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Milton Sharp #20: Die Rache des Untoten

2018 120 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Title Page

DIE RACHE DES UNTOTEN

Klappentext:

Charaktere:

Roman:

Wolf G. Rahn

 

DIE RACHE DES UNTOTEN

 

(Milton-Sharp-Roman Nr. 20)

 

 

 

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/Titelbild: Nach Motiven von Pixabay mit Steve Mayer, 2018

Korrektorat: Dr. Frank Roßnagel

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

 

 

 

Klappentext:

Auf den Malediven hat Milton Sharp, der Schattenjäger, einen Pyrrhussieg errungen. Er konnte Xurus den Düsteren töten, aber musste auch den Tod seines Zwillingsbruders Glyn hinnehmen. Kaum sind Milton und Jenny wieder in London angekommen, erfahren sie, dass der von den Malediven überführte Sarg leer ist – Glyn ist wandelnder Toter, besessen von seiner Rache an Jenny und seinem Bruder. Eine Serie bestialischer Morde an Frauen, die ähnliche Typen sind wie Jenny, zeigt dem Schattenjäger, dass er seinem Bruder noch einmal gegenübertreten muss. Auch wenn er Hilfe hat durch Yon-Dar, den ehemaligen Dämon, ist Glyn ein Gegner von diabolischer Verschlagenheit, der alles daran setzt, Milton und Jenny zu töten …

 

 

 

 

 

Charaktere:

Milton Sharp

Der Schattenjäger muss sich seinem geliebten Bruder ein zweites Mal stellen, denn Glyn begeht grausame Morde auf seinem blutigen Rachefeldzug gegen Milton und Jenny. Was Milton auch unternimmt, Glyn scheint ihm immer einen Schritt voraus zu sein.

 

 

Glyn Sharp

Miltons Bruder ist vom Tod erwacht, getrieben von dem Wunsch, Milton und Jenny zu töten. Er schlägt eine blutige Schneise durch London, um seinen dämonischen Rachedurst zu stillen.

 

 

Jenny Sharp

Noch einmal muss die junge Frau erleben, welch grausames, seelenloses Wesen Glyn geworden ist, nachdem er von Xurus dem Düsteren beherrscht wurde. Sie weiß, dass es nur einen Weg gibt, Glyn zu erlösen.

 

 

Shelley Swenson

Vom Schicksal bestraft und den Menschen geächtet, erwartet Shelley nichts mehr vom Leben. Deshalb willigt sie gerne ein, für Milton den Köder zu spielen, um an Glyn heranzukommen. Doch die Begegnung mit dem Untoten bietet ihr eine ungeahnte Möglichkeit, sich an der Gesellschaft zu rächen.

 

 

 

 

 

 

Roman:

Fahles Mondlicht fiel auf die schöne Gestalt, die friedlich im Bett lag und die Augen geschlossen hielt. Der Nachtwind fand durch das halb geöffnete Fenster Einlass und strich durch das weizengelbe Haar, das wie blankes Gold aufschimmerte. Aus der Ferne klangen verhalten die Schläge einer Turmuhr. Mitternacht.

Draußen fuhr ein Wagen vor. Judge Malone kam von der Sitzung nach Hause, an die sich ein ausgedehntes Essen angeschlossen hatte. Er war hundemüde, aber er freute sich auf seine süße Frau, die ihn bestimmt schon längst sehnsüchtig erwartete.

Er stellte das Fahrzeug in der Garage ab und betrat durch eine Verbindungstür das Haus.

Er lenkte seine Schritte zum Wohnzimmer, doch es lag im Dunkel. Nancy war also schon zu Bett gegangen.

Judge Malone trat an die winzige Hausbar und schenkte sich einen Drink ein. Eigentlich hatte er schon genug getrunken, aber ein kleiner Whisky konnte nicht schaden.

Anschließend stieg er die Treppe hoch und öffnete behutsam die Tür zum Schlafzimmer.

Er war ein wenig enttäuscht, weil Nancy bereits schlief. Er hätte sich gerne noch ein wenig unterhalten.

Er trat an ihr Bett und beugte sich zu ihr herab, um ihr einen zärtlichen Kuss auf die Wange zu hauchen.

Unwillkürlich zuckte er zurück. Wie kalt ihre Haut war!

Nancy?“, flüsterte er. „Schläfst du?“

Da er keine Antwort erhielt, ging er seufzend ins angrenzende Bad und kleidete sich aus.

Er kehrte zurück und schlüpfte unter die Bettdecke.

Da spürte er das klebrige Zeug.

Mit einem Ruck setzte er sich auf und schlug die Decke zurück. Seine Augen weiteten sich voller Entsetzen.

Blut! Alles war voller Blut. Aus Nancys Brust ragte der silberne Griff eines Dolches. Ohne Zweifel war sie tot.

 

*

 

Milton Sharp blickte unauffällig auf die Uhr. Er war sich im Klaren, dass er mit seiner Verspätung die Stradlings empfindlich brüskierte. Aber es gab nun mal Dinge, die ihm wichtiger waren als das nichtssagende Geschwätz auf einer langweiligen Party.

Im Grunde empfand er die Einladung ohnehin als eine Zumutung. Jeder, der ihn kannte, wusste von seinem schmerzlichen Verlust. Doch Pietät war eben nicht jedermanns Sache.

Wären für Hoster O'Neil die Stradlings nicht so wichtig gewesen, hätte er ohnehin abgesagt. Leider konnte man nicht immer so handeln, wie das Gefühl es einem gebot.

Dass Milton immer noch zu Hause war, obwohl er bereits seit Stunden auf der Gesellschaft erwartet wurde, hatte einen triftigen Grund. Er konnte sich nicht durchringen, Yon-Dar mitzunehmen. Yon-Dar aber bestand darauf.

Wie lange willst du meine Einführung in die Gesellschaft noch hinauszögern?“, erkundigte sich Yon-Dar ungehalten. „Diese Party wäre die ideale Gelegenheit dazu. Schämst du dich meiner?“

Milton blickte den Mann, der während der zurückliegenden Monate zu einem wahren Freund geworden war, nachdenklich an.

Schämen? Nein, das tue ich wahrlich nicht. Einen Burschen deiner Treue finde ich schwerlich ein zweites Mal.“

Was ist es dann?“, bohrte Yon-Dar. „Zugegeben, mein Charme kann mit deinem noch nicht konkurrieren, aber der Spiegel sagt mir, dass ich mich sehen lassen kann, ohne Gefahr zu laufen, dass jeder vor mir schreiend Reißaus nimmt.“

Milton nickte. „Ja, die Chirurgen haben wahre Wunder an dir vollbracht. Wenn ich daran denke, wie – entschuldige, aber es ist die Wahrheit – wie abscheulich du noch vor einem halben Jahr aussahst, dann muss ich den Ärzten ein dickes Kompliment aussprechen.“

Und mir nicht?“, beschwerte sich Yon-Dar. „Was glaubst du, welche Geduld erforderlich war, die vielen Operationen über mich ergehen zu lassen und die zahllosen Rückschläge zu verkraften? Aber jetzt ist es geschafft. Aus einem widerwärtigen Monstrum wurde ein leidlich respektabler Mensch.“

Das stimmte. Yon-Dar war als Dämon erschaffen worden. Doch Milton Sharp hatte durch sein mutiges Eingreifen den Geist des Bösen ins Gegenteil verkehrt. So war aus dem geplanten mordenden Ungeheuer, das die Menschen hätte drangsalieren sollen, ein Wesen geworden, das sich auf die Seite des Geisterjägers schlug. (siehe Milton Sharp Nr. 14: Das Gasthaus zur Blutbuche).

Ein Partner im Kampf gegen die Schrecklichen aus den Schattenreichen. Doch Yon-Dar war so abstoßend hässlich gewesen, dass bereits sein bloßer Anblick eine Panik ausgelöst hätte.

Aus diesem Grund hatte Milton Sharp Spezialisten aufgesucht, die sich bereit erklärt hatten, ihre Kunst in den Dienst des seltsamen Patienten zu stellen – und zu schweigen.

Nach zahllosen Fehlschlägen wurde endlich das angestrebte Ziel erreicht. Niemand brauchte sich mehr vor Yon-Dar zu entsetzen. Dass Milton sich trotzdem weigerte, ihn zu der Party mitzunehmen, hatte einen einfachen Grund.

Ich hätte nie geglaubt, dass dich die Knochenmechaniker so prima hinbekommen würden“, gab er zu. „Wenn du auch eher einem Ersatzteillager gleichst, so stimmt doch zumindest die Fassade. Nur etwas mussten dir die Ärzte schuldig bleiben, und gerade das wirst du mit Sicherheit bei den Stradlings brauchen.“

Okay, ich besitze keinen Rumpf. Alle Experimente, mich mit einem Körper aus Plastik oder sogar präparierten Skelettteilen auszustatten, schlugen leider fehl. Aber was soll's? Um einen Cocktail zu schlürfen, brauche ich keinen Brustkorb.“

Milton seufzte. „Wie oft muss ich dir das noch erklären, Yon-Dar? Aber woher sollst du auch wissen, was ein Swimmingpool ist? Jedenfalls sind die Stradlingschen Partys dafür berüchtigt, dass sie regelmäßig in einer einzigen Wasserschlacht enden. Eingeweihte tragen deshalb Badekleidung unter dem Smoking. Lediglich die Ahnungslosen oder jene Mädchen, denen das nichts ausmacht, hüpfen im duftigen Slip oder ganz ohne ins Wasser. Wie willst du dich da aus der Affäre ziehen?“

Ich bade ganz einfach nicht.“

Das schaffst du nicht. Schon gar nicht als absolut Fremder. Robert Stradling ist steinreich. Seine Millionen sorgen dafür, dass er die Puppen tanzen lassen kann. Im Grunde ist das ja auch nichts weiter als ein harmloser Spaß. Ich möchte allerdings nicht an den Tumult denken, der entstehen wird, wenn ein Mann ohne Rumpf in den Pool springt.“

Yon-Dar kniff die Augen zusammen. Sie hatten die Chirurgen nicht in ähnlicher Weise ersetzen können wie das Drahthaar oder die stählernen Zähne, die auf normale Länge gekürzt und mit einem weißen Schmelzüberzug versehen worden waren. In Yon-Dars Blick lag noch immer das Dämonische.

Ich weiß, dass dieser alberne Pool nur ein Vorwand ist, um mich nicht mitnehmen zu müssen“, erklärte er düster. „Irgendetwas gibt es bei den Stradlings, was du mir vorenthalten willst. Du hast ein Geheimnis vor mir. Aber ich finde es heraus. Verlass dich drauf.“

Rede keinen Unsinn und sei brav“, forderte der Schattenjäger. „Ich verspreche dir, nicht länger als zwei Stunden zu bleiben.“

Versprich mir lieber, bei der nächsten Party nicht wieder eine Ausrede zu erfinden.“

Milton Sharp lächelte mühsam. „Ich hoffe, dass es in absehbarer Zeit keine Partys mehr für mich gibt.“

Und wenn doch?“

Dann bist du dabei, Yon-Dar.“

Versprochen?“

Ich schwöre es dir.“

Dieser Schwur sollte Milton noch leidtun.

 

*

 

Das Paar drehte sich auf der Tanzfläche zu einschmeichelnder Musik.

Sie sind ein hervorragender Tänzer, Mister Sharp“, stellte die attraktive Blondine mit verheißungsvollem Augenaufschlag fest.

Sagen Sie doch Milton zu mir“, bat der sportliche Mann mit den dunkelblonden Haaren und den braunen Augen. „Für meine Freunde bin ich einfach Milton.“

Sie haben bestimmt sehr viele Freunde, Milton. Haben Sie gesehen, wie die Mehrzahl der anwesenden Frauen mich neidisch anstarrt? Sie alle möchten jetzt an meiner Stelle sein.“

Sie übertreiben charmant, Taina. Aber wenn Ihnen die Blicke unangenehm sind, gehen wir doch einfach nach draußen. Es ist noch ungewöhnlich warm. Oder haben Sie Angst, mit mir alleine im Park zu spazieren?“

Taina Andrews hielt sekundenlang den Atem an. Auf diesen Vorschlag hatte sie schon die ganze Zeit gewartet. Sie hatte im Laufe ihrer sechsundzwanzig Lebensjahre eine Menge aufregender Männer kennengelernt, doch dieser hier stellte sie alle in den Schatten. Sie spürte, dass ihn ein Geheimnis umwehte. Es drängte sie, endlich in seinen Armen zu liegen.

Wie man hört“, antwortete sie lächelnd, „haben Sie den Bösen dieser Welt den Kampf angesagt. Da ich aber keine Hexe bin, werden Sie hoffentlich nett zu mir sein.“

Es freut mich, dass Sie eine so gute Meinung von mir besitzen, Taina.“

Der Mann tanzte mit seiner Partnerin unauffällig auf die breite, gläserne Terrassentür zu, die einen Spalt offen stand. Schmachtende Blicke folgten ihnen. Welche Frau hätte nicht in diesem Moment gerne mit Taina Andrews getauscht?

Der Mann hatte nicht übertrieben. Die Luft war lau und legte sich wie ein sanfter Schleier auf die Haut.

Gehen wir ein Stück?“, fragte er und legte wie selbstverständlich seinen Arm um die schlanke Taille der Frau.

Gerne“, hauchte sie in freudiger Erregung.

Sie entfernten sich von dem Haus, aus dem ihnen der Lärm der Party nachklang. Keiner sagte ein Wort, aber ihre Körper drängten zueinander.

In der Nähe des lauschigen Pavillons verhielt der Mann.

Taina Andrews folgte seinem Beispiel. Sie wusste, was nun kommen würde, und sie war bereit, diese beglückenden Augenblicke zu genießen. Sie war fest entschlossen, diesen Mann nicht wieder preiszugeben. Er sollte ihr gehören. Ihre Freundinnen würden vor Neid platzen.

Sie wandte dem Mann ihr Gesicht zu.

So ernst?“, fand sie.

Schweigend nahm er sie in den Arm und küsste sie. Es war ein Kuss, wie ihn Taina Andrews nie zuvor erlebt hatte. Voll zügelloser Leidenschaft, fast gewalttätig, und doch wieder so seelenlos, dass sie meinen konnte, den Gipsmund einer Schaufensterpuppe auf ihren verlangenden Lippen zu spüren.

Ihre Arme umschlangen seinen Nacken. Eine gefräßige Flamme loderte in ihrer Brust auf. Sie wollte mehr. Dieser Mann war fähig, ihr jeden Wunsch zu erfüllen.

Leise stöhnend griff sie in sein Haar und wühlte darin, während er ihren Mund nicht freigab. Seine Hände strichen über ihren Rücken, der unter dieser Berührung erschauerte und sich wie eine Schlange bog.

Die Hände wanderten höher und erreichten ihren Nacken. Wie selbstverständlich schlossen sie sich um ihren Hals.

Eine seltsame Beklemmung war gegenwärtig. Warum hielt er inne? Weshalb küsste er sie nicht mehr?

Seine Finger übten einen schmerzhaften Druck aus. Taina rang nach Atem und verzog das Gesicht.

Ich liebe es, wenn du so stürmisch bist“, gestand sie mühsam. „Aber du tust mir weh. Lass uns in den Pavillon gehen.“

Der Mann überhörte ihre Bitte. Der Druck seiner Finger verstärkte sich. Er drückte sie nun weit von sich weg.

Die Frau erschrak. In seinem Blick lag keine Zärtlichkeit mehr, keine Spur von Leidenschaft. Sie sah nur noch Hass und den Willen, sie zu töten.

Nein!“, röchelte sie und versuchte, den Geistesabwesenden abzuwehren, doch die Klammer lockerte sich nicht. „Du bringst mich ja um.“

Natürlich bringe ich dich um, du mieses, kleines Luder. Ich werde sie alle töten. Verstehst du? Alle!“

Panische Angst erfüllte die Todgeweihte.

Aber was habe ich dir getan, Milton? Du kannst alles von mir bekommen. Ich gehöre dir. Das weißt du.“

Das sagte die Andere auch und übte doch schimpflichen Verrat an mir. Auch sie wird sterben. Doch zuvor soll sie spüren, wie die Angst in ihr hochkriecht. Sie soll begreifen, dass es sie irgendwann treffen wird. Sie soll leiden, wie ich gelitten habe. Erst dann töte ich sie, so wie ich dich jetzt töte, du falsche Schlange.“

Taina Andrews begriff, dass es dem Wahnsinnigen ernst war. Sie wollte schreien, doch mehr als ein klägliches Seufzen brachte sie nicht mehr zustande. Ihre Kehle war zugeschnürt.

Warum kam niemand, um ihr zu helfen? Vom Haus her klangen Musik und ausgelassenes Lachen. Sie würde nie wieder lachen. Ihr letzter Tanz würde der Totentanz sein. Im Arm ihres Mörders.

 

*

 

Yon-Dar war unzufrieden. Am liebsten wäre er Milton Sharp heimlich gefolgt, denn die Geschichte mit dem Swimmingpool wollte er einfach nicht glauben. Was verheimlichte sein Freund vor ihm? Wovon durfte er, Yon-Dar, nichts wissen?

Ob er mit Jenny darüber sprach? Jenny war Miltons Schwägerin. Sie empfand sehr viel für den Schattenjäger. Nachdem ihr Mann, Miltons Zwillingsbruder, auf tragische Weise ums Leben gekommen war, war das noch deutlicher zu erkennen.

Aber vielleicht galt dieses Geheimnis auch für Jenny. Yon-Dar lernte, dass es gar nicht so einfach war, wie ein Mensch zu denken und zu empfinden.

Immer wieder schielte er zum Telefon. Sollte er, oder sollte er nicht?

Endlich entschloss er sich, weder hinter Milton nachzuspionieren, noch sich bei Jenny auszuweinen, die genug eigene Sorgen hatte. In solchen Fällen, das hatte er von dem Schattenjäger gelernt, wirkte ein Spaziergang in frischer Luft manchmal Wunder.

Also verließ Yon-Dar das Haus und schlenderte durch die Straßen der englischen Metropole.

Vor einem Lichtspielhaus blieb er stehen. Den Plakaten nach zu urteilen, wurde dort ein Horrorfilm gezeigt. Die Nachtvorstellung musste gleich zu Ende sein, denn die doppelflügeligen Türen wurden gerade geöffnet.

Yon-Dar schmunzelte in sich hinein. Niemand ahnte, dass er sehr gut eine Hauptrolle in einem dieser Gruselstreifen spielen könnte. Seine Herkunft war mehr als gespenstisch. Er war ein Dämon, doch er konnte nicht grausam sein.

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite stand ein junger Mann, unter dessen Arm eine zusammengefaltete Zeitung klemmte. Er starrte unentwegt zu ihm herüber.

Yon-Dar überlegte, ob er den Mann bei irgendeiner Gelegenheit kennengelernt hatte. Vielleicht handelte es sich um einen der vielen Ärzte, die sich um ihn bemüht hatten. Er konnte sich aber beim besten Willen nicht erinnern.

Da der Fremde keine Anstalten traf, seinen Blick auf ein anderes Ziel zu richten, hielt Yon-Dar es für angemessen, seinem offensichtlich in manchen Dingen dürftigen Gedächtnis auf die Sprünge helfen zu lassen. Er überquerte also die Fahrbahn und sprach den Mann an:

Sie werden entschuldigen, Sir, aber kennen wir uns?“

Um die Mundwinkel des Mannes zuckte es amüsiert. Mit lässigem Schwung warf er eine Haarlocke zurück, die ihm gleich wieder über die Augen rutschte, und meinte geringschätzig:

Was ist los, Opa? Suchst du Streit?“

Yon-Dar überlegte, was er Unhöfliches gesagt hatte, wurde sich jedoch keiner Schuld bewusst. Vielleicht hatte der Fremde seinen Tonfall als zu scharf empfunden. Sehr melodisch klang seine Stimme nun mal leider nicht.

Keineswegs“, versicherte er und bemühte sich um einen noch friedfertigeren Ausdruck. „Ich dachte nur, weil Sie mir offensichtlich Interesse zeigten, dass …“

Ich dir?“ unterbrach ihn der Bursche mit krächzendem Lachen. „Du spinnst wohl? Hast du schon mal in einen Spiegel gesehen? Frankensteins Monster sah im Vergleich zu dir wie Sue Ellen von den Ewings aus. Wenn ich so viele Narben im Gesicht hätte, würde ich mich freiwillig begraben lassen. Aber wenn du unbedingt willst, kannst du noch eine neue dazukriegen.“

Yon-Dar verstand. Der Lümmel wollte Randale. Er befand sich auf der Suche nach einem geeigneten Opfer. Wahrscheinlich hatte ihn die Freundin versetzt, und nun drängte es ihn, seine schlechte Laune abzureagieren.

Aber nicht bei ihm. Sollte er sich einen anderen suchen.

Der Dämon entschuldigte sich höflich für die offensichtliche Verwechslung und wandte sich ab.

Da wurde er an der Schulter herumgerissen. Der Fremde grinste ihn dreist an.

So billig kommst du mir nicht davon, du Komiker. Wildfremde Leute auf der Straße anpöbeln. Dir werde ich das Handwerk legen. Diesmal bist du an den Falschen geraten.“

Aber ich versichere Ihnen …“

Der andere schlug zu. Seine Faust traf voll Yon-Dars Kinn, der den Schlag, obwohl er mit beachtlicher Kraft geführt war, überhaupt nicht spürte. Der Schläger starrte erst seine Faust entgeistert an, deren Knöchel geringfügig blutete, und anschließend Yon-Dar. Er konnte nicht fassen, dass der Mann nicht winselnd auf dem Pflaster lag.

Lassen Sie's damit gut sein“, schlug Yon-Dar ruhig vor und drehte sich um.

Wenn er geglaubt hatte, der Bursche würde klein beigeben, so sah er sich getäuscht. Mit einem Wutschrei sprang ihn der Mann von hinten an und trat ihm ins Kreuz. Diese Kampftechnik musste er sich in einem der zahlreichen Karate-Filme abgeschaut haben.

In diesen Streifen war aber die Wirkung regelmäßig eine andere. Obwohl Yon-Dar nichts getan hatte, um den Angreifer abzuwehren, fand sich dieser plötzlich auf dem Boden wieder. Es war, als wäre er durch seinen Gegner mitten hindurch gesaust.

Dass diese Annahme die Wahrheit exakt traf, ahnte der Bursche nicht. Er glaubte an einen raffinierten Schlag, den er gar nicht gespürt hatte.

Blitzschnell kam er wieder auf die Beine und rannte gegen den Dämon an. „Ich mache dich alle, du Schuft!“, drohte er. Zur Unterstreichung seiner Absicht riss er ein Springmesser aus der Tasche und ließ die Klinge hervorschnellen.

Yon-Dar hätte der Attacke gelassen entgegensehen können. Mit einer solchen Waffe war er nicht zu bezwingen.

Er fürchtete aber nur weitere Komplikationen, wenn seine Wunden kein Blut hervorbrachten. Deshalb zog er es vor, der einseitigen Auseinandersetzung ein Ende zu bereiten.

Als die blitzende Klinge auf ihn zu sauste, schlug er kurz zu und traf die rechte Schulter des Wütenden.

Die Wirkung war erschreckend. Der Jüngling brüllte auf und ließ das Messer fallen. Auch die Zeitung fiel herunter. Beide Arme des Getroffenen waren steif und keiner Bewegung mehr fähig. Dabei hatte Yon-Dar in weiser Voraussicht seinen Hieb stark abgebremst.

Lassen Sie sich helfen“, erbot der Dämon mit gleichbleibender Freundlichkeit und streckte die Hand aus.

Der Fremde bekam es mit der Angst zu tun. Schreiend lief er davon und brüllte fortwährend: „Hilfe! Überfall!“ Da er seine Arme nicht rühren konnte, sah er wie ein rasender Zollstock aus.

Yon-Dar bückte sich, um Messer und Zeitung aufzunehmen. Sein Blick fiel auf ein großformatiges Foto. Es zeigte eine Frau mit langen, hellen Haaren. Milton würde sie zweifellos als besonders gutaussehend bezeichnen.

Über dem Bild prangte in riesigen Lettern die Schlagzeile:

Schon wieder eine Frau bestialisch umgebracht!“

Darunter stand, dass Nancy Malone von ihrem Ehemann mit einem Dolch in der Brust gefunden worden war. Der Täter, von dem – wie bereits bei den früheren Fällen – noch jede Spur fehlte, war zweifellos durch das offene Fenster im ersten Stock geklettert.

Yon-Dar schüttelte betroffen den Kopf. Eine grässliche Mordserie hielt seit einigen Tagen London in Atem. Der Mörder suchte sich ausschließlich hübsche Frauen aus. Diesmal hatte er also mit einem Dolch zugeschlagen.

Nachdenklich betrachtete er das Fallschirmspringermesser in seiner Hand und starrte in die Richtung, in der der Besitzer verschwand. Sollte der etwa …?

Eine energische Faust schloss sich von hinten um sein Handgelenk.

Loslassen!“, befahl eine harte Stimme, die einem Uniformierten gehörte. „Machen Sie keinen Unsinn, Mann!“

Yon-Dar gehorchte dem ersten Impuls, sich einfach loszureißen, nicht. Das jüngste Erlebnis hatte ihn an seine übermenschliche Kraft erinnert. Ein Polizist würde sicher empfindlicher auf einen Niederschlag reagieren. Das Missverständnis war zweifellos schnell aufgeklärt.

Hier liegt eine Verwechslung vor, Sergeant“, sagte er gelassen.

Die Antwort fiel ausgesprochen unfreundlich aus. Sie bestand aus einem Paar Handschellen, die ihm ein zweiter Polizist gedankenschnell anlegte.

Sie sind verhaftet“, wurde ihm erklärt. Zugleich belehrten ihn die Beamten über seine Rechte.

Yon-Dar unterdrückte ein Lächeln. Selbst die Eisenfesseln stellten ihn vor keine Probleme. Allerdings würde man dann eine Erklärung von ihm fordern. Sollte er etwa eingestehen, dass er ein Dämon war, noch dazu ein harmloser? Weder das eine noch das andere würde man ihm glauben.

Das Beste war, er ließ die Verhaftung geduldig über sich ergehen. Milton würde später den Irrtum aufklären. Der Schattenjäger besaß genügend einflussreiche Freunde, und sogar mancher Polizeiinspektor erkannte seine Leistungen im Kampf gegen die Unirdischen an.

Also wurde Yon-Dar abgeführt und zunächst in eine Zelle gesteckt. Später folgten endlose Verhöre, die alle die unaufgeklärten Frauenmorde zum Kernpunkt hatten. Erst nach vier Stunden ließ man ihn für kurze Zeit in Ruhe, weil die Beamten, die das Verhör führten, müde wurden.

Darauf, dass endlich Milton Sharp aufkreuzte, um ihn nach Hause zu holen, wartete der Dämon vergebens.

 

*

 

Milton fand in der Nähe der Stradlingschen Villa keinen Parkplatz mehr. Überall waren teure Wagen abgestellt. Sie gehörten alle den Besuchern der Party.

Er hatte nichts dagegen, noch ein paar Schritte zu Fuß zu gehen, und ließ sein Auto in einer Seitenstraße zurück. Am liebsten hätte er lediglich das durch eine Hecke abgegrenzte Grundstück umrundet und wäre danach wieder heimgefahren. Aber das durfte er O'Neil nicht antun.

Also schlenderte er ohne Eile auf das Tor zu, das trotz der nächtlichen Stunde für die Gäste offen stand.

Aus dem Haus klang Musik. Die Fenster der unteren Etage waren erleuchtet. Nur darüber war es finster.

Der Park lag in nächtlicher Stille da. Im Hintergrund sah Milton das Glitzern des Wassers vom Pool. Noch war er unbelebt, doch schon bald würde hier eine Menge los sein.

Milton ging ein paar Schritte und stutzte. Ihm war, als hätte er ein höhnisches Lachen ganz in der Nahe vernommen. Er blickte sich nach allen Seiten um, konnte aber niemanden entdecken.

Und doch war da etwas. Etwas Unheilvolles. Der Schattenjäger spürte es fast greifbar.

Unsinn!, schalt er sich. Es sind nur deine trüben Gedanken. Du hast einen geliebten Menschen verloren. Glyn war für dich mehr als nur ein Bruder. Nun lebt er nicht mehr. Du hast den Kampf um ihn, den du schon gewonnen zu haben glaubtest, doch noch verloren. Und jetzt stehst du hier, und man erwartet von dir Fröhlichkeit.

Das war absurd. Viel lieber hätte er sich irgendwo in der Einsamkeit verkrochen, wäre den heiteren Menschen aus dem Wege gegangen.

Doch O'Neil hatte vermutlich recht, wenn er von ihm verlangte, sein Leben wie bisher zu führen. O'Neil war sein Geldgeber. Ohne seine Unterstützung hätte er den Kampf gegen die Schwarzwesen längst aufgeben müssen. Also besaß der Verleger auch ein gewisses Recht, ihm seine Pflichten vor Augen zu führen. Jetzt erst recht, denn Glyn war von der Hand eines dämonischen Wesens gestorben.

Milton bemühte sich, das ungute Gefühl abzuschütteln, doch es gelang ihm nicht. Er fühlte sich von unsichtbaren Augen beobachtet, von Händen, die er nicht erkennen konnte, betastet.

Der Lärm aus dem Haus stieß ihn ab. Ein paar Minuten wollte er noch allein sein. Danach würde er sich pflichtschuldigst in das gesellschaftliche Leben stürzen und belanglose Konversation treiben.

Er ging an dem riesigen Swimmingpool vorbei und hielt auf den kleinen Pavillon zu. Das war genau der Ort, den er zu seiner Sammlung brauchte. Hoffentlich war er nicht schon durch ein Pärchen besetzt.

Milton gewahrte den Schatten schon von weitem. Er erkannte, dass es sich um einen menschlichen Körper handelte, und augenblicklich war die trübe Ahnung wieder da. Ihm wurde klar, dass er sich nicht ohne Grund von der Villa abgewandt hatte. Geheimnisvolle Kräfte hatten ihn zum Pavillon geführt. Er wusste nur noch nicht, ob es sich um gute oder feindselige Kräfte handelte.

Diese Ungewissheit blieb auch, als er sich zu der blonden Frau herabbeugte und vorsichtig ihre Schulter berührte. Sie kippte auf den Rücken und starrte ihn nun mit weit aufgerissenen Augen an.

Es waren unglaublich schöne Augen, allerdings auch unglaublich tote.

Die Würgemale an ihrem schlanken Hals konnte niemand übersehen.

Mord!, durchzuckte es Milton Sharp. Das Verbrechen musste erst vor kurzer Zeit begangen worden sein. Die junge Frau wurde noch nicht vermisst. Man suchte nicht nach ihr. Zudem war ihr Körper noch warm.

Der Schattenjäger dachte an das spöttische Gelächter, das er am Tor vernommen hatte. Hatte es dem Mörder gehört? Wenn das zutraf, konnte er noch nicht weit sein. In der ganzen Zeit war in der Nahe kein Motor angelassen worden. Der Killer hielt sich also noch versteckt.

Entschlossen hetzte Milton zurück. Der Toten konnte er ohnehin nicht mehr helfen. Dafür war er ein paar Minuten zu spät eingetroffen.

Ihm kamen scherzende Pärchen entgegen. Er erkannte auch Robert Stradling, den Gastgeber. Er plauderte angeregt mit dem Verleger O'Neil.

Einige von den Gästen strebten dem Pool zu und begannen, sich ihrer Kleidung zu entledigen. Andere spazierten weiter.

Der Entsetzensschrei konnte nicht ausbleiben. Man hatte den Leichnam der schönen Unbekannten entdeckt. Jetzt würde der Mörder zweifellos das Weite suchen.

Milton sprintete los.

Mörder!“, klang es schrill hinter ihm. „Er hat Taina Andrews umgebracht. Haltet ihn!“

Diese Aufforderung war für den Schattenjäger überflüssig. Er würde alles geben, um den Flüchtenden noch einzuholen.

Doch da streckten sich ihm zahllose Hände entgegen, die ihn festhielten. Fäuste wurden gegen ihn geschüttelt. Eine stieß in seine Magengrube und verstärkte jenes Unwohlsein, das er seit Betreten des Stradlingschen Parks spürte.

Es war offensichtlich, dass die Erregten ihn für den Schuldigen hielten, bevor sie noch richtig wussten, was eigentlich geschehen war. Diesen Irrtum konnte er natürlich schnell aufklären. Aber in der Zwischenzeit hatte der wirkliche Mörder Zeit genug, um sich davonzumachen.

Statt langer Erklärungen riss sich Milton daher aus den Fäusten los und stürzte weiter.

Es gelang ihm, das Tor zu erreichen und auf die Straße zu hasten. Hier blieb er sekundenlang stehen, um nach Schritten zu lauschen. Bei dem immer stärker werdenden Lärm war das ein Ding der Unmöglichkeit.

Er musste sich für eine Richtung entscheiden, glaubte aber schon jetzt nicht mehr an einen Erfolg.

Er entschloss sich, zu seinem Wagen zu laufen. Mit ihm konnte er am schnellsten die ganze Gegend absuchen.

Erst als er den Wagenschlüssel in fieberhafter Hast ins Schloss stieß, stellte er fest, dass er verfolgt worden war. Eine ganze Meute kam daher und schüttelte hasserfüllt die Fäuste.

Ein Pflasterstein kam geflogen und durchschlug die Windschutzscheibe seines Autos. Sie waren wie von Sinnen.

Wahrscheinlich glaubten sie, dass er fliehen wollte. Woher sollten sie auch die wirklichen Vorgänge ahnen? Sie hatten ihn auf dieser Party noch nicht gesehen. Und dann tauchte er plötzlich im Park auf und ließ eine tote Frau zurück. Er durfte ihnen nicht mal einen Vorwurf machen.

Milton blieb stehen. Er kam hier ohnehin nicht mehr weg, falls er die Aufgebrachten nicht einfach niederfuhr. In ihrer jetzigen Verfassung bestand die Gefahr, dass sie ihn lynchten. Da half nur noch Besonnenheit.

Zwei baumlange Burschen bauten sich vor ihm auf. Einer entriss ihm den Wagenschlüssel. Der andere zeigte eine Miene, die zur Vorsicht mahnte.

Machen Sie keine Dummheiten, Sharp!“, warnte er. „Ich kann verdammt ungemütlich werden.“

Sie kennen mich?“, staunte Milton. Er hatte diesen Mann nie zuvor gesehen.

Furchtbar witzig!“, höhnte der andere. „Ich habe aber gleich gewusst, dass Sie eine besondere Art von Humor haben, als wir uns über Ihren Job unterhielten. Schattenjäger! Da fasst man sich doch nur an den Kopf. Mich können Sie nicht für dumm verkaufen. Tut mir leid, dass ich Sie nur für einen harmlosen Spinner hielt. Ich ahnte nicht, dass ich es mit einem gefährlichen Killer zu tun hatte. Sonst wäre es nicht zu dieser furchtbaren Tat gekommen.“

Ich muss einen Irrtum aufklären“, antwortete Milton mit Nachdruck. „Als ich die Frau fand, war sie bereits tot. Ich bin losgelaufen, weil ich hoffte, den Mörder noch zu fassen.“

Der Mörder sind Sie, Sharp.“

Das ist lächerlich. Ich kenne die Ärmste überhaupt nicht.“

Tatsächlich? Sie haben ihr nur ziemlich viel Interesse entgegengebracht. Auf der Tanzfläche konnte man meinen, sie wären beide in den Flitterwochen. Und als Sie dann gemeinsam den Saal verließen …“

Gemeinsam?“, unterbrach ihn Milton ärgerlich. „Hören Sie! Da irren Sie sich aber gewaltig.“

Der Baumlange blickte ihn finster an. „Ich gebe ja zu, dass ich mich irren kann, Sharp“, räumte er ein. „Aber wollen Sie mir allen Ernstes weismachen, dass sich die anderen hier auch alle geirrt haben?“ Er sah sich in der Runde um, und die Umstehenden starrten den Schattenjäger feindselig an.

Er war es“, bestätigten sie einstimmig. „Da gibt es überhaupt keinen Zweifel.“

 

*

 

Die Polizei war in der Zwischenzeit verständigt worden. Inspektor Woolsey leitete die Ermittlungen mit unnachsichtiger Schärfe.

Milton Sharps Unschuldsbeteuerungen fanden kaum Gehör. Es sprach zu viel gegen ihn.

Selbst Hoster O'Neils Aussage, von der Milton eine endliche Klärung des Missverständnisses erhofft hatte, verstrickte ihn nur noch tiefer in das Netz der Anklage.

Natürlich haben Sie es nicht getan, Sharp“, versicherte der füllige Verleger. „Ich kenne Sie lange genug, um zu wissen, dass Sie keiner Schurkerei fähig sind.“

Ich danke Ihnen für Ihr Vertrauen“, sagte Milton. „Aber dieser Woolsey will mir unbedingt den Mord anhängen. Wildfremde Menschen behaupten, mich im Saal bei den Stradlings gesehen zu haben. Angeblich hätte ich mit dem Opfer getanzt.“

O'Neil schmunzelte. „Und wie! Ich war richtig froh, weil Sie doch der Einladung ursprünglich gar nicht folgen wollten. Ich sagte Ihnen aber gleich, dass Stradling das in den falschen Hals bekommen würde. Er traut Ihnen die Untat übrigens auch nicht zu. Sie haben einen tadellosen Eindruck auf ihn gemacht.“

Milton staunte. „Bei welcher Gelegenheit?“

Nun, während unserer gemeinsamen Unterhaltung. Besonders Ihre Ansicht, dass der heutige internationale Terrorismus sehr stark mit dem dämonischen Hintergrund verknüpft sein muss, hält er für diskutierenswert.“

Das soll ich gesagt haben?“

Können Sie sich nicht erinnern, Sharp?“ Der Zeitungsgewaltige blickte den Schattenjäger forschend an. „Ich habe Ihre Theorie doch entschieden angezweifelt.“

Was reden Sie da, Mister O'Neil? Ich habe vor meiner Verhaftung weder mit Ihnen noch mit Stradling gesprochen. Zudem wissen Sie sehr gut, dass ich noch nicht in der Stimmung bin, zu tanzen. Ich habe mich aus zwei Gründen verspätet. Erstens hatte ich es überhaupt nicht eilig, zu dieser Party zu kommen. Zweitens wollte Yon-Dar unbedingt mitgenommen werden. Es dauerte lange, ehe ich ihm das ausreden konnte. Ich traf also erst ein, als die Frau schon nicht mehr lebte.“

O'Neil schüttelte den Kopf, und der Inspektor nahm das zufrieden zur Kenntnis.

Wollen Sie andeuten, ich hätte mich durch einen Doppelgänger täuschen lassen, Sharp? Sie sind doch kein flüchtiger Bekannter für mich. Sie waren im Saal. Das würde ich jederzeit beschwören.“

Und Yon-Dar kann das Gegenteil beweisen. Ich möchte ihn anrufen.“

Woolsey zuckte mit den Schultern und deutete zum Telefonapparat.

Milton wählte seine eigene Nummer und wartete, dass Yon-Dar den Hörer abhob. Er musste lange warten, denn zweifellos hatte sich der Dämon bereits in sich zurückgezogen. Er kannte zwar nicht den menschlichen Schlaf, doch gab es auch bei ihm Phasen der körperlichen und geistigen Regenerierung.

Yon-Dar meldete sich nicht, um Miltons Alibi zu bestätigen.

Damit wäre der Fall wohl klar“, ließ sich der Inspektor vernehmen.

Nichts ist klar“, widersprach Milton. „Ich habe mit der Sache nicht das Geringste zu tun.“

Nach allem, was wir von den Zeugen gehört haben, ist diese Behauptung schlichtweg unverfroren. Sie wurden zigfach wiedererkannt. Wollen Sie behaupten, es gäbe einen Menschen, der Ihnen aufs Haar gleicht?“

Milton wurde blass, als er betonte:

Ja, den gibt es in der Tat. Vielmehr, es gab ihn. Es handelt sich um meinen Zwillingsbruder.“

Hoster O'Neil hüstelte und legte eine Hand auf Miltons Arm.

Glyn ist tot“, erinnerte er.

Untot!“, schrie Milton mit einer Miene, die unsäglichen Schmerz ausdrückte. „Haben Sie das schon vergessen?“

Der Verleger druckste herum. „Nun ja, der Sarg, der mit den sterblichen Überresten Ihres Bruders von den Malediven nach London geschickt worden war, erwies sich bei seiner Ankunft als leer“, gab er zu.

Ja, weil Glyn das Leichenschauhaus verließ, bevor wir eintrafen. Ich sage Ihnen, es ist Glyns Werk. Es muss sein Werk sein. Etwas anderes ergibt keinen Sinn. Ein dämonischer Gnom hat ihn getötet, aber er findet keine Ruhe. O Gott! Es ist zu entsetzlich. Ich habe schon mehrfach gegen Zombies gekämpft. Wiederkehrer, die mordend Schrecken verbreiteten. Nun gehört Glyn zu ihnen, und ich werde mich gegen ihn stellen müssen, bis er endgültig vernichtet ist.“

Hoster O'Neil schwieg betroffen. Für ihn war die Behauptung des Geisterjägers kein makabrer Scherz. Er wusste um die Existenz jener Wesen, die sich dem menschlichen Begreifen nur zu leicht entzogen. Durch einen Dämon hatte er einst seinen Schwager verloren. Nur aus diesem Grund unterstützte er Milton Sharp finanziell in seinem Kampf gegen die Vasallen des Schreckens.

Für Inspektor Woolsey war das allerdings kein Thema. Er verzog spöttisch seine Lippen und donnerte die Faust auf die Schreibtischplatte.

Ich habe jetzt genug von diesem Gefasel, Sharp.“ Zu einem Sergeant gewandt, verlangte er: „Bringen Sie die Zeugin Cramer herein. Sie soll ihre Aussage wiederholen.“

Der Sergeant verschwand und kam kurze Zeit später mit einer älteren Dame zurück, die zusammenzuckte, als sie Milton Sharp erkannte.

Sie haben ihm ja die Handschellen abgenommen, Inspektor“, klagte sie. „Wenn er mich nun auch umbringt?“

Das werden wir schon verhindern, Mrs. Cramer“, versicherte der Polizeibeamte. „Sie erkennen diesen Mann also wieder?“

Die Frau mit den weißen Löckchen nickte heftig. „Gewiss! Es ist der Schuft, der Taina Andrews auf dem Gewissen hat.“

Haben Sie das gesehen?“

N-nein“, kam es zögernd. „Mit eigenen Augen gesehen habe ich es nicht, aber …“

Geben Sie hier nur zu Protokoll, was Sie auf Verlangen auch beschwören könnten“, wies sie Woolsey zurecht. „Bei welcher Gelegenheit lernten Sie den Mann kennen?“

Nun, es ist mir jetzt noch ein bisschen peinlich. Es war sehr ungeschickt von mir. Ich glaube aber, dass mich jemand von hinten anstieß. Jedenfalls verschüttete ich etwas aus meinem Glas, als mir Mr. Sharp vorgestellt wurde. Der Rotwein spritzte auf sein Hemd. Er trug das Sakko offen.“

Rotwein, sagen Sie?“

Mrs. Cramer bestätigte es.

Knüpfen Sie Ihr Sakko auf!“, befahl der Inspektor dem Beschuldigten.

Milton atmete auf. Diese Frau war seine Rettung. Ihre Aussage lieferte den klaren Beweis, dass ein anderer seine Rolle gespielt hatte. Nach seiner Überzeugung sein untoter Bruder Glyn.

Er öffnete den Knopf und schlug das Sakko triumphierend zurück.

Aha!“, tönte Woolsey und bohrte seinen Finger zwischen Miltons Rippen. „Und was ist das?“

Hoster O'Neil presste seine Lippen zusammen und starrte Milton betroffen an.

Der Schattenjäger knirschte mit den Zähnen. Deutlich waren rote Flecken auf seinem Hemd zu sehen. Blut oder Rotwein. Beides war gleich schlimm. Eine neue Teufelei!

 

*

 

Am nächsten Morgen ging Jenny aus dem Haus. Sie war mit Milton verabredet. Gemeinsam wollten sie eine kleinere Wohnung für sie suchen.

Sie besaß zwar einen kleinen Wagen, doch fuhr sie ihn seit Glyns Tod nicht. Sie fühlte sich nicht in der entsprechenden seelischen Verfassung, das Fahrzeug unbeschadet durch den Londoner Verkehr zu manövrieren. Also lief sie zur Bushaltestelle und reihte sich in die Schlange der Wartenden ein.

Es war ein trüber, unfreundlicher Morgen. Jenny schlug den Mantelkragen hoch und trat ungeduldig von einem Fuß auf den anderen.

An der Haltestelle befand sich ein Zeitungsautomat. Sie zog sich eines der Boulevardblätter und überflog die Schlagzeilen.

Der Mord an Taina Andrews füllte die Hälfte der Titelseite. Das bildhübsche Opfer war in einer Großaufnahme abgebildet. Der Artikel war reißerisch und nahm kaum auf die Gefühle der trauernden Hinterbliebenen Rücksicht.

Was Jenny besonders schockte, war die Tatsache, dass das Verbrechen auf dem Anwesen der Stradlings ausgeführt worden war. Sie wusste, dass Milton dort zu einer Party eingeladen gewesen war. Sie war gespannt, was er darüber zu berichten hatte.

Das Blatt meldete, dass es gelungen war, den Mörder zu fassen. Er leugnete zwar noch hartnäckig und wies auch die Schuld an den vorausgegangenen Frauenmorden von sich, doch die Zeugenaussagen belasteten ihn so schwer, dass jeder Zweifel ausgeschlossen erschien.

Jenny war überzeugt, dass Milton maßgeblich an der Verhaftung beteiligt war. Bei dem Killer musste es sich um ein wahres Monstrum handeln.

Wo der Bus nur blieb!

Du trittst deine Fahrt noch früh genug an“, murmelte jemand hinter ihr.

Jenny drehte sich um und musste schmunzeln. Sie war noch immer die Letzte in der Reihe. Sie hatte sich etwas eingebildet.

Ihre rotgoldenen Haare waren bei dem Wind kaum zu bändigen. Sie wehten ihr in die Augen und versperrten ihr sekundenlang die Sicht.

Jenny zuckte zusammen. Auf der Gegenfahrbahn stieg eine Frau aus einem Taxi und überquerte die Straße. Das Taxi fuhr im gleichen Moment wieder los und erfasste die Frau. Sie wurde auf den Asphalt geschleudert und blieb dort bewegungslos liegen.

Jenny schrie auf.

Die übrigen Wartenden wandten sich verwundert nach ihr um.

Ist Ihnen nicht gut, Miss? Kann ich etwas für Sie tun? Soll ich einen Arzt verständigen?“

Nicht für mich“, lehnte Jenny ab und deutete aufgeregt über die Straße. „Für die Frau dort. Sie ist verletzt.“

Die Blicke der Männer folgten ihrem Arm. Verwundertes Kopfschütteln.

Bitte?“

Jenny riss die Augen auf. Da war nichts mehr. Kein Taxi, kein Blut und auch keine angefahrene Frau, die ihr dazu noch verblüffend ähnlich gesehen hatte. Die gleichen rotgoldenen Haare, der gleiche beige Stoffmantel. Aber die Szene hatte offensichtlich nur in ihrer Phantasie existiert.

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738918281
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v416356
Schlagworte
milton sharp rache untoten

Autor

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Titel: Milton Sharp #20: Die  Rache des Untoten