Lade Inhalt...

Arztroman Sammelband: Drei Romane - Die Nacht der schönen Chirurgin und andere Arztromane

2018 450 Seiten

Leseprobe

image
image
image

Arztroman Sammelband: Drei Romane - Die Nacht der schönen Chirurgin und andere Arztromane

image

Arztromane von Glenn Stirling und A.F.Morland

––––––––

image

DIESES BUCH ENTHÄLT folgende Romane:

Glenn Stirling: Der Engel von Station 3b

A.F.Morland: Dr. Kayser und die verbotene Hochzeit

A.F.Morland: Die Nacht der schönen Chirurgin

Vor fünfzehn Jahren waren sie gute Freundinnen - Dr. Jana Härtling und die Chirurgin Dr. Gudrun Ehrenfels. Viel unternahmen sie zusammen, und Gudrun träumte heimlich davon, eines Tages auch so einen liebenswerten Mann wie Sören Härtling zu finden. Doch dieser Traum erfüllte sich leider nicht. Gudruns Ehe zerbrach rasch an der Untreue ihres Mannes.

Jetzt, nach 15 Jahren, kehrt sie zurück nach München - und an die Paracelsus-Klinik. Hier hofft sie, Ruhe und eine befriedigende Arbeit finden zu können. Alles beginnt problemlos - bis zu einer Nacht, in der Gudruns eigener Sohn die Chirurgin bis an die Grenzen ihrer Kraft fordert ...

image
image
image

Copyright

image

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

image
image
image

Der Engel von Station 3b

image

Arztroman von Glenn Stirling

Der Umfang dieses Buchs entspricht 181 Taschenbuchseiten.

Beate muss erkennen, dass ihr Mann sie betrügt. Als sie ihn zur Rede stellt, eskaliert die Situation, und sie verlässt ihn. Weil dringend Schwestern gebraucht werden, findet sie rasch eine Anstellung in der Paul-Ehrlich-Klinik und gilt schon nach wenigen Tagen als besonders tüchtige Kraft. Ausgerechnet die Frau, mit der ihr Mann sie betrogen hat, wird als Notfall eingeliefert, und Beate fürchtet sich davor, mit ihrem Mann zusammenzutreffen. Aber noch bevor es soweit kommt, geschieht im Krankenhaus ein Unglück, das einen tödlichen Ausgang nehmen könnte. Schwester Beate riskiert ihr Leben.

image
image
image

Copyright

image

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

image
image
image

1

image

Ihr erster Gedanke war: Wie kommt denn Rüdiger in diese Gegend? Wieso steht er vor dem Supermarkt mit einem Blumenstrauß in der Hand und wartet auf irgendwen?

Aber dann sah sie das rote VW-Cabriolet um die Ecke kommen und direkt vor Rüdiger halten. Eine Frau saß am Steuer, eine rotblonde Frau. Rüdiger stieg ein, und dann lagen sie sich in den Armen. Beate sah, wie diese Frau Rüdiger küsste. Rüdiger, Beates Mann ...

Beate schluckte, wischte sich über die Augen und meinte ein Trugbild zu sehen, aber es war kein Hirngespinst und keine Fata Morgana. Im Gegenteil, jetzt, wo er richtig im Wagen saß, umarmten sie sich noch einmal, küssten sich lange. Und dann erst wandte sie sich um, legte die Hände wieder ans Lenkrad und blickte nach vorn, so dass Beate das Profil dieser Frau sehen konnte. Eine rotblonde Frau, sicher schon Mitte Dreißig oder älter. Sie konnte nicht viel jünger sein als Rüdiger.

Jetzt fuhr der Wagen weg. Beate wollte sich noch die Nummer merken. Ein Kennzeichen aus dieser Stadt, aber die Zahlen verschwammen vor Beates Blick. Alles verschwamm. Sie hatte plötzlich das Gefühl, der Boden werde ihren Füßen entzogen. Sie meinte zu schwanken und klammerte sich instinktiv an dem Laternenmast fest, der hier an der Haltestelle aufragte.

Rüdiger und eine andere Frau!

Die Gedanken tosten wie Schneegestöber durch Beates Kopf. Sie versuchte klarzusehen, wollte logisch überlegen, aber nichts von dem brachte sie fertig.

Er betrügt mich!

Dieser Gedanke beherrschte alles. Rüdiger betrügt mich, sagte sie sich. Deshalb ist unser Verhältnis in der letzten Zeit abgekühlt, kommt er kaum noch zu mir, deshalb, weil er eine andere hat.

Was habe ich falsch gemacht?, fragte sie sich, während sie beide Hände um den Laternenmast klammerte. Irgendwas muss ich doch falsch gemacht haben.

Der Bus kam und riss sie aus ihren Gedanken. Sie erschrak richtig, als er vorfuhr, stieg wie im Trancezustand ein, lochte ihre Fahrkarte und setzte sich auf einen der vielen freien Plätze. Sie versuchte, als sie zum Fenster hinausstarrte, ihre Gedanken zu ordnen. Aber auch jetzt schien es ihr unmöglich. Erinnerungen von früher, Szenen aus glücklichen Tagen kamen, bei denen sie fast körperlich die Umarmungen von Rüdiger spürte. Sie sah das Bild ihrer Hochzeit auftauchen, hörte die Stimmen von Leuten, die damals dabei waren, hörte auch die Stimme des Standesbeamten.

Dann ein Bild, das noch weiter zurücklag, ein Augenblick größter Zärtlichkeit, zusammen mit Rüdiger. Damals waren sie noch nicht verheiratet gewesen. Ein Augenblick höchsten Glücks.

Immer wieder irrten ihre Gedanken ab, wurden von Szenen der Gegenwart beschäftigt. Draußen fuhr ein Krankenwagen vorbei, und dabei fiel ihr ein, dass sie Rüdiger zuliebe ihren Beruf als Schwester aufgegeben hatte. Ihre Mutter hatte damals gleich gesagt, dass sie das nicht tun sollte, nicht solange sie noch keine Kinder hatten.

Kinder waren nicht gekommen. Rüdiger wollte keine. „Nur das nicht“ hatte er immer gesagt. „Nur keine Kinder, dann ist es aus mit dem schönen Leben, dann sind wir Sklaven, bis die Kinder groß sind.“

Sie hatte sich immer Kinder gewünscht, heute noch. Aber wie in so Vielem, war Rüdigers Wunsch auch der ihre gewesen, hatte sie sich untergeordnet, hatte ihm blind vertraut, ihn geliebt, verehrt, fast vergöttert. Er war erheblich älter als sie, elf Jahre. Vielleicht, so dachte sie jetzt, begründete das seine Überlegenheit, habe ich immer getan, was er wollte.

Er hat mich betrogen!

Es fiel ihr ein, was ihr Vater immer gesagt hatte: Wenn die Liebe kommt, dann braucht es zwei Menschen, wenn sie glücklich sein sollen. Und wenn die Liebe geht, dann braucht es auch zwei. Einer allein ist nie schuld.

Was habe ich falsch gemacht?, fragte sie sich erneut. Und der Gedanke, irgend etwas getan oder gesagt oder vielleicht auch etwas unterlassen zu haben, bohrte in ihr. Sie versuchte zu ergründen, von welchem Zeitpunkt an seine Liebe bei ihr nachgelassen hatte.

Es kostete sie Mühe, und sie musste sich geradezu zur Objektivierung zwingen. Wenn sie nur an diese Frau dachte, war sie von Hass erfüllt, Hass auf eine Fremde, auf eine rotblonde Frau von vielleicht siebenunddreißig Jahren; womöglich war sie auch älter. So genau hatte sie das nicht sehen können.

Zum ersten Mal in ihrem Leben begriff sie, dass jeder Mensch ein Mörder sein kann. Sie empfand einen solchen Hass, dass sie sich fragte, ob sie nicht sogar zu einem Mord fähig wäre, zu einem Mord an dieser Fremden.

Ich bin eifersüchtig, ich bin wahnsinnig eifersüchtig und habe sogar Grund dazu, dachte sie. Warum hat er das nur getan? Es wird nie mehr so sein, wie es einmal gewesen ist, nie mehr.

Was mache ich nur, was kann ich nur tun?

Ihr erster Gedanke war Flucht.

Jetzt mit dem Bus nach Hause fahren, die Koffer packen und zu Mutti. Weg von hier! Weg von seiner Seite, weg von dieser Stadt, die sie noch nie geliebt hatte, der die Aufgabe einer Hauptstadt regelrecht aufgepflanzt worden war ...

Warum hat er es nur getan?

Er hätte mit mir reden können. Es wäre doch möglich gewesen, dass wir uns vorher getrennt hätten, dass wir sagen, wie es uns wirklich zumute ist, das wäre schon schlimm genug für mich gewesen. Aber so heimlich. Ein richtiger Betrug ist das.

Wut stieg in ihr auf, die sich jetzt allein gegen Rüdiger richtete. Er hat mich betrogen, hintergangen. Eine Gemeinheit von ihm, mir gegenüber. Eine solche Gemeinheit, wie ich sie nicht verdient habe.

Wenn ihm etwas nicht gepasst hat, dann hätte er es mir sagen können und nicht einfach eine andere nehmen, heimlich.

Blumen hatte er. Mir hat er ewig keine Blumen mehr mitgebracht. Er bringt ihr Blumen mit. Wenn er das tut, dann scheint die Geschichte neu zu sein. Vielleicht hat er sie gerade erst vor wenigen Tagen kennengelernt. Aber zu mir ist er schon länger so unfreundlich.

Abermals versuchte sie, so objektiv zu sein, die Schuld bei sich selbst zu finden.

Ich habe ihn nicht gut behandelt. Irgendwas habe ich falsch gemacht Aber war nur? Ich bin ja so ahnungslos gewesen, ich habe ihn geliebt bis vorhin. Wahnsinn! Ich liebe ihn ja noch. Ich liebe ihn noch immer. Deshalb tut es ja so weh. Es ist nicht nur der Betrug allein. Dass mir das passiert, diese Schlappe. Aber wenn es nur das wäre. Es geht ja viel tiefer. Ich beginne nun erst richtig zu begreifen, wie tief.

Ein paar kurze Augenblicke lang versuchte sie sich einzureden, dies alles habe womöglich eine ganz harmlose Erklärung. Am Ende tue sie ihm noch Unrecht. Vielleicht ist es jemand, den er schon sehr, sehr lange kennt, gar keine Liebschaft. Und der Kuss ist ein Freundschaftskuss .... Nein! Das ist nie im Leben ein Freundschaftskuss gewesen.

Noch einmal sah sie das Bild vor sich, wie die beiden sich in den Armen gelegen haben. Noch einmal vergegenwärtigte sie sich die Szene, und es tat noch weher als vorhin.

Sie schloss die Augen, verzog das Gesicht wie unter einem Schmerz.

Als sie wieder hinaussah, waren ihre Gedanken für einen Augenblick so klar, dass sie erkannte, wo der Bus sich befand. Gleich würde die Haltestelle kommen, wo sie aussteigen musste.

Hastig erhob sie sich, ging zur Tür, und als der Bus hielt, stieg sie aus.

Er wird später kommen. Wer weiß, was er mir erzählt, dachte sie. Ganz bestimmt kommt er später. Eigentlich hätte er noch im Geschäft sein müssen, jetzt noch. Sie sah auf die Armbanduhr. Ja, fast noch eine dreiviertel Stunde lang. Und dann dauerte es gewöhnlich nicht länger als eine halbe Stunde, bis er da ist.

Sie hatte das Haus erreicht, wo sie wohnten. Ein Reiheneinfamilienhaus mittlerer Bauart; es stammte von seinen Eltern.

Ich also werde gehen, dachte sie, es ist sein Haus. Ich werde meinen Koffer nehmen und gehen.

Rein mechanisch öffnete sie die Haustür und trat ein. Der Wellensittich hatte sie gehört und machte oben das übliche Spektakel.

Sonst rief ihn Beate immer, freute sich daran, dass er sie so lärmend begrüßte, aber heute interessierte es sie gar nicht.

Ich muss mich beeilen, dachte sie, ich will weg sein, bevor er da ist. Ich werde nur ein paar Zeilen hinterlassen, und dann gehe ich.

Warum soll ich gehen? Warum warte ich nicht ab, was er mir sagt? Vielleicht gebraucht er eine Ausrede, ich könnte mich darüber amüsieren, was ihm da als Ausrede einfallen sollte.

Sie schüttelte heftig den Kopf. Nein, das ist ja Selbsttäuschung; ich quäle mich nur. Ich bilde mir ein, dass ich mich amüsiere. Nie im Leben könnte ich mich amüsieren; es tut viel zu weh. Ich werde gehen, bevor er kommt. Ich muss mich beeilen. Ein Zettel mit wenigen Zeilen, das ist alles, was ich ihm hinterlasse. Ich möchte ihn nie wiedersehen.

Eine innere Stimme sagte ihr, dass es unrecht ist: Ich muss ihn erst anhören, vielleicht gibt es wirklich für alles eine Erklärung. Ich kann doch nicht einfach weglaufen. Ich muss mir anhören, was er mir sagt. Und ich werde ihm sagen, was ich gesehen habe. Und dann entscheide ich. Ich bleibe oder gehe. Ich werde gehen, aber ich muss ihn noch anhören. Ich kann nicht einfach davonlaufen.

Sie ging in die Küche und fröstelte, als sie in den kühlen Raum kam. Eigentlich hätte sie längst damit anfangen müssen, das Essen herzurichten, aber sie tat nichts dergleichen. Sie zog den Hocker unter dem Tisch hervor, setzte sich darauf und saß zusammengesunken, die Hände im Schoß gefaltet, wie im Gebet. Doch sie betete nicht, sie dachte nach, sah Bilder der Vergangenheit, hörte seine Stimme, ihre eigene. Erlebte diese Szenen ein zweites Mal. Doch dann, als sie erschauderte unter dem Schmerz, den es hervorrief, wenn sie an das dachte, was passiert war, da sagte sie sich, dass es selbstquälerisch ist, weiter in der Vergangenheit zu wühlen.

Ich muss wissen, was ich tue. Wenn ich einfach zu Mutti laufe, wird sie eine Erklärung haben wollen. Ich kann nicht wie ein kleines Mädchen an ihrer Schulter meinen Kummer ausweinen. Mutti ist krank, und sie hat selbst Probleme genug. Da kann ich nicht auch noch kommen.

Sie dachte an ihren Bruder und was er ihr sagen würde, falls sie mit ihrem Kummer die Mutter belastete.

Nein, zu Mutti kann ich auch nicht gehen. Aber ich will von hier weg, ich kann nicht hier bleiben. Ich werde nie in diesem Haus bleiben, wenn es wahr ist, was ich gesehen habe. Und es ist wahr, natürlich ist es wahr. So wie er sie geküsst hat ...

Sie saß da wie verloren. Einen Augenblick lang dachte sie, ob sie nicht doch das Essen machen sollte, so wie immer, als sei nichts gewesen. Einfach so tun, als hätte sie nichts gesehen und wüsste auch nichts von einer anderen.

Nein, das kann ich nicht, das hätte ich nie gekonnt. Und das werde ich auch jetzt nicht können. Ich bin keine gute Schauspielerin. Er würde es mir sofort an der Nasenspitze ansehen.

Aber ich sollte ihm das Essen zubereiten, er hat einen Anspruch darauf.

Einen Anspruch?, fragte sie sich dann. Wieso hat er einen Anspruch? Erst betrügt er mich, und dann hat er einen Anspruch auf sein Essen? Damit er kräftig und wohlgenährt zu der anderen gehen kann? Nein, kein Essen! Wir können auch irgendwo essen gehen, wenn es sich wirklich aufklären sollte und nichts hinter der ganzen Geschichte steckt. Doch es steckt was dahinter, das spüre ich. Das fühle ich mit allen Fasern meines Körpers. Etwas, das furchtbar ist, etwas, das alles verändert. Ich werde nie mehr dieselbe sein können, und er ebenfalls nicht. Wir können nicht miteinander leben, nicht mit dem Wissen um so etwas, um diesen Betrug, den er mir angetan hat. Ich will nur noch hören, was er mir sagt. Dazu bin ich verpflichtet, darauf hat er ein Recht. Er muss sich äußern können. Aber danach fälle ich das Urteil.

Sie warf den Kopf in den Nacken. Ich werde gehen, ich werde den Platz räumen. Er hat sein Haus, da kann er die andere hierher holen. Ich räume das Feld. Und wenn ich einmal gegangen bin, kehre ich nie wieder hierher zurück, nie mehr.

Warum muss es mir passieren, ich bin so glücklich gewesen bis heute morgen. Ich hätte es nie gemerkt, wäre ich nicht so darauf gestoßen.

Einen Augenblick lang dachte sie etwas Furchtbares. Wenn ich nicht mehr leben würde, sagte sie sich, brauchte ich nicht mehr an all das zu denken. Es wird mich eigentlich nie mehr loslassen, immer wieder fällt es über mich her, die Erinnerung an diese Szene, der Gedanke an diesen Betrug, der hat unsere Liebe zerstört, zertreten, für alle Zeiten vernichtet. Vielleicht bin ich mitschuldig, vielleicht habe ich ihn falsch behandelt, habe seine Erwartungen nicht erfüllt, ich weiß es nicht. Ich habe mich immer bemüht, eine gute Frau zu sein. Und ich bin glücklich gewesen. Ich habe gedacht, wenn ich glücklich bin, muss er es auch sein. Offenbar war er es nicht.

Plötzlich hörte sie den Schlüssel im Schloss der Haustür und schrak zusammen. Und dann fasste sie sich, blieb einfach so sitzen, denn nur er konnte es sein, der kam.

Die Tür knarrte, seine Schritte kamen.

Er war früher als sonst. Eigenartig, dachte sie. Ich hatte erwartet, er käme später als sonst, jetzt ist er sogar früher da. Allein dafür wird er mir etwas erklären wollen.

Sie hörte, wie er die Jacke aufhängte, wie er seine Tasche abstellte, und dann kam er.

Bei dem Gedanken an die Tasche fiel ihr etwas auf. Vorhin, als diese rotblonde Frau mit ihrem Wagen vorgefahren war, da hatte er keine Tasche gehabt, nur diesen Blumenstrauß. Aber jetzt hatte er die Tasche abgestellt, sie kannte das Geräusch ganz genau.

Die Küchentür öffnete sich. Er stand in der Tür, sah sie erst lächelnd, dann sehr ernst an. Er schien sofort zu wissen, dass etwas vorgefallen war.

Sie sah ihm an, dass er unsicher war. Aber dann zeigte sich Trotz in seinem Gesicht, vor allen Dingen in seinem Blick.

„Was sitzt du herum, bist du krank?“, fragte er statt eines Grußes.

„Ich habe dich in Mehlem gesehen, vor einer knappen Stunde etwa“, sagte sie, und ihre Stimme kam ihr selbst ganz fremd vor. So, als habe eine andere gesprochen.

Sie beobachtete ihn. Sein Gesicht war erstarrt, der Blick wirkte bohrend, dann bewegten sich seine Lippen, er räusperte sich und fragte: „Was hast du? Wieso hast du mich in Mehlem gesehen?“

„Weil ich dort gewesen bin. Mein Zahnarzt hat Urlaub, und ich war bei seinem Bruder, der ihn vertritt. Deshalb.“

„Und er wohnt da draußen?“, fragte Rüdiger, als gäbe es sonst nichts zu fragen.

„Ja, der wohnt da draußen“, sagte sie und war selbst überrascht, wie gefasst sie das vortrug.

Sie hörte ihn durch die Nase atmen, aber er schwieg. Die Nasenflügel blähten sich, die Adern an seinem Nacken schwollen an, sie kannte das. Innerlich kochte er, aber er konnte sich wunderbar beherrschen, dieser große, dunkelhaarige, athletisch gebaute Mann. An den Schläfen wurde sein Haar schon grau. Falten hatte er im Gesicht schon immer gehabt, jetzt allerdings noch ein paar mehr als vor ein paar Jahren. Mein Gott, dachte sie, wir sind fünf Jahre verheiratet, fünf Jahre, eine lange und eine kurze Zeit, wie man es nimmt. Und jetzt hat er schon eine andere. Ich muss wirklich kläglich versagt haben.

Es war keine Strenge in ihrem Blick, wie sie ihn jetzt ansah, eher Nachsicht, Verständnis, aber er selbst empfand es nicht so. Er kam sich vor wie vor einem Gericht. Plötzlich schlug er mit der Faust auf den Küchentisch und brüllte los.

„Und wenn schon, und wenn du mich schon gesehen hast, es ist eine alte Bekannte gewesen. Darf ich mich nicht mehr mit alten Bekannten sehen lassen? Ist das ein Verbrechen?“

Sie schüttelte nur den Kopf und sagte mit spröder Stimme: „Es ist kein Verbrechen, und du weißt auch genau, dass ich nie etwas sagen würde. Aber so, wie ihr euch geküsst habt ...“

„Aha, das ist es!“, schrie er los. „Ich habe einer alten Freundin einen Kuss gegeben, ich habe ihr sogar Blumen mitgebracht, wie du gesehen hast. Einer alten, lieben Freundin. Die habe ich schon gekannt, da bist du noch in die Schule gegangen. Sie ist nämlich eine Schulkameradin von mir. Die ist genauso alt wie ich, eine fantastische Frau. Und ich habe sie wiedergetroffen, neulich schon, vor ein paar Tagen. Und jetzt hatten wir uns verabredet, uns einmal in Ruhe über alles zu unterhalten, allerdings hatte sie nicht viel Zeit. Wir wollen uns noch einmal treffen, aber jetzt werde ich wohl erst deine Genehmigung dafür brauchen, dafür, dass ich mich mit einer alten Freundin einmal über früher unterhalten will, über unsere Erlebnisse in der Schule. Eine Schulfreundin, hast du verstanden? Eine Schulfreundin!“

„Auch Schulfreunde küsst man nicht auf den Mund“, sagte sie knapp. Und da spürte sie, wie die Wut wieder in ihr aufkam, die Wut auf ihn. Das ist keine Schulfreundin, dachte sie, kann ja sein, dass sie zusammen in die Schule gegangen sind, aber nie im Leben wird er mit ihr über Schulerlebnisse sprechen. Ich kenne doch seine Art, wenn ihm eine Frau gefällt, so, wie er es damals bei mir gemacht hat. Da ist er ein Kavalier, vollendet. Später wird sich das legen. Bei mir jedenfalls hat es sich gelegt. Wie lange ist es her, dass er mir eine Tür aufgemacht hat? Oder Blumen mitgebracht hätte! O Gott, das mit den Blumen muss mindestens schon vier Jahre her sein. Nur zum Geburtstag bekomme ich welche. Früher waren es rote Rosen, jetzt nimmt er auch schon Astern oder Dahlien, weil die im Herbst viel billiger sind.

„Ich verbitte mir diese Herumschnüffelei!“, schrie er wieder.

Er schreit, dachte sie. Immer wenn er schreit, ist er im Unrecht. Wenn er im Recht ist, bleibt er beherrscht. Ja, dann kann er wirklich beherrscht sein, dann wird er sogar meistens zynisch. Aber jetzt schreit er. Hunde, die laut bellen ...

„Du bist mir nachgefahren, gib es zu. Das mit dem Zahnarzt glaube ich dir nicht. Du bist mir nachgestiegen, du wolltest sehen, was ich mache. Hast du mich vielleicht im Büro abgepasst? Hast du doch, gib es zu!“

Sie schüttelte den Kopf. „Nein, es war Zufall. Ich kam aus dem Haus des Zahnarztes. Das ist genau der Stelle gegenüber, wo du gewartet hast, wirklich Zufall.“ Sie sagte es so ruhig, als spräche sie über etwas, das sie im Grunde gar nichts angeht. Über das Zusammentreffen zweier Wildfremder, die sie weiter nicht näher interessierten.

Er hätte wissen müssen, dass sie die Wahrheit sagte. Er kannte sie gut genug. Wenn er es wusste, dann verbarg er es. Erneut begann er sie anzuschreien.

„Ich glaube dir keine Silbe. Das ist einfach eine Gemeinheit von dir, eine verdammte unverschämte Gemeinheit. Was habe ich dir nur getan, dass du mich so reinlegen willst?“

Reinlegen?, dachte sie. Ich will ihn nicht reinlegen. Er hat mich betrogen und spricht von Reinlegen. Haltet den Dieb, nach diesem Motto möchte er mich kriegen. Warum eigentlich? Warum achtet er mich so wenig, dass er das tut. Bin ich eine so schlechte Ehefrau gewesen? Habe ich derart versagt und so viele Fehler gemacht, dass er es mir auf diese Weise heimzahlen muss, dass er mich richtig verachtet und für dumm hält. Hat er wirklich geglaubt, eine dumme Frau geheiratet zu haben? Vielleicht bin ich tatsächlich dumm, weil ich das alles erst heute begreife, dass mir nun nach fünf Jahren die Augen aufgehen. Nach fünf Jahren!

„Ich werde gehen“, sagte sie so leise, dass er Mühe hatte, sie zu verstehen. „Ich hatte eigentlich vor, sofort zu verschwinden, nur ein paar Zeilen zu hinterlassen. Aber dann wollte ich dich noch anhören. Jetzt gehe ich.“ Sie stand auf, sah ihn an und lächelte. Aber es war ein trauriges, ein bitteres Lächeln, und sie sagte: „Ich bin blind gewesen, das ist mein Fehler. Ich war mit Blindheit geschlagen. Und es ist traurig, dass du mich so gering einschätzt, dass du glaubst, ich falle auf deine Lügen herein. Und es sind Lügen. Schade, ich hatte etwas mehr Respekt erhofft. Ich hatte geglaubt, wir könnten ehrlich miteinander reden. Fünf Jahre sind eine lange Zeit, vielleicht aber doch nicht lange genug.“

Sie senkte den Kopf und wollte jetzt an ihm vorbei und zur Küche hinaus. Aber er vertrat ihr den Weg.

„Bist du eigentlich verrückt geworden?“, brüllte er sie an. „Bildest du dir ein, du kannst hier einfach in den Sack hauen und verschwinden? Einfach so, mir nichts, dir nichts, auf einen vagen Verdacht hin?“

Sie sah zu ihm auf. Er war gut einen Kopf größer als sie und breit war er und kräftig. Brutal war er noch nie zu ihr gewesen, aber jetzt fürchtete sie, könnte er es werden. Sie hatte mit einem Male wahnsinnige Angst, von ihm geschlagen zu werden.

„Du kommst hier nicht weg. Du kannst nicht einfach, weil du dir einbildest, da wäre eine andere, alles hinschmeißen; das lasse ich nicht zu.“

„Dann sag mir jetzt die Wahrheit, sag sie mir. Und belüge nicht am Ende noch dich selbst. Belüge nicht diese Frau. Die hat auch einen Anspruch darauf, die Wahrheit zu wissen, obgleich ich sie hasse, abgrundtief hasse, wie ich noch nie einen Menschen gehasst habe. Sie hat mir alles genommen, mein Glück, meinen Mann und meine Zukunft.“

„Ach, ich zerfließe gleich in Tränen vor lauter Mitleid um dich“, höhnte er. „Wie du sie hasst! Sie kennt dich überhaupt nicht, und du kennst sie nicht, aber du kannst sie hassen. Wenn ich so einen Wahnsinn höre – blödsinnig ist das. Sie hätte nichts gegen dich, ihr könntet sogar Freundinnen sein, aber ihr kennt euch gar nicht. Vielleicht wärt ihr miteinander bekannt geworden, vielleicht auch nicht mit deiner krankhaften Eifersucht.“

Sie wusste, dass er ihr Unrecht tat. Sie war noch nie eifersüchtig gewesen bis jetzt, allerdings jetzt, das musste sie zugeben, da war sie es. Und wie sie es war. Aber zugleich merkte sie, dass auch diese Eifersucht nachließ. Je länger sie ihn reden hörte, um so weniger eifersüchtig war sie. Im Grunde empfand sie nur noch tiefe Traurigkeit. Ihr war, als stünde Rüdiger, der Rüdiger, den sie mal geliebt hatte, mitten in einem Boot, das einen breiten Strom hinuntertrieb. Und er entfernte sich immer schneller und schneller von ihr, wurde kleiner und kleiner.

Er stand zum Greifen nahe vor ihr, und doch kam es ihr vor, als stünde da ein ganz anderer Mensch, nicht der Rüdiger, den sie kannte, nicht ihr Mann, nicht ihr Geliebter von damals, Freund und Partner über insgesamt sechs Jahre. Fünf davon waren sie Mann und Frau gewesen. Vielleicht, dachte sie, haben wir uns nicht gut genug gekannt. Vielleicht hätte ich ihn mehr an mich fesseln müssen.

Aber wieso denn? Ich bin immer da gewesen, den ganzen Tag. Wenn er kam, hat sich alles um ihn gedreht wie um einen Pascha. Er hat diese Liebe nicht einmal mit Kindern teilen müssen.

„Also gut“, brüllte er wieder, „wenn du gehen musst, dann geh! Verschwinde! Ich komme auch ohne dich gut zurecht. Und wie ich ohne dich zurecht komme, du wirst dich wundern!“

„Ich wundere mich nicht“, sagte sie und ging an ihm vorbei, öffnete die Tür und blickte dann noch einmal zu ihm zurück. „Ich habe ja gesehen, dass du zurechtkommst.“

„Nichts hast du gesehen! Das bildest du dir nur alles in deinem verrückten Kopf ein! Aber jetzt hau ab, verschwinde! Und komm bloß nicht mehr her, komm nie mehr her!“

„Bestimmt nicht“, murmelte sie, aber das konnte er nicht hören, denn sie war schon an der Treppe. Sie ging nach oben, ging auf den Speicher, holte ihren Koffer. Er war staubig, sie brauchte eine ganze Weile, um ihn soweit sauberzumachen, dass sie ihn benutzen konnte. Ihre Reisetasche stand unten.

Sie nahm die wichtigsten Sachen, packte sie ein. Vieles würde sie jetzt zurücklassen. Aber ich brauche es doch, ich muss es mitnehmen, sagte sie sich. Wohin damit? Ihr fiel ein Karton ein, der stand im Keller. Aber sie mochte ihn nicht holen, da hätte sie wieder unten vorbei gemusst, wäre mit Fragen bombardiert worden oder mit gehässigen Reden. Und sie hatte Angst. Sie hatte Angst, obgleich scheinbar nichts darauf hinwies, dass Rüdiger gewalttätig werden konnte. Und doch spürte sie, dass er es jeden Augenblick werden konnte. Nur weg, einfach fort. Ich werde die Koffer nehmen und von der Zelle aus ein Taxi rufen.

Wo gehe ich denn hin? Wo will ich denn hin mit meinen Koffern? Wenn ich nicht zu Mutti gehe, dann ...

Ich habe kein Konto, kein Geld. Ich habe praktisch gar nichts. Er hat das Geld, er hat alles. Ich müsste meinen Bruder anpumpen.

Aber es gibt Gesetze. Ich muss mit einem Anwalt reden.

Ihr graute bei dem Gedanken, das, was sie beschäftigte, vor anderen Leuten auszubreiten.

Zweifel nagten an ihr, Zweifel, ob er vielleicht doch recht hatte, dass es am Ende womöglich eine harmlose Geschichte war und sie ihm Unrecht tat. Er schrie es ja geradezu immerfort in der Küche herum. Sie hörte ihn bis hier herauf. Jedes Wort verstand sie. Er schrie, dass sie ihm Unrecht tat. Er schrie, wie gemein sie sei, wie bösartig, eine falsche Schlange. Sie sei es wahrscheinlich, die einen Freund habe, von dem er nichts wisse.

Seine Vorwürfe machten sie ruhig. Da war wieder eine Wand, die zwischen ihnen aufzog, die es ihr leichter machte zu gehen.

Jetzt hörte sie ihn heraufkommen. Als er ins Schlafzimmer trat, wo sie den Koffer füllte, da sah sie Rüdiger an, wie übermächtig die Wut in ihm war. Sein Gesicht war krebsrot, die Augen hatte er unnatürlich weit aufgerissen, die Hände zu Fäusten geballt, so kam er auf sie zu und schrie weiter.

„Du kannst mich nicht zum Idioten machen, du nicht! Zum Narren halten. Was bildest du dir eigentlich ein? Nur weil ich einmal jemand treffe, den ich lange kenne? Nur weil es außer dir noch andere Frauen gibt, die man nett finden kann? Verdammt noch mal, du kannst mir nichts nachweisen, nichts außer diesem Kuss. Du kannst mir überhaupt nichts beweisen! Beweise es mir doch! Beweise es mir!“

„Ich will dir nichts beweisen“, sagte sie ruhig, „ich will nur gehen. Ich möchte einfach weg.“

Plötzlich schlug er zu. Er schlug mit einer Wucht, dass es sie von den Füßen riss. Sie stürzte bis auf das Bett, über den Koffer weg, rollte zur Seite, da war er schon bei ihr. Packte sie vorn, riss sie hoch, schlug noch einmal zu, und sie hatte das Gefühl, das Bewusstsein zu verlieren

Er stieß sie aufs Bett zurück, und ein paar Sekunden lang geschah gar nichts. Sie lag da und hatte nur den einen Wunsch bei Bewusstsein zu bleiben. Alles um sie drehte sich. Ein wahnsinniger Schmerz peinigte sie an ihrer linken Gesichtshälfte, der aber allmählich nachzulassen begann.

Sie öffnete die Augen, und da sah sie ihn plötzlich. Er stand vor ihr, wie sie ihn noch nie gesehen hatte. Er stand vor ihr, um wie ein wildes Tier über sie herzufallen.

image
image
image

2

image

Sie hatte sich gewehrt, so gut sie nur konnte und war erneut von ihm geschlagen worden, bis sie es aufgab, bis sie einfach nicht mehr die Kraft hatte und halb bewusstlos alles über sich ergehen ließ. Sie hätte es nie von ihm erwartet, das nicht. Es war das Schlimmste, was sie meinte, was man einer Frau antun kann. Und er hatte es ihr angetan ... als ihr Mann.

Es war ruhig im Haus. Sie lag noch immer oben auf dem Bett. Vorhin war er weggegangen; sie hatte die Haustür klappen hören. Und jetzt lag sie da, zu nichts fähig, kaum imstande, einen klaren Gedanken zu fassen. Sie hatte furchtbare Kopfschmerzen, hielt die Augen geschlossen und hoffte nur, dass diese Kopfschmerzen nachlassen und sie selbst zur Ruhe kommen könnte.

Aber es dauerte eine ganze Weile. Sie fühlte sich besudelt. Alles tat ihr weh. Die Gelenke schmerzten. Einmal hatte sie ihn gekratzt, hatte ihm mit ihren Fingernägeln die Gesichtshaut aufgerissen. Dafür war sie erneut von ihm geschlagen worden. Ihre Lippe war aufgeplatzt. Es war ein dumpfer Schmerz dort. Als sie hintastete, spürte sie, dass die Unterlippe aufgeplatzt war. Und natürlich hatte schon eine Schwellung eingesetzt.

Mühsam stand sie auf. Ich will weg, ich muss weg, dachte sie. Keine Stunde kann ich noch hierbleiben. Ich habe ihn geliebt, alles hätte ich für ihn getan, aber das was er gemacht hat, was er jetzt zuletzt mit mir gemacht hat ...

Sie konnte gar nicht zu Ende denken, wie sie deshalb empfand. Schließlich gipfelten ihre Gedanken in dem Wunsch zu sterben. Einfach hier liegenbleiben und nie mehr aufwachen, als wäre all das nichts als ein böser, böser Traum gewesen.

Zuerst ließ sie sich wirklich wieder zurücksinken, lag mit offenen Augen und starrte zur Decke. Diese ruhige Haltung tat ihr gut. Der Kopfschmerz ließ nach. Von den Schmerzen in den Armen und Gelenken spürte sie im Augenblick nichts mehr. Auch die Lippen taten nicht weh. Einfach so liegen, einschlafen und nicht mehr erwachen.

Schlaftabletten, dachte sie. Ich habe doch irgendwo Schlaftabletten.

Aber bevor sie ihre Gedanken in ein Handeln umsetzte, um die Tabletten zu suchen, fiel ihr ein, dass sie die vor einer Woche weggeworfen hatte. Gift, das den Körper kaputtmacht, war Rüdigers Meinung gewesen. Gift, das ihr jetzt geholfen hätte, für alle Zeiten kaputt zu gehen, um es mit seinen Worten auszudrücken, um zu verschwinden und sich zu verabschieden von all dieser Gemeinheit, die ihr heute widerfahren war.

Zu verabschieden für immer.

Aber dann sagte ihr eine Stimme: Der ist es nicht wert. Du gibst dich auf für ihn, das wäre ja der Triumph all seiner Bösartigkeit. Er hat dich betrogen, geschlagen und vergewaltigt. Und jetzt willst du einfach aus seinem Leben verschwinden? Er aber bleibt, ihm geschieht nichts, ihm macht es nichts aus, ihm und der Rothaarigen.

Nein, warum sollte ich aufgeben. Warum fang ich nicht neu an, vollkommen neu, beginne ein neues Leben. Vati hätte gesagt, dass es feige ist, sich einfach selbst aufzugeben. Nein, ich gebe nicht auf, ich mache einen Strich. Ich werde neu anfangen. Vollkommen allein, ich bin noch jung, ich habe alles vor mir, ich habe eine Chance, es zu schaffen. Ich will es schaffen, ich will kämpfen, kämpfen um ein neues Glück, um ein wirkliches Glück, das andere ist ein Betrug gewesen.

Ich bin hereingefallen. Ich bin furchtbar und jämmerlich hereingefallen. Es ist entsetzlich gewesen. Aber ich gebe nicht auf, ich mache weiter. Und ich will sehen, dass ich aus alledem etwas lerne.

O Himmel, gib mir die Kraft dazu!

image
image
image

3

image

Du musst zu einem Anwalt gehen“, sagte Angelika Pochwitz und sah Beate vorwurfsvoll an. „Und Arbeit musst du dir suchen.“

„Das tue ich ja schon“, sagte Beate und lehnte sich im behaglichen Sessel zurück.

Angelika hat sich gut eingerichtet, dachte sie und warf einen anerkennenden Blick auf die vierzigjährige Frau. Dunkel war sie, und ihr Gesicht wirkte, als sei sie gerade dreißig geworden. Erst wenn man näher hinsah, erkannte man den Tribut, den sie den Jahren zollen musste. Aber sonst hatte es Angelika geschafft. Die wunderschöne Wohnung, die herrliche Einrichtung, und dann einen netten Mann. Lothar ist wirklich nett, dachte Beate. Er würde das, was Rüdiger mit mir getan hat, ganz sicher nie tun.

Bevor sie mit ihren Gedanken weiterkam, sagte Angelika: „Hör mal, wir beide kennen uns doch schon eine ganze Weile. Warum willst du weg von Bonn? Nur um ihn nicht wiederzusehen? Bonn ist doch eine Großstadt. Wenn du nicht willst, siehst du ihn auch nicht wieder. Warum gehst du eigentlich nicht wieder auf den Venusberg?“

„Ich habe es doch versucht, in der Uniklinik anzufangen, aber ich müsste da ein Zimmer haben, und das haben sie ja nicht.“

„Unsinn, du kannst doch solange bei mir wohnen, bis du ein Zimmer findest.“

Beate lachte unfroh. „O Angelika, jetzt bist du aber weltfremd. Hier in Bonn ein Zimmer kriegen? Ich glaube, da könnte man ebenso drauf warten, sechs Richtige im Lotto zu gewinnen. O nein, ich habe es ja versucht. Meinst du, ich möchte in diesem Hotelzimmer bleiben? Das kostet ja ein Vermögen. Wenn ich da noch ein halbes Jahr bleiben muss, ist keine müde Mark mehr auf meinem Konto. Im Gegenteil. Und leben muss ich auch noch. Und das Geld hat mir mein Bruder auch nur geliehen und nicht geschenkt.“

„Dann wohne doch einfach hier bei uns, wir haben das Zimmer frei von ...“

„Ihr braucht es doch für die Kinder. Du hast vorhin selbst erzählt, dass der Junge langsam zu groß ist, um mit seiner Schwester zusammen das Zimmer zu teilen. Und dass du das Zimmer von eurer verstorbenen Oma für ihn bereit hältst und ihr es nur noch tapezieren wollt. Und nun auf einmal möchtest du es mir geben. Nein, Angelika, das nehme ich nicht an. Und das wäre auch nicht in Lothars Sinn.“

„Da kennst du Lothar schlecht. Lothar hilft für sein Leben gern anderen Menschen. Und dir würde er besonders gern helfen.“

„Mir besonders gern?“

„Weil wir dich beide mögen. Er mag dich auch, nicht so, wie du vielleicht jetzt denkst. Er hat dich gern, so wie ich dich gern habe. Wir kennen dich beide schon lange. Menschenskind, nimm‘s einfach an. Hol deine Koffer vom Hotel, bezahle deine Rechnung und komm her!“

Beate schüttelte den Kopf. „Das kann ich nicht annehmen. Ihr braucht den Platz, ihr braucht den Platz für euren Jungen. Und außerdem weiß ich ja gar nicht, ob ich in Bonn bleiben kann. Ich habe es auf dem Venusberg versucht. Ich habe es natürlich zuallererst da versucht, wo wir beide damals gewesen sind. Aber die Gynäkologen suchen keine Operationsschwestern, die brauchen sowieso nicht so viele, und in der Chirurgie sah es auf dem Venusberg auch schlecht aus. Die Neurochirurgen wollten eine OP-Schwester haben, aber für die Neurochirurgie fehlt mir die Qualifikation, und sie hatten keine Lust, mich erst großartig ausbilden zu lassen. Also muss ich sehen, wo ich bleibe. Ich will es in Köln versuchen, und da hätte ich auch die Möglichkeit, ein Zimmer zu bekommen.“

„In Köln?“, rief Angelika, „da ist es genauso schlimm wie in Bonn.“

„Nicht privat, in der Klinik.“

„Ach so. Ach, das ist auch nicht das Richtige. Da unterwirfst du dich so sehr den Regeln, die dort herrschen und bist mehr oder weniger der Popanz der Oberin. Ich weiß doch, wie das zugeht. Das ist der Kasernenhof der Frauen. Hör auf, wohne lieber draußen.“

„Erst können vor Lachen.“

„Du, da fällt mir etwas ein“, meinte Angelika nachdenklich, „ich habe neulich Karin getroffen. Kannst du dich noch an Karin erinnern?“

„Welche Karin?“

Angelika lachte. „Na hör mal! Wie heißt sie denn mit dem Nachnamen, ich komme nicht darauf. So ‘ne Lustige ist das, brünettes Haar. Die hatte immer so rheinische Witze auf Lager. Kannst du dich nicht erinnern? Die hat sie immer während der Operation erzählt, bei passender Gelegenheit natürlich. Und immer an der richtigen Stelle.“

„Ach, jetzt weiß ich, wen du meinst. Und was macht die?“

„Die ist in der Paul-Ehrlich-Klinik.“

„Da müsste ich auch mal hingehen, aber beim Nachweis war von denen nicht die Rede. Die suchen offensichtlich kein Personal.“

„Ach, über das Arbeitsamt! Die suchen so etwas selber. Du weißt doch, wie das geht. Die schreiben eine Stelle in der Zeitung aus oder kümmern sich von sich aus um Personal. Die haben einen guten Personalchef. Karin ist da, sie macht vornehmlich Nachtdienst, aber manchmal vertritt sie auch die Stationsschwester der gynäkologischen Abteilung. Und dort suchen sie Schwestern. Sie hat es mir noch gesagt. Sie meinte, ich sollte doch wieder arbeiten, die Kinder wären ja so klein nicht mehr. Aber ich habe es nicht gewollt. Da hat sie mir erzählt, dass sie gute Kräfte suchen, aber nicht im OP, die suchen sie in der Station.“

„Um Himmels Willen, das ist ja viel schlechter bezahlt.“

„Sag das nicht. Karin möchte nicht mehr in den OP zurück. Sie sagte auch, die Stationsschwester in der gynäkologischen Abteilung sei eine ziemlich alte Frau, und sie haben dort den Drei-Schichten-Dienst eingeführt. Da brauchen sie noch eine Stationsschwester, weil sie Karin zu Stationsschwester machen wollen, zur zweiten, die in der Spätschicht arbeitet. Wäre das nicht etwas für dich? Das ist absehbar, wann du Stationsschwester werden kannst.“

„Ich weiß nicht, ob ich mich dazu eigne. Ich habe das ja noch nie gemacht. OP-Schwester und Stationsschwester, oder selbst auf der Station zu arbeiten, das sind doch zwei ganz verschiedene Sachen.“

„Geh’ doch einfach mal hin. Vielleicht wollen sie dich im OP haben, man kann es nie wissen. Geh’ doch einfach mal hin.“

„Wer ist denn der Chef dort?“, erkundigte sich Beate.

„Ach, der ist Klasse, das ist mein Frauenarzt. Wenn ich meine halbjährliche Vorsorgeuntersuchung machen lasse, gehe ich zu Professor Winter. Ich habe so eine Zusatzversicherung, weißt du, da bekommt man Chefarzt-Behandlung, sozusagen privat. Du, der gibt sich unheimlich viel Mühe, auch sein Oberarzt, ein gewisser Doktor Mittler, auch erste Klasse. Die sind sehr sorgfältig.“

„Na ja, ich weiß nicht, meinst du, ich hätte eine Chance?“

„Natürlich hast du eine Chance, nur hingehen musst du.“

„Und die Wohnerei ist damit nicht gelöst. Oder kann man da wohnen?“

Angelika zuckte die Schultern. „Ich weiß es nicht. Du musst es einfach versuchen, aber was du ebenfalls tun musst und was dir niemand abnimmt, ist der Weg zu einem Anwalt. Das, was dir Rüdiger angetan hat, das brauchst du nicht zu schlucken. Da gibt es nur eines, das ist die Scheidung. Geh’ weg von ihm, geh’ weg von diesem Kerl!“

„Ich habe darüber nachgedacht. Es ist jetzt zwölf Tage her und obgleich es jedes Mal, wenn ich darüber nachdenke, so weh tut, als sei es gerade passiert, bekommt man doch eine Art Übersicht, etwas Abstand davon und ist nicht mehr so in Panik. Ich weiß nicht, ob vor Gericht die ganze Geschichte so aussieht, wie sie passiert ist.“

„Davon kannst du ausgehen, dass das ganz anders aussieht, da wette ich mit dir. Am Ende ist er von dir vergewaltigt worden, weißt du. Jedenfalls wird er es so darstellen und ganz sicher sein Anwalt. Und wenn der dir Fragen stellt, da kannst du dich auf etwas gefasst machen. Ich habe da mal einen Film gesehen, da war vielleicht was los. Da ist es auch um so eine Geschichte gegangen. Sicher, Film ist Film, aber trotzdem. Ich stelle mir vor, in Wirklichkeit ist es nicht anders. Und im Fernsehen haben sie auch schon darüber debattiert. Also, da würde ich mir auch keine Illusionen machen. Aber was sonst geschehen ist, das reicht doch. Diese Frau, weißt du, wer sie ist? Hast du das mal festgestellt?“

„Ich will es gar nicht wissen. Ich hätte es wissen wollen, aber jetzt will ich es nicht mehr wissen. Das, was danach geschehen ist, was er da getan hat, war einfach zu schlimm.“

„Bist du wenigstens bei einem Arzt gewesen, der dir deine blauen Flecken und die Schläge, die du von ihm bekommen hast, irgendwie registrieren konnte oder ein Attest angefertigt hat?“

„Ach was, ich gehe doch deshalb nicht zu einem Arzt. Es ist einfach aus. Ob uns ein Richter trennt oder was immer geschieht ...“

„Menschenskind, Beate“, rief Angelika eindringlich, „hier geht es doch um Geld! Er muss dich doch versorgen, begreifst du das nicht?“

„Ich will nicht von ihm versorgt werden, ich will sein schmutziges Geld nicht. Ich will ihn nicht mehr sehen, ich will nichts mehr von ihm wissen, es ist einfach vorbei. Ich bin jung und brauche ihn nicht. Ich verdiene mein Geld; ich habe kein Kind, das ich ernähren muss, ich bin allein. Ich habe einen Strich unter alles gemacht: Ich will da nichts aufrechnen, ich will nichts von dem wissen, was war, ich möchte es einfach verdrängen, verstehst du? Du kannst es mir nicht ausreden, Angelika. Es ist ganz einfach Notwehr. Wenn ich es nicht so mache, gehe ich vor die Hunde.“

Angelika wollte schon zu einer Antwort ansetzen, lehnte sich dann aber zurück und musterte Beate nachdenklich. „Das ist ein Jammer“, sagte sie, „du bist ein bildhübsches Weib, du bist wirklich eine hübsche Frau, und da gerätst du an diesen Kerl. Aber du hast recht, noch ist nichts verloren, du kannst von vorn anfangen. Aber dass du ihn einfach so ungeschoren davonkommen lassen möchtest! Am Ende dreht er den Spieß noch um, dem traue ich das zu. Ein Mann, der so etwas tut, der ist noch zu ganz anderen Dingen fähig. Wie kannst du dich dagegen wehren? Vielleicht lässt er sich nicht scheiden.“

„Es ist mir ganz gleich, was er tut. Ich habe mit ihm nichts mehr zu schaffen. Und das genügt.“

„Das genügt nicht“, widersprach Angelika. Du könntest einen anderen kennenlernen und könntest frei sein wollen, frei für den anderen. Und dann? Was tust du dann? Willst du dich gütlich mit ihm einigen? Mit diesem bestialischen Kerl, der über dich hergefallen ist?“

Beate zuckte die Schulter. „Ich glaube nicht, dass es je einen anderen gibt. Weißt du, das ist ein so furchtbares Erlebnis gewesen, dass ich in dem Augenblick, da ich nur an so etwas denke, eiskalt werde. Alles in mir krampft sich zusammen. Ich glaube, ich könnte nie mehr mit einem Mann zusammen sein.“

Angelika machte eine abwehrende Handbewegung. „Das darfst du nicht sagen, das denkst du jetzt, das denkst du vielleicht auch noch in einem Vierteljahr. Das ist ein Schock für dich gewesen. Klar, das versteht jeder. Aber später denkst du anders darüber, so allmählich, weißt du. Dafür sorgt schon der weibliche Zyklus.“

„Ach was, sag das doch nicht, dafür brauche ich doch keinen Mann.“

„Nun mach aber einen Punkt. Du gehörst nicht zu denen, die sich einfach entwöhnen können, das willst du doch nicht behaupten. Und übrigens tust du doch allen anderen, die anständig sind, Unrecht damit.“

Beate sah Angelika erschrocken an. „Ich will niemand Unrecht tun. Ich will überhaupt nichts, ich will auch von ihm nichts. Er braucht mir nicht zu bezahlen, er soll mich nur in Ruhe lassen. Ich will nicht mehr seine Frau sein. Ich kann nicht mehr seine Frau sein.“

„Hat er versucht, sich noch einmal dir zu nähern oder ...“

Beate schüttelte den Kopf. „Nein. Ich habe nichts mehr von ihm gesehen, auch nicht von dieser Frau. Und offengestanden, habe ich auch keinen Versuch gemacht, in seine Nähe zu kommen. Ich mache einen weiten Bogen um meine alte Wohnung. Ich habe eigentlich richtig Angst, ihn wiederzusehen. Nicht, weil ich fürchte, er könnte mich noch einmal schlagen, sondern weil ich fürchte, dass ich die Kontrolle über mich verliere, dass ich irgendwie etwas tue, dessen Folgen gar nicht abzusehen sind.“

„Willst du mit einem Messer auf ihn losgehen?“

„Ich will gar nichts. Aber ich finde, dass das, was er getan hat, ganz fürchterlich gemein ist. Und ich glaube auch nicht, dass ein Gericht das irgendwie sühnen kann, wenn es überhaupt gesühnt wird. Ich möchte auch nicht damit an die Öffentlichkeit geraten. Ich fürchte dasselbe wie du, dass am Ende nichts dabei herauskommt, dass man durch den Wolf gedreht wird. Das Gericht, das sind doch alles Männer, die würden am Ende noch zusammenhalten.“

„Das sag nicht, aber es kann sein, dass ein paar Männer die Sache herunterspielen möchten, und es ist bestimmt schwierig, wenn so etwas in einer Ehe passiert ist. Wenn dich ein Mann auf der Straße anfällt, dann ist die Sache ziemlich klar, aber innerhalb der Ehe? Er wird das Gegenteil von dem behaupten, was du gesagt hast. Davon musst du ausgehen, deshalb ...“

„Eben deshalb“, bestätigte Beate, „möchte ich es nicht. Kein Gericht, keinen Rechtsanwalt, einfach gar nichts.“

„Aber du willst doch geschieden werden oder nicht?“

„Soll er das versuchen. Soll er sich scheiden lassen.“

„So geht es aber nicht, dann bist du noch die Dumme am Schluss. Dann darfst du für ihn arbeiten, dann spielt er Invalide und du darfst für ihn arbeiten. Nein, du musst zu einer Anwältin gehen. Ja, eine Anwältin. So etwas vertritt eine Frau besser als ein Mann, nach dem, was da passiert ist. Geh zu einer Anwältin und sprich dich offen aus. Sag ihr auch, welche Bedenken du hast. Sie wird dich verstehen. Warte mal, da fällt mir eine ein, von der habe ich schon einmal gehört, dass sie in einer solchen Frauensache sehr gut gewesen ist. Soll ich einen Termin für dich machen?“

Beate zögerte. Angelika riss sie da richtig in einen Strudel hinein, und sie hatte die Furcht, nicht mehr herauszukommen. Das könnte sich zur Lawine entwickeln, könnte so groß für sie werden, dass sie nicht mehr wusste, wie sie alledem entgehen könnte. Und sie hatte Angst, Angst vor Fragen, vor diesen bis in die Einzelheiten gehenden, bohrenden Erkundigungen und Ermittlungen.

„Lieber wäre mir, ich könnte weit weg sein, irgendwo weit weg, wo es keinen Rüdiger und kein Gericht, keine Rechtsanwälte oder was immer gäbe“, meinte Beate.

„Das ist Vogel-Strauß-Politik“, erklärte Angelika, „steckst den Kopf in den Sand und willst von nichts was wissen. Einfach Unsinn. Stell dich und kämpfe! Du hast gesagt, du willst alles neu anfangen. In Ordnung, das finde ich fantastisch von dir. Aber ein neuer Anfang erfordert zunächst einmal, dass du die alten Geschichten wegräumst, die Scherben wegkehrst, dass du Platz bekommst für dein neues Geschirr, verstehst du?“

Lachend ergänzte Beate: „Das ich dann auch noch zerschlage, was?“

„Das liegt an dir“, entgegnete Angelika ernst. „Und jetzt telefoniere ich mit der Anwältin.“

„Kennst du sie denn selbst?“

„Nein, nicht die Bohne. Ich habe nur von ihr gehört, dass sie gut ist. Ich werde einen Termin mit ihr vereinbaren. Für dich. Denn so wie ich dich kenne, schiebst du das wieder vor dir her. Und ich werde Karin auch anrufen. Ja, das tue ich ganz sicher. Ich rufe Karin an und mache mit ihr ebenfalls einen Zeitpunkt aus, wo wir mit ihr sprechen können, oder aber sie sagt mir gleich, ob es Sinn hat, sich in der Paul-Ehrlich-Klinik zu bewerben.“

Das Telefon stand nebenan. Beate ging nicht mit, als Angelika telefonierte. Sie wartete im Wohnzimmer, betrachtete die Bilder an den Wänden. Die hatte Lothar selbst gemalt. Sie hatte Lothar gern. Er war ein richtiger Freund. Und sie musste daran denken, dass er sich mit Rüdiger nie richtig verstanden hatte. Merkwürdig, am Ende wird er seine Meinung bestätigt finden. Angelika hatte ihr einmal gesagt, dass er Rüdiger nicht leiden konnte.

Sie stand auf, trat ans Fenster und blickte auf die Straße. Es war eine Spielstraße, gesperrt für Autos. Und die Kinder lärmten, viele Kinder waren es. Sie sah ein paar Kleine in der Sandkiste. Die müssen etwa vier Jahre alt sein, dachte sie. Ich hätte auch eins von diesen Kindern haben können. Ich hatte mir es immer so sehr gewünscht, aber jetzt bin ich froh, ja froh, kein Kind zu haben. Für dieses Kind wäre all das nur furchtbar gewesen. Die Kinder sind die wahren Opfer, glaube ich, wenn sich die Erwachsenen trennen. Oder wenn es so zugeht, wie es in diesen Tagen bei uns zugegangen ist.

Nein, dachte sie, ich glaube nicht, dass ich mich jemals wieder mit einem Mann zusammentäte. Ich müsste immer daran denken, was mir bei Rüdiger passiert ist. Diese Angst, glaube ich, werde ich nie mehr los.

Angelika kam zurück, unterbrach Beates Gedanken, indem sie sagte: „Also mit Karin habe ich zuerst gesprochen, bei der Anwältin ist dauernd besetzt. Und Karin meinte, es hätte nicht nur Sinn, sondern sie würden dich mit Freuden aufnehmen. Die brauchen dringend eine gute Schwester. Und sie würde denen schon sagen, was sie von dir hält. Sie meint auch, die würden auf sie hören.“

„Ja, wenn das so ist“, erklärte Beate und hatte mit einem Mal wieder Hoffnung, „dann fahre ich morgen hin.“

„Nein, nicht morgen, heute!“

„Es ist doch schon Nachmittag. Meinst du ...“

„Karin hat schon mit dem Personalchef gesprochen. Die warten auf dich. Du wirst von hier aus direkt dahin fahren. Und weißt du, wer das tut? Ich tue es, ich fahre dich hin.“

„Aber du musst doch hier bleiben, die Kinder sind auf der Straße und ...“

„Die Kinder sind nicht auf der Straße, die Kinder sind bei der Oma. Und Lothar, der findet von mir einen Zettel, stellt sich das Essen in den Mikrowellenherd und im Handumdrehen ist es warm für ihn. Das nimmt er mir nicht übel.“

„O Gott, das hätte ich einmal mit Rüdiger machen sollen“, seufzte Beate.

„Lothar ist nicht Rüdiger. Ich muss dir ehrlich sagen, für deinen Rüdiger habe ich noch nie geschwärmt. Nur weil Lothar ihn so gar nicht leiden konnte, habe ich mir immer gesagt, ich sollte doch wenigstens zum Ausgleich ein wenig freundlicher von ihm sprechen, dir zuliebe. Wirklich nur dir zuliebe, Beate, glaube es mir. Und jetzt will ich nochmal versuchen die Anwältin zu erreichen.“

Angelika stand auf und ging hinaus. Beate sah ihr nach und dachte: Sie sieht wirklich noch sehr gut aus. Sie geht tatsächlich noch für dreißig weg. Und ein feiner Kerl ist sie vor allen Dingen. Ich glaube wirklich, dass sie mit Lothar glücklich ist. Man merkte es an Allem. Sie ist so ausgeglichen. Und jetzt opfert sie ihre Zeit für mich. Schade, dass wir nicht mehr zusammen im OP arbeiten können, es wäre schön gewesen. Angelika und die anderen. Karin war auch dabei. Jetzt, wo sie intensiver an die Zeit dachte, fiel ihr auch Karin wieder richtig ein. Sie war immer fröhlich gewesen, eine Kölnerin, der nie die Witze ausgingen. Keine unanständigen, die mochte Karin nicht. Aber Tünnes und Schäl-Witze, und die ohne Ende.

Nach einer Weile kam Angelika zurück. Sie strahlte. „Morgen Nachmittag. Früh hat sie einen Termin bei Gericht, aber nachmittags kannst du kommen. Und sie nimmt dich auch gleich dran. Ich habe ihr gesagt, dass du übermorgen früh deinen Dienst antrittst und noch viel zu tun hast bis dahin.“

„Du redest mit den Leuten ...“, meinte Beate anerkennend. „Ich bewundere dich richtig, wie du das machst.“

„Da gehört doch nichts dazu. Ich habe erst mit dem Bürovorsteher gesprochen und dann mit der Anwältin selbst. Der Bürovorsteher wollte mich natürlich abwimmeln, wollte mir einen Termin sonstwann geben. Da habe ich so getan, als würde ich die Anwältin persönlich kennen, gut kennen, und auf einmal ging es. Und sie war sehr konziliant. Ich glaube, mit der kommst du gut zurecht. Mir fiel sogar während des Telefonierens ein, dass ich sie sogar schon einmal im Fernsehen gesehen habe, möglicherweise auch du. Da war doch eine Folge, die hieß immer Meyer gegen Meyer oder Schulze gegen Schulze, lauter Scheidungsfälle. Und hinterher nahmen dann richtige Anwälte zu alledem Stellung. Da ist sie mal aufgetreten. Da hat sie mir gut gefallen. Ich glaube, du bist bei ihr in besten Händen.“

„Ich danke dir, ich danke dir von ganzen Herzen, Angelika. Du tust so viel für mich, und ich kann es jetzt wirklich gebrauchen.“

„Wenn einer in der Patsche sitzt, kann er Hilfe immer gebrauchen. Weißt du, ich stehe auf dem Standpunkt“, meinte Angelika und legte ihren Arm fürsorglich um Beates Schultern, „wenn man in guten Zeiten Freundschaften pflegt, wenn keiner etwas von einem haben will, dann gehört dazu nichts. Aber wenn es darauf ankommt, wenn der andere echt drinsitzt und deine Hilfe braucht, und wenn diese Hilfe vielleicht für dich etwas lästig ist, dann zeigt sich, wie viel diese Freundschaft wert ist.“

„Mein Vater sagte immer, man solle von Freundschaft erst dann sprechen, wenn man mit jemandem gemeinsam geerbt hat und sich dann noch mit ihm versteht.“

Jetzt lachten sie beide. Angelika sagte: „Aber nun los. Jetzt werden wir sofort zur Klinik fahren. Ich hoffe, dass es nicht so lange dauert.“

„Nein, um Gottes Willen, du wirst nicht auf mich warten, fahr dann weg. Am Besten, ich nehme mir dann ein Taxi oder den Bus.“

„Ach, die Busse sind immer um diese Zeit knallvoll. Ich fahre dich mit dem Auto, das wird lange genug dauern. Die Straßen sind ja auch knallvoll. Komm, ich schreibe nur schnell noch einen Zettel für Lothar.“

image
image
image

4

image

Personalchef Kremer war ein Mann um die Fünfzig und hatte eine spiegelblanke Glatze, über die er sich immer wieder nervös mit der Hand fuhr, als müsse er sie polieren. Durch eine dicke Hornbrille sah er auf Beate.

„Natürlich brauchen wir eine OP-Schwester. Wir brauchen sogar dringend eine OP-Schwester und zwar für die gynäkologischen Operationen. Sie kommen uns also wie gerufen. Aber etwas brauchen wir im Augenblick noch viel dringender. Wir brauchen eine Stationsschwester. Auf der Station 3b, unserer gynäkologischen Station, ist die Stationsschwester ausgefallen. Es handelt sich um eine ältere Krankenschwester, die uns krank geworden ist. Natürlich wird sie genesen, und natürlich wird sie ihren Posten wiederbekommen. Bei dieser Gelegenheit wollen wir den Drei-Schichten-Dienst einführen. Bis jetzt haben wir mit zwei Schichten gearbeitet, aber das führt zu unerträglichen Überstunden. Der Drei-Schichten-Dienst erfordert aber noch mehr Personal, und deshalb sind wir noch mehr als um eine OP-Schwester um Schwestern im Stationsdienst verlegen. Schwester Karin hat ein Loblied auf Sie gesungen, und ich sehe an den Unterlagen, Frau Demelt, dass Sie durchaus qualifiziert sind. Aber Sie haben auf der anderen Seite fünf Jahre nicht in Ihrem Beruf gearbeitet.“

„Vier Jahre“, korrigierte sie ihn.

„Warum haben Sie aufgehört? Sie sind doch kinderlos.“

„Mein Mann wollte es.“

„Und jetzt will er es nicht mehr?“

„Wir leben getrennt. Ich lasse mich von ihm scheiden“, erklärte sie.

Er fixierte sie durch seine Brille, und sie fragte sich, was in seinem Kopf wohl vorgehen mochte. Er sagte nichts dazu, blätterte in den Zeugnissen, die vor ihm lagen, nahm sie jetzt zusammen und steckte sie in die Folie, um sie Beate zurückzureichen.

„Also, wie gesagt, wenn Sie Lust haben, vorübergehend und so rasch wie möglich, am Besten morgen früh schon, in unserer gynäkologischen Station als Schwester zu arbeiten, dann garantiere ich Ihnen, sobald Schwester Else zurückkommt, den Wechsel in den OP-Trakt. Sie können dann sogar wählen, ob Sie im gynäkologischen Bereich arbeiten wollen oder in der reinen Chirurgie bei unserem Professor Faulhaber.“

„Wenn schon, dann möchte ich im gynäkologischen Bereich bleiben. Das ist ja das, was ich früher getan habe. Also gut, ich bin einverstanden.“

„Sie sind einverstanden, zunächst in der Station zu arbeiten?“

Beate nickte.

Er erhob sich, streckte die Hand aus und sagte: „Also dann, verraten Sie mir nur noch, wann Sie kommen. Am Liebsten möchte ich Sie gleich hierbehalten“; fügte er lächelnd hinzu.

„Ich habe morgen noch einiges zu erledigen, aber übermorgen früh ...“

Er sah sie erleichtert, fast beglückt an. „Das ist wirklich ein großartiges Entgegenkommen. Sie sehen daran, dass wir tatsächlich echt in der Patsche sitzen. Also übermorgen früh, das ist ein Wort. Doch Sie sollten sich vorher einmal die Station ansehen. Wollen Sie das nicht?“

„Ich bin vorhin, als ich warten musste, hinaufgefahren und habe es mir angesehen“, bekannte sie ein wenig verlegen.

„Sie haben sie sich schon angesehen. Hat man sie so einfach hineingelassen?“

„Schwester Karin war bei mir.“

„Ja, die hat vielleicht ein Loblied auf Sie gesungen! Sie haben früher mit ihr zusammengearbeitet, nicht wahr?“

„Ja, im OP“, antwortete Beate.

„Am Ende wollen Sie gar nicht mehr von der Station weg, warten Sie mal. Dort herrscht ein sehr gutes Betriebsklima. Sie wissen ja, das alte Sprichwort: Wie der Herre, so das Gescherre“, fuhr er fort. „In der gynäkologischen Abteilung und auch bei den Geburtshelfern und dem Trakt der Säuglinge, da herrscht ein wunderbares Betriebsklima, wirklich. Da können die anderen nur neidisch hinsehen.“

„Und woran liegt das?“

„Ich sagte ja“, erwiderte Kremer auf Beates Frage, „wie der Herre, so das Gescherre. Wie der Professor, so die Lernschwestern.“

„Ist Professor Winter ein so guter Vorgesetzter?“, wollte sie wissen.

Kremer nickte heftig. „Jetzt könnte ich ja ebenso ein solches Loblied auf diesen Mann singen, wie das Schwester Karin auf Sie getan hat. Aber ich will gar nicht vorgreifen. Ich sage nur, machen Sie sich selbst ein Bild. Und ich bin ganz sicher, dass Sie zum gleichen Schluss kommen wie ich. Also, dann bleibt es bei übermorgen früh?“

Beate nickte. „Bei übermorgen früh. Wann fängt der Dienst an, um sechs Uhr?“

Er nickte. „Ja, um sechs. Auch in Zukunft von sechs bis vierzehn, und alle vierzehn Tage ist Schichtwechsel. So ist es nun mal.“

„Ich habe nichts dagegen“, erklärte Beate, verabschiedete sich und ging.

Wenig später traf sie sich mit Karin, die noch ihre Schwesterntracht trug. Der Dienst war noch nicht ganz zu Ende.

„Ich habe mal eine kurze Pause gemacht für dich“, erklärte die brünette, burschikos wirkende Karin. Sie war älter als Beate, hatte etwas erfrischend Fröhliches an sich. Sie war wirklich das, was man eine rheinische Frohnatur nennt.

„Ich mache den Spätdienst, du machst die Frühschicht. Am Anfang kann dir Ingrid noch helfen. Die ist ein ganzes Stück jünger als wir beiden, aber ein netter Kerl. Ihr fehlt die Qualifikation zur Stationsschwester, sonst hätte man ihr die Station geben können. Zumindest für den Früh- oder Spätdienst. Ich glaube, sie will auch gar nicht. Dann müsste sie noch ein paar Lehrgänge besuchen, und dazu hat sie wohl keine Lust. Ihr liegt mehr an der Freizeit, die sie mit ihrem Freund verbringt.“

„Ein bisschen flattere ich ja schon. Vier Jahre nichts davon gesehen und gehört und mit einem Male voll hineinspringen.“

„Eine Spritze wirst du doch noch setzen können?“, fragte Karin.

„O ja, natürlich kann ich das noch. Ich habe nur Angst, dass sich bestimmte Dinge verändert haben, von denen ich nichts weiß. Irgendwelche Medikamente, die plötzlich als schädlich erkannt wurden und die man zu meiner Zeit noch angewendet hat.“

„Du gibst doch nur das, was der Arzt verschreibt. Darüber brauchst du doch nicht nachzudenken. Und du spritzt auch nur, was der Arzt anordnet, du darfst ja gar nichts anderes tun. Also mach dir keine Sorgen, die Hauptsache ist Organisation. Damit steht und fällt die ganze Station. Die Geschichte mit dem Essen, der Visite, den Medikamenten, der Behandlung der einzelnen Patienten, das muss gut organisiert sein. Darin war Schwester Else Meister. Ich hoffe, dass sie wieder richtig auf die Beine kommt.“

„Was fehlt ihr denn?“, erkundigte sich Beate.

„Weißt du, das ist eine sehr resolute Frau gewesen, immer. Ein Fels in der Brandung, wie man so sagt. So sehr Fels, dass man sie beschäftigt hat, ohne ihr nur einmal eine Pause zu lassen. Die ist hier richtig fertiggemacht worden. Die Folge war totaler Zusammenbruch, Kreislaufkollaps. Keiner hätte das bei ihr für möglich gehalten. Am Anfang wurde sogar befürchtet, sie hätte einen Herzinfarkt, aber das war es nicht. Es ging ihr relativ rasch wieder ganz gut, aber nun muss sie sich erst einmal richtig erholen. Man hat sie zur Kur geschickt. Sie, die nie im Leben Urlaub gemacht hat, ist in Zwangsurlaub geschickt worden.“

„Wie alt ist sie denn?“

„Über sechzig. Und wenn du sie fragst, dann macht sie weiter bis zum letzten Tag ihres Lebens. Hauptsache, man lässt sie. Das war ihre größte Angst, als sie aus den Latschen gekippt ist. Die Angst nämlich, dass man sie nicht lässt, dass man sie jetzt nach Hause schickt, dass man sie nicht mehr will. Aber diese Angst hat der Chef zerstreut. Professor Winter wusste ganz genau, wo dem Dragoner der Schuh drückt. Weißt du, wir nennen sie den Dragoner. Man hat ihr gesagt, als man sie auf die Intensivstation gebracht hatte, dass sie, sobald sie gesund ist, wieder Dienst machen kann. Ich glaube, das ist die entscheidende Medizin für sie gewesen. Ein bisschen Ruhe, und dann ist sie wieder topfit. – Wann fängst du übrigens an?“

„Übermorgen früh.“

„Was? So früh schon? Bist du verrückt?“

„Warum denn nicht. Ich sitze ja nur herum.“

„Du, hör mal“, fragte Karin. „Angelika hat mir da etwas erzählt von deiner Ehe und so weiter. Lässt sich da nichts mehr geradebiegen? Ihr wart doch damals so etwas wie das Paar des Jahres. Mensch, ich habe dich immer beneidet. Ich habe immer gedacht, die Beate, die hat sich den Richtigen geangelt. Bombenstellung, Geld wie Heu.“

Beate lachte. „Heu? Hast du eine Ahnung! So dick war es wirklich nicht.“

„Aber ihr habt doch ein Einfamilienhaus und dann noch in der Stadt. Ich weiß doch, was der Boden kostet. Mein Bruder baut, der stöhnt von früh bis Abend.“

„Das ist doch ein Erbhaus. Komm, Karin, ich möchte nicht davon reden. Jedenfalls hast du dir ein falsches Bild gemacht, du siehst ja, wie es ausgegangen ist.“

„Ist es wirklich aus?“

„Es ist tot und nicht mehr zum Leben zu erwecken.“ Beate lächelte schmerzlich. „Reicht dir diese Auskunft?“

„Es hört sich jedenfalls so an, als wäre da wirklich nichts mehr zu machen“, gab Karin zu.

„Nein, nichts mehr. Mich interessiert noch das, was vor mir liegt. Mich interessiert meine Arbeit in Station 3b ...“

image
image
image

5

image

Die große vollbusige Schwester Jutta schob sich ihr Häubchen auf das immer wieder darunter hervorquellende blonde Haar und sagte: „Die haben ja eine Macke. Diese Kerle vom Büro sind total verrückt. Menschenskind, Ingrid, lässt du dir das bieten, dass sie dir einfach eine vor die Nase pflanzen? Was ist das überhaupt für eine? Ich habe sie nur flüchtig gesehen, als sie mit Karin durch die Station gestiefelt ist.“

Fünf Schwestern saßen im Stationszimmer und tranken Kaffee. In der Mitte Schwester Jutta, die das große Wort führte, und das nicht nur jetzt. Man sagte ihr nach, dass sie die Freunde wechselte wie die Hemden. Es sollten angeblich auch einige Assistenzärzte darunter gewesen sein. Dann war Schwester Ingrid da, brünett, mit stark ausgeprägten Brauen und einem volllippigen Mund. Sie hatte einen eigenartigen, interessanten Gesichtsschnitt. Eine Schönheit war sie nicht, aber sie gewann durch ihre Art. Wie Jutta musste sie etwa fünfundzwanzig sein.

Dann war noch die dicke blonde Schwester Erika, deren dralle Figur fast die Nähte ihres weißen Kittels platzen ließ.

Die beiden anderen Schwestern befanden sich noch in der Ausbildung. Es waren die achtzehnjährige dunkelhaarige Schwester Manuela und die weißblonde Schwester Inge, mit siebzehn Jahren das Küken der Station.

„Ich habe doch die Prüfung nicht“, erklärte Schwester Ingrid, „warum soll ich verrückt spielen? Mich stört es nicht, wenn sie mir eine vor die Nase setzen. Die muss ihre Arbeit machen, und was für eine Arbeit das ist, braucht mir niemand zu erzählen. Auch du nicht, Jutta.“

„Prüfung, Prüfung! Da hätt’ste eben die Prüfung gemacht, mein Gott. Aber vorläufig konnten sie dir den Posten doch geben.“

„Warum hast du dich nicht bemüht?“

Juttas Gesicht wurde dunkel. „Ich habe mich ja bemüht, aber die hatten es ja nicht mal notwendig, auf meine Bewerbung zu antworten, bis heute nicht. Stattdessen bringen sie eine andere.“

„Aha“, meinte Ingrid, „also bist du es, die beleidigt ist. Ich habe keinen Grund dazu. Ich will diesen Job nicht haben. Die haben mich sogar gefragt. Die hätten mir frei gegeben, dass ich die Prüfung machen kann. Aber ich will sie nicht machen.“

„Das verstehe ich nicht! Das verstehe ich wirklich nicht!“

„Ob du das verstehst oder nicht, Jutta, wir sollten uns nicht querlegen. Vielleicht ist diese Frau ganz nett. Mit Karin kommen wir doch auch gut zurecht. Warum soll denn die Neue nicht gut sein.“

„Ich habe nur gehört, dass sie eine ganze Weile nicht im Beruf war.“

„Und wenn schon. Hier geht es hoch her. Da ist sie beizeiten wieder voll drin, oder sie packt es nicht und steigt wieder aus.“

„Das ist es, was ich denke. Die macht eine Weile Wind, und dann ist sie wieder fort.“

„Kennst du sie?“, wollte Schwester Ingrid wissen.

Jutta schüttelte den Kopf. „Ich sagte dir doch, ich habe sie nur mal gesehen. Sie gefällt mir nicht. Sieht unheimlich arrogant aus.“

Schwester Ingrid sagte nichts. Schwester Erika kaute ihr Brötchen, und als sie es hinuntergeschlungen hatte, schlürfte sie geräuschvoll den Kaffee, biss wieder von einem neuen Brötchen ab und sagte dann mit vollem Mund: „Also ... wenn ihr mich fragt ... mir ist das wurst, wer hier Stationsschwester ist. Hauptsache, die jagen mich nicht so herum.“ Sie sah auf die Leuchttafel. „312 und 316. Jetzt kann eine von denen mal gehen.“ Sie blickte auf die beiden auszubildenden Schwestern. „Los, Manuela, zisch ab! Du siehst ja, dass ich noch esse.“

„Wann isst du denn nicht?“, fragte Manuela und ging missmutig davon.

„Die Klappe ’runterdrücken nicht vergessen!“, rief ihr Schwester Jutta nach.

„Ein Ton ist das hier!“, meinte Schwester Inge. „Als der Dragoner noch da war, ging es nicht so unfreundlich zu. Und alles nur, weil eine neue Schwester kommt? Vielleicht ist sie wirklich prima. Was wisst ihr denn von ihr? Nichts. Warten wir doch einfach ab. Wann kommt sie denn?“

„Morgen früh ist sie hier“, erklärte Jutta, als sei sie in alle Geheimnisse der Klinik eingeweiht. „Und ihr werdet euch wundern, das sage ich euch. Eigentlich ist sie nämlich eine OP-Schwester.“

„Woher willst du das denn wissen?“, fragte Ingrid.

„Ich hab’ so meine Beziehungen zum Personalbüro, und die Wände dort sind dünn.“

„Bist du dagewesen, um zu lauschen?“, fragte Inge.

„Quatsch!“, wehrte Jutta ab. „Ich lausche doch nicht im Personalbüro, wenn ich hier Dienst habe. Bist du eigentlich bekloppt? Du bist verrückt! Da sitzen Leute nebenan, die alles mit anhören müssen, ob sie wollen oder nicht. Und da habe ich eben meine Beziehung.“

Die drei anderen Schwestern versuchten durch Überlegung herauszufinden, wer diese Beziehung sein konnte. Nebenan vom Personalbüro saßen nur zwei Angestellte, keine Männer. Und wenn Jutta von Beziehung sprach, meinte sie sonst in der Regel Männer.

„Wieso ist sie eine OP-Schwester?“, wollte Ingrid wissen.

„Weil sie OP-Schwester ist“, erklärte Jutta. „Die haben sie nur vorübergehend hier ‘reingeschoben. Und sobald richtiger Ersatz da ist, geht die ab in den OP; da gehört sie hin.“

„Na und? OP-Schwester sein ist ein harter Job. Und vor allen Dingen muss man da etwas auf dem Kasten haben“, meinte Schwester Inge. „Karin ist ja auch OP-Schwester, und jetzt macht sie die Station in der Spätschicht.“

„Karin, Karin. Das ist etwas ganz anderes. Die ist schon lange hier.“

„Als wenn man Methusalem sein müsste, um Stationsschwesterdienst machen zu können“, rief Schwester Erika mit vollem Mund. „Jedenfalls habe ich nichts gegen die Neue. Wenn sie mir meine Ruhe lässt ...“

„... und dir Zeit genug lässt, damit du essen kannst“, vollendete Schwester Jutta, „dann ist sie für dich die Größte, nicht wahr?

„Hör bloß auf mich zu frotzeln. Solange es mir schmeckt, kann ich auch gut arbeiten. Wenn es mir mal nicht mehr schmeckt, bin ich krank. Dann kannst du dann meine Arbeit mitmachen. Und außerdem geht es dich gar nichts an, ob ich esse oder nicht.“

Jutta blickte die stets hungrige Erika angewidert an und verzichtete auf eine Antwort.

Das Rufzeichen kam.

„So ein Mist. Auf 316 ist irgendwas. Die kommt wieder mal nicht klar. Passt richtig zu Manuela“, knurrte Schwester Jutta. „Wer geht denn? Los, Erika, ab die Post!“

„Geh’ du doch!“, fauchte Erika. „Wieso denn ich? Du siehst doch, dass ich noch esse. Du bist doch nicht mehr als ich? Du kannst mir doch keine Befehle geben! Geh’ du! Das ist die Alte. Die hat wieder gebrochen. Das tut sie immer um diese Zeit. Und die bringen ihr alles Mögliche von zu Hause mit. Das ist ja verboten, aber weiß der Teufel, wo sie es verstecken. Und sie frisst und frisst. Und dann wird es ihr schlecht. Der bekommt es nicht wie mir! Der wird es schlecht. Also, geh’ du auch mal hin! Ich habe es die ganzen letzten Tage weggeputzt.“

Jutta schüttelte nur den Kopf. Dann stand sie auf und bequemte sich hinauszugehen. Fast pomadig bewegte sie sich den Gang entlang. Plötzlich hörte sie hinter sich rasche Schritte. Sie dachte gar nicht daran sich umzudrehen. Aber dann war derjenige auf gleicher Höhe. Es war die Stationsärztin, Dr. Inge Simon-Stoll.

„Schwester Jutta, könnten sie etwas langsamer gehen? Sie sind ja so schnell, dass einen der Fahrtwind mitreißt. Die Patientin auf 316 hat einen Erstickungsanfall. Wollen Sie die Güte haben, Ihre Beine etwas schneller zu bewegen?“ Die letzten Worte hatte Dr. Simon-Stoll so scharf gesagt, dass Schwester Jutta regelrecht erschrak. Aber da war die Ärztin schon an der Tür, riss sie auf und stürzte ins Zimmer.

Die Patientin war eine ältere Frau. Sie lag hier allein. Schwester Manuela versuchte die zusammengesunken sitzende Frau aufzurichten.

„Ihr ist Erbrochenes in die Luftröhre geraten!“, rief sie der Ärztin zu.

Dr. Inge Simon-Stoll war eine erfahrene Ärztin. Sie brauchte nur einmal hinzusehen, um zu wissen, dass es nur noch Sekunden dauern würde, und diese Frau war endgültig erstickt.

Ohne auf die Schwester zu achten, griff sie zu, schob der Frau den Kopf in den Nacken und sagte barsch: „Machen Sie den Mund auf, schnell! Die Fensterklammern dazwischen! Voran!“

Schwester Manuela verstand. Dann war auch Schwester Jutta da. Zu zweit öffneten sie der Patientin den Mund, und die Ärztin griff einfach in den Mund hinein, zog mit der Linken die Zunge vor und versuchte das, was in die Luftröhre geraten ist, mit bloßen Fingern herauszuziehen. Und es gelang ihr. Es war ein Brocken Brot. Sie riss es heraus, die Patientin hustete, würgte, hustete wieder und erbrach erneut. Es geriet alles auf die Bettdecke, aber das war für Dr. Inge Simon-Stoll nicht von Bedeutung.

„Das nächste Mal langen Sie sofort hinein! Haben Sie verstanden?“, sagte die Ärztin zur jungen Schwester.

Schwester Manuela bekam einen roten Kopf. Sie zitterte so schon vor Angst. Eine solche Szene hatte sie noch nie erlebt. Schwester Jutta war blass geworden. Auch sie begriff, dass die Sache bitterernst gewesen war.

„Es wird höchste Zeit“, rief Dr. Inge Simon-Stoll aufgebracht, „dass endlich einmal kontrolliert wird, was man Ihnen hier hereinbringt.“ Sie blickte die Patientin zornig an. „Sie haben noch einmal Glück gehabt. Los, macht das Zeug weg hier!“, befahl sie den beiden Schwestern. Dann wandte sie sich wieder an die Patientin. „Immerzu essen Sie zwischendurch, erbrechen, machen uns einen Haufen Schweinerei hier im Zimmer. Jetzt haben wir Sie schon allein gelegt, weil Sie sich ständig mit den anderen Patientinnen gezankt haben. Nun ist aber Schluss!“ Sie ging zum Nachttisch, öffnete ihn und rief überrascht: „Nun sieh sich das einer an! Das ist ja ein halber Kühlschrank hier. Alles voll Lebensmittel. Hatten Sie Angst, bei uns zu verhungern? Und Bonbons, Schokolade. Dann essen Sie alles durcheinander.“

„Es schmeckt mir hier nicht, was es hier gibt.“

„Es schmeckt Ihnen nicht? Wir kochen nicht einmal hier im Hause. Es wird von auswärts gebracht. Erstklassige Kost ist das. In keiner Klinik in Bonn haben Sie so ein gutes Essen. Und Ihnen schmeckt es nicht. Sie wollen naschen, obgleich sie auf Diät gesetzt worden sind. Ihnen schmeckt die Diät nicht, das ist es. Aber sie wollen gesund werden. Sie fragen, wann Sie entlassen werden. Jeden Tag fragen Sie uns das bei der Visite. Wenn Sie so weitermachen, werden Sie nie entlassen. Fast wäre es zu spät gewesen.“

Die Schwestern hatten die Decken entfernt. Unter der Bettdecke hatte eine Tafel Schokolade gelegen. Die Ärztin nahm sie weg.

„Es wird höchste Zeit“, wandte sie sich an Schwester Jutta, „dass hier eine Stationsschwester herkommt. Nachmittags funktioniert hier alles prima. Da ist Schwester Karin da. Aber vormittags merkt man doch, dass hier niemand ist, der euch auf Trab bringt. Hier, diese ganzen Lebensmittel sind konfisziert. Weg damit!“ Sie wandte sich an die Patientin. „Sagen Sie Ihren Verwandten, sie können sich dieses Zeug vorne im Stationszimmer abholen. Und wenn sie noch einmal Lebensmittel in Ihr Zimmer bringen, bekommen die Besuchsverbot. Sagen Sie Ihren Leuten das. Vielleicht hilft es. Ich werde jetzt ständig nachsehen. Wenn ich hier Lebensmittel finde, dann spreche ich das Besuchsverbot aus, verlassen Sie sich darauf. Ich sehe nicht zu, wie meine Patientinnen umgebracht werden von den lieben Verwandten, die es zwar gut meinen und nicht wissen, was sie tun. Dann aber solche Gefahren heraufbeschwören. Wenn Sie schon nicht wissen, dass das alles für Sie Gift ist, dann müssen wir es Ihnen eben auf diese Weise beibringen. – Und jetzt wascht die Patientin ab!“, sagte sie zu den Schwestern. „Ich schicke euch gleich noch Verstärkung.“

Sie ging zum Stationszimmer zurück. Schwester Erika aß immer noch. Schwester Inge sah die Ärztin an wie ein bei einer Dummheit ertapptes Schulmädchen.

„Da hinten wartet eine Menge Arbeit. Schwester Erika, man wird Sie brauchen. Zimmer 316. Ich hoffe, Sie sind nicht verhungert, wenn Sie wiederkommen. Und Sie, Schwester Inge, Sie bleiben hier auf der Station, wenn etwas ist. Sollten Sie nicht klarkommen, holen Sie Ihre Kollegin von 316. Die sind dort noch eine Weile beschäftigt. Hat jemand eine Ahnung, wann die neue Stationsschwester kommt?“

„Ich glaube morgen“, erwiderte Schwester Erika kauernd und sah die Ärztin missbilligend an.

„Na, die wird euch hoffentlich auf Trab bringen. Das wird ja allerhöchste Eisenbahn, dass wieder frischer Wind weht. Kaum hat Schwester Else den Rücken gekehrt und ist mal krank, geht es hier bei euch schon drunter und drüber. Wo ist denn überhaupt Schwester Ingrid?“

„Es hat auf 311 geläutet. Sie ist dort“, sagte Schwester Inge kleinlaut.

„Also los, an die Arbeit. Es wird höchste Zeit, dass euch eine neue Schwester auf Trab bringt. Wirklich. Ich sehe es an allen Ecken und Kanten auf der Station in der Frühschicht. Das schreit ja zum Himmel!“

Als sie gegangen war, schlurfte Schwester Erika mürrisch von dannen. „Auf Trab bringen“, murmelte sie. „Immer auf Trab bringen. Die hätte Feldwebel werden sollen. Auf dem Kasernenhof herumschreien, das kann sie. Vielleicht hat Jutta doch recht. Wir sollten die Neue auflaufen lassen. Was will sie denn machen? Die kennt sich doch hier nicht aus. Aber Ingrid, die wird ihr natürlich helfen wollen. Aber mit Jutta braucht sie nicht zu rechnen, und wenn es so weitergeht, auch nicht mit mir.“

image
image
image

6

image

Für die ersten drei Tage hatte sich Schwester Karin bereit erklärt, beide Schichten zu übernehmen, um ihre alte Bekannte und Kollegin einzuarbeiten.

Beate war Karin dafür sehr dankbar. Die Schwierigkeiten begannen schon mit den medikamentösen Vorschriften, den Diätmaßnahmen und so vielen anderen Dingen, die ganz einfach im Handumdrehen gewusst werden mussten. Natürlich stand das alles auf Tabellen, war notiert, aufgelistet, aber im Notfall musste das schnell gehen. Es war keine Zeit dafür, dies alles erst auswendig zu lernen oder etwas nachzusuchen.

Als Beate ihren Dienst antrat, fand sie von den Schwestern pünktlich um sechs Uhr erst eine vor. Das war Schwester Ingrid. Sie begrüßten sich, und Beate spürte, dass Ingrid durchaus guten Willen zu sein schien. Sie wirkte freundlich und meinte: „Ich glaube, wir haben heute Glück. Die Nachtschwester hat nichts aufgeschrieben. Da war heute Nacht offenbar Ruhe.“

Karin kam dann, ging zusammen mit Beate alle Maßnahmen durch, die den Tag über getroffen werden mussten. Anschließend machte Schwester Karin die Patientinnen mit Beate bekannt.

Indessen tauchten die anderen Schwestern auf. Verschlafen die dralle Schwester Erika; schon wieder in deutlicher Opposition Schwester Jutta, und ebenfalls noch nicht ganz bei der Sache die beiden in Ausbildung befindlichen Schwestern.

Es war die Zeit, wo die beiden jungen Schwestern die Fieberthermometer in die Zimmer schafften und die Kladden, die an jedem Bett hingen vervollständigten. Auch Schwester Erika war mit Fieberthermometern unterwegs, gähnte unverhohlen und brummte nur einen mürrischen Gruß, als sie an ihrer neuen Vorgesetzten vorbeikam.

Beate spürte deutlich das abwartende Verhalten von Schwester Erika. Der Feindseligkeit von Schwester Jutta wurde sie ein paar Minuten später gewahr.

Der Zufall hatte ergeben, dass gegenwärtig ziemlich viele ältere Frauen auf der Station lagen, und ein großer Teil von ihnen hatte schwerwiegende Operationen hinter sich. Sie bedurften deshalb schon vermehrter Pflege. Schwester Jutta waren ältere Patientinnen ein Gräuel. Sie kam mit ihnen nicht zurecht, wie sie überhaupt die ganze Generation der Älteren ablehnte. Nur widerwillig erfüllte sie dringende Wünsche und sprang mitunter mit den Patientinnen in einer Weise um, dass es sogar den Lernschwestern, wenn eine davon dabei war, die Schamröte ins Gesicht trieb.

Beate hatte davon nicht die mindeste Ahnung. Nicht einmal Schwester Karin wusste das. Aber den anderen Schwestern war es bekannt. Mehrmals schon hatten sich Patientinnen bei der Stationsärztin beschwert. Aber mehr als einen Rüffel hatte Schwester Jutta bisher nie abbekommen, und Dr. Inge Simon-Stoll versuchte den Patientinnen entschuldigend klarzumachen, dass man gegenwärtig Personalprobleme hatte.

An diesem Morgen konzentrierte sich aller Groll, den Jutta empfand, auf die alte Frau Umgelter, jene Patientin, die gestern noch erbrochen hatte und fast daran erstickt war. Das launische Verhalten der alten Frau konnte eine Folge ihres langen Leidens sein und der schweren Operation, die sie hinter sich hatte. Aus diesem Grunde war sie allein gelegt worden. Aber sie langweilte sich. Vorher hatte sie diese Langeweile mit Essen betäubt, obgleich das wegen der vorgeschriebenen Diät verboten war. Und nun versuchte sie zu lesen. Aber sie hatte in ihrem Leben nie viel gelesen, sondern alles mit ihrer Hände Arbeit erschaffen. Sie war gewöhnt, etwas zu tun, etwas zu werkeln. Und gerade das ging auch nicht mehr. Ihre Hände zitterten; sie konnte nicht stricken. Das hätte sie so gerne getan. Und weil es mit dem Lesen auch nicht klappte, wollte sie wieder zu anderen gelegt werden. Und deshalb klingelte sie.

Es war Schwester Jutta, die zum Zimmer 316 gehen musste, und schon deshalb wütend war, weil sie annahm, die alte Frau Umgelter hätte vielleicht wieder erbrochen. Und das war für sie das Schlimmste, nämlich das Erbrochene wegmachen zu müssen.

So kam sie schon wutgeladen in das Zimmer hinein. Das Fieberthermometer, das die Lernschwester vorhin gebracht hatte, lag unbenutzt auf dem Nachttisch. Die alte Frau saß im Bett.

„Was ist denn schon wieder?“, fragte Schwester Jutta.

„Guten Morgen sagt man, wenn man irgendwo hereinkommt“, antwortete die alte Frau.

„Also, was wollen Sie?“ Erleichtert stellte Jutta fest, dass die Frau offensichtlich nicht erbrochen hatte.

„Ich möchte wieder in ein anderes Zimmer.“

„Ach was!“, rief Schwester Jutta und stemmte die Hände in die Hüften. „Jetzt wollen Sie in ein anderes Zimmer. Erst mit den anderen zanken, dass man Sie hierher verlegen muss und jetzt wieder zurück, dann wieder zanken, und immer dieser Kreis. Als wenn wir sonst nichts zu tun hätten. Meinen Sie, ich wäre zu meinem Vergnügen hier? Oder nur für Frau Umgelter? Es gibt noch andere Patientinnen in diesem Haus, nicht nur Sie!“

„Sie könnten ruhig etwas freundlicher zu mir sein.“

„Ach, halten Sie Ihren Mund, und wieso haben Sie denn noch nicht Fieber gemessen?“

Die alte Frau war gar nicht in der Lage, etwas zu antworten. Die Unverschämtheit der jungen Schwester wirkte auf sie wie eine grobe Beleidigung, und bis sie Worte gefunden hatte, wurde sie schon wieder von Schwester Jutta angefaucht.

„Das Thermometer stecken Sie sich gefälligst unter den Arm!“

„Aber ich habe doch ...“

Die alte Frau kam nicht dazu, ihre Erwiderung hervorzubringen. Da drückte ihr Schwester Jutta schon wieder das Fieberthermometer in die Hand und schoss auf die Tür zu.

Schwester Jutta hatte die Tür halb geöffnet, da rief die alte Frau: „Aber, Schwester, ich will doch ...“

„Ach, Sie können mich mal“, fauchte die Schwester, und schon war sie draußen, knallte die Tür hinter sich zu und wollte zurück zum Stationszimmer.

Gegenüber befand sich das Zimmer 315. In der geöffneten Tür stand Beate. Sie hatte die letzten Worte der Schwester, aber auch den Ruf der Patientin gehört.

Karin befand sich noch im Zimmer drin. Sie kam jetzt zur Tür, nickte freundlich den beiden Patientinnen zu und wandte sich dann an Beate. „So, wir können zum nächsten Zimmer, wenn ...“

„Augenblick“, sagte Beate. Und dann rief sie: „Schwester Jutta, könnten Sie mal einen Augenblick herkommen?“

„Was ist denn?“, fragte Schwester Jutta aufsässig.

Schwester Karin schloss die Tür. Beate wartete noch, bis die Tür zu war und Jutta vor ihr stand.

„Hören Sie mal, Schwester Jutta. Sie haben eben da drüben die Tür zugeworfen. Wissen Sie, dass das in einem Krankenhaus nicht üblich  ist?“

„Ach was, die ist mir aus der Hand gerutscht. Kann ja wohl mal passieren.“

„Und was haben Sie gesagt, als die Patientin Ihnen etwas nachrief? Als sie etwas von Ihnen wollte?“

„Was soll ich denn schon gesagt haben?“, fragte Schwester Jutta rebellisch.

„Moment mal!“, mischte sich jetzt Schwester Karin ein. „Was ist denn los gewesen? Was hast du gehört, Beate?“

„Ihr wurde von der Patientin nachgerufen, die wohl noch etwas wollte von ihr. Darauf erwiderte sie, die Patientin könne sie mal und knallte die Tür zu.“

„Wunderschön“, meinte Schwester Karin. „Dann können wir ja gleich mit ihr zur Oberin gehen oder wie?“

Jutta wurde krebsrot im Gesicht. „Das ist ja gar nicht wahr!“, behauptete sie. „Ich habe das nur so dahingesagt, nur für mich! Das hat die Patientin ja gar nicht gehört.“

„Das war so laut, dass ich es hören konnte“, entgegnete Beate, „und damit hat es auch die Patientin gehört.“

„Ach die. Ich glaube, die hört sowieso schwer. Und außerdem macht die uns hier alle verrückt. Sie werden das auch noch erleben, passen Sie mal auf. Die macht uns die Hölle heiß. Und überhaupt, das können Sie gar nicht beurteilen. Sie sind ja gerade mal gekommen. Und ich bin aber schon viel länger hier.“

Karin wollte sich wiederum einmischen und versuchte wohl, die Lage zu klären. Aber Beate wusste ganz genau, was sie jetzt zu tun hatte. Wenn es ihr nicht gelang, dieser Schwester ein für allemal klarzumachen, welche Formen hier zu herrschen hatten, dann war sie auf der Station verloren. Dann brauchte sie morgen nicht wiederzukommen.

„Sie werden jetzt hinübergehen“, sagte sie zu Jutta, „sich bei der Patientin entschuldigen, und sie fragen, welchen Wunsch sie hat. Und Sie werden es jetzt sofort tun! Haben wir uns verstanden?“

Jutta hatte es ganz anders vor. „Ich denke nicht daran“, erklärte sie. „Wie komm ich dazu?“, warf den Kopf in den Nacken. „Ich habe nichts Schlechtes getan. Ich brauche mich nicht bei dieser alten Kuh zu entschuldigen.“

„Das ist keine alte Kuh, das ist eine Patientin!“, fuhr sie Jutta an.

Und Karin sagte: „Das ist eine Unverschämtheit, so etwas zu sagen! Ich gehe mit Ihnen sofort zur Oberin.“

„Augenblick“, meinte Beate beschwichtigend. „Ich glaube, das können wir auch so lösen. Entweder entschuldigt sie sich, und ich zähle bis drei, dann hat sie es getan, im anderen Fall löse ich das Problem ganz allein. Ich glaube, Schwester Jutta ist nicht so dumm, dass sie nicht weiß, was ich damit meine.“

Karin sah ein wenig verständnislos auf ihre Kollegin, wandte sich dann Jutta zu und sah, dass deren Widerstand zu schmelzen schien. „Also, eins ...“

Jutta stand, rührte sich nicht von der Stelle.

„Zwei“, zählte Beate weiter.

Juttas Nasenflügel bebten. Sie ahnte wohl, dass Beate konsequent bleiben würde. „Also gut“, erklärte sie zerknirscht, „ich mache es. Aber es wird Ihnen noch mal leid tun. Auf mich brauchen Sie nie mehr zu zählen! Nie mehr, verstehen Sie!“

„Ich habe sehr gut verstanden. Aber jetzt entschuldigen Sie sich.“

Karin ging mit, um die Entschuldigung anzuhören. Am überraschten war die Frau Umgelter selbst, dass Schwester Jutta zurückkam, um sich zu entschuldigen. Die alte Frau sagte gar nichts. Sie hatte sogar vergessen, was sie vorhin von Jutta gewollt hatte. Als die Schwestern wieder draußen waren, schüttelte die alte Frau nur fassungslos den Kopf.

Beate wartete, bis Jutta da war, dann sagte sie: „In Zimmer 324 muss eine Patientin gefüttert werden. Das hat bis jetzt Schwester Inge getan. Sie werden sie ablösen und Schwester Inge zum Stationszimmer schicken.“

„Ich werde hier weggehen, dann sollen Sie mal sehen“, erklärte Jutta, „was Ihnen der Personalchef erzählt. Sie wissen ja, welche Probleme wir hier haben.“

„Das ist Ihnen überlassen. Wenn Sie weggehen wollen, müssen Sie kündigen. Aber solange Sie hier sind“, erklärte Beate, „werden Sie Ihren Dienst tun, und Sie werden ihn den Vorschriften entsprechend tun und auch nach Art dieses Hauses. Und jetzt tun Sie, was ich ihnen gesagt habe, und tun Sie es unverzüglich.“

Die nächste Gelegenheit, wo Beate durchgriff, war die schon kurz nach sieben angesetzte erste Kaffeepause. So etwas hat es zur Zeit des Dragoners, also von Schwester Else, nie gegeben. Die Idee war von Schwester Jutta gekommen, und Schwester Ingrid war die letzte, die imstande gewesen wäre, sich gegen die selbstbewusste Kollegin durchzusetzen. So wurden den halben Tag lang Kaffeepausen gemacht.

Als sich die Schwestern wie selbstverständlich im Stationszimmer versammelten, bevor das Frühstück ausgetragen wurde, da tauchte Beate auf, sah die versammelten Schwestern an und fragte überrascht: „Was ist denn hier? Ein Stehkonvent? Das Frühstück muss ausgetragen werden.“

„Wir machen vorher erst eine kurze Pause. Das haben wir immer getan“, behauptete Schwester Jutta.

„Es gibt vorher keine kurze Pause. Bevor Sie sich stärken, werden erst Mal die Patienten versorgt. Also, voran.“

„Moden sind das!“, knurrte Jutta, und auch Schwester Erika maulte, denn sie hatte wirklich Hunger. Und diese Kaffeepause gefiel ihr.

Beate sorgte für Arbeit. Und als das Frühstück ausgetragen worden war, wurde noch immer keine Kaffeepause gemacht, denn heute war Operationstag, und zwei Patienten waren schon von Schwester Karin weitgehendst vorbereitet worden. Keine Zeit also für Kaffeepausen.

Einmal waren Schwester Jutta und Schwester Erika allein.

„Was hab’ ich dir gesagt“, meinte Schwester Jutta. „Die spielt sich hier auf, und du hast gesagt, vielleicht ist sie ganz in Ordnung. Einen Dreck ist die. Du siehst ja, herumscheuchen tut sie einen. Ich hör hier auf, das sag ich dir! Ich haue glatt in den Sack! Ich mach nicht weiter. Nicht in dem Haus hier. Wer weiß, wie lange der Dragoner noch krank ist.“

„Da durften wir aber auch keine Kaffeepause machen“, erwiderte Schwester Erika.

„Und wenn schon. Beim Dragoner lass ich das gelten. Das ist eine alte Frau. Aber die da, die ist ja noch jung.“

„Ist aber viel älter als wir“, stellte Erika fest.

„Ach was. Und wenn schon? Auf alle Fälle ist das eine blöde Ziege. Aber ich hab’ der was gesagt, das glaub mir. Und bevor ich abhaue, sag ich der noch ganz was anderes.“

„Red doch nicht so einen Quatsch. Schwestern wie uns gibt es zur Zeit genug. Was es nicht gibt, das sind die zwei, Karin und die Neue. Sonst könnten wir ja auch weiterkommen.“

„Bilde dir nur nicht ein, dass die sofort wieder jemanden finden. Ich weiß schon, was der Personalchef sagt. Der wird mir anbieten in eine andere Abteilung zu gehen. Vielleicht mach ich das auch. Tausche. Geh’ woanders hin. Von dieser blöden Kuh weg.“

„Aber eigentlich hatte sie sogar recht, nicht wahr? Du hast die Tür geschmissen. Ich hab’ es bis vorn gehört.“

„Na und? Sie ist mir aus der Hand gefallen, verstehst du das nicht? Ist dir noch nie eine Tür aus der Hand gefallen?“

„Dir fällt aber oft die Tür aus der Hand“, bemerkte Erika.

„Jedenfalls werde ich es dieser Ziege noch fürs Geld machen, solange ich hier bin, das kannst du mir glauben. Die will mich hier klein kriegen? Da muss sie aber früher aufstehen. Mich macht die nicht klein. Eher mach ich sie klein.“

Erika sagte gar nichts, aber sie traute Jutta schon zu, dass der irgend etwas einfiel, womit sie die Stationsschwester ärgern konnte.

image
image
image

7

image

Beate hatte sich entschlossen, über das Schichtende hinaus Karin zu unterstützen, die ja ihr zuliebe schon am Morgen gekommen war. Und bei der Gelegenheit verringerte sich die Zeit, die sie zur Einarbeitung brauchte.

Es ging relativ gut. Natürlich musste sie noch sehr Vieles lernen, sehr viele Dinge waren ihr völlig ungewohnt, weil sie das vom OP-Dienst nicht kannte, doch beinahe von Stunde zu Stunde lief alles viel besser. Schwierigkeiten machten ihr nicht die Patienten oder das, wovor sie sich anfänglich gefürchtet hatte, sondern diese Schwester Jutta und deren Freundin Erika. Immerhin gehorchte Schwester Jutta, doch dass sie auf eine Chance wartete, war nicht zu übersehen.

Gegen halb vier ging Beate noch einmal ins Personalbüro, wo man sich um eine Unterkunft für sie bemühen wollte.

Der Personalchef empfing sie mit einem strahlenden Lächeln. „Ich habe Glück gehabt“, verkündete er, als Beate vor seinen Schreibtisch trat. „Allerdings“, fügte er ernst hinzu, „können Sie nicht mit einem Einzelzimmer rechnen, aber das hatte ich Ihnen ja schon gesagt. In Ihrem Fall haben wir sogar eine besondere Ausnahme. Eine von unseren Assistenzärztinnen ist bereit, das Zimmer mit Ihnen zu teilen. Es ist Frau Doktor Liebherr. Sie ist etwa in Ihrem Alter, eine sehr charmante junge Frau. Ich glaube, Sie werden sich gut mit ihr verstehen. Von ihr aus könnten Sie heute schon einziehen, das wäre gar nicht so ungünstig. Soviel ich weiß, haben Sie ein Hotelzimmer. Ist ja auch nicht billig, hier.“

„Nein, das kann man wirklich nicht behaupten“, bekannte Beate. „Ich finde das sehr nett, aber ich möchte mich zumindest ihr einmal vorstellen, mich mit ihr bekannt machen.“

Kremer nickte. „Richtig“, er sah auf die Uhr, „jetzt im Augenblick werden Sie sie wohl nicht bekommen ... nein, warten Sie mal! Sie könnte jetzt bei der Nachmittagsvisite sein. Gehen Sie einfach mal auf die Innere Station, sie müsste da sein.“ Er klappte ein Buch auf und nickte. „Ja, sie hat heute Dienst, sie ist da.“

Wenig später war Beate in der Inneren Station, fragte sich nach der Assistentin, Dr. Hanni Liebherr, durch und traf dann auf dem Flur auf eine große blonde, schlanke Frau, die tatsächlich etwa in ihrem Alter war. Von Anfang an war ihr die junge Ärztin sympathisch. Sie hatte etwas Nettes, Offenes, so ähnlich wie die Stationsärztin der gynäkologischen Abteilung, Dr. Inge Simon-Stoll. Man hatte sofort das Gefühl, in offene Karten zu blicken.

„Sie sind also Frau Demelt?“

„Na ja, hier im Hause bin ich jetzt Schwester Beate.“

Die junge Ärztin lachte. „So möchte ich Sie nun bestimmt nicht anreden. Ach, wissen Sie was, wir sind doch gleichaltrig, machen wir nicht viel Theater, nennen wir uns mit dem Vornamen, und die Sache hat sich. Ich habe es auch nicht gern, wenn man mich ständig mit Frau Doktor anspricht. Ich heiße Hanni mit Vornamen.“

Sie gaben sich die Hände, und Beate hatte sofort das Gefühl, einem Menschen gegenüberzustehen, auf den sie bauen konnte. Vielleicht beruhte das auch auf Gegenseitigkeit, denn Hanni Liebherrs Händedruck war fest, sie strahlte Beate an und sagte dann, bevor sie sich verabschiedeten: „Kommen Sie heute Abend, kommen Sie gleich. Sie können ja das andere Zeug später holen lassen. Kremer hat mir gesagt, dass Sie ein Hotelzimmer haben. Das muss ja ein Vermögen kosten. Von mir aus können Sie heute schon kommen. Ich habe heute Abend Bereitschaft, und wenn Sie Lust haben und nichts anderes auf Ihrem Programm steht, könnten wir uns dann auch noch ausquatschen.“

Beate wollte eigentlich heute Abend zu Angelika Pochwitz gegangen sein, fand es aber gut, die Gelegenheit beim Schopf zu packen, um so ihre Zimmernachbarin besser kennenzulernen.

Sie stimmte also zu, und dann ging sie wieder an ihre Arbeit.

Eigentlich dauerte die Spätschicht bis kurz vor zweiundzwanzig Uhr, doch schon um neunzehn Uhr sagte Karin: „Jetzt ist aber Schluss, Beate. Jetzt haust du ab. Hier passiert ja nicht mehr viel. Und da ist auch nichts, was du mir abnehmen könntest. Ich komme morgen früh zwei Stunden später. Ich glaube, jetzt bist du schon so drin, dass du die ersten zwei Stunden alleine packst.“

„Ich denke doch; ich hoffe es jedenfalls“, meinte Beate. Dann ging sie.

Sie musste noch ihre Sachen vom Hotel holen. Aber erst wollte sie sich einmal das Zimmer ansehen. Der Trakt mit den Personalräumen lag im obersten Geschoss; Dachgeschoss sagten die Schwestern dazu. Die meisten der älteren Schwestern hatten Zimmer irgendwo in der Stadt. Viele waren verheiratet, wohnten dann sowieso nicht mehr hier im Haus. Aber es gab ein paar jüngere Ärzte und Ärztinnen, eine ganze Reihe von Medizinalassistenten, und dann eben sehr viele junge Schwestern, die hier im Hause wohnten.

Als Beate endlich das Zimmer auf dem langen schmalen Gang, von dem so viele Türen abgingen, gefunden hatte, war Dr. Hanni Liebherr schon da. Es war ein kleiner Raum mit einer schrägen Wand auf der einen Seite, rechts und links standen die Betten und hinten an der Schrägwand befanden sich Einbauschränke. Hanni Liebherr saß auf ihrem Bett und hatte gerade in einem Buch gelesen. Sie legte es jetzt weg. Nun, da sie nicht mehr den weißen Kittel trug, sondern eine legere Hemdbluse in weiß und dunkelblauen Hosen, kam sie ihr, Beate, viel jünger vor.

„Hallo“, rief Hanni Liebherr, „da sind Sie ja. Und wo sind die Koffer?“

Beate hatte noch den Kittel über dem Arm hängen. „Ich wollte sie gerade holen, hatte aber vor, mir erst einmal das Zimmer anzusehen, damit ich weiß, was ich überhaupt unterbringen kann.“

„Wir haben draußen noch einen Schrank in der Wand für die Kleider und Sachen, die man nicht alle Tage braucht. Eigentlich“, fügte Hanni Liebherr hinzu, „ist das eines der privilegierten Ärztezimmer. Die Schwesternzimmer sind erheblich spartanischer eingerichtet. Aber Sie sind ja auch nicht irgendeine kleine Schwester, Sie sind ja eine Stationsschwester, deswegen hat sich Kremer wohl diesen Ruck gegeben. Ich finde das blödsinnig, dass man Unterschiede macht. Sehen Sie“, Hanni war aufgestanden, „da drüben diese Wandschränke sind alle Ihre. Und die Kommode da vorn rechts, die können Sie auch vollstopfen. Soll ich Ihnen helfen, die Koffer zu holen? Haben Sie viel davon?“

„Nein, nein, um Gottes Willen, lassen Sie nur. Ich kann das allein tun. Ich nehme mir ein Taxi und ...“

„Ein Taxi? Das ist doch Blödsinn, da können wir doch mit meinem Wagen fahren. Ich habe einen Kombi, da geht eine Menge rein. Es ist zwar eine kleine Karre, aber Sie werden staunen, wie man das Ding vollstopfen kann.“

„Das kann ich doch nicht annehmen, da haben Sie noch mit mir Arbeit, obgleich Sie schon das Zimmer teilen müssen und ...“

Hanni Liebherr ließ Beate gar nicht ausreden. „Nun hören Sie aber auf, reden Sie nicht solchen Unsinn! Wir sind jetzt Partner in diesem Zimmer, wir müssen es miteinander aushalten. Ob das immer so glatt geht, ist eine Frage für sich. Auf alle Fälle wollen wir beide guten Willens sein. Ich möchte Ihnen also helfen. Ich habe sowieso nichts zu tun.“

Der Sprache nach war Hanni Liebherr eine Norddeutsche. Sie hatte etwas Quicklebendiges an sich, etwas Aufmunterndes. Und ihre Fröhlichkeit steckte an. Beate, die in den letzten Tagen leicht in Trübsinn verfiel, fühlte sich aufgemuntert durch Hanni Liebherr.

Sie gab also nach, stimmte zu und dann fuhren sie in Hanni Liebherrs betagtem VW-Kombi zum Hotel, um die Koffer zu holen. Die Fahrt über war trotz des lebhaften Verkehrs, der noch immer herrschte, ein angeregtes Gespräch im Gange. Irgendwie hatte Beate das Gefühl, dass sie beide sich gesucht und gefunden hatte. Die quirlige Hanni Liebherr hatte ständig ein neues Thema auf Lager. Es musste den Anschein erwecken, als plapperten sie beide fröhlich drauflos. Tatsächlich aber steuerte Hanni Liebherr das Gespräch nach ihrem Belieben. Es waren auch keine Allerweltsthemen, die sie aufbrachte, es war eine Art Fühlungnahme von ihr aus, womit sie herausfinden wollte, welcher Mentalität ihre Zimmerpartnerin war. Und da musste sie staunen. Beate hatte eine gute Bildung, nicht nur das. Sie interessierte sich für sehr viele Dinge, für die auch Hanni Liebherr sympathisierte. Kurz und gut, Hanni Liebherr kam zu dem Schluss, dass sie „beide auf derselben Wellenlänge lagen“.

Von nun an machte sich Hanni Liebherr keine Mühe mehr, irgendwelche Themen aufzubringen, um nur herauszufinden, welch Geistes Kind Beate war. Denn jetzt ging sie aus sich heraus, freute sich, nicht mehr allein in einem Zimmer zu sitzen, freute sich, einen Menschen zu haben, mit dem sie sich aussprechen konnte. Denn Hanni Liebherr hatte ebenfalls Probleme mit ihrer Vergangenheit. Probleme, die diese von Grund auf fröhliche Frau, in den letzten Wochen sehr bedrückt hatte. Aber davon sprach sie nicht, redeten die Frauen an diesem Abend noch nicht.

Sie holten die Koffer, und Beate richtete sich notdürftig ein. Später saßen sie noch da und unterhielten sich über alles mögliche, was die Klinik betraf. Nichts persönliches von sich. Beide schienen es zu vermeiden, von ihren eigenen Problemen zu sprechen, und doch wussten sie alle zwei, dass es gerade diese Probleme waren, um die es im Grunde ging, die sie beschäftigten, die sie bedrückten.

Immerhin erfuhr Beate von Hanni Liebherr, dass sie sich in der Facharztausbildung befand und vor einem guten Jahr aus Hamburg gekommen war. Sie ließ anklingen, dass sie damals noch voller Hoffnungen und begeistert hier ihren Dienst in der Klinik angetreten hatte. Damals befand sie sich bereits im dritten Facharzt-Ausbildungsjahr.

„Und warum sind Sie nicht mehr begeistert?“, wollte Beate wissen.

Hanni Liebherr wurde ernst. Sie vermied es Beate anzusehen, als sie sagte: „Es hat nichts mit der Arbeit hier zu tun, die geht noch. Es hängt mit einem Menschen zusammen, mit dem ich gezwungen bin, zusammenzuarbeiten. Aber ich kann nicht noch einmal die Stelle wechseln, die Ausbildung unterbrechen und woanders hingehen. Es würde nicht gut aussehen, obgleich ich es am Liebsten täte.“

Beate, die nicht ahnte, um was es ging, fragte: „Hängt es mit Ihrem Vorgesetzten zusammen? Ist er unzufrieden mit Ihnen ...“

„Es hängt mit ihm zusammen, das ist richtig. Aber es ist eine persönliche Sache, nichts Berufliches. Doch so etwas spielt in den Beruf hinein, verstehen Sie. Ich möchte nicht gern darüber reden.“

„Entschuldigen Sie“, sagte Beate. „ich wollte nicht aufdringlich fragen. Seien Sie mir nicht böse. Ich wusste nicht, dass es ...“

Hanni Liebherr lachte, machte eine wegwerfende Handbewegung. „Macht doch nichts. Sie können es ja nicht wissen. Aber kommen wir auf Sie zurück. Gefällt Ihnen die neue Arbeit? Sie sagten, Sie seien OP-Schwester gewesen. Das ist doch eine ziemliche Umstellung.“

„Ist es. Aber so allmählich, glaube ich, werde ich mich hineinfinden. Mit den Patienten habe ich keine Schwierigkeiten, ein paar Kollegen haben eine etwas eigenwillige Ansicht, aber ich hoffe, das lässt sich alles noch hinbiegen.“

„Müsste“, meinte Hanni Liebherr. „Ich kenne die Stationsschwester, die vor Ihnen dort gewesen ist, die einen Kreislaufzusammenbruch erlitten hat, eine relativ alte Schwester ist das gewesen, und ich glaube, sie kommt sogar wieder. Die hatte die Abteilung eisenhart im Griff.“

„Ich weiß“, erwiderte Beate lächelnd, „sie nennen sie den Dragoner.“

„Ich glaube, diese Frau hat aber ein gutes Herz. Ich hatte nur wenig mit ihr zu tun, aber diesen Eindruck habe ich doch von ihr bekommen. Sie ist eine großartige Schwester mit einer sehr großen Erfahrung, und viele von uns jungen Ärzten können etwas von ihr lernen. Sie hat auch manchem von uns schon über die Runden geholfen. Und die vielen Medizinalassistenten, die bei ihr regelrecht in die Schule gegangen sind.“

„Das habe ich auch gehört. Mit so einem Talent kann ich natürlich nicht aufwarten.“

„Na ja, Sie sagten ja, sie wollten wieder in den OP zurück.“

„Möchte ich liebend gern, aber vielleicht macht es mir dann auch auf der Station Spaß.“

Hanni Liebherr beugte sich vor und sah Beate an, die ihr gegenübersaß. Das Licht der Lampe, die sie inzwischen hatten einschalten müssen, warf einen schummrigen Schein in dieses Zimmer.

„Hören Sie, sollten wir nicht offen miteinander reden? Wir werden die nächste Zeit hier zusammen sein. Und ich habe das Gefühl, es wird ganz gut gehen mit uns. Jedenfalls war der Anfang in Ordnung. Warum haben Sie wieder angefangen zu arbeiten?“ Sie blickte auf Beates Hand. „Sie haben rechts einen Ring getragen. Sie waren verheiratet, nicht wahr?“

„Ja, das war ich. Ich bin es eigentlich noch. Ich habe noch nicht einmal die Scheidung eingereicht, dazu bin ich nicht gekommen. Das mit der Stelle hat ja so schnell geklappt.“

„Also auch ein Mann, genau wie bei mir. Waren Sie lange verheiratet?“

Beate zuckte die Schultern. „Ich weiß nicht, was lang ist. Fünf Jahre können eine Ewigkeit sein oder auch nicht. Es kommt auf den Standpunkt an.“

„Fünf Jahre sind eine Ewigkeit, wenn es der Falsche war. Eine unendliche Ewigkeit“, meinte Hanni Liebherr nachdenklich. „Sind denn Kinder da?“, fragte sie interessiert.

Beate schüttelte den Kopf. „Er wollte keine. Ich war immer traurig deshalb. Aber jetzt bin ich froh.“

„Da können Sie auch wirklich froh sein. Kinder sind immer die Opfer. Und nun stürzen Sie sich in die Arbeit, um alles zu vergessen. Lässt es sich nicht mehr reparieren?“

Beate schüttelte den Kopf. „Ich glaube nicht. Das heißt, ich glaube es nicht nur, ich weiß es. Da ist nichts zu reparieren.“

„Das sagt man leicht, aber später, wenn man darüber nachdenkt, gibt es doch eine Menge Möglichkeiten, um wieder alles in Ordnung zu bringen.“

„Hier nicht.“ Beate wollte nicht erklären, warum sie das sagte. Sie mochte die Geschichte mit der Vergewaltigung niemanden mitteilen, niemanden außer Angelika Pochwitz. Und die hielt den Mund, da war sie sicher. Beate fragte sich sogar, ob es richtig wäre, die Anwältin zu informieren.

Sie hatte gestern einen Termin bei der Anwältin gehabt, aber der war kurzfristig verschoben worden. Nun musste sie am Dienstag hinkommen. Auf einen Tag, hatte ihr die Anwältin am Telefon gesagt, kommt es nicht so genau an.

Sie fürchtete sich davor, Rüdiger irgendwo zu treffen. Als sie an ihn dachte, runzelte sie die Stirn und ihre Augenbrauen zogen sich zusammen.

Hanni Liebherr hatte Beate beobachtet. „Jetzt denken Sie an ihn, nicht wahr?“, fragte sie.

Beate schrak aus ihren Gedanken. „Ja, so ist es. Ich denke daran. Fünf Jahre sind wirklich eine lange Zeit, aber es hat mit einem Knall geendet, mit einem entsetzlichen Knall.“

Und sie sagte das mehr für sich, war wieder von ihren Gedanken gefangen, wie es weitergehen sollte. Eigentlich, so dachte sie, kann ich froh sein. Ich habe meine Arbeit, ich habe eine Unterkunft, und alles Übrige kann ich in Ruhe lösen. Nichts zwingt mich, etwas zu tun, was ich nicht will. Ich habe keine Kinder, das ist gut. Jetzt ist es gut, obgleich ich sie mir immer gewünscht habe. Aber ich weiß nicht, ob ich sie mir jemals wieder wünschen würde. Ob ich überhaupt fähig wäre, mit einem Mann wieder zusammen zu sein.

Hanni Liebherr lehnte sich zurück, beugte den Kopf bis zur Lehne des Stuhles und sah zur Decke empor.

„Wir haben uns wahnsinnig geliebt“, sagte sie. „Er war damals Oberarzt, ein fantastischer Mann, sah gut aus, unerhört sportlich, konnte wunderbar segeln, spielte erstklassig Tennis, und er hatte auch viele andere Hobbys, zum Beispiel Klavierspielen. Ihm zuzuhören, das war schon wie eine Liebeserklärung. Ich habe ihn vergöttert. Es hat Wochen, Monate gegeben, in denen ich gar nicht bewusst gelebt habe. Ich bin wie auf Daunen dahingeflogen, habe geschwebt wie auf einer Wolke, auf einer Wolke im siebten Himmel. Und ich habe gedacht, ich hätte ihn allein. Aber ich hatte ihn nicht allein ...“

„Er war verheiratet, nicht wahr?“, fragte Beate.

Hanni Liebherr sah Beate überrascht an. „Wieso? Nein, er war nicht verheiratet.“ Sie lächelte nachsichtig. „Nein, nein, das ist es nicht gewesen. Vielleicht hätte ich mich daran gar nicht gestört“, meinte sie nachdenklich. „Ich befand mich in einer Verfassung, da wäre mir das egal gewesen. Und ich hätte mich auch zu seiner Geliebten gemacht, einfach so. Nur mich nie von ihm trennen müssen. Immer bei ihm bleiben können, das wäre mir das Entscheidende gewesen. Es war im Grunde etwas viel Schlimmeres. Er ging nach Bonn, wurde hierher gerufen, bekam eine Stelle als Chefarzt, erhielt hier sogar seine Habilitation, wurde ordentlicher Professor und wir arbeiteten in derselben Klinik hier im Hause.“

Beate ahnte, von wem sie da sprach. Es konnte nur der Chefarzt der Inneren Station sein. Aber Beate sagte nichts, zumal sie diesen Mann nicht kannte. Sie sah gespannt auf Hanni Liebherr und hörte die sagen: „Er ging nach Bonn, kam hierher. Ich blieb in Hamburg zurück. Ich hatte gedacht, er beschafft mir eine Stellung. Ich drängte, ich telefonierte dauernd mit ihm, fuhr dann hierher. Er hatte nichts getan. Ich bemühte mich selbst, und überraschend klappte alles. Damals hatte ich noch gedacht, er müsste begeistert sein. Er heuchelte Freude. Dass es geheuchelt war, wusste ich nicht. Ich war einfach blind, ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass ein Mann, den ich so heiß und innig liebte, seine Liebe mir gegenüber in Grenzen halten kann, oder dass es am Ende vielleicht gar keine richtige Liebe ist. Dann passierte dies und das. Erst war es eine Laborantin, dann seine Sprechstundenhilfe, schließlich eine Zimmerschwester, später eine Medizinalassistentin. Ich gebe zu, er sieht so gut aus, dass sich die Frauen um ihn reißen, dass sie sich regelrecht an ihn heranpirschen. Jetzt lebt er mit einer Studentin zusammen. Er ein Mann von vierzig und sie ein Mädchen von einundzwanzig.“

Beate wusste nicht, was sie dazu sagen sollte. Trost kam ihr dumm vor. Ihr selbst hätte Trost auch nicht geholfen. Ging sie darauf ein, so meinte sie, würde sie nur in einer Wunde wühlen. Also schwieg sie einfach und blickte Hanni Liebherr an, teilnahmsvoll zwar, aber doch ohne das Verlangen, mehr von dieser Beichte zu hören.

Hanni Liebherr schüttelte den Kopf, als könnte sie damit quälende Gedanken loswerden. Dann lachte sie. Es sah nicht fröhlich aus, eher verkrampft, gewollt, gekünstelt.

„Es muss irgendwie weitergehen. Das Schlimme ist nur, dass wir uns jeden Tag sehen. Wieder und wieder. Ich glaube, er hasst mich. Und ich ... ich habe ihn noch vor Kurzem geliebt. Jetzt nicht mehr. Jetzt bin ich geheilt, jetzt bin ich es los. Es quält mich auch nicht mehr ganz so schlimm wie am Anfang. Und doch bohrt es. Und es bohrt, wenn er mir einen Befehl gibt. Und es sind Befehle, die er mir gibt, keine Anweisungen. Wenn er mit mir spricht, hat seine Stimme so etwas Gepresstes, als müsste er seine Wut unterdrücken. Seine Wut darauf, dass ich noch vor seinen Augen herumlaufe. Er spielt sich auf wie ein König, wie ein Herrscher. Früher habe ich das gar nicht bemerkt, wie er mit seinen Untergebenen umgeht. Jetzt kränkt es mich, tut mir weh. Auch wenn er eine Schwester herrisch anschreit oder einen Kollegen von mir so behandelt.“

Sie schüttelte den Kopf, seufzte und meinte: „Ich sollte es Ihnen gar nicht erzählen. Wir kennen uns erst seit Kurzem, und schon lege ich Ihnen meine ganzen Probleme auf den Tisch. Ziemlich albern, nicht wahr?“ So, wie sie jetzt Beate ansah und mit ihrem Blick regelrecht um Vergebung bat, tat sie Beate leid.

„Das müssen Sie nicht denken“, beruhigte sie Beate. „Ich kann es schon verstehen, ich glaube, dass Sie die ganze Zeit jemanden gebraucht hätten, um mit ihm über alles zu sprechen. Vielleicht hätten Sie sich besser gefühlt. Ich habe meine Probleme auch mit einer Freundin besprochen, und seitdem geht es mir schon etwas besser. Man fühlt sich sonst so grenzenlos allein.“

Hanni Liebherr nickte heftig. „Das ist es. Sie haben es ausgesprochen, man fühlte sich grenzenlos allein. Mir geht es so. Ich hatte immer dieses Zimmer für mich. Wissen Sie, ich bin kein Mensch, der allein leben kann. Den Tag über die Arbeit, da war ich abgelenkt, aber abends dann, wenn ich hier gesessen habe, hier allein, das ist furchtbar gewesen. Ich hätte mich gern jemandem mitgeteilt.“

„Sie hätten einmal ausgehen sollen.“

„Nein.“ Hanni schüttelte heftig den Kopf. „Nicht ausgehen, so etwas ist mir ein Gräuel. Ich fühlte mich nicht in der Lage, irgendwo hinzugehen oder etwa gar einen Mann kennenzulernen. Einen anderen, der mich dann genauso behandelt. Von Männern habe ich die Nase voll.“

„Ich weiß nicht, eigentlich geht es mir genauso“, bekannte Beate. „Aber auf der anderen Seite habe ich mir überlegt, dass es ungerecht ist, alle zu verteufeln, weil wir mit einem Pech hatten. Es liegt auch, meine ich, ein bisschen an uns selbst.“

„Ach was“, meinte Hanni, „ich habe längst damit aufgehört, immer nur bei mir die Schuld zu suchen. Das habe ich früher getan. Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr“, erklärte sie lachend.

„Jetzt hat Ihre Fröhlichkeit wieder die Oberhand“, meinte Beate erleichtert. „Sie können so herzlich lachen, das hat mir sofort an Ihnen gefallen.“

„Und wissen Sie, was mir an Ihnen gefallen hat?“, erwiderte Hanni. „Ich hatte irgendwie das Gefühl, dass Sie ein Mensch sind, der nicht so oberflächlich ist. Ich hatte von Anfang an den Eindruck, dass man mit Ihnen über alles reden kann, und jetzt weiß ich, dass mich mein Gefühl nicht getrogen hat. Es ist nur schade, dass Sie so ein Pech hatten. Aber vielleicht ist es ein Glück, ich denke manchmal, es ist ein Glück.“

„Ich möchte nicht mehr von früher reden“, sagte Beate. „Ich möchte auch niemanden mein Herz ausschütten. Am Anfang hätte ich das gerne getan. Aber seit ich mit meiner Freundin Angelika gesprochen habe und alles los bin, habe ich mir vorgenommen, es nicht mehr aufzurühren. Es ist wie aus grauer Vorzeit, eine Sache, die mich zwar noch angeht, aber die ich einfach verdrängen möchte. Ich habe mir ein Ziel gesetzt, ich will etwas Neues aufbauen. Mit dem Beruf hat es angefangen, eine neue Umwelt, alles anders. Und ich hoffe, ich habe etwas gelernt.“

„Ich weiß nicht, ob wir etwas gelernt haben“, erwiderte Hanni zweifelnd. „Wir denken immer, wir haben etwas gelernt, und dabei sind wir drauf und dran neue Fehler zu machen, und was für welche. Übrigens habe ich für morgen Abend Karten.“

Beate sah Hanni verständnislos an, weil sie den Gedankensprung nicht sofort nachvollziehen konnte. „Karten?“, fragte sie.

Hanni lachte. „Ja, ein Fußballspiel. In Köln, im Müngersdorfer Stadion.“

„Fußball? Dafür habe ich mich noch nie interessiert.“

„Das ist eine Bildungslücke“, behauptete Hanni. „Ich gehe leidenschaftlich gerne zu Fußballspielen. Ich bin ein richtiger Fan. Hätten Sie keine Lust? Es ist ein sehr gutes Spiel. Bayern München gegen den l.FC Köln.“

Beate lachte. „Ich habe davon gehört, aber es sagt mir nicht viel.“

„Wissen Sie was? Kommen Sie einfach mit. Sie haben doch Frühdienst, nicht wahr?“

„Das stimmt, aber ...“

„Kein aber. Ich habe den Wagen, wir fahren nach Köln, und da sind wir im Handumdrehen. Das Spiel beginnt um neunzehn Uhr.“

„Und wie lange dauert es?“, fragte Beate naiv.

Hanni lachte und schlug sich mit der flachen Hand auf den Schenkel. „Sie sind gut. Ein Fußballspiel dauert neunzig Minuten, daran beißt die Maus keinen Faden ab. Dazu kommt noch die Pause, eine Viertelstunde, also sagen wir, alles in Allem muss man schon mit zwei Stunden rechnen. Und dann die Hin und Rückfahrt.“

„Ich weiß nicht, ob das etwas ist.“

„Hören Sie, kommen Sie ruhig einmal mit. Man muss auch etwas Neues erleben. Als ich letztes Jahr in Spanien im Urlaub war, habe ich mir sogar einen Stierkampf angesehen, obgleich das eine entsetzliche Sache ist.“

„Also gut, ich komme mit“, erklärte Beate. „Ich weiß zwar nicht, ob ich das überhaupt begreife, was da geschieht, jedenfalls geht es mir immer so, wenn ich das im Fernsehen auf dem Bildschirm ...“

„Auf dem Bildschirm“, unterbrach sie Hanni. „Das ist etwas ganz anderes. Da sieht man ja immer nur einen Ausschnitt, aber wenn Sie das richtig live erleben, ist das eine ganz andere Sache. Ich wette mit Ihnen, dass Sie ganz begeistert sein werden. Ich erkläre Ihnen auch alles, was Sie womöglich nicht verstehen.“

„Danke“, sagte Beate lachend, „aber es ist verrückt, es ist wirklich verrückt. Gestern noch habe ich mir den Kopf zerbrochen, wie der heutige Tag sein wird. Ich habe Probleme gesehen, wo überhaupt keine waren. Und da, wo tatsächlich Probleme aufgetaucht sind, da hatte ich sie eigentlich nie erwartet. Ich habe mir ausgemalt, wie es sein wird, wenn der Dienst vorbei ist und mit keinem Gedanken gerechnet, was tatsächlich kommt. Und morgen gehe ich zu einem Fußballspiel.“ Sie schüttelte den Kopf, als könnte sie es selbst nicht fassen. „Mein Mann wollte immer, dass ich mitgehe. Er war ein leidenschaftlicher ...“

„Von Ihrem Mann wollen wir nicht reden, Beate, das gehört zu gestern. Vorhin noch haben Sie mir gesagt, dass Sie nicht mehr zurücksehen möchten. Das hat mir so imponiert, dass ich das für mich auch beschlossen habe. Jetzt dürfen Sie nicht rückfällig werden.“

Beate nickte. „Sie haben recht. Ich werde also mit Ihnen zum Fußballspiel gehen. Auf die Idee, dass ich einmal das tue, wäre ich vielleicht nie gekommen. Aber gut, vielleicht muss alles so sein. Vielleicht ist der Auftakt meines neuen Lebens so verrückt.“

„Ein Fußballspiel ist nichts Verrücktes“, erklärte Hanni. „Das ist eine absolut realistische Geschichte, Sie werden das sehen. Die Männer, die da unten herumlaufen, wissen ganz genau, was sie tun. Es geht schlicht um Geld, wie alles. Allerdings gibt es auch eine ganze Reihe von Idealisten, wie in unserem Beruf. Ich bin auch so eine Idealistin, obgleich sich viele Menschen in meiner Umgebung Mühe geben, mir den Zahn des Idealismus zu ziehen. Am Liebsten mit der Schmiedezange.“

„Seien Sie nicht so pessimistisch. In meinem Stationszimmer hängt ein Spruch an der Wand. Da sagte eine von den jungen Schwestern, dass der Dragoner diesen Spruch an die Wand gehängt hätte. Da steht drauf: Erst der Patient, dann du, denn vielleicht bist du morgen auch ein Patient.“

„Ein guter Spruch“, meinte Hanni. „Wirklich ein guter Spruch. Das sollte sich manche Schwester hinter die Ohren schreiben und vor allen Dingen auch mancher Arzt. Ich komme Sie morgen mal kurz besuchen, wenn ich in der Nähe bin. Wir hatten eine Patientin, die wir an Sie abgegeben haben, eine schlimme Geschichte.“

„Wer ist das?“ fragte Beate.

„Ich erinnere mich sogar an den Namen dieser Patientin. Eine ältere Frau, Umgelter heißt sie. Sie kam mit allen Anzeichen einer Lebergeschichte zu uns, aber im Verlauf der Untersuchung, die wir anstellen mussten, stießen wir dann auf ein Cervix-Karzinom. Es war schon relativ fortgeschritten. Die Behandlung wurde dann an die gynäkologische Abteilung abgegeben, dort hat, soviel ich weiß, ihr Chef Professor Winter sofort die Totalexstirpation des Uterus durchgeführt. Ich weiß nicht, ob die Frau eine Chance hat.“

„Was die Unterleibsgeschichte angeht, hat sie diese Chance offensichtlich“, erklärte Beate. „Aber sie ist irgendwie sehr unvernünftig, sie muss Diät leben.“

„Das kommt von dieser Lebergeschichte her, sie hatte offensichtlich eine Infektion, aber das bedeutet lediglich etwas Diät, mehr nicht. Jedenfalls in ihrem Falle.“

Beate nickte. „Ich weiß. Aber die Verwandten bringen ihr alles Mögliche an, weil sie immer Hunger hat. Sie ist auch nicht sehr umgänglich, musste auf ein Einzelzimmer gelegt werden. Jetzt möchte sie zurück zu den anderen. Ich habe mir vorgenommen, mich morgen einmal, wenn ich etwas Zeit habe, mit dieser Frau ausführlich zu befassen, mit ihr zu reden. Ich glaube, alles was sie braucht, ist ein Mensch, der auf sie eingeht.“

Hanni nickte. „Das gilt für die meisten Patienten. Wir Ärzte haben bloß nie die Zeit, und die Schwestern haben noch weniger Zeit. Keine geht auf einen Patienten richtig ein. Und manche von denen haben doch Angst. Sie wissen nicht, was mit ihnen wirklich ist. Sie möchten gesund werden, liegen vielleicht schon wochenlang hier herum. Und niemand befasst sich tatsächlich mit ihnen so, wie es eigentlich sein müsste. Keiner nimmt sich die Zeit, sich an den Bettrand zu setzen und einmal in aller Ruhe mit ihnen zu reden, ihre Fragen zu beantworten und wenn sie noch so albern klingen mögen. In Wirklichkeit sind das doch Dinge, womit sich diese Kranken regelrecht quälen.“

„Ich weiß nicht, ob ich die Zeit habe, aber ich will es versuchen.“

„Wir alle wollen es versuchen“, meinte Hanni. „Ich glaube nicht, dass es viele Ärzte gibt, die nicht ursprünglich einmal alles dransetzen wollten, die Dinge anders zu machen, als sie gehandhabt werden. Die sich geschworen hatten: Bei mir wird der Patient ein offenes Ohr finden, von mir bekommt der Kranke eine Antwort auf seine Fragen. Ich werde mich den Patienten richtig widmen, bei mir wird er nicht abgefertigt wie ein Stück Vieh. Und dann, wenn sich die lieben Kollegen etabliert haben, wird eine kurze Anfangszeit kommen, wo sie sich tatsächlich so verhalten, wie das ihren Idealvorstellungen entspricht. Danach aber bricht all das zusammen. Dann werden sie regelrecht überflutet, und merkwürdigerweise ziehen volle Wartezimmer noch mehr Patienten an. Es entsteht ein Strudel, in den der Arzt hineingerät und aus dem er gar nicht mehr herauskann. Das einzige, was ihn überhaupt noch unterbricht in seiner ständigen Behandlung der Patienten, das sind die Besuche der Arzneimittelvertreter, oft ebenfalls Kollegen. Oder am Abend, falls er dienstfrei hat, irgendein Club, wo er sich, und das passiert häufig genug, wiederum mit Kollegen zusammenfindet, von dem Idealismus bleibt häufig gar nichts mehr. Und doch haben sie sich, mehr oder weniger, alle geschworen, es anders zu machen.“

„Und Sie?“, fragte Beate.

„Ich habe es mir auch geschworen. Noch glaube ich, es verwirklichen zu können, noch bin ich hier in der Klinik. Aber wenn ich einmal mit der Facharzt-Ausbildung fertig bin und mich irgendwo als Fachärztin niederlassen will, als Internistin, ich weiß nicht, was dann kommt. Und ich fürchte, ich mache es so wie alle anderen, deren Leistungsfähigkeit an den besetzten Stühlen im Wartezimmer abgelesen wird und an der Zahl der täglichen Laboruntersuchungen.“ Sie schüttelte den Kopf. „Ich möchte es anders machen. Ich möchte es wirklich anders machen, aber ich kenne keinen, bei dem es sich dann anders entwickelt hätte. Es sei denn, er ist dann in der Klinik geblieben.“

„So wie Doktor Simon-Stoll, die ist auch dageblieben. Sie hat mir heute noch gesagt“, erklärte Beate, „dass sie nie weg will, dass sie glücklich ist, Stationsärztin zu sein und hofft, einmal Oberärztin zu werden.“

„Sie hätte das Zeug dazu, die finde ich großartig. Das ist eine Frau mit Haaren auf den Zähnen. Und glücklich verheiratet ist sie offensichtlich auch.“ Hanni blickte Beate fragend an. „Gibt es das eigentlich, dass jemand wirklich glücklich verheiratet ist? Sind Sie eine Zeitlang wirklich glücklich verheiratet gewesen? Entschuldigen Sie, ich wollte eigentlich nicht daran rühren, aber es brannte mir irgendwie auf der Zunge, das zu fragen.“

Beate zögerte mit der Antwort. „Bis vor Kurzem“, sagte sie schließlich, „habe ich geglaubt, dass ich sogar die meiste Zeit meiner Ehe sehr glücklich verheiratet gewesen bin. Allerdings habe ich heute das Gefühl, mich selbst betrogen zu haben, beziehungsweise betrogen worden zu sein. Es ist offensichtlich eine sehr einseitige Geschichte gewesen.“

„Er hat also eine andere. Dann ist es ja so ähnlich wie bei mir“, meinte Hanni. „Wir sind von den Männern und dem Schicksal geschlagen. Finden sie nicht auch?“ Sie lachte und es sollte eine Fröhlichkeit herbeizaubern, die sie beide im Augenblick nicht mehr empfinden konnten. Was sie jetzt dachten, war bitter. Sie fühlten sich beide gedemütigt.

Es war Beate, die sagte: „Wissen Sie, Hanni, ich hatte mir vorgenommen, neu anzufangen, und ich werde es tun. Wir sollten wirklich nie mehr von dem reden, was war. Sie auch nicht. Sie machen es sich nur schwerer. Es ist so, als würde man Salz in eine Wunde streuen. Wir müssen ganz einfach so tun, als hätte es das alles nie gegeben. Ganz neu anfangen.“

„Mit oder ohne Männer?“, fragte Hanni.

Beate zuckte die Schultern. „Im Augenblick kann ich mir so was gar nicht vorstellen.“

Hanni lächelte und meinte versonnen: „Ich habe einen hartnäckigen Verehrer.“ Sie lachte weiter. „Es ist eine zu komische Geschichte. Er ist Werbeleiter. Ich habe ihn zufällig einmal kennengelernt. Und von da an hat er nie mehr locker gelassen. Aber er hat wenig Zeit, er ist immer nur zwei oder drei Tage hier in der Nähe, dann ruft er stets an, versucht mit mir ein Rendezvous zu vereinbaren.“

„Und warum haben Sie es nie gemacht? Ist er Ihnen nicht sympathisch?“

„Doch, er ist unheimlich nett. Aber ich habe mir überlegt, dass es im Grunde eine hoffnungslose Geschichte ist. Ein Mann, der so wenig Zeit hat, und das meistens auch noch dann, wenn ich es nicht einrichten kann, mich mit ihm zu treffen. Das ist doch von vornherein ein totgeborenes Kind.“

„Ich glaube, wir haben wirklich nicht viel Glück mit der Liebe, nicht wahr?“, meinte Beate. „Aber es kann ja sein, dass alles ganz anders wird. Wir dürfen den Kopf nicht hängen lassen. Wir müssen uns auf unsere Arbeit konzentrieren. Ich glaube, das andere kommt von ganz allein. Ich jedenfalls interessiere mich im Augenblick nicht für solche Dinge.“

„Aber ich weiß, worauf es hinausläuft“, erwiderte Hanni. „Dann sitzen wir jeden Abend hier und heulen uns die Ohren voll. Auf alle Fälle sehen wir uns mal das Fußballspiel an. Das ist schon mal ein Anfang. Und vielleicht kommen wir beide noch auf andere Ideen.“ Sie lachte und meinte strahlend. „Irgendwie finde ich es Klasse, dass wir beide hier zusammen sind. Wir passen zueinander. Dieses Gefühl hatte ich gleich. Wir dürfen nur nicht damit anfangen uns gegenseitig etwas vorzujammern. Wir müssen jeden Tag etwas vorhaben, müssen uns etwas vornehmen, dann wird es erträglich. Ich glaube, dann wird es sogar richtig schön.“

Beate war noch etwas skeptisch. Sie hatte in ihrer Jugendzeit ein paarmal solche Mädchenfreundschaften zerfallen sehen und fürchtete sich davor, dass es zu einer Enttäuschung kommen könnte. Auf der anderen Seite war sie von Hanni begeistert, und der ging es mit ihr wohl ebenso. Die Hoffnung, dass daraus wirklich eine Freundschaft entstehen könnte, die ihnen gegenseitig Halt bot, machte Beate Mut.

image
image
image

8

image

Am folgenden Tage sorgte Beate dafür, dass Schwester Jutta in eine andere Abteilung versetzt wurde. Die renitenten Sprüche und das widerborstige Wesen dieser Schwester schufen ein unerträgliches Arbeitsklima. Beate stritt sich nicht herum, ließ sich nicht provozieren, sondern ging einfach zur Oberschwester. Die sorgte dann innerhalb von einer Stunde dafür, dass Schwester Jutta aus der gynäkologischen Abteilung herausgenommen wurde. Die Personalabteilung tauschte sie mit einer Schwester der Chirurgie.

Diese Schwester Marianne, die von der Chirurgie kam, war eine Frau von knapp vierzig Jahren, die ruhig und fachkundig ihre Arbeit tat.

Von da an änderte sich in Station 3b so gut wie alles. Von nun an machte es Beate Spaß, hier zu arbeiten, und sie versuchte auch das einzubringen, was sie sich vorgenommen hatte. Sie nahm sich, sobald sich die Möglichkeit bot, Zeit für die Patienten. Denn Beate hatte eines erkannt: alle diese Frauen, die hier lagen, litten unter irgendwelchen Problemen. Viele von ihnen hatte operative Eingriffe hinter sich, und bei einer ganzen Reihe davon war das auf Grund bösartiger Wucherungen erfolgt. Beate wusste, dass die Meisten rechtzeitig operiert werden konnten. Trotzdem hatten diese Frauen Angst. Manche wussten auch gar nicht um ihre Krankheit. Andere wieder hatten zwar keinen gefährlichen Eingriff hinter sich, aber sie litten darunter, im Krankenhaus zu liegen und den Mann und die Kinder allein zu Hause zu wissen. Sie fürchteten, dass daheim dieses und jenes schieflaufen könnte und wären am liebsten aufgestanden, um nach Hause zu gehen. Da die Besuche nur nachmittags erfolgen konnten, warteten sie praktisch den ganzen Vormittag über auf diese Zeit, wo endlich der Besuch kam, der Mann oder eines von den Kindern.

Auch Frau Melzer in Zimmer 322, die zusammen mit drei anderen Frauen dort lag, hatte die ersten Tage nach ihrem Eingriff gewartet, aber ihr Mann hatte sie nicht besucht. Die ersten drei Tage war die vierzehnjährige Tochter von Frau Melzer gekommen, hatte eine Viertelstunde am Bett der Mutter ausgeharrt und war dann wieder gegangen. Nun erschien die Tochter auch nicht mehr.

Die drei anderen Frauen im Raum bekamen täglich Besuch, wurden überschüttet mit Blumen, Pralinen und allem Möglichen, sie selbst aber wartete vergeblich. Das allein schon tat weh. Dazu kam die in ihr nagende Eifersucht, dass ihr Mann womöglich eine andere hätte! Dass er die Zeit ihres Krankenhausaufenthaltes nutzen könnte, um fremdzugehen. Sie war schon immer in dieser Beziehung hellhörig und auch eifersüchtig gewesen, hatte ihren Mann schon lange im Verdacht. Und sie hätte sich so gern mit jemand ausgesprochen. Die drei anderen Frauen amüsierten sich und weideten sich an der Verzweiflung der achtunddreißigjährigen Frau. Sie gefielen sich darin, versteckte Anspielungen zu machen und verstärkten damit noch die seelische Pein der Frau.

Beate bekam sehr schnell heraus, dass es für Frau Melzer bestimmt keine Therapie war, wenn sie weiter in diesem Zimmer blieb. Statt dass die drei anderen zu ihr hielten und ihr halfen, über diese Klippe zu kommen, spotteten sie noch über Frau Melzer.

Kurzentschlossen verlegte Beate Frau Melzer zu Frau Umgelter in Zimmer 316.

Obgleich sogar die Stationsärztin sehr skeptisch war, erwies sich Beates Entscheidung als Volltreffer. Die alte Frau Umgelter war wie umgewandelt, benahm sich nicht mehr so albern und beschäftigte damit auch nicht mehr die Schwestern. Mit einem Male hatte sie jemand bei sich, mit dem sie sich auf Anhieb verstand. Und auch Frau Melzer fand Verständnis für ihre Probleme.

Wenn Beate Zeit hatte, ging sie zu den beiden, um sich mit ihnen zu unterhalten und sie ein wenig aufzumuntern. Aber schon der dritte Besuch bewies ihr, dass sie die beiden nicht mehr aufzumuntern brauchte. Die verstanden sich mittlerweile so großartig, dass Beate sofort das Gefühl hatte, eine richtige Entscheidung getroffen zu haben.

Inzwischen war Beate auch bei der Anwältin gewesen, hatte mit der fünfzigjährigen Frau all das besprochen, was im Zusammenhang mit dem Antrag auf Scheidung besprochen werden musste. Und obgleich die Anwältin sich bemüht hatte, sehr rücksichtsvolle Fragen zu stellen, hatte dieses Gespräch Beate unheimlich aufgewühlt. Alles war noch einmal zum Vorschein gekommen und hatte gleichzeitig sehr weh getan.

Beate kam es hinterher wie eine durchlittene Operation vor. Sie fühlte sich danach keinesfalls besser, aber sie hatte den Eindruck, dass das, was zu tun war, nun getan werden konnte.

Da sie sich ganz und gar auf die Arbeit konzentrierte und die Abende zusammen mit Hanni verbrachte, kam es ihr schon nach kurzer Zeit vor, als läge ihre Ehe mit Rüdiger um viele Jahre zurück. Sie selbst hatte diese Mauer aufgerichtet zwischen dem Gestern und Heute, und tatsächlich schien diese seelisch gefertigte Barriere zu funktionieren. Vieles verblasste, auch vieles von dem, was in der Erinnerung solche Schmerzen verursacht hatte.

Das Fußballspiel, bei dem sie mit Hanni zusammen in Köln gewesen war, bedeutete nur eine Sache, die beide jungen Frauen gemeinsam unternommen hatten. Hanni schien eine nimmermüde Fantasie zu haben im Ausdenken von irgendwelchen Unternehmungen. Fast jeden Abend gingen sie irgendwo anders hin. Schon zweimal waren sie in der Beethovenhalle gewesen und hatten Konzerte angehört. Eigentlich etwas, zu dem Beate früher nie gekommen war. Auch im Theater waren sie bereits. Und an diesem Abend  darauf freute sich Beate schon – wollten sie gemeinsam Tennis spielen. Beate hatte das schon lange nicht mehr getan, aber sie war von Hanni überredet worden, doch mitzuspielen.

„Ich bin auch kein Ass, und was du nicht weißt, das bringe ich dir bei.“

Sie duzten sich inzwischen. Ihre Freundschaft war eigentlich von Tag zu Tag tiefer und inniger geworden. Beide hielten sich an ihr Übereinkommen, nicht mehr von gestern zu sprechen, nur noch an morgen zu denken. Und auch Hanni vergrub sich den Tag über in ihrer Arbeit. Es quälte sie jetzt nicht mehr, dass der Mann, der ihre Liebe verschmäht hatte, ausgerechnet ihr Vorgesetzter war. Sie bemühte sich, ihn wie einen Fremden zu sehen, wie jemand, mit dem sie zwar zusammen arbeiten musste, der ihr aber sonst nichts bedeutete. Immerhin kostete es sie einen härteren inneren Kampf, sich dazu durchzuringen, als sie anfangs zugeben mochte. Doch nach ein paar Tagen dieses autogenen Trainings war sie dazu imstande.

Sie merkten beide, Beate als auch Hanni, dass sie sich gegenseitig stützten, aber auch gegenseitig Kraft gaben. Sie freuten sich beide, dass sie diese Abende nicht allein verbringen mussten.

Für Beate war das Zusammentreffen mit Dr. Hanni Liebherr mehr als nur ein Glücksfall. Diese bezaubernde und sehr attraktive Frau hatte natürlich auch im Hause viele Verehrer, aber offensichtlich übersah sie diese. Das Erlebnis mit dem jetzigen Chefarzt der inneren Station hatte bei Hanni sehr tiefgreifende Wunden hinterlassen. Und die Narben schmerzten noch immer.

Beate ging es ähnlich. Dr. Ansorge, einer der Assistenzärzte in der Gynäkologie, bemühte sich so sehr um sie, dass schon seine Kollegen und alle Schwestern in der gynäkologischen und geburtshilflichen Abteilung darüber redeten. Beate war freundlich zu Dr. Ansorge, aber sehr distanziert und dann, wenn er etwas deutlicher wurde, konnte sie auch äußerst abweisend werden. Er gab es nicht auf, im Gegenteil schien ihn zu reizen, endlich ihren Widerstand zu brechen ...

Mit einer gewissen Belustigung verfolgte Beate, dass auch einer der Pfleger, die auf der Station Dienst taten, ihr den Hof machte. Und dann wurde sie auch noch von Dr. Wenzel, dem Kinderarzt, mit Komplimenten überschüttet. Von ihm wusste sie, dass er verheiratet war, aber sie hatte ebenfalls von Schwester Ingrid gehört, wie Dr. Wenzel in diesen Dingen dachte. Verheiratet bedeutete bei ihm ganz offensichtlich nicht, dass er deshalb auf andere Frauen verzichten musste.

Schwester Jutta, so vertraute Schwester Ingrid Beate an, sei auch einmal eine Zeitlang die Geliebte von Dr. Wenzel gewesen.

Beate konnte darüber nur schmunzeln, sie dachte nicht im Traum daran, sich mit Dr. Wenzel oder irgend einem anderen Mann in diesem Haus, einzulassen.

Sie hatte sich ursprünglich davor gefürchtet, allein und ohne Mann dazustehen. Doch nach zwei Wochen, die sie mittlerweile in der Paul-Ehrlich-Klinik war, kam ihr das gar nicht mehr so schmerzlich vor. Sie merkte, dass sie sich daran zu gewöhnen schien. Wichtig war ihr nur die Freundschaft mit Hanni.

Auch darüber wurde gemunkelt. Einmal hörte Beate zufällig, wie eine Schwester und ein Pfleger der OP Mannschaft darüber tuschelten, und sie fing nur das Wort „Lesben“ auf.

Als sich Beate am Abend oben im Zimmer umzog, kam Hanni von ihrem Dienst.

„Grüß dich, Beate!“, sagte sie.

Beate wandte sich um und blickte Hanni ernst an. „Weißt du, was sie über uns reden?“

Hanni zog sich den Kittel aus und ließ sich erstmals aufseufzend auf ihr Bett fallen. Statt einer Antwort oder einer Frage sagte sie nur: „Ich bin heute geschafft, das war wieder so ein Tag. Am Liebsten würde ich das mit dem Tennis vertagen. Ich bin total am Boden zerstört. – Was hast du eben gesagt?“

„Weißt du, was sie über uns reden?“

„Über uns? Na, irgend etwas reden sie hier im Hause immer. Das scheint in allen Betrieben, in allen Instituten, wo Menschen zusammen sind, der Fall zu sein. Also, was soll’s. Ist es etwas Ehrenrühriges?“

„Sie sagen, wir beide wären lesbisch.“

Hanni blickte Beate erst ungläubig an, dann richtete sie sich auf und begann schallend zu lachen. Sie schlug die Hände vors Gesicht, schüttelte fassungslos den Kopf, lachte wieder und schien gar nicht mehr zu sich zu finden.

Angesteckt von diesem Lachen, schmunzelte Beate, aber als dann das Gelächter aufhörte, fragte sie: „Wie kommen die bloß darauf?“

Hanni wurde ernst. „Du weißt doch, wie die Leute sind. Wir sind zwei Frauen, wir verstehen uns gut, wir haben uns auf Anhieb gut verstanden. Zwei Frauen, die sich gut verstehen, müssen lesbisch sein, klarer Fall. Wenn zwei Männer sich gut verstehen und diese Freundschaft wirklich herzlich ist, dann heißt es, die beiden sind homosexuell. Überall und bei jedem haben die Leute das Bett im Auge. Ich weiß nicht, warum es so ist“, fügte Hanni angewidert hinzu. „Als wenn zwei Frauen wie wir sich nicht auf eine andere Weise verstehen könnten. In wirklicher Freundschaft, so wie es bei uns der Fall ist. Ich habe dich wirklich gern, Beate. Aber das, was die Leute uns unterschieben, dafür habe ich, sei mir nicht böse, überhaupt kein Verständnis. Es liegt mir nicht. Ich glaube, es muss einer Frau liegen. Vielen Frauen liegt es, mir nicht. Ich kann mir für das rein Sexuelle nur einen Mann vorstellen, dass ich das im Moment nicht will, dafür hat es ja Gründe, die dir bekannt sind. Und bei dir wird es so ähnlich sein. Oder wie siehst du das?“

„Ich sehe es genau wie du“, entgegnete Beate, „aber im Moment ist es für mich absolut kein Thema, wirklich nicht. Das vermisse ich nicht. Im Gegenteil.“ Sie wurde ernst und ihr Gesicht verzog sich wie unter einem Schmerz. Sie sah vor ihrem geistigen Auge das schreckliche Bild, als sich Rüdiger auf sie stürzen wollte, nachdem er sie geschlagen hatte.

„Wir hatten zwar gesagt, wir wollten nie mehr darüber sprechen“, sagte Hanni, „aber vielleicht ist es besser, wenn du es los wirst. Da ist irgendein Trauma in deiner Vergangenheit, das dich immer wieder plagt. Neulich nachts hast du geschrien. Ich habe wunder gedacht, was passiert ist, aber dann warst du wieder ganz ruhig. Es war so, als hättest du Angst, dass jemand über dich herfällt.“

„So ähnlich war es ja auch“, erklärte ihr Beate. Und dann erzählte sie, was damals passiert war.

Mit Entsetzen hörte sich Hanni diesen Bericht an. Und als Beate schloss, sagte sie: „Das ist ja ein Tier, das ist ja unvorstellbar. Und das hast du nie vorher an ihm bemerkt? Diese Gemeinheit und Brutalität. War er vielleicht betrunken?“

„Nein, nein, er war nüchtern“, entgegnete Beate.

„Hast du es wenigstens der Anwältin erzählt?“, wollte Hanni wissen.

„Ich habe es ihr gesagt, aber sie kommt zu demselben Schluss wie ich selbst, und das hat mir schon meine Freundin Angelika klarmachen wollen: Bei Vergewaltigung in einer Ehe ist nach unserer gegenwärtigen Rechtsprechung nicht mit einem gerechten Urteil zu rechnen. Hier steht einfach Rede gegen Rede. Man glaubt einer Frau da nicht mehr als einem Mann.“

„Ich finde das unerhört“, platzte Hanni heraus. „Als ob es ein Unterschied ist, ob ein Fremder eine Frau vergewaltigt oder der eigene Mann. Die Gemeinheit ist doch dieselbe. Im Grunde ist es noch viel schlimmer, wenn es der eigene Mann tut.“

„Darüber gibt es auch noch andere Ansichten, meinte meine Anwältin. Auf alle Fälle geht es ihr in erster Linie um die brutalen Schläge. Ich hatte ja gedacht, der bringt mich um. So was von Todesfurcht habe ich vorher in meinem Leben nie empfunden.“

„Und das beim eigenen Manne“, meinte Hanni. „Scheußlich, so etwas. Aber jetzt verstehe ich dich. Nun reden wir von etwas anderen.  Du, ich habe keine Lust zu Tennis, bist du böse?“

„Ich hatte mich zwar sehr darauf gefreut, aber wenn ich sehe, wie erschöpft du bist, müssen wir natürlich nicht hingehen.“

„Danke“, erwiderte Hanni. „Du, übrigens, ich habe mit Simon-Stoll gesprochen, eurer Stationsärztin, die ist ja unheimlich begeistert von dir. Und die Patienten erst, die finden dich irgendwie Klasse. Sie meinen, du wärst mindestens so gut wie der Dragoner.“

„So gut kann ich gar nicht sein“, wehrte Beate ab. „Nie im Leben. Diese Frau hat einen Erfahrungsschatz, den könnte ich erst haben, wenn ich solange im Dienst bin wie sie. Abgesehen davon habe ich gesehen, mit welcher Genauigkeit, mit welcher unübertroffenen Gewissenhaftigkeit sie die ganze Buchführung und alles das betrieben hat. Ich kenne diese Frau ja gar nicht, aber ich bin überzeugt, dass an sie von uns allen keine herankommt.

„Ich kenne sie“, entgegnete Hanni, „sie ist eine hervorragende Stationsschwester. In dem Punkt hast du recht. Im ganzen Haus gibt es keine wie sie. Und ich bin froh, dass sie wiederkommt. Aber sie kann natürlich auch ein ganz schöner Besen sein.: Und sie schreckt nicht davor zurück, einem Chefarzt die Meinung zu sagen. Was glaubst du, wie oft sie Professor Winter angefaucht hat, wenn sie der Meinung war, eine von ihm getroffene Maßnahme sei für den Patienten nicht gut oder bedeute womöglich für eine ihrer Schwestern eine Härte.“

„Ich habe auch solche Sachen gehört“, erklärte Beate lächelnd. „Nun, ich mache es anders, ich bin nicht der Dragoner, ich versuche es eben auf meine Weise. Wenn ich Erfolg habe, so macht mich das glücklich. Ich bin froh, dass diese Schwester Jutta verschwunden ist. Sie stänkert zwar noch aus der Entfernung etwas herum, aber das prallt an den anderen ab. Ich hatte schon gefürchtet, diese Schwester Erika müsste ich auch austauschen, aber das hat sich als überflüssig erwiesen. Mit der habe ich überhaupt keine Probleme.“

„Alles in Allem kommst du also gut zurecht, nicht wahr?“

„Ich komme hervorragend zurecht.“

„Was hältst du von Professor Winter?“

„Du wirst ganz schrecklich lachen, den sehe ich nur ganz kurz bei der Visite oder wenn schon mal was Ernstes ist und er dann auftaucht. Er ist unheimlich nett, sehr korrekt, und ich halte ihn für einen großartigen Arzt. Das, was ich in seinem Beisein erlebt habe, wie er mit den Patienten umgeht, ist geradezu vorbildlich. Er hat ja auch äußerst moderne Ansichten. Und was ich am meisten an ihm mag, ist, dass er Frauen wie Frauen behandelt.“

„Das wäre ja schön traurig für einen Frauenarzt, wenn er das nicht täte. Aber du hast recht, es gibt eine Menge Kollegen von mir, Gynäkologen, die eine mitunter haarsträubende Auffassung von einer Frau haben als Frauenärzte.“

„Hier in der Station ist das anders. Und das liegt, so meine ich“, erklärte Beate, „ganz ausnahmslos an Professor Winter. Er sorgt dafür, dass in seiner Abteilung etwas anderes gar nicht aufkommt. Aber ich habe neulich mal in unserer urologischen Abteilung durch Zufall erlebt, wie da zwei Ärzte mit einer Patientin umgingen. So, als wäre sie ein Mensch zweiter Klasse. Am Liebsten wäre ich den Ärzten mit den Nägeln ins Gesicht gefahren.“

„Solche Typen gibt es überall.  Reden wir jetzt nicht mehr von solchen Sachen. Was machen wir mit dem ungebrochenen Nachmittag?“

Beate zuckte die Schultern.

„Vielleicht tanzen?“, fragte Hanni. „Wenn wir beide irgendwo hingingen, wir sind ja zu zweit.“

Beate lächelte. „Wenn uns dann jemand sieht, heißt es: das ist der Beweis, dass sie lesbisch sind.“

„Blödsinn“, entgegnete Hanni. „Wir können doch einmal tanzen gehen, warum sollen wir nicht fröhlich sein, nur weil wir im Moment auf Männer verzichten wollen?“

„Ach was“, erwiderte Beate, „wir gehen heute einfach mal ins Kino. Dazu hätte ich Lust. Vorneweg ein Eis essen, dann ins Kino und hinterher bummeln wir durch die Fußgängerzone. Was meinst du dazu?“

„Einverstanden. Also Kino. Und was schlägst du vor? Weißt du schon welchen Film?“

„Ich habe einen ... warte mal, da liegt ja die Zeitung.“

„Sag nicht soviel, nimm mich einfach am Arm, und wir ziehen los“, rief Hanni. „Suche irgendeinen Film raus, und wir gehen hin. Wir lassen uns dann überraschen.“

Zusammenfassung

Arztroman Sammelband: Drei Romane - Die Nacht der schönen Chirurgin und andere Arztromane

Arztromane von Glenn Stirling und A.F.Morland

Dieses Buch enthält folgende Romane:

Glenn Stirling: Der Engel von Station 3b
A.F.Morland: Dr. Kayser und die verbotene Hochzeit
A.F.Morland: Die Nacht der schönen Chirurgin

Vor fünfzehn Jahren waren sie gute Freundinnen - Dr. Jana Härtling und die Chirurgin Dr. Gudrun Ehrenfels. Viel unternahmen sie zusammen, und Gudrun träumte heimlich davon, eines Tages auch so einen liebenswerten Mann wie Sören Härtling zu finden. Doch dieser Traum erfüllte sich leider nicht. Gudruns Ehe zerbrach rasch an der Untreue ihres Mannes.
Jetzt, nach 15 Jahren, kehrt sie zurück nach München - und an die Paracelsus-Klinik. Hier hofft sie, Ruhe und eine befriedigende Arbeit finden zu können. Alles beginnt problemlos - bis zu einer Nacht, in der Gudruns eigener Sohn die Chirurgin bis an die Grenzen ihrer Kraft fordert ...

Details

Seiten
450
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738918441
ISBN (Buch)
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (März)
Schlagworte
arztroman sammelband drei romane nacht chirurgin arztromane

Autoren

Zurück

Titel: Arztroman Sammelband: Drei Romane - Die Nacht der schönen Chirurgin und andere Arztromane