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Arztroman Großband - Der Engel von Station 3b

2018 180 Seiten

Zusammenfassung

Der Engel von Station 3b
Arztroman von Glenn Stirling

Der Umfang dieses Buchs entspricht 181 Taschenbuchseiten.

Beate muss erkennen, dass ihr Mann sie betrügt. Als sie ihn zur Rede stellt, eskaliert die Situation, und sie verlässt ihn. Weil dringend Schwestern gebraucht werden, findet sie rasch eine Anstellung in der Paul-Ehrlich-Klinik und gilt schon nach wenigen Tagen als besonders tüchtige Kraft. Ausgerechnet die Frau, mit der ihr Mann sie betrogen hat, wird als Notfall eingeliefert, und Beate fürchtet sich davor, mit ihrem Mann zusammenzutreffen. Aber noch bevor es soweit kommt, geschieht im Krankenhaus ein Unglück, das einen tödlichen Ausgang nehmen könnte. Schwester Beate riskiert ihr Leben.

Leseprobe

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Der Engel von Station 3b

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Arztroman von Glenn Stirling

Der Umfang dieses Buchs entspricht 181 Taschenbuchseiten.

Beate muss erkennen, dass ihr Mann sie betrügt. Als sie ihn zur Rede stellt, eskaliert die Situation, und sie verlässt ihn. Weil dringend Schwestern gebraucht werden, findet sie rasch eine Anstellung in der Paul-Ehrlich-Klinik und gilt schon nach wenigen Tagen als besonders tüchtige Kraft. Ausgerechnet die Frau, mit der ihr Mann sie betrogen hat, wird als Notfall eingeliefert, und Beate fürchtet sich davor, mit ihrem Mann zusammenzutreffen. Aber noch bevor es soweit kommt, geschieht im Krankenhaus ein Unglück, das einen tödlichen Ausgang nehmen könnte. Schwester Beate riskiert ihr Leben.

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Ihr erster Gedanke war: Wie kommt denn Rüdiger in diese Gegend? Wieso steht er vor dem Supermarkt mit einem Blumenstrauß in der Hand und wartet auf irgendwen?

Aber dann sah sie das rote VW-Cabriolet um die Ecke kommen und direkt vor Rüdiger halten. Eine Frau saß am Steuer, eine rotblonde Frau. Rüdiger stieg ein, und dann lagen sie sich in den Armen. Beate sah, wie diese Frau Rüdiger küsste. Rüdiger, Beates Mann ...

Beate schluckte, wischte sich über die Augen und meinte ein Trugbild zu sehen, aber es war kein Hirngespinst und keine Fata Morgana. Im Gegenteil, jetzt, wo er richtig im Wagen saß, umarmten sie sich noch einmal, küssten sich lange. Und dann erst wandte sie sich um, legte die Hände wieder ans Lenkrad und blickte nach vorn, so dass Beate das Profil dieser Frau sehen konnte. Eine rotblonde Frau, sicher schon Mitte Dreißig oder älter. Sie konnte nicht viel jünger sein als Rüdiger.

Jetzt fuhr der Wagen weg. Beate wollte sich noch die Nummer merken. Ein Kennzeichen aus dieser Stadt, aber die Zahlen verschwammen vor Beates Blick. Alles verschwamm. Sie hatte plötzlich das Gefühl, der Boden werde ihren Füßen entzogen. Sie meinte zu schwanken und klammerte sich instinktiv an dem Laternenmast fest, der hier an der Haltestelle aufragte.

Rüdiger und eine andere Frau!

Die Gedanken tosten wie Schneegestöber durch Beates Kopf. Sie versuchte klarzusehen, wollte logisch überlegen, aber nichts von dem brachte sie fertig.

Er betrügt mich!

Dieser Gedanke beherrschte alles. Rüdiger betrügt mich, sagte sie sich. Deshalb ist unser Verhältnis in der letzten Zeit abgekühlt, kommt er kaum noch zu mir, deshalb, weil er eine andere hat.

Was habe ich falsch gemacht?, fragte sie sich, während sie beide Hände um den Laternenmast klammerte. Irgendwas muss ich doch falsch gemacht haben.

Der Bus kam und riss sie aus ihren Gedanken. Sie erschrak richtig, als er vorfuhr, stieg wie im Trancezustand ein, lochte ihre Fahrkarte und setzte sich auf einen der vielen freien Plätze. Sie versuchte, als sie zum Fenster hinausstarrte, ihre Gedanken zu ordnen. Aber auch jetzt schien es ihr unmöglich. Erinnerungen von früher, Szenen aus glücklichen Tagen kamen, bei denen sie fast körperlich die Umarmungen von Rüdiger spürte. Sie sah das Bild ihrer Hochzeit auftauchen, hörte die Stimmen von Leuten, die damals dabei waren, hörte auch die Stimme des Standesbeamten.

Dann ein Bild, das noch weiter zurücklag, ein Augenblick größter Zärtlichkeit, zusammen mit Rüdiger. Damals waren sie noch nicht verheiratet gewesen. Ein Augenblick höchsten Glücks.

Immer wieder irrten ihre Gedanken ab, wurden von Szenen der Gegenwart beschäftigt. Draußen fuhr ein Krankenwagen vorbei, und dabei fiel ihr ein, dass sie Rüdiger zuliebe ihren Beruf als Schwester aufgegeben hatte. Ihre Mutter hatte damals gleich gesagt, dass sie das nicht tun sollte, nicht solange sie noch keine Kinder hatten.

Kinder waren nicht gekommen. Rüdiger wollte keine. „Nur das nicht“ hatte er immer gesagt. „Nur keine Kinder, dann ist es aus mit dem schönen Leben, dann sind wir Sklaven, bis die Kinder groß sind.“

Sie hatte sich immer Kinder gewünscht, heute noch. Aber wie in so Vielem, war Rüdigers Wunsch auch der ihre gewesen, hatte sie sich untergeordnet, hatte ihm blind vertraut, ihn geliebt, verehrt, fast vergöttert. Er war erheblich älter als sie, elf Jahre. Vielleicht, so dachte sie jetzt, begründete das seine Überlegenheit, habe ich immer getan, was er wollte.

Er hat mich betrogen!

Es fiel ihr ein, was ihr Vater immer gesagt hatte: Wenn die Liebe kommt, dann braucht es zwei Menschen, wenn sie glücklich sein sollen. Und wenn die Liebe geht, dann braucht es auch zwei. Einer allein ist nie schuld.

Was habe ich falsch gemacht?, fragte sie sich erneut. Und der Gedanke, irgend etwas getan oder gesagt oder vielleicht auch etwas unterlassen zu haben, bohrte in ihr. Sie versuchte zu ergründen, von welchem Zeitpunkt an seine Liebe bei ihr nachgelassen hatte.

Es kostete sie Mühe, und sie musste sich geradezu zur Objektivierung zwingen. Wenn sie nur an diese Frau dachte, war sie von Hass erfüllt, Hass auf eine Fremde, auf eine rotblonde Frau von vielleicht siebenunddreißig Jahren; womöglich war sie auch älter. So genau hatte sie das nicht sehen können.

Zum ersten Mal in ihrem Leben begriff sie, dass jeder Mensch ein Mörder sein kann. Sie empfand einen solchen Hass, dass sie sich fragte, ob sie nicht sogar zu einem Mord fähig wäre, zu einem Mord an dieser Fremden.

Ich bin eifersüchtig, ich bin wahnsinnig eifersüchtig und habe sogar Grund dazu, dachte sie. Warum hat er das nur getan? Es wird nie mehr so sein, wie es einmal gewesen ist, nie mehr.

Was mache ich nur, was kann ich nur tun?

Ihr erster Gedanke war Flucht.

Jetzt mit dem Bus nach Hause fahren, die Koffer packen und zu Mutti. Weg von hier! Weg von seiner Seite, weg von dieser Stadt, die sie noch nie geliebt hatte, der die Aufgabe einer Hauptstadt regelrecht aufgepflanzt worden war ...

Warum hat er es nur getan?

Er hätte mit mir reden können. Es wäre doch möglich gewesen, dass wir uns vorher getrennt hätten, dass wir sagen, wie es uns wirklich zumute ist, das wäre schon schlimm genug für mich gewesen. Aber so heimlich. Ein richtiger Betrug ist das.

Wut stieg in ihr auf, die sich jetzt allein gegen Rüdiger richtete. Er hat mich betrogen, hintergangen. Eine Gemeinheit von ihm, mir gegenüber. Eine solche Gemeinheit, wie ich sie nicht verdient habe.

Wenn ihm etwas nicht gepasst hat, dann hätte er es mir sagen können und nicht einfach eine andere nehmen, heimlich.

Blumen hatte er. Mir hat er ewig keine Blumen mehr mitgebracht. Er bringt ihr Blumen mit. Wenn er das tut, dann scheint die Geschichte neu zu sein. Vielleicht hat er sie gerade erst vor wenigen Tagen kennengelernt. Aber zu mir ist er schon länger so unfreundlich.

Abermals versuchte sie, so objektiv zu sein, die Schuld bei sich selbst zu finden.

Ich habe ihn nicht gut behandelt. Irgendwas habe ich falsch gemacht Aber war nur? Ich bin ja so ahnungslos gewesen, ich habe ihn geliebt bis vorhin. Wahnsinn! Ich liebe ihn ja noch. Ich liebe ihn noch immer. Deshalb tut es ja so weh. Es ist nicht nur der Betrug allein. Dass mir das passiert, diese Schlappe. Aber wenn es nur das wäre. Es geht ja viel tiefer. Ich beginne nun erst richtig zu begreifen, wie tief.

Ein paar kurze Augenblicke lang versuchte sie sich einzureden, dies alles habe womöglich eine ganz harmlose Erklärung. Am Ende tue sie ihm noch Unrecht. Vielleicht ist es jemand, den er schon sehr, sehr lange kennt, gar keine Liebschaft. Und der Kuss ist ein Freundschaftskuss .... Nein! Das ist nie im Leben ein Freundschaftskuss gewesen.

Noch einmal sah sie das Bild vor sich, wie die beiden sich in den Armen gelegen haben. Noch einmal vergegenwärtigte sie sich die Szene, und es tat noch weher als vorhin.

Sie schloss die Augen, verzog das Gesicht wie unter einem Schmerz.

Als sie wieder hinaussah, waren ihre Gedanken für einen Augenblick so klar, dass sie erkannte, wo der Bus sich befand. Gleich würde die Haltestelle kommen, wo sie aussteigen musste.

Hastig erhob sie sich, ging zur Tür, und als der Bus hielt, stieg sie aus.

Er wird später kommen. Wer weiß, was er mir erzählt, dachte sie. Ganz bestimmt kommt er später. Eigentlich hätte er noch im Geschäft sein müssen, jetzt noch. Sie sah auf die Armbanduhr. Ja, fast noch eine dreiviertel Stunde lang. Und dann dauerte es gewöhnlich nicht länger als eine halbe Stunde, bis er da ist.

Sie hatte das Haus erreicht, wo sie wohnten. Ein Reiheneinfamilienhaus mittlerer Bauart; es stammte von seinen Eltern.

Ich also werde gehen, dachte sie, es ist sein Haus. Ich werde meinen Koffer nehmen und gehen.

Rein mechanisch öffnete sie die Haustür und trat ein. Der Wellensittich hatte sie gehört und machte oben das übliche Spektakel.

Sonst rief ihn Beate immer, freute sich daran, dass er sie so lärmend begrüßte, aber heute interessierte es sie gar nicht.

Ich muss mich beeilen, dachte sie, ich will weg sein, bevor er da ist. Ich werde nur ein paar Zeilen hinterlassen, und dann gehe ich.

Warum soll ich gehen? Warum warte ich nicht ab, was er mir sagt? Vielleicht gebraucht er eine Ausrede, ich könnte mich darüber amüsieren, was ihm da als Ausrede einfallen sollte.

Sie schüttelte heftig den Kopf. Nein, das ist ja Selbsttäuschung; ich quäle mich nur. Ich bilde mir ein, dass ich mich amüsiere. Nie im Leben könnte ich mich amüsieren; es tut viel zu weh. Ich werde gehen, bevor er kommt. Ich muss mich beeilen. Ein Zettel mit wenigen Zeilen, das ist alles, was ich ihm hinterlasse. Ich möchte ihn nie wiedersehen.

Eine innere Stimme sagte ihr, dass es unrecht ist: Ich muss ihn erst anhören, vielleicht gibt es wirklich für alles eine Erklärung. Ich kann doch nicht einfach weglaufen. Ich muss mir anhören, was er mir sagt. Und ich werde ihm sagen, was ich gesehen habe. Und dann entscheide ich. Ich bleibe oder gehe. Ich werde gehen, aber ich muss ihn noch anhören. Ich kann nicht einfach davonlaufen.

Sie ging in die Küche und fröstelte, als sie in den kühlen Raum kam. Eigentlich hätte sie längst damit anfangen müssen, das Essen herzurichten, aber sie tat nichts dergleichen. Sie zog den Hocker unter dem Tisch hervor, setzte sich darauf und saß zusammengesunken, die Hände im Schoß gefaltet, wie im Gebet. Doch sie betete nicht, sie dachte nach, sah Bilder der Vergangenheit, hörte seine Stimme, ihre eigene. Erlebte diese Szenen ein zweites Mal. Doch dann, als sie erschauderte unter dem Schmerz, den es hervorrief, wenn sie an das dachte, was passiert war, da sagte sie sich, dass es selbstquälerisch ist, weiter in der Vergangenheit zu wühlen.

Ich muss wissen, was ich tue. Wenn ich einfach zu Mutti laufe, wird sie eine Erklärung haben wollen. Ich kann nicht wie ein kleines Mädchen an ihrer Schulter meinen Kummer ausweinen. Mutti ist krank, und sie hat selbst Probleme genug. Da kann ich nicht auch noch kommen.

Sie dachte an ihren Bruder und was er ihr sagen würde, falls sie mit ihrem Kummer die Mutter belastete.

Nein, zu Mutti kann ich auch nicht gehen. Aber ich will von hier weg, ich kann nicht hier bleiben. Ich werde nie in diesem Haus bleiben, wenn es wahr ist, was ich gesehen habe. Und es ist wahr, natürlich ist es wahr. So wie er sie geküsst hat ...

Sie saß da wie verloren. Einen Augenblick lang dachte sie, ob sie nicht doch das Essen machen sollte, so wie immer, als sei nichts gewesen. Einfach so tun, als hätte sie nichts gesehen und wüsste auch nichts von einer anderen.

Nein, das kann ich nicht, das hätte ich nie gekonnt. Und das werde ich auch jetzt nicht können. Ich bin keine gute Schauspielerin. Er würde es mir sofort an der Nasenspitze ansehen.

Aber ich sollte ihm das Essen zubereiten, er hat einen Anspruch darauf.

Einen Anspruch?, fragte sie sich dann. Wieso hat er einen Anspruch? Erst betrügt er mich, und dann hat er einen Anspruch auf sein Essen? Damit er kräftig und wohlgenährt zu der anderen gehen kann? Nein, kein Essen! Wir können auch irgendwo essen gehen, wenn es sich wirklich aufklären sollte und nichts hinter der ganzen Geschichte steckt. Doch es steckt was dahinter, das spüre ich. Das fühle ich mit allen Fasern meines Körpers. Etwas, das furchtbar ist, etwas, das alles verändert. Ich werde nie mehr dieselbe sein können, und er ebenfalls nicht. Wir können nicht miteinander leben, nicht mit dem Wissen um so etwas, um diesen Betrug, den er mir angetan hat. Ich will nur noch hören, was er mir sagt. Dazu bin ich verpflichtet, darauf hat er ein Recht. Er muss sich äußern können. Aber danach fälle ich das Urteil.

Sie warf den Kopf in den Nacken. Ich werde gehen, ich werde den Platz räumen. Er hat sein Haus, da kann er die andere hierher holen. Ich räume das Feld. Und wenn ich einmal gegangen bin, kehre ich nie wieder hierher zurück, nie mehr.

Warum muss es mir passieren, ich bin so glücklich gewesen bis heute morgen. Ich hätte es nie gemerkt, wäre ich nicht so darauf gestoßen.

Einen Augenblick lang dachte sie etwas Furchtbares. Wenn ich nicht mehr leben würde, sagte sie sich, brauchte ich nicht mehr an all das zu denken. Es wird mich eigentlich nie mehr loslassen, immer wieder fällt es über mich her, die Erinnerung an diese Szene, der Gedanke an diesen Betrug, der hat unsere Liebe zerstört, zertreten, für alle Zeiten vernichtet. Vielleicht bin ich mitschuldig, vielleicht habe ich ihn falsch behandelt, habe seine Erwartungen nicht erfüllt, ich weiß es nicht. Ich habe mich immer bemüht, eine gute Frau zu sein. Und ich bin glücklich gewesen. Ich habe gedacht, wenn ich glücklich bin, muss er es auch sein. Offenbar war er es nicht.

Plötzlich hörte sie den Schlüssel im Schloss der Haustür und schrak zusammen. Und dann fasste sie sich, blieb einfach so sitzen, denn nur er konnte es sein, der kam.

Die Tür knarrte, seine Schritte kamen.

Er war früher als sonst. Eigenartig, dachte sie. Ich hatte erwartet, er käme später als sonst, jetzt ist er sogar früher da. Allein dafür wird er mir etwas erklären wollen.

Sie hörte, wie er die Jacke aufhängte, wie er seine Tasche abstellte, und dann kam er.

Bei dem Gedanken an die Tasche fiel ihr etwas auf. Vorhin, als diese rotblonde Frau mit ihrem Wagen vorgefahren war, da hatte er keine Tasche gehabt, nur diesen Blumenstrauß. Aber jetzt hatte er die Tasche abgestellt, sie kannte das Geräusch ganz genau.

Die Küchentür öffnete sich. Er stand in der Tür, sah sie erst lächelnd, dann sehr ernst an. Er schien sofort zu wissen, dass etwas vorgefallen war.

Sie sah ihm an, dass er unsicher war. Aber dann zeigte sich Trotz in seinem Gesicht, vor allen Dingen in seinem Blick.

„Was sitzt du herum, bist du krank?“, fragte er statt eines Grußes.

„Ich habe dich in Mehlem gesehen, vor einer knappen Stunde etwa“, sagte sie, und ihre Stimme kam ihr selbst ganz fremd vor. So, als habe eine andere gesprochen.

Sie beobachtete ihn. Sein Gesicht war erstarrt, der Blick wirkte bohrend, dann bewegten sich seine Lippen, er räusperte sich und fragte: „Was hast du? Wieso hast du mich in Mehlem gesehen?“

„Weil ich dort gewesen bin. Mein Zahnarzt hat Urlaub, und ich war bei seinem Bruder, der ihn vertritt. Deshalb.“

„Und er wohnt da draußen?“, fragte Rüdiger, als gäbe es sonst nichts zu fragen.

„Ja, der wohnt da draußen“, sagte sie und war selbst überrascht, wie gefasst sie das vortrug.

Sie hörte ihn durch die Nase atmen, aber er schwieg. Die Nasenflügel blähten sich, die Adern an seinem Nacken schwollen an, sie kannte das. Innerlich kochte er, aber er konnte sich wunderbar beherrschen, dieser große, dunkelhaarige, athletisch gebaute Mann. An den Schläfen wurde sein Haar schon grau. Falten hatte er im Gesicht schon immer gehabt, jetzt allerdings noch ein paar mehr als vor ein paar Jahren. Mein Gott, dachte sie, wir sind fünf Jahre verheiratet, fünf Jahre, eine lange und eine kurze Zeit, wie man es nimmt. Und jetzt hat er schon eine andere. Ich muss wirklich kläglich versagt haben.

Es war keine Strenge in ihrem Blick, wie sie ihn jetzt ansah, eher Nachsicht, Verständnis, aber er selbst empfand es nicht so. Er kam sich vor wie vor einem Gericht. Plötzlich schlug er mit der Faust auf den Küchentisch und brüllte los.

„Und wenn schon, und wenn du mich schon gesehen hast, es ist eine alte Bekannte gewesen. Darf ich mich nicht mehr mit alten Bekannten sehen lassen? Ist das ein Verbrechen?“

Sie schüttelte nur den Kopf und sagte mit spröder Stimme: „Es ist kein Verbrechen, und du weißt auch genau, dass ich nie etwas sagen würde. Aber so, wie ihr euch geküsst habt ...“

„Aha, das ist es!“, schrie er los. „Ich habe einer alten Freundin einen Kuss gegeben, ich habe ihr sogar Blumen mitgebracht, wie du gesehen hast. Einer alten, lieben Freundin. Die habe ich schon gekannt, da bist du noch in die Schule gegangen. Sie ist nämlich eine Schulkameradin von mir. Die ist genauso alt wie ich, eine fantastische Frau. Und ich habe sie wiedergetroffen, neulich schon, vor ein paar Tagen. Und jetzt hatten wir uns verabredet, uns einmal in Ruhe über alles zu unterhalten, allerdings hatte sie nicht viel Zeit. Wir wollen uns noch einmal treffen, aber jetzt werde ich wohl erst deine Genehmigung dafür brauchen, dafür, dass ich mich mit einer alten Freundin einmal über früher unterhalten will, über unsere Erlebnisse in der Schule. Eine Schulfreundin, hast du verstanden? Eine Schulfreundin!“

„Auch Schulfreunde küsst man nicht auf den Mund“, sagte sie knapp. Und da spürte sie, wie die Wut wieder in ihr aufkam, die Wut auf ihn. Das ist keine Schulfreundin, dachte sie, kann ja sein, dass sie zusammen in die Schule gegangen sind, aber nie im Leben wird er mit ihr über Schulerlebnisse sprechen. Ich kenne doch seine Art, wenn ihm eine Frau gefällt, so, wie er es damals bei mir gemacht hat. Da ist er ein Kavalier, vollendet. Später wird sich das legen. Bei mir jedenfalls hat es sich gelegt. Wie lange ist es her, dass er mir eine Tür aufgemacht hat? Oder Blumen mitgebracht hätte! O Gott, das mit den Blumen muss mindestens schon vier Jahre her sein. Nur zum Geburtstag bekomme ich welche. Früher waren es rote Rosen, jetzt nimmt er auch schon Astern oder Dahlien, weil die im Herbst viel billiger sind.

„Ich verbitte mir diese Herumschnüffelei!“, schrie er wieder.

Er schreit, dachte sie. Immer wenn er schreit, ist er im Unrecht. Wenn er im Recht ist, bleibt er beherrscht. Ja, dann kann er wirklich beherrscht sein, dann wird er sogar meistens zynisch. Aber jetzt schreit er. Hunde, die laut bellen ...

„Du bist mir nachgefahren, gib es zu. Das mit dem Zahnarzt glaube ich dir nicht. Du bist mir nachgestiegen, du wolltest sehen, was ich mache. Hast du mich vielleicht im Büro abgepasst? Hast du doch, gib es zu!“

Sie schüttelte den Kopf. „Nein, es war Zufall. Ich kam aus dem Haus des Zahnarztes. Das ist genau der Stelle gegenüber, wo du gewartet hast, wirklich Zufall.“ Sie sagte es so ruhig, als spräche sie über etwas, das sie im Grunde gar nichts angeht. Über das Zusammentreffen zweier Wildfremder, die sie weiter nicht näher interessierten.

Er hätte wissen müssen, dass sie die Wahrheit sagte. Er kannte sie gut genug. Wenn er es wusste, dann verbarg er es. Erneut begann er sie anzuschreien.

„Ich glaube dir keine Silbe. Das ist einfach eine Gemeinheit von dir, eine verdammte unverschämte Gemeinheit. Was habe ich dir nur getan, dass du mich so reinlegen willst?“

Reinlegen?, dachte sie. Ich will ihn nicht reinlegen. Er hat mich betrogen und spricht von Reinlegen. Haltet den Dieb, nach diesem Motto möchte er mich kriegen. Warum eigentlich? Warum achtet er mich so wenig, dass er das tut. Bin ich eine so schlechte Ehefrau gewesen? Habe ich derart versagt und so viele Fehler gemacht, dass er es mir auf diese Weise heimzahlen muss, dass er mich richtig verachtet und für dumm hält. Hat er wirklich geglaubt, eine dumme Frau geheiratet zu haben? Vielleicht bin ich tatsächlich dumm, weil ich das alles erst heute begreife, dass mir nun nach fünf Jahren die Augen aufgehen. Nach fünf Jahren!

„Ich werde gehen“, sagte sie so leise, dass er Mühe hatte, sie zu verstehen. „Ich hatte eigentlich vor, sofort zu verschwinden, nur ein paar Zeilen zu hinterlassen. Aber dann wollte ich dich noch anhören. Jetzt gehe ich.“ Sie stand auf, sah ihn an und lächelte. Aber es war ein trauriges, ein bitteres Lächeln, und sie sagte: „Ich bin blind gewesen, das ist mein Fehler. Ich war mit Blindheit geschlagen. Und es ist traurig, dass du mich so gering einschätzt, dass du glaubst, ich falle auf deine Lügen herein. Und es sind Lügen. Schade, ich hatte etwas mehr Respekt erhofft. Ich hatte geglaubt, wir könnten ehrlich miteinander reden. Fünf Jahre sind eine lange Zeit, vielleicht aber doch nicht lange genug.“

Sie senkte den Kopf und wollte jetzt an ihm vorbei und zur Küche hinaus. Aber er vertrat ihr den Weg.

„Bist du eigentlich verrückt geworden?“, brüllte er sie an. „Bildest du dir ein, du kannst hier einfach in den Sack hauen und verschwinden? Einfach so, mir nichts, dir nichts, auf einen vagen Verdacht hin?“

Sie sah zu ihm auf. Er war gut einen Kopf größer als sie und breit war er und kräftig. Brutal war er noch nie zu ihr gewesen, aber jetzt fürchtete sie, könnte er es werden. Sie hatte mit einem Male wahnsinnige Angst, von ihm geschlagen zu werden.

„Du kommst hier nicht weg. Du kannst nicht einfach, weil du dir einbildest, da wäre eine andere, alles hinschmeißen; das lasse ich nicht zu.“

„Dann sag mir jetzt die Wahrheit, sag sie mir. Und belüge nicht am Ende noch dich selbst. Belüge nicht diese Frau. Die hat auch einen Anspruch darauf, die Wahrheit zu wissen, obgleich ich sie hasse, abgrundtief hasse, wie ich noch nie einen Menschen gehasst habe. Sie hat mir alles genommen, mein Glück, meinen Mann und meine Zukunft.“

„Ach, ich zerfließe gleich in Tränen vor lauter Mitleid um dich“, höhnte er. „Wie du sie hasst! Sie kennt dich überhaupt nicht, und du kennst sie nicht, aber du kannst sie hassen. Wenn ich so einen Wahnsinn höre – blödsinnig ist das. Sie hätte nichts gegen dich, ihr könntet sogar Freundinnen sein, aber ihr kennt euch gar nicht. Vielleicht wärt ihr miteinander bekannt geworden, vielleicht auch nicht mit deiner krankhaften Eifersucht.“

Sie wusste, dass er ihr Unrecht tat. Sie war noch nie eifersüchtig gewesen bis jetzt, allerdings jetzt, das musste sie zugeben, da war sie es. Und wie sie es war. Aber zugleich merkte sie, dass auch diese Eifersucht nachließ. Je länger sie ihn reden hörte, um so weniger eifersüchtig war sie. Im Grunde empfand sie nur noch tiefe Traurigkeit. Ihr war, als stünde Rüdiger, der Rüdiger, den sie mal geliebt hatte, mitten in einem Boot, das einen breiten Strom hinuntertrieb. Und er entfernte sich immer schneller und schneller von ihr, wurde kleiner und kleiner.

Er stand zum Greifen nahe vor ihr, und doch kam es ihr vor, als stünde da ein ganz anderer Mensch, nicht der Rüdiger, den sie kannte, nicht ihr Mann, nicht ihr Geliebter von damals, Freund und Partner über insgesamt sechs Jahre. Fünf davon waren sie Mann und Frau gewesen. Vielleicht, dachte sie, haben wir uns nicht gut genug gekannt. Vielleicht hätte ich ihn mehr an mich fesseln müssen.

Aber wieso denn? Ich bin immer da gewesen, den ganzen Tag. Wenn er kam, hat sich alles um ihn gedreht wie um einen Pascha. Er hat diese Liebe nicht einmal mit Kindern teilen müssen.

„Also gut“, brüllte er wieder, „wenn du gehen musst, dann geh! Verschwinde! Ich komme auch ohne dich gut zurecht. Und wie ich ohne dich zurecht komme, du wirst dich wundern!“

„Ich wundere mich nicht“, sagte sie und ging an ihm vorbei, öffnete die Tür und blickte dann noch einmal zu ihm zurück. „Ich habe ja gesehen, dass du zurechtkommst.“

„Nichts hast du gesehen! Das bildest du dir nur alles in deinem verrückten Kopf ein! Aber jetzt hau ab, verschwinde! Und komm bloß nicht mehr her, komm nie mehr her!“

„Bestimmt nicht“, murmelte sie, aber das konnte er nicht hören, denn sie war schon an der Treppe. Sie ging nach oben, ging auf den Speicher, holte ihren Koffer. Er war staubig, sie brauchte eine ganze Weile, um ihn soweit sauberzumachen, dass sie ihn benutzen konnte. Ihre Reisetasche stand unten.

Sie nahm die wichtigsten Sachen, packte sie ein. Vieles würde sie jetzt zurücklassen. Aber ich brauche es doch, ich muss es mitnehmen, sagte sie sich. Wohin damit? Ihr fiel ein Karton ein, der stand im Keller. Aber sie mochte ihn nicht holen, da hätte sie wieder unten vorbei gemusst, wäre mit Fragen bombardiert worden oder mit gehässigen Reden. Und sie hatte Angst. Sie hatte Angst, obgleich scheinbar nichts darauf hinwies, dass Rüdiger gewalttätig werden konnte. Und doch spürte sie, dass er es jeden Augenblick werden konnte. Nur weg, einfach fort. Ich werde die Koffer nehmen und von der Zelle aus ein Taxi rufen.

Wo gehe ich denn hin? Wo will ich denn hin mit meinen Koffern? Wenn ich nicht zu Mutti gehe, dann ...

Ich habe kein Konto, kein Geld. Ich habe praktisch gar nichts. Er hat das Geld, er hat alles. Ich müsste meinen Bruder anpumpen.

Aber es gibt Gesetze. Ich muss mit einem Anwalt reden.

Ihr graute bei dem Gedanken, das, was sie beschäftigte, vor anderen Leuten auszubreiten.

Zweifel nagten an ihr, Zweifel, ob er vielleicht doch recht hatte, dass es am Ende womöglich eine harmlose Geschichte war und sie ihm Unrecht tat. Er schrie es ja geradezu immerfort in der Küche herum. Sie hörte ihn bis hier herauf. Jedes Wort verstand sie. Er schrie, dass sie ihm Unrecht tat. Er schrie, wie gemein sie sei, wie bösartig, eine falsche Schlange. Sie sei es wahrscheinlich, die einen Freund habe, von dem er nichts wisse.

Seine Vorwürfe machten sie ruhig. Da war wieder eine Wand, die zwischen ihnen aufzog, die es ihr leichter machte zu gehen.

Jetzt hörte sie ihn heraufkommen. Als er ins Schlafzimmer trat, wo sie den Koffer füllte, da sah sie Rüdiger an, wie übermächtig die Wut in ihm war. Sein Gesicht war krebsrot, die Augen hatte er unnatürlich weit aufgerissen, die Hände zu Fäusten geballt, so kam er auf sie zu und schrie weiter.

„Du kannst mich nicht zum Idioten machen, du nicht! Zum Narren halten. Was bildest du dir eigentlich ein? Nur weil ich einmal jemand treffe, den ich lange kenne? Nur weil es außer dir noch andere Frauen gibt, die man nett finden kann? Verdammt noch mal, du kannst mir nichts nachweisen, nichts außer diesem Kuss. Du kannst mir überhaupt nichts beweisen! Beweise es mir doch! Beweise es mir!“

„Ich will dir nichts beweisen“, sagte sie ruhig, „ich will nur gehen. Ich möchte einfach weg.“

Plötzlich schlug er zu. Er schlug mit einer Wucht, dass es sie von den Füßen riss. Sie stürzte bis auf das Bett, über den Koffer weg, rollte zur Seite, da war er schon bei ihr. Packte sie vorn, riss sie hoch, schlug noch einmal zu, und sie hatte das Gefühl, das Bewusstsein zu verlieren

Er stieß sie aufs Bett zurück, und ein paar Sekunden lang geschah gar nichts. Sie lag da und hatte nur den einen Wunsch bei Bewusstsein zu bleiben. Alles um sie drehte sich. Ein wahnsinniger Schmerz peinigte sie an ihrer linken Gesichtshälfte, der aber allmählich nachzulassen begann.

Sie öffnete die Augen, und da sah sie ihn plötzlich. Er stand vor ihr, wie sie ihn noch nie gesehen hatte. Er stand vor ihr, um wie ein wildes Tier über sie herzufallen.

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Sie hatte sich gewehrt, so gut sie nur konnte und war erneut von ihm geschlagen worden, bis sie es aufgab, bis sie einfach nicht mehr die Kraft hatte und halb bewusstlos alles über sich ergehen ließ. Sie hätte es nie von ihm erwartet, das nicht. Es war das Schlimmste, was sie meinte, was man einer Frau antun kann. Und er hatte es ihr angetan ... als ihr Mann.

Es war ruhig im Haus. Sie lag noch immer oben auf dem Bett. Vorhin war er weggegangen; sie hatte die Haustür klappen hören. Und jetzt lag sie da, zu nichts fähig, kaum imstande, einen klaren Gedanken zu fassen. Sie hatte furchtbare Kopfschmerzen, hielt die Augen geschlossen und hoffte nur, dass diese Kopfschmerzen nachlassen und sie selbst zur Ruhe kommen könnte.

Aber es dauerte eine ganze Weile. Sie fühlte sich besudelt. Alles tat ihr weh. Die Gelenke schmerzten. Einmal hatte sie ihn gekratzt, hatte ihm mit ihren Fingernägeln die Gesichtshaut aufgerissen. Dafür war sie erneut von ihm geschlagen worden. Ihre Lippe war aufgeplatzt. Es war ein dumpfer Schmerz dort. Als sie hintastete, spürte sie, dass die Unterlippe aufgeplatzt war. Und natürlich hatte schon eine Schwellung eingesetzt.

Mühsam stand sie auf. Ich will weg, ich muss weg, dachte sie. Keine Stunde kann ich noch hierbleiben. Ich habe ihn geliebt, alles hätte ich für ihn getan, aber das was er gemacht hat, was er jetzt zuletzt mit mir gemacht hat ...

Sie konnte gar nicht zu Ende denken, wie sie deshalb empfand. Schließlich gipfelten ihre Gedanken in dem Wunsch zu sterben. Einfach hier liegenbleiben und nie mehr aufwachen, als wäre all das nichts als ein böser, böser Traum gewesen.

Zuerst ließ sie sich wirklich wieder zurücksinken, lag mit offenen Augen und starrte zur Decke. Diese ruhige Haltung tat ihr gut. Der Kopfschmerz ließ nach. Von den Schmerzen in den Armen und Gelenken spürte sie im Augenblick nichts mehr. Auch die Lippen taten nicht weh. Einfach so liegen, einschlafen und nicht mehr erwachen.

Schlaftabletten, dachte sie. Ich habe doch irgendwo Schlaftabletten.

Aber bevor sie ihre Gedanken in ein Handeln umsetzte, um die Tabletten zu suchen, fiel ihr ein, dass sie die vor einer Woche weggeworfen hatte. Gift, das den Körper kaputtmacht, war Rüdigers Meinung gewesen. Gift, das ihr jetzt geholfen hätte, für alle Zeiten kaputt zu gehen, um es mit seinen Worten auszudrücken, um zu verschwinden und sich zu verabschieden von all dieser Gemeinheit, die ihr heute widerfahren war.

Zu verabschieden für immer.

Aber dann sagte ihr eine Stimme: Der ist es nicht wert. Du gibst dich auf für ihn, das wäre ja der Triumph all seiner Bösartigkeit. Er hat dich betrogen, geschlagen und vergewaltigt. Und jetzt willst du einfach aus seinem Leben verschwinden? Er aber bleibt, ihm geschieht nichts, ihm macht es nichts aus, ihm und der Rothaarigen.

Nein, warum sollte ich aufgeben. Warum fang ich nicht neu an, vollkommen neu, beginne ein neues Leben. Vati hätte gesagt, dass es feige ist, sich einfach selbst aufzugeben. Nein, ich gebe nicht auf, ich mache einen Strich. Ich werde neu anfangen. Vollkommen allein, ich bin noch jung, ich habe alles vor mir, ich habe eine Chance, es zu schaffen. Ich will es schaffen, ich will kämpfen, kämpfen um ein neues Glück, um ein wirkliches Glück, das andere ist ein Betrug gewesen.

Ich bin hereingefallen. Ich bin furchtbar und jämmerlich hereingefallen. Es ist entsetzlich gewesen. Aber ich gebe nicht auf, ich mache weiter. Und ich will sehen, dass ich aus alledem etwas lerne.

O Himmel, gib mir die Kraft dazu!

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Du musst zu einem Anwalt gehen“, sagte Angelika Pochwitz und sah Beate vorwurfsvoll an. „Und Arbeit musst du dir suchen.“

„Das tue ich ja schon“, sagte Beate und lehnte sich im behaglichen Sessel zurück.

Angelika hat sich gut eingerichtet, dachte sie und warf einen anerkennenden Blick auf die vierzigjährige Frau. Dunkel war sie, und ihr Gesicht wirkte, als sei sie gerade dreißig geworden. Erst wenn man näher hinsah, erkannte man den Tribut, den sie den Jahren zollen musste. Aber sonst hatte es Angelika geschafft. Die wunderschöne Wohnung, die herrliche Einrichtung, und dann einen netten Mann. Lothar ist wirklich nett, dachte Beate. Er würde das, was Rüdiger mit mir getan hat, ganz sicher nie tun.

Bevor sie mit ihren Gedanken weiterkam, sagte Angelika: „Hör mal, wir beide kennen uns doch schon eine ganze Weile. Warum willst du weg von Bonn? Nur um ihn nicht wiederzusehen? Bonn ist doch eine Großstadt. Wenn du nicht willst, siehst du ihn auch nicht wieder. Warum gehst du eigentlich nicht wieder auf den Venusberg?“

„Ich habe es doch versucht, in der Uniklinik anzufangen, aber ich müsste da ein Zimmer haben, und das haben sie ja nicht.“

„Unsinn, du kannst doch solange bei mir wohnen, bis du ein Zimmer findest.“

Beate lachte unfroh. „O Angelika, jetzt bist du aber weltfremd. Hier in Bonn ein Zimmer kriegen? Ich glaube, da könnte man ebenso drauf warten, sechs Richtige im Lotto zu gewinnen. O nein, ich habe es ja versucht. Meinst du, ich möchte in diesem Hotelzimmer bleiben? Das kostet ja ein Vermögen. Wenn ich da noch ein halbes Jahr bleiben muss, ist keine müde Mark mehr auf meinem Konto. Im Gegenteil. Und leben muss ich auch noch. Und das Geld hat mir mein Bruder auch nur geliehen und nicht geschenkt.“

„Dann wohne doch einfach hier bei uns, wir haben das Zimmer frei von ...“

„Ihr braucht es doch für die Kinder. Du hast vorhin selbst erzählt, dass der Junge langsam zu groß ist, um mit seiner Schwester zusammen das Zimmer zu teilen. Und dass du das Zimmer von eurer verstorbenen Oma für ihn bereit hältst und ihr es nur noch tapezieren wollt. Und nun auf einmal möchtest du es mir geben. Nein, Angelika, das nehme ich nicht an. Und das wäre auch nicht in Lothars Sinn.“

„Da kennst du Lothar schlecht. Lothar hilft für sein Leben gern anderen Menschen. Und dir würde er besonders gern helfen.“

„Mir besonders gern?“

„Weil wir dich beide mögen. Er mag dich auch, nicht so, wie du vielleicht jetzt denkst. Er hat dich gern, so wie ich dich gern habe. Wir kennen dich beide schon lange. Menschenskind, nimm‘s einfach an. Hol deine Koffer vom Hotel, bezahle deine Rechnung und komm her!“

Beate schüttelte den Kopf. „Das kann ich nicht annehmen. Ihr braucht den Platz, ihr braucht den Platz für euren Jungen. Und außerdem weiß ich ja gar nicht, ob ich in Bonn bleiben kann. Ich habe es auf dem Venusberg versucht. Ich habe es natürlich zuallererst da versucht, wo wir beide damals gewesen sind. Aber die Gynäkologen suchen keine Operationsschwestern, die brauchen sowieso nicht so viele, und in der Chirurgie sah es auf dem Venusberg auch schlecht aus. Die Neurochirurgen wollten eine OP-Schwester haben, aber für die Neurochirurgie fehlt mir die Qualifikation, und sie hatten keine Lust, mich erst großartig ausbilden zu lassen. Also muss ich sehen, wo ich bleibe. Ich will es in Köln versuchen, und da hätte ich auch die Möglichkeit, ein Zimmer zu bekommen.“

„In Köln?“, rief Angelika, „da ist es genauso schlimm wie in Bonn.“

„Nicht privat, in der Klinik.“

„Ach so. Ach, das ist auch nicht das Richtige. Da unterwirfst du dich so sehr den Regeln, die dort herrschen und bist mehr oder weniger der Popanz der Oberin. Ich weiß doch, wie das zugeht. Das ist der Kasernenhof der Frauen. Hör auf, wohne lieber draußen.“

„Erst können vor Lachen.“

„Du, da fällt mir etwas ein“, meinte Angelika nachdenklich, „ich habe neulich Karin getroffen. Kannst du dich noch an Karin erinnern?“

„Welche Karin?“

Angelika lachte. „Na hör mal! Wie heißt sie denn mit dem Nachnamen, ich komme nicht darauf. So ‘ne Lustige ist das, brünettes Haar. Die hatte immer so rheinische Witze auf Lager. Kannst du dich nicht erinnern? Die hat sie immer während der Operation erzählt, bei passender Gelegenheit natürlich. Und immer an der richtigen Stelle.“

„Ach, jetzt weiß ich, wen du meinst. Und was macht die?“

„Die ist in der Paul-Ehrlich-Klinik.“

„Da müsste ich auch mal hingehen, aber beim Nachweis war von denen nicht die Rede. Die suchen offensichtlich kein Personal.“

„Ach, über das Arbeitsamt! Die suchen so etwas selber. Du weißt doch, wie das geht. Die schreiben eine Stelle in der Zeitung aus oder kümmern sich von sich aus um Personal. Die haben einen guten Personalchef. Karin ist da, sie macht vornehmlich Nachtdienst, aber manchmal vertritt sie auch die Stationsschwester der gynäkologischen Abteilung. Und dort suchen sie Schwestern. Sie hat es mir noch gesagt. Sie meinte, ich sollte doch wieder arbeiten, die Kinder wären ja so klein nicht mehr. Aber ich habe es nicht gewollt. Da hat sie mir erzählt, dass sie gute Kräfte suchen, aber nicht im OP, die suchen sie in der Station.“

„Um Himmels Willen, das ist ja viel schlechter bezahlt.“

„Sag das nicht. Karin möchte nicht mehr in den OP zurück. Sie sagte auch, die Stationsschwester in der gynäkologischen Abteilung sei eine ziemlich alte Frau, und sie haben dort den Drei-Schichten-Dienst eingeführt. Da brauchen sie noch eine Stationsschwester, weil sie Karin zu Stationsschwester machen wollen, zur zweiten, die in der Spätschicht arbeitet. Wäre das nicht etwas für dich? Das ist absehbar, wann du Stationsschwester werden kannst.“

„Ich weiß nicht, ob ich mich dazu eigne. Ich habe das ja noch nie gemacht. OP-Schwester und Stationsschwester, oder selbst auf der Station zu arbeiten, das sind doch zwei ganz verschiedene Sachen.“

„Geh’ doch einfach mal hin. Vielleicht wollen sie dich im OP haben, man kann es nie wissen. Geh’ doch einfach mal hin.“

„Wer ist denn der Chef dort?“, erkundigte sich Beate.

„Ach, der ist Klasse, das ist mein Frauenarzt. Wenn ich meine halbjährliche Vorsorgeuntersuchung machen lasse, gehe ich zu Professor Winter. Ich habe so eine Zusatzversicherung, weißt du, da bekommt man Chefarzt-Behandlung, sozusagen privat. Du, der gibt sich unheimlich viel Mühe, auch sein Oberarzt, ein gewisser Doktor Mittler, auch erste Klasse. Die sind sehr sorgfältig.“

„Na ja, ich weiß nicht, meinst du, ich hätte eine Chance?“

„Natürlich hast du eine Chance, nur hingehen musst du.“

„Und die Wohnerei ist damit nicht gelöst. Oder kann man da wohnen?“

Angelika zuckte die Schultern. „Ich weiß es nicht. Du musst es einfach versuchen, aber was du ebenfalls tun musst und was dir niemand abnimmt, ist der Weg zu einem Anwalt. Das, was dir Rüdiger angetan hat, das brauchst du nicht zu schlucken. Da gibt es nur eines, das ist die Scheidung. Geh’ weg von ihm, geh’ weg von diesem Kerl!“

„Ich habe darüber nachgedacht. Es ist jetzt zwölf Tage her und obgleich es jedes Mal, wenn ich darüber nachdenke, so weh tut, als sei es gerade passiert, bekommt man doch eine Art Übersicht, etwas Abstand davon und ist nicht mehr so in Panik. Ich weiß nicht, ob vor Gericht die ganze Geschichte so aussieht, wie sie passiert ist.“

„Davon kannst du ausgehen, dass das ganz anders aussieht, da wette ich mit dir. Am Ende ist er von dir vergewaltigt worden, weißt du. Jedenfalls wird er es so darstellen und ganz sicher sein Anwalt. Und wenn der dir Fragen stellt, da kannst du dich auf etwas gefasst machen. Ich habe da mal einen Film gesehen, da war vielleicht was los. Da ist es auch um so eine Geschichte gegangen. Sicher, Film ist Film, aber trotzdem. Ich stelle mir vor, in Wirklichkeit ist es nicht anders. Und im Fernsehen haben sie auch schon darüber debattiert. Also, da würde ich mir auch keine Illusionen machen. Aber was sonst geschehen ist, das reicht doch. Diese Frau, weißt du, wer sie ist? Hast du das mal festgestellt?“

„Ich will es gar nicht wissen. Ich hätte es wissen wollen, aber jetzt will ich es nicht mehr wissen. Das, was danach geschehen ist, was er da getan hat, war einfach zu schlimm.“

„Bist du wenigstens bei einem Arzt gewesen, der dir deine blauen Flecken und die Schläge, die du von ihm bekommen hast, irgendwie registrieren konnte oder ein Attest angefertigt hat?“

„Ach was, ich gehe doch deshalb nicht zu einem Arzt. Es ist einfach aus. Ob uns ein Richter trennt oder was immer geschieht ...“

„Menschenskind, Beate“, rief Angelika eindringlich, „hier geht es doch um Geld! Er muss dich doch versorgen, begreifst du das nicht?“

„Ich will nicht von ihm versorgt werden, ich will sein schmutziges Geld nicht. Ich will ihn nicht mehr sehen, ich will nichts mehr von ihm wissen, es ist einfach vorbei. Ich bin jung und brauche ihn nicht. Ich verdiene mein Geld; ich habe kein Kind, das ich ernähren muss, ich bin allein. Ich habe einen Strich unter alles gemacht: Ich will da nichts aufrechnen, ich will nichts von dem wissen, was war, ich möchte es einfach verdrängen, verstehst du? Du kannst es mir nicht ausreden, Angelika. Es ist ganz einfach Notwehr. Wenn ich es nicht so mache, gehe ich vor die Hunde.“

Angelika wollte schon zu einer Antwort ansetzen, lehnte sich dann aber zurück und musterte Beate nachdenklich. „Das ist ein Jammer“, sagte sie, „du bist ein bildhübsches Weib, du bist wirklich eine hübsche Frau, und da gerätst du an diesen Kerl. Aber du hast recht, noch ist nichts verloren, du kannst von vorn anfangen. Aber dass du ihn einfach so ungeschoren davonkommen lassen möchtest! Am Ende dreht er den Spieß noch um, dem traue ich das zu. Ein Mann, der so etwas tut, der ist noch zu ganz anderen Dingen fähig. Wie kannst du dich dagegen wehren? Vielleicht lässt er sich nicht scheiden.“

„Es ist mir ganz gleich, was er tut. Ich habe mit ihm nichts mehr zu schaffen. Und das genügt.“

„Das genügt nicht“, widersprach Angelika. Du könntest einen anderen kennenlernen und könntest frei sein wollen, frei für den anderen. Und dann? Was tust du dann? Willst du dich gütlich mit ihm einigen? Mit diesem bestialischen Kerl, der über dich hergefallen ist?“

Beate zuckte die Schulter. „Ich glaube nicht, dass es je einen anderen gibt. Weißt du, das ist ein so furchtbares Erlebnis gewesen, dass ich in dem Augenblick, da ich nur an so etwas denke, eiskalt werde. Alles in mir krampft sich zusammen. Ich glaube, ich könnte nie mehr mit einem Mann zusammen sein.“

Angelika machte eine abwehrende Handbewegung. „Das darfst du nicht sagen, das denkst du jetzt, das denkst du vielleicht auch noch in einem Vierteljahr. Das ist ein Schock für dich gewesen. Klar, das versteht jeder. Aber später denkst du anders darüber, so allmählich, weißt du. Dafür sorgt schon der weibliche Zyklus.“

„Ach was, sag das doch nicht, dafür brauche ich doch keinen Mann.“

„Nun mach aber einen Punkt. Du gehörst nicht zu denen, die sich einfach entwöhnen können, das willst du doch nicht behaupten. Und übrigens tust du doch allen anderen, die anständig sind, Unrecht damit.“

Beate sah Angelika erschrocken an. „Ich will niemand Unrecht tun. Ich will überhaupt nichts, ich will auch von ihm nichts. Er braucht mir nicht zu bezahlen, er soll mich nur in Ruhe lassen. Ich will nicht mehr seine Frau sein. Ich kann nicht mehr seine Frau sein.“

„Hat er versucht, sich noch einmal dir zu nähern oder ...“

Beate schüttelte den Kopf. „Nein. Ich habe nichts mehr von ihm gesehen, auch nicht von dieser Frau. Und offengestanden, habe ich auch keinen Versuch gemacht, in seine Nähe zu kommen. Ich mache einen weiten Bogen um meine alte Wohnung. Ich habe eigentlich richtig Angst, ihn wiederzusehen. Nicht, weil ich fürchte, er könnte mich noch einmal schlagen, sondern weil ich fürchte, dass ich die Kontrolle über mich verliere, dass ich irgendwie etwas tue, dessen Folgen gar nicht abzusehen sind.“

„Willst du mit einem Messer auf ihn losgehen?“

„Ich will gar nichts. Aber ich finde, dass das, was er getan hat, ganz fürchterlich gemein ist. Und ich glaube auch nicht, dass ein Gericht das irgendwie sühnen kann, wenn es überhaupt gesühnt wird. Ich möchte auch nicht damit an die Öffentlichkeit geraten. Ich fürchte dasselbe wie du, dass am Ende nichts dabei herauskommt, dass man durch den Wolf gedreht wird. Das Gericht, das sind doch alles Männer, die würden am Ende noch zusammenhalten.“

„Das sag nicht, aber es kann sein, dass ein paar Männer die Sache herunterspielen möchten, und es ist bestimmt schwierig, wenn so etwas in einer Ehe passiert ist. Wenn dich ein Mann auf der Straße anfällt, dann ist die Sache ziemlich klar, aber innerhalb der Ehe? Er wird das Gegenteil von dem behaupten, was du gesagt hast. Davon musst du ausgehen, deshalb ...“

„Eben deshalb“, bestätigte Beate, „möchte ich es nicht. Kein Gericht, keinen Rechtsanwalt, einfach gar nichts.“

„Aber du willst doch geschieden werden oder nicht?“

„Soll er das versuchen. Soll er sich scheiden lassen.“

„So geht es aber nicht, dann bist du noch die Dumme am Schluss. Dann darfst du für ihn arbeiten, dann spielt er Invalide und du darfst für ihn arbeiten. Nein, du musst zu einer Anwältin gehen. Ja, eine Anwältin. So etwas vertritt eine Frau besser als ein Mann, nach dem, was da passiert ist. Geh zu einer Anwältin und sprich dich offen aus. Sag ihr auch, welche Bedenken du hast. Sie wird dich verstehen. Warte mal, da fällt mir eine ein, von der habe ich schon einmal gehört, dass sie in einer solchen Frauensache sehr gut gewesen ist. Soll ich einen Termin für dich machen?“

Beate zögerte. Angelika riss sie da richtig in einen Strudel hinein, und sie hatte die Furcht, nicht mehr herauszukommen. Das könnte sich zur Lawine entwickeln, könnte so groß für sie werden, dass sie nicht mehr wusste, wie sie alledem entgehen könnte. Und sie hatte Angst, Angst vor Fragen, vor diesen bis in die Einzelheiten gehenden, bohrenden Erkundigungen und Ermittlungen.

„Lieber wäre mir, ich könnte weit weg sein, irgendwo weit weg, wo es keinen Rüdiger und kein Gericht, keine Rechtsanwälte oder was immer gäbe“, meinte Beate.

„Das ist Vogel-Strauß-Politik“, erklärte Angelika, „steckst den Kopf in den Sand und willst von nichts was wissen. Einfach Unsinn. Stell dich und kämpfe! Du hast gesagt, du willst alles neu anfangen. In Ordnung, das finde ich fantastisch von dir. Aber ein neuer Anfang erfordert zunächst einmal, dass du die alten Geschichten wegräumst, die Scherben wegkehrst, dass du Platz bekommst für dein neues Geschirr, verstehst du?“

Lachend ergänzte Beate: „Das ich dann auch noch zerschlage, was?“

„Das liegt an dir“, entgegnete Angelika ernst. „Und jetzt telefoniere ich mit der Anwältin.“

„Kennst du sie denn selbst?“

„Nein, nicht die Bohne. Ich habe nur von ihr gehört, dass sie gut ist. Ich werde einen Termin mit ihr vereinbaren. Für dich. Denn so wie ich dich kenne, schiebst du das wieder vor dir her. Und ich werde Karin auch anrufen. Ja, das tue ich ganz sicher. Ich rufe Karin an und mache mit ihr ebenfalls einen Zeitpunkt aus, wo wir mit ihr sprechen können, oder aber sie sagt mir gleich, ob es Sinn hat, sich in der Paul-Ehrlich-Klinik zu bewerben.“

Das Telefon stand nebenan. Beate ging nicht mit, als Angelika telefonierte. Sie wartete im Wohnzimmer, betrachtete die Bilder an den Wänden. Die hatte Lothar selbst gemalt. Sie hatte Lothar gern. Er war ein richtiger Freund. Und sie musste daran denken, dass er sich mit Rüdiger nie richtig verstanden hatte. Merkwürdig, am Ende wird er seine Meinung bestätigt finden. Angelika hatte ihr einmal gesagt, dass er Rüdiger nicht leiden konnte.

Sie stand auf, trat ans Fenster und blickte auf die Straße. Es war eine Spielstraße, gesperrt für Autos. Und die Kinder lärmten, viele Kinder waren es. Sie sah ein paar Kleine in der Sandkiste. Die müssen etwa vier Jahre alt sein, dachte sie. Ich hätte auch eins von diesen Kindern haben können. Ich hatte mir es immer so sehr gewünscht, aber jetzt bin ich froh, ja froh, kein Kind zu haben. Für dieses Kind wäre all das nur furchtbar gewesen. Die Kinder sind die wahren Opfer, glaube ich, wenn sich die Erwachsenen trennen. Oder wenn es so zugeht, wie es in diesen Tagen bei uns zugegangen ist.

Nein, dachte sie, ich glaube nicht, dass ich mich jemals wieder mit einem Mann zusammentäte. Ich müsste immer daran denken, was mir bei Rüdiger passiert ist. Diese Angst, glaube ich, werde ich nie mehr los.

Angelika kam zurück, unterbrach Beates Gedanken, indem sie sagte: „Also mit Karin habe ich zuerst gesprochen, bei der Anwältin ist dauernd besetzt. Und Karin meinte, es hätte nicht nur Sinn, sondern sie würden dich mit Freuden aufnehmen. Die brauchen dringend eine gute Schwester. Und sie würde denen schon sagen, was sie von dir hält. Sie meint auch, die würden auf sie hören.“

„Ja, wenn das so ist“, erklärte Beate und hatte mit einem Mal wieder Hoffnung, „dann fahre ich morgen hin.“

„Nein, nicht morgen, heute!“

„Es ist doch schon Nachmittag. Meinst du ...“

„Karin hat schon mit dem Personalchef gesprochen. Die warten auf dich. Du wirst von hier aus direkt dahin fahren. Und weißt du, wer das tut? Ich tue es, ich fahre dich hin.“

„Aber du musst doch hier bleiben, die Kinder sind auf der Straße und ...“

„Die Kinder sind nicht auf der Straße, die Kinder sind bei der Oma. Und Lothar, der findet von mir einen Zettel, stellt sich das Essen in den Mikrowellenherd und im Handumdrehen ist es warm für ihn. Das nimmt er mir nicht übel.“

„O Gott, das hätte ich einmal mit Rüdiger machen sollen“, seufzte Beate.

„Lothar ist nicht Rüdiger. Ich muss dir ehrlich sagen, für deinen Rüdiger habe ich noch nie geschwärmt. Nur weil Lothar ihn so gar nicht leiden konnte, habe ich mir immer gesagt, ich sollte doch wenigstens zum Ausgleich ein wenig freundlicher von ihm sprechen, dir zuliebe. Wirklich nur dir zuliebe, Beate, glaube es mir. Und jetzt will ich nochmal versuchen die Anwältin zu erreichen.“

Angelika stand auf und ging hinaus. Beate sah ihr nach und dachte: Sie sieht wirklich noch sehr gut aus. Sie geht tatsächlich noch für dreißig weg. Und ein feiner Kerl ist sie vor allen Dingen. Ich glaube wirklich, dass sie mit Lothar glücklich ist. Man merkte es an Allem. Sie ist so ausgeglichen. Und jetzt opfert sie ihre Zeit für mich. Schade, dass wir nicht mehr zusammen im OP arbeiten können, es wäre schön gewesen. Angelika und die anderen. Karin war auch dabei. Jetzt, wo sie intensiver an die Zeit dachte, fiel ihr auch Karin wieder richtig ein. Sie war immer fröhlich gewesen, eine Kölnerin, der nie die Witze ausgingen. Keine unanständigen, die mochte Karin nicht. Aber Tünnes und Schäl-Witze, und die ohne Ende.

Nach einer Weile kam Angelika zurück. Sie strahlte. „Morgen Nachmittag. Früh hat sie einen Termin bei Gericht, aber nachmittags kannst du kommen. Und sie nimmt dich auch gleich dran. Ich habe ihr gesagt, dass du übermorgen früh deinen Dienst antrittst und noch viel zu tun hast bis dahin.“

„Du redest mit den Leuten ...“, meinte Beate anerkennend. „Ich bewundere dich richtig, wie du das machst.“

„Da gehört doch nichts dazu. Ich habe erst mit dem Bürovorsteher gesprochen und dann mit der Anwältin selbst. Der Bürovorsteher wollte mich natürlich abwimmeln, wollte mir einen Termin sonstwann geben. Da habe ich so getan, als würde ich die Anwältin persönlich kennen, gut kennen, und auf einmal ging es. Und sie war sehr konziliant. Ich glaube, mit der kommst du gut zurecht. Mir fiel sogar während des Telefonierens ein, dass ich sie sogar schon einmal im Fernsehen gesehen habe, möglicherweise auch du. Da war doch eine Folge, die hieß immer Meyer gegen Meyer oder Schulze gegen Schulze, lauter Scheidungsfälle. Und hinterher nahmen dann richtige Anwälte zu alledem Stellung. Da ist sie mal aufgetreten. Da hat sie mir gut gefallen. Ich glaube, du bist bei ihr in besten Händen.“

„Ich danke dir, ich danke dir von ganzen Herzen, Angelika. Du tust so viel für mich, und ich kann es jetzt wirklich gebrauchen.“

„Wenn einer in der Patsche sitzt, kann er Hilfe immer gebrauchen. Weißt du, ich stehe auf dem Standpunkt“, meinte Angelika und legte ihren Arm fürsorglich um Beates Schultern, „wenn man in guten Zeiten Freundschaften pflegt, wenn keiner etwas von einem haben will, dann gehört dazu nichts. Aber wenn es darauf ankommt, wenn der andere echt drinsitzt und deine Hilfe braucht, und wenn diese Hilfe vielleicht für dich etwas lästig ist, dann zeigt sich, wie viel diese Freundschaft wert ist.“

„Mein Vater sagte immer, man solle von Freundschaft erst dann sprechen, wenn man mit jemandem gemeinsam geerbt hat und sich dann noch mit ihm versteht.“

Jetzt lachten sie beide. Angelika sagte: „Aber nun los. Jetzt werden wir sofort zur Klinik fahren. Ich hoffe, dass es nicht so lange dauert.“

„Nein, um Gottes Willen, du wirst nicht auf mich warten, fahr dann weg. Am Besten, ich nehme mir dann ein Taxi oder den Bus.“

„Ach, die Busse sind immer um diese Zeit knallvoll. Ich fahre dich mit dem Auto, das wird lange genug dauern. Die Straßen sind ja auch knallvoll. Komm, ich schreibe nur schnell noch einen Zettel für Lothar.“

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Personalchef Kremer war ein Mann um die Fünfzig und hatte eine spiegelblanke Glatze, über die er sich immer wieder nervös mit der Hand fuhr, als müsse er sie polieren. Durch eine dicke Hornbrille sah er auf Beate.

„Natürlich brauchen wir eine OP-Schwester. Wir brauchen sogar dringend eine OP-Schwester und zwar für die gynäkologischen Operationen. Sie kommen uns also wie gerufen. Aber etwas brauchen wir im Augenblick noch viel dringender. Wir brauchen eine Stationsschwester. Auf der Station 3b, unserer gynäkologischen Station, ist die Stationsschwester ausgefallen. Es handelt sich um eine ältere Krankenschwester, die uns krank geworden ist. Natürlich wird sie genesen, und natürlich wird sie ihren Posten wiederbekommen. Bei dieser Gelegenheit wollen wir den Drei-Schichten-Dienst einführen. Bis jetzt haben wir mit zwei Schichten gearbeitet, aber das führt zu unerträglichen Überstunden. Der Drei-Schichten-Dienst erfordert aber noch mehr Personal, und deshalb sind wir noch mehr als um eine OP-Schwester um Schwestern im Stationsdienst verlegen. Schwester Karin hat ein Loblied auf Sie gesungen, und ich sehe an den Unterlagen, Frau Demelt, dass Sie durchaus qualifiziert sind. Aber Sie haben auf der anderen Seite fünf Jahre nicht in Ihrem Beruf gearbeitet.“

„Vier Jahre“, korrigierte sie ihn.

„Warum haben Sie aufgehört? Sie sind doch kinderlos.“

„Mein Mann wollte es.“

„Und jetzt will er es nicht mehr?“

„Wir leben getrennt. Ich lasse mich von ihm scheiden“, erklärte sie.

Er fixierte sie durch seine Brille, und sie fragte sich, was in seinem Kopf wohl vorgehen mochte. Er sagte nichts dazu, blätterte in den Zeugnissen, die vor ihm lagen, nahm sie jetzt zusammen und steckte sie in die Folie, um sie Beate zurückzureichen.

„Also, wie gesagt, wenn Sie Lust haben, vorübergehend und so rasch wie möglich, am Besten morgen früh schon, in unserer gynäkologischen Station als Schwester zu arbeiten, dann garantiere ich Ihnen, sobald Schwester Else zurückkommt, den Wechsel in den OP-Trakt. Sie können dann sogar wählen, ob Sie im gynäkologischen Bereich arbeiten wollen oder in der reinen Chirurgie bei unserem Professor Faulhaber.“

„Wenn schon, dann möchte ich im gynäkologischen Bereich bleiben. Das ist ja das, was ich früher getan habe. Also gut, ich bin einverstanden.“

„Sie sind einverstanden, zunächst in der Station zu arbeiten?“

Beate nickte.

Er erhob sich, streckte die Hand aus und sagte: „Also dann, verraten Sie mir nur noch, wann Sie kommen. Am Liebsten möchte ich Sie gleich hierbehalten“; fügte er lächelnd hinzu.

„Ich habe morgen noch einiges zu erledigen, aber übermorgen früh ...“

Er sah sie erleichtert, fast beglückt an. „Das ist wirklich ein großartiges Entgegenkommen. Sie sehen daran, dass wir tatsächlich echt in der Patsche sitzen. Also übermorgen früh, das ist ein Wort. Doch Sie sollten sich vorher einmal die Station ansehen. Wollen Sie das nicht?“

„Ich bin vorhin, als ich warten musste, hinaufgefahren und habe es mir angesehen“, bekannte sie ein wenig verlegen.

„Sie haben sie sich schon angesehen. Hat man sie so einfach hineingelassen?“

„Schwester Karin war bei mir.“

„Ja, die hat vielleicht ein Loblied auf Sie gesungen! Sie haben früher mit ihr zusammengearbeitet, nicht wahr?“

„Ja, im OP“, antwortete Beate.

„Am Ende wollen Sie gar nicht mehr von der Station weg, warten Sie mal. Dort herrscht ein sehr gutes Betriebsklima. Sie wissen ja, das alte Sprichwort: Wie der Herre, so das Gescherre“, fuhr er fort. „In der gynäkologischen Abteilung und auch bei den Geburtshelfern und dem Trakt der Säuglinge, da herrscht ein wunderbares Betriebsklima, wirklich. Da können die anderen nur neidisch hinsehen.“

„Und woran liegt das?“

„Ich sagte ja“, erwiderte Kremer auf Beates Frage, „wie der Herre, so das Gescherre. Wie der Professor, so die Lernschwestern.“

„Ist Professor Winter ein so guter Vorgesetzter?“, wollte sie wissen.

Kremer nickte heftig. „Jetzt könnte ich ja ebenso ein solches Loblied auf diesen Mann singen, wie das Schwester Karin auf Sie getan hat. Aber ich will gar nicht vorgreifen. Ich sage nur, machen Sie sich selbst ein Bild. Und ich bin ganz sicher, dass Sie zum gleichen Schluss kommen wie ich. Also, dann bleibt es bei übermorgen früh?“

Beate nickte. „Bei übermorgen früh. Wann fängt der Dienst an, um sechs Uhr?“

Er nickte. „Ja, um sechs. Auch in Zukunft von sechs bis vierzehn, und alle vierzehn Tage ist Schichtwechsel. So ist es nun mal.“

„Ich habe nichts dagegen“, erklärte Beate, verabschiedete sich und ging.

Wenig später traf sie sich mit Karin, die noch ihre Schwesterntracht trug. Der Dienst war noch nicht ganz zu Ende.

„Ich habe mal eine kurze Pause gemacht für dich“, erklärte die brünette, burschikos wirkende Karin. Sie war älter als Beate, hatte etwas erfrischend Fröhliches an sich. Sie war wirklich das, was man eine rheinische Frohnatur nennt.

„Ich mache den Spätdienst, du machst die Frühschicht. Am Anfang kann dir Ingrid noch helfen. Die ist ein ganzes Stück jünger als wir beiden, aber ein netter Kerl. Ihr fehlt die Qualifikation zur Stationsschwester, sonst hätte man ihr die Station geben können. Zumindest für den Früh- oder Spätdienst. Ich glaube, sie will auch gar nicht. Dann müsste sie noch ein paar Lehrgänge besuchen, und dazu hat sie wohl keine Lust. Ihr liegt mehr an der Freizeit, die sie mit ihrem Freund verbringt.“

„Ein bisschen flattere ich ja schon. Vier Jahre nichts davon gesehen und gehört und mit einem Male voll hineinspringen.“

Details

Seiten
180
Jahr
2018
ISBN (ePUB)
9783738918373
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (Mai)
Schlagworte
arztroman großband engel station

Autor

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Titel: Arztroman Großband - Der Engel von Station 3b