Lade Inhalt...

SAN ANGELO COUNTRY #57: Im Auftrag der Union Pacific

2018 120 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Title Page

Im Auftrag der Union Pacific

Klappentext:

Roman:

SAN ANGELO COUNTRY

 

Band 57

 

Im Auftrag der Union Pacific

 

Ein Western von Bill Garrett

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Klaus Dill, 2018

Redaktion und Korrektorat: Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Klappentext:

Larry Calhoun, Sonderbeauftragter der Union Pacific, sein Partner Andy Nolan und Rory O'Hagan müssen die Männer des Bauzuges zusammenhalten, um der mörderischen Gefahr, die sich in den Bergen zusammenballt, ihre Kraft und Entschlossenheit entgegenzusetzen. Stevenson, der ehemals geniale Ingenieur, ist dem Whisky so sehr verfallen, dass er nicht mehr bemerkt, was um ihn herum geschieht. Zwei Möglichkeiten bieten sich den Männern: sie können alles liegenlassen und mit dem Bauzug unverzüglich die Berge verlassen. Dann werden sie den mörderischen Indianerbanden entgehen. Oder sie können bleiben und versuchen, die letzten Schienen doch noch zu legen. Dann werden sie in Green River City die Dollars kassieren - wenn ihnen der Durchbruch noch gelingt Mit jedem weiteren Tag wird die Bedrohung durch die Shoshonen immer bedrohlicher, und dann eskaliert alles …

 

Band 1 eines spannenden Doppelromans von Bill Garrett

 

 

 

Roman:

Der Wind blies von Norden über die Ebene. Grau kroch der Tag über den Horizont. Allmählich hob sich das Land aus der Dunkelheit.

Dünner Rauch flatterte aus den Schornsteinen der Buden und Wohnwagen, die der Bautrupp hier aufgestellt hatte.

Nicht weit vom Lager der Union Pacific entfernt zog ein Rudel Grauwölfe nach Westen. Wie Schatten, die zur Nacht gehörten, huschten die Tiere dahin. Augenblicke später waren sie in dem Canyon verschwunden, der sich hinter dem frisch aufgeschütteten und planierten Schwellenbett auftat.

Ein alter Bayer, der sich vom Einwandererschiff weg für die Union Pacific hatte verpflichten lassen, hatte das Rudel gesehen. Obwohl er kalte Winter von seiner Heimat her gewohnt war, hatte er auf seinem Wachtposten gefroren. Mit Armen und Beinen hatte er sich fortgesetzt Bewegung verschafft. Doch nun stand er still, fast wie erstarrt. Sein spähender, erfahrener Blick suchte das Land im Norden ab.

Das Wolfsrudel war verräterisch nah an das Lager des Bautrupps herangekommen. Die Erklärung, die sich dem alten Bayern aufzwang, jagte ihm einen kalten Schauer über den Rücken. Dort, irgendwo im Norden und nicht weit entfernt, musste eine größere Anzahl Menschen sein. Für die Wölfe war dieses Lager hier die kleinere Gefahr gewesen. Gemsen verhielten sich ähnlich. Das hatte er in seiner Heimat oft genug erlebt. In die Enge getrieben, flohen die Tiere an einem Menschen vorüber, wenn sie sich von zwei anderen bedroht fühlten.

Er nahm den Karabiner an die. Hüfte, zog den dicken Wollhandschuh aus und schob den Sicherungsflügel behutsam herum. Dabei schaute er zum Lager hinüber. Die fünfzehn Tonnen schwere Baldwin-Lok, die vor dem Bauzug am Ende des fertigen Schienenstranges stand, zeichnete sich über den Dächern der Wohnwagen und Buden wie ein dunkles, drohendes Ungetüm ab.

Aber dieser Anblick beruhigte den Alten. Er machte ihm deutlich, dass er in dieser Einöde nicht allein war, so sehr die winterliche und morgendliche Stille ringsum diesen Eindruck auch aufkommen ließ. Wenig später sah er einen Mann langsam um den Bauzug getappt kommen. Es war der irische Feuerkopf, der für drei arbeitete, aber auch für ebenso viele soff und selbst nach achtzehn Stunden Schufterei noch bereit war, einen Streit mit einem Messer zu entscheiden.

Der Bayer mochte den Iren nicht besonders. Aber als er ihn auftauchen sah, dicht unter dem Schatten der großen Lok, war er doch froh, ihn zu sehen, und am liebsten hätte er ihm irgendein freundliches Wort hinübergerufen. Aber da war diese Ahnung einer tödlichen Gefahr in ihm, die seit dem Auftauchen des Wolfsrudels nicht mehr weichen wollte.

Er wandte sich wieder ab. Aber mitten in der Drehung hielt er inne. Ein dünner Knall zerriss die winterliche Stille. Der Ire sank in die Knie. Er drehte sich halb um die eigene Achse und fasste sich an den Hals. Mit der anderen Hand griff er Halt suchend nach dem großen, dickbauchigen schwarzen Scheinwerfer der Lok und brach dann vor dem Schienenräumer zusammen. Es sah aus, als hätte er schon die ganze Nacht dort gelegen, und als wäre er von der Baldwin aufgekehrt worden.

Alarmschüsse krachten. Auch der Bayer jagte einen Schuss in die Luft. Und dabei spürte er, wie der Boden unter seinen Füßen zu zittern begann. Kriegsgeschrei erfüllte die Luft. Er riss das Gewehr an die Schulter, presste sich gegen einen halbhohen Findling, legte die Ellenbogen auf die Deckung und feuerte auf die Kette der anstürmenden Indianer. Sie kamen von allen Seiten aus dem grauen Morgendunst heraus. Ihr Kriegsgeschrei gellte weit über die Ebene hinweg. Die Hufe ihrer kleinen, zottigen Pferde ließen den hartgefrorenen Boden erbeben.

Der Bayer warf einen Blick zurück. Aus Wohnwagen und Bretterbuden stürzten die Bahnarbeiter ins Freie. Aber viel zu wenig Schüsse fielen hinter ihm, und er begriff, dass sie schon im ersten Ansturm überrannt werden würden. Er machte auf dem Absatz kehrt und lief wild schreiend auf die Behausungen zu, wo die Männer noch dabei waren, Deckungen zu suchen. Er rannte an der Lok vorbei, auf deren Räumer der Ire lag, als gehörte er dahin, sprang über das Gleis und rannte auf die erste Hütte zu, aus der er Larry Calhoun und Andy Nolan herausgelaufen kommen sah.

„Mr. Calhoun!“, brüllte der Bayer. „Sie kommen von allen Seiten!“

Larry Calhoun und Andy Nolan blieben vor der Bretterbude stehen und rissen die Gewehre hoch. Der Bayer stoppte und warf sich herum. Da durchbohrte ihn eine schwere Wurflanze und stieß ihn auf den gefrorenen Boden. Sterbend sah er noch, wie der Krieger, der die Lanze geworfen hatte, von den Schüssen Calhouns und Nolans aus dem Deckensattel gehoben wurde, aber er empfand noch nicht einmal mehr Genugtuung.

Larry und Andy sprangen an ihm vorbei und gingen hinter der Baldwin in Deckung. Mit ihren schnellen Winchestergewehren schlugen sie eine Gruppe von einem Dutzend Shoshonen zurück. Gerade rechtzeitig genug, dass sie die nötige Luft bekamen, um sich einem Trupp Indianer zuzuwenden, der an den Waggons entlang galoppiert kam, direkt auf sie zu.

Andy presste sich gegen den Dampfzylinder, ließ sein Gewehr fallen, riss den Revolver heraus und feuerte. Auch Larry schoss mit dem Colt. Verbissen wehrten sie sich ihrer Haut.

Die Indianer waren mitten im Camp. Ein Schwellenleger floh vor drei Shoshonen zu seinem Wohnwagen zurück, um sich darin zu verschanzen. Doch die Krieger waren schneller. Als er die Stufenleiter emporsprang und die Tür aufreißen wollte, spießte ihn einer der Krieger mit der Lanze an die Tür. Der markerschütternde Schrei des Mannes gellte durch das Kampfgetümmel und übertönte den Lärm der Schüsse, das Geschrei der Krieger und das wilde Trommeln der Pferdehufe.

Larry Calhoun holte zwei Indianer aus dem Sattel. Den dritten erledigte Andy mit einem Revolverschuss.

Neben dem Wohnwagen skalpierte ein Shoshone einen kleinen, schmalbrüstigen Bayern, der keinen Ton von sich gab und sich auch nicht wehrte. Dass er schon tot war, sah Larry Calhoun erst, als der Krieger davonpreschte.

Der Heizer der Lok rannte schreiend über den Platz. Er warf die Arme hoch und lief, so schnell er konnte, anstatt sich herumzuwerfen und zu schießen.

Von Pfeilen und Geschossen durchbohrt, fiel er keine zehn Schritt neben dem Tender der Baldwin-Lok auf das Gesicht.

Die Einzelgänger hatten keine Chance, dem Massaker der Indianer zu entkommen. In Gruppen zu drei und vier Mann versuchte sich die Mehrzahl der Bahnarbeiter zur Wehr zu setzen, was jedoch nur in den ersten Minuten gelang.

„Alles zum Zug!“, schrie Larry Calhoun, während er auf die staubumwehten, hin und her galoppierenden Shoshonen feuerte. „Alles zum Zug! Versammelt euch am Zug, wenn ihr leben wollt!"

Die Männer kämpften sich zu ihm und Andy heran. Sie schienen erleichtert zu sein, dass endlich einer wusste, was sie tun sollten. Eine Gruppe nach der anderen schoss sich den Weg zum Zug frei. Entlang der Waggons gingen die Männer in Deckung und feuerten auf die Indianer, die sich trotz starker Verluste formierten und den Zug zu umkreisen begannen. Dabei stießen sie ihr gellendes Kriegsgeschrei aus, und es war offensichtlich, dass ihnen ihre Übermacht den nötigen Mut verlieh.

Larry Calhoun und Andy Nolan waren vor dem Feuerkessel unter die Lok gekrochen. Schuss auf Schuss jagten sie in sicherer Deckung aus den Gewehren. Larry Calhoun fiel in diesem tödlichen Karussell ein Krieger auf, der in stolzer Haltung eine mit vielen Federn geschmückte Lanze in einer Art Bügelschuh hielt. Larry glaubte, dass dieser Mann der Häuptling der Indianerhorde sei, und deshalb versuchte er, ihn aus dem Sattel zu schießen. Doch dieser Bursche wurde von seinen Kriegern regelrecht abgeschirmt.

Larry Calhoun wartete, und als der Häuptling abermals herangaloppiert kam, sprang er unter der Lok hervor und schoss den Häuptling aus dem Sattel.

Eine Serie von Schüssen furchten in seiner Nähe den Boden auf und knallten gegen die Blechverkleidung der Baldwin. Pfeilbündel schwirrten heran und flogen irgendwo hinter ihm über den erstarrten, vor Frost klirrenden Boden.

Sämtliche Bahnarbeiter hatten Larry Calhoun beobachtet und nahmen die Rothäute vor ihm unter Feuer. Unter diesem Schutz sprang Larry Calhoun wieder in Deckung, und dabei konnte er beobachten, wie der Häuptling tödlich getroffen aus dem Sattel stürzte.

Das Kampf- und Siegesgeschrei der Indianer ging in ein klagendes Wutgeheul über. Dicker Staub wirbelte empor. Er vermischte sich mit den Pulverschwaden, und in diesem fast undurchdringlichen Schleier warfen die Indianer ihre Pferde herum.

Larry Calhoun kroch unter der Lok hervor und sprang auf.

„Die Schwellenleger zu den Hütten!“, brüllte er. „Planier- und Schienenlegerkommandos zum Corral!“

Nun waren die Bahnarbeiter eine wilde, kampfentschlossene Mannschaft. Andy rannte mit den Schwellenlegern zu den Wohnwagen und Bauhütten. Larry stürmte mit den anderen zum Corral hinüber, gerade noch rechtzeitig. Die Indianer hatten die Torstangen schon heruntergeworfen, und ein Trupp von einem halben Dutzend Krieger war bereits dabei, die Pferde und Maultiere aus dem Corral zu treiben.

Aus allen Gewehren feuernd, warfen sich Bahnarbeiter vor dem Corralzaun zu Boden. Das halbe Dutzend Gegner bekam jedoch Verstärkung. Wie von einem Tornado herangetrieben, fegten etwa zwanzig Reiter aus dem Morgendunst auf den Corral zu.

Die Bahnarbeiter warfen sich herum, und gleich die erste Salve riss eine solche Lücke in die Reihen der Krieger, dass sie ihre Pferde auf der Stelle drehten und wieder davonrasten. Von den Indianern im Corral entkam nicht einer dem heftigen Feuer der Planierer und Schienenleger.

Vereinzelt krachten noch Schüsse. Dann war es so jäh still, dass es keiner der Männer richtig begriff.

 

*

 

Larry Calhoun stand auf und wischte sich Staub und Pulverschleim aus dem Gesicht. Er blickte an sich herunter und tastete sich ab.

Andy tauchte auf und lächelte über das ganze schweiß- und schmutzverschmierte Gesicht. „Bist du in Ordnung?“

„Ich glaube schon“, sagte Larry und rieb sich den linken Ellenbogen.

„Was ist?“, fragte Andy, ergriff seinen Arm und drehte ihn behutsam herum.

„Nichts“, versetzte Larry. „Wahrscheinlich habe ich mir unter dieser verdammten Lok irgendwo den Knochen angeschlagen.“

Andy rieb sich den Kopf. „Als ich mich vorhin drehte, muss ich mit dem Gesicht den Rost von einer Rohrleitung gewischt haben.“

Larry schaute ihn an und lächelte. „So siehst du auch aus.“

Andy verzog das Gesicht. „So schnell kann man unter eine Lokomotive geraten.“

Schüsse peitschten zwischen den Hütten auf.

Ringsum schauten die Männer hoch.

„Da erschießen ein paar Planierer die verwundeten Rothäute!“, rief ein Ire ihnen zu.

Larry und Andy liefen sofort los.

Schwellenleger und Planierer hatten hinter den Hütten verletzte Indianer zusammengetrieben und waren tatsächlich dabei, sie einen nach dem anderen umzubringen.

„Aufhören!“, rief Larry und trat, den Colt in der Hand, zwischen die Männer.

„Was willst du, Calhoun?“, fragte ein rothaariger Ire. „Es sind Bastarde - Bluthunde, die uns abschlachten wollten!“

Larry Calhoun schaute sich um. Die Bahnarbeiter hatten sich zusammengerottet und starrten ihn feindselig an. Larry Calhoun schaute von einem zum anderen. Dann wandte er sich dem Iren zu.

„Wenn es Bastarde sind, dann gut!“, fuhr er den Mann heftig an. „Wir sind auf jeden Fall keine. Wenn ihr sie nicht verbinden wollt, dann setzt sie auf die zurückgebliebenen Pferde und jagt sie davon. Ihre Gefährten werden sich schon um sie kümmern. Wir haben andere Arbeit zu erledigen. Wer Sam nicht hilft, unsere Verletzten zu versorgen, der geht zum Küchenwagen sein Futter holen und macht sich dann an die Arbeit. Sind die Posten wieder draußen?“

Er schaute sich um, bekam aber keine Antwort.

„Los, die Ablösung geht raus!“, rief er scharf. „Und zwar auf der Stelle, oder ich mache den Burschen Beine!“

Simon Daniel, ein großer, hagerer Engländer, schob sich in den Vordergrund.

„Seit wann hast du hier zu befehlen?“, fragte er finster.

Larry Calhoun sah ihn an. „Ich glaube, du hast vergessen, dass mich General Dofge höchstpersönlich gebeten hat, mich um diesen Streckenabschnitt zu kümmern. Und der ist ein guter Freund von General Sherman, den ich ebenfalls gut kenne. Sonst noch Fragen?“ Er blickte in die Runde, und als kein weiteres Widerwort mehr kam, fuhr er grimmig fort: „Macht, was ihr wollt, wenn ihr nicht interessiert seid, dass wir mit unserer Strecke fertig werden und unser Geld bekommen. Aber die Posten gehen raus, und zwar auf der Stelle!“

Einige Männer entfernten sich. Sie verließen das Camp in verschiedenen Richtungen. Larry Calhoun nickte zufrieden und wies auf die Indianer.

„Weg mit Ihnen! Setzt sie auf Pferde! Wer noch einen Schuss abgibt, der muss damit rechnen, dass ihn Stevenson wegen Vergeudung von Eigentum der Union Pacific zur Verantwortung zieht.“

„Dazu muss er erst einmal nüchtern werden!“, rief jemand aus der Menge. Viele lachten.

„Willst du Stevenson das etwa einreden?“, fragte der Engländer drohend.

„Ja“, erwiderte Larry Calhoun.

Simon Daniels schwarze Augen wurden schmal, bis sie nur noch Striche waren. Langsam drehte er den Kopf zu den Indianern und hob den Revolver.

„Wenn du schießt, Simon, legst du dich mit mir an“, sagte Larry Calhoun und nahm den Revolver blitzschnell in die Faust.

Simon Daniel blieb starr stehen. Hinter Larry Calhoun scharrten Stiefel über den hartgefrorenen Boden. Die Männer, die hinter ihm standen, liefen aus der mutmaßlichen Schussbahn. Alle warteten, dass sich Simon Daniel herumwerfen und feuern würde.

„Vergiss mich nicht!“, sagte da Andy Nolan drohend. Er stand auf der anderen Seite hinter den verletzten Shoshonen.

Larry Calhoun nickte seinem Gefährten dankbar zu, weil Andy dem Engländer die Chance zum Passen gab, ohne dass er sein Gesicht verlieren musste. Keiner konnte von Simon Daniel in dieser Situation verlangen, dass er gleichzeitig gegen zwei Männer antrat.

Simon Daniel lächelte verzerrt. Seine große, hagere Gestalt entspannte sich. Dann ließ er die Waffe sinken, steckte sie ein, wandte sich um und ging rasch davon, ohne ein Wort zu verlieren.

Ein Mann führte das erste Pferd heran, dessen Reiter entweder gefallen war oder sich unter den verwundeten Indianern befand.

Larry Calhoun winkte Andy und lief auf die Hütte des Bauingenieurs zu. Andy folgte ihm. Sie öffneten die Tür, ohne anzuklopfen. Ein Mief aus erkaltetem Kohlenrauch, Tabakqualm und Whiskydunst schlug ihnen entgegen. Sie traten ein und ließen die Tür offen.

Howard Stevenson lag auf dem Bett und schlief wie ein Toter. Er war angezogen und hatte sogar noch den Stetson auf dem Kopf. In der Hütte herrschte ziemliche Unordnung. Nichts befand sich an seinem Platz. Der Tisch und die Hocker waren umgekippt. Stevenson schien alles mit sich gerissen zu haben, als er, sinnlos betrunken, auf das Bett gefallen war. Am Boden standen leere Schnapsflaschen, eine neben der anderen.

Larry und Andy hoben die Hocker und den Tisch auf und bahnten sich einen Weg zum Bett, indem sie die Gegenstände mit den Füßen zur Seite kehrten.

„Er wäre verdammt glücklich gestorben, wenn uns die Rothäute überrannt hätten“, sagte Andy, stemmte die Fäuste in die Hüften und betrachtete den vom Alkohol gefüllten Ingenieur. Eine Zeitlang hatte es ausgesehen, als ob er auf den Schnaps und den anderen Alkohol verzichten konnte. Aber seit einigen Tagen soff Stevenson schlimmer als je zuvor.

Larry Calhoun zog Stevenson den Hut vom Kopf und rüttelte ihn an der Schulter.

„He, Boss! Es ist Morgen!“

Howard Stevenson schlug die Augen auf und starrte zur Decke.

„Was ist los, zum Teufel, dass ihr so einen Lärm macht?“, fragte er.

„Der Radau ist vorüber, Boss“, sagte Andy. „Rothäute haben unser Camp angegriffen. Wir haben sie zurückgeschlagen, aber wir haben ein paar Leute verloren. Die Indianer werden wiederkommen und uns die letzten Meilen, die wir noch zu verlegen haben, mächtig zu schaffen machen.“

Stevenson richtete sich auf und schwang die Beine aus dem Bett. Er rieb sich den Nacken und die Lebergegend. Dann fiel sein Oberkörper plötzlich nach vorn, als wäre er von einer anstrengenden Arbeit restlos erschöpft. Die Arme schlaff zwischen den Knien, hockte er da und starrte vor sich hin. Dann streckte er den rechten Arm aus.

Die Beauftragten der Union Pacific sahen sich an. Larry nickte Andy zu. Andy ging zum Schrank, holte eine Flasche Whisky aus Stevensons Vorratskiste, entkorkte sie und hielt sie dem Ingenieur hin.

Stevenson riss ihm die Flasche förmlich aus der Hand, umfasste sie mit beiden Fäusten, setzte sie wie ein Verdurstender an den Mund und ließ den scharfen Alkohol in sich hineinlaufen wie Wasser.

Larry sah weg. Andy blinzelte verständnislos.

Als Stevenson die Flasche absetzte, war sie halb leer. Er wischte sich mit dem Handrücken über den Mund und schaute lächelnd und mit einer seltsamen Klarheit in den Augen von einem zum anderen.

„Wir werden auch die letzten Meilen schaffen“, sagte er voller Energie. „Daran kann uns keine verdammte Rothaut hindern. Die Männer wissen alle, worum es geht. Deshalb ist Verlass auf sie. Wir haben noch fünf Tage und fünfzehn Meilen. Drei Meilen Schienen pro Tag - das ist ein Kinderspiel für diese Burschen, zumal sie genau wissen, dass wir von der Gesellschaft nicht einen Dollar sehen werden, wenn sie es nicht schaffen. Und wenn ich das Geld nicht bekomme, habt ihr alle nichts. Ich habe euch viertausend Dollar versprochen. Steht also nicht herum.“

Larry Calhoun ging nicht darauf ein.

„Ich wollte Ihnen vorschlagen, die Posten zu verstärken und eine Patrouille auszuschicken, damit wir über die Absichten der Indianer genau im Bilde sind. Wir sind von Shoshonen angegriffen worden. Ich denke, Sie wissen, was das heißt“

Stevenson nahm noch einen Schluck aus der Flasche. Dann stand er auf und stellte die Flasche auf den Tisch.

„Sagen Sie bloß nicht, dass Sie ausgerechnet auf dem letzten Stück die Hosen voll haben. Ich sagte eben, wir haben nur noch fünfzehn Meilen. Sie glauben doch nicht, dass ich da auch nur einen einzigen Mann entbehren könnte. Ich bin zwar ein Trinker, Calhoun. Aber die Bosse in Omaha wissen ganz genau, was sie von mir erwarten können. Ich habe einen verdammt guten Ruf im Hauptbüro, und den möchte ich mir erhalten. Dazu gehört, dass ich nicht nur zum festgelegten Termin mit meinem Abschnitt fertig bin, sondern dass ich an diesem Tag um zwölf Uhr mittags zum Kassieren zur Stelle bin. Das heißt also, dass wir nur noch drei Tage haben, verstehen Sie das?"

„Das verstehe ich schon“, erwiderte Larry. „Aber Sie rechnen, als ob es keine Indianer gäbe.“

„Wo steckt O’Hagan?“, fragte Stevenson und griff wieder zur Flasche.

Larrys Lächeln wirkte alles andere als fröhlich. „Sie haben Ihren Vorarbeiter doch vor drei Tagen weggeschickt, damit er die restlichen Schienen heranschafft.“

„Sie vergessen aber auch alles“, sagte Andy.

Stevenson trank die Flasche leer und musterte Andy von oben bis unten.

„Du hast ein verdammt vorlautes Maul, mein Junge“, sagte er ohne Schärfe und hielt Andy die leere Flasche hin.

„Entschuldigen Sie“, brummte Andy und drehte die leere Flasche in den Händen.

„Du sollst die Flasche nicht mit deinen großen Händen zerdrücken“, sagte Stevenson, „sondern austauschen. Und dann schaff mir die Kolonnenführer herbei.“

Andy warf Larry einen hilflosen Blick zu und ging zum Schrank.

„Die Kolonnenführer stehen draußen“, sagte er, als er Stevenson die nächste Flasche reichte.

Stevenson ließ sich ächzend auf das Bett fallen und entkorkte die Flasche.

„Die Burschen sollen reinkommen!“

Andy ging einen Schritt auf die Tür zu und winkte. Nacheinander traten fünf Männer ein. Sie nahmen die Hüte ab und stellten sich vor dem Bahningenieur in einer Reihe auf.

„Habt ihr den verdammten Canyon noch einmal vermessen?“, fragte Stevenson.

„Das ist gestern Vormittag geschehen“, sagte einer.

Stevenson nahm einen Schluck, dann lehnte er sich zurück und schaute eine Weile von einem zum anderen.

„Auf dem ersten Drittel, fast bis zu dieser verdammten Felsgruppe, kommt ihr ohne Packlager aus“, sagte er. „Ungefähr hundert Yards vor den Felsen fahrt ihr Erde an und füllt aus. Messt alles noch einmal genau nach, damit wir keinen Anstieg hineinbekommen. Die Felsen sprengt ihr einfach zur Hälfte weg. Ich habe mir das gestern angesehen. Ihr braucht nicht einmal zu bohren. Uber die ganze Länge der Felsgruppe verlaufen waagrechte Spalten. Wenn ihr den Sprengsatz richtig dosiert, spart ihr euch viel Arbeit. Der Rest ist dann ein Kinderspiel. Die abgesprengten Felsen geben genug Material für Packlager her. Wenn ihr am Ende des Canyons angekommen seid, errichtet ihr aus den restlichen Schwellen ein großes Kreuz, damit die Leute, die später einmal dort vorüberfahren, sich an die Männer erinnern, die für diesen verdammten Abschnitt ihr Leben gelassen haben.“

Die Kolonnenführer nickten.

Stevenson nahm wieder einen langen Schluck und setzte die Flasche danach schmatzend ab.

„Und dann“, fuhr er lächelnd fort, „machen wir Dampf unter die Lok und fahren zur Kasse. Ich denke, dass wir in Green River City kein Brett am anderen lassen werden, und die Mädchen dort werden an diesem Tag alle uns gehören.“

Die Kolonnenführer grinsten breit.

„Ihr wisst also, was ihr zu tun habt?“

„Ja“, erwiderten die fünf Männer im Chor.

„Dann an die Arbeit, Jungs“, brummte Stevenson und starrte dabei auf die Flasche. „Vergesst nicht, den Männern einzuschärfen, dass wir mit jeder Schiene, die wir vernageln, dem ... dem Leben wieder ... nahekommen.“

Stevensons Kopf sank nach vorn. Das Haar fiel ihm in die Stirn. Feine Schweißperlen bedeckten auf einmal sein Gesicht, und er atmete ein paar Mal hintereinander scharf durch die Nase aus.

„Ich ... ich werde in fünf Minuten durch das Camp gehen“, sagte er mit schwerer Zunge und stierte dabei die Männer an. „In fünf Minuten! Wenn ... wenn ich dann noch eine Laus antreffe, die sich im Camp ’rumdrückt, werde ich sie mit der Peitsche an die Arbeit jagen. Ist das ein ... ein Wort, Jungs?“

Die Kolonnenführer nickten.

Stevenson stand auf. Er wankte. „Gefällt jemand etwas nicht?“, lallte er.

Die Kolonnenführer drehten die Hüte in den schwieligen Fäusten.

„Sie haben gestern Mittag vier Bayern aus meiner Kolonne mit der Draisine zurückgeschickt, weil sich acht Meilen von hier entfernt das Packlager gesenkt haben soll“, sagte einer der Männer.

Stevensons Kopf fiel von einer Seite auf die andere. „Habe ich das?“

„Ja, natürlich, Boss“, antwortete der Mann eingeschüchtert. „Ich habe Sie nur daran erinnern wollen, weil die Indianer hier sind.“

Larry Calhoun trat in den Vordergrund.

„Warum haben Sie das nicht gesagt, Mr. Stevenson? Ich werde sofort mit ein paar Leuten aufbrechen ...“

Stevenson winkte ab. „Bayern schießen so gut, wie sie arbeiten. Sollten die Kerle wirklich in der Klemme sein, werden sie sich bestimmt halten können, bis O’Hagan mit dem Zug kommt. O´Hagan haut sie schon wieder heraus.“

„Soviel Munition haben sie gar nicht, und die Indianer haben sie bestimmt schon in die Zange genommen.“

„Sie haben auch kein Wasser“, warf der Kolonnenführer ein, zu dessen Mannschaft die vier Bayern gehörten. „Das Wasser der Quellen und Creeks in diesem Gebiet ist ungenießbar. Es ist stark alkalihaltig.“'

„Ja, das weiß ich“, murmelte Stevenson.

„Wir haben über ein Dutzend Sättel“, sagte Larry Calhoun. „Ich werde sofort mit ein paar Männern aufbrechen.“

„Ich kann keinen Mann entbehren!“ Stevensons Stimme klang auf einmal wieder sehr fest und sicher. „Geht an die Arbeit - ihr alle!“

„Diese Männer sind verloren, wenn wir nicht einen Ersatztrupp schicken“, wandte der Kolonnenführer ein. „Wir haben doch noch eine Draisine und einen leichten Niederbordwagen. Die Männer könnten nachmittags schon wieder zurück sein - mit den Bayern.“

„Die Bayern halten sich, bis sie von O’Hagan herausgehauen werden“, beharrte Stevenson auf seinem Standpunkt.

Andy ging zum Schrank, holte zwei Whiskyflaschen und stellte sie auf den Tisch.

„Was machst du denn da?“, zischte der Kolonnenführer.

„Willst du deine Bayern wiederhaben oder nicht?“, fragte Andy leise, während er Stevenson zulächelte und auf die Flaschen wies.

Stevenson sprang auf.

„Geht an die Arbeit, oder ich treibe euch mit der Peitsche hinaus, ihr Hundesöhne!“

Die Kolonnenführer machten kehrt und verließen die Hütte. Nur die Calhouns blieben zurück.

„Was wollt ihr beiden noch hier?“, knurrte Stevenson und ließ sich wieder auf das Bett fallen.

„Andy und ich reiten allein los“, erklärte Larry. Andy nickte zustimmend.

Stevenson erhob sich langsam, wankte zum Tisch, stützte sich dort auf und starrte auf die Flaschen.

„Die vier Bayern können sich nach Osten durchschlagen. Bis zur nächsten Station. Und ich wette, dass sie schon auf dem Weg dorthin sind.“

„Bis Green River City schaffen sie es niemals, weil sie zuvor von Indianern angegriffen werden“, versetzte Larry Calhoun geduldig. „Alle vier müssen aufrecht auf der Draisine stehen, wenn sie die vorwärtsbringen wollen. Das heißt, dass sie ohne jede Deckung sind.“

„Gehen Sie an die Arbeit, Calhoun, und nehmen Sie Ihren Freund mit“, sagte Stevenson näselnd. „In diesem Camp bin ich der Boss, ich allein. Ich trage die Verantwortung, und ich entscheide, was zu geschehen hat. Keiner von euch braucht sich meinen Kopf zu zerbrechen.“

Larry und Andy sahen sich an. Dann gingen sie wortlos hinaus und schlugen die Tür hinter sich zu.

Die Kolonnenführer hatten vor dem Wagen auf sie gewartet.

„Was sollen wir jetzt tun, Larry?“, fragte der Mann, der auf Stevensons Befehl am Tag zuvor das Reparaturkommando losgeschickt hatte.

„Geht an die Arbeit“, sagte Larry. „In spätestens einer Stunde ist Stevenson wieder so voll, dass er nicht mehr weiß, ob sich die Erde dreht oder stillsteht. Dann werde ich mit Andy losreiten.“

„Wollt ihr die Draisine nehmen?“, fragte einer der Männer. „Ihr schafft das doch nicht zu zweit.“

„Wir reiten!“ entschied Larry. „Aber nun geht. Stevenson kann jeden Augenblick herauskommen. Wir haben nur noch ein paar Meilen Schienen zu legen. Dabei gibt es schon Ärger genug. Wir wollen hier nicht auch noch welchen haben. Lasst die Wachen verstärken. Schickt auch einen Späher aus. Es geht schließlich nicht nur um Stevensons Leben. Sobald er wieder klar ist, werde ich noch einmal mit ihm reden.“

„Wir werden die Posten verstärken, und ich schicke einen Spähtrupp los", sagte einer der Männer. „Aber ich will von euch allen gedeckt werden. Wenn es Krach gibt, müsst ihr behaupten, Stevenson habe das in seinem Suff selbst befohlen.“

Das versprachen die Männer und danach entfernten sie sich. Kurz darauf verließen die Arbeiterkolonnen das Camp. Larry und Andy holten ihre Sättel und gingen zum Corral hinüber. Sie sattelten zwei Pferde und warteten.

Als sie losreiten wollten, kam Stevenson aus der Hütte, den sie längst im Vollrausch wähnten. Sie fluchten und verbargen sich vor ihm. Er lief durch das Camp, kam zum Corral, blieb lange am Zaun stehen und kehrte endlich wieder um. Er torkelte zu seiner Hütte zurück und verschwand darin.

Larry und Andy lauschten noch eine Weile dem Hämmern und Dröhnen, das von der Baustelle am Rand des Canyons zu ihnen herüberdrang. Dann warfen sie sich auf die Pferde und galoppierten los. Sie ritten am Schienenstrang der Union Pacific entlang nach Osten, ihre Gewehre lagen schussbereit über den Sattelhörnern, weil sie jeden Augenblick damit rechnen mussten, auf Indianer zu stoßen.

 

*

 

Larry Calhoun und Andy Nolan legten die acht Meilen in einem Gewaltritt zurück. Als sie ihr Ziel erreichten, stand die Sonne hoch am Himmel. Von der klirrenden Kälte der Nacht war nicht mehr viel zu spüren. Das Land sah friedlich aus, aber dieser Schein trog. Wenig später fanden sie die Draisine. Sie lag umgekippt neben dem Gleis im Gras. Von den Bayern war weit und breit nichts zu sehen.

Andy stützte sich auf das Satteihorn.

„Wie gefällt dir das, Larry?“

Larry Calhoun schaute sich lange um.

„Die vier können nicht weit sein“, sagte er. „Dort haben sie Erde abgegraben und hier haben sie sie aufgeschüttet. Ich glaube nicht, dass sie damit gestern schon fertig geworden sind. Für vier Männer war das viel Arbeit gewesen, sie konnten in den zwei, drei Stunden, die sie gestern bis Einbruch der Dunkelheit noch hatten, unmöglich alles geschafft haben. Außerdem wären sie dann noch in der Nacht zurückgekommen. Nein, ich glaube, sie haben heute Morgen noch daran gearbeitet, wahrscheinlich sogar bis vor wenigen Stunden. Sieh mal, das aufgeschüttete Erdreich dort drüben ist noch feucht.“

Andy nahm die Winchester in die Hände. „Du machst mir vielleicht Mut!“

Larry trieb sein Pferd an und zog die Winchester aus dem Sattelschuh.

„Ruf nicht nach ihnen“, sagte Andy, der ihm langsam folgte. „Wenn sie hier sind, sehen sie uns frühzeitig.“

„Ich werde mich hüten, in dieser Gegend den Mund aufzumachen. Schließlich will ich Texas und meine Verwandten auf Rancho Bravo irgendwann mal wiedersehen. Das rede ich mir jedenfalls ein.“

Larry hielt nach wenigen Längen sein Pferd an. Wie von einer unsichtbaren Hand hochgeworfen, hing auf einmal ein Geier in der Luft.

Andy bewegte sich unbehaglich im Sattel, als er den schwarzen Vogel am stahlblauen Himmel entdeckte.

„Wir werden gleich unsere Überraschung erleben“, prophezeite er.

Larry wandte sich kurz im Sattel um. „Mir gefällt es auch nicht. Wir müssten an den Schienen entlang, und ich wette, dass hinter uns in diesem Buschstreifen eine Menge Rothäute ihre Pfeile schon auf den Sehnen liegen haben.“

„Wenn sie nur Pfeile hätten, wär’s gut", sagte Andy. „Die Kanaillen hatten ihre Gewehre schon auf uns gerichtet, als wir dort vorüberritten.“

„Kann sein", stimmte Larry trocken zu und trieb sein Pferd wieder an.

 

*

 

Der Geier zog etwas abseits der Bahnlinie seinen Kreis, und als die Reiter in seiner Richtung den Schienenstrang verließen, stieß er ein paar krächzende Rufe aus und segelte mit wenigen Flügelschlägen nach Norden davon.

Larry Calhoun und Andy Nolan ritten eine kleine Anhöhe hinauf. Auf ihrem Kamm lagen Felsblöcke.

Dort fanden sie die vier Bahnarbeiter.

Sie waren skalpiert worden. Das Blut auf ihren Schädeln war noch nicht völlig trocken; es konnte also erst vor kurzem geschehen sein.

Larry. glitt aus dem Sattel und ging langsam zu den Toten hinüber. Nacheinander nahm er ihre Gewehre zur Hand und riss die Kammern auf.

„Nicht einen Schuss Munition mehr“, sagte er, als er das letzte Gewehr fallen ließ.

„Ich wette, dass die Arbeiter Stevenson bis in die letzte Hölle verfluchen werden!“ knurrte Andy zornig.

Larry schwang sich in den Sattel. „Ich werde mir nie verzeihen, dass ich Stevenson nicht niedergeschlagen habe und sofort mit ein paar Männern auf der Draisine losgefahren bin.“

„Wir sollten endlich vergessen, dass uns Stevenson mal geholfen hat. Auch Dankbarkeit hat ihre Grenzen“, meinte Andy. Sein Ärger wuchs. „Das hier ist allein seine Schuld.“

„Vergiss es“, sagte Larry. Er hatte sich umgesehen. „Wir haben jetzt Wichtigeres zu tun.“

Andy stützte die Hand auf die Sattellehne und blickte zurück. Vor dem Buschstreifen, der sich keine zweihundert Yards hinter ihnen bis zum Bahndamm zog, waren vier Indianer aufgetaucht. Langsam kamen sie auf ihren zottigen, kleinen Pferden herangeritten. Er sah ihre Lanzen und Gewehre in der Wintersonne blinken. Aber das waren nicht alle Indianer, die es auf sie abgesehen hatten. Vier andere kamen von Norden herangeritten und auch von Süden, jenseits des Schienenstranges, näherte sich eine Kriegshorde.

„Nach Green River kommen wir nie“, sagte Andy heiser.

„Das Camp erreichen wir auch nicht“, erwiderte Larry.

Andy wickelte sich den Zügel um die linke Faust.

„Lassen wir also den Tanz beginnen. Dieser windige Hügel ist zwar eine erstklassige Stellung, aber wenn uns irgendwann die Munition ausgeht, sind wir so oder so verloren. Es sieht ganz so aus, als ob es diese Halsabschneider darauf anlegen würden.“

„Viel Glück, Andy!“

Andy riss die Augen auf. „Wo willst du denn hin?“

Larry zuckte die Schultern. „Ich sagte es nur so. Vielleicht ist es das letzte freundliche Wort, das du gehört hast. Versuchen wir unser Glück!“

Sie schlugen den Pferden die Absätze gegen die verstaubten Flanken und preschten nach Osten über den Hügel.

Die Indianer stießen wilde Schreie aus und trieben ihre Pferde an.

Die Jagd hatte begonnen. Nebeneinander ritten die Brüder den Hügel hinunter und dann am Bahnkörper entlang.

Genau auf dem Kamm stießen die indianischen Trupps aufeinander, vereinigten sich und kamen in einer breiten Kette heruntergerast. Sie stießen schrille Kriegsschreie aus und schossen in die Luft. Der Federschmuck der Krieger und die Mähnen der Mustangs flatterten im Wind. Diese wilde Bande war ebenso stolz wie mordgierig. Sie feuerten nur in die Luft, um den Weißen zu verstehen zu geben, dass sie einen Kampf Mann gegen Mann haben wollten.

Larry und Andy ritten keine erstklassigen Tiere. Das hatten sie freilich schon vorher gewusst, als sie die Pferde sattelten, und jetzt erkannten sie es in aller Deutlichkeit.

Die Indianer holten auf, Yard um Yard. Die Aussicht auf einen Sieg entlockte ihnen wieder und wieder infernalische Kriegsschreie. Ihre Gewehre knatterten ohne Unterlass. Mit diesen sinnlosem Schüssen schienen sie sich gegenseitig anspornen zu wollen. Sie hielten jedoch strenge Disziplin; nicht einer von ihnen brach aus der Formation aus. In einer breiten Kette folgten sie dem Bahndamm, diesem bläulich schimmernden Band neu gelegter Schienen, das dieser Wildnis schon einen Hauch von Zivilisation verlieh.

Von diesem Hauch verspürten die beiden Weißen indessen nichts. Vielmehr verspürten sie die Nähe des sich ankündigenden Kampfes ums nackte Leben, in dem sie rettungslos unterliegen würden. In dieser unendlichen Weite waren sie den anstürmenden Indianern hoffnungslos preisgegeben. Einmal von dieser Kriegerschar gestellt, würden sie nur so lange atmen können, wie ihre Munition reichte.

Sie brauchten sich nicht mehr umzusehen, Das immer lauter werdende Kriegsgeschrei verriet ihnen deutlich genug, wie nahe ihnen ihre Feinde gekommen waren.

Larry und Andy ritten mit dem Mut der Verzweiflung. Bügel an Bügel rasten sie am Bahndamm entlang, trieben ihre Pferde mit Lockrufen und Sporenschlägen zum Äußersten.

Die rote Horde rückte mehr und mehr auf.

Die Sonderbeauftragten der Union Pacific begriffen, dass sie nicht entkommen konnten und sahen sich nach einem geeigneten Terrain um, wo sie sich verteidigen konnten. Aber in dieser Ebene war das fußhohe Packlager des Bahndammes die einzige Erhebung. Berge und Felsen schien es nur am Horizont zu geben.

Der einzige Vorteil, den sie hatten, war, dass sie das Gelände kannten. Beim Bau dieses Abschnittes hatte Howard Stevenson einen großen Stapel Bahnschwellen zurückgelassen, weil ihm genug zur Verfügung standen. Sie waren noch eine gute Meile entfernt, als sie die dunklen Schwellenstapel rechts und links des Schienenstranges auftauchen sahen.

Sie schauten zurück. Die Indianer waren ihnen so nahe gekommen, dass sie diese mordgierigen Burschen ohne weiteres aus den Sätteln hätten schießen können, wenn sie es gewollt hätten.

„Die Bahnschwellen!“, rief Andy und streckte den Arm aus.

„Wir müssen es schaffen!“

Im gestreckten Galopp näherten sie sich den Stapeln, die jedoch nur langsam aus dem Gras wuchsen. Verbisssen trieben sie ihre Pferde an.

Die Indianer hatten die Schwellen ebenfalls entdeckt und ahnten sofort, dass sich die Weißen davon Rettung versprachen. Ihre Formation löste sich auf. Diejenigen, die schnellere Tiere ritten, ließen ihren Pferden die Zügel frei und ließen die Kette hinter sich. Die Gewehre krachten wieder, und dann flog auch ein Pfeilhagel durch die Luft.

Larry und Andy duckten sich auf die Hälse der Pferde. Die Geschosse der Indianer flogen ihnen um die Ohren, die Pfeile zischten über ihre Stetsons, fielen vor ihnen ins Gras und schlitterten auf dem Boden entlang, um Augenblicke später von den Pferden unter die Hufe genommen zu werden.

Larry schob die Winchester in den Scabbard zurück und riss den Colt aus dem Holster, weil er auf einmal dicht hinter sich das wilde Schnauben von Mustangs hörte. Ein Blick über die Schulter ließ ihn fast im Sattel erstarren. Zwei mit Fellen bekleidete Krieger waren direkt hinter ihnen.

Larry feuerte. Auch Andys Colt knallte. Die beiden Indianer warfen die Arme hoch, stürzten von ihren Mustangs auf den Boden und waren Bruchteile einer Sekunde später in der Staubwolke der nachfolgenden Indianer verschwunden.

Unter wütendem Geheul spornten die Shoshonen ihre Pferde an. Sie schossen nicht mehr. Sie wollten die beiden Weißen unter allen Umständen lebend haben, um sie auf ihre eigene grauenvolle Weise zu töten.

Die Schwellenstapel waren dicht vor ihnen. Larry und Andy zogen die Pferde etwas vom Bahndamm weg und jagten auf vier dicht beieinander stehende mannshohe Stapel klobiger Eichenschwellen zu. Die Indianer waren knapp hundert Yards hinter ihnen. Larry und Andy fuhren aus den Bügeln. Als die Pferde dicht nebeneinander durch dieses Geviert fegten, ließen sie sich aus den Sätteln fallen, Colts und Gewehre in den Fäusten.

Larry überschlug sich nur einmal. Dann stand er auf den Füßen. Er warf sich hinter den ersten Stapel und schoss mit dem Colt und der Winchester, deren Kolben er fest gegen die Hüfte presste, auf die heranstürmende Bande.

Andy stand hinter dem zweiten Stapel. Seine Winchester spie Feuer und Rauch. Drei Shoshonen stürzten aus den Deckensätteln, als wären sie von einer Riesenfaust heruntergeschmettert worden. Ihre Mustangs brachen in das Geviert der Schwellenstapel ein, gingen auf dem kleinen Platz dazwischen hoch und jagten dann nach Norden davon.

Die Kette der Krieger teilte sich. Schießend galoppierten sie links und rechts an den Schwellenstapeln vorüber, schlossen sich dahinter wieder zusammen und ritten weiter.

Larry und Andy wandten sich um und warfen sich gegen die hinteren beiden Stapel. Hilflos mussten sie mitansehen, wie ihre Pferde, von geschickten Lassowerfern eingefangen, mit dem Rudel davongaloppierten. Wütend feuerten sie hinterher, doch eine kleine Senke abseits des Bahndammes hatte die Indianer schon aufgenommen. Nur dichter Staub wogte noch auf dem Rand der Senke in der Luft.

Die beiden Männer sahen sich betroffen an. Die Anstrengung des Rittes, die durchstandene Angst, Schweiß und Staub zeichneten ihre Gesichter.

Andy schluckte. „Was soll jetzt werden?“

Larry schaute sich um und spähte in Richtung des Camps, das über zehn Meilen von ihnen entfernt und dazu noch hinter einer hohen Hügelkette lag.

Andy verfolgte seinen Blick. „Auf Stevenson brauchst du nicht zu hoffen. Dieser verdammte Whiskysäufer ist im Augenblick bestimmt weder ansprechbar noch zurechnungsfähig. Aber das haben wir ja so gewollt.“

Er spie aus und lud beide Waffen nach.

Larry folgte seinem Beispiel. Dabei schauten sie unablässig in die Runde.

„Es sind nur noch sechs Krieger“, brummte Andy. „Auf einem Pferd würde ich sie mit der linken Hand zum Teufel schicken. Aber zu Fuß haben wir nicht die geringste Chance.“

„Wir müssen die Dunkelheit abwarten“, sagte Larry, „und dann versuchen, uns zu Fuß zum Camp durchzuschlagen.“

„Darauf werden die Kerle doch nur warten. Oder glaubst du, dass sie uns noch einmal hier angreifen, nur um sich blutige Köpfe zu holen?“

„Vielleicht sollten wir sie herauslocken“, meinte Larry sinnend. „Es ist noch gute sechs Stunden hell.“

„Sie werden in ihren Deckungen bleiben", versetzte Andy. „Diese Burschen kennen ihre Chancen, wie wir die unseren.“

Er blickte nach Süden. Aus den Augenwinkeln hatte er die ferne Bewegung wahrgenommen. Mindestens zwanzig Krieger bewegten sich im langsamen Ritt direkt auf sie zu. Auch Larry hatte sie entdeckt. Er begann sofort, Schwellen von den Stapeln herunterzuwerfen, um die Zwischenräume damit aufzufüllen. Andy half ihm dabei. Sie wussten, dass sie nun keinen Einfluss mehr auf die Geschehnisse hatten. Das Gesetz des Handelns lag bei den Indianern.

Ein Krieger kam aus der Senke heraus und. galoppierte in sicherem Abstand von den Weißen dem Trupp entgegen. Als er dort angekommen war, änderten sie die Richtung und beschleunigten ihr Tempo. Im gestreckten Galopp jagte die Schar auf die Senke zu.

Andy nahm das Gewehr an die Schulter.

„Spar die Munition!“, mahnte Larry.

Andy jagte trotzdem einen Schuss aus dem Lauf. Es war ein Fehlschuss, weil die Entfernung zu groß war. Missmutig setzte er das Gewehr ab.

Die Bande verschwand in der Senke. Der Staub legte sich rasch, und dann gab es kein Anzeichen mehr, das an die wilde Horde erinnerte. Der Ort, an dem die Calhouns hockten, schien so einsam und verloren wie der Ruf eines Raubvogels im Sturm.

Lange lehnten die beiden Union Pacific-Männer stumm miteinander in dem Schwellenhaufen und spähten angestrengt zu der Senke hinüber. Plötzlich stieg dort der Rauch eines Feuers über den Rand. Kerzengerade hob sich die Rauchfahne in den blassblauen Winterhimmel, der weit hinter der Senke eine hellgrüne Farbe annahm, bis er in der Ferne die schwarze Erde zu berühren schien.

„Unsere Skalps sind den Halunken so sicher, dass sie es sich leisten können, zu warten“, sagte Andy.

„Sie werden palavern und sich fragen, ob sie sich unter Opfern holen sollen, was ihnen mit ein wenig Geduld kampflos vor die Gäule fällt“, sagte Larry. „Als ihr Häuptling würde ich wahrscheinlich ebenso vernünftig denken.“

Andy knurrte: „Wenn ich ihr Häuptling wäre, würde ich jetzt diesen prächtigen Andy Nolan hier zwischen den verdammten Bahnschwellen besuchen und mir das abholen, was mir zusteht: eine anständige Tracht Prügel.“

Larry lächelte. „Er wird kommen, Andy. Halte dich im Zaum.“

„Aber wann, zum Kuckuck!“

 

*

 

Es dauerte nicht lange, da kamen die Indianer. Nach etwa einer Stunde erschienen sie plötzlich in einer breiten Reihe auf dem Rand der Senke. Sie tauchten so unverhofft auf, dass die beiden Männer, die sie die ganze Zeit erwarteten, glaubten, sie wären von der Hölle ausgespien worden.

Einige Augenblicke lang stand die Reihe der Krieger unbeweglich vor dem grauen Winterhimmel. Dann tauchten weiße Pulverwolken über ihnen auf, und das Krachen der Gewehre drang herüber. Von einer Sekunde zur anderen, gewissermaßen im Handumdrehen, befand sich die Kriegerschar in einem rasenden Galopp.

Larry und Andy nahmen die Gewehre in die Hände und luden durch. Mit reglosen Gesichtern erwarteten sie ihre Feinde. Sie wussten, dass es nun aufs Ganze ging.

Als die Indianer nahe genug heran waren, begannen sie zu schießen. Sie zielten auf die Mitte der Kette und damit auf jene Reiter, die den Schwellenstapel am nächsten sein würden, sobald sich der Haufen teilte und vorüberjagte. Gleich mit den ersten Schüssen fielen drei Krieger von den Pferden.

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738918168
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (März)
Schlagworte
angelo country auftrag union pacific

Autor

Zurück

Titel: SAN ANGELO COUNTRY #57: Im Auftrag der Union Pacific