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Milton Sharp #21: Blutopfer für den Dämon

2018 120 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Title Page

BLUTOPFER FÜR DEN DÄMON

Klappentext:

Charaktere:

Roman:

WOLF G. RAHN

 

BLUTOPFER FÜR DEN DÄMON

 (Milton-Sharp-Roman Nr. 21)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/Titelbild: Nach Motiven von Pixabay mit Steve Mayer, 2018

Korrektorat: Dr. Frank Roßnagel

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

 

 

Klappentext:

Milton Sharp kommt nicht zur Ruhe: Kaum hat der Schattenjäger seinen untoten Bruder von dessen unseligem Dasein erlöst, wartet ein neuer unheimlicher Fall auf ihn. In London verschwinden mehrere Menschen auf unerklärliche Weise; niemand findet ihre Leichen. Im Zuge seiner Ermittlungen entdeckt Milton, dass Cater Huxley, ein berüchtigter Serienmörder, den Milton einst ins Gefängnis gebracht hat, unter übernatürlichen Umständen aus dem Gefängnis entflohen ist. Alles deutet darauf hin, dass er den Beistand eines mächtigen Dämons hatte. Damit der Dämon seine ganze Macht entfalten kann, braucht er noch eine ganze Reihe weiterer Opfer, vorwiegend Frauen. Als auch noch Jenny verschwindet, muss Milton mit dem Schlimmsten rechnen …

 

 

Wolf G. Rahn legt mit dem 21.Band um Milton Sharp einen neuen, bislang unveröffentlichten Roman um den „Schattenjäger“ vor.

 

 

Charaktere:

Milton Sharp

Ein weiteres Mal muss es der Schattenjäger mit einem mächtigen Widersacher aufnehmen, der sein Glück mit Jenny zerstören und viele unschuldige Menschen töten will.

 

 

Jenny Sharp

Kaum hat Jenny den Tod ihres Mannes überwunden und sich zu ihrer Liebe zum Schattenjäger bekannt, wird sie ein weiteres Mal in dämonische Ereignisse verwickelt.

 

 

Cater Huxley

Der berüchtigte Serienmörder hat sich einen mächtigen Verbündeten geholt, den Dämon Amadis. Für ihn tötet Huxley, damit Amadis auf der Erde ein Reich des Todes errichten kann.

 

 

Amadis

Der mächtige Dämon wohnt in einer Statue. Damit er frei sein kann, braucht er Blut … viel Blut … Huxley ist bedingungslos bereit, ihm dieses zu beschaffen.

 

 

 

 

 

 

 

Roman:

Das Verhängnis schlug zu, als Isabel Curtis vor dem Ankleidespiegel saß und ihre Lidschatten korrigierte. Isabel war erst zwanzig Jahre alt. Genau das richtige Alter für den fürchterlichen Dämon, dem sie geopfert werden sollte.

„Bist du es, Fred?“, rief sie durch die halboffene Tür ins Nebenzimmer, als sie das Klirren vernahm und den Lufthauch in ihrem Nacken spürte.

Fred war ihr Freund. Er wollte sie zu einem Disco-Besuch abholen. Meistens kam er zu früh.

Fred gab keine Antwort. Dafür wurde die Verbindungstür vollends aufgestoßen. Im Spiegel sah Isabel ihre beiden grausigen Besucher.

Sie schrie gellend auf und fuhr herum.

Da standen sie. Ihre Gesichter waren behaart, sodass von ihnen kaum etwas zu erkennen war. Sie trugen Monteuranzüge, doch war ihnen anzumerken, dass sie sich darin nicht wohlfühlten.

Sie nahmen ihre Hände aus den tiefen Hosentaschen. Was für Schaufeln! Jede besaß nur drei Finger, aber diese glichen den Zinken von Mistforken. Stählern glänzend und wie Dolche spitz und scharf.

Die Ungeheuer kamen drohend näher und blieben dicht vor der Entsetzten stehen.

„Steh auf!“, befahl der eine. Seine Stimme glich mühsam gezähmtem Sturm.

Isabel gehorchte. Was hätte sie auch sonst tun sollen? Noch hoffte sie, dass alles nur ein schrecklicher Traum war.

„Folge uns!“

Isabel zögerte. Sie trug lediglich duftige Unterwäsche. So konnte sie nicht auf die Straße gehen.

Sie wandte sich schaudernd ab und griff nach ihrem T-Shirt, das über einer Stuhllehne hing.

Das hätte sie nicht tun sollen. Die Monster duldeten keinen Ungehorsam.

Einer wirbelte mit gestrecktem Arm herum. Er traf die Unglückliche voll. Isabel sackte wimmernd zusammen.

Die beiden Teuflischen nickten sich zu. Sie bückten sich und zerrten die Bewusstlose in die Höhe. Dabei achteten sie darauf, dass sie sie nicht mit ihren Klauen verletzten.

Sie nahmen Isabel in die Mitte und verließen mit ihr das Apartment.

Im Treppenhaus hielten sie auf den Lift zu. An dessen Tür hing ein Schild, das sie ignorierten. Einer riss die Tür auf.

„Um Himmels willen!“, schrie jemand hinter ihnen. „Können Sie nicht lesen? Der Fahrstuhl ist außer Betrieb. Wieso ist die Tür nicht gesichert? Zurück!“

Der Rufer fand keine Beachtung. Die Monster betraten zusammen mit ihrem Opfer den Aufzug, und da sich die Kabine in einem völlig anderen Stockwerk befand, sausten sie in die Tiefe.

„O Gott!“, murmelte der Mann, der die Katastrophe nicht hatte verhindern können. Einen Sturz aus der elften Etage überlebte keiner.

Er brachte es nicht fertig, sich der immer noch offenen Lifttür zu nähern. Panik hatte ihn erfasst.

Er eilte in seine Wohnung zurück und alarmierte die Polizei und einen Arzt. Danach brauchte er einen kräftigen Schluck.

 

*

 

Die Polizei benötigte nur acht Minuten, bis sie am Unglücksort eintraf. Während dieser Zeit hatte Norman Buckley immerhin vier Doppelte gekippt. Jetzt fühlte er sich wesentlich besser und konnte es kaum erwarten, dem Inspektor Rede und Antwort zu stehen.

„Erst dachte ich, sie wollten den Fahrstuhl reparieren“, beteuerte er mit schwerer Zunge, „weil sie doch blaue Overalls trugen. Aber die Frau bei ihnen passte nicht dazu. Da kapierte ich, dass etwas Furchtbares passieren würde. Ich versuchte noch, sie zu warnen, doch da war es schon zu spät. Alle drei traten gleichzeitig ins Leere. Entsetzlich!“ Er schüttelte sich und griff erneut nach der Flasche. Die Erinnerung wurde wieder wach und forderte eine Betäubung.

Inspektor Monrove lehnte am Fenster und starrte in die Tiefe. Die Vorstellung, aus dieser Höhe in den Tod zu stürzen, hatte wenig Erfreuliches.

„Kannten Sie die Frau?“, erkundigte er sich.

Norman Buckley sog die Luft hörbar durch die Nase und schnalzte mit der Zunge. „Ich habe sie nur von hinten gesehen“, gab er zu bedenken. „Vor allem trug sie nichts als einen BH und ihren Slip. Ich konnte sie also auch nicht an ihrer Kleidung erkennen. Aber eine solche Bombenfigur besitzt auf dieser Etage nur die Curtis.“

„Und die beiden Männer waren Ihnen unbekannt?“

„Absolut.“

„Eine private Frage, Mister Buckley. Haben Sie heute schon etwas gegessen?“

Der Befragte legte seinen Kopf schief und hielt seine Hand hinters Ohr. Er musste sich verhört haben. Er konnte sich nicht vorstellen, dass sich die Polizei für sein leibliches Wohl interessierte. „Wollen Sie mich einladen?“, fragte er zweifelnd.

„Beantworten Sie bitte meine Frage!“, verlangte Monrove scharf.

„Ein Sandwich heute Morgen“, sagte Buckley kopfschüttelnd. „Möchte wissen, was das mit dem Unglück zu tun haben soll.“

„Und wie viel haben Sie getrunken?“, wurde der Inspektor deutlicher. „Wenn drei Menschen in einen Fahrstuhlschacht stürzen, gibt es drei Möglichkeiten. Entweder fallen sie auf das Kabinendach, falls sich der Aufzug unter ihnen befindet, was aber hier nicht zutraf. Oder aber sie bleiben an den Seilen hängen, was ihnen im günstigsten Fall das Leben retten kann. Auch das ist nicht geschehen. Die Bedauernswerten müssen also bis hinunter in den Keller gestürzt sein. Das sind rund hundert Fuß.“

„Davon rede ich doch die ganze Zeit“, ereiferte sich Norman Buckley. „Ich denke, Sie waren schon mit dem Doc unten. Es könnte doch sein, dass wenigstens einer noch gerettet werden kann.“

„Es ist niemand zum Retten da, Mister Buckley. Wir haben nichts gefunden. Kein Blut, keinen Stofffetzen und schon gar keine Toten oder Schwerverletzten. Handelte es sich bei Ihrem Anruf nur um einen dummen Scherz, oder hatten Sie die Absicht, die Polizei zum Narren zu halten?“

Norman Buckley sperrte den Mund weit auf. „Sie machen Witze, Inspektor“, stammelte er. „Mit meinen eigenen Augen habe ich es gesehen.“

„Ja, mit Ihren vom Alkohol stark vernebelten Augen.“

„Wollen Sie damit andeuten, dass ich betrunken bin?“, brauste Buckley auf. „Mag sein, dass ich ein Gläschen zu viel habe, doch ich habe die Flasche erst nach dem schrecklichen Vorfall aus dem Schrank geholt. Das schwöre ich.“

„Okay, und ich schwöre, dass sich das von Ihnen geschilderte Unglück nicht ereignet haben kann. Niemand ist in den Fahrstuhlschacht gestürzt. Davon haben wir uns gründlich überzeugt.“

„Lächerlich!“, stieß der Angetrunkene hervor. „Einfach absurd! Ich weiß noch genau, wie ich die Tür öffnete, weil ich mich mit Freunden treffen wollte. Ich war schon spät dran, weil ich mich nach der Arbeit hingelegt und total verschlafen hatte. Ich sah die beiden Monteure und das Mädchen. Blitzartig fiel mir ein, dass der Lift schon seit vorgestern defekt ist. Ich weiß nicht mehr die exakten Worte, jedenfalls rief ich eine Warnung. Zu meinem Entsetzen ließ sich die Tür öffnen. Eigentlich hätte sie abgeschlossen sein müssen.“

„Sie ist abgesperrt“, bestätigte Inspektor Monrove kühl. „Auch davon haben wir uns überzeugt. Es gibt keine Anzeichen, dass sie gewaltsam aufgebrochen wurde.“

„Sie glauben mir also nicht“, ächzte Buckley. „Können Sie mir auch erklären, warum ich Ihnen einen derartigen Unsinn hätte erzählen sollen? Polizei auf den Arm nehmen! Dass ich nicht lache. Aus dem Alter bin ich schon eine Weile heraus. Ich werde nächstes Jahr fünfzig.“ Er hatte plötzlich eine Idee. „Warum läuten Sie nicht bei Miss Curtis? Ich wette, dass Ihnen niemand öffnet. Heute nicht, morgen nicht, überhaupt nie. Sie ist tot. Wann geht das endlich in Ihren verdammten Polizistenschädel?“

„Mäßigen Sie sich, Mann!“, fauchte der Inspektor. Er griff aber die Anregung auf und ging zusammen mit einem Sergeant zu der von Norman Buckley bezeichneten Wohnungstür.

Zu Buckleys Überraschung wurde die Tür schon nach dem ersten Klingelzeichen aufgerissen. Allerdings starrte nicht Isabel Curtis die Polizeibeamten an, sondern ein junger Mann mit langer Mähne, in dessen Mundwinkel eine Zigarette klebte.

„Polizei!“ Monrove wies sich aus. „Wir möchten Miss Curtis sprechen.“

„Da müssen Sie einen Moment warten. Sie ist gerade nicht da.“

„Wo ist sie? Wann kommt sie zurück?“

„Weiß ich nicht. Sie kann aber nicht lange ausbleiben. Wir sind nämlich verabredet. Als ich kam, war sie nicht zu Hause. Wahrscheinlich besorgt sie neue Strumpfhosen. Es sieht nämlich so aus, als wäre sie gerade beim Anziehen gewesen. Sie muss es sehr eilig gehabt haben, denn sie vergaß sogar ihren Wohnungsschlüssel.“

„Und wie sind Sie in die Wohnung gelangt?“, fragte Monrove misstrauisch.

„Hören Sie!“ Der Langmähnige wuchs um zwei Zoll. „Ich gehe mit Isabel fest. Sie hat mir schon vor Wochen einen Schlüssel gegeben. Was soll eigentlich die ganze Fragerei? Hat Isabel etwas ausgefressen? Das kann ich mir nicht vorstellen.“

Er wurde um seine Personalien gebeten und über Norman Buckleys Behauptung aufgeklärt.

„Da es sich hierbei aber offensichtlich um eine bewusste Irreführung der Polizei oder aber um eine Falschaussage unter Alkoholeinfluss handelt, benötigen wir nur noch Ihre Freundin, um den Sachverhalt klären zu können.“

Fred Avil schüttelte verwundert den Kopf. „Warum behauptet der Mann so einen Blödsinn? Zwei Monteure? Isabel kennt keine Monteure. Sie arbeitet als Mannequin und legt Wert auf gepflegten Umgang.“

Der Inspektor warf dem Langhaarigen einen spöttischen Blick zu, behielt seine Meinung aber für sich.

Gemeinsam warteten sie eine volle Stunde, ohne dass Isabel Curtis auftauchte.

Fred Avil wurde nervös. „Da muss doch etwas passiert sein“, befürchtete er. „Isabel hat noch nie ein Rendezvous vergessen. Wenn überraschend etwas dazwischengekommen wäre, hätte sie mir eine Nachricht hinterlassen.“

Er rief bei der Agentur seiner Freundin an, doch dort wusste man nichts von einem außerplanmäßigen Einsatz.

In dem einzigen Geschäft in der Nähe, das um diese Zeit noch geöffnet hatte, war die Verschwundene nicht gesehen worden. Auch sonst fand sich keine Spur von ihr.

 

*

 

Inspektor Monrove kam einiges verdächtig vor. Er fragte sich, warum Norman Buckley ihm einen Bären aufgebunden hatte. Dass Isabel Curtis tatsächlich unauffindbar blieb, bedeutete doch wohl, dass Buckley mehr darüber wissen musste. Was hatte er damit zu tun? Warum wollte er die Polizei auf eine falsche Fährte locken?

Monrove ließ sich die Freunde nennen, mit denen sich Buckley angeblich hatte treffen wollen.

Die Männer bestätigten zwar diese Behauptung, sie gaben aber auch ihrer Verwunderung Ausdruck, dass ihr Kumpel nicht erschienen war.

„Sonst ist er immer der erste von uns“, erinnerten sie sich. Verschlafen? Das ließ sich natürlich nie völlig ausschließen, doch sehr glaubhaft erschien diese Version nicht.

Daraufhin nahm Inspektor Monrove Norman Buckley vorläufig fest. Mordverdacht!

 

*

 

„Du sollst mir doch nicht so teure Geschenke machen“, sagte Milton Sharp mit leichtem Vorwurf in der Stimme. Sein Gesicht sah aber nicht ärgerlich aus. Liebevoll betrachtete er die Frau mit den rotgoldenen Haaren, die ihn anlächelte.

„War ganz billig“, behauptete Jenny. „Es ist nur vergoldet. Ich habe es auf einem Flohmarkt gekauft.“

„Und der Stempel?“ Milton zeigte auf die winzige Punzierung am Boden des Feuerzeugs.

„Habe ich selbst eingekratzt.“ Sie lachte amüsiert. „Schau doch nicht so streng. Lass mir die kleine Freude. Du glaubst gar nicht, wie froh ich bin, dich wieder hier in London zu haben. Ich gäbe etwas darum, wenn wir uns nie mehr trennen müssten.“

Milton küsste die Frau zärtlich, bevor sein Blick ernst wurde.

„Du weißt, dass dies immer nur ein Wunsch bleiben kann, Jenny“, sagte er rau. „Deine eigenen Erlebnisse sind schrecklich genug. Ich brauche dir nicht erst zu erklären, wie wichtig es ist, den Kampf gegen die Dämonen weiterzuführen. Du selbst hast dich in ihrer Gewalt befunden. Die Grauenvollen haben dir den Mann und mir den Bruder geraubt. Sie machten ihn sogar zum ruhelosen Untoten. Dass ich sein Sterben nicht verhindern konnte, wird mich bis an mein Lebensende belasten. Doch den Kampf gebe ich deswegen nicht auf. Die Menschheit hat die Streiter gegen die Schwarzweltler dringend nötig. Ihre Übergriffe werden immer dreister und grausamer. Überall auf der Erde suchen sie in tausenderlei Gestalt ihre Opfer. Ich muss mich dort dem Gegner stellen, wo er auftaucht. Das zwingt mich zu langen Reisen, auf denen du mir ebenfalls sehr fehlst. Aber gerade du gibst mir in manchen entscheidenden Augenblicken die erforderliche Kraft, den Kampf durchzustehen.“

„Ich weiß, dass du dich nicht aus Abenteuerlust für dieses gefahrvolle Leben entschieden hast“, flüsterte Jenny. „Die Rolle des Schattenjägers wurde dir von den Teuflischen aufgezwungen. Nicht nur ich habe dir viel zu verdanken, Milton. Ohne deine Bereitschaft, dein Leben für andere zu riskieren, wäre ich längst tot. Du bist aus Schlachten als Sieger hervorgegangen, die du normalerweise niemals hättest gewinnen können. Ich habe Angst, dass du dich eines Tages zu sicher fühlst. Die Höllischen warten nur darauf, dass du dir eine Blöße gibst. Ich wette, dass du zu ihren meistgehassten Feinden zählst. Sie werden nicht ruhen, bis sie dir die tödliche Falle gestellt haben.“

„Das vergesse ich bestimmt nie“, versicherte der Schattenjäger. „Schon deinetwegen nicht. Aber natürlich ist uns beiden klar, dass ich nicht das ewige Leben besitze. Irgendwann werde ich den Kürzeren ziehen. Soll ich mir wünschen, lieber bei einem Verkehrsunfall tödlich zu verunglücken? Wir sind alle sterblich, und auf unser Ende haben wir keinen Einfluss.“

„Ich liebe dich, Milton.“ Das war alles, was die Fünfundzwanzigjährige darauf zu antworten wusste.

Der Schattenjäger steckte das Feuerzeug in seine Jackentasche und gab Jenny einen Kuss, bevor er das Haus verließ. Er hatte eine Verabredung mit Hoster O'Neil, dem Mann, der aus persönlichen Motiven das erforderliche Geld für Miltons Feldzüge zur Verfügung stellte.

O'Neil hatte ihn seltsamerweise in eine anrüchige Spelunke nach Soho bestellt. Über die Gründe hatte er sich am Telefon nicht ausgelassen.

Milton holte seinen Wagen aus der Garage und fuhr los.

In Soho kannte er sich bestens aus. Daher wusste er auch mit ziemlicher Sicherheit, dass er in der Nähe des 'Colibri' keinen Parkplatz finden würde. Da er noch genügend Zeit hatte, stellte er den Wagen in einem Parkhaus am Soho Square ab und setzte den Weg zu Fuß fort.

In der Bateman Street bat ihn ein Penner um Feuer.

Milton war auf der Hut. In der Regel war das in dieser Gegend nur ein Vorwand für eine geplante Schurkerei. Er achtete auf seine Brieftasche, spürte aber im selben Augenblick die geschickte Hand, die von hinten ihr Glück versuchte. Der Penner arbeitete mit einem Komplizen.

Blitzschnell packte Milton zu, doch der andere war noch schneller. Er rannte bereits davon. In seiner Faust sah Milton etwas aufblitzen.

Verdammt! Ausgerechnet das goldene Feuerzeug, das ihm Jenny gerade erst geschenkt hatte, war dem Strolch in die Finger gefallen. Aber da sollte er sich verrechnet haben.

Milton setzte zur Verfolgung an – und lag auch schon auf der Nase.

Damit hätte er eigentlich rechnen müssen. Der Penner hatte ihm ein Bein gestellt, um seinem Partner den nötigen Vorsprung zu verschaffen. Nun flitzte auch er los. Milton ließ ihn laufen. Er interessierte sich in erster Linie für den anderen.

Der Typ war in der Menge untergetaucht. Doch Milton ließ sich nicht entmutigen. Er hatte sich die Visage eingeprägt. Er war entschlossen, den Halunken aufzuspüren und ihm seinen Raub wieder abzujagen.

Er vermutete ihn in der düsteren Seitengasse. Dort gab es genügend Schlupfwinkel.

Milton hörte die fliehenden Schritte, die unvermittelt verharrten. Er schlich näher heran. Der Dieb sollte glauben, dass ihm die Flucht gelungen sei.

Ein Pärchen kam dem Schattenjäger entgegen. Es wirkte verstört und rannte Hand in Hand auf ihn zu.

„Haben Sie einen rothaarigen, schlecht rasierten Burschen gesehen, der eine karierte Jacke und Jeans trägt?“, rief Milton halblaut. „Der Halunke hat mich bestohlen.“

Die beiden starrten ihn beinahe entsetzt an. Dann hetzten sie ohne ein Wort weiter.

Milton schüttelte ärgerlich den Kopf. Seltsames Benehmen!, fand er.

Er setzte seinen Weg fort und wäre um ein Haar an dem finsteren Hauseingang vorbeigelaufen.

Da lag ein Mann. Er erkannte ihn an der karierten Jacke. Der Strolch rührte sich nicht.

Bei näherem Hinsehen zuckte der Schattenjäger zurück. Der Unglückliche war tot. Darüber gab es keinen Zweifel. Sein Gesicht war bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Es wurde von eiternden Brandblasen bedeckt. Auch an den Händen war die Haut geplatzt und gab den Blick auf das rohe, versengte Fleisch frei. Es sah aus, als wäre der Mann vor einen Flammenwerfer geraten. Merkwürdig, dass die armselige Kleidung nichts abbekommen hatte.

Jetzt verstand der Schattenjäger das eigenartige Gebaren des Pärchens, das ihm nicht Rede und Antwort stehen wollte. Es musste den Toten ebenfalls gesehen haben. Vielleicht war es sogar Zeuge des Mordes geworden, denn dass es sich um ein Verbrechen handelte, stand für Milton fest.

Es war aussichtslos, nach dem Täter Ausschau zu halten. Darum würde sich die Polizei kümmern müssen. Sie hatte auch die Frage des Motivs zu klären. Viel zu holen gab es bei einem Taschendieb kaum. Hinter diesem Mord musste etwas anderes stecken.

Miltons Blick fiel auf das gestohlene Feuerzeug, das der Tote noch immer in der Faust hielt. Er entwand es ihm und ließ es aufschnappen, doch es funktionierte nicht.

Nun, dafür konnte er den Ermordeten nicht verantwortlich machen.

Aber vielleicht den Mörder?

So absurd dieser Gedanke auch erschien, er fraß sich in Milton fest. Die Tatsache, dass nur der Mann, nicht aber seine Garderobe ein Opfer irgendwelcher Flammen geworden war, weckte in ihm den Verdacht, dass der Täter über ganz besondere Fähigkeiten verfügen musste. Er dachte an einen Feuerdämon.

Nun war die Vorstellung, ein Höllischer könnte ein Interesse am Tod des Stadtstreichers gehabt haben, nur schwer zu begreifen. Erst als Milton die Zigarette neben dem Toten entdeckte, erhielt sein Verdacht neue Nahrung.

Die Zigarette war noch nicht angeraucht. Vermutlich hatte der Bursche sie gerade in Brand setzen wollen, als ihn der tödliche Angriff niederstreckte.

Demnach musste der Dämon in dem Feuerzeug gesteckt haben. Diese Erkenntnis bereitete dem Schattenjäger Unbehagen, denn damit war klar, dass der Anschlag ursprünglich ihm selbst gegolten hatte. Er musste dem Dieb dankbar sein, der ihn daran gehindert hatte, als erster das dämonische Werkzeug zu benutzen.

Sonst würde er jetzt an dessen Stelle hier liegen.

 

*

 

Milton Sharp alarmierte zwar die Polizei, behielt seine Vermutungen jedoch für sich. Er wusste aus Erfahrung, dass man ihm ohnehin nicht glauben würde. Womöglich verdächtigte man noch ihn selbst der Tat. Wenn sich auch seine Unschuld herausstellen würde, so war der Vorgang doch mit großem Zeitverlust verbunden, und er hatte schließlich eine Verabredung mit Hoster O'Neil, die er nicht versäumen wollte.

Als die Beamten eintrafen, behauptete er daher, zufällig den Toten beim Vorbeigehen entdeckt zu haben. Mehr wusste er angeblich nicht.

O'Neil merkte dagegen sofort, dass Miltons Verspätung von fast einer halben Stunde einen schwerwiegenden Grund haben musste.

„Seien Sie ehrlich, Sharp“, verlangte er. „Sie verheimlichen mir doch etwas. Erzählen Sie mir nicht, dass Jenny Sie so lange aufgehalten hat.“

Milton berichtete wahrheitsgemäß von dem Toten und fügte seinen Verdacht hinzu.

Der Verleger wollte das Feuerzeug sehen.

Milton legte es auf den Tisch. „Seien Sie vorsichtig, Sir!“, warnte er. „Es hat zwar den Anschein, als habe der Feuerdämon sein vorübergehendes Gefängnis verlassen, vorläufig sollten wir aber nicht zu sicher sein.“

O'Neil war ein ausgezeichneter Geschäftsmann, aber ein miserabler Held. Er hütete sich, das goldene Ding auch nur zu berühren.

„Stecken Sie es lieber wieder weg, Sharp“, bat er. „Daran verbrenne ich mir nicht gerne die Finger. Was gedenken Sie zu tun?“

„Das kommt ganz darauf an, welchen Auftrag Sie für mich haben. Sie haben mich doch sicher nicht in diese Kaschemme bestellt, um mir die sozialen Unterschiede der Londoner Bevölkerung vor Augen zu führen.“

Hoster O'Neils Gesicht wurde ernst. „Das ist richtig. Ich wollte Sie mit Babsy bekannt machen. Sie steht drüben hinter dem Bartresen. Die kleine Schwarzhaarige mit den Kohleaugen, die jetzt zu uns herüber schaut.“

Milton nickte beifällig. „Sie besitzen keinen schlechten Geschmack“, lobte er. „So, wie das Mädchen aussieht, ist es viel zu schade für diese Spelunke.“

„Darum geht es nicht. Jeff Farlow, einer meiner Reporter beim 'Happening', hatte ein Verhältnis mit Babsys Freundin Susan, die sich mit Babsy das Apartment teilt. Vorgestern zog man ihn aus der Themse. Der Arzt konstatierte nicht etwa Tod durch Ertrinken, was ich bei einem ausgezeichneten Schwimmer wie Farlow auch kaum hätte glauben können, sondern Herzversagen, was mir mindestens ebenso unwahrscheinlich erscheint.“

„Sie glauben an Mord?“

„Mehr noch. Ich bin überzeugt, dass Farlow einer ungewöhnlichen Sensation auf der Spur war. Einem Fall, der in Ihren Zuständigkeitsbereich fällt.“

„Wie kommen Sie darauf? Hat man ihn kurz vor seinem Tod in Begleitung eines Werwolfes gesehen? Oder ist Susan etwa eine Vampirin oder Hexe?“

„Die letzte Frage kann ich nicht beantworten, denn das Mädchen ist zur selben Zeit verschwunden. Die Polizei vermutet, dass sie etwas mit Farlows Tod zu tun hat, und fahndet nach ihr. Bisher allerdings ohne Erfolg. Farlows Kollegen haben aber seine Kamera gefunden. Sie lag in Flussnähe im Battersea Park. Beim Versuch, den Film zu entwickeln und dadurch möglicherweise einen Hinweis auf die näheren Umstände der rätselhaften Vorgänge zu erhalten, machten die Journalisten eine erstaunliche Entdeckung. Der Film war in der Kamera geschmolzen. Alle anderen Teile waren unbeschädigt. Jetzt urteilen Sie selbst.“

„Nun“, gab Milton zu, „Ihr Verdacht scheint durchaus begründet zu sein. Doch was hat diese Babsy damit zu tun?“

„Genau das sollen Sie herausfinden. Ich habe selbst mit ihr gesprochen und werde den Eindruck nicht los, dass sie vor etwas entsetzliche Angst hat. Sie leugnet es zwar, ich glaube aber, dass Sie die Wahrheit aus ihr herausbekommen werden. Vermutlich weiß sie sogar, wo sich ihre Freundin zur Zeit aufhält.“

Der Verleger winkte das Barmädchen an den Tisch und stellte ihr den Schattenjäger vor.

„Ich lasse euch jetzt allein. Sie dürfen diesem Mann vertrauen, Babsy. Er hat schon Fälle gelöst, an denen die Polizei verzweifelte. Seine Spezialität sind Geister und Dämonen. Er wird auch für Ihr Problem eine Lösung finden.“

Milton bestellte etwas zu trinken und begann, über seine Arbeit zu berichten. Er tat dies, um Babsys Vertrauen zu gewinnen. Sie sollte wissen, dass hier jemand saß, der jede noch so absurde Behauptung ernst nehmen würde.

Schließlich kam er zu dem Kern seines Anliegens.

„Ich habe jetzt die ganze Zeit geredet, und Sie haben fast kein Wort gesagt. Jedenfalls nicht mit den Lippen. Ihre Augen aber haben mir einiges verraten. Sie hingen ständig an der Tür. Wen erwarten Sie? Vor wem haben Sie Angst?“

„Sie irren sich, Mister Sharp“, beteuerte die Schwarzhaarige hastig und spielte nervös mit ihrem Glas. „Ich kann Ihnen überhaupt nichts sagen. Natürlich bedauere ich Jeffs Tod, doch der Arzt hat Herzschlag bescheinigt. Daran ist nichts Gespenstisches.“

„Jedenfalls ist es nicht normal, wenn der Verstorbene plötzlich in der Themse liegt und seine Freundin es vorzieht, sich in Luft aufzulösen.“

„Susan ist tot“, flüsterte Babsy. „Ich fühle es, obwohl ich keinen Beweis dafür habe. Warum lassen Sie mich nicht in Ruhe? Ich will nicht auch sterben.“ Sie schluchzte auf und wollte aufspringen.

Milton hielt sie mit sanftem Druck zurück.

„Wie kommen Sie darauf, Ihre Freundin könnte nicht mehr am Leben sein?“

Wieder ging der angstvolle Blick zur Tür. „Sie war in letzter Zeit so merkwürdig“, bekannte Babsy schließlich. „Früher hatten wir keine Geheimnisse voreinander, doch in den letzten Wochen vor ihrem Verschwinden zog sie sich merklich von mir zurück.“

„Vielleicht wegen Jeff Farlow?“, zog Milton in Erwägung.

Das Barmädchen schüttelte heftig den Kopf. „Bestimmt nicht. Dahinter steckte ein anderer Mann. Sie nannte ihn den Schwarzen Meister und wollte unbedingt, dass ich ihn kennenlerne. Aber mit diesem Hokuspokus habe ich nichts im Sinn. Spiritistische Sitzungen und ähnlicher Kram sind etwas für schrullige, alte Ladies. Als ich Susan das sagte, wurde sie fuchsteufelswild. Für sie war dieser Kerl anscheinend eine Offenbarung.“

„Kennen Sie seinen wirklichen Namen?“

„Nein. Ich habe auch keine Ahnung, wo er wohnt oder wo er seine Zirkel abhält. Heute tut es mir leid, dass ich mich nicht wenigstens dafür interessiert habe.“

„Und Sie fürchten, dass Ihnen von dieser Seite Gefahr droht?“

„Vielleicht bin ich auch nur hysterisch. Aber ich bilde mir ein, Jeff hat sich in einer Weise für den Schwarzen Meister interessiert, die diesem lästig war. Deshalb musste er sterben. Susan wurde als Zeugin dieses Mordes beseitigt. Und da man keine Ahnung hat, wie viel ich über diese Organisation weiß, ist möglicherweise auch mein Leben bedroht. Deshalb halte ich es für klüger, der Polizei nichts über meinen Verdacht zu sagen. Wenn der Schwarze Meister erkennt, dass von mir keine Gefahr ausgeht, lässt er mich hoffentlich in Ruhe.“

„Sie wollen den möglichen Tod Ihrer Freundin also einfach hinnehmen?“

Babsy brach in Tränen aus. „Wissen Sie, was Angst ist?“, schluchzte sie.

Ja, das wusste Milton. Er hatte dieses Gefühl kennengelernt. Doch er hatte sich ihm nicht gebeugt, sondern den Kampf aufgenommen. Er war entschlossen, die Ursachen dieser Angst vor dem Grauen zu bekämpfen.

„Ich mache Ihnen einen Vorschlag, Babsy. Ich möchte mich ein wenig im Zimmer Ihrer Freundin umsehen. Wenn sie so große Stücke auf diesen Unbekannten gehalten hat, finde ich vielleicht einen Hinweis auf seine Identität. Ich will den Burschen aufspüren und feststellen, ob Ihr Verdacht berechtigt ist. Das ist die einzige Hilfe, die ich von Ihnen erwarte.“

„Daran kann ich Sie nicht hindern“, antwortete die Frau leise. „Aber Sie werden nichts finden. Die Polizei musste auch unverrichteter Dinge abziehen.“

„Warten wir's ab“, meinte der Schattenjäger. „Es kommt immer darauf an, wonach man sucht.“

 

*

 

An diesem Abend konnte Milton in dieser Richtung nichts mehr unternehmen. Er musste bis zum nächsten Tag warten, wenn Babsy wieder zu Hause war.

Er versprach aber Hoster O'Neil, sich um diese Angelegenheit zu kümmern. Der verschmorte Film in der Kamera gab auch ihm zu denken.

Erst während der Heimfahrt fiel ihm wieder der tote Taschendieb ein. Er nahm vorsichtshalber das Feuerzeug aus der Tasche und legte es auf den Beifahrersitz. Selbst wenn seine Theorie zutraf und der Dämon daraus nach seiner Attacke gegen den Gauner entwichen war, wollte er kein unnötiges Risiko eingehen.

Jenny wartete schon ungeduldig auf ihn. Sie sah besorgt aus.

„Du hättest ruhig anrufen können“, beschwerte sie sich, lenkte aber sofort ein, als sie Miltons ernstes Gesicht sah. „Es ist etwas passiert, nicht wahr?“

Der Schattenjäger bestätigte es.

Er legte das Feuerzeug auf den Tisch und erkundigte sich nach seiner Herkunft.

„Ist etwas damit nicht in Ordnung?“, wunderte sich Jenny.

„Es funktioniert nicht. Ich werde reklamieren.“

Jenny lächelte ungläubig. „Natürlich funktioniert es“, widersprach sie. „Mister Crockland hat es mir selbst vorgeführt. Ich will es dir zeigen.“

Sie streckte ihre Hand aus, aber Milton riss sie zurück.

„Lass die Finger davon“, beschwor er sie. „Ein Toter ist genug.“

Jenny erbleichte. Sie verlangte eine Aufklärung.

Milton erzählte von dem Diebstahl und dem plötzlichen Tod des Gauners.

„Der Langfinger wurde ein Opfer seines Gewerbes“, war er sicher. „Der Feuerdämon war zweifellos für mich bestimmt.“

„Hegst du schon einen bestimmten Verdacht?“

Milton verneinte. Seine letzten Gegner hatte er außerhalb Londons besiegt. Sie konnten sich nicht mehr an ihm rächen. Da war er sicher. Einen aktuellen Fall bearbeitete er nicht. Mit Jeff Farlows Tod konnte es kaum etwas zu tun haben, denn davon hatte er ja erst hinterher erfahren. Vorläufig blieb das Ganze ein Rätsel.

Aber zum Glück gab es diesen Mister Crockland, den Besitzer des Goldwarengeschäftes, in dem Jenny das verhängnisvolle Feuerzeug gekauft hatte. Dem wollte der Schattenjäger ein wenig auf den Zahn fühlen. Vielleicht erwies er sich als faul und hohl.

Am folgenden Tag machte er sich schon sehr zeitig auf den Weg. Er wollte den Mann erwischen, bevor ihn die ersten Kunden in Anspruch nahmen.

Das Geschäft befand sich in der Owington Street in Chelsea. Es handelte sich nur um einen unscheinbaren Laden, doch in der Auslage wurden erstaunliche Werte zur Schau gestellt.

Crockland passte zu seinem Unternehmen. Ein schmächtiger Mann mit schütterem Haar und farblosem Gesicht. Doch am Mittelfinger seiner rechten Hand steckte ein Ring mit einem riesigen, blutroten Stein, der, wenn er echt war, ein kleines Vermögen kosten musste.

Der Inhaber fragte nach Miltons wünschen und zuckte nicht mit der Wimper, als ihm der Schattenjäger das Feuerzeug auf der flachen Hand entgegenstreckte.

„Das wurde bei Ihnen gekauft.“

Crockland betrachtete es flüchtig und schüttelte dann den Kopf. „Ausgeschlossen! Sie müssen sich irren, Sir.“

„Das können Sie vergessen. Sie haben die Dame selbst bedient. Sie hat es erst gestern bei Ihnen erstanden.“

„Tut mir leid. Derart minderwertige Ware führe ich nicht.“

„Minderwertig?“, staunte Milton. „Es ist aus Gold.“

„Aber Sie wollen es reklamieren. Ich nehme also an, dass es nicht funktioniert.“

„Nicht so, wie man es von einem braven Feuerzeug erwartet.“

„Vielleicht können Sie nicht damit umgehen.“

„Sehr witzig. Versuchen Sie es doch selbst. Mich würde interessieren, woher Sie es haben.“

Crockland nahm das Feuerzeug in die Hand. „Ich sagte doch bereits, dass es nicht aus meinem Geschäft stammt. Tut mir leid.“ Er drückte die Taste, und sofort brannte eine harmlose Flamme. „Was wollen Sie denn? Es funktioniert doch.“

Milton staunte und nahm ihm das seltsame Ding aus der Hand. Konnte es unbemerkt vertauscht worden sein?

Er versuchte ebenfalls sein Glück und sah gerade noch, wie sich Crockland hinter die Verkaufstheke warf.

Instinktiv ließ Milton das Feuerzeug fallen und verhinderte damit, dass ihm der explosionsartige Flammenball mitten ins Gesicht schlug.

Dafür brannte seine Hose. Er wälzte sich über den Boden und versuchte, die Flammen zu ersticken, die bereits sein Sakko erfassten.

Inmitten des Feuers entdeckte er bösartige, glühende Augen. Es gab keinen Zweifel mehr. Hier hatten dämonische Mächte ihre Hand im Spiel. Sie versuchten, ihn zu vernichten.

Als einziges Abwehrmittel trug er ein silbernes Kreuz um den Hals. Es war zwar geweiht, doch gegen diesen Angriff erwies es sich als wirkungslos.

Der Schattenjäger sah nur eine Möglichkeit, dem drohenden Verhängnis zu entrinnen, denn die Flammen züngelten immer wieder hoch, so oft er ihnen auch die Nahrung genommen zu haben glaubte.

Er stieß sich vom Boden ab und hechte hinter die Theke. Dort stürzte er auf Crockland, dessen hämische Miene sich schlagartig in panisches Entsetzen verwandelte. Der Geschäftsinhaber brüllte laut um Hilfe, worauf zwei hagere Männer herbeieilten, die die Gefahr sofort erkannten.

Sie griffen nach Feuerlöschern, die an der Wand neben einer Verbindungstür hingen, und richteten die Schaumstrahlen auf die beiden lichterloh Brennenden. Milton hatte wenig Hoffnung, dass diese Maßnahme etwas nützen würde.

Doch zu seiner Überraschung verkümmerte das Feuer und erlosch schließlich vollständig. Der Schattenjäger richtete sich auf und funkelte Crockland zornig an.

Dieser brachte sich vorsichtshalber mit einem geschickten Satz zur Seite in Sicherheit. Hier nahm er Deckung hinter den beiden Angestellten, die noch immer die Feuerlöscher in den Händen hielten.

Vor dem Geschäft stoppte ein Streifenwagen. Zwei Polizisten sprangen heraus und stürmten den Juwelierladen.

„Haben Sie uns alarmiert?“, erkundigte sich der eine.

Einer der Hageren nickte eifrig, und Crockland übernahm die Antwort:

„Verhaften Sie den Mann, Sergeant!“ Er deutete auf Milton Sharp, der über so viel Unverfrorenheit nur staunen konnte. „Er hat in meinem Geschäft eine Brandbombe gezündet. Er ist ein Terrorist, ein Chaot.“

Die Uniformierten näherten sich dem Schattenjäger. Sie blickten sich um und registrierten die Spuren des Brandes.

„Wir müssen Sie bitten, uns zu folgen, Mister. Widerstand ist zwecklos. Typen von Ihrer Sorte haben bei uns keine Chance.“

„Darf ich etwas erklären?“, begehrte Milton auf. „Mister Crockland verdreht die Tatsachen. Wenn das bei ihm gekaufte Feuerzeug hier für etwas Unordnung sorgte, dann muss er die Schuld bei sich selbst suchen. Ich behaupte, dass er …“

Weiter kam er nicht. Die Ordnungshüter zogen wortlos ihre Schlagstöcke und ließen sie auf Miltons Kopf sausen. Damit war jeder Widerstand im Keim erstickt.

Milton riss zwar noch die Fäuste nach oben und versuchte, sich aus dem Gefahrenbereich zu drehen, doch der Angriff war zu überraschend gekommen. Die Schläge streckten ihn nieder und raubten ihm die Besinnung.

Er hörte nicht mehr, wie Crockland den angeblichen Polizisten befahl: „Sorgt dafür, dass der Schwarze Meister mit uns zufrieden ist.“

 

*

 

Das Haus stand in einer belebten Gegend Londons. Von hier erreichte man Covent Garden in wenigen Minuten zu Fuß. Die Untergrundbahn fuhr in der Nahe vorbei. Schräg gegenüber befand sich eine Schule, die tagtäglich für jede Menge Leben sorgte.

Doch in den Kellerräumen des Hauses mit den hohen, schmalen Fenstern schien jedes Leben erloschen zu sein. Zwar flackerten an den Wänden vereinzelte Öllampen, aber es ließ sich weder eine Stimme, noch wenigstens ein Schritt auf dem steinernen Boden vernehmen. Alles war gespenstisch still.

Jedenfalls im Augenblick, denn es gab Zeiten, in denen seltsame Gestalten durch die Räume huschten.

Meistens geschah dies zu nächtlicher Stunde, doch jetzt war es noch früh am Tage.

Isabel Curtis hielt die Augen geschlossen. Sie fürchtete sich vor dem bedrohlichen Halbdunkel, das sie umgab. Noch schlimmer aber war die Ungewissheit über ihr Schicksal. Niemand gab ihr auf ihre Fragen eine zufriedenstellende Antwort.

Sie lag in der Mitte eines gewölbeähnlichen Raumes auf einer harten Ruhebank. Wie sie an diesen Ort gelangt war, wusste sie nicht zu sagen. Ihr Gedächtnis wies erschreckende Lücken auf. Sie konnte sich nur noch an zwei grässliche Gestalten erinnern, die sie aus ihrer Wohnung verschleppt hatten. Danach setzte ihr Erinnerungsvermögen aus. Irgendwann war sie zu sich gekommen und hatte sich auf diesem Lager gefunden.

Sie war außerstande, sich zu bewegen. Lediglich die Augenlider gehorchten ihr. Das aber reichte nicht aus, um sich zu befreien.

Jemand hatte ihren Körper mit einem schwarzen Tuch bedeckt. Sie fror, denn sie trug nur spärliche Unterwäsche.

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738918298
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v416367
Schlagworte
milton sharp blutopfer dämon

Autor

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Titel: Milton Sharp #21: Blutopfer für den Dämon