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Krimi Doppelband 16: Ein Prinz und seine Millionen Mäuse/Ein Ermordeter taucht unter

2018 300 Seiten

Zusammenfassung

Krimi Doppelband #16
Krimis der Sonderklasse - hart, actionreich und überraschend in der Auflösung. Ermittler auf den Spuren skrupelloser Verbrecher. Spannende Romane in einem Buch: Ideal als Urlaubslektüre.

Mal provinziell, mal urban. Und immer anders, als man zuerst denkt.

Alfred Bekker ist ein bekannter Autor von Fantasy-Romanen, Krimis und Jugendbüchern. Neben seinen großen Bucherfolgen schrieb er zahlreiche Romane für Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton reloaded, Kommissar X, John Sinclair und Jessica Bannister. Er veröffentlichte auch unter den Namen Neal Chadwick, Henry Rohmer, Conny Walden und Janet Farell.

Titelbild: Firuz Askin

Leseprobe

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Krimi Doppelband #16

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Krimis der Sonderklasse - hart, actionreich und überraschend in der Auflösung. Ermittler auf den Spuren skrupelloser Verbrecher. Spannende Romane in einem Buch: Ideal als Urlaubslektüre.

Mal provinziell, mal urban. Und immer anders, als man zuerst denkt.

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ALFRED BEKKER IST EIN bekannter Autor von Fantasy-Romanen, Krimis und Jugendbüchern. Neben seinen großen Bucherfolgen schrieb er zahlreiche Romane für Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton reloaded, Kommissar X, John Sinclair und Jessica Bannister. Er veröffentlichte auch unter den Namen Neal Chadwick, Henry Rohmer, Conny Walden und Janet Farell.

Titelbild: Firuz Askin

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Ein Prinz und sieben Millionen Mäuse

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Krimi von Cedric Balmore

Der Umfang dieses Buchs entspricht 123 Taschenbuchseiten.

Prinz Raman, Sohn eines milliardenschweren Ölscheichs, beauftragt den New Yorker Privatdetektiv Bount Reiniger, seine gestohlenen sieben Millionen Dollar Bargeld wiederzubeschaffen, die er angeblich für ein ausgeklügeltes System in einem Spielcasino benötigt. Eine äußerst verlockende Provision erwartet Reiniger, wenn er erfolgreich ist. Doch kurz darauf wird der Prinz ermordet und alle Beweise sprechen dafür, dass Bount der Täter ist. Grund genug für den cleveren Detektiv, nicht nur nach dem Geld zu suchen, sondern auch nach dem wahren Mörder.

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Die Hauptpersonen des Romans:

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Prinz Raman - Er besitzt alles, was sich ein Mensch nur wünschen kann. Aber das genügt ihm nicht.

Leila - In ihrer Vorstellung von Liebe spielt das Geld eine wichtige Rolle.

Margit Stemmler - Als Stewardess ist sie an Höhenflüge gewöhnt. Aber als sie zu hoch hinaus will, macht sie eine Bruchlandung.

Al Hammond - Er killt für gutes Geld. Sein Pech ist, dass es auch noch andere Leute gibt, die dasselbe tun.

Mondrin - Er ist ebenso hässlich wie das Kugelloch, das schließlich seinen Körper ziert.

Bount Reiniger - ist Privatdetektiv.

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Die Killer benutzten den Fahrstuhl.

Al Hammond redete unentwegt. Das tat er immer, wenn er nervös war. Er bildete sich ein, dass er damit seine Abgeklärtheit bewies.

Ken Torsten schwieg. Al Hammonds Gequatsche ging ihm an die Nieren, aber er unternahm nichts, um den Redefluss seines Komplizen zu stoppen. Al war nun mal so. Im entscheidenden Moment war auf ihn Verlass. Er war der beste und sicherste Schütze der Branche. Sobald er seinen Job erledigt hatte, war er erfahrungsgemäß die Ruhe selbst.

„Eine Mieze wie aus dem Bilderbuch“, schwärmte Al Hammond und verdrehte die Augen. „Unten gertenschlank, oben Brüste wie kleine Pyramiden, frisch und knackig. Wenn ich’n Dichter wäre, würde ich einen Song auf sie schreiben, eine Hymne. Mich juckt’s jetzt noch in den Fingerspitzen, wenn ich mich an sie erinnere, an ihre seidige Glätte, an diese aufregende Elastizität ...“

Er seufzte, bewegte plötzlich wie schnuppernd die Nasenflügel, verzog das Gesicht und bemerkte anscheinend erst jetzt, wie miserabel der Fahrstuhl aussah. Die Wände waren beschmiert, das Linoleum aufgescheuert, die Hinweisschildchen neben den Bedienungsknöpfen zerbrochen. „Ich kann es einfach nicht glauben“, wechselte er jäh das Thema. „Bist du sicher, dass er hier wohnt?“

„Aber klar, meine Informationen stimmen“, schnaufte Ken Torsten. „Das ist doch der Trick, Mann. In dieser Absteige vermutet man die Mäuse nicht. Weder sie noch die Leute, die sich damit mühelos ihr Scheißhaus tapezieren könnten.“

Der Lift stoppte, die beiden Metalltüren glitten mit wehleidigem Quietschen zur Seite. Die Männer betraten den Korridor, an dessen hinterem Ende man durch ein hohes, schmales Fenster auf eine riesige bunte Wandreklame blicken konnte.

ECON OIL FOR SPRINTER.

Ken Torsten grinste dünn. Er fand es belustigend, dass zwei Männer, die in diesem Hotel wohnten und die einige Ölmillionen mit sich herumschleppten, in wenigen Minuten in den Tod sprinten würden.

WIE GEÖLT INS GRAB.

Al Hammond und Ken Torsten schritten den Korridor hinab. Ein Mann mit Hund kam ihnen entgegen, der Mann schaute sie nicht einmal an, er sprach unaufhörlich mit seinem angeleinten, viel zu fetten Mops, der japsend zum Lift drängte.

Die Killer blieben stehen, als sie die Tür des Zimmers 711 erreicht hatten. Sie sah genauso schäbig aus wie alles in diesem großen, billigen Stadthotel. Es roch penetrant nach Bohnerwachs und Bier.

Ken Torsten fühlte sich immer noch ausgezeichnet, er liebte die prickelnde Spannung vor der Tat, er brauchte sie. Er wandte den Kopf und sah, wie der Mann mit dem Mops im Lift verschwand.

Al Hammond sicherte sich zur anderen Korridorseite hin ab. Irgendwo, in einem der Zimmer, plärrte ein Radio. Hammond griff in seinen weiten, dunklen Staubmantel und holte den Revolver hervor.

Torsten hielt plötzlich eine Pistole in der Hand. Beide Männer trugen Handschuhe. Torsten klopfte, dann trat er zur Seite. Sein Gesicht wirkte wie gemeißelt, und er bewegte das Kinn, als ob er Gummi kaute.

Hinter der Tür ertönten Schritte, sie kamen näher und stoppten. „Wer ist da?“, fragte eine misstrauisch klingende Männerstimme.

„Der Zimmerdienst, Sir. Frische Wäsche.“

„Wir haben doch erst heute Morgen frische Handtücher bekommen“, stellte die misstrauische Stimme fest.

„Diesmal ist’s die Bettwäsche, Sir.“

Ein Schlüssel drehte sich im Schloss, die Tür öffnete sich spaltbreit. Hammond trat sie mit dem Fuß nach innen und sprang über die Schwelle.

Der große, muskulöse Mann, den er plötzlich vor sich hatte, wich zurück.

Aus der Bewegung heraus zuckte seine Hand nach oben, aber er kam nicht mehr dazu, seinen Revolver aus dem Schulterholster zu reißen.

Al Hammond drückte ab.

Der Knall war trotz des Dämpfers relativ laut. Er bellte kurz und trocken in den hohen Raum und weckte ein hartes Echo, danach war nur das laute, monotone Rauschen des Wassers zu hören, das im angrenzenden Badezimmer in die Wanne lief. Die Verbindungstür stand offen.

Der muskulöse Mann stand schwankend und breitbeinig vor den Eindringlingen, in seinem runden, glattrasiertem Gesicht verbanden sich Hass mit jäher Angst, Wut mit Verblüffung. In Höhe seines Herzens zeigte sich auf seinem gestreiften Oberhemd ein kleines, hässliches Loch. Es fing an, sich mit Blut vollzusaugen.

Der Mann kipple unvermittelt nach vorn, es sah aus, als risse ihm jemand die Beine weg. Er schlug hart auf den Linoleumboden und blieb liegen, ohne sich zu rühren.

SPRINT IN DEN TOD, dachte Ken Torsten.

Er fühlte sich gut, besser als vorher. Die Sache lief fabelhaft. Es war so leicht, ein paar Millionen zu machen. Man musste nur die richtigen Beziehungen haben und wissen, was im geeigneten Moment zu tun war.

Im Bad wurde das Wasser abgedreht. „Was war das, Ronny?“, rief ein Mann. Er hatte eine ziemlich helle Stimme, sie klang aufgeregt.

Al Hammond trat auf die Schwelle, er grinste breit und zeigte dabei seine wunderschönen künstlichen Zähne. Er trug sie bereits seit sieben Jahren. Die natürlichen Vorgänger waren das Opfer einer Barschlägerei geworden. Seitdem hatte er aufgehört, mit seinen Fäusten zu operieren. Jetzt arbeitete er nur noch mit dem Revolver.

In der Wanne saß ein Mann, er war fett und ziemlich hässlich. Ein Schnauzbart mit herabhängenden Enden gab seinem Gesicht ein brutales Aussehen. Der Fez, den er als einziges Kleidungsstück trug, wirkte lächerlich. Sein dichtes, dunkles Haar quoll unter dem Fez hervor.

„Komm raus, Mondrin“, sagte Hammond.

Er war groß, schlank und hielt immer den Kopf zur Seite geneigt, fast so, als ob er Hörschwierigkeiten hätte. Er hatte eine gelbliche, ungesunde Gesichtshaut und eine hohe, vorspringende Stirn.

Der Mann in der Wanne schluckte, sein Doppelkinn bewegte sich dabei wie Pudding. Er besaß kleine, stechende Augen, die fast wimpernlos waren. Er stemmte sich aus dem dampfenden Wasser hoch und zeigte sich den Killern in seiner ganzen abstoßenden Nacktheit. Das Wasser rann ihm in kleinen Bächen über die weiße Haut. Er starrte Hammond in die Augen, sah jetzt aber auch Torsten, der hinter Hammond auftauchte und neugierig in das Badezimmer blickte.

„Was soll das?“, fragte Mondrin kurzatmig. „Was habt ihr mit Spencer gemacht?“

„Wir wollen die Mäuse“, sagte Hammond. Er äußerte es beinahe höflich.

„Welche Mäuse?“

Hammond verzog den Mund, er sprach mit Torsten, ohne ihn anzusehen. „Hörst du das, Ken? Er weiß von nichts. Wie findest du das?“

„Umwerfend komisch“, sagte Torsten.

„Ich auch, aber ich kann nicht darüber lachen“, erklärte Hammond. „Komm, Mondrin. Sieh dir deinen Freund an, deinen Gorilla. Wenn du nicht wie er enden willst, händigst du uns die Mäuse aus. Ohne Komplikationen.“

Torsten hatte sich abgewandt, er hatte die drei großen Koffer in der Zimmerecke entdeckt. Sie waren sehr solide und etwas über mittelgroß. Er rüttelte an ihnen. Zwei davon waren verschlossen und ziemlich schwer.

„Ich hab’s“, sagte Torsten. „Hier ist der Kies.“

„Na, prima“, meinte Hammond. Er drehte sich auch jetzt nicht nach Torsten um. Seine Blicke ließen Mondrin keine Sekunde lang los.

Mondrin kletterte aus der Wanne, irgendwie mühsam und sehr vorsichtig, als fiele ihm jede Bewegung unsäglich schwer. Er tappte über den gekachelten Boden, wobei er kleine Pfützen hinter sich zurückließ, und näherte sich dem weißen Bademantel, der an einem Wandhaken hing.

Mondrin griff mit der Linken nach dem Mantelaufhänger. Es schien, als wollte er ihn vom Haken nehmen, aber dann schnellte seine Rechte in die Tasche des Mantels und griff nach der Pistole, die sich darin befand.

Hammond drückte ab, nur einmal.

Der Knall in dem fensterlosen Raum war hart und laut. Mondrin zuckte zusammen, als habe ihn ein Peitschenschlag getroffen. Er versuchte sich an dem Bademantel festzuhalten. Der Aufhänger riss ab, Mondrin stürzte mitsamt dem Mantel zu Boden.

„Das fette Schwein“, sagte Hammond halblaut. „Er wollte mich aufs Kreuz legen.“

Torsten ging zur Tür, er schloss sie von innen ab. „Der Knall ist gehört worden“, meinte er. „Kann sein, dass sie jemand hochschicken, um nach dem Rechten zu sehen. Hilf mir, Spencer ins Bad zu legen. Wir geben uns als Mondrin und Kelly aus. In so einer Riesenbude können die weder die Namen noch die Gesichter ihrer Gäste im Kopf behalten.“

Sie zerrten den Toten aus dem Zimmer ins Bad, dann durchwühlte Torsten Mondrins Sachen, die im Badezimmer auf einem Stuhl lagen. Triumphierend hob er einen Schlüsselbund in die Höhe. „Sesam öffne dich“, rief er.

„Sind die Kofferschlüssel dabei?“

„Klar, das sind sie, darin kenne ich mich aus“, meinte Torsten und ging ins Nebenzimmer. Er trat an die Koffer heran und probierte die Schlüssel durch.

„Sei vorsichtig“, mahnte Hammond, „die Dinger haben bestimmt ’ne Sicherung.“

„Eine Sicherung?“

„Einen Sprengsatz oder was Ähnliches“, vermutete Hammond, der den Schalldämpfer abdrehte und in eine Innentasche seines Mantels schob. „Leute dieser Klasse schleppen den Kies doch nicht im Seifenkarton durch die Gegend.“

Ken Torsten lachte kurz. „Du würdest dich wundern. Du siehst doch, wie naiv die arbeiten! Die glauben schon, dass ein Absteigen in drittklassigen Hotels genügt, um sie als arme Schlucker auszuweisen, als Leute, bei denen es nichts zu holen gibt. Du überschätzt diese Bande. Die wissen nur, wie man Geld kassiert, jetzt versuchen sie zu lernen, wie man es ausgibt. Ich bin froh, dass wir ihnen diesen Teil ihres Lernprozesses abnehmen können.“ Er hatte den passenden Schlüssel gefunden und drehte ihn herum. In seinen Augen glitzerte es lüstern, er atmete rascher und legte eine kurze Pause ein, obwohl alles in ihm danach drängte, den Koffer mit einem Ruck zu öffnen.

Er hätte Al gern gesagt, wie ihm in diesem Moment zumute war, aber es gab Dinge, mit denen man nicht hausieren ging, Gefühle, die auf die private Sphäre beschränkt blieben. Verdammt, das Leben war kein Zuckerschlecken, er hatte oft und viel Prügel einstecken müssen, er hatte immer von dem großen Ding geträumt und doch insgeheim geahnt, dass es niemals zu ihm kommen würde, und nun war es plötzlich da, er konnte es mit den Händen greifen, er war am Ziel.

„Vorsicht!“, warnte Hammond nochmals, er trat ein paar Schritte zurück.

Ken Torsten öffnete den Kofferdeckel, sein Herz hämmerte, aber das hatte nichts mit der von Al gezeigten Furcht vor einem Sprengkörper zu tun, es war Triumph und Erwartung zugleich, ein singendes Hochgefühl, das sich mühelos über die beiden Toten hinwegsetzte, die im Badezimmer lagen.

„Was ist?“, fragte Hammond, der sah, wie Torstens Gesicht sich veränderte, wie es buchstäblich auseinanderzufallen drohte. Hammond machte ein paar Schritte nach vorn, er blieb neben Torsten stehen.

„Scheiße“, murmelte Torsten.

Er war nicht nur fassungslos, er war schockiert, in seiner Kehle zerrte ein plötzlicher Ekel. Hammond drehte sich rasch zur Seite. Sein Job verlangte starke Nerven, und er hatte oft genug bewiesen, dass er sie besaß, aber der Anblick, der sich ihm in dem offenen Koffer bot, war mehr, als er verkraften konnte.

Unter dichten Lagen eines durchsichtigen Plastikmaterials starrten die weit aufgerissenen Augen eines menschlichen Kopfes ins Leere. Der Kopf war ebenso blutverschmiert wie die Abdeckhülle und der Rumpf, den man in den viel zu engen Behälter gepresst hatte.

Torsten schlug den Deckel zu, er musste sich setzen.

„Eine zerstückelte Leiche“, murmelte Hammond und wischte sich unwillkürlich mit dem Handrücken über den Mund. „Was sagst du dazu?“

Torsten holte tief Luft. Er war nicht nur schockiert und ernüchtert, er war verzweifelt. Das große Ding war geplatzt wie eine Luftblase, wie eine blutige Blase, deren Spritzer jetzt an ihm klebten und die abzuwischen möglicherweise schwer, wenn nicht gar unmöglich sein würde. Er schuldete Hammond die versprochene Beteiligung, aber statt einiger Koffer mit Dollarmillionen gab es nur die Überreste eines grauenvollen Verbrechens.

„Deine Informationen!“, höhnte Al Hammond, der mit dem Daumen wütend die Magazintrommel des Revolvers bewegte. „Jetzt siehst du, was sie wert sind.“

„Das Geld muss hier sein, irgendwo“, sagte Torsten schwer atmend und erhob sich. Er riss die Decken und Laken vom Bett und kippte die Matratzen hoch, dann öffnete er die Türen der eingebauten Kleiderschränke und durchwühlte die wenigen, darin hängenden Anzüge und Wäschestücke. Er benahm sich wie ein Verrückter, er schäumte vor Wut und wusste doch genau, dass alles umsonst sein würde.

Mondrin hatte sie genarrt.

Al Hammond fing sich, er zwang sich dazu, seinen Abscheu zu bezwingen, er öffnete nochmals den Koffer und blickte hinein. „Vielleicht ist das nur’n Trick, etwas zum Abschrecken“, murmelte er. „Vielleicht eine Wachsattrappe, um Leute wie uns zu bluffen ...“

Torsten stieß einen Pfiff aus. Al hatte manchmal brauchbare Einfälle, daran gab es nichts zu rütteln. Torsten trat neben Hammond, sie starrten gemeinsam auf den grausigen Fund. Unter den milchig anmutenden Folien war das Gesicht des Toten nur undeutlich zu erkennen, es ließ sich tatsächlich nicht ausschließen, dass es sich um ein raffiniert präpariertes Abschreckungsmittel handelte.

Hammond zerrte die Folie beiseite, dann musste er sich erneut abwenden. Ihm war zumute, als ob er sich erbrechen musste.

Torsten schlug den Koffer zu, um eine flüchtige Hoffnung ärmer geworden.

Ken Torsten setzte sich erneut. Er schloss die Augen. Der Anblick des Toten hatte sich ihm mit fast schmerzhafter Deutlichkeit eingeprägt. Er kannte den Mann nicht. Der Fremde musste, als ihn sein furchtbares Schicksal ereilt hatte, knapp über 30 gewesen sein. Er hatte Halbglatze, einen kleinen schwarzen Kinnbart und sehr wulstige, fast negroid anmutende Lippen.

„Was ist mit dem zweiten Koffer?“, fragte Hammond. Er hatte aufgehört, die Magazintrommel zu drehen und die Waffe in seinen Mantel geschoben.

„Hier sind die Schlüssel“, murmelte Ken Torsten matt. „Ich bin fertig, Mann.“

Ihm dämmerte, was der zweite Koffer enthielt, und Hammond lieferte die Bestätigung für diese Ahnung. „Das ist der Rest von ihm, nehme ich an.“ Er schlug den Kofferdeckel wütend zu.

„Warum schleppen sie einen Toten mit sich herum?“, wunderte sich Torsten. Er hatte den Wunsch, sich möglichst schnell abzusetzen, er wollte weg von hier, weg von den drei Toten, von denen zwei auf ihr Konto gingen, aber seine Glieder waren bleischwer, und er hatte immer noch die verrückte Idee, das Hotel nicht ohne die Millionen verlassen zu dürfen.

„Ich weiß, was passiert ist“, sagte Torsten. Er hatte einen bitteren Geschmack im Mund und sehnte sich nach einem Schluck Alkohol. Er sah eine Flasche auf dem Sideboard stehen, sie war noch halbvoll, aber er musste erst loswerden, was ihn beschäftigte. „Die wären doch verrückt gewesen, wenn sie einen Toten ins Hotel gebracht hätten. Leichen schleppt man nicht mit sich herum, die lässt man verschwinden, die wirft man ins Wasser, die gießt man in Beton, oder die verbuddelt man.“

Er machte eine kurze Pause, dann fuhr er fort: „Da war ihnen jemand auf der Fährte, einer wie wir, einer, der ihr Geld wollte.“

Hammond stieß einen dünnen Pfiff aus. Er stand mit dem Rücken zum Fenster, breitbeinig und düster, beide Hände tief in die Taschen seines dunklen Staubmantels vergraben. Mit seiner gelblichen Gesichtsfarbe und den hageren Zügen sah er fast aus wie ein Vampir, nur die weißen, sehr regelmäßig gesetzten künstlichen Zähne störten das Bild, sie ließen ihn trotz allem einigermaßen zivil erscheinen.

„Der Kinnbärtige kreuzte also hier auf, um zu kassieren“, sagte Hammond. „Dabei wurde er von Spencer umgemäht, vielleicht auch von Mondrin.“

„Genau“, nickte Torsten. „Eine andere Erklärung gibt es nicht. Wie hätten Kelly und Mondrin den Toten ungesehen aus dem Hotel bringen sollen? Das ging nicht, also zerlegten sie ihn in zwei Hälften.“

„Hier oben?“

„Im Bad, nehme ich an. Vermutlich in der Wanne. Da war es am einfachsten, die Spuren dieser Drecksarbeit zu beseitigen“, meinte Torsten und schüttelte sich kurz.

„Was nun?“

Ken Torsten gab keine Antwort. Er stand auf und trat an das Sideboard. Er hob die Flasche hoch und musterte das Etikett. Ein Spitzenbourbon, so was bekam man nur in Spezialgeschäften. Er nahm einen Schluck aus der Flasche, dann noch einen. Er hielt Hammond die Flasche hin. Der schüttelte den Kopf. „Jetzt nicht“, sagte er.

Torsten stellte die Flasche weg, nicht ohne Bedauern. Einen Bourbon wie diesen hatte er sich noch niemals leisten können. Wenn dieser Fischzug geklappt hätte, wäre er in der Lage gewesen, mit dem Zeug einen Swimmingpool zu füllen. Aber er hatte nicht geklappt, leider. Und doch existierte das Geld, wenn nicht in diesem Zimmer, dann in dieser Stadt. Mondrin war dafür verantwortlich gewesen, er hatte gewusst, wo es sich befand.

„Du hättest ihn nicht umlegen dürfen“, knurrte Torsten, froh darüber, für seinen Zorn und seine Enttäuschung einen Sündenbock entdeckt zu haben. „Wir hätten alles aus ihm herausgeholt, was wir brauchen. Er hätte uns sagen müssen, wo das Geld ist.“

„Du hast behauptet, es sei hier oben, bei Kelly und Mondrin“, verteidigte sich Hammond. „Verdammt, Mondrin wollte mich umpusten, ich musste ihm zuvorkommen ... “

„Du triffst doch eine Fliege an der Wand“, schimpfte Torsten. „Hätte es nicht genügt, ihn kampfunfähig zu schießen?“

„Er ist tot, so tot wie Kelly und der Mann im Koffer“, stellte Hammond fest. „Reg dich nicht auf. Gegenseitige Anschuldigungen bringen uns nicht weiter. Wir haben zwei Leute umgelegt, ohne auch nur einen Cent dafür zu kassieren. Das ist so hirnverbrannt, dass ich daran ersticken könnte. Lass dir was einfallen, Ken. Ich brauche das Geld. Du hast es mir versprochen.“

„Wir müssen ihre Klamotten durchsuchen“, sagte Ken Torsten. „Vielleicht finden wir darin einen Gepäckaufbewahrungsschein oder einen anderen Hinweis auf das Geldversteck. Es war in ihrem Besitz, ich weiß es!“

Sie gingen an die Arbeit, verdrossen, aber gründlich, sie stellten alles auf den Kopf, fanden aber nichts, was sie weiterbrachte.

„Sauerei“, fluchte Torsten und genehmigte sich einen weiteren Schluck aus der Flasche.

„Lass das“, sagte Hammond scharf. Es machte ihn wütend, wenn bei der 'Arbeit' getrunken wurde. Er wusste aus vielen bitteren Erfahrungen, was daraus entstehen konnte. Ohne einen klaren Kopf kam man in dieser Branche nicht über die Runden.

„Ich bin durstig, ich muss den bitteren Geschmack aus meinem Munde spülen“, verteidigte sich Ken Torsten, der überlegte, ob er die Flasche mitnehmen sollte. Dann fragte er sich, was wohl die Zeitungen am nächsten Tag über den Mordfall bringen würden.

DREIFACHER MORD IM 'BALMOORE'.

SCHAURIGE ENTDECKUNG DES ZIMMERMÄDCHENS.

Ob der Portier sich an sie erinnerte? Schwerlich. Sie hatten nach einem Mr. Baker gefragt, der in der neunten Etage wohnte und der sie angeblich erwartete. In der Rezeption herrschte ein beständiges Kommen und Gehen, selbst ein sehr cleverer Portier mit fotografisch arbeitendem Gedächtnis konnte sich nicht an alle Besucher, Gesichter und Wünsche erinnern, er würde passen müssen, wenn die Mordkommission ihre Arbeit aufnahm. Ob Rogers den Fall übernehmen würde? Wahrscheinlich. Wenn es wirklich schwierig und brisant wurde, rief man nach ihm. Dabei gab es böse Zungen, die wissen wollten, dass er einen nicht geringen Teil seiner spektakulären Erfolge diesem Bount Reiniger verdankte, einem Privatdetektiv, mit dem er befreundet war und oft zusammenarbeitete.

Egal! Wer auch den Fall übernahm, stand vor einer fast unlösbaren Aufgabe, vor einem Fall von brutalem und zugleich delikatem Zuschnitt, denn schließlich standen hinter Kelly und Mondrin gewichtige Mächte, Leute mit Rang und internationalem Einfluss.

Vielleicht würde man sogar versuchen, das Ganze erst einmal zu vertuschen. Wenn es um Landesinteressen ging, konnte man eine Pressezensur verhängen. Die Toten waren nur kleine Handlanger gewesen, aber wer konnte es sich schon leisten, den Ölprinzen zu vergraulen?

„Du stehst einfach blöd herum und starrst Löcher in die Luft“, schimpfte Hammond. „Komm endlich, hier ist nichts zu holen.“ Er ging zur Tür, öffnete sie vorsichtig und blickte nach draußen. Eine dicke Frau watschelte den Gang hinab, sie verschwand in einem der Zimmer.

„Jetzt!“, stieß Al Hammond hervor. Torsten huschte hinter Hammond aus dem Raum und schloss die Tür. Sie schritten zum Fahrstuhl, nicht zu schnell und nicht zu langsam. Niemand begegnete ihnen. Der Lift brachte sie ins Erdgeschoss, diesmal war Al Hammond ganz still, er sah müde und verbiestert aus.

Sie erreichten die Halle und holten tief Luft, als sie auf der Straße standen. „Streif die Handschuhe ab“, sagte Hammond. „Damit fällst du an einem so schönen, sonnigen Tag unangenehm auf.“

Torsten nickte, er stopfte die Handschuhe in seine Taschen. „Ich kontaktiere jetzt meinen Informanten“, sagte er. „Noch ist nichts verloren.“

„Wenn wir das Geld nicht finden, schuldest du mir Achttausend“, sagte Al Hammond. Seine Stimme klang plötzlich drohend. „Ich brauche die Mäuse. Dringend. Wenn du nicht zahlst, wird es Ärger geben.“

„Ist das eine Drohung?“, begehrte Torsten auf.

Hammond lächelte schief. „Aber klar“, meinte er, „oder glaubst du, ich dresche leeres Stroh?“

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Der Anruf erreichte Bount Reiniger um fünfzehn Uhr dreißig. „Raman“, tönte es ihm entgegen. Die Stimme war sonor. Der Sprecher räusperte sich, dann sagte er hart und akzentuiert: „Ich brauche Sie, Reiniger. Besuchen Sie mich. Sofort. Ich erwarte Sie in ...“

„Tut mir leid“, fiel Bount dem Anrufer ins Wort. „Ich bin beschäftigt.“

„Ich brauche Sie“, wiederholte der Mann unwirsch. „Sie finden mich im Waldorf Astoria, Prinzen-Suite.“

Bount stellte die Lauscher hoch. Er war schon oft genug im Waldorf gewesen, er hatte schon mehrere prominente Klienten betreut, die dort abgestiegen waren, aber keiner dieser Kunden hatte es sich leisten können oder leisten wollen, in der Prinzen-Suite zu wohnen. „Wer sind Sie?“, wollte er wissen.

„Bin ich so schwer zu verstehen? Ich heiße Raman. Man kennt mich hier. Beeilen Sie sich, es ist dringend, sogar sehr dringend“, sagte der Anrufer.

„Hören Sie, Mr. Raman“, erwiderte Bount. „Ich will nicht ausschließen, dass ich bereit sein könnte, für Sie zu arbeiten, aber ich bin beschäftigt. Der Fall ist dringend. Ich kann im Moment keine neuen Aufträge annehmen, bedanke mich aber für das gezeigte Interesse.“

„Warten Sie“, sagte Raman. „Sie erhalten zehntausend Dollar Vorschuss. Außerdem winkt Ihnen eine Erfolgsprämie. Sagen wir runde fünf Prozent. Sie können sich leicht errechnen, wie viel das bei einigen Millionen sein wird.“

Bount setzte sich. Er meinte, sich verhört zu haben. Machte der Anrufer Witze? Er wirkte seriös, ernst und mürrisch zugleich, er sprach mit einem fremdländischen Akzent und ließ sich anmerken, dass er es gewohnt war, Befehle zu erteilen. Zehntausend Dollar waren andererseits völlig branchenunüblich, eine Utopie, vom Rest des Angebotes ganz zu schweigen. Aber gerade deshalb wünschte Bount herauszufinden, was damit los war.

„Ich komme“, sagte er. Er fuhr los und trat gegen sechzehn Uhr fünfzig an den riesigen Rezeptionstresen des Renommierhotels.

„Reiniger“, stellte er sich vor. „Ich möchte zu Mr. Raman.“

Der Portier starrte ihn an. „Moment, bitte“, sagte er und trat an den Schreibtisch des Chefportiers. Die beiden Männer tuschelten miteinander. Der Chefportier verschwand im Office, kehrte aber sofort wieder zurück.

„Geht in Ordnung, Sir“, sagte er. „Der Boy bringt Sie nach oben.“ Der Prominenten-Korridor mit den Suiten für Very Important Persons war durch eine zusätzliche Rezeption abgesichert, aber selbst wenn es gelungen war, diesen Filter zu passieren, musste man noch die Hürde der Vorzimmer nehmen, in denen Sekretärinnen oder auch Leibwächter darüber wachten, dass ihren Brötchengebern kein Unbefugter zu nahe kam. Das Vorzimmer, in das Bount geschleust wurde, entpuppte sich als ein sehr belebter Raum. Drei hünenhafte Männer spielten miteinander Karten, hörten aber sofort damit auf, als Bount das Zimmer betrat. Einer von ihnen erhob sich. Er richtete einen Revolver auf Bount. „Nehmen Sie die Hände hoch und drehen Sie sich mit dem Gesicht zur Wand“, forderte er.

Bount hob lediglich die Augenbrauen. „Mr. Raman erwartet mich. Ich bin Bount Reiniger“, sagte er.

„Wer Sie sind, stellen wir gleich fest“, grunzte der Mann. „Los, umdrehen.“

Bount machte einfach kehrt und verließ das Zimmer. Er war stocksauer. Jemand eilte hinter ihm her und hielt ihn am Ärmel fest.

„Lassen Sie das“, sagte Bount wütend und riss sich los. Er wandte den Kopf und bekam runde Augen, als er sah, wen er vor, beziehungsweise neben sich hatte. Er blieb stehen. Das Mädchen war nicht älter als 20, eine grünäugige Schönheit mit kastanienbraunem, leuchtenden Haar und weichen, schwellenden Lippen, die ihm buchstäblich entgegenblühten und wie eine ständige, herausfordernde Einladung zu wilden Küssen wirkten.

„Wer sind Sie?“, fragte er.

„Ich bin Leila, die Sekretärin des Prinzen“, sagte sie. „Ärgern Sie sich nicht über die Leibwächter der Hoheit. Die sind manchmal etwas ruppig, aber sie meinen es gut, ihre Loyalität ist über jeden Zweifel erhaben. Kommen Sie, der Prinz erwartet Sie.“

Sie führte ihn durch das Vorzimmer und an den drei mürrischen Gestalten vorbei durch zwei weitere Räume in einen elegant möblierten Salon. An einem der Fenster stand ein mittelgroßer, recht kompakt wirkender Mann, der die Hände auf dem Rücken verschränkt hatte und mit gesenktem Kopf auf die Straße blickte.

„Hoheit, Mr. Reiniger“, sagte das Mädchen, dann zog sie sich ohne ein weiteres Wort zurück. Der Mann am Fenster drehte sich um, er musterte Bount prüfend, er ging um ihn herum, als habe er ein Stück Ware vor sich, das es gründlich zu untersuchen galt, dann setzte er sich, machte eine einladende Handbewegung und fragte: „Was trinken Sie?“

Bount setzte sich. „Obstsaft, wenn’s recht ist.“

Der Mann beugte sich nach vorn und gab den Wunsch über die Sprechanlage ins Vorzimmer weiter. Bount schätzte sein Gegenüber auf dreißig. Raman hatte schütteres, dunkles Haar, das sich lediglich im Nacken verdichtete und dort eine filzige, bis in den Nacken und über den weißen Kragen reichende Rolle bildete. Raman hatte eine scharfe Nase und fast schwarze, an polierten Onyx erinnernde Augen. Seine Lippen waren schmal und irgendwie blutleer, es war ein Mund, der Bount nicht gefiel, aber bei dem angebotenen Vorschuss fiel es leicht, sich über gewisse Schwächen in der Physiognomie seines potentiellen Klienten hinwegzusetzen.

„Ich weiß, dass ihr Amerikaner euch im Umgang mit Hoheiten schwer tut“, sagte der Prinz, „deshalb schlage ich vor, dass wir unseren Umgang miteinander vereinfachen. Nennen Sie mich einfach Raman. Mr. Raman. Ich sage Bount zu Ihnen. Ist das in Ordnung?“

„Passt mir prima“, sagte Bount.

„Gut. Kommen wir geradewegs zur Sache. Ich bin nach Amerika gekommen, um ein paar Spielbanken zu sprengen. Ganz im Ernst — wir haben ein System ausgearbeitet, von dem wir uns Erfolg versprechen. Es funktioniert freilich nur, wenn man mit riesigen Einsätzen arbeiten kann. Mit Millionenbeträgen. Ich kann das. Nur sind mir leider soeben sieben Millionen Dollar verlorengegangen. Sie sind hier, in dieser Stadt, ich weiß es — aber ich kann Ihnen beim besten Willen nicht sagen, wo.“

Der Mann tickt nicht richtig, dachte Bount. Er hörte aufmerksam zu. Er war sehr wissbegierig, er wünschte Details zu hören, aber Raman lehnte sich plötzlich zurück, er schien in sich hineinzulauschen und ganz vergessen zu haben, dass sein Besucher auf weitere Informationen wartete, er blickte ins Leere, bewegte die Lippen, ließ aber keinen Satz laut werden.

Die Tatsache, dass der Ölprinz im Waldorf wohnte und einen Stab von Mitarbeitern beschäftigte, machte deutlich, dass er reich und bedeutungsvoll war, aber möglicherweise war seine Umgebung auch nur der klug gewählte Rahmen für irgendeinen Riesenschwindel, für einen Millionenbluff.

Es klopfte. Leila betrat den Raum. Ihre Bewegungen waren von beherrschter Grazie und unterschwelliger Sinnlichkeit. Bount ertappte sich dabei, dass er sich vorzustellen versuchte, wie es wohl sein würde, die biegsame, grünäugige Schönheit textilfrei in den Armen zu halten. Leila schenkte ihm ein kurzes, aber sehr intensives Lächeln, fast so, als ob sie seine Gedanken erraten und begrüßen würde. Sie stellte zwei Gläser auf den Tisch, füllte sie aus einer Isolierkanne mit Orangensaft und zog sich wieder zurück.

Raman strich sich über die Stirn. „Ja, das Geld“, fuhr er fort. „Mondrin und Kelly haben es aus der Schweiz besorgt. Sieben Millionen Dollar. Die beiden waren meine Geldkuriere.“

„Waren?“, fragte Bount.

„Sie sind tot. Ermordet.“

„Wann ist das passiert?“

„Heute Morgen, vor wenigen Stunden also. Das Zimmermädchen hat die Toten entdeckt, zusammen mit einer dritten Leiche, die zerstückelt in zwei Koffern liegt. Nur das Geld ist nicht da.“

„Die Täter werden es mitgenommen haben“, sagte Bount.

„Oh nein“, widersprach Raman. „Die ungefähre Tatzeit lässt sich leicht rekonstruieren. Kurz vorher habe ich mit Mondrin telefoniert. Er sagte mir, dass sie beschattet würden und dass sie es deshalb für richtig gehalten hätten, die Geldkoffer zu verstecken — außerhalb des Hotels.“

„Und Sie haben sich nicht nach Einzelheiten erkundigt?“, fragte Bount, gab aber selbst darauf die Antwort. „Ich verstehe, das ging nicht. Jemand hätte mithören und sich die Koffer holen können.“

„So ist es.“

„Wann sind die beiden im ,Balmoore‘ abgestiegen?“

„Gestern. Die Wahl des Hotels gehörte zu ihren Tarnmanövern“, sagte der Prinz.

„Wer untersucht den Fall?“

„Captain Rogers, er war vor einer Stunde noch hier. Ich sagte ihm, dass ich nicht gewillt sei, mich auf die Arbeit der Polizei zu verlassen, und fragte, wer der beste Privatdetektiv der Stadt sei. Er nannte mir Ihren Namen. Ich rief Sie sofort an.“

„Gibt es bereits erste Spuren und Hinweise auf die Täter?“, fragte Bount.

„Nichts, absolut gar nichts“, sagte Raman. „Ich möchte, dass Sie die Aufgabe in drei Prioritäten aufteilen. Zunächst einmal brauche ich das Geld, es darf nicht verlorengehen. Dann möchte ich wissen, wer Mondrin und Kelly tötete — ich wünsche, dass die Mörder hart und gerecht bestraft werden. Und, last not least wünsche ich die beiden zu rehabilitieren. Captain Rogers neigt der Ansicht zu, dass Mondrin und Kelly für den Toten im Zimmer verantwortlich zeichnen. Ich bestreite, dass sie den Mann getötet und zerstückelt haben. Das war einfach nicht ihre Art. Finden Sie heraus, was es mit dem Toten für eine Bewandtnis hat.“

Bount nahm einen Schluck aus dem Glas. Zehntausend Dollar Vorschuss waren eine Riesensumme, aber dahinter stand auch eine Riesenaufgabe, sie erschien auf Anhieb nahezu unlösbar. „Ich kann Ihnen keinerlei Erfolgsgarantie geben“, warnte er.

„Das ist mir klar“, sagte Raman und zückte sein Scheckbuch. „Aber Sie werden auch ohne mein Drängen am Ball bleiben. Schließlich geht es für Sie um dreihundertfünfzigtausend Dollar, buchstäblich um ein Vermögen. Es ist klar, dass ich Ihnen von dieser Summe im Erfolgsfall den Zehntausend-Dollar-Vorschuss abziehen muss, aber selbst dann bleibt mein Angebot für Sie hoch attraktiv. Bedeutend attraktiver als diese Summe wären für Sie natürlich ganze sieben Millionen — aber ich baue darauf, dass Sie auf keinen Fall versuchen werden, das Geld zu unterschlagen. Ich würde es früher oder später herausbekommen, und der Ärger, der Sie dann erwartet, würde Sie wünschen lassen, nicht auf der Welt zu sein.

„Bitte keine Drohungen“, sagte Bount lächelnd, „die mag ich nämlich nicht. Im Übrigen ist sie gegenstandslos, Sie können mir vertrauen.“

Raman lächelte. „Ich muss für klare Fronten sorgen, Bount. Das bin ich uns schuldig. Ach so, da ist noch etwas. Der Auftrag gilt als streng geheim. Top Secret. Nicht einmal die Polizei weiß, welche Summe dabei auf dem Spiel steht. Ich wünsche, dass sich daran nichts ändert. Überlassen wir der Presse das Spiel mit Beträgen und Spekulationen, das genügt.“

„Was denn, Sie haben Captain Rogers gegenüber keinen konkreten Betrag genannt?“

„So ist es. Ich habe ihm lediglich mitgeteilt, dass Mondrin und Kelly für mich eine größere Summe transportierten, und dass ich nicht weiß, was aus dem Geld geworden ist. Der Captain wollte natürlich Genaueres wissen, aber ich habe ihn mit ausweichenden Antworten beschieden.“

Bount zog die Augenbrauen zusammen. „Das ist schlecht. Ich bin es gewohnt, mit dem Captain vertraulich zusammenzuarbeiten. Wir sind Freunde. Es ist eine für beide Teile sehr nützliche Zusammenarbeit — und Sie können nur davon profitieren, wenn sich daran nichts ändert. Apropos profitieren: Wie sieht es mit meiner Prämie aus, wenn die Polizei oder andere Leute bei der Suchaktion fündig werden, beziehungsweise mithelfen, sie zum Erfolg zu führen?“

„Darüber entscheide ich zu gegebener Zeit“, meinte der Prinz. „Sie können sicher sein, dass ich keinen Versuch unternehmen werde, mich aus meiner Verantwortung und meinen Verpflichtungen zu entziehen. Sollte der Captain — oder ein anderer — Ihnen jedoch zuvorkommen, können Sie natürlich nicht erwarten, dass ich Sie um 350.000 Dollar reicher mache. Die Zehntausend bleiben Ihnen in jedem Fall erhalten.“

Bount erhob sich. „Ich fahre jetzt zu Captain Rogers, ich besorge mir alle notwendigen Details und gehe sofort an die Arbeit. Welche Kontaktleute hatten die beiden? Mondrin und Kelly, meine ich?“

„Niemand. Sie kamen, wenn ich es wünschte, direkt mit mir in Verbindung. Außerdem standen wir ständig in telefonischem Kontakt. Was den letzten Anruf betrifft, kann ich Ihnen sagen, dass weder Namen noch Orte genannt wurden — Mondrin stellte lediglich fest, dass sie sich verfolgt fühlten und das Geld an einem sicheren Platz außerhalb des Hotels deponiert hatten. Ich habe darüber nachgedacht, wo das sein könnte — mir ist nichts eingefallen.“

„Wer außer Ihren Leuten und mir weiß noch von den sieben Millionen?“

„Leila, sonst niemand. Meine Leibwächter und meine Sekretärin sind absolut zuverlässig, sie plaudern nicht. Sie haben schon größere Summen durch meine Hände gehen sehen, Geld bedeutet ihnen nichts.“

„Gut“, sagte Bount, „aber wenn es stimmt, dass Mondrin und Kelly verfolgt und ermordet wurden, muss es doch Leute geben, die etwas von dem Geld wussten und hinter den sieben Millionen her waren ... “

„Das ist richtig. Mondrin und Kelly haben sich stets bemüht, unauffällig zu reisen und zu arbeiten, aber natürlich gab und gibt es Leute, die die Aufgaben der beiden kannten und die einen großen Fischzug zu landen wünschten. Diese Leute werden genau wie Sie hinter dem Geld her sein — und es steht zu befürchten, dass man Ihnen dabei in die Quere kommen wird. Vergessen Sie nicht, wie meine Leute endeten. Diese Gangster schrecken vor nichts zurück. Sieben Millionen rechtfertigen für die meisten Menschen jedes Verbrechen. Ich hoffe, Sie werden diese Einstellung nicht am eigenen Leibe zu spüren bekommen.“

„Ich bin Kummer gewöhnt“, sagte Bount. Er hatte keine Angst. Im Gegenteil. Er brannte darauf, an die Arbeit gehen zu können. 350.000 Dollar waren ein Motor von enormer Kraft, das spürte er jetzt schon. Aber sieben Millionen, die jetzt irgendwo herrenlos in der Stadt herumlagen, waren auch für andere ein gigantischer Magnet. Er begriff, dass es ein harter Job werden würde, eine Aufgabe, deren Umfang und Schwierigkeiten mit der Größe der Summe Schritt hielten.

Er fuhr zum Police Headquarters. Captain Rogers war in seinem Office. Er grinste, als Bount an seinem Schreibtisch Platz nahm. „Du hast den Job also gekriegt, herzlichen Glückwunsch.“

„Du hast Anspruch auf eine Vermittlerprovision“, meinte Bount. „Wie viel forderst du?“

„Spaßvogel. Ich bin Beamter. Aber einer, der in Arbeit erstickt und der sich schon belohnt fühlt, wenn jemand ihm hilft. Was hältst du von unseren drei Leichen?“

„Mondrin und Kelly mussten sterben, weil man bei ihnen das Geld des Ölprinzen vermutete, aber was ist mit dem dritten Mann?“

„Der wollte sich die Mäuse aus dem Hotel holen“, sagte der Captain. „Eine andere Erklärung gibt es nicht.“

„Wer ist es?“

„Seine Prints sind nicht mal im Zentralarchiv enthalten, ein unbeschriebenes Blatt.“

„Wohl kaum“, wandte Bount ein. „Er muss Hintermänner gehabt haben, Informanten. Es ist nicht auszuschließen, dass der Tod von Mondrin und Kelly ursächlich mit dem Unbekannten zusammenhängt, vielleicht haben seine Freunde die beiden abserviert.“

„Durchaus möglich“, nickte Toby Rogers. „Ein Fall für den FBI, er wird mitmischen.“

„Damit ist zu rechnen. Der Prinz hält es für ausgeschlossen, dass Kelly und Mondrin den Unbekannten töteten“, sagte Bount.

„Ich sehe darin nur eine Schutzbehauptung“, meinte Toby Rogers. „Ein letzter Dienst an seinen loyalen Mitarbeitern. Sie mussten sterben, weil sie auf seiner Zahlliste standen, das muss ihm an die Nieren gegangen sein.“ Er schwang sich in seinem Drehstuhl herum und starrte aus dem Fenster. Die Dächer und Fassaden in seinem Blickfeld interessierten ihn nicht, er sah sie kaum, aber er hatte gelernt, sich bei ihrer Betrachtung zu entspannen, es förderte sein Urteilsvermögen. „Wie viel Geld ist es?“, fragte er plötzlich.

„Eine Menge. Ich soll nicht darüber sprechen.“

„Wie viel?“, wiederholte Toby Rogers, ohne seine Position zu verändern.

„Bleibt es unter uns?“

„Ich werde mein Bestes tun, versprechen kann ich nichts“, sagte der Captain.

„Sieben Millionen.“

Toby Rogers wirbelte herum. Er stieß einen Pfiff aus. „Dollar? Sicher Dollar! Das wird Ärger geben. Großen Ärger. Wir müssen das Geld rasch finden, sonst beginnen die Gangster dieser Stadt Amok zu laufen.“

„Das ist zu befürchten. Und zu erwarten. Wenn sich herumsprechen sollte, was zu holen ist, wird die Unterwelt verrückt spielen“, meinte Bount.

„Eben. Darum gilt es, solchen Aktionen den Nährboden zu entziehen.“

„Womit wurden Mondrin und Kelly getötet?“

„Mit Schüssen aus einem Revolver des Kalibers 7.63“, erwiderte der Captain.

„Und auf welche Weise erwischte es den Mann, der in den Koffern lag?“

„Ebenfalls mit einem Revolverschuss. Wir fanden zwei Waffen dieser Art in dem Hotelzimmer, sie tragen Fingerabdrücke von Kelly und Mondrin, kommen aber als Tatwerkzeuge nicht infrage“, sagte der Captain. „Als wir in dem Hotelzimmer eintrafen, bot sich uns ein chaotisches Bild. Alles war durchwühlt worden. Wir wissen nicht, ob und was der oder die Täter gefunden und mitgenommen haben. Das von uns verhörte Hotelpersonal und Rücksprachen mit Zimmernachbarn haben uns nicht vorangebracht. Offenbar sind nicht mal die Schüsse gehört worden.“

„Wo soll ich beginnen?“, fragte Bount.

„Das musst du wissen“, meinte der Captain schulterzuckend. „Ich kann dir keinen Rat geben. Hier, das wird dir vielleicht weiterhelfen“, meinte er und nahm zwei Fotos aus einer Schublade. „Das ist Mondrin, das ist Kelly.“

„Okay, aber ich brauche noch ein Foto des dritten Toten“, sagte Bount.

„Du bekommst es, sobald es mir vorliegt.“

Bount fuhr zur Bank und löste den Scheck ein. Es war ein erhebendes Gefühl, so viel Geld in Empfang nehmen zu können. Er überwies den größeren Teil davon auf sein eigenes Konto, dann rief er Raman an und erkundigte sich, wann Kelly und Mondrin aus der Schweiz angekommen waren, und in welchem Hotel sie gewohnt hatten.

Danach begab er sich zum Kennedy Airport. Er sprach mit einem rothaarigen Mädchen am Schalter des Swiss Air und erfuhr, dass Mondrin und Kelly tatsächlich mit der von Raman genannten Maschine eingetroffen waren.

Bount suchte das Büro der Sicherheitsbehörde auf und fand einen Offizier, der bei der Ankunft der Swiss-Air-Maschine Dienst gehabt halte. Bount legte ihm die Fotos vor. Der Offizier schüttelte den Kopf. „Ich kann mich nicht erinnern. Das war eine 707, knallvoll. Gesichter, Gesichter, Gesichter.

„Wer sonst hat die Ankunft der Passagiere beobachtet?“, fragte Bount und notierte sich die Namen, die der Offizier ihm nannte.

Nach einer Stunde und vielen Gesprächen war Bount so klug wie vorher, aber dann machte er eine interessante Entdeckung. Aus den Fluglisten ging hervor, dass Mondrin und Kelly nur mit ihrem Handgepäck gereist waren. Es gab keine Frachtbriefe für separat geschickte Koffer, aber es war offenkundig, dass das Geld nicht mit der gleichen Maschine eingetroffen sein konnte. Ohne Zweifel hatte es sich dabei um eine naheliegende Sicherheitsmaßnahme der beiden Männer gehandelt. Sie machte es Bount nicht leichter, die notwendigen Anhaltspunkte zu finden, aber das war er gewohnt, Schläge ins Wasser gehörten nun mal zur Arbeitsroutine.

Er erkundigte sich im Büro der Swiss Air nach den Stewardessen, die die Passagiere des Fluges betreut hatten und hörte, dass sich eine von ihnen, Margit Stemmler, zurzeit in New York befand. Sie wohnte in einem kleinen Hotel unweit des Airports. Bount fuhr hin und erfragte in der Rezeption die Zimmernummer der jungen Dame.

„Elf“, teilte ihm ein bulliger, mürrisch wirkender Portier mit. „Aber Miss Stemmler ist nicht im Hause, sie ist in die Stadt gefahren, Einkäufe machen, glaube ich.“

„Okay, ich warte“, sagte Bount, setzte sich und schaute sich die Magazine an, die in der kleinen Halle auf einem Tisch lagen. Während er die Hefte durchblätterte, fühlte er die Blicke des Portiers auf sich ruhen, finster und prüfend, sodass er sich fragte, ob der Mann penetrant neugierig oder nur gelangweilt war, schließlich gab es in dem offenbar sehr ruhigem Hotel für ihn wenig zu tun.

Der Portier verließ den Tresen, er verschwand durch eine Tür. Bount zuckte zusammen, als er meinte, einen Schrei zu hören. Er spitzte die Ohren, aber alles blieb ruhig. Er legte das Heft aus der Hand und ging die Treppe zum oberen Stockwerk hinauf. Ein langer, blitzblanker Korridor mit etwa zwanzig Zimmern vermittelte ihm das Gefühl eines kleinen, aber gut geführten Hauses, und doch meinte er zu spüren, dass irgendetwas in der Luft lag, dass etwas nicht stimmte.

Er schritt bis zum Zimmer Elf, lauschte kurz und stieß dann die Tür auf. „Pardon“, murmelte er betroffen, als er in dem Doppelbett ein Paar entdeckte, das sich in körperlicher Liebe übte.

Der Mann zuckte hoch, zornig und mit zerwühltem Haar. „Was, zum Teufel, soll das? Wer sind Sie?“

„Ich suche Miss Stemmler“, entschuldigte sich Bount, aber schon ein kurzer Blick auf die Frau machte ihm deutlich, dass es sich unmöglich um eine Stewardess handeln konnte. Die Frau im Bett war mindestens fünfunddreißig, sie zog erschreckt die Bettdecke bis an ihr Kinn und sagte mit weinerlicher Stimme: „Ich hatte dich ausdrücklich darum gebeten, die Tür abzuschließen.“

Bount machte kehrt und zog die Tür hinter sich ins Schloss. Der Portier hatte ihm eine falsche Zimmernummer genannt. Versehen oder Absicht?

Plötzlich wiederholte sich der Schrei, diesmal schien er ganz nahe zu sein. Er machte den Eindruck, als würde er von einem Hindernis gebremst und halb erstickt, von einer Hand vielleicht, oder einem Knebel ...

Bount lauschte mit gespannten Muskeln und hellwachen Sinnen. Der Halbschrei wiederholte sich, er kam aus dem Zimmer 19. Bount erreichte die Tür, drückte behutsam die Klinke herab und versuchte, den Raum zu betreten, aber die Tür war abgeschlossen.

Ein Wimmern ertönte aus dem Inneren des Zimmers, dann ein scharfes Klatschen. Bount bückte sich, er versuchte durch das Schlüsselloch zu blicken, aber der auf der Innenseite steckende Schlüssel machte es ihm unmöglich, etwas zu sehen.

Er wirbelte auf den Absätzen herum und hastete in die Rezeption. Der Portier war nicht an seinem Platz. Bount betätigte die Glocke.

Niemand erschien.

Bount ging um den Tresen herum und öffnete die Tür, durch die der Portier verschwunden war. Die Tür führte in ein kleines Büro, das einen ziemlich unordentlichen Eindruck machte. Der Raum hatte eine zweite Tür, die nur angelehnt war.

Bount zuckte zusammen, als er plötzlich zwei Beine sah, zwei Beine mit klobigen Halbschuhen, roten Socken und hochgerutschten Hosen. Die Beine ragten hinter dem Schreibtisch hervor. Bount benötigte nur vier Schritte, um den Mann betrachten zu können, zu dem die Beine gehörten.

Er war schätzungsweise fünfzig, ruhte auf dem Rücken und trug am Revers seines dunkelblauen Blazer-Anzuges ein Schildchen mit dem Hotelemblem und der eingestanzten Namenszeile ROGER M. BULWER. Bulwer blutete aus einer Kopfwunde und war bewusstlos.

Bount überzeugte sich davon, das der Puls des Mannes schlug und dass es sich um keine lebensbedrohende Verletzung handelte. Er machte kehrt und warf einen Blick in das hinter dem Tresen liegende Gästebuch.

Margit Stemmler bewohnte das Zimmer 19.

Er hastete aus dem Hotel. Auf dem asphaltierten Parkplatz vor dem Hause standen außer seinem Wagen noch elf Fahrzeuge. Er prägte sich die Typen und Nummern ein, ging um das Hotel herum und entdeckte, dass das zum Zimmer 19 gehörende Fenster geschlossen war, und dass man auf der Innenseite die Jalousie herabgelassen hatte.

Er eilte zurück ins Hotel, stürmte in die erste Etage und klopfte mit harten Knöcheln gegen die Tür des Zimmers 19. „Wer ist da?“, fragte eine raue Männerstimme.

„Öffnen Sie“, erwiderte Bount im Befehlston.

Schritte kamen näher, der Schlüssel wurde herumgedreht, die Tür ging auf. In ihrem Rahmen zeigte sich ein muskulöser, breitschultriger Bursche von knapp fünfunddreißig Jahren. Er hatte eine zurückweichende Stirn, dunkles, lockiges Haar, tiefliegende, nahe beieinanderstehende Augen und eine auffällige Halsnarbe. Er trug eine Sportkombination aus braunem Tweed. „Was ist los?“, grunzte er sichtlich schlechtgelaunt.

Bount versuchte, über die Schultern des Mannes hinweg einen Blick in das abgedunkelte Zimmer zu werfen, sah aber nur die halb geschlossenen Lamellen der Jalousie. Der Rest des Raumes lag entweder im Dunkel, oder der Breitschultrige blockierte den Einblick.

„Ich möchte zu Miss Stemmler“, sagte Bount.

„Die wohnt hier nicht, Sie haben sich im Zimmer geirrt“, meinte der Mann und versuchte, die Tür zu schließen, aber Bount stellte rechtzeitig den Fuß dazwischen. Die Augen des Mannes wurden hart, rund und feindselig. „Was soll das, verdammt nochmal?“, fragte er.

„Ich bin Privatdetektiv“, sagte Bount. „Würden Sie mir bitte gestatten, einen Blick in den Raum zu werfen?“

„Nein“, sagte der Mann scharf, „das gestatte ich Ihnen nicht. Sie haben kein Recht, meine Privatsphäre mit Ihren Western-Methoden zu stören.“

„Ich weiß, dass dies das Zimmer von Miss Stemmler ist“, sagte Bount. „Ich will sie sehen.“ Der Mann grinste plötzlich. „Ja, das ist das Zimmer von Margit“, gab er zu. „Wir lieben uns. Ehrlich. Dabei ist es nicht einfach, die Kleine zufriedenzustellen. Weil sie eine Masochistin ist. Sie liebt es, geschlagen zu werden. Ich hoffe, das schockiert Sie nicht. Margit sieht im Augenblick nicht gerade gut aus — ihr Gesicht zeigt Spuren der von ihr so heißgeliebten Behandlung.“

„Wo ist sie?“, fragte Bount.

„Im Badezimmer. Was wollen Sie von ihr?“

„Das ist meine Sache. Wer sind Sie?“

„Nun mal langsam, Partner. Sie sind kein Bulle, auch wenn Sie versuchen, wie einer aufzutreten. Ich bin nicht verpflichtet, Ihnen irgendwelche Fragen zu beantworten.“

„Was ist mit dem Portier passiert?“, fragte Bount.

„He, mit dem Portier? Ist was mit ihm?“

„Ja. Er liegt bewusstlos in seinem Büro, und der Typ, der sich mir gegenüber als Hotelangestellter ausgab, ist plötzlich verschwunden. Ich suche eine Erklärung dafür. Es wäre gut, wenn Sie sie mir geben könnten — und zwar rasch. Sehr rasch sogar. Sonst gibt es Ärger für Sie, Ärger, an den Sie noch lange zurückdenken werden. Ziehen Sie die Jalousien hoch oder machen Sie Licht, los!“

„Moment mal, Partner, ich gehöre nicht zu den Leuten, die man ungestraft herumschubst. Merken Sie sich das! Auf derlei Methoden reagiere ich allergisch“, meinte der Mann. „Was haben meine Beziehungen zu Margit mit dem Ärger in der Rezeption zu tun?“

„Miss Stemmler?“, rief Bount laut ins Zimmer.

Niemand antwortete.

„Lassen Sie mich vorbei“, sagte Bount, aber sein Gegenüber versperrte breitschultrig den Weg, groß und klotzig wie ein Fels. „Kommt nicht infrage, Partner“, erklärte er. „Ich fühle mich für das Mädchen verantwortlich. Margit dürfte nicht in der Stimmung sein, irgendwelche Besucher zu empfangen. Stimmt’s, Margit?“, rief er. Stille.

Bount schob den Mann beiseite. Er war nicht überrascht, als der Breitschultrige mit einem jähen Schwinger antwortete. Bount hatte etwas Ähnliches erwartet, er wich dem Schlag aus und schaffte es gerade noch, das Licht anzuknipsen, dann war die Keilerei im vollen Gange.

Der Mann mit der Halsnarbe kämpfte wie ein Schwergewichtler, er leistete nicht viel Beinarbeit, aber seine Schläge hatten einen unerhörten Punch. Bount steckte ein paar davon ein und bemühte sich darum, ihnen zu entgehen, denn sie waren schmerzhafter und wirkungsvoller, als er es befürchtet hatte. Er konterte hart und trocken. Seine Treffer landeten mit nüchterner Präzision genau dort, wo er sie anzubringen wünschte.

Sein Gegner begann zu japsen, er hatte offenbar Schwierigkeiten mit der Luftversorgung. Er versuchte sein Heil mit ein paar Tiefschlägen, schaffte es aber nicht, voll ins Ziel zu kommen. Dann riss er das Knie hoch, um Bount auf ebenso unfeine Weise aus dem Rennen zu werfen, aber auch das erwies sich als Fehlschlag.

Bount zog die Linke hoch. Er legte alles hinein, was er zu bieten hatte. Er setzte seine Faust genau auf den Punkt. Der Mann mit der Halsnarbe stolperte zurück, dann faltete er sich auf dem Boden zusammen. Die Art, wie er fiel und liegen blieb, machte deutlich, dass er ein paar Minuten brauchen würde, um sich von dem Knockout zu erholen.

Bount pumpte Luft in seine Lungen. Von dem Mädchen war nichts zu sehen, aber möglicherweise befand sie sich im angrenzenden Badezimmer. Bount spürte einen Luftzug hinter sich und wusste, dass er gewonnen und zugleich verloren hatte. Etwas sehr Hartes bohrte sich in seinen Rücken, und eine Stimme, die er bereits in der Rezeption gehört hatte, sagte scharf: „Hoch mit den Klauen, Schnüffler, oder ich perforiere dich wie einen Schnittmusterbogen!“

Bount hob langsam die Arme. Er fühlte sich alles andere als gut. Eine Hand tastete ihn ab, dann zog sich die Hand zurück. „Was denn“, wunderte sich der Typ, der den Portier gespielt hatte. „Keine Kanone?“

„Keine Kanone“, bestätigte Bount. Er wusste einen Revolver zu schätzen, hasste es jedoch, ihn bei jeder Gelegenheit mit sich herumzuschleppen.

„Das war ein Fehler von dir, Schnüffler“, höhnte der Mann hinter Bount. „Mein Freund ist rachsüchtig. Er wird dir heimzahlen, was du ihm angetan hast.“

Bount warf einen Blick über seine Schulter. „Was wollen Sie von dem Mädchen?“, fragte er.

„Nichts Besonderes, aber wir kriegen, was wir haben wollen“, erklärte der Mann mit grimmigem Gesichtsausdruck. „Schau mich nicht so blöd an! Blick nach vorn, oder es passiert ein Unglück.“

Bount gehorchte. Der Mann am Boden stöhnte leise, er wälzte sich auf den Rücken, hob die flatternden Lider und schaffte es, sein Erinnerungsvermögen zu aktivieren. Er stemmte sich hoch, schwer atmend und mit schweißfeuchtem Gesicht. Als er auf den Beinen stand, ließ das hässliche Glitzern in seinen tiefliegenden, nahe beieinanderstehenden Augen befürchten, dass er vorhatte, die Ankündigung seines Komplizen wahrzumachen.

„Diesem Schwein zeige ich’s“, japste er. Er hatte sich gegen die Wand gelehnt, es war zu erkennen, dass ihm im Moment die Kräfte fehlten, um seine Drohung in die Tat umzusetzen.

„Das hat Zeit bis später“, sagte der Mann hinter Bount scharf. „Geh nach unten, los. Es wird Zeit, dass wir verschwinden. Ich folge in drei Minuten.“

Der Mann mit der Halsnarbe stieß sich von der Wand ab. Er torkelte leicht. Als er auf die Tür zuwankte, brachte er mechanisch seine derangierte Kleidung in Ordnung. Er trat kurz nach Bounts Schienenbein, dann verließ er das Zimmer.

„Für wen arbeitest du?“, wollte der Mann wissen und verstärkte den Druck der Revolvermündung auf Bounts Rücken.

Bount schwieg.

„Für Lester?“, fragte der Mann bohrend.

„Kein Kommentar“, erwiderte Bount und ließ in Gedanken alle Gangsterbosse Revue passieren, die Lester hießen. Ihm fiel nur einer ein. Lester Scipiro, ein Syndikatschef, der das nördliche Queens beherrschte.

„Stell dich mit dem Gesicht zur Wand“, kommandierte der Gangster. „Leg die Hände dagegen.“

Bount befolgte die Aufforderung, er spannte die Muskeln und ahnte, was kommen würde. Der Schlag traf ihn im nächsten Moment. Der Revolverschaft landete auf seinem Schädel, knallhart und gezielt. Bount sackte in die Knie. Sein Bewusstsein geriet ins Schwimmen. Er kippte vornüber und mimte eine Ohnmacht, wobei er ihre Grenzen zumindest streifte. Er hörte wie durch einen Nebel einige Geräusche, die sich leicht einordnen ließen. Der Gangster zog den Schlüssel ab, schob ihn von außen in das Schloss und drehte ihn herum, als er die Tür geschlossen hatte. Bount hörte, wie der Mann zur Treppe rannte, und kam nicht ohne Mühe auf die Beine. Sein Schädel schmerzte.

Bount stieß die Luft aus und öffnete die Tür zum Badezimmer. Er knipste das Licht an. Auf den weißen Bodenkacheln lag ein blondes, gefesseltes Mädchen. Es trug einen Uniformrock und eine zerrissene, weiße Bluse. Das Mädchen war geknebelt und musterte ihn aus großen, angstvollen Augen, von denen das linke blutunterlaufen war.

„Ich bin Bount Reiniger“, sagte er schwach, ließ sich neben dem Mädchen auf die Knie fallen und befreite es von Knebel und Stricken.

„Oh Gott“, wimmerte das Mädchen und begann zu schluchzen. Es schien, als sei sie erst jetzt imstande, ein paar Tränen zu vergießen. Der Anfall ging schnell vorüber. Bount half ihr auf die Beine und geleitete sie ins Zimmer, dort legte er sie auf das Bett.

„Wie fühlen Sie sich?“, fragte er.

Es war eine dumme Frage, er wusste es. Schließlich war zu sehen, dass das Mädchen in einem miserablen Zustand war, aber ihm fiel nichts besseres ein, er musste einen Anfang finden.

Margit Stemmler war bildhübsch, obwohl sie im Moment etwas verquollen und mitgenommen aussah. Sie bemühte sich darum, ihre von der zerrissenen Bluse freigelegte nackte Haut mit den Händen abzudecken und murmelte: „Stecken Sie mir eine Zigarette an, bitte.“

Er tat, worum sie ihn ersuchte, und schob ihr die Zigarette zwischen die Lippen. Das Mädchen inhalierte tief und blickte ihm ins Gesicht. „Sind Sie wirklich Privatdetektiv?“, erkundigte sie sich.

Er nickte und zeigte ihr seine Lizenzkarte. „Ich bin froh, dass Sie gekommen sind“, seufzte die Stewardess und nahm die Zigarette aus ihrem sinnlich geschwungenen Mund. „Ich dachte schon, alles wäre aus. Ich fürchtete, der Kerl wollte mich totschlagen.“

„Was wollte er von Ihnen?“

„Er glaubte, ich würde ein Geldversteck kennen. Eine völlig verrückte Idee!“

„Was brachte ihn darauf?“

„Ich weiß es nicht.“

Bount zog die Fotos von Mondrin und Kelly aus seiner Brieftasche. „Kennen Sie die beiden?“

„Ja“, sagte das Mädchen. „Das waren die beiden Passagiere vom Flug A404.“

„Haben Sie mit Ihnen gesprochen?“

„Natürlich, sie saßen in dem Abteil, das ich betreute“, erklärte Margit Stemmler. „Was ist mit ihnen?“

„Sie wurden ermordet.“

„Um Himmels willen“, hauchte das Mädchen mit großen, angstvoll wirkenden Augen. „Warum denn das?“

Bount musterte sie prüfend. Er hatte plötzlich das seltsame Gefühl, dass die Stewardess ihm etwas vormachte und dass sie mehr wusste, als sie zu sagen bereit war. Es schien ihm so, als spielte sie eine Rolle — nahezu perfekt und doch nicht gut genug, um ihn zu überzeugen.

Oder redete er sich das Ganze nur ein? Er trat ans Fenster, zog die Jalousie hoch und musste an den verletzten Portier denken. Es wurde Zeit, sich um ihn zu kümmern. „Nicht so viel Licht, bitte“, protestierte das Mädchen mit schwacher Stimme und verkniff die Augen.

Bount nahm den Telefonhörer ab. „Ja?“, ächzte ihm Sekunden später eine männliche Stimme ins Ohr.

„Mit wem spreche ich?“

„Bulwer. Ich bin der Portier.“

„Mein Name ist Reiniger, ich bin Privatdetektiv und habe Sie vorhin in Ihrem Büro entdeckt. Wer hat Sie niedergeschlagen?“

„Zwei unbekannte Männer, die sich nach einem Gast erkundigten. Nach Miss Stemmler. Sie rufen aus dem Zimmer der jungen Dame an. Ich möchte sie sprechen und mich davon überzeugen, dass es ihr gut geht.

„Der Portier“, sagte Bount und reichte dem Mädchen den Hörer. „Er will Sie sprechen.“

Margit Stemmler wechselte ein paar Worte mit dem Portier, dann gab sie Bount den Hörer zurück. Er legte auf. Er halte keine Lust, jetzt mit dem Portier zu sprechen. Das hatte Zeit bis später.

„Er hat die Polizei verständigt“, murmelte das Mädchen.

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Bount setzte sich auf den Bettrand. Das Mädchen starrte an die Zimmerdecke. Die allmählich untergehende Abendsonne schickte noch genügend Licht ins Zimmer, um erkennen zu lassen, wie hart Margit Stemmler die unbarmherzigen Schläge ihres Peinigers getroffen hatten.

„Als es klopfte, rief ich ,Herein‘“, erinnerte sie sich mit matter Stimme. „Ich dachte, es sei das Zimmermädchen oder sonst jemand aus dem Hotel. Ich lag auf dem Bett, genau wie jetzt, ich döste vor mich hin, schreckte jedoch hoch, als der Fremde auf mich zukam — ein Muskelprotz mit einem harten, hässlichen Gesicht, der keinen Hehl daraus machte, dass er nicht in guter Absicht gekommen war. Er verlangte zu wissen, wo ich das Geld versteckt hätte, und er schlug mich, als ich ihm nicht antworten konnte. Er fesselte und knebelte mich, dann schlug er erneut zu. Als ich ohnmächtig wurde, schleppte er mich ins Bad, dann kamen Sie ...“

„Hat er Namen genannt?“

„Nein.“

„Worüber haben Sie mit den Männern, die ich Ihnen auf den Fotos zeigte, im Flugzeug gesprochen?“

„Sie gaben ein paar Bestellungen auf, sie machten einige Scherze — es ist immer das Gleiche. Männer versuchen, mit unser einem ins Gespräch zu kommen, sie suchen einen Flirt ...“

„Die beiden Männer — Mondrin und Kelly — beförderten im Auftrag eines Ölprinzen Geld aus der Schweiz in die USA“, erklärte Bount. „Ich bin nicht sicher, ob sich das Geld im Flugzeug befand, aber ich möchte fast wetten, dass die beiden beschattet wurden. Versuchen Sie sich zu erinnern. Gab es Leute, die die beiden beobachteten?“

„Wenn ja, ist es mir nicht aufgefallen.“

„Dafür fiel ein paar Gangstern auf, wie Sie mit Mondrin und Kelly sprachen“, mutmaßte Bount. „Sie zogen daraus den Schluss, dass Sie mit den beiden bekannt waren, bekannt und vertraut. Eine andere Erklärung gibt es nicht.“

„Sie werden recht haben. Ob die schrecklichen Männer wiederkommen? Ich kann ihnen doch nichts sagen, absolut nichts!“, sagte die Stewardess verzweifelt.

„Haben Sie bemerkt, wie Ihnen jemand ins Hotel gefolgt ist?“

„Nein.“

„Warum sind Sie in diesem Haus abgestiegen?“

„Es liegt verkehrsgünstig zum Flugplatz“, sagte Margit Stemmler. „Man kennt mich hier.“

Er stand auf. „Hier ist meine Karte. Rufen Sie mich an, wenn Sie meine Hilfe brauchen.“

Er ging zur Tür, holte ein kleines Werkzeugetui aus der Tasche und schaffte es mithilfe seines Inhaltes, den Schlüssel nach draußen zu stoßen und die Tür zu öffnen. Er hob den Schlüssel auf, führte ihn auf der Innenseite ein und ging. Der Rezeptionstresen war unbesetzt, aber die Tür zum Office stand offen, Bount hörte das Rauschen eines aufgedrehten Wasserhahns, durchquerte das Büro und gelangte in einen Waschraum. Der Portier stand vor dem Spiegel und tupfte sich mit verzogenem Gesicht die Platzwunde an seiner Schläfe ab. „Polizei?“, fragte er und schaute Bount an.

„Nein, ich bin Bount Reiniger, wir haben vorhin miteinander telefoniert. Wie gut kennen Sie Miss Stemmler?“

Der Portier legte das blutverschmierte Handtuch beiseite und ging mit Bount in das kleine Office, dort setzte er sich. „Sie wohnt regelmäßig bei uns, mindestens einmal monatlich, immer nur für zwei oder drei Tage, das hängt von den Pausen in ihrem Dienstplan ab.“

„Empfängt sie viel Besuch?“

„Nein, niemals. Doch, einmal kam sie mit einer Kollegin“, erinnerte sich der Portier. „Ein attraktives Mädchen, ein idealer Gast. Freundlich und korrekt, so was findet man heute nur noch selten. Möchte bloß wissen, wann endlich die Polizei eintrifft, in diesem Lande ist der Teufel los, die Gangster tun, was ihnen Spaß macht, und die Hüter des Gesetzes sehen kopfschüttelnd zu.“

Bount wandte sich zum Gehen, dann machte er nochmals kehrt und hielt dem Portier die beiden Fotos unter die Augen. Er versprach sich nichts davon, es war eine reine Routinegeste.

„Kennen Sie einen der Männer?“

„Einen?“, fragte der Portier und hob seinen Blick von den Bildern zu Bount. „Ich kenne beide.“

Bount setzte sich. „Unter welchen Namen?“

„Dieser heißt Miller oder so ähnlich, nein Shubert, ein sehr gängiger Name — und der da ist Kenwood.“

„Die beiden haben hier gewohnt?“

„Ja, vor vier Wochen.“

„Wie lange?“

„Da muss ich nachsehen. Ist es denn so wichtig?“

„Sehr wichtig“, sagte Bount und folgte dem Portier an den Tresen. Der Portier öffnete das Gästebuch, sein Zeigefinger fuhr über die Seiten, er blätterte vor und zurück, dann sagte er plötzlich verdutzt: „Hier fehlt eine Seite. Sehen Sie selbst. Herausgerissen!“

„Wann ist das passiert?“

„Keine Ahnung, ich habe in den letzten Tagen keinen Grund gehabt, in dem Buch zu blättern, es kann ebenso gut heute wie vor zwei Wochen geschehen sein.“

„Versuchen Sie sich zu erinnern“, bat Bount. „Wohnte in dem genannten Zeitraum auch Miss Stemmler hier im Hotel?“

„Jetzt, wo Sie danach fragen, fällt es mir ein — ja, sie wohnte auch hier.“

„Haben Sie sie irgendwann einmal in der Begleitung dieser Herren gesehen?“

„Ich kann mich nicht erinnern.“

„Es ist sehr wichtig“, drängte Bount.

Der Portier biss sich auf die Unterlippe, dann schnippte er mit den Fingern und sagte: „Nicht mit beiden, aber mit einem von ihnen. Mit Shubert. Sie standen auf dem Parkplatz und sprachen miteinander. Ich erinnere mich deshalb so genau daran, weil mir auffiel, dass sie eine Sprache benutzten, die ich nicht verstand — Französisch, nehme ich an.“

„Danke“, sagte Bount und ging nach oben. Den Mann, der sich als Shubert eingetragen hatte, war Mondrin. Bount klopfte an Margit Stemmlers Zimmertür. „Ja?“, rief es ängstlich von innen.

„Ich bin es noch mal, Bount Reiniger“, antwortete er. Das Mädchen schloss die Tür auf. Sie hatte eine frische Bluse angezogen und eine große Sonnenbrille aufgesetzt, die das malträtierte Auge verbarg.

„Haben Sie etwas vergessen?“, fragte das Mädchen.

„Nicht ich, sondern Sie haben etwas vergessen“, antwortete er und zog die Tür hinter sich ins Schloss. „Warum haben Sie mir verschwiegen, dass Sie Mondrin kennen?“

„Mondrin?“

„Ja, diesen Mann hier, ich habe Ihnen sein Foto gezeigt.“

„Den soll ich kennen?“

„Er wohnte bereits hier im Hotel. Der Portier hat gesehen, wie Sie sich mit ihm unterhielten.“

„Geben Sie mir das Bild noch einmal, bitte“, meinte das Mädchen, betrachtete es prüfend und sagte dann: „Sie mögen recht haben. Da war ein Mann, der diesem hier ähnelte. Ich habe ihn nur ein oder zweimal gesehen und wusste nicht, dass er Mondrin heißt. Auf dem Bild sieht er so anders aus, wie ein Schlafender „Wie ein Toter“, stellte Bount richtig. „Die Aufnahme wurde von der Leiche gemacht.“

„Wie schrecklich“, sagte Margit Stemmler und gab Bount das Bild zurück. „Mag sein, dass ich mit ihm gesprochen habe. Belanglose Worte, nichts weiter. Ein kleiner Plausch unter Hotelgästen. Ist das denn so wichtig?“

„Vielleicht nein, vielleicht ja“, sagte Bount. „Nach einem Mord erhält vieles eine neue, eine andere Bedeutung, man muss jeder Spur nachgehen.“

„Es ist absurd, mich mit dem Mord in Zusammenhang bringen zu wollen, aber falls Sie mein Alibi wünschen ... “

„Ich wüsste gern, ob Sie Mondrin wiedererkannten, als Sie sich im Flugzeug mit ihm unterhielten — oder ob er seinerseits darauf hinwies, dass Sie mit ihm und Kelly schon einmal unter dem Dach dieses Hotels wohnten.“

„Er hat nichts davon erwähnt, und ich habe gleichfalls nichts dergleichen festgestellt. Sie dürfen nicht vergessen, dass ich immer wieder neue Menschen sehe und mir unmöglich alle Gesichter einprägen kann.“

„Danke“, sagte Bount und ging.

Margit Stemmler hatte erneut eine bühnenreife Leistung erbracht, aber Bount konnte einfach nicht glauben, dass ihre Worte der Wahrheit entsprachen. Es musste tiefere Zusammenhänge geben, Zusammenhänge, die sich von dem verschwundenen Geld und den ermordeten Männern nicht trennen ließen.

Er schaute sich auf dem Parkplatz um und entdeckte, dass ein türkisfarbiger Dodge Station Car verschwunden war. Bount ging in die Rezeption, telefonierte mit dem Police Headquarters, gab die Fahrzeugnummer durch und erfuhr, dass der Wagen einem Mann namens Leroy Carsson gehörte.

Bount notierte sich die Adresse, dann wünschte er zu erfahren, ob Carsson vorbestraft war. Während er auf die Auskunft wartete, erschienen zwei Polizisten im Hotel. Der Portier gab zu Protokoll, was geschehen war. Bount erhielt die Mitteilung, dass Carsson zwei kleinere Vorstrafen hatte, sie lagen schon fünf Jahre zurück. Bount übergab den Polizisten seine Karte, um gegebenenfalls als Zeuge vernommen zu werden, dann fuhr er zurück in die Stadt.

Leroy Carsson wohnte in Brooklyn, Ashford Street 17. Die kurze, schmale Straße war auf einer Seite von modernen, erst kürzlich errichteten Apartmenthäusern gesäumt, während auf der anderen Seite noch die alten, aus den zwanziger Jahren stammenden Gebäude mit ihren Kellerläden und steinernen Treppenaufgängen standen. Carsson wohnte auf der allen Seite, in einem pastellrosa gestrichenem Haus, das sich licht und vorteilhaft von seinen ergrauten Nachbarn abhob.

Bount klingelte an der in der ersten Etage gelegenen Wohnungstür von Carsson. Er hatte nicht viel Hoffnung, auf ein bekanntes Gesicht zu stoßen, und vermutete, dass der Dodge gestohlen worden war, aber als sich die Tür öffnete, fand er sich zu seiner Überraschung dem Mann mit der Halsnarbe gegenüber, dem gleichen Burschen, der ihn niedergeschlagen und Margit Stemmler misshandelt hatte.

Die tiefliegenden, dunklen Augen des Gangsters drückten tiefes Erstaunen aus. Er sagte nichts, trat aber bereitwillig zur Seite. Bount zögerte. Er wusste nicht, ob Carsson allein war, und hatte keine Lust, eine weitere Niederlage hinzunehmen.

„Treten Sie ein, los“, grunzte Carsson. „Sie wollen doch ein paar Fragen stellen, oder?“

„Die erste stelle ich gleich hier. Wo ist Ihre Kanone?“

Carsson öffnete sein Jackett. „Ich habe sie abgelegt, überzeugen Sie sich davon.“

„Sind Sie allein?“

„Ja, ich bin allein“, knurrte Carsson, machte kehrt und durchquerte die kleine Diele. Bount folgte dem Mann in ein mittelgroßes, unpersönlich möbliertes Wohnzimmer. Die Männer setzten sich. „Es war ein Fehler von mir, meinen Wagen zu benutzen“, sagte Carsson sofort. „Durch ihn haben sie meinen Namen und meine Adresse herausgefunden.“

„So ist es. Für wen arbeiten Sie?“

„Kein Kommentar.“

„Sie wissen, dass ich Ihnen eine Menge Ärger machen kann?“, fragte Bount.

Carsson verzog grinsend das Gesicht. Er schien sich seiner Sache sehr gewiss zu sein, er zeigte weder Furcht noch Nervosität. „Sie wollen mich anzeigen? Etwa wegen Körperverletzung oder dergleichen? Dafür brauchen Sie Zeugen, und die haben Sie nicht.“

„Sie vergessen Miss Stemmler und den Hotelportier“, sagte Bount, glaubte aber bereits zu wissen, was der Gangster antworten würde. Seine Erwartungen erfüllten sich prompt. „Die beiden werden die Schnauzen halten. Wetten, dass?“

„Sie wollen sie einschüchtern?“

„Ist schon geschehen.“

„Okay, dann muss ich dem Prinzen mitteilen, was ich herausgefunden habe.“

„Dem Prinzen?“

„Sie wissen genau, von wem ich spreche“, sagte Bount und registrierte zufrieden das plötzlich aufsteigende, unruhige Glitzern in Carssons Augen. Carsson sah kein Problem in einer Anzeige, er war entschlossen, alles in Abrede zu stellen, und glaubte überdies, dass ihm weder von dem Mädchen noch von dem Portier Gefahren drohten, er hatte auch vor Bount keine Angst, aber der Gedanke, den brutalen Leibwächtern des Prinzen ausgeliefert zu werden, erfüllte ihn mit jäher Besorgnis.

„Kommen Sie in ein paar Stunden wieder“, sagte Carsson nach kurzer Überlegung. „Ich kann Ihnen jetzt nichts sagen, ich muss erst mit dem Chef sprechen.“

Bount spitzte den Mund, dann sagte er „Einverstanden. Ich rufe Sie an.“

„Gut. Erwarten Sie aber bitte keine detaillierten telefonischen Auskünfte von mir“, sagte Carsson. „Immerhin können wir einen Treffpunkt vereinbaren.“ Er brachte Bount durch die Diele zur Tür und fragte: „Was suchen Sie eigentlich?“

„Das Geld“, sagte .Bount.

„Für sich?“, fragte Carsson spöttisch. „Oder für ihn?“

Bount grinste. „Wir haben einen Verteilerschlüssel gefunden, den ich akzeptabel finde. Genügt Ihnen diese Auskunft?“ Carsson zuckte mit den Schultern. „Sie liegen schief, Meister. Es gibt kein Geld.“

„Nein?“, fragte Bount.

„Ich habe schon zu viel gesagt“, knurrte Carsson. „Hauen Sie jetzt ab.“

Bount verließ das Haus, verspürte unterwegs plötzlich Hunger, aß in einem Schnellrestaurant zu Abend und telefonierte dann mit dem Waldorf Astoria. Er bekam den Prinzen an den Apparat und berichtete, was er erlebt und herausgefunden hatte.

„Gute Arbeit“, lobte Raman. „Ich habe das Gefühl, dass Sie erfolgreich sein werden. Sie reden nicht viel, Sie handeln. Von der Polizei lässt sich das nicht behaupten. Die ist keinen Schritt weitergekommen. Besuchen Sie mich. Es gibt einen neuen Anhaltspunkt.“

Bount schaute auf die Uhr. „Jetzt noch?“

„Ja, am besten sofort.“

Es war kurz nach dreiundzwanzig Uhr, als Bount das große Hotel betrat. Es war wie bei seinem Besuch am frühen Nachmittag, es gab Getuschel unter den Portiers, dann brachte ihn ein Boy nach oben. Auch dort schien sich nichts verändert zu haben, im Vorzimmer spielten die Leibwächter Karten. Leila war nicht zu sehen, möglicherweise war sie bereits zu Bett gegangen, oder ihr Dienst war längst beendet. Diesmal rief sein Kommen weniger Aufregung hervor, einer der Männer schaute ihn nur kurz an und machte eine Kopfbewegung. „Gehen Sie nur hinein“, sagte er. „Der Prinz erwartet Sie.“

Bount klopfte, betrat das große Zimmer, zog die Tür hinter sich ins Schloss und lächelte dünn, als der Prinz, vom Schlafraum kommend, in einem rotseidenen Hausmantel auftauchte und mit einer wohlriechenden, tiefschwarzen Zigarre einen Gruß andeutete. Die Männer setzten sich. Raman lehnte sich zurück. „Ich habe eine Spur“, sagte er.

Bount sah keinen Grund, Fragen zu stellen. Er schaute den Prinzen gespannt an und wartete.

„Eine gute Spur“, sagte der Prinz und zog die Lippen in die Breite. Sein Gesicht nahm einen diabolischen Ausdruck an, es wirkte auf einmal grausam und brutal. „Warten Sie hier“, fügte er hinzu und stand auf. „Ich ziehe mir etwas an, dann fahren wir los. Haben Sie eine Waffe dabei?“

„Nein.“

„Ich kann Sie mit einem Revolver ausstatten, es ist nicht auszuschließen, dass Sie ihn benötigen werden.“

Fünf Minuten später erschien der Prinz in einem unaufdringlichen Tweedanzug. Er überreichte Bount ein Schulterholster mit Revolver. Bount überzeugte sich davon, dass die Waffe funktionstüchtig war, dann zog er das Jackett aus, um das Holster anzulegen. „Wird es lange dauern?“, fragte er und streifte den Sakko wieder über.

„Ich weiß es nicht, ich weiß nur, dass wir auf Überraschungen gefasst sein müssen.“ Als sie das Vorzimmer betraten, sprangen die Leibwächter auf. Sie griffen nach ihren Jacken, aber der Prinz winkte ab und sagte: „Danke, ich brauche euch nicht. Ich fahre mit Mr. Reiniger los, er übernimmt meinen Schutz.“

„Wohin geht die Fahrt, Hoheit?“, fragte einer der Männer.

Der Prinz gab keine Antwort und verließ mit Bount die Suite. Der Lift brachte sie ins Erdgeschoss. Der Chefportier eilte ihnen entgegen, dienernd und sehr devot, er schien überrascht zu sein, den Prinzen ohne das übliche große Gefolge zu sehen.

„Kein Aufsehen, Masters“, sagte Raman scharf. „Verschwinden Sie hinter Ihrem Tresen.“ Der Chefportier zuckte herum, die Männer verließen das Hotel.

„Ich beneide Sie“, sagte der Prinz, als sie in Bounts Wagen saßen.

„Worum?“

„Um Ihr Leben. Es enthält alle Elemente, die ich vermisse: Kampf, Arbeit und Spannung.“

„Es liegt doch wohl an Ihnen, das zu ändern“, sagte Bount und lenkte den Wagen vorsichtig aus der Parklücke. „Wohin fahren wir?“

„Jersey City“, erwiderte der Prinz. Er paffte immer noch an der wohlriechenden schwarzen Zigarre. „Ich kann nichts ändern. Mein Leben ist vorgezeichnet. Es wird durch Geburt und religiöse Verpflichtungen geformt. Diesen Dingen kann man sich nicht entziehen.“

„Sie haben vor, in Las Vegas zu spielen, Sie können es sich leisten, dabei viele Millionen Dollar einzusetzen. Ist da keine Spannung drin?“

„Es ist eher ein wissenschaftliches Experiment“, meinte der Prinz kühl. „Wenn es schiefgehen sollte, ist nichts verloren. Nur ein wenig Geld. Das ist mein Dilemma. Ich habe von allem zu viel, vor allem zu viel Geld. Das mag ein Zustand sein, der anderen ideal erscheint, aber wenn man ihn erst einmal erreicht hat, ist das Leben schal und inhaltslos. Ganz ehrlich: Es bringt mich zur Verzweiflung.“

Der spinnt, dachte Bount. Er hat alles, was ein Mensch sich nur wünschen kann, aber es genügt ihm nicht. Seine Klagen sind wirklich nicht ernst zu nehmen, das geht schon aus dem blasierten, dozierenden Stil hervor, in dem er sie an den Mann bringt.

Sie schwiegen während der nächsten halben Stunde. Bount hatte eine Menge Fragen auf der Zunge, die sich auf Ramans Verdacht und seine Absichten bezogen, hielt es jedoch für klüger, seinem Auftraggeber Beginn und Umfang der notwendigen Erklärungen zu überlassen.

„Riggins Road“, sagte der Prinz, als sie den Lincoln Tunnel passiert hatten. „Sie muss irgendwo in Hoboken liegen.“

„Ich kenne die Straße“, sagte Bount. „Eine ziemlich finstere Gegend.“

„Das überrascht mich nicht“, sagte Raman und warf die Zigarre aus dem Fenster.

Sie erreichten die von Lagerhäusern und Bürogebäuden gesäumte Riggins Road um null Uhr vierzig. Die Straße war völlig menschenleer. Auf der zum Parken freigegebenen Seite standen mehrere Lastzüge und Sattelschlepper. Personenwagen befanden sich kaum darunter. „Haus 46“, sagte der Prinz.

„Was ist denn das für ein Kasten?“, staunte Bount, als sie vor dem Haus hielten. Das Gebäude machte den Eindruck, als hätte es sich verlaufen oder als hätte sein Erbauer sich mit einer Trotzreaktion einen Witz leisten wollen. Eine Hitchcock-Villa zwischen Lagerhäusern, irgendwie viktorianisch beeinflusst, mit Türmchen und Spitzbogenfenstern. Ein Monstrum. Hinter keinem der Fenster brannte Licht, das Haus sah aus, als wartete es seit Jahren auf den Abbruch.

Der Prinz stieg aus. „Warten Sie hier auf mich“, sagte er, machte ein paar Schritte auf das Gebäude zu, kam noch einmal zurück und forderte: „Wenn ich binnen zehn Minuten nicht zurück bin, holen Sie mich“, dann verschwand er so plötzlich in dem dunklen Haus, dass man meinen konnte, er sei von dem alten Kasten verschluckt worden.

Bount kletterte aus dem Wagen, er ging die Straße auf und ab, er wartete darauf, dass irgendwo hinter einem der Fenster des Hauses Licht aufflammen würde, aber nichts dergleichen geschah, das Haus blieb ein dunkler, drohender und irgendwie grotesk anmutender Komplex.

Bount schaute auf die Uhr. Als zehn Minuten verstrichen waren, zog er kurzerhand den Revolver aus dem Schulterholster und näherte sich dem Hauseingang. Er lag am oberen Ende von fünf breiten Steinstufen und präsentierte sich als ein Spitzbogenportal, das jeder gotischen Kirche zur Ehre gereicht haben würde, aber es war verschlossen.

Bount legte die Stirn in Falten. Er hatte gesehen, wie der Prinz durch diesen Eingang verschwunden war. Raman war eingetreten, ohne geklingelt oder sich auf andere Weise bemerkbar gemacht zu haben. Hatte er die Tür hinter sich verriegelt? Das war kaum anzunehmen, es hätte die mit ihm getroffene Abmachung torpediert.

Bount rüttelte an der Tür, dann ging er um das Haus herum. Er stolperte über einen zerbrochen am Boden liegenden Zaun und suchte vergeblich nach einem Lichtschimmer, einem Lebenszeichen.

Er ging zu seinem Wagen, holte die Taschenlampe aus dem Handschuhfach, warf sich Sekunden später mit voller Wucht gegen die solide Türfüllung des Portals und ging, als er sich bei diesem Versuch nur eine fast ausgerenkte Schulter einhandelte, erneut zur Rückseite des Hauses. Er ließ den Lichtkegel über die Erdgeschossfenster huschen und stellte fest, dass sie rundum durch stählerne Fensterläden gesichert waren. Ein offenes Kellerfenster bot ihm jedoch die Möglichkeit, ohne Schwierigkeiten in das Haus einzudringen. Er ließ den Lichtkegel vor sich herwandern und gelangte aus dem leeren Kellerraum in einen langen, muffigen Gang, der zu einer Treppe führte. Bount stieg die Treppe hinauf. Die Tür zur Halle des Erdgeschosses war unverschlossen.

In der Halle brannte Licht. Es sprach für die Abdichtungsqualitäten von Türen und Fensterläden, dass kein Schimmer davon nach draußen gelangte. Die Halle war leer, nur eine Holzbank stand am Fuße der mit einem kunstvoll geschnitzten Geländer versehenen Holztreppe, die in einem pompösen Bogen nach oben führte.

Bount schob die Taschenlampe in seinen Hosenbund und begnügte sich damit, den Revolver schussbereit in der Hand zu halten. Irgendwie hatte er das sichere Empfinden, die Waffe schon bald benutzen zu müssen.

Er widerstand der Versuchung, nach dem Prinzen zu rufen, musterte die einzelnen hohen Türen, die von der Halle abzweigten, und bemühte sich darüber klarzuwerden, ob er die Suche nach Raman im unteren oder im oberen Stockwerk beginnen sollte.

Im Haus herrschte absolute Stille. Totenstille. Aber nach einiger Zeit waren doch Geräusche zu hören, kaum wahrnehmbar, aber eindringlich.

Irgendwo tropfte Wasser aus einem Hahn, und hin und wieder wurde ein kurzes Knacken laut. Es schien aus dem alten, trockenen Gebälk zu kommen, von dem es in der holzgetäfelten Diele und dem übrigen Haus mehr als genug gab.

Ihm fiel plötzlich Carsson ein. Er nahm sich vor, ihn noch anzurufen, egal, wie spät es auch werden würde. Dann öffnete er die nächstbeste Tür, knipste das Licht an, bestaunte leere, mit verschlissener Seidentapete beklebte Wände, machte das Licht wieder aus und öffnete die nächste Tür. Das Erdgeschoss war völlig leer, es gab in dem großen Zimmer nicht mal einen Stuhl. Bount fand es auffällig, dass in dem alten, abbruchreifen Haus eine überraschende Sauberkeit herrschte, es gab darin weder Schmutz noch Spinnweben, offenbar existierte irgendein dienstbarer Geist, der das Gebäude in Ordnung hielt.

Bount stieg ins Obergeschoss.

Er bewegte sich vorsichtig und war bemüht, leise aufzutreten, konnte aber nicht vermeiden, dass unter ihm immer wieder Holzstufen knackten oder knarrten.

Er stoppte, als er am Ende des oberen Flures eine offene Tür bemerkte, aus der ein schräger Lichtkeil über das dunkel gewordene Parkett fiel. Bount schritt darauf zu, sehr langsam, mit hellwachen Sinnen und der intuitiven Erkenntnis, dass ihm eine Überraschung bevorstand.

Er erreichte die Zimmerschwelle, blickte ins Innere des nicht sehr großen Raumes und sah sich jäh in seinen schlimmsten Befürchtungen bestätigt.

„Raman“, murmelte er.

Der Prinz lag auf dem Boden, in einer großen Blutlache. Er ruhte auf dem Rücken, hatte das linke Knie angezogen und beide Hände geballt. Sein Gesicht drückte Erstaunen und naives Erschrecken aus.

Bount trat über die Schwelle. Unter ihm ächzte ein Dielenbrett. Bounts Herz schlug seltsam ruhig, beinahe träge. Er schaute in die weit offenen, starren Augen des Prinzen und wusste, dass ihm nicht mehr zu helfen war.

Prinz Raman war tot.

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Bount machte kehrt. Es erschien ihm sinnlos, nach den Mördern zu suchen, die waren vermutlich längst über alle Berge. Bount verließ das Haus durch den Vordereingang, wobei er lediglich einen eisernen Riegel zurückzuschieben brauchte. Er blinzelte, als er aus der hellen Halle in die Nacht trat.

Er machte einen Schritt nach vorn und zuckte herum, als er neben sich eine Bewegung wahrnahm, aber seine Reaktion kam zu spät. Irgendetwas traf ihn knallhart am Kopf, in seinem Hirn schien ein Feuerball zu explodieren, dann stürzte alles in tiefe Dunkelheit.

Als er wieder zu sich kam, hatte er einen metallischen Geschmack in seinem trocken gewordenen Mund. Er lag quer über den Steinstufen, den Kopf nach unten, die Beine nach oben. Er hatte Mühe, sich aufzurichten, und merkte, dass er bei dem Sturz in die Bewusstlosigkeit seinen linken Arm verknackst hatte.

Sein Wagen parkte noch am Straßenrand. Ein schweres Motorrad knatterte durch die Straße, dann war wieder Stille. Bount betastete sich den Kopf und verzog schmerzhaft das Gesicht. Man hatte seinen Schädel heute schon zum zweiten Mal als Punchingball benützt, das stimmte ihn sauer und förderte seine Entschlossenheit, mit den Verursachern dieser Erlebnisse recht bald Schlitten zu fahren. Er drehte sich um, kehrte in die obere Etage zurück und stellte fest, dass der Tote noch an seinem Platz lag.

Ihm fiel ein, dass er den Revolver verloren hatte, er suchte ihn vor dem Haus, fand ihn am Fuße der Treppe und schob ihn ins Schulterholster, dann setzte er sich in seinen Wagen, fuhr bis zur nächsten Telefonzelle und wählte die Nummer der Mordkommission.

Toby Rogers hatte keinen Nachtdienst, aber einer seiner Vertreter, Lieutenant Ron Myers, war ein guter, alter Bekannter von Bount.

„Ich hab’ was für dich, Ron“, sagte Bount, dem das Sprechen Mühe bereitete und der merkte, dass seine Kopfschmerzen eher zu- als abnahmen.

„Ich weiß“, sagte der Lieutenant.

„Was weißt du?“

„Du hast Raman umgelegt.“

„Was habe ich?“

„Raman umgelegt. Den Ölprinzen. Das behauptet jedenfalls ein Mann, mit dem ich vor fünf Minuten telefoniert habe.“

„Das“, sagte Bount, „muss der Mörder gewesen sein.“

„Er sagte, dass es um ein paar Millionen gegangen sei und dass du um dieser Summe willen deinen Auftraggeber aus dem Wege geräumt hättest.“

„Und das glaubst du?“

„Die Presse wird es glauben.“

„Das ist doch idiotisch“, sagte Bount, aber ihm dämmerte, dass er in der Klemme saß. Er war mit Raman losgefahren, jetzt war Raman tot — und niemand war in Sicht, der imstande gewesen wäre, ihn zu entlasten.

„Er liegt im Hause Riggins Road ...“

„... sechsundvierzig“, ergänzte der Lieutenant. „Die Nummer stimmt doch?“

„Sie stimmt. Dein anonymer Anrufer hat nicht so gut gearbeitet, wie er zu glauben scheint. Gerade seine präzisen Angaben machen doch deutlich, dass nur er die Tat begangen haben kann und partout wünscht, dafür einen Sündenbock zu präsentieren.“

„Die Jungens sind schon zum Tatort unterwegs, sie werden von Lieutenant Moore geführt“, sagte Ron Myers.

„Ich muss mit Toby sprechen.“

„Warte bis zum Morgen, du kennst den Captain“, sagte Myers. „Er hasst es, aus dem Schlaf gerissen zu werden.“

„Wenn das stimmt, hätte er sich einen anderen Beruf wählen sollen. Erzähl mir etwas über den Anrufer. Hast du persönlich mit ihm gesprochen?“

„Ja. Er ließ sich auf keine Fragespielchen ein, er spulte sein Garn herunter und legte auf. Ich fand nicht mal Zeit, das Bandgerät einzuschalten.“

„Was war es für eine Stimme?“

„Normal, vielleicht um eine Nuance heller als der Durchschnitt, ohne erkennbaren Akzent. Amerikaner, würde ich sagen, nicht älter als fünfunddreißig.“

Bount musste plötzlich an Carsson denken. „Wir hören voneinander“, sagte er, legte auf, warf eine neue Münze ein und wählte Carssons Nummer. Carsson meldete sich so prompt, dass deutlich wurde, wie sehr er dem Anruf entgegengefiebert hatte. „Reiniger“, sagte Bount. „Ich höre.“

„Ich konnte den Boss noch nicht erreichen.“

„Wer ist es?“

„Ein Mann, der mich kaltmachen würde, wenn ich mit seinem Namen hausieren zu gehen versuchte.“

„Raman ist tot“, sagte Bount.

„Oh“, machte Carsson nur. Bount versuchte, sich das Gesicht des Mannes am anderen Leitungsende vorzustellen, gelangte aber zu keinem befriedigendem Ergebnis.

„Reden Sie schon“, sagte Bount. „Sie haben doch einen Verdacht, nicht wahr?“

„Ich denke, dass ...“

Bount hörte einen kurzen, trockenen Knall, ihm folgte ein dumpfes, lautes Geräusch, danach war Stille.

„Carsson!“, brüllte Bount, wusste aber, dass er keine Antwort bekommen würde.

Er hörte Schritte, dann knackte es in der Leitung. Jemand hatte aufgelegt. Es war klar, dass es nicht Carsson getan hatte. Bount hängte ein, überlegte kurz, dann rief er das für Carsson zuständige Polizeirevier an.

„Schicken Sie sofort einen Beamten los, oder zwei“, sagte er und nannte Carssons Namen und Adresse. „Ich habe mit dem Mann telefoniert, als es plötzlich knallte. Ich befürchte, dass Carsson überfallen und niedergeschossen worden ist.“ Er hängte ein und kehrte in das Haus zurück, wo der Prinz in seinem Blute lag. Fünfzehn Minuten später traf die Mordkommission ein.

Lieutenant Moore entpuppte sich als ein noch junger, sehr kühl und distanziert wirkender Mann vom Intellektuellentyp, mit hoher Stirn, randloser Brille und skeptischem Gesichtsausdruck, dem anzumerken war, dass er Mühe haben würde, mit der Praxis fertigzuwerden.

Bount berichtete, was er wusste und erlebt hatte, er wurde von Moore nicht unterbrochen, aber als er geendet halte, sagte der Lieutenant nur: „Darf ich mal den Revolver sehen, den Sie von dem Prinzen bekommen haben?“

„Bitte“, sagte Bount und zog die Waffe aus dem Schulterholster. Der Lieutenant nahm sie mit spitzen Fingern entgegen und bemühte sich, nicht den Schaft zu berühren. Er schnupperte an der Mündung und sagte: „Das dürfte sie sein.“

Bount fiel es wie Schuppen von den Augen. „Die Mordwaffe?“

„Hm, ich denke schon. Was meinen Sie?“

„Klar ist sie das“, sagte Bount und ärgerte sich, dass er nicht früher an diese Möglichkeit gedacht hatte. Aber nach dem Niederschlag war er einfach zu benommen gewesen, um die Zusammenhänge zu durchschauen. „Die haben mich auf Tauchstation geschickt, um die Waffen austauschen zu können. Ich wette, an der Mordwaffe befinden sich nur meine Fingerabdrücke, keine anderen.“

„Das ist anzunehmen“, meinte Moore, winkte einen seiner Beamten heran, hielt ihm die Waffe am Lauf entgegen und sagte: „Für’s Labor. Achten Sie darauf, dass keine Prints verwischt werden, bitte.“

„Diese Misthunde“, schimpfte Bount und schüttelte den Kopf. „Versuchen einfach, mir den Mord anzuhängen! Aber damit kommen sie nicht durch. Das ist einfach zu dumm und zu primitiv eingefädelt, darauf fällt niemand rein.“

„Ich“, sagte Moore kühl, „könnte es schon glauben.“

„Was glauben?“

„Dass Sie ihn abserviert haben.“

„Sie neigen zu einer recht bizarren Form des Humors“, sagte Bount. „Glauben Sie im Ernst, dass ein Mann wie ich ein so primitives Verbrechen begehen würde?“

„Wie würden Sie es dann wohl angestellt haben?“, spottete der Lieutenant. „Diese Frage stellt sich nicht für mich.“

„Nein. Ich weiß, was Sie sagen wollen. Wenn Sie jemand umbringen müssten, würden Sie ein Alibi haben, nicht wahr? Dann käme keiner dahinter, wer die Tat verübte. Das würde jeder voraussetzen, stimmt’s? Und gerade, weil Sie diese Denkweise zugrunde legen, handelten Sie anders. Eben so, wie sich die Dinge darstellen. Primitiv. Weil keiner glauben kann oder glauben soll, dass der berühmte Bount Reiniger auf diese Weise vorgehen würde ...“

„Ehe Sie weiterreden und mich noch saurer stimmen, als ich bereits bin, würde ich Ihnen empfehlen, ein paar Worte mit dem Captain zu wechseln. Mit Toby Rogers, meine ich. Sie können aber auch mit Ron Myers sprechen. Die beiden werden Ihnen schnell klarmachen, wie töricht Ihre Konstruktionen sind.“

„Ich bezweifle ja nicht, dass Sie bis gestern ehrlich und ehrenwert waren“, winkte Moore spöttisch ab, „aber bei der Summe, die auf dem Spiele steht, dürfte selbst ein Mann mit Ihrer angeblich so weißen Weste leicht auf krumme Gedanken kommen. Jedenfalls muss ich eine solche Möglichkeit in Betracht ziehen.“

„Ziehen Sie, wenn’s Ihnen Spaß macht“, meinte Bount. „Werde ich noch gebraucht?“

„Geben Sie zu Protokoll, was Sie wissen, dann können Sie verschwinden. Meine Leute übernehmen die Spurensicherung“, sagte der Lieutenant. „Ich erwarte jedoch, dass Sie den Raum New York nicht verlassen.“

„Klar, ich weiß doch, was sich gehört, wenn man unter Mordverdacht steht“, meinte Bount bitter. Eine halbe Stunde später betrat er dieselbe Telefonzelle, die er schon einmal benutzt hatte. Er rief das Revier an, um sich zu erkundigen, was der Besuch in Carssons Wohnung zutage gefördert hatte.

„Nichts“, erwiderte der Sergeant vom Dienst. „Wir haben die Tür aufgebrochen, als sich auf unser Klingeln niemand meldete, aber in der Wohnung gab es keinerlei Hinweise auf ein Gewaltverbrechen, kein Blut, keinen Verletzten, keine Unordnung, buchstäblich nichts. „Wie lange haben Ihre Leute gebraucht, um Carssons Wohnung zu erreichen?“

„Nicht mehr als zehn Minuten.“

„Die dürften genügt haben, um Carsson verschwinden zu lassen“, sagte Bount bitter und legte auf.

Sein Schädel schmerzte immer noch, er war müde und zerschlagen, und er hatte das deutliche Empfinden, dass jede weitere Aktion in dieser Nacht mit einem Fehlschlag oder einer Katastrophe enden würde. Er beschloss, nach Hause zu fahren, und traf morgens kurz nach drei vor seinem Bungalow am Long Island Sound ein. Er nahm sich nicht die Mühe, den Wagen in die Garage zu fahren, betrat das Haus, hängte hinter sich die Kette ein und überlegte, ob er sich vor dem Zubettgehen noch rasch mit einem Cognac stärken sollte, aber dann verzichtete er darauf und erfrischte sich stattdessen unter der Dusche seines Badezimmers. Als er nackt das Schlafzimmer betrat, stoppte er so abrupt, als sei er gegen eine unsichtbare Wand gelaufen.

Sein Bett war belegt.

Er konnte nicht sehen, wer unter der Decke lag, wusste aber plötzlich, dass es mit seinen Schlafaussichten denkbar schlecht bestellt war.

Nein, bitte nicht, dachte er unwillkürlich, nicht noch eine Leiche, und bitte nicht in meinem Bett!

Er trat an das Bett heran und riss die Decke zurück. Das Mädchen, das darunter geschlafen hatte, schreckte hoch und musterte ihn mit flatternden Augenlidern, dann strich sie sich eine Haarsträhne aus der Stirn und fragte beinahe schüchtern: „Ich bin Ihnen doch willkommen?“

Es war Margit Stemmler. Sie hatte nur ihre Schuhe abgestreift, ansonsten war sie voll bekleidet. Da sie auch die Sonnenbrille abgelegt hatte, war zu erkennen, dass die blutunterlaufene Stelle an ihrem Auge inzwischen tiefblau geworden war.

„Wie sind Sie in das Haus gekommen?“, fragte er.

„Durch die Tür. Sie stand offen.“

„Das soll ich ihnen glauben?“

„Es ist die Wahrheit. Sie haben mir Ihre Karte gegeben. Sie haben mir Ihre Hilfe angeboten — da bin ich einfach hergefahren“, sagte das Mädchen. „Das Warten wurde mir zu langweilig. Sind Sie mir böse, dass ich mich in Ihr Bett gelegt habe? Es sah so einladend aus und ...

Er ließ sie reden, machte kehrt und ging erst in sein Arbeits- und dann in sein Wohnzimmer. Beide Räume waren durchwühlt worden. Sie machten den Eindruck, als hätten die Vandalen darin gehaust. Es war nicht anzunehmen, dass Margit Stemmler etwas damit zu tun hatte, schließlich hatte sie genügend Zeit gehabt, sich zu entfernen. Möglicherweise waren die Eindringlinge gestört worden, oder sie hatten gefunden, was sie suchten — jedenfalls gab es in keinem der anderen Räume Hinweise darauf, dass hier ebenfalls fremde Hände aktiv geworden waren.

Vielleicht hatten die Eindringlinge versäumt, die Tür hinter sich zu schließen, das erklärte, weshalb Margit Stemmler ohne Mühe ins Haus gelangt war. Er schaute sich das komplizierte Türschloss an. Es zeigte nicht einmal Kratzspuren. Die Unbekannten hatten echte Profiarbeit geleistet, das unterlag keinem Zweifel.

Bount kehrte ins Wohnzimmer zurück, dort saß Margit auf der Couch, kerzengerade und sichtlich bedrückt. „Ein ziemliches Chaos, was?“

Er nickte. „Trotzdem konnten Sie gut schlafen. Sie haben ausgezeichnete Nerven.“

„Nicht mehr seit heute Nachmittag. Ich fliege morgen Abend ab, ich kann es kaum erwarten, wieder Dienst zu schieben. Fliegen ist nicht mal halb so gefährlich wie ein Landaufenthalt in Ihrer Stadt.“

Er schenkte sich einen Cognac ein. Sein Schädel brummte immer noch. „Auch einen?“, fragte er.

„Ja, bitte“, Margit nickte und sah zu, wie er ein zweites Glas füllte und ihr brachte. Er setzte sich neben sie und wollte etwas fragen, als er hörte, wie auf der Straße vor dem Haus ein Wagen bremste.

„Warten Sie hier“, bat er, stand auf, knipste in der Diele das Licht aus und öffnete die Tür. Der Wagen parkte direkt am Straßenrand vor dem Bungalow. Ein Mann stieg aus. Er schien Mühe zu haben, sich zu bewegen. Entweder war er körperbehindert oder betrunken.

Der Mann torkelte auf den Bungalow zu, zwischendurch musste er stehen bleiben und sich festhalten, dann wankte er weiter. Bount überzeugte sich davon, dass kein zweiter Mann in dem Wagen saß und eilte dem Besucher entgegen. Er erkannte ihn, noch ehe er ihn erreicht hatte. Es war Carsson.

Carsson fiel ihm buchstäblich in die Arme. Bount spürte klebrige Nässe an seinen Händen, als er Carsson ins Haus trug. Margit Stemmler stieß einen Schrei aus, als er den Verletzten ins Zimmer brachte. Sie stand auf und machte Platz.

„Das ist ja der Mann, der mich geschlagen hat“, stammelte sie. „Er blutet!“

„Rufen Sie den Arzt, schnell“, bat Bount, nannte dem Mädchen die Nummer eines in der Nähe wohnenden Internisten und bettete Carsson auf die Couch. Margit wählte mit fliegenden Fingern die Nummer, die Bount ihr genannt halle. Sie wechselte ein paar Worte mit dem Arzt, der sich rasch meldete, und sagte dann zu Bount: „Der Doktor will wissen, was dem Mann fehlt.“ Bount holte tief Luft, er hatte einen bitteren Geschmack im Mund. Carsson hatte sich mit seiner Verletzung buchstäblich mit letzter Kraft hergeschleppt.

„Das Leben“, erwiderte Bount.

„Ich komme“, sagte der Arzt.

„Bringen Sie den Totenschein mit“, sagte Bount und legte auf. Er schaute sich nach dem Mädchen um. Sie lehnte an der Wand und starrte mit weit aufgerissenen, schreckenserfüllten Augen zur Couch.

Er konnte verstehen, wie ihr zumute war. Der Mann hatte sie gequält und geschlagen, sie mochte ihm in diesen Minuten den Tod gewünscht haben, und jetzt war der Wunsch in Erfüllung gegangen, aber sie konnte darüber nicht froh werden. Das Grauen hielt sie im Griff, und noch war nicht abzusehen, wann und wie es enden würde.

„Wer hat das getan?“, flüsterte sie. „Sein Komplize?“

„Schon möglich“, meinte er und wählte die Nummer der Mordkommission. „Noch irgendwelche Fragen?“, wollte Ron Myers wissen, als er erneut Bounts Stimme hörte.

„Die werdet ihr haben“, meinte Bount. „Ich habe ’ne Leiche im Haus.“

Ein paar Sekunden verstrichen. Der Lieutenant war einiges von Bount gewöhnt, aber diese Mitteilung musste er erst einmal verkraften, er schien sie abzuschmecken und feststellen zu wollen, ob sich ein Witz dahinter verbarg. Aber Bounts Stimme klang nicht lustig, eher verdrossen und müde. Er war nach Hause gefahren, um eine Handvoll Schlaf zu nehmen, und nun hatte er ein Mädchen mit blauem Auge und einen Toten mit starren Augen am Halse.

„Eine Leiche“, wiederholte Myers und seufzte resignierend. „Du hältst uns auf Trab, was?“

„Ich erwarte dich“, sagte Bount. „Bring deine Truppe mit, es gibt Arbeit für sie.“ Er legte auf. Margit Stemmler weinte leise, irgendwie ging Bount dieses monotone Schluchzen an die Nerven. „Trinken Sie Ihren Cognac, der wird Ihnen helfen“, riet er und trat an die Couch heran. Er beugte sich über den Toten, er klopfte ihn ab und fummelte an seinen Taschen herum. „Was soll das?“, fragte die Stewardess und vergaß vor Schrecken ihr angstdiktiertes Weinen.

„Ich sehe nach, ob er was in seinen Taschen hat“, erklärte Bount. „Carsson wusste, wer auf ihn geschossen hat, und kam her, um mir davon Mitteilung zu machen. Er muss einen Frontwechsel vorgehabt haben, oder er wollte sich rächen, weil sein Chef die Idee hatte, ihn aus Sicherheitsgründen aus dem Verkehr zu ziehen. Vielleicht befindet sich irgendetwas in Carssons Taschen, das mir weiterhilft.“

„Ist es nicht besser, Sie überlassen dieses Geschäft der Polizei?“, fragte das Mädchen.

Bount gab keine Antwort, er setzte seine Suche fort. Natürlich hatte Margit Stemmler recht. Aber wenn man einen Job angenommen hatte, bei dem mehr als dreihunderttausend Dollar auf dem Spiele standen, hörte man auf, sich strikt an die Spielregeln zu halten. Das hatte Lieutenant Moore ganz richtig erkannt, nur lag er schief, wenn er meinte, dass er, Bount, deshalb zum Kriminellen werden könnte.

Bount öffnete die Brieftasche des Toten. Sie enthielt sieben Zehndollarscheine, den Führerschein, eine Eintrittskarte für ein Catcherturnier für den übernächsten Abend und einen Quittungsabschnitt für einen abgegebenen Film.

Bount zögerte, dann nahm er den Abschnitt an sich, danach schob er die Brieftasche wieder an ihren Platz. Margit Stemmler holte sich den Cognac, dann verließ sie das Zimmer. „Ich kann nicht hierbleiben, der Anblick des Toten bringt mich um den Verstand“, sagte sie.

Er folgte ihr ins Schlafzimmer. Margit setzte sich auf den Bettrand und starrte ins Leere. Plötzlich fiel ihr ein, dass sie ein blaues Auge hatte. Sie griff nach der Sonnenbrille und setzte sie auf.

„Morgen liegt das alles hinter mir“, murmelte sie, „aber bis dahin ...“

Sie führte den Satz nicht zu Ende. Bount spürte ihre Angst. Angst wovor? Carsson, ihr Peiniger, war tot, erschossen. Hatte sie Angst, wie er zu enden? Und wenn ja, worauf beruhte diese Furcht?

„Was verschweigen Sie mir?“, fragte er.

„Nichts“, behauptete sie und begann zu zittern. Sie war bemüht, das unkontrollierbare Schütteln ihres Körpers abzustellen, aber es dauerte fast eine Minute, bis sie sich soweit beruhigt hatte, dass sie das Glas leeren konnte.

„Ich kann Ihnen nur helfen, wenn Sie mir vertrauen“, sagte er.

„Die Polizei wird Fragen an mich richten, nicht wahr?“, fragte sie.

„Sicher.“

„Warum ich zu Ihnen gegangen bin. Warum ich mich in Ihr Bett gelegt habe, weshalb ich keine Anzeige erstattete, obwohl ich bei meiner Ankunft offene Türen und ein durchwühltes Haus vorfand, weshalb Carsson mich in die Mangel nahm ...“

„Und so weiter, und so weiter“, sagte Bount. „Sehr berechtigte Fragen, wie ich finde.“

„Ich fühle mich nicht imstande, sie zu beantworten, ich würde durchdrehen“, murmelte das Mädchen.

Er überlegte, dann gab er ihr seine Wagenschlüssel. „Fahren Sie meinen Schlitten in eine ruhige Seitenstraße, machen Sie es sich im Liegesitz bequem und kommen Sie zurück, sobald die Polizei abgehauen ist.“

„Geben Sie mir noch einen mit auf den Weg“, sagte das Mädchen und hielt ihm das Glas hin. Er befolgte die Aufforderung und blickte ihr hinterher, wie sie aus dem Zimmer ging. Er wunderte sich, dass ihm erst jetzt auffiel, wie schlank und vollkommen ihre Beine waren.

Er hörte, wie sie wegfuhr, dann setzte er sich und wartete, bis die Mordkommission eintraf. Er schilderte Lieutenant Myers, wie Carsson angekommen war, mehr tot als lebendig, und wie er, endlich am Ziel, gestorben war, ohne die Kraft für ein Wort oder eine Erklärung gefunden zu haben. Bount schilderte auch die Vorgeschichte des Besuches. Myers stellte nicht viele Fragen, ließ seine Männer die Routinearbeit verrichten und meinte: „Wir müssen also den Komplizen von ihm finden. Das sollte nicht schwer sein. Wenn wir den Kerl haben, werden wir auch wissen, auf welcher Zahlliste Carsson stand.“

Die Polizei hielt sich nicht länger als eine Stunde im Hause auf, dann fuhren sie mit der Leiche davon. Bount schien es so, als habe er einen kurzen, nicht ernstzunehmenden Spuk erlebt. Er hätte sich gern ins Bett gelegt, um zu schlafen, aber er musste Margit Stemmlers Rückkehr ab warten. Er hoffte, dass sie in der Nähe geblieben war und die Abfahrt der Mordkommission verfolgt hatte, aber es verging fast eine Viertelstunde, ehe es klingelte.

„Endlich“, seufzte er, ging zur Tür und öffnete.

Vor ihm stand Leila, Prinz Ramans Sekretärin. Sie trug eine kleine, elegante Reisetasche bei sich, lächelte ihm in die Augen und fragte mit halblauter, samtig klingender Stimme: „Darf ich hereinkommen?“

Er war kein Mann, der sich leicht Ärger oder Überraschung anmerken ließ, also sagte er, als sei ein Damenbesuch zu dieser frühen Stunde die selbstverständlichste Sache von der Welt: „Aber klar, nur hereinspaziert!“

Er führte sie ins Wohnzimmer. Leila blieb stehen, sie schaute sich verdutzt um. „Was ist denn hier passiert?“, erkundigte sie sich.

„Nichts besonderes“, sagte Bount. „Einbruch und Mord. Wollen Sie nicht Platz nehmen?“

Leila ließ ihre Reisetasche fallen. Sie trug ein modisches Tweedkostüm, dessen offenstehendes Jäckchen die Vorzüge ihrer bemerkenswerten Oberweite enthüllte. Sie wirkte jung und frisch, wie aus dem Ei gepellt und war von einer faszinierenden Duftwolke umgeben. Bount fragte sich, wie und wo sie bis jetzt die Nacht verbracht haben mochte, und war entschlossen, das rasch herauszufinden.

„Um Himmels willen, noch ein Mord?“, hauchte sie und ließ sich in einen Sessel fallen. Sie bewies mit ihrer Frage, dass sie längst wusste, was ihrem blaublütigen Brötchengeber zugestoßen war.

Bount nickte. Er setzte sich dem Mädchen gegenüber. „Carsson“, sagte er. „Man hat ihm in seiner Wohnung ein Ding verpasst, als er mit mir telefonierte. Er schleppte sich mit letzter Kraft her, dann war es aus. Er starb, ohne sich mir offenbart zu haben.“

„Mein Gott, wie entsetzlich!“, hauchte Leila. „Kann ich eine Zigarette haben, bitte?“

Er gab ihr, was sie wünschte. Leila inhalierte tief. Sie musterte ihn prüfend, ein wenig unsicher und nervös, als wüsste sie nicht, ob sie es riskieren durfte, ihn mit ihrem Anliegen zu belästigen.

Er schaute sie an und fragte sich, was er tun und sagen sollte, wenn Margit Stemmler zurückkehrte. „Carsson“, fügte er hinzu, „war der Mann, der die Stewardess in die Mangel nahm und von ihr zu erfahren hoffte, was aus dem Geld geworden ist.“

„Ich habe Angst“, sagte Leila.

„Das spüre ich. Alle Beteiligten haben Angst.“

„Sie auch?“

„Nein. Die habe ich mir abgewöhnt, sie hat in meinem Beruf keinen Platz“, sagte er. „Aber warum haben Sie Angst? Wissen Sie etwas über das Geld?“

„Nein. Nur könnten die Gegner des Prinzen annehmen, dass dies zutrifft. Deshalb bin ich hergekommen. Ich will nicht länger im Hotel bleiben. Die Gesellschaft der Gorillas geht mir auf die Nerven, sie spielen verrückt, sie wollen den Prinzen rächen — aber sie haben keine Ahnung, wie das zu bewerkstelligen ist. Es sollte mich nicht wundern, wenn sie den Falschen erwischen, in ihrer jetzigen Gemütsverfassung sind sie für jeden Blödsinn gut. Darf ich hier bei Ihnen wohnen? Nur für ein paar Tage“, schloss sie zögernd, „bis man weiß, wer Raman tötete.“

„Sie scheinen nicht zu wissen, dass es Leute gibt, die diesen Mord mir zutrauen.“

„Ich gehöre nicht zu diesen Leuten“, sagte sie. „Ich spüre, dass Sie es nicht gewesen sein können.“

„Sind Sie bereits von der Polizei vernommen worden?“

„Ja. Ich habe ein Alibi. Zur Tatzeit war ich im Hotel“, sagte sie.

Bount rieb sich das Kinn. „Falls jetzt das Geld gefunden werden sollte — wer hat Anspruch darauf?“

„Ramans Vater, nehme ich an, Scheich Abdual.“

„Kennen Sie ihn?“

„Flüchtig. Ich bin nur einmal mit ihm zusammengetroffen“, sagte sie.

„Sie sind Amerikanerin?“

„Ja.“

„Wie kommt es, dass der Prinz Sie zu seiner Sekretärin machte?“, fragte Bount.

Leila errötete kaum merklich. „Wir haben uns in Detroit kennengelernt, ich stamme von dort. Der Prinz besichtigte ein Automobilwerk. Ich arbeitete dort im Büro. Er sprach mich an und wollte wissen, ob ich Lust hätte, seine Reisebegleiterin zu werden. Ich war verdutzt und geschmeichelt, ich sagte sofort zu. Reisen mit einem Ölprinzen!“ Sie seufzte. „Wenn ich gewusst hätte, wie das Ganze endet, hätte ich auf die Romanze verzichtet.“ Sie betrachtete das glühende Ende ihrer Zigarette, zögerte ein wenig und fügte dann entschlossen hinzu: „Ja, es war eine Romanze. Ich wurde seine Geliebte. Ich war es bis zuletzt, aber ich musste seine Neigung mit vielen anderen Gespielinnen teilen, er war einfach unersättlich. Ich weiß bis heute nicht, ob er mich geliebt hat ... “

„Und Sie?“

Leila schaute ihm voll in die Augen. „Ich hasste ihn“, erklärte sie mit plötzlich hart klingender Stimme. „Er hat mich gekauft und dementsprechend behandelt. Wie eine Ware. Ich wünschte mir manchmal seinen Tod — aber mit seiner Ermordung habe ich nichts zu schaffen. Darauf wollten Sie mit Ihrer Frage doch hinaus, oder?“

„Ich weiß nicht einmal Ihren vollen Namen“, wich Bount Leilas Worten aus.

„Leila Saunders.“

„Kannten Sie Mondrin und Kelly?“

„Flüchtig. Sie waren dem Prinz fast krankhaft ergeben. Fragen Sie mich nicht, warum. Ich weiß es nicht.“

„Gibt es in der Erbfolge weitere Prinzen, hatte Raman Brüder?“, wollte Bount wissen.

Leila schaute ihn immer noch an. Sie hatte sich weitgehend beruhigt und ihre Nervosität abgelegt. „Ich weiß, woran Sie denken. Sie fragen sich, ob ein machthungriger Bruder hinter dem Anschlag stecken könnte. Nein, das ist ausgeschlossen, es gibt nur zwei Schwestern, aber wenn Sie die Rollen kennen, die Frauen in solchen Kreisen und Familien spielen, werden Sie wissen, dass von dort weder Opposition noch Widerstand zu erwarten ist.“

„Ich muss mich fragen, wie das Tatmotiv aussieht“, meinte Bount. „Dass jemand Mondrin und Kelly tötete, um an das Geld heranzukommen, ist verständlich. Dass sich andere aufmachten, um gleichfalls die Millionen zu erobern, ist nicht weniger einleuchtend. Aber warum Raman? Er hatte das Geld nicht, er wusste nicht einmal, wo es sich befand.“

„Das ist richtig, nehme ich an.“

„Sie kennen sein Leben, seine Freunde — und seine Feinde“, mutmaßte Bount. „Welche Tattheorie haben Sie sich zurechtgezimmert?“

„Ich stehe vor einem Rätsel, hoffe jedoch, dass Sie imstande sein werden, es zu lösen. Finden Sie das Geld – dann ...“

Sie führte den Satz nicht zu Ende, drückte die Zigarette in einem Ascher aus und murmelte: „Ich merke erst jetzt, wie müde ich bin. Müde und verzweifelt. Kann ich hier bei Ihnen schlafen? Bitte ...“

„Okay“, sagte er, „aber Sie sind nicht mein einziger Gast.“

Leila musterte ihn verdutzt. „Nein?“

„Die Stewardess wird hier übernachten“, erklärte er, fragte sich jedoch im gleichen Augenblick, ob Margit Stemmler zurückkehren würde.

Sie war mit seinem Wagen unterwegs, sie musste ihn wieder abliefern. Aber weshalb kreuzte sie nicht auf? Hatte sie Angst, war sie in seinem Wagen einfach eingeschlafen, oder gab es andere, sehr viel gravierendere Ursachen für ihr Ausbleiben?

Er durfte nicht ausschließen, dass man das Mädchen entführt hatte und erneut versuchen würde, sie zum Sprechen zu bringen. Der Gedanke daran jagte ihm eine Gänsehaut über den Rücken. Ich hätte sie nicht allein losfahren lassen dürfen, warf er sich vor. Schließlich gibt es noch Carssons Komplizen, ganz zu schweigen von anderen Geldinteressenten, die Margit für eine Mitwisserin der ermordeten Mondrin und Kelly halten können.

Er brachte Leila in das Gästezimmer, wünschte ihr eine angenehme Ruhe, und trat dann vor das Haus. Es war bereits hell, die Vögel zwitscherten, aber weit und breit war zu dieser frühen Stunde noch niemand zu sehen. Bount hatte seine Müdigkeit abgeschüttelt, die Ereignisse der letzten Stunden hatten ihn putzmunter gemacht. Das war nicht die erste Nacht, die er sich um die Ohren schlug, es würde gewiss nicht die letzte sein.

Er ging die Straße hinauf und hinab, er schaute in schmale Nebenstraßen und hoffte seinen Wagen mit der darin schlafenden Margit zu entdecken, aber seine Bemühungen blieben ohne Erfolg. Er biss sich auf die Unterlippe. Was sollte er tun? Die Polizei einschalten und die Fahndung nach seinem Wagen und nach der Stewardess einleiten?

Wenn er dies tat, würde herauskommen, dass Margit bei ihm gewesen war und dass er es unterlassen hatte, Ron Myers davon zu unterrichten. Er machte kehrt und ging zurück zu seinem Bungalow. Noch ehe er ihn erreicht hatte, hörte er hinter sich ein vertrautes Motorengeräusch. Er blieb stehen und wandte sich um. Margit Stemmler stoppte neben ihm. „Steigen Sie ein“, bat sie und rutschte auf den Beifahrersitz.

Bount nahm hinter dem Lenkrad Platz. „Wo haben Sie gesteckt?“, wollte er wissen.

„Ich bin am Strand spazieren gegangen“, sagte sie. „Ich habe beobachtet, wie die Sonne aufging, dabei bin ich zu einem Entschluss gekommen.“

„Zu welchem?“, fragte Bount.

Margit Stemmler schaute ihn an. Sie trug immer noch ihre Sonnenbrille, sodass Bount außerstande war, den Ausdruck ihrer Augen zu werten, aber ihre Stimme klang fest und entschlossen. „Ich bringe Sie zu dem Geld“, erklärte sie. „Ich will damit nichts mehr zu tun haben.“

Er starrte sie an. „Sie haben es in Verwahrung genommen?“, fragte er dann.

„Ich dachte, es sei Schmuggelware.“

„Rauschgift?“

„Hin und wieder tue ich Passagieren einen Gefallen. Es ist nicht legal, ich weiß, aber ich bin jung, mich lockt zuweilen das Abenteuer, und ich kann der Versuchung nicht widerstehen, ein paar Dollar nebenher zu verdienen. In diesem Falle war es ein Tausender.“

„Sie verwirren mich“, sagte Bount und fuhr los. „Einerseits umgehen Sie für einen Tausender Gesetz und Bestimmungen, andererseits erklären Sie sich bereit, mich zu einem Versteck zu führen, wo sieben Millionen lagern ...“

„Ich gebe zu, dass ich vorhatte, das Geld zu behalten“, sagte sie. „Nach Mondrins und Kellys Tod war es mir ja praktisch in den Schoß gefallen — aber dann tauchten die beiden Männer im Hotel auf und bewiesen mir, wie dumm es war, sich auf diese Sache eingelassen zu haben. Schließlich starb Raman, der das Geld wiederhaben wollte. Ich habe Angst, dass man annehmen könnte, ich würde hinter all den Morden stecken. Das wäre doch möglich, oder?“

„Ja, das wäre möglich“, gab er zu.

„Ich habe ein Motiv“, sagte Margit Stemmler und blickte geradeaus durch die Windschutzscheibe. „Ich weiß, wo das Geld ist, ich möchte es behalten — also lasse ich die Männer aus dem Wege räumen, die mir die beiden Koffer abnehmen wollen.“

„So könnte man es sehen.“

„Aber es ist einfach nicht wahr. Mir ging es nur um den Tausender, wirklich.“

„War es das erste Geschäft dieser Art, das zwischen Hammond, Torsten und Ihnen abgewickelt wurde?“

„Nein, das zweite. Wir haben uns in Zürich kennengelernt, vor einigen Monaten.“

„Wohin fahren wir?“, fragte Bount.

„Nach Brooklyn“, erwiderte das Mädchen. „Zur Hamilton Avenue.“

Das Haus Hamilton Avenue war ein normales Wohngebäude, es schien aus den fünfziger Jahren zu stammen und verfügte über zwölf Etagen und zwei Lifts, in der geräumigen Tiefgarage gab es ein paar Abstellplätze für Besucher, dort parkte Bount seinen Wagen. Bount hatte sich unterwegs davon überzeugt, dass ihnen niemand folgte. Er stieg mit dem Mädchen aus und fuhr mit dem Lift in die siebte Etage. Dort stoppten sie vor einer Apartmenttür mit dem Namensschild LUCIL LEDONNOVAN.

„Das Apartment gehört einer amerikanischen Kollegin“, erklärte Margit Stemmler und bückte sich nach der Fußmatte, unter der sie den Schlüssel hervorzog.

Bount staunte. „Hier haben Sie den Schlüssel verwahrt?“

„Warum nicht? Ich konnte ihn nicht bei mir tragen. Leute wie Carsson und sein Komplize hätten ihn mir längst abgenommen ... “

Sie schloss die Tür auf. Es war ein Einzimmerapartment mit einer winzigen Diele, einer Kochnische und einem kleinen Bad. Der kombinierte Wohn- und Schlafraum war recht groß und modern möbliert. An den Wänden hingen Serigrafien von Indiana, bunt, poppig und eindrucksvoll. Bount schaute sich in dem Zimmer um. Wo waren die beiden Koffer, von denen Margit gesprochen hatte?

„Im Einbauschrank“, sagte sie und setzte sich.

Bount öffnete den Schrank und zerrte zwei schwere Koffer ins Zimmer. Sie waren abgeschlossen. Er schaute das Mädchen an. „Wo sind die Schlüssel?“

„Keine Ahnung. Die müssen Mondrin und Kelly haben.“

Er überlegte. Er hatte das Geld gefunden. Wenn Raman noch leben würde, wäre er, Bount, jetzt ein reicher Mann, reich genug, um sich zur Ruhe setzen zu können. Aber der Prinz war tot. Und es war mehr als zweifelhaft, ob sein Vater, Scheich Abdual, bereit und willens sein würde, Ramans großzügiges Angebot aufrechtzuerhalten.

Details

Seiten
300
Jahr
2018
ISBN (ePUB)
9783738918489
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (März)
Schlagworte
krimi doppelband prinz millionen mäuse/ein ermordeter

Autoren

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Titel: Krimi Doppelband 16: Ein Prinz und seine Millionen Mäuse/Ein Ermordeter taucht unter