Lade Inhalt...

Al Capones Vermächtnis #3: Die Todesfalle

2018 120 Seiten

Zusammenfassung


Der Mafiaboss Lucio Aurelio geht über Leichen, notfalls auch über die seiner Freunde.
Um die Papiere, dem Vermächtnis des Al Capone, in die Hände zu bekommen, bricht er einen Mafiakrieg vom Zaun, der schon eine Menge Opfer gekostet hat. Er schreckt noch nicht einmal davor zurück, sich mit dem Vollstrecker der Commissione anzulegen, obwohl er weiß, dass dieser Mann alle Vollmachten hat.
Nein, Lucio Aurelio kennt keine Hemmungen, wenn es um seine Ziele geht. Steve McCoy, der Geheimagent und Einzelgänger, ist für ihn nur eine Figur, die zwischen ihm und den Papieren steht, und dieses Hindernis muss eben beseitigt werden.
Um dieses Ziel zu erreichen, geht Aurelio sogar ein bis vor Kurzem undenkbares Bündnis ein. Ihr gemeinsames Ziel ist ein einziger Mann, Steve McCoy, und sie setzen alles daran, ihn zu stellen und zu töten.– Der beste Steve McCoy ist ein toter Steve McCoy…

Leseprobe

Table of Contents

Al Capones Vermächtnis – Teil 3 – Die Todesfalle

Klappententext:

Was bisher geschah

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

Al Capones Vermächtnis – Teil 3 – Die Todesfalle

 

von Hans-Jürgen Raben

 

Zyklus in drei Teilen – 3.Teil

 

Mafia-Thriller mit dem Geheimagenten Steve McCoy

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author

© Cover: Nach Motiven von Pixabay, Sergey Nivens/123RF mit Steve Mayer, 2018

Korrektorat: Kerstin Peschel

© dieser Ausgabe 2018 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Klappententext:

 

Der Mafiaboss Lucio Aurelio geht über Leichen, notfalls auch über die seiner Freunde.

Um die Papiere, dem Vermächtnis des Al Capone, in die Hände zu bekommen, bricht er einen Mafiakrieg vom Zaun, der schon eine Menge Opfer gekostet hat. Er schreckt noch nicht einmal davor zurück, sich mit dem Vollstrecker der Commissione anzulegen, obwohl er weiß, dass dieser Mann alle Vollmachten hat.

Nein, Lucio Aurelio kennt keine Hemmungen, wenn es um seine Ziele geht. Steve McCoy, der Geheimagent und Einzelgänger, ist für ihn nur eine Figur, die zwischen ihm und den Papieren steht, und dieses Hindernis muss eben beseitigt werden.

Um dieses Ziel zu erreichen, geht Aurelio sogar ein bis vor Kurzem undenkbares Bündnis ein. Ihr gemeinsames Ziel ist ein einziger Mann, Steve McCoy, und sie setzen alles daran, ihn zu stellen und zu töten. – Der beste Steve McCoy ist ein toter Steve McCoy …

 

 

***

 

 

 

Was bisher geschah

 

Die Bosse der Chicagoer Mafiafamilien werden von einem geheimnisvollen Killer bedroht – dem Mann aus Alcatraz. Steve McCoy, der Geheimagent und Einzelgänger, wird nach Chicago beordert, um einen drohenden Mafiakrieg zu verhindern und den Killer auszuschalten, aber die Dinge entwickeln sich anders und viel gefährlicher als geplant. Er erfährt, dass es um ein angebliches Vermächtnis von Al Capone geht, das jeder in der Chicagoer Mafiaszene in die Hände bekommen will. Dabei gehen sie unbeeindruckt auch über Leichen.

Als Steve McCoy schon glaubt, die Bedrohung beseitigt zu haben, tauchen neue – noch entschieden gefährlichere – Gegner auf. Plötzlich steht er zwischen allen Fronten und muss um sein nacktes Leben kämpfen …

 

 

 

Die Todesfalle

1. Kapitel

 

Es war Spätsommer 1985.

Wie er es auch drehte und wendete – Steve McCoy saß in der Falle. Sie hatten ihn.

Die düsteren Wände des alten Lagerhauses schienen ihn höhnisch anzugrinsen. Oben, auf der Galerie mit dem brüchigen Geländer, huschte hin und wieder ein Schatten vorbei. Der Schatten einer der Männer, die ihn jagten.

Sie hatten ihn durch die halbe Stadt gehetzt, und sie hatten genau gewusst, wohin. Hierher, an diesen Platz, an dem er sterben sollte.

Er hatte erst nicht begriffen, wie sie ihn in seinem Hotel hatten aufspüren können – bis er begriff, dass die tausend Augen und Ohren der Mafia einen Gesuchten viel schneller fanden als eine Fahndung der Polizei.

Als Aurelio durch seine Kontaktleute bei der Polizei erfahren hatte, dass man bei Scalise keine Kassette gefunden hatte, musste er von dem geheimnisvollen Vollstrecker erfahren haben, wer sie an sich gebracht hatte. Der Rest war ein Kinderspiel.

Er hatte das Hotel fluchtartig verlassen müssen, und sie hatten seinen Wagen anschließend in die Richtung gedrängt, in der sie ihn haben wollten.

Steve bemühte sich, seinen Atem unter Kontrolle zu bringen. Die Hetzjagd hatte ihm alles abverlangt. Und dann war er in diese Falle getappt, aus der es kein Entkommen zu geben schien. Er, der sonst immer der Jäger war!

Chicago wollte ihn nicht freigeben.

Das Vermächtnis des Al Capone lauerte wie eine finstere Drohung aus dem Grab über ihm. Alles hatte mit dem Mann aus Alcatraz begonnen, der seine blutige Spur durch die Chicagoer Mafiafamilien zog.

Steve saß mitten zwischen den Fronten. Er hatte die Papiere zwar an sich gebracht, doch das Problem war, sie aus der Stadt herauszubringen. Steve hatte Chicago noch nie sonderlich gemocht. Trotzdem hatte er nicht gedacht, dass er hier sein Ende finden könnte. Er wusste, dass ihn eine Kugel in den Rücken überall treffen konnte.

Seit er diese verfluchten Papiere besaß, jagten sie ihn. Und sie würden nicht locker lassen. Vor allen Dingen deshalb nicht, weil inzwischen dieser Vollstrecker der Commissione, der obersten Instanz der Mafia, mitspielte. Und Aurelio wollte die Papiere natürlich immer noch in seinen Besitz bringen. – Um jeden Preis!

Vielleicht gab es noch eine winzige Chance: Sie wussten nicht, wer er in Wirklichkeit war. Sie kannten seine Tricks nicht, und sie glaubten vielleicht, leichtes Spiel mit ihm zu haben.

Alle diese Überlegungen nützten ihm im Augenblick ohnehin nichts, denn sie wollten ihn haben. Ihn und die Papiere.

 

*

 

Das Lagerhaus hatte schon bessere Tage gesehen. Und auch einen besseren Inhalt. Die riesige Halle war ein Trümmerhaufen, mit Schutt, Abfällen und Gerümpel gefüllt. Das bedeutete einerseits viele Verstecke, andererseits befand sich die Halle so abgelegen, dass niemand eventuelle Schüsse hören würde.

Steve war sich nicht sicher, ob sie ihn schon gesehen hatten. Das Dämmerlicht war nicht gerade ideal. Er wusste, dass sie da waren. Er hörte auch die Geräusche – aber er sah sie noch nicht.

„Hey!“, schrie plötzlich eine laute Stimme. „Wir wissen, dass du hier drin steckst. Es wäre besser, wenn du freiwillig rauskommst. Mit erhobenen Armen. So, wie man’s in den Filmen immer sieht.“ Ein dreckiges Lachen folgte, in das die anderen einstimmten.

Steve rührte sich nicht vom Platz. Er wusste, dass sie ihn nur provozieren wollten, um sein Versteck ausfindig zu machen. Eines war sicher, es gab nur einen einzigen Ausgang aus dieser Halle, und dort lauerten seine Gegner. Nur ein Wahnsinniger hätte versucht, durch einen Haufen Bewaffneter durchzubrechen, wenn er nichts weiter als eine Pistole hatte.

„Pass auf, dass dich die Ratten nicht anknabbern!“, rief die Stimme wieder. „Wenn du dich nicht bewegst, werden sie dich für tot halten.“

„Es dauert sowieso nicht mehr lange, bis er das ist“, rief ein anderer, und die Stimme brach sich hallend an den kahlen Beton- und Ziegelwänden. Dieser Witz rief wieder Gelächter hervor.

Steve konnte noch nicht einmal genau herausfinden, woher die einzelnen Stimmen kamen. Die akustischen Verhältnisse waren zu schlecht. Einige der Männer hielten sich in jedem Fall auf der Galerie auf. Von dort oben gab es natürlich einen besseren Überblick. Steve wusste, dass seine Verfolger zum Teil mit Gewehren und Maschinenpistolen ausgerüstet waren. Es handelte sich um eine erdrückende Übermacht.

„Der Kerl muss die Hosen so voll haben, dass er sich nicht traut aufzustehen“, kam wieder die erste Stimme.

„Wie wär’s, wenn wir hier ein bisschen Feuer machen“, schlug ein anderer vor.

„Wir kriegen ihn auch so“, mischte sich eine autoritäre Stimme ein. „Wir gehen jetzt systematisch vor, sonst stehen wir hier noch ewig herum. Der Boss will den Kerl haben.“

Lucio Aurelio, dachte Steve. Der Mafiaboss ging über Leichen, notfalls auch über die seiner Freunde. Um die Papiere in die Hand zu bekommen, hatte er einen Mafiakrieg vom Zaun gebrochen, der schon eine Menge Opfer gekostet hatte. Er war noch nicht einmal davor zurückgeschreckt, sich mit dem Vollstrecker der Commissione anzulegen, obwohl er wusste, dass dieser Mann alle Vollmachten hatte.

Nein, Lucio Aurelio kannte keine Hemmungen, wenn es um seine Ziele ging. Steve McCoy war für ihn nur eine Figur, die zwischen ihm und den Papieren stand, und dieses Hindernis musste eben beseitigt werden.

Steve spürte, wie eine leichte Lähmung in seinem linken Bein hochkroch, und er veränderte vorsichtig seine Position. Es geschah völlig lautlos. Diese Kunst hatte er wie vieles andere lernen müssen.

Seine Dienststelle mit Alec Greene an der Spitze unterstützte ihn zwar, wo sie konnte, aber in der Regel war Steve völlig auf sich allein gestellt.

So wie jetzt.

In diesem Lagerhaus, aus dem es keinen Ausweg gab. Sie mussten ihn einfach finden. Wenn sie gründlich genug vorgingen, hatte er keine Chance. Es war kein schöner Platz zum Sterben.

„Gib doch auf!“, schrie die erste Stimme wieder. Sie kam rechts oben von der Galerie. Und sie war viel näher als beim ersten Mal. Sie hatten damit begonnen, die Halle durchzukämmen. Hin und wieder konnte Steve einen der Männer erkennen. Sie waren noch ein ganzes Stück entfernt, denn sie bewegten sich nur langsam voran, da sie jedes Versteck überprüfen mussten.

Steve hätte den einen oder anderen erwischen können, aber das war völlig sinnlos, denn dann hätte er seine Position verraten. Er konnte sich gut vorstellen, welches Feuerwerk sich dann auf ihn konzentrieren würde.

Er zermarterte sein Gehirn, doch er fand keinen Ausweg. Er musste einfach abwarten, ob die andere Seite einen Fehler machte. Erst wenn man ihn in die äußerste Ecke getrieben hatte, würde er einen Ausbruch wagen. Aber das war für ihn die letzte Möglichkeit, denn seine Chancen standen bei einem solchen Versuch ziemlich schlecht.

Die Männer, mit denen er es zu tun hatte, waren Profis. Sie würden ihn abschießen wie einen Hasen.

„Seid ihr sicher, dass der Kerl hier überhaupt drin ist?“, fragte eine zweifelnde Stimme von links oben.

„Aber sicher“, sagte ein anderer. „Ich war ziemlich dicht hinter ihm, als er durch das Tor schlüpfte. Und einen zweiten Ausgang gibt es nicht. Er sitzt in der Falle, und wir werden ihn kriegen.“

„Wie wär’s mit Tränengas?“, fragte einer.

„Haben wir dummerweise nicht“, kam die Entgegnung. „Sonst hätten wir ihn schon längst ausgeräuchert. Das muss ein ziemlich hartnäckiger Bursche sein, sonst hätte er sich schon ergeben.“

„Komm raus, und dir geschieht nichts!“, schrie der Erste wieder. „Wenn du uns noch länger zwingst, durch diese Halle zu laufen, werden wir ungemütlich. Wir könnten schon alle bei unserem Bier sitzen, wenn dieses Miststück sich hier nicht verstecken würde.“

Steve lächelte müde. Sich zu ergeben. hatte keinen Sinn. Sie würden ihn durch die Mangel drehen, bis sie die Papiere hatten. Und dann würden sie ihn umlegen und irgendwo verscharren, wo man ihn nicht fand. Nein, dann war es schon besser, sich zu wehren, wenn die anderen dicht genug heran waren. Eine Pistole war auf weite Entfernungen nicht brauchbar. Er musste warten, sonst erledigten sie ihn mit ihren Gewehren aus der Distanz.

Selten hatte er das Gefühl gehabt, sich in einer völlig ausweglosen Situation zu befinden. Irgendeinen Hoffnungsschimmer hatte es immer gegeben, und wenn er noch so klein war. Dem Tod hatte er schon oft entgegengesehen. Es hatte keinen Sinn, daran zu denken.

Ein Schuss krachte.

Stimmen schrien durcheinander. „Ruhe!“, brüllte einer. „Das war ein Versehen. Passt auf, bis ihr den Richtigen vor der Mündung habt.“

Da hatte also einer seinen nervösen Zeigefinger nicht beherrschen können. Die Gangster mussten ganz wild darauf sein, ihm endlich gegenüberzustehen. Sie schienen das Ganze nicht allzu ernst zu nehmen, sonst hätten sie nicht ständig gequatscht.

Steve hatte keine Ahnung, wie viele Gegner er vor sich hatte. Seine Schätzung belief sich auf mindestens ein Dutzend. Etwas zu viel für einen einzelnen Mann.

Die lockere Kette der Männer kam näher. Er musste langsam seinen Standort wechseln. Bis zur Rückseite des Lagerhauses war es noch ein ganzes Stück. Er konnte den Zeitpunkt seiner Entdeckung noch hinausschieben, aber er konnte ihn nicht verhindern.

„Da ist er!“, schrie eine Stimme. Feuer aus mehreren Pistolen und Schnellfeuerwaffen setzte ein. Die Geschosse zerfetzten die Trümmer, und Staubschwaden wogten durch die Halle. Der Mann musste eine Ratte gesehen haben, denn die Einschläge lagen ein ganzes Stück von Steve entfernt.

„Feuer einstellen“, befahl eine autoritäre Stimme. „Seht nach, ob ihr ihn erwischt habt.“

Es gab ein kleines Durcheinander, dann meldete eine sichtlich enttäuschte Stimme: „Nichts. Wir müssen weitersuchen.“

Steve schob sich vorsichtig hinter seiner Deckung hervor und bewegte sich geduckt zwischen zerbrochenen Kisten und irgendwelchen Metalltrümmern zur Wand hin. Das diffuse Licht erleichterte sein Vorhaben. Der Tag neigte sich dem Ende zu. Das Lagerhaus besaß nur oben knapp unter der Decke eine Reihe von Fenstern. Sie waren ziemlich klein und sehr verdreckt. Auch die andere Seite hatte inzwischen bemerkt, dass es dunkler wurde.

„Wir brauchen Lampen“, sagte einer.

„Wir müssen ihn gleich haben“, antwortete der Autoritäre. „Trotzdem kann einer zu den Wagen gehen und alle Taschenlampen holen. Beeilt euch jetzt ein bisschen. Der Kerl kann sich doch nicht in Luft aufgelöst haben. Er hockt irgendwo dort hinten.“

Der Mann hat Recht, dachte Steve. Und er sah keine Möglichkeit, diese Situation zu ändern. Seine Fingerspitzen berührten das kühle Metall seiner Beretta. Aber es war noch zu früh.

Katzenhaft schlängelte er sich weiter nach hinten. Die Stimmen seiner Verfolger wurden leiser. Schließlich hatte er die Wand erreicht. Und wenn es nach dem Willen der anderen ging, würde er hier sterben. An einer schadhaften Ziegelmauer in einem halb verfallenen Lagerhaus in der schlimmsten Ecke Chicagos.

Er stieg über einen kleinen Schutthaufen, der im Schatten einiger zerbeulter Fässer lag, und trat auf ein rostiges Gitter, das unter seinem Fuß leicht klirrte.

Steve blieb stehen und bückte sich. Ein kühler Luftzug kam von unten. Das Gitter deckte einen Schacht ab, der früher vielleicht einmal als Abfluss gedient hatte. Die Wände gingen senkrecht nach unten und waren aus Beton. Die Luft roch leicht modrig.

Steve packte das Gitter mit beiden Händen und zog daran. Es ging leichter, als er dachte. Er räumte vorsichtig noch ein paar Bretter weg, die halb auf dem Gitter lagen. Das Metall scharrte leise über den Boden, als er es zur Seite schob.

Rasch kletterte er mit den Füßen zuerst über den Rand und hangelte sich nach unten, bis er nur noch mit den Fingern an der Kante hing. Er ließ los und kam federnd auf. Die Höhe hatte er vorher ziemlich gut abschätzen können. Dieser Sprung war wesentlich risikoloser, als auf die unvermeidliche Kugel zu warten.

Schnell orientierte er sich. Rechts von ihm befand sich ein waagerechter, etwa halb mannshoher Gang. Er musste unter der Mauer des Lagerhauses hindurchführen. Steve duckte sich und schlüpfte hinein.

Der Luftzug wurde stärker. Er hörte das Fiepen der Ratten, die vor seinen Schritten flohen. Eines leichten Schauderns konnte er sich trotzdem nicht erwehren.

Etwas weiter vorn entdeckte er einen helleren Lichtschimmer, ohne dass er Einzelheiten erkennen konnte. Feuchtigkeit tropfte in seinen Nacken, und die moderige Luft betäubte ihn fast. Allmählich verspürte er den dringenden Wunsch, hier rasch herauszukommen.

Vorn wurde der Lichtstreifen heller, und allmählich konnte er Einzelheiten ausmachen. Die Ziegelmauer des Ganges sah ziemlich mitgenommen aus. Das Wasser rann in dünnen Bächen über die Wand und versickerte irgendwo im Boden.

Sekunden später stand Steve unter einer kreisförmigen Öffnung, die ebenfalls durch ein Gitter abgedeckt wurde. Er hatte den Schachtausstieg erreicht. Der Gang führte zwar noch weiter, aber er verspürte keine Lust, noch einen Augenblick länger in dieser Unterwelt zu verbringen.

An der Schachtwand waren in regelmäßigen Abständen eiserne Krampen angebracht, die allerdings keinen zuverlässigen Eindruck machten. Zum Teil saßen sie nur noch sehr locker im Mauerwerk. Steve musste es dennoch riskieren; er hatte keine andere Wahl. Es konnte nicht mehr lange dauern, bis die Meute hinter ihm begriffen hatte, wohin er verschwunden war.

Mit einem gewaltigen Sprung schnellte er sich hoch. Seine Finger krallten sich um die unterste Krampe, die den Anfang der Leiter nach oben bildete. Sein Körper pendelte durch den Schwung in der Luft und schlug ziemlich schmerzhaft gegen die Schachtwand.

Mit einer weiteren Anstrengung zog er sich höher, wobei er versuchte, sich mit den Füßen an der Wand abzustützen. Immer wieder rutschte er an den glitschigen Steinen ab. Dann konnte er die zweite Sprosse mit der rechten Hand packen. Jetzt ging es leichter.

Gleich darauf hatten auch seine Füße sicheren Halt auf der Sprosse gefunden. Er kletterte höher. Als er sich abstieß, brach eine der Metallkrampen aus der Wand. Es krachte dumpf, als sie auf den Boden des unterirdischen Ganges fiel.

Jetzt konnte Steve mit den Händen das Gitter erreichen. Es war ziemlich schwer, ließ sich aber unter einigen Anstrengungen zur Seite schieben. Er musste nur aufpassen, dass er dabei den Halt nicht verlor. Wenn er jetzt abstürzte, war alles verloren.

Draußen herrschte Dämmerung. Steve sog die frische Luft in seine Lungen.

Mit einer letzten Kraftanstrengung schob er das schwere Gitter zur Seite und stemmte sich über den Rand. Aber noch ehe sein Oberkörper ganz draußen war, wusste er instinktiv, dass irgendetwas ganz und gar nicht stimmte. Sein untrüglicher Sinn für Gefahr warnte ihn.

Sein Kopf zuckte herum – und er blickte in die dunkle Mündung eines schweren Revolvers. Der Mann dahinter lächelte amüsiert.

„Willkommen. Klettern Sie ruhig heraus. Aber seien Sie schön vorsichtig dabei, sonst müsste ich unangenehm werden.“

Steve zögerte. Blitzschnell rechnete er seine Chancen aus.

Der andere hatte sofort begriffen. „Wenn Sie sich fallen lassen, schieße ich, und ich bin in jedem Fall schneller. Beeilen Sie sich, ehe die anderen kommen. Ich habe keine Lust, hier den ganzen Abend herumzustehen.“

Steve kannte den Mann. Er hielt ihn für den Abgesandten der Commissione. Erst vor wenigen Tagen hatte er ihn nur durch ein riskantes Manöver mit dem Auto abhängen können. Steve wusste nicht, welches Spiel im Augenblick gespielt wurde. Jedenfalls hatte der Kerl offenbar nichts mit den übrigen Verfolgern im Sinn, die ohne jeden Zweifel zu Aurelios Leuten gehörten.

Steve erinnerte sich, dass sein Gegenüber in die Auseinandersetzung zwischen Aurelio und Scalise geraten war. Scalise war schon tot gewesen, als Steve ihn fand. Vielleicht war dieser Mann sein Mörder. Die Commissione wollte diesen Krieg verhindern, das stand fest. Und es war weiter zu vermuten, dass auch Aurelio im Moment nicht allzu gut bei den großen Bossen angeschrieben stand. Denn schließlich hatte er sich einen Dreck um die Wünsche der Commissione gekümmert.

In den Sekundenbruchteilen, in denen diese Gedanken durch Steves Kopf rasten, hatte er sich entschieden. Der Mann mit dem Revolver in der Hand war ein Profi. Er würde nicht zögern abzudrücken, wenn Steve erkennen ließ, dass er Widerstand leisten wollte. Steve musste sich fügen, so schwer es ihm auch fiel.

Er stemmte sich gänzlich über den Rand des Ausstieges und stand auf. Der andere war einen Schritt zurückgetreten und hielt weiter den Revolver auf ihn gerichtet. „Umdrehen!“, befahl er.

Steve gehorchte, drehte sich um und spreizte die Hände vom Körper weg. Geschickt tastete ihn der andere mit einer Hand ab und drückte ihm dabei die Mündung der Waffe ins Kreuz. In Filmen sah man manchmal Szenen, in denen bei solcher Gelegenheit mit einer geschickten Drehung die Waffe zur Seite geschleudert wurde – aber das war eben nur in Filmen so. In der Wirklichkeit war der Finger am Abzug schneller. Und dieser Mann hatte keine Hemmungen, das zu tun.

Steve hielt den anderen für einen Vollstrecker, der vielleicht nur gelegentlich für sehr schwierige Aufgaben von den großen Bossen herangezogen wurde. Solche Leute mussten schon sehr gut sein.

Die Beretta wechselte ihren Besitzer.

„Wir können gehen“, bedeutete der andere.

Steve warf einen Blick zu der alten Lagerhalle hinüber. Über die hochgelegenen Fenster huschte hin und wieder der Schein einer Lampe. Man suchte ihn also dort drinnen noch immer. Aurelios Männer schienen den Schacht tatsächlich übersehen zu haben.

Steve drehte sich um und sah den anderen schwach lächeln.

„Das sind Idioten“, erklärte der Vollstrecker. „Ein hirnloser Haufen. Sie können vielleicht eine Bar kurz und klein schlagen, aber von schwierigen Dingen haben sie leider keine Ahnung.“

Steve antwortete nicht und ging in die Richtung, in die der Revolverlauf wies.

 

 

2. Kapitel

 

Lucio Aurelio zählte erst dreißig Jahre und war aber schon der mächtigste Mann in Chicago. Das hatte er nicht seiner eigenen Geschicklichkeit zuzuschreiben, sondern der Tatsache, dass Tonio Murano, der alte Mann aus Alcatraz, seine blutige Spur durch Chicago gezogen hatte.

Jetzt gab es von den alten Leuten eigentlich nur noch Don Vincente, dessen Gebiet an Aurelios Einflussbereich grenzte. Mit Vincente hatte er noch nie Auseinandersetzungen gehabt. Sie hatten ihre gemeinsame Grenze immer peinlich genau beachtet. Vincente hasste gewaltsame Auseinandersetzungen. Solange er nicht selbst betroffen war, würde er sich in die Streitereien anderer nicht einmischen.

Aurelio hatte versucht, sich Scalises Gebiet unter den Nagel zu reißen. Scalise war tot, und Aurelios Leute hatten sich schon ganz schön in einige Bereiche hineingedrängt. Sie hatten in wenigen Tagen praktisch das gesamte illegale Glücksspiel übernommen, die sogenannten „Numbers.“ Es war das leichteste und billigste Glücksspiel, das eine gewisse Ähnlichkeit mit dem legalen Lotto in anderen Ländern hatte.

Der Spieler brauchte sich nur für eine einzige Zahl zu entscheiden – eine Zahl zwischen 1 und 999. Wenn die Zahl fiel, bekam er das Sechshundertfache seines Einsatzes. Keine Frage, dass dieses Spiel von der Kundschaft sehr geschätzt wurde. Die Spieler konnten bei einem sogenannten „Runner“ ihre Einsätze tätigen. Das waren sozusagen die Annahmestellen der Organisation. Sie standen unter Aufsicht eines „Controllers“ der für die Abwicklung und die Auszahlung der Gewinne sorgte, der die Verbindung zur Organisation hielt und der auch dafür sorgte, dass die Polizei über manches hinwegsah.

Es gab mehrere Systeme, nach denen die Gewinnnummer ermittelt wurde. Nach dem Brooklyn-System wurde zusammengezählt, wie viel Geld an dem jeweiligen Tag insgesamt auf einer New Yorker Rennbahn verwettet wurde, und zwar bei den Galopprennen. Die drei Endzahlen dieser Gesamtsumme stellten dann die Brooklyn-Nummer dar. Es gab auch kompliziertere Verfahren, doch dieses war in New York sehr beliebt.

Die „Bank“ konnte bei diesem Spiel eigentlich nicht pleitegehen, denn selbst wenn der Spieler 600 zu 1 gewinnen konnte, standen doch zunächst seine Chancen 999 zu 1 gegen ihn. Kein Wunder, dass diese Form des illegalen Glücksspiels zu den einträglichsten Zweigen des organisierten Verbrechens gehörte. Der Umsatz wurde auf mehrere Milliarden Dollar im Jahr geschätzt.

Aurelio hatte in Scalises Gebiet die „Controllers“ mit mehr oder weniger starkem Druck auf seine Seite gezogen. Seitdem arbeiteten sie für ihn.

Damit war die ehemalige Organisation Fiscettis praktisch auseinandergebrochen. Aurelio war ein mächtiger Mann geworden.

Nur eines fehlte noch. Die Papiere, die sich in Scalises Besitz befunden hatten. Irgendein Unbekannter hatte sie jetzt, und so etwas konnte Aurelio überhaupt nicht vertragen. Er hatte sämtliche verfügbaren Leute zur Jagd auf diesen Kerl abgestellt. Er rechnete bald mit einer Erfolgsmeldung.

Aurelio hatte keine rechte Vorstellung, was wohl in diesen Papieren stehen mochte. Jedenfalls sollten sie noch von Al Capone stammen, sodass ihnen eine gewisse Bedeutung nicht abzusprechen war. Scalise war von der Wichtigkeit überzeugt gewesen. Das reichte, um Aurelio zu interessieren. Der Inhalt dieser Papiere war zwar ziemlich alt, doch das mochte keine Bedeutung haben. Er musste die Papiere in die Hand bekommen – anschließend konnte er entscheiden, was sich damit anfangen ließ.

Die Tür öffnete sich, und seine rechte Hand Carlo Coletti erschien auf der Bildfläche. Wer ihn sah, hätte ihn höchstens für einen Filmgangster gehalten. Er war jedoch ein gefährlicher Mann. Seine Rücksichtslosigkeit wurde nur noch von seiner Eitelkeit übertroffen.

Für seine Kleidung gab Coletti einen Haufen Geld aus. Sein Maßschneider war immer gut beschäftigt. Es sah immer alles sehr teuer aus, wenn auch nicht immer geschmackvoll.

Heute trug er einen dunkelgrauen Nadelstreifenanzug mit einer gepunkteten Krawatte zum blütenweißen Hemd. Dazu Lackschuhe und jede Menge Ringe. Sein Haar war mit viel Frisiercreme behandelt worden, sodass sich wahrscheinlich erst ab Windstärke 10 Veränderungen einstellen würden. Sein Eau de Toilette roch heute allerdings ziemlich aufdringlich.

Zu allem Überfluss hatte er sich auch noch einen leicht affektierten Akzent zugelegt, den er offenbar für vornehm hielt. Doch keiner durfte sich durch sein Aussehen täuschen lassen. Wenn es darauf ankam, war er ein erbarmungsloser Killer.

Aurelio rümpfte die Nase, als Coletti näher kam. „Du stinkst wie ein orientalischer Puff.“

Coletti grinste nicht, wie es sonst seine Art war. Auch Aurelio wurde schlagartig wieder ernst. „Was ist passiert?“

„Er ist uns wieder entwischt“, antwortete Coletti. „Wir hatten ihn in der Zange, aber der Kerl hat wieder ein Schlupfloch gefunden, das keiner meiner Leute kannte. Wir standen ganz schön dumm da, als wir schließlich die gesamte Halle durchgekämmt hatten und der Kerl wieder verschwunden war. Erst glaubten wir, wir hätten ihn übersehen, doch dann hat einer einen Schacht entdeckt, durch den er entkommen sein muss.“

Aurelio trommelte mit den Fingern auf den Tisch. „Das gefällt mir nicht, Carlo, das gefällt mir überhaupt nicht. Du hast behauptet, ihr würdet ihn in eine Gegend jagen, wo ihr ihn todsicher erwischen würdet. Ich will diesen verdammten Kerl haben, und wenn ihr die ganze Stadt absuchen müsst.“

Coletti hob die Schultern. „Alle wissen Bescheid. Wir haben eine ziemlich gute Beschreibung von dem Typ. Wenn er irgendwo die Nase in die Luft steckt, wird man ihn sehen. Ich habe eine Belohnung versprochen.“

Aurelio nickte. „Das ist gut. Wie wollt ihr verhindern, dass er einfach die Stadt verlässt?“

„Wir haben Leute auf den Flughäfen und Bahnhöfen. Wir überwachen die Mietwagenfirmen und Taxiunternehmen. Wir haben ein ziemliches Netz geknüpft. Es ist nicht lückenlos, aber wir haben eine Chance. Der Kerl weiß das und ist sehr vorsichtig.“

Aurelio blickte nachdenklich auf seine Fingerspitzen. „Es ist mir egal, wie viel es kostet und wie viele Leute damit beschäftigt sind – ich will den Kerl haben. Mit oder ohne Papiere. Lieber wäre mir natürlich lebend, denn auf jeden Fall will ich wissen, was in diesen geheimnisvollen Papieren eigentlich drinsteht.“

„Da ist noch etwas“, sagte Coletti.

Aurelio blickte hoch. „So?“

„Gucci ist immer noch in der Stadt.“

Aurelio lehnte sich zurück. „Ernesto Gucci? Der Mann der Commissione. Welchen Grund hat er, noch hierzubleiben? Die Auseinandersetzung zwischen mir und Scalise ist erledigt. Das muss er doch auch wissen. Er kann nichts tun. Ich habe vollendete Tatsachen geschaffen, die nicht mehr rückgängig zu machen sind. Was will er also noch?“

„Ich weiß es nicht. Doch es stört mich. Ich traue dem Kerl nicht. Er ist zu sehr von sich überzeugt. Und wir haben ihn ein bisschen geärgert.“

„Na und?“ Aurelio machte eine geringschätzige Handbewegung. „Er kann mir nichts anhaben. Wenn er versuchen sollte, sich für die Abfuhr zu rächen, dann wird ihm das leidtun. Ich habe keine Angst vor Gucci.“

„Ich auch nicht. Ich frage mich nur, ob er aus eigenem Antrieb hier ist oder noch auf Befehl der Commissione. Vielleicht hat er einen neuen Kontrakt in der Tasche.“ Dabei wusste Coletti sehr wohl, weshalb der Typ in Chicago war. Er selbst hatte schließlich bei den großen Bossen angerufen.

Aurelio runzelte die Stirn. „Du meinst einen Kontrakt, der auf meinen Namen lautet? Nein, das ist ausgeschlossen.“

„Und wer hat Scalise umgelegt?“

„Ich denke, du mit deinen Leuten?“

Coletti schüttelte den Kopf. „Wir haben über die Einzelheiten noch nicht gesprochen – doch meine Leute waren überhaupt nicht im Haus. Die Verteidigung war relativ gut organisiert. Wir haben uns anschließend ein paar von Scalises Leuten gegriffen. Sie sagten, dass es Scalise im Haus erwischt hat. Ebenso wie Marengo, seinen Leibwächter. Wir haben keine Ahnung, was im Haus vorging. Ich weiß nur, dass sich während der Schießerei zwei Leute in dem Haus aufgehalten haben, die nicht zu Scalises Leuten zählten. Das waren einmal Gucci und dann der Unbekannte, der jetzt im Besitz der Papiere ist und den wir gejagt haben, nachdem wir ihn in seinem Hotel aufgespürt hatten.

„Das ändert natürlich die Situation ein bisschen. Es ist also nicht auszuschließen, dass Gucci einen Kontrakt auf Scalises Namen hatte.“

Coletti nickte. „Das halte ich für möglich.“

„Gut. Und du glaubst, dass er auch einen auf meinen Namen haben könnte?“

„Möglich, doch ich glaube es nicht.“

„Trotzdem wird es Zeit, dass wir uns diesen Gucci vom Halse schaffen. Es reicht auch aus, ihn unter Beobachtung zu halten. Ich will mir nicht unbedingt neuen Ärger mit der Commissione einhandeln.“

„Okay. Wir bleiben also dabei, dass wir alle Kräfte darauf konzentrieren, diesen anderen Typ in die Finger zu kriegen.“

„Ja“, bekräftigte Aurelio. „Ich will ihn unbedingt haben – und diese verdammten Papiere!“

 

 

*

 

Steve McCoy prüfte unauffällig, ob er sein Gelenk durch die Handschelle ziehen konnte. Es war natürlich unmöglich. Sein Gegner war wirklich ein Profi. Er hatte nicht einen einzigen Fehler gemacht, als er Steve zu einem Wagen führte und ihn einsteigen ließ. Es gab nicht eine Sekunde, in der der Revolver nicht auf ihn gerichtet war, und immer aus einer Entfernung, die einen Fehlschuss ausschloss.

Der Mann hatte Steve mit der Metallfessel an den Sitz angeschlossen. Er hätte schon das Chassis herausreißen müssen, wenn er fliehen wollte. Er musste auf seine Chance warten. Es war immerhin schon von Vorteil, dass er noch lebte. Dies war mehr, als er noch vor kurzer Zeit erhoffen konnte. Unter diesem Aspekt sah Steve die weitere Zukunft nicht mehr so düster, obwohl ihm klar war, dass er nicht gerade einem Lebensretter in die Hände gefallen war.

„Wohin bringen Sie mich?“, fragte Steve.

Der andere nahm den Blick nicht von der Straße. „Das werden Sie noch früh genug erfahren.“

„Warum haben Sie mich nicht den Leuten in der Lagerhalle übergeben?“

Der Vollstrecker lachte leise. „Das zu wissen, dürfte für Sie ohne Bedeutung sein. Ich habe meinen Job, und ich führe ihn aus. Dabei genieße ich einige Vollmachten. Mit diesen Leuten habe ich nichts zu tun. Das sollten Sie eigentlich wissen.“

„Ich habe keine Ahnung. Was wollen Sie von mir?“

„Jetzt spielen Sie nicht den Unschuldigen. Ich habe Sie wiedererkannt. Sie sind im Besitz der Papiere, die dem verblichenen Scalise gehört haben. Ich war in seinem Haus, als Aurelios Leute angriffen. Und Sie befanden sich auch in diesem Haus.“

Steve schwieg. Er hatte einen Augenblick lang gehofft, dass der andere gar nicht wusste, wer er war. Doch diese Hoffnung konnte er fallen lassen. Sein Gegner war ziemlich gut im Bilde.

„Ich habe Sie verfolgt, wie Sie wissen, und Sie haben mich mit einem Trick von der Straße gedrängt. Hat mich sehr beeindruckt. Denn es gibt wenige Leute, die mir entkommen konnten, nachdem ich mich auf ihre Spur gesetzt hatte.“

Ein wenig Stolz schwang in seiner Stimme mit, und Steve war sich jetzt sicher, neben einem der in der Mafia gefürchteten „hitmen“ zu sitzen. Das waren Profi-Killer, die oft zu keiner festen Familie gehörten, sondern frei angeheuert werden konnten. Für einen Kontrakt erhielten sie bis zu fünfundzwanzigtausend Dollar, manchmal sogar mehr, wenn es um ein sehr prominentes Opfer ging oder wenn der Auftrag besonders schwierig war.

Steve erinnerte sich, dass für Joe Valachi, der gegenüber der Polizei ausgepackt hatte und sehr viele Mafia-Interna enthüllt hatte, ein Kontrakt von zweihundertfünfzigtausend Dollar angeboten worden war. Es hatte allerdings niemand gegeben, der ihn angenommen hatte. Joe Valachi hatte seinen Verrat überlebt, viele andere dagegen nicht.

Normalerweise war ein „hitman“ nur innerhalb der Organisation tätig. Er brachte Leute zur Räson, die versuchten, die Organisation, den Mob, wie das organisierte Verbrechen allgemein genannt wurde, übers Ohr zu hauen und auf eigene Faust ein Geschäft zu machen. In dieser Beziehung verstanden die Bosse keinen Spaß. Der Vollstrecker hatte dabei nicht immer den Auftrag, zu töten. Meistens reichte auch schon eine freundschaftliche Ermahnung oder ein Hieb mit einem Baseballschläger. Die Methoden waren vielfältig.

Allerdings kam es auch vor, dass ein Exempel statuiert werden musste. Zur Warnung und Abschreckung für andere. Dann erhielt der Vollstrecker seinen Kontrakt, die Zielperson, meistens auch eine saubere Waffe, also eine, die nicht zum Ursprung zurückverfolgt werden konnte, und auf Wunsch Hilfspersonal wie Fahrer oder Abschirmer, die eventuelle Verfolger aufhalten mussten.

Das organisierte Verbrechen umfasst in den Vereinigten Staaten nach Schätzungen mindestens einhunderttausend Personen, wahrscheinlich mehr. Es liegt auf der Hand, dass die Vollstrecker bei dieser gewaltigen Personenzahl häufig Arbeit bekommen. Die Morde innerhalb der Organisation werden nur selten aufgeklärt. Es gibt nie Zeugen, denn niemand innerhalb des Mobs würde es wagen, in einem solchen Falle den Mund aufzumachen. Unbeteiligte Zeugen, die eine Aussage machen würden, werden sanft oder weniger sanft von dieser Absicht abgebracht. Allerdings ist der Mob bei Unbeteiligten besonders vorsichtig. Die Gangster wissen genau, dass die Polizei heftige und störende Nachforschungen beginnt, wenn einem „normalen“ Bürger etwas passiert, während sie sich bei einem Gangstermord kein Bein ausreißt.

Als Steve diese Gedanken durch den Kopf gingen, wurde ihm wieder einmal bewusst, wer eigentlich sein Gegner war. Eine riesige Organisation, die in den Vereinigten Staaten und in vielen anderen Ländern tätig war. Die einen Umsatz hatte, der höher war als der von General Motors. Die keine Moral kannte außer ihrem eigenen Vorteil. Und die ihre Gegner erbarmungslos vernichtete – und wenn dabei Unschuldige ins Visier gerieten, störte es sie nicht sonderlich.

Die Erinnerung an Jill brannte sich wieder in seine Gedanken.

Steve sah seinen Nebenmann hinter dem Steuer an. Der Mann war etwa vierzig Jahre alt, machte jedoch einen durchtrainierten Eindruck. Er wirkte durchschnittlich, seine Bewegungen waren sparsam und konzentriert. In seinen Augen lagen Entschlossenheit und Durchsetzungsvermögen. Er sah überhaupt nicht wie ein Killer aus.

Für einen „hitman“ ist das Töten ein Beruf wie jeder andere. Er ist kein brutaler Psychopath, dem das Killen Spaß macht, sondern ein Professioneller, der seinen Job gegen gute Bezahlung erledigt. Es gibt natürlich auch andere. Steve hatte genügend davon kennengelernt. Doch viel gefährlicher waren Männer wie der neben ihm. Sie besaßen meistens eine gewisse Intelligenz und gingen an ihre Aufgabe mit Geschick und Umsicht heran.

Steve hatte sich überlegt, dass seine augenblickliche Situation nicht ganz aussichtslos war. Der Vollstrecker hatte offenbar keine Ahnung, wer er wirklich war, sondern hielt ihn vermutlich für ein Mitglied des Mobs, der irgendwie in die Auseinandersetzung zwischen Aurelio und Scalise geraten war. Zum anderen hatte er offensichtlich keine Anweisung, ihn umzubringen – sonst hätte er es schon längst getan.

„Wie heißen Sie?“, fragte der Mann plötzlich.

Steve zögerte nur einen Sekundenbruchteil. „Steve“, antwortete er dann. Unter diesem Namen hatten ihn zumindest Scalises Leute gekannt. Es war nicht auszuschließen, dass der Vollstrecker das wusste.

„Ich heiße Ernesto“, erwiderte der Vollstrecker.

„Und wohin fahren wir?“, fragte Steve. Er ließ sich keine Sekunde lang von der scheinbaren Vertraulichkeit täuschen. Ein „hitman“ musste oft genug mit seinem Opfer noch freundschaftlich reden, bevor er ihm eine Kugel in den Kopf schoss.

Ernesto blickte geradeaus. Die Scheinwerfer rissen breite Lichtbahnen in die Dunkelheit. Sie befanden sich bereits in den Außenbezirken der Stadt. Steve kannte diese Gegend nicht.

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (ePUB)
9783738918328
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (März)
Schlagworte
capones vermächtnis todesfalle

Autor

Zurück

Titel: Al Capones Vermächtnis #3: Die Todesfalle