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TEXAS MUSTANG #22: König der Mustangs

©2018 120 Seiten

Zusammenfassung

Das ist die Geschichte eines Mannes und eines Hengstes. In diesem Roman erlebt der Leser, wie beide sich kennen lernen, wie sich der Hengst King entwickelt zu dem König der Sierra, zu einem Pferd, dessen Namen später ebenso bekannt sein wird wie der seines Freundes, des US Marshals Jim Allison. Es ist die Geschichte eines Paares, wie es das zuvor und danach nie wieder im Westen gegeben hat. Ein Mann - ein Hengst - zwei Colts...und der Beginn einer Legende …
Ein spannender und ergreifender Roman, geschrieben von einem Altmeister dieses Genres!

Leseprobe

Table of Contents

Title Page

König der Mustangs

Klappentext:

Roman:

TEXAS MUSTANG

 

Band 22

 

König der Mustangs

 

Ein Western von Glenn Stirling

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Hugo Kastner, 2018

Redaktion und Korrektorat: Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Klappentext:

Das ist die Geschichte eines Mannes und eines Hengstes. In diesem Roman erlebt der Leser, wie beide sich kennen lernen, wie sich der Hengst King entwickelt zu dem König der Sierra, zu einem Pferd, dessen Namen später ebenso bekannt sein wird wie der seines Freundes, des US Marshals Jim Allison. Es ist die Geschichte eines Paares, wie es das zuvor und danach nie wieder im Westen gegeben hat. Ein Mann - ein Hengst - zwei Colts...und der Beginn einer Legende …

Ein spannender und ergreifender Roman, geschrieben von einem Altmeister dieses Genres!

 

 

 

 

Roman:

Der Bergwind wischte die Wolken beiseite und gab die Sonne frei. Sie leuchtete mit erstrahlender Kraft auf das Grün unten im Tal, auf die Büsche, auf die nadelschweren Tannen und auf die Pferde.

Das Rudel bestand aus vierzehn Tieren; die meisten waren Stuten, drei waren jüngere Hengste. Einer aber, der fünfzehnte, war ihr aller Herr, stand ein Stück abseits, erhöht. Ein großer, breitbrüstiger, schwarzer Hengst. Er besaß eine leichte Rammnase, auf der Stirn trug er einen weißen Stern. Sein blauschwarzes Haar schimmerte in der Sonne wie Seide. Das Feuer in seinen Augen verriet sein Temperament. Die nervigen Gliedmaßen des Tieres bewiesen, welch rassige Merkmale das Tier in sich hatte.

Während die Stuten grasen konnten, musste er von seinem erhöhten Standpunkt aus wachen, musste sie schützen, musste sie warnen, und wenn es hieß weiter zu ziehen, würde er sie führen. Die Stuten unten waren zumeist Braune und Füchse; zwei waren Rappen wie der Hengst. Die Hengste, seine drei Söhne, waren alle drei Rappen.

Der große schwarze Hengst blähte die Nüstern, reckte den Kopf und stieß ein trompetenartiges Wiehern, aus, das sich an den Felswänden brach und dessen Echo sich bis in die Seitentäler hin fortpflanzte. Die Stuten unten hoben die Köpfe, ließen die Ohren spielen und äugten empor zu ihrem Herrn und Meister, diesem großen Schwarzen, und als sie sahen, dass er immer noch ruhig stand, dass er ihnen keine Gefahr signalisierte, da senkten sie ihre Köpfe wieder, und sie begannen zu grasen.

Der Hengst hob den Kopf; seine Ohren standen steil aufgerichtet, und da plötzlich, da hörte er es: Er hörte den warnenden Schrei eines Hähers, der davonstrich, hinweg über die Tannen und verschwand. Der Hengst blickte nach Süden. Sein edler Kopf verriet gespannte Wachsamkeit. Jetzt hatte er den Menschen entdeckt.

Der Mensch näherte sich von einem Seitental aus. Die Sonne blitzte auf den Gegenstand, den er in den Händen trug. Lautlos kam dieser Mensch näher.

Der Hengst schnaubte, und wieder schmetterte er ein Wiehern übers Tal, und diesmal war es nicht bloß ein Zeichen seiner Macht, diesmal war es eine Warnung, bedeutete es Alarm. Die Stuten hörten augenblicklich auf zu grasen, drängten sich zusammen, die drei Junghengste trabten zur Spitze, und er, der große Schwarze, kam mit langen Sprüngen von seinem Podest herunter, lief auf die Stuten zu. Erdbrocken flogen hinter ihm durch die Luft, und dann setzte er sich an die Spitze, gefolgt vom ganzen Rudel, und das Stakkato dieses Trommelwirbels vieler Hufe hämmerte von den Talwänden wider.

Der Mann aber ganz hinten, dieser Mensch, der ein Gewehr in den Händen hielt, senkte seine Waffe und blickte dem Rudel aus stahlblauen Augen nach. Sein hartes, ledernes Gesicht entspannte sich zu einem Lächeln, und über seine Lippen kamen die Worte: „Jetzt weiß ich, wo ihr seid. Ich kriege euch, wartet nur!“

Er schulterte sein Gewehr, ging auf weichen Mokassinsohlen zurück in jenes Seitental, dorthin, wo sein scheckiges Pferd stand. Er band es los von dem Stamm einer jungen Douglastanne, schwenkte die Zügel über den Kopf des Tieres, saß auf und ritt das Seitental aufwärts davon. Ein paar Minuten später hatte er jene Stelle erreicht, wo der Aufstieg auf den Kamm dieses Berges erfolgen konnte. Er saß ab, führte sein Pferd am Zügel und traf weiter oben auf zwei Männer, die da mit ihren Pferden warteten. Beide waren blond, beide sahen sich ähnlich, beide schienen Brüder zu sein.

Der eine von ihnen sagte: „Hast du sie erwischt, Dan?“

„Ja, es ist, wie ich angenommen habe. Sie kommen bis in jenes Tal hinab. Dort waren sie. Der Schwarze war dabei.“

Sie führten ihre Pferde über den Kamm hinweg in eine große Talmulde hinab, einem Bergkessel, der jenem Tal ähnelte, in dem die Wildpferde vorhin aufgetaucht waren. Auch hier standen Pferde, aber sie konnten sich nicht frei bewegen, sondern befanden sich in einem Seilkorral. Fünf Tiere, ausgesucht herrliche Exemplare, von denen eines besonders auffiel, eine Schimmelstute von sagenhafter Schönheit.

„Wenn wir jetzt noch den Schwarzen kriegen“, sagte Dan zu den Brüdern, dann haben wir unser Geld beisammen. Das bringt uns mehr als der gesamte Fang vom vorigen Jahr!“

Einer der beiden Blonden erwiderte:

„Ja, Dan, das mag schon stimmen, aber wir müssen ihn erst haben. Seit drei Jahren sind wir hinter ihm her, bisher vergeblich.“

Dan sah den Sprecher an und erwiderte:

„Ja, Rod, aber ich habe ein gutes Gefühl. Diesmal erwischen wir ihn, und dann haben wir die prächtigste Auswahl, die wir je hatten. Stell dir das mal vor! Ich sehe Ashleys Gesicht direkt vor mir. Seine Gier, wenn er ein schönes Pferd sieht und dann: Die Schimmelstute und der Rappe, das ist ein Paar! Da macht der ’ne Zucht auf mit den beiden.“

Rod lächelte, sah seinen Bruder an und meinte: „Milton, was meinst du, kriegen wir sie dieses Jahr? Erwischen wir den Schwarzen und sein Rudel...?“

„Das Rudel ist Nebensache, aber sicher, wir werden es gleich mitkriegen“, sagte Dan. „Und jetzt, Leute, lagern wir und überlegen, wie wir ihn kriegen, denn diesmal muss es klappen. Es muss eine Falle sein, so wunderschön, dass er diesmal nicht darauf kommt, dieser Schlauberger.“

Milton lachte laut.

„Das hast du jedes Mal gesagt“, meinte er. „Dan, bis jetzt war er immer schlauer als wir, mal sehen, wie’s diesmal ist. Ich glaube, so leicht kriegen wir den nicht. Den nicht!“

 

*

 

Er stand oben auf dem Plateau, wie eine Statue. Die grelle, stechende Sonne strahlte auf sein blauschwarzes, wie Seide schimmerndes Fell, ließ seine Augen funkeln, mit denen er hinab in den Bergkessel blickte, dort hinab, wo die fünf Stuten standen. Dann wandte er den Kopf zurück, schaute in jenes andere Tal zu seiner rechten, das der Bergkamm von dem Bergkessel trennte. Hier im rechten Tal, da graste sein Rudel, jene vierzehn Tiere, die ihm überall hin folgten. Sein Harem und seine drei Jungtiere, die Hengste.

Der Schwarze aber spähte nun wieder in den Bergkessel hinab, zu jenem Korral hin und vor allem auf die weiße Stute. Niemand vermag zu sagen, was ihn an ihr anzog, ihre Schönheit oder ihr weißes Fell, das so selten war in dieser Gegend. Er, der schwarze Mustang, hatte noch nie eine Stute besessen, die ein weißes Fell hatte wie jene da unten. Möglich, dass ihn das faszinierte.

Er stand reglos, während über ihm dunkle, quellende Wolken vom Wind nach Norden getrieben wurden. Wolken, die wie Schwämme mit Wasser vollgesogen waren und Regen verhießen. Regen, den dieses Land hier so dringend brauchte.

Der Schwarze bewegte sich jetzt mit schlafwandlerischer Sicherheit über den schmalen Grad bis zu einer Stelle, wo er die zwei Canyons entlangblicken konnte. Und in einem davon ritten jene drei Männer, die er vorhin schon beobachtete, ohne von ihnen bemerkt zu werden. Er sah sie davonreiten, das Tal entlang. Und dann, als sie um die Biegung des Canyons verschwunden waren, begann der große Schwarze seinen Abstieg. Nein, nicht hinab zu seinen Stuten und jenen drei Junghengsten, er begann den Abstieg in den Bergkessel, hin zu den fünf Stuten, von denen eine so herrlich weiß in der gleißenden Sonne leuchtete.

Er war halbwegs auf der Kesselsohle angelangt, als er den Kopf aufrichtete und seinen Triumphschrei ausstieß, jenes Trompetenwiehern übers Tal hinwegschmetterte, dass alle fünf Stuten die Köpfe hochrissen und ihm entgegenblickten, wie er, der Herr, der König dieser Berge, auf sie zukam. Jede Bewegung, jeder Zoll eine Majestät, ein Herrscher.

Er hatte sich ihnen um hundert Meter genähert, da wieherte er wieder und genoss es, wie die Stuten nervös zu tänzeln begannen, wie sie versuchten, aus dem Seilkorral herauszukommen, wie sie im Kreise herumliefen, alarmiert, aufgestachelt, in Furore versetzt von seinem Signal. Das wiederholte er mehrmals, dann hatte er den Korral erreicht. Er tänzelte etwas auf der Stelle, und sein Muskelspiel war von bestechender Kraft.

Dann nahm er Anlauf, alle seine Energie schien zusammengeballt zu sein, als er absprang. Wie ein Pfeil flog er durch die Luft, über die hochgespannten Seile hinweg und setzte dann federnd auf, genau in der Mitte des Seilkorrals. Er wandte sich um, tänzelte etwas auf der Stelle, riss mit einem Mal seinen Körper hoch und bäumte sich zu einer königlichen, unvergleichlich schönen Haltung auf. Diese geballte Kraft, als er mit wirbelnden Vorderhufen, mit einem röhrenden Wiehern seinen Brunftschrei ausstieß, der die Stuten erschüttern ließ. Er kam wieder herunter auf alle viere, und nun begann das Spiel.

Es war ein Spiel, das nur die Schimmelstute betraf, und sie, sie genau war dafür bereit, nicht die anderen. Er musste es bis hinauf zum Kamm gewittert haben, in welchem Zustand sie sich befand. Sie wollte ihn, und er wollte sie, aber das Ritual der Pferde, dieses Spiel der Liebe, war eine Zeremonie, die sie einhielten.

Sie lief ihm davon, als wollte sie ihn nicht, sie schlug nach ihm aus, als er ihr nachlief. Sie wieherte schrill, und es klang ängstlich, es klang ablehnend, aber er, er begann sie zu jagen und während sich die anderen Pferde in eine Ecke drängten, raste er neben und hinter der Stute her, immer im Kreis, bis sie schließlich unvermittelt stehenblieb, den Kopf hochriss, als wollte sie ihn beißen, aber er war schon neben ihr, schnappte nach ihrem Hals, doch das alles gehörte dazu, es waren Zeichen der Liebe.

Er rieb an ihrem Hals, es sah aus, als wollte er sie beißen, als wollte er ihr weh tun, doch das Gegenteil war der Fall, und dann stand sie still, wandte den Kopf zu ihm zurück, während er seine Nüstern an ihrem Hals rieb, an ihren Flanken und schließlich sie hinten an den Schenkeln berührte, schnupperte und nun presste sie, zwängte sie ihren Schweif nicht mehr an die Beine, jetzt hob sie ihn, reckte ihren Kopf nach vorn und genoss wolllüstig, wie er sie berührte.

Die ersten Regentropfen fielen, die Sonne war von dicken Wolken verdunkelt, der Wind blies kühler, und dann schüttete es in großen Tropfen vom Himmel herab. Die Pferde in der Ecke schienen es ebensowenig zu spüren wie jene beiden dort in der Mitte des Pferches. Der Hengst wieherte wieder, schnaubte, röhrte in aufwühlender Art, die alle Stuten erschaudern ließ.

Blitze zuckten zu Tal, Regen floss wie Silber, und das Fell der Pferde tropfte vor Nässe. Da erhob er sich wieder auf die Hinterbeine, stand eine ganze Weile auf der Stelle aufgerichtet, und die Stute drängte sich mit dem Hinterteil gegen ihn. Er senkte sich herab, umklammerte mit seinen Vorderbeinen ihren Körper und während sie ihn erwartete, drang er in sie ein, und er fühlte ihre Begierde und befriedigte ihr Verlangen. Die Stute röchelte vor Wohlbehagen, während um sie herum das Unwetter tobte, Blitze niederzuckten, und eine Regenflut sich über ihre Leiber ergoss.

Dann, nach einer Weile trennte er sich von ihr, stupste sie liebevoll mit den Nüstern in die Flanken, rieb sich an ihr, und beide richteten sich aneinander auf, als wollten sie sich umarmen.

Plötzlich wandte er sich um und gewahrte die drei Reiter. Er raste los. Drei Sprünge, sein Körper schnellte über die Fenz, setzte drüben auf, lief noch ein paar Schritte weit, wandte sich um, wieherte. Die Stute setzte auch zum Sprung an, ein Sprung, den sie vorher all die Zeit nicht gewagt hatte, jetzt versuchte sie ihn. Sie lief an, sprang an, streckte sich und schoss über die oberste Stange hinweg, berührte sie noch mit der Hinterhand, kam drüben etwas härter als der Hengst auf, jagte ihm nach, und er, er schnaubte, wieherte abermals triumphierend, und beide galoppierten davon, hinein in den Dunst des Regens, in diese Dämmerung des Gewitters.

Der Hufschlag auf dem harten Fels wiederholte sich als vielfältiges Echo an den Bergwänden.

Vergeblich versuchten jene drei Reiter den Tieren zu folgen, aber die waren viel, viel schneller.

Der Hengst kannte hier jeden Fußbreit Boden. Er fegte in rasendem Tempo durch die Schluchten, gefolgt von der Stute, immer weiter, und der Dunst des Regens, die Dunkelheit des Gewitters wurden ihnen zu Bündnispartnern.

Sie entkamen, und dann hatten sie ihr Ziel erreicht. Sie erreichten ein schmales, verstecktes Tal, das mit hohen Fichten bestanden war. Hier im Dickicht verschwanden beide, während die drei Reiter in jenes Tal ritten, wo das Rudel des Hengstes zurückgeblieben war.

Doch nun, als die Pferde die Menschen gewahrten, warfen sie sich herum, und unter Führung einer älteren Stute raste das Rudel in die Nachtschwärze des immer mehr zu nehmenden Gewitters hinein.

Die drei Reiter aber gaben auf, kehrten um und ritten zurück zu ihrem Korral, wo vier Pferde zurückgeblieben waren, die aufgeregt im Kreis liefen, aber von denen keines den Sprung über die hohen Seile wagte.

 

*

 

Der Mai verging, und es folgte ein heißer, dürrer Sommer. Dann kam die Zeit, wo sich die Blätter der Laubbäume bunt färbten, die Zeit, da die Büffel von Norden herunter in die wärmeren, geschützteren südlichen Täler zogen, und das war auch die Zeit, wo für die Herde des großen schwarzen Hengstes der Aufbruch kam, der Aufbruch hinunter nach Arizona, in den Süden, in die Wärme.

Und eines Morgens, als noch die Nebel über den Tälern lagen, zogen sie los. Voran der Hengst, nach ihm die Stute, und ziemlich zum Schluss die tragenden Tiere, unter ihnen die Schimmelstute. Ihre Bewegungen waren nicht mehr ganz so schnell, nicht mehr ganz so temperamentvoll. Alles in allem wirkte sie schwerfälliger, doch ihre Schönheit hatte sie, von ihrem etwas fälligerem Leib abgesehen, behalten.

Einer der Hengste war im Sommer in eine Schlucht gestürzt und lebte nicht mehr, die beiden anderen, nun schon bedeutend älter geworden, liebäugelten mit den Stuten, doch der Schwarze brauchte sich nur umzudrehen, brauchte nur die Nüstern zu blähen, und sie hielten sich zurück. Sie kannten seinen Schlag mit den Hinterhufen und kannten seinen Biss. Sie fürchteten ihn.

An jenem Herbsttag - schon zwei Tagesmärsche von dem Tal entfernt, wo sie den Sommer verlebt hatten - kam das Rudel in flaches Land, wo nur wenige Sträucher aus dem Gras herausragten. In langer Reihe zog dieses Rudel durch die gelb-braune Landschaft, die so endlos schien wie ein gigantisches Meer. Das war dann der Tag, jener Tag im September, als der Schwarze wieder einmal seine Kämpferfähigkeiten zeigen musste.

Die Sonne stand schon tief, färbte den weiten Himmel wie flüssiges Kupfer, ließ die Wolken am Horizont wie glühende Bälle erstrahlen.

Die Sonne blendete den Hengst, der jetzt östlich zog, dem Wasser näher, das er gewittert hatte. Im übrigen war ihm dieser Weg vertraut, er war ihn schon viele Male mit seinem Rudel gezogen. Herauf und herunter. Es lag an der tiefstehenden Sonne, dass er die vier Indianer, die da gebückt hinter den Büschen lauerten, nicht bemerkte. Sie nicht und auch die Seilfalle nicht, die sie errichtet hatten. Es waren kleine gedrungene Gestalten mit zerlumpter Kleidung, mit strähnigen, zum Teil geflochtenen schwarzen Haaren, breiten Gesichtern, mit schmalen Augen, und sie trugen Ohrringe und um den Hals Ketten, auf die sie die Zähne von Berglöwen gereiht hatten.

Noch bevor er sie sah, roch er sie, diesen tranigen Geruch, den der Wind, der sich jäh gedreht hatte, ihm plötzlich entgegen wehte. Sofort blieb der Schwarze stehen, seine Ohren spielten, die Nüstern blähten sich, dann schnaubte er warnend, und das Rudel verharrte. In diesem Augenblick ließen die Indianer die Seilfalle hochschnellen.

Die Seile waren so angelegt, dass sie den Pferden für den ersten Augenblick den Rückweg versperrten, die sie aber zugleich auch nicht nach vorn entkommen ließen, und bevor die Pferde reagieren konnten, zogen jene vier Mustangjäger die Schlingen an, die unter dem Sand versteckt lagen. Und wenn die Indianer Glück hatten und die Pferde Pech, dann waren eben von einigen Pferden die Beine dazwischen, um die sich diese Schlingen stahlhart legen würden.

Zwei Pferde hatten dieses Missgeschick, und als sich die Schlingen zuzogen, da hing neben einer Fuchsstute auch die große weiße Stute mit beiden Hinterbeinen in einer Schlinge. Von dem Ruck wurde die Stute fast umgeworfen, aber im Gegensatz zu der Füchsin blieb sie auf den Beinen, wieherte schrill, sprang herum, während die anderen Pferde davonjagten, bis auf eines. Bis auf den Schwarzen.

Er bäumte sich auf, wieherte böse, sprang dann auf zwei der aus der Deckung kommenden Indianer zu, und bevor die reagieren konnten, bäumte er sich abermals auf. Seine Vorderhufe wirbelten. Ein gefährliches Stakkato traf den einen am Kopf, berührte den anderen an der Schulter, riss ihn um, und dann, als der Mann unten lag, ging der Hengst wieder auf alle viere, sprang über den Mann hinweg, schlug aus und traf ihn mit einem gewaltigen Tritt in die Hüfte, jagte weiter, und da hatte er schon den Mann erreicht, der das Ende der Schlinge hielt, jetzt losließ, seinen Tomahawk hochriss, aber ihn doch nicht mehr zum Schlag bringen konnte. Denn da war der große Schwarze mit einem Satz über ihn hinweg, und im Sprung traf sein linker Hinterhuf den Indianer am Kopf, riss ihn zu Boden, und da war er schon weiter, dieser schwarze Hengst. Er fegte an dem vierten Mann vorbei, der entsetzt Deckung suchte, kehrte um.

Der Indianer riss verzweifelt sein Kampfbeil hoch, als der große schwarze Hengst auf ihn zuraste, doch der Hengst machte jäh kehrt, blieb stehen und schlug blitzartig mit beiden Hinterhufen aus. Beide trafen sie den aufbrüllenden Indianer am Kopf und schleuderten ihn meterweit davon in die Büsche.

Der Hengst kehrte zu der Stute zurück, und während die Fuchsstute wieder auf den Beinen war und die Schlinge abstreifen konnte, hing die Schimmelstute noch darin, doch jetzt, da sich die Schlinge gelockert hatte, gelang es ihr, den einen Huf herauszuziehen. Beim anderen schaffte sie es nicht, und so schleifte sie, davonjagend, das Lasso des Indianers hinter sich her. Später lockerte es sich, und der Stute gelang es, das Lasso abzustreifen.

Erschöpft, die Flanken nass, dämpfig infolge ihrer Schwangerschaft, wurde sie rasch langsamer. Der Hengst blieb hinter ihr, schirmte sie ab gegen etwaige Angriffe, aber es griff niemand mehr an. Der große Schwarze hatte wieder einmal bewiesen, dass er nicht nur seine Stuten beherrschte, sondern sie auch beschützte. Und die Füchsin, die schon weit voraus war, blieb jetzt stehen, wie auch das übrige Rudel sich wieder zu sammeln begann, und alles war wie früher.

Sie liefen weiter bis tief in die Nacht hinein, zu jener Wasserstelle hin, wo sie dann rasten wollten, und auch jetzt musste der Hengst voraus, musste sichern, musste herausfinden, ob diese Wasserstelle auch frei war, ob da nicht wieder jemand auf sie lauerte. Doch seine Sorge war unbegründet, niemand war da, der ihnen nach dem Leben oder ihrer Freiheit trachtete. So zogen sie weiter und glaubten, vor dem Winter sicher zu sein.

Doch dieser Winter war härter als die anderen, grausam hart. Und die Menschen im Süden litten Hunger genauso wie das Vieh, das kein Futter fand. Der Schnee reichte bis ins nördliche Mexiko herab. Eine Zeit, die für die Herde des großen schwarzen Hengstes und für ihn selbst verheerende Folgen hatte.

 

*

 

In diesem Winter ereilte den großen Schwarzen sein Schicksal.

Er hatte sich mit seinem Rudel ins Gebirge der Mogollon Mesa zurückgezogen. In anderen Wintern gab es hier Futter, wenn es auch nicht das saftige Gras war, das sie vom Norden her kannten, so war es doch ausreichend und immerzu hatten sie Wasser gefunden.

Jetzt war das anders. Die Wasserstellen waren zum Teil zugefroren, andere konnte das Rudel nur mühsam erreichen, überall lag hoher Schnee, und um an Futter zu kommen, mussten sie den Schnee mit den Hufen wegscharren. Die Felsen, sonst rotbraun und stumpf, waren jetzt mit Schnee bedeckt, wirkten kahl, eisig und spröde.

Auf einem dieser kleineren turmartigen Felsen, da saß der Mann mit der Büffelbüchse, saß dort und wartete schon Stunden in der eisigen Kälte auf dieses Rudel, wartete, dass er eines der Tiere erlegen konnte, um Fleisch zu haben für sich und seine Familie, die hungerte. Und er fragte nicht, auf was er schoss, nur Fleisch musste es sein.

Und weil er vor seinem Rudel lief, war er es, der große Schwarze, den der Mann zuerst im Visier hatte, und auf den er abdrückte. Das Geschoss, dieses schwere 56er Sharps Geschoss, traf den Hengst genau in die Mitte des Kopfes. Er kam nicht dazu, sich noch aufzubäumen. Es riss ihm den Schädel zurück, die Vorderläufe knickten ein, dann brach das Tier, wie vom Blitz gefällt, zusammen.

Das entsetzte Rudel stob auseinander, jagte in Panik davon, und sogar die trächtigen Stuten rissen alle Energie zusammen, um wegzukommen.

Er aber, der König der Sierra, war tot. Er lag da mit seinem zerzausten Winterfell, so lag er im Schnee. Nur noch ein Kadaver, ein Häuflein Fleisch und Knochen war von der einstigen Schönheit und Herrlichkeit übriggeblieben.

Der König war tot, es lebe der König!

Irgendein anderer Hengst musste seine Rolle übernehmen. Aber der erfahrene, der schlaue Schwarze, der große Kämpfer, der war so leicht nicht zu ersetzen. Und das sollte auch die Schimmelstute zu spüren bekommen, denn als sich das Rudel wieder sammelte, übernahm nicht eine der erfahrenen Stuten die Führung, sondern der ältere der beiden jungen Hengste kürte sich selbst zum Leithengst, indem er die ältere Stute, die das Rudel führen wollte, mit wilden Bissen vertrieb und sich dann an die Spitze setzte. Er, der gerade erst Vierjährige, hatte den Triumph, dass sich die anderen unterordneten.

Da viele der Stuten tragend waren, hatten sie nicht die Kampfkraft, um sich mit diesem jungen sieggierigen Hengst auseinanderzusetzen, und er wollte herrschen, wollte so herrschen, wie viele Jahre der große Schwarze geherrscht hatte. Er wollte nicht mehr Untertan, wollte selbst König sein. Jetzt war er König, aber niemand konnte sagen, ob er die Rolle ausführen könne.

Der Winter war schlimm, aber er musste gehen, musste dem Frühling weichen, der in diesem Jahr viel später kam als sonst, und der sich mit schlimmen Stürmen einführte. Stürme, die zwar die Wärme brachten, aber das Land zunächst wieder in neues Unheil stürzten. Und in einem dieser Stürme kam King zur Welt.

 

*

 

Eine ganze Schar Apachen war hinter den Pferden her, jagte sie nun schon seit Stunden nordwärts, wollte sie in einen dieser blinden Canyons treiben, wo es nur einen Zugang und keinen Ausgang gab. Diese natürlichen Pferdefallen kannten die Apachen, und hier wollten sie die Pferde in die Falle jagen, wollten, wie sie es immer taten, die besten Tiere, die kräftigsten, die schönsten zu Mustangs auswählen, während die anderen den sicheren Tod durch die rasierklingenscharfen Schlachtmesser der Apachen erfahren sollten.

Der große Schwarze, nun schon seit Monaten tot, wäre nicht in diese Falle geraten. Er kannte jene Canyons, er wusste, dass sie keine Auswege boten, aber sein Nachfolger, auch ein Rappe, wenn auch längst nicht von der majestätischen Schönheit seines Vaters, er kannte diese Berge nicht, wusste nichts von diesen natürlichen Fallen, wusste nichts von den Absichten der Indianer, hatte keine Ahnung davon, wie beharrlich sie waren, wenn sie einmal ein Rudel vor sich hertrieben.

Die weiße Stute war völlig am Ende. Mit bebenden, schweißnassen Flanken lief sie, die Nüstern weit gebläht, und ihr Herz hämmerte mit rasender Schnelligkeit. Schließlich stolperte sie, konnte sich fangen, stolperte wieder und stürzte. Sie hörte die Indianer schreien, hörte das Schnauben ihrer Pferde, die nun sehr rasch näher kamen, und da sprang die Stute noch einmal auf, raffte all ihre Energie zusammen und jagte davon, nicht dem Rudel nach, sondern auf eine Buschgruppe zu, von der sie Deckung erhoffte. Zwei der Indianer bogen ab, wollten ihr folgen, aber da sahen sie wohl, dass diese Stute hochtragend war und ließen sie deshalb laufen, weil das Fleisch tragender Stuten nicht genießbar ist.

Aber was sie nicht sahen, war die königliche Schönheit dieses Tieres, und wie sollten sie das auch sehen? Nach dieser furchtbaren Hungerszeit im Winter, dazu jetzt der Frühjahrssturm, der sich anbahnte und immer wieder Hunger, Hunger, das hatte bei der Stute neben der Trächtigkeit Spuren hinterlassen. Das Fell der Stute war nass und struppig, an manchen Stellen abgescheuert Nein, sie sah nicht schön aus. Eher das Gegenteil, und das rettete ihr das Lieben oder die Freiheit. Die beiden Indianer folgten ihren Gefährten, folgten dem übrigen Rudel, das noch immer weiter auf die Falle zulief, in die die Apachen sie hineinhaben wollten.

Die Stute aber, völlig erschöpft, völlig fertig, torkelte, taumelte die letzten Schritte, und zwischen den Büschen sank sie zu Boden. Der Sturm nahm an Heftigkeit zu, tobte; wirbelte, blies Mengen von Sand über das Land, und sein Geheul war die Begleitmusik zu der Geburt eines Hengstfohlens. Die erschöpfte Stute spürte die stärker werdenden Wehen, spürte, wie es in ihr drängte, wie werdendes Leben ans Licht der Freiheit wollte.

Zunächst war es die Fruchtblase, die abging und zerplatzte. Dann kamen die Presswehen überraschend schnell und heftig, kehrten wieder und wiederholten sich in immer kürzerer Folge.

Bei der fünften Presswehe, da zeigten sich die Hufe und der Kopf des Fohlens. Die Stute schnarchte, schnaubte vor Anstrengung, presste, sie war so erschöpft, dass sie wieder zwischendurch innehalten musste, doch dann, dann atmete sie noch einmal tief aus und wieder ein und presste und da kam es: kam glitschig, hässlich und grau und fleckig, glitt in den Sand, wurde sofort davon eingehüllt, vom warmen, aber scharfen Wind umblasen und in dieser rauen Welt empfangen.

Die Stute blieb noch ein paar Augenblicke apathisch liegen, während hinter ihr das Fohlen zu zappeln begann, noch immer bedeckt von diesem glitschigen Etwas, das ihm über den Augen und sogar über dem einen Nasenloch lag. Die Nabelschnur war ein paar Handbreit unter dem Bauch des Fohlens abgerissen. So lag es da, putzig, und jetzt schon so viel mit Sand bedeckt, dass es wie paniert wirkte.

Die Stute richtete sich auf, kam hoch, erst vorn, dann hinten, blickte zu dem Fohlen zurück, drehte sich um und begann zu lecken, leckte ihm den Schleimbelag ab. Gleichzeitig sorgte die massierende Zunge der Mutter dafür, dass sich der Kreislauf des Jungen belebte, dass er so richtig in Gang kam und die Nase, die Augen und auch das kleine Maul frei wurden von allem, was da nicht hingehörte.

Und jetzt, jetzt blinzelte das Junge, und die langen staksigen Beine machten schon allererste Versuche, sich einzustemmen und hochzukommen und immer öfter wurden diese Versuche wiederholt, aber der Wind warf das Fohlen ein paar mal auf den Rücken. Als es schließlich sogar einmal zum Stehen gekommen war, da purzelte es wieder um und blieb liegen, guckte furchtsam in diese grausame Welt, die so heulte und die so blies und ihm immerzu neuen Sand in die Augen wehte.

Die Stute stupste, schob, half, und schließlich stand das Fohlen, stand zitternd, schwankend wie ein Halm im Sturm, doch sein Tritt wurde immer fester, die Standhaftigkeit nahm mit jeder Sekunde zu, trotz des Windes. Endlich stakste es unbeholfen wie auf langen Stelzen auf die Mutter zu, und mit einer Zielsicherheit ohnegleichen wollte es unter den Bauch, wollte saugen.

Und dieses immer wieder neue Wunder geschah, es fand das Gesäuge, fand die Zitze, stieß daran und begann zu trinken, als hätte es nie etwas anderes getan. Und mit jedem Zug, den es diese erste Milch in sich hineinsog, kam neue Kraft in das neue Wesen. Die Stute aber ließ es nicht sehr lange saugen, drängte es ab und legte sich. Sie war ganz einfach nicht mehr imstande, noch länger auf ihren Beinen zu stehen. Das Fohlen, unschlüssig, was es tun sollte, und des Gesäuges beraubt, versuchte das Euter am Rücken der Stute und an ihrem Hals zu entdecken, aber da war es nicht. So gab es schließlich auf und legte sich dann ebenso dicht vor die Brust der Mutter im Bereich ihres Kopfes und ihrer Zunge, die wiederum liebevoll an dem Jungen leckte, es liebkoste und ihm die Geborgenheit verlieh, die für die ersten Monate so entscheidend war.

Mit dem Lecken wurde allmählich mehr von dem Fell sichtbar. Ein Fell, das grau und schwarz gefleckt war. Merkwürdig in seiner Farbe.

Hier aber lag der wirkliche Nachfolger des großen Schwarzen, jenes Königs, der von einer ganz profanen Sharpskugel umgebracht und von der mexikanischen Familie unmajestätisch aufgegessen worden war, denn er, dem man es noch nicht ansah, er sollte der wahre neue König der Sierra werden. Der neue König der Mustangs, der später den Namen King erhalten sollte - King, der König.

 

*

 

Wieder schlank und von dieser strahlenden Schönheit wie vor ihrer Trächtigkeit, trabte die Stute nordwärts, gefolgt von dem kleinen Schecken, diesem schwarzweiß getupften Springer, der nicht sehr elegant, aber doch unter Aufbietung aller seiner Kraft zu folgen suchte. Oft schien es, als seien ihm seine eigenen Beine im Wege dabei und gehörten gar nicht so recht zu ihm, und mitunter krähte er ein jämmerliches Wiehern, was die Stute veranlasste, zu ihm zurückzublicken, langsamer zu laufen, oder einmal eine Rast einzulegen.

Denn sie waren jetzt allein, hatten das übrige Rudel nicht wiedergefunden, konnten es gar nicht wiederfinden, denn unter der Führung des unerfahrenen Leittieres war es in jene Falle gelaufen, in diese Falle der Apachen. Drei Tiere waren von den Apachen für würdig befunden worden, am Leben zu bleiben, alle anderen hatten die Indianer niedergemetzelt und in atemberaubender Schnelligkeit enthäutet und zerlegt.

Niemand konnte ein Tier schneller schlachten und zerlegen, als die Indianer das vermochten, die in ihrem Hunger nach diesem harten Winter nicht sehr wählerisch waren.

Die Stute zog nordwärts, und das Fohlen folgte ihr hinauf in jene weiten Gründe, wo das Fohlen einst von dem Hengst gezeugt worden war. Sie kamen aus dem Apachengebiet heraus, näherten sich den Bergen, dem Land der Tannen und weiten, grünen Täler.

Und hier war dieses Tal; es war genau das Tal, wo der große schwarze Hengst zum ersten Mal mit der Schimmelstute allein gewesen war. Jenes Tal, wo sie die schönste Zeit ihres Beisammenseins verlebt hatten. Diese enge Schlucht zwischen Kalksteinfelsen unter gigantischen Tannenriesen, mit hohem weichem saftig grünem Gras. Hier in diesem Tal hatte auch King, der kleine gefleckte Hengst seine ersten Abenteuer mit anderen Lebewesen, mit welchen, die er noch nie zuvor gesehen hatte.

Er war schon ein ganzes Stück gewachsen, konnte sich schon sehr schnell bewegen, und zu seinen Hauptspäßen gehörte es, wie ein Wahnsinniger um die Mutter herumzujagen und dann stehenzubleiben und sich zu schütteln wie ein Hund, um diese Jagd abermals fortzusetzen. Mitunter wurden diese Kreise größer. Manchmal fegte er auch nur in diesem Tal auf und ab, und immer länger wurden die Strecken, die er ohne die Mutter zurücklegte und erst, wenn sie drohend wieherte oder warnend schnaubte, kehrte er zurück.

Aber es geschah auch, dass er noch zögerte, dass er auf ein zweites Wiehern wartete, dass er eigentlich ein bisschen ungehorsam war. Schließlich, wenn er dann zurückkehrte, musste er ein paar Knuffe und Rüffel von der Mutter einstecken. Sie packte ihn dann mit ihren Zähnen, zwickte ihn in die Haut, und das tat höllisch weh.

Eine Weile hielt eine solche Strafe vor, doch heute an diesem Tage war es besonders schön, der Himmel war strahlend blau, und die Sonne schien. Ein Sommertag, wie gemacht zum Herumstrolchen, zum Weglaufen, zum Dummheiten machen, um die Welt zu erleben, um auszuprobieren, was man alles in dieser großen, weiten Welt tun konnte. Zuerst einmal war da eine Biene, der er nachjagte. Doch die Biene hatte nicht viel Freude daran und flog davon in eine Höhe, in der er ihr nachsehen, aber nicht nachspringen konnte. Nachdem sie weggeflogen war, machte er noch ein paar Bocksprünge, jagte ein paar Grasballen durch die Luft und ergötzte sich daran, wie die Vögel aufgeschreckt davonflogen, die gar nicht weit von ihm in der Erde gepickt hatten.

Nun sah er sich nach einem Spielgefährten um, und entdeckte schon einen. Es war ein Schmetterling, auch ihm jagte er nach, doch der Schmetterling war ein Spielverderber und verzog sich zwischen die Tannen, und auch da konnte King nicht hin.

Auf diese Weise entfernte er sich immer mehr von der Mutter, die graste, ab und zu mal zu ihm rüberspähte, doch nicht wieherte, als sie ihn noch sehen konnte.

Er sprang also weiter, und plötzlich, da sah er es vor sich. Es war viel kleiner als er, was da zwischen dem Gras auftauchte und ihn aus zwei Kulleraugen erstaunt ansah. Gelblich-braun war es mit schwarzen Tupfen und hatte ein ganz rotes Maul.

Die Ohren waren rund und, wie gesagt, es war klein und niedlich, blieb jetzt stehen, sah King überrascht an, ebenso überrascht, wie er es ansah. King steckte den Kopf neugierig vor, wollte das ganz genau sehen, was da war. Genauso neugierig legte dieser kleine Schwarzgetupfte seinen Kopf auf die Seite, äugte zu dem Großen empor, knurrte ein bisschen, zog den Kopf wieder zurück, als hätte er sich schon entschieden zu weit vorgewagt, und King, der jetzt bis dicht dran war, bekam auf einmal von einer ganz kleinen Pfote einen auf die Nase gehauen und zugleich fauchte dieses kleine Etwas böse. Erschrocken zog King seinen Kopf wieder zurück, schnaubte nun auch und machte einen Bocksprung.

Davon nun war wiederum der kleine Gefleckte so erschrocken, dass er sich umdrehte und mit zwei langen Sprüngen bis unter die Tanne floh. Dort aber wollte er am Stamm emporklettern, aber so sehr geschickt war er im Klettern wohl noch nicht, und so blieb er unten sitzen und äugte wiederum mit schiefem Kopf diesem staksenden, stolzierenden Wesen entgegen, das nun, von abermaliger Neugierde geplagt, ein paar Schritte näher kam, den Kopf vorstreckte, wie es das schon einmal getan hatte, nun aber in einer gewissen respektvollen Entfernung von diesem kleinen, kratzenden, fauchenden Wesen blieb.

Aber der Kleine zeigte sich nicht mehr so feindselig, ihn trieb jetzt auch die Neugierde an, und er kam diesem fremden Wesen etwas entgegen, schnupperte, und King schnupperte auch. Sie beschnüffelten sich gegenseitig, aber keiner fand den anderen besonders anziehend. So zogen sie ihre Köpfe wieder zurück, unschlüssig, was sie voneinander halten sollten, der kleine Puma und der junge Hengst.

King hörte das Wiehern, dieses warnende, rufende Wiehern seiner Mutter und warf den Kopf hoch. Die Eigensinnigkeit ließ ihn aber noch bleiben. Wieder wieherte die Mutter, jetzt schnaubte sie, das Zeichen nahender Gefahr. Er sah, wie sie näher kam, blickte aber wieder auf den kleinen Gefleckten, dessen Gesellschaft ihn zögern ließ.

Die Stute galoppierte jetzt, wieherte abermals, das war schon ein Alarmruf, ein Trompetensignal.

King wandte den Kopf, machte ein paar Sprünge zur Seite, und der Kleine war so erschrocken, dass er erneut knurrte und dann ein paar Hopser zur Tanne hin machte, wo er sitzen blieb.

Und in diesem Augenblick sah King den Puma. Er wusste nicht, dass es ein Puma war, er wusste auch nicht, dass dieser Puma ihn zerreißen würde, wenn er ihm zu nahe käme, aber er spürte, dass es ein Feind war, rein instinktiv spürte er das und mehr. Dieser Feind hing irgendwie mit dem kleinen Getüpfelten zusammen, meinte ihn wohl beschützen zu müssen, und das Brüllen dieser Pumamutter ließ King erschaudern, erschreckte ihn so sehr, dass er einen Bocksprung machte, sich herumwarf und der Mutter entgegenraste. Aber da kam sie schon aus dem Wald heraus, die Berglöwin. Mit zwei, drei langen Sprüngen war sie neben King, und dann ein letzter Sprung ...

Da war die Schimmelstute dazwischen und keilte aus, traf den Puma in der Flanke, stieß ihn weg, während das Fohlen mit kläglichem Wiehern davonstob. Die Stute lief ihm nach, aber der Puma kam wieder auf die Beine, brüllte, und jetzt tauchte ein zweiter Puma auf, ein noch größerer als der andere. Der Berglöwe. Zu zweit jagten sie jetzt der Schimmelstute nach, und der Berglöwe war viel schneller als die Berglöwin. Er holte sie ein, die Stute, dieses riesengroße, weiße Stück Fleisch, nach der er gierte, das er reißen wollte, und dann sprang er ab, schnellte, flog durch die Luft, landete auf dem Rücken der Stute. Die bockte wild, sprang mit allen vieren gleichzeitig vom Boden ab, schleuderte den Puma hoch, aber der hatte sich so fest gekrallt, der hing fest, und dann biss er zu, biss in den Hals der Stute. Die versuchte ihn abzuschütteln, warf sich zu Boden, aber der Puma zeigte sich stärker. Der war sofort von ihr und sprang wieder auf sie, bevor sie wieder auf die Beine kam.

Das Pumaweibchen war jetzt auch heran, sprang die Stute von vorn an, die bäumte sich auf, schlug um sich, aber sie konnte diese gefährliche Last nicht mehr loswerden, und wiederum biss der Puma zu. Diesmal ins Leben der Stute. Es war ein tödlicher Biss. Das Pumaweibchen, diese Berglöwin, ließ sofort von der Stute ab und jagte jetzt auf das Fohlen zu.

King, entsetzt, voller Angst und wilder Panik, wie er mitansehen musste, was mit seiner Mutter geschah, wusste nicht, was er tun sollte. Er wagte sich nicht mehr von der Mutter weg, obgleich die ihm nicht mehr helfen konnte. Andererseits saß ihm die Furcht im Genick. Wie sollte er den viel schnelleren Pumas entkommen, dieser Berglöwin, die jetzt mit langen Sprüngen auf ihn zuflog, die sich jetzt duckte, während er unschlüssig bockte und ausschlug, als könnten seine winzigen Hufe der Berglöwin weh tun, falls er sie überhaupt träfe und dann, dann flog sie durch die Luft, sprang, um ihn zu packen und zu Boden zu reißen, um ihn zu zerfleischen.

 

*

 

Er hieß Jim Allison. Er war groß, hatte dunkles Haar, eine tief von Wind und Wetter gebräunte Haut, und in seinem Gesicht leuchteten zwei helle Augen. An seiner Weste trug er das abgeschabte Abzeichen eines US Marshals und an seinen Hüften hingen zwei schwere Peacemaker Colts.

US Marshal Jim Allison. Ein Name, der all jene, die gegen das Gesetz ritten, zittern ließ. Er hatte mehr Feinde als Freunde, aber es scherte ihn keinen Deut. Jetzt, an diesem herrlichen Sommertag parierte er seinen Falben-Wallach, saß ab und ging ein wenig steifbeinig auf den Quellbach zu, blickte ihn entlang das Tal hinab.

Da sah er die ganze Szene vor sich wie auf einer Bühne. Die um ihr Leben kämpfende schöne Stute, die nun doch unterlegen war, die beiden Pumas, und das hilflos davonhopsende Fohlen, das nicht den Schimmer einer Chance hatte gegen die Berglöwin, die gerade zum Sprung ansetzte.

Allison riss sein Winchester-Gewehr aus dem Scabbard, hebelte durch, zog es an die Schulter und feuerte. Er schoss, als die Berglöwin durch die Luft flog, um das Fohlen zu reißen. Der Schuss musste sie getroffen haben. Es war, als ginge noch während des Fluges ein Zucken durch ihren Leib, und als die Berglöwin unmittelbar neben dem Fohlen auf die Erde schlug, da rollte sie über den Rücken, versuchte noch einmal auf die Beine zu kommen, aber sie bekam die zweite Kugel direkt in den Schädel, fiel auf die Seite, krümmte sich, wälzte sich herum und blieb dann liegen.

Allison hatte den Berglöwen im Visier, der auf der gestürzten Stute stand, der seine Zähne in ihre Kehle geschlagen hatte, jetzt aber den Kopf hob, sich umsah zu seiner Gefährtin, die reglos am Boden lag und dann zu jenem Fohlen hinblickte, das stehengeblieben war, und die Chance nicht nutzte, die ihm geboten wurde.

Allison hebelte durch, zielte und schoss. Der Berglöwe machte einen Satz, jagte auf den Wald zu, noch einSchuss, er überschlug sich und blieb liegen. Der Mann senkte das Gewehr und murmelte:

„Ja, Fohlen, dich habe ich gerettet. Wer weiß, ob ich dich weiter aufziehen kann? Wenn du noch säugst, und das wird wohl der Fall sein, dann wird es hart für dich. Nun musst du lernen, ohne Muttermilch auszukommen, musst lernen, nur, noch von Gras zu leben und von Wasser und von Körnerfutter. Das wird schwer sein. Aber wir werden es versuchen.“

Er ging zurück zum Falben, steckte das Gewehr ins Scabbard, zog sich in den Sattel und murmelte:

„Nun denn, Yellow, sehen wir zu, wen wir da aufgegabelt haben!“

Er ritt durch das Tal, auf King zu, der vollkommen hilf- und ratlos stehengeblieben war und es geschehen ließ, dass der Reiter sich ihm näherte. Erst ganz zum Schluss, als Allison schon unmittelbar vor ihm war, bekam es King mit der Angst, schnaubte, wieherte kläglich und machte ein paar Hopser, aber da sirrte schon das Lasso durch die Luft und legte sich um Kings Hals und hielt ihn fest. Und er, er war so überrascht, dass er außer ein paar Bocksprüngen keine Versuche mehr machte, von dieser Schlinge freizukommen, denn da war der Mann schon neben ihm, lockerte die Schlinge, legte den Arm um den Hals des Fohlens und begann es zu liebkosen und zu streicheln, während er gleichzeitig mit beruhigender Stimme auf King einredete.

King verlor wie durch ein Wunder die Angst vor diesem Menschen, fühlte sich geborgen, und dieses Streicheln, diese Zärtlichkeit tat ihm wohl. Und ohne dass es ihm bewusst wurde, führte ihn Allison ganz langsam und unter gütigem Zureden von der Stelle weg, von der er seine tote und blutüberströmte Mutter sehen konnte.

Als sie weit genug waren, stieg Allison wieder in den Sattel, und King folgte ohne Lasso, ohne Zügel, er kam freiwillig mit. Er trabte dem Falben nach, der ab und zu freundschaftlich wieherte, und King erwiderte dieses Wiehern auf seine meckernde, krähende Art, als wäre alles, was er in den letzten Minuten erlebt hatte, nur ein böser Traum gewesen.

 

*

 

War King aus freien Stücken hinter oder neben dem Falbenwallach einige Zeit hergelaufen, dann taten ihm nun die Beine weh. Er blieb stehen, wieherte schrill und empfand wohl jetzt erst richtig, dass seine Mutter nicht mehr dabei war, denn er hatte Durst, er war gewohnt, mehrmals am Tage zu säugen, obgleich er schon Gras fressen konnte, aber die Milch hatte er noch nötig, ganz allein von Gras konnte er sich noch nicht ernähren, und außerdem hatte er noch nie Wasser gesoffen, aber jetzt kam der Augenblick, wo er das zum ersten Mal in seinem Leben tun sollte.

Allison war abgesessen, ging mit der Wasserflasche über der Schulter zu King hin, hielt ihm die flache Hand entgegen, und King blickte ihn misstrauisch an. Er ließ es geschehen, dass der Mensch zu ihm trat, dass er ihn streichelte, und er empfand das mit Wohlbehagen.

Aber der Durst, der Durst war nach wie vor da und quälte ihn. Traurig blickte er den Menschen an, der da so gut, so sanft, so wohlklingend auf ihn einredete, und dieser Mensch zog jetzt diese bauchige, in Fell gehüllte Flasche von der Schulter, schraubte sie auf, nahm seinen Hut vom Kopf und füllte glasklares Wasser in den Hut, klemmte die Flasche zwischen die Beine, streichelte wieder den Kopf des Fohlens, tauchte dann zwei Finger ins Wasser Und hielt sie King wie einen Schnuller vor die Lippen.

King leckte daran und nahm die zwei Finger wie den Strich eines Euters an, zutschte, aber es kam keine Flüssigkeit, keine Milch heraus, die seinen Durst stillte. Ohne dass King es wahrnahm, hielt der Mann mit der anderen Hand den Hut dicht unter das Maul des Fohlens, so dicht, dass die Lippen von King benetzt wurden und während King immer noch an dem Finger zutschte, in der Hoffnung, dass Durst stillende Milch herauskommen möge, hatte er auf einmal Wasser an der Zunge, an den Lippen, geriet es in seinen Mund, eine Flüssigkeit, die er gar nicht kannte, die so eigenartig schmeckte, doch zugleich etwas gegen seinen Durst zu sein schien.

Und während Allison die zwei Finger bis in den Maulwinkel des Fohlen schob, damit sie beim Saufen nicht hinderten, begann King zum ersten Mal in seinem Leben Wasser zu saufen, aber sobald Allison die zwei Finger herausnahm, hörte er auf, als könnte er nun nicht mehr allein weitertrinken.

„Bist du so dumm?“, raunzte ihn Allison an. „Die Finger hab’ ich doch nur so da drin, die helfen dir doch dabei nicht. Also gut, wenn du es nicht anders willst, versuchen wir es noch mal.“

Allison steckte ihm wieder die Finger in den Maulwinkel, was King veranlasste, sofort wieder zu saufen, doch nachher, als der Hut leer war und ihn Allison abermals füllte, vermochte King, ohne die helfenden Finger zu saugen und seinen Durst zu stillen. Danach prustete und schnaubte er, machte ein paar übermütige Bocksprünge und fühlte sich ganz offenbar wieder wohl genug, um weiter zu marschieren.

„Also gut, Kamerad, dann ziehen wir weiter, und du kriegst bestimmt heute noch Milch, bloß hier habe ich keine, aber wir kommen irgendwohin, da ist ein ganz nettes Mädchen, das ist bestimmt so lieb, dass sie dir zwei oder drei Liter Milch abgibt, pass mal auf!“

King hatte das zwar nicht verstanden, aber es klang wieder so sanft und so freundlich, und er fühlte sich wohl in der Nähe dieses Menschen.

Der Tag ging zur Neige, am Horizont färbte sich der Himmel rötlich und tauchte die Kaskaden des Gebirges in einen goldenen Schein. King trabte, galoppierte oder ging im Schritt neben dem Falbwallach her. Ab und zu wurde er von Allison angesprochen, und es schien ihm selbstverständlich, dass er den beiden folgte. Freiwillig, ohne ein Halfter oder ein Lasso.

Sie kamen aus dem Wald heraus. Vor ihnen neigte sich Grasland bis hinab ins Tal, wo unten neben einem Bach, der wie flüssiges Gold in der abendlichen Sonne leuchtete, ein aus schweren Baumstämmen gefertigtes Holzhaus stand. Aus dem Felssteinkamin kräuselte Rauch, und in einem Pferch neben dem Haus meckerten Ziegen und blökten Schafe. Ein Maultier, das ein Stück entfernt an einem Pflock graste, hob jetzt den Kopf, stellte die Ohren steil auf und schaute ihnen von unten her entgegen. Es stieß einen trompetenden Schrei aus, der King so entsetzte, dass er gleich ein paar Bocksprünge machte, aber auf Allisons beruhigenden Zuruf hin folgte er dann wieder, doch noch immer argwöhnisch auf das eigenartige Tier, das da unten heraufblickte. Aber das Maultier schien allzu interessiert nicht zu sein. Es senkte wieder den Kopf und graste weiter.

Ein Hund bellte. Ihn hatte King überhaupt noch nicht bemerkt, doch jetzt, da er um das Haus herumstob, ein Stück bis ans Ende des Ziegenpferches lief und dort breitbinig stehenblieb, um wie verrückt zu bellen, als erwarte er einen Kampf mit dem Teufel, da bekam es King mit der Angst.

„Ruhig, er tut dir nichts, der tut dir gar nichts“, sagte Allison. Aber diesmal ließ sich King nicht dazu überreden, noch zu folgen. Er machte ein paar Hopser und blieb dann stehen. Der Falbe schnaubte einmal, aber auch das konnte King nicht überzeugen. King wartete. Aber Allison ritt einfach weiter, und als er näher kam und dem Hund etwas zurief, war der auf einmal still, wedelte mit dem Schwanz, sprang an dem Falben hoch, winselte vor Freude und lief dann vor Allison her auf das Haus zu.

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (ePUB)
9783738918304
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (März)
Schlagworte
texas mustang könig mustangs
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Titel: TEXAS MUSTANG #22: König der Mustangs