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Sammelband 4 Mitternachts-Thriller: Pakt mit dem bösen und andere Romane

2018 500 Seiten

Zusammenfassung

Sammelband 4 Mitternachts-Thriller: Pakt mit dem bösen und andere Romane

Dieses Buch enthält folgende Romane:

Ann Murdoch: Blutschwestern
Ann Murdoch: Hexenvisionen
Ann Murdoch: Tödliche Visionen
Ann Murdoch: Pakt mit dem Bösen

Helen Jefferson ist eine sehr gute und rational denkende Reporterin, die den Auftrag ihres Chefredakteurs mit großer Skepsis betrachtet. Sie soll einen Bericht über einen Hexenzirkel verfassen. Zu allem Überfluss begleitet sie Sir Thomas Harding, ein Freund und Schachpartner von ihr, der die Tendenz hat, Unheil magisch anzuziehen. Schlussendlich übermannt sie doch die journalistische Neugierde, und so erlebt sie Dinge, die sie nicht nur an ihrer Ratio zweifeln lassen.

Cover: Firuz Askin

Leseprobe

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Sammelband 4 Mitternachts-Thriller: Pakt mit dem bösen und andere Romane

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Dieses Buch enthält folgende Romane:

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ANN MURDOCH: BLUTSCHWESTERN

Ann Murdoch: Hexenvisionen

Ann Murdoch: Tödliche Visionen

Ann Murdoch: Pakt mit dem Bösen

Helen Jefferson ist eine sehr gute und rational denkende Reporterin, die den Auftrag ihres Chefredakteurs mit großer Skepsis betrachtet. Sie soll einen Bericht über einen Hexenzirkel verfassen. Zu allem Überfluss begleitet sie Sir Thomas Harding, ein Freund und Schachpartner von ihr, der die Tendenz hat, Unheil magisch anzuziehen. Schlussendlich übermannt sie doch die journalistische Neugierde, und so erlebt sie Dinge, die sie nicht nur an ihrer Ratio zweifeln lassen.

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COVER: FIRUZ ASKIN

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© Cover: Firuz Askin

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Blutsschwestern

von Ann Murdoch

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Ein CassiopeiaPress E-Book

© by Author

© der Digitalausgabe 2013 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

Träge floss das Blut aus der Wunde. Zwei erschreckte Kinderaugen starrten darauf, richteten sich dann auf das andere bleiche Gesicht, aus dem ebenfalls zwei große Augen auf einer weiteren Wunde verharrten, der auch ein dicker Tropfen Blut entwich.

„Los jetzt!", sagte Rachel Norton gespielt mutig.

Helen, ihre beste Freundin, holte tief Luft. Dann pressten die beiden zehnjährigen Mädchen ihre Hände fest aufeinander, das Blut der Kinder mischte sich. Die Menge war nicht groß genug, um eine allergische Reaktion oder einen anaphylaktischen Schock hervorzurufen, doch für die beiden Mädchen war es mehr als nur eine Symbolik.

„Jetzt sind wir Blutsschwestern“, strahlte Rachel glücklich. „Damit sind wir unser Leben lang verbunden. Auch wenn wir mal auseinandergehen, wir gehören immer zusammen. Für alle Zeiten.“

Die Kinder strahlten sich an. Es war eine verrückte Idee gewesen, doch überall las und hörte man nur etwas über „Blutsbrüderschaft“. Die beiden hatten daraufhin beschlossen, diese Domäne der Jungen zu durchbrechen, ab heute waren sie blutsverwandt, Blutsschwestern eben. Beide konnten zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen, dass sich dieser Einfall ihrer Kindheit einmal als verhängnisvoll für sie beide erweisen sollte.

Das alles lag jedoch noch weit in der Zukunft.

*

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26 Jahre später:

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Die trockene Hitze trieb Rachel Norton den Schweiß auf die Stirn. Nachlässig wischte sie mit dem Handrücken über die Schläfen, dann konzentrierte sie sich wieder auf das schwere uralte Buch, das vor ihr auf dem wackeligen Tisch lag. Wenn man es denn ein Buch nennen wollte – es handelte sich dabei um einen Kasten aus massivem Holz, in dem eine Reihe von Papyrus-Rollen lag, die sich überraschend gut erhalten hatten.

Rachel Norton befand sich mitten in der Wüste Ägyptens. Etwa fünfzig Kilometer entfernt vom Tal der Könige war eine neue Grabung überraschend fündig geworden. Ein längst vergessenes Grab war von einer Gruppe Amateurarchäologen entdeckt worden. Niemand hatte damit gerechnet, dass man hier mehr finden würde als vielleicht einen paar alte Scherben und einige Knochen. Deshalb hatte auch die Verwaltung ohne Bedenken eine Genehmigung erteilt, was sollte hier schon gefunden werden? Dabei hätte man es vielleicht doch besser wissen sollen.

Aber dieses Grab war versiegelt gewesen. Und die Kartuschen am Eingang erzählten davon, dass es sich um eine Prinzessin handelte, deren Namen jedoch aus dem Buch des Lebens systematisch gestrichen worden war. Ein Widerspruch, wie Rachel und ihr Freund Gordon Brown fanden. Bisher hatten sie die Behörden noch nicht verständigt, was eigentlich ihre Pflicht war, denn jeder Fund gehörte grundsätzlich dem Staat. So wollte man verhindern, dass unkontrollierte Funde auf dem schwarzen Markt verkauft wurden. Natürlich war auch das keine endgültige Kontrolle, doch wenn die Forscher wussten, dass man ihnen auf die Finger schaute, war die Versuchung schon nicht mehr ganz so groß.

Gordon war gar nicht begeistert davon gewesen, dieses Grab zu öffnen, seiner Meinung nach sollte man das den offiziellen Stellen überlassen. Doch Rachel und die beiden anderen, Jack Mitchell und Bryan Emerson, hatten ihn überstimmt. Widerstrebend hatte er mitgeholfen die schweren Steine beiseite zu schieben, in die eine unmissverständliche Warnung eingemeißelt war. Die Skepsis und Skrupel des jungen Mannes verschwanden jedoch rasch, als er die Grabkammer betrat. Etwas so phantastisches hatte noch keiner von ihnen je gesehen.

Alle vier fielen sich in die Arme, bejubelten ihren Fund und schmückten sich gegenseitig mit den hier vorgefundenen Schätzen. Die drei Männer flippten förmlich aus angesichts des ungeheuren Fundes.

Nur Rachel hatte etwas anderes entdeckt, was sie persönlich viel mehr interessierte. Da die Frau als Nebenfach an der Universität Ägyptologie belegt hatte, war es für sie relativ einfach gewesen zu entziffern, um was es sich handelte. Sie strich mit den Fingern zärtlich über die Verzierungen auf einem Kasten, bevor sie ihn öffnete: Ein ganz besonderes Totenbuch!

Während die anderen eifrig daran gingen, die Schätze genau zu katalogisieren, hatte Rachel sich mit dem Kasten und den Papyrus-Rollen zurückgezogen und las zunächst flüchtig die faszinierende Geschichte einer totgeschwiegenen Prinzessin. Die Männer suchten nach dem Sarkophag, der zu diesem Grab gehörte, doch in dieser Kammer befand er sich nicht, aber Rachel war urplötzlich auf der Spur einer ungeheuerlichen Geschichte. In den vier Ecken der Kammer fand sie verborgen in den Wänden die Kanopenkrüge mit den Innereien der toten Prinzessin. Und das Buch der Toten, das Rachel immer mehr in seinen Bann zog, ließ sie nicht mehr los.

Eine Reihe von Beschwörungen stand da beschrieben, es schien ein Liebesdienst zu sein, mit dem jemand die geliebte Frau wieder ins Leben zurückholen wollte.

*

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ALS HELEN JEFFERSON an diesem Abend müde und erschöpft heimkehrte, fand sie in der Post ein kleines Päckchen. Eine Reihe von bunten und verwischten Stempeln wies darauf hin, dass dieses Päckchen schon einen langen Weg hinter sich hatte. Der Absender war verschmiert und unleserlich, doch die Journalistin konnte unschwer erkennen, dass der Ort der Aufgabe Kairo gewesen war. Kairo, Ägypten – Helen kannte auf Anhieb niemanden dort.

Alles Rätselraten hatte aber doch keinen Zweck, entschlossen öffnete die Frau die Verpackung. Ein Brief fiel heraus, und diese Handschrift erkannte Helen, sie gehörte ihrer Freundin, ja, ihrer Blutsschwester Rachel Norton.

Natürlich nahm heute keine der beiden Frauen ihr damaliges Tun noch ernst, aber die Freundschaft hatte sich erhalten, auch wenn der Kontakt unregelmäßig war und die beiden sich nur selten sahen.

Was machte Rachel in Kairo? Ein kleiner eingewickelter Gegenstand war mit auf den Tisch gefallen. Helen wickelte das feine Papier ab und hielt dann die Luft an. Eine wunderschön gearbeitete Statue der ägyptischen Katzengöttin Bastet kam zum Vorschein, aus reinem Silber mit Smaragden als leuchtend grünen Augen. Ein wunderschönes Stück, und wahrscheinlich sehr wertvoll, wenn auch nicht echt.

„Liebste Helen, ich muss dir etwas Wundervolles berichten“, begann der Brief von Rachel. „Ein paar Freunde und ich haben eine Grabung gestartet – du glaubst ja gar nicht, wie viele Genehmigungen, Bedingungen und Auflagen dafür nötig sind. Aber, nun gut, es ist nicht zu glauben, wir sind fündig geworden. Stell dir das vor! Außer dem Ruhm wird uns davon vermutlich nicht viel bleiben, weil das Land alle Funde beansprucht. Aber wir haben ein verschlossenes Grab gefunden, ist das nicht phantastisch? Nein, diese kleine Miezekatze stammt nicht aus dem Grab, ich fand sie im Basar und glaube, dass sie dir gefallen wird. Doch das alles ist noch nicht das Beste, was mir widerfahren ist. Kaum zu glauben, aber ich habe ein besonderes Totenbuch entdeckt, und dazu Kanopenkrüge. Du wirst es vielleicht nicht verstehen, aber ich habe die Entscheidung getroffen, diese Entdeckung den Behörden zu verschweigen. Denn nun will ich auch den Sarkophag finden, der zu den Einzelteilen gehört. Ich werde hoffentlich bald wieder in London sein, dann erzähle ich dir mehr. Mach’ dich auf eine total verrückte Geschichte gefasst. Jetzt kann ich dir nur sagen, dass du exklusiv darüber berichten kannst, wenn die ganze Sache offiziell wird. Schließlich bist du immer noch meine Blutsschwester. Vorerst aber bitte ich dich, darüber zu schweigen, dass ich mich noch auf der Suche nach dem Sarkophag befinde. Ich grüße dich, Liebste, bis bald, deine Rachel.“

Das war ja nun mal eine seltsame, wenn auch erfreuliche Überraschung. Helen lächelte, wenn sie an Rachel dachte. Die Freundin besaß ein übersprudelndes Temperament, war spontan in ihren Einfällen und von einer mitreißenden Begeisterung, die allerdings oft genug nicht lange anhielt. Nach der Schule hatten sich ihre Wege getrennt. Helen hatte ihr Studium in London gemacht und bei einer kleinen, heute nicht mehr existierenden Zeitung, ihr Volontariat absolviert, Rachel hatte an wechselnden Universitäten im In- und Ausland ein Studium zur Graphikerin gemacht, dabei allerdings niemals ihren ganz persönlichen Traum Ägypten vergessen. Das war und blieb das einzig konstante in ihrem Leben.

Und nun war sie wirklich inmitten einer Ausgrabung und hatte auch noch etwas gefunden. Großartig!

Helen freute sich für Rachel. Noch viel mehr aber freute sie sich, mal wieder von der Freundin zu hören. Sie war so oft unterwegs, dass Helen es fast aufgegeben hatte, die jeweiligen Adressen ausfindig zu machen.

Jetzt betrachtete sie noch einmal die kleine Katzenfigur, ein wirklich selten schönes Stück. Vielleicht sollte man mal einen Artikel über ägyptische Kunst in der Zeitung bringen, die Schönheit der Gegenstände zog die Menschen immer wieder in ihren Bann. Und der „Weekly Mirror“, für den Helen arbeitete, gehörte zu den Blättern, in denen solche Themen geschickt aufgegriffen werden konnten. Da England maßgeblich immer wieder an den großen Funden beteiligt gewesen war, gab es auch in Museum eine ganze Abteilung, die sich allein damit beschäftigte. Helen beschloss, mal wieder einen Bummel durch das Museum zu machen, viel zu lange schon war sie nicht mehr dort gewesen.

In der Redaktion war man überrascht, dass Raymond Brody, der Chefredakteur und Helens erklärter Widersacher, nichts dagegen einzuwenden hatte, dass sie sich diesem Thema widmen wollte. Doch die sogenannte Saure-Gurken-Zeit stand vor der Tür; Parlaments- und sonstige Ferien sorgten dafür, dass Nachrichten spärlich wurden, jede Meldung war im Augenblick überhaupt eine Meldung.

Helen packte ihr notwendiges Handwerkszeug ein, meldete sich beim Kurator des Museums an, um einen Termin zu bekommen und war schon auf dem Sprung, als das Telefon klingelte.

Eine Nachricht? Eine Sensation? Was auch immer, im Augenblick war jeder Reporter dankbar für jede noch so winzige Information.

Doch es war am anderen Ende Sir Thomas Harding, der bekannte Psychologe und Helens Freund, der sich mit einem fröhlichen Gruß meldete.

„Ich wollte Sie zum Essen einladen, haben Sie Zeit und Lust?", klang die warme vertraute Stimme auf.

„Eigentlich nicht“, bedauerte Helen. „Ich bin auf dem Weg ins Nationalmuseum, um die Mumien dort einer strengen Prüfung zu unterziehen.“

„Ich bin erschüttert, Helen, Sie ziehen das Beisammensein mit toten Königen, Stieren, Schakalen und Katzen einem Essen mit mir vor?“ Seine Stimme war voller Spott.

Selbstverständlich war ihm klar, dass es sich um Arbeit handeln musste, doch zwischen ihnen beiden herrschte oft eine freundschaftliche Neckerei, manchmal aber auch ein bisschen mehr.

Die beiden hatten gemeinsam einige haarsträubende unglaubliche Abenteuer erlebt, die meist damit zusammenhingen, dass Sir Thomas einer weiteren Passion nachging – er war im Vereinten Königreich der wohl angesehenste Parapsychologe. Das bedingte offenbar, dass sich in seiner Umgebung ständig merkwürdige Kriminalfälle abspielten, die nicht immer ungefährlich waren. Harding hatte an Helen einen Narren gefressen, und es bereitete ihm Freude, sie an seiner Seite zu haben, wenn etwas Ungewöhnliches geschah. Sie waren beide wie Feuer und Wasser; war er oft gerne bereit zu glauben, dass es sich um übersinnliche Phänomene handelte, so hatte Helen einen praktischen Sinn und viel Skepsis, die allerdings auch nicht immer verhindern konnten, dass es sich wirklich um phantastische Eigenheiten handelte.

Helen lachte nun kurz auf. „Das hat gute Gründe, Sir Thomas, Mumien widersprechen mir nicht, provozieren mich nicht, und sie ziehen mich auch nicht ständig in mysteriöse Angelegenheiten hinein, bei denen dann mein Leben auf dem Spiel steht.“

Einen Moment herrschte gekränkte Stille. „Sie wollen also wirklich ein total langweiliges Leben führen, Helen? Sie wollen Ihre Tage planen von vorne bis hinten, ohne auf Überraschungen gespannt zu sein?“

„Die Überraschungen, die mein Chefredakteur für mich bereit hält, reichen mir eigentlich voll und ganz“, seufzte die Frau. „Aber wenn Sie selbst Langeweile haben sollten, rate ich Ihnen, mich zu begleiten. Vielleicht erweitert das Ihren Horizont.“

„Eine derart spitze Bemerkung hätte ich jetzt nicht von Ihnen erwartet, liebste aller Freundinnen. Aber damit Sie sehen, dass ich es gut mit Ihnen meine, treffen wir uns in einer halben Stunde vor dem Nordeingang des Museums am Montague Place. Das müssten Sie doch schaffen, oder?“

„Ich schon“, erwiderte sie trocken. „Aber glauben Sie ernsthaft, Sie kommen mit dem Auto so schnell durch den Verkehr?“

Helen spürte förmlich seine Belustigung am anderen Ende.

„Ich habe nur ein paar Schritte zu gehen, ich bin gerade beim Dekan der Uni.“

Helen seufzte erneut. „Sie haben auf alles eine Antwort. Na gut, in einer halben Stunde also.“

Aus einer Laune heraus hatte Helen die Katzengöttin eingesteckt. Sicher war es kein echtes Stück, aber vielleicht wusste der Kurator doch etwas dazu zu sagen. Sie machte sich auf den Weg. Irgendwie freute sie sich doch auf das unerwartete Wiedersehen mit Sir Thomas.

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MITTEN IN DEM RAUM, der von dichten Vorhängen vor dem hellen Sonnenlicht geschützt wurde, entstand aus dem Nichts eine Gestalt – eine weiße Frau. Sie bewegte sich langsam, streckte die Arme aus und wollte nach dem Mann greifen, der in unmittelbarer Nähe zu ihr saß. Der wich unwillkürlich zurück, obwohl er genau wusste, dass diese Erscheinung ihm nichts anhaben konnte. Eine Stimme wie aus einem Grab hallte durch den Raum, und auch die anderen Anwesenden konnten nicht verhindern, dass ihnen eine Gänsehaut über den Körper lief.

Dann erklang eine andere, vertraute Stimme, es wurde wieder hell im Raum, und die unheimliche Atmosphäre schwand.

„Beweise, meine Damen und Herren, Beweise sind das, was wir alle brauchen. Und eine solche Geistererscheinung wie diese hier ist kein Beweis. Das lässt sich relativ einfach mit wenigen technischen Mitteln erreichen.“ Die warme, sonore Stimme von Professor Sir Thomas Harding klang durch den Vorlesungsraum der angesehenen Londoner Universität.

Der berühmte Psychologe hielt in regelmäßigen Abständen seine Vorlesungen, und wie immer war auch dieses Mal jeder Platz besetzt. Harding hatte eine besondere Art Wissen zu vermitteln, und nicht selten führte er das absurde an, um das wirkliche und mögliche aufzuzeigen.

„Mit den heutigen Methoden der modernen Wissenschaft und Technik können Sie sowohl Illusionen erzeugen, wie auch psychische Phänomene deutlich machen“, fuhr er fort. Er hütete sich, direkte Parallelen zwischen der nüchternen Psychologie und seinem Lieblingsthema, der Parapsychologie, zu ziehen, das könnten ihm weniger wohlmeinende Kollegen als Humbug ankreiden. Doch es war immerhin sein „Nebenberuf“, er beschäftigte sich immer wieder mit Grenzerscheinungen, von denen sich die meisten jedoch selbst als Schwindel entlarvten.

Hier in dieser Vorlesung ging es jedoch um die klassische Psychologie, zu deren Randgebieten aber auch Geistererscheinungen zählten.

„Wenn Sie jemals auf dieses Phänomen bei einem Patienten treffen, halten Sie ihn nicht gleich für einen pathologischen Fall. Das menschliche Gehirn ist zeitweise in der Lage eigene Welten zu erschaffen und den Menschen in dem Glauben zu lassen, dass er sich vollkommen normal benimmt, während er für seine Umwelt völlig irrational daherkommt. Dies kann geschehen durch einen Schock, Überlastung wie Trauer oder Schmerz, oder durch den Verlust eines geliebten Menschen. Dadurch kann es durchaus zu solchen Erscheinungen kommen. Diese hier im Raum war allerdings künstlich. Trotzdem kann der Wunsch, einen verlorenen geliebten Menschen wieder bei sich haben zu wollen, solche Halluzination hervorrufen. Hüten Sie sich davor, meine Damen und Herren, ein vorschnelles Urteil zu fällen. Ein guter Psychologe wird niemals einfach ein Urteil fällen, sondern er wird zunächst seinem Patienten glauben. Denn für den ist das alles real, dieses ist die erste Prämisse, von der Sie ausgehen müssen.“

Während seiner Worte, die er so oder ähnlich schon oft gesagt hatte, war die Geistererscheinung reglos stehen geblieben, ebenso wie Harding selbst. Nun, da er sich bewegte, tat es die weiße Frau auch. Ein Aufschrei ertönte, zu überraschend und erschreckend kam das für einige der Studenten.

Sir Thomas lachte kurz auf. „Ich vergaß, Ihnen zu sagen, dass es sich bei dieser weißen Frau um eine holografische Projektion handelt, die an meine Bewegungen gekoppelt ist. Eine kleine technische Spielerei. Seien Sie also niemals zu sicher. Und nun danke ich Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.“

Die Projektion erlosch, noch während eine Glocke das Ende der Vorlesung verkündete. Die Studenten klopften auf ihre Pulte, danach strömten die meisten hinaus. Nur zwei blieben zurück, Alisha und Garrison, wie Harding sich erinnerte.

„Was halten Sie von diesen Geschichten um ägyptische Mumien?", fragte Alisha.

„Der Fluch des Pharao hat sich als eine Infektion von Staphylokokken herausgestellt“, erwiderte der Professor.

„Aber es soll doch auch Mumien gegeben haben, die herumgewandert sind und getötet haben“, warf Garrison ein.

Der Professor lachte. „Sie haben zu viele Filme gesehen“, sagte er dann, obwohl er über dieses Thema durchaus etwas mehr wusste. Aber das gehörte nicht hierher und ging schon gar keinen Studenten etwas an.

Garrison blieb aber hartnäckig. Er holte aus seiner Mappe einen Bericht eines angesehenen Wissenschaftsmagazins, und Harding verfluchte sich selbst. Warum hatte er damals nur...?

„Ich sehe, Sie haben da eine alte, längst überholte Geschichte wieder hervorgeholt“, sagte er also, stellte aber selbst fest, dass seine Worte etwas lahm klangen.

„Sie wollen dazu nichts sagen, Professor?", hakte Alisha nach.

„Ich sehe keinen Sinn darin, über Vorgänge zu reden, die nicht mehr aktuell sind. Auch ich bin lernfähig, und deswegen werde ich diesen Artikel nicht kommentieren.“

Harding spürte die Enttäuschung in den beiden, doch er atmete auf, als sie jetzt unzufrieden davongingen. In ihm kamen Erinnerungen auf, doch er unterdrückte sie fast gewaltsam. Das Experiment damals war ein Fiasko gewesen, und noch heute verspürte er Verzweiflung und Wut darüber, dass er nicht mehr hatte tun können. Es war auch kein Trost zu wissen, dass er in keinem Fall hätte mehr tun können. Es war ganz einfach noch immer die Hilflosigkeit, die an ihm zehrte und ihn selbst jetzt noch wünschen ließ, er hätte etwas an den Vorgängen ändern können.

Harding drängte die Erinnerungen zurück in den Winkel seines Gehirns, wo er die Gedanken sorgfältig wieder verschloss – bis zum nächsten Ausbruch.

Er fand seine Beherrschung und dann auch sein sympathisches Lächeln wieder, als er dem Dekan der Uni begegnete. Jetzt war nicht die Zeit verlorenen Chancen nachzutrauern. Und er hatte mehr als genug zu tun, um sich von trüben Bildern abzulenken. Er baute die technischen Vorrichtungen ab, mit denen er seine Studenten immer wieder gern verblüffte, und nahm sich vor, seine Freundin Helen mal wieder auf eine Partie Schach einzuladen. Ihre herzerfrischende Art würde ihm bestimmt guttun. Gleich darauf hatte er sie am Telefon, und wenig später machte er sich auf den Weg ins Museum.

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KEINER DER VIER HOBBY-Archäologen hatte bemerkt, dass seit Tagen schon wachsame Augen jeden ihrer Schritte verfolgten. Es war an sich schon eine Katastrophe, dass dieses verschollene Grab gefunden worden war, doch man hätte sich vielleicht damit abfinden können, dass alle diese Fundstücke ins Museum gebracht wurden. Dort besaß man ausreichende Möglichkeiten, das Ganze mehr oder weniger totzuschweigen. Doch diese Frau da unten hatte eine weitere Entdeckung gemacht und die Tragweite falsch erkannt. Der Mann, der die Gruppe beobachtete, würde im weiteren Verlauf um seine Lebensaufgabe gebracht, wie auch seine Freunde, wenn Rachels Norton sich nicht damit begnügte, die Entdeckung ans Museum zu melden. Natürlich wusste sie nichts davon, dass es einige Leute gab, die seit ewigen Zeiten ein Auge darauf hatten, dass gewisse Gräber besser nicht gefunden werden durften. Hier hatten die Wächter versagt, denn trotz der ersten Freude hatten die Forscher doch endlich die Behörden verständigt – nur Rachel hatte sich für einen anderen Weg entschieden. Man konnte jetzt nur noch versuchen den Schaden zu begrenzen; dazu würde diese Frau sterben müssen. Sie hatte als einzige erkannt, was sich wirklich in diesem Grab befand. Die Wahrscheinlichkeit war zwar relativ gering, dass sie das Geheimnis in seiner vollen Tragweite aufdecken würde, doch allein die Möglichkeit war schon fatal.

Es gab keinen anderen Ausweg.

Einer der Wächter hockte gut verborgen in einer Düne aus Sand, geduldig und wachsam. Er wartete auf eine günstige Gelegenheit zum Schuss, rasch und unauffällig würde er anschließend verschwinden. Der Verdacht für den Mord würde auf die Beduinen fallen, oder eine unzufriedene politische Gruppe, wen auch immer – das interessierte den Mann auch nicht weiter. Wichtig war nur, dass diese Frau nicht weiter forschte.

Er ignorierte die brennenden Schmerzen, die durch die heiße Sonne verursacht wurden. Sie hatte ihm trotz der schützenden Kleidung den Rücken verbrannt.

Jetzt – die Frau stand allein unter dem Sonnendach. Wie konnte sie es wagen, ihre ungläubigen Augen in die Heiligen Schriften der alten Priester zu versenken?

Der Lauf des Gewehres zitterte nicht. Der Schuss knallte – und die Kugel traf Jack Mitchell, der just in diesem Augenblick aus dem Zelt getreten war, um mit Rachel zu reden.

Zur gleichen Zeit fuhr der Beauftragte der ägyptischen Regierung mit seinem Wagen in das Camp. Er hörte noch den Schuss und gleich darauf den gellenden Schrei einer Frau. Sein Griff ging zur eigenen Waffe, und die Augen von Farad el Kabir suchten aufmerksam die Umgebung ab. Erst dann lief er mit raschen Schritten zu den Zelten.

Auf dem Boden lag ein Mann, aus einer Wunde in der Brust sickerte Blut, ebenso wie aus einem Mundwinkel. Über ihn gebeugt war eine Frau. Das Gesicht war kreidebleich, und sie schluchzte. Doch wenigstens war sie nicht hysterisch.

Nun kamen auch noch zwei andere Männer aus einem Loch im Boden, offensichtlich war das der Zugang zu dem verborgenen Grab.

Farad nahm die ganze Szene blitzschnell auf, dann aber kümmerte er sich um den am Boden liegenden Mann, hatte jedoch nicht damit gerechnet, im nächsten Augenblick selbst in die Mündung einer Waffe zu schauen.

„Wer sind Sie? Was wollen Sie hier? Und warum schießen Sie auf uns?“ Rachel hatte ihre klare Überlegung wiedergefunden und bedrohte den Fremden jetzt.

„Mein Name ist Farad el Kabir, wenn Sie gestatten, zeige ich Ihnen meinen Ausweis von der Staatlichen Gräberverwaltung. Ich habe nicht auf Sie geschossen, meine Waffe ist ungebraucht. Hier, sehen Sie.“

Er ließ seinen Revolver zu Boden fallen und angelte vorsichtig, unter dem skeptischen Blick der drei Leute, nach seinem Ausweis. Schließlich glaubte man ihm.

Für Mitchell wäre von vornherein jede Hilfe zu spät gekommen. In kurzen Worten erzählte Rachel, was sie über den Vorfall sagen konnte, aber viel war das nicht.

Farad informierte über Handy seine Vorgesetzten und die Polizei, doch er hatte keine große Hoffnung, dass sich der Täter ermitteln ließ. Die Wüste konservierte keine Spuren, der ewige Wind verwehte alles.

Erst am Abend, als Jack unter Tüchern aufgebahrt war und alle verstört beieinander saßen, wurde Rachel in voller Bedeutung klar, was heute geschehen war.

Aber warum sollte jemand ein Interesse daran haben, die Grabung nicht nur zu stören, sondern deren Mitglieder zu töten? Sie hatten doch nichts unrechtes getan. Obwohl – Rachel war sich sehr wohl klar darüber, dass sie bisher die Existenz des Totenbuchs verschwiegen hatte, ebenso wie die Kanopenkrüge. Und sie hatte, aus einem unbestimmten Gefühl heraus, das Buch ganz schnell verschwinden lassen, als Farad el Kabir aufgetaucht war. Sie hoffte, dass er es nicht bemerkt hatte, denn bei seiner Ankunft hatte sie ja darin gelesen. In dem ganzen Durcheinander nach dem Tod von Jack hatte sie das Buch in ihrem Zelt verborgen und hoffte, dass el Kabir nichts davon gesehen hatte.

Rachel hatte in dem Buch mittlerweile derart viele Hinweise gefunden, die unter Umständen die faszinierende Möglichkeit boten, mehr über die vergessene Prinzessin zu erfahren und außerdem – nein, nicht einmal daran denken, welche Informationen dort noch verborgen waren. Der Ägypter durfte es einfach nicht bekommen, sie wollte, sie musste es behalten. Und sie musste den Sarkophag der Prinzessin finden.

„Rachel, träumst du?“ Die Worte von Gordon rissen sie aus tiefen Gedanken. Sie lächelte nervös und suchte eine unverfängliche Ausrede.

„Ich glaube, ich habe den Schock noch nicht ganz verdaut. Tut mir leid. Wahrscheinlich ist es besser, wenn ich mich zurückziehe. Was hattest du gesagt?“

„Wir haben gerade darüber diskutiert, ob es Sinn macht, wenn wir die Grabung weiterführen. Es wäre vielleicht besser, wenn jetzt die Spezialisten vom Museum alles weitere übernehmen.“

„Auf gar keinen Fall“, fuhr sie auf. Das würde ihr ja jede Möglichkeit nehmen, den Sarkophag zu suchen. „Nein!“ Rachel schüttelte wild den Kopf. „Wir haben angefangen, etwas gefunden – und wir machen weiter. Das sind wir Jack schon schuldig. Diese Aufgabe bringen wir zuende. Natürlich nehmen wir dabei gerne die Hilfe von Mister el Kabir an. Das ist gleich schon deshalb wichtig, weil uns hier noch jemand auflauern könnte. Aber wir geben nicht auf.“

Sie sah das Lächeln im Gesicht des sympathischen Ägypters. Er mochte Mitte dreißig sein, hatte eine warme braune Hautfarbe, schwarze Haare und Augen und schimmernde Zähne. Sein Englisch hatte einen weichen sanften Akzent, und seine ganze Art war freundlich und gewinnend. Doch Rachel hatte bemerkt, dass er knallhart sein konnte, wenn es darauf ankam. Er hätte bedenkenlos auf die oder den Angreifer geschossen, wäre es nötig gewesen. Und so ahnte Rachel, dass es zu großen Problemen kommen konnte, sollte er von der Existenz der Papyrus-Rollen erfahren.

Farad konzentrierte seine Aufmerksamkeit voll auf sie. „Sie scheinen mir eine mutige beherzte Frau zu sein, Miss Norton, und ich achte Ihre Entscheidung. Im Augenblick sehe ich auch keinen Grund von Amts wegen Ihre Grabung aufzulösen. Sie zeigen sich alle sehr kooperativ. Allerdings muss ich auf der Anwesenheit der Polizei und eines Kollegen bestehen.“

Dagegen hatte niemand etwas einzuwenden. Die kleine Gesellschaft zog sich zur Nachtruhe zurück, zwei Polizisten übernahmen rund um das Lager die Wache.

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IRGENDWANN SPÄTER WÄLZTE sich Rachel aus dem Schlafsack, sie konnte nicht schlafen. Draußen stand der Mond zum Greifen nahe am Himmel, und die junge Frau setzte sich auf eine Sanddüne und starrte in die Nacht hinaus.

Warum sollte jemand sie und ihre Freunde töten wollen? Die Frage beschäftigte sie auch weiterhin, doch dann glitten ihre Gedanken wieder ab zum Totenbuch. Es gab ein Kapitel, in dem eine mögliche Erweckung angesprochen wurde. Eine total verrückte Geschichte, natürlich, und doch war Rachel von dieser Idee mittlerweile wie besessen. Wenn sie doch nur den Sarkophag finden könnte. Das war notwendig, um die Kanopenkrüge mit dem Körper zu vereinen.

Das leise Rieseln von Sand machte sie darauf aufmerksam, dass sich ihr jemand näherte. Instinktiv griff Rachel nach ihrer Pistole, die sie bisher noch nie gebraucht hatte. Nach dem Vorfall heute sah sie ein, dass es notwendig war, stets die Waffe griffbereit bei sich zu tragen.

Doch ein leises Lachen und einige Worte machten ihr klar, dass keine Gefahr drohte.

„Darf ich Ihnen ein wenig Gesellschaft leisten?", fragte Farad el Kabir. Er ließ sich neben Rachel nieder und deutete in die Nacht hinaus. „Es ist immer wieder faszinierend und hat seinen eigenen Zauber, nicht wahr?“

„Da haben Sie recht. Eine Nacht in der Wüste zeigt, wie klein die Menschen sind. Alles wirkt so unendlich und – erhaben. Es ist ein Stück Ewigkeit, unfassbar, und unglaublich schön.“

„Das erkennen nur Menschen, die eine gewisse geistige Größe besitzen“, stellte Farad fest.

„Danke.“ Ihre Antwort kam leise und überrascht.

„Ich hatte heute Abend das Gefühl, als wäre da noch etwas, über das Sie vielleicht mit mir reden wollten.“

Rachel blickte ihn erstaunt an, im bleichen Mondlicht wirkten die Konturen in seinem Gesicht selbst wie aus Stein gemeißelt, ein Gesicht, der Ewigkeit Ägyptens angepasst. Rachel fühlte sich plötzlich wie ein Fremdkörper. Dieser Mann gehörte hierher, und wahrscheinlich war es seine Aufgabe, wenn überhaupt, die tote Prinzessin zu erwecken.

Die Frau riss sich selbst fast gewaltsam aus diesen Gedanken. Was geschah hier mit ihr? Wie kam sie dazu, an etwas so absurdes zu denken? War Farad mehr, als er zugab? Konnte er vielleicht ihre Gedanken lesen? War er vielleicht auch in der Lage sie zu hypnotisieren? Oder lag das alles nur an dieser seltsamen Stimmung in einer sternenklaren Nacht?

Rachel verbarg ihre Gedanken und zwang sich zu einem Lächeln.

„Ich weiß nicht, wie Sie darauf kommen, Mr. el Kabir. Ich wüsste nicht, was ich Ihnen noch sagen sollte. Ganz bestimmt habe ich nicht die geringste Ahnung, wer es hier auf uns abgesehen hat.“

„Davon bin ich sogar überzeugt“, stimmte er höflich zu. „Es war auch nur so ein Gefühl, dass da noch etwas anderes sein könnte. Aber vielleicht liegt es auch am Mond, der solche Gedanken weckt. – Es wird in den Nächten hier empfindlich kalt. Sie sollten besser wieder ins Zelt gehen. Jetzt sind Sie auf jeden Fall sicher. Unsere Polizei kann in ihrer Arbeit sehr effektiv sein.“

„Da bin ich sicher“, erwiderte Rachel ohne Spott.

Die Silhouetten der beiden Männer, die das Camp bewachten, hatte sie sehr wohl gesehen. Sie schienen wirklich aufmerksam.

Farad el Kabir stand auf. Rachel spürte seine Blicke, aber auch sein Lächeln wie ein Streicheln auf ihrer Haut.

„Scheuen sieh sich nicht, das Gespräch mit mir zu suchen, egal, über welches Thema Sie reden möchten. Ich werde Ihnen stets ein aufmerksamer Zuhörer sein. Gute Nacht, Miss Rachel.“

„Gute Nacht, Mr. el Kabir.“

Lautlos entfernte sich der Mann, und sie strich sich plötzlich wirklich fröstelnd über die Arme.

*

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IM OBERGESCHOSS DES britischen National-Museums erstrecken sich mehrere Räume fast über den gesamten nördlichen Flügel, sie bilden den Hauptteil der Ausstellung mit dem Schwerpunktthema Ägypten. Eine beeindruckende Ausstellung, wie Helen Jefferson feststellte. Ein Tempel war in einem der Räume komplett wieder aufgebaut worden, davor stand eine Sitzbank, um den Anblick und die Erhabenheit auf den Betrachter wirken zu lassen. Auf dieser Bank saß Thomas Harding. Er lächelte, als er Helen erblickte.

„Schön, dass Sie pünktlich sind. Eigentlich muss ich Ihnen dankbar sein, dass wir uns hier treffen, ich bin schon viel zu lange nicht mehr hier gewesen. Sehen Sie nur die wundervolle Arbeit an den Steinen. Dieser Tempel wurde vierhundert Jahre vor Christus erbaut, und er hat bis heute nichts davon verloren, wie imposant und beeindruckend er ist. Auch wenn er jetzt an einem Ort steht, der ihm gar nicht zugedacht war.“

„Auch Ihnen einen schönen guten Tag, Sir Thomas. Danke der Nachfrage, es geht mir gut.“ Die kleine spitze Bemerkung hatte Helen sich nicht verkneifen können, obwohl sie mit der etwas eigensinnigen Art des Wissenschaftlers sehr wohl vertraut war.

Er lachte amüsiert auf, verneigte sich dann ein wenig spöttisch und funkelte sie mit seinen warmen braunen Augen an. „Ich habe die gesellschaftlichen Konventionen völlig außer Acht gelassen, Mylady. Ich bitte untertänigst um Vergebung. Wird Mylady sich jemals wieder für den armen Ritter erwärmen können?“

Helen stutzte, dann lachte auch sie. „Mein armer ergebener Ritter wird mich zur Strafe jetzt zum Kurator begleiten, um den Wert einer vermutlich nichtsnutzigen Figurine schätzen zu lassen. Außerdem muss Mylady den Mann mit Fragen löchern. Und anschließend ist Mylady bereit, sich von dem armen Ritter zum Essen einladen zu lassen.“

Schalk blitzte in den Augen von Harding auf. „Der Wunsch der ehrenwerten Lady ist dem armen Ritter Befehl.“

Spontan und überraschend zog er Helen an sich und umarmte sie. „Was meinen Sie mit einer Figurine?", fragte er dann, nun wieder im ganz normalen Gesprächston.

Helen setzte sich neben ihn, holte die kleine Katzenstatue hervor und erzählte ihm von Rachel.

„Wundervoll. Ihre Freundin fährt einfach nach Ägypten und findet ein verschlossenes Grab? Glück muss der Mensch haben. Aber trotzdem, diese kleine Miezekatze sieht sehr wertvoll aus.“

„Ach, das täuscht bestimmt. Aber sicher bin ich mir eben nicht.“

„Nun, dann wollen wir mal. Kommen Sie, Helen.“

„He, langsam, ich habe einen Termin mit dem Kurator...“

„Nicolas Gershwin ist ein alter Freund von mir. Wir können ihn jederzeit aufsuchen.“

Wieder einmal war Helen verblüfft, Harding kannte wirklich Gott und die Welt. Kopfschüttelnd ließ sie sich von ihm wegziehen.

Nicolas Gershwin war Ende vierzig, ein schlanker Mann mit dunklen Haaren, die an den Schläfen grau wurden. Er besaß eine leise Stimme und ein zurückhaltendes Wesen. Er begrüßte Sir Thomas erfreut, und Helen wurde ganz anders aufgenommen, als wäre sie allein in ihrer Eigenschaft als Journalistin gekommen. Gershwin berichtete ausführlich und anschaulich über die Exponate, die sich in den umfangreichen Abteilungen des Museums befanden, angefangen vom Stein von Rosetta, dem wohl bekanntesten aller Ausstellungsstücke, bis hin zu den neu restaurierten Statuen. Er schien die Daten über jeden Archäologen, wie auch über die verschiedenen Dynastien im alten Ägypten auswendig zu kennen. Helen konnte oft gar nicht so schnell mitschreiben, wie er erzählte.

Schließlich aber unterbrach Sir Thomas seinen alten Freund. „Gewähre Helen mal eine kleine Verschnaufpause, wenn du so weitermachst, wird sie in fünf Minuten ihren eigenen Namen nicht mehr kennen. Schau dir mal lieber diese kleine Bastet-Figur an.“

Gershwin nahm die Statue in die Hand, betrachtete sie aufmerksam und blickte Helen schließlich erregt an. „Woher haben Sie die?“

Sie berichtete noch einmal von Rachel und dem Päckchen, doch der Kurator schüttelte heftig den Kopf.

„Tut mir leid, aber das kann ich nicht glauben. Diese Bastet ist zirka dreitausend Jahre alt und war mit ziemlicher Sicherheit eine der Grabbeigaben für eine Verstorbene.“

„Ach ja, steht das vielleicht irgendwo eingraviert? Made in Theben by Ramses dem Zweiten?” erkundigte sich Helen bissig, weil sie die Wahrheit nicht glauben wollte.

Gershwin hielt inne und stutzte. „Oh, verzeihen Sie mir, ich wollte Sie nicht als Lügnerin hinstellen. Aber eine solche Figur kann Ihre Freundin nicht irgendwo auf dem Basar gekauft haben, glauben Sie mir, ich beschäftige mich seit vielen Jahren damit und kann den Wert sehr wohl einschätzen, wie auch das Alter. Die Beamten vom Ministerium für Altertum in Kairo würden das nicht zulassen.“

„Es könnte doch trotzdem eine geschickte Fälschung sein“, wandte Sir Thomas ein. „Nicolas, ich habe nicht genug Ahnung, um auf Anhieb sagen zu können, ob es sich um ein Original handelt. Doch wenn du recht hast, würde es bedeuten, dass Helens Freundin lügt und unter Umständen das Grab geplündert hat, das sie mit ihrem Freunden gefunden zu haben scheint.“

Gershwin nickte langsam und ernst. „So sieht es aus. Mir ist klar, dass ihr beide nicht sagen könnt, ob dies hier echt ist. Aber ich arbeite lange genug in diesem Bereich, und ich bin mir absolut sicher. Mrs. Jefferson, ich möchte Ihnen keine Schwierigkeiten machen. Sie sind ohne eigenes Zutun an einen regelrechten Schatz gelangt, und wahrscheinlich hat Ihre Freundin auch nicht damit gerechnet, dass Sie einen Fachmann um eine Expertise fragen. Ich möchte Sie allerdings bitten, uns die Statue zu überlassen, wenigstens für eine genauere Untersuchung.“ Er lächelte schief. „Vielleicht habe ich mich ja auch wirklich geirrt, dann hat in jedem Fall die Qualität der Fälschungen zugenommen.“

Helen zögerte. Es wäre wahrscheinlich besser gewesen, hätte sie die kleine Bastet daheim gelassen und sich allein daran erfreut. Jetzt konnte sie diesen verständlichen Wunsch nicht einfach abschlagen, sie wusste nicht einmal, ob sie sich unter Umständen strafbar gemacht hatte.

Sir Thomas rettete die Situation. „Nicolas, du kannst sicher gerne deine Untersuchungen vornehmen, ich möchte dich aber bitten, die Figur anschließend zurückzugeben und auch Stillschweigen darüber zu bewahren.“

Der Kurator überlegte. „Das wird wohl zu machen sein. Es ist ausgesprochen selten in meinem Beruf, dass man von einem Fundstück regelrecht überfallen wird. Aber ich verstehe natürlich, dass Sie das Teil gerne zurück haben möchten. Geben Sie mir eine Woche Zeit, dann weiß ich schon mehr.“

Helen willigte ein. Später saß sie mit Harding in einem kleinen Lokal, doch das Essen wollte ihr nicht so recht schmecken.

„Erzählen Sie mir mehr über ihre Freundin“, bat er. „Sie muss eine ungewöhnliche Frau sein.“

Helen lächelte plötzlich aus der Erinnerung heraus. „Wir sind Blutsschwestern“, klärte sie den verblüfften Wissenschaftler dann auf.

„Eine Jugendsünde? Wie interessant. Ich bin ganz Ohr.“

*

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DAS SO UNVERHOFFT AUFGEFUNDENE Totenbuch ließ Rachel selbst in ihren Träumen nicht ruhen. Als sie hinüberglitt in die Traumwelt begleitete sie der Gedanke an die Prinzessin, für die all dieser Aufwand getrieben worden war, um sie letztendlich doch dem Vergessen zu überlassen.

Eine bildschöne Frau stand plötzlich vor dem geistigen Auge der Forscherin. Sie war entsprechend der Mode der vierten Dynastie Ägyptens gekleidet, eine Art Rock oder Lendenschurz aus weißem Leinen, ein Oberteil aus dem gleichen Material mit verschiedenen Ornamenten bemalt, darüber trug sie einen Kragen aus Metall und Edelsteinen, kunstvoll bearbeitet und sehr wertvoll. Die Haare waren in einer Art Pagenschnitt mit Perlen und einem Netz aus feinem unbekanntem Material geschmückt. Dunkle brennende Augen richteten sich auf Rachel, Verzweiflung und eine flehende Bitte standen darin zu lesen.

„Hilf mir“, bat die Erscheinung. „Ich werde nicht ruhen können, bevor ich nicht neu belebt wurde und mich rehabilitieren kann. Man hat mich um meiner Liebe Willen verbannt. Hilf mir.“

„Wie kann ich das tun?", fragte Rachel im Traum. Es kam ihr gar nicht merkwürdig vor, dass sie hier mit einer Frau sprach, die seit mehr als dreitausend Jahren tot war. Schließlich war dies nur ein Traum, und darin war bekanntlich alles möglich.

„Du musst das Totenbuch benutzen, um mich zu erwecken. Dann musst du mich zu meinem Vater bringen, nur er kann das Urteil aufheben. Mein Geliebter hat alles vorbereitet, so dass du keine Schwierigkeiten haben solltest. Er hat bereits gebüßt für unsere Liebe. Aber hüte dich vor den Wächtern der Totenruhe, sie werden versuchen, dich zu hindern.“

„Das ist doch alles Unsinn“, widersprach Rachel jetzt, der selbst im Traum bewusst war, dass das, was die Prinzessin von ihr verlangte, eine Unmöglichkeit war. „Niemand kann eine Tote zum Leben erwecken. Du bist nur ein Trugbild, und ich mache mich wohl gerade selbst verrückt. Verschwinde aus meinem Traum.“

Doch die Erscheinung machte keine Anstalten Rachel in Ruhe zu lassen. „Du musst es tun“, forderte sie. „Ich bin Prinzessin Enehy, und du hast mein Totenbuch, das ist deine Verpflichtung.“

„Quatsch, ich werde dieses Buch nun doch endlich an ein Museum geben, dort wird man hoch erfreut sein. Dann habe ich endlich meine Ruhe.“

„Damit zerstörst du auch dein eigenes Leben“, warnte die Erscheinung. „Du musst dafür sorgen, dass ich mit meinem Vater vereint werde, sonst veränderst du den Lauf der Geschichte.“

„Was geschehen ist, kann nicht mehr rückgängig gemacht werden.“

„O doch. Ich habe ja gerade dafür gesorgt, dass ausgerechnet du meine Grabkammer finden musstest. Denn zwischen mir und dir gibt es ein Bindeglied. Eine deiner Vorfahren stammt hier aus meinem Land. Du kannst es nachprüfen. Und wenn du nichts tust, um mein Schicksal zu ändern, wird deine Existenz nichtig.“

„Ich verstehe kein Wort, lass mich einfach in Ruhe“, beschwerte sich Rachel.

„Wenn ich auch weiterhin die vergessene Prinzessin bleibe, wird es dich nicht geben.“

„Oh, Himmel, dieser Alptraum ist wirklich das letzte.“ Rachel wusste jedoch plötzlich, dass dies kein Alptraum war. Es handelte sich vielmehr um eine Art Vision. Sie musste auch nichts überprüfen, sie wusste sehr gut, dass in der Reihe ihrer Ahnen eine wunderschöne Ägypterin zu finden war. Während der Zeit der napoleonischen Kriege war sie dem Mann ihres Herzens nach England gefolgt. Und die sollte jetzt indirekt etwas mit der Toten zu tun haben?

Alles verrückt, behauptete Rachel jetzt vor sich selbst. Doch ein letzter Rest von Zweifel blieb. Und außerdem war da natürlich auch noch der Forscherdrang.

„Vorausgesetzt, ich glaube dir, was soll ich dann tun?", erkundigte sie sich sachlich.

„Du fügst als erstes die Kanopenkrüge in meinen Sarkophag ein. Dann vollendest du alle Beschwörungen, die mich ins Leben zurückrufen. Schließlich führst du mich zu meinem Vater, den Rest schaffe ich dann allein.“

„Na, wie großartig“, stellte Rachel sarkastisch fest. „Das alles ist ja fast gar nichts. Aber vielleicht erzählst du mir auch noch, wer dein Vater ist. Dann kann ich gleich darüber nachdenken, wie das vor sich gehen soll. Obwohl – der ist ja schließlich auch tot.“

„Natürlich ist er tot, du Mensch. Ich werde mit seiner Seele Kontakt aufnehmen und mein Leben rehabilitieren. Und dann endlich wird auch für mich die Totenbarke des Re kommen und mich in das ewige Reich bringen.“

Rachel kam plötzlich ein Gedanke. „Du sagst, dein Geliebter hat bereits für eure Liebe gebüßt. Was und wer war er? Was ist geschehen?“

„Spielt das eine Rolle?", fragte Enehy mürrisch.

„Für mich schon, wenn ich dir helfen soll.“

„Rassul Ahriman war der Hohepriester im Tempel der Hapi. Wir haben uns wirklich geliebt, doch mein Vater hatte andere Pläne mit mir. Ich widersetzte mich und nahm Rassul zum Mann. Nun, es war dann gar nicht so einfach, denn er verlor natürlich sein Amt und ich mein Zuhause. Nun wollte ich zurück in meine Familie, mein Vater hatte wohl recht damit, dass eine Prinzessin nicht mit einem Sterblichen zusammenleben kann. So musste ich mich von Rassul trennen. Er wurde natürlich zum Tode verurteilt, aber dann kam das Urteil meines Vaters auch über mich. Er ließ es mich büßen, dass ich ihm getrotzt hatte. Rassul musste mich töten und meine Beisetzung selbst vollziehen. Doch er war wütend über meinen Verrat, wie er es nannte und ordnete meine Beerdigung so an, dass nicht irgendwann jemand mich finden würde, um mich wieder mit meiner Familie zu vereinen. Außerdem setzte er Tempelpriester als Wächter ein, die über alle Zeiten hinweg dafür sorgen müssen, dass mein Grab nicht durch Zufall gefunden wird. Du siehst also, dass mein Vater mir längst verziehen hat, er wartet nur auf mich.“

„Und Rassul?", fragte Rachel erschüttert.

Enehy winkte nachlässig ab. „Das spielt doch keine Rolle mehr. Er war ein Irrtum. Hätte er Mut bewiesen und wäre er meiner würdig gewesen, hätte er meinen Vater vom Thron gestoßen. Doch er unterwarf sich und hat damit bewiesen, dass er nur ein Versager war. Also spielt er keine Rolle.“

„Das glaube ich doch, denn da gibt es ja schließlich die Wächter der Totenruhe, die mich daran hindern wollen, dich wieder zu erwecken.“

„Du willst dich doch nicht etwa davon aufhalten lassen? Ich bin immerhin Prinzessin Enehy.“

„Und ziemlich skrupellos.“

„Du wirst mir helfen, denn sonst werde ich auch noch aus dem Grab heraus dafür sorgen, dass du nicht nur aus dem Leben verschwindest, sondern auch deine Freunde und Verwandten nicht mehr ihres Lebens froh werden können. Keiner von ihnen wird jemals wieder zu Ruhe kommen. Wenn du das auf dein Gewissen laden kannst, dann versuche es. Aber ich warne dich, ich besitze diese Macht.“

Vor Rachels geistigem Auge, welch eine Verrücktheit in einem Traum, erschien sie selbst. In einem Zeitraffer sah sie Verwandte, und schließlich auch ihre spezielle Freundin Helen, geplagt von Krankheiten, gequält von Visionen, schließlich im Irrenhaus landend, stets mit dem Bild der Prinzessin vor Augen.

„Eher töte ich mich selbst“, drohte Rachel.

Ein leises Lachen erklang. „Das wird dir nicht möglich sein, ich werde es zu verhindern wissen. Mach’ dir also nichts vor, du wirst mir helfen.“

Rachel fühlte sich wie in einer tödlichen Falle, aus der es keinen Ausgang gab. „Dann muss ich es wohl tun“, gab sie leise nach, doch sie war sicher, sie würde versuchen, noch einen anderen Ausweg zu finden.

„Dann wünsche ich dir und mir viel Glück. Pass auf, dass du nicht vorher von den Wächtern getötet wirst. Ich habe fast das Gefühl, dass Rassul sehr nachtragend ist, denn er hat diese Wächter mit besonderen Vollmachten ausgestattet. Dabei habe ich doch nur getan, was richtig war.“

Die Erscheinung verschwand, und Rachel kam zu sich. Sie saß nassgeschwitzt in ihrem Schlafsack. Welch eine Geschichte! Und sie steckte plötzlich mittendrin, ohne eine Möglichkeit sich aus dieser Zwickmühle zu befreien.

Denn Rachel Norton zweifelte nicht einen Augenblick daran, dass jedes Wort der Prinzessin Enehy der Wahrheit entsprach.

*

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GUT EINE WOCHE SPÄTER hatte Helen ihren Bericht abgeliefert, der Artikel hatte großen Anklang gefunden, und die Reporterin zermarterte sich den Kopf über ein neues spannendes Thema, mit dem in der Saure-Gurken-Zeit die Leser unterhalten werden konnten. Nach einem langweiligen Tag in der Redaktion fuhr sie nach Hause und freute sich darauf, endlich die Füße hochlegen zu können. Ein Tee entspannte, und Helen schaltete vollkommen ab, so dass ihr schon wenige Minuten später die Augen zufielen. Das Buch fiel ihr aus der Hand, und sie träumte.

Ein lang anhaltendes Schrillen bohrte sich quälend in ihren Traum, störte den Ablauf, und schließlich saß sie kerzengerade auf dem Sofa. Das Schrillen hielt auch weiterhin an, und endlich begriff die Frau, dass es die Türklingel war, die hartnäckig weiter Lärm machte.

Himmel, wer wollte denn so dringend um diese Zeit etwas von ihr? Halb zehn am Abend? Brannte es vielleicht irgendwo?

Sie rappelte sich auf und ging zur Sprechanlage. Gleich darauf war sie hellwach.

„Helen, du Penntüte, du hast doch nicht etwa schon geschlafen? Komm, lass mich hinein, ich habe dir soviel zu erzählen.“

Unten vor der Tür stand Rachel, und ihre Stimme klang aufgeregt und fast atemlos. Wenig später fielen sich die beiden Frauen in die Arme, redeten wild durcheinander und sprudelten über in dem Bemühen sich gegenseitig alle Neuigkeiten zu berichten.

Dann aber zog Helen ihre Freundin neben sich auf das Sofa. „Jetzt aber Schluss mit dem Durcheinander. Erzähl, hast du deine Grabung in Ägypten abgeschlossen? Was habt ihr alles gefunden? Wird es eine Ausstellung dazu geben?“

Das Gesicht von Rachel verdüsterte sich plötzlich. „Ach, das kannst du ja alles noch gar nicht wissen. Und es ist ja auch so furchtbar viel passiert. – Helen, ich werde deine Hilfe brauchen. Aber du musst mir versprechen, mit niemandem ein Wort darüber zu reden, dass ich überhaupt hier gewesen bin.“

Erstaunen malte sich in Helens Gesicht. „Was hat das zu bedeuten? Bist du etwa in krumme Sachen verwickelt? Dann will ich dir gerne helfen, da wieder heraus...“

„Nein, keine krummen Sachen“, unterbrach Rachel. „Aber ich fürchte fast, es könnte viel schlimmer sein. Helen, ich fürchte, es geht um Leben und Tod. Bitte, du musst mir einfach helfen.“

„Ich denke, du solltest mir erst einmal ganz genau alles erzählen. Vorher kann ich nichts dazu sagen.“ Seit sie mit Sir Thomas bekannt war, hatte sie so viele unglaubliche Dinge erlebt, dass sie mittlerweile von einer gesunden Vorsicht erfüllt war, wenn sich etwas nicht ganz klar und deutlich darstellte. Nicht einmal ihrer besten Freundin gegenüber wagte Helen voreilig ein Versprechen abzugeben, das sie unter Umständen nicht würde halten können.

Rachel setzte sich eng zusammengerollt in eine Ecke. Langsam begann sie zu berichten, über die Freude des wunderbaren Fundes, über den Tod von Jack Mitchell, über Farad el Kabir – und über das Totenbuch einer vergessenen Prinzessin.

*

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ZWEI TAGE LANG PASSIERTE gar nichts. Die Grabkammer war von allen Seiten und aus allen Winkeln gründlich vermessen und fotografiert worden, alle Gegenstände – oder fast alle – hatte man in ein Verzeichnis aufgenommen, nun waren zusätzliche Helfer gekommen und verpackten alle Teile sorgfältig in Kästen, um sie dann nach Kairo zu transportieren.

Rachel hatte sich bei all diesen Arbeiten ziemlich im Hintergrund gehalten. Unauffällig, wie sie hoffte, hatte sie sich weiter mit dem Totenbuch beschäftigt. Doch oft genug fühlte sie sich von Farad el Kabir beobachtet. Hatte der Mann Verdacht geschöpft? Oder hegte er private Absichten, die er hier draußen nicht öffentlich machen wollte?

Rachel wäre es lieb gewesen, hätte auch er sich schon wieder auf den Weg nach Kairo gemacht. Der Zufall wollte es aber, dass sie am Nachmittag ganz allein in der Grabkammer war. Sie wusste, dass ihre Zeit hier ablief. Sanft strich sie mit den Fingerspitzen über einen Fries mit Malereien. Rachel setzte sich auf den Boden und starrte die Wand an. Wie gerne hätte sie die eigentliche Grabkammer mit dem Sarkophag gefunden. Das wäre die Krönung ihres Lebens gewesen.

Irgendetwas an der Wand irritierte sie dann aber. Eine Unebenheit, etwas, das nicht dazu passte – sie wusste es nicht, starrte aber weiter gebannt auf die Wand.

Ganz langsam bewegte sie sich auf Knien darauf zu, stets diese Unebenheit im Blick behaltend. Dann glitten ihre Finger suchend über die Wand. Nichts!

Enttäuscht hockte Rachel sich wieder hin. Nur ein Irrtum, eine optische Täuschung. Sie schlug zornig über sich selbst die Hände auf den Boden – und hielt plötzlich inne. Das klang hohl!

Rachel schüttelte den Kopf. Das war doch unmöglich. Tagelang hatten sie alle hier jeden Zentimeter abgesucht und nichts gefunden. Warum klang ausgerechnet diese eine Stelle jetzt hohl?

Eifrig klopfte die Frau auf dem Boden herum, es schien sich um eine Art Viereck zu handeln, vielleicht doch noch ein Eingang in den Boden? Rachel zitterte vor Aufregung, und als ihre Fingerspitzen jetzt einen schmalen Spalt ertasteten, fragte sie sich, was sie alle eigentlich die ganzen letzten Tage hier getan und übersehen hatten.

Eine Öffnung im Boden, mit bloßem Auge nicht zu erkennen!

Schon wollte sie aufspringen und die anderen holen, doch dann fiel ihr ein, dass sich ja auch Farad el Kabir noch hier aufhielt. Sollte sich das Grab der Prinzessin Enehy wirklich hier unten befinden, wäre alles vorbei. Dann würde er auch das Buch und die Kanopenkrüge verlangen – jedenfalls dann, wenn er weitergehende Schlüsse zog. Und ohne den Sarkophag waren Buch und Krüge für sie selbst wertlos. Nein, sie musste heute Nacht noch einmal allein hierher kommen und selbst nach dem Öffnungsmechanismus suchen.

Kaum hielt Rachel es aus, sich im Kreise der anderen unbefangen zu unterhalten. Die Zeit verging nur quälend langsam. Und doch waren irgendwann endlich alle in den Zelten verschwunden und hoffentlich am schlafen.

Rachel war noch angezogen, um den Leib hatte sie ein Seil geschlungen, Taschenlampe, Batterien und eine Notration für alle Fälle steckten in den Taschen des praktischen Overalls. Unbemerkt schlich sie sich in die Grabkammer. Mit der Taschenlampe leuchtete sie herum, die Logik sagte ihr, dass es einen Mechanismus geben musste, einen Auslöser, durch den sich der Zugang öffnen würde. Natürlich konnte im Lauf der langen Zeit dieser Hebel, oder was auch immer es sein mochte, eingerostet, abgebrochen oder zerstört worden sein. Doch Rachel hatte so ein Gefühl, und dem vertraute sie.

Es dauerte eine ganze Weile, und fast wollte sie schon wieder aufgeben, als sie doch den Mechanismus fand. Ein einzelner Stein in der Wand zeigte den hundeköpfigen Anubis, den Gott der Unterwelt. Als Rachel mit einem gewissen Druck auf die Augen Kraft ausübte, erklang ein seltsames Geräusch, und die Frau musste plötzlich über sich selbst lächeln. Irgendwie erschien es logisch, dass ausgerechnet dieser Gott der Hüter der vergessenen Prinzessin sein sollte.

Lautlos schob sich nun eine Steinplatte beiseite, ein modriger Geruch stieg auf, und Rachel tastete nach dem Mundschutz, den jeder Archäologe bei sich trug. Der einst so gefürchtete Fluch der Pharaonen war eine Art Bakterium gewesen, Sporen, die sich in hermetisch verschlossenen Räumen bildeten und schwere Krankheiten hervorrufen konnten. In deren Folge war es stets zu Lungenkrankheiten, Halluzination und Koordinationsschwierigkeiten gekommen, die oftmals tödliche Unfälle nach sich zogen.

Rachel atmete jetzt durch das schützende Vlies und ging einige unglaublich glatte Treppenstufen hinunter. Hier wirkte nichts so, als wären mehr als dreitausend Jahre vergangen, seit jemand zum letzten Mal diese Stufen betreten hatte.

Vor der Frau tat sich plötzlich eine neue Kammer auf. Ein Sarkophag aus Stein stand allein mitten im Raum. Wie Rachel feststellte, gab es auch hier Malereien an den Wänden, doch diese unterschieden sich sehr von denen, die man oben und in anderen Gräbern gefunden hatte.

Staunend verfolgte Rachel eine fast unglaubliche Geschichte, die in Verbindung mit den Angaben im Totenbuch und der Erzählung der geisterhaften Prinzessin ein neues Licht auf die ägyptische Historie warf. Das alles wollte Rachel allerdings selbst später in eine ordentliche Reihenfolge setzen.

Jetzt jedoch hämmerte ihr Herz vor Aufregung und Neugier heftig in ihrem Brustkorb. Sanft fuhren ihre Finger über die Reliefs im Stein. Hier lag nun wirklich die Prinzessin Enehy, die Rachel so intensiv gesucht hatte. Mit beiden Händen fasste die Frau den schweren Deckel und drückte, er glitt ein Stück zur Seite, als habe er nur darauf gewartet, dass endlich jemand käme und den Sarkophag öffnete.

Die Mumie im Innern war am Kopf mit einer goldenen Maske bedeckt. Diese Frau war so prachtvoll bestattet worden wie eine regierende Königin. Wer auch immer das getan hatte, musste ganz besondere Gründe dafür gehabt haben. Es drängte Rachel, und sie gab ihrer inneren Stimme nach. Eilig lief sie nach oben in ihr Zelt, grub die Kanopenkrüge aus dem Loch unter ihrem Schlafsack und rannte damit wieder hinunter. Auf den Krügen waren die Gottheiten, die anzeigten, welcher Inhalt sich darin befand – auf dem Sarkophag selbst waren die entsprechenden Gegenstücke. Ohne nachzudenken packte Rachel die Krüge an die richtigen Stellen, dann schob sie den Deckel wieder zu. Sie war sicher, wenn der rechte Augenblick gekommen war, würde die Prinzessin wissen, was sie zu tun hatte.

Sorgfältig verschloss Rachel alles wieder und ging nach oben. In ihrem Zelt setzte sie sich vor das Totenbuch. Doch es sollte nicht soweit kommen, dass sie beginnen konnte, die Beschwörungen auszusprechen.

Das Camp wurde plötzlich überfallen!

Eine ganze Horde von lästigen Beduinen, jedenfalls nahmen Rachel und ihre Freunde an, dass es sich um Beduinen handelte, kam wild aus Gewehren schießend von den Dünen herunter. Eine Kugel traf Gordon Brown, der ächzend und blutend zusammenbrach. Rachel schrie auf, dann wurde sie plötzlich von zwei harten Händen gefasst, und eine Stimme zischte an ihrem Ohr.

„Fassen Sie das Buch niemals wieder an. Sie würden damit nur Unheil anrichten. Lassen Sie die Toten zufrieden. Ich wünschte, ich könnte Ihnen das Buch wegnehmen.“

Gleich darauf brach jedoch auch dieser Mann zusammen. Farad el Kabir hatte keine Hemmungen, die Angreifer auf die gleiche Art zu bekämpfen.

Und dann war der Spuk plötzlich vorbei. Die Beduinen nahmen ihre Verwundeten mit sich – zurück blieben ein verwüstetes Camp, und eine Leiche.

Gordon war zum Glück nicht schwer verletzt. Rachel erholte sich rasch von ihrem Schock und versorgte ihn.

„Ab sofort ist diese Ausgrabung beendet“, ordnete el Kabir an. Es regte sich kein Widerspruch, nicht einmal von Rachel. Dies hier war aus einer fröhlichen Fundstelle zu einer tödlichen Bedrohung geworden.

Die Frau schaffte es, das Totenbuch unbemerkt mitzunehmen und sogar nach England einzuschmuggeln. Doch sie wurde verfolgt, wie sie bald darauf feststellte. Aus welchem Grund man sie verfolgte, und vor allen Dingen, wieso jemand wissen konnte, dass Rachel sich überhaupt noch im Besitz des Buches befand, wusste sie nicht zu sagen. Doch ihr Verfolger, vielleicht waren es aber auch mehrere, mied die Öffentlichkeit und auch die offiziellen Stellen, sonst hätte sie bestimmt schon Besuch von der Polizei gehabt.

Als Rachel, von einem unbestimmten Zwang getrieben, begonnen hatte, erste Schritte für das Ritual zu unternehmen, hatte sie furchtbare Halluzinationen bekommen; Visionen, die ihr schreckliche Dinge vorgaukelten, wenn sie nicht auf der Stelle innehielt. Und doch musste sie den Versuch machen die Prinzessin wieder zu erwecken – oder zu sterben.

Um jedoch alle diese Beschwörungen vorzunehmen würde sie die Hilfe ihrer Blutsschwester brauchen, Helens Hilfe. Allein konnte sie niemals die Kraft aufbringen, die dazu notwendig war. Und nur eine Blutsverwandte war in der Lage, die geistige Verbindung aufrechtzuerhalten.

*

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DU BIST JA NICHT GESCHEIT“, stellte Helen praktisch und trocken fest, nachdem ihre Freundin den ausführlichen Bericht beendet hatte. „Rachel, ist dir eigentlich klar, auf was du dich da einlassen hast? Du spielst mit Mächten und Kräften, die du nicht beherrschen kannst.“

„Das habe ich mittlerweile auch erkannt“, sagte sie leise und traurig. „Aber ich kann mich nicht dagegen wehren. Und deswegen musst du mir helfen, Helen. Um da wieder heraus zu kommen, brauche ich die Kraft einer Blutsverwandten, um nicht völlig unterzugehen. Nun kann ich meine Eltern nicht fragen, sie sind schon tot, wie du weißt. Und Geschwister habe ich keine. Da wäre sonst nur noch mein Onkel, aber der würde mir bestimmt nicht helfen, er würde mir nicht einmal glauben, außerdem ist die Verwandtschaft ja nicht sehr eng. So bleibst nur du als meine Blutsschwester.“

„Ach, du meine Güte.“ Helen lachte nervös auf. „Rachel, das war doch nur ein Kinderscherz, ich bitte dich, du nimmst das doch heute nicht mehr ernst?“

„Oh, doch.“ Rachel war es todernst. „Helen, für uns damals mag das nicht mehr als ein Scherz gewesen sein, doch es ist eine Tatsache, dass wir uns zu Blutsschwestern gemacht haben. Und diese Verbindung ist stärker als selbst die zwischen Geschwistern. Das kann man nicht leugnen.“

„Nun noch mal ganz langsam.“ Helen Jefferson schenkte sich einen Kaffee ein und überlegte fieberhaft. „Ich bin gerne bereit dir zu helfen, wir sind schon so lange Freundinnen, dass es für mich eine Selbstverständlichkeit ist, auch wenn ich diesen Unsinn mal außer Acht lasse. Glaube mir, ich muss das tun, ich würde dich niemals in Stich lassen. Aber, Rachel, du musst dich aus diesem Bann lösen.“

Die lachte trocken und verzweifelt auf. „Ich kann nicht, Helen, ich finde keine Möglichkeit diesen Teufelskreis zu durchbrechen. Glaube mir, ich muss das jetzt tun, sonst bin ich tot. Punktum.“

„Davon bin ich noch längst nicht überzeugt. Hör zu, ich habe einen Freund, der dir vielleicht auch helfen kann, Professor Harding.“

Rachel machte große Augen. „Der Harding? Du kennst ja richtig berühmte Leute. Aber der ist Psychologe, der kann mir auch nicht helfen.“

„Parapsychologe ist er auch. Und ich bin sicher, er wird die ganze Sache faszinierend finden.“

Rachel überlegte kurz, dann nickte sie langsam. „Vielleicht ist es doch einen Versuch wert. Aber dann will ich das Buch dabei haben. Ihr werdet alles verstehen, wenn ihr selbst sehen könnt, was...“ Sie brach ab.

„Wo hast du es denn jetzt?", fragte Helen.

„Das musst du nicht wissen, es ist besser so. Sag mir, wann du einen Termin mit Harding ausmachen kannst.“

„Morgen schon“, behauptete Helen.

„Ihr scheint euch gut zu kennen, wenn du so kurzfristig...“

Helen lachte auf. „Er ist der schwierigste Schachpartner, den ich je hatte. Du wirst schon sehen, er ist sehr nett.“

„In Ordnung, ich werde bis morgen das Buch besorgen. Und – danke Helen.“

Rachel verabschiedete sich rasch, aber Helen saß noch eine ganze Weile allein da und dachte über das gehörte nach. Einiges an der ganzen Geschichte war ihr noch unklar, doch sie würde abwarten müssen, bis Rachel bereit war auch darüber zu reden. Aber welch eine verrückte Idee, eine seit mehr als dreitausend Jahren tote Prinzessin zum Leben erwecken zu wollen. Entweder war Rachel leicht verrückt geworden, oder die Sache war wirklich real und damit ebenso unglaublich. In jedem Fall war es klüger, sich der Hilfe Professor Hardings zu versichern, er war klug genug, um ein klares Bild zu schaffen – so hoffte die Journalistin.

Sie griff zum Telefon und rief den Wissenschaftler an. Schon nach den ersten Andeutungen von Helen horchte der Mann auf.

„Das ist mir alles etwas zu konfus, Helen“, behauptete er. „Ich bin in einer Stunde bei Ihnen, und dann möchte ich mehr wissen.“

Sie hatte keine Gelegenheit mehr ihn abzuwehren, er hatte aufgelegt. Aus Erfahrung wusste sie, dass er jetzt auch nicht mehr loslassen würde. Nun, vielleicht war es klug, bei einem Schachspiel die Gedanken zu konzentrieren.

Helen lächelte und stellte die Figuren auf.

*

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RACHEL WAR SICH ZIEMLICH sicher, dass sie auf Schritt und Tritt beobachtet wurde. Sie konnte keinen Grund dafür nennen, warum es jemandem möglich war, sie überall hin zu verfolgen, doch sie wusste genau, dass sich stets jemand in ihrer Nähe befand. Dieser Jemand überwachte wirklich alles, was sie tat. Deshalb war es so wichtig, dass sie bei dem anstehenden Ritual nicht allein war. Sie brauchte jemanden an ihrer Seite, der mit starken mentalen Kräften die Störungen, die von dem Verfolger ausgingen, ablenkte. Helen war eine nüchterne sachliche Frau, was sie im Gespräch mal wieder bewiesen hatte. Sie glaubte vor allen Dingen selbst nicht daran, dass sie persönlich über Kräfte verfügte, die nicht jeder besaß. Ganz bestimmt würde sie auch nicht irgendwelchen Ängsten unterliegen. Und da sich die beiden Frauen noch immer stark zueinander hingezogen fühlten, gab es für Rachel kaum eine andere Möglichkeit. Die Tatsache, dass sie beide Blutsschwestern waren, spielte vielleicht auch noch eine größere Rolle, als die Reporterin es wahr haben wollte. In alten Zeiten hatte man einer solchen Tatsache viel mehr Bedeutung beigemessen, da war eine solche Verbindung bis zum Tode auch eine Verpflichtung. Die Einstellung dazu mochte heutzutage anders sein, doch für jemand, der sich so ausgiebig mit der Historie alter Völker beschäftigt hatte wie Rachel, galt diese Blutsbrüderschaft ebenfalls für alle Zeiten.

Sie schaute sich jetzt wieder um, während sie in einem Taxi auf dem Weg zum Flughafen war, wo sie das Totenbuch in einem Schließfach deponiert hatte. Bisher konnte sie niemanden im dichten Verkehr entdecken, der sie verfolgte, natürlich nicht. Inmitten all der Menschen, die sich auf den Straßen befanden, war es absolut unmöglich, einen anderen herauszufinden. Und doch wusste die Frau mit absoluter Sicherheit, dass da jemand war, der sie nicht aus den Augen ließ.

Das war gar nicht gut. Bisher war es Rachel stets gelungen den Aufenthaltsort des Buches vor ihren Verfolgern geheim zu halten. Wahrscheinlich war sie auch nur deswegen noch am Leben. Sie gab sich keinen Illusionen hin. Nach allem, was sie mittlerweile wusste, gab es diese Wächter, deren Mitglieder über einen unglaublich langen Zeitraum hinweg noch immer verpflichtet waren, eine Wiederauferstehung zu verhindern. Warum das so war, und warum Rachel trotzdem von unbekannten Mächten dazu getrieben wurde, diesen Versuch zu wagen, hätte sie nicht sagen können. Die Frau war zum Spielball übernatürlicher schrecklicher Kräfte geworden, und sie hatte keine Möglichkeit sich dagegen zu wehren.

Im Gewimmel der Menschen auf dem Flughafen tauchte Rachel unter, jedenfalls ließ das Gefühl der Beobachtung etwas nach. Sie fand es jedoch gefährlich das Buch und auch ihre Aufzeichnungen bei sich zu tragen. Es war so einfach überfallen zu werden, kein Mensch würde sich darum kümmern, falls es überhaupt jemand bemerkte.

Rachel sah nur eine Möglichkeit, sie ging mit dem doch recht schweren Paket zum Schalter eines Transportunternehmens. Dort gab sie es per Express und persönlicher Übergabe an Helen auf. Gleich darauf fühlte sie sich wohler, jetzt würde sie in ein Hotel gehen und versuchen in aller Ruhe bis morgen abzuwarten.

Rachel besaß zwar eine hübsche Wohnung, ein wenig außerhalb von London, doch die wollte sie an diesem Tag nicht mehr aufsuchen.

Aber soweit sollte es nicht kommen. Rachel schaute sich suchend um, wo war der Ausgang, der sie direkt zu einem der großen Hotels bringen würde? Sie achtete nicht mehr auf ihre Umgebung, war im Grunde etwas leichtsinnig geworden, weil sie glaubte, ihr könnte jetzt nichts geschehen.

Da rempelte sie jemand an und murmelte etwas. Rachel schaute auf, dann wurde sie kreidebleich, und ein Schrei bildete sich in ihrer Kehle, der allerdings erstarb, bevor er laut werden konnte. Nur weg von hier!, war der einzige klare Gedanke, der sich in ihrem Kopf noch bildete. Dann rannte sie auch schon los, jetzt auf die Straße hinaus.

Der Mann, mit dem sie zusammengestoßen war, hatte sich bei ihr nicht etwa entschuldigt, er hatte eine Drohung ausgestoßen. Es war jemand, den Rachel bereits in der Wüste Ägyptens gesehen hatte, dessen war sie sicher. Das konnte nur bedeuten, dass man sie auch hier im Getümmel nicht aus den Augen verloren hatte. Wussten diese Leute also jetzt auch, dass sie das Buch per Express aufgegeben hatte? Hoffentlich nicht.

Im Augenblick verschwendete Rachel auch keinen weiteren Gedanken daran, sie befand sich auf der Flucht. Jede noch so kleine Lücke nutzte sie, bog um Ecken, rannte auch mal quer durch ein Geschäft und aus der anderen Tür wieder hinaus. Das Herz hämmerte schmerzhaft bis zum Kopf, das Blut rauschte in den Ohren wie ein Wasserfall, und Schweiß perlte auf ihrer Stirn. Keuchend blieb sie stehen, nur langsam kam ihr zu Bewusstsein, das jemand, der eilig rennt, auffälliger ist, als ein Mensch, der sich normal bewegt. Jetzt hatte sie bereits die Aufmerksamkeit aller möglichen Leute auf sich gezogen, man starrte sie an, und sie rang mühsam um ihre Fassung. Ihr Gefühl sagte ihr, dass sie im Augenblick wohl nicht beobachtet wurde, doch die Frau wusste, dass es sich um einen vorübergehenden Zustand handelte. Man würde sie immer wieder aufspüren.

Rachel ging jetzt ganz ruhig weiter, zunächst musste sie den Flughafen verlassen, vielleicht konnte Helen – nein, besser nicht, sie hatte schon zuviel gesagt, es konnte auch für die Freundin gefährlich werden.

Rachel befand sich jetzt in der unteren Ebene, hier gab es Restaurants und Geschäfte, die Ausgänge, aber auch die Zugänge zum Flugfeld, die Wetterstationen für die Piloten und vieles andere mehr.

Es war ein unglaublicher Zufall, Rachel lief an einer Snack-Bar vorbei, als gerade ein Angestellter seine Sicherheitskarte auf dem Tresen liegen ließ. Niemand nahm Notiz davon, und Rachel griff danach, als müsste es so sein. Der Ausweis verschwand in ihrer Tasche, und sie selbst mischte sich in eine Menschentraube. Einige Schritte weiter löste sie sich aus der Gruppe und steckte sich den Ausweis an. Er war auch ohne Foto gültig und galt für den gesamten Sicherheitsbereich am Boden. Die beste Möglichkeit dem Verfolger zu entkommen, denn dorthin würde er ohne Ausweis nicht folgen können.

Rachel lächelte nervös, dann ging sie mit energischen Schritten auf die nächste Schleuse zu. Der Ausweis wurde von der Maschine ohne Probleme akzeptiert, und die Frau an der letzten Kontrolle winkte sie nachlässig durch. Ein schmaler Gang führte Rachel zur Gepäckbeförderung. Lange Förderbänder in verwirrenden Straßen kreuzten sich, transportierten Tausende von Gepäckstücken und führten schließlich zu versiegelten Rampen, wo sie entladen wurden.

Rachel lief weiter und wurde plötzlich von einem Mann angesprochen.

„He, was machen Sie hier? Sie haben hier nichts zu suchen.“

Rachel schwenkte den Ausweis in der Hand. „Ich suche Jack Manion“, antwortete sie und nannte auf gut Glück irgendeinen Namen. Misstrauen zeigte sich im Gesicht des Mannes, doch er machte ihr Zeichen, dass sie weitergehen sollte, Richtung Flugfeld. Rachel warf aus einem Gefühl heraus einen Blick über die Schulter und erstarrte. Da war der Mann wieder, ihr Verfolger, noch hinter der Schleuse, aber dennoch in unmittelbarer Nähe. Und gerade ging er durch die Kontrollen, als habe er sämtliche Sicherheitsfreigaben auf der ganzen Welt. War sie denn nirgends sicher?

Draußen vor der Tür holte die Frau tief Luft, dann schaute sie sich um. Busse fuhren umher, ein Auto in der auffälligen schwarz-gelben Bemalung eines Einweisers fuhr scheinbar ziellos herum. Tankwagen und andere Versorgungsfahrzeuge hatten ihre festen Ziele.

Ein weiterer Einweiser mit der leuchtenden Aufschrift „Follow me“ stand allein da, der Schlüssel steckte. Rachel überlegte nicht mehr lange, sie stieg ein und fuhr los. Im Rückspiegel sah sie dann ihren Verfolger, der irgendwie auch durch die letzte Schleuse gekommen war. Sie kreuzte in halsbrecherischer Manier ein Flugzeug, schnitt die Vorfahrt eines Busses und hielt mit kreischenden Reifen, bevor sie ein Flugzeug rammte. Ein Surren und dann ein Knall verschreckten die Frau. Jemand schoss auf sie.

Rachel startete den Wagen wieder, würgte ihn dann aber ab. Ein paar Leute kamen auf sie zugelaufen, sie waren höchst aufgeregt. Sicher hatte man jetzt festgestellt, dass sie ein Eindringling war. Sie musste hier weg.

Endlich fuhr der Wagen an, ein erneuter Schuss surrte an ihrem Kopf vorbei, und Rachel verriss vor Schreck das Steuer. Jetzt hatte sie den Wagen nicht mehr unter Kontrolle, er raste auf einen Tankwagen zu. Mit weit aufgerissenen Augen sah die Frau den Aufprall unvermeidlich auf sich zukommen. Eine Stichflamme schoss bei dem Zusammenstoß hoch in die Luft, zwei Sekunden später gellte der Alarm über das ganze Gelände des Flughafens, erschreckte die Menschen in den Gebäuden, ließ aber gleichzeitig eine ausgebildete Maschinerie anlaufen, die den Brand sicher und rasch unter Kontrolle brachte.

Rachel wurde wider Erwarten verletzt gerettet, dennoch war die Oberfläche ihrer Haut zum großen Teil verbrannt. Doch als sie im Krankenhaus wieder zu sich kam, konnte sie sich nicht einmal mehr daran erinnern, wer sie überhaupt war.

*

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IHRE FREUNDIN IST unpünktlich“, stellte Sir Thomas nach einem Blick auf die Uhr fest.

Helen hatte am Abend noch einen Termin mit ihm ausgemacht, der in etwa dem Zeitpunkt entsprach, den Rachel vor ihrer Verabschiedung gesagt hatte. Und obwohl es sich bei dem Wissenschaftler um einen vielbeschäftigten Mann handelte, war er auf ihre Bitte hin sofort bereit gewesen wenigstens eine Stunde für diese verrückte Geschichte aufzubringen.

Doch wer nicht kam, war Rachel.

Helen wirkte peinlich berührt, und in Gedanken beschimpfte sie ihre Freundin heftig. Doch das half natürlich auch nichts.

Sir Thomas war deswegen trotzdem nicht ungehalten. Er genoss ganz einfach das Beisammensein mit der klugen attraktiven Frau. Er spielte gedankenverloren mit einer Schachfigur.

„Erinnern Sie mich doch bitte daran, dass ich Ihnen mal ein besseres Schachspiel schenke, Helen. Dieses hier hat einfach nicht den Stil, der Ihnen zusteht.“

Sie funkelte ihn leicht empört an. „Tut mir leid, Herr Professor, Geschenke werden nur von zwölf bis Mittag entgegengenommen. Und den Termin haben Sie leider verpasst. – Mal ganz im Ernst, Sir Thomas, ich weiß Ihre Großzügigkeit wohl zu schätzen. Aber ich will nicht, dass Sie mir aus nichtigen oder gar keinen Anlässen heraus Geschenke machen. Ich verdiene nicht schlecht, und was ich brauche oder gern hätte, kann ich mir in der Regel selbst leisten.“

„Ach, Helen, Sie wollen mir doch jetzt nicht allen Ernstes einreden, dass Sie mit diesem – diesem armseligen Spiel zufrieden sind.“

„Selbst, wenn ich es nicht wäre, dann würde ich eben so lange sparen, bis ich mir ein Spiel leisten kann, das mir wirklich gefällt. Ich möchte bitte keine Geschenke von Ihnen, das ist für mich eine moralische Verpflichtung, der ich nicht nachkommen kann.“

Er schaute sie verblüfft an. „Sie haben doch mir gegenüber keine Verpflichtungen, Helen. Mir macht es einfach Freude, Sie ein wenig zu verwöhnen. Bitte, Sie sollten das auch nicht falsch verstehen. Ich verfüge über mehr Geld, als ich in diesem Leben ausgeben kann. Und bevor Sie jetzt sagen, ich soll wohltätige Organisationen unterstützen, teile ich Ihnen hiermit offiziell mit, das ich sogar eine eigene Stiftung begründet habe. Nein, wirklich, ich möchte Ihnen ab und zu eine Freude machen mit etwas ganz besonderem. Einfach, weil ich gern das Lachen in Ihrem Gesicht sehe. Sie müssen das Geschenk also annehmen.“

Helen lachte etwas nervös auf. „Das war eine lange Rede, um mir zu sagen, dass ich ein Dummkopf bin, Sir Thomas. Also gut, ich werde darüber nachdenken, das verspreche ich Ihnen, okay?“ Sie wollte noch etwas sagen, aber in diesem Augenblick klingelte es an der Tür.

„Das wird endlich Rachel sein“, erklärte sie erleichtert.

Doch es war ein Paketbote, der ein umfangreiches Paket ablieferte. „Ich habe nichts bestellt“, erklärte Helen etwas verwirrt, doch dann fiel ihr Blick auf den Absender. „Es ist von Rachel, vielleicht erfahren wir jetzt, warum sie noch nicht hier ist.“

Rasch hatte sie die Verpackung aufgerissen, und dann weiteten sich ihre Augen, und sie hielt das ägyptische Totenbuch in der Hand. Mit dabei war ein Collegeblock mit einer Unmengen an Notizen. Als Helen beides jetzt auf einem Tisch ablegte, fiel ihr noch ein handgeschriebener Zettel zu Boden.

„Das ist ein Brief an Sie, Helen“, bemerkte Sir Thomas, dem diese ganze Geschichte jetzt gar nicht mehr geheuer war. Auch Helen wurde von einem unangenehmen Gefühl heimgesucht, es war Angst, die sich da gerade in ihr zeigte. Sie nahm das Blatt.

„Liebste Helen, wenn du dies hier in den Händen hältst und ich nicht dabei bin, ist mir vermutlich etwas passiert. Ich bin hier auf dem Flughafen und werde verfolgt. Was diese Leute vorhaben, weiß ich nicht, es kann jedoch nicht viel Gutes sein. Ich flehe dich an, auch wenn ich nicht da bin – du musst dieses Werk, dieses Ritual zuende bringen, sonst wird Unglück über uns alle kommen. Bitte verzeih mir, dass ich dich überhaupt in die Sache hineingezogen habe. Doch mir blieb kein anderer Ausweg. Aus meinen Notizen und dem Totenbuch wirst du sehen können, was damals geschehen ist, und wie es weitergehen muss. Glaube mir, ich hatte nie eine bessere Freundin als dich, deswegen verlasse ich mich auf dich. Du wirst wissen, was zu tun ist. In herzlicher Umarmung, deine Rachel.“

Erschüttert ließ Helen das Blatt sinken, Sir Thomas hatte ungeniert mitgelesen und legte ihr jetzt tröstend eine Hand auf die Schulter.

„Machen Sie sich nur nicht verrückt. Auch dieser Brief muss nicht heißen, dass Ihrer Freundin wirklich etwas zugestoßen ist. Bevor darüber keine Gewissheit besteht, sollten wir noch abwarten. Sie haben doch nichts dagegen, dass ich Ihr Telefon benutze? Ich werde mich mal kundig machen, ob bei der Polizei oder in den Krankenhäuser etwas vorliegt.“

Helen war ausgesprochen froh darüber, dass Harding im Augenblick das Notwendige erledigte. Sie selbst stand unter einem Schock. Während Sir Thomas auf eine Verbindung wartete, blickte er seine Freundin aufmerksam an. Ihm entging nicht, dass sie unter einer ungeheuren Anspannung stand. Und das konnte nicht allein daran liegen, dass ihre Freundin vermisst wurde. Sicher hatte auch dieses ominöse Totenbuch etwas damit zu tun. Er hätte gerne mehr gewusst, schon um Helen zu helfen, doch dazu würde er sicher später noch kommen.

„Helen, bitte gehen Sie doch in Ihre winzige Küche und bereiten uns einen Kaffee“, bat er dann. Sie blickte auf, der Mann hatte natürlich recht. Ein Kaffee war in jeder Lebenslage das richtige. In Gegensatz zu den meisten ihrer Landsleute bevorzugten diese beiden einen guten Kaffee, nicht zu stark, aromatisch und schwarz.

Sie warf Sir Thomas noch einen Blick zu, der um ein kleines bisschen Hoffnung bat. Er lächelte beruhigend, und sie verschwand.

Es dauerte eine ganze Weile, bis Sir Thomas endlich eine Auskunft bekam, und dafür musste er jede Menge seiner Beziehungen spielen lassen. Da Rachel keine direkten Verwandten besaß, war es den offiziellen Stellen eigentlich untersagt, jemandem Auskunft zu geben. Hätte Helen diesen Versuch unternommen, wäre sie kläglich gescheitert. So hatte Harding aber nach einiger Zeit Erfolg, doch sein Gesicht verdüsterte sich, und seine Augen blickten mitleidig auf Helen, die wie ein Häuflein Elend vor ihrer Tasse saß.

Schließlich legte der Mann den Hörer wieder auf, setzte sich neben die Frau und nahm sie in die Arme.

„Sie lebt“, erklärte er auf die unausgesprochene Frage. „Sie lebt, Helen, aber es sieht im Augenblick nicht sehr gut aus. Offenbar war Ihre Freundin in einen ziemlich schweren Unfall auf dem Flughafen verwickelt, bei dem ein Tanklastzug ausbrannte und einiges andere zu Bruch ging. Sie selbst leidet im Augenblick an Amnesie, kann sich also an nichts erinnern. Außerdem hat sie eine Reihe von Verbrennungen davongetragen, die allerdings nicht lebensbedrohlich sind. Sie ist auf jeden Fall in der Klinik erst einmal sicher. Ich habe dafür gesorgt, dass sie bestens betreut wird. Machen Sie sich also nicht zu viele Sorgen um Ihre Freundin. Wir werden gemeinsam hinfahren und sie besuchen.“

„Können Sie die Behandlung der Amnesie übernehmen, Sir Thomas? Ich weiß, dass ich viel von Ihnen verlange, aber...“

Er legte ihr einen Zeigefinger an die Lippen. „Sie wird bereits bestens behandelt von Professor Fox. Er ist Spezialist auf diesem Gebiet.“

Helen wusste, dass dieser Mann normalerweise nur Privatpatienten behandelte, also hatte Harding bereits an verschiedenen Fäden gezogen. Dankbar blickte sie ihn an.

„Ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen danken soll, Sir Thomas.“

„Gar nicht – oder doch. Ich möchte jetzt endlich die ganze dubiose Geschichte erfahren, die mit diesem Totenbuch zusammenhängt.“

Helen lachte nervös auf. „Sie wissen im Augenblick auch nicht viel mehr als ich. Aber wir können uns gemeinsam daran machen, auch noch den Rest herausbekommen. Alles, was es darüber zu wissen gibt, liegt hier auf dem Tisch. Aber bitte – können wir zuerst zu Rachel fahren?“

Harding unterdrückte seine nur zu verständliche Neugier und nickte. „Also gut, ich weiß ja, dass Sie vorher doch keine Ruhe geben.“

*

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RACHEL, ERKENNT DU mich nicht? Ich bin es, Helen.“ Sie stand vor dem Bett der Frau, die mit all ihren Verbänden am Kopf und an den Armen schon selbst Ähnlichkeit mit einer Mumie hatte.

Rachel war bei Bewusstsein, allerdings hatte man ihr gegen die Schmerzen starke Medikamente gegeben, und so war sie sehr benommen. Mit trüben Augen blickte sie auf ihre Besucher, ohne einen Schimmer von Erkennen Helen gegenüber. Die beherrschte sich, es hatte ja auch keinen Zweck, jetzt in Hysterie zu verfallen.

Rachel erkannte sie nicht, nach Auskunft der Ärzte wusste sie nicht einmal mehr den eigenen Namen, noch was passiert war. Und gerade das warf eine Menge Fragen auf. Die Polizei hatte den Tathergang bisher nicht vollständig rekonstruieren können. Doch man hatte Kugeln aus einer Pistole und Hülsen gefunden, also hatte jemand geschossen. Doch es gab keinen Zeugen, der etwas Genaues gesehen hatte. Das musste nun eben warten, vielleicht gab es ja weitere Erkenntnisse in den nächsten Tagen. Im Augenblick war es vordringlicher, dass Rachel wieder gesund wurde – in jeder Hinsicht.

„Wer sind Sie?", formten die rissigen Lippen jetzt mühsam eine Frage.

Helen lächelte zuversichtlich, obwohl sie das Gefühl hatte, sie müsste augenblicklich in Tränen ausbrechen.

„Ich bin deine Freundin Helen Jefferson, Rachel. Aber wahrscheinlich hast du das vergessen. Du musst mir versprechen, ganz fest an dir selbst zu arbeiten, damit du bald wieder die alte bist.“

„Das will ich, ja. Ich will auch wissen, wer ich selbst bin.“

„Dann ist es ja gut. Ich werde dich morgen wieder besuchen. Jetzt brauchst du Ruhe.“ Sie verließ mit Harding das Einzelzimmer, in das man Rachel auf seine Anweisung hin gebracht hatte. Draußen auf dem Gang holte die Frau erst einmal tief Luft, um ihre Erschütterung zu verbergen.

„Sie haben sich prima gehalten, Helen“, lobte der Wissenschaftler. „Alles weitere, was Ihre Freundin angeht, liegt jetzt in kompetenten Händen. Wir sollten uns nun um die anderen wichtigen Dinge kümmern, die das hier direkt und indirekt betreffen.“ Er schaute sie auffordernd an, und Helen seufzte. Sie hatte plötzlich Angst davor, sich mit dem Totenbuch und den Aufzeichnungen ihrer Freundin zu beschäftigen.

„Sie haben meinetwegen heute schon einige Termine verschoben. Wollen Sie sich nicht lieber um Ihre eigenen Angelegenheiten kümmern?“

Er zog indigniert die Augenbrauen hoch. „Noch bin ich selbst Herr über meine Termine, meine liebe Helen. Und wenn meine Freunde Schwierigkeiten haben, betrachte ich das durchaus als meine Angelegenheit.“

„Aber ich habe doch keine Schwierigkeiten“, wandte sie ein.

„Wirklich nicht?", kam es mit sanftem Sarkasmus. „Da hatte ich eigentlich doch einen ganz anderen Eindruck. Im Übrigen glaube ich, Sie wollen sich im Moment nur davor drücken, mit mir zusammen die Unterlagen zu sichten – um dann später, aus einer Laune heraus, allein daran zu sitzen und sich selbst ins Unglück zu stürzen.“

„Sie haben eine denkbar schlechte Meinung von mir, Sir Thomas“, protestierte sie.

„Die aber, leider Gottes, nahe an der Wahrheit ist – oder nicht?“

„Welche Antwort erwarten Sie auf eine derart provozierende Frage? Sie sollten nicht immer Ihren Beruf herauskehren.“

Er seufzte. „Das ist ein altes Leiden meines Berufsstandes, liebste Freundin. Aber ich bin gewillt, Ihnen eine kleine Gnadenfrist zu gewähren. Lassen Sie uns die Unterlagen aus Ihrer Wohnung holen, in der Zeit wird Jenkins uns ein phantastisches Essen zubereiten. So gestärkt werden wir es mit allen Schrecken des Universums aufnehmen können.“

Ein verlockender Vorschlag, vor allem, da Helen genau wusste, dass das Essen im Hause Harding immer ein Erlebnis der besonderen Art war. Sie stimmte zu.

Sir Thomas sollte zu diesem Zeitpunkt nicht wissen, dass seine achtlos dahin geworfene Bemerkung über die Schrecken des Universums viel mehr an Wahrheit enthielt, als ihnen beiden lieb sein konnte.

*

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EIN FEUER BRANNTE IM Kamin, das Essen war wirklich vorzüglich gewesen, und nun hingen die aromatischen Düfte eines guten Whiskys und des Tabaks aus Hardings Pfeife in der Luft. Sir Thomas und Helen saßen sich am Kamin in zwei gemütlichen Sesseln gegenüber. Er las die handschriftlichen Aufzeichnungen von Rachel und paffte dabei immer aufgeregter an seiner Pfeife.

„Diese Geschichte ist ganz und gar unglaublich. Wenn ich nicht Ihre Freundin in diesem beklagenswerten Zustand in der Klinik gesehen hätte, würde ich es nicht glauben, sondern annehmen, dass Rachel unter Wahnvorstellungen leidet“, bemerkte er dann.

Helen hob den Kopf. Ihr Gesicht war bleich. „Auch das, was hier steht, ist nicht dazu angetan Gefühle der Beruhigung hervorzurufen“, stellte sie fest.

„Woher beherrschen Sie eigentlich Ägyptisch? Helen, Sie erstaunen mich immer wieder.“

„Ach, ich habe das eine Zeitlang sehr intensiv als Hobby betrieben, zusammen mit Rachel, die es sogar studiert hat, bis vieles andere bei mir dazwischen kam und ich einfach keine Zeit mehr dazu hatte. Ich verstehe auch beileibe nicht jedes Zeichen und jede Kartusche. Aber den Sinn begreife ich wenigstens.“

„Das ist schon eine ganze Menge“, sagte er anerkennend. „Was mich im Augenblick wirklich noch interessiert, ist die Frage, warum Rachel ausgerechnet zu Ihnen gekommen ist. Um dieses Ritual vorzunehmen braucht man eigentlich die Hilfe eines Blutsverwandten, wenn man es nicht allein machen will. Ihre Freundin hat aber offensichtlich niemanden mehr. Nur, eine Freundin, mag sie noch so gut sein, ersetzt das nicht.“

Helen wurde etwas verlegen. Natürlich hatte diese Frage früher oder später kommen müssen.

„Ich hatte es Ihnen doch schon mal erzählt, wir haben als Kinder, aus einer Laune heraus, einem Scherz, wenn Sie so wollen, Blutsbrüderschaft geschlossen. Rachel war der irrigen Ansicht, dass mich das auch heute noch zu ihrer Verwandten macht.“

„Da hat sie allerdings nicht so unrecht, wie Sie vielleicht glauben. Nach den alten Glaubensregeln und Riten der uralten Völker besteht diese Verwandtschaft zwischen Ihnen jetzt tatsächlich.“

„So ein Unsinn“, widersprach sie. „Sir Thomas, wir haben uns die Finger aufgeritzt und die kleinen Wunden dann aufeinandergelegt. Falls überhaupt, hat sich da bestimmt nicht viel vermischt.“

Er nickte langsam. „So sehen Sie das heute. Doch für die alten Ägypter wäre auch diese Geste bereits bindend. Und ganz bestimmt hat sich da etwas vermischt. Ja, so sehen wir das also mal, Sie beide sind jetzt blutsverwandt.“

„Na schön, bleiben wir also mal dabei. Das nützt uns jedoch nicht viel, denn ich beherrsche nicht genug von der alten Sprache, dass ich diese Beschwörungen Wort für Wort aussprechen könnte.“

„Das sollte eigentlich unser kleinstes Problem sein, schließlich kenne ich genügend Leute, die auf diesem Gebiet bewandert sind.“

„Sie können doch nicht hingehen und einen x-beliebigen...“

„Helen, bitte, seit wann halten Sie mich für einen kompletten Dummkopf?", fragte er ironisch, und sie errötete. Natürlich hätte sie eigentlich wissen sollen, dass er nicht einfach jemanden fragen würde, von dem er nicht sicher war, dass er demjenigen auch vertrauen konnte.

„Nichts für ungut“, murmelte sie dann. „Ich glaube, diese Sache nimmt mich mehr mit, als ich selbst wahrhaben will.“

„Dann sollten Sie auf jeden Fall etwas Abstand halten.“

„Das kann auch nur jemand sagen, der nicht selbst betroffen ist.“

Seine gekränkte Miene verriet ihr, dass er sich sehr wohl für selbst betroffen hielt.

„Tut mir leid, ich wollte Ihnen nicht auf die Füße treten.“

„Schon gut, ich glaube fast, es ist ein Glücksfall, dass ich in Ihrer Nähe bin. Da kann ich ein bisschen auf Sie aufpassen.“

„Sie tun gerade so, als wäre ich nicht fähig, auf mich selbst zu achten“, fauchte sie jetzt.

„Nun, vielleicht habe ich das falsch ausgedrückt“, lächelte er. „Sie sind oft so – so eifrig bei einer Aufgabe, dass Sie selbst nicht merken, wie Sie über Ihre Grenzen gehen. In diesem Fall könnte das allerdings üble Auswirkungen haben.“ An seinen Worten war etwas Wahres, doch Helen fühlte sich von der Situation eingekreist. Sie sah nirgendwo einen Ausweg aus dem Dilemma. Denn sie konnte nicht einfach alles liegen lassen und vergessen, schon deshalb nicht, weil es um Rachel ging, die schwer verletzt war und vielleicht nicht einmal wieder gesund werden würde.

Helen holte tief Luft. „Habe ich diesen Dämpfer wieder mal verdient? Wahrscheinlich. Also gut, Onkel Doktor, was schlagen Sie also vor, sollte ich als nächstes tun?“

„Irgendwann wird jemand auftauchen, der mit Ihrem überaus großen Mundwerk nicht zurechtkommen wird, Helen. Sie können noch so sehr unter Druck stehen, Ihnen fällt immer noch ein dummer Spruch ein, ja?“

„Das ist meine Art von Stressbewältigung, Herr Professor. Als Fachmann müssten Sie das längst erkannt haben.“

Er nickte. „Das fällt besonders dann auf, wenn Sie gar nicht mehr weiter wissen. Aber nun gut, im Augenblick spielt das keine Rolle. Heute werden wir jedenfalls niemanden mehr finden, der uns diese Texte richtig übersetzt. Allerdings werde ich gleich mal jemanden anrufen, dem ich zu diesem Thema etwas auf den Zahn fühlen möchte. Sie sollten in der Zwischenzeit einige der Aufzeichnungen von Rachel lesen, sie sind äußerst aufschlussreich.“

„Wäre es möglich, dass Sie mich vorher von Jenkins nach Hause bringen lassen – oder, besser noch, rufen Sie mir bitte ein Taxi.“

„Was wollen Sie denn zuhause, Helen?", fragte Sir Thomas irritiert. „Sie sind hier doch gut aufgehoben.“

„Vielleicht möchte ich aber nicht rundum bemuttert werden“, erwiderte sie spitz.

„Du meine Güte, ich dachte, dieses Thema hätten wir bereits erschöpfend behandelt.“

„Sie vielleicht. Aber Sie wollen doch nicht...“

„Bitte, Helen, lassen wir das doch. Ich halte es für besser, wenn Sie bleiben.“

„Sie sind ziemlich stur, Sir Thomas, aber das kann ich auch.“ Sie stand auf, griff nach dem Collegeblock von Rachel und wollte den Raum verlassen. Harding machte keine Anstalten sie aufzuhalten. Er machte sich Sorgen um Helen, aber gegen ihren Willen konnte er sie nicht festhalten, sie war eine freie Frau.

In dem Augenblick, da Helen die Klinke berührte, erklang das Splittern von Glas, ein Fauchen ertönte, und eine Kugel bohrte sich in die Wand neben der Frau.

Helen schrie auf, und Harding warf sich mit einem wahren Hechtsprung auf sie und riss sie zu Boden. Einen Moment später rollte ein Stein mit einem darum gewickelten Papier vor die Füße der Menschen.

„Sind Sie in Ordnung, Helen?", fragte Sir Thomas besorgt.

„Ja, ja, alles okay. Und Sie?“

„Ich habe auch nichts abbekommen. Aber das galt ja auch nicht mir.“

Die Tür öffnete sich, Jenkins kam herein, in unziemlicher Eile. Auf dem sonst so beherrschten Gesicht malte sich Besorgnis, die sich eher noch verstärkte, als er seinen Chef und Helen auf dem Boden liegen sah.

Er reichte der Frau die Hand. „Ich habe ein Geräusch wie einen Schuss gehört. Ist Ihnen etwas zugestoßen?", erkundigte er sich, während sein Blick die Verwüstungen am Fenster musterte.

Helen ließ sich aufhelfen, Harding stand ebenfalls auf und nahm den Stein an sich. Er glättete das Papier ein wenig und las.

„Vernichten Sie die Aufzeichnungen, und übergeben Sie uns das Totenbuch. Sonst brauchen Sie bald selbst eines. Wir melden uns zur Übergabe. Schalten Sie nicht die Polizei ein, die würde Ihnen nicht helfen können.“

„Das – das ist unglaublich“, stieß Helen hervor. „Wer wusste davon, dass sich die Unterlagen hier in diesem Hause befinden? Und was wollen die wirklich?“

„Nun, erst einmal das Buch, oder nicht?", erklärte Harding trocken. „Wobei ich mich frage, warum man Rachel oder uns jetzt das Buch nicht einfach abgenommen hat.“

„Wahrscheinlich, weil man es freiwillig aus der Hand geben muss. Aber das bekommen die nicht. Selbst wenn ich es nicht gebrauchen wollte, es gehört Rachel. Und wenn sie – ich meine – nun ja, dann kommt es in ein Museum“, bestimmte die Frau energisch.

„Das ist schon mal eine klare Aussage.“

„Sir, wenn ich darauf hinweisen darf, in diesem Raum ist es ausgesprochen ungemütlich. Ich werde abschließen und einen Handwerker kommen lassen. Außerdem empfehle ich, dass Sie beide vielleicht den kleinen Salon benutzen. Er bietet nicht soviel Stil wie dieser Raum, empfiehlt sich aber, weil dort alles in Ordnung ist.“ Jenkins musste nicht darauf hinweisen, dass der kleine Salon außerdem relativ geschützt lag, dort würde niemand schießen können, denn das Fenster war von außen dicht bewachsen.

„Sie sind wirklich unglaublich, Jenkins“, lachte Helen jetzt auf. Durch die gestelzte Rede des Butlers hatte sich ihre Anspannung ein wenig gelöst. Sie schaute sich noch einmal kritisch um, Glasscherben auf dem Boden, eine heruntergefallene Pflanze, großzügig verteilte Erde aus dem Topf, und ein Loch mit einer Kugel in der Wand auf Kopfhöhe – sie schüttelte sich unwillkürlich.

„Ja, wir sollten diesen Raum wirklich verlassen“, stimmte sie zu.

„Und ich nehme an, dieser Vorfall hat Ihre Meinung bezüglich des Nachhausefahrens geändert, ja?", erkundigte sich Harding.

„Oh, mir scheint, richtig sicher bin ich nirgends. Also ist es ziemlich egal, wo man mich umbringt.“

„Dieser Zynismus steht Ihnen nicht gut zu Gesicht, Madam“, erklärte Jenkins trocken.

„Aber er trifft den Kern der Sache sehr genau“, konterte sie.

„Wenn Sie es so sehen, sollten Sie es vielleicht doch vorziehen im Kreise von Freunden zu sterben.“

Sie starrte den Butler verdutzt an, dann lachte sie hell auf. „Sie haben auch auf alles eine Antwort, während ich dafür gescholten werde. Nun gut, ich bleibe.“

„Im Gästezimmer finden Sie notwendige Utensilien für die Nacht, Madam. Sir Thomas war der Ansicht, man sollte für alle Fälle gerüstet sein und beauftragte mich, eine Art Grundausstattung für eine Lady anzuschaffen. Ich hoffe, meine Auswahl entspricht Ihrem Geschmack, Madam.“

„Davon bin ich überzeugt“, erklärte sie und musterte Harding, der mit einem breiten Grinsen das Gespräch verfolgt hatte.

„Eine Art Grundausstattung, ja? Welche Überraschungen haben Sie sonst noch auf Lager, Sir Thomas?“

„Für heute keine mehr. Ich denke, es ist für einen Tag auch völlig ausreichend.“

Zur Beruhigung setzten die beiden sich noch eine Weile in den kleinen Salon und redeten über alle möglichen Themen, nur nicht über das, was sie beide gerade wirklich beschäftigte. Helen zog sich jedoch bald zurück.

Sir Thomas hatte allerdings keine Hemmungen trotz der fortgeschrittenen Zeit noch ein längeres Telefonat zu führen, an dessen Ende er den Hörer sehr zufrieden auflegte.

*

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BITTE, WARTEN SIE es doch ab, Helen. Ihre Ungeduld macht die Sache nicht gerade leichter“, rügte Sir Thomas beim Frühstück sanft.

Helen war nach einer fast schlaflosen Nacht wie zerschlagen aufgestanden und hatte ihren Gastgeber bereits an der Arbeit sitzend vorgefundenen. Hatte er überhaupt geschlafen? Sie fragte besser nicht.

Noch im Bett hatte sie die Aufzeichnungen von Rachel flüchtig gelesen und war zutiefst erschüttert. Unter welchem Druck ihre Freundin gestanden hatte, begriff sie erst jetzt. Da war es auch keine große Hilfe und kein Trost, dass sie selbst wenigstens bereit gewesen war zu helfen.

Jetzt hatte sie sich nach einem schwarzen Kaffee voller Energie, aber auch mit einer gehörigen Portion Angst daran setzen wollen, zumindest die Textpassagen im Totenbuch zu übersetzen, die sie kannte, doch Sir Thomas hatte sie gebremst – mit dem Hinweis, bereits jemanden verständigt zu haben.

„Aber ich kann doch schon mal anfangen“, hatte sie beharrt, musste dann aber feststellen, dass Harding das Buch im Safe eingeschlossen hatte, während sie schlief.

„Wir sollten uns Gedanken über diese Wächter machen“, erklärte er dann sachlich. „Ich halte diese Leute für gefährlich, auch weil wir nicht den geringsten Anhaltspunkt haben, wer die überhaupt sind. Sie agieren aus dem Dunkel heraus wie Schatten. Und es wäre, meiner Meinung nach, auch nicht gut, die Polizei zu verständigen. Wir müssten dann die ganze absurde Situation erklären und zugeben, was sich alles in Ägypten abgespielt hat. Außerdem hat Ihre Freundin das Buch in das Land geschmuggelt, damit sind bereits Gesetze verletzt worden. Zusätzlich müssten wir eine Erklärung finden, wie es weitergehen soll. Man würde uns für total verrückt halten.“

„Da befänden die Behördenvertreter sich in bester Gesellschaft, ich komme mir bereits so vor“, erklärte Helen trocken. „Aber wen haben Sie nun informiert, um das Buch zu übersetzen?“

Ein schmales Lächeln zeigte sich im Gesicht des Wissenschaftlers. „Lassen Sie sich zur Abwechslung mal positiv überraschen, gegen elf Uhr werden Sie es wissen. Bis dahin sollten wir unsere Zeit gleich sinnvoll verbringen.“

„Ach, und was verstehen Sie darunter?“ Die Ironie in Helens Stimme war nicht zu überhören.

„Ich kenne da einen kleinen Laden in Soho, der erstklassige Ware anzubieten hat. Sie haben doch noch nicht vergessen, dass ich Ihnen ein neues Schachspiel verehren will? Und sehen Sie es mal von der praktischen Seite. Da ich ab und zu auch bei Ihnen spielen möchte, lege ich Wert darauf, dass ein Brett und Figuren vorhanden sind, die Ihrem und meinem Stil entsprechen.“

„Wenn ich jemals den Tag erlebe, an dem einem Mann keine Ausreden mehr einfallen, gehe ich ins Kloster, dann habe ich meinen Glauben endgültig wiedergefunden.“

„Also wirklich, Helen, diese Bemerkung war überflüssig und geschmacklos.“

„Kann schon sein“, grinste sie. „Aber sie hat getroffen.“

Er ignorierte diesen „Treffer“ einfach und fuhr mit ihr nach Soho hinein. Wider Erwarten bekamen sie sogar einen Parkplatz, allerdings auf dem Hof eines Rechtsanwalts. Eigentlich war dieser Platz für Klienten vorgesehen.

„Das macht nichts“, grinste Harding. „Der Mann ist mir noch einen Gefallen schuldig. Ich habe einen anderen Sachverständigen in der Beurteilung überboten.“ Helen schüttelte nur den Kopf.

Der Laden war wirklich winzig. Hinter einem Tresen saß ein alter Mann, der an Jahren seiner Ware wohl Konkurrenz machte. In dem kleinen Schaufenster standen einige herrliche chinesische Vasen, ein wackeliger Hocker aus dem Jugendstil hätte eigentlich das Schild „Bitte nicht berühren, zerbrechlich“ verdient, und eine Kommode aus dem Biedermeier wartete nur auf jemanden mit handwerklichem Geschick, um wieder gerade stehen zu können.

Harding grüßte, und auf dem runzeligen Gesicht des Mannes erschien ein zahnloses Lächeln.

„Schön, Sie mal wieder zu sehen. Was darf es heute sein?", krächzte er.

„Wir suchen ein Schachspiel. Etwas Besonderes für diese Lady hier.“

Mit kleinen dunklen Augen musterte der Mann Helen, die etwas verlegen wirkte, dann grinste er und verschwand hinter einem Vorhang. Als er wieder zum Vorschein kam, trug er einen Kasten in den Händen. In diesem Kasten befand sich ein Schachbrett zum zusammenklappen, darin wiederum waren die Figuren aufgehoben. Schon das Brett versetzte Helen in Entzücken. Es war sehr alt, bestand aus Ebenholz und Elfenbein, das im Laufe vieler Jahre dunkel geworden war. Feine Schnitzereien deuteten an, dass ein Meister seines Fachs dieses Brett erschaffen hatte.

Der alte Mann öffnete die Verschlüsse, und dann blieb der Frau schier die Luft weg. Zum Vorschein kamen ausgerechnet ägyptische Figuren, ein Pharao, Hohepriester, Arbeiter, Gottheiten – es war einfach unglaublich. Die Figuren waren so fein gearbeitet, dass sogar die einzelnen Gesichtszüge zu erkennen waren.

Das Leuchten in den Augen von Helen verriet Harding, dass es wirklich das richtige für sie war, doch dann sah er ihr Kopfschütteln.

„So schön es auch ist, ich kann das nicht annehmen“, erklärte sie bedauernd.

Sir Thomas zog die Augenbrauen hoch. „Jetzt kommen Sie mir bitte nicht damit, es wäre zu teuer. Es ist ganz allein meine Sache, wofür ich mein Geld ausgebe. Und das hier halte ich für eine gute Idee. – Wir nehmen es“, sagte er zu dem alten Mann, ohne auch nur um den Preis zu feilschen, ja, ohne ihn überhaupt zu kennen. Helen schnappte nach Luft, doch ein strenger Blick von Harding erstickte jeden weiteren Protest.

„Sie hätten das nicht tun sollen“, sagte Helen leicht verstimmt, als sie auf dem Rückweg im Auto saßen.

„Warum nicht?", fragte er vergnügt. „Es macht mir einfach Spaß. Und wir haben dieses Thema nun auch oft genug durchgesprochen. Ich profitiere selbst davon. Warum fällt es Ihnen eigentlich so schwer, ein Geschenk anzunehmen?“

„Ein Geschenk?", prustete sie. „Wenn ich Sie nicht bremsen würde, Sir Thomas, würden Sie mir täglich etwas schenken.“

„Sie übertreiben. Aber bitte, damit es Ihnen leichter fällt, nehmen Sie dieses Spiel als Leihgabe. Ich werde es zurückholen, wenn ich es brauche. Einverstanden, Sie zartes Gemüt?“ Der Spott in seiner Stimme hätte Helen fast veranlasst auch dieses Angebot abzulehnen, doch sie beherrschte sich. Dieses Spiel war wirklich etwas Großartiges, und sie brannte innerlich förmlich darauf, es daheim aufzustellen. Also lächelte sie verlegen.

„Nun gut, gegen Ihre Argumente komme ich heute einfach nicht an. Ich nehme es – als Leihgabe. Danke.“

Helen konnte die Befriedigung bei Harding förmlich spüren.

Wenig später fuhren sie auch schon vor dem Haus des Professors vor, wo gerade vor ihnen ein Mann aus einem Taxi stieg.

Harding lachte leise auf. „Da hat er es wohl gar nicht erwarten können, ich habe es mir fast gedacht. Helen, ich werde Ihnen einen bemerkenswerten Mann vorstellen, Farad el Kabir. Er ist Experte für altägyptische Kunst, arbeitet manchmal für staatliche Gräberverwaltung, beherrscht die Sprachen und alles, was dazu gehört, in Perfektion und ist absolut vertrauenswürdig. Kommen Sie, Sie werden einander gefallen.“

Helen hatte diesen Namen natürlich schon mehrfach gehört, wie jeder, der sich mit ägyptischer Geschichte beschäftigte, und auch von Rachel. Aber sie war doch erstaunt, einen relativ jungen Mann zu sehen. Er mochte höchstens Ende dreißig sein, aber sein Ruf war bereits international.

Dunkle Augen richteten sich auf sie, ein klassisches Profil mit einer scharfen Nase, schneeweiße Zähne und eine sympathische Stimme, die nur einen leichten Akzent aufwies.

„Ich freue mich, Ihre Bekanntschaft zu machen. Sir Thomas hat mir schon viel über Sie erzählt.“

„Danke, leider kann ich das nicht so sagen, doch Ihr Ruf und Ihr Name sind mir selbstverständlich bekannt.“ Sie schickte Harding einen scharfen Blick zu, doch der zuckte nur die Schultern.

„Ich habe bis vor einigen Tagen nicht einmal gewusst, dass Sie ein Interesse an Ägypten haben. Und nun haben sich die Ereignisse überschlagen, da blieb nicht viel Zeit, Ihnen von Farad zu erzählen. Aber nun wollen wir ins Haus gehen, ich bin sicher, zunächst möchtest du dich etwas frisch machen, Farad. Hast du heute früh die erste Maschine genommen?“

Der Ägypter nickte. „Nachdem ich deine Nachricht erhielt, war ich zunächst erleichtert, bis ich dann erfuhr, was Miss Rachel passiert ist.“

Helen schaute ein wenig verständnislos von einem zum anderen, dann lächelte el Kabir.

„Ich habe Miss Norton bei der Ausgrabung kennengelernt, und wir hatten bereits dort erste Zusammenstöße mit den Wächtern, oder wie auch immer Sie diese Leute nennen wollen. Schon da hatte ich das Gefühl, dass sie mir etwas verschweigt. Ich nehme an, Sie können mir nun einiges mehr sagen. Das erklärt dann natürlich auch die Überfälle dort. Und diese Leute kennen kein Erbarmen, sie töten, ohne zu zögern. Eigentlich wundert es mich, dass Miss Rachel noch lebt.“

Sie waren ins Haus gegangen, wo Jenkins bereits auf sie wartete. Offensichtlich war el Kabir nicht zum ersten mal hier, er begrüßte den Butler mit Handschlag, und der empfand das nicht als unpassend, sondern freute sich darüber. Das Gästezimmer war für ihn natürlich auch schon vorbereitet, und der Ägypter zog sich für kurze Zeit zurück.

„Sie erstaunen mich immer wieder“, sagte Helen etwas pikiert, doch Harding lachte.

„Ich finde es amüsant, Ihre aufgesetzte Empörung zu studieren. Im Grunde sind Sie doch froh, dass jemand hier ist, der wirklich Ahnung hat, und dem wir vertrauen können.“

„Und dem wir vor allen Dingen nicht viel erklären müssen – oder täusche ich mich da?“

„Keineswegs, Helen. Und bevor wir ernsthaft an die Arbeit gehen, werden Farad und ich Ihnen wahrscheinlich noch einiges zu erklären haben.“

Sie stellte im Augenblick keine weiteren Fragen, wahrscheinlich würde es noch mehr Überraschungen geben, die sie vielleicht gar nicht wollte.

*

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OBWOHL HELEN EINE MENGE Fragen auf der Seele brannten, bezähmte sie sich. Früher oder später würden die beiden Männer schon reden, denn offenbar ging es um etwas, das mit dieser ganzen mysteriösen Geschichte zu tun hatte.

Nachdem el Kabir wieder auftauchte, waren sie alle zunächst in die Klinik gefahren. Die Wahrscheinlichkeit war gering, doch sie hofften, dass Rachel wieder zu sich gefunden hatte. Das würde auch die Arbeit der Polizei etwas erleichtern, die noch immer keinen Anhaltspunkt besaß, was auf dem Flughafen nun wirklich geschehen war. Allerdings sollte man ihnen auch nicht zuviel sagen, es gab einfach zu viele Dinge, die ganz bestimmt nicht in einem Polizeibericht auftauchen sollten. Aber vielleicht kannte Rachel die Identität oder wenigstens das Aussehen des Mannes, der sie hier in London verfolgte.

Sir Thomas suchte im Krankenhaus sogleich Professor Fox auf, während el Kabir und Helen ins Krankenzimmer gingen. Ein flüchtiges Lächeln zeigte sich auf dem Gesicht von Rachel Norton, als sie Helen erblickte – dann aber sah sie Farad el Kabir. Man konnte förmlich verfolgen, wie sich die Gedanken hinter der, jetzt vom Verband befreiten, Stirn überschlugen. Eine hässliche Wunde und einige Verbrennungen zogen sich quer über die Schläfe, und die Wunde pulsierte heftig, als der Frau das Blut ins Gesicht schoss.

„Ich kenne Sie! Wer sind Sie?", stieß Rachel hervor und umklammerte ihre Bettdecke, als könnte die ihr Schutz gewähren.

„Mein Name ist el Kabir, Miss Rachel, und wir sind uns schon begegnet. Erinnern Sie sich an eine sternenklare Nacht mit einem Mond zum Greifen nah?“

Sie zitterte jetzt unkontrolliert.

„Wir sprachen über die Schönheit meines Landes.“

Die Tür ging auf, und Harding kam herein, erfasste die Situation und drängte el Kabir hinaus. Augenblicklich wurde Rachel ruhiger.

„Wir hatten gehofft, dass ein kleiner Schock das Wiedererwachen beschleunigen könnte“, murmelte er. „Aber wir wollen ihr nicht schaden.“

„Wer ist dieser Mann?", fragte Rachel tonlos.

„Ein alter Freund, haben Sie ihn nicht erkannt?“

„Ich weiß es nicht.“ Ihre Stimme klang gequält. Harding beobachtete sie aufmerksam, er schien auf die Entfernung von drei Schritten ihren Puls fühlen zu können, keine ihrer Reaktionen entging ihm. Jetzt trat er näher, ein Lächeln im Gesicht, er streckte eine Hand aus und fühlte nun tatsächlich den Puls.

„Was halten Sie davon, diese Klinik hier zu verlassen, Rachel?“

Verblüffung zeigte sich auf ihrem Gesicht, dieser Themenwechsel irritierte sie offensichtlich, aber auch Helen runzelte die Stirn. Sie hatte eine Ahnung, worauf der Professor hinauswollte.

„Sehen Sie, Helen und ich sind seit langem gute Freunde. Sie wird Ihnen bestätigen können, dass ich eine Art Privatklinik besitze, in der Sie wie in einem Hotel untergebracht sind. Die medizinische Betreuung Ihrer Verletzungen ist dort ebenfalls sichergestellt. Und wir alle könnten gemeinsam daran arbeiten, Sie wieder in Ihren normalen Zustand zu bringen.“

Rachel blickte rasch zwischen den beiden Menschen hin und her, deutlich war das Misstrauen in ihren Augen zu lesen.

„Warum wollen Sie das tun? Ich weiß nicht einmal, ob ich den Aufenthalt hier bezahlen kann. In einer Privatklinik wird das sicher nicht billiger. Und niemand tut etwas umsonst.“

Harding lachte auf, es klang fröhlich und unbeschwert und war nur für Rachel gedacht. „Das scheint Ihnen also bewusst zu sein. Und Sie haben natürlich auch gar nicht so unrecht. Doch schon, um Helen einen Gefallen zu tun, bin ich gerne dazu bereit. Außerdem finde ich Sie und Ihre Geschichte persönlich interessant. Wie ich Ihnen schon bei meinem ersten Besuch erzählte, bin ich selbst Psychologe, und mein verehrter Kollege Professor Fox wird jederzeit bereit sein zu helfen, falls sich das als notwendig erweisen sollte. Sie müssen sich also um die Kosten keine Sorgen machen. Und für die beste Betreuung werde ich Sorge tragen – besser als hier in einen staatlichen Krankenhaus jedenfalls.“

„Ich weiß nicht so recht. Ich habe das Gefühl, ich gehe damit eine Verpflichtung ein, der ich vielleicht nicht nachkommen kann.“

Rachel war längst nicht davon überzeugt, dass es besser war, die Klinik hier zu verlassen, doch solange sie keine Erinnerung hatte, mochte es klüger sein, sich dort aufzuhalten, wo sie beschützt werden konnte. Und natürlich, wo es jemanden gab, der sich darum kümmerte, dass sie ihre Erinnerungen wiederfand. Rachel schien das endlich zu erkennen, denn sie nickte langsam.

„Dann lasse ich Sie in etwa einer Stunde verlegen. Sie werden sehen, es wird Ihnen dort gefallen. – Helen, sagen Sie doch auch mal etwas“, forderte er jetzt nicht ganz ernsthaft.

„Du darfst das alles nicht so ernst nehmen, was dieser Mann zu mir sagt – obwohl er in anderen Dingen meistens recht hat, jedenfalls dann, wenn es um seinen Beruf geht. Und da denke ich auch, dass du im Institut besser aufgehoben bist. Vor allem hast du dort nicht mehr diese deprimierende Atmosphäre. Die meisten Leute dort sind sehr nett und kümmern sich sehr liebevoll.“

„Na, dann müssen wir ja gar nicht mehr länger darüber diskutieren“, meinte Rachel, und ein Lächeln malte sich auf ihren Lippen. Sie hatte sehr gut verstanden, dass zwischen Helen und Sir Thomas kleine Neckereien an der Tagesordnung waren.

*

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SPÄT AM ABEND WAR ALLES erledigt. Rachel befand sich jetzt in einem hübschen Zimmer im Institut für angewandte Parapsychologie, das Professor Harding gehörte. Dort betrieb er Forschungen im Grenzbereich der geistigen Fähigkeiten, und er hatte durchaus Erfolge vorzuweisen. Eigentlich war es nicht üblich Personen mit Verletzungen aufzunehmen, doch da bei den Experimenten auch stets die körperlichen Funktionen überwacht werden mussten, war in jedem Fall ärztliche Betreuung vorhanden.

Doktor Melissa Blossom kümmerte sich jetzt um Rachel, und die schien ganz zufrieden.

Helen war den ganzen Tag über von einer ungeheuren Anspannung erfüllt. Zum einen wollte sie wissen, was die beiden Männer ihr noch zu erzählen hatten, zum anderen sah sie mittlerweile in jedem harmlosen Passanten einen Verfolger. Irgendwann schalt sie sich selbst, dass sie schon an Verfolgungswahn litt. Aber sie hatte die Drohung natürlich nicht vergessen, die auf so ungewöhnliche Weise durch das Fenster geflogen war. Deshalb machte sie auch gar nicht erst den Versuch allein nach Hause zu fahren, sie hätte sich dort nicht sicher gefühlt.

So saß sie jetzt mit künstlich aufgesetzter Fröhlichkeit mit den beiden Männern zum Essen am Tisch und bemerkte kaum, wie gut die Mahlzeit war.

Sir Thomas beobachtete sie schon eine ganze Weile, er bewunderte, wie gut Helen sich beherrschte. Farad el Kabir hatte bisher schweigsam seinen Teller geleert, jetzt aber lächelte er und nickte Harding zu.

„Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, Mrs. Jefferson, aber ich denke, es ist an der Zeit für ein ernsthaftes Gespräch.“

„Ach, wirklich?", spottete sie sanft. „Ich hatte schon fast gedacht, sie beide wollten mich unwissend ins offene Messer laufen lassen.“

„Sie sind sehr drastisch in Ihrer Wortwahl, Helen. Haben wir das verdient?“

„Ja“, erwiderte sie einfach.

„Diese Frau bringt mich noch ins Grab“, stöhnte Harding in gespieltem Entsetzen.

„Nun, vielleicht kann ich dann mal wieder ein normales Leben führen“, kam es süffisant.

„Wollen Sie das wirklich? Oder lechzen Sie nicht doch nach Aufregung und Abenteuer, nach Grenzerfahrungen und ungewöhnlichen Neuigkeiten?“

„Ich kann mich auch bremsen“, erwiderte sie trocken. Er schmunzelte, und sie fühlte sich durchschaut – wieder einmal. Doch gleich darauf wurde er ernst.

„Farad hat sich heute intensiv mit dem Totenbuch und den Aufzeichnungen von Miss Norton beschäftigt. Und es scheint so zu sein, wie wir es schon vermutet hatten. Es geht hier ernsthaft um die Wiederauferstehung dieser vergessenen Prinzessin. Das mag auf den ersten Blick absurd und unmöglich klingen, aber wir haben ja nun schon vieles erlebt, was eigentlich unmöglich erscheint. Nun, es ist außerdem so, dass Farad und ich bereits einmal einen ähnlichen Fall hatten. Damals ist es uns beiden nicht gelungen, den Betreffenden, der sich diese Aufgabe vorgenommen hatte, zu stabilisieren.“

„Wie soll ich das verstehen?", fragte sie sachlich.

Sir Thomas wirkte jetzt etwas gequält, doch Farad el Kabir mischte sich ein.

„Die Situation damals war ähnlich. Ein junger Mann hatte ebenfalls ein Totenbuch gefunden. Bei ihm war es allerdings Neugier, die ihn dazu trieb, in einem seltsamen Ritual den Toten zu erwecken. Er hatte sich mir von Anfang an anvertraut, und ich zog Thomas hinzu. Gemeinsam mussten wir dann allerdings die Erfahrung machen, dass seine Kräfte nicht ausreichten, der Verlockung zu widerstehen. Der Wiederauferstandene zog ihn voll und ganz in seinen Bann, der junge Mann folgte und konnte sich nicht mehr lösen. Was wir auch taten, es reichte nicht aus. Er – er starb in unseren Armen.“

Helen spürte die Trauer, die den Mann erfüllte, es schmerzte ihn also heute noch. Aber sollten sie und Rachel sich jetzt der gleichen Gefahr aussetzen? Das würde doch bedeuten mit offenen Augen in den Tod zu gehen.

Als hätte el Kabir ihre Gedanken gelesen, machte er jetzt eine abwehrende Handbewegung. „In diesem Fall ist die Lage von Grund auf anders“, fuhr er fort.

„Ach, wirklich? Weil hier gleich zwei Leute in den Tod gehen?", höhnte sie, und aus ihren Worten sprach die Angst.

„Helen, nun ist es aber genug“, fuhr Harding dazwischen.

„Halten Sie uns, und insbesondere mich, für so gewissenlos, dass wir zulassen würden, dass Sie ohne eine reelle Chance Ihr Leben einfach wegwerfen? Sie haben eine verdammt schlechte Meinung von mir.“

Dieses Mal war es nicht gespielt, dass ihre Bemerkung ihn gekränkt hatte. Sie würde doch nicht wirklich glauben, dass...?

„Tut mir leid“, murmelte Helen jetzt betreten. „Ich wollte Sie nicht beleidigen. Es war wohl Angst, die da aus mir sprach.“

„Schon gut, ich verstehe das. Aber versuchen auch Sie mich zu verstehen. Dadurch, dass Sie Ihrer Freundin beistehen - was Sie eigentlich gar nicht tun müssten, es bleibt Ihre Entscheidung – haben wir die wohl einmalige Chance mit verstärkten Kräften gegen diesen Bann zu kämpfen. Das ist ein großer Vorteil auf unserer Seite. Es wird wohl so sein, dass Rachel das Ritual durchführt und Sie als Verstärkung dienen. Nun, ich habe ja schon immer gesagt, dass Sie über eine Menge ungeahnte Kräfte verfügen. Sie sollten sich nun davon überzeugen, und anschließend machen wir endlich einen Test, dann werden Sie mir hoffentlich glauben.“

Helen lachte ein wenig hysterisch auf. „Sonst haben Sie keine Sorgen, nein?“

Mildes Erstaunen spiegelte sich in seinen Augen. „Nein, absolut nicht. Sie sehen, dass ich felsenfest davon überzeugt bin, dass alles glatt geht. Oh, wie wäre es mit einer kleinen Wette?“

Farad el Kabir hörte dem freundschaftlichen Geplänkel mit ernsthaftem Hintergrund aufmerksam zu. Dadurch, dass er die beiden beobachtete und ihre Reaktionen vorauszusehen versuchte, würde das Ritual vielleicht erfolgreicher ablaufen als beim ersten mal. Es handelte sich hier um zwei stabile Menschen, die so rasch durch nichts zu erschüttern waren, auch wenn Helen sich eifrig bemühte, einen anderen Eindruck hervorzurufen. Sie war keine von den Frauen, die forsch an eine Sache herangingen, um dann im entscheidenden Moment in Hysterie auszubrechen. Helen hatte Angst, und sie suchte Halt, nur zu verständlich, doch sie würde sich ihrer Angst und der Situation stellen, sobald es darauf ankam. Wenn sie jetzt auch vielleicht so wirkte, als wollte sie davonlaufen, war das doch nicht mehr als eine Art Selbstschutz. Dafür sprach auch, dass sie jetzt, einmal herausgefordert, ohne zu zögern auf die Wette einging.

„Das ist mit Sicherheit unlogisch, Sir Thomas, denn wenn ich gewinne, werde ich wohl kaum in der Lage sein, meinen Gewinn einzufordern.“

„Sie wollen doch jetzt nicht etwa kneifen, liebste Freundin?“

„Das habe ich nun wirklich nötig. Also gut, was setzen wir?“

Er lachte leise auf. „Ich bin so sicher, dass ich glatt etwas makaber werden möchte. Also, Helen, sollten Sie wider Erwarten gewinnen, werde ich dafür sorgen, dass Sie eine Beerdigung bekommen, die einer Königin würdig ist. Sollte ich aber gewinnen – und davon gehe ich fest aus – dann werden Sie sich nicht mehr länger davor drücken und einen Test im Institut machen, ob Sie nicht doch übersinnliche Fähigkeiten besitzen.“

Helen schnappte nach Luft. „Sir Thomas, das ist ein ganz und gar verrückter Einsatz, und Sie sollten sich vielleicht selbst auf ihrem Geisteszustand untersuchen.“ Dann aber lachte auch sie auf. „Nun gut, da ich versuche, ein unverbesserlicher Optimist zu sein, nehme ich diese Wette an. Und mein Geist wird Sie auf ewig verfolgen, wenn meine Beerdigung nicht wirklich einer Königin würdig ist. Und damit meine ich ganz bestimmt nicht eine Bienen- oder Ameisenkönigin.“

Farad el Kabir saß da, als würde er seinen Ohren nicht trauen.

„He, alter Freund, unser Gespräch hat dich doch nicht etwa geschockt?“

„Doch, ein bisschen schon“, gestand der Ägypter. „Eigentlich sind wir Araber es, die ein relativ gelassenes Verhältnis zum Tod haben. Aber ich hätte nicht gedacht, dass Ihr kühlen Briten damit Scherz treiben würdet.“

„Tun wir auch gar nicht“, erklärte Helen verlegen. „Es ist eine besondere Art die Gewissheit des Todes zu leugnen. Wir tun so, als gäbe es ihn nicht.“

El Kabir schüttelte den Kopf, doch damit war das Thema vorerst beendet.

„Jetzt haben wir also nur noch ein Problem, richtig?", fragte er dann mit einem schiefen Grinsen.

„Nur noch eines, ja“, bestätigte Harding leichthin. „Wir müssen Miss Rachel Norton aus der Amnesie lösen.“

*

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ES WAR NOCH FRISCH und kühl an diesem Morgen, draußen in dem großzügig angelegten Park zwitscherten die Vögel, während die ersten Sonnenstrahlen die Welt in ein feurig-rotes Licht tauchten.

Rachel Norton stand am offenen Fenster ihres Zimmers, das so gar nicht wie ein Krankenzimmer wirkte. Auch die Schwestern und Ärzte, die hier ihren Dienst versahen, trugen nicht die übliche weiße Tracht sondern normale Alltagskleidung. Außerdem waren alle unglaublich freundlich und nicht höflich professionell. Alles könnte perfekt sein, um gesund zu werden, wenigstens für die körperlichen Verletzungen. Doch die quälenden Gedanken, dieses unablässige Bohren im Hinterkopf, machte Rachel fast wahnsinnig. Sie wusste, dass es keinen Zweck hatte, mit Gewalt zu versuchen die Erinnerung zu erzwingen. Und doch spielten ihre Gedanken ihr böse Streiche. Fetzen aus ihrem früheren Leben blitzten auf, Gedanken, Eindrücke, Gebäude und auch Gespräche, die sie mal mit Menschen geführt hatte, an die sie sich ebensowenig erinnerte.

Auch die friedliche Stille dieses wundervollen Tages nutzte ihr nichts, im Gegenteil, ihre innere Unruhe nahm eher noch zu, weil sie sich so hilflos fühlte.

Rachel wandte sich vom Fenster ab, als das Frühstück gebracht wurde, dann starrte sie eine Weile in den Kaffee. Wieder schossen Gedanken durch ihren Kopf, eine Frau, gekleidet wie eine Ägypterin aus alter Zeit. Sie sprach, doch Rachel verstand kein Wort. Und auch, als die Fremde zornig wurde, konnte nichts weiter tun, als sich mit beiden Händen den Kopf zu halten und die Gedanken wieder zu vertreiben.

„Geh weg“, schrie sie. „Ich weiß nicht, was du von mir willst, lass mich in Ruhe.“ Heftig schluchzend hockte sie auf ihrem Bett, bis Sir Thomas hereinkam. Er sprach beruhigend auf sie ein, streichelte ihr sanft über den Kopf und wartete geduldig, bis sie wieder ruhiger wurde.

„Ich kann nicht mehr“, seufzte Rachel. „Immer diese Gedanken, Blitze, Erinnerungen – und ich kann nichts damit anfangen.“

„Wir werden heute schon einen Versuch machen, um dem Ganzen ein Ende zu bereiten. Jetzt genießen Sie Ihr Frühstück, bevor der Kaffee ganz kalt wird. Danach sehen wir weiter.“

Hoffnung keimte in ihren Augen auf.

„Nur noch eine kleine Weile“, versprach der Professor, dann ging er hinaus und führte ein kurzes Telefonat.

*

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SEHEN SIE SICH DIE Figur ganz genau an“, forderte Sir Thomas mit ruhiger sonorer Stimme. Er hatte Rachel in Hypnose versetzt und drückte ihr jetzt die kleine Statue der Katzengöttin Bastet in die Hand, die sie selbst Helen geschenkt hatte. Mit ausdruckslosen Augen starrte Rachel auf die Figur, ihre Finger glitten über die feinen Konturen, ohne ein Erkennen zu zeigen.

Mit Sir Thomas und Rachel befanden sich auch Helen und Farad el Kabir im Raum. Gespannt schauten die beiden zu. Harding hatte in diesem Fall nicht das Gefühl seine ärztliche Schweigepflicht zu verletzen, schließlich ging es diese beiden auch an, was mit Rachel geschah. Außerdem hatte die Frau keine Bedenken gegen die Anwesenheit geäußert. Er hatte selbst den Vorschlag gemacht, dass Helen und Farad dabei sein sollten, wenn er mit Hypnose versuchte, die verschütteten Erinnerungen freizulegen.

Rachel hielt die Figur noch immer fest, aber in ihren Augen herrschte weiterhin große Leere. Jetzt hielt Farad die Anspannung nicht mehr aus. Zu Helens Erstaunen nahm er die Hände der Frau, ohne dass Harding protestierte.

„Sehen Sie mich an, Rachel“, forderte er mit sanfter eindringlicher Stimme. Gehorsam schaute sie ihm ins Gesicht.

„Erinnern Sie sich, Rachel. Wir beide sitzen in einer klaren Nacht mitten in der Wüste. Ringsum ist es still, Sie hören nur meine Stimme. Wir sprechen über...“

„Die Ewigkeit“, sagte Rachel in diesem Augenblick tonlos.

„Ja, richtig, und ich habe Sie gebeten Vertrauen zu mir zu haben. Aber Sie wollten allein sein mit dem Totenbuch. Sie hatten Kontakt zu der toten Prinzessin Enehy. Was hat sie gesagt?“

„Sie will – sie will, dass ich...“, Rachel riss plötzlich ihre Hände aus den seinen, sie stöhnte auf. Harding griff ein und versuchte die Frau zu beruhigen, während Helen el Kabir wütend musterte.

„Glauben Sie, mit dieser Art Schocktherapie werden Sie etwas erreichen? Sie machen es nur schlimmer“, warf sie dem Ägypter vor.

„Tut mir leid, dass Sie so denken. Aber uns läuft die Zeit davon, oder haben Sie schon die Drohung gegen sich selbst vergessen? Wir müssen Miss Rachel aus diesen Zustand erlösen.“

„Und wenn sie nur noch tiefer darin versinkt?“

„Das darf auf keinen Fall geschehen“, sagte er leise.

Rachel sprach jetzt völlig unzusammenhängend, sie mischte Englisch und Ägyptisch, und der Wissenschaftler hatte plötzlich dicke Schweißperlen auf der Stirn. Noch nie hatte er einen Patienten auf diese Art verloren, und er würde das auch jetzt nicht zulassen. Da sie anders nicht mehr zu beruhigen war, griff er zu einem drastischen Mittel, das sonst hysterischen Leuten vorbehalten war. Er gab Rachel eine schallende Ohrfeige. Augenblicklich hielt sie inne, und diesen Moment nutzte er, um die Hypnose aus der sie fast ausgebrochen war, wieder zu festigen – und dann aufzuheben.

„Sobald Sie jetzt erwachen, werden Sie sich erinnern, Rachel. Ihr früheres Leben wird wieder vorhanden sein.“

Gleich darauf schnippte er mit den Fingern, Rachel erschrak förmlich und erwachte wie aus einem Traum.

„Helen? Was machst du denn hier? Wo bin ich? Da war doch dieser Kerl auf dem Flughafen... oh, du meine Güte, ich glaube, ich weiß gar nichts mehr“, stöhnte sie auf. Dann erblickte sie el Kabir, und Misstrauen regte sich. „Vielleicht erklärt mir mal jemand, was dieser Mann hier tut.“

Aber Helen war so erleichtert ihre Freundin wieder voll bei Bewusstsein zu sehen, dass sie sie erst einmal in eine herzliche Umarmung zog. Und dann gab es eine Menge zu berichten, von beiden Seiten. Rachel streifte el Kabir immer wieder mit scheuen Blicken, die ihm natürlich nicht entgingen.

„Ich nehme es Ihnen nicht übel, dass Sie mit mir nicht über Ihren Fund gesprochen haben. Sie hatten gehofft, die ganz große Entdeckung zu machen. Doch ich kann verstehen, warum Sie so gehandelt haben. Aber nun sollten wir zusammenarbeiten.“

„Ich möchte niemanden in Gefahr bringen, ich habe das selbst herausgefordert, und ich will jetzt alles allein wieder in Ordnung bringen.“

„Blödsinn“, widersprach Helen. „Wir alle stecken so richtig tief drin, und wir werden dich nicht allein lassen. Das stehen wir jetzt zusammen durch.“

Farad und Sir Thomas nickten zu diesen Worten. Dann richteten sich aller Augen auf die Tür, die sich plötzlich öffnete.

Sir Thomas hatte Anweisung gegeben, dass unter keinen Umständen jemand stören durfte. Und doch stand Jenkins in der Tür, mit einem ausgesprochenen unglücklichen Gesicht. Dann kam er noch zwei, drei Schritte in den Raum hinein, und hinter ihm wurden zwei Männer sichtbar, die mit Waffen auf ihn zielten.

Farad el Kabir seufzte, Rachel verkrampfte ihre Hände vor Angst. Nur Sir Thomas und Helen warfen sich kurz einen Blick zu.

Es gab keinen Zweifel, wer diese beiden Männer waren. Aber man hatte ganz bestimmt nicht vor, dieser Bedrohung einfach nachzugeben.

„Ich bitte vielmals um Entschuldigung, Sir“, sagte der Butler gemessen. „Ich habe versucht diesen Gentleman klar zu machen, dass Sie unter keinen Umständen gestört werden wollen. Leider waren die Argumente dieser – äh, Herren – sehr überzeugend, so dass ich gegen Ihre ausdrückliche Anweisung verstoßen musste.“ Selbst in dieser Lage konnte sich Harding ein kleines Lächeln nicht verkneifen. Jenkins mit seiner Ausdrucksweise war einfach unbezahlbar. Außerdem war der Professor noch längst nicht davon überzeugt, dass diese beiden Männer, mochten sie auch über Waffen verfügen, in der Lage waren, sie alle wirklich in Bedrängnis zu bringen. So machte er eine spöttische einladende Handbewegung.

„Kommen Sie herein und nehmen Sie Platz. Ich denke, Sie werden uns in aller Ruhe erklären können, was Sie von uns wollen.“

Ein wenig verblüfft traten die beiden wirklich näher, machten jedoch von dem freundlichen Angebot des Professors keinen Gebrauch.

„Wir wollen das Buch“, sagte einer der beiden kalt. „Und diese Frau.“

*

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ES WAR EINE ABSOLUT skurrile Situation, allerdings eine nicht ganz ungefährliche. Die beiden Männer hatten die fünf Personen in einer Ecke zusammengedrängt, als wollten sie einem plötzlichen Angriff zuvorkommen.

„Wo ist das Buch?", wollte einer der beiden wissen.

„Nicht hier“, erklärte Sir Thomas.

„Dann holen Sie es, zusammen mit Selim, Sie werden es uns freiwillig übergeben. Ich bleibe solange hier und bewache die anderen.“

„Nein.“ Diese Weigerung kam so überraschend, dass der Sprecher wenig intelligent dreinschaute.

„Dann wird einer von Ihnen sterben.“

„Und danach?", fragte el Kabir scharf. „Wenn wir uns weiter weigern – werdet ihr dann den nächsten töten, bis keiner mehr von uns übrig ist? Welchen Sinn hätte das? Das Buch wäre noch immer woanders, und ihr hättet keinen Zugriff darauf, müsstet ganz im Gegenteil befürchten, dass sich jemand daran zu schaffen macht, von dem ihr nichts wisst.“

Diesen Argumenten konnten selbst diese beiden Wächter sich nicht entziehen. Aber aufgeben wollten sie auch nicht.

„Dann werden wir eben andere Menschen, unschuldige, töten, bis Sie nachgeben.“

„Das ist auch keine kluge Lösung – für alle nicht“, widersprach Sir Thomas.

„Haben Sie vielleicht einen Vorschlag zu machen? Sie wissen, für uns ist es wichtig zu verhindern, dass jemand die Tote aufweckt. Es gibt also keinen anderen Weg.“

Offensichtlich waren die beiden Männer jetzt verwirrt, weil sich ihre Gefangenen so ganz anders verhielten, als sie es angesichts der Situation hätten tun müssen. Keiner der fünf war wirklich beeindruckt.

„Warum sollte es keinen anderen Weg geben?", fragte Jenkins jetzt. „Sie haben einen Auftrag, der bereits mehr als dreitausend Jahre alt ist. Haben Sie sich niemals gefragt, ob das richtig ist, was man Ihnen aufgetragen hat? Warum wollen Sie nicht stattdessen mithelfen, dass diese unruhige Seele endlich ihre ewige Ruhe findet? Sie sind beauftragt, Rache zu üben für die Störung der Totenruhe – wäre es nicht klüger, die Rache und den Grund dafür ein für allemal zu beseitigen?“

Nicht nur die beiden Männer blickten irritiert, auch Helen und Rachel verstanden offenbar kein Wort, während el Kabir lächelte und Sir Thomas die Stirn runzelte.

„Wie sollen wir das verstehen?", kam die misstrauische Frage.

„Helfen Sie uns das Ritual vorzunehmen, dann wird die Prinzessin Ruhe finden, ein für allemal. Und Sie auch. Oder ist es wirklich Ihr Sinn und Lebenszweck fremden Menschen hinterherzulaufen und sie zu töten? Sie haben doch sicher auch Familien. Wie würden Sie denen klarmachen wollen, dass Sie für eine Tote ins Gefängnis müssen? Für eine Mumie? Mal abgesehen davon, dass Ihnen die Wahrheit außer uns hier im Raum sowieso niemand glauben würde.“

Jenkins hatte vollkommen ruhig und überzeugend gesprochen, so als habe er nicht die geringste Angst vor seinem eigenen Tod. Das beeindruckte die beiden Männer, die aus einem Kulturkreis stammten, in dem nur Stärke wirklich zählte. Auf jeden Fall waren sie erst einmal verunsichert. Unter diesen Aspekten hatten sie ihre Aufgabe noch nie gesehen.

El Kabir wollte etwas dazu sagen, doch eine kaum merkliche Handbewegung von Sir Thomas hieß ihn schweigen.

Rachel starrte die beiden an, als ob von deren Antwort ihr Leben abhing – was es in gewisser Weise auch tat.

„Wir müssen darüber reden“, sagte der Sprecher und griff nach dem Telefon. „Ich will auch noch jemand anderen dazu hören. Sie haben doch nichts dagegen, wenn ich Ihr Telefon benutze?“

„Oh, bitte fühlen Sie sich wie zuhause“, bot Sir Thomas voller Ironie an.

*

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DER KLEINE TISCH IN der Bibliothek war zu einem regelrechten Altar umgebaut worden. Zwei Kerzenleuchter standen an dem Seiten, Sir Thomas hatte eine sehr gut gearbeitete Statue des Anubis besorgt, und das Totenbuch, beziehungsweise die Papyrus-Rollen, die dieses Buch bildeten, lagen aufgerollt und beschwert auf dem Tisch. Rachel und Helen standen wie Hohepriesterinnen davor. Alle Vorhänge im Raum waren zugezogen, nur die Kerzen in den Leuchtern spendete Licht.

Jenkins hatte es sich nicht nehmen lassen, an diesem Ritual teilzunehmen. Doch ebenso, wie die beiden Männer, die ihnen bisher nach dem Leben getrachtet hatten und jetzt bereit waren, eine Art Waffenstillstand einzuhalten, saß er still auf einem Stuhl an der Wand, von der Dunkelheit fast verschluckt.

Sir Thomas und Farad el Kabir befanden sich an den Enden des Tisches und ließen die beiden Frauen nicht aus den Augen. Der Ägypter hatte mit darauf zu achten, dass jedes Wort aus dem Buch korrekt ausgesprochen wurde. Rachel besaß zwar ein sehr großes Wissen über die Kulturen und auch über Sprache, doch el Kabir war wohl einer von nur vielleicht sechs oder sieben Menschen auf der Welt, die das Altägyptische in dieser Vollendung beherrschten.

Knisternde Spannung lag im Raum, und das kam nicht vom Kamin, in dem ein dicker Holzscheit brannte und behagliche Wärme verströmte.

Helen verspürte plötzlich das unwiderstehliche Bedürfnis laut zu lachen. War das alles hier nicht absurd? Eine schlechte Theateraufführung, in der sie eine miese Hauptrolle spielen sollte?

So ein Quatsch, dachte sie. Das hier ist ein Alptraum, und gleich werde ich wach, und alles ist wieder in Ordnung. Dann fing sie einen Blick von Rachel auf, Angst lag darin, und das brachte Helen wieder zurück auf den Boden der Tatsachen. Das hier war kein Theater und auch kein Alptraum. Sie versuchte ein aufmunterndes Lächeln, doch es wurde zu einer Grimasse.

„Also los, je länger wir noch warten, umso komischer komme ich mir vor.“ Sie griff nach den Händen von Rachel. In diesem Augenblick ging ein Windstoß durch den Raum – von nirgendwoher. Es wurde eisig kalt, die Kerzen begannen zu flackern, und die feinen Härchen auf der Haut der Menschen richteten sich auf.

Rachel stand da mit weit geöffnetem Mund, bekam aber kein Wort heraus. Ihr hatte es buchstäblich die Stimme verschlagen. Wenn sie jetzt noch etwas tun wollten, dann musste Helen einspringen. Aber auch sie verspürte ein Kratzen im Hals und hatte plötzlich seltsame Atemnot.

„Hier stehen wir, Schwestern von Geist und Blut, wir rufen Anubis, den Herrn der Toten. Gewähre uns für kurze Zeit deine Aufmerksamkeit.“

Diese einleitenden Worte kannte Helen auswendig. Doch dann stockte sie. Mit jedem Wort steigerte sich die Spannung im Raum. Elektrizität baute sich auf, blaue Flämmchen tanzten auf den Menschen und den Gegenständen.

Bereits im Vorfeld hatte Sir Thomas daran gearbeitet, dass möglichst nichts schief gehen konnte. So hatte er bei Rachel und Helen mit einem Befehl unter Hypnose dafür gesorgt, dass sie sich aus der notwendigen Trance während des Rituals lösen konnten, sobald er den Befehl dazu gab. Er betrachtete sie so intensiv, als wollte er ihre Gedanken lesen. Beim geringsten Anzeichen würde er abbrechen.

Harding ignorierte standhaft die Unannehmlichkeiten im Raum und konzentrierte sich weiter auf Rachel und Helen.

Details

Seiten
500
Jahr
2018
ISBN (ePUB)
9783738918458
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (März)
Schlagworte
sammelband mitternachts-thriller pakt romane

Autor

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Titel: Sammelband 4 Mitternachts-Thriller: Pakt mit dem bösen und andere Romane