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SAN ANGELO COUNTRY #58: Durchbruch nach Green River City

2018 120 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Title Page

Durchbruch nach Green River City

Klappentext:

Roman:

SAN ANGELO COUNTRY

 

Band 58

 

Durchbruch nach Green River City

 

Ein Western von Bill Garrett

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Klaus Dill, 2018

Redaktion und Korrektorat: Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Klappentext:

Abgeschlossen von der Außenwelt, hält Andy Nolan den Rest von Howard Stevensons Bahnbau-Mannschaft zusammen. Der von Kugeln zerschossene Bauzug ist zu ihrer letzten Zuflucht vor den mörderischen Indianerhorden geworden. Hunger und Durst quälen die verzweifelten Männer. Schon beginnt die Munition knapp zu werden. Da entschließt sich Andy Nolan zu einem verzweifelten Schritt und riskiert dabei sein eigenes Leben. Wird es ihm und seinem Partner Larry Calhoun gelingen, den Belagerungsring der Shoshonen zu durchbrechen und Green River City zu erreichen? Die verzweifelten Stunden der Entscheidung haben begonnen ...

 

Teil 2 des spannenden Doppelromans von Bill Garrett

 

 

 

 

Roman:

Den Revolver schussbereit in der Hand, blieb Andy Nolan neben den großen Spurrädern der fünfzehn Tonnen schweren Baldwin-Lok stehen. Er blickte an dem Zug entlang nach Osten, wo sich der Tag anzukündigen begann. Die Nacht war noch grauschwarz, und die dunkle Silhouette der Waggonreihe, die sich schwach von dem mit Raureif bedeckten Boden abhob, schien mit dem sternenlosen Nachthimmel verschmolzen zu sein.

Die Lager der Shoshonen waren so weit entfernt, dass Andy Nolan den Schein der Feuer nicht sehen konnte. Dagegen vermochte er den undurchdringlichen Ring von indianischen Spähern und Wachen um so sicherer zu erahnen, so einsam und verlassen die nächtliche Ebene auch zu sein schien.

Andy schaute noch einmal über die Baldwin hinweg. Ihre Blechverkleidung und die Rohrleitungen waren von den alten, fast vorsintflutlichen und großkalibrigen Büffeljägergewehren der Shoshonen an vielen Stellen zerschossen worden. Die eingeschlossenen Männer waren nicht mehr imstande, den Zug mit Hilfe der Lok auch nur einen einzigen Yard zu bewegen, ein Umstand, der jedoch längst keine Rolle mehr spielte. Der Schienenstrang war zwanzig Meilen weiter westlich zu Ende, und die Shoshonen hatten ihnen den Rückweg nach Osten versperrt, indem sie in den Bergen, knapp drei Meilen vom Zug entfernt, eine Schlucht zugesprengt hatten, die auch mit einer unbeschädigten Lok nicht mehr passierbar gewesen wäre.

Die Temperatur war in den beiden letzten Tagen weiter gesunken, und die Luft roch nach Schnee.

Dichtes Schneetreiben konnte für die sechzehn Männer in diesem Zug, die einzigen, die von Howard Stevensons Bautrupp noch am Leben waren, die Rettung bedeuten. Doch dann musste der Wetterumschwung bald kommen, denn ihre Munitionsvorräte gingen allmählich zur Neige.

Andy seufzte resigniert. Einen, vielleicht auch zwei Indianerangriffe würden sie noch abschlagen können. Und dann konnte nur noch ein Wunder helfen. Vielleicht würde der Schnee keine wirkliche Rettung für die entkräfteten und ausgemergelten Männer bedeuten. Das war jedoch eine Frage, die jetzt noch nicht beantwortet werden konnte. Den Shoshonen zu entkommen, war alles, worauf sich die Gedanken der Männer konzentrierten.

Andy glitt lautlos zum ersten Waggon und klopfte leise an die Tür.

„Andy?“, fragte eine Stimme durch eine der Schießluken.

„Ja“, murmelte Andy, während er sich gespannt umsah und das Dunkel mit seinem Blick zu durchdringen versuchte.

Die Tür bewegte sich fast lautlos, so gut hatten die Männer die Gleitschienen mit ihren letzten Speckstücken eingerieben. Hände streckten sich Andy entgegen und halfen ihm hinauf.

„Noch nichts zu hören“, sagte Andy, während die Tür hinter ihm geräuschlos zurückglitt.

„Aber sie werden in der nächsten halben Stunde bestimmt angreifen“, antwortete der Kolonnenführer der Schienenleger aus der Dunkelheit.

Ein Streichholz flammte auf. Cloud Harrison zündete die Petroleumlampe an und hielt sie hoch, damit er Andys Gesicht sehen konnte.

„Kann man zu diesem verdammten Creek hinüber kommen?“, fragte Cloud Harrison. „Hast du dort Späher entdeckt?“

Andy Nolan blickte über die Reihe der schlafenden Männer. Er konnte in dem düsteren Schein der Petroleumlampe bis in den letzten Waggon sehen. Sie hatten gleich am ersten Tag die Stirnwände herausgebrochen und die Zwischenräume mit Brettern und Kisten verbarrikadiert. Nun sah er Cloud Harrison an, den kleinen und schmächtigen Burschen, dessen Augen wie im Fieber glänzten.

„Das Wasser ist alkalihaltig, Cloud“, sagte er. „Mach dich also nicht selbst verrückt. Du weißt, was das bedeutet.“

„Alkali!“, brummte Cloud Harrison. „Was ist das schon! Ich bin wochenlang durch Alkalistaub geritten und habe nur entzündete Augen bekommen. Mein Magen hält mehr aus. Und mehr als Magenschmerzen kann man nicht bekommen, wenn man dieses Wasser trinkt.“

„Wer hat dir denn das erzählt?“, fragte Andy. „Du führst dich auf wie ein Greenhorn. Du wirst elend zugrunde gehen, wenn du von dem Wasser trinkst. Und das ist bestimmt schlimmer, als es dir ergehen kann, wenn dich die Shoshonen erwischen. Verschiebe deinen Durst. Es wird bald Schnee geben, Cloud. Bestimmt heute noch.“

Einige Bahnarbeiter kamen heran.

„Ja, Schnee“, wiederholte Andy, um den Männern etwas Mut zu machen. „Nicht nur, dass wir dann so viel Wasser haben werden, um alle darin baden zu können, wir werden auch die Chance bekommen, den Shoshonen zu entwischen. Es muss nur stark genug schneien.“

Ein harter Gegenstand bohrte sich in Andys Rücken.

„Wir sind fünf Mann, Andy“, zischte eine Stimme hinter ihm, „und wir haben das Warten endgültig satt. Wir wollen jetzt verschwinden, auf der Stelle. Noch vor dem nächsten Indianerangriff."

Andy drehte sich langsam um. Der Lokführer stand hinter ihm, und sein Gewehr zeigte genau auf Andys Kopf.

„Pitt“, sagte Andy ruhig, „bist du verrückt?“

Das Gesicht blass und eingefallen, die Stirn mit feinen Schweißtropfen bedeckt, starrte ihn der Lokführer an.

„Von uns hat keiner mehr Lust, weiter in diesem verdammten Zug herumzuhocken und von einem Indianerangriff auf den anderen zu warten.“

Andy zuckte die Schultern. „Dann geht doch zum Teufel! Haut ab!“

„Das werden wir auch tun“, entgegnete der Lokführer.

Andy breitete die Arme aus und ließ sie wieder fallen. „Ich halte euch nicht.“

„Nein, Andy, du hältst uns nicht“, versetzte der Lokführer hart. „Aber du sitzt auf den letzten Broten, als hättest du sie selbst gebacken, und du verwaltest den Munitionsvorrat, als wärst du der Depotmeister der Armee höchstpersönlich - und wir alle deine Sklaven, die dir die Stiefel zu lecken haben.“

„Ihr müsst sehen, dass ihr mit dem auskommt, was ihr habt“, sagte Andy trocken. „Ich habe keinen Nutzen davon.“

Der Lokführer rammte Andy die Gewehrmündung vor die Brust und streckte den linken Arm aus.

„Gib die Schlüssel heraus!“

Andys Blick senkte sich. Er schaute lange auf das Gewehr vor seiner Brust. Dann sah er den Lokführer wieder an.

„Du weißt nicht, was du tust, Pitt.“

„Gib die Schlüssel heraus, Andy, oder wir schießen dich über den Haufen“, sagte der Kolonnenführer hinter ihm.

Andy drehte den Kopf. Bis auf Cloud Harrison, der die Lampe immer noch hoch hielt, schienen die Männer an der Tür alle zu Pitts Freunden zu zählen.

„Ihr habt nicht die geringste Chance“, sagte Andy. „Seid doch vernünftig!“

„Mit jeder Sekunde, die wir hier vertrödeln, wird unsere Chance kleiner“, erwiderte der Kolonnenführer.

„Dann geht“, sagte Andy. „Aber so gemein werdet ihr nicht sein, die Munitionsvorräte mitzunehmen.“

„Wer in diesem verdammten Zug zurückbleibt, ist verloren, mit und ohne Munition“, entgegnete der Kolonnenführer.

Andy drehte sich nach ihm um. „Das willst du beurteilen, Sandy? Du ganz allein?“

„Den Schlüssel, Andy!“, forderte der Lokführer. „Wir zerreden nur das Problem."

Andy holte blitzschnell aus. Seine Linke knallte dem Lokführer unter das Kinn, dass er mit dem Kopf gegen die Waggonwand krachte und drehte sich auf dem Absatz herum.

Pitts Freunde zogen die Revolver aus den Holstern. Cloud Harrison wich erschrocken zur Wand zurück.

Andy stand vier Revolvern gegenüber. Er hielt das Gewehr auf Sandy, den Kolonnenführer gerichtet.

„Na los!“, knurrte Andy. „Holt euch die Schlüssel zu den Kisten!“

 

*

 

Durch den Anprall des Lokführers gegen die Wagenwand waren die Schläfer geweckt worden. Sie sprangen auf und kamen nach vorn. Auch die Männer vom Ausguck und die Wachen vom Ende des Zuges kamen durch die Wagen gehastet.

„Was ist los, zum Teufel? Was war das?“, rief einer der Iren, von denen noch vier am Leben waren - vier von siebenundzwanzig.

Zuerst senkte Sandy den Revolver. Wenn auch zögernd, folgten die anderen drei seinem Beispiel.

„Sie wollen die Munition und die Brote!“, rief Cloud Harrison.

„Wer?“, fragte der Ire.

„Es ist nichts“, sagte Andy Nolan und wog das Gewehr in der Hand. „Pitt hat sein Gewehr nicht festhalten können, das ist alles.“ Er wandte sich nach dem Lokführer um, der gerade wieder auf die Beine kam, und warf ihm die Waffe zu. „Pitt hat sein Gewehr noch nie richtig festhalten können. Geht alle auf eure Plätze. Es wird hell.“

„Wir wollen wissen, was es hier gibt“, sagte der Ire. „Wer will die Munition und die Brote? Was soll das heißen?“

„Ich habe es euch erklärt“, erwiderte Andy geduldig. „Nun geht an eure Schießscharten und haltet die Augen auf.“

„Andy!“, rief ein Mann vom Zugende. „Andy, schnell, komm her!“

Andy bahnte sich einen Weg durch die Reihen der Männer und lief nach hinten, wo nur einer der Posten auf seinem Platz geblieben war.

„Was ist los?“, fragte Andy. „Siehst du Indianer?“

„Hörst du es nicht?“, sagte der Mann. Andy bückte sich und spähte durch die Schießscharte an der Stirnwand des Zuges. Es begann hell zu werden. Aber außer dem, was er bereits kannte, das weite, reifbedeckte Land, den Bahndamm und die ferne Hügelkette, sah er nichts. Er vermochte auch nichts zu hören.

„Seid doch mal ruhig, verdammt!“, rief der Mann neben ihm den anderen zu, die Andy gefolgt waren.

Ruhe trat ein, und da vernahmen sie auch schon das ferne, leichte Grollen. Jeder konnte es hören.

Andy richtete sich auf, drehte sich um und schaute in dem matten Licht der Petroleumlampe, die Cloud Harrison mitgebracht hatte, von einem zum anderen.

„Mein Gott, was ist das?“, murmelte einer der Männer betroffen. „Was haben sich die Indianer da ausgedacht?“

Sie lauschten angestrengt. Es war kein sehr lautes Geräusch. Trotzdem schien es die Luft zu erfüllen. Es war ein sanftes, rollendes Mahlen, hin und wieder von einem etwas deutlicheren Tacken unterbrochen.

Die Männer starrten sich an. Keiner vermochte dieses Geräusch zu deuten. Sie schienen nur alle zu wissen, dass es für jeden von ihnen etwas Furchtbares zu bedeuten hatte.

Plötzlich senkten einige den Blick. Das Geräusch schien für einen Moment von unten durch den Wagenboden zu dringen.

„Um Himmels willen, der Wagen!“, murmelte einer der Männer. „Der Niederbordwagen, den wir am Ausgang der Schlucht abgehängt und zurückgelassen haben. Die Indianer schieben ihn heran.“

Den Männern fiel es wie Schuppen von den Augen. Als sie vor zwei Tagen mit der Arbeit fertig geworden waren und das Camp fluchtartig verlassen hatten, weil die Indianer zum ersten mal angriffen, war ein Niederbordwagen am Zug gewesen. Da dieser Wagen aber nicht zu verteidigen war, hatten sie ihn abgehängt und vor der Schlucht zurückgelassen. Diesen Wagen schoben die Shoshonen nun heran.

Andy bückte sich und starrte durch eine Ritze nach Osten. Die Sicht war jedoch noch nicht gut. Knapp fünfhundert Yards hinter dem Zug zerfloss der Schienenstrang im dunstigen Grau des heraufdämmernden Morgens.

„Die Shoshonen haben Dynamit“, sagte einer der Männer in die Stille. „Sie werden eine Menge davon auf den Niederbordwagen gepackt haben, um unseren Zug in die Luft zu sprengen.“

Ein Tumult entstand. Hastig und nervös sprachen die Männer aufeinander ein und stellten allerlei Mutmaßungen an.

Andy Nolan richtete sich auf.

„Jeder kehrt auf seinen Platz zurück“, sagte er ruhig, wenn auch laut genug, dass jeder ihn hören konnte.

Die Männer rührten sich nicht.

„Wir müssen raus hier!“, brüllte der Lokführer in einem Anfall panischer Furcht. „Wir müssen weg, bevor die Shoshonenbande hier ist! Der Niederbordwagen ist eine rollende Bombe, die uns alle zerfetzen wird!“

„Ja, raus hier! Weg!“, brüllte ein anderer. „Sobald der Wagen auf den Zug prallt, sind wir verloren. Alles wird in Stücke gerissen werden. Hier hinten wird der Zug offen sein wie ein Scheunentor.“

„Der Himmel steh uns bei“, murmelte der Ire. „Wir müssen den Zug verlassen.“

„Ruhe!“, brüllte Andy.

Die Männer verstummten. Aber die Unruhe war damit keineswegs beigelegt. Andy hörte die scharfen Atemzüge der Männer.

„Jeder geht an seine Schießscharte“, sagte Andy. „Bis auf die Narren, die lebensmüde sind. Die können aus dem Zug springen und den Shoshonen, die in voller Stärke längst draußen warten, in die Messer laufen. Aber macht hier endlich Platz. Der Sprengmeister muss die Kiste mit Dynamitstangen hierherbringen. Tagelang haben wir uns die Köpfe zerbrochen, was wir damit anfangen können. Jetzt brauchen wir sie. Los, bewegt euch! Ellery, die Stangen her!“

Bewegung entstand. Keiner fragte, was Andy Nolan mit dem Sprengstoff anfangen wollte.

Andy warf noch einen Blick durch die Schießscharte. Zu sehen war immer noch nichts. Aber die Indianer konnten nicht mehr weit weg sein.

Der Sprengmeister kam mit der Kiste Dynamit nach hinten.

„Deckel auf!“, sagte Andy, während er durch den Zug blickte und zufrieden feststellte, dass sich die Männer an die Schießscharten verteilten.

Mit einem Bowiemesser brach der Sprengmeister die Kiste auf. Andy bückte sich, nahm sechs Stangen Dynamit heraus, bündelte sie und hielt sie dem Sprengmeister hin.

„Zündschnur!“, sagte er. „Fest!“

Der Sprengmeister schaute ihn an. Dann umwickelte er die sechs Stangen mit einem Stück Zündschnur und verschnürte sie zu einem festen Paket.

Mit dem Bündel lief Andy zur Tür des letzten Waggons.

„Ich versuche jetzt eine Schiene etwa hundert Yards hinter dem Zug zu sprengen“, sagte er. „Sobald ich beschossen werde, gebt ihr mir Feuerschutz. Schießt auf alles, was sich auf mich zubewegt. Aber jagt mir keine Kugel durch die Finger. Ich habe nie hoch hinaus gewollt.“

„Der Wagen!“, rief der Posten am Ende des Zuges. „Ich sehe ihn jetzt!“

„Macht die Tür auf“, sagte Andy.

Da die Türen nur von außen zu verriegeln waren, hatten die Männer sämtliche Türen mit Brechstangen und Holzknüppeln gegen das öffnen von außen abgesichert. Ein Mann schlug die Eisenstange von der Tür und zog sie auf.

Als Andy den Kopf hinausstreckte, begannen die Gewehre der Indianer zu krachen. Andy sprang zurück, und der Mann neben ihm schob die Tür wieder zu. Der Sprengmeister, der hinter Andy getreten war, sank tödlich getroffen zusammen.

„Der Wagen! Noch vierhundert Yards!“, brüllte der Posten an der Stirnseite des Zuges.

Andy war mit einem Satz bei ihm.

„Schlag noch ein Brett los!“

Der Mann schien vor Furcht erstarrt zu sein.

Andy drückte ihm die gebündelten Dynamitstangen in die Hände, riss den Colt heraus und steckte den Lauf zwischen die Bretter der Stirnwand. Einer der Männer, der begriffen hatte, was er tun wollte, kam ihm mit einer Brechstange zu Hilfe. Sie brachen zwei Bretter heraus und hatten im Nu die Schießscharte zu einer zweimal zwei Fuß großen Öffnung erweitert.

Mündungsblitze zuckten neben dem Bahndamm auf. Andy Nolan feuerte mit dem Revolver. Nach dem vierten Schuss steckte er die Waffe in das Holster, riss dem Mann neben ihm das Stangenbündel aus der Hand. Deutlich sah er den Niederbordwagen herangerollt kommen, ohne dass er seine Hand zu Gesicht bekam, die ihn bewegte. Der Wagen befand sich keine sechzig Yards mehr vom Zug entfernt.

Entsetzt drehte sich Andy um. Pitt, der Lokführer, stand neben ihm, das Gewehr in der Hand.

Andy hielt ihm das Stangenbündel hin und riss ihm das Gewehr aus den Händen.

„Wirf!“, krächzte er. „Auf den Wagen!“

Verdutzt drehte der Lokführer das Stangenbündel in den Händen. Andy spannte die Winchester.

„Wirf, verdammt noch mal!“, schrie er.

Der Lokführer trat einen halben Schritt zurück und holte aus.

Als das Dynamitbündel durch die Luft flog, stieß Andy den Lokführer zur Seite, riss die Winchester an die Schulter und suchte das Stangenbündel. Dicht über dem Niederbordwagen bekam er einen Schatten in die Linie von Kimme und Korn. Er drückte sofort ab, riss das Gewehr herunter, repetierte und wollte noch einmal anlegen. Doch ein gewaltiger Flammenblitz traf seine Augen.

Im Bruchteil einer Sekunde sah er draußen alles grell erleuchtet. Er erkannte noch den Niederbordwagen in einem grellen Licht, das jedoch im nächsten Augenblick von einem blauen Flammenblitz übertroffen wurde. Die Druckwelle schmetterte ihn zu Boden. Eine Riesenfaust schien den Zug wegzuschleudern. Während er am Boden lag, hörte Andy das furchtbare Krachen und Dröhnen, das die Erde aufzureißen schien. Dazu gellten ihm die Schreckensschreie der Männer in die Ohren, die von der Druckwelle von den Schießscharten gerissen wurden. Cloud Harrison ließ die Lampe fallen. Andy vernahm das Klirren, sah, während er sich herumwälzte, wie die Flammen sich über das Holz des Wagenbodens fressen wollten, von dem Sturm, der durch den Zug raste, jedoch gelöscht wurde.

Dann war es dunkel und still. Das Inferno hatte nur Sekunden gedauert.

 

*

 

Benommen stemmte sich Andy Nolan an der Waggonwand hoch. Rauchschwaden drangen durch die Öffnung in den Zug und zogen rasch von Waggon zu Waggon. Hustend kamen die Männer auf die Füße. Andy wankte auf die Öffnung zu und schaute hinaus.

Dreißig Yards hinter dem Zug war der Bahndamm von einem Krater unterbrochen. Die Schienenenden ragten gespenstisch aus den Wogen von Pulverdampf und Nebelschwaden. Fünfzehn Yards neben dem Bahndamm entdeckte er eine der Achsen des Niederbordwagens. Sie war von der Explosion mit einer solchen Wucht dorthin geschleudert worden, dass die Räder bis an die Naben in den Boden gefahren waren. Deutlich waren unter der Achse die zerfetzten Kleidungsstücke eines Shoshonen-Kriegers zu erkennen. Dieser Anblick krampfte Andy den Magen zusammen.

Er wollte sich nach den Resten des Niederbordwagens umschauen. Doch dazu blieb ihm keine Zeit mehr. Das fanatische, wilde Kriegsgeschrei der Shoshonen gellte plötzlich auf, und ringsum schossen die Indianer auf ihren pfeilschnellen Mustangs aus dem Dunst des angebrochenen Tages.

So betäubt und benommen die Männer im Zug bis zu diesem Moment noch waren, so wild und entschlossen setzten sie sich nun zur Wehr. Gewehre donnerten. Und in das Krachen der Winchesters mischten sich das trockene Bellen der Revolver. Von einem Augenblick zum anderen hatte sich der Zug in ein Ungeheuer verwandelt, das Feuer und Tod spie. Aus allen Ritzen und Schießscharten schlug den Angreifern erbittertes Feuer entgegen.

Die Indianer formierten sich zu ihrem zweiten Angriff. Gewehrkugeln ratschten in die Waggonwände, und gefiederte Pfeile bohrten sich in das harte Holz, rings um die Löcher und Schießscharten.

Andy blieb an der großen Öffnung. An die Wand gelehnt, jagte er Schuss um Schuss aus dem Rohr, sobald er einigermaßen sicher war, einen der in Rauchschwaden und Staubwolken eirigehüllten Indianer zu treffen, die den Zug umkreisten.

Cloud Harrison kam nach hinten und warf sich neben Andy an die Wand. Seine Augen waren dunkel vor Furcht.

„Sie sitzen auf der Lok, Andy!“, rief er. „Wir haben keine Chance, sie herunterzubekommen.“ Er wies nach oben. „Sie werden das Dach einschlagen und uns von oben angreifen.“

Andy warf sich herum und schaute die Waggondächer entlang. Da sah er vorn im ersten Wagen Holzsplitter herabfallen. Keiner der Männer, die darunter kämpften, bemerkte etwas.

Er packte Cloud Harrison an der Schulter und riss ihn herum. Damit gab er ihm zu verstehen, dass er seinen Platz an der Stirnseite einnehmen sollte. Dann rannte er nach vorn, den Blick unablässig auf jene Stelle gerichtet.

„Sie sind auf dem Zug!“, brüllte er.

Noch ehe er zur Stelle sein konnte, und auch bevor einer der Männer etwas erkannte, drang eine Axt durch die Holzplanken des Waggondaches. Die Spitze eines Pfeiles erschien in dem Spalt, glitt eine Sehnenspanne zurück, sirrte herab und drang dem Mann, der direkt darunter kniete und durch seine Schießscharte feuerte, in den Rücken. Stöhnend warf er die Arme hoch und kippte zur Seite.

Andy ließ sich auf die Knie fallen, riss das Gewehr hoch und feuerte.

Ein dumpfer Fall war zu vernehmen. Dann verdunkelte sich der Spalt, und der nackte, bronzefarbene Arm eines Kriegers hing leblos in den Waggon herein.

Andy sprang hoch und schnellte herum.

„Die Shoshonen sind auf dem Zug!“, brüllte er. „Passt auf!“

In diesem Augenblick wurde der Lärm draußen schwächer.

„Sie ziehen ab!“, brüllte ein Mann. „Wir haben es ihnen gegeben! Sie verschwinden!“

Den Blick nach oben gerichtet, blieb Andy im zweiten Waggon stehen und lauschte. Das Trommeln der Mustanghufe verebbte. Plötzlich war es still.

Andy Calhoun sah sich im Zug um. Sämtliche Männer hatten sich umgewandt. Die Gewehrkolben an den Hüften, die Läufe nach oben gerichtet, starrten sie zum Dach hinauf.

Der Lokführer richtete sich neben seiner Schießscharte auf. „Seid still! Das ist eine ihrer verdammten Finten. Sobald wir uns ...“

Ein scharrendes Geräusch war auf einem der Waggondächer zu hören.

Sandy, der Kolonnenführer der Schienenleger, kam zu Andy Nolan.

„Wir haben drei Tote, Andy“, sagte er. „Die können wir jetzt nicht einmal unter die Erde bringen.“

Andy warf ihm einen kurzen Blick zu.

„Noch sind den Shoshonen die Trauben zu sauer“, sagte er und trat in die Lücke zwischen zwei Waggons. „Schlagt die Bretter weg!“, befahl er den Männern, die in seiner unmittelbaren Nähe standen. Sie setzten die Gewehre ab und nahmen Brechstangen in die Fäuste.

Sandy war mit einem Satz heran und riss Andy zurück.

„Bist du wahnsinnig?“, rief er. „Die Shoshonen sind bestimmt mit dreißig reiterlosen Mustangs abgezogen. Das sind mehr, als wir aus den Sätteln geschossen haben können. Da oben hocken bestimmt zwanzig Mann. Und diese mordgierigen Halunken warten nur darauf, dass wir das tun werden, was du jetzt vorhast.“

Andy nahm Sandys Hand von seiner Schulter. „Weg mit den Brettern“, sagte er. „Wir müssen wissen, woran wir sind.“

Ein paar Männer machten sich an die Arbeit. Die Gewehre schussbereit nach oben gerichtet, traten alle anderen zurück.

Es krachte und splitterte. Unter lautem Getöse fielen die Bretter herunter.

Andy gab einem der Männer sein Gewehr, zog den Colt und bewegte sich langsam vorwärts.

Helles Tageslicht fiel von oben herein. Ein graues Stück Himmel war zu erkennen. Sonst nichts.

„Mein Gott“, murmelte einer der Iren. „Nie im Leben werden wir Green River City jemals erreichen.“

Mit angehaltenem Atem blieb Andy vor der Öffnung stehen. Den Coltarm angewinkelt, starrte er gebannt hinauf. Er schluckte ein paar mal.

„Sandy, die Leiter“, raunte er dann über die Schulter. „Im letzten Waggon liegt eine Leiter.“

Der Kolonnenführer bewegte sich lautlos durch den Zug und kam mit der Leiter zurück. Ohne den Blick von der Öffnung zu wenden, dirigierte ihn Andy heran und half ihm, die Leiter aufzustellen.

Die Leiter war viel zu lang. Sie ragte fast drei Yards über das Wagendach. Doch die Indianer waren auch so gewarnt.

Langsam stieg Andy Sprosse für Sprosse nach oben. Dicht unter dem Dach blieb er stehen, nahm den Stetson ab, der längst keine Form mehr hatte, und hob ihn mit dem Revolver über den Rand des Wagendaches.

Aber nichts geschah. Andy nahm den Hut herunter und hob ihn links von sich noch einmal hoch, während er wachsam und schnell in alle Richtungen spähte.

Plötzlich gab es ein fauchendes Geräusch. Andy ließ sich sofort fallen und stürzte unten zwischen die Männer, die erschrocken durch die Luke schossen.

Andy zog den Pfeil aus dem Hut.

„Hast du die Burschen gesehen?“, fragte Sandy.

Andy Nolan zerbrach den Pfeil und warf einen Blick nach oben. „Gesehen habe ich nichts. Aber sie sitzen auf der Lok, und wir müssen sie herunterwerfen, bevor die ganze Bande erneut angreift.“

„Diese Halunken sind bestimmt zurückgeblieben, damit wir nicht aus dem Zug können, während die anderen nur weggeritten sind, um neuen Sprengstoff zu holen“, sagte Cloud Harrison.

Andy lief zur Stirnwand und blieb dort lauschend stehen. Aber er konnte nichts hören. Die Shoshonen verhielten sich still.

Andy winkte den Lokführer heran. „Wie hoch ist der Tender?“

Pitt streckte den Arm aus.

„Dann los!“, sagte Andy. „Schlagt da oben das Brett heraus und tragt alle Kisten zusammen, damit wenigstens vier Mann in Stellung gehen können. Aber es muss schnell gehen.“

Er lief zur Öffnung zurück, die sich am Ende des ersten Wagens befand und ließ die Leiter einholen.

„Sägt oder schlagt die drei überflüssigen Yards ab. Die Shoshonen haben Augen wie Luchse, und von der Lok aus kann selbst eine alte Frau sehen, wie sich das Holz bewegt, sobald einer von uns auf die Leiter steigt.“

 

*

 

Die Männer begannen sofort mit der Arbeit. Andy teilte indessen Wachen ein und verteilte den Rest der Männer auf die Schießscharten.

Als die Männer das Brett aus der Stirnwand brachen, begannen die Indianer zu schießen, und als das Brett herunterkrachte, schossen die Shoshonen erneut Pfeile und Gewehrkugeln in den Zug. Doch der neu entstandene Spalt befand sich sehr hoch, und die Geschosse flogen dementsprechend über die Köpfe der Männer hinweg.

Es dauerte nur eine knappe Minute, dann waren die Männer mit der Arbeit fertig. Vorn waren die Kisten aufgestapelt worden. Vier Männer hockten wartend davor, die Gewehre schussbereit in den Fäusten und die Blicke auf Andy gerichtet. Zwei Mann standen hinter Andy, um sofort nach ihm die Leiter zu ersteigen. Der Rest lauerte an den Schießscharten.

„Fertig“, sagte Andy Nolan.

Die Männer nickten und wandten sich den Schießscharten zu. Die vier an der Stirnseite kletterten auf die Kisten.

Den Colt in der Hand, stieg Andy die Leiter hinauf. Unter dem Wagendach angekommen, zog er den Hut vom Kopf und ließ ihn fallen.

„Jetzt!“, rief er und schwang sich über den Rand auf das Dach hinauf. Er legte sich auf den Bauch, und sein erster Schuss stieß den Shoshonen von der Lok, der auf dem kalten Schornstein Platz genommen hatte, wie auf einem Hocker mit überlangen Beinen.

Im Zug begannen die Gewehre der Männer zu krachen. Mit einem mal schien die Hölle los zu sein.

Andy sah die Shoshonen auf der Lok umherturnen. Sie suchten im Führerhaus oder dahinter Deckung. Was auf dem Tender geschah, konnte er nicht sehen. Er kroch bis zu dem Shoshonen, der während des Angriffes auf das Dach gekommen war und dessen Arm auch jetzt noch in den Waggon hineinhing. Seinen Körper als Deckung benutzend, nahm er die Krieger auf der Baldwin unter Beschuss. Als. er nachladen musste, warf sich Sandy neben ihm auf den Bauch, legte die Winchester auf den toten Indianer und feuerte wild darauflos.

Andy hörte, wie unter ihnen die Waggontür aufgerissen wurde. Die Männer sprangen auf den Bahndamm und rannten schießend nach vorn.

Er und Sandy krochen über den toten Shoshonen hinweg. Sie fanden jedoch keine Ziele mehr. Ein knappes Dutzend Shoshonen waren auf der Baldwin zurückgeblieben. Die meisten dieser Krieger lagen tot auf der Lok. Der Rest hatte zu entkommen versucht. Aber die aus dem Zug springenden Männer hatten sie alle niedergestreckt.

Andy Nolan und Sandy erhoben sich und schauten sich um. Vom Dach des Waggons aus konnten sie die von Büschen und Baumgruppen durchzogene Ebene bis zu den Hügeln und Felskegeln überblicken. Da sahen sie die nächsten Shoshonen auch schon angeritten kommen.

„Alles in den Zug!“, schrie Andy. „Sie kommen wieder!“

Sandy jagte einen Schuss in die Luft.

„Verdammt“, sagte er, „diese Narren laufen zum Creek.“

Drei Männer hatten sich vom Zug entfernt und rannten, als liefen sie um ihr Leben, auf die Weiden zu, hinter denen der Creek entlang floss. Cloud Harrison war der erste; er rannte weit voraus.

„Zurück!“, brüllte Andy. Er steckte den Colt in das Holster, riss Sandy das Gewehr aus den Händen und gab schnell hintereinander vier Schüsse ab. Links und rechts von den rennenden Männern spritzte Erdreich empor.

Zwei blieben erschrocken stehen und machten kehrt. Nur Cloud Harrison rannte weiter.

Andy wollte noch einmal schießen. Aber da war Cloud Harrison schon zwischen den Weiden verschwunden.

„Kommt zurück!“, brüllte Sandy und winkte den beiden anderen, die sich betroffen anschauten, einen Blick auf die Weiden warfen und dann endlich zurückkamen.

„Indianer!“, schrien die Männer vor dem Waggon im Chor. „Die Roten kommen!“

Da begannen die beiden zu rennen, und Andy hörte, wie sie Cloud Harrison riefen.

Andy kletterte mit Sandy vom Dach herunter. Die Männer bestiegen bereits den Zug. Nur Pitt, der Lokführer, stand noch vorn an der Baldwin und rief nach Cloud Harrison. Endlich tauchte er auf, und sie sahen, wie er sich den Mund abwischte.

„Er hat getrunken“, sagte Sandy entsetzt. „Um Himmels willen, er hat von diesem verdammten Wasser getrunken.“

Keiner der Männer sagte etwas. Sie halfen Pitt in den Waggon und dann zogen sie auch Cloud Harrison herauf. Als sie hinter ihm die Tür zuschoben, tauchten die Indianer aus der Ebene auf.

„Wie hat es geschmeckt, Cloud?“, fragte einer der Männer. Gier glänzte in seinen Augen.

Cloud Harrison lächelte unsicher und wischte sich über den Mund.

„Es hat so geschmeckt, wie Wasser eben schmeckt“, sagte er und schaute unsicher von einem zum anderen.

„Und wie fühlst du dich jetzt?“, fragte der Lokführer zweifelnd.

Cloud Harrison zuckte die Schultern.

„Wie soll ich mich fühlen? Starrt mich doch nicht so an, verdammt! Es hat geschmeckt, und ich werde es vertragen. Ihr werdet sehen, dass ihr euch für nichts in die Hosen gemacht habt.“ Sein Blick streifte Andy Nolan. „Auf deinen verdammten Schnee kann doch kein Mensch warten.“

„An die Schießscharten!“, brüllte der Posten im letzten Waggon und jagte einen Schuss in die Luft.

Die Männer verteilten sich auf ihre Plätze. Augenblicke später war der Kampf bereits in vollem Gange. Nun kamen die Indianer nicht mehr an den Zug heran. Sie konnten wohl die Lok von vorn her erreichen. Aber sobald sich ein Krieger hinter dem Schornstein blicken ließ, um zum Führerstand zu gelangen, wurde er heruntergeschossen.

Dafür taten sich für die Männer im Zug andere Widrigkeiten auf.

Die Munition wurde knapp.

Andy schloss die Munitionskiste auf und verteilte reihum Patronen. Dabei schärfte er jedem ein, nur zu schießen, wenn es einigermaßen sicher war, auch zu treffen.

 

*

 

Nach einer halben Stunde zogen die Shoshonen wieder ab. Ihr wütendes Geheul gellte weit über die Ebene, als sie sich vom Zug lösten und das Weite suchten.

Nach jedem erfolgreich abgewehrten Angriff waren die Männer im Zug in Freudengeschrei ausgebrochen. Doch diesmal schauten sie den Shoshonen mit leeren Blicken nach.

„Sie haben wahrscheinlich genug für heute“, sagte Sandy zu Andy Nolan. „Sie reiten zu ihren Lagern zurück.“

„Das ist die einzige Hoffnung, die ich habe“, versetzte Andy Calhoun.

„Wenn es heute nicht mehr schneit, sind wir verloren“, sagte Sandy und wandte den Kopf. „Wieviel Munition haben wir noch in der Kiste?“

Andy hielt ihm den Schlüssel hin. „Nichts mehr.“

Sandy blickte beiseite, und Andy merkte ihm an, dass er sich jetzt schämte, am Morgen mit Gewalt versucht zu haben, sich anzueignen, was allen gehörte.

Einer der Iren zupfte Andy am Ärmel. „Da! Sieh dir Cloud an!“

Cloud Harrison kniete vor seiner Schießscharte, die linke Hand gegen den Leib gepresst.

Andy ging sofort hinüber. „Ist dir nicht gut?“

Cloud Harrison sprang erschrocken hoch. „Wieso? Was ist? Was soll mit mir sein?“

Die Männer umringten die beiden. Wütend, aber irgendwie auch voller Furcht schaute der kleine Bursche von einem zum anderen.

„Was glotzt ihr mich alle so an?“, brüllte er dann unvermittelt. „Mir geht es gut! Besser als euch allen. Ich habe jetzt keinen Durst mehr.“ Er lachte irr. „Euch müsste man fragen, wie es euch geht.“

Pitt schaute Andy zweifelnd an. „Vielleicht können manche das alkalihaltige Wasser wirklich vertragen. Cloud scheint es zu bekommen.“

„Und wie es mir bekommt!“, knurrte Cloud Harrison. „Sobald es dunkel geworden ist, laufe ich noch einmal hinüber. Dann pumpe ich mir den Bauch bis obenhin voll, und wenn ich mich so richtig satt getrunken habe, mache ich mich auf den Weg nach Green River City.“

„Ich versuche es auch“, sagte einer der Iren und schaute seine Landsleute an. „Kommt ihr mit?“

„Das alkalihaltige Wasser wird keinem von uns bekommen“, sagte Andy. „Auch Cloud wird es nicht vertragen.“

„Erzähle keinen Unsinn, Andy!“, entgegnete Cloud. „Und jetzt hört auf mit dem albernen Gerede. Ich bin nicht krank. Ich bin vollkommen in Ordnung. Ihr wollt es bloß nicht wahrhaben, weil euch der Durst plagt, dass ihr bald den Verstand verliert. Geht selbst und trinkt, dann werdet ihr ja sehen, was passiert.“

„Ich gehe“, sagte der Ire. „Ich wage es.“

„Ich auch“, stimmte Pitt zu. „Ich will es wenigstens versucht haben. Mir ist es gleichgültig, wie ich umkomme, wenn ich schon sterben muss. Das Wasser oder die Indianer? Verdursten oder verhungern? Erfrieren oder sonstwie krepieren? Im Augenblick spüre ich bloß den Durst.“

Andy trat zurück und legte die Hand auf den Revolverkolben.

„Niemand verlässt den Zug!“, sagte er scharf. „Um zum Creek zu kommen, schon gar nicht!“

„Andy hat recht“, warf Sandy ein. „Es wird bald Schnee geben. Vielleicht schon in einer Stunde. Cloud ist ein Narr. Wir sind viel zu erledigt, um dieses Wasser vertragen zu können. In einer Stunde wird Cloud so schlimme Magenschmerzen haben, dass er lieber bei den Shoshonen wäre. Dann wird er einen mächtigen Durchfall kriegen, und wir alle werden davon angesteckt werden.“

Die Männer starrten alle auf Cloud Harrison, der bleich geworden war und vor Furcht die Augen verdrehte.

„Es tut mir leid für dich, Cloud“, sagte Sandy mitleidslos. „Aber du hast dich allen Warnungen zum Trotz an das Wasser gewagt, und jetzt drehen die Männer wegen dir durch. Sie sind nur mit der Wahrheit noch aufzuhalten.“

Die Stille lastete schwer im Raum. Cloud Harrison würgte und schluckte und verdrehte die Augen.

„Ich habe nichts“, murmelte er, „und ich werde auch nichts bekommen.“

 

*

 

Andy Nolan rief vier Namen auf.

„Beerdigungskommando“, sagte er. „Ihr seid an der Reihe. Zwei Mann klettern auf den Zug und halten die Augen offen. Beeilt euch, damit wir fertig werden.“

Bewegung entstand. Mit einem Blick auf Cloud Harrison wandten sich die Männer ab. Zwei stiegen über die Leiter auf das Wagendach, andere schoben die Tür langsam auf und verließen den Zug. Auch Andy kletterte hinaus. Von Indianern war weit und breit nichts zu sehen. Doch die Männer waren sich darüber im klaren, dass sie Grund hatten, hinter jedem Baum und hinter jedem Strauch einen Späher zu vermuten, wenn sich diese Burschen auch still verhielten.

Immer wieder blickten die Männer von ihrer Arbeit auf und schauten zum Creek hinüber. Auch Andy quälte der Durst, und er fragte sich mehr als einmal, ob es wirklich richtig war, die Männer vom Wasser zurückzuhalten, obwohl er es erlebt hatte, wie Männer an diesem Wasser unter Qualen gestorben waren. Aber der Durst drängte diese Erinnerung zurück und ließ ihn nur an Cloud Harrison denken, der dann und wann im Rahmen der Wagentür auftauchte und munter wie ein Fisch zu sein schien.

Doch dann ließ er sich lange nicht mehr blicken. Sie hatten die drei toten Männer, die beim ersten Angriff gefallen waren, schon in die Gräber gelegt und waren bereits damit beschäftigt, sie zuzuschaufeln, als Sandy vom Waggon sprang.

„Cloud hat sich hingelegt“, offenbarte er den Männern. „Die Magenschmerzen haben begonnen.“

Die Männer hielten inne und starrten Sandy betroffen an.

Andy kletterte in den Waggon zurück. Bleich und mit eingefallenem Gesicht lag Cloud Harrison vor einer Schießscharte. Er hatte sich in seine Decke gewickelt. Als Andy niederkniete, lächelte er grimmig.

„Ich bin nur ein bisschen müde“, sagte er. Doch er hatte diese Worte kaum heraus, als er sich ächzend krümmte.

„Ist es schlimm?“, fragte Andy besorgt. „Sei ehrlich.“

„Ich halte es schon aus“, ächzte Cloud Harrison und zog die Beine an den Leib.

Andy erhob sich. Er musste sich Cloud Harrisons Qualen nicht ansehen, um zu wissen, dass dieser arme Bursche erledigt war.

Sandy stand hinter ihm. „Wir haben nicht einmal mehr Laudanum, um ihm über die schlimmsten Schmerzen hinweghelfen zu können.“

„Ja, ich weiß“, sagte Andy bedrückt und verließ den Zug.

Draußen hatten die Männer die Erde über den Gräbern plattgeklopft, und einer der Iren sprach leise ein Gebet. Andy Nolan blieb am Waggon stehen, den Hut in der Hand.

„Sie liegen hier verdammt gut“, sagte der Ire, als er neben Andy stehenblieb und die Männer die Hüte wieder aufsetzten. „Sie werden jeden Zug hören, der über diese Schienen donnert, die sie mitgelegt haben. Nur die Menschen, die hier vorüberfahren, werden nichts von ihnen wissen.“

„Irgendwo werden ihre Namen eines Tages schon stehen“, murmelte Andy.

„Unsere vielleicht auch“, erwiderte der Ire und blickte zum Himmel. „Wolken genug. Aber der Schnee wird noch auf sich warten lassen. Einige von uns haben nicht einmal mehr zwanzig Patronen. Wir könnten noch einige Gräber schaufeln, wenn wir wüssten, ob uns die Shoshonen auch hineinlegen.“

„Ich glaube nicht“, sagte der Lokführer, der das Gespräch mitgehört hatte. „Die Indianer haben mehr als einmal geschworen, die Knochen der Weißen in der Sonne bleichen zu lassen.“

„Ein richtiger Blizzard könnte den Roten diesmal den Spaß mächtig verderben“, murmelte der Ire. „Aber wir haben kein Glück, Leute. Kein verdammtes Glück.“

Ein Schrei gellte aus dem Zug. Dann hörten sie lautes Jammern. Sandy tauchte in der Türöffnung auf und sprang auf den Bahndamm.

„Mit Cloud geht es dem Ende zu“, sagte er. „Wenn es nur schnell geht.“ Die Männer sahen sich an.

„Jedenfalls wird jetzt keiner zum Creek wollen“, meinte der Lokführer.

„Vergiss es nur nicht", brummte Sandy.

Pitt spie aus und wandte sich ab.

Andy schaute in den Zug. „Kommt und vertretet euch die Beine“, rief er hinein. „Die Shoshonen werden uns nicht viel Zeit lassen.“

Nacheinander kamen die Männer heraus. Andy Calhoun blieb neben der Waggontür stehen und musterte verstohlen jeden einzelnen von ihnen. Keiner war in einer besonders guten Verfassung. Die Gesichter bleich, bärtig und ausgemergelt, sprangen sie auf den Bahndamm und wankten ein Stück auf dem Schotterbett entlang. Keiner ging weit. Weniger wegen der Furcht, als deshalb, weil sie einfach zu erledigt waren. Von Hunger und Durst gequält, besaß keiner mehr viel Kraft, und Andy erkannte, dass ein Blizzard keine Rettung bedeuten würde. Ein solches Unwetter würde sie alle umbringen, keine Meile von diesem Zug entfernt.

Plötzlich krachte ein Schuss. Die Kugel schlug in die Waggonwand hinter der Lok.

„Indianer!“, schrie einer der Männer in wilder Panik.

Alles stürzte zur Waggontür und kletterte hinauf. Keine vierhundert Yards vom Bahndamm entfernt zerflatterte eine Pulverwolke über einem Gebüsch. Sandy und Pitt nahmen den Busch unter Feuer.

„Hört auf!“, rief Andy. „Ihr verschwendet nur Munition, ohne den Kerl zu treffen! Alles in den Zug!“

Sie stiegen in den Waggon, und Andy schob als letzter die Tür hinter sich zu. Da stieß ihn Sandy an.

Andy drehte sich um und traute seinen Augen nicht. Cloud Harrison stand in dem Kreis der Männer und lächelte breit.

„Es ist vorüber“, sagte er, als er Andys Blick bemerkte. „Ein paar Krämpfe, nichts weiter. Bevor ich verdurste, würde ich das jederzeit wieder in Kauf nehmen.“

Andy konnte das einfach nicht begreifen. Cloud Harrisons bleiches Gesicht fiel ihm auf. Aber in diesem Moment wollte er kein Wort darüber verlieren.

„Du hast wirklich einen Magen aus Stein“, sagte er.

„Ich habe einen Magen wie jeder von euch“, versetzte Cloud Harrison.

„Es steht später jedem frei, das auszuprobieren“, erwiderte Andy. „Aber jetzt begeben sich die Posten auf ihre Plätze. Wir werden sicher ein paar Stunden Ruhe haben. Legt euch hin und schlaft, damit ihr ausgeruht seid, wenn wir aufbrechen können.“

„Du wartest auf den Schnee?“, fragte einer.

Andy Nolan nickte gelassen.

„Darauf werden wir lange warten können“, erwiderte der Mann bissig. „Wir haben genügend Kanister. Lass Wasser holen, Andy. Wenn wir alle getrunken haben, sollten wir aufbrechen.“

Andy schüttelte den Kopf. „Diesen Befehl werde ich nicht geben.“

„Sieh dir Cloud doch an!“, verlangte einer der Iren.

„Ich bin genauso irrsinnig vor Durst wie ihr alle“, sagte Andy und schaute von einem zum anderen. „Aber ich werde dieses Wasser nicht trinken. Cloud kann die berühmte Ausnahme sein. Es gibt immer Ausnahmen. Wünschen wir es Cloud, dass er sie ist.“

„Die Späher brauchen uns doch nicht zu kümmern“, bedrängte ihn ein anderer. „Wir könnten den Wasserholern vom Zug aus Feuerschutz geben.“

Andy warf einen prüfenden Blick auf Cloud Harrison, dessen Gesicht eine gelbliche Blässe angenommen hatte.

„Nein!“, sagte er fest und wandte sich ab.

 

*

 

Als Andy Nolan von Sandy geweckt wurde, ging es schon auf den Abend zu. Er war sofort hellwach und griff nach dem Gewehr, weil er glaubte, die Shoshonen griffen erneut an.

„Hawkins und Bruns sind vor einer Stunde zum Creek gelaufen“, berichtete Sandy aufgeregt.

Andy erhob sich. „Wann?“

„Vor einer Stunde.“

Andy wusste, was das zu bedeuten hatte. „Habt ihr nichts gehört? Keinen Schrei, keinen Schuss?“

„Nichts“, murmelte Sandy.

„Wo ist Cloud?“, erkundigte sich Andy verschlafen. „Wie geht es ihm?“

„Hawkins und Bruns sind so und so erledigt“, sagte Sandy. „Cloud ist todkrank. Seit einer halben Stunde. Da haben wir ihn zum ersten mal hinausgeschafft, und er hat bis vor drei Minuten noch unter dem Waggon gesessen. Ich glaube nicht, dass er noch etwas in sich haben könnte. Aber eben haben wir ihn wieder hinausgetragen. Wir werden durch ihn alle die Pest bekommen, Andy. Er ist so erledigt, dass er nicht einmal mehr allein gehen kann.“

„Es schneit! Verdammt, es schneit!“, rief ein Mann an der offenen Waggontür.

Andy Nolan und Sandy traten an die Waggontür.

„Wo?“, fragte Sandy. „Ich sehe nichts.“

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738918274
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v416352
Schlagworte
angelo country durchbruch green river city

Autor

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Titel: SAN ANGELO COUNTRY #58: Durchbruch nach Green River City