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Vier Bergromane Sammelband: Ich will mein Herz nur dir schenken und andere Romane

2018 400 Seiten

Leseprobe

Vier Bergromane Sammelband: Ich will mein Herz nur dir schenken und andere Romane

Anna Martach

Published by Cassiopeiapress/Alfredbooks, 2018.

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Vier Bergromane: Ich will mein Herz nur dir schenken und andere Romane

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Dieses Buch enthält folgende Romane:

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ANNA MARTACH: GEFÄHRLICHE Wetten und heiße Liebeleien

Anna Martach: Madln und Berge – geliebt und gefährlich

Anna Martach: Ich will mein Herz nur dir schenken

Anna Martach: Expedition ins Glück

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DIESMAL BEKOMMT ES Alpendoktor Daniel Ingold mit geradezu „unterirdischen“ Problemen zu tun. Gefühle geraten ins Rutschen, und so manche gute Absicht scheint verschüttet unter vergangenen Traumata. Wird die Erde im alpinen Hindelfingen am Ende wieder Ruhe geben?

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TITELBILD: ALFRED HOFER 123rf

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© Cover: Firuz Askin

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Gefährliche Wetten und heiße Liebeleien

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Alpendoktor Daniel Ingold – Band 1

von Anna Martach

Der Umfang dieses Buchs entspricht 105 Taschenbuchseiten.

Wo das Herz spricht, hat der Verstand nicht mehr viel zu sagen ... Alpendoktor Daniel Ingold muss sich nicht nur um zwei verliebte Burschen kümmern. Eine rätselhafte Krankheit breitet sich außerdem im Ort aus – was steckt dahinter? Und was sagt sein eigenes Herz?

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2015 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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1

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Tun S’ nimmer so viel, Frau Obermayr“, riet Daniel Ingold. Der sympathische Arzt mit den leuchtend blauen Augen und den lockigen blonden Haaren blickte die ältere Frau an, die vor seinem Schreibtisch saß und wegen Beschwerden in den Gelenken zu ihm gekommen war. „Da haben S’ doch Ihre Schwiegertochter, die Anna ist doch eine tüchtige junge Frau. Die kann Sie ein bisserl entlasten.“

Lena Obermayr schaute Daniel an, als zweifelte sie an seinem Verstand. „Die hat doch net genug Ahnung“, murrte sie dann. „Stellen S’ sich nur einmal vor, Herr Doktor, die Anna wollt mir doch tatsächlich einreden, man tät’ heutzutag nimmer mit der Sense das Gras für die Karnickel schneiden. Das hab ich aber mein Lebtag getan.“ Empörung flammte in den hellwachen Augen der Frau auf, und Daniel musste sich ein Lächeln verkneifen.

Es war auch heute noch nicht leicht für viele ältere Menschen, den Fortschritt zu akzeptieren. Sie hielten fest am Althergebrachten. In mancher Beziehung war das ja auch gar nicht verkehrt, nicht alles Neue musste auch unbedingt gut und richtig sein. Doch wenn durch eine solche Neuerung schwere körperliche Arbeit vermieden werden konnte, sollte man doch darüber nachdenken. Er wollte der alten Dame gerade behutsam erklären, dass sie ruhig ab und zu auf ihre Schwiegertochter hören sollte, die es ja nur gut mit ihr meinte, als er abrupt unterbrochen wurde.

Jemand stürmte in das Sprechzimmer, und gleich hintendrein lief Minchen, die gute Seele der Praxis, die schon beim alten Dr. Huber für Ordnung gesorgt hatte.

„Herr Doktor, bitte, es ist dringend. Mein Bub ist schrecklich krank, da müssen S’ auf der Stelle kommen.“

Daniel blickte auf Ursel Korbmacher, die mit allen Anzeichen von Aufregung dastand. Warum sie den Buben nicht gleich mitgebracht hatte, fragte er lieber nicht. Er wusste, dass die Frau fast abgöttisch an ihrem einzigen Kind hing, seit der Ehemann bei einem grässlichen Unfall ums Leben gekommen war.

Der Arzt bewahrte Ruhe, auch als Minchen, die eigentlich Hermine Walther hieß, mit einem beleidigten Gesichtsausdruck die Ursel nun endlich aus dem Raum schob.

„Nun geh schon, der Herr Doktor kommt bestimmt gleich mit, wenn er Zeit dafür hat. Aber ich sag’s dir, das war net der rechte Weg. Hättst mir ein gutes Wort gegeben, dann hätt’ ich ihn dir schon geholt, den Herrn Doktor.“

„Aber wenn der Basti doch ...“

„Hättst ihn auch gleich herbringen können, deinen Basti, es wär’ sicher schneller gegangen“, brummte Minchen und schloss nun endgültig die Tür.

Drinnen war die Lena aufgestanden.

„Schaun S’ mal zu, ob die Anna net doch vielleicht auch mal recht haben kann“, riet Daniel ihr zum Abschied. „Sie mögen das Madl doch, ich weiß das. Und tun S’ nimmer mehr so viel.“ Wahrscheinlich war dieser gute Ratschlag in den Wind gesprochen, doch den Versuch musste er machen. Daniel schenkte der Lena noch ein aufmunterndes Lächeln, und unwillkürlich verzog auch die Frau das Gesicht.

Ja, unser Herr Doktor, dachte sie bei sich. Wenn’s den net gäb’, müsst man ihn erfinden. Lena nahm sich vor, heute besonders nett zu ihrer Schwiegertochter zu sein. Es konnte ja nicht schaden, einfach mal auf dieses neumodische Zeugs zu hören – auch wenn es ganz bestimmt nicht richtig war.

Dr. Ingold lief aber nun rasch hinter der Ursel her. Zum Glück war es nicht weit zu ihrem schmucken kleinen Häuschen.

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2

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Und noch einen drauf“, rief der Stefan Raddatz und ließ seine Faust auf den Tisch knallen, dass die Karten nur so tanzten. Resigniert warf der Matthias Schwetzinger sein Blatt ab. „Wenn ich’s net besser wissen tät’, würd’ ich glauben, du hättst die Karten gezinkt.“

Die beiden Burschen saßen in einer Runde mit anderen zusammen im Kreuzkrug beim Doppelkopf. Schon seit der Schulzeit herrschte Rivalität zwischen ihnen, damals schon nicht wegen besonders guter Noten, sondern eher darum, wer beim Raufhändel der Stärkere war. Und auch jetzt wetteiferten die zwei um alles Mögliche, selbst beim Kartenspiel.

Der Stefan warf jetzt bitterböse Blicke zu dem anderen hinüber, seine Augen funkelten, und unwillkürlich ballte er die Fäuste.

„Willst damit am End gar sagen, ich tät’ betrügen? Das muss ausgerechnet einer sagen, der zu dumm ist, um die Karten zu kennen. Wennst Bescheid wüsst’, dann könntst auch was draus machen.“

Nun, das konnte man so oder so sehen. Diese Bemerkung war jedoch nicht dazu angetan, die angespannte Stimmung etwas zu dämpfen.

„Das könnt man auch bei der Kathrin so sehen“, witzelte einer der anderen Burschen, und zwei Augenpaare richteten sich düster auf ihn.

„Ich mein ja nur“, murmelte er betreten.

„Die Kathrin, ja?“, grinste der Stefan. „Das ist ja mal ein sauberes Madl. Ich will ja wohl net glauben, dass du dir Hoffnungen auf sie machen tätst.“ Spott sprach aus seinen Worten, und Matthias musste an sich halten, um nicht aufzuspringen und dem anderen an die Kehle zu gehen.

„Die Kathrin – wirst in Ruhe lassen“, knurrte er. „Ich tät’ mich ja auch net drum kümmern, wie du die anderen Madln anmachen tätst. Aber die Kathrin ist was Besonderes, die wirst in Ruhe lassen.“ Vor dem geistigen Auge des Burschen entstand das liebliche Gesicht des Madls, mit den leuchtend blauen Augen, den zwei niedlichen Grübchen in den Wangen, wenn es lachte, und der fröhlichen Stimme, die im Leben wohl noch nie ein böses Wort gefunden hatte.

Der Stefan lachte auf. „Kannst es mir net verbieten, mich um sie zu bemühen. Gleiches Recht für alle.“

Dieser Spott traf tief, so tief, dass der Matthias nun doch aufsprang. „Willst net verstehen, die Kathrin gehört mir. Such dir eine andere. Ich will’s dir auch gern auf andere Weise einprägen, wennst net kapierst.“

Blitzschnell sprang auch Stefan auf, die beiden starrten sich unversöhnlich an, und die Fäuste öffneten und schlossen sich automatisch.

„He, ihr da, raus mit euch, wenn’s euch net benehmen könnt“, donnerte Franz Dernbacher, der Wirt vom Kreuzkrug und meist nur Franzl gerufen, dazwischen. „Hier gibt’s keine Prügelei. Wenn ihr glaubt, dass es net anders geht, müsst ihr das draußen unter euch ausmachen, net in meinem Hause.“

„Ich will mich gar net prügeln, ich will nur, dass der Stefan die Kathrin in Ruhe lässt“, brummte Matthias.

„Hat einer von euch Deppen das Madl schon mal gefragt, wen’s denn überhaupt haben möcht’?“

„Das spielt doch gar keine Rolle“, wehrte Stefan ab.

„Oh, das tät’ ich aber schon glauben. Meinst denn wirklich, die Madln müssten nur so vor euch hinsinken? Noch dazu eine wie die Kathrin? Die ist ein ganz besonders fesches Madl und net auf einen angewiesen, der nur mit dem Mundwerk was darstellen tät’. Da müsst’s aber auch schon was vorweisen.“

Beide Burschen starrten ihn verblüfft an.

„Bevor ihr euch die Köpfe einschlagen tätet, solltet ihr vielleicht erst mal klären, wer der Bessere ist. Und der sollte dann in aller Form um die Kathrin werben.“

Nur langsam sickerte den Burschen in den Kopf, dass an den Worten vom Dernbacher was Wahres dran war.

„Der Bessere, ja?“, grinste Matthias. „Das bin freilich ich.“

„Du Depp, du“, schimpfte Stefan. „Sagen können tät’ das ein jeder. Beweisen musst das erst mal.“

Die beiden setzten sich wieder, und der Wirt brachte eine neue Runde. „Wenn ihr euch net einig seid, dann müsst’s das halt eben erst feststellen“, gab der Dernbacher noch zu bedenken, und für einen Moment herrschte Stille. Etwas verwirrt schauten die beiden Burschen umher.

„Ja, dann täten wir halt eine Wette abschließen“, erklärte Stefan siegessicher.

„Eine Wette?“ Der Matthias runzelte die Stirn, doch dann grinste er auf die gleiche Weise. „Ja, warum eigentlich net? Machen wir’s doch wie in alten Zeiten. Wer drei Aufgaben als bester löst, der bekommt die Kathrin.“

„Ihr seid’s ein bisserl verrückt“, stellte der Wirt fest. „So hab ich das eigentlich net gemeint. Aber ich denk’, das wär’ immer noch besser, als sich gegenseitig den Schädel einzuschlagen.“

„Wirst schon sehen“, lachte Stefan. „Ich werd’ den Matthias schlagen, und dann ist das Madl mein.“

Dernbacher schüttelte den Kopf. War er in seiner Jugend ebenso verrückt gewesen? Er hörte jetzt mit halbem Ohr zu, wie die Burschen Vorschläge für ihre Aufgaben machten, einer verrückter als der andere.

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Na, mein Bub, was hast gegessen, dass du ausschaust wie ein Streuselkuchen?“, scherzte Daniel Ingold. Auf den ersten Blick machte Sebastian Korbmacher keinen lebensbedrohlich kranken Eindruck, auch wenn er lustlos und schwach wirkte. Der Bub hockte in seinem Bett, hatte Bücher und Spielzeug auf der Bettdecke liegen und war tief beschäftigt gewesen. Jetzt schaute er auf, und ein gespannter Ausdruck trat in die Augen des Doktors.

Die Haut des Kindes war über und über voll mit kleinen roten Punkten. Auf den ersten Blick wirkten die vertraut, und doch schien es sich um was anderes zu handeln, als der Doktor es eigentlich kannte.

„Mein Bub isst nix, was ihm schaden könnt“, erklärte jetzt Ursel Korbmacher auf die Frage Daniels. „Das hab ich ihm verboten.“

„Unsere Kinder tun leider net immer das, was wir erlauben oder verbieten. Und der Basti wär’ net der erste, der von verbotenen Früchten naschen tät’.“ Die Stimme des Mannes klang beruhigend, während sich in seinem Kopf die Gedanken überschlugen. Diese Art von Ausschlag kannte er so nicht. Oder er hatte eine andere Form davon kennengelernt. Besorgnis regte sich ihm, doch die sollte er besser nicht zeigen, die Mutter war schon aufgeregt genug.

Das Fieber war relativ hoch, doch der Junge schwitzte fast gar nicht. Die rätselhaften Flecken erstreckten sich über den ganzen Körper und wirkten in sich selbst etwas eigenartig. Die erste Diagnose, eine allergische Reaktion auf etwas, das der Junge gegessen oder getrunken hatte, geriet wieder ins Wanken.

„Ich hab nimmer nix gegessen“, beteuerte Basti und schaute seine Mutter an, als erwarte er jetzt von ihr Zustimmung, die auch prompt kam.

„Ja, ich glaub`s dir ja, mein Zuckerl“, erklärte sie, und Daniel seufzte innerlich. Das würde sicher ein ganz schweres Stück Arbeit geben. Fürs erste konnte und wollte er nur ein relativ leichtes Mittel geben; bevor er sich nicht weiter mit seinen Kollegen beraten hatte, konnte es ein Fehler sein. Allerdings hatte der Arzt das sichere Gefühl, dass es sich bei diesem Ausschlag um eine Art allergische Reaktion handelte. Ein Verdacht ging ihm im Kopf herum, da war mal etwas gewesen, was er vor langer Zeit gelernt hatte. Doch in dieser Form hatte er nie etwas damit zu tun gehabt. Er wollte seinen Verdacht später prüfen, jetzt war es erst mal wichtig, dass das Kind versorgt und die Mutter beruhigt wurde, und das tat er so gut, dass die Frau fast normal wurde und ihre anfängliche Hysterie schwand.

„Der Basti tät’ doch wieder ganz gesund werden?“, forschte Ursel, nachdem sie mit dem Doktor das Zimmer verlassen hatte. In ihren Augen schimmerte es verdächtig, und sie streckte wie flehend die Hände aus. Daniel griff danach.

„Das wird schon wieder“, beruhigte er sie. „Erst einmal tät’s wichtig sein, dass Sie selbst keine Unruhe verbreiten. Sonst denkt der Bub am End gar noch, es tät’ ihn wirklich schlecht gehen. In ein paar Tagen ist er wieder auf den Beinen.“

Zurück in seiner Praxis hatte er zunächst noch eine ganze Reihe von Patienten zu behandeln, die zum Glück jedoch alle Symptome zeigten, wie er sie kannte.

Viel später saß Daniel Ingold allein in seinem Sprechzimmer und wälzte eine Reihe von Büchern. Bisher hatte er jedoch nicht den kleinsten Hinweis darauf gefunden, wie diese rätselhafte Krankheit sich entwickelte, und was sie überhaupt auslöste. Es musste schon sehr lange her sein, dass solche Symptome zum letztenmal aufgetreten waren, denn in der aktuellen Fachliteratur konnte er nichts finden. Sobald es sich ergab, musste er mal den alten Huber, seinen Vorgänger fragen, der tät’ vielleicht mehr wissen.

Daniel fuhr sich müde über die Stirn. Es war ein langer Tag gewesen, und er fühlte sich rechtschaffen müde. Langsam ging er noch einmal durch die Praxis, um sich zu überzeugen, dass alles in Ordnung war. Kaum jedoch streckte er die Hand zur Klinke aus, um in seine Wohnung hinüberzugehen, als es draußen Sturm läutete. Sollte er denn heute gar keine Ruhe bekommen?

„Ach, Gott sei Dank, dass ich S’ noch antreff’, Herr Doktor. Der Michi liegt im Bett, und er schaut ganz komisch aus, mit roten Punkten auf der Haut. Und Fieber hat er auch, und er fühlt sich gar net gut.“

In Daniel Ingold schrillten sämtliche Alarmglocken, als er rasch mit Maria Wanninger die Straße entlanglief. Sollte in seinem Ort womöglich eine Art Seuche ausgebrochen sein?

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Es war vom ersten Anschein her genau das gleiche Krankheitsbild wie auch schon bei Sebastian, und Daniel Ingold stand vor einem Rätsel. Auch hier hatte er erst einmal die Eltern beruhigt und dem Patienten ein linderndes Medikament verabreicht. Nun schien es jedoch noch wichtiger und dringender zu werden, einen Kollegen zu erreichen, der ihm bei dieser rätselhaften Diagnose helfen konnte. Mittlerweile war es aber schon Abend, und der Allergologe im Krankenhaus nicht mehr erreichbar. Aber der Doktor fand noch immer keine Ruhe, obwohl auch er sich nach etwas Entspannung und seinem Bett sehnte.

So schrak er auf, als jemand von außen ans Fenster klopfte. Nicht noch so ein Fall!, flehte er in Gedanken. Doch seine Erleichterung war groß, als er den alten Doktor Huber erkannte, der nun einfach hereinkam. Von ihm hatte Daniel vor mehr als zehn Jahren diese Praxis übernommen und es bis heute eigentlich nicht bereut. In Notfällen war der alte Huber noch immer bereit einzuspringen, und seine Erfahrung in vielen Dingen war unschätzbar.

„Sie tät’ der Himmel schicken“, rief Daniel denn auch aus und bat seinen Vorgänger zu einem Glas Wein auf einen gemütlichen Sitzplatz.

„Ich tät’ mich grad wundern, dass bei dir noch Licht brennt. Wir alten Leut’ brauchen wenig Schlaf, aber du hast ja viel Arbeit und solltest längst im Bett liegen.“ Der Huber schaute den Jüngeren über seine Brillengläser hinweg fragend an. Er duzte jeden, ohne Ausnahme, und sein Wort hatte fast soviel Gewicht wie das des Herrn Pfarrers, auch wenn er sich eigentlich längst auf sein Altenstübchen zurückgezogen hatte.

„Ich hab da ein Problem, das bringt mich um die Ruhe“, erklärte Daniel ohne Umschweife und berichtete von den beiden Jungen und ihren rätselhaften Flecken.

Huber hörte in aller Ruhe zu und überlegte, dann aber schüttelte er den Kopf. „Kann ich dir auf Anhieb auch nix zu sagen. Klingt seltsam, und doch mein ich, so was ähnliches wär’ mir schon mal untergekommen. Ich kann mich im Augenblick aber net drauf besinnen. Man wird halt eben alt. Du wirst das Problem aber auch net lösen, wennst hier die ganze Nacht herumsitzen tätst, um drüber nachzugrübeln. Geh erst mal schlafen, und morgen kannst in aller Ruhe einen Kollegen fragen. Das wird sich schon aufklären. Allerdings magst wohl recht haben mit deiner Vermutung, dass da ein Gift im Spiel ist. Wenn ich mich nur drauf besinnen könnt’“

Weise Worte hatte der alte Arzt da gesprochen, und Daniel sah ein, dass er wohl recht hatte.

„Was täten S’ eigentlich noch um diese Zeit draußen?“, wollte er dann wissen.

„Ich hab noch einen Spaziergang gemacht. Ist gut für die Nerven. Magst das glauben oder net. Aber jetzt will ich heim. Kannst ja mal wieder auf einen Obstler hereinschaun, wennst magst. Der Mensch lebt net von der Arbeit allein.“ Das verschmitzte Lächeln im Gesicht des alten Mannes erinnerte Daniel daran, dass er mal den guten Ratschlag bekommen hatte, sich eine verständnisvolle Frau zu suchen. Die würde schon dafür sorgen, dass er nicht nur in der Arbeit verkommen würde. Bis heute hatte sich der Doktor aber nicht die Zeit genommen, diesem Ratschlag zu folgen. Es hatte sich einfach keine Gelegenheit ergeben, und er hatte stets so viel zu tun. Und außerdem gab es nicht viele Gelegenheiten eine passende Frau zu finden ...

Doch da gab es in der Tat Bernie Brunnsteiner, die reizende, fesche Tierärztin, in die Ingold sich eigentlich unsterblich verliebt hatte. Doch bisher war nichts daraus geworden, sie waren nichts weiter als gute Freunde. Wenn er nur mal den Mut aufbringen könnte, ihr ein gutes Wort zu geben und sie einfach zu fragen. Doch so bestimmt der Doktor auch im täglichen Leben seinen Mann stand, wenn es um Bernie und seine Gefühle ging, dann fand er keine Worte mehr. Dabei wäre sie doch bestimmt die beste Wahl für ihn.

Der nächste Morgen brachte neben den üblichen Fällen von Altersbeschwerden, Erkältungen, verdorbenen Mägen und Schwangerschaften einen weiteren Fall der roten Flecken.

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Wirst schon sehen, hast überhaupt keine Chance gegen mich“, prahlte Stefan siegessicher.

Der Matthias schaute ihn mit einem fast mitleidigen Blick an. „Wennst Weltmeister im Dumm-Daherreden werden könntst, hättst schon längst gewonnen. Aber allein mit dem Mundwerk tätst hier net viel ausrichten.“

Die beiden jungen Männer schauten sich wieder einmal unversöhnlich an. Ihr Wettstreit war natürlich das Gesprächsthema im ganzen Ort. Wie ein Lauffeuer hatte sich die Nachricht noch am Abend verbreitet, schneller als eine Zeitung das hätte tun können.

Jetzt standen die beiden Burschen vor der ersten selbstgestellten Aufgabe, einen Baum umzusägen. Wie der Zufall es wollte, arbeitete der Vater von Stefan bei der Forstbehörde. Von dort wurde bestimmt, welche Bäume geschlagen werden sollten, um den Wald zu lichten oder auch für die wirtschaftliche Nutzung. Seinen Vater hatte er besser nicht gefragt, doch ein Kollege hatte Auskunft gegeben, und so war es kein Problem gewesen, zwei Bäume zu finden, die in etwa gleich stark waren, damit die Burschen ihre sicherlich überschüssigen Energien daran messen konnten. Allein mit der langen Säge, ohne technische Hilfsmittel, würde es ein hartes Stück Arbeit werden. Aber sie hatten es ja wohl nicht anders gewollt.

Weil die übrigen Burschen aus der Gruppe befürchtet hatten, dass die zwei sich nicht gut vertragen könnten, waren alle gemeinsam zu der Ansicht gekommen, dass man eine Art Schiedsrichter brauchte. Und wer würde da besser passen als der Dernbacher, der Wirt vom Kreuzkrug? Natürlich hatte der abgelehnt, er hätte keine Zeit, und außerdem ginge ihn das alles gar nichts an, und was der Einwände mehr waren. Doch die jungen Kerle hatten nicht locker gelassen, bis er nachgegeben hatte.

So stand er nun da und schaute die beiden Rivalen noch einmal an. „Wollt ihr euch das net noch mal überlegen? Ist doch eigentlich net sehr klug, was ihr da tun wollt. Ihr solltet vielleicht vorher mal die Kathrin fragen, wie’s darüber denkt.“

Energisches Kopfschütteln von den beiden.

„Die Kathrin kann ja dann stolz sein, wenn’s einen Burschen kriegt, der schon bewiesen hat, dass er was kann. Und außerdem hast ja selbst gesagt, dass es besser wär’, wir täten erst mal entscheiden, wer von uns der Bessere ist. Also – magst jetzt endlich ein Zeichen geben zum anfangen?“

Franz sah ein, dass er hier nichts würde ausrichten können. Die zwei hatten sich in diese verrückte Idee verrannt, und nur der Herr Pfarrer oder der Herr Doktor würden vielleicht noch was dagegen ausrichten können.

Auf ein Zeichen hin begannen Stefan und Matthias zu sägen. Zu Anfang ging das ja noch recht gut, die Sägen fraßen sich förmlich in die Stämme hinein. Lauernd warfen die Burschen von Zeit zu Zeit Blicke zu dem jeweils anderen hinüber, nur um dann wieder schneller zu arbeiten. Längst lief der Schweiß in Strömen über den ganzen Körper, doch keiner von ihnen nahm sich die Zeit, um nach einer Flasche mit Wasser zu greifen, in dem Augenblick hätte der andere ja vielleicht einen kleinen Vorteil haben können.

Doch nach mehr als einer Stunde wurden die Bewegungen immer langsamer, die Geräusche der Sägen kamen nicht mehr so gleichmäßig, und die Blicke zum anderen wurden auch seltener.

Nach mehr als zwei Stunden gab es nur noch drei oder vier, die vor Ort ausharrten, es war einfach nur langweilig, denn bis es zur Entscheidung kommen musste, würde es sicher noch über eine Stunde dauern.

Schließlich blieb ein einziger Bursche hier sitzen, im Schatten unter einer großen Föhre, und warf von Zeit zu Zeit einen Blick zu Matthias und Stefan hinüber. Die kämpften mittlerweile mehr gegen sich selbst und die Erschöpfung ihrer Körper, als gegen den Baum. Nur noch wenig fraß sich die Säge im Stamm weiter, und beide Männer schwankten. Doch noch immer gab keiner nach, um eine noch so kleine Pause einzulegen.

„Tätst net besser erst mal was trinken?“, fragte Rudi von seinem Baum aus und meinte keinen der beiden im Besonderen.

„Soll ich – vielleicht – noch – eine Brotzeit – einlegen?“, keuchte Stefan.

„Ich – tät’ doch – jetzt net – einfach aufhören“, kam es auch von Matthias.

„Wenn ihr das net wollt, wird’s wohl keiner von euch schaffen den Baum zu fällen. Ist ganz schön deppert immer nur dranzubleiben.“

„Schweig still – hast ja eh – keine Ahnung.“ Stefan schwankte immer mehr als er stand, und auch der Matthias war nicht mehr fest auf den Beinen.

„Ist die Kathrin das überhaupt wert, was ihr da tut?“, erkundigte sich Rudi mit gutmütigem Spott. Er bekam keine Antwort darauf, doch seine Worte schienen die beiden Rivalen noch einmal anzuspornen, jedenfalls wurden die Bewegungen noch einmal kräftiger.

Dann aber brach Matthias in die Knie. Seine Hand streifte dabei über das Sägeblatt und riss eine hässliche Wunde, die sofort stark blutete.

Stefan hielt erschreckt inne. Soweit hatte ihre Wette bei aller Rivalität natürlich nicht gehen sollen.

„Geh, lauf und hol’ den Doktor“, brüllte der Bursche zu Rudi hinüber.

„Ach geh, das ist doch sicher bloß ein Kratzer.“

Aber Matthias lag am Boden und rührte sich nicht mehr. Nun bekam Rudi es plötzlich doch mit der Angst zu tun und rannte los.

Stefan ging zu dem anderen Burschen in die Knie und schüttelte ihn, aber der Matthias rührte sich nicht. Das Blut floss weiterhin aus der Wunde.

Was sollte er tun? Wie lange mochte es dauern, bis der Doktor kam? Der Bursche tat instinktiv das einzig richtige, er sorgte erst einmal dafür, dass der andere in den Schatten kam, dann riss er ein paar Streifen Stoff von seinem Hemd und legte einen provisorischen Verband an. Schließlich trank er selbst ausgiebig und machte Matthias nasse Umschläge. Das alles war aber längst nicht genug, wie er sah. Denn das Blut lief einfach immer weiter aus der Wunde, und das Gesicht seines Freundes war schneeweiß.

Angstvoll schaute Stefan den Weg entlang, der zum Ort führte. Wie lang konnte es denn noch dauern, bis der Doktor kam?

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Maria Schwetzinger ignorierte die Anzeige auf dem Computer-Bildschirm, die ihr gerade erklärte, dass sich das Programm selbst schloss. Sie seufzte auf und drückte den Knopf zum Neustart. Dabei starrte sie noch versonnen auf die Tür, durch die Daniel Ingold gleich kommen musste. Sie schwärmte für den Doktor, und eigentlich konnte das ein jeder sehen, Hermine war es jedenfalls nicht entgangen. Doch da die ältere erfahrene Frau in ihrer Jugend selbst für den alten Huber geschwärmt hatte, konnte sie das verstehen und machte keine Bemerkung darüber.

Die Schwester von Matthias hatte vor kurzem erst ihre neue Arbeit hier am Ort angefangen – als Sprechstundenhilfe bei Daniel Ingold. Von vornherein war ihr klar gewesen, dass es nicht leicht sein würde, denn Hermine Walther herrschte in dieser Praxis uneingeschränkt. Allerdings hatte die ältere Frau ihr eigenes System der Abrechnung und Ablage, das in der heutigen Zeit längst nicht mehr so angebracht war – ganz im Gegenteil. Mittlerweile wurde überall mit dem Computer gearbeitet; eine so antiquierte Art, wie Minchen sie immer noch pflegte, war nicht nur viel zu aufwendig, sondern auch zu umständlich und damit zu teuer. Alle Ärzte rechneten über den Computer ab, was Hermine jedoch strikt ablehnte.

Und doch war die resolute, herzensgute Frau fast unersetzlich, wie besonders der Doktor zugeben musste. Sie kannte jeden hier am Ort, war informiert von der Kinderkrankheit bis hin zu Altersbeschwerden, ohne jemals ein Wort zu einem Außenstehenden zu verlieren.

Daniel hatte es für eine gute Idee gehalten, die unglaubliche Erfahrung von Hermine und das neue praktische Wissen von Maria zu kombinieren. Woran er nicht gedacht hatte, war die Tatsache, dass Hermine die Anschaffung eines Computers als etwas Ungeheuerliches ansehen könnte. Die Maschine war ihr persönlicher Feind. Sie schenkte dem „Nummernkasten“ keine Beachtung und spottete über die Zeitverschwendung, mit der Maria mühselig alle Daten über die Patienten eingeben musste, schließlich musste der komplette Patientenbestand erst einmal eingetragen werden. Und wenn das Programm dann oft aus nicht verständlichen Gründen die Arbeit abbrach, schickte Hermine ein triumphierendes Lächeln zu Maria hinüber, die sich dann bemühte nicht gleich ärgerlich zu werden.

So auch jetzt.

„Sollst es vielleicht besser aufgeben“, erklärte Minchen spöttisch, als Maria mit einem entsagungsvollen Blick auf den Bildschirm starrte.

„Und wer tät’ dann die Abrechnung machen?“, seufzte die junge Frau.

„Schmarrn, es hat immer so geklappt, wie ich’s gemacht hab. Diese neumodischen Ideen taugen alle nix“, erklärte Hermine resolut.

„Die Zeit bleibt aber net stehen“, erklärte Maria und erntete einen bitterbösen Blick.

„Willst am End’ gar sagen, ich wär’ ein überholtes Modell?“

„Aber nein, ganz sicher net. Lass uns einfach beides zusammen machen“, schlug Maria vorsichtig vor.

„Dann tät’s das Ding erst mal ausmachen und was anständiges tun“, erklärte Minchen und drückte den Knopf zum Ausschalten. Allein das Geräusch des Computers ging ihr auf die Nerven.

Die Maria lachte auf. „Das tät’ uns wahrscheinlich net viel helfen, aber vielleicht hast ja recht, und was anderes zu tun ist sinnvoller. Die Krankenkassen erwarten aber eine Abrechnung über diesen Nummernkasten, also muss eine von uns schon drangehen. Doch wennst magst, wird’ ich dir jetzt erst mal helfen. Was soll ich denn tun?“

„Ach, schau an, bist ja doch lernfähig“, scherzte Hermine. Sie mochte das Madl, das sich so sehr bemühte, aber dieser „Nummernkasten“ war und blieb ihr Feind.

Doch beide Frauen hatten jetzt keine Zeit mehr für die übliche Diskussion, denn Rudi Berger kam hereingestürmt.

„Der Matthias liegt verletzt im Wald“, verkündete er ohne Rücksicht auf andere Patienten oder gar auf Maria, die ja nix davon wusste, dass ihr jüngerer Bruder in ein regelrechtes Duell verwickelt war.

So wurde sie denn auch leichenblass. Minchen behielt allerdings die Ruhe, es war nicht die erste Krise in ihrem langen Leben. Sie hatte gelernt, dass man mit Ruhe viel weiterkam.

„Jetzt redst mal anständig, Rudi. Kannst doch net herkommen und die Leut’ einfach so aufschrecken.“

„Wenn’s aber doch wahr ist“, maulte der Bursche. „Der Stefan und der Matthias haben eine Wette abgeschlossen, wer als erster einen Baum umsägen kann, und der Matthias hat schlapp gemacht und sich dann bös an der Hand verletzt. Nun liegt er da und rührt sich nimmer.“

„Ich muss sofort zu ihm“, stieß Maria hervor, aber Hermine drückte sie resolut zurück auf einen Stuhl.

„Du bleibst hier. Glaubst am End gar, könntst deinem Bruder helfen, wennst wie ein kopfloses Huhn herumlaufen tätst? Nein, nein, das muss der Herr Doktor schon tun. Der weiß, wie er helfen kann. Du wärst da nur im Weg. Rudi, du wartest hier und bringst den Doktor gleich zum Matthias.“

Ihre energische Art verfehlte die Wirkung nicht, und mit einem letzten Blick überzeugte sie sich, dass sich Maria beherrschte. Dann betrat sie nach kurzem Anklopfen das Sprechzimmer.

Drinnen saß Sepp Altenberger, wie fast jede Woche einmal, und jammerte über seine vielfachen und meist eingebildeten Krankheiten. Daniel bewies immer wieder eine Engelsgeduld, auch wenn er im Grunde der Meinung war, dass solche Leute häufig dem Arzt die Zeit stahlen. Aber niemand konnte vorhersagen, wann er denn wirklich Hilfe brauchte, so war eben jedes Gespräch wichtig.

Hermine hatte jetzt aber wenig Einsehen mit Sepp, sie unterbrach das Lamento.

„Herr Doktor, ein Notfall. Da liegt ein Bursche im Wald und blutet. Machen S’ sich schnell auf den Weg, der Sepp versteht schon, dass das wichtiger ist, net wahr?“ Sie blickte den Mann, der wohl zwanzig Jahre jünger sein mochte als sie selbst, sehr eindringlich an, und der stand auf.

„Ich komm dann ein anders mal wieder, Herr Doktor. Da scheint’s einem ja wohl noch schlechter zu gehen als mir selbst.“

„Kannst dich daheim noch ein bisserl selbst bemitleiden“, erklärte Hermine resolut, und Sepp nickte düster.

„Du weißt ja, dass ich leide. Aber das ist ja selbstverständlich, dass der Doktor in so einem Fall gehen muss.“

Als er aus der Tür verschwand, schickte Hermine einen ergebenen Blick zum Himmel. „Dieser Sepp bringt mich eines Tages noch ins Grab“, seufzte sie. „Aber nun packen S’ schon Ihre Tasche, Herr Doktor, ich denk’, es ist dringend.“

Daniel wusste aus Erfahrung, dass es wenig Zweck hatte, sich gegen Hermine aufzulehnen, wenn sie in dieser Art Anweisungen gab. Er griff nach seiner Tasche und folgte Rudi nach draußen zum Auto. Das war wohl besser als zu laufen.

Auf der Fahrt berichtete Berger dann Einzelheiten, und Daniel schüttelte den Kopf. „Habt’s ihr nix besseres zu tun als euch gegenseitig das Leben schwer zu machen? Das ist doch deppert. Eine Wette um ein Madl, und die weiß net einmal davon? Und was haben die beiden Narren jetzt angestellt? Nix Gescheites, tät’ ich mal sagen.“

Rudi grinste etwas unglücklich, schwieg aber besser.

Daniel Ingold fuhr seit einiger Zeit einen Geländewagen, der ihm hier in der manchmal doch unebenen Gegend im Wald und am Berge gute Dienste leistete. So konnte er auch jetzt fast bis zum Ort des Geschehens fahren, wo ihm Stefan mit beiden Armen winkend entgegenlief.

„Dem Herrgott sei Dank, Herr Doktor, ich weiß nimmer, was ich noch tun sollt’. Der Matthias liegt immer noch da und hört net auf zu bluten.“

Der junge Mann war leichenblass, und aus seinen Worten sprach die Angst. Seine Kleidung war mit Blut verschmiert, und er wirkte vollkommen erschöpft.

Der Arzt nahm sich vor, nach der Versorgung von Matthias auch Stefan zu untersuchen. Die beiden Burschen hatten sich da offensichtlich nicht gerade geschont. Aus der Wunde am Arm von Matthias sickerte noch immer Blut, doch es kam nicht stoßweise, also war die Schlagader wohl nicht verletzt. Dann hätte vermutlich auch Daniel nicht mehr helfen können.

Doch auch so schien der Blutverlust bedrohlich.

„Wie lang hat der Matthias schon nix mehr getrunken?“ erkundigte sich Daniel, während er die hässlich aussehende Wunde fachgerecht versorgte.

„Na, ich denk’, seit wir angefangen sind“, meinte Stefan.

„Was Besseres ist euch net eingefallen, nein? Es gäb’ andere Möglichkeiten, wenn ihr unbedingt einen Wettstreit austragen wollt. Ihr habt’s beide viel Flüssigkeit verloren. Der Bursche hier muss jetzt erst mal ins Krankenhaus, und dir geht’s auch net grad gut, kannst dich eigentlich gleich dazu legen. War’s das wirklich wert?“

Stefan schaute den Doktor ziemlich kleinlaut an. „Es hat doch keiner von uns gedacht, dass...“

„Da stimme ich zu, da hat keiner von euch gedacht“, unterbrach Daniel, der sich ernsthaft Sorgen um den Verletzten machte. Aber der Bursche war gesund und kräftig, er würde hoffentlich bald wieder auf den Beinen sein.

Der Doktor schickte Rudi zu dem kleinen Bach in der Nähe, um mehr Wasser zu holen.

Jetzt kam Matthias so langsam wieder zu sich, doch er wirkte verwirrt und desorientiert. Aber er stand doch wieder ein auf den Beinen und konnte mit der Hilfe der anderen bis zum Auto laufen. Dann ging es rasch bis ins Krankenhaus der Nachbarstadt.

Eigentlich hatte Daniel keine Zeit, denn er wusste ja, dass in der Praxis noch eine Menge Patienten auf ihn warteten. Doch er wollte die Gelegenheit nutzen und mit einem Kollegen über die rätselhafte Krankheit sprechen, die die beiden Kinder befallen hatte. Aber der Allergologe und der Internist des kleinen Krankenhauses waren beide in einer wichtigen Besprechung, sie konnten jetzt nicht mit dem Kollegen reden. Daniel verschob also das Gespräch noch einmal.

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Der Ort Hindelfingen erstreckte sich malerisch in einem Tal, durchbrochen von dem kleinen Fluss Theine, der jetzt im Sommer fast nur ein Rinnsal war, in der Zeit nach der Schneeschmelze oder nach starken Regenfällen aber durchaus heftig anschwellen konnte. Wenige Kilometer weiter wurde aus dem beschaulichen Flüsschen sogar ein reißender Wildwasserbach, der sich durch enge Schluchten drückte und ein beliebtes Ziel für Boots- und Floßfahrer war.

Am südlichen Ende des Tales ging es zur Hauptstraße, im Norden würde es irgendwann einen Anschluss an die Autobahn geben, jedenfalls sollte der mal gebaut werden – niemals, wie die Einwohner von Hindelfingen hofften.

Der westliche Hang, Grimsteig genannt, war dicht mit Tannen bewachsen, die sich hoch an den Berg hinauf erstreckten, bis zur Baumgrenze eben. Darüber gab es nur noch Trampelpfade und Felsen, die oft Touristen anzogen, um dort ihr Können als Bergsteiger zu beweisen. Die Wand war anspruchsvoll, aber dennoch nicht übermäßig schwierig.

Der östliche Hang jedoch war noch ein gutes Stück in den Berg hinauf mit Häusern bebaut, darüber gab es einige Wiesen bis hinauf zur Grundler-Alm, einem beliebten Treffpunkt nicht nur für Touristen. Hier am Hang stand auch das Haus von Daniel Ingold. Er hatte es, mitsamt der Praxis von seinem Vorgänger Alois Huber übernommen. Der alte Arzt bewohnte jetzt ein kleines Häuschen unten an der Theine und fühlte sich dort offensichtlich wohl.

Oft genug kam es jedoch vor, dass Daniel auch in der Nacht nicht viel von seinem schönen Haus und seinem gemütlichen Bett hatte. Bei einem Notfall gab es nun mal keine Nachtruhe.

So auch in dieser Nacht.

Gegen drei Uhr in der Früh hatte den Arzt ein Anruf erreicht, und er hatte eine gute Stunde damit verbracht, eine Gallenkolik zu behandeln. Jetzt ging er zu Fuß nach Hause, er hatte auch vorher den Wagen nicht benutzt, denn der Weg war nicht weit.

Hoch oben am Berge trafen die ersten blutroten Sonnenstrahlen einige helle Felsen und tauchten sie in leuchtende Farben. Ein neuer Morgen brach an. Die Luft war frisch und kühl und roch würzig, Vögel erwachten, sangen um die Wette und begannen mit der täglichen Futtersuche.

Eine kleine Katze lief Daniel über den Weg, hielt inne und kam dann etwas zögernd auf den Mann zu. Er beugte sich nieder und streichelte durch das weiche seidige Fell. Flüchtig dachte er an Bernhardine, die Tierärztin.

Daniel hätte wirklich nichts dagegen gehabt, eine Beziehung zu der reizvollen jungen Frau aufzubauen, doch Bernie, wie sie allgemein genannt wurde, ließ es aus irgendeinem Grund nicht zu, dass ein Mannsbild sich ihr näherte. Vielleicht hatte sie früher mal schlechte Erfahrungen gemacht und hatte jetzt Angst davor, ihren Gefühlen zu folgen. Nun, vielleicht würde sich im Laufe der Zeit doch noch etwas ergeben. Daniel hatte Geduld, und Bernie ging es wahrscheinlich nicht anders. Sie beide waren Freunde, eine seltsame Freundschaft, zugegeben, denn oft stritten sie; aber dennoch war es eine Freundschaft, die durch dick und dünn ging.

Bernie jedenfalls würde diese kleine Katze ebenfalls niedlich gefunden haben. Das Tier schnurrte jetzt und genoss die Liebkosung des Mannes, und der wiederum genoss das Geschenk dieses neu erwachten Tages und die Zuneigung des Tieres. Obwohl er die Müdigkeit in sich spürte, gab dieser wundervolle Morgen ihm neue Kraft.

Daniel schritt jetzt zügig aus, er freute sich auf ein kräftiges Frühstück. Dazu wollte er zunächst ein paar Semmeln holen, dann würde er einen starken Kaffee kochen.

Mit der Tüte in der Hand ging er auf sein Haus zu, wo jedoch schon jemand auf ihn wartete.

Mit Bedauern legte er in Gedanken das Frühstück beiseite.

„Herr Doktor, verzeihen S’ die Störung so früh am Morgen, aber die Dorothee hat so komische rote Flecken am ganzen Körper. Und Fieber hätt’s auch. Ich glaub’, die ist schwer krank.“

Daniel fluchte lautlos in sich hinein. Was war das nur, was hier in seinem Ort die Kinder, und offenbar nur die Kinder, befallen hatte?

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Ich fühl’ mich wieder gut und will nix weiter als heim.“ Matthias Schwetzinger starrte die hübsche Krankenschwester an, die ihm gerade einen neuen Verband auf die Wunde gemacht hatte. Noch immer sah die Verletzung grässlich aus, und es würde wohl auch eine ziemlich große Narbe bleiben. Doch der Bursche war kräftig und hatte auch rasch die Erschöpfung überstanden, die durch die Austrocknung entstanden war.

Stefan war nur ambulant behandelt worden, und er hatte mit einer Reihe von guten Ratschlägen wieder nach Hause gehen können.

Matthias hingegen war erst genäht und dann ins Bett gepackt worden. Das hatte ihm gar nicht gefallen; vor allem auch weswegen, weil seine Eltern und seine Schwester ihm anschließend gründlich den Kopf gewaschen hatten. Aber was machte das schon? Die Wette zwischen ihm und Stefan war noch längst nicht entschieden. Einmütig hatten sich beide darauf verständigt, die erste Aufgabe als Unentschieden zu bewerten. Sobald die Wunde besser verheilt war, würde der nächste Wettstreit folgen, da waren die Burschen sich einig. Und sie hatten sich vorgenommen, keinem anderen etwas davon zu erzählen. So konnten sie vermeiden, dass sich andere einmischen würden.

Aber erst einmal wollte Matthias heim. Das Krankenhaus fand er schrecklich, auch wenn diese Schwester ausgesprochen nett war. Sie lächelte ihm nun zu.

„Das müssen S’ mit dem Doktor ausmachen“, erklärte sie freundlich. „Ich kann und darf nix dazu sagen. Könnt’ ich auch gar net entscheiden.“

Der Bursche seufzte. „Der Doktor kommt doch erst morgen früh wieder. Gibt’s hier denn sonst niemanden, der darüber bestimmen kann?“

„Bestimmen können S’ das im Prinzip auch selbst, schließlich können S’ ja auf eigene Verantwortung gehen. Aber ich tät’s net an Ihrer Stelle. Wenn dann was passiert, schaut’s net gut aus – wegen der Kosten, mein ich schon. Das zahlt die Kasse dann nimmer.“

„Aber ich glaub’, ich krieg’s hier mit der Angst zu tun“, maulte Matthias. „Überall sind hier kranke Leut’.“

„Ach, Kopf hoch, so schlimm kann’s doch gar net sein. Und krank sind S’ ja selbst auch, wo ist da der Unterschied? Die Wunde wird gut verheilen, und die paar Tag hier gehen rasch vorbei. Oder ist’s denn gar so garstig? Machen S’ das Beste daraus“, riet die Schwester.

Matthias schaute ihr hinterher und verglich sie in Gedanken mit der Kathrin. Ja, da mochte diese Krankenschwester noch so fesch sein, die Kathrin war doch noch ganz was Besonderes. Ob sie ihn wohl hier besuchen kam? In ganz Hindelfingen war es doch sicher das Tagesgespräch, was Stefan und er getan hatten. Da musste es auch Kathrin zu Ohren gekommen sein. Ob sie ihn wohl mochte – wenigstens ein kleines Bisschen? Er würde ja alles tun, um sie zu erobern.

Was sollte er nur tun, wenn sie am Ende doch nichts für ihn übrig hatte? Sollte er sie vielleicht erst mal fragen, bevor er sich auf das nächste Abenteuer einließ?

Ach nein, wohl besser doch nicht. Erst wollte er Stefan besiegen, dann konnte er vor das Madl hintreten und um sie werben.

Aber dazu musste er hier heraus.

Als der Bursche aufstand, merkte er, dass er doch noch reichlich wackelig auf den Beinen war. Doktor Ingold hatte wohl recht daran getan, ihn hierher einzuweisen, denn daheim wäre er sicher nicht liegenbleiben. Vielleicht war es wirklich besser, noch bis morgen zu warten. Doch dann musste es genug sein.

Junge Burschen hatten wenig Geduld, und Matthias machte da keine Ausnahme. Es drängte ihn, den Wettstreit gegen den vermeintlichen Nebenbuhler weiterzuführen. Sonst käme womöglich noch ein anderer daher, der ihm Kathrin vor der Nase wegschnappen könnte.

Auf die Idee, dass Kathrin wirklich kein Interesse an einem von ihnen haben könnte, kam Matthias einfach nicht.

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Ein halbes Dutzend Kinder standen in einem Kreis beisammen und diskutierten lautstark.

„Die tun doch nur so“, behauptete einer der Jungen und meinte damit die drei Kinder, die von der rätselhaften „Punktekrankheit“ befallen waren.

„Glaub’ ich nimmer“, warf ein Mädchen ein. „Meine Mama hat gesagt, die haben entweder was Verkehrtes gegessen, oder es gibt hier irgendwo einen Virus. Eigentlich sollt’ ich mich von euch allen fernhalten, damit ich mir net auch was hol’. Was ist denn eigentlich ein Virus? Mein Papa sagt, der ist so klein, dass man ihn nimmer sehen kann. Aber wie kann er dann von einem zum anderen springen?“

„Wenn das ansteckend ist, dann kriegen wir’s noch alle. Und dann wird die Schule eh geschlossen.“

„Freilich, und die Lehrer gehen dann von einem zum anderen zum Unterrichten, damit wir nix verpassen“, ließ sich ein anderer Junge spöttisch vernehmen.

„Du bist ja deppert, da geht nix und nimmer, schon gar keine Lehrer. Wenn das ansteckend ist, dann wird der ganze Ort geschlossen, und wir alle müssen hier verhungern, weil auch keine Autos hereindürfen, um Lebensmittel zu bringen“, widersprach ein anderer.

„Ich hab gestern mit dem Michi durch das Fenster gered’“, erzählte Dietmar Bernauer. „Und der hat gesagt, es wär’ alles gar net so schlimm. Seine Mutter tät’ ihm tolle Sachen kochen, weil der Herr Doktor selbst net genau weiß, was es ist.“

„Quatsch, der Doktor muss das doch wissen, der hat’ solche Sachen doch studiert. Der Michi tät’ Märchen erzählen, der will sich nur wichtigmachen.“

„Aber wenn’s doch wahr ist. Keiner hat schon mal so komische Punkte und Flecken gesehen, und Fieber gibt’s auch dabei. Vielleicht wird man gar nimmer gesund.“

Alle verstummten. Das klang denn doch zu unwahrscheinlich, und ganz bestimmt war das auch gar nicht möglich. Aber immerhin war Bastian schon vier Tage krank, und nichts schien zu helfen, was der Arzt bisher verschrieben hatte. Wusste er wirklich nichts Genaues, oder war es doch eine schlimme Krankheit?

Die Kinder verspürten plötzlich keine Lust mehr, sich an diesem Nachmittag zum Spielen zu treffen, wie sie es sonst nach den Schularbeiten taten. Aber allein daheim war es denn doch auch zu langweilig, da war es doch besser, sich wie immer am Hang zu treffen und dort etwas zu spielen, oder den alten Horngruber zu ärgern, der Kinder einfach nicht ausstehen konnte. Jedes Mal, wenn er Kinder nur von Ferne sah, kam er mit seinem Gehstock aus dem Haus gelaufen und fuchtelte damit herum, während er Verwünschungen und Drohungen ausstieß, um auch ja jeden zu vertreiben, der seinem Garten zu nahe kommen konnte. Dort züchtete der alte Mann wunderschöne Rosen, die sein ganzer Stolz waren.

Dieses Verhalten reizte die Kinder natürlich dazu, ihn aus dem Haus zu locken. Schließlich konnten sie allemal davonlaufen.

Bevor die Kinder sich trennten, um erst einmal nach Hause zu gehen, schauten sie sich gegenseitig an. Zeigte einer von ihnen Anzeichen der „Punktekrankheit“? Das Misstrauen begann umzugehen in Hindelfingen, auch wenn es erst einmal noch scherzhaft gemeint war.

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Brauchst mich gar nimmer zu fragen, ich hätt’ auch keine neue Idee“, erklärte der alte Huber, als Daniel ein wenig müde an die Tür des kleinen Häuschens klopfte. Der ältere Arzt bot seinem Nachfolger einen Kaffee an und deutete selbst ein wenig ratlos auf die langen Reihen von Büchern, die sich hier im Zimmer befanden.

„Die Symptome sind eigentlich klar und deuten auf eine Allergie hin. Doch das Fieber tät’ so nicht passen. Ich würd’ mittlerweile, ganz genau wie du, eher auf eine Vergiftung tippen, und ich glaub’, in der Richtung solltest weiter nachhaken. Aber, wie sollten sich ausgerechnet nur die Kinder vergiften? Müssten dann net auch die Eltern was haben? Ich tät’ das genauso merkwürdig finden wie du. Aber was sagen denn die Kollegen im Krankenhaus? Die täten ja immer so unheimlich schlau.“

Es war hinlänglich bekannt, dass zwischen den niedergelassenen Ärzten und denen im Krankenhaus eine freundschaftliche Rivalität bestand, die häufig darin gipfelte, dass die niedergelassenen Ärzte angesehen wurden, als hätten sie in ihren Leben noch nie ein Stethoskop oder ein Röntgenbild gesehen. Nach Ansicht der Kollegen im Hospital waren die Landärzte alle ein wenig zurückgeblieben, hatten ohnehin nichts anderes zu tun als Triefnasen und Bauchweh zu behandeln und ihren erfahrenen Kollegen die ganze Arbeit aufzubürden.

Das stimmte so natürlich nicht, doch für einen Scherz war es allemal gut.

Dabei besaß ein Mediziner wie Daniel Ingold sogar zwei komplette Ausbildungen in verschiedenen Fachrichtungen, nämlich die Allgemeine und zusätzlich eine Internistische, die es ihm ermöglichte, seinen Patienten besser zu helfen.

Und doch stand er bisher vor einem Rätsel, auch wenn sich der Verdacht auf eine Vergiftung längst in ihm festgesetzt hatte. Aber auch die angeblich besseren Kollegen hatten keine eindeutige Erklärung, wie er nach einem längeren Gespräch mittlerweile wusste.

„Eine Vergiftung, ja, daran denke ich schon eine Weile.“ Daniel runzelte die Stirn, und Huber zuckte mit den Schultern.

„Nur so eine Idee, aber ich sehe, denkst ebenso. Es gab früher einmal Pflanzenschutzmittel, die ähnliche Symptome hervorgerufen haben, DDT, E 605 und andere. Aber das Zeugs ist seit mehr als zwanzig Jahren verboten. Und sicher hat keiner so lang was aufgehoben.“

Bei diesen Thema kamen sie im Augenblick nicht weiter, und die beiden Ärzte hatten auch noch was anderes zu bereden, denn Huber legte noch immer Wert darauf, über seine Leute auf dem laufenden gehalten zu werden, obwohl er längst nicht mehr praktizierte.

Aber Daniel war auch immer dankbar für einen Ratschlag des Älteren, obwohl er selbst über genug Wissen und Erfahrung verfügte. Er mochte den alten Herrn und wollte auf diese Weise auch vermeiden, dass Huber sich zu sehr aus dem Leben zurückzog. Einmal die Woche mit dem Herrn Pfarrer Doppelkopf zu spielen war doch ein bisschen wenig an öffentlichem Leben. Da war es besser, den Huber immer wieder mit einzubeziehen, selbst dann, wenn Daniel nicht unbedingt einen Rat brauchte.

„Solltest dich vielleicht noch mal um den Matthias und den Stefan kümmern“, meinte der alte Doktor zum Abschied.

Daniel horchte auf. „Meinen S’ am End gar, da käm’ noch was hinterher? Ich tät’ doch denken, dass die Burschen eine Lehre daraus gezogen hätten.“

Huber lächelte. „Es ist ein offenes Geheimnis im ganzen Ort, dass die zwei um die Kathrin wetteifern. Die werden net so einfach aufgeben.“

„Aber das ist doch ein Schmarrn“, behauptete Daniel. „Wenn’s damit net aufhören, weiß allein der liebe Gott, was beim nächsten Mal passiert. Vor allem tät’ ich mir Gedanken machen, was denen als nächstes einfällt, um ihre alberne Rivalität zu schüren.“

„Deswegen wär’s wohl gut, wennst mal ein ernstes Wörterl mit den beiden reden tätst“, schlug der Ältere vor. „Die hören sicher eher auf dich als auf mich alten Mann. Aber gib acht, die werden natürlich bestreiten, dass sie weiter was vorhaben.“

„Sollt’ net vielleicht doch der Herr Pfarrer ...“

„Daniel, der Herr Pfarrer ist ebenso alt wie ich, glaubst tatsächlich, unsere Burschen täten darauf hören? Die würden brav und artig mit dem Kopf nicken und ja sagen, aber im geheimen schon die nächste Wette austragen. Außerdem, der Feininger ist zwar eine Respektsperson, aber von der Liebe und all dem, was dazu gehört, hat er doch recht wenig Ahnung. Das liegt bei ihm in der Natur der Sach’.“

„Könnt schon sein“, grinste Daniel und stellte sich bildlich vor, wie der Pfarrer den beiden Burschen den Kopf wusch. „Na, ich werd’s mal versuchen. Aber ob’s was nutzen tät’ – daran zweifle ich noch. Und außerdem, was sagt denn eigentlich die Kathrin dazu? Liebe lässt sich schließlich net erzwingen, auch net mit einem Wettstreit.“

Huber schlug dem Jüngeren auf die Schulter. „So ist’s recht gesprochen, du wirst es schon richten.“

Daniel Ingold war sich da plötzlich gar nicht mehr so sicher. Die jungen Leut’ von heute hatten doch sehr ihren eigenen Kopf und waren nicht gern bereit, auf Ältere zu hören, mochten die es auch noch so gut meinen.

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Hermine glaubte ihren Augen nicht zu trauen. Maria tippte mit unglaublicher Geschwindigkeit auf der Tastatur vom Computer, offensichtlich schien das Ding jetzt doch zu funktionieren. Aber das hieß ja nicht, dass sie selbst deswegen überflüssig wurde. Schließlich nutzte der beste Computer nichts, wenn der Mensch, der ihn bediente, nicht genau über alles Bescheid wusste. Mit einem nachsichtigen Lächeln schaute sie zu, wie die Jüngere fleißig arbeitete.

Was wusste dieser „Nummernkasten“ schon über die Menschen, die sich hinter den trockenen Diagnosen verbargen?

Die Tür wurde heftig aufgerissen, und zwei Kinder wurden vorangeschoben. Die beiden schauten zum Erbarmen aus. Rote Punkte zierten die Haut über und über, die Augen waren trübe und blickten fiebrig. Die beiden Mütter kamen hinter den Kindern her.

„Wo ist der Herr Doktor? Das ist ja die reinste Seuche, die uns alle hier befällt. Er muss auf der Stelle was unternehmen. So geht’s nimmer“, verkündete die eine der Frauen lautstark.

Hermine schluckte. Auf den Doktor ließ sie nichts kommen, und dass er bisher noch keine Lösung für diese seltsame Krankheit gefunden hatte, lag doch nicht an ihm. Aber ganz bestimmt würde er bald herausfinden, was das war, das die Leute hier mittlerweile in Angst und Schrecken versetzte.

Gleich darauf kam Daniel aus seiner Wohnung in die Praxis, und er wirkte nicht so sehr ratlos, als vielmehr wütend darüber, dass sich hier in seinem Ort eine so üble Sache abspielte. Es musste etwas geben, das allen Kindern gemein war, die sich alle etwa im gleichen Alter befanden. Niemand sonst in den Familien hatte Anzeichen gezeigt, ebenfalls zu erkranken. Gab es also etwas in der Schule, im Klassenraum vielleicht?

Daniel nahm sich vor, sobald er ein paar Minuten Zeit erübrigen konnte, mit den Lehrern zu sprechen. Diese Sache wurde langsam mysteriös, und es war besser, rasch etwas zu unternehmen, bevor womöglich jemand von der Presse etwas davon zu hören bekam und die Geschichte zu einer Schlagzeile machte. Im Feriendorf am Ortsrand war bis jetzt noch nichts bekannt geworden, und so sollte es auch bleiben. Negative Schlagzeilen waren unerwünscht, denn dann würden keine Touristen mehr kommen.

Jetzt war es erst einmal wichtig, die Kinder zu behandeln und die Mütter zu beruhigen, was sich als gar nicht so einfach erwies.

Aber jetzt erwies Hermine sich als wahrer Glücksfall. Sie kam grad ins Sprechzimmer, als eine der beiden Frauen den Doktor beschimpfte. Daniel bemühte sich ruhig zu bleiben, er war selbst unglücklich darüber, dass er noch nicht mehr hatte herausfinden können.

Doch die altgediente Sprechstundenhilfe ließ nun mal nichts auf ihren Doktor kommen. „Tätst dich eigentlich net schämen, dich hier so aufzuführen?“, ging sie jetzt ihrerseits Thea Winkler an. „Hast schon vergessen, wie der Herr Doktor dir geholfen hat, als du selbst dich so schlimm verletzt hast, dass du gar nimmer gesund werden wolltest? Und jetzt meinst, der Arzt wär’ schuld, wenn eure Buben und Dirndln was anstellen, wovon sie krank werden?“

„Ach geh.“ Thea nahm diese Vorwürfe nicht einfach so hin. „Ich hab den Anderl gefragt, und er hat gesagt, er hätt’ nix gegessen oder getrunken, was er net kennen tät’. Und die Ursel hat ihren Basti auch gefragt, und die anderen Mütter ebenfalls. Tätst am End gar glauben, dass die Kinder sich abgesprochen hätten, um uns alle anzulügen?“ Empörung flammte in den Augen der Frau auf, und sie musterte Hermine wütend. „Ich hab bisher nix gegen den Doktor sagen können, nix für ungut, Herr Doktor, aber uns allen scheint, dass hier was vorgeht, was S’ vielleicht nimmer allein schaffen können. Vielleicht wär’s besser, Sie täten sich Hilfe holen.“

Daniel winkte ab, als Hermine zu einer geharnischten Rede zu seiner Verteidigung ansetzen wollte.

„Ist schon gut, Minchen, ich dank Ihnen, aber ich hab mir längst Rat geholt. Und deswegen werden wir’s jetzt auch packen. Schaun S’, Frau Winkler, ich bin ein Landarzt, der net alles wissen kann. Und deswegen hab ich nimmer Probleme, Leut’ zu fragen, die’s vielleicht besser wissen täten. Aber da ist nun doch die Frage, was die Kinder uns alle verschweigen täten. Ich behaupte net, dass die Kinder lügen – keiner von ihnen. Aber all das hier deutet auf eine Vergiftung hin. Und deswegen ist es sehr wichtig, dass wir alle Buben und Dirndln noch mal befragen.“

Thea starrte ihn an, dann wurden ihre Augen groß. „Eine Vergiftung? Ja, aber wer tät’ denn so was?“

„Halt, halt, ich sag ja net, dass es gleich heißen muss, jemand tät’ das mit Absicht. Aber fragen S’ Ihren Buben noch mal, und ich will auch mit den anderen noch mal reden. Irgendwo gibt’s etwas, das unseren Kindern net bekommt. Und das müssen wir finden.“

Thea schaute den Arzt mit neu erwachtem Respekt an. „Mir scheint, ein guter Doktor muss manchmal ein rechter Detektiv sein“, stellte sie fest.

„Das ist ganz oft so. Net immer weiß der Patient, was ihn krank macht“, bestätigte Daniel. Er war ein wenig erleichtert. Die Bemerkung vom alten Huber hatte seinen Verdacht mehr oder weniger bestätigt, jetzt musste er nur noch herausfinden, wo sich das befand, was den Kindern schadete. Genau damit wollte er heute anfangen.

Thea hatte sich jetzt wieder beruhigt, ihr schien es sogar ein wenig leid zu tun, dass sie den Doktor so hart angefahren hatte. Mit einem Lächeln, das um Verzeihung bat, reichte sie Daniel die Hand.

„Noch mal nix für ungut, ich glaub’, ich bin da vorhin ein bisserl weit gegangen.“

Der Arzt lächelte zurück, und seine blauen Augen leuchteten. „Ist schon recht, Frau Winkler, wo’s um die Kinder gehen tät’, kann ich das schon verstehen. Lassen S’ uns also zusammenarbeiten. Wir werden schon herausfinden, was dahinter steckt.“

Hermine aber wirkte noch nicht ganz zufrieden. Allein der Verdacht, ihr Doktor könnt als Dummkopf dastehen, oder Schlimmeres, schien sie persönlich zu beleidigen. Sie zog Thea hinaus. „Das eine sag ich dir, bevor du den Doktor angreifen tätst, musst dich erst mal schlau machen, was da noch sein könnt. Wie kommst nur dazu, solch harte Worte zu gebrauchen, wo der Herr Doktor doch für seine Patienten alles tun würde?“

„Minchen – es langt“, rief Daniel hinter ihr her. Sie zuckte die Schultern. „Schon recht. Die Thea hat’s jetzt freilich verstanden.“

Daniel musste leise lachen. Diese Frau war ein echtes Phänomen und wirklich kaum zu ersetzen.

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Gern lass ich S’ net gehen“, erklärte der Arzt im Krankenhaus, als der Matthias drängelte, um wieder heim zu kommen.

„Aber hier tät’ ich den ganzen Tag herumliegen, das kann ich daheim besser und bequemer haben“, widersprach der Bursche. „Und der Herr Doktor ist auch in der Nähe, wenn es denn Not tut.“

„Na gut, die Wunde tät’ gut heilen. Wenn S’ mir versprechen, den Arm noch net zu belasten und jeden Tag beim Dr. Ingold den Verband wechseln zu lassen, denk’ ich, dass ich das verantworten kann.“

Ein Strahlen glitt über das Gesicht des Burschen. „Meine Schwester arbeitet sogar beim Doktor, die tät’ schon mit aufpassen“, versicherte er fröhlich.

So kam es, dass Matthias vorzeitig daheim war und am nächsten Tag Besuch vom Stefan erhielt.

„Hast noch mal Glück gehabt“, erklärte der Bursche und deutete auf den verbundenen Arm.

„Ja, und das verdank’ ich auch dir. Hast dich sehr anständig verhalten“, bestätigte Matthias.

„Na, ich denk’, wenn wir auch net immer einer Meinung sind, muss das ja net heißen, dass wir uns bis aufs Blut bekämpfen. Hast mir auf jeden Fall einen ordentlichen Schreck eingejagt. Magst unsere Wette jetzt nimmer weitermachen?“

„Bist narrisch?“, fuhr Matthias auf. „Das hier war net mehr als ein Unfall, für den keiner nix konnt’. Nee, ich will schon, dass wir weitermachen. Müssen ja net gleich was Gefährliches tun.“

„Und wir müssen’s net an die große Glocke hängen“, stimmte auch Stefan verschmitzt zu.

Bei aller Rivalität schienen die Burschen sich doch zu mögen, umso unverständlicher war eigentlich dieser Wettstreit, bestimmt hätten die zwei auch eine andre Möglichkeit finden können.

„Ich steh’ jetzt in deiner Schuld, aber glaub’ deswegen ja net, dass ich dich einfach gewinnen lassen tät’.“ Matthias grinste den anderen an. „Ich hab’s dem Doktor und auch der Maria versprechen müssen, dass ich mich und den Arm noch schonen tät’. Aber wir können ja schon mal drüber reden, wie wir den nächsten Wettstreit austragen täten.“

„So ist’s recht. Ich tät’ dann doch sagen, heut’ in drei Tagen – oder meinst, bis dahin geht’s noch net?“

Der Matthias nickte. „Freilich geht das. Und den Arm werd’ ich dann ja net viel brauchen müssen. Schließlich reiten wir ja um die Wette. Hast den Vorderegger schon gefragt, ob wir zwei Pferde bekommen?“

„Das ist kein Problem. Schließlich helf’ ich ja oft im Stall aus, und da kann ich jederzeit ein Tier zum reiten bekommen. Und wenn ich jemanden mitbringen will, darf ich das auch. Aber ich sag’s dir jetzt schon, ich werd’ gewinnen.“

Beide lachten siegessicher auf.

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Daniel verließ nachdenklich das schöne alte Schulgebäude. Das Gespräch mit dem Rektor und den Lehrern hatte ihm keine neuen Erkenntnisse gebracht. Damit hatte er im Grunde allerdings auch nicht gerechnet. Wenn es irgendwo in der Schule etwas gäbe, dann wäre nicht nur eine einzelne Gruppe von Kindern betroffen, sondern wenigstens eine ganze Klasse mitsamt den Lehrern. Fehlanzeige also.

Der Arzt beobachtete die Buben und Dirndln, die sich jetzt auf den Heimweg machten. In kleinen Gruppen rannten, liefen oder schlenderten sie, und Daniel betrachtete aufmerksam rechts und links die Wege und Gärten. Hier und da standen Beerensträucher verlockend nah an der Straße, und einige der Kinder konnten dieser Verlockung nicht widerstehen. Hier eine Handvoll Stachelbeeren, oder was auch immer grad am Weg stand.

Aufmerksam richtete sich der Blick des Mannes auf die verschiedenen Früchte. Doch es war keine dabei, die man nicht allgemein kennen würde, und die vielleicht eine Vergiftung hervorrufen konnte. Und dass jemand ganz bewusst ein Pflanzen- oder Insektengift auf die Sträucher sprühen würde, war doch mehr als weit hergeholt.

Die Aufmerksamkeit von Daniel wurde jetzt abgelenkt, als aus einem Haus jemand gelaufen kam und wild mit einem Stock herumfuchtelte. Der Horngruber Valentin hatte mal wieder Angst um seine Rosen, wie Daniel ein wenig amüsiert feststellte. Nun, die waren natürlich traumhaft schön, und der Duft erfüllte die ganze Straße. Außerdem hatte er schon eine Menge Preise dafür gewonnen, denn solche Sorten gab es nur selten. Wahrscheinlich würde es das eine oder andere Kind schon drauf anlegen, der Mutter daheim eine von diesen vollen schönen Blüten mitzubringen, auch auf die Gefahr hin, dass der Horngruber es womöglich erwischte.

Die Kinder neckten den alten Mann natürlich auch, während er selbst lautstark schimpfte. Drei Buben waren es, die schon fast auf dem Gartenweg standen und ihre Faxen machten.

Der Horngruber kam näher, und seine Worte waren nicht so ganz von der feinen Art. Die Buben lachten auf, griffen nach einer Handvoll Johannisbeeren von einem Strauch direkt neben dem Weg und liefen dann laut johlend davon.

Der alte Mann blieb stehen und starrte den Kindern hinterher. „Ja, stehlt’s ihr nur, ihr Rasselbande. Habt’s ja sowieso nix besseres zu tun. Aber ich werd’s euch schon noch zeigen. Sollt’s wohl sehen, was ihr davon habt, einen alten Mann auszuräubern. Das lass ich mir nimmer gefallen“, brüllte er hinter den Kindern her.

Die drehten sich lachend um. „Kannst ja unseren Eltern was petzen“, rief einer von ihnen übermütig.

„Das hab ich net nötig.“ Der Horngruber schüttelte noch einmal den Stock hinterher, aber das war natürlich eine nutzlose Geste. „Diese ungezogenen Racker. Habt’s so was schon mal geschehen? Keine Erziehung haben’s, diese Kinder. Gehen ungefragt in meinen Garten, wo’s genau wissen, dass ich das nimmer net mag.“

„Ach, nun mal langsam, Horngruber“, versuchte der Daniel zu beschwichtigen, aber seine Worte kamen net richtig an.

„Ruhig sollt’ ich bleiben, wenn diese Lauser, diese Bengel, dahergehen und meine Rosen verwüsten ...?“ Er brach ab und rang nach Atem, wobei er die Hände vor der Brust verkrampfte.

„Sie sollten sich net so viel aufregen. Ist net gut für Ihr Herz“, gab der Arzt zu bedenken. „Sind doch eh nur Kinder, und wenn wir mal zurückdenken, dann haben wir anderen Leuten auch unsere Streiche gespielt.“

„Ach, Schmarrn, solang ich mich noch aufregen kann, geht’s mir auch noch gut. Aber sagen S’ doch mal selbst, Herr Doktor, so geht’s doch nimmer weiter mit den Kindern.“

„Haben S’ schon wär’s dagegen unternommen?“, fragte Daniel, dem grad ein schrecklicher Verdacht kam.

Der Horngruber schaute ihn abschätzig an. „Haben S’ net gesehen, was ich gegen diese Bande von Landplagen tu?“

„Ich tät’ da noch was anders meinen“, hakte der Arzt nach.

„Nein, net“, brummte der alte Mann mürrisch, doch so ganz ehrlich und aufrichtig klang das nicht. Daniel hatte jetzt allerdings keinen Grund mehr, sich noch länger mit dem Horngruber zu befassen und weitere Fragen zu stellen. Doch er nahm sich vor, die Sache im Auge zu behalten. Irgendetwas irritierte ihn hier, auch wenn er auf Anhieb nicht sagen konnte, was das war. Der Horngruber schien ihm nicht ganz ehrlich zu sein, und er würde da noch mal nachhaken müssen.

Ein rascher Blick zur Uhr belehrte ihn, dass er sich sputen musste, um die Runde seiner Hausbesuche aufzunehmen. Er hatte keine Zeit, um über Dinge nachzudenken, die einfach nicht spruchreif waren.

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Friedrich Vorderegger hatte eine große Leidenschaft – er züchtete Pferde. Nicht unbedingt die ganz teuren Renner oder Springer, nein, ganz normale Tiere, die sich auch solche Leute leisten konnten, die nicht über zuviel Geld verfügten.

Da er ständig auf seinem Hof zwischen zehn und zwanzig Tieren hatte, die regelmäßig versorgt und beritten werden mussten, beschäftigte er viele der Schüler aus dem Ort für ein Taschengeld. Woanders musste man dafür zahlen, Pferde reiten zu dürfen, hier bekam man noch etwas raus.

Deshalb war Friedrich bei den meisten Jugendlichen gut gelitten.

Stefan Raddatz kannte er schon längere Zeit, der Bursche half hier häufig aus und widerlegte damit das Gerede, nur Madln täten sich für Pferde interessieren.

An diesem Tag brachte er Matthias mit, und der Vorderegger hatte nichts dagegen, dass die beiden einen Ausritt machen wollten, nachdem er sich davon überzeugt hatte, dass der Bursche keiner von den Maulhelden war, der gleich wieder aus dem Sattel fielen.

Kaum waren die zwei aber außer Sichtweite, begannen sie ihr privates Wettrennen. Sie hatten schon vorher eine Strecke festgelegt, und es sollte tatsächlich über Stock und Stein gehen. Mit einem lauten Jauchzer trieb Stefan seine Stute voran, und Matthias musste schon zu Anfang aufpassen, dass er nicht ins Hintertreffen geriet.

Eigentlich machte es den beiden Freude, und für kurze Zeit vergaßen sie sogar ihre Wette, genossen nur den wilden Ritt, bei dem auch die Pferde sich mal so richtig austoben konnten.

Jetzt hatte Matthias ein bisschen die Nase vorn, und mit einem fröhlichen Lachen trieb er sein Pferd über eine niedrige Hecke. Tief beugte sich der Bursche über den Hals des Tieres, spürte gleich darauf die regelmäßigen Bewegungen der angespannten Muskeln, und hatte dabei das unglaubliche Gefühl grenzenloser Freiheit.

Doch wo war Stefan abgeblieben?

Die Pferde waren fast gleichwertig, da konnte der andere doch nicht weit zurück sein.

Mitten im Ritt warf Matthias einen Blick zurück über die Schulter. Nichts zu sehen von Stefan. Da stimmte doch etwas nicht! Gleich darauf kam aber die Stute ins Blickfeld des Burschen – doch sie war ohne Reiter.

Aus dem vollen Galopp heraus zügelte Matthias sein Tier und lenkte es in die andere Richtung, den Weg zurück auf der Suche nach dem Stefan.

Schon von weitem sah er seinen Rivalen am Boden liegen; Stefan war tatsächlich vom Pferd gestürzt. Er schien sich aber nichts weiter getan zu haben, denn er stand jetzt langsam auf und deutete heftig auf seine Stute, die gerade dabei war, sich allein einen Weg zu suchen.

„Hol’ die Dorina zurück, schnell“, brüllte er, um sich verständlich machen, und Matthias begriff. Wenn sie beide ohne das Pferd auf den Hof zurückkehren würden, dann gäbe es bestimmt eine Menge Ärger.

Der Bursche setzte sein Tier wieder in Bewegung und galoppierte auf die ledige Stute zu. Die schien allerdings keine große Lust zu haben, sich wieder einfangen zu lassen, denn sie raste davon – genau auf den steilen Teil der Waldbrunnschlucht zu.

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Magda stellte eine Maß Bier vor dem Herrn Pfarrer auf den Tisch und ein Glas Wein für den alten Doktor Huber daneben. Die beiden anderen Gäste bekamen wenig später ebenfalls ihre Maß, und der Pfarrer mischte mit geübten Bewegungen die Karten, teilte aus und steckte dann sein Blatt auf die Hand. Gleich darauf wurde gereizt und angesagt, die Karten wurden auf den Tisch geknallt, und die Mannsbilder waren voll und ganz in ihr Spiel vertieft.

Oder vielleicht doch nicht so ganz.

„Hast schon von dem Matthias und dem Stefan gehört?“, fragte der Huber irgendwann den Pfarrer Feininger.

„Ja, freilich. Man müsst ja schon taub und blind sein, um nix davon mitzukriegen.“

„Ja, und? Magst nix gegen diese narrischen Buben unternehmen? Gibt’s kein Gebot in deiner Bibel, wie’s den beiden Burschen mal gründlich den Kopf waschen kannst?“

Pfarrer Feininger blickte nur kurz von seinem Blatt auf und musterte seinen alten Freund über die dicken Brillengläser hinweg. „Willst mir am End gar meine Arbeit erklären? Ich tät’ dir in deine Medizin auch net dreinreden.“

„Ja, ist’s denn net deine Aufgabe, die Menschen auf den rechten Weg zu führen?“, knurrte Huber und schüttelte den Kopf über seine Karten, die ihm gar nicht in den Kram passten.

„Und was bezeichnest als den rechten Weg? Ist’s denn net natürlich, dass zwei Burschen um ein Madl wetteifern? Warum tät’ ich denen also dreinreden sollen? Solang die beiden nix tun, was anderen oder ihrer eigenen Seele schadet, seh’ ich keinen Grund, was zu sagen.“

„Bist eigentlich so narrisch, oder tust nur so?“, forschte der alte Doktor jetzt grimmig. „Hast am End gar nimmer mitgekriegt, dass die beiden sich ums Haar selbst umgebracht hätten bei ihrem verrückten Versuch, den Wald abzuholzen?“

„Nun übertreibst aber maßlos. War doch wohl nix weiter als ein bisserl überschüssige Energie. Was regst dich denn so auf, sind doch net deine eigenen Kinder? Und selbst dann tät ich sagen, halt sie allein im Zaum.“

„Das sind narrische Esel, die nix im Kopf haben außer dem Madl, das net einmal was von ihnen wissen will, so wie ich das seh’.“

Das Gespräch schien ihn einen Streit auszuarten, doch das konnte nur jemand denken, der die beiden nicht kannte. Schon seit mehr als dreißig Jahren führten sie ihre Gespräche auf diese etwas raue, aber freundschaftliche Weise, und sie hatten auf diese Art eine Menge Probleme anderer Leute gelöst.

„Was ist narrisch daran, wenn die Burschen sich ein bisserl die Hörner abstoßen wollen?“, gab der Herr Pfarrer jetzt zurück.

„Die zwei wetteifern um die Kathrin, und bis heut’ hat keiner das Madl überhaupt mal gefragt, ob’s denn einen von denen haben will. Meinst net, die hätt’ da auch ein Wörterl mitzureden?“

„Freilich. Aber die Burschen werden’s schon noch merken, wen das Madl net mag.“

„Und bis dahin werden die zwei sich den Schädel eingeschlagen haben. – Das ist mein Stich, und der Rest gehört auch mir.“ Der Huber warf die restlichen Karten auf den Tisch, zählte kurz die Augen nach und stellte fest, dass er dieses Spiel doch noch gewonnen hatte.

„Ich glaub’, du übertreibst. Was dem Matthias passiert ist, war doch nur ein Unfall“, beschwichtigte der Pfarrer.

Jetzt zog Huber die Augenbrauen hoch. „Den hätt’ er vermeiden können, wenn er ein bisserl Verstand gefunden hätt’ in dem großen schwarzen Loch, was er sein Gehirn nennt.“

„Ja, sag einmal, sind wir hier, um zu spielen, oder willst mich einfach nur aufregen? Hast mir net selbst geraten, dass ich die vielen Aufregungen meiden soll, Herr Doktor?“ Ein Lächeln spielte um die Mundwinkel des Pfarrers, der sehr genau wusste, worauf der andere hinauswollte. Er war allerdings der Meinung, dass man sich nur wenig in die persönlichen Angelegenheiten junger Leute einmischen sollte, solang sie nicht gegen die kirchlichen Gebote verstießen.

„Ich will net, dass du dich aufregst – ich will, dass du die Burschen von weiteren Dummheiten abhalten tätst. Schließlich bist als Pfarrer eine Autorität, und auch die jungen Burschen täten noch auf dich hören. Selbst, wenn’s das bei den Eltern net mehr tun.“

Der Pfarrer seufzte. „Hast ja gar nimmer so unrecht. Aber ich kann net einfach dahergehen und den Burschen Vorschriften machen.“

„Dann redst mit der Kathrin“, empfahl der Huber. „Ich hab das Madl in letzter Zeit öfter mal mit dem Gronauer-Buben gesehen. Wenn das Madl nix für die Burschen übrig hat, dann können’s ihre Wette gleich wieder vergessen, bevor womöglich wirklich was passiert.“

„Kannst nimmer locker lassen, wennst dir was in den Kopf gesetzt hast, nein?“, fragte der Pfarrer seufzend.

„Warum sollt’ ich das tun? Manche Leut’ muss man halt zu ihrem Glück zwingen“, grinste Huber. „Da, dein Stich. Hast dieses Spiel gewonnen.“

Der Pfarrer schüttelte den Kopf. Alois Huber konnte manchmal schrecklich hartnäckig sein. Aber so ganz unrecht hatte er mit seinen Worten vielleicht doch nicht. Wo Burschen mit ihren manchmal überschüssigen Kräften herumtobten, konnte niemand vorhersagen, was sich daraus entwickeln würde. Falls Kathrin wirklich einen Blick auf den Gronauer Martin geworfen hatte, war es vielleicht doch besser, Matthias und Stefan frühzeitig zu bremsen.

Er gab nach, und Huber grinste zufrieden.

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Es ließ Daniel Ingold keine Ruhe. Auch während seiner Arbeit dachte er darüber nach, ob der alte Horngruber nicht vielleicht doch etwas der rätselhaften Erkrankung der Kinder zu tun haben könnte. Aber wie sollte er das herausfinden? Er konnte schlecht einfach hingehen und dem alten Mann noch einmal energische Fragen stellen. Der hatte schließlich verneint, dass er was getan hatte.

Zum Glück ging es Basti, den es als den ersten getroffen hatte, wieder etwas besser. Demnach hatte der Arzt die berechtigte Hoffnung, dass auch die anderen Kinder bald auf dem Wege der Besserung sein würden.

Ein wenig zerstreut behandelte der Doktor seine Patienten, beantwortete eine Unmenge an Fragen und war froh, als auch der letzte aus dem Wartezimmer gegangen war. Neben dieser Frage beschäftigte ihn allerdings auch der Wettstreit der beiden Burschen. Vielleicht sollte er wirklich mal ein paar Wörtchen mit den beiden reden.

Das erinnerte ihn daran, dass Matthias Schwetzinger heute noch gar nicht hier gewesen war. Bisher hatte sich der Bursche daran gehalten, täglich herzukommen.

„Maria“, rief er durch die jetzt offene Tür. Das Madl, das eigentlich grad heimgehen wollte, kam herein.

„Kann ich noch was tun, Herr Doktor?“, fragte sie freundlich, bereit, jederzeit für ihren Chef durchs Feuer zu gehen.

„Weißt, wo dein Bruder ist? Der war heut’ net hier, oder hab ich ihn übersehen?“

Sie schüttelte ratlos den Kopf. „Keine Ahnung. Ich wüsst’ net, dass er etwas vorgehabt hätt’. Aber ich werd’ noch mal mit ihm reden.“

„Na, er tät’ dir sicher auch nix sagen, wenn er was vorhätt’. So was geht die große Schwester nix an. Ich dank dir. Wennst den Matthias allerdings daheim triffst, sagst ihm bitte ...“

„Er soll sich hier melden“, vollendete sie den Satz und lächelte. Sie schwärmte jeden Tag ein bisschen mehr für den Doktor, aber das wollte sie sich nicht anmerken lassen. Erstens war er ihr Chef, zweitens viel zu alt für sie mit seinen 36 Jahren, und drittens gab es da einen Burschen, der ... Ach nein, lieber nicht daran denken, sonst ging der Wunsch nicht in Erfüllung. Aber schwärmen würde man doch dürfen, schließlich sah der Herr Doktor gut aus mit seinen blauen Augen und den blonden Haaren, die sich niemals richtig in eine Frisur legen ließen. Das machte ihn stets jünger, als er wirklich war, und verlieh ihm manchmal das Aussehen eines Lausbuben.

Daniel, der natürlich nichts davon wusste, dass Maria insgeheim für ihn schwärmte, lächelte sie warm an und verabschiedete sie. Dass sie ihm einen Blick zuwarf, unter dem das härteste Eisen schmelzen könnte, entging ihm völlig. Und wenn er es bemerkt hätte, dann würde er geglaubt haben, sich zu täuschen.

Eigentlich war er heute früh fertig geworden in der Praxis, und das tat auch mal gut. Vielleicht sollte er einen Spaziergang machen, um selbst mal abzuschalten. Bevor er die Hausbesuche in Angriff nahm. Es konnte ja sein, dass sein Weg ihn dann rein zufällig bei Valentin Horngruber entlangführte. Und vielleicht kam man auch rein zufällig nochmals ins Gespräch.

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Stefan konnte nichts tun. Hilflos stand er da und musste zusehen, wie Matthias hinter seiner Stute herjagte, die gerade auf die unglückliche Idee verfallen war, einfach davonzulaufen. Es war ja schon ein Unding, dass er selbst aus dem Sattel gefallen war; seit seiner Jugend, als er Reiten gelernt hatte, war ihm das nicht mehr passiert. Doch Dorina hatte gescheut und war gestiegen, so dass Stefan sich nicht mehr hatte halten können. Vielleicht hatte sich die Stute vor einem kleinen Tier im Gras erschreckt – was auch immer es gewesen war, Matthias würde es jetzt net leicht haben, sie wieder einzufangen.

Aber reiten konnte er gut, der Bursche, das musste der Stefan anerkennen. Ob er selbst in dieser Situation so sicher im Sattel gesessen hätte? Die Wunde am Arm schien ihn gar nicht mehr zu behindern.

Egal, im Moment war es nur wichtig, dass die Stute rasch wieder eingefangen war. Sie blieb allerdings schnurgerade auf dem Weg zur Waldbrunnschlucht, und das konnte ausgesprochen gefährlich werden. Es ging dort ein ganzes Stück steil hinunter, und überall ragten Wurzeln und Felsen aus dem Boden. Schon im Schritttempo hätte kein vernünftiger Reiter je diesen Weg gewählt. Und im vollen Galopp musste dieser Ausflug von Dorina in einer Katastrophe enden, wenn es Matthias nicht vorher gelang, das Tier zu erreichen. Und dafür setzte er selbst seine Gesundheit aufs Spiel.

Zu spät!, erkannte Stefan voller Schrecken.

Die Stute hatte den Rand der Schlucht erreicht und ging in die Knie, als sie über die Kante trat. Ein lautes schmerzvolles Wiehern war zu hören, das Stefan selbst in der Seele weh tat. Er konnte kein unschuldiges Lebewesen leiden sehen.

Doch nun war Matthias heran. Er sprang von seinem Pferd und lief, so schnell er konnte, selbst den Abhang hinunter. Stefan schlug das Herz bis zum Halse. Was mochte dem Tier passiert sein? War es schwer verletzt? Und was würde Matthias passieren, wenn er nicht richtig aufpasste?

Vor Erleichterung wurde ihm fast schwindelig, als er wenig später sah, dass der andere Bursche den Zügel der Stute in der Hand hielt und das Pferd hinter sich herzog.

Doch Dorina lahmte, wie er voller Entsetzen sah. Oh, Himmel hilf!

Das würde eine Menge Erklärungen und auch Ärger bedeuten.

Matthias hielt jetzt die Zügel beider Tiere in der Hand und kam langsam auf seinen Freund zu.

„Hast dich arg verletzt?“, fragte er besorgt.

„Net so arg“, gab der Stefan zurück. „Die Stute macht mir viel mehr Sorgen.“

„Ja, ich fürcht’, da wird’s was geben“, stellte auch Matthias düster fest. Langsam machten sich die beiden auf den Rückweg, immer darauf bedacht, nicht schneller zu gehen, als Dorina mit dem lahmen Bein folgen konnte.

Als sie auf dem Hof vom Vorderegger ankamen, wurde sogleich die Tierärztin gerufen. Die beiden Burschen standen betreten und mit gesenktem Kopf da, während Friedrich kritisch um die zwei herum ging. Keiner der beiden hatte auch in Erwägung gezogen zu lügen, sie hatten offen und ehrlich die Wahrheit gesagt.

Doch Vorderegger machte sich weniger Sorgen um seine Stute, die bei Bernie in den besten Händen war, als vielmehr um die beiden jungen Mannsbilder, wie sie jetzt erstaunt feststellen mussten.

„Habt’s euch auch wirklich nix getan? Zeigst mal her, Matthias, Stefan. Schaust ja aus, als hättst dich mit einer ganzen Bande geprügelt.“

Stefan hatte ein blaues Auge und eine Menge Kratzer überall auf der Haut, außerdem hinkte er ein bisserl.

„Da werd’ ich besser gleich nach dem Doktor rufen“, bestimmte der Vorderegger.

Aber wie aus einem Mund protestierten beide jungen Männer.

„Nein, das tät’ net not. Sind doch eh nur Kratzer, die gehen rasch wieder weg.“

„Ach ja?“, knurrte der Mann und deutete auf den Arm von Matthias. Auf dem Verband zeigte sich an einer Stelle etwas Blut, und der Bursche schimpfte lautlos in sich hinein. Das hätte natürlich nicht passieren dürfen. Der Doktor würde ihm gehörig den Kopf waschen, und Maria vermutlich auch. Er versuchte, Friedrich abzulenken.

„Das ist alles gar nix. Wichtig ist uns das Pferd, wird die Dorina wieder gesund?“

„Das werden wir gleich wissen, wenn die Frau Doktor fertig ist. Dann lasst uns mal schauen.“

Zusammen mit den beiden ging er in den Stall hinüber, wo er eine besondere Box für kranke Pferde hatte. Hier stand die Stute mit zitternden Flanken.

Die Tierärztin richtete sich grad wieder von der Untersuchung auf.

Bernhardine Brunnsteiner war 29 Jahre alt, hatte kurz geschnittenes braunes Haar, ebensolche Augen und reizende Grübchen in dem fein geschnittenen Gesicht, wenn sie lachte. Ihre Gestalt war schlank und zierlich und täuschte darüber hinweg, dass sie recht kräftig war und auch mit großen Tieren wie Kühen, Schweinen oder, wie in diesem Fall, mit Pferden gut zurechtkam.

„Da hat unsere Dorina eine Menge Glück gehabt“, sagte sie mit warmer Stimme. „Sie hat nur die beiden vorderen Knöchel geprellt. Da machen wir einen Verband mit Salbe und Eis. In ein paar Tagen sollt’ dann alles wieder vorbei sein.“

Die Erleichterung im Gesicht der beiden Burschen war nicht zu übersehen. Sie mochten leichtsinnig sein in ihrem verrückten Wettstreit, doch sie wussten durchaus um die Verantwortung, die sie für die Tiere übernommen hatten. Dass alles jetzt doch recht glimpflich ausgegangen war, löste die Spannung, die sich in ihnen aufgebaut hatte.

„Frau Doktor, tät’ Ihnen das was ausmachen, diese beiden Burschen gleich zum Doktor Ingold mitzunehmen? Die mögen wohl behaupten, es wären nur ein paar Kratzer, aber mir wär’s lieber, der Herr Doktor tät’ sich davon überzeugen, dass es nix ernsthaftes ist.“

„Aber das muss net sein. Ist nix weiter, wirklich.“ Da mochten die beiden noch so sehr beteuern, dass es ihnen gut ging, Vorderegger bestand darauf, und auch Bernhardine, meist nur kurz Bernie genannt, hielt es für besser, wenn Daniel bestätigte, dass da keine böse Verletzung war.

Stefan und Matthias ahnten, dass es ein heftiges Donnerwetter geben würde, denn der Herr Doktor würde eins und eins zusammenzählen, und das Ergebnis mochte ihm dann gar nicht gefallen. Bernie wollte nichts davon hören, dass die zwei erst gar nicht zum Arzt wollten.

„Das kommt mir so langsam ein bisserl komisch vor mit euch beiden. Tät’s da vielleicht noch was geben, was ihr lieber verschweigen wollt? Aber macht euch mal keine Sorgen, alle Ärzte unterliegen der Schweigepflicht.“

Was sicher nicht für das Austeilen einer ordentlichen Standpauke galt.

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Kathrin war ein blitzsauberes gescheites Madl, das auch gern und oft in der Kirchengemeinde half. Einmal in der Woche betreute sie eine ganze Gruppe von Kindern, spielte, sang und bastelte mit ihnen. Sie war allgemein beliebt, und sie war sich auch nicht zu schade, mal kräftig mit anzufassen, wenn irgendwo Not am Mann war.

Gerade hatte sie alle „ihre“ Kinder heimgeschickt und räumte die letzten Utensilien weg, als der Pfarrer hereinkam. Das hübsche Madl mit dem langen blonden Haar und der schlanken Figur lächelte.

„Hat die Rasselbande dich mal wieder auf Trab gehalten, mein Madl?“

„O ja“, lächelte Kathrin. „Es gibt Tage, da frag’ ich mich, warum ich mir das immer wieder antue. Es muss wohl was in der Luft liegen, dass die Kinder im Augenblick einfach net zu bändigen sind. Meist sind’s ja die Buben, die sich daneben benehmen. Oder sie kommen ins falsche Alter. Aber da waren wir ja alle mal. Ich denk’, mit ein bisserl Verständnis und etwas Freilauf wird’s schon wieder werden.“

Feininger war nicht wenig erstaunt über das Verständnis und die Einsicht des Mädchens. Für ihre gerade mal 17 Jahre besaß sie doch schon recht viel Verantwortungsbewusstsein. Ganz bestimmt würde aus ihr mal eine großartige Mutter werden. Doch deswegen war der Pfarrer nicht hier.

„Hast eigentlich schon einen Burschen, der dein Herz erobert hat?“, fragte er übergangslos. Es machte keinen Sinn, dieses Thema vorsichtig anzusteuern, dann würde Kathrin vielleicht ausweichen können. Immer gerade ins Ziel, war die Devise des Geistlichen.

Flüchtige Röte färbte die Wangen des Madls. „Nix Festes“, gestand sie dann. „Ich mein, da ist der Martin – den mag ich gern, und ich glaub’, der hat auch ein bisserl für mich übrig. Aber erklärt hat er sich net. Und wahrscheinlich ist’s auch noch viel zu früh – ich mein, wir sind ja noch jung, und ...“

Etwas hilflos brach sie ab, aus ihren Augen sprach etwas Unverständnis, dass ausgerechnet der Pfarrer ihr eine solche Frage stellte. Sie hatte nicht unbedingt mit Feininger über den Burschen ihres Herzens sprechen wollen.

Der Pfarrer lächelte nun verständnisvoll. „Musst dich ganz sicher net schämen, wennst was für einen Burschen empfinden tätst. Aber sag mal, hast vielleicht gehört, dass der Stefan und der Matthias eine Art Wette abgeschlossen haben?“

„Ich tät’ mich net für das Gewäsch interessieren, was andere Leut’ verbreiten“, erwiderte sie vorsichtig. Diese Antwort war etwas nichtssagend, und der Pfarrer drohte ihr scherzhaft mit dem Zeigefinger.

„Musst mir net ausweichen jetzt. Hast also wohl schon was gehört. Und wahrscheinlich schmeichelt's dir auch ein bisserl, dass gleich zwei Burschen darum wetteifern, wer denn nun um dich werben darf. Findst aber net auch, dass du den beiden gegenüber ein bisserl unfair bist? Solltest ihnen net besser frühzeitig sagen, dass sie eh keine Chance haben? Dann würd’ sich doch diese verrückte Wette gleich in nix auflösen.“

„Hat sie das denn net längst?“, fragte Kathrin etwas verwundert. „Ich mein, der Matthias hat sich doch verletzt. Was täten die beiden wenn noch wollen? Und außerdem – gefragt hat mich keiner von beiden, ich tät’ also eigentlich wirklich nix wissen.“

„Ach, nun tust aber dümmer, als du ausschauen tätst, Madl. Solang die beiden keine Entscheidung darüber getroffen haben, wer denn nun wohl der Sieger ist, werden’s auch weitermachen“, gab der Pfarrer zu bedenken. „Und grad, weil’s junge Burschen sind, halt ich’s für möglich, dass da noch mehr passieren kann.“

„Aber das wär’ doch deppert“, entfuhr es ihr.

Feininger lächelte nachsichtig. „Liebe hat nur selten etwas mit dem Verstand zu tun, mein Kind.“

„Und deswegen meinen S’, es wär’ besser, ich tät’ mit den beiden reden? Herr Pfarrer, nix für ungut, aber Mannsbilder wie die zwei brauchen net unbedingt einen Grund, um eine Wette auszutragen.“

Der Pfarrer tätschelte Kathrin die Hand. „Bist viel zu klug für dein Alter. Und wahrscheinlich hast auch ein bisserl recht. Ich tät’ dich trotzdem bitten, den beiden Burschen ein Wörterl zu geben. Vielleicht langt’s ja doch.“

„Ich weiß net recht“, zögerte Kathrin unschlüssig. „Was sollt’ ich schon sagen? Und bis jetzt sind’s ja eh nur Gerüchte, die ich gehört hab. Vielleicht ist ja gar nix dran, und dann tät’ ich mich unendlich blamieren. Das wär’ mir schrecklich peinlich.“

„Das kann ich verstehen. Tät’s dir was nutzen, wenn ich in der Nähe wär’ und gleich drauf selbst mit den beiden sprechen tät’?“

Sie nickte eifrig, obwohl ihr noch immer etwas mulmig war.

„Braves Madl“, lobte der Pfarrer.

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So was Dummes hab ich schon lang nimmer gehört.“ Daniel Ingold schüttelte den Kopf, als er die beiden Burschen näher betrachtete. „Grad du hättst es eigentlich besser wissen müssen, Matthias. Hast noch immer net verstanden, dass man mit einer solchen Wunde keinen Unsinn unternimmt? Was habt’s ihr eigentlich genau getrieben?“ Forschend blickte er in die beiden jungen Gesichter, in denen sich die Augen jetzt senkten. „Nun, ich höre“, mahnte der Arzt.

Bernie, die noch immer dabei stand, mischte sich jetzt ein. „Die zwei waren mit den Pferden vom Vorderegger unterwegs.“

„So, so?“, murmelte der Doktor und musterte die beiden intensiv.

„Na ja, so ungefähr ist’s gewesen“, bekannte Matthias.

„So ungefähr? – Ich glaub’, meine Herren, da war noch was anderes, oder? Habt’s ihr net vielmehr die zweite Runde in eurer Wette ausgetragen?“

Betretenes Schweigen.

Auf Bernies Gesicht stand eine Frage zu lesen, doch Daniel machte ihr ein Zeichen, dass er später alles erklären würde. Die Tierärztin war in den letzten Tagen so beschäftigt gewesen, dass sie von dieser Neuigkeit noch gar nichts gehört hatte.

„Nun, und wer hat gewonnen?“, forschte der Arzt jetzt nach, und ein verständnisvolles Lächeln spielte auf seinen Lippen, so dass die Burschen ihn etwas erleichtert anschauten.

„Na ja, eigentlich keiner so recht“, erklärte Matthias dann. „Das erste Mal hab ich ja ein bisserl schlapp gemacht, und jetzt hat der Stefan es net geschafft.“

„Hm, das heißt ja wohl Unentschieden. Und ich muss jetzt wahrscheinlich annehmen oder eher fürchten, dass ihr weitermachen wollt?“

„Ach, nee, eigentlich net“, erklärte Stefan rasch.

Daniel zog die Augenbrauen hoch. „Und warum tät’ ich euch das glauben sollen? Bisher habt’s ihr net viel Verstand bewiesen. Und ich fürcht’, ihr seid’s noch net fertig miteinand’. Was habt’s ihr euch denn noch vorgenommen, um zu beweisen, was für tolle Mannsbilder ihr seid? Und was sagt das Madl eures Herzens eigentlich dazu?“

„Aber, Herr Doktor, das sehen S’ jetzt aber viel zu eng“, protestierte Stefan. „Schaun S’, wir haben jetzt eingesehen, dass das wohl nix wird mit unserer Wette. Ich denk’, da müssen S’ sich keine Gedanken mehr machen.“

„Wie kommt’s nur, dass ich das net einfach so glauben kann?“, fragte der Arzt lächelnd und legte Matthias einen neuen Verband an. „Was hat denn die Dame eurer Herzen nun gesagt?“

„Sie meinte, nun ja, es ist doch so – die Kathrin weiß eigentlich noch nix davon, weil wir – weil der Stefan und ich gedacht haben...“

„Kann es vielleicht sein, dass keiner von euch so recht gedacht hat dabei?“, mischte sich nun Bernie ein, ohne den Burschen mit ihren Worten einen Vorwurf zu machen. „Also, wenn ich an der Stelle von dem Madl wär’, dann würd’s mich schon interessieren, wenn zwei so fesche Burschen eine Wette eingehen, um mein Herz zu erobern, statt dass sich jeder ein eigenes Herzblatt suchen tät’.“

„Aber wenn wir sie doch beide mögen ....“

„Dann sollt’ vielleicht doch das Madl die letzte Entscheidung treffen“, gab Bernie klug zu bedenken. „Nur wird’s natürlich keine Wahl treffen können, wenn’s gar nix davon weiß, dass ihr zwei wetteifert. Also müsst ihr entweder die Kathrin drauf ansprechen, oder ihr müsst’s endlich zu einer ordentlichen Entscheidung kommen.“

„Nun setz den beiden net noch einen Floh ins Ohr“, bat Daniel. „Ich mein, es wär’ das Beste, die beiden täten die Kathrin einfach fragen, ob sie einen von beiden auch ohne diese verrückte Wette nehmen tät’. Und dann sollt’ Schluss sein mit dem Wetteifern.“

„Und wenn’s keinen von beiden will?“, warf Bernie ein, die sich über die ganze Situation eigentlich köstlich amüsierte. Noch wusste sie ja nicht, dass die Burschen es bei ihrer ersten Wette schon reichlich übertrieben hatten.

„Dann hätten wir zwei Narren, die hoffentlich bald wieder zur Vernunft kommen täten“, seufzte Daniel. „Also stellen wir eins klar. Ihr werdet auf keinen Fall noch eine Runde in eurem Wettstreit austragen. Fragt die Kathrin, wie sie über euch zwei Deppen denkt. Und dann können wir das Kapitel endlich abschließen, ja? Ich hab weiß Gott genug andere ernsthafte Probleme und würde es begrüßen, wenn ich mich net länger mit euch beschäftigen muss.“

„Wir wollten ja auch gar nimmer herkommen“, maulte Stefan. „Das war doch nur, weil der Vorderegger drauf bestanden hat.“

„Ach, Burschen, ich bitt’ euch, versucht mal, ein bisserl vernünftig zu denken. Ihr bringt euch selbst unnötig in Gefahr. Wenn ihr unbedingt glaubt, dass ihr eine Wette austragen müsst, dann tut was, das net gefährlich ist. Denksportaufgaben zum Beispiel. Die fördern auch das logische Denken, und daran hapert’s ja bei euch.“

Die Burschen verzogen das Gesicht, als hätten sie in eine Zitrone gebissen, und Bernie musste ein Lachen unterdrücken.

Matthias fasste sich als erster. „Wir werden drüber nachdenken“, versprach er. „Und mit der Kathrin werden wir auch noch reden.“

„Na also, das tät’ doch richtig gut klingen“, lobte der Doktor, auch wenn er von diesem raschen Sinneswandel noch nicht recht überzeugt war. „Morgen kommst noch mal her, Matthias, ich will mir das noch mal anschauen. Aber ich denk’, du hast eine Menge Glück gehabt, ebenso wie der Stefan bei seinem Sturz. Da tät’ auch nix zurückbleiben. Wirst aber wohl ein paar Tage noch leichte Schmerzen haben und mit einem blauen Auge herumlaufen. Aber das kannst ja tragen wie eine Trophäe. Davon abgesehen sollt’s keine Probleme geben.“

„Na, dann dank ich auch schön, Herr Doktor. Und nix für ungut, wir wollten Ihnen keine Schwierigkeiten machen.“

„Die macht ihr euch nur selbst. Denkt daran.“

Die beiden zogen ab, und Daniel nahm Bernie liebevoll in die Arme, es war allerdings nicht mehr als eine freundschaftliche Geste.

„Erst mal einen schönen guten Tag, Frau Kollegin“, sagte er lächelnd.

Die beiden waren enge Freunde, seit Daniel in den Ort gezogen war. Damals hatte Bernie gerade ihr Abitur bestanden und sich schon zum Studium angemeldet, half ihrem Vater während der Zeit bis zum Beginn bei seiner Arbeit in der Praxis. Mittlerweile war ihr Vater verstorben, und Bernie hatte dessen Praxis übernommen. In der ersten schwierigen Zeit hatte Daniel ihr viel Hilfestellung gegeben, und so war nach und nach eine feste, tiefe Freundschaft entstanden. Doch die junge Frau hatte nie zu erkennen gegeben, dass sie an einer engeren Beziehung Interesse hatte. Der Doktor seinerseits war viel zu zurückhaltend, um deutlicher zu werden, er befürchtete einerseits, Bernie zu überrumpeln, andererseits hatte er Angst davor, zurückgewiesen zu werden. So blieb es bei der herzlichen Freundschaft zwischen den beiden.

Bernie blickte Daniel aufmerksam an, ihr entgingen die kleinen Anzeichen von Müdigkeit und Erschöpfung nicht. Sie kannte den Mann lange und gut genug, um zu erkennen, dass er sich mit einem Problem herumschlug, für das er keine Lösung finden konnte.

„Was ist hier eigentlich los?“, fragte sie direkt. „Du machst dir doch net wegen dieser beiden narrischen Burschen Sorgen? Gibt’s hier noch was anderes? Schaust im Übrigen aus, als könntest mal wieder eine Mütze voll Schlaf vertragen. Oder hast den jetzt endgültig abgeschafft?“

„Gut beobachtet, Frau Kommissar“, neckte Daniel. Er zog Bernie zu einem Stuhl und setzte sich ihr gegenüber, dann berichtete er von der rätselhaften Krankheit, die unter den Kindern ausgebrochen war – und von dem Verdacht, der sich bei ihm gebildet hatte.

„Warum gehst jetzt net einfach hin und pflückst ein paar von den Beeren und untersuchst sie gründlich?“, schlug das Madl praktisch vor.

„Ja, aber ich kann doch net so einfach ...“

„Ach, Quatsch“, wehrte sie ab. „Selbst wenn der Horngruber dich dabei sieht, kann er dir gar nix. Und wenn er sich gar zu sehr anstellt, dann weißt mit Sicherheit, dass da was net stimmt. Ihr Mannsbilder seid manchmal wirklich zu dumm. Wer wollt’ dich denn hindern?“ Bernie hatte auf den Punkt gebracht, was Daniel so schreckliches Kopfzerbrechen bereitete.

„Ich glaub’ fast, du könntst recht haben“, sagte er verblüfft.

„Hast sonst noch Probleme?“, erkundigte sich das Madl lächelnd. „Net verzagen, frag mich einfach, ich werd’ dir bestimmt noch ein paar kluge Ratschläge geben können. Aber bis dahin tust dir selbst keinen Gefallen, wennst hier noch zauderst.“

„Sobald ich sicher weiß, dass da was ist, was die Kinder vergiftet, kann ich auch was dagegen unternehmen. Aber jetzt lass uns über das anderes reden, das tät’ mir wahrscheinlich auch mal gut.“

„Das denk’ ich auch. Schaust jedenfalls ganz schön fertig aus. Lass uns ein bisserl spazierengehen, die frische Luft vertreibt die Grillen aus deinem Kopf.“

Er lächelte, als er ihre Hintergedanken erkannte. Bernie war eine praktische Frau, die nichts auf die lange Bank schob. Was man fertig hatte, konnte einem keine Kopfschmerzen mehr bereiten, pflegte sie zu sagen. Eine Einstellung, die ganz bestimmt nicht verkehrt war.

Die beiden Ärzte schlenderten die Straßen entlang und tankten die Ruhe, die hier herrschte. Jetzt, am frühen Abend, bereiteten die Frauen in den Häusern das Abendessen vor, die Kinder waren heimgekommen und wuschen sich, und die Männer nahmen sich ein paar Minuten Zeit, um die Beine hochzulegen und die Zeitung zu studieren. Es war daher besonders friedlich auf den Straßen.

Unwillkürlich suchte Daniel die Hand von Bernie und hielt sie mit sanftem Druck fest. Das Madl wehrte sich nicht dagegen, sie empfand diese Berührung als wohltuend. Und auch, als der Doktor sie am Ufer der Theine ins Gras zog, damit sich beide hinsetzten und dem Murmeln des Wassers lauschen konnten, hatte sie nichts dagegen.

Daniel ließ sich rücklings ins Gras sinken und schaute Bernie liebevoll an.

„Hast eigentlich schon mal drüber nachgedacht, dass es gut sein könnt’, jemanden zu haben, mit dem man sein Leben verbringt?“ Er erschrak selbst vor seinen eigenen Worten, so direkt hatte er die Sache gar nicht angehen wollen.

„Meinst am End gar so was wie heiraten?“, fragte sie mit leichter Ironie zurück.

„So was ging mir tatsächlich durch den Kopf“, gestand er ein, und eine leichte Röte färbte seine Wangen.

Bernie ließ sich neben ihn sinken und kitzelte ihn mit einem Grashalm. „Das ist net dein Ernst. Wir haben beide einen Beruf, bei dem wir net sagen können, ob und wann wir daheim sind. Glaubst tatsächlich, es tät’ jemanden geben, der das als Partner auf sich nehmen würd’?“

War das jetzt eine Zurückweisung? Oder sollte er ganz einfach offen drüber reden, dass er sich sehr wohl vorstellen konnte, sein Leben mit ihr zu verbringen, soviel es eben sein mochte? Der Daniel zuckte plötzlich vor seinem eigenen Mut zurück.

Bernie hingegen wünschte sich sehr wohl, dass er weitersprach und endlich mal auf den Punkt kam. Sie hatte allerdings die gleiche Scheu wie er und würde nicht als erste das Thema offen zur Sprache bringen.

„Man müsst’ es halt probieren“, meinte er denn auch vorsichtig.

„Meinst dich und mich?“, kam die leise Frage, so leise, dass er die Worte fast überhört hätte.

Mutig rollte er sich auf den Bauch und schaute dem Madl tief in die Augen. „Genau das tät’ ich meinen“, erwiderte er fest.

Bernie senkte den Blick. „Ich weiß net, ob ich das schon will. – Halt, wart’, versteh’ mich net falsch. Ich glaub’ tatsächlich, dass es zwischen uns was geben könnt’, ich wüsst’ jedenfalls niemanden, der mir lieber wär’ als du. Aber ob ich schon soweit bin, das tät’ ich net wissen.“

Eine Weile herrschte Stille, während der Doktor sich diese Worte durch den Kopf gehen ließ.

„Ist da irgendwo, irgendwann mal was gewesen, was dich verletzt hat – oder jemand?“, forschte er sanft nach.

„Ja. Aber darüber will und kann ich noch net reden, obwohl du derjenige bist, zu dem ich absolutes Vertrauen hab’. Das sitzt noch so tief, dass es immer noch weh tut. Ich werd’s dich aber wissen lassen, wenn ich soweit bin.“

Das war wenig mehr, als er auch vorher schon gewusst hatte. Und es war auch nicht gerade beruhigend viel. Doch sein Mut, weiter nachzuforschen, hatte ihn nun verlassen. Vielleicht hätte er an diesem wundervollen Abend noch etwas erreicht, diese sanfte Zurückweisung hinderte ihn aber daran, weiter zu fragen.

Er legte brüderlich einen Arm unter ihren Kopf. „Ich tät’ froh sein, dass es zumindest so schön ist zwischen uns“, sagte er leise. „Ich könnt’s net ertragen, wennst jetzt plötzlich anders über mich denken tätst.“

„Warum sollt ich das denn tun?“, fragte sie verwundert. „Ich hatt’ nie einen besseren Freund, und wenn mein Herz reden könnt’, würd’s dir erzählen, was es empfinden kann. Hab noch ein bisserl Geduld, bitte.“

„Alle Zeit der Welt“, versprach er innig. Hätte er jetzt in ihr Gesicht geschaut, wäre ihm eine einzelne Träne aufgefallen, die sich in ihren Augen bildete. Aber Bernie blieb tapfer. Sie gab ihm einen schwesterlichen Kuss auf die Stirn.

„Bist unglaublich lieb“, erklärte sie und sprang dann gespielt munter auf. „Und nun komm, ich denk`, wir haben noch was vor.“

Wie zufällig führte der Weg der beiden Ärzte doch noch zum Hang, wo Horngruber wohnte. Sie waren in ein Gespräch vertieft, und für einen unbeteiligten, zufälligen Beobachter musste es so ausschauen, als würden sie wirklich nur einen Spaziergang zur Entspannung machen.

„Ach, schau nur, Daniel, ein ganzer Strauch voller Johannisbeeren. Die tät’ ich lieben. Da hat doch sicher keiner was dagegen, wenn ich mir eine Handvoll pflücken tät’.“

Bernie gab sich völlig unbefangen, als sie jetzt den Gartenweg betrat und die Hand nach den leuchtenden Beeren ausstreckte.

„Ach, sicher net. Warum tät’ der Horngruber was dagegen haben sollen?“, erwiderte Daniel leichthin. Doch da kam der Horngruber schon aus seinem Haus gelaufen. Wie eigentlich immer fuchtelte er wild mit seinem Stock herum. Doch Bernie war schneller und hielt schon eine Handvoll der Beeren in den Fingern.

„Die sollten S’ besser net essen, Frau Doktor“, knurrte der alte Mann.

„Ach, und warum net? Ich liebe Johannisbeeren. Aber ich wollt’ S’ natürlich net bestehlen. Wenn S’ wollen, zahl’ ich Ihnen was für die Früchte.“ Sie machte ein unschuldiges Gesicht.

Daniel vermeinte Angst und Besorgnis in den Augen des Mannes flackern zu sehen.

„Es geht net um die paar Beeren“, wehrte der Horngruber denn auch ab.

„Dann tät’ ich S’ net verstehen“, erklärte die Tierärztin und tat so, als wollte das Obst essen.

„Net“, rief der Horngruber und trat drohend einen Schritt näher. Daniel ging dazwischen.

„Ich kann ja noch verstehen, wenn S’ Ihre Rosen gegen die Kinder verteidigen. Aber was soll das jetzt?“, fragte er verstimmt.

„Diese – diese Beeren sind net gut genug für die Frau Doktor. Wenn S’ mögen, dann gehen S’ hinten in den Garten, da sind die Früchte besser. Diese hier sind net gut gewachsen in diesem Jahr.“

„Das kommt mir alles recht komisch vor“, erklärte Bernie und machte ein enttäuschtes Gesicht. „Aber jetzt mag ich nimmer. Behalten S’ Ihre Beeren, wenn Ihnen so viel daran liegt.“ Sie wandte sich ab und lief mit raschen Schritten davon.

„Ich glaub’ net, dass ich S’ richtig verstehen tät’“, meinte auch Daniel und übersah bewusst den unglücklichen Ausdruck im Gesicht des Mannes. „Ich tät’s mir auf jeden Fall merken. Ganz bestimmt werd’ ich S’ nimmer um ein paar Früchte fragen.“ Daniel lief hinter Bernie her, die natürlich unbemerkt eine ganze Menge der roten Köstlichkeiten in der Hand hielt.

„Und jetzt schaun wir mal, warum er sich so anstellt“, bestimmte die junge Ärztin. „Hast wohl alles in deinem Labor, oder müssen wir erst ins Krankenhaus fahren?“

„Du erstaunst mich immer wieder“, stellte Daniel ein bisserl bewundernd fest. „Ich weiß net, ob ich das mit der gleichen Dreistigkeit geschafft hätt’ wie du.“

„Ach, das war doch gar nix“, wehrte sie ab. „Was ist nun? Können wir hier loslegen?“

Er nickte lächelnd. „Ich denk’, es müsst alles da sein, was wir brauchen. Wie gut, dass ich ab und zu immer noch ein bisserl Zeit finde, um ein Hobby zu haben. Chemie hat mich schon immer fasziniert.“

„Dann ist’s doch endlich auch mal zu was gut“, meinte Bernie spöttisch, die nicht verstehen konnte oder wollte, dass jemand freiwillig seine karge Freizeit über einem Mikroskop verbrachte, um irgendwelche chemischen Reaktionen zu erforschen, die zu nichts weiter nutze waren, wie sie fand.

Wenig später beugten sich abwechselnd zwei Augenpaare über das Okular, und Daniel schüttelte schließlich den Kopf.

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Hast das wirklich ernst gemeint mit dem Versprechen?“, fragte der Stefan, während er mit Matthias wie in schönster Eintracht heimging.

„Ein Versprechen muss man halten, in jedem Fall. Das weißt ebenso gut wie ich. Aber es tät’ ja immer noch andere Möglichkeiten geben, so was zu umgehen“, erwiderte der Bursche.

Stefan schaute ihm mit neu erwachtem Respekt ins Gesicht. „Tätst ja schon reden wie ein Politiker.“

Matthias blickte ihn empört an. „Das ist net dein Ernst“, wehrte er ab, und der Stefan lachte.

„Na, sei net bös. Aber auch das Schönreden hilft uns jetzt nix weiter. Scheint, als ob ein jeder hier Bescheid wissen tät’.“

„Außer der Kathrin.“ Matthias seufzte abgrundtief auf. „Ja, und vielleicht haben wir wirklich einen Fehler gemacht. Ich für mich denk’ das jedenfalls grad. Wenn ich’s gefragt hätt’, wie’s zu mir steht, wär’ unsere Wette vielleicht sogar überflüssig gewesen.“

„Ach, tut’s dir am End gar leid?“ Spott klang aus der Stimme von Stefan, doch der andere schüttelte den Kopf.

„Ich glaub’ net. Irgendwie ist so ein Wettstreit schon was Besonderes. Und eigentlich wären wir dumm, täten wir aufgeben, bevor eine endgültige Entscheidung getroffen ist.“

„Na also, so wollt ich das hören. Bleibt also immer noch unsere letzte Aufgabe.“

Matthias nickte. „Ich will aber doch hoffen, dass du mir noch ein paar Tag Zeit lässt. Mit dieser großen Wunde mag ich net gern am Berg hängen.“

„Keine Einwände“, grinste der Stefan. „Was glaubst denn wohl, wie ich mich morgen früh fühlen werd’, nach dem Sturz heut’? Da täten wir beide noch Ruhe gebrauchen.“

Die Burschen hatten sich bei der Kirche unter die große Linde auf eine Bank gesetzt. Sie fühlten sich hier allein, obwohl in ein oder zwei Stunden dieser Ort ein beliebter Treffpunkt für die Jugendlichen sein würde, dann würde man keinen Platz mehr bekommen.

„Na, da hab ich ja gleich alle zwei Deppen beieinander. Ihr kommt’s mir grad recht, ich tät’ mit euch reden wollen.“ Unbemerkt war die Kathrin dazu gekommen. Ihre Worte klangen forsch und sicher, obwohl sie sich eigentlich ein wenig ängstlich fühlte.

Stefan und Matthias blickten auf, bei beiden zeigte sich eine leichte verräterische Röte im Gesicht. Doch das konnte auch täuschen. Und außerdem war es Kathrin egal, wenn sie nur rasch dieses Gespräch hinter sich brachte. Aber die Blicke der beiden Burschen konnte sie denn doch nicht übersehen, unerfüllte Liebe lag darin, der Wunsch, sie in die Arme zu nehmen und vielleicht auch ein bisschen mehr. Aber nichts da. Sie wollte keinen der beiden auch nur in Betracht ziehen, sie hatte ihr Herz endgültig verloren, selbst wenn es nicht für immer sein sollte.

„Warum wollst denn mit uns sprechen? Was gäb’s denn zu bereden?“, fragte Stefan ausweichend, während Matthias das Madl mit einem hungrigen Blick anschaute.

„Tust nur so dumm, oder willst mir einreden, wüsstest das wirklich net?“, fuhr sie ihn an. „Worüber tät’ ich denn wohl reden wollen? Über eure damische Wette natürlich.“

„Und woher weißt davon?“

„Pah, der ganze Ort red’ von nix anderem. Und ich kann dazu nur sagen, dass ich eure ganze Idee einfach lächerlich find’. Wenn einer von euch mit mir ausgehen wollt, wär’s doch wohl kein Problem gewesen mich zu fragen, oder? Dann hätt’ ich wenigstens gleich sagen können, dass ihr besser dorthin gehen könnt, wo der Pfeffer wächst. Aber das habt’s ja wohl net auf die Reihe gekriegt. Deshalb muss ich wohl von selbst mal ein Wörterl mit euch reden. So sag ich’s euch nun ein für allemal, ich will eigentlich mit keinem von euch was zu tun haben. Wenn ihr mir ein Wort gegönnt hättet, tätet ihr schon längst Bescheid wissen. Ich mag nimmer was mit Burschen anfangen, die sich derart narrisch benehmen. Also müsst’s euch net länger den Kopf zerbrechen, welchen Blödsinn ihr noch anstellen könnt. Gebt’s ganz einfach diesen depperten Plan auf, was auch immer ihr vielleicht noch vorhaben könnt.“

Sie drehte sich um und wollte gehen, doch Stefan hielt sie an der Hand fest.

„So kannst net einfach gehen, Kathrin“, sagte er rau. „Musst uns schon wenigstens eine Chance geben.“ Seine Augen flehten sie an, nicht einfach zu gehen.

„Eine Chance für was?“, schleuderte sie ihm entgegen. „Und müssen muss ich schon gar nix. War ich noch net deutlich genug? Hast immer noch net verstanden, dass ich keinen von euch will? Dann wiederhol’ ich’s noch ein letztes Mal. Ich mag keinen von euch beiden, weil ich mein Herz längst an einen anderen verloren hab.“

„Und du tätst es dir net doch noch mal überlegen?“ Matthias schaute sie flehend an, wobei er sich bemühte, die Enttäuschung über diese Worte nicht zu sichtbar werden zu lassen.

„Nimmer. Net einmal dann, wennst mir einen ganzen Strauß Edelweiß bringen tätst. Und nun wollt ihr mich entschuldigen, ich hab noch mehr zu als mich mit zwei Deppen aufzuhalten.“ Sie rannte förmlich davon, und die beiden Burschen schauten ihr betreten und unglücklich hinterher.

„Das – das hat sie net ernst gemeint“, stieß Stefan dann hervor.

„Oh, ich fürcht’ schon. Sie war jedenfalls deutlich genug.“

„Ach, geh, die Kathrin hat keinen andern, das tät’ doch sonst ein jeder hier wissen. Nein, ich denk’, sie wollt uns nur ein bisserl anstacheln, so als tät’ sie wissen, was wir noch vorhaben.“

Zweifel malten sich im Gesicht von Matthias. Er war tief betroffen von der Ablehnung des Mädchens. Sollte denn alles umsonst gewesen sein? Das war bitter. Doch Stefan gab die Hoffnung noch lange nicht auf.

„Willst doch jetzt net etwa kneifen?“, spottete er, um den anderen anzustacheln. „Nur weil die Kathrin sich net für einen von uns entscheiden kann? Nun, ich mein, wennst nimmer willst – dann hab ich ja wohl gewonnen. Dann kann ich’s mir auch jetzt gleich holen.“

Jetzt flammten Zorn und Empörung in den Augen vom Matthias auf. „Das tät’ dir so passen“, knurrte er grimmig. „So einfach wird’s net werden für dich. Was hat die Kathrin gesagt? Net einmal ein ganzer Strauß Edelweiß tät’ sie überzeugen? Genau das glaub’ ich net. Was meinst, wer von uns am meisten Edelweiß vom Berg holt, soll endgültig der Sieger sein. Schließlich wollten wir ja eh auf den Grimsteig. Einverstanden?“

Bewunderung spiegelte sich jetzt im Gesicht von Stefan. Genau das hatte er hören wollen, denn eigentlich glaubte er nicht, dass sein Rivale feige war und jetzt einfach aufgeben würde.

„Bist ja doch ein rechter Kerl. Freilich bin ich einverstanden. Aber, wie schon ausgemacht, ein paar Tag müssen wir schon noch abwarten, damit wir auch wieder fit sind.“

Die Burschen grinsten sich an wie Verschwörer und reichten sich dann die Hände. Es grenzte an Wahnsinn, was sie sich da grad vorgenommen hatten, denn Edelweiß wuchs oberhalb der Baumgrenze an fast unzugänglichen Stellen in den Bergen. Aber sie machten sich weiter keine Gedanken über das Risiko; sie wollten sich die Niederlage gegenüber dem Madl einfach nicht eingestehen.

Es war ausgesprochenes Pech, dass der Pfarrer, der sich die zwei nach dem Gespräch mit der Kathrin noch hatte vorknöpfen wollen, ausgerechnet ein paar Minuten vorher weggerufen worden war. So gab es niemanden, der die Verrücktheit der beiden Burschen unterbinden konnte.

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Das kann doch net wahr sein“, stieß Daniel Ingold hervor, und auch Bernie schüttelte den Kopf. „Ich tät’s net glauben, wenn ich’s net grad selbst sehen würd’. Wie kann der das nur tun? Weiß er denn net, was er damit angerichtet hat?“

Das Madl war erschüttert. Nach einigen Fehlversuchen hatten die beiden Ärzte herausbekommen, dass auf den Beeren aus dem Garten vom Horngruber eine feine Schicht eines Pflanzenschutzmittels lag; eines Mittels, das schon seit vielen Jahren verboten war, und von dem niemand so einfach glauben würde, dass es überhaupt noch Restbestände geben könnte. Die Vermutung von Daniel und Bernie war nun, dass der Horngruber sich auf diese Weise an den Kindern rächen wollte, die ihn praktisch täglich mit ihren kleinen Gemeinheiten ärgerten. Wahrscheinlich war ihm gar nicht bewusst, was er da anrichtete, denn sicherlich hatte es nicht in seiner Absicht gelegen, jemanden ernsthaft zu verletzen.

„Das müssen wir sofort unterbinden“, erklärte Bernie, und Daniel nickte dazu. „Und wir sollten besser niemandem etwas davon sagen. Das tät’ böses Blut geben, wenn’s im Ort bekannt wird. Ich denk’, wo ich jetzt weiß, was da drin ist, werd’ ich auch richtig etwas gegen die Krankheit unternehmen können. Aber wenn die Mütter hören, dass der Horngruber was auf die Früchte gespritzt hat, werden’s net besonders freundlich zu ihm sein.“

„Und das hast jetzt noch sehr höflich umschrieben“, stimmte die Tierärztin zu.

Gemeinsam machten sie sich noch einmal auf den Weg zum Horngruber, doch hier gab es plötzlich ungeahnte Schwierigkeiten, denn der alte Mann wollte die beiden net ins Haus lassen, um ein vernünftiges Gespräch zu führen.

„Was ihr zu sagen habt, das könnt’s auch hier draußen tun“, erklärte er mürrisch und abweisend. „Ich tät’ eh nix wissen, worüber wir noch was zu reden hätten.“

„Ich schon“, bemerkte Daniel trocken. „Da haben S’ so schöne Sträucher hier. Aber was haben S’ da drauf getan? Wissen S’ denn net, dass alle Kinder krank geworden sind, die von den Beeren gegessen haben? Und erzählen S’ mir net, S’ wüssten nix – sonst hätten S’ die Frau Doktor net davon abgehalten.“

„Das tät’ denen nur recht geschehen“, beharrte der alte Mann stur, der keine Anstalten machte zu leugnen. „Schließlich kommen’s alle Tag hierher, um mich zu ärgern und zu bestehlen. Da tät’ ich mich ja wehren müssen. Und wenn’s dann ein bisserl Durchfall haben, dann wissen’s beim nächsten Mal halt eben, dass man net einfach an anderer Leute Eigentum geht, und schon gar net andre Leute ärgern tät’.“

„Das sieht hier aber doch ein bisserl anders aus“, unterbrach Daniel ihn jetzt ernst.

„Ach ja, haben die Lausbuben sich womöglich bei den Eltern beschwert? Dann sollten die nur herkommen. Ich tät’ ihnen schon sagen, was ich davon halt, wenn die Racker ...“

„Die Kinder konnten sich schlecht beschweren, die sind nämlich ernsthaft krank geworden. Und das alles, weil S’ da was drüber gemacht haben.“

Die Augen vom Horngruber wurden groß und zornig. „Wollen S’ mir das jetzt anhängen, dass die Rangen so schlecht erzogen sind? Ich hab denen nie nix getan. Und wenn’s hierher kommen, um zu stehlen, dann verdienen’s auch nix besser.“

„Jetzt langt’s aber“, mischte sich Bernie ein und funkelte den alten Mann ebenso zornig an. Der wich einen Schritt zurück. „Ganz bestimmt kann ich verstehen, dass es net gut ist, wenn die Kinder herkommen und Unsinn anstellen. Aber das gibt Ihnen net das Recht. ..“

„Ach, lasst’s mich doch alle in Ruhe mit dem Schmarrn“, knurrte der alte Mann und wandte sich ab. Er fühlte sich völlig im Recht. Hatte er auf seinem eigenen Grund und Boden denn nicht das Recht, sich gegen diese aufdringliche ungezogene Rasselbande zu wehren, die ihn nicht einen Tag lang in Ruhe ließ? Es handelte sich schließlich um seinen eigenen Besitz.

„Horngruber, so einfach geht das net“, rief Daniel hinterher. „Wenn die Eltern was davon erfahren, könnt’s sein, dass die mit der Polizei reden und Anzeige erstatten.“

„Ja, und?“

„Verstehen S’ denn net? Das ist Körperverletzung, wenn man das juristisch sieht. Das ist kein Kinderspiel, und auch keine Notwehr mehr.“

„Ist ja Unsinn. Ich kann auf meine eigenen Beeren drauf tun, was ich möchte’, und wenn’s Pferdemist wär’. Wenn die Lauser dann stehlen, ist’s net meine Schuld.“

Es war auch nicht seine Schuld, dass ausgerechnet in diesem Augenblick auf der Straße Vreni Kollmannberger vorbeiging, die größte Klatschbase am ganzen Ort. Diese Frau sah und hörte alles, es war immer wieder erstaunlich, woher sie über alles und jeden so genau Bescheid wusste. Wenn sie das aber wenigstens für sich behalten könnte, dann wäre es ja noch erträglich. Aber Vreni hatte eine diebische Freude daran, ihr Wissen überall weiter zu verbreiten, so dass ein jeder in den „Genuss“ kam, die neuesten Gerüchte und Tatsachen zu erfahren.

Es war einer jener unglaublichen Zufälle, die es eigentlich gar nicht geben durfte, doch ausgerechnet Vreni Kollmannberger hörte einen guten Teil des Gesprächs. Dabei war sie nur auf dem Weg zu ihrer Freundin gewesen, um dort ein paar neue Gerüchte zu verbreiten. Doch die Lautstärke des Gesprächs, wie auch die ungewöhnliche Tatsache, dass der Herr Doktor und die Tierärztin gemeinsam den alten Horngruber aufsuchten, hatten natürlich die Neugier der wissensdurstigen Frau geweckt.

Neuigkeiten konnte man nur aus erster Hand erfahren, wenn man nicht offen danach fragte, das war einer der Grundsätze von Vreni. Andere Leute würden das als Lauschen bezeichnen, doch das nahm sie nicht so genau. So war sie gut versteckt hinter einem Gebüsch stehengeblieben und hatte die Ohren gespitzt.

So, der Horngruber hatte also irgendetwas auf seine Früchte gespritzt oder gestreut, und davon waren die Kinder am Ort krank geworden? Das war ein starkes Stück! Ja, hatte der denn keinen Anstand im Leib? Das musste ein jeder im Ort am besten sofort erfahren.

Vreni lauschte noch weiter, obwohl ihr vor Empörung die Ohren rot wurden. Was wollten die beiden Ärzte denn jetzt noch unternehmen?

„Herr Horngruber, wenn bekannt werden tät’, dass S’ schuld sind daran, dass die Kinder krank werden, dann weiß ich net, was hier passieren tät’“, gab Daniel Ingold jetzt zu bedenken.

„Was soll das heißen?“ Jetzt endlich erkannte der alte Mann, dass die ganze Sache doch nicht so einfach war, wie er sich das gedacht hatte. „Ich hab doch nix weiter getan, als mein Eigentum verteidigt.“

„Aber mit welchen Mitteln?“, gab Bernie zu bedenken. „Ich denk’, es wär’ das Beste, wenn S’ uns erst mal zeigen, was S’ dazu benutzt haben. Und dann sollten wir schnell die restlichen Beeren pflücken, damit net noch mehr Kinder krank werden können.“

„Ja, das tät’ dann vielleicht wirklich das Beste sein.“ Die Augen des alten Mannes wurden nachdenklich, als er jetzt nicht mehr daran dachte, dass die Kinder ihn geärgert hatten. Er hatte ihnen ja nur einen Denkzettel verpassen wollen. Es tat ihm nun doch leid, dass das Ganze so eskaliert war.

Er holte eine alte, schon leicht angerostete Dose aus dem Schuppen und drückte sie dem Doktor in die Hand.

„Das Zeugs da hab ich schon lang nimmer benutzt. Es stand immer in der Ecke. Aber ich dacht’, es tät’ nix weiter schaden.“ Verlegenheit spiegelte sich jetzt in seinem Gesicht, während Daniel voller Unglauben und Entsetzen die Dose mit den Aufschriften musterte.

„Aber das ist ja mehr als zwanzig Jahre alt“, erkannte der Arzt fassungslos.

„Na, ich sag’s doch, es hat in der Ecke gestanden.“

„Das ist ein Pflanzenschutzmittel, das schon lang verboten ist. Außerdem steht’s auch drauf, dass man nix von dem essen soll, wo man’s benutzt hat. Jedenfalls eine Woche net.“

Der Horngruber zuckte die Schultern. Er hatte einen Fehler gemacht, was sollte er jetzt noch dazu sagen?

Bernie hatte sich derweil nützlich gemacht und mit flinken Fingern die Beeren gepflückt, die sie in einer kleinen Schüssel sammelte, die hier gestanden hatte.

„Haben S’ das Zeugs noch woanders benutzt?“, wollte sie jetzt wissen.

Kopfschütteln.

„Na, dann wird’s ja wohl bald aufhören. Kannst jetzt wenigstens richtig was gegen die Krankheit unternehmen, Daniel?“

Der Arzt nickte. Aus den Augenwinkeln sah er nun Vreni mit raschen Schritten davongehen. Er seufzte auf. „Die hat uns grad noch gefehlt. Wenn die auch nur ein Wort mitgekriegt hat, dann ist die ganze Geschichte schon schneller im Ort herum, als wir Ja und Amen sagen können.“

Auch Bernie schaute hinterher, machte dann Anstalten hinterher zu laufen, doch Daniel hielt sie zurück. „Bloß net, wennst versuchst sie davon abzuhalten oder zu bitten zu schweigen, machst es eher noch schlimmer. Ist wohl zu spät, um was zu verhindern.“

„Na, dann werd’ ich’s wohl durchstehen müssen“, murmelte der Horngruber. „Himmel, ich hab mich doch nur verteidigen wollen. Aber jetzt scheint’s, als hätt’ ich einen riesigen Fehler gemacht.“

Die Buschtrommeln in Form von Vreni Kollmannberger waren wirklich unglaublich schnell gewesen. Schon am nächsten Tag schwirrte ganz Hindelfingen von Gerüchten. Und wie bei dem alten Kinderspiel „Stille Post“ hatte ein jeder was anderes gehört und dichtete einfach noch ein bisschen was dazu. So entstanden die wildesten Geschichten, und ein großer Teil davon landete natürlich in der Arztpraxis, wo Hermine und Maria alle Hände voll zu tun hatten, um aufgeregte Menschen zu beruhigen.

In den meisten Fällen gelang das zum Glück auch.

Daniel hatte den beiden kurz und knapp die Wahrheit erzählt, und nach der ersten Bestürzung hatten sie auch für den Horngruber Verständnis entwickelt. Jedenfalls soweit es sein Recht betraf, sich gegen die Belästigungen der Kinder zu wehren. Die Mittel, die er angewendet hatte, gefielen ihnen eher weniger. Aber das spielte keine Rolle, solange die Gerüchte ein wenig eingedämmt werden konnten. Das ging erst dann nicht mehr, als Ursel Korbmacher auftauchte und energisch mit dem Doktor zu reden verlangte. Sie war auch nicht durch beschwichtigende Worte zu beruhigen, ebensowenig wie die Mütter der anderen betroffenen Kinder.

Obwohl Daniel aufgrund der Zusammensetzung des Mittels nun endlich genau wusste, welche Medikamente er einsetzen musste, um den erkrankten Kindern schnell zu helfen, war der Zorn in den Familien so groß, dass der Arzt befürchtete, jemand könnte auf die verrückte Idee kommen, sich an dem alten Horngruber zu rächen. Es war schon besser, wenn er etwas unternahm, um die aufgeregten Menschen zu beruhigen. Vor allem fand er es an der Zeit, den Gerüchten die Nahrung zu entziehen, und mit offenen Karten zu spielen.

Also bat er alle, die es anging, oder auch nicht, zu einem Gespräch am nächsten Tag ins Schulgebäude. Er wollte mit ihnen allen reden.

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Die Ausrüstung war wichtig, auch dann, wenn man gar nicht bis zum Gipfel hinauf wollte. Aber jeder Gang auf den Grimsteig erforderte eine gute Vorbereitung und genaue Kontrolle.

So hielten es auch Stefan und Matthias.

Die Ungeduld der beiden Burschen ließ es auch nicht zu, dass sie so lang warteten, bis die Wunde am Arm von Matthias richtig ausgeheilt war.

Nach dem Gespräch mit Kathrin waren beide fest davon überzeugt, dass es endlich einen Sieger geben musste, dann würde die junge Frau ihre Meinung schon noch ändern. Und dass sie etwas für einen anderen empfand, war doch sicher nur Gerede, sonst hätte sie doch längst feste Verabredungen mit demjenigen, und alle würden darüber Bescheid wissen.

So blieben die beiden Burschen in der festen Überzeugung, dass sie nur hartnäckig genug bleiben mussten.

Sie hatten mit dem Fernglas lange Zeit den Berg abgesucht. Edelweiß wuchs versteckt in Felsspalten und war nicht leicht zu entdecken. Doch sie hatten was gefunden, und der Aufstieg dorthin würde nicht einmal besonders schwierig sein, so schaute es jedenfalls aus.

Natürlich sprachen sie zu niemandem über ihr Vorhaben, man würde ganz sicher versuchen, sie zurückzuhalten.

Die Zeiten, da Burschen unbedingt in den Berg gingen, um der Liebsten Edelweiß zu pflücken, waren eigentlich vorbei. Diese Art von Mutproben war nicht mehr zeitgemäß. Aber gerade deswegen hatten sie sich förmlich darauf versteift. Es würde nicht reichen, einen Strauß der kostbaren Blüten beim Gärtner zu kaufen, denn die waren ja nur gezüchtet. Es mussten unbedingt die aus der freien Natur sein, mochten sie auch unter Naturschutz stehen. Die Strafe würden sie halt eben bezahlen, wenn es denn sein musste.

Hätten die Burschen ihre überschüssige Energie da hinein gesteckt, gegenseitig ihre Freundschaft zu vertiefen, wär es sicher klüger gewesen. Doch wo das Herz spricht, hat der Verstand nicht mehr viel zu sagen.

Unbemerkt trafen sie ihre Vorbereitungen, und es fiel keinem auf, dass sogar die langen Seile für die Bergtouren aus dem Schuppen verschwanden.

Früh morgens machten sich auf den Weg. Das erste Stück wollten sie gemeinsam in Angriff nehmen, später würden sie sich trennen. Das war nicht ungefährlich, nach der Ansicht der Burschen aber notwendig. Wie sonst sollte ein jeder „sein“ Edelweiß finden?

Der Wetterbericht versprach klare Sicht und Sonne, ein plötzlicher Einbruch von Unwetter oder gar Schnee war nicht zu erwarten.

Am Fuß des Berges, direkt oberhalb der Baumgrenze, reichten sie sich noch einmal die Hand, dann ging es an den Aufstieg. Beide bestiegen diese Wand nicht zum ersten Mal, sie waren guter Hoffnung, am späten Nachmittag oder Abend wieder hier unten zu sein und endlich einen Sieger zu haben. Das musste Kathrin dann wirklich anerkennen.

Keiner bedachte bei dieser Dummheit, dass das Madl vielleicht doch die Wahrheit gesprochen hatte und keiner der beiden eine Chance besaß.

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Im Gymnasium wurden die beiden Burschen von den Kameraden vermisst. Sie standen im letzten Jahr vor dem Abitur, und jeder versäumte Tag konnte sich auf die eine oder andere Art schlecht auf die Noten auswirken. Die Lehrer machten einen Vermerk in den Klassenbüchern, aber die Mitschüler begannen zu tuscheln und auch zu überlegen.

Doch alle Spekulationen nutzen natürlich nichts, solange niemand darüber Bescheid wusste, was Stefan und Matthias nun wirklich taten. Wer sollte auch schon wissen, dass die zwei längst in der Wand hingen und sich anstrengten, um möglichst rasch in die Höhe zu kommen?

Das war aber gar nicht so einfach, wie sie feststellen mussten. Bisher hatten sie immer einer ganzen Seilschaft von fünf bis sieben Leuten angehört. Nun hingen die zwei allein da und sahen sich plötzlich vor große Probleme gestellt.

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Es hatte Hermine und Maria heute schon eine ganze Menge Nerven gekostet, die aufgebrachten und empörten Familien zu beruhigen, die sich hier im Schulgebäude eingefunden hatten. Der Doktor war durch einen Notfall verhindert und würde erst später kommen. Solange hatten seine treuen Helferinnen die wahrlich schwere Aufgabe übernommen die Leute etwas zu beruhigen.

Aber so ganz richtig war ihnen kein Erfolg beschieden. Besonders Ursel Korbmacher hatte sich zur Sprecherin der anderen gemacht, und ihre kräftige Stimme übertönte mühelos die Worte von Hermine, die jetzt aber auch langsam ärgerlich wurde.

„Am besten setzt dich erst mal hin und hörst zu“, forderte sie die aufgebrachte Mutter von Sebastian auf.

„Warum tät’ ich das tun sollen? Es kann doch wohl nimmer angehen, dass so ein alter Mann dahergeht und unsere Kinder vergiftet“, rief Ursel dagegen.

Minchen hob die Augenbrauen und musterte die Frau intensiv. „Hast schon mal drüber nachgedacht, dass dein Basti net nur diesen alten Mann jeden Tag aufs Neue geärgert hat, sondern auch dessen Obst einfach gestohlen hat?“, gab sie zurück. „Da hat er schließlich nix dran zu suchen gehabt.“

Für einen Moment wirkte Ursel betroffen. Bei aller verständlichen Aufregung hatte sie diese Tatsache einfach unter den Tisch fallen lassen. „Das spielt doch keine Rolle“, hielt sie dann dagegen. „Jedes Kind nascht mal irgendwo. Aber das heißt net, dass der alte Mann da einfach machen kann, was ihm passen tät’.“

„Oh, denk’ ich schon, er kann tun, was er will. Ist doch schließlich sein Eigentum“, mischte sich jetzt eine andere Stimme ein. Daniel Ingold war endlich eingetroffen. Es war nicht unbedingt seine Meinung, die er jetzt aussprach, aber er wollte die Frau ein wenig bremsen in ihrer Rede. „Ich tät’ mir grad vorstellen, was S’ sagen täten, würd’ man Ihnen Vorschriften machen, was S’ in Ihrem Garten anstellen. Kein Dünger auf das Gemüse, nix tun dürfen gegen Maulwürfe, Schnecken und was da sonst noch kreucht und fleucht. Da wollt ich net hören, wie S’ dagegen angehen. Aber anderen Leuten täten S’ jetzt Ihrerseits Vorschriften machen wollen?“

Ursel Korbmacher schwieg plötzlich betroffen. So hatte sie das Ganze natürlich noch gar nicht gesehen.

„Bevor jetzt aber ein jeder daher redet, wär’s wohl das Beste, wenn ich erst mal versuch’ zu erklären, was überhaupt wirklich passiert ist. Und dann können wir weiterreden. Ich bin nämlich auch net so ganz damit einverstanden, wie der Horngruber das angefangen hat.“

Daniel ging nun von der Tür zum Pult der Lehrerin, und bei jedem Schritt spürte er die Blicke der Menschen fast körperlich, doch er gab sich unbeeindruckt und sicher.

„Ich hab Sie alle hergebeten, weil ich denk’, es ist am besten, wenn S’ aus erster Hand erfahren, was nun eigentlich passiert ist. Nach den Geschichten, die ich gestern und heut’ hab hören müssen, hatt’ ich schon das Gefühl, ich wär’ im Irrenhaus.“

Leises Gelächter klang auf, jeder wusste recht genau, wie solches Gerede zustande kam. Auch um Daniels Lippen spielte ein Lächeln, doch er wurde gleich wieder ernst.

„Es schaut also so aus, dass der alte Horngruber seinen Garten und damit sein Eigentum verteidigt hat. Er ist ein Polterer, wie wir ja nun alle wissen, aber eigentlich hat das bisher niemanden gestört. Im Gegenteil, wir alle haben uns an den Rosen erfreut, die er züchtet. Nun tät’s aber ein paar Buben und Dirndln geben, die täglich nach der Schule dahergehen und den alten Mann ärgern. Weil er sich net mehr anders zu helfen wusst’, hat er zu einem ungewöhnlichen Mittel gegriffen, um die Kinder fernzuhalten. Wohlgemerkt, ich sag net, dass ich diese Methode gut find’. Schon gar net, wo ich zu Anfang net einmal recht sagen konnt’, was den Kindern passiert war. Offenbar hat der Horngruber net gewusst, dass er mit seinem Mittel eine Katastrophe auslösen konnt’. Aber er wollt ja nix weiter, als den Kindern einen Denkzettel zu verpassen. Das war schließlich auch net fein, was die da getan haben, und einige der Eltern sollten mal drüber nachdenken. Nun, soweit sind das die Tatsachen. Alle Kinder werden in wenigen Tagen wieder ganz gesund sein. Es tut also wohl net not, dass sich noch jemand unnötig aufregen tät’.“

„Und warum net?“, fauchte jetzt wieder Ursel, die absolut nicht einsehen wollte, dass auch ihr Basti nicht gerade ein Engel war. „Ich tät’s unmöglich finden, dass sich da jemand das Recht nimmt, andere krank machen zu wollen, um sich zu rächen. Kinder täten nicht immer wissen, was gut und richtig ist, aber so ein alter Mann sollt’ das wohl unterscheiden können. Der kann sich net rausreden, er hätt’ net gewusst, was er tat.“

„Wirklich net?“, fragte der Daniels sanft. „Alle eure Kinder, die den Horngruber geärgert haben, sind alt genug, um zu wissen, dass man das auch net tut.“

„Es tät’ keine Entschuldigung geben, auch wenn S’ mit Engelszungen auf uns einreden wollten. Und deswegen werd’ ich jetzt auf der Stelle zum Horngruber gehen und ihn zur Rede stellen. Wie stellt er sich das vor, unseren Kindern Wiedergutmachung zu leisten?“

„Aber so geht’s auch nimmer“, protestierte der Daniel, kam jetzt aber nicht mehr durch mit seinen Worten.

„Wollt’s mitkommen?“, rief Ursel in den Raum hinein, und sofort sprangen noch ein paar Leute auf.

„Aber so hört doch mal zu, das könnt’s ihr net so einfach tun“, versuchte der Arzt den aufkommenden Tumult zu übertönen.

„Und ob wir das können“, rief jemand aus der Menge.

Eine ganze Gruppe von Leuten drängte aus der Tür, und Daniel sah ausgesprochen unglücklich aus. War es wirklich eine so gute Idee gewesen, sie alle hier zusammenzurufen? Na ja, es war schon nötig gewesen, all dem dummen Gerede entgegenzutreten. Nur dass sich das Ganze jetzt plötzlich außer Kontrolle bewegte, hatte wohl niemand vorhersagen können.

Noch einmal unternahm er den Versuch, die Leute aufzuhalten. Wer allerdings schon an der Tür oder hinaus war, hörte nicht auf seine Worte.

Resigniert ließ er für einen Moment den Kopf hängen, doch dann straffte er sich wieder. So ging es nicht! Wenn die Leute unbedingt alle zum Horngruber laufen wollten, dann musste er das halt auch tun.

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Schlag den Haken tief ein“, rief Stefan nach oben.

Die beiden Burschen wechselten sich in der Führung ab, obwohl Stefan großzügig angeboten, hatte das allein anzugehen. Doch Matthias wollte das nicht als eine Art Geschenk annehmen.

„Gleiches Recht für alle“, war seine Antwort gewesen.

So hing er nun oben, klammerte sich mit der linken Hand fest, und schlug mit der Rechten neue Haken ein, wo nicht noch welche von der letzten Besteigung vorhanden waren. So sicherte er den Weg, was auch Stefan tat, wenn der führte.

Auf kleinen Vorsprüngen hielten die Burschen zwischendurch inne, machten kurze Pausen und wechselten dabei. Längst war Mittag vorüber, die Sonne brannte heiß auf die Felsen, doch ein erfrischender Wind kühlte immer wieder die erhitzten Körper.

Erneut prüfte Matthias die Haltbarkeit eines Hakens in der Wand, als sein Blick auf eine versteckte Nische fiel. Etwas Weißes leuchtete daraus hervor, und der Bursche hielt den Atem an. Hier, an einer fast unmöglichen Stelle, wuchs tatsächlich ein Edelweiß.

„He, was machst denn so lang?“, klang die Stimme von Stefan herauf.

„Nun wart’ ein Momenterl, es geht ja gleich weiter.“

„Kannst nimmer? Wär’s doch besser, wenn wir wieder wechseln täten?“

„Nein, braucht’s net.“ Matthias griff in die Nische. Er musste sich heftig strecken, um mit den Fingern danach zu angeln.

„Hast das Ei des Kolumbus gefunden, oder was suchst da?“, fragte Stefan, der erstaunt verfolgte, dass der andere Bursche offensichtlich nach etwas suchte.

Jetzt! Matthias fühlte ein ungeheures Glück in sich, als er spürte, dass seine tastenden Finger Erfolg hatten und eine einzelne Blüte abbrachen. Es war wirklich nur eine einzelne Blüte, wie er gleich darauf feststellte. Keine Chance also für Stefan, selbst wenn der die Pflanze noch entdecken sollte.

„Geht ja schon weiter“, brummte er zufrieden und setzte den Weg nach oben fort.

Ein kalter Windstoß ließ die Burschen plötzlich schaudern. Wo kam denn der heftige Wind her? Der Wetterbericht hatte nichts davon angekündigt. Aufmerksam musterten beide Burschen den Himmel. Nur ein paar kleine Wölkchen trieben über das tiefe Blau, kein Unwetter in Sicht. Aber der Wind wurde stärker, und plötzlich tauchten auch direkt über ihnen, vom Berg her kommend, dicke Wolken auf. Schlagartig wurde es empfindlich kalt.

„Wollen wir umkehren?“, bot Stefan an, dem dieses Wetter nicht geheuer war. Ihm schien es fast, als hätt’ der Himmel was dagegen, dass sie beide diesen Wettstreit zu Ende führten.

„Aufgeben? Jetzt? Hier? Nimmer“, bestimmte Matthias und nahm energisch das nächste Stück in Angriff.

Noch etwa zwanzig oder dreißig Meter aufwärts, dann würden sich die beiden trennen. Es gab dort eine Art Kante, einen ausgedehnten Vorsprung, auf dem ein Mensch rechts und links ein ganzes Stück allein mit der Seilsicherung weitergehen konnte. Dort wuchsen auch einige Stauden Edelweiß, wie die Burschen mit den Ferngläsern entdeckt hatten. Ob sie auch das Glück hatten die Blüten zu erreichen, war eine andere Frage.

Beide machten erst einmal Pause, dann überzeugten sie sich, dass ihre Sicherungsleinen absolut fest verankert waren.

Die beiden Burschen lächelten sich siegessicher an, und ihre Wege trennten sich für kurze Zeit. Stefan ging nach links, Matthias nach rechts. Er hatte eine weitere kleine Nische in Auge, und er hoffte, dass er dort noch einmal fündig werden würde. Doch leider konnte er allein die Nische nicht erreichen. Nun gut, es gab noch mehr Möglichkeiten. Er lehnte sich eng an den Felsen und tastete sich stückchenweise voran. Nach einer guten halben Stunde hatte er vielleicht zehn Meter zurückgelegt, eine weitere Blüte gefunden, und nun war er gleichzeitig verschwitzt und durchgefroren. Der kalte Wind hatte nachgelassen, nur die im Felsen gespeicherte Wärme verhinderte, dass seine Hände klamm und der Körper unterkühlt wurden.

Wahrscheinlich ging es Stefan nicht besser. Ob der wohl mehr Erfolg gehabt hatte? Egal, es war höchste Zeit, dass sie sich an den Abstieg machten, sonst würden sie es vor der Dunkelheit nicht mehr schaffen, festen Boden unter den Füßen zu haben.

„Stefan?“, rief der Bursche.

Keine Antwort.

So weit konnte der andere doch gar nicht gekommen sein. Und der Schall hier am Berge trug recht gut.

„Stefan? Sag was. Wo steckst denn?“

Durch die vorspringende Felsformation konnte Matthias nicht weit voraussehen. Doch dann blieb ihm förmlich das Herz stehen, als er bemerkte, dass das Sicherungsseil nicht waagerecht am Berg weiterführte, sondern straff gespannt nach unten reichte.

Stefan war abgestürzt.

Trotz der aufsteigenden Panik versuchte der Matthias ruhig zu bleiben. Es hatte keinen Zweck, jetzt übereilt etwas zu tun und sich selbst ebenfalls in Gefahr zu bringen. Er kontrollierte noch einmal seine eigene Sicherung. Dann holte er eine Lampe mit einem Blinklicht hervor, befestigte sie an der Wand und schickte ein Stoßgebet gen Himmel. Eigentlich sollte unten im Tal früher oder später jemand das Zeichen auffallen. In regelmäßigen Abständen leuchtete ein grelles orangefarbenes Licht auf und machte so hoffentlich auf die Notlage aufmerksam.

Erst jetzt legte der Bursche sich auf den Boden, griff nach dem Seil von Stefan und zog daran.

„Stefan, bist bei dir? So sag doch was.“ Angst klang aus der Stimme vom Matthias. Ein Stöhnen kam von unten, dann ein kräftiger Fluch.

„Hast dich verletzt?“, fragte Matthias.

„Ich fürcht’, ja.“

Der Bursche war so erleichtert, die Stimme des anderen zu hören, dass ihm fast die Tränen gekommen wären.

„Kannst wieder raufkommen?“, war die nächste Frage.

„Ich – will’s – versuchen. Musst mir – helfen.“

Matthias griff nach dem Seil. Viel konnte er nicht tun, der andere war zu schwer, um ihn allein hochzuziehen. Aber wenn er zwischendurch das Seil immer wieder ein Stückchen befestigte, dann sollte es Stefan wohl möglich sein, diesen kleinen Vorsprung wieder zu erreichen.

Eine quälende Stunde weiter konnten sich die beiden Burschen gerade an den Fingerspitzen erreichen, aber Stefan hatte keine Kraft mehr, um noch weiter zu machen. Er hatte sich bei dem Absturz den linken Arm verletzt. Jede Bewegung war für ihn eine Qual, mittlerweile hatte er nicht mehr die Beherrschung, um seine Schmerzen und seine Erschöpfung zu unterdrücken.

„Tut mir leid“, sagte er leise. „Ich hab net genug aufgepasst. Hast schon Hilfe gerufen?“

„Das Blinklicht ist schon eine ganze Weile an“, gab Matthias zurück. „Und mach’ dir net zuviel Sorgen, früher oder später wird einer das sehen, und dann haben’s uns schnell gefunden.“

„Hast denn kein Handy dabei?“, fragte der Stefan verblüfft.

„Nein, wozu?“

„Ach, du Depp. Na, dann wird’s aber Zeit, dass du meines benutzt. Ich schaff’s net.“ Stefan stöhnte auf, als er mit der rechten Hand in seinen Taschen suchte, um sein Telefon herauszuholen. Schließlich gelang es ihm, und Matthias machte sich so lang wie möglich, um das Gerät zu erreichen.

„Ruf am besten gleich die Bergwacht. Die Nummer ist gespeichert. Hauptsache, es geht schnell. Ich weiß net, wie lang ich das hier noch aushalten kann. Mach’s ein bisserl dringend“, setzte er mit einem Anflug von Galgenhumor hinzu.

Die Ironie war verschwendet, denn Matthias hatte zuviel Angst, um darauf einzugehen. Es dauerte aber nicht lang, bis er jemanden am anderen Ende hatte und die schwierige Situation schilderte, in der er mit dem Stefan steckte.

„Es kommt ein Unwetter herauf. Mit dem Hubschrauber werden wir euch net holen können, der Wind ist schon zu stark“, kam die deprimierende Antwort. „Wir schicken eine Seilschaft. Zieht’s euch warm an und haltet durch.“

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Erstaunt blickte Valentin Horngruber auf die Gruppe von Menschen, die ungefragt in seinen Garten hineinliefen. Allen voran schritt energisch Ursel Korbmacher.

„Da ist er ja, der Giftmischer“, rief sie laut, und dem alten Mann klappte die Kinnlade herunter. Was hatte das denn zu bedeuten? Und wie hatte sie ihn genannt? Giftmischer? Das war ja wohl die Höhe!

„Was wollt’s ihr denn von mir?“, fragte er verdutzt.

„Wir täten wissen wollen, wie du dazu kommst, unsere Kinder zu vergiften.“

„Nun langt’s aber. Ich hab das net gewollt, net so, jedenfalls.“ Der Horngruber war leichenblass geworden. Er spürte die Stimmung in den Menschen, und die war nicht gerade freundlich. „Das müsst’s mir schon glauben. Ich wollt doch net ...“

„Du hast aber“, brüllte Ursel und trat einen Schritt näher, wobei sie eine drohende Geste machte. Sie kümmerte sich auch nicht darum, dass sie den Mann einfach duzte, in ihrem Zorn war ihr jedes Mittel und jedes Wort recht.

Der alte Mann röchelte plötzlich und griff sich an die Brust.

„Musst jetzt gar net so tun, als tät’s dir schlecht gehen“, fauchte sie ihn an.

Der Horngruber sagte gar nichts mehr, er fiel einfach in sich zusammen. Jetzt bekam die Frau doch einen Schreck. Das war nicht gespielt, das war ernst. Und das hatte sie auch nicht gewollt.

„Holt’s den Doktor, rasch“, rief sie und beugte sich über den am Boden liegenden Mann.

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Es wird bitter kalt. Hast eine Jacke dabei?“, fragte Matthias seinen Freund Stefan, der noch immer in seinem Geschirr am Seil von der Wand hing. Er schaffte es einfach nicht, genügend Kraft aufzubringen, um auch das letzte kleine Stück bis auf den Vorsprung zu klettern. Hier oben war die Sonne schon lang nicht mehr zu sehen, und die Temperaturen fielen immer weiter ab.

„Ich komm net dran“, erklärte der Stefan deprimiert, der sich kaum noch rühren konnte, weil die Schmerzen immer mehr zunahmen.

Matthias überlegte nicht lange. Er selbst hatte auch nur eine leichte Jacke dabei, schließlich war es nicht geplant gewesen, bis zum Abend im Berg zu bleiben. Aber wenn der Kamerad mit der Verletzung noch weiter auskühlte, würde er vielleicht nicht mehr lebend davonkommen. Es war also wichtig, ihn warm zu halten.

„Komm näher, wir schaffen das irgendwie.“ Der Matthias zog am Seil, um den anderen heranzubringen. Mit Mühe gelang es ihm, Stefan die Jacke über die Schultern zu legen.

„Und du?“, fragte der.

„Ich komm schon klar. Es kann ja auch nimmer lange dauern, bis die Rettungsmannschaft uns hier findet. Zwei oder drei Stunden müssen wir aber irgendwie noch aushalten.“

„Matthias?“ Die Stimme von Stefan klang leise und gepresst.

„Ja?“

„Ich hab Angst“, gestand der Bursche.

„Ich auch“, gab der Matthias zu.

„Ich glaub’, wir zwei haben eine ziemliche Dummheit gemacht. Wir hätten vielleicht doch besser noch mal nachdenken sollen. Kannst das entschuldigen, dass ich so drauf bestanden hab?“

„Da war ich doch genauso deppert“, erwiderte Matthias reumütig. „Wir haben gemeinsam den Fehler gemacht, und nun müssen wir’s gemeinsam ausbaden. Wir werden’s schon überstehen. Wird schon schief gehen.“

„Weißt, Matthias, wenn ich nun schon mal in einer so miesen Situation bin, dann sollt’ ich eigentlich froh sein, dich dabei zu haben. Mit dir gemeinsam hab ich ein bisserl weniger Angst. Eigentlich sollten wir endlich Freundschaft schließen.“

„Wir sind doch schon Freunde, oder net? Und eigentlich scheint’s mir egal, wer nun die Kathrin bekommt. Hauptsache, wir kommen hier heil und gemeinsam wieder weg.“ Matthias hatte klar erkannt, worauf es im Leben wirklich ankam.

„Bist schon ein feiner Kerl. Ich dank dir.“

Erst jetzt, in dieser wirklich gefährlichen Situation, erkannten die beiden Burschen, dass eine echte treue Freundschaft unbezahlbar und durch nichts zu ersetzen war. Spontan streckten sie die Hände aus, ihre Fingerkuppen berührten sich und schlossen damit einen festen Bund.

„Jetzt müssen wir nur noch warten. Halt durch, Stefan. Ich bin sicher, es wird nimmer lang dauern.“

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Daniel Ingold drängte sich durch die Menschen, die sich hier im Garten versammelt hatten. Sein Blick streifte den einen oder anderen, und die Köpfe senkten sich betreten zu Boden.

„Habt’s jetzt erreicht, was ihr gewollt habt?“, fragte er bitter. „Der alte Mann hat nix weiter gewollt, als ein bisserl in Ruhe gelassen zu werden. Er hat sich schützen wollen, vielleicht mit den falschen Mitteln, aber es war sein gutes Recht. Und jetzt habt’s ihr ihn soweit getrieben, dass er da liegt, ja?“

Der Doktor hatte nun den alten Horngruber erreicht, und der Blick, den er Ursel Korbmacher zuwarf, ließ die Frau zurückweichen. Sie, die ihren Sohn selbst im Unrecht mit Zähnen und Klauen verteidigte, hatte hier und jetzt einsehen müssen, dass auch sie einen Schritt zu weit gegangen war. Wohl zum ersten Mal in ihrem Leben schämte sie sich abgrundtief.

„Das hab ich net gewollt“, murmelte sie, während Daniel bereits das Herz des alten Mannes abhorchte und dann zu einer Spritze mit Adrenalin griff. Er musste rasch handeln, um das Leben des Rentners zu retten. Eigentlich war die ganze unglückliche Situation aus einer Kette von Dummheit und Missverständnissen entstanden, und wenn man es genau betrachtete, hatte ein jeder aus seiner Sicht ein bisschen Recht – und ein bisschen Unrecht.

„Ich – ich glaub’, wir haben da alle einen Fehler gemacht. Wir sollten heimgehen und noch mal drüber nachdenken“, erklärte Ursel jetzt betroffen.

„Eine glänzende Idee, auch wenn’s ein bisserl spät kommt“, bemerkte Daniel leicht ironisch. Er atmete auf. Zum Glück war er gleich zur Stelle gewesen, der Horngruber würde durchkommen, aber er musste für ein paar Tage ins Krankenhaus. Das Wichtigste war jedoch, dass durch diesen Vorfall die Leute ins Nachdenken kamen. So bestand vielleicht doch noch Hoffnung, dass sich einiges zum Guten wenden würde.

„Daheim könnt’s ihr alle mal drüber nachdenken, wie ihr das wieder gut machen wollt, dass der alte Mann hier knapp dem Tode entkommen ist. Meint ihr alle zusammen denn net auch, dass es klüger und besser wär’, wenn man gemeinsam was schaffen tät’? Überlegt euch das gut.“

„Ich denk’, uns wird schon was einfallen“, versprach Ursel jetzt tapfer. „Los, Leut’, genug gegafft. Geht’s heim, wir reden morgen miteinand’.“

Daniel wirkte erleichtert. Aber warum musste immer erst ein Unglück passieren, bevor die Menschen klug wurden? Konnten sie denn nicht nachdenken, solange noch Zeit dazu war? Er hätte sich die Seele aus dem Leib reden können, und keiner hätte zugehört. Aber jetzt waren sie alle erschüttert.

Der Krankenwagen kam erstaunlich schnell und lenkte den Doktor von seinen trüben Gedanken ab. Nun klingelte auch noch sein Telefon, und schon an der Melodie hörte er, dass es sich um einen Notruf handelte.

Nicht noch eine Katastrophe!, schickte er ein Stoßgebet zum Himmel.

Fassungslos hörte er dann zu, dass man eine Rettungsmannschaft auf den Berg schicken musste, um zwei Burschen aus Bergnot zu retten.

Stefan und Matthias, schoss es dem Arzt durch den Kopf, noch bevor er die Bestätigung dafür bekam.

„Ich komme sofort“, versprach er und rannte zu seinem Auto. Bis zum Aufstiegspunkt war er mit dem Wagen schneller als zu Fuß. Aber dann musste er warten – oder selbst ebenfalls den Aufstieg wagen.

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Ich kann nimmer, ich halt das net länger aus“, stöhnte Stefan.

Hier droben war es mittlerweile empfindlich kalt geworden, während drunten im Tal die Sonne alles in ein leuchtend rotes Licht tauchte.

Auch Matthias fror, er hatte seine Jacke schließlich freiwillig abgegeben. Doch Stefan hatte zusätzlich die Verletzung, und die machte ihm arg zu schaffen.

„Willst doch jetzt net etwa aufgeben? Bist am End gar ein Feigling und Dummkopf, der net mal ein bisserl was aushalten kann?“, stichelte Matthias, der eine schreckliche Angst davor hatte, dass Stefan eine Dummheit machen könnte. Wenn es dem Burschen einfiel, sich aus dem Geschirr auszuklinken, würde sein Körper irgendwo unten auf den Felsen zerschmettern, und er selbst hockte hier oben allein.

Nein, bloß das net, flehte er in Gedanken.

Bevor Stefan jetzt noch weiter darüber lamentieren konnte, wie übel es ihm erging, klingelte das Telefon. Das Geräusch klang hier droben in der unberührten Stille der Bergwelt so unglaublich und fremdartig, dass Matthias das Gerät fast aus den Händen verlor, als er es einschalten wollte.

„Ja?“, meldete er sich verdutzt.

„Habt’s ihr zwei Deppen net vorher drüber nachdenken können, dass ihr euch und andere Leut’ in Gefahr bringen könnt?“, klang die Stimme von Daniel Ingold auf, und Matthias hätte vor Erleichterung am liebsten geweint.

„Das haben wir uns auch schon überlegt“, erklärte er dann kleinlaut mit zitternder Stimme.

„Na, dann scheinst doch ein Stückerl weiter, als ich befürchtet hab. Was ist los bei euch? Erzähl mir alles ganz genau. Ich bin ja so froh, dass ich euch hören kann. Ich hatt’ mir schon ernste Sorgen gemacht, als ich hört’, dass zwei Burschen in Bergnot sind.“

Matthias berichtete, wie sein Freund gerade wortwörtlich in den Seilen hing.

„Ich bin mit der Rettungsmannschaft auf dem Weg zu euch“, erklärte der Doktor. „Wir wollen mal schaun, was wir droben für euch tun können. Aber ich kann euch jetzt schon versprechen, dass es net leicht werden wird, euch wieder vom Berg zu holen. Jetzt müsst aber durchhalten, auch wenn’s vielleicht schwerfallen mag. Ich bin bald bei euch.“

„Das ist alles egal, Hauptsache, wir kommen überhaupt wieder hinunter“, stellte Matthias fest. Jetzt, da die Hilfe fast greifbar nahe war, fasste auch Stefan neuen Mut. Nun konnte es wirklich nicht mehr lange dauern, bis sich jemand um ihn kümmern würde, dann würde ihm auch bald wieder besser gehen.

Er schaukelte etwas am Seil, um dem Freund die ausgestreckte Hand zu reichen. Auf diese Weise konnten die beiden sich noch etwas Mut und Kraft gegenseitig geben. Außerdem musste Stefan sich ein bisschen bewegen, seine Glieder waren schon längst steif.

Plötzlich aber gab einer der Haken nach, zwei Meter befestigtes Seil lösten sich, und Stefan stürzte mit einem lauten Schrei weiter in die Tiefe.

Der Schrei hallte über den ganzen Berg entlang, brach sich vielfach in den Geröllhängen und Schluchten und erreichte auch gleich darauf die Rettungsmannschaft.

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Die fünf Männer der Seilschaft von der Bergwacht schauten sich betroffen an, nachdem der Schrei verklungen war.

„Das bedeutet nix Gutes“, sagte einer von ihnen düster. „Doktor, versuchen S’ noch mal, den Burschen zu erreichen.“

Daniel nickte verbissen und drückte die Taste zur Wiederwahl. Es dauerte eine ganze Weile, bevor er die Stimme von Matthias hörte. Der war völlig aufgelöst und stammelte etwas davon, dass der Stefan mit dem Kopf gegen die Felsen geschlagen war und sich nicht mehr rührte.

Es kostete den Arzt viel Kraft und Nerven, den Burschen wieder etwas zu beruhigen. Es war nicht möglich, den Aufstieg weiter zu beschleunigen, damit hätten sich die Retter selbst in Gefahr gebracht, obwohl ein jeder von ihnen jeden Handbreit Felsen des Berges kannte.

Nach mehr als einer Stunde erreichten sie dann endlich Matthias, der mittlerweile arg unterkühlt war. Ein heißer Tee und eine warme Jacke, wie auch eine dicke Mütze mussten vorerst reichen. Vorsichtig wurde dann Stefan am Sicherungsseil eingeholt und auf den kleinen Vorsprung gehoben, auf dem sich alle hier befanden. Der Bursche hatte mehr Glück als Verstand, wie der Doktor trocken feststellte. Bei dem erneuten Sturz hatte er sich zwar den Kopf angeschlagen und jetzt eine gehörige Gehirnerschütterung, doch wenn es ihnen allen gelang, rasch vom Berg herunterzukommen, würde er schon in wenigen Tagen keine Probleme mehr damit haben.

Schlimmer war da der linke Arm, den hatte er sich nämlich direkt unterhalb der Schulter gebrochen. Die Kälte und die lange Bewegungslosigkeit hier oben in verkrampfter Stellung hatten ein Übriges getan, um das Ganze zu verschlimmern.

Eigentlich war es dringend an der Zeit, den Abstieg zu wagen, auch wenn es schon fast dunkel war. Doch nun brach das angekündigte Unwetter mit voller Wucht herein, dessen Vorboten schon den Start des Hubschraubers verhindert hatten.

Die sieben Männer hockten sich eng zusammen, zogen eine gefütterte Plane über die Körper und versuchten, Wind und Regen möglichst wenig Angriffsfläche zu bieten.

Die beiden Burschen waren bereits unterkühlt, und ihr Zähneklappern übertönte fast den heulenden Sturm.

Es tat Daniel in der Seele weh, dass er im Augenblick nicht mehr für die beiden tun konnte. Er drückte Matthias eng an sich. Eine Strafpredigt war wohl unnötig. Diese beiden hatten ihre Lektion ganz bestimmt gelernt. Noch einmal würden sie nicht auf eine so närrische Idee kommen.

Jetzt mussten sie nur noch heil den Abstieg schaffen. Und davor hatte der Doktor auch etwas Angst. Er wollte nicht gern einen Patienten verlieren.

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Der alte Horngruber wachte im Krankenhaus auf und fand sich zunächst einmal gar nicht zurecht. Dann machte er einen Riesenaufstand, bis endlich ein Arzt kam, um ihn zu beruhigen.

„Meine Rosen“, jammerte er immer wieder. „Wenn ich net daheim bin, werden meine Rosen geplündert, und mein Garten tät’ verwildern. Wer sollt’ sich denn darum kümmern? Das geht nimmer, dass ich hier bleib. Ich will sofort nach Hause.“

„Täten S’ net auch denken, es wär’ wichtiger wieder gesund zu werden?“, versuchte der Arzt den aufgebrachten Mann zu beschwichtigen. „Schaun S’, Ihre Rosen täten doch jemanden brauchen, der net im Bett liegen muss. So haben S’ doch eh nix davon.“

An diesen Worten war etwas Wahres, doch das gab dem Horngruber keinen Trost. In seinem Kopf malte er sich die schrecklichsten Bilder aus, und verzweifelt drehte er sich von dem Arzt weg, der nicht so recht wusste, was er noch sagen sollte. Er hatte schon alle möglichen Befürchtungen von aufgeregten Patienten zu hören gekriegt, aber dass sich jemand derart um seinen Garten und speziell um seine Rosen sorgte, war ihm noch nicht untergekommen.

Überraschend öffnete sich die Tür, Ursel Korbmacher und Sebastian traten ein, letzterer wurde von seiner Mutter energisch nach vorn geschoben. Der Arzt schaute skeptisch, doch dann nickte er. Vielleicht war es gar nicht so schlecht, wenn der alten Mann ein wenig abgelenkt und vielleicht sogar beruhigt wurde.

„Reden S’ mit ihm. Aber bleiben S’ net zu lang“, warnte er freundlich und ging hinaus.

Horngruber rührte sich nicht, obwohl er bemerkt haben musste, dass da Besuch im Zimmer war.

„Ich – wir sind hier, um uns zu entschuldigen“, erklärte Ursel tapfer und gab ihrem Sohn einen Stoß. Die Haut des Buben sah fast wieder normal aus. Das Medikament, welches Daniel den Kindern verordnet hatte, beseitigte die „Punktekrankheit“ recht schnell, es würden auch keine Nachwirkungen bleiben. Diese Tatsache hatte alle erleichtert.

Der alte Horngruber drehte sich noch immer nicht um, er wollte offenbar mit seinen Besuchern nichts zu tun haben.

„Ich tät’ mich auch entschuldigen wollen“, brachte der Bub jetzt vor. „War wohl net so gut, dass wir dauernd bei Ihnen zum Ärgern gekommen sind.“

Diese Worte hörten sich so drollig und eigentlich auch unglaublich an, dass der Mann jetzt doch nicht länger in seiner Schmollecke liegen bleiben mochte. Er drehte sich um und schaute die beiden etwas ungläubig an. Basti streckte ihm nun erleichtert einen Strauß Blumen entgegen.

„Die sind bei uns aus dem Garten, und meine Mutter hat gesagt, ich sollt’ bei Ihnen auch ab und zu helfen kommen – wenn S’ das denn mögen. Ich versprech’ auch, dass ich mich besser benehmen tät’. – Aber nur, wenn S’ net wieder was auf Ihre Beeren streuen“, setzte er dann mutig hinzu.

Details

Seiten
400
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738918519
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v417268
Schlagworte
vier bergromane sammelband herz romane

Autor

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Titel: Vier Bergromane Sammelband: Ich will mein Herz nur dir schenken und andere Romane