen Kopftuch, damit der Fahrtwind es nicht in Unordnung bringen konnte. „Hast du deinen Dienst gut hinter dich gebracht?“

„Heute war’s zum Glück nicht so hektisch wie sonst“, gab die junge Pflegerin zurück.

„Komm, steig ein. Ich hab dir einen Bikini gekauft. Er wird dir gefallen.“ Nadine setzte sich neben ihre Halbschwester. Sie hatten dieselbe Mutter, aber verschiedene Väter. „Ich kann mir selber einen Bikini kaufen, wenn ich einen möchte“, wandte sie ein.

„Das weiß ich.“ Marietta fuhr los. „Ist doch nichts dabei, wenn ich dir was schenke, oder? Ich tu das gern. Ich habe mir übrigens den gleichen Bikini zugelegt, damit wir im Partner-Look auftreten können.“ Sie warf Nadine einen prüfenden Blick zu. „Hat Peter nichts dagegen, dass du mit mir verreist?“

„Warum sollte er etwas dagegen haben?“, fragte Nadine kühl.

„Na ja, ein so langes Wochenende verbringen Verlobte im Allgemeinen zusammen.“

Nadines Miene verdunkelte sich. „Ich brauche ein bisschen Abstand von Peter. Ich muss mir über verschiedene Dinge klar werden. Diese kleine Nachdenk-Pause wird uns beiden gut tun.“

„Hattet ihr Streit?“, wollte Marietta wissen.

„Das nicht. Wir sind nur nie einer Meinung, wenn es um seinen allzu intensiven Alkoholkonsum geht.“

„Ihr seid verlobt“, sagte Marietta. „Ihr wollt heiraten.“

Nadine seufzte. „Ich bin mir in letzter Zeit nicht mehr ganz sicher, ob ich Peters Frau werden soll.“

„Dann solltest du’s nicht überstürzen.“

„Hab ich auch nicht vor“, gab Nadine ernst zurück.

Die beiden jungen Frauen - Marietta war ein Jahr jünger als Nadine - besuchten ihr Stammlokal, aßen eine Kleinigkeit, schmiedeten Pläne für die nächsten Tage, an die sie sich natürlich nicht sklavisch zu halten gedachten, Marietta zeigte den Bikini, den sie für Nadine gekauft hatte, und diese sagte mit strahlenden Augen: „Oh, Marietta, der ist wunderschön!“

„Ich wusste, dass er dir gefallen würde.“

Nadine lachte. „Damit werden wir den Männern am Badestrand gehörig den Kopf verdrehen.“

Mariettas Blick umwölkte sich. „Das habe ich, ehrlich gesagt, nicht vor.“

„Ich eigentlich auch nicht.“ Nadine schmunzelte. „War nur so dahergeredet.“

Um sich für das Geschenk zu revanchieren, übernahm die blonde Krankenschwester die Rechnung. Anschließend brachte Marietta sie nach Hause.

Nadine wohnte in einem Reihenhaus in Grünwald. Marietta hatte in der Nähe ein Haus, in dem sie nur vier Wochen mit ihrem geliebten Ehemann glücklich hatte sein dürfen. Alles war noch so, wie es gewesen war, als er das Haus verlassen hatte, um eine kleine Runde auf seinem Motorrad zu drehen. Eine kleine Runde, von der er nicht mehr heimgekommen war, weil ein Lastwagen ihn und seine Maschine zermalmt hatte.

Die Mutter der beiden jungen Frauen wohnte ebenfalls in Grünwald. Sie hätte genug Platz für ihre Töchter gehabt, doch Nadine und Marietta wollten lieber allein wohnen, obwohl das Verhältnis zu ihrer Mutter bestens war und keine Wünsche offen ließ. Aber Jung und Alt unter einem Dach ... Das kann selbst bei der vorbildlichsten Harmonie hin und wieder zu unerfreulichen Reibereien führen, deshalb hatten Nadine und Marietta lieber ihr eigenes Heim.

„Also dann“, sagte Marietta und umarmte Nadine zum Abschied. „Morgen um fünf Uhr bin ich wieder hier. Bleib heute Abend nicht zu lange auf. Je früher du zu Bett gehst, desto ausgeruhter trittst du morgen die Reise an.“ Nadine stieg aus, und Marietta fuhr winkend weiter.

In Nadines Reihenhaus schrillte das Telefon. Die Krankenschwester schloss hastig die Tür auf, rannte zum Apparat und meldete sich atemlos. Am andern Ende war ihre Mutter Ellen Schott. Schott hatte ihr zweiter Ehemann geheißen. Er und auch ihr erster Mann, Nadines leiblicher Vater, waren einem Herzleiden erlegen. Beide fatalerweise kurz vor ihrem sechzigsten Geburtstag.

Nachdem Ellen Schott zum zweiten Mal Witwe geworden war, hatte sie gesagt: „Ein dritter Ehemann kommt mir nicht mehr ins Haus.“ Und daran hielt die attraktive Achtundvierzigjährige seither eisern fest. Männer waren für die erfolgreiche Brillenfabrikantin kein Thema mehr.

„Schätzchen, wieso bist du so außer Puste?“, wollte sie jetzt wissen.

„Ich bin gerannt, damit du nicht die Geduld verlierst und auflegst“, antwortete Nadine, nun schon etwas besser bei Atem.

„Ich wollte dir nur erholsame Tage am Gardasee wünschen.“

„Danke, Mama.“

„Lasst es euch gut gehen.“

„Das haben wir vor.“

„Ich hoffe, ihr schickt mir eine Karte.“

„Ganz bestimmt“, versprach Nadine. „Und wir rufen dich auch an, damit du weißt, dass wir gut angekommen sind.“

„Oh, ich bin ja so stolz auf meine wohlgeratenen Töchter“, sagte Ellen Schott ein wenig ironisch.

„Und wir sind stolz auf unsere liebenswerte Mutter“, gab Nadine lachend zurück.

„Soll ich mich während deiner Abwesenheit ein wenig um Peter kümmern?“

„Nicht nötig“, gab Nadine zur Antwort, „er kommt die paar Tage auch allein klar.“

„Es wäre kein Opfer für mich“, versicherte ihre Mutter. „Ich mag ihn.“

„Ich möchte ihm Zeit geben, über sich und unsere Zukunft nachzudenken“, erklärte Nadine mit fester Stimme. „Du solltest ihn nicht davon abhalten.“

„Ganz wie du meinst, Liebes“, erwiderte Ellen Schott. „Ich hoffe, die Wolken über eurer Beziehung verflüchtigen sich bald wieder.“

Nadine zog die Augenbrauen zusammen und erwiderte dunkel: „Das hoffe ich auch, Mama, aber wie du weißt, liegt es nicht bei mir, die Wolken zu vertreiben.“

Nach diesem Gespräch zog Nadine sich aus und probierte den Bikini an. Er passte ihr hervorragend und brachte ihre makellose Figur wunderbar zur Geltung. In Gedanken bereits am Gardasee, drehte sie sich vor dem großen Schlafzimmerspiegel hin und her.

Noch einmal läutete das Telefon. Sie meldete sich mit einem kurzen „Ja!“

„Ich werde dich vermissen, Kleines“, sagte Peter Moser leise.

„In einer Woche bin ich wieder zu Hause“, tröstete Nadine ihren Verlobten.

Der junge Architekt seufzte. „Ich weiß nicht, ob es eine so gute Idee ist, dich allein verreisen zu lassen.“

Nadine fragte sich, wie viel er vor diesem Anruf getrunken hatte. Anzumerken war es seiner Stimme nicht, er sprach klar und deutlich. Aber er war ja auch einiges gewöhnt.

„Ich verreise nicht allein, sondern mit meiner Schwester“, erwiderte sie.

Peter lachte gepresst. „Hoffentlich passt sie gut auf dich auf.“

„Das wird sie, darauf kannst du dich verlassen.“

Peter holte tief Atem. „Weißt du, wovor ich Angst habe?“

„Wovor?“

„Dass dir ein gut aussehender Mann den Kopf verdreht.“

„Dazu wird es nicht kommen“, versicherte Nadine ihrem Verlobten.

Er lachte gekünstelt. „Im Urlaub flirten junge Frauen gern.“

„Vertraust du mir nicht?“ Jetzt klang ihre Stimme ernst - und warnend.

„Kann ich dir vertrauen?“, fragte er, ohne auf ihren Tonfall zu achten.

Nadine wurde ärgerlich. „Wenn du es nicht weißt, sollten wir dieses Gespräch beenden.“

„Entschuldige“, lenkte Peter ein. „Du musst mich verstehen, Liebes. Ich bin ein wenig traurig darüber, dass du mich allein lässt.“

„Nütze die Zeit“, empfahl sie ihm. „Du weißt, wofür.“

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Die Stadt schlief noch, als Nadine und Marietta losfuhren. Auf der Autobahn Richtung Salzburg herrschte nur wenig Verkehr. Die Schwestern erreichten Kufstein in erfreulich kurzer Zeit. Dann ging es weiter nach Innsbruck und über den Brenner  und nach einer weiteren Stunde stand auf den Hinweisschildern zum ersten Mal Riva del Garda.

„Bald haben wir es geschafft“, jubelte Marietta. „Gardasee, wir kommen! Liebe Güte, was freue ich mich darauf, mich im neuen Bikini am Strand in die Sonne zu legen und nichts mehr zu tun, den lieben Gott nur noch einen guten Mann sein zu lassen! Oh, ich liebe es, Urlaub zu machen!“

Marietta hatte per Fax ein Doppelzimmer in einem erstklassigen Hotel direkt am See gebucht. Aber nicht in Riva, sondern in Torbole, weil da laut Reiseführer mehr los war. Torbole ist das Dorado der Segler, Surfer, Freeclimber und Mountainbiker. Hier sind Bierbäuche out und Bizeps in. So stand es im Reiseführer, und deshalb hatte Marietta sich für diesen kleinen Ort entschieden.

Sie verließ die Brenner-Autobahn bei der Ausfahrt Rovereto Sud/Lago di Garda Nord, und sie hatte es leicht, Torbole zu finden. Sie brauchte einfach nur den Jeeps und VW-Bussen nachzufahren, die Surfbretter transportierten, um direkt im Zentrum des Ortes zu landen.

Und wenig später ließ sie ihr Kabrio auf dem großen, schattigen Hotelparkplatz ausrollen. „War eine schöne Fahrt“, sagte sie, während sie ausstieg und sich streckte.

Ein Page holte ihr Gepäck aus dem Kofferraum. Die Schwestern bekamen ein Zimmer im zweiten Stock, mit Balkon und einem traumhaften Blick auf den See.

Marietta stützte sich auf die Brüstung, zog die würzige Seeluft tief in ihre Lungen und sagte begeistert: „Herrlich! Jetzt verstehe ich, weshalb Johann Wolfgang von Goethe so ein großer Gardasee-Fan war. Unweit von hier gibt es eine Tafel, auf der steht: ‘Heute habe ich an der Iphigenie gearbeitet, es ist im Angesichte des Sees gut vonstatten gegangen.’“

Die Schwestern erfrischten sich, cremten sich gegenseitig ein, um keinen Sonnenbrand zu bekommen, und führten sodann zum ersten Mal gemeinsam ihre neuen Bikinis aus.

Zu Mittag aßen sie nur Obst. Am Abend waren sie dann im „Al Pescatore“ anzutreffen, einem großen Restaurant, das für seine köstlichen Fischspezialitäten bekannt war. Sie genossen den weltberühmten Valpollicella aus dem Weinbaugebiet nördlich von Verona, und Marietta sagte selig: „Danke, dass du die Idee hattest, mit mir hierherzufahren, Schwesterherz. Ich habe mich schon lange nicht mehr so wohl gefühlt.“

Nadine erzählte, dass Peter gestern Abend noch angerufen hatte. „Er sagte, er werde mich vermissen.“

„Und du?“, fragte Marietta. Sie hatte ihr schwarzes Haar hochgesteckt, und große goldene Ringe baumelten an ihren Ohrläppchen. „Vermisst du ihn ebenfalls?“

Nadine schüttelte den Kopf. „Ich genieße die Trennung.“

Marietta wiegte bedenklich den Kopf. „Das ist kein gutes Zeichen.“

Nadine zuckte mit den Schultern. „Es ist leider so.“

„Ihr werdet auseinanderdriften“, warnte die Schwester.

„Mit Sicherheit“, gab Nadine ihr Recht, „wenn Peter seinen Alkoholkonsum nicht drastisch einschränkt.“

Der Mann, der vor Peter Moser eine große Rolle in Nadines Leben gespielt hatte, hatte Renee Berben geheißen. Wer von den beiden jungen Frauen seinen Namen zuerst erwähnte, war später nicht mehr zu eruieren.

Der Name war auf einmal da und sogleich mitten im Gespräch, und Marietta behauptete: „Renee war auch nicht der Richtige für dich.“

Nadine sah deprimiert in ihr Glas. „Langsam zweifle ich daran, dass es für mich überhaupt einen Richtigen gibt.“

„Peter wäre es, wenn er die Finger vom Alkohol ließe“, sagte Marietta. „Renee war ein Don Juan. Der hätte dir noch sehr viel Kummer bereitet, wenn du dich nicht rechtzeitig von ihm getrennt hättest.“

Nadine nickte gedankenverloren. „Das fiel mir nicht leicht. Ich musste ihn mir brutal aus dem Herz reißen, und das hat mir sehr, sehr lange wehgetan.“

Marietta ließ ihren Blick durch das volle Lokal schweifen.

„Wohin mag es ihn verschlagen haben?“

„Keine Ahnung. Ich weiß nur, dass er München vor ungefähr einem Jahr verlassen hat. Wohin, entzieht sich meiner Kenntnis. Es ist mir aber auch völlig egal, wenn ich ehrlich sein soll.“ Marietta sah ihre Schwester forschend an. „Trauerst du ihm nicht nach?“

Nadine schüttelte den Kopf. „Renee Berben ist Geschichte, er hat keine Bedeutung mehr für mich.“

„Angenommen, er würde sich plötzlich hier an unseren Tisch setzen“, sagte Marietta. Sie setzte ihr Glas an die Lippen und trank einen Schluck Wein. „Was würdest du empfinden?“, fragte sie, nachdem sie das Glas abgesetzt hatte.

„Vermutlich nichts.“

Mariettas Augen verengten sich ein wenig. „Würdest du dich nicht freuen, ihn wiederzusehen?“

„Vielleicht.“ Nadine zuckte mit den Schultern. „Ein bisschen.“

„Würdest du dich noch mal zu ihm hingezogen fühlen?“

„Das mit Sicherheit nicht“, erwiderte Nadine sogleich barsch.

„Und warum nicht?“, wollte Marietta Heck wissen.

„Weil ich mit Peter Moser verlobt bin.“

„Und wenn es Peter nicht gäbe?“

„Wenn, wenn, wenn ... Was soll das? Verhörst du mich?“

„Renee ist dir noch immer nicht gleichgültig“, sagte Marietta ihrer Schwester auf den Kopf zu.

„Woher willst du das wissen?“

„Ich merk es an deiner heftigen Reaktion.“

„Ich reagiere deshalb so heftig“, gab Nadine Fischer ernst zurück, „weil ich finde, dass es lohnendere Themen gibt, über die wir uns unterhalten können. Müssen es unbedingt Peter Moser und Renee Berben sein?“

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Tags darauf wachte Marietta Heck mit starken Kopfschmerzen auf und ihre Schwester stellte fest, dass sie Fieber hatte. „So ein Mist!“, ärgerte sich die aparte junge Frau. „Ausgerechnet im Urlaub.“

„Man kann es sich nicht aussuchen, wann man krank wird“, erwiderte Nadine. „Darauf hat niemand Einfluss.“

„Aber wir haben doch bloß die paar Tage“, jammerte Marietta. Nadine war zwar keine Ärztin, sie untersuchte ihre Schwester aber dennoch und versuchte die Ursache für das Fieber herauszufinden. Es gelang ihr nicht. Also sagte sie: „Du bleibst vorläufig im Bett. Mal sehen, wie lange du fieberst. Vielleicht ist es morgen schon wieder vorbei.“

„Kann es sein, dass der Fisch gestern Abend nicht mehr ganz frisch war?“, ächzte Marietta.

Nadine schüttelte den Kopf. „Das kann ich mir bei einem so gut besuchten Restaurant ehrlich gesagt nicht vorstellen.“

„Vielleicht habe ich irgendwie Salmonellen erwischt. Sie können zum Beispiel im Salat gewesen sein.“

„Hast du Schmerzen?“, erkundigte sich Nadine.

„Nein.“

„Dir tut nichts weh?“

„Überhaupt nichts. Meine Zunge ist bloß sehr trocken.“

„Ich bringe dir ein Glas Wasser.“ Nadine ging ins Bad und kam mit dem Wasserglas zurück. Sie schob ihre Hand unter Mariettas Kopf und hob ihn an.

Marietta trank durstig. „Danke“, sagte sie, als das Glas leer war. Plötzlich fasste sie sich an die Nase. „Oh nein! Jetzt kriege ich auch noch Nasenbluten! Bring bitte schnell eines von meinen Badetüchern, damit ich nicht das ganze Bettzeug verderbe.“

Nadine holte ein Badetuch. Ihre Schwester hielt es sich vor die Nase und fing das Blut auf. Nadine machte indessen ein Handtuch nass und legte es Marietta in den Nacken. Nach einigen Minuten hörte das Nasenbluten auf, und zu Mittag hatte die junge Frau auch kein Fieber mehr. Ganz klar, dass sie keinen Moment länger im Bett bleiben wollte.

„Es wäre besser, wenn du dich noch etwas schonen würdest“, mahnte Nadine.

„Ach was, das Fieber ist weg, also stehe ich auf. Daheim würde ich im Bett bleiben, aber nicht hier.“ Marietta schlug die Bettdecke zurück. „Nicht hier.“ Sie schwang die Beine aus dem Bett. „Sieh mich nicht so besorgt an, Schwesterherz.“ Sie lachte. „Mir geht es gut. Ich fühle mich wieder wohl. Also lass uns aufbrechen zu neuen Taten.“ Sie stand auf, ging ins Bad, duschte und zog sich an.

Danach war sie voller Tatendrang. Sie rieb sich die Hände und wollte wissen, was nun auf dem Programm stand.

„Erst mal rufen wir Mama an“, erklärte Nadine. „Das hätten wir gestern schon tun sollen. Ich hab’s ihr versprochen.“

„Okay “, sagte Marietta und holte ihr Handy. „Aber: Kein Wort über meinen Fieberanfall, ja? Ich möchte nicht, dass Mama sich Sorgen macht. Du kennst ja die Glucke. Sobald eines ihrer Küken bloß mal leise hüstelt, ist sie sofort aus dem Häuschen.“

Nadine schmunzelte. „Wenn wir eines Tages Kinder haben, werden wir genauso sein. So sind Mütter nun mal.“

Marietta senkte den Blick. „Ich weiß nicht, ob ich jemals Kinder haben werde“, sagte sie dunkel. Sie hob die Schultern. „Ohne Mann ...“

„Du wirst nicht ewig ohne Partner bleiben“, meinte Nadine tröstend.

Marietta richtete den Blick zur Decke und seufzte traurig. „Ich war so glücklich mit Rüdiger ...“

„Du wirst irgendwann wieder glücklich sein. Mit einem anderen Mann.“

„Wieso behandelt uns das Schicksal manchmal so grausam?“, fragte Marietta mit Tränen in den Augen.

„Man sagt, es sei als Prüfung gedacht.“

„Ich kann nicht zulassen, dass ein anderer Mann mich berührt“, sagte Marietta mit belegter Stimme. „Das schaffe ich einfach nicht. In mir ist eine Sperre, die sich nicht überwinden lässt. Sobald mir ein Mann zu nahe kommt, wird in mir eine komplizierte Verriegelungsautomatik aktiviert, und ich kriege Stacheln wie ein Igel.“

Nadine legte der Schwester die Hand auf die Schulter. „Die Zeit heilt alle Wunden. Du musst nur Geduld haben. Dann kommt auch für dich alles wieder ins Lot.“

Die Schwestern meldeten sich bei ihrer Mutter. Ellen Schott freute sich über ihren Anruf. Sie fragte, wie die Fahrt gewesen sei, erkundigte sich nach dem Wetter am Gardasee, wollte wissen, ob ihre Töchter gut untergebracht waren.

Marietta und Nadine beantworteten alle Fragen und erzählten, was sie in den nächsten Tagen alles zu unternehmen gedachten. Darüber, dass Marietta heute mit Kopfschmerzen und Fieber aufgewacht war, verloren sie vereinbarungsgemäß kein Wort.

Nach dem Telefonat sagte Marietta: „So, und nun fahren wir nach Malcesine. Oder möchtest du etwas anderes unternehmen?“

Nadine schüttelte den Kopf. „Malcesine ist okay.“

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In Malcesine waren Dr. Sven Kayser und die Seebergs gelandet. Der Vormittag war der Besichtigung des Scaliger-Kastells, dem Wahrzeichen hoch über dem malerischen Städtchen, und einem Bummel durch die engen, verträumten Gässchen gewidmet, in denen die Einheimischen schwatzend vor ihren Häusern standen. Hier fanden Sven, Ruth und Uli auch noch die alten Männer, die sich auf schattigen Bänken niedergelassen hatten, um über Gott und die Welt und über Fußball zu plaudern ...

Das war Gardasee-Romantik pur. Den Nachmittag wollte das Trio in Garda verbringen. Als Dr. Kayser und seine Freunde in ihren Wagen stiegen und losfuhren, trafen Nadine Fischer und Marietta Heck in Malcesine ein, und während die Schwestern nach einer Parkmöglichkeit Ausschau hielten, verließen Dr. Kayser und das Ehepaar Seeberg den Ort Richtung Süden, wodurch sie sich ganz knapp verfehlten, ohne dies zu wissen.

Garda präsentierte sich Dr. Sven Kayser und seinen Freunden mit zwei Gesichtern. Das eine Gesicht war die weitläufige, mit Freiluft-Cafés gesäumte Seepromenade, das andere die schattige, verwinkelte, mittelalterliche Altstadt, aus der die geschäftstüchtigen Einheimischen ein kunterbuntes Einkaufsdorado gemacht hatten.

Dr. Ulrich Seeberg hatte einen neuen Digital-Fotoapparat bei sich, und er drückte fortwährend auf den Auslöser, weil es so vieles gab, das seiner Meinung nach wert war, im Bild festgehalten zu werden.

Am späten Nachmittag löschten die Herren ihren Durst mit bayrischem Weißbier, und Dr. Ruth Seeberg trank eine kalte Apfelschorle, die in der Karte als „Affel-Scholle“ erschien.

„Schön hier“, sagte Ulrich Seeberg und ließ seinen Blick über den glitzernden See schweifen.

„Hier ließe es sich ein Weilchen aushalten“, sagte Sven Kayser.

„Einfach nur dem süßen Nichtstun frönen“, fügte Dr. Seeberg hinzu, und Sven nickte zustimmend.

Ruth lachte. „Ihr würdet des süßen Nichtstuns sehr schnell überdrüssig werden.“

„Wer sagt das?“, wollte ihr Mann wissen.

„Ich“, antwortete Ruth. „Weil ich euch kenne. Nichts tun liegt euch nicht. Ihr seid Workaholics, ihr könnt ohne Arbeit nicht sein.“

Sven lehnte sich gemütlich zurück und streckte die Beine weit von sich. „Und wie wir ohne Arbeit sein können.“

„Ja, ein paar Tage lang“, gab Ruth ihm Recht, „aber dann werdet ihr unruhig und könnt das Dolcefarniente nicht mehr genießen.“

Dr. Seeberg grinste seinen Freund an und meinte: „Wo sie Recht hat, hat sie Recht.“

Wenig später stellte sich heraus, dass es Ruth an diesem idyllischen Ort auch nicht allzu lange ausgehalten hätte, weil sie die Kinder nach so kurzer Zeit schon sehr vermisste.

„Die Kinder, die keine richtigen Kinder mehr sind“, sagte Ulrich Seeberg lächelnd. „Barbara ist zweiundzwanzig. Und Kai ist immerhin auch schon sechzehn.“

Ruth zuckte mit den Achseln. „In meinen Augen werden sie noch sehr, sehr lange Kinder bleiben.“

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In den Modegeschäften von Malcesine waren Cargo-Hosen der letzte Schrei. Nadine und Marietta konnten daran einfach nicht vorbeigehen.

Sie probierten die Lager der Läden so lange durch, bis sie das Passende gefunden hatten. In einem Lokal am Hafen tranken die Schwestern anschließend Kaffee, und Marietta seufzte: „Mensch, bin ich geschafft!“

Nadine schlug vor, zum Hotel zurückzufahren, doch das kam für Marietta nicht in Frage.

„Erst wenn wir uns hier alles angesehen haben, kehren wir nach Torbole zurück“, erwiderte sie.

Wenn sie geahnt hätte, was für eine Überraschung das Schicksal vorbereitet hatte, hätte sie das nicht gesagt. Es passierte, als Nadine die Hand hob, damit der Kellner auf sie aufmerksam wurde.

Drei junge Männer schlenderten an den Tischen, Stühlen und Sonnenschirmen vorbei, und einer von ihnen bemerkte die erhobene Hand. Er blieb so abrupt stehen, als wäre er gegen eine unsichtbare Wand gelaufen.

„Das gibt’s doch nicht“, sagte er auf Deutsch. Und auf Italienisch verabschiedete er sich von seinen beiden Begleitern, die grinsend weitergingen, während er sich dem Tisch näherte, an dem die beiden Schwestern saßen. „Nadine“, sagte er lachend. „Marietta! So ein Zufall!“

„Renee“, sagten die Schwestern wie aus einem Mund.

„Was macht ihr hier?“ Er setzte sich unaufgefordert zu ihnen, trug ein weißes Hemd und schwarze Hosen. Umwerfend sah er aus. Sein Haar war schwarz wie das eines Sizilianers, und seine Haut war stark sonnengebräunt.

„Urlaub“, antwortete Nadine. Ihr Herz klopfte schneller. „Und du?“

„Ich lebe hier.“

„In Malcesine?“

„Ja.“

„Wir wohnen in Torbole.“

„Seit wann?“, wollte er wissen.

„Seit gestern.“

„Und wie lange wollt ihr bleiben?“

„Eine knappe Woche.“

Renee Berben, Nadines Verflossener, lachte. „Wenn mir einer heute Morgen gesagt hätte, ich würde euch am Nachmittag hier treffen, hätte ich ihn für verrückt erklärt.“

Er freute sich ehrlich, Nadine wiederzusehen, das sah man ihm an. Und Nadine? Sie hatte gestern erklärt, Renee Berben wäre Geschichte, er hätte keine Bedeutung mehr für sie. Aber entsprach dies der Wahrheit?

Nein, absolut nicht! Nadine fühlte sich sehr wohl zu diesem gut aussehenden Casanova hingezogen. Sie konnte nicht vermeiden, dass es bei ihr ganz unvermittelt wieder - wie schon einmal - „Klick!“ machte.

Renee machte ihr Komplimente. Er schmeichelte ihr und redete ihr Herz weich. Marietta erkannte die Gefahr sofort, aber durfte sie sich einmischen? Hätte Nadine auf sie gehört? Höchstwahrscheinlich nicht. Sie hätte ihr vermutlich geraten, sich um ihre eigenen Angelegenheiten zu kümmern.

Anfangs bezog Renee Marietta noch hin und wieder in das Gespräch mit ein, doch bald tat er dies nicht mehr und unterhielt sich nur noch mit Nadine, die ihm einmal unendlich viel bedeutet hatte, wie er ihr beteuerte.

Mehr als alle Frauen vor und nach ihr. Oh, er wusste, was Frauen gerne hören. Deshalb kam er ja so gut an beim weiblichen Geschlecht.

Marietta Heck fühlte sich immer mehr als fünftes Rad am Wagen. Sie bat die beiden sich nicht stören zu lassen, sie habe in einem Geschäft ein hübsches Souvenir gesehen, das sie erwerben wolle, sagte, sie würde in einer Stunde wiederkommen, stand auf und ging.

Renee Berben nahm ihr das nicht übel. Er war froh, dass er Nadine nun für sich allein hatte, und er redete seine einstige große Liebe schier schwindelig.

Es kam so weit, dass Nadine bei ihm in Malcesine blieb und Marietta alleine nach Torbole zurückkehrte. Renee hatte Nadine zum Abendessen eingeladen und versprochen, sie anschließend in seinem Wagen heimzubringen.

Als Marietta sich verabschiedete, raunte Nadine ihr zu: „Ich hoffe, du bist mir nicht böse.“

„Du musst selbst wissen, was du tust“, gab Marietta ebenso leise zurück und entfernte sich. Und Nadine aß mit Renee am Ufer des Sees in einem romantischen Restaurant mit Windlichtern auf allen Tischen zu Abend - und Mandolinenklänge schwebten über das schwarze Wasser, in dem sich die buttergelbe Sichel des Mondes spiegelte. Es war ein rundum kitschig schöner, ans Gemüt gehender Abend.

Sie tanzten, und Nadine erlaubte Renee, sie zu küssen, doch als er später, als er mit ihr allein war, mehr wollte, bat sie ihn, sie nach Torbole zu bringen.

Er tat dies ohne Widerrede, jedoch nicht, ohne ihr zuvor das Versprechen abgenommen zu haben, dass sie sich morgen wieder mit ihm treffen würde.

Ihr schlechtes Gewissen meldete sich erst, als sie wieder mit Marietta zusammen war. Deshalb sagte sie gleich beim Eintreten: „Es ist nichts passiert.“

Marietta hob die Hände. „Ich hab dich nicht gefragt.“

„Ich wollte nur, dass du’s weißt.“

„Warum ist dir das so wichtig?“

„Weil du meine Schwester bist. Und weil ich weiß, wie du über diese Sache denkst.“

„So? Wie denke ich denn darüber?“

„Du bist davon überzeugt, dass Renee mich herumkriegen wird“, sagte Nadine, während sie anfing sich auszuziehen.

Marietta sah sie ernst an. „Es wird ihm gelingen, und er wird sich nicht einmal besonders anstrengen müssen.“

Nadine lachte spitz. „Ist ja lustig, wie ihr über mich denkt. Mein Verlobter ist nicht sicher, ob er mir vertrauen kann, und für dich kommt es so sicher wie das Amen in der Kirche, dass ich mit Renee schlafe.“

Marietta erwiderte nichts, doch ihre Blicke sprachen Bände.

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Tags darauf war Nadine Fischer wieder mit Renee Berben zusammen. Marietta schloss sich an ein Ehepaar aus Görlitz an. Sie fuhr mit den beiden mit der Seilbahn auf den Monte Baldo, während Nadine einen herrlichen Tag mit Renee verbrachte.

Er fuhr mit ihr nach Verona, zeigte ihr das Schloss von Sirmione und die Grotten des Catull, und sie machten eine wunderschöne Schifffahrt.

Nadine wunderte sich darüber, dass Renee so großzügig über seine Freizeit verfügen konnte. Brauchte er denn nicht zu arbeiten?

„Ich hab mir für dich frei genommen“, erklärte er und küsste ihre Hände.

„Was für einen Job hast du überhaupt?“, erkundigte sie sich.

„Ich bin Kellner im besten Fischrestaurant von Limone. Nirgendwo gibt es köstlichere Gardasee-Forellen als bei uns.“

„Das behaupten wahrscheinlich alle Lokale rund um den See.“

„Kann schon sein. Aber nur bei uns trifft es zu.“

Die Schifffahrt hatte Nadine hungrig gemacht. „Ich könnte Steine essen“, scherzte sie.

„Möchtest du’s mal deftig haben?“, fragte Renee. „Dann sollten wir eine Südtiroler Speckstube aufsuchen. Da gibt es Grillhähnchen, gegrillte Schweinshaxe, gegrillte Rippchen, Bratwürste, Sauerkraut, Pommes, riesige Speckbrote ...“

Nadine lachte herzlich. „Hör auf, mir läuft das Wasser im Mund zusammen.“

Eine halbe Stunde später saßen sie unter freiem Himmel bei gegrilltem Fleisch, dickem, frischem Bauernbrot und herbem Wein aus der Region, und der See lag ihnen zu Füßen.

Ein Traumtag lag hinter ihnen - und er war noch nicht zu Ende.

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Den Vormittag hatten Dr. Sven Kayser und die Seebergs auf dem Markt verbracht. Obwohl die Frau des Klinikchefs es sich leisten konnte, teuer einzukaufen, freute sie sich über jedes Schnäppchen. Ruth entdeckte sandalenartige, topmoderne Schuhe mit Absätzen, wie sie sie zu Hause noch nie gesehen hatte. Sie kaufte sie zu einem sagenhaft günstigen Preis, nachdem sie mit dem Verkäufer eine Weile gefeilscht und ein paar Tausend Lire heruntergehandelt hatte, zog sie sofort an und schob die Schuhe, die sie bisher getragen hatte, in die Nylontüte, die der Italiener ihr gab.

Als die Freunde in Lazise guten italienischen Espresso tranken, legte im Hafen ein Schiff an, auf dem Dr. Kayser Nadine Fischer zu erkennen glaubte.

Als Belegarzt der Seeberg-Klinik kannte er natürlich das gesamte Pflegepersonal, und er hatte sich mit Schwester Nadine schon des Öfteren unterhalten.

Doch nicht nur das. Er kannte auch ihren Verlobten, den jungen Architekten Peter Moser. Nadine hatte ihn ihm vor einigen Wochen mal vorgestellt. Aber der Mann, der auf dem Schiff neben Nadine saß, sah anders aus. Das war nicht Peter Moser. Umso mehr verwunderte es den Grünwalder Arzt, dass Nadine sich so sehr an ihn schmiegte.

Der Mann hatte seinen Arm um ihre Schultern gelegt und drückte ihr soeben einen zärtlichen Kuss ins blonde Haar. Das ließ in Sven Zweifel darüber aufkommen, ob die junge Frau auf dem Schiff tatsächlich Schwester Nadine war.

Immerhin war sie verlobt. Hätte sie sich da mit einem anderen Mann auf diese Weise abgegeben? Das Schiff legte ab und fuhr weiter.

Nadine (oder die Frau, die Sven für Nadine hielt) lächelte ihren Begleiter liebevoll an und bot ihm ihre Lippen zum Kuss.

Dr. Kayser erwähnte seinen Freunden gegenüber nichts davon, weil er sich seiner Sache nicht hundertprozentig sicher war. Aber ... er hatte doch normalerweise sehr gute Augen und ein geradezu verblüffendes Personengedächtnis ...

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Der herbe Wein schmeckte mit jedem Glas besser, und da die Portionen sehr üppig gewesen waren, ließ sich Nadine auch noch zu einem Grappa überreden.

Damit entzog Renee ihr geschickt den Boden unter den Füßen. Er sorgte listig dafür, dass sie fiel  und direkt in seinen Armen landete.

Der erfahrene Draufgänger eroberte die Festung im Sturm. Nadine vermochte ihm nichts entgegenzusetzen. Sie war außerstande, der schlau eingefädelten Verführung zu widerstehen.

Vielleicht hatte sie sich insgeheim ein ganz klein wenig gewünscht, dass es dazu kommen würde, aber zugelassen hätte sie es bestimmt nicht, wenn sie nüchtern gewesen wäre. Renee nutzte die Situation skrupellos aus.

Nadine bekam mit, dass sie mit ihm unter großen, alten Olivenbäumen lag, und sie hatte das Gefühl, dass er sich in einen Kraken verwandelt hatte.

Wie hätte er sonst so viele Arme haben können? Er berührte sie überall. Es war ihr unmöglich, ihn an allen Stellen abzuwehren.

Anfangs sagte sie noch nein, doch irgendwann sagte sie es nicht mehr  und schließlich geschah es mit ihrem Einverständnis. Ein wildes Feuer verzehrte ihren Körper. Es gab kein Richtig oder Falsch mehr, sondern nur noch diesen einen glutvollen Augenblick. Wie die bunten Kaskaden eines Feuerwerks prasselten die Gefühle auf Nadine herab und deckten sie völlig zu ...

Der Katzenjammer kam erst sehr viel später.

„Ich liebe dich, Nadine“, sagte Renee, als es vorbei war.

„Du liebst jede Frau“, gab sie ernüchtert zurück. „Deshalb habe ich mich von dir getrennt.“

„Das war ein Fehler. Wir wären noch immer zusammen ...“

„Und du würdest mich mindestens einmal pro Woche betrügen.“

„Wir gehören zusammen. Fühlst du das nicht? Wir sind füreinander geschaffen.“

„Nein, Renee, das ist ein Irrtum.“

„Bleib hier“, bat er. „Bleib bei mir. Fahr nicht wieder nach Hause. Du kannst bei mir wohnen. Ich werde für dich sorgen. Du brauchst nicht zu arbeiten. Ich verdiene sehr gut.“

Je mehr er sie bearbeitete, desto mehr rückte sie von ihm ab. Sie wollte nicht, dass mit ihm noch einmal alles von vom begann. Sie hatte viel geweint, als sie mit ihm zusammen gewesen war. Das wollte sie nicht noch mal erleben. Und es würde wieder so kommen, das war ihr klar, denn Renee hatte sich nicht geändert.

Er sagte: „Du warst vorhin so leidenschaftlich, so wild ...“

„Vergiss es, Renee, ich war nicht Herr meiner Sinne. Ich hatte zu viel getrunken. Doch nun ist der Rausch verflogen. Ich kann wieder klar denken und weiß wieder ganz genau, was ich will.“

„Und was willst du?“

„Dass das mit dir nicht noch mal losgeht. Es war schon einmal nicht besonders schön ...“

„Das ist nicht wahr“, widersprach der Mann leidenschaftlich. „Für mich war die Zeit mit dir unvergesslich.“

„Dann behalte sie gut in Erinnerung, denn es wird keine Fortsetzung geben.“

„Und das vorhin? Was war das?“

„Das war ein Fehler, der mir nicht unterlaufen wäre, wenn du mir nicht so viel zu trinken gegeben hättest“, antwortete Nadine betont distanziert.

Sie bat ihn, sie nach Torbole zu bringen. Er tat es und wollte sich wieder mit ihr verabreden, doch sie hatte jegliches Interesse an ihm verloren.

Vielleicht hatte dieses eine Mal noch sein müssen, damit sie ein für alle Mal von ihm geheilt war. Jetzt empfand sie jedenfalls überhaupt nichts mehr für ihn. Sie gab ihm die Hand und sagte: „Leb wohl, Renee. Heute trennen sich unsere Wege zum zweiten Mal. Diesmal aber für immer.“

Marietta schlief schon, als Nadine das Zimmer betrat. Sie legte sich neben die Schwester und konnte sehr lange nicht einschlafen. Sie fühlte sich schlecht, beschmutzt, schuldbeladen.

Dass Renee sie betrunken gemacht hatte, ließ sie vor sich selbst nicht gelten.

Streng sagte sie im Geist zu sich: Du hättest es unter gar keinen Umständen dazu kommen lassen dürfen. Du wusstest doch, wie Renee ist. Du hättest dich darauf einstellen müssen, dann wären dir diese schmerzhaften Gewissensbisse erspart geblieben.

Am nächsten Morgen brauchte Nadine nichts zu sagen. Ein Blick in ihre Augen genügte Marietta, um Bescheid zu wissen. Sie schüttelte vorwurfsvoll den Kopf. „Nadine. Nadine.“

Nadine legte die Hände auf ihre Ohren. „Was immer du sagen möchtest, behalt’s für dich. Ich will es nicht hören.“

„Ich habe es vorhergesehen“, sagte Marietta trotzdem unbarmherzig. „Erinnerst du dich an meine Worte? Weißt du noch, was ich gesagt habe? Ich sagte: ‘Es wird ihm gelingen, und er wird sich nicht einmal besonders anstrengen müssen.’ Und du hast spitz erwidert: ‘Ist ja lustig, wie ihr über mich denkt. Mein Verlobter ist nicht sicher, ob er mir vertrauen kann, und für dich kommt es so sicher wie das Amen in der Kirche, dass ich mit Renee schlafe.’ Scheint so, als würden Peter und ich dich besser kennen als du dich selbst.“

Nadine war sauer, aber nicht so sehr auf ihre Schwester als auf sich selbst. Gott, sie hatte sich von Renee Berben behandeln lassen wie ein unerfahrener Teenager. Da er am Vorabend bei ihr nichts erreicht hatte, hatte er sie tags darauf mit Rotwein und Grappa gefügig gemacht, und seine Rechnung war leider aufgegangen. Sie schämte sich, weil sie so unvorsichtig, naiv und dumm gewesen war, und sie war nicht scharf darauf, sich nun auch noch Mariettas - zugegebenermaßen berechtigte - Vorwürfe anzuhören.

„Du warst gewarnt“, sagte Marietta vorwurfsvoll. „Wieso hast du es trotzdem zugelassen?“

Nadine sah ihrer Schwester fest in die Augen und erwiderte rau: „Ich habe nichts zu meiner Verteidigung vorzubringen, okay?“

Sie hätte sagen können, dass sie von Renee ausgetrickst worden war, dass der Alkohol ihre Widerstandskraft ausgeschaltet hatte, aber hätte sie sich damit nicht ein Armutszeugnis ausgestellt?

Wenn jemand mehr trinkt, als er verträgt, ist er dann nicht zu bedauern? Hatte sie sich damit gestern Abend nicht mit Peter auf dieselbe Stufe gestellt?

Ihm kreidete sie es an, dass er so häufig mehr trank, als ihm gut tat, und dabei hatte sie dies selbst getan. „Man darf nicht Wasser predigen und Wein trinken“, raunte eine Stimme in ihr. „Das ist nicht seriös.“

Das Telefon läutete. Marietta nahm ab. „Es ist für dich“, sagte sie und hielt Nadine den Hörer entgegen.

„Wer ist es?“, wollte Nadine wissen.

„Na, wer schon?“

„Ich möchte nicht mit ihm sprechen.“

„Sag ihm das gefälligst selbst“, gab Marietta energisch zurück.

Nadine riss ihr den Hörer aus der Hand. „Ja?“, blaffte sie.

„Guten Morgen, Nadine“, sagte Renee Berben ganz sanft. „Hast du gut geschlafen?“

Sie holte tief Luft. „Hör zu, Renee ...“

„Was ich gestern gesagt habe, ist wahr“, fiel er ihr ins Wort. „Ich liebe dich, und ich möchte, dass du bei mir bleibst.“

„Und ich möchte, dass du mich in Ruhe lässt!“, entgegnete sie hart.

„Darf ich dich sehen? In einer Stunde?“

„Hast du mich nicht verstanden?“, schrie sie aufgebracht. „Ich will mit dir nichts mehr zu tun haben.“

„Und warum nicht?“

„Weil ... weil ich verlobt bin.“

„Ach.“ Er lachte spöttisch. „Auf einmal?“

Sie knallte den Hörer auf den Apparat. „Unverschämter Kerl.“

Marietta enthielt sich jeglichen Kommentars, weil Nadine im Augenblick ein Pulverfass war. Der kleinste Funke hätte genügt, um sie zur Explosion zu bringen.

Die Schwestern gingen frühstücken, und als Marietta merkte, dass Nadine sich einigermaßen beruhigt hatte, fragte sie vorsichtig, ob sie ihrem Verlobten beichten würde, was sie getan hatte.

Nadine hob die Schultern. „Ich weiß es noch nicht.“ Sie trank einen Schluck Kaffee. Gegessen hatte sie kaum etwas. Sie hatte keinen Appetit. „Ich muss erst mal mit mir selbst ins Reine kommen.“ Sie schob die Kaffeetasse von sich. „Vielleicht erzähle ich es ihm nicht gleich, sondern erst in ein paar Tagen - bei einer günstigen Gelegenheit. Aber ... gibt es so etwas überhaupt? Gibt es eine günstige Gelegenheit, um seinem Partner zu sagen, dass man ihn betrogen hat?“ Ihre Miene verdunkelte sich. „Vielleicht wäre es besser zu schweigen. Was Peter nicht weiß, macht ihn nicht heiß.“ Sie sah ihre Schwester an. „Eine meiner Kolleginnen fand es rücksichtslos von ihrem Mann, dass er ihr von einem Fehltritt erzählte, von dem sie wahrscheinlich nie erfahren hätte.“

Das Ehepaar aus Görlitz erschien im Frühstücksraum. Marietta winkte die beiden an ihren Tisch, und alle vier beschlossen, den Tag zusammen zu verbringen.

Nadine war das sehr recht, denn sie befürchtete, dass Renee Berben ihr irgendwo auflauern könnte.

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Herrliche Tage lagen hinter Dr. Kayser und seinen Freunden. Man hatte sich blendend verstanden, viel gesehen, sich hervorragend erholt, und der Wettergott hatte es gut mit ihnen gemeint. Doch nun hieß es Abschied nehmen vom malerischen Malcesine und vom schönen Gardasee.

Auf der Fahrt nach München sagte Dr. Ruth Seeberg: „Das war so schön, das müssen wir bald wieder mal machen.“

„Was?“, fragte Sven Kayser, der am Steuer saß. In einer Stunde würde Ulrich Seeberg ihn ablösen.

„Zusammen verreisen“, sagte Ruth.

„Ich bin dafür“, sagte Sven sofort.

„Ich auch“, sagte Ulrich.

Dr. Kayser schmunzelte. „Dein Vorschlag wurde somit einstimmig angenommen, Ruth.“

Dr. Seeberg nickte. „Keine Gegenstimme und keine Stimmenthaltung.“

Doch insgeheim wussten die drei Freunde, dass wohl ein Jahr vergehen würde, bis sie wieder dafür Zeit haben würden.

Am Brenner gab es einen Stau. Kurz vor Kufstein noch einen. Danach ging es aber zügig weiter. In Grünwald setzten die Seebergs ihren Freund ab. Sven umarmte und küsste Ruth und drückte Uli herzlich die Hand.

„Sehen wir uns morgen in der Klinik?“, erkundigte sich Dr. Seeberg.

„Kann ich noch nicht sagen“, antwortete der Allgemeinmediziner. „Mal sehen.“

Die Seebergs fuhren weiter, und Dr. Kayser betrat das Grünwalder Arzthaus.

Tags darauf sah er seine Mitarbeiterinnen wieder, und er musste vom Urlaub erzählen, ehe die Sprechstunde begann.

Das Wartezimmer begann sich zu füllen, und Dr. Kayser bereitete sich auf seine Arbeit vor.

Schwester Gudrun legte ihm die ersten Karteikarten auf den Tisch, und er bat sie, den ersten Patienten aufzurufen.

Der Praxis-Alltag begann ...

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Das Görlitzer Ehepaar war bereits vier Wochen von daheim weg. Freunde der beiden hatten in der Toskana ein Hotel eröffnet, und die hatten sie besucht. Sie hatten auf der Hinfahrt ein paar Tage am Gardasee verbracht, und auf der Rückfahrt hatten sie noch mal eine einwöchige Rast eingelegt.

„Toskana“, sagte Marietta zu Nadine. „Da könnten wir auch mal hinfahren.“

Die Leute aus Görlitz hatten ihren Freunden versprochen, ein bisschen Werbung für ihren neuen Beherbergungsbetrieb zu machen, und so bekamen die Schwestern von ihnen einen Prospekt mit bunten Bildern plus Lageplan.

„Der Ort liegt ziemlich in der Mitte der Toskana“, sagte der Mann. „Nach Florenz sind es fünfzig Kilometer, nach Siena sechzig. Und nach San Gimignano ist es ein Katzensprung. Wer die italienische Küche liebt, wird bei unseren Freunden voll auf seine Kosten kommen, denn der Koch, den sie verpflichtet haben, ist am Herd mit Töpfen, Schüsseln und Pfannen ein wahrer Zauberer. Seine Spagetti Carbonara würden es verdienen, vergoldet zu werden.“

Nadine und Marietta verbrachten den letzten Abend mit Sabine und Julius aus Görlitz in einer kleinen Trattoria am Hafen. Morgen würde das Ehepaar in seine heimatlichen Gefilde zurückkehren.

Es wurde ein gelungener Urlaubsausklang für Sabine und Julius. Man tauschte Adressen aus und versprach, sich gegenseitig zu schreiben.

Ob es tatsächlich dazu kommen würde, stand auf einem anderen Blatt. Der gute Vorsatz war auf jeden Fall vorhanden.

„Wann fahrt ihr nach Hause?“, fragte Sabine.

„Übermorgen“, antwortete Nadine.

„Ihr werdet uns fehlen“, meinte Marietta lächelnd.

„Wir werden den Tag schon irgendwie herumkriegen“, sagte Nadine.

Man prostete sich ein letztes Mal zu, man leerte das letzte Glas. Dann war der nette Abend zu Ende.

Am nächsten Morgen standen die Schwestern etwas früher auf, um sich noch von Sabine und Julius verabschieden zu können, und als die beiden dann losfuhren, winkten Nadine und Marietta so lange, bis der Wagen der Görlitzer nicht mehr zu sehen war.

Da sie so viel mit Sabine und Julius unternommen hatten, war der Tag ohne die beiden zunächst leer, aber dann fanden Nadine und Marietta wieder Tritt und machten einen Ausflug in die Berge. Ihr Ziel war der romantische Wallfahrtsort Madonna di Corona, den Papst Johannes Paul II. schon einmal besucht hatte.

Hier betete Nadine ziemlich lange. Sie wünschte sich, mit Peter glücklich zu werden und Renee vergessen zu können, und sie hoffte auf eine Eingebung, wie sie sich ihrem Verlobten gegenüber verhalten sollte, wenn sie heimkam. Sollte sie ihm ihre Entgleisung beichten? Sollte sie sie für sich behalten und verdrängen?

Niemand nahm ihr die Entscheidung ab, und so blieb sie weiterhin unsicher und ratlos.

Ein sehenswerter Kreuzweg mit lebensgroßen Figuren führte zum Parkplatz zurück. Marietta musste immer wieder kurz stehen bleiben, weil sie nicht genug Luft bekam.

Nadine fragte sich, woher diese Atemnot kam. Was war bloß los mit ihrer Schwester? Marietta war gesundheitlich nicht ganz auf der Höhe, das war leicht zu er kennen. Was war die Ursache für ihren augenscheinlichen Kräfteverfall?

„Darf ich dich was fragen?“, sagte Nadine, als ihre Schwester wieder einmal stehen geblieben war.

„Was denn?“, gab Marietta schnaufend zurück.

„Was ist los mit dir?“

„Nichts.“

„Verheimlichst du mir etwas?“

„Nicht, dass ich wüsste!“

„Hast du ein gesundheitliches Problem?“

„Der Weg ist steil, das ist alles“, winkte Marietta ab.

„Ich gehe ihn auch“, sagte Nadine, „und mir geht nicht fortwährend die Luft aus.“

„Dann hast du eben die bessere Kondition.“

„Vielleicht solltest du mal zum Arzt gehen.“

„Wozu? Ich bin nicht krank.“

„Du könntest dich bei uns in der Seeberg-Klinik durchchecken lassen. Ich könnte das für dich arrangieren.“

Marietta schüttelte den Kopf. „Wegen dem bisschen Atemnot gehe ich nicht ins Krankenhaus!“

„Dann lass dich von Dr. Kayser untersuchen.“

„Mir fehlt nichts.“

„Du hattest Fieber und Nasenbluten“, mahnte die Schwester.

„Ich bin gesund“, behauptete Marietta. „Ich hatte in jüngster Vergangenheit bloß keine Zeit mich sportlich zu betätigen, und dieses Trainingsmanko macht sich nun bemerkbar.“

Sie ging weiter und betrachtete das Thema als beendet. Aber sie musste noch zweimal stehen bleiben, ehe sie ihren Wagen erreichten.

Tags darauf fuhren die Schwestern nach Hause.

Und einen Tag nach ihrer Rückkehr waren sie zu Gast im Hause ihrer Mutter. Nadine erschien mit ihrem Verlobten. Peter Moser war froh, seine geliebte Nadine wiederzuhaben. Die Tage ohne sie waren für ihn trist und leer gewesen. Er hatte viel gearbeitet und versucht, weniger zu trinken. Immer war ihm das zwar nicht gelungen, aber das behielt er für sich.

Gut sah er aus in seinem eleganten Zweireiher aus cremefarbener Seide. Sein schönes Gesicht war scharf geschnitten, und wenn er lächelte, entblößten seine Lippen sehr weiße, sehr regelmäßige Zähne.

Wenn er nicht so gerne getrunken hätte, wäre er für Nadine der ideale Partner gewesen.

Ellen Schott hatte Pizza für alle bestellt. Dazu gab es Rotwein aus Bardolino, dem bekannten Weinort am Gardasee. Nadine und Marietta hatten einen Karton mit sechs Flaschen für ihre Mutter mitgebracht.

Niemandem schmeckte der Wein besser als Peter, deshalb sprach er ihm auch tüchtig zu - worüber Nadine sich natürlich wieder einmal ärgerte.

Während sie und Marietta erzählten, was sie alles gesehen und erlebt hatten, hörte Peter immer weniger zu und konzentrierte sich immer mehr auf den Wein.

Nadines Blicke, die zuerst vorwurfsvoll und dann böse waren, ignorierte er geflissentlich. Bald waren vier Flaschen leer, und das meiste davon hatte Peter getrunken. Man saß auf der abendlichen Terrasse. Ellen Schott hatte für eine italienische Atmosphäre gesorgt, indem sie CDs mit Romantic Songs aus bella Italia spielte.

Ellen war eine hoch attraktive Frau von achtundvierzig Jahren. Sie wusste sich so schick und jugendlich zu kleiden, dass jeder sie für wesentlich jünger hielt. Sie trug ein hauchdünnes Sommerkleid mit Spagetti-Trägern und eine kostbare Perlenkette um den schlanken Hals.

Nadine hatte noch keine Gelegenheit gehabt, sich ausführlich unter vier Augen mit Peter zu unterhalten. Sie schwankte noch. Soll ich? Soll ich nicht?

Im Moment stand das Zünglein der Waage mehr bei „Soll ich nicht?“

Als Peter die fünfte Flasche anpeilte, sagte Nadine: „Ich möchte gehen.“

„Jetzt schon?“ Der Mann sah seine Verlobte enttäuscht an. „Der Abend ist doch noch so jung, Kleines!“

„Ich bin müde, muss morgen in der Klinik wieder fit sein. Jeder Fehler kann einen Patienten in arge Schwierigkeiten bringen.“

Peter erhob sich schweren Herzens. Er küsste Ellen Schott galant die Hand und bedankte sich für die Einladung und den wunderschönen Abend.

Er sprach klar und deutlich, so, als hätte er die ganze Zeit nicht Wein, sondern Himbeersaft getrunken. „Ich wäre gerne noch ein Weilchen geblieben“, sagte er zu seiner zukünftigen Schwiegermutter, „aber der Wunsch Ihrer Tochter ist mir natürlich Befehl, gnädige Frau.“

„Ich bleibe noch“, erklärte Marietta.

Peter verabschiedete sich auch von ihr mit einem Handkuss.

„Wir sehen uns hoffentlich bald wieder“, sagte er nett lächelnd und verließ mit Nadine das große Anwesen der Fabrikantin.

Er begleitete Nadine zu Fuß nach Hause, ging kerzengerade und so steif, als hätte er einen Ladestock verschluckt. „War wirklich ein ganz reizender Abend im Haus deiner Mutter“, meinte er.

„Warum musstest du schon wieder so viel trinken?“, fragte Nadine vorwurfsvoll.

„Weil der Wein so köstlich war!“

„Du weißt, dass ich das nicht ausstehen kann.“

„Habe ich mich danebenbenommen? Ich habe mich doch völlig korrekt verhalten, habe den Damen wie ein echter Gentleman die Hand geküsst. Es gab nichts an mir auszusetzen.“ Er legte seinen Arm um Nadines Mitte. „Komm, lass uns nicht streiten. Du warst so lange weg. Ich war nicht sehr glücklich ohne dich.“ Er versuchte sie zu küssen.

Sie wehrte ihn ab. „Bitte, lass das, Peter!“

„Lass das? Du warst eine Woche fort, und ich darf dich nicht einmal küssen?“

„Du riechst so penetrant nach Wein ...“

„Nach Rotwein aus Bardolino, den du und Marietta mitgebracht habt.“

„Wir haben ihn unserer Mutter gebracht, nicht dir!“

Sie erreichten das Reihenhaus, in dem Nadine wohnte. „Darf ich mit hineinkommen?“, fragte Peter leise. „Ich möchte die Nacht mit dir verbringen.“

„Nein, Peter.“

„Nein? Wir sind verlobt. Wir werden heiraten.“

„Ich möchte mit dir nicht zusammen sein, wenn du betrunken bist.“

„Ich werde ganz sanft und zärtlich sein ...“

„Gute Nacht, Peter.“

„Du liebst mich nicht! Ich bin dir egal!“, klagte er.

„Ich liebe dich nur, wenn du nüchtern bist“, erklärte Nadine trocken. „Also richte dich danach.“ Sie holte die Schlüssel aus ihrer Handtasche, schloss die Haustür auf und ging hinein.

Peter blieb noch einige Minuten vor ihrer geschlossenen Haustür stehen, dann trollte er sich - und fiel zwei Straßen weiter in eine Kneipe ...

Beim Zubettgehen dachte Nadine: Es hat offenbar keinen Zweck mit ihm, er wird sich nie ändern. Er hat die Nachdenk-Pause nicht genutzt. Höchstens dazu, um sich täglich volllaufen zu lassen.

Würde er hoch mehr trinken, wenn sie ihm von Renee Berben erzählte? Es war zu befürchten. Ein Grund mehr, es ihm nicht zu sagen, ging es Nadine durch den Sinn.

Langsam wurden ihre Augenlider schwer, und wenig später schlief sie mit tiefen, regelmäßigen Atemzügen.

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Dr. Ulrich Seeberg hatte sich mit allem eingedeckt, was nötig war, um die Aufnahmen, die er mit seiner Digital Kamera gemacht hatte, über den PC ausdrucken zu können.

Das Ergebnis lag nun vor, und es war nicht zufrieden stellend. „Die Bilder sind allesamt nicht besonders scharf“, sagte er unzufrieden, während er sie in seinem Klinik-Büro seiner Frau und Dr. Kayser vorlegte. „Mit echten Fotos können die nicht konkurrieren. Sie lassen jedwede Brillanz und Tiefenschärfe vermissen. Ich hätte lieber meine alte Spiegelreflex-Kamera mitnehmen sollen.“

„Vielleicht hast du irgendetwas falsch eingestellt“, meinte Ruth Seeberg.

Ihr Mann warf ihr einen gekränkten Blick zu. „Du hältst mich also für unfähig, mit so etwas umzugehen.“

„Nicht für unfähig, aber ...“

„Freunde, vertragt euch! “, warf Sven Kayser lachend ein. „Diese Apparate sind meines Erachtens technisch noch nicht ganz ausgereift - und oberflächlich betrachtet sind die Bilder gar nicht mal so schlecht geworden.“

Ute Morell, die Sekretärin des Klinikchefs, hatte für alle Kaffee gekocht. Den tranken sie nun, und dann sagte der Grünwalder Arzt: „Ich muss mich leider von euch verabschieden. Die Pflicht ruft.“

Er verließ Ulrich Seebergs Büro und machte seine Runde auf den Stationen. Nachdem er seinen letzten Patienten besucht hatte, traf er auf dem Flur Schwester Nadine.

Sie trug eine große Mull-Packung, lächelte ihm freundlich zu, grüßte und wäre weitergegangen, wenn er sie nicht angesprochen hätte.

„Na, wie hat es Ihnen am Gardasee gefallen, Schwester?“, erkundigte sich Dr. Kayser.

„Wo?“ Nadines Augenlider zuckten kurz.

„Am Gardasee“, wiederholte der Grünwalder Arzt. „Ich habe Sie gesehen. Auf einem Schiff. Mit einem sehr gut aussehenden jungen Mann.“ Er schmunzelte verständnisinnig. „Sie haben mich nicht bemerkt, weil Sie nur Augen für Ihren Begleiter hatten.“ Nadine lief es kalt über den Rücken. Nichts ist so fein gesponnen, es kommt dennoch an die Sonnen. Ein uralter, leider nur zu wahrer Spruch. Er fiel ihr in diesem Augenblick ein, und ihre Gewissensbisse meldeten sich gleich wieder mit schmerzhafter Vehemenz.

Sie war verwirrt, wollte nicht, dass irgendjemand von ihrem Ausrutscher mit Renee Berben wusste, deshalb entschloss sie sich spontan, Dr. Kayser zu belügen. „Tut mir Leid“, sagte sie, ohne dem Grünwalder Arzt in die Augen zu sehen. „Sie müssen jemand anderen gesehen haben.“

„Das waren nicht Sie?“, fragte Sven Kayser erstaunt.

„Ich war noch nie am Gardasee“, log Nadine weiter. Sie hatte A gesagt, jetzt musste sie auch B sagen. Sie musste wohl oder übel bei der Unwahrheit bleiben. Aber wohl fühlte sie sich nicht dabei.

„Na, so was.“ Dr. Kayser schüttelte den Kopf. „Ich hätte schwören können ...“

Nadine hob die Schultern. „Ich habe auch schon mal jemanden verwechselt. Das kann passieren.“

„Die Frau auf dem Schiff sah genauso aus wie Sie“, sagte der praktische Arzt. „Sie haben eine Doppelgängerin, die Ihnen gleicht wie ein eineiiger Zwilling.“

Schwester Nadine lächelte. „Niemand von uns ist einmalig. Wir haben alle irgendwo auf der Welt einen Doppelgänger. So viele Variationsmöglichkeiten hat Mutter Natur nämlich nicht. Das habe ich mal irgendwo gelesen.“ Ihr Lächeln verstärkte sich. „Wenn Sie mich jetzt bitte entschuldigen würden ... Ich muss zu einem Patienten ...“

Dr. Kayser nickte. „Klar. Selbstverständlich. Gehen Sie nur.“

Die hübsche Schwester wünschte ihm einen schönen Tag und entfernte sich.

Sven Kayser sah ihr nach. Vor seinem geistigen Auge erschien die Urlaubs-Szene: Ein Schiff hatte im Hafen angelegt und auf diesem Schiff hatte Nadine sich an einen gut aussehenden Mann geschmiegt. Der Mann hatte seinen Arm um ihre Schultern gelegt gehabt und ihr einen zärtlichen Kuss ins blonde Haar gedrückt. Das Schiff war weitergefahren, Nadine hatte ihren Begleiter liebevoll angelächelt und ihm ihre Lippen zum Kuss geboten ...

Sie muss es gewesen sein, ging es Dr. Kayser jetzt durch den Sinn. Sie hat sich hinter der Unwahrheit versteckt, weil sie verlobt ist und sich schämt, dass ich sie mit einem anderen Mann gesehen habe. Das muss der Grund dafür sein, dass sie bestreitet, am Gardasee gewesen zu sein.

Es wäre nicht nötig gewesen, ihn zu belügen. Er konnte schweigen und hätte Peter Moser nie erzählt, was er gesehen hatte. Schließlich ging ihn das Privatleben seiner Patienten nichts an. Was immer sie taten, sie hatten es nur vor sich selbst zu verantworten. Da mischte er sich nicht ein.

Der Grünwalder Arzt ging zum Lift und drückte auf den Rufknopf ...

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Sie holten die „Wiedersehensfeier“ drei Tage später nach. Nadines Ärger war verraucht, und Peter war nüchtern und liebevoll, nett und zärtlich, gefühlvoll und sanft und leidenschaftlich ... Ach, er war so völlig anders als sonst, und es tat Nadine unbeschreiblich gut, mit ihm zusammen zu sein!

Peter nahm ihr schönes Gesicht zwischen seine Hände und bedeckte es mit vielen Küssen. „Ich liebe, liebe, liebe dich“, murmelte er leidenschaftlich.

„Ich liebe dich auch“, gab sie atemlos zurück - und im Moment entsprach dies hundertprozentig der Wahrheit. Ihr Herz raste. Das Blut rauschte in ihren Ohren, und sie wünschte sich, diesen wunderbaren Augenblick festhalten zu können und nie mehr loszulassen.

Peter hatte ihr gesagt, dass er seit dem Besuch bei ihrer Mutter keinen Tropfen mehr getrunken hatte, und sie war nur zu gerne bereit, ihm zu glauben, weil davon ihre gemeinsame Zukunft und ihr gemeinsames Glück abhingen.

Peter küsste ihren schlanken Hals. „Du bedeutest mir so wahnsinnig viel, Nadine. Ich könnte ohne dich nicht leben.“

Renee ...!, durchzuckte es sie. Wenn ich ihm jetzt von Renee erzählen würde, würde ich alles kaputt machen!

„Ach, Peter“, seufzte sie und streichelte ihn gefühlvoll. „Könnte es doch nur immer so mit uns sein.“

„Das wird es, Liebes“, versicherte er ihr. „Ich habe nämlich den Entschluss gefasst, nie wieder zu trinken.“

„Ist das wahr?“ Sie schaute ihn groß an.

Er nickte fest. „Ich mache Ernst.“

„Oh, Peter!“ Ihr Herz machte einen Freudensprung. „Du weißt nicht, wie glücklich du mich damit machst.“

„Ich habe sämtliche Alkoholika aus meinem Haus entfernt, bin seit drei Tagen völlig trocken.“

„Fällt es dir sehr schwer, abstinent zu bleiben?“

„Überhaupt nicht. Weil ich weiß, wofür ich dieses Opfer bringe. Für dich. Für uns. Für unser Glück. Ich möchte dich nicht verlieren, Nadine.“

„Du wirst mich nicht verlieren“, versprach sie ihm liebevoll. „Nicht, wenn du so bleibst, wie du jetzt bist, mein lieber, lieber Peter.“

Zwei Tage später aß Nadine Fischer mit ihrer Schwester in einem Chinarestaurant zu Mittag. Sie saßen im Garten. Der Himmel war bewölkt. Dennoch trug Marietta Heck eine Sonnenbrille.

Während Nadine mit Holzstäbchen ihre köstlichen „Acht Schätze“ aß, schwärmte sie vom neuen Höhenflug ihrer Beziehung, seit Peter eisern trocken blieb.

„Endlich hat unsere Verbindung wieder eine Zukunft “, sagte sie erfreut und zufrieden. „Peter ist wie ausgewechselt, seit er nicht mehr trinkt. Oh, Marietta, ich möchte fast sagen, ich habe mich ein zweites Mal in ihn verliebt.“ Marietta Heck aß eine gebratene Pekingente. Sie hielt kurz inne, sah ihre Schwester an und fragte: „Hast du ihm von Renee erzählt?“

Nadine schlug die Augen nieder. „Nein“, antwortete sie kleinlaut.

Marietta aß weiter, ohne ein Wort zu sagen.

„Ich habe mich entschlossen, es für mich zu behalten“, fuhr Nadine fort.

„Es ist deine Entscheidung.“

„Warum sollte ich unsere jetzt wieder intakte Beziehung mit dieser Beichte belasten? Ich sehe keinen Sinn darin.“

„Tu, was du für richtig hältst. Von mir wird Peter nichts erfahren.“

„Ich weiß, dass ich mich auf dich verlassen kann. Danke, Marietta.“ Nadine lachte. „Mein Gott, warum nimmst du nicht endlich diese blöde Sonnenbrille ab? Es scheint doch überhaupt keine Sonne. Außerdem ist es unhöflich, eine Sonnenbrille zu tragen, wenn man sich mit jemandem unterhält, weil der andere dir dadurch nicht in die Augen sehen kann. So laufen Spione herum. Oder Mafiosi. Leute, die etwas zu verbergen haben. Hast du etwas zu verbergen?“

„Nur das“, sagte Marietta und nahm die Sonnenbrille ab. Ihr linker Augapfel sah nicht besonders schön aus. Ein paar Äderchen waren geplatzt.

„Marietta, ich weiß, ich wiederhole mich“, sagte Nadine besorgt, „aber - du solltest zum Arzt gehen.“

Zum Arzt ging einige Wochen später dann jedoch nicht Marietta, sondern Nadine, und sie nahm sich vor, bei dieser Gelegenheit mit Dr. Kayser auch gleich über ihre Schwester zu reden.

„Jut sehnse aus“, stellte Gudrun Giesecke fest, als Nadine Fischer im Grünwalder Arzthaus erschien.

Nadine lächelte strahlend. „Vielen Dank, Schwester Gudrun.“

Die alte Sprechstundenhilfe schmunzelte. „Ihr Verlobter scheint Ihnen prima zu bekommen.“

„Oh ja, er macht mich glücklich und zufrieden.“

Schwester Gudrun breitete die Arme aus. „Wat will man mehr?“ Die korpulente Arzthelferin beugte sich etwas vor. „Darf man frajen, wann jeheiratet wird?“, sagte sie gedämpft.

Nadine nickte. „Man darf. Peter hat noch einen Großauftrag zu erledigen. Danach treten wir vor den Traualtar.“

„Ick wünsche Ihnen heute schon allet Jute und viel Jlück für die Zukunft.“

„Danke, Schwester Gudrun.“

„Werdense weiter in der Seeberg Klinik bleiben?“

„Das weiß ich noch nicht.“

„Wovon hängt es ab?“, wollte die neugierige Berlinerin wissen.

„Wenn sich Kindersegen einstellt ...“

„Ich verstehe“, fiel Gudrun Giesecke der schönen Krankenschwester ins Wort. „Dann jeht det Baby natürlich vor den Job, det is klar. Det is eine sehr vernünftije Einstellung, würd ick sajen.“

Wenig später wurde Nadine Fischer von Dr. Kayser ins Sprechzimmer gebeten. Der Grünwalder Arzt fragte, was sie zu ihm führe, und sie erzählte ihm zunächst, dass sie sich Sorgen um ihre Schwester mache.

„Meine Schwester ist krank, aber sie will es nicht wahrhaben. Sie steckt den Kopf in den Sand, will von einem Arztbesuch nichts wissen, aber mit dieser Vogel-Strauß-Politik schlägt sie den falschen Weg ein.“

Dr. Kayser fragte nach den Symptomen. Beinahe hätte Nadine erwähnt, dass sie mit Marietta in Torbole am Gardasee gewesen war. Sie erschrak. Du musst aufpassen!, ermahnte sie sich. Du musst dir immer genau überlegen, was du sagst! Lügner brauchen ein sehr gutes Gedächtnis!

Sie sprach vom Fieber, vom Nasenbluten, von der Atemnot bei geringster Belastung, von den geplatzten Äderchen im Auge ihrer Schwester, und sie sagte mit sorgenvoller Miene: „Ich bin zwar nicht so medizinisch gebildet wie Sie oder irgendein anderer Arzt, Dr. Kayser, aber ich bin immerhin eine diplomierte Krankenschwester und habe in der Seeberg-Klinik schon so manches gesehen und erlebt ...“

Sven Kayser sah seine Patientin forschend an. „Sie haben einen bestimmten Verdacht, nicht wahr?“

„Ja.“

„Welchen?“

„All diese Symptome ... Ich hoffe, dass ich mich irre, aber ... Also, ich befürchte, dass meine Schwester an Leukämie erkrankt ist.“

Der Grünwalder Arzt nickte sehr ernst. Der klinische Beginn der akuten Leukämie ist zwar derart unterschiedlich, dass es nicht möglich ist, ein klares schematisches Bild von dieser heimtückischen Krankheit zu entwerfen, aber Nadine Fischer konnte mit ihrer Befürchtung durchaus richtig liegen.

„Hat sie kleine rote Flecken auf der Haut?“, wollte der Allgemeinmediziner wissen.

„Sind mir keine aufgefallen.“

„Zahnfleischbluten?“

„Das schon.“

Dr. Kayser zählte weitere Symptome der Krankheit auf. „Kräfteverfall, Schwindel, Herzklopfen und Atemnot bei Anstrengung ...“

Bei Letzterem nickte Nadine heftig, und sie dachte daran, wie Marietta auf dem Kreuzweg von Madonna di Corona immer wieder stehen bleiben musste, weil sie keine Luft bekommen hatte.

„Sie müssen Ihre Schwester dazu bringen, sich untersuchen zu lassen“, sagte Sven Kayser. „Je eher, desto besser. Marietta darf das nicht anstehen lassen. Es wäre sträflich leichtsinnig von ihr, wenn sie ihre Beschwerden mit einem gleichgültigen Achselzucken abtun und sagen würde: ‘Das wird schon wieder.’ Das wird nämlich nicht wieder. Jedenfalls nicht von alleine.“

„Ich werde sie so lange bearbeiten, bis sie nachgibt“, versprach Nadine. „Eine so bösartige Krankheit darf man nicht auf die leichte Schulter nehmen.“

„Und man muss sie gleich im Anfangsstadium bekämpfen“, fügte der Grünwalder Arzt hinzu, „denn da sind die Aussichten auf Heilung noch einigermaßen gut.“ Damit war dieses Thema abgeschlossen und Dr. Kayser fragte: „Und was kann ich für Sie tun?“ Nadine rutschte auf dem Patientenstuhl hin und her und sagte schließlich: „Ich glaube, ich bin schwanger, Herr Doktor.“

Der Allgemeinmediziner und Geburtshelfer erhob sich und meinte: „Na, dann wollen wir uns gleich mal Gewissheit verschaffen, nicht wahr?“ Die Untersuchung dauerte nur wenige Minuten, dann stand es fest: Nadine Fischer war in anderen Umständen.

„Gratuliere“, sagte Dr. Kayser. „Haben Sie schon mit Ihrem Verlobten darüber gesprochen?“

„Nein. Ich wollte erst ganz sicher sein. Ich sag’s ihm heute Abend.“

Sven Kayser schmunzelte. „Es wird ihn bestimmt sehr glücklich machen, Vater zu werden.“

„Ja.“ Nadine nickte geistesabwesend. „Ich denke, das wird es - sobald er den freudigen Schock verdaut hat.“ Sie lächelte. Aber in ihrem Inneren herrschte ein heilloses Durcheinander, weil sie nicht wusste, ob Renee Berben oder Peter Moser der Vater ihres Kindes war.

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Hallo, Peter“, sprach Nadine Fischer in ihr Handy. „Störe ich?“ Sie saß in ihrem Wagen und wusste noch nicht, ob sie nach Hause fahren würde oder zum Supermarkt. Das hing von ihrem Verlobten ab.

„Nein“, antwortete der junge Architekt, „was gibt’s denn, Liebling?“

„Hast du heute Abend Zeit für mich?“

„Das kann ich einrichten.“

„Ich möchte dich zum Abendessen einladen“, eröffnete ihm Nadine. „Kannst du um zwanzig Uhr bei mir sein?“

„Kein Problem.“

„Es gibt dein Lieblingsgericht.“

„Currylamm?“

„Currylamm“, bestätigte Nadine. Peter lachte aufgekratzt. „Oh, Nadine, das ist wunderbar!“ Er stutzte kurz. Dann fragte er: „Hör mal, gibt es irgendetwas zu feiern?“

„Vielleicht“, antwortete sie vage. „Na, da bin ich aber mächtig gespannt.“ Er lachte wieder.

„Wir sehen uns um acht.“

„Ja, um acht“, stimmte Peter zu. „Ich freue mich auf den Abend.“

„Ich mich auch“, gab Nadine zurück und schaltete ihr Mobiltelefon ab. „Also zum Supermarkt“, murmelte sie und fuhr los.

Sie kaufte ein, was sie für den Abend benötigte, und nahm sich zu Hause für das Kochen sehr viel Zeit. Mehr Mühe hatte sie sich noch nie gegeben, denn das „Festessen“ sollte vorzüglich sein und den Abend krönen. Außerdem geht Liebe durch den Magen ...

Punkt acht erschien Peter - ohne die gewohnte Alkoholfahne von früher. Er überreichte Nadine einen wunderschönen Blumenstrauß, der ein kleines Vermögen gekostet haben musste.

Sie bedankte sich mit einem innigen Kuss dafür. Er zog die Luft prüfend durch die Nase ein und meinte schmunzelnd: „Wenn das so schmeckt, wie es riecht, wird mein Gaumen jubeln.“

Nadine bat ihn, sich an den festlich gedeckten Tisch zu setzen und die Kerzen anzuzünden. Dann ging sie in die Küche und servierte den ersten Gang: Melone mit luftgetrocknetem Parmaschinken.

Das Currylamm verschlug Peter beinahe die Sprache. Er schwor, so etwas Gutes noch nie gegessen zu haben. Als Nachtisch gab es ein kunstvoll dekoriertes Bananensplit mit einem kleinen Sonnenschirmchen aus buntem Papier und sprühenden Wunderkerzen  und erst danach stieß Nadine mit ihrem Verlobten mit stillem Mineralwasser an und eröffnete ihm, dass er Vater werden würde.

Er sah sie wie vom Donner gerührt an. „Vater?“

„Ja, Vater.“ Sie lachte leise.

„Ich?“ Er verschüttete beinahe sein Mineralwasser.

„Ja, du.“ Sie lachte wieder  ein wenig nervös, ein wenig unsicher.

„Du ... du ... du meinst, du bist schwanger?“, stotterte Peter.

Nadine nickte. „Ich war heute bei Dr. Kayser. Er hat meine Vermutung bestätigt. Freust du dich?“

„Ob ich mich freue?“ Peter schluckte. „Also ...“ Er rieb sich die Handflächen an den Schenkeln trocken. „Ich weiß nicht ...“ Er stand auf. „Was soll ich dazu sagen?“ Er fuhr sich verwirrt durchs Haar. „Ich ... ich glaube, jetzt komme ich ohne einen Drink nicht über die Runden.“ Er ging zur Hausbar und schenkte sich ein Glas Whisky ein. Nadine sah das zwar nicht gern, aber sie sagte nichts.

„Wow!“, keuchte er und trank. „Das ist vielleicht ein Hammer.“ Er schenkte sich noch einen Whisky ein.

„Freust du dich etwa nicht?“, fragte Nadine unsicher. „Du hast doch nicht etwa vor mich zu bitten, es wegmachen zu lassen, Peter.“ Ihre Kehle wurde eng, ihre Stimme war heiser. „Wir sind verlobt. Wir wollen heiraten und ... und ... und eine Familie gründen! Nun hält sich unser Baby nicht an den Zeitplan, aber das ist doch weiter nicht schlimm! Dann gehe ich eben schwanger in die Kirche! Es ist nicht das erste Mal, dass so etwas vorkommt, und es wird immer wieder passieren. So ist das nun mal im Leben. Manche Babys können es einfach nicht erwarten, auf die Welt zu kommen.“

Peter langte beim vierten Whisky an.

„Bitte trink nicht so viel“, flehte Nadine ihn an.

„Ich muss.“ Er trank das Glas in einem Zug leer, und schon war das nächste in Vorbereitung. „Ich brauche das jetzt.“ Er schien sich bewusstlos trinken zu wollen.

„Bei den Anonymen Alkoholikern heißt es: ‘Lass das erste Glas stehen - und zwar für vierundzwanzig Stunden.’“

Peter leerte sein Glas mit aggressivem Schwung. „Wir sind hier nicht bei den Anonymen Alkoholikern, sondern in einem Haus der Freude. Oder sollte ich besser Freudenhaus sagen?“

„Wie ist das zu verstehen?“

Peters glasig gewordene Augen wurden schmal. „Das ist so zu verstehen, dass du zwar schwanger bist - jedoch mit absoluter Sicherheit nicht von mir!“ Nadine riss entsetzt die Augen auf. „Peter ...“

Er trank. Niemand wusste mehr, beim wievielten Drink er angelangt war. „Soll ich dir etwas sehr Lustiges erzählen?“, fragte er. Seine Hand wurde unsicher. Er verschüttete beim Einschenken einiges. „Weißt du, warum ich noch nicht vorgeschlagen habe, unser Verlöbnis zu beenden und zu heiraten? Weil ich nicht wusste, wie ich dir beibringen soll, dass ich keine Kinder zeugen kann. Jawohl, mein Schatz, ich bin zeugungsunfähig, und ich war die ganze Zeit zu feige, es dir zu gestehen. Drei Ärzte haben es mir unabhängig voneinander bestätigt. Und plötzlich eröffnest du mir, dass ich Vater werde. Ist das nicht ein Spaß? Ist das nicht ein gelungener Witz? Oder ließ der Himmel in seiner unendlichen Güte etwa ein Wunder geschehen?“

Nadine schwankte, obwohl sie nichts getrunken hatte. Das Zimmer begann sich um sie zu drehen.

Peters Zynismus brach wieder durch. „Scheint so, als hättest du dir am Gardasee mehr angesehen, als es sich für ein Mädchen geziemt, dem es mit der Treue ernst ist.“ Er zog die Mundwinkel nach unten und starrte feindselig auf Nadines Bauch. „Ich will nicht wissen, wer der Vater deines Balgs ist. Mir ist bloß klar, dass ich unser Verlöbnis unter diesen Umständen nicht mehr aufrechterhalten möchte und mich nicht länger an mein Eheversprechen gebunden fühle.“ Er leerte die Flasche komplett. Dann lallte er: „Adieu! Mach’s gut! Such dir einen andern, der dumm genug ist, sich von dir ein Kind unterjubeln zu lassen! Bei mir hast du damit kein Glück, Herzchen!“

Er torkelte aus dem Haus, und Nadine rannte ins Schlafzimmer, warf sich aufs Bett und weinte fast die ganze Nacht.

Sie hätte nicht geglaubt, dass sie jemals so unglücklich sein könnte ...

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Nadine musste sich drei Tage frei nehmen. Es wäre ihr unmöglich gewesen, ihre Arbeit in der Seeberg-Klinik auch nur einigermaßen zuverlässig zu verrichten. Als sie am vierten Tag ihren Dienst wieder antrat, fühlte sie sich zwar noch immer elend, aber wenn sie sich zusammennahm, konnte sie sich wenigstens wieder konzentrieren.

Als sie Dr. Kayser über den Weg lief, hätte sie sich am liebsten in ein Mäuschen verwandelt, um blitzschnell davonhuschen zu können.

„Na, wie hat Ihr Verlobter die freudige Nachricht aufgenommen?“, erkundigte sich der Grünwalder Arzt freundlich lächelnd, und es überraschte ihn sehr, dass Nadine Fischer daraufhin in Tränen ausbrach und sich nicht mehr beruhigen konnte.

Das Besuchszimmer für Nichtraucher war leer. Dr. Sven Kayser betrat es mit der verzweifelten Krankenschwester. Sie setzten sich, und der Grünwalder Arzt fragte: „Was ist los, Schwester Nadine? Habe ich etwas Falsches gesagt?“

„Nein ... Sie ... Sie haben nichts Falsches ge...gesagt!“, schluchzte Nadine. In ihr schien ein Damm gebrochen zu sein. Sie konnte nicht aufhören zu weinen.

Dr. Kayser gab ihr ein Taschentuch. „Hier.“

„Danke.“ Sie putzte sich geräuschvoll die Nase. „Ach, Dr. Kayser, es ist alles so ... so ... so grauenvoll. Ich würde am liebsten nicht mehr leben!“

Sven Kayser schüttelte ernst den Kopf. „Das dürfen Sie nicht sagen, Schwester Nadine. Noch dazu, wo Sie jetzt ein Kind unter dem Herzen tragen.“

Ein Schluchzen war wiederum die einzige Antwort.

„Was ist denn so Entsetzliches passiert?“, wollte der Allgemeinmediziner wissen.

„Peter hat sich von mir getrennt“, stieß Nadine verzweifelt hervor.

„Weil Sie schwanger sind?“

„Weil ich nicht von ihm schwanger bin.“

„Ist das sicher?“

„Hundertprozentig sicher“, krächzte Nadine. „Mein Ex-Verlobter ist nämlich nicht zeugungsfähig, das haben ihm drei Ärzte bestätigt.“ Sie bedeckte ihr schönes Gesicht mit den Händen. „Ich schäme mich ja so, Dr. Kayser. Auch deshalb, weil ich Sie belogen habe.“ Sie ließ die Hände sinken, nickte, sah ihm aber nicht in die Augen, als sie gestand: „Ja, ich habe Ihnen nicht die Wahrheit gesagt. Sie haben sich weder getäuscht noch eine Doppelgängerin von mir auf diesem Schiff auf dem Gardasee gesehen. Das war ich, mit einem Freund von früher ... Renee Berben ist sein Name.“

„Und von dem ist das Kind?“, fragte Sven Kayser.

„Ja, von dem ist das Kind.“ Es tat Nadine gut, die Wahrheit zu sagen. Es erleichterte sie.

„Renee wird es nie erfahren“, fuhr sie fort, „und ich möchte nicht darüber reden, wie es dazu gekommen ist. Ich habe einen großen Fehler gemacht, bin schuldig geworden - und nun werde ich dafür geradestehen. Ich werde mein Kind bekommen und es allein großziehen. Viele Frauen tun das, und ich schaffe das auch.“

„Sicher.“ Dr. Kayser nickte. „Sicher. Das können Sie.“

Endlich hatte Nadine Fischer aufgehört zu weinen. Sie wischte sich die Tränen von den Wangen. „Peter glaubt, ich wollte ihm Renees Kind unterschieben, aber das war nicht meine Absicht. Ich dachte wirklich nach längerem Rechnen, es wäre von ihm. Dass mein Ausrutscher in Italien nicht ohne Folgen blieb - daran habe ich irgendwie nicht gedacht. Glauben Sie mir das, Herr Doktor?“

„Natürlich glaube ich Ihnen das, Schwester Nadine.“

„Peter hält mich für eine liederliche Person und will deshalb nichts mehr mit mir zu tun haben.“ Die schöne Krankenschwester seufzte tief. „Ich kann ihn verstehen.“ Sie seufzte wieder. „Schade, dass es vorbei ist. Aus uns hätte eine großartige Familie werden können.“

„Es ist noch nicht aller Tage Abend.“

„Doch, Dr. Kayser, das ist es.“

„Ihr Verlobter wird wiederkommen, wenn er lange genug nachgedacht hat“, prophezeite der Grünwalder Arzt. „Und er wird Ihrem Kind ein guter Vater sein.“

Nadine Fischer schüttelte mit düsterer Miene den. Kopf. „Es ist vorbei, Dr. Kayser. Mich braucht niemand aus Mitleid zu heiraten. Ich komme sehr gut alleine zurecht. Auch mit einem Kind.“

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Tags darauf brach Marietta Heck in ihrem Büro zusammen.

Sie hatte sich aufgeregt, hatte mit dem Mann gestritten, der ihre PR-Idee nicht eins zu eins umgesetzt, sondern nach eigenem Gutdünken abgeändert und damit die angestrebte Wirkung verwässert hatte.

Sie hatte ihm befohlen, seine Eigenmächtigkeit binnen vierundzwanzig Stunden restlos rückgängig zu machen, und sie hatte ihm mit Kündigung gedroht, wenn er sich so etwas noch mal erlauben würde.

Dann war sie fuchsteufelswild durch das Vorzimmer ihrer Sekretärin gestürmt und hatte ihre Bürotür kraftvoll hinter sich zugeknallt.

Julia Schneider, die Sekretärin, hatte sicherheitshalber zehn Minuten verstreichen lassen, damit das Gewitter Zeit hatte abzuziehen.

Erst danach war sie aufgestanden und hatte sachte an Mariettas Tür geklopft.

„Marietta?“ Julia Schneider öffnete die Tür noch nicht. „Marietta, sind Sie in Ordnung?“

Die junge Chefin antwortete nicht.

Julia Schneider klopfte lauter. „Marietta!“

Nichts.

Vorsichtig öffnete die blonde Sekretärin die Tür. Im nächsten Augenblick erschrak sie heftig, denn Marietta Heck lag neben ihrem Schreibtisch auf dem Teppichboden.

„Um Himmels willen!“, entfuhr es Julia. Sie eilte zu Marietta, beugte sich über sie, legte zwei Finger auf ihre Halsschlagader. Der Puls war schwach, das Gesicht der Ohnmächtigen war teigig. „Marietta!“, rief Julia und schlug ihr leicht auf die Wangen. „Marietta, hören Sie mich?“ Sie griff nach ihren Schultern und schüttelte sie. „Marietta, bitte kommen Sie zu sich.“

Ein Bürobote stand plötzlich hinter Julia in der Tür. „Oh mein Gott! “, entfuhr es ihm.

Julia Schneider sagte: „Helfen Sie mir, sie auf die Couch zu legen.“

„Ja“, sagte der Mann. „Ja, natürlich. Sie nehmen die Beine.“ Gemeinsam betteten sie Marietta Heck auf die Couch, wo sie langsam zu sich kam. Julia gab ihr ein Glas Wasser zu trinken.

„Danke“, sagte Marietta und lächelte matt.

„Sind Sie krank?“, fragte Julia Schneider besorgt.

Marietta schüttelte langsam den Kopf. „ Zu viel Ärger ... Zu viel Stress ...“ Sie wollte sich aufsetzen, doch Julia sagte: „Bitte bleiben Sie noch ein paar Minuten liegen.“

Kraftlos gehorchte Marietta. Zwanzig Minuten später bat ihre Mutter sie in ihr Büro. Ellen Schott hatte vom Büroboten erfahren, was passiert war, und sah ihre Tochter sehr besorgt an.

„Ich bin schon wieder auf dem Damm“, beruhigte Marietta ihre Mutter.

„Wieso bist du zusammengebrochen?“

Marietta hob die Schultern. „Ich habe mir zu viel Arbeit aufgehalst. Und dann hatte ich auch noch Streit mit einem Mitarbeiter.“

Ellen Schott musterte ihre Tochter mit sorgenvoller Miene. „Du bist krank.“

Marietta versuchte ein besänftigendes Lächeln, doch es misslang. „Nein, Mama, ich ...“

„Ich sehe dir doch an, dass du nicht gesund bist“, unterbrach die Firmenchefin ihre Tochter. „Du musst zum Arzt gehen, Liebes. Noch heute.“

„Aber Mama ...“

Ellen Schott hob die Hand und brachte Marietta damit zum Schweigen. „Ich bestehe darauf!“, sagte sie energisch.

Es blieb Marietta Heck nichts anderes übrig, als zu gehorchen. Ihre Mutter führte das Unternehmen sehr autoritär und duldete keine Widerrede, auch nicht im privaten Bereich, wenn sie ganz sicher war, Recht zu haben.

Eine Stunde später hatte Marietta einen Termin bei Dr. Sven Kayser.

„Ich bin froh, dass Sie endlich zu mir kommen“, sagte der Grünwalder Arzt. „Ihre Schwester macht sich Sorgen um Sie.“

„Meine Mutter seit heute auch“, gab Marietta zurück.

„Und wieso das?“, wollte Sven Kayser wissen.

„Ich bin heute in meinem Büro ohnmächtig geworden.“

Dr. Kayser sah die junge Patientin vorwurfsvoll an. „Bei manchen Menschen muss das Schicksal erst mit der Faust auf den Tisch schlagen, damit sie zum Arzt gehen.“

Marietta lächelte. „Dafür gibt es andere, die rennen auch dann permanent zum Doktor, wenn ihnen nichts fehlt - aus purer Gewohnheit oder Langeweile.“

Der Allgemeinmediziner untersuchte die Patientin gründlich und nahm ihr Blut ab.

Drei Tage später lagen die Befunde vor, und der praktische Arzt sagte so behutsam wie möglich: „Ich muss Ihnen leider mitteilen, dass Sie sehr krank sind.“

Marietta nahm es mit beispielloser Fassung auf. Sie senkte den Kopf. In ihren Augen glänzten Tränen. „Das habe ich befürchtet, Herr Doktor.“

„Warum sind Sie dann nicht schon längst zu mir gekommen?“

Marietta zuckte mit den Schultern und antwortete kleinlaut: „Ich wollte es irgendwie nicht wahrhaben, wollte es verdrängen. Ich weiß, dass das falsch war, aber manchmal reagieren die Menschen völlig verkehrt auf eine Bedrohung. Das wird Ihnen in Ihrer langjährigen Berufspraxis bestimmt schon des Öfteren untergekommen sein.“

Dr. Kayser nickte.

„Was fehlt mir?“, wollte Marietta wissen. „Woran bin ich erkrankt, Herr Doktor?“

„An Leukämie“, entgegnete der Arzt offen.

„Das ist ein Todesurteil, nicht wahr?“, fragte Marietta Heck mit belegter Stimme.

Dr. Kayser schüttelte den Kopf. „Nein, das heißt es nicht. Aber wir müssen sofort mit der Therapie beginnen. Wir werden die Krankheit mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln bekämpfen.“

Marietta wollte wissen, was das für Mittel waren.

„Da wäre zunächst das physikalische Mittel“, erklärte der Grünwalder Arzt. „Die ionisierende Strahlung in all ihren Formen von der Röntgentherapie bis zu Therapien mit hohen Energien und radioaktiven Isotopen - wird seit langer Zeit in der Leukämietherapie verwendet. Hinzu kommt das chemische Mittel. Die Chemotherapie ist heute ein höchst ausgereifter Grundpfeiler der Leukämietherapie. Zahllos sind die zur Verfügung stehenden Medikamente und Anwendungsmöglichkeiten. Und schließlich sei noch das hormonelle Mittel erwähnt. Unter den hormonellen Mitteln haben sich in der Leukämietherapie vor allem die Cortico steroide bewährt, die sowohl in spezifischer Weise auf die Leukämiezellen wirken als auch in unspezifischer Form die Blutbildung anregen, Blutungen stoppen und eine Entgiftungsfunktion ausüben.“ Dr. Kayser schenkte der Patientin ein ermutigendes Lächeln. „Sie sehen also, wir Ärzte stehen dieser Krankheit absolut nicht machtlos gegenüber. Wir können sehr viel dagegen unternehmen, und je früher wir damit beginnen, desto größer sind unsere Erfolgsaussichten.“

Der Grünwalder Arzt wies Marietta Heck in die Seeberg-Klinik ein, und bereits vierundzwanzig Stunden später bekam sie die erste Behandlung.

„Endlich bist du vernünftig geworden“, sagte Nadine erleichtert zu ihrer Schwester. „Warum hast du bloß so lange gewartet? Warum hast du nicht gleich auf mich gehört? Dachtest du, du würdest um eine Behandlung herumkommen?“

Marietta nickte verlegen. „Ich glaube, ich war so naiv. Tut mir Leid.“

Nadine umarmte die Schwester. „Jetzt bist du ja endlich hier, und man wird gegen die Krankheit mit allen verfügbaren Mitteln angehen.“ Sie ließ sie los. „Hab keine Angst.“ Sie streichelte ihre Wange. „Du wirst wieder gesund. Dafür werden alle, die hier arbeiten, sorgen.“

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Als Peter Moser erfuhr, dass Marietta Heck in der Seeberg-Klinik lag, besuchte er sie - obwohl die Gefahr bestand, dass er dabei Nadine Fischer über den Weg lief, die er eigentlich nicht mehr sehen wollte.

Um sich für den Krankenhausbesuch (und eine mögliche Begegnung mit Nadine) zu „wappnen“, trank er mehrere Schnäpse. Auf diese Weise gestärkt, betrat er die Seeberg-Klinik.

Schwester Nadine half zu diesem Zeitpunkt in der Notaufnahme aus, sodass dem jungen Architekten eine Zusammentreffen mit seiner Ex-Verlobten erspart blieb.

Marietta war erfreut und überrascht über seinen Besuch. Sie sagte ihm das auch, doch er zuckte nur mit den Schultern und erwiderte: „Gegen dich habe ich ja nichts. Ich möchte nur Nadine nicht wiedersehen.“

„Bedeutet sie dir denn überhaupt nichts mehr?“, fragte Marietta.

„Warum sollte sie? Nach dem, was sie getan - was sie mir angetan hat.“

„Kann man sich einen Menschen, den man einmal so sehr geliebt hat, wirklich so leicht aus dem Herz reißen?“, fragte Marietta zweifelnd.

Peter nickte. „Wenn einem dieser Mensch so wehgetan hat, kann man es“, sagte er trotzig. „Ich konnte es. Nadine bedeutet mir absolut nichts mehr.“

„Ist es nicht möglich, dass du dir das bloß aus gekränkter männlicher Eitelkeit einredest?“

Peter schüttelte fest den Kopf. „Nein, Marietta. Ich weiß es. Und nun lass uns bitte das Thema wechseln. Ich bin nicht hier, um mich mit dir über deine Schwester zu unterhalten.“

Er blieb eine halbe Stunde und sie redeten über alles Erdenkliche, nur nicht mehr über Nadine.

Beim Abschied sprach Peter Marietta Mut zu, und er sagte zuversichtlich: „Die bringen dich hier wieder auf die Beine. Die Seeberg-Klinik hat einen ausgezeichneten Ruf. Die Ärzte, die hier beschäftigt sind, haben schon oft das Unmögliche möglich gemacht.“

Er verließ das Krankenzimmer. Auf dem Flur holte er seinen Flachmann aus dem Jackett und polierte seinen Alkoholspiegel mit einem kräftigen Schluck wieder etwas auf.

Als er am Stützpunkt vorbeiging, trat Dr. Sven Kayser aus dem Untersuchungszimmer. „Hallo, Herr Moser“, grüßte der Grünwalder Arzt freundlich.

„Tag, Herr Dr. Kayser“, gab der junge Architekt zurück.

Sven roch die Alkoholfahne des anderen. „Was führt Sie in die Seeberg-Klinik?“

„Ich habe Marietta besucht und ihr Mut zugesprochen. Sie wird doch wieder, ja? Sie kommt doch wieder in Ordnung?“

„Sie spricht relativ gut auf die Therapie an.“

„Ich habe von Statistiken gelesen, die in vierundzwanzig Ländern erhoben wurden“, sagte der junge Architekt. „Danach liegt die Sterblichkeitsrate bei sechs Personen von hunderttausend. Das lässt mich hoffen, dass Marietta wieder gesund wird.“

„Wir hoffen das alle für sie“, gab der Allgemeinmediziner zurück. Und dann beging er den Fehler, Nadine zu erwähnen.

Peter Moser umgab sich sofort mit einem Eispanzer. Seine Freundlichkeit verwandelte sich in störrische Unnahbarkeit. „Nadine Fischer hat keine Bedeutung mehr für mich. Ich hoffe, das wird sich bald herumgesprochen haben, damit niemand mehr meint, mit mir unbedingt über sie reden zu müssen, wenn er mir begegnet. Dieses Kapitel ist für mich ein für alle Mal abgeschlossen, und ich bin nicht gewillt, auch nur eine einzige Seite zurückzublättern.“

Damit musste Sven Kayser sich abfinden. Als geborener Optimist hoffte er jedoch, dass Peter Moser seine Meinung eines Tages ändern würde und dass es für den Architekten und die Krankenschwester dann noch nicht zu spät war, noch einmal zueinander zu finden und wieder gemeinsam durchs Leben zu gehen.

Der praktische Arzt machte an diesem Tag aber noch einen zweiten Fehler: Er sprach den jungen Architekten auf seinen übermäßigen - und derzeit auch deutlich riechbaren - Alkoholkonsum an, und er erntete daraufhin die bissige Antwort: „Kümmern Sie sich gefälligst um Ihren eigenen Kram.“

Das war’s dann. Erbost setzte Peter Moser seinen Weg fort, und er würdigte Dr. Kayser keines weiteren Blickes und keines Grußes.

Das launische Schicksal richtete es so ein, dass Peter Moser auch noch mit Nadine Fischer zusammentraf, kurz bevor er die Seeberg-Klinik verließ.

Man benötigte Schwester Nadine nicht mehr in der Notaufnahme, und sie wollte auf ihre Station zurückkehren. Da stieß sie im Erdgeschoss beinahe mit ihrem Ex-Verlobten zusammen.

Wie angeleimt standen sie einander gegenüber. Keiner wusste, was er sagen sollte. Nadines Gesicht wurde blass. Peters Gesicht rötete sich.

Sie roch seinen Schnapsatem und dachte: Eigentlich sollte ich froh sein, dass ich ihn los bin. Aber sie war nicht froh. Sie war unglücklich.

Ihr Leben war sehr leer geworden, seit Peter sich von ihr zurückgezogen hatte. Wenn sie ihre Arbeit nicht gehabt hätte, wäre sie daheim wahrscheinlich verrückt geworden.

„Guten Tag, Peter“, sagte sie leise.

„Tag“, gab er knapp zurück. Seine Augen glänzten wie Glasmurmeln.

„Wie geht es dir?“, fragte Nadine, während ihr Herz heftig klopfte.

„Mir? Mir geht es prächtig“, behauptete er.

„Mir leider nicht“, gab sie niedergeschlagen zurück.

„Selber schuld“, entgegnete er herzlos und ging einfach weiter.

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Marietta Heck hatte Glück. Sie sprach auf die Leukämietherapie an. Die Krankheit konnte gestoppt werden. Doch niemand konnte der Dreiundzwanzigjährigen die hundertprozentige Garantie geben, dass sie für immer geheilt war.

Manchmal brach die Leukämie nach Monaten oder Jahren erneut aus, doch damit belasteten die Ärzte Marietta nicht, als sie die Seeberg-Klinik verließ.

Der Klinikchef persönlich wünschte ihr alles Gute und fügte scherzhaft hinzu: „Und lassen Sie sich hier ja nicht mehr blicken.“

Marietta lachte. „Ich werde mir die allergrößte Mühe geben, Herr Chefarzt.“

Sie kehrte in ihr Büro zurück, erledigte mit neuem Elan, was liegen geblieben war, stürzte sich tatendurstig kopfüber in die Arbeit und war wieder ganz die Alte.

Sie und ihre Mutter begleiteten Nadine behutsam durch die Schwangerschaft. Wann immer Nadine Fischer Hilfe brauchte, waren entweder die Schwester oder die Mutter zur Stelle.

Als die Arbeit in der Seeberg-Klinik für Nadine zu beschwerlich wurde, blieb sie zu Hause. Dr. Sven Kayser sah sie bei den regelmäßigen Kontrollen, und er hatte am Verlauf ihrer Schwangerschaft nichts auszusetzen.

Wieder einmal erschien sie im Grünwalder Arzthaus mit dickem, schwerem Bauch.

„Jut sehnse aus“, befand Schwester Gudrun.

„Quatsch“, entgegnete Nadine. „Ich bin ganz schrecklich unförmig.“

„Es steht Ihnen“, behauptete Gudrun Giesecke. „So sehn Schwangere nun mal aus.“

Nadine zuckte zusammen und legte die Hände auf ihren prallen Bauch.

„Wat tut der Kleene?“, erkundigte sich die grauhaarige Arzthelferin lächelnd.

Nadine verzog das Gesicht. „Er spielt Fußball. Wird Zeit, dass er rauskommt. Da drinnen hat er nämlich kaum noch Platz.“

„Hamse schon ’nen Namen für ihn?“, wollte Schwester Gudrun wissen.

Nadine nickte. „Manuel.“

„Klingt hübsch.“

„Ja. Mir gefällt der Name auch.“ Als Dr. Kayser sie aufrief, begab sie sich behäbig in sein Sprechzimmer.

Nachdem der Grünwalder Arzt sie untersucht hatte, meinte er: „Ich bin zufrieden. Wenn Ihr Baby sich an den Fahrplan hält, müsste es nächste Woche zur Welt kommen.“

„Ich kann mich mit diesem dicken Bauch kaum noch bewegen“, ächzte Nadine. „Stehen, Bücken, Sitzen, Liegen - alles ist beschwerlich.“ Sie lächelte. „Ich werde froh sein, wenn ich meine alten Kleider wieder tragen kann.“

Dr. Kayser gab das Lächeln zurück. „Ein paar Tage müssen Sie sich noch gedulden.“

„Werden Sie bei der Entbindung dabei sein?“

„Selbstverständlich.“

„Das beruhigt mich.“

„Es wird keine Probleme geben“, versicherte Dr. Kayser der Patientin. „Wie geht es Ihrer Schwester?“

„Erfreulich gut.“

„Wir wollen hoffen, dass das so bleibt.“

„Ja.“ Nadine nickte. „Warum sollte sie dieses Glück nicht haben?“

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Marietta holte Nadine in ihr Haus und nahm sich frei, um ihrer Schwester rund um die Uhr zur Verfügung stehen zu können. Je näher der Stichtag rückte, desto ruhiger wurde Nadine und desto unruhiger wurde Marietta.

Ellen Schott besuchte ihre Töchter täglich und fragte jedes Mal, ob sie etwas brauchten oder ob sie irgendetwas für sie tun könne.

Nadine machte sich über die beiden lustig. „He, wieso seid ihr so furchtbar nervös? Bekommt ihr das Baby oder ich?“

„Okay, so eine Niederkunft ist heutzutage keine große Sache mehr“, sagte Marietta. „Aber ... Ach was, es wird alles gut gehen. Was mache ich mir Sorgen?“

Auch Ellen Schott war sicher, dass alles gut gehen würde. Als sie sich verabschiedete, sagte sie: „Falls es heute Nacht losgehen sollte, ruft mich an.“ Sie umarmte Nadine. „Ich liebe dich, mein Schatz.“ Sie umarmte Marietta. „Dich liebe ich natürlich auch.“ Nachdem Ellen Schott gegangen war, sagte Nadine: „Wir haben eine großartige Mutter.“

Marietta nickte zustimmend. „Die beste Mutter von der Welt.“

Die Schwestern gingen früh zu Bett. Marietta war Nadine beim Entkleiden, beim Waschen und beim Anziehen des Nachthemds behilflich.

Während Marietta ihre Schwester fürsorglich zudeckte, sagte sie: „Schlaf gut.“

„Du auch.“

„Sollte der kleine Manuel herauswollen, rufst du mich, verstanden? Dann schnappen wir uns dein Köfferchen, rufen Dr. Kayser an, und ich bringe dich in die Seeberg-Klinik.“

Der kleine Manuel wollte dann aber nicht in der Nacht, sondern erst um neun Uhr am Vormittag das Licht der Welt erblicken.

„Marietta!“, rief Nadine gepresst. Marietta war in der Küche und machte Frühstück. „Ja, Schwesterherz?“, antwortete sie.

„Es ist so weit.“

„Was ist so weit?“, erkundigte sich Marietta, zunächst ein wenig begriffsstutzig.

„Es geht los.“

„Es geht los? Oh, mein Gott. Es geht los!“ Jetzt erst hatte Marietta verstanden, und sie war total aus dem Häuschen. Sie holte den kleinen Koffer ihrer Schwester, der seit Tagen gepackt war, rief Dr. Kayser an, stammelte wild drauflos und hoffte, dass der Geburtshelfer auch alles richtig mitbekommen hatte. Behutsam brachte sie Nadine dann zum Wagen.

„Keine Panik, Schätzchen“, sagte sie heiser. „Bloß nicht aufregen. Es ist die natürlichste Sache, die es gibt. Täglich kommen unzählige Babys auf die Welt. Du wirst sehen, das ist ein Klacks. In null Komma nichts hast du’s überstanden. Vorsicht beim Einsteigen. Vorsicht. Pass auf deinen Kopf auf. Und auf deinen Bauch. Sitzt du bequem? Leg den Gurt an. Kann ich die Tür schließen? Oh, mein Gott, es geht los!“ Es fiel Marietta nicht leicht, sich aufs Fahren zu konzentrieren. Jedes Mal, wenn eine Wehe Nadine aufstöhnen ließ, litt Marietta mit ihr.

„Halte durch“, flehte sie immer wieder. „Wir sind gleich da. Dort vorne ist schon der Englische Garten. Man kann ihn noch nicht sehen, aber er ist da. Er ist gleich hinter diesen Häusern. In wenigen Minuten haben wir es geschafft.“

Nadine stöhnte wieder und ihr schönes Gesicht verzerrte sich.

„Oh du mein armes Mädchen“, ächzte Marietta. „Warum hat die Natur es so eingerichtet, dass wir Frauen leiden müssen, wenn wir Kinder gebären, während die Männer überhaupt nichts spüren? Ich finde das unfair.“ Endlich kam die Seeberg-Klinik in Sicht. „Da werden Sie geholfen “, machte Marietta Verona Feldbusch nach.

Zehn Minuten später wurde Nadine in den Kreißsaal gebracht. Dr. Kayser war bereits da, er musste geflogen sein! Und Marietta hatte endlich Zeit ihre Mutter anzurufen.

Sie erreichte sie im Büro. „Mama“, stieß sie aufgewühlt hervor, „es ist so weit. Nadine bekommt ihr Baby.“

„Heiliger Himmel, das ist ja ...“

„Ich habe sie in die Seeberg-Klinik gebracht“, fiel Marietta der Mutter ins Wort. „Sie ist bereits im Kreißsaal. Wie es aussieht, hat es Manuel ziemlich eilig, das Licht der Welt zu erblicken.“

„Dann braucht Nadine wenigstens nicht lange zu leiden“, sagte Ellen Schott. „Als ich mit ihr niederkam, hatte ich sechsunddreißig Stunden lang Wehen. Ich dachte schon, ich würde es nicht mehr aushalten.“

„Und wie war’s bei mir?“, wollte Marietta wissen.

Ellen Schott schien die Frage in der Aufregung überhört zu haben. „Ich komme sofort“, platzte es aus ihr heraus. „Ich bin schon unterwegs. Ich nehme ein Taxi, bin viel zu aufgeregt, um selbst fahren zu können.“

Zwanzig Minuten später fielen sich Ellen Schott und Marietta Heck auf dem Gang vor dem Kreißsaal in die Arme. Ellen war total aufgelöst.

„Wie sieht es aus?“, erkundigte sie sich. „Ist das Baby schon da?“

„Noch nicht, aber lange kann es nicht mehr dauern.“

Ellen nahm die Hand ihrer Tochter. „Oh, Marietta, ich bin ja so wahnsinnig aufgeregt.“

„Bestimmt nicht mehr als ich.“ Ein schmales Lächeln umzuckte Mariettas Mund. „Meine Nerven liegen regelrecht blank.“ Sie seufzte. „Ich schaffe es einfach nicht, mich zu beruhigen.“ Sie warf einen Blick auf die Kreißsaaltür. „Dieses Warten macht einen grauenvoll mürbe.“

„Jetzt sind wir zu zweit.“ Ellen Schott strich mit der Hand über das schwarze Haar ihrer Tochter. „Da wartet es sich etwas leichter.“

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Bei vielen Geburten ist heutzutage der Vater dabei. Er hält die Hand der Gebärenden, gibt ihr seelischen Halt, spricht ihr Mut zu, gibt ihr Kraft  und sie ist nicht von weitgehend fremden Personen umgeben.

An Nadine Fischers Seite stand niemand. Sie musste ihr Baby ohne diesen wertvollen väterlichen Beistand zur Welt bringen, und sie strengte sich sehr an, um es so bald wie möglich hinter sich zu haben.

Gott, war das eine Plage! Es drohte beinahe über ihre Kräfte zu gehen. Jedenfalls hatte sie dieses Gefühl.

Dr. Sven Kayser und eine erfahrene Hebamme, die in ihrem Leben schon mehr als tausend Kindern auf die Welt geholfen hatte, waren bei ihr. Von den beiden ging eine sachliche Ruhe aus, die auf Nadine ansteckend wirkte. Sie konnte sich darauf verlassen, dass der Geburtshelfer und die Hebamme ganz genau wussten, was zu tun war. Für diese beiden war dieser Akt der Menschwerdung schon lange zur absoluten Routine geworden.

Da saß jeder Handgriff, da konnte es keine Überraschungen geben, da passierten keine Fehler.

Schweißnass war Nadines Gesicht. Sie atmete hechelnd, und als die nächste Presswehe sie peinigte, schrie sie schmerzlich auf.

„Pressen!“, sagte Sven Kayser mit ruhiger Stimme. „Pressen, Nadine. Ja, so ist es gut. Noch mal. Mit ganzer Kraft.“

Nadine schluchzte. „Ich kann nicht ... mehr ...“

„Doch“, sagte Dr. Kayser bestimmt. „Sie können. Pressen Sie! Es ist bald überstanden. Das Köpfchen ist schon zu sehen.“

Nadine mobilisierte ihre allerletzten Kraftreserven und presste den neuen Erdenbürger endlich heraus. Geschafft. Es war geschafft. Sie konnte es kaum glauben. Es war überstanden. Sie fühlte sich unendlich erleichtert, und als sie den ersten zitternden Schrei ihres Söhnchens hörte, durchströmte sie ein unbeschreibliches Glücksempfinden.

Dr. Sven Kayser war der Erste, der sie beglückwünschte. „Ein hübscher Junge“, sagte der Grünwalder Arzt lächelnd. „Ich gratuliere.“

Die Hebamme legte der jungen Mutter ihr Baby in den Arm, und Nadine sagte selig mit Tränen in den Augen: „Hallo, kleiner Mann, ich bin deine Mutti. Ich hoffe, du wirst mir sehr viel Freude machen.“

„Das wird er“, versicherte die Hebamme mit einem gütigen Lächeln auf dem Gesicht. „Das wird er ganz bestimmt.“

Dr. Kayser verließ den Kreißsaal. Ellen Schott und Marietta Heck blickten ihn erwartungsvoll an. Er nickte schmunzelnd. „ Sie hat es überstanden. Der kleine Manuel ist da.“

„Grundgütiger!“Jubelte die Brillenfabrikantin. „Ich bin Großmutter! Ich bin Großmutter! Wie schön!“

„Und ich bin Tante!“, fügte Marietta lachend hinzu.

Ellen Schott sagte: „Es gibt Frauen in meinem Alter, für die ist es ein ziemlicher Schock, plötzlich Großmutter zu sein. Für mich nicht. Ich habe kein Problem damit, ich freue mich. Ich könnte die ganze Welt umarmen. Ein Baby ist doch etwas Wunderbares. Finden Sie nicht, Dr. Kayser?“

Der Allgemeinmediziner nickte. „Ich bin ganz Ihrer Meinung, Frau Schott.“

„Wie geht es Nadine?“, wollte Ellen Schott wissen.

„Sie ist etwas müde“, antwortete Sven Kayser.

„Das ist normal“, meinte Ellen lächelnd.

„Ansonsten geht es ihr recht gut“, erklärte der praktische Arzt.

„Dürfen wir zu ihr?“, fragte die jugendliche Großmutter.

Dr. Kayser nickte. „In ein paar Minuten.“ Er lächelte Ellen Schott und Marietta Heck an. „Wenn die Damen mich jetzt entschuldigen wollen - ich muss zurück in meine Praxis.“

„Ja“, sagte Ellen Schott. „Ja, natürlich.“ Sie gab Sven Kayser die Hand. „Danke, dass Sie meiner Tochter geholfen haben, Herr Doktor.“

„Nichts zu danken“, gab der Grünwalder Arzt freundlich zurück und verließ die Klinik.

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Als Dr. Sven Kayser drei Tage später wieder in die Seeberg-Klinik kam, machte sein Freund Dr. Ulrich Seeberg ein sehr ernstes, betroffenes Gesicht, und er zitierte Goethe: „Es ist im Leben hässlich eingerichtet, dass neben den Rosen gleich die Dornen stehen.“

„Was willst du damit sagen?“, fragte Dr. Kayser den Klinikchef in dessen Büro.

Dr. Seebergs Blick verdüsterte sich. „Wir haben den kleinen Manuel untersucht.“

Durch Dr. Kaysers Körper ging ein jäher Ruck. „Und?“

„Das Baby ist krank, Sven.“

„Das darf doch nicht ...“ Dr. Kayser unterbrach sich. „Was fehlt ihm?“

„Manuel hat einen Herzfehler.“

Dr. Kaysers Augen wurden schmal. „Wie schlimm steht es um ihn?“

„Wir müssen ihn operieren.“

„Diesen kleinen Wurm“, murmelte der Grünwalder Arzt mit belegter Stimme.

„Wenn wir es nicht tun, erlebt er das Ende dieser Woche nicht“, sagte Dr. Seeberg nüchtern. Es hatte keinen Sinn, die schrecklichen Dinge zu beschönigen - nicht vor Dr. Kayser.

Der Allgemeinmediziner starrte seinen Freund betroffen an. „Mein Gott, das ist ja schrecklich!“

Ulrich Seeberg nickte deprimiert. „Ja, Sven, das ist es.“

„Weiß Nadine schon davon?“

Dr. Seeberg schüttelte den Kopf. „Noch nicht.“

„Wann willst du es ihr sagen?“

„Ich muss nachher zu ihr gehen. Es wird mir sehr schwer fallen, ihr eine solche niederschmetternde Eröffnung zu machen.“

„Wenn du möchtest, rede ich mit ihr“, bot der Grünwalder Arzt sieh an. „Was für Chancen hat Manuel?“

Der Klinikchef schüttelte traurig den Kopf. Das Schicksal des Babys ging ihm nahe. „Leider keine sehr guten“, gab er zur Antwort. „Wenn wir ihn nicht operieren, stirbt er. Wenn wir ihn operieren, kann ich nicht versprechen, dass er den schwierigen Eingriff überlebt.“

„Verflucht noch eins“, stieß Dr. Kayser wütend hervor, „wieso kommt es für manche Menschen so knüppeldick?“ Er informierte sich über Manuels bedenklichen Zustand so gründlich wie möglich und ließ sich von Ulrich Seeberg alle Befunde zeigen.

Das schwer kranke Baby hatte tatsächlich nur eine einzige Chance - und das war eine Operation innerhalb der nächsten vierundzwanzig Stunden.

Schweren Herzens machte Dr. Kayser sich auf den Weg zu Nadine Fischer. „Na, meine Liebe, wie geht es Ihnen?“, erkundigte er sich, während er sich neben ihrem Bett auf einen Stuhl niederließ. Er wollte es ganz sachte angehen, wollte auf keinen Fall gleich mit der Tür ins Haus fallen. Es musste ihm gelingen, die junge Mutter so behutsam wie möglich an die schreckliche Nachricht heranzuführen.

„Mir geht es gut“, antwortete Nadine. „Aber meinem Baby.“ Sie atmete schwer aus. „Irgendetwas stimmt mit Manuel nicht.“ Sie grub die Finger in die Bettdecke. „Dem Kleinen fehlt etwas ...“ Ihr Blick irrte durch den Raum. „Man hat mir noch nichts gesagt, aber ich fühle, dass da irgendetwas nicht in Ordnung ist.“ Sie nagte an ihrer Unterlippe. „Ich bin Manuels Mutter und ich bin Krankenschwester ...“ Jetzt erforschte ihr besorgter Blick das Gesicht des Grünwalder Arztes. „Hat man Ihnen aufgetragen, mir die schlechte Nachricht zu überbringen, Dr. Kayser?“ Was sollte Sven darauf erwidern? Er durfte Nadine nichts vormachen. Eine diplomierte Krankenschwester war nicht leicht zu täuschen, deshalb musste er auf jeden Fall bei der Wahrheit bleiben.

Dr. Kayser holte tief Luft. Ein Eisenring schien um seine Brust zu liegen. „Nadine ...“

Ihre Lippen zuckten. „Mein kleiner Junge hat keinen besonders guten Start, nicht wahr?“

„Vielleicht geht es ihm dafür später einmal besser“, sagte Dr. Kayser.

„Später“, sagte die junge Mutter leise. „Ja. Vielleicht.“

Es entstand eine kurze Pause. Dann unternahm Dr. Kayser einen zweiten Versuch. „Sie haben es vorhin erraten, Nadine“, sagte er sanft, „ich habe leider keine gute Nachricht für Sie.“ Nadine Fischer presste die Lippen zusammen. „Das habe ich gleich gespürt, als Sie das Zimmer betraten.“

Der Grünwalder Arzt schluckte. „Manuels kleines Herz ist nicht in Ordnung“, begann er vorsichtig und rücksichtsvoll, und er tastete sich anschließend ganz behutsam weiter vor, verabreichte der bedauernswerten Mutter die entsetzlich bittere Medizin in kleinen Dosen.

Dennoch war es fast zu viel für Nadine. Je länger Dr. Kayser sprach, desto mehr füllten sich ihre Augen mit Tränen - obwohl er jedes harte Wort vermied, obwohl er alles umschrieb, was sie hätte entmutigen können. Er bemühte sich, seine Worte so optimistisch wie möglich klingen zu lassen - und wusste doch ganz genau, wie klein die Chance des Babys war.

Bald konnte Nadine ihre Tränen nicht mehr zurückhalten. Sie weinte leise, und Dr. Kayser nahm ihre Hand und sprach tröstend auf sie ein.

Dennoch sagte sie tonlos: „Ich werde ihn verlieren.“

„Er hat eine reelle Chance, Nadine“, sagte der Allgemeinmediziner eindringlich.

„Ich werde meinen kleinen Liebling verlieren“, beharrte Nadine.

Sven Kayser sah sie ernst an. „Sie müssen positiv denken, Nadine. Dr. Seeberg ist ein hervorragender Chirurg, das wissen Sie.“

„Ja, das weiß ich“, gab Nadine zu, „aber auch er hat seine Grenzen.“ Sie drehte ihr Gesicht von Dr. Kayser weg. „Ich habe Schuld auf mich geladen, und nun präsentiert mir das Schicksal die grausam hohe Rechnung dafür.“

„Sie müssen ganz fest daran glauben, dass Manuel den Eingriff übersteht“, redete Dr. Kayser ihr zu. „Sie müssen sich daran klammern, müssen auf das Können Dr. Seebergs und seiner Kollegen vertrauen.“

„Ich werd’s versuchen“, versprach Nadine Fischer schluchzend. „Ich werde es ehrlich versuchen.“

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Was?“, stieß Ellen Schott bestürzt hervor. „Wie ist so etwas möglich?“ Sie sah Marietta Heck entgeistert an. „Der Kleine ist doch erst drei Tage auf der Welt.“ Sie wusste, dass sie unlogisch dachte, sagte aber dennoch: „Wie kann er schon so schwer krank sein?“

Marietta war bei ihrer Schwester in der Seeberg-Klinik gewesen, und diese hatte ihr unter Tränen erzählt, wie es um ihr Baby stand und was auf den Kleinen zukam. „Er war schon krank, als er auf die Welt kam“, sagte Marietta traurig.

„Unser kleiner Manuel?“ Ellen Schott konnte es nicht fassen. Sie wollte diese grausame Ungeheuerlichkeit nicht begreifen. Alles in ihr lehnte sich dagegen auf.

Es hatte sie so wahnsinnig glücklich gemacht, dass Nadine ihr einen Enkelsohn geschenkt hatte. Gott, was hatte sie schon für Pläne geschmiedet. Und plötzlich musste sie zur Kenntnis nehmen, dass die Zukunft des Neugeborenen auf Messers Schneide stand. Das schaffte sie nicht. Damit konnte sie sich nicht einfach abfinden. Sie ging in ihrem Büro nervös auf und ab. „Wenn ich mir vorstelle, dass sie das arme kleine Kerlchen aufschneiden, wird mir ganz schlecht.“

Marietta stand mitten im Raum. Ihre Mutter lief immer wieder knapp an ihr vorbei. „Sie tun es, um Manuel zu helfen“, sagte die junge Frau. „Der Eingriff ist seine einzige Chance.“

Ellen Schott blieb stehen und hob die gefalteten Hände. „Mein Gott, wie kann das Leben dieses unschuldige Würmchen nur so unbarmherzig bestrafen?“

„Ich werde dem Kleinen ganz fest die Daumen drücken und für ihn beten“, sagte Marietta.

„Ja“, krächzte Ellen Schott. „Ja, das werde ich auch tun.“ Sie warf einen vorwurfsvollen Blick zur Decke und fügte hinzu: „Hoffentlich hilft es.“

Details

Seiten
450
Jahr
2018
ISBN (ePUB)
9783738918571
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (März)
Schlagworte
arztroman sammelband drei romane arzt händen

Autoren

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Titel: Arztroman Sammelband: Drei Romane – Der Arzt mit den heilenden Händen und andere Romane