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Milton Sharp #19: Dämonische Falle im Paradies

2018 120 Seiten

Zusammenfassung

Die Idylle scheint perfekt: Nachdem Milton Sharp, der Schattenjäger, endlich Zeit gefunden hatte, seinem Bruder und dessen Verlobter Jennifer Britten als Trauzeuge zur Seite zu stehen, verbringen Glyn und Jenny ihre Flitterwochen auf einer kleinen Insel der Malediven. Bevor Jenny und Glyn dahinterkommen, was sich Grauenerregendes auf der Insel abspielt, wird Jenny von einem Dämon entführt. In seiner Not wendet sich Glyn an seinen Bruder, der sofort zum Indischen Ozean aufbricht. Was den Schattenjäger dort erwartet, übersteigt seine schlimmsten Alpträume: Xurus der Düstere holt zum letzten vernichtenden Schlag aus gegen Glyn und Milton: Er hetzt die beiden Brüder mit teuflischer Macht aufeinander. Wenn sie sich gegenseitig getötet hätten, würde er Jenny zu seiner dämonischen Braut machen …

Leseprobe

Table of Contents

Title Page

Dämonische Falle im Paradies

Klappentext:

Charaktere:

Roman:

WOLF G. RAHN

 

 

Dämonische Falle im Paradies

 

(ein Milton-Sharp-Roman)

Nr. 19

 

 

 

 

 

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/Titelbild: Nach Motiven von Pixabay mit Steve Mayer, 2018

Korrektorat: Dr. Frank Roßnagel

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

 

 

Klappentext:

Die Idylle scheint perfekt: Nachdem Milton Sharp, der Schattenjäger, endlich Zeit gefunden hatte, seinem Bruder und dessen Verlobter Jennifer Britten als Trauzeuge zur Seite zu stehen, verbringen Glyn und Jenny ihre Flitterwochen auf einer kleinen Insel der Malediven. Bevor Jenny und Glyn dahinterkommen, was sich Grauenerregendes auf der Insel abspielt, wird Jenny von einem Dämon entführt. In seiner Not wendet sich Glyn an seinen Bruder, der sofort zum Indischen Ozean aufbricht. Was den Schattenjäger dort erwartet, übersteigt seine schlimmsten Alpträume: Xurus der Düstere holt zum letzten vernichtenden Schlag aus gegen Glyn und Milton: Er hetzt die beiden Brüder mit teuflischer Macht aufeinander. Wenn sie sich gegenseitig getötet hätten, würde er Jenny zu seiner dämonischen Braut machen …

 

 

 

Charaktere:

Milton Sharp

Der Schattenjäger folgt Glyn in den Indischen Ozean und kämpft dort den schrecklichsten Kampf seines Lebens – gegen seinen eigenen Bruder. Nach Xurus' Willen wird keiner überleben.

 

 

Glyn Sharp

Miltons Bruder glaubt sich am Ende seines langen Leidenswegs: Mit Jenny verbringt er die Flitterwochen auf den Malediven, nur um festzustellen, dass er vor Xurus und dessen grausamer Rache auch im Paradies nicht sicher ist.

 

 

Jenny Sharp

Ihre Flitterwochen werden auf grausamste Weise unterbrochen, als Xurus sie entführt, um sie zu seiner Braut und zur Mutter seiner dämonischen Brut zu machen.

 

 

Xurus

Der Düstere hat einen Plan geschmiedet, der an Grausamkeit seines gleichen sucht: Nicht nur will er Jenny zu seiner Braut machen; er hetzt auch die beiden Brüder mit teuflischer List aufeinander, damit sie sich gegenseitig umbringen sollen.

 

 

 

 

 

 

Roman:

Die Frau keuchte mühsam. Schweiß perlte von ihrer Stirn. Ihr Blick flackerte entsetzt.

Sie wollte von ihrem Lager aufstehen, wollte den Alpdruck abschütteln, doch das grausige Wesen auf ihrer Brust ließ es nicht zu.

Es war gnomenhaft. Mit verkrüppelten Spinnenfingern griff es an ihren Hals. Ein faltiges Greisengesicht murmelte unentwegt abscheuliche Flüche.

Willst du, dass deine Kinder so werden wie ich?“, kreischte es. „Wenn du mir nicht gehorchst, wirst du deine helle Freude an ihnen haben. Du wirst dir wünschen, tot zu sein. Aber sterben lasse ich dich nicht. Du sollst leiden für deinen Ungehorsam.“

Die Frau warf sich hin und her. Der schreckliche Druck blieb. Sie wusste, dass sie hilflos war. Sie musste gehorchen, sonst kam großes Unglück über ihre ganze Familie.

Ich werde es tun“, japste sie. „Ich werde ihr alle Kruzifixe und Amulette stehlen, damit sie dir schutzlos ausgeliefert ist.“

Nicht mir“, widersprach der Gnom barsch. „Mein Herr begehrt sie. Er wird bei ihr erscheinen, um endlich Rache zu üben. Rache für eine elende Schmach, die er erlitten hat. Er wird über jenen triumphieren, der glaubt, ihm eine endgültige Niederlage beigebracht zu haben. Höre jetzt, was ich dir befehle.“

Die Kreatur, die kaum größer war als zwei Fuß, umschlang die Frau mit ihren schlangengleichen Armen und drängte ihren froschähnlichen Mund mit den zerfetzten Lippen an ihr Ohr. Sie geiferte in es hinein, und der Blick der Gequälten wurde immer entgeisterter.

Endlich ließ der Gnom von der völlig Erschöpften ab und sprang auf den Boden. Er hastete zum Ausgang der Hütte und stieß, bevor er in der Dunkelheit der Nacht verschwand, eine wilde Drohung aus:

Wenn du auch nur ein Wort von dem verrätst, was wir vereinbart haben, werde ich dich schrecklich strafen. Vergiss das nie. Keiner kann dir helfen. Von jetzt an bist du mir untertan. Ein Treuebruch wäre dein Tod.“

Er huschte hinaus.

Die verängstigte Frau blieb zurück und wagte lange Zeit nicht, sich zu rühren. Mit glasigem Blick starrte sie ins Leere.

Dann schlug sie die Hände vors Gesicht und schluchzte bis zum Tagesanbruch.

 

*

 

 

Glyn Sharp betrachtete seine schlafende Frau, die am perlweißen Strand auf dem Rücken lag.

Am liebsten hätte er sie in den Arm genommen, doch er wollte sie nicht stören. Er war froh, dass sie die Darmverstimmung so schnell überstanden hatte.

Sie hielten sich nun schon fast zwei Wochen auf der winzigen zu den Malediven gehörenden Insel Fetis auf, und noch immer erschien ihm alles wie ein wunderschöner Traum.

Zuerst die Trauung, mit der es nach mehreren missglückten Anläufen nun endlich geklappt hatte. Danach der Flug nach dem von London ungefähr siebentausend Kilometer entfernten Hulule, die aufregende Bootsfahrt zu der von ihnen ausgewählten Insel und schließlich zwölf atemberaubende Tage zusammen mit Jenny.

Glyn seufzte, als er daran dachte, dass er noch vor einem Jahr keinen Anlass gehabt hatte, an ein persönliches Glück zu glauben. Damals hatte ihn der schreckliche Dämon Xurus verschleppt, um sich seines Körpers zu bemächtigen. Hätte sein Bruder Milton nicht unerschrocken den schier aussichtslosen Kampf gegen den Gewaltigen aufgenommen, wäre er längst tot und möglicherweise auf ewig verdammt.

Der Archäologe dachte in Liebe und Dankbarkeit an seinen Bruder. Er wusste sehr gut, dass Milton seinetwegen auf die Frau verzichtet hatte, die sie beide liebten. Milton befand sich jetzt zweifellos wieder irgendwo auf dem Erdball auf der Jagd nach den Schrecklichen dieser Welt. Für diese Fehde hatte sich der ehemalige Reporter entschieden. An diesem Kampf würde er eines Tages zugrunde gehen.

Glyn riss sich gewaltsam von diesen trüben Gedanken los. Er hatte allen Grund, glücklich zu sein. Jenny gehörte ihm. Es gab keine Frau, die sich mit ihr vergleichen ließ.

Die Fünfundzwanzigjährige regte sich und schlug die Augen auf. Sie musste wohl gespürt haben, dass sie beobachtet wurde.

Ihr Blick suchte Glyn. Eine schmale Hand tastete nach seinem Arm.

Glyn erschrak. Die Hand war siedendheiß.

Um Himmels willen! Was ist mit dir? Du hast Fieber.“

Jenny richtete sich auf und schüttelte gedankenverloren den Kopf. Der Wind, der von Nordost wehte, zauste ihr rotgoldenes Haar.

Es ist nichts“, beruhigte sie den Mann an ihrer Seite. „Ich habe wohl geträumt. Es war ein grässlicher Traum. Versprich mir, dass er nie Wirklichkeit wird.“

Dazu müsstest du ihn mir erst mal erzählen.“

Jenny schaute an seiner Schulter vorbei aufs jadegrüne Meer hinaus.

Wir wurden getrennt, Glyn. Etwas Unheimliches drängte sich zwischen uns und verfeindete uns.“

Das kann nur ein Traum gewesen sein“, versicherte der Mann. „Uns wird nie etwas auseinander bringen, Liebes. Das schwöre ich dir. Ein Leben ohne dich kann ich mir nicht mehr vorstellen. Lange habe ich darauf warten müssen. Zuerst geriet ich in die Gewalt des Dämons Xurus, später lag es meistens an Milton, der hinter Gespenstern herjagte, statt unser Trauzeuge zu sein. Doch nun ist es geschafft. Wir bleiben immer zusammen, das verspreche ich dir. Ich kann mir nur einen einzigen Grund vorstellen, der das ändern würde.“

Welchen?“, wollte Jenny angstvoll wissen.

Wenn du mich verlässt.“

Die Frau schlang schleunigst die Arme um seinen Hals.

Sprich nicht so, Glyn“, tadelte sie. „Du weißt, dass ich dir immer treu sein werde.“

Und Milton?, wollte Glyn sagen. Aber er schwieg. Es war nicht fair, sie an ihre Gefühle für seinen Bruder zu erinnern. Es war eine Liebe, die beide Seiten unterdrückt hatten, und Jennys Jawort vor dem Altar hatte einen Schlussstrich darunter gezogen.

Dann kannst du deinen Traum getrost vergessen“, fand er und zog sie in die Höhe. „Was hältst du von einem Bad? Das wird deinen erhitzten Körper abkühlen.“

Jenny war einverstanden. Sie rannte los, und Glyn folgte ihr.

Die trüben Gedanken waren vergessen. Sie wollten ihr Glück genießen.

Später spazierten sie Hand in Hand zu ihrer Hütte.

Wie das hier wieder aussieht!“, meinte Jenny erschüttert und deutete auf das Durcheinander. „Als hätten Räuber hier gehaust.“

Glyn wehrte lachend ab. „Auf Fetis gibt es keine Diebe. Die Insulaner sind grundehrliche Leute. Wenn du ihnen tausend Rufiyaas vor die Hütte legst, werden sie nicht ruhen, bis sie den rechtmäßigen Eigentümer aufgespürt und ihm das Geld zurückgegeben haben. Die Malediven sind ein Paradies. In jeder Hinsicht.

Aber ich kann mich nicht erinnern, dass wir selbst dieses Chaos hinterlassen haben“, beharrte Jenny nachdenklich.

Wirklich nicht? Hast du vergessen, dass es in der Nacht ziemlich stürmisch bei uns zuging?“ Er schmunzelte. „Heute Morgen sind wir dann, ohne zu frühstücken, an den Strand gegangen. Ich habe nicht vorher aufgeräumt, und ich kann mich auch nicht entsinnen, dich dabei beobachtet zu haben.“

Trotzdem. Es gab schon mehr wilde Nächte, aber so sah es hinterher noch nie aus.“

Vielleicht hatten sich ein paar Ziegen hierher verirrt“, überlegte Glyn. „Ich bin sicher, dass sie ihre Spuren zurückgelassen haben.“

Das leuchtete Jenny schon eher ein. Sie begann mit dem Aufräumen, während Glyn das Essen zubereitete. Es gab gedünstete Mangos.

Plötzlich schrie Jenny auf.

Glyn fuhr herum und sah das geöffnete Kästchen in der Hand seiner Frau.

Sie sind weg, Glyn. Das silberne Kreuz, das geweihte Medaillon, das mir Milton zur Hochzeit schenkte, mein ganzer Schmuck, ja, sogar der kleine Blutjaspis ist verschwunden. Ziegen fressen meines Wissens weder Metalle noch Edelsteine.“

Aber sie können das Kästchen umgestoßen haben, so dass der Inhalt herausgefallen ist.“

Jenny suchte den Boden ab, fand aber nichts.

Die Malediver mögen ehrlich sein“, sagte sie rau, „doch wir sind nicht die einzigen Fremden auf der Insel. Erst gestern ist wieder ein Boot gekommen. Die Hütten am Ostufer sind jetzt fast alle belegt.“

Glyn dachte nach. Dann kontrollierte er die Jacke, in der er seine Brieftasche zurückgelassen hatte. Scheckbuch, Kreditkarten und das gesamte Bargeld in verschiedenen Währungen waren unberührt.

Ein Dieb hätte doch wohl zuallererst das Geld genommen“, fand er. „Der Materialwert des Kreuzes und der übrigen Gegenstände ist vergleichsweise gering.“

Vielleicht kam es dem Dieb gar nicht auf den materiellen Wert an.“

Worauf sonst?“

Diese Dinge sollten dazu dienen, uns bei Gefahr vor dämonischen Angriffen zu schützen.“

Glyn zuckte zusammen. Unangenehme Erinnerungen wurden wach. Er hatte Mühe, Gleichgültigkeit vorzutäuschen.

Na schön“, sagte er, „aber niemand auf Fetis kann das gewusst haben. Außerdem kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass dieses paradiesische Eiland von einem Vasallen der Finsternis heimgesucht würde.“

Lange Zeit sagte Jenny nichts. Schweigend räumte sie die Hütte auf und half anschließend Glyn beim Zubereiten der Mahlzeit.

Erst, als sie bereits gegessen hatten, flüsterte sie plötzlich: „Ich habe Angst, Glyn. Lass uns von hier fortfahren.“

 

*

 

Glyn versuchte, Jenny diesen Gedanken auszureden, aber er merkte schnell, dass es ihr ernst war mit diesem Wunsch.

Also erklärte er sich bereit, sich nach den Möglichkeiten einer vorzeitigen Abreise zu erkundigen.

Jenny weigerte sich, alleine in der Hütte zurück zu bleiben.

Ich komme mit“, entschied sie.

Zusammen gingen sie zur Bucht, die von den Motorbooten angelaufen wurde.

Im Moment lagen ausschließlich Segelboote in dem primitiven Hafen. Die Bewohner von Fetis verfügten über kein einziges Motorboot. Solche Fahrzeuge gab es nur auf den größeren Inseln. Vor allem aber dienten sie dazu, die Touristen zu dem einzigen Flugplatz der Malediven zu bringen.

Der Tourismus hatte auch dafür gesorgt, dass die Eingeborenen einige Brocken der Weltsprachen verstanden und zum Teil sogar selbst sprechen konnten. Dadurch klappte die Verständigung an der Bucht leidlich.

Ein Insulaner mit von der Sonne lederartig gegerbter Gesichtshaut zeigte grinsend seine prächtigen Zähne.

Ein Boot nach Hulule? So viele Tage.“ Er zeigte vier Finger.

Glyn wandte sich an Jenny. „Du hast es gehört. Wir müssen bis Dienstag warten. Vorher kommt kein Boot.“

Und wenn wir segeln?“

Fast zweihundert Kilometer?“

Natürlich nicht. Wir könnten eine der größeren Inseln anlaufen und dort ein Motorboot nehmen.“

Glyn überlegte. Er wollte Fetis nur ungern verlassen, doch Jenny zuliebe würde er es natürlich tun. Sie sollte nicht in Angst leben, wenn er auch sicher war, dass sich ihr Schmuck wieder anfand und auch ihr Traum nichts zu bedeuten hatte.

Er erklärte dem Inselbewohner ihren Wunsch und war überzeugt, dass sich die in ärmlichen Verhältnissen lebenden Malediver darum reißen würden, ihnen ihr Boot zu vermieten.

Doch da täuschte er sich.

Niemand fährt hinaus“, verkündete der Alte und deutete über das unendliche Meer. „Keine gute Zeit. Schlimme Zeichen.“

Was für Zeichen?“, fragte Glyn ungehalten. „Soll die Sonne etwa noch ausdauernder scheinen? Solange wir hier sind, hat es noch keinen einzigen Tropfen Regen gegeben, und auch heute ist der Himmel strahlend blau.“

Der andere senkte die Stimme und flüsterte: „Heute Nacht haben die sieben glücklichen Schwestern geweint. Das bedeutet Unheil. Es passiert immer etwas Schreckliches, wenn sie weinen.“

Die sieben Schwestern?“, erkundigte sich Jenny bang. „Können sie in die Zukunft schauen?“

Der Alte nickte ernsthaft. „Sie wissen über unser Schicksal Bescheid.“

Na also!“, frohlockte Glyn. „Dann brauchen wir sie doch nur zu fragen, ob wir die Fahrt wagen dürfen.“

Glaubst du, dass du sie verstehen kannst?“

Glyn nickte selbstbewusst. „Wir werden uns schon verständlich machen. Zur Not gibt es ja noch die Zeichensprache.“

Dann führe ich euch zu ihnen“, erbot sich der alte Fischer.

Sie durchquerten die halbe Insel und erfuhren unterwegs, dass die Schwestern schon uralt seien.

Sie waren immer da“, wusste der Fischer. „Niemand kennt ihr wirkliches Alter. Sie sind sehr weise, doch es ist schwer, ihre Sprache zu begreifen. Nur, wenn sie des Nachts weinen, wissen wir, dass es ein Unglück gibt.“

Jenny und Glyn waren gespannt. Sie wunderten sich, denn in der Mitte der schmalen Insel Fetis standen überhaupt keine Hütten, in denen jemand wohnte.

Als der Mann stehen blieb und seine Hand ausstreckte, sahen sie sich verdutzt an.

Was soll das?“, wollte Glyn wissen. „Hier ist weit und breit keine Menschenseele. Sind die alten Damen so scheu, dass sie sich vor uns verstecken?“

Im Gesicht des Fischers bewegte sich kein Muskel, als er antwortete:

Die sieben glücklichen Schwestern stehen genau vor euch.“

Jenny lachte unsicher. „Aber das sind keine Frauen, sondern Kokospalmen.“

Die stattlichen Bäume bildeten einen Kreis. Hoch oben berührten sich ihre Federblätter. Es sah aus, als hielten sie sich bei den Händen.

Vor langer Zeit haben sie gelebt“, sagte der Fischer ehrfürchtig. „Sie waren so glücklich, dass ein schrecklicher Geist deswegen in rasenden Zorn geriet und sie mit einem Bann belegte. Man erzählt sich, dass binnen weniger Stunden ihre biegsamen Körper verholzten. Sie starben einen grausamen Tod und überragen seitdem unsere Insel.“

Er hatte recht. Es waren die höchsten Palmen, die Glyn und Jenny auf Fetis zu Gesicht bekommen hatten. Sie mochten eine Höhe von dreißig Metern erreichen.

Aber sie können unmöglich zu uns sprechen“, bedauerte Jenny, bei der sich eine Gänsehaut bemerkbar machte.

Ich habe euch gesagt, dass ihr ihre Sprache nicht verstehen werdet, doch ihr wolltet mir nicht glauben.“

Und sie haben geweint?“, vergewisserte sich Glyn kopfschüttelnd.

Jeder auf der Insel kennt diese schaurigen Töne, wenn sie schluchzen und sich in Qualen winden. Ein Fremder glaubt, es wäre der Wind, der die Blätter streichelt, doch wir Alten wissen es besser. Die sieben Schwestern haben uns gewarnt. Deshalb wird kein Boot aufs Meer hinausfahren. Ihr müsst warten, bis das Unabänderliche geschehen ist.“

Aber gerade das wollen wir ja vermeiden“, schrie Jenny unbeherrscht.

Verdammter Aberglaube!“, zischte Glyn unwillig. „Ein paar raschelnde Zweige bringen diese harmlosen Gemüter aus dem Häuschen.“

Es ist mehr als nur Aberglaube“, hauchte die Frau an seiner Seite. „Ich spüre es, Glyn. Etwas Schreckliches kommt auf uns zu. Wenn wir ihm nicht rechtzeitig entfliehen können, wird es uns erfassen und vernichten.“

Sie schluchzte und war nur schwer wieder zu beruhigen.

Glyn überlegte, was er tun könnte. Er nahm sich vor, mit den übrigen Touristen zu sprechen. Vielleicht schafften sie es gemeinsam, die Malediver zu überreden, ihnen ein Boot zu überlassen. Es musste doch möglich sein, die zum Teil nur geringen Distanzen zwischen den Inseln zu überwinden und Hulule zu erreichen.

Noch besser wäre aber nach seiner Meinung, wenn auch Jenny wieder an den Malediven Gefallen finden und sich zum Hierbleiben entschließen könnte.

Jennys Gesicht war grau. Sie ließ sich von den Palmen wegziehen und warf keinen Blick mehr zurück.

Als sie wieder den Strand erreichten, bedankten sie sich bei dem Fischer und marschierten zu den Hütten, in denen hauptsächlich Europäer und Amerikaner ihren Urlaub verlebten.

Auch Einheimische hielten sich hier auf. Überwiegend lachende Kinder.

Eines der krausköpfigen Mädchen hatte es Jenny angetan.

Glyn nahm es erleichtert zur Kenntnis. Das würde sie auf andere Gedanken bringen.

Spiele ruhig mit ihr“, schlug er vor. „Ich horche mich inzwischen um, ob auch hier etwas gestohlen wurde oder ob andere merkwürdige Beobachtungen gemacht wurden.

Jenny war einverstanden. Sie hatte ein paar Süßigkeiten bei sich, die sie der Kleinen schenkte.

Glyn ging unterdessen zu den Urlaubern und unterhielt sich mit ihnen. Doch niemand sah einen Grund, die Insel überstürzt zu verlassen.

Als er zu der Stelle zurück kehrte, an der Jenny mit dem Mädchen gespielt hatte, waren beide verschwunden. Der Wind hatte sich gelegt. Gespenstische Stille lastete über der Insel.

Nur aus dem Zentrum, dort wo die sieben hohen Palmen standen, drangen seltsame Töne. Sie hörten sich an, als würden ein paar Frauen weinen.

 

*

 

Am Abend war Glyn dem Wahnsinn nahe. Zuerst allein, später zusammen mit den Touristen und schließlich sogar mit den Maledivern hatte er die ganze Insel abgesucht. Ohne Ergebnis. Keine Spur von Jenny.

Ein bulliger Kanadier, der mit seiner Familie auf Fetis Urlaub machte, kratzte sich zweifelnd am Kopf.

Seien Sie mir nicht böse, Glyn, aber ich habe dafür nur eine Erklärung.“

Und zwar?“

Ihre junge Frau ist Ihnen durchgebrannt.“

Sind Sie verrückt?“, empörte sich Glyn. „Wir haben erst vor zwei Wochen geheiratet.“

Meinen Glückwunsch. Das ist natürlich etwas anderes. Was ist eigentlich mit dem Kind?“

Welches Kind?“

Sie sagten, Ihre Frau habe mit einem kleinen Eingeborenenmädchen gespielt. Ist es schon wieder aufgetaucht?“

Das ist ja das Unglaubliche“, stieß Glyn hervor. „Ich habe mir sämtliche Kinder in den Hütten angesehen. Es war nicht dabei. Aber niemand vermisst ein Mädchen.“

Der Kanadier schüttelte zweifelnd den Kopf. „Hören Sie. Sie haben nicht zufällig dem Palmwein zu ausgiebig zugesprochen? Das ist ein hinterhältiges Gesöff. Süß wie die Sünde und genauso gefährlich. Plötzlich bildet man sich Dinge ein, die gar nicht existieren.“

Sie sind mir eine ausgezeichnete Hilfe“, schimpfte der Engländer. Er hielt nach dem alten Fischer Ausschau. Der kannte jeden Stein der Insel. Wenn sich Jenny noch auf Fetis befand, würde dieser Mann sie zu finden wissen.

Er ging müde zur Bucht.

Da stutzte er. War das nicht die krausköpfige Kleine, die er so verzweifelt suchte? Sie stand abseits von den übrigen Kindern. Keines beachtete sie. So, als gäbe es sie überhaupt nicht.

Er näherte sich dem Mädchen, doch es lief leichtfüßig davon.

Glyn rannte hinterher. Er stolperte und stürzte nieder. Als er sich aufraffte, hatte sich das Kind schon beträchtlich entfernt. Er besaß kaum noch eine Chance, es einzuholen, und auf seine Rufe reagierte es nicht.

Warum schreien Sie denn so?“, fragte Arne Säkland, ein hagerer Schwede und blickte ihn verwundert an.

Das Mädchen dort“, würgte Glyn hervor und deutete zum Strand, wo die kleine Insulanerin nun stehen geblieben war, als wartete sie auf ihn. „Ich musste unbedingt mit ihm sprechen.“

Sie träumen, Mann. Weit und breit ist kein Mädchen zu sehen.“

Machen Sie sich über mich lustig?“

Der Schwede wandte sich wortlos ab und rief ein Ehepaar herbei, das aus Deutschland stammte.

Wie alt schätzen Sie das Mädchen dort?“, fragte er lauernd.

Edith und Gregor Schneider lachten. „Sie haben wohl Halluzinationen, Arne? Da ist niemand. Sie sollten weniger trinken. Ihr Schweden kennt kein Maß, wenn ihr an eine Schnapsflasche herankommt. Das liegt wohl daran, weil man euch zu Hause so kurz hält.“

Arne Säkland wandte sich triumphierend Glyn Sharp zu. „Was habe ich Ihnen gesagt? Der Strand ist leer. Sie haben offenbar … he! Wo wollen Sie denn hin?“

Glyn hörte nicht auf ihn, sondern spurtete los. Er befühlte seine Stirn, aber sie war nicht heißer als sonst. Er war gesund, und getrunken hatte er auch nicht. Auf seine Augen konnte er sich verlassen. Das Mädchen bildete er sich nicht nur ein.

Jetzt setzte es sich wieder in Bewegung, blickte sich aber immer wieder nach Glyn um.

Der Abstand verringerte sich. Glyn vermochte Einzelheiten der Gesichtszüge zu erkennen. Er fand, dass es ein böses Gesicht war. Längst nicht mehr so niedlich, wie es Jenny noch vor Stunden begeistert hatte.

Warte nur!“, murmelte er und verschärfte sein Tempo. „Ich kriege dich schon.“

Da stolperte das Kind in eine Bodensenke und verschwand völlig darin, ohne sich wieder zu erheben.

Glyn legte das letzte Stück zurück und erreichte keuchend das Mädchen, das auf dem Gesicht lag und sich nicht bewegte.

Er erschrak. Es hatte sich doch hoffentlich nicht ernstlich verletzt. Es musste ihm unbedingt Rede und Antwort darüber stehen, wo Jenny geblieben war.

Er beugte sich herab und berührte die Kleine an der Schulter.

Du brauchst keine Angst vor mir zu haben“, versicherte er ruhig. „Ich tue dir nichts.“

Da fuhr das Kind wie ein Wirbelwind herum und lachte ihn frech an.

 

*

 

Glyn prallte zurück und ließ die Schulter los. Vor ihm lag kein Mädchen, sondern ein greisenhafter Gnom. Eine schaurige Missgeburt mit geiferndem Mund und vor Hass brennenden, roten Augen.

Seine dürren Finger stießen in Glyns Gesicht. Kreischend versuchte er, sich in dem Körper des Mannes festzubeißen.

Einem Impuls folgend, griff Glyn nach dem Amulett, das an einer dünnen Silberkette um seinen Hals hing.

Verfluchter!“, schrie er abwehrend. „Gib Jenny heraus, oder ich bringe dich um.“

Wie stark diese Drohung den Hässlichen beeindruckte, zeigte er spontan. Er umklammerte Glyns Hals und presste mühelos zu.

Ja!“, hechelte er giftig. „Umbringen sollst du. Da hast du recht. Doch nicht ich werde das Opfer deines lächerlichen Zornes sein. Dir wird eine andere Aufgabe zugewiesen. So ist es bestimmt, so wird es geschehen.“

Glyn rang nach Atem. Er war gezwungen, das Amulett loszulassen, um den Giftzwerg abzuwehren.

Doch der Kleinwüchsige verfügte über unvorstellbare Kräfte. Ihnen hatte Glyn kaum etwas entgegenzusetzen. Er spürte, wie alle Energie aus ihm wich.

Durchhalten!, hämmerte es in seinem Hirn. Du darfst dich nicht unterkriegen lassen. Du bist größer als er, also musstet du auch stärker sein.

Doch alle Bemühungen, dem Gnom einen schmerzhaften Schlag zu verpassen, schlugen fehl. Der Halunke war so wendig, dass er jedem Hieb blitzschnell auswich.

Mit energischem Ruck schleuderte er Glyn über den Rand der flachen Grube hinaus.

Glyn wirbelte durch die Luft. Sekundenlang war ihm, als sähe er Jenny. Ein grausiger Kerl schleppte sie zu einem flachen Boot. Dann war die Vision wieder verschwunden, und nur der Gnom war noch zu erkennen.

Der Wicht stürzte heran und startete den nächsten Angriff.

Glyn war einsichtig genug, seine Unterlegenheit zuzugeben. Es war sinnlos, sich dieser Kreatur entgegenzustellen.

Er sprang auf und hastete davon. Nach zehn Schritten drehte er sich um und schrie verzweifelt: „Wo ist Jenny? Was hast du mit ihr gemacht? Gib sie heraus!“

Nie!“, höhnte der Gnom. „Mein Herr hat sie sich geholt. Diesmal lässt er sie sich nicht wieder entreißen.“

Er lachte kreischend und versprach, schon bald wiederzukommen. Dann tauchte er tief in den sandigen Boden hinein, der sich über seinen borstigen Haaren schloss.

Glyn fühlte sich wie betäubt. Was er erlebt und gehört hatte, konnte er nicht so schnell verarbeiten. Ihm war nur eins klar: Das Unglück, das Jenny befürchtet und die sieben weinenden Schwestern vorausgesehen hatten, war tatsächlich eingetreten.

 

*

 

In Milton Sharp war eine seltsame Unruhe.

Vielleicht lag es daran, dass er schon seit sechs Tagen auf der faulen Haut lag. Er selbst hatte sich diese Zwangspause verordnet. Er benötigte etwas Ruhe, wollte er nicht ausgerechnet dann zusammenbrechen, wenn er es am wenigsten brauchen konnte.

Nicht nur, dass er das ganze vergangene Jahr fast ständig unterwegs gewesen war, um Dämonen, Vampire oder andere Ungeister zu jagen. Er hatte sich bei seinem letzten Kampf gegen einen Werwolf auch eine nicht ungefährliche Verletzung an der Hüfte zugezogen, die noch nicht richtig verheilt war.

Sie eiterte. Das machte ihm Sorgen.

Er quälte sich auch mit seinen Gedanken an Yon-Dar. Yon-Dar, sein Gefährte, den er in letzter Sekunde den bösen Mächten entrissen hatte, lag in einer Klinik. Sein schauriges Aussehen erinnerte trotz diverser kosmetischer Operationen noch immer zu deutlich daran, dass er eigentlich ein Dämon war.

Dieser Umstand führte im Umgang mit den Menschen immer wieder zu unerfreulichen Missverständnissen. Yon-Dar war schließlich nicht mehr dazu zu bewegen gewesen, bei Tage das Haus zu verlassen. Also hatten sie einen hervorragenden Chirurgen gesucht, der ihnen versichert hatte, nach dem Eingriff würde Yon-Dar zumindest mit Belmondo, wenn nicht gar mit Silvester Stallone, konkurrieren können.

Doch der Chirurg war mitten während der Operation einem Herzschlag erlegen. Der Eingriff hatte abgebrochen werden müssen. Um Yon-Dars Überlebenschancen sah es nicht gut aus.

Es gab noch einen dritten Grund für Miltons angeknackstes Gleichgewicht. Dieser Grund hieß Jenny. Er schaffte es einfach nicht, diese Frau, die nun auch vor dem Gesetz seinem Bruder gehörte, aus seinem Herzen zu reißen. Mit den schlimmsten Schauergestalten dieser Welt wurde Milton fertig, nicht aber mit seinen eigenen Gefühlen. Das konnte er nicht begreifen.

Es wäre besser gewesen, zu arbeiten, sich in einen neuen gefahrvollen Kampf zu stürzen. Doch Milton fühlte eine unendliche Leere in sich, die ihm sämtliche Kraft raubte. Er war ausgebrannt.

Würde das jemals wieder anders werden?

Lustlos erhob er sich, weil es an der Tür geläutet hatte.

Immer mit der Ruhe“, brummte er ärgerlich. Sein Besucher schien es mächtig eilig zu haben, denn er nahm seinen Finger nicht mehr von der Klingel.

Als er die Tür aufriss, schimpfte Milton: „Was, zum Teufel, ist denn in Sie gefahren? Haben Sie Ihr Benehmen im Supermarkt gekauft? Musste ein Sonderangebot gewesen sein. Wenn Sie nicht gleich verschw … Ach, Sie sind es, Mister O’Neil. Entschuldigen Sie. Ich fürchte, Sie treffen mich nicht bei bester Laune an.“

Den Eindruck habe ich allerdings auch, Sharp“, bestätigte der füllige Verleger und betrachtete Milton verwundert. „Was macht Ihre Hüfte? Waren Sie beim Arzt?“

War ich“, log der Schattenjäger. „Er hat mir Alkoholumschläge verordnet.“

Alkohol auf die eiternde Wunde?“

Innerliche Umschläge“, belehrte ihn Milton grinsend. „Stündlich ist die Flasche zu wechseln.“

Sie Angeber! Ich weiß genau, dass Sie kein Trinker sind.“

Leider! Vielleicht wäre dann manches leichter.“

Oho! Das hört sich aber unheimlich depressiv an. Machen Sie mir nur keinen Ärger, Sharp. Ich brauche Sie dringend.“

Milton runzelte die Stirn. „Was gibt’s?“

Wollen wir das im Treppenhaus besprechen?“

Milton entschuldigte sich. „Sie sehen ja selbst, dass ich nicht ganz beieinander bin.“ Er bat den Verleger herein und schloss die Tür.

Im Wohnzimmer kam O’Neil ohne Umschweife zur Sache.

Sie müssen nach Japan fliegen.“

Und was soll ich dort?“

Es liegen mir Berichte über ein merkwürdiges Wesen vor, das die Bewohner von Shikoku in Angst und Schrecken versetzt. Die Regierung in Tokio leugnet zwar hartnäckig dessen Existenz, ich halte es aber für richtig, wenn Sie sich darum kümmern.“

Milton Sharp zeigte kein sonderliches Interesse. Fast apathisch saß er in seinem Sessel und rauchte eine Winston.

Was für ein Wesen?“

Die Beschreibungen widersprechen sich leider erheblich. Das mag auch der Grund sein, worum sie von offizieller Seite so wenig ernst genommen werden. Die einen reden von einem Drachen, andere von einer feuerspeienden Riesenschlange. Einige schwören, dass das Ungeheuer menschliche Züge trägt und sich sogar einer Sprache bedient, die allerdings niemand verstehen kann. Es gibt aber auch Menschen, die behaupten, eine glitschige Pflanze dabei beobachtet zu haben, wie sie Leichenteile verschlang.“

Das ist ja das reinste dämonische Universalgenie“, spottete Milton. „Herrscht im März in der japanischen Presse vielleicht Sauregurkenzeit?“

Nehmen Sie die Gerüchte nicht auf die leichte Schulter“, warnte Hoster O’Neil. „Sie werden gleich anders darüber denken, wenn ich Ihnen einen der Augenzeugen nenne. Es ist Okumura Shozo.“

Doch nicht der Atomwissenschaftler, der bisher alle Berichte über übersinnliche Wahrnehmungen verlachte?“

Derselbe. Überzeugt Sie das?“

Dann musste etwas dran sein, oder Shozo hat den Verstand verloren. Beides wäre Grund genug, nach Japan zu fliegen.“

Dann sind wir uns also einig?“ Der Verleger schien erleichtert zu sein.

Milton Sharp kniff misstrauisch die Augen zusammen. „Sie haben mir noch nicht alles gesagt. Warum wollen Sie mich aus London forthaben? Überall in der Welt gibt es Erscheinungen. Tatsächliche oder auch nur eingebildete. Warum gerade Japan? Warum ausgerechnet jetzt?“

O’Neil schnitt eine Grimasse. „Sie sind mir unheimlich, Sharp. Man sieht Sie und denkt, Sie wären völlig am Boden zerstört. Dabei ist das nur eine raffinierte Maske, um den Gegner über Ihre wahre Stärke zu täuschen.“

Sie sind nicht mein Gegner, Mister O’Neil. Ohne Ihre finanziellen Mittel wäre es mir nicht möglich, den Kampf gegen die Vertreter der Schwarzreiche zu führen. Außerdem schätze ich Sie auch sehr als Mensch. Was ich nicht schätze, ist, dass Sie beharrlich meiner Frage ausweichen?“

Der Verleger wand sich wie ein Wurm, was bei seinem Leibesumfang schon einer artistischen Höchstleistung gleichkam.

Also gut“, knurrte er. „Ich habe erfahren, dass Sie verhaftet werden sollen. Deshalb müssen Sie von hier fort. In einigen Wochen wird sich das Missverständnis aufgeklärt haben. Es ist aber nicht einzusehen, warum Sie bis dahin in Untersuchungshaft sitzen sollen.“

Jetzt war Milton doch überrascht.

Verhaftet? Ich? Und mit welcher Beschuldigung?“

Man wirft Ihnen vor, eine gemeingefährliche Bestie auf die Menschheit loszulassen.“

Yon-Dar?“

Jemand in der Klinik konnte wohl den Mund nicht halten und wollte sich interessant machen. Jedenfalls wurde die Wahrheit total verfälscht. Das hindert den Yard aber nicht daran, der Anzeige nachzugehen und den angeblich Schuldigen zu verhaften.“

Aber man kennt mich beim Yard. Die Herren, auf die es ankommt, haben sich längst vom Wert meiner Arbeit überzeugt. Ich kann ihnen mit ein paar Sätzen erklären, dass Yon-Dar für die Menschen absolut ungefährlich ist. Er wendet sich gegen die, zu denen er ursprünglich gehören sollte. Gegen die Dämonischen.“

Mir brauchen Sie darüber keinen Vortrag zu halten, Sharp. Ich kenne die Geschichte, und ich weiß, dass wir Yon-Dar schon eine Menge zu verdanken haben.“

Ohne ihn wäre ich nicht mehr am Leben. Er hat mich bereits mehrfach aus aussichtslosen Situationen gerettet.“

Vor der Verhaftung rettet er Sie jedenfalls nicht, denn es sieht übel um ihn aus.“

Eben. Und da verlangen Sie, dass ich ihn im Stich lasse.“

Sie können überhaupt nichts für ihn tun. Vom Gefängnis aus erst recht nicht. Sie brauchen mir nichts zu erzählen. Ich sehe Ihnen doch an, dass es gerade diese Hilflosigkeit ist, die Ihnen momentan schwer zu schaffen macht. Yon-Dar musste aus eigener Kraft die Krise überstehen. Und Sie können an anderer Stelle den Menschen von Nutzen sein. Hier ist Ihr Ticket. Ihre Maschine fliegt in zwei Stunden.“

Milton Sharp lachte gekünstelt. „Sie verlieren wirklich keine Zeit. Wissen Sie, dass Sie in Teufels Küche kommen können, wenn der Yard das erfährt?“

Ich werde es ihm nicht auf die Nase binden. Also packen Sie Ihre Sachen und fahren Sie nach Heathrow. Ich erwarte Ihre regelmäßigen Berichte aus Japan.“

Milton starrte auf das Ticket. O’Neil hatte zweifellos Recht. Selbst wenn er den ermittelnden Inspektor von Yon-Dars wahrer Rolle überzeugen konnte und damit der Verhaftung entging, war es für ihn besser, wenn er sich wieder zum Arbeiten aufschwang.

Er schob das Ticket in die Tasche und erhob sich.

Da läutete das Telefon. Er hob den Hörer ab und reichte ihn gleich darauf an seinen Besucher weiter.

Für Sie, Sir. Ihr Büro.“

Was gibt’s denn so Wichtiges, dass Sie mich nicht mal hier in Ruhe lassen können?“, schnarrte O’Neil in die Muschel. „Wie? In Ordnung. Ich schreibe mit.“ Er zog einen Kugelschreiber aus der Brusttasche und kritzelte ein paar Worte auf den Rand der vor ihm liegenden Tageszeitung. „Ist das alles?“, fragte er skeptisch. „Danke. Doch, es war völlig richtig, mich sofort zu verständigen.“

Er legte den Hörer zurück und studierte seine fast unleserlichen Notizen.

Ärger?“, erkundigte sich Milton teilnahmsvoll. „Machen Sie sich nichts daraus. Kommen Sie doch einfach mit nach Japan. Dann gehen wir zusammen in ein Dampfbad und lassen uns hinterher von zarter Hand massieren.“

Hoster O’Neil blickte den Schattenjäger ernst an, als er richtig stellte: „Dieser Anruf galt eigentlich Ihnen, Sharp.“

Mir? Aber er kam doch von Ihrer Sekretärin.“

Ich habe ihr gesagt, wo ich zu erreichen bin. Uns hat ein Fernschreiben von unserem Korrespondenten in Colombo erreicht. Man hat dort einen Funkspruch aufgefangen, der eindeutig von Ihrem Bruder abgesetzt wurde.“

Von Glyn?“, rief Milton ungläubig. „Er macht Urlaub auf den Malediven. Was will er? Ist sein Geld alle?“

Es sind nur wenige Worte: „Dringend an Verlagshaus O’Neil, London! Jenny spurlos verschwunden. Befürchte Dämonen. Glyn Sharp, Fetis.“

Milton war weiß geworden. „O Gott!“, stammelte er. „Das darf nicht wahr sein. Ist das auch nicht einer Ihrer verdammten Tricks, um mich aus London fortzubringen?“

Ich wollte, es wäre so, Sharp“, antwortete Hoster O’Neil heiser. „Ich bin genauso überrascht wie Sie.“

Überrascht?“, schrie ihn Milton an. „Ich habe Angst. Verstehen Sie das? Angst um Jenny und um Glyn. Schon einmal musste ich sie aus dämonischer Macht befreien. (siehe Milton Sharp Nr. 10: Dämonenfalle in New York). Sie wissen, dass ich es nur mit knapper Not schaffte. Soll alles wieder von vorne beginnen?“

Sie dürfen nicht die Nerven verlieren.“

Tatsächlich nicht? Ich will Ihnen etwas sagen. Stecken Sie sich Ihr Japan-Ticket an den Hut. Ich fliege zu den Malediven.“

Plötzlich war er wieder der Alte. Ein erbitterter Kämpfer, der entschlossen war, seinen Gegner zu stellen. Mit aller Macht wehrte er das Bewusstsein ab, dass er so gut wie keine Chance besaß, Jenny noch zu retten.

 

*

 

Jenny schlug die Augen auf und schloss sie sofort wieder. Sie hatte gehofft, alles sei nur ein böser Traum, doch es handelte sich um grässliche Wirklichkeit. Sie befand sich in der Gewalt dieses Scheusals.

Unter ihr schwappte Wasser. Sie lag in einem flachen Boot. Vor ihr hockte der Schaurige. Sie sah von ihm nur die Kehrseite. Doch die war übel genug.

Ein mächtiger Buckel wölbte sich auf der linken Seite. Darüber wallte struppiges Haar, das in sämtlichen Farben schillerte. Rostrot und schwefelgelb herrschten vor. Das scheußliche Gesicht ließ sich nur aufgrund der zerfetzten Ohren ahnen. Jenny kannte es. Sie erinnerte sich noch genau jener furchtbaren Augenblicke in New York, als der Dämon schon ausgeholt hatte, um sie zu töten.

Im letzten Moment war Milton aufgetaucht und hatte nicht nur sie und Glyn gerettet, sondern dem Abscheulichen auch seine größte Niederlage beigebracht. Leider keine endgültige. Xurus war die Flucht gelungen, und sein Schwur klang gellend in ihren Ohren: Das bezahlt ihr mir. Von dieser Stunde an werde ich euch jagen. Ihr werdet keine Ruhe mehr vor mir finden, ihr nicht und die ganze Menschheit nicht. Ihr sollt Xurus fürchten lernen.“

Monatelang hatte sie tatsächlich in Angst vor der Rache gelebt. Doch der Dämon war anscheinend für immer in der Versenkung verschwunden.

Doch offensichtlich hatte er sie alle lediglich in Sicherheit wiegen wollen. Mit teuflischer Niedertracht hatte er sich für seinen Überfall den Augenblick trügerischen Glücks ausgesucht. In Gestalt eines entzückenden Mädchens hatte er seinen Knecht geschickt, um sie in die Falle zu locken.

Dann war er selbst erschienen, während sie noch starr vor Grauen wegen der gespenstischen Verwandlung des Kindes in den Gnom gewesen war. Selbst wenn sie an Flucht gedacht hätte, wäre sie ihr niemals gelungen.

Jetzt lag sie in dem Boot, das pfeilschnell einem ungewissen Ziel zusteuerte.

Wohin brachte Xurus sie? Was hatte er mit ihr vor? Warum tötete er sie nicht auf der Stelle?

Jenny glaubte die Antwort auf diese Fragen zu kennen. Sie sollte zunächst seine Geisel sein und als Köder dienen. Der Dämon hatte es fraglos auf jenen Mann abgesehen, der ihn fast vernichtet hätte: Milton Sharp, Glyns Zwillingsbruder.

Sie wurde aus ihren Gedanken aufgeschreckt. Xurus drehte sich nach ihr um und lachte krächzend.

Ich erkenne, was du denkst“, höhnte er. „Sieh mich an, wenn ich mit dir rede. Xurus, der Düstere, steht vor dir. Er ist der Mächtigste aller Dämonen.“

Jenny kniff gewaltsam die Augen zusammen, doch der Wille des Schrecklichen war stärker. Er zwang die Lider nach oben, und nun musste die Frau den grauenhaften Anblick ertragen.

Das ursprünglich menschliche Gesicht war verunstaltet. Die eine Seite hatte sich schwarz gefärbt. Die Nase war weggeschrumpft. Das rechte Auge war zugeschwollen, das linke quoll grässlich aus seiner Höhle. Das Lid konnte es nicht mehr bedecken. Selbst wenn Xurus seine Augen schloss, so blieb eines immer zur Hälfte offen. Der Mund wurde durch ein schiefes, unförmiges Maul ersetzt, in dem der größte Teil der Zähne fehlte. Die restlichen blitzten wie Metall und ähnelten in der Form denen eines wilden Tieres. Diese abstoßende Fratze wurde von einer verbeulten Stirn und einem völlig zerklüfteten Kinn eingerahmt. Ein Bild unbeschreiblichen Grauens.

Der Dämon weidete sich an dem Entsetzen seines Opfers.

Du wirst dich an meinen Anblick gewöhnen“, fauchte er. „Dass ich so aussehe, ist die Schuld deines Freundes. Er hat mich in diesen verunstalteten Körper gesteckt. Aber das werde ich ihm vergelten. Schon sehr bald. Er wird so leiden müssen, wie noch kein Mensch vor ihm gelitten hat. Und du bist ein Teil meiner Rache.“

Heiße Angst stieg in Jenny auf. Angst um den Mann, der noch immer ihr Herz in Unruhe versetzte.

Verschone ihn“, stammelte sie. „Du hast mich, um deinen Hass zu befriedigen. Lass ihn in Ruhe.“

Xurus' eines Auge quoll noch weiter hervor. Es glich nun dem einer Schnecke.

Verschonen?“, krächzte er. „Ich soll den Schuft nicht töten, der mir getrotzt und meinen Raub entrissen hat? Niemals. Ich habe für ihn einen Leidensweg vorgesehen, der seinesgleichen sucht. Natürlich wird auch Glyn, dein Mann, seine Strafe erhalten. Ich wollte seinen Körper, aber er hat ihn mir verweigert. Nun gut. Den nächsten Schachzug führe wieder ich. Es wird der letzte in dieser Partie sein.“

Was hast du vor?“, flüsterte Jenny. Dankbar nahm sie zur Kenntnis, dass heiße Tränen in ihre Augen schossen. Dadurch verschwamm die grässliche Gestalt vor ihr. Gegen Tränen war anscheinend selbst Xurus machtlos.

Das erfährst du früh genug“, antwortete der Düstere kalt. „Nur eines sei jetzt schon verraten. Es wird einen Brudermord geben.“

Jenny stieß einen Schrei aus. Dieser Gedanke war unvorstellbar. Xurus war entschlossen, Glyn und Milton aufeinander zu hetzen, damit sie sich gegenseitig töteten.

Du aber wirst mir gehören“, fuhr der Dämon gehässig fort. „Findest du nicht auch, dass wir ein ausgezeichnetes Paar abgeben? Unsere Kinder werden deine Schönheit und meine Bosheit besitzen. Eine prächtige Kombination, um die Menschen zu täuschen und lächelnd zu vernichten.“

Er lachte so laut, dass das Meer unruhig wurde. Hohe Wellen türmten sich auf und rannten gegen das windige Boot.

Nein!“, stöhnte Jenny gequält. Sie war entschlossen, diesen Plan zu durchkreuzen.

Körperlich war sie dem Dämon unterlegen, und auch geistig war sie ihm wahrscheinlich nicht gewachsen. Er würde ihr also seinen Willen aufzwingen und sein Vorhaben in die Tat umsetzen.

Doch konnte er auch ihren Tod verhindern? Ja, sie würde aus dem Leben scheiden. Jetzt gleich. Damit ersparte sie sich unvorstellbares Grauen und entzog dem Finsterling gleichzeitig die Geisel, mit der er Glyn und Milton in die Falle locken wollte.

Sie durfte nicht lange darüber nachdenken, sonst übermannte sie womöglich die Furcht vor dem Sterben und sie brachte nicht mehr den Mut dazu auf.

Ich tue es für euch“, flüsterte sie. Sie schnellte in die Höhe und sprang mit einem Aufschrei in die gurgelnden Fluten.

 

*

 

Es gab nur einen unbedeutenden Flughafen auf Hulule. Hier landeten keine riesigen Jets, sondern hauptsächlich kleinere Maschinen, die die auf Sri Lanka zwischengelandeten Touristen zu den Malediven brachten.

Dem Flugzeug, das eben gelandet war, entstieg Milton Sharp, der Schattenjäger. Sein Gesicht sah besorgt und müde aus. Während des gesamten Fluges hatte er kein Auge zugetan. Die Sorge um Jenny zerfraß ihn.

Glyn erwartete ihn bereits. Er schloss den Bruder in die Arme und war anfangs unfähig, etwas zu sagen.

Milton half ihm über die schweren Augenblicke hinweg.

Wir holen sie zurück“, versprach er. „Gesund und unversehrt. Ich möchte, dass du mir alles ganz genau erzählst. Lass nichts aus. Du weißt selbst am besten, wie wichtig auch unbedeutend erscheinende Kleinigkeiten sein können.“

Glyn nickte. Seine Erfahrungen, die er am eigenen Leibe mit dämonischen Wesen gemacht hatte, lagen noch nicht so lange zurück, dass er sie schon hätte vergessen können. Gerade darum wusste er aber auch, in welch großer Gefahr Jenny schwebte, falls seine Befürchtung zutraf.

Ich habe sie gesehen“, berichtete er unter anderem. „Ein Kerl war bei ihr und schleifte sie zu einem wartenden Boot. Ein Scheusal. Ich bin sicher, dass es Xurus war.“

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (ePUB)
9783738918229
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (März)
Schlagworte
milton sharp dämonische falle paradies

Autor

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Titel: Milton Sharp #19: Dämonische Falle im Paradies