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Tony Ballard 126 - Ihr Mann, die Fliege

©2018 120 Seiten

Zusammenfassung

Ihr Mann, die Fliege

Tony Ballard Nr. 126

von A.F.Morland

Tony Ballard ist der Dämonenhasser. Er kämpft gegen die Mächte der Finsternis und begegnet dem Unfassbaren. Vampire, Dämonen, Werwölfe und andere Kreaturen der Schattenwelt sind seine unbarmherzigen Gegner. Erfolgsautor A. F. Morland schuf diese einzigartige Horror-Serie, die jetzt endlich auch im E-Book vorliegt.

Leseprobe

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Ihr Mann, die Fliege

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Lindsay Rovis fühlte sich mies. Diese heißen Parties hatten es in sich. Jeder brachte ein bißchen was mit. Man probierte dies und jenes, goß Whisky drauf, und im Nu war man so high, daß man nicht mehr wußte, wie man hieß,

Letzte Nacht war es mal wieder besonders toll gelaufen in Lindsays riesigem Apartment.

Bis Mitternacht hatte sich das blonde Mädchen ganz gut gehalten, aber dann war sie abgestürzt. Blackout total... Sie erinnerte sich nur daran, daß sich alle verabschiedet hatten.

Alle - bis auf Lee Stroud, der war geblieben, Denn er lag tot neben ihr im Bett!

Lindsay Rovis war die Kindertante der Nation, ein Sonnenscheinchen, dessen Engelsgesicht jedes Kind in England kannte. Sie moderierte die Kinderstunde im Fernsehen, kam via Bildschirm in jedes Haus und war ein gern gesehener Gast.

Sie strahlte ungeheuer viel Sauberkeit aus, und die große Schar ihres kleinen Publikums nahm ihr alles ab, was sie sagte. Sie wurde von ihren Fans liebevoll »Tante Lindsay« genannt, und sie bekam ihre Post in Wäschekörben.

Wenn sie auf dem Fernsehschirm erschien und in die Kamera lächelte, hätte man meinen können, sie könne kein Wässerchen trüben. Doch jene Lindsay Rovis, die sich im Fernsehen präsentierte, und jene, die sie privat war, waren zwei verschiedene Paar Schuhe.

Anfangs war sie froh gewesen, daß ihr das Fernsehen eine Chance geboten hatte. Sie hatte mit beiden Händen zugegriffen.

Kindersendung... Warum nicht? Sie hatte es als Sprungbrett angesehen, doch sie war darauf kleben geblieben. Nicht etwa deshalb, weil sie schlecht war, sondern deshalb, weil sie zu gut war.

Auch das kann ein Schaden sein.

Die TV-Gewaltigen waren der Ansicht, daß niemand besser war als »Tante Lindsay«. Die Einschaltziffern waren noch nie so hoch gewesen. Sogar Erwachsene gaben bei Meinungsumfragen ohne Scheu zu, daß ihnen »Tante Lindsay« gefiel, daß sie sie gern sahen und sich keine andere Moderatorin für die Kindersendung wünschten.

Das war der Fluch ihrer engelhaften Ausstrahlung. Sie mußte »Tante Lindsay« bleiben. Das Sprungbrett war für sie zur Falle geworden. Sie war in ein Fangeisen getreten und kam nicht mehr raus.

Manchmal war sie so frustriert, daß sie am liebsten alles hingeschmissen hätte, aber sie hatte einen Vertrag, und den mußte sie erfüllen. Sie konnte es sich nicht leisten, vertragsbrüchig zu werden. Das hätte sie nicht nur eine Stange Geld gekostet. Es hätte ihr obendrein beruflich das Genick gebrochen.

Also war sie weiterhin »Tante Lindsay« für die Kleinen, ungern zwar, aber das merkte niemand. Sobald sie auf Sendung war, war sie so perfekt wie immer.

Privat wollte sie von ihrem »Madonnen-Image« nichts wissen. Sie stürzte sich deshalb in die wildesten Abenteuer, nahm an Drogenpartys teil und veranstaltete selbst welche.

Es kotzte sie an, immer nur das brave Mädchen zu spielen. Hin und wieder mußte sie einfach so sein, wie sie wirklich war, und es war nicht immer einfach für ihre Bosse zu vertuschen, was sie trieb, damit ihr Heiligenschein keine matten Stellen bekam.

Irgendwann - das befürchtete man in der Chefetage des Senders - würde »Tante Lindsay« den Bogen überspannen.

Und jetzt lag dieser Tote neben ihr.

Alles war voll Blut. Jemand hatte Lee Stroud übel zugerichtet.

Jemand? fragte sich Lindsay mit einem schrecklichen Würgen in der Kehle. Oder... habe ich das getan?

Sie zitterte wie Espenlaub. Sie verließ das Bett und wankte nackt ins Bad. Selten hatte sie sich an einem Morgen so elend gefühlt. Ihre Knie waren weich wie Gummi, und als sie einen Blick in den Spiegel warf, erschrak sie.

Das bin ich? dachte sie.

Zum erstenmal hatte der unsolide Lebenswandel sie gezeichnet. Der Mann, der sie vor den Auftritten schminkte, würde von nun an mehr Zeit brauchen.

Sie spülte ihren Mund aus, weil sie einen widerlichen Geschmack auf der Zunge hatte, dann wusch sie sich die Hände.

Wie hatte Pontius Pilatus gesagt? »Ich wasche meine Hände in Unschuld.« Tat sie das jetzt auch? War sie unschuldig?

Das Händewaschen war ihr zuwenig, deshalb stellte sie sich hinterher unter die Dusche. Was wollte sie von sich abwaschen? Wovon wollte sie sich sauberwaschen?

Ihr schlanker Körper spiegelte sich in den erdbeerfarbenen Fliesen, Sie verwendete Unmengen Badeshampoo und duschte sehr lange. Und die ganze Zeit zerbrach sie sich den Kopf darüber, was nach Mitternacht geschehen sein mochte.

Lee Stroud war ein unangenehmer Zeitgenosse. Er hatte kaum Freunde, sah auch nicht besonders gut aus. Unter normalen Umständen hätte ihm Lindsay nicht erlaubt zu bleiben.

Aber wann gab es in ihrem Leben schon mal »normale Umstände«?

Lee Stroud war ein hervorragender Autor. Vielleicht hatte sie ihn deshalb nicht nach Hause geschickt.

Ein neues Herrenmagazin war in Planung, Lee betätigte sich erstmals als Koproduzent. Die Sendung sollte von zwei Männern und einer Frau präsentiert werden. Frech, spritzig, frivol sollte sie sein.

Die beiden männlichen Präsentatoren standen bereits fest. Nach der Frau suchte man noch, und Lindsay war an dieser Sache interessiert. Damit wäre sie endlich von ihrem Sauberfrau-Image losgekommen.

Die Bosse hatten bereits ihre Bedenken angemeldet, aber Lee Stroud hätte durchsetzen können, daß Lindsay den Job bekam. Vermutlich hatte sie ihm deshalb erlaubt zu bleiben.

Wahrscheinlich hatten sie noch einiges zusammen getrunken - und Lindsay glaubte, sich dunkel daran zu erinnern, daß Lee gesagt hatte, er hätte noch Gras.

Sie sah ihn plötzlich vor ihrem geistigen Auge, Er lächelte sie an, war so betrunken wie sie. »Rauchen wir zusammen noch 'nen Joint?« hörte sie ihn fragen, »Der Stoff, den ich beziehe, bringt ein ganz irres Feeling.«

Sie hörte sich kichern. »Wirklich? Das muß ich unbedingt probieren.«

Er hatte die Zigarette angezündet, und sie hatten sie zusammen geraucht.

Und dann war etwas in ihrem Kopf explodiert...

Als Lindsay aus dem Bad kam, trug sie einen weißen Bademantel. Obwohl es in ihrer Wohnung nicht kalt war, fröstelte sie. Das sind die Nerven, sagte sie sich und suchte ihre Handtasche, in der sich Beruhigungspillen befanden.

Überall standen Gläser, manche noch voll. Es gab eine Menge leere Flaschen, Stühle lagen auf dem Boden, Popcorn war überall verstreut, auf einem Hirtenteppich lagen Zierkissen. Dort hatte sich Sam mit Mona vergnügt...

Was für eine Party, dachte Lindsay. Die Eltern meiner kleinen Fans würde reihenweise der Schlag treffen, wenn sie davon wüßten.

Sobald die Beruhigungspille wirkte, kochte sie sich koffeinfreien Kaffee. Sie brauchte etwas Warmes im Magen, und dann mußte sie sich überlegen, was sie tun sollte.

Jeder normale Mensch würde die Polizei anrufen, sagte sie sich. Aber sie konnte sich das nicht leisten. Hinter der Polizei würde gleich die Presse erscheinen, und für die würde der Tote in ihrem Apartment ein wahres Fressen sein.

Die Reporter würden die Geschichte so sehr ausschlachten, daß Lindsay Rovis nicht nur als ›Tante Lindsay‹ erledigt war, Sie würde niemals wieder ein Engagement kriegen.

Wenn sie die Polizei anrief, war sie erledigt. Es mußte eine andere Möglichkeit geben, den Kopf aus dieser Schlinge zu ziehen.

Ich brauche Hilfe, überlegte Lindsay, während sie den heißen Kaffee in sich hineinschlürfte. Jemand muß mir beistehen, auf den ich mich verlassen kann, der den Mund hält, dem ich blind vertrauen kann. Zusammen mit ihm könnte ich die Leiche verschwinden lassen...

Es gab so jemanden: William Bloom. Er himmelte sie an, vergötterte sie, hätte sich für sie rösten lassen.

Er war Regisseur, machte Dokumentationen fürs Fernsehen. Er schrieb auch Bücher, war gut im Geschäft und kannte Gott und die Welt.

Wenn mir jemand aus der Patsche helfen kann, dann er, sagte sich Lindsay.

Plötzlich erschrak sie. Hoffentlich war William zu Hause. Sein Beruf brachte es mit sich, daß er viel reiste. Oft war er wochenlang unterwegs. Erkannte die endlosen Weiten der australischen Wüste, das tibetanische Hochland, den brasilianischen Urwald, Feuerland... Bill war überall auf der Welt zu Hause.

Doch heute brauchte ihn Lindsay hier - hier in London!

»Herr im Himmel, ich habe dich noch nie um etwas gebeten, aber heute tu’ ich es«, sagte Lindsay mit gefalteten Händen. »Erfülle mir diesen einen Wunsch: Laß Bill zu Hause sein.«

Sie erhob sich und verließ die Küche. Die Partyspuren störten sie nicht, die würden noch lange zu sehen sein. Was sie aufregte und hart am Rand einer Hysterie hielt, war diese Leiche im Schlafzimmer.

Sie hatte nicht den Mut, diesen Raum zu betreten. Ihre ganzen Kleider befanden sich im Schlafzimmerschrank, aber keine zehn Pferde brachten sie da jetzt hinein. Sie würde William Bloom im Bademantel empfangen.

Wenn er überhaupt daheim war.

Mit zitterndem Finger wählte sie seine Nummer. Das Freizeichen ertönte. Lindsay nagte nervös an ihrer Unterlippe. Es läutete endlos lange am anderen Ende, und Lindsays Augen begannen sich mit Tränen zu füllen.

Sie war wütend und enttäuscht. »Verdammt!« schrie sie. »Einmal im Leben brauche ich dich, und du bist nicht zu erreichen!«

Sie wollte auflegen, da meldete sich Bill, der gute Bill, mit kratziger Stimme. Lindsay schluchzte.

»Hallo!« rief Bloom. »Wer ist da?«

»Ich bin’s. Bill: Lindsay.«

»Liebe Güte. Lindsay, was ist passiert?«

»Etwas ganz Schreckliches. Ich kann es dir am Telefon nicht sagen.«

»Möchtest du, daß ich zu dir komme?«

»Ja, Bill. Ich brauche ganz dringend deine Hilfe.«

»Bin sch on unterwegs«, sagte der Regisseur und legte auf, Lindsay rauchte vier Zigaretten - gewöhnliche. Sie schwor sich, nie wieder eine Haschischzigarette anzufassen, und auch von LSD und all dem anderen Zeug wollte sie in Zukunft die Finger lassen.

Sie schwor sich sehr viel in diesen zwanzig Minuten, die sie auf William Bloom warten mußte.

Ob sie’s auch halten konnte, stand auf einem anderen Blatt.

Ruhelos lief sie im großen Wohnzimmer auf und ab. Immer wieder warf sie einen Blick aus dem Fenster, hielt Ausschau nach Bills weißem Mercedes.

Als der Wagen endlich um die Ecke bog, fiel Lindsay ein Stein vom Herzen. Von nun an würde alles nur noch halb so schlimm sein, Bill würde wissen, was zu tun war.

Sie würde seinen Rat befolgen, denn Bill war klug, und er war ihr Freund. Nie würde er ihr zu etwas raten, das ihr schadete.

Sie hörte seine schweren Schritte im Treppenhaus, und als er läutete, ließ sie ihn ein und fiel ihm schluchzend um den Hals. »Oh, Bill, ich bin ja so froh, daß du gekommen bist.«

»War ich nicht immer zur Seite, wenn du mich gebraucht hast?«

»Ich habe dich noch nie so sehr gebraucht wie heute.«

William Bloom war ein abgrundtief häßlicher Mann, aber die Seele von einem Menschen. Er hatte ein pockennarbiges Gesicht, weit auseinanderstehende Augen und unregelmäßige Zähne.

»Ich befürchtete, du würdest nicht zu Hause sein«, sagte Lindsay.

»Vorgestern war ich noch in Afghanistan«, sagte der Regisseur. »So, und nun hörst du auf zu weinen. Ich bin bei dir, und so schwer wird das Kind schon nicht sein, das es zu schaukeln gilt.«

Er holte sein Taschentuch heraus und wischte dem blonden Mädchen die Tränen aus den Augen.

Im Wohnzimmer wiegte er dann den Kopf. »Da war mal wieder was los, letzte Nacht, wie? Soll ich dir nun helfen, eine Leiche fortzuschaffen?«

Lindsay wurde weiß wie die Wand, »Entschuldige«, sagte der Regisseur, »Das war ein schlechter Scherz. Was heißt schlecht? Geschmacklos war er. Ich hoffe, du kannst mir verzeihen.«

Lindsay setzte sich. Der Bademantel klaffte vor ihrem Busen auf. Sie merkte es nicht.

»Du bist ein sehr attraktives Mädchen, Lindsay«, sagte Bloom. »Zerstör dich nicht selbst. Diese Drogenparties machen dich kaputt. - Darf ich mir einen Drink nehmen?«

»Alles, was du willst, Bill.«

»Mal sehen, ob deine Gäste etwas übriggelassen haben.«

Bloom mixte sich einen Campari-Wodka.

»Ist zwar noch ein bißchen früh«, sagte er, »aber das viele Reisen bringt mich völlig durcheinander. Ich brauche immer ein paar Tage, bis mein Inneres wieder im Gleichgewicht ist.«

Er nahm einen Schluck und setzte sich neben Lindsay, deren Blick auf die halb offen stehende Schlafzimmertür gerichtet war.

»Ich denke, nun ist es an der Zeit, daß du mir erzählst, was denn so Schreckliches geschehen ist«, meinte der Regisseur.

Lindsay schaute ihn ernst an. »Bill, im Schlafzimmer liegt ein... Toter!«

***

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»MÄDCHEN, DAMIT SPAßT man nicht!« stieß William Bloom mit seiner unverwechselbaren kratzigen Stimme hervor.

»Das ist kein Scherz!« sagte Lindsay eindringlich.

»Woran ist der Mann gestorben? Herzversagen? Hat er zuviel Stoff erwischt, ging auf den Trip und kam nicht wieder?«

Lindsay raufte sich die Haare und schüttelte unglücklich den Kopf. Es fiel ihr wahnsinnig schwer, darüber zu reden. »Ich bringe es kaum über die Lippen«, flüsterte das Mädchen.

»Wer ist der Tote?« wollte Bloom wissen. »Kenne ich ihn?«

»Ja, Es ist... Lee Stroud.«

»Das glaube ich nicht. Wie kommt Lee in dein Bett? Soviel ich weiß, hattest du nichts für ihn übrig... Ach, ich verstehe. Ihr hattet von allem zuviel, und da kam es auf das auch nicht mehr an. Was hat Lee dir gegeben?«

»Wir haben nur Gras geraucht, gemeinsam nur eine Zigarette.«

»Und dann?«

»Ich weiß es nicht, Bill.«

». Wieso ist Lee Stroud tot? War es ein Unfall?«

»Nein, Bill, es war Mord«, sagte Lindsay tonlos, »Alles... alles ist voller Blut...«

Der Regisseur brauchte wieder einen Schluck, denn seine Kehle war verdammt trocken geworden. Er musterte Lindsay prüfend, »Hast du ihn...? Nein, ich glaube nicht, daß du so etwas tun könntest, Nicht einmal dann, wenn du bis in die Haarspitzen high bist. Das entspricht nicht deinem Wesen. Du weißt nicht, wer es getan hat? Kannst dich an nichts erinnern?«

»So ist es«, bestätigte Lindsay.

»Und nun erwartest du von mir, daß ich dir helfe.«

Lindsay schaute ihn groß an. Ihre Äugen schwammen in Tränen. »Du... du willst mir nicht helfen? Was tu' ich denn dann?«

»Ich habe nicht gesagt, daß ich dir nicht helfen werde«, erwiderte Bloom. »Du weißt, ich kenne eine Menge Leute - auch bei der Polizei.«

»Nicht die Polizei!« Es klang wie ein entsetzter Aufschrei, »Du wendest dich auf gar keinen Fall an die Polizei! Dazu brauche ich dich nicht! Das hätte ich auch selbst tun können!«

»Ich könnte dafür sorgen, daß man die Ermittlungen mit größter Diskretion durchführt. Es würde nichts an die Öffentlichkeit dringen.«

»Und wenn doch? Eine undichte Stelle kann es immer geben. Wenn etwas durchsickert, bin ich beruflich erledigt. Keine Polizei, Bill! Schwör mir, daß du die Polizei aus dem Spiel läßt!«

»Na schön.«

»Du mußt es schwören.«

»Sei nicht albern, Lindsay.«

»Schwöre es!«

»Also gut, ich schwöre es, damit deine Seele Ruhe hat«, sagte Bloom mit erhobener Hand. »Wenn ich dich also recht verstehe, erwartest du von mir, daß ich dir helfe, Lee von hier fortzuschaffen,«

»Weißt du eine andere Lösung?«

»Dir ist hoffentlich klar, daß wir uns strafbar machen, wenn wir die Leiche verschwinden lassen,«

»Warum sagst du nicht gleich, daß du mir nicht helfen willst?« schrie Lindsay hysterisch.

»Ich möchte dich lediglich auf die Folgen Hinweisen, falls etwas schiefgehen sollte«, sagte Bloom.

»Ich möchte meinen Job behalten.«

»Den Job, den du eigentlich haßt, der dich frustiert.«

»Er ist immer noch besser als kein Job. Von mir aus bleibe ich bis ans Ende meiner Tage ›Tante Lindsay‹.« Sie weinte wieder. »Alles ist besser, als rauszufliegen und nie wieder eine Chance zu bekommen, Bill. Ich flehe dich an, du mußt mir helfen. Du kannst alles von mir haben, alles.«

Lindsay wollte den Gürtel ihres Bademantels öffnen, doch Bloom schüttelte den Kopf. »Laß das. Lindsay. Ich möchte nicht, daß du daraus ein Geschäft machst, und ich will auch nicht, daß du die Achtung vor dir selbst verlierst. Du brauchst mich für meine Hilfe nicht zu bezahlen. Schon gar nicht auf diese erniedrigende Weise.«

Er leerte sein Glas und erhob sich. Sie blieb sitzen, blickte zu ihm hoch, »Kommst du nicht mit?« fragte Bloom.

»Ins Schlafzimmer?« Lindsay rieb die feuchten Handflächen aneinander. »Tut mir leid. Bill, aber das würde meine Kräfte übersteigen.«

»Ich will mir Lee erst mal nur ansehen.«

»Ich kann nicht ins Schlafzimmer gehen. Ich kann es einfach nicht.«

»Na schön«, sagte Bloom. »Dann gehe ich allein.«

Als Bloom das Schlafzimmer betrat, biß sich Lindsay in die Faust. Sie wußte, was Bill jetzt sah, und ihr Herz raste.

Der Regisseur blieb nur wenige Augenblicke im Schlafzimmer. Gründlich konnte er sich nicht umgesehen haben.

»Du hältst mich wohl für einen Vollidioten!« stieß er wütend hervor.

Lindsay erschrak. Sie hatte Bill noch nie so heftig erlebt.

»Nein, Wieso? Ich...«

»Mit Billy Bloom kann man das ja machen, der ist ein blöder Kerl, ein Einfaltspinsel. Warum soll man sich nicht mal über ihn lustig machen, sich einen geschmacklosen Scherz mit ihm erlauben, testen, wie weit seine Gutmütigkeit belastbar ist? Warum eigentlich nicht? Der dämliche Billy-Boy frißt dir ja sowieso aus der Hand und kann dir nicht böse sein... Verdammt noch mal, Lindsay, so weit hättest du nicht gehen dürfen. Du hast die Grenzen des guten Geschmacks weit überschritten. Das werde ich dir so schnell nicht verzeihen,«

»Bill, ich verstehe nicht.«

»Du verstehst sehr gut! Da drinnen liegt überhaupt keine Leiche!« schrie Bloom zornig. »Glaubst du mir nicht? Bin ich etwa derjenige, der hier nicht die Wahrheit sagt? Komm her!«

»Nein!«

»Du kommst jetzt sofort hierher«, schrie Bloom.

»Nein! Du weißt, daß ich das nicht kann!«

»Ach ja, deine armen Nerven, aber darauf kann ich keine Rücksicht nehmen!« Bloom holte das Mädchen. Er packte hart zu, riß sie hoch, und obwohl sie sich sträubte, schluchzte und schrie, zerrte er sie ins Schlafzimmer. »Wo? Bitte, wo ist hier eine Leiche? Zeig sie mir! Na los, doch, zeig sie mir!«

Lindsay starrte fassungslos auf das Bett.

Es war leer. Keine Spur von einem Toten.

***

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»ALLES IST VOLLER BLUT!« spottete Bloom. »Wo ist es denn, das viele Blut? Ich kann keines sehen. Siehst du denn welches? Bin ich etwa blind? Würdest du mir das bitte erklären?«

»Bill, ich schwöre dir...«

»Ach ja, heute hast du es mit dem Schwören. Bist du denn tatsächlich so unverfroren, mir weiterhin einreden zu wollen, in deinem Bett würde der tote Lee Stroud liegen? Weißt du, was wir jetzt tun? Wir rufen den guten Lee an und sagen ihm guten Tag, und dann erzählen wir ihm eine urkomische Geschichte. Ich bin sicher, er wird sich totlachen. Dann hast du deine Leiche.« Bloom packte wieder ihr Handgelenk und zerrte sie zurn Telefon. Er rief tatsächlich Lee Stroud an, und nach dem dritten Läuten hob am anderen Ende ein Mann ab.

»Sind Sie das, Lee?« fragte Bloom. »Nein, ich bin Lees Schwager. Lee ist nicht zu Hause. Und wer sind Sie? Kann ich Lee etwas bestellen?«

Bioom legte auf. »Okay, er ist nicht zu Hause, aber das heißt noch lange nicht, daß er tot ist. Er hängt wahrscheinlich bei irgendeiner vergammelten Nutte herum und läßt sich von ihr für seine nächste Arbeit inspirieren.«

Der Regisseur ließ das Mädchen los. Er war immer noch wütend.

»Bill«, sagte Lindsay mit belegter Stimme.

Er schnitt ihr mit einer unwilligen Handbewegung das Wort ab. »Ich will nichts mehr hören. Keine weiteren Lügen - aber auch keine Entschuldigung. Du hast meine Gutmütigkeit zu sehr ausgenützt. Ich dachte, wir wären Freunde, doch nun muß ich erkennen, daß wir das nicht sind. Schade, Ich hätte nie geglaubt, daß ich mich in dir so täuschen könnte. Wahrscheinlich habt ihr das gestern nacht ausgeheckt. Den schwachsinnigen Billy Bloom legen wir mal so richtig rein, nicht wahr? Leb wohl, Lindsay, und tu mir einen Gefallen: Ruf mich nie wieder an, ja?«

Er wollte an ihr Vorbeigehen, doch sie hielt ihn fest, klammerte sich geradezu an ihn.

»Bitte geh nicht, Bill.«

»Was soll das, Lindsay? Die Posse ist zu Ende. Ein Gag ist nur dann gut, wenn du dich nicht draufsetzt. Glaub mir, ich weiß, wovon ich rede.«

»Ich habe Angst, Bill.«

»Ich bin sicher, du wirst damit fertig, und wenn nicht... Du hast eine Menge Freunde,«

»Laß bitte diesen sarkastischen Ton.«

»Was erwartest du von mir, nachdem du mich zum Gespött der Leute gemacht hast?«

»Ich schwöre... schwöre dir...«

»Nicht schon wieder!«

»...daß Lee Stroud neben mir lag, als ich aufwachte - und er war tot! Mein Gott, was kann ich nur tun, damit du mir glaubst? Ich habe keine Erklärung dafür, daß die Leiche nicht mehr da ist...«

»Und das Blut? Was ist mit dem Blut?« fragte Bloom. »Zur Not könnte ich noch glauben, daß Lee da war und daß du ihn für tot gehalten hast. Du ranntest in Panik aus dem Schlafzimmer, und er stand auf und kletterte aus dem Fenster oder versteckte sich unter derti Bett, Aber wieso ist kein Blut mehr da? Brachte Lee die Bettwäsche zur Blitzreinigung?«

»Bitte, Bill, ich kann nicht mehr«, stöhnte das Mädchen und fing haltlos zu weinen an.

Damit rührte sie den Regisseur. Sie war Schauspielerin, aber er spürte, daß sie ihm jetzt nichts vorspielte. Diese Verzweiflung war echt. Er war nicht mehr wütend. Nun hatte er Mitleid mit Lindsay.

Er legte seinen Arm um ihre Schultern, führte sie zum Sofa und setzte sich mit ihr.

»Eine innere Stimme sagt mir, ich soll dir glauben«, bemerkte er nach einer Weile. »Du hast mich nicht belogen. Du sahst Lee tatsächlich tot neben dir liegen, aber es war eine Halluzination. Deine Sinne spielten dir einen Streich, das ist des Rätsels Lösung. Kokain und all das verfluchte Zeug..., Dazu Unmengen Alkohol, ... Da darf es einen eigentlich nicht wundern, wenn man Traum und Wirklichkeit eines Tages nicht mehr auseinanderhalten kann.«

Es dauerte lange, bis sie sich einigermaßen beruhigte. Wieder wischte ihr Bloom die Tränen ab, »Verzeih, daß ich vorhin so heftig war«, sagte er.

»Lee ist tot.«

»Versprich mir, daß du nie wieder Drogen nimmst. Lindsay. Was du heute morgen erlebt hast, war eine Warnung, die du verdammt ernst nehmen solltest. Die nächste Stufe kann der Wahnsinn sein.«

»Lee lebt nicht mehr, Bill, ich fühle es. Ich habe für all das keine Erklärung, und ich kann dich nicht zwingen, mir zu glauben, aber Lee wurde heute nacht ermordet. Du sprachst vorhin von Traum und Wirklichkeit. Ich kann mich plötzlich an einen Alptraum erinnern. Da war außer Lee und mir etwas im Schlafzimmer...«

»Was?« fragte Bloom.

»Ein Monster.«

»Was für ein Monster?«

»Eine... eine Fliege. Sie war riesengroß... Eigentlich war’s keine Fliege.«

»Also was nun?« fragte der Regisseur. »Ich meine, keine vollständige Fliege«, sagte Lindsay. »Es... es war ein Mensch - mit einem Fliegenkopf... Sie starrte mit ihren riesigen Augen auf Lee. Ich wollte ihn, wecken, doch ich war wie gelähmt. Nicht einmal schreien konnte ich, und diese schreckliche Fliege kam immer näher, erreichte das Bett, beugte sich über Lee, und... und...« Ihre Stimme versagte.

»Du hast recht, das war ein furchtbarer Alptraum.«

»Vielleicht war es nicht bloß ein Alptraum, Bill, Irgend etwas Entsetzliches geschah letzte Nacht, und ich habe wahnsinnige Angst davor, daß es sich wiederholt.«

***

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ICH STAND VOR DEM SPIEGEL und schabte mir den Bart von den Wangen. Es war halb elf. Ich hatte bis zehn geschlafen, hatte deswegen jedoch kein schlechtes Gewissen, denn ich hatte in puncto Schlaf einiges nachzuholen.

Ein kräfteraubendes Abenteuer lag hinter mir. Einer meiner Erzfeinde hatte mal wieder die Fäden gezogen: Professor Mortimer Kull, das wahnsinnige Genie, das nicht davon abzubringen war, die Welt beherrschen zu wollen.

Meine Freunde und ich hatten ihm durch eine seiner Teilrechnungen einen dicken Strich gemacht, und ich freute mich über diesen Erfolg, den ich zusammen mit dem »Weißen Kreis« errungen hatte.[1]

Als ich aufwachte, lag ein Zettel neben mir auf Vicky Bonneys Kopfkissen.

›Guten Morgen, Murmeltier, Leider hatte ich keine Zeit zu warten, bis du deine wunderschönen Augen aufschlägst. Ich bin mit einem Literaturagenten verabredet und werde wohl mit ihm essen. Ich schätze, daß ich am frühen Nachmittag zu Hause eintrudle, und es würde mich freuen, dich dann anzutreffen, - In Liebe V.‹

Mein Magen knurrte, ich freute mich auf ein Frühstück, das zwei Holzfäller nicht verputzen konnten, aber zuvor wollte ich noch mit meinen Freunden telefonieren, denn mich interessierte, wie es Bruce O’Hara, dem weißen Wolf, ging.

Er wäre dem Werwolfjäger Terence Pasquanell beinahe zum Opfer gefallen.

Es gab einen Apparat im Schlafzimmer. Nachdem ich mich angezogen hatte, setzte ich mich auf die Bettkante und wählte die Nummer des »Weißen Kreises«.

Daryl Crenna alias Pakka-dee hob ab.

»Wie geht es Bruce?« wollte ich wissen.

»Er erholt sich zusehends, und er ist voller Haß auf Pasquanell.«

»Der Werwolfjäger wird es bei der nächsten Gelegenheit wieder versuchen. Paßt gut auf Bruce auf.«

»Er will dem Spieß umdrehen und Pasquanell jagen«, sagte Daryl Crenna, der Mann aus der Welt des Guten.

»Das kann ins Auge gehen. Pasquanell ist gefährlich«, sagte ich. »Bruce sollte auf keinen Fall allein etwas gegen ihn unternehmen. Beim nächstenmal setzt Pasquanell vielleicht nicht nur seine Silberschlinge ein, sondern auch seine dämonischen Fähigkeiten. Wenn er das gleich getan hätte, würde Bruce heute nicht mehr leben.«

»Keine Sorge, Tony, wir lassen Bruce nicht allein auf die Jagd gehen.«

»Wenn ihr Unterstützung braucht, ich stehe euch jederzeit zur Verfügung. Bestell Bruce meine besten Genesungswünsche.«

»Mach’ ich. Er wird sich darüber freuen«, sagte Pakka-dee, dann legten wir gleichzeitig auf.

Im nächsten Moment gellte ein schriller Schrei durch das Haus. Der Schrei einer Frau!

***

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ICH STÜRMTE AUS DEM Schlafzimmer und die Treppe hinunter. Eine Frau hatte geschrien! Das konnte eigentlich nur Vicky sein. Sie war früher als vorgesehen von ihrer Verabredung nach Hause gekommen... Aber warum hatte sie geschrien?

Ich rammte die Wohnzimmertür auf und sah... nicht Vicky. Die Person, die mitten im Raum auf dem Boden lag und von Boram, dem Nessel-Vampir, bedroht wurde, war die Hexe Cuca!

»Was geht hier vor?« fragte ich.

Cuca wagte sich nicht zu rühren. Sie hatte Angst vor Borams Todesbiß. Der Nessel-Vampir war Feinden gegenüber gnadenlos.

»Schaff mir diesen Bastard vom Leib!« keifte die Hexe.

»Warum hat er dich angegriffen?«

wollte ich wissen.

»Ich habe keine Ahnung. Ich kam völlig friedlich in dieses Haus, da fiel dieser Mistkerl plötzlich hinterrücks über mich her. Er dachte wohl, ich wäre eine leichte Beute für ihn.«

»Laß sie aufstehen, Boram«, sagte ich.

Der Nessel-Vampir trat zwei Schritte zurück, und Cuca erhob sich.

»Warum hast du sie attackiert?« fragte ich den weißen Vampir.

»Ich ließ sie ein, als sie sagte, daß sie dich sprechen wolle«, antwortete Boram hohl und rasselnd. »Ich führte sie hierher und wollte dich holen, Herr. Da sah ich, daß sie zum Tresor eilte.«

»Das ist nicht wahr!« schrie Cuca wütend. »Er lügt, dieses verfluchte Dampfwesen lügt!«

»Sie versuchte, den Tresor zu öffnen, Herr!« behauptete Boram.

»Ist er verrückt? Was behauptet er denn da? Was geht mich dein Tresor an? Ich wollte nur aus dem Fenster schauen, da packte mich Boram und riß mich zu Boden. Ich dachte, man könne dieses Haus gefahrlos betreten, aber das war ein Irrtum. Ich setze meinen Fuß nie wieder über eure Schwelle!«

Cuca sah nicht gefährlich aus, aber sie war es. Sie wirkte elegant, und ihr schönes Gesicht hatte geradezu feierliche Züge. Ihr Haar war silbergrau, doch sie sah trotzdem jugendlich aus.

Besonders gefährlich war ihr Atem. Er wirkte wie eine geballte Ätherladung. Wenn man ihn einatmete, verlor man das Bewußtsein und war der Hexe auf Gedeih und Verderb ausgeliefert.

»Du bist in meinem Haus sowieso nicht willkommen«, erwiderte ich kühl. Ich brauchte mit ihr nicht Verstecken zu spielen. Wir konnten uns gegenseitig nicht riechen, Cuca starrte mich feindselig an.

»Boram greift niemanden grundlos an«; stellte ich fest, »Ach, dann stehe ich jetzt wohl als Lügnerin da, wie?« fauchte die Hexe. »Weshalb bist du hier?«

»Ich wollte mit dir reden,«

»Worüber?«

»Es hat sich erledigt«, sagte Cuca. Sie hatte Mr. Silver versprochen, sich neutral zu verhalten, sich weder für das Böse noch für das Gute zu engagieren, und eine Zeitlang hatte sie das durchgehalten, doch nun war der Ex-Dämon verschollen, vielleicht sogar tot, und Cuca hatte mir unmißverständlich gesagt, daß sie sich an ihr Versprechen nun nicht mehr gebunden fühle.

Das bedeutete, daß sie jederzeit auf die schwarze Seite zurückkehren konnte, Vielleicht hatte sie diesen Schritt bereits getan.

»Du wolltest mich bestehlen!« sagte ich ihr auf den Kopf zu, »Ach, ich bin also nicht nur eine Lügnerin in deinen Augen, sondern auch eine Diebin!« schrie die Hexe wütend. »Ich wüßte nicht, was wir einander jetzt noch zu sagen hätten.«

Sie wollte gehen. »Bleib!« befahl ich, und Boram stellte sich sofort vor die Tür, damit sie nicht hinaus konnte.

»Pfeif deinen Wachhund zurück!« verlangte Cuca.

»Boram läßt dich raus, sobald zwischen uns alles geklärt ist«, erwiderte ich, Cuca kniff die goldgesprenkelten Augen zornig zusammen. »Spiel dich bloß nicht so auf, Tony Ballard. Wer denkst du eigentlich zu sein? Wenn ich meinem Sohn erzähle, wie ich in deinem Haus behandelt wurde, kannst du was erleben. Meta! ist mir sehr zugetan, Wenn ich ihn bitte, dir den Hals umzudrehen, lebst du garantiert nicht mehr lange.«

»Ich werde dir sagen, weshalb du in mein Haus gekommen bist«, konterte ich hart. »Du wolltest dir das Höllenschwert unter den Nagel reißen!«

Cuca lachte giftig. »Du hast eine blühende Phantasie, Tony Ballard.«

»Du solltest Boram dankbar dafür sein, daß er dich daran gehindert hat, den Safe zu öffnen«, sagte ich. Der Panzerschrank war magisch gesichert, aber vielleicht hatte Cuca von Mr. Silver erfahren, wie man diese Sicherung ausschaltete. »Er hat dir das Leben gerettet,«

»Lächerlich.«

»Wenn du das Höllenschwert an dich genommen hättest, hätte es dich getötet. Oder glaubst du, daß dein Wille stark genug ist, um sich diese Waffe untertan zu machen?«

»Mein Wille ist bestimmt stärker als deiner, und du faßt das Höllenschwert auch gefahrlos an«, sagte Cuca.

»Das ist richtig, aber ich kenne seinen Namen, und deshalb gehorcht es mir.« Ich trat vor den Tresor, und zwar so, daß Cuca nicht sehen konnte, was ich machte. Ich schaltete die magische Sicherung aus und drehte anschließend das Kombinationsrädchen, und Augenblicke später war der Safe offen, Shavenaar, das lebende Schwert, lehnte darin. Ich trat zur Seite, wies auf das Höllenschwert und sagte: »Nimm es! Na los doch, worauf wartest du? Nimm das Schwert an dich, wenn du soviel Mut hast. Mir kann es nur recht sein, wenn du dich daran vergreifst, denn dann nimmt mir das schwarze Schwert heute vielleicht eine Arbeit ab, die morgen sonst ich tun muß.«

Cuca leckte sich die Lippen. Ich sah ihr an, daß sie sich das Schwert holen wollte, aber sie war anscheinend nicht mehr sicher, ob das gutgehen würde.

»Warum bedienst du dich nicht?« fragte ich. »Ich habe den Tresor für dich geöffnet. Hast du plötzlich Angst?«

Cucas Augen verschleuderten Blitze.

»Ich habe vor nichts Angst, merk dir das!«

Das stimmte nicht. Aus Angst war sie vor langer Zeit auf die schwarze Seite zurückgekehrt, nachdem sie eine Weile mit Mr. Silver zusammengelebt hatte. Sie hatte sich vor Asmodis' Zorn gefürchtet und den Ex-Dämon verlassen, ohne ihm zu sagen, daß sie von ihm ein Kind erwartete.

Sie hatte Metal allein geboren und ihn im Sinne der Hölle erzogen, und erst vor kurzem hatte Mr. Silver erfahren, daß er einen Sohn hatte, aber Cuca war nicht bereit gewesen, dessen Namen preiszugeben.

Ich griff nach Shavenaar, auf dessen Klingenrücken sich eine Krone befand, in der ein Herz schlug. Cuca wurde blaß, als ich mit dem Höllenschwert auf sie zukam.

»Was soll das?« fragte sie nervös. »Was hast du vor? Willst du mich umbringen?«

Ich richtete Shavenaar gegen ihre Brust. Jetzt befand sie sich in einer unangenehmen Klemme, denn sie stand zwischen Boram und Shavenaar.

»Wer hat dich zu mir geschickt?« wollte ich wissen.

»Niemand. Ich sagte dir doch, daß ich mit dir reden wollte,«

»Wenn du möchtest, daß ich dir glaube, mußt du mir schon die Wahrheit sagen, Cuca. Für wen solltest du das Höllenschwert holen?«

»Du tust so, als gehörte es jetzt dir,, als hättest du es von Mr. Silver geerbt, aber es gehört dir ebensowenig, wie es Mr. Silver gehört hat. Es wurde von Farrac, dem Höllenschmied, nur für einen angefertigt, wie du weißt: für Loxagon, den Teufelssohn! Ihm gehörte diese Waffe, und sie gehört ihm immer noch. Er ist der alleinige Besitzer, auch wenn im Moment du sie in deiner Hand hältst. Es ist Loxagons Schwert - für alle Zeiten.«

Ich wußte, daß Loxagon das Höllenschwert wiederhaben wollte. Er hatte es selbst gesagt. Die Gelegenheit war günstig, Mr. Silver war nicht hier. Nun schien Loxagon den Arm nach Shevenaar auszustrecken.

Der Handlanger, dessen er sich bediente, um nicht selbst in Erscheinung treten zu müssen, war Cuca.

Er hatte die Hexe wohl unterschätzt. Sie getraute sich das Schwert nun nicht mehr zu berühren.

»Loxagon hat dich also geschickt«, sagte ich.

Natürlich bestritt sie es, aber sie tat es so hysterisch, daß es einem Geständnis gleichkam.

»Bestell ihm, daß er sich das Schwert selbst holen soll«, sagte ich aggressiv. »Und richte ihm aus, daß ich es ihm nicht kampflos überlassen werde. Ich werde ihm das Höllenschwert zwischen die Rippen stoßen, wenn er versucht, es mir wegzunehmen.«

»Du bist ein größenwahnsinniger Narr, Tony Ballard!« sagte Cuca. »Loxagon ist ein übermächtiger Gegner.«

»Auch er hat einen schwachen Punkt, und den finde ich«, sagte ich furchtlos.

»Er wird dich wie eine Laus zertreten.«

Ich wandte mich an Boram und forderte ihn auf, die Tür freizugeben. Der Nessel-Vampir trat zur Seite. »Geh!« sagte ich zu Cuca. »Du hast deinen Neutralitätsstatus verletzt, bist du dir dessen bewußt?«

»Ich habe nichts getan.«

»Du wolltest mich bestehlen.«

»Habe ich dich bestohlen?«

»Ich habe dich schon gewarnt und möchte es noch einmal tun, Cuca. Sei vorsichtig. Du tanzt auf einem verdammt dünnen Seil. Wenn du abstürzt, bist du erledigt,«

»Wieso habe ich bei dir immer den Eindruck, daß du nicht warnst, sondern drohst, Tony Ballard?«

»Ich weiß es nicht, es muß an dir liegen, Und nun verlasse mein Haus, oder soll Boram dich vor die Tür setzen?«

Wutschnaubend zog sie ab, und sie knallte die Tür hinter sich zu. Ich betrachtete Shavenaar, Es war wohl besser, wenn ich das Höllenschwert von nun an nicht allein ließ.

Ich konnte es bei mir tragen, ohne damit aufzufallen, denn wenn ich es wollte, machte sich Shavenaar unsichtbar.

Das schwarze Schwert war eine starke, wertvolle Waffe. Ich hatte gelernt, damit umzugehen, aber ich hätte mich liebend gern wieder davon getrennt und sie Mr. Silver zurückgegeben.

Ich konnte sicher sein, daß es Loxagon nicht bei diesem einen Versuch belassen würde, das Höllenschwert zurückzubekommen. Beim nächsten mal würde er vielleicht selbst in Erscheinung treten.

Er war ein kriegerischer Teufel, der nicht einmal davor zurückschreckte, die Hand nach dem Höllenthron auszustrecken, auf dem Asmodis, sein Vater, saß.

Das war auch der Grund, weshalb ihn der Höllenfürst töten lassen wollte, aber es hatte nicht geklappt, und Loxagon sann mit Sicherheit nach Rache, Doch er wollte seinem Vater nicht ohne das Höllenschwert entgegentreten—und ich war nicht bereit, es herzugeben.

Wer immer es vorher besessen hatte, meiner Ansicht nach gehörte es nun Mr. Stiver, und... sollte der nicht mehr leben... nun, dann würde ich sein Erbe antreten.

***

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EIN SILBERNER ROLLS Royce fuhr vor, und drei Personen stiegen aus der Luxuskutsche: Cruv, der Gnom von der Prä-Welt Coor, der Industrielle Tucker Peckinpah - die unvermeidliche Zigarre im Mund - und ein Mann, der mir nicht bekannt war ein äußerst häßlicher Mensch.

Boram zog sich zurück.

Ich ließ die Besucher ein, Cruv nahm die schwarze Melone ab. Er trug sie, um größer zu wirken. In der Hand hielt er einer, Ebenholzstock mit klobigem Silberknauf - eine Waffe, mit der er hervorragend umzugehen wußte. Drehte man den Knauf, schnellten drei magisch geladene Metallspitzen aus dem harmlos aussehenden Stock.

Tucker Peckinpah machte mich mit dem Fernsehregisseur William Bloom bekannt.

»Ich schulde William einen Gefallen«, sagte mein Partner. »Vielleicht können Sie ihm helfen, Tony, Genau genommen braucht nicht er diese Hilfe, sondern Lindsay Rovis. Sie wissen, wer Lindsay Rovis ist?«

»Die Kindertante vom Fernsehen«, sagte ich und bot den Besuchern Platz an. »Irgend etwas zu trinken?« fragte ich.

»Für mich nicht«, sagte Tucker Peckinpah.

Bloom lehnte auch ab, und Cruv schüttelte ebenfalls den Kopf.

Ich nahm mir einen kleinen Pernod. Shavenaar befand sich vorläufig wieder im Tresor.

Nachdem ich mich auch gesetzt hatte.

fragte ich: »Nun, Mr. Bloom, wo liegt das Problem?«

»Bevor ich beginne, möchte ich Sie bitten, über aiies, was ich Ihnen erzählen werde, Stillschweigen zu bewahren, Mr. Ballard.«

»Tony ist die Diskretion in Person«, versicherte ihm Tucker Peckinpah.

Bloom holte tief Luft, und dann zeichnete er von Lindsay Rovis ein völlig anderes Bild, als ich es von der Fernsehtante hatte - und mit mir ganz England.

Sie war nicht der Engel, für den -wir sie alle hielten. Sie konsumierte so viel vom Leben, wie sie nur kriegen konnte, war alles andere denn ein Kind von Traurigkeit, haschte, kiffte und soff.

Das war die echte »Tante Lindsay«. Ich muß gestehen, daß sie mir nicht gefiel. Die andere, die vom Fernsehen, war mir bedeutend lieber, aber die gab es in Wirklichkeit nicht.

Nach einer langen Einleitung, die mir helfen sollte, Lindsay Rovis kennenzulernen, kam Bloom auf die Schwierigkeiten der TV-Kindertante zu sprechen.

Es hörte sich an wie das Problem eines Menschen, der seine Drogensucht nicht mehr im Griff hatte.

Alpträume... Handfeste Halluzinationen... Visionen, die von tatsächlich Erlebtem nicht zu unterscheiden waren...

Bloom sagte, daß er dem Mädchen zunächst nicht geglaubt habe. »Doch mittlerweile bin ich davon überzeugt, daß sie mir die Wahrheit erzählt hat«, ergänzte er. »Lindsay hat schreckliche Angst, und ich kann mich des Gefühls nicht erwehren, daß diese Angst begründet ist, Mr. Ballard. Fragen Sie mich nicht, woher dieses Gefühl kommt. Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, daß man Lindsay beistehen muß.«

»Finden Sie heraus, was es mit diesem merkwürdigen Alptraum auf sich hat, Tony«, bat Tucker Peckinpah. »Helfen Sie Lindsay Rovis, wenn Sie können, und bewahren Sie sie vor Schaden.«

Sie hatte ein Fliegenmonster in ihrem Schlafzimmer gesehen, hatte es für einen Alptraum gehalten. Das Ungeheuer hatte Lee Stroud umgebracht, und der Fernsehautor war irgendwann am Morgen verschwunden. Seine Leiche hatte sich aufgelöst, das Blut auf der Bettwäsche auch.

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (ePUB)
9783738918205
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (März)
Schlagworte
tony ballard mann fliege
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Titel: Tony Ballard 126 - Ihr Mann, die Fliege